Warum es fairer wäre, Abschlussprüfungen jetzt ausfallen zu lassen
Abstract
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Full text
Solga, Heike Research Report — Published Version Warum es fairer wäre, Abschlussprüfungen jetzt ausfallen zu lassen Corona und die gesellschaftlichen Folgen: Schlaglichter aus der WZB-Forschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Solga, Heike (2020) : Warum es fairer wäre, Abschlussprüfungen jetzt ausfallen zu lassen, Corona und die gesellschaftlichen Folgen: Schlaglichter aus der WZB-Forschung, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, WZB, Berlin This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/223157 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Corona und die gesellschaftlichen Folgen - Schlaglichter aus der WZB-Forschung 1 Warum es fairer wäre, Abschlussprüfungen jetzt ausfallen zu lassen Ein Zwischenruf von Heike Solga Nach wochenlanger Unsicherheit und öffentlichen Forderungen nach einem Abbruch des Abiturs haben in Berlin mit Verspätung die Abiturprüfungen begonnen, während die schriftlichen MSA-Prüfungen auf Druck von Eltern und Bildungspolitikern abgesagt wurden. Es wäre fairer gewesen, auch die Abiturprüfungen ausfallen zu lassen. Denn die Covid-19-Krise verschärft die ohnehin bestehenden Chancenungleichheiten des deutschen Schulsystems. Auch unter Normalbedingungen haben Schüler*innen zu Hause sehr ungleiche infrastrukturelle Rahmenbedingungen für das Lernen. Es macht einen großen Unterschied, ob sie ein eigenes Zimmer und einen eigenen PC/Laptop haben, ob sie sich um Geschwister kümmern müssen und ob sie auf kulturelle und emotionale Unterstützungsressourcen zugreifen können. Dies wird mit dem Homeschooling in der Covid-19-Krise nun deutlicher sichtbar, beeinflusst aber auch sonst das erforderliche Lernen außerhalb der Schule für gute Leistungen in der Schule. Wenn es für diese sozialen Ungleichheiten in den Lernbedingungen keinen Ausgleich gibt – also besondere Unterstützung der betroffenen Schüler*innen (zum Beispiel hinsichtlich der technischen Infrastruktur oder zusätzlicher Angebote zum Aufholen des versäumten Stoffes), dann wird die soziale Ungleichheit der heutigen Schüler*innenkohorten größer sein als vor der Krise. Die Rückwärtsrolle der Berliner Schulsenatorin, die MSA-Klausuren nun doch ausfallen zu lassen, ist ein Zeichen der Anerkennung dieser Realität. Doch auch die Abiturvorbereitungen, die seit Ende der Schulpräsenzpflicht Mitte März regulär zu Hause stattfinden, sind in der Covid-19-Krise von zusätzlichen Ungleichheiten geprägt. Zudem finden nicht nur die häuslichen Abiturvorbereitungen im „Lockdown“ unter unterschiedlichen Bedingungen statt, auch die Abi-Prüfungen selbst: Die Schüler*innen reagieren auch unterschiedlich auf die „beklemmende“ Prüfungssituation, die verschärft wird durch Abstandsgebote, Desinfizier- und Händewaschregeln und die Angst, angesteckt zu werden und jemanden anschließend in der Familie anzustecken. Dass zum Abitur auch die „Prüfungsbelastbarkeit an einem bestimmten Tag“, wo quasi auf Knopfdruck Wissen bereitstehen muss, abgeprüft wird, dagegen ist an sich nichts einzuwenden. Solche Situationen gibt es auch im Arbeitsleben. Doch die diesjährige Prüfungssituation ist eben keine „normale Prüfungssituation“, sondern eine „Prüfung im Ausnahmezustand“. Daher sollte man auf sie verzichten. Zwei Drittel der Abschlussnoten basieren auf Leistungen der vergangenen Schuljahre – also Leistungen, die vor dem Lockdown erbracht wurden. Sie sind sozial ungleich, wie wir aus den PISA-Studien wissen, aber was danach kam, war noch ungleicher. Von daher wäre das eine Drittel der Abschlussnote, das auf den Prüfungen basiert, von größerer Ungleichheit geprägt als die vorher erbrachten zwei Drittel. Unter dem Gesichtspunkt von Gerechtigkeit sind daher Abiturnoten, die zu 100 Prozent auf den Leistungen vor Covid-19 basieren, weniger sozial ungleich als Abiturnoten, die ein Drittel an Leistungen enthalten, die durch die Krise beeinflusst werden.
Corona und die gesellschaftlichen Folgen - Schlaglichter aus der WZB-Forschung 2 Die Einwände, dass durch die Absage der Prüfungen das Abiturzeugnis „geschenkt“ würde, überzeugen nicht. Denn die vorher erbrachten zwei Drittel der Prüfungsleistungen berücksichtigen nicht die zum Teil durch Zufälle beeinflusste Tagesform am Prüfungstag, sondern zeigen viel zuverlässiger, was Schüler*innen in den letzten Halbjahren geleistet haben. Auch in diesen Halbjahren gab es schriftliche Klausuren und mündliche Abfragen, die die Prüfungsfähigkeit und die Abrufbarkeit von Wissen zu einem bestimmten Zeitpunkt bereits abgefragt haben. Das Einzige, das gegen das Absagen der Prüfungen sprechen könnte, ist, dass die Abiturient*innen nicht das Initiationsritual der Abi-Prüfung hätten. Aber das Erleben dieses Rituals ist in Corona-Zeiten zum einen fragwürdig und zum anderen ohne Abschlussfeiern und Abiturreisen ohnehin beschädigt. -- 27. April 2020 Heike Solga ist Direktorin der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt. Das Werk ist eine Open-Access-Publikation und steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/).