Geschlechtsspezifische Arbeitsmarktwirkung der Covid-19-Pandemie: Ähnlicher Arbeitszeitausfall, aber bei Müttern höhere zusätzliche Belastung durch Kinderbetreuung
Abstract
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Full text
Illing, Hannah; Oberfichtner, Michael; Pestel, Nico; Schmieder, Johannes; Trenkle, Simon Research Report Geschlechtsspezifische Arbeitsmarktwirkung der Covid-19-Pandemie: Ähnlicher Arbeitszeitausfall, aber bei Müttern höhere zusätzliche Belastung durch Kinderbetreuung IAB-Kurzbericht, No. 3/2022 Provided in Cooperation with: Institute for Employment Research (IAB) Suggested Citation: Illing, Hannah; Oberfichtner, Michael; Pestel, Nico; Schmieder, Johannes; Trenkle, Simon (2022) : Geschlechtsspezifische Arbeitsmarktwirkung der Covid-19-Pandemie: Ähnlicher Arbeitszeitausfall, aber bei Müttern höhere zusätzliche Belastung durch Kinderbetreuung, IAB- Kurzbericht, No. 3/2022, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Nürnberg, https://doi.org/10.48720/IAB.KB.2203 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/251176 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de
Aktuelle Analysen aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB-KURZBERICHT Die Covid-19-Pandemie hat im Frühjahr 2020 eine Rezession ausgelöst, von der – anders als in früheren Rezessionen – Frauen ähnlich stark betroffen waren wie Männer. Die Kita- und Schulschließungen führten außerdem zu sehr starken zusätzlichen Belastungen für Eltern. Mütter haben dabei deutlich mehr zusätzliche Zeit für Kinderbetreuung übernommen als Väter. Der Ausbruch der Covid-19-Pandemie hat in allen Branchen zu einem Einbruch der Arbeitsnachfrage in Deutschland geführt. Während des ersten Lockdowns von März bis Mai 2020 blieben Gaststätten, Hotels und Kultureinrichtungen geschlossen und der Bedarf nach Arbeitskräften ging hier besonders stark zurück. So lag im Mai 2020 die Arbeitslosenquote insgesamt in Deutschland bei 6,1 Prozent – ein Anstieg um 1,2 Prozentpunkte beziehungsweise 577.000 Personen im Vergleich zu Mai 2019 (Statistik der Bundesagentur für Arbeit 2020a). Darüber hinaus nutzten viele Betriebe Kurzarbeit: Im Mai 2020 waren 5,7 Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit (Statistik der Bundesagentur für Arbeit 2021a). Ein Vergleich der Rezession 2020 mit der Finanzkrise 2008/2009 zeigt zwei wesentliche Unterschiede (siehe auch Gartner et al. 2021). Die Covid-19-Pan- demie führte erstens zu einem deutlich größeren und anders zusammengesetzten Rückgang des Arbeitsvolumens. Wie in Abbildung A1 (auf Seite 2), Panel A ersichtlich, stiegen Kurzarbeit (in Beschäftigungsäquivalenten gerechnet) und Arbeitslosigkeit von circa 2,5 Millionen im Februar 2020 vor Ausbruch der Pandemie auf 5,3 Millionen im Mai 2020. Im Frühjahr 2009 lagen Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit dagegen mit insgesamt 4 Millionen auf deutlich geringerem Niveau. Außerdem war der Anteil von Frauen an den Personen in Kurzarbeit 2020 deutlich höher als 2009 (vgl. Abbil- Geschlechtsspezifische Arbeitsmarktwirkung der Covid-19-Pandemie Ähnlicher Arbeitszeitausfall, aber bei Müttern höhere zusätzliche Belastung durch Kinderbetreuung von Hannah Illing, Michael Oberfichtner, Nico Pestel, Johannes Schmieder und Simon Trenkle ●Die Covid-19-Pandemie hatte im Frühjahr 2020 massivere Arbeitsmarkt effekte als die Finanzkrise 2008/2009: Im Mai 2020 waren 8,5 Millionen Personen in Kurzarbeit oder arbeitslos, im Mai 2009 trotz höheren Ausgangsniveaus lediglich 4,9 Millionen. ●Die Branchen mit dem höchsten Arbeitsausfall während des ersten Lockdowns hatten einen hohen Frauenanteil an den Beschäftigten. Gleichzeitig war der Frauenanteil aber auch in Branchen, die kaum betroffen waren, sehr hoch. ●Waren in früheren Rezessionen, wie der Finanzkrise 2008/2009, oft Männer stärker von Arbeitsausfall betroffen, wirkte sich die Covid- 19-Pandemie etwa gleich stark auf sozialversicherungspflichtig beschäftigte Frauen und Männer aus. ●Trotz ähnlichen Arbeitszeitausfalls bei Männern und Frauen zeigten sich große Unterschiede bei der zeitlichen Belastung: Für beschäftigte Mütter mit Kindern bis zwölf Jahren stieg die insgesamt für Job, Pendeln, Kinderbetreuung und Haushalt aufgewendete Zeit im Frühjahr 2020 um acht Stunden pro Woche, für Väter um drei Stunden; für Personen mit älteren Kindern oder ohne Kinder im Haushalt sank die zeitliche Gesamtbelastung leicht. ●Parallel zur höheren zeitlichen Belastung verringerte sich im Frühjahr 2020 die Lebenszufriedenheit bei Müttern mit Kindern bis zwölf Jahren stärker als bei anderen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. 3 | 2022 In aller Kürze
