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Multilokale Lebensführung in Österreich

Fischer, Tatjana

Abstract

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Fischer, Tatjana Book Part Multilokale Lebensführung in Österreich Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Fischer, Tatjana (2020) : Multilokale Lebensführung in Österreich, In: Danielzyk, Rainer Dittrich-Wesbuer, Andrea Hilti, Nicola Tippel, Cornelia (Ed.): Multilokale Lebensführungen und räumliche Entwicklungen: ein Kompendium, ISBN 978-3-88838-097-6, Verlag der ARL - Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover, pp. 260-269, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-0976369 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/218792 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/ Fischer, Tatjana Multilokale Lebensführung in Österreich URN: urn:nbn:de:0156-0976369 CC-Lizenz: BY-ND 3.0 Deutschland S. 260 bis 269 In: Danielzyk, Rainer; Dittrich-Wesbuer, Andrea; Hilti, Nicola; Tippel, Cornelia (Hrsg.) (2020): Multilokale Lebensführungen und räumliche Entwicklungen: ein Kompendium. Hannover = Forschungsberichte der ARL 13 260 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen Tatjana Fischer MulTilokale lebensFührung in ÖsTerreich Gliederung 1 Begriffsbestimmungen 2 Eckdaten zur Multilokalität in Österreich 3 Lebenslagen und lebensphasenbezogene Multilokalität und die räumlichen Verflechtungen zwischen den Wohnsitzen 4 Potenziale und Risiken von Multilokalität für strukturschwache ländliche Regionen 5 Weiterer Forschungsbedarf Literatur Kurzfassung Dieser Beitrag thematisiert multilokale Lebensführung in Österreich. Die quantitative Relevanz des Phänomens wird über den Indikator (Haupt- und Neben)wohnsitz sichtbar gemacht und die Vielfalt der multilokal lebenden Personen entlang ihres Lebenszyklus gezeigt. Daran schließt eine Darstellung der räumlichen Verflechtungen zwischen den Wohnsitzen an, durch die einerseits regional unterschiedliche Bedeutung von Multilokalität selbst, andererseits die Motive für die multilokale Lebensführung erkennbar werden. Anschließend werden die Konsequenzen von Multilokalität für die zukünftige Entwicklung strukturschwacher ländlicher Regionen angerissen und Forschungsbedarf identifiziert. Schlüsselwörter Hauptwohnsitz – Nebenwohnsitz – Wohnsitzverflechtungen – Typen multilokal lebender Personen – Altersresidenzen – Freizeitresidenzen Multilocal living arrangements in Austria Abstract This article deals with the topic of multilocal lifestyles in Austria. The quantitative relevance of the phenomenon of multilocality is made visible using the indicators ‘main residence’ and ‘secondary residence’. By taking into consideration the life cycle it is possible to demonstrate the variety of people with multilocal lifestyles. Moreover, not only do the spatial interdependencies of the (at least two) different places of residence become apparent, but the drivers for multilocal lifestyles are also made visible. Subsequently, the consequences of multilocality for the future development of structurally weak rural regions are touched upon and future research requirements are identified. Keywords Main residence – Secondary residence – Linkage of residences – Types of multilocal people – Retirement residences – Leisure residences 261Multilokale lebensführung in Österreich 1 Begriffsbestimmungen Laut österreichischem Meldegesetz (MeldeG 1991) ist es erforderlich, den Mittelpunkt der Lebensbeziehungen einer Person konkret einer Gemeinde zuzuordnen. „Der Hauptwohnsitz eines Menschen ist an jener Unterkunft begründet, an der er sich in der erweislichen oder aus den Umständen hervorgehenden Absicht niedergelassen hat, diese zum Mittelpunkt seiner Lebensbeziehungen zu machen; trifft diese sachliche Voraussetzung bei einer Gesamtbetrachtung der beruflichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebensbeziehungen eines Menschen auf mehrere Wohnsitze zu, so hat er jenen als Hauptwohnsitz zu bezeichnen, zu dem er das überwiegende Naheverhältnis hat“ (§  1 Abs. 7 MeldeG). Jede Person darf in Österreich ausschließlich einen Hauptwohnsitz, darüber hinaus beliebig viele „Zweit- oder Nebenwohnsitze“ in anderen Gemeinden begründen.1 Das Meldegesetz ist weit gefasst, sodass jeder Person ausreichend Argumentationsspielraum zur Rechtfertigung der Begründung bzw. der Verlegung des Hauptwohnsitzes zur Verfügung steht. Somit lässt sich über den Hauptwohnsitz einer Person nicht automatisch auf dessen Bedeutung als realer Lebensmittelpunkt einschließlich Aufenthaltsdauer und Aktivitätsprofil schließen. So kann es sein, dass der Nebenwohnsitz aufgrund der gegebenen emotionalen Verbindung den eigentlichen Lebensmittelpunkt einer Person darstellt, während rationale Bestimmungsfaktoren – wie z.  B. an den Hauptwohnsitz gebundene (monetäre) Vorteile – die Wahl bzw. Festlegung des formalen räumlichen Lebensmittelpunktes (= Hauptwohnsitz) mitbestimmen. 2 Eckdaten zur Multilokalität in Österreich Wisbauer, Kausl und Marik-Lebeck et