dung A1, Panel B; s. a. Wanger 2020). Waren im Mai 2020 mehr als 40 Prozent der Beschäftigten in Kurzarbeit Frauen, betrug der Frauenanteil im Mai 2009 etwa 20 Prozent. Typischerweise waren in anderen Rezessionen Frauen deutlich weniger stark von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit betroffen als Männer, da der Rückgang der Arbeitsnachfrage in der Regel vor allem vom Verarbeitenden Gewerbe ausgeht, das einen hohen Männeranteil aufweist (Alon et al. 2020). Von der Covid-19-Pandemie waren jedoch viele Dienstleistungsbranchen, mit einem traditionell hohen Frauenanteil, ungewöhnlich stark betroffen. Diese Entwicklung ließ sich sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern wie den USA, Großbritannien oder Spanien beobachten (Knize et al. 2021; Adams-Prassl et al. 2020; Alon et al. 2020; Farré et al. 2020; Joyce/Xu 2020). Zweitens hatte die Covid-19-Pandemie nicht nur direkte Auswirkungen auf die Situation am Arbeits- Anmerkungen: In Panel A ist das Kurzarbeitsvolumen in Beschäftigungsäquivalenten ausgewiesen, d. h. eine Person, die zu 25 % in Kurzarbeit ist, wird mit 0,25 gewichtet. Panel B zeigt den Frauenanteil in Kurzarbeit als Anteil an den Personen, nicht in Beschäftigungsäquivalenten. Lesebeispiel: Im April 2020 betrug das Kurzarbeitsvolumen 3 Millionen Beschäftigungsäquivalente. Datengrundlage: Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2009, 2020b und 2021a). Die Angaben zu Kurzarbeit basieren ab 2009 auf revidierten Daten, für Details siehe Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2021b). © IAB Monatliches Ausmaß von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit sowie Anteil von Frauen an den Beschäftigten in Kurzarbeit A1 Jul Aug Sep Okt Nov Dez Jan Feb Mrz Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez 2008 bzw. 2019 2009 bzw. 2020 1 0 2 4 3 6 5 Panel A: Kurzarbeit (in Beschäftigungsäquivalenten) und Arbeitslosigkeit in Millionen Jul Aug Sep Okt Nov Dez Jan Feb Mrz Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez 2008 bzw. 2019 2009 bzw. 2020 0,1 0 0,2 0,4 0,3 0,6 0,5 Finanzkrise 2008/2009 Covid-19-Pandemie Panel B: Frauenanteil an Personen in Kurzarbeit in Prozent Finanzkrise 2008/2009 Finanzkrise 2008/2009 Covid-19-Pandemie Covid-19-Pandemie Kurzarbeit: Arbeitslosigkeit: markt, sondern auch in den Familien. Die mehrmonatigen Kita- und Schulschließungen im Rahmen des ersten großen Lockdowns führten zu sehr starken zusätzlichen Belastungen für Eltern. Da Frauen in Deutschland nach wie vor den Großteil der Kinderbetreuung übernehmen, waren sie von diesen Schließungen besonders betroffen (Danzer et al. 2021; Frodermann et al. 2021; Jessen et al. 2021; Fuchs-Schündeln/Stephan 2020; Globisch/ Osiander 2020). Außerdem traf der Wegfall von Minijobs Frauen besonders stark (Grabka et al. 2020). Die Covid-19-Pandemie wirkte sich zudem besonders stark auf Selbstständige aus, wobei wiederum selbstständige Frauen besonders häufig Einbußen hatten (Brixy et al. 2021; Graeber et al. 2021). Der Kurzbericht befasst sich im Folgenden mit Personen, die im Dezember 2019 sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren. Der Fokus liegt auf der Veränderung der Zeitaufteilung von sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen und Männern während der Anfangsphase der Covid- 19-Pandemie. Der Bericht konzentriert sich auf drei Aspekte: 1) Er analysiert den Arbeitsausfall als Folge der Covid-19-Pandemie während des ersten Lockdowns (Frühjahr 2020) sowie nach dem ersten Lockdown (Herbst 2020); 2) er bietet Erkenntnisse zur Veränderung der gesamten zeitlichen Belastung (sowohl der Arbeitszeit als auch der Kinderbetreuung) nach Geschlecht; 3) er zeigt Unterschiede in der Veränderung der Lebenszufriedenheit von Frauen und Männern zwischen Frühjahr und Herbst 2020. Detaillierte Befragungsdaten ergänzen Prozessdaten des IAB Grundlage der Untersuchung ist eine repräsentati- ve Online-Befragung im November und Dezember 2020 von circa 11.000 Personen, die im Dezember 2019 sozialversicherungspflichtig beschäftigt und in den Vorjahren regelmäßig beschäftigt waren (vgl. Infobox 1 auf Seite 5). Erhoben wurden unter anderem Daten zu sozioökonomischen Charakteristika (z. B. Alter und Geschlecht), zur Haushaltszusammensetzung (z. B. Anzahl der Personen im eigenen Haushalt) und zur Lebenszufriedenheit. Kernstück des Fragebogens waren Fragen zum Arbeitsmarktstatus und zur wöchentlichen Zeitaufteilung. So nannten die Befragten ihren Erwerbs- 2IAB-Kurzbericht 3|2022
beschäftigt waren. Der Arbeitsausfall setzt sich aus der Summe von verlorener Arbeitszeit durch Kurzarbeit und von Arbeitslosigkeit zusammen.1 „Gastronomie und Unterhaltung“ heben sich klar von den anderen Branchen ab. Der Arbeitsausfall stieg dort von circa 8 Prozent im Februar 2020 auf knapp 50 Prozent im April 2020 dramatisch an. Obwohl sich die Branchen anschließend leicht erholten, erreichten sie ihr Vorkrisenniveau im gesamten Jahr 2020 nicht mehr. Im Oktober 2020 lag der Arbeitsausfall nach wie vor bei 25 Prozent. Den geringsten Arbeitsausfall verzeichnete dagegen die Branchen „Bildung, Gesundheit, öffentlicher Dienst”: Hier lag er im April 2020 bei 5 Prozent und im Oktober 2020 wieder nahe Null. Mit einem Arbeitsausfall von 8 bis 12 Prozent im April 2020 waren die Branchen „Verarbeitendes Gewerbe, Bau und Lebensmittel”, „Handel und Transport” sowie der restliche Dienstleistungssektor etwas stärker von der Covid-19-Pandemie betroffen. Dabei brach die Arbeitsnachfrage jedoch lange nicht so dramatisch ein wie in den Branchen „Gastronomie und Unterhaltung“. 1 Ist eine Person zum Zeitpunkt der Befragung in einer anderen Branche beschäftigt, beträgt der Arbeitsausfall für sie Null. Ausweichreaktionen in andere Branchen reduzieren daher den gemessenen Arbeitsausfall. Anmerkungen: Arbeitsausfall setzt sich aus der Summe von verlorener Arbeitszeit durch Kurzarbeit und von Arbeitslosigkeit zusammen. Panel A zeigt den durchschnittlichen prozentualen Arbeitsausfall nach Branchen, in der die Personen im Dezember 2019 beschäftigt waren. Für jede Person wird dabei zunächst der individuelle Arbeitsausfall berechnet, wobei Arbeitslosen ein Arbeitsausfall von 100 % zugeordnet wird und bei Personen in Kurzarbeit der Anteil, den diese Person in Kurzarbeit ist. Bei weiterhin unverändert beschäftigten Personen ist der individuelle Arbeitsausfall entsprechend 0 %. Der abgebildete Arbeitsausfall gibt dabei den Durchschnitt des individuellen Anteils an. Dieses Vorgehen gewichtet bei Personen mit einer geringeren Arbeitszeit jede (entfallene) Arbeitsstunde stärker als bei Personen mit einer höheren Arbeitszeit, und der so berechnete Arbeitsausfall weicht daher von der Änderung des Arbeitsvolumens ab. Panel B zeigt die tatsächlich gearbeiteten wöchentlichen Arbeitsstunden (auch Überstunden), wobei für Arbeitslose und Personen, die komplett in Kurzarbeit sind, 0 Stunden angesetzt werden. Die senkrechten Linien und farbigen Flächen zeigen die zugehörigen 95 %-Konfidenzintervalle und verdeutlichen die statistische Unsicherheit der Werte. Lesebeispiel: Für Personen in den Branchen „Gastronomie und Unterhaltung” (dunkelblaue Linie) erhöhte sich der Arbeitsausfall von unter 10 % im Februar 2020 auf fast 50 % im April. Für den gleichen Zeitraum reduzierte sich die durchschnittlich gearbeitete Stundenzahl von 36 Stunden auf 14 Stunden. Datengrundlage: Eigene Berechnungen basierend auf IAB (2020) und der Covid-19-Befragung, gewichtete Auswertung (siehe Infobox 1). Zur Definition der Branchen, siehe Abbildung A3. © IAB Entwicklung des Arbeitsausfalls und der wöchentlichen Arbeitsstunden nach Branchen A2 Verarbeitendes Gewerbe, Bau und Lebensmittel Bildung, Gesundheit, öffentlicher Dienst Gastronomie und Unterhaltung Handel und Transport Dienstleistungen 5 15 25 35 45 55 0 10 20 30 40 50 JulFeb Mrz Apr Mai Jun Aug OktSep 2020 Februar April September Panel A: Arbeitsausfall in Prozent nach Branchen Panel B: Wöchentliche Arbeitsstunden nach Branchen 2020 40 10 15 20 25 30 35 status für jeden Monat von Februar bis Oktober 2020 (im Fall von Kurzarbeit einschließlich des Umfangs). Für die Monate Februar (vor der Covid- 19-Pandemie), April (während des ersten Lockdowns) und September (nach dem ersten Lockdown) gaben die Befragten zudem an, wie viele Stunden pro Woche sie mit Arbeit, Kinderbetreuung, Pendeln oder Hausarbeit verbracht hatten. Die Befragungsdaten werden mit Zustimmung der Befragten mit den Prozessdaten des IAB verknüpft und ergänzen diese dadurch um Informationen, die üblicherweise nicht in administrativen Daten vorliegen. Das ermöglicht eine Hochrechnung der Befragungsinformationen auf die in den Prozessdaten erfassten Beschäftigten. „Gastronomie und Unterhaltung“ vom Arbeitsausfall besonders stark betroffen Obwohl alle Branchen während des ersten Covid- 19-Lockdowns mindestens einen leichten Rückgang der Arbeitsnachfrage verzeichneten, stechen die Branchen „Gastronomie und Unterhaltung“ besonders hervor. Abbildung A2, Panel A, zeigt den durchschnittlichen prozentualen Arbeitsausfall für die Monate Februar bis Oktober 2020 je nach Branchen, in der die Personen im Dezember 2019 3IAB-Kurzbericht 3|2022
Abbildung A2, Panel B, spiegelt diese Beobachtung: Aufgeführt sind die wöchentlichen Arbeitsstunden in den fünf Branchen für die Monate Februar, April und September 2020. Während der Arbeitsausfall nur Verringerungen der Arbeitszeit erfasst, werden hier alle Änderungen der tatsächlichen Arbeitszeit – einschließlich Überstunden – berücksichtigt, sodass die individuelle Arbeitszeit auch steigen kann. In allen Branchen ging die wöchentliche Arbeitszeit während des ersten Lockdowns im April zurück und erholte sich bis September wieder. Für die Branchen „Gastronomie und Unterhaltung“ war der Einbruch jedoch besonders stark: Die wöchentliche durchschnittliche Arbeitszeit fiel von circa 36 Stunden im Februar auf knapp 14 Stunden im April. Im September stieg die Arbeitszeit wieder auf 30 Stunden, lag damit aber immer noch deutlich niedriger als in den anderen Branchen (33 bis 37 Stunden). Frauen arbeiteten häufig in Branchen mit hohem oder geringem Arbeitsausfall In den Branchen „Gastronomie und Unterhaltung“ arbeiten traditionell viele Frauen. Dass von diesen Branchen ein besonders starker Einbruch der Arbeitsnachfrage während des ersten Lockdowns ausging, erklärt also den relativ zur Finanzkrise 2008/2009 gesehen hohen Anteil von Frauen in Kurzarbeit. Frauen arbeiten jedoch nicht nur in diesen besonders stark getroffenen Branchen, sondern auch in solchen, die kaum von Arbeitsausfall im Zuge der Covid-19-Pandemie beeinträchtigt wurden. Abbildung A3 zeigt auf der horizontalen Achse den Anteil von Frauen in den Wirtschaftsabschnitten und ihren durchschnittlichen Arbeitsausfall im Zeitraum Februar bis Oktober 2020 (in %) auf der vertikalen Achse. Die Größe der Kreise reflektiert die Gesamtbeschäftigung in den Branchen vor Beginn der Covid-19-Pandemie. Den mit Abstand größten Arbeitsausfall verzeichnete das Gastgewerbe (ca. 34 %) mit einem Frauenanteil von knapp über 50 Prozent. Im ebenfalls stark von Arbeitsausfall betroffenen Wirtschaftsabschnitt Kunst, Unterhaltung, Erholung (22 % Arbeitsausfall) liegt der Frauenanteil bei fast 50 Prozent. Deutlich höher ist der Frauenanteil mit über 60 Prozent in den Wirtschaftsabschnitten Gesundheits- und Sozialwesen, Bildung sowie Öffentliche Verwaltung, die alle einen sehr geringen Rückgang der Arbeitsnachfrage verzeichneten (5 % Arbeitsausfall oder weniger). Anmerkungen: Die einzelnen Kreise stellen Wirtschaftsabschnitte nach der Klassifikation der Wirtschaftszweige, Ausgabe 2008, dar. Die Größe des Kreises steht dabei proportional für die Anzahl der Beschäftigten des Wirtschaftsabschnitts in der Grundgesamtheit der Befragung (siehe Infobox 1). Ähnliche Wirtschaftsabschnitte (eigene Zusammenfassung) werden dabei als Branchen mit derselben Farbe abgebildet. Zur Berechnung des Arbeitsausfalls siehe Abbildung A2. Lesebeispiel: Der Wirtschaftsabschnitt Gastgewerbe (dunkelblau) hatte den höchsten Arbeitsausfall und gleichzeitig einen relativ hohen Frauenanteil von etwas über 50 %. Datengrundlage: Eigene Berechnungen basierend auf IAB (2020) und der Covid-19-Befragung, gewichtete Auswertung (siehe Infobox 1). © IAB Zusammenhang von dem durchschnittlichen prozentualen Arbeitsausfall (von Februar bis Oktober 2020) und dem Frauenanteil (im Dezember 2019) A3 0 7010 20 30 40 50 60 80 Wasser, Abfall Landwirtschaft, Bergbau Öffentliche Verwaltung Energieversorgung Gesundheits- und Sozialwesen Wohnungswesen Finanzdienstleistungen Baugewerbe Bildung Information, Kommunikation Freiberufliche, wiss., techn. DL Handel, Kfz- Reparatur Verarbeitendes Gewerbe Verkehr und Lagerei Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen (DL) Kunst, Unterhaltung, Erholung Gastgewerbe Sonstige DL Branchen Verarbeitendes Gewerbe, Bau und Lebensmittel Bildung, Gesundheit, öffentlicher Dienst Gastronomie und Unterhaltung Handel und Transport Dienstleistungen 20 0 5 10 15 25 35 30 Arbeitsausfall in Prozent Frauenanteil in (zu fünf Branchen zusammengefassten) Wirtschaftsabschnitten in Prozent 1.000.000 500.000 100.000 Anzahl der Beschäftigten des Wirtschaftsabschnittes 4IAB-Kurzbericht 3|2022
Diese sehr großen Unterschiede zeigen, dass es stark von der Branche, in der eine Person arbeitete, abhing, ob sie in der ersten Phase der Covid- 19-Pandemie von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit betroffen war. Dabei waren Frauen nicht stärker von branchenspezifischem Arbeitsausfall betroffen als Männer. Gewichtet man den durchschnittlichen, branchenspezifischen Arbeitsausfall von Februar bis Oktober 2020 nach dem Beschäftigungsanteil von Frauen beziehungsweise Männern im Dezember 2019, war der zu erwartende Ausfall für Frauen mit 6,1 Prozent sogar etwas geringer als für Männer (7,6 %). Im Gegensatz zu früheren Rezessionen war der Arbeitsausfall im Hinblick auf die Betroffenheit der verschiedenen Branchen während der Covid-19-Pandemie damit weitestgehend geschlechterneutral. Frauen und Männer ähnlich stark von Arbeitsausfall betroffen Die Befragungsdaten zum Erwerbsstatus und zur Zeiteinteilung erlauben eine detaillierte Untersuchung des tatsächlichen Arbeitsausfalls nach Geschlecht. Zu diesem Zweck wird eine Event-Studie durchgeführt (vgl. Infobox 2 auf Seite 6). Dabei werden Regressionskoeffizienten geschätzt, die die Veränderung des durchschnittlichen Arbeitsausfalls nach Geschlecht relativ zu Februar 2020 angeben. Wie Abbildung A4, Panel A, zeigt, entwickelte sich der Arbeitsausfall, der Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit umfasst, für Frauen und Männer etwa gleich und stieg zwischen Februar und April 2020 bei beiden Gruppen um circa 8,5 Prozentpunkte an. Anschließend ging der Arbeitsausfall für beide Gruppen leicht zurück; im Oktober 2020 hatte sich der Anstieg gegenüber Februar auf etwa 4 Prozentpunkte mehr als halbiert. Vergleicht man die wöchentlichen Arbeitsstunden (Abbildung A4, Panel B), fällt auf, dass Frauen einen weniger starken Rückgang ihrer Arbeitszeit verzeichneten. Während Männer im April 2020 durchschnittlich 4 Stunden weniger arbeiteten als noch im Februar, ging die Arbeitszeit von Frauen lediglich um 3 Stunden zurück. Im September, also nach dem ersten Lockdown, hatten Frauen fast wieder ihr Ausgangsniveau erreicht (–1 Stunde), während Männer nach wie vor 2 Wochenstunden weniger arbeiteten. Anmerkungen: Arbeitsausfall setzt sich aus der Summe von verlorener Arbeitszeit durch Kurzarbeit und von Arbeitslosigkeit zusammen (zur Berechnung siehe Abbildung A2). Die senkrechten Linien und farbigen Flächen zeigen die zugehörigen 95 %-Konfidenzintervalle und verdeutlichen die statistische Unsicherheit der Werte. Lesebeispiel: Sowohl für Frauen (grüne Linie) als auch für Männer (blaue Linie) steigt der Arbeitsausfall von Februar auf April um im Schnitt 8,5 Prozentpunkte und ist im Oktober immer noch ca. 4 Prozentpunkte höher. Gleichzeitig sinken die wöchentlichen Arbeitsstunden von Februar auf April für Frauen um ca. 3 Stunden und für Männer um etwa 4 Stunden. Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf Covid-19-Befragung, gewichtete Auswertung (siehe Infobox 1). © IAB Veränderung des Arbeitsausfalls und der wöchentlichen Arbeitsstunden von Frauen und Männern A4 April September Panel B: Wöchentliche Arbeitsstunden relativ zu Februar 2020 –5 –6 –4 –2 –3 –1 0 2020 Panel A: Arbeitsausfall relativ zu Februar 2020 in Prozentpunkten 4 0 2 6 10 8 JulFeb Mrz Apr Mai Jun Aug OktSep 2020 Frauen Männer Covid-19-Haushaltsbefragung Dieser Kurzbericht basiert auf Befragungsdaten, die im November und Dezember 2020 vom IAB in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), das die Befragung auch finanziell unterstützte, erhoben wurden. Dabei handelte es sich um eine einmalige Online-Befragung von ca. 11.000 Personen. Die Antwortquote (Analysesample) betrug 12,8 Prozent. Die Befragten wurden rückblickend zu ihrer Erwerbstätigkeit vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie, während des ersten Lockdowns und nach dem ersten Lockdown (Februar–Oktober 2020) befragt. Zum Interview wurden ausschließlich Personen zugelassen, die im Dezember 2019 folgende Bedingungen erfüllten: sozialversicherungspflichtig beschäftigt in einem Betrieb mit mindestens zehn Beschäftigten, 24 bis 55 Jahre alt und in den vergangenen drei Jahren mindestens zwei Jahre Erwerbstätigkeit. Aus dieser Grundgesamtheit wurden zu gleichen Teilen Personen eingeladen, die im März bis Juni 2020 in Arbeitslosengeldbezug zugingen, deren Betrieb im März bis Juni 2020 Kurzarbeit anmeldete und die im März bis Juni 2020 zu keiner der beiden anderen Gruppen gehörten. Jeweils die Hälfte der eingeladenen Personen waren Frauen und Männer. In den Auswertungen werden die Antworten so gewichtet, dass die ausgewiesenen Werte für die Grundgesamtheit der Befragung gültig sind. Die Stichprobenziehung erfolgte auf Basis der Integrierten Erwerbsbiografien (IAB 2020). Die Befragung umfasste vier Themenblöcke. Im ersten Block wurden Fragen zum sozioökonomischen Hintergrund sowie zur Haushaltszusammensetzung gestellt (z. B. Alter, Bildung, Migrationshintergrund, Anzahl der Kinder, Familienstand). Der zweite Block befasste sich mit der Erwerbstätigkeit der Befragten im Zeitraum Februar bis Oktober 2020. In diesem Teil wurde der Erwerbsstatus (inkl. Kurzarbeit) der Befragten für den jeweiligen Monat abgefragt. Der dritte Block umfasste eine Art Tagebuch zur Zeitverwendung: Für drei Monate (Februar, April und September 2020) notierten die Befragten, wie viele Stunden pro Woche sie u. a. mit bezahlter Arbeit, Kinderbetreuung oder Pendeln verbracht hatten. Der vierte und letzte Block umfasste unter anderem Fragen zur Lebenszufriedenheit. 1 Bei diesem Vergleich sollte man jedoch bedenken, dass das Arbeitszeitniveau von Frauen geringer ist (32 Stunden vs. 39 Stunden von Männern im Febru- 5IAB-Kurzbericht 3|2022
ar 2020). Der prozentuale Rückgang im April 2020 ist mit 10,6 Prozent für Frauen zwar etwas niedriger als mit 11,2 Prozent für Männer, allerdings ist die Größenordnung des Rückgangs vergleichbar. Stärkerer Anstieg der Kinderbetreuungszeit bei Frauen Die Covid-19-Pandemie hat sich nicht nur auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt. Für Eltern führte sie beispielsweise zu einer starken Ausweitung der eigenen Event-Studien-Ansatz Abbildungen A4 bis A6 basieren auf einem sogenannten Event-Studien-Ansatz. Dabei wird die Veränderung einer Ergebnisvariable (z. B. Arbeitsstunden) vor und nach einem Ereignis – in diesem Fall der Beginn der Covid-19-Pandemie – betrachtet. Verwendet wird eine einfache Regression mit Personen-fixen-Effekten. Diese Personen-fixen Effekte bereinigen die Schätzungen von im Beobachtungszeitraum zeitkonstanten Unterschieden, beispielsweise dem Bildungsabschluss. Da alle Personen betroffen sind, wird keine nicht betroffene Kontrollgruppe verwendet. 10 yit g=∑βm g I(t = m) + γi g +εit g (m=3) Die Regressionsgleichung beschreibt eine Ergebnisvariable yit g für Person i zum Zeitpunkt t (2–10). Die Koeffizienten βm g erfassen den Durchschnitt der Ergebnisvariable im Monat m (März–Oktober) relativ zu Februar 2020; dies ist die Information, welche in den Abbildungen A4 bis A6 dargestellt ist. Der Index g steht für das Geschlecht der Person und verdeutlicht, dass die Gleichung separat für Männer und Frauen geschätzt wird. Die Schätzung verwendet Gewichte, um valide Ergebnisse für die Grundgesamtheit der Personen, aus welcher die Befragten ausgewählt wurden, zu erhalten. 2 Betreuung der Kinder. Die Befragungsdaten zeigen, dass sowohl Mütter als auch Väter mit Kindern bis 12 Jahren während des ersten Lockdowns deutlich mehr Zeit mit Kinderbetreuung verbracht haben. Den höchsten Anstieg in absoluten Werten verzeichneten Mütter mit kleinen Kindern. Bei Müttern mit Kindern im Grundschulalter oder knapp darüber (6–12 Jahre) nahm die wöchentliche Kinderbetreuungszeit zwischen Februar und April 2020 um 10 Stunden zu (vgl. Abbildung A5, Panel A). Bei Männern war die Erhöhung mit 7 Stunden in absoluten Zahlen geringer (vgl. Abbildung A5, Panel B), allerdings durch das niedrigere Ausgangsniveau im Februar relativ größer (Anstieg um 83 % relativ zu Februar 2020, bei Frauen 61 %). Auch für Eltern mit kleineren Kindern stieg die Kinderbetreuungszeit stark an (8 Stunden für Frauen vs. 6 Stunden für Männer). Nach dem ersten Lockdown, im September 2020, ging der zusätzliche Zeitaufwand für Kinderbetreuung für beide Geschlechter deutlich zurück. Für Mütter und Väter von Kindern bis zwölf Jahren war sie jedoch nach wie vor um 2 Stunden pro Woche höher als im Februar 2020. Arbeitsbelastung von Müttern mit Kindern bis 12 Jahren stieg im ersten Lockdown insgesamt mehr, ihre Lebenszufriedenheit ging stärker zurück Mütter verbrachten im ersten Lockdown durchschnittlich mehr zusätzliche Zeit mit Kinderbetreuung als Väter (in absoluten Werten), während die bezahlte Arbeitszeit für Männer etwas stärker sank als für Frauen. Dass die für Kinderbetreuung aufgewendete Zeit deutlich stärker anstieg als die Arbeitszeit zurückging, weist auf einen Anstieg der gesamten Arbeitsbelastung für Eltern und insbesondere für Mütter hin. Tatsächlich stieg für beschäftigte Mütter mit Kindern bis zwölf Jahren die zeitliche Gesamtbelastung (Summe aus bezahlter Arbeitszeit, Kinderbetreuung, Haushalt und Pendeln) im Frühjahr 2020 um acht Stunden pro Woche, für Väter um drei Stunden. Dieses Ergebnis bestätigen auch weitere IAB-Studien (u. a. Globisch/Osiander 2020). Abbildung A6 (auf Seite 7), Panel A und B zeigen die Unterschiede genauer nach dem Alter des jüngsten Kindes: Die Gesamtbelastung für Mütter Anmerkungen: Es wird danach unterschieden, ob das jüngste Kind im Haushalt sechs Jahre oder jünger, zwischen sechs und zwölf Jahren oder älter als zwölf Jahre ist bzw. keine Kinder im Haushalt leben. Die senkrechten Linien zeigen die zugehörigen 95 %-Konfidenzintervalle und verdeutlichen die statistische Unsicherheit der Werte. Lesebeispiel: Im April 2020 verbrachten Frauen mit Kindern bis sechs Jahren im Haushalt (Panel A, grünes Rechteck) knapp 8 Stunden mehr Zeit mit Kinderbetreuung als im Februar. Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf Covid-19-Befragung, gewichtete Auswertung (siehe Infobox 1). © IAB Veränderung der wöchentlichen Kinderbetreuungszeit von Frauen und Männern im Vergleich zu Februar 2020 A5 Panel A: Wöchentliche Kinderbetreuungszeit – Frauen Panel B: Wöchentliche Kinderbetreuungszeit – Männer mit keinen oder älteren Kindern mit Kindern ≤ 6 Jahren mit Kindern > 6 Jahren u. ≤ 12 Jahren Männer Frauen 2 0 4 8 6 10 12 April September 2020 2 0 4 8 6 10 12 April September 2020 6 IAB-Kurzbericht 3|2022
dingte Schulschließungen zu hohen Belastungen für Mütter. Auch bei Vätern nahm die zeitliche Gesamtbelastung während des ersten Lockdowns zu. Der Anstieg war jedoch deutlich geringer als bei Müttern, und die Entwicklung der Lebenszufriedenheit unterscheidet sich nicht zwischen Vätern und Männern ohne Kinder bis 12 Jahren im Haushalt. Im September 2020, also nach dem ersten Lockdown, hatte die durchschnittliche wöchentliche bezahlte Arbeitszeit für Frauen fast wieder ihr Ausgangsniveau vom Februar 2020 erreicht, während sie für Männer trotz Wiederanstiegs noch etwas stärker unter dem Ausgangsniveau blieb. Die Zeit, mit kleinen Kindern nahm zwischen Februar und April 2020 um circa 6 Stunden pro Woche zu. Auch für Väter mit kleinen Kindern stieg die Arbeitsbelastung signifikant an. Noch etwas stärker war der Anstieg bei Eltern mit Kindern im Grundschulalter oder knapp darüber. Im September 2020 war die Gesamtbelastung für Eltern dagegen fast wieder auf dem Niveau von Februar 2020. Panel C und D legen nahe, dass sich die höhere Gesamtbelastung für Mütter negativ auf deren Lebenszufriedenheit auswirkte (vgl. auch Huebener et al. 2021; Fuchs-Schündeln/Stephan 2020). Während alle Befragten einen deutlichen Rückgang ihrer Lebenszufriedenheit während des ersten Lockdowns angaben (vgl. auch Anger et al. 2021; Schmidtke et al. 2021; Zoch et al. 2021), sank die Lebenszufriedenheit für Mütter mit Kindern unter zwölf Jahren besonders stark (vgl. Abbildung A6, Panel C). Bei den Männern gibt es dagegen bei geringem Anstieg der Gesamtbelastung keinen Unterschied in der Entwicklung der Lebenszufriedenheit zwischen den drei Gruppen (Panel D). Für September 2020, als sich die Gesamtbelastung wieder angeglichen hatte, zeigen sich keine unterschiedlichen Änderungen in der Lebenszufriedenheit mehr. Fazit Die Covid-19-Pandemie hat zu einem starken Rückgang der Arbeitsnachfrage geführt, der in den Branchen „Gastronomie- und Unterhaltung” besonders stark ausgeprägt war. Da viele Frauen in diesen Branchen arbeiteten, war der Anteil von Frauen in Kurzarbeit 2020 deutlich höher als während der Finanzkrise 2008/2009. Gleichzeitig arbeiteten viele Frauen auch in den am wenigsten von Arbeitsausfall betroffenen Branchen, wie etwa im Bildungs- oder Gesundheitssektor. Unsere Befragungsdaten zeigen, dass die bezahlte Arbeitszeit von Frauen und Männern absolut etwa gleich stark zurückging, während in früheren Rezessionen der Rückgang für Männer deutlich stärker als für Frauen war. Mütter übernahmen jedoch mehr zusätzliche Stunden der Kinderbetreuung, die durch die Schul- und Kitaschließungen während des ersten Lockdowns angefallen ist. Für Mütter stieg in der Folge die zeitliche Gesamtbelastung und ihre Lebenszufriedenheit sank stärker als die anderer Gruppen. Somit führten pandemiebe- Anmerkungen: Die zeitliche Gesamtbelastung (Panel A und B) umfasst bezahlte Arbeit, Hausarbeit, Zeit für Kinderbetreuung sowie Pendeln. Die Darstellung der Lebenszufriedenheit (Panel C und D) basiert auf einer Skala von eins bis fünf. Es wird danach unterschieden, ob das jüngste Kind im Haushalt sechs Jahre oder jünger, zwischen sechs und zwölf Jahren oder älter als zwölf Jahre ist bzw. keine Kinder im Haushalt leben. Die senkrechten Lini- en zeigen die zugehörigen 95 %-Konfidenzintervalle und verdeutlichen die statistische Unsicherheit der Werte. Lesebeispiel: Für Frauen mit Kindern bis sechs Jahren stieg die zeitliche Gesamtbelastung von Februar auf April 2020 um ca. 6 Stunden pro Woche (Panel A, grünes Rechteck). Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf Covid-19-Befragung, gewichtete Auswertung (siehe Infobox 1). © IAB Veränderung der zeitlichen Gesamtbelastung und der Lebenszufriedenheit von Frauen und Männern im Vergleich zu Februar 2020 A6 April September Panel A: Zeitliche Gesamtbelastung – Frauen Panel B: Zeitliche Gesamtbelastung – Männer Panel C: Lebenszufriedenheit – Frauen Panel D: Lebenszufriedenheit – Männer 2 0 4 8 6 10 12 -2 mit keinen oder älteren Kindern mit Kindern ≤ 6 Jahren mit Kindern > 6 Jahren u. ≤ 12 Jahren Männer Frauen 2020 2020 -1,1 -1,3 -0,9 -0,5 -0,7 -0,3 -0,1 -1,5 0 April September April September 2020 -1,1 -1,3 -0,9 -0,5 -0,7 -0,3 -0,1 -1,5 0 April September 2 0 4 8 6 10 12 -2 2020 -4 -4 7IAB-Kurzbericht 3|2022
die Eltern mit Kinderbetreuung verbrachten, war im Vergleich zum April 2020 gleichzeitig deutlich zurückgegangen. Dies spricht dafür, dass Eltern nicht freiwillig ihre bezahlte Arbeit gegen Kinderbetreuung tauschen, sondern zum Status quo vor dem Ausbruch der Pandemie zurückkehren wollten. Literatur Adams-Prassl, A.; Boneva, T.; Golin, M.; Rauh, C. (2020): Inequality in the impact of the coronavirus shock: Evidence from real time surveys. Journal of Public Economics, 189, 104245. Alon, T.; Doepke, M.; Olmstead-Rumsey, J.; Tertilt, M. (2020): The impact of COVID-19 on gender equality. NBER WP Nr. 26947. Anger, S.; Bernhard, S.; Dietrich, H.; Lerche, A.; Patzina, A.; Sandner, M.; Toussaint, C. (2021): Abiturjahrgang 2020: Ohne Abiball zum Studium – allein am Bildschirm bricht die Lebenszufriedenheit ein. IAB-Kurzbericht 19/2021. Brixy, U.; Egeln, J.; Gottschalk, S.; Kohaut, S. (2021): Sonderbefragung des IAB-ZEW-Gründungspanels: Junge Unternehmen spüren die Corona-Krise stärker. 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[email protected] Prof. Dr. Nico Pestel ist Associate Professor am Research Centre for Education and the Labour Market (ROA) an der Universität Maastricht. n.pestel@maastricht university.nl Prof. Johannes Schmieder, PhD ist Associate Professor an der Boston University. [email protected] Dr. Simon Trenkle ist Mitarbeiter am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und im Forschungsbereich „Arbeitsförderung und Erwerbstätigkeit“ im IAB. [email protected] Impressum | IAB-Kurzbericht Nr. 3, 17.2.2022 | Herausgeber: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit, 90327 Nürn berg | Redaktion: Martina Dorsch | Grafik & Gestaltung: Nicola Brendel | Foto: Alexia Berry, Jutta Palm-Nowak und privat | Druck: MKL Druck GmbH & Co. 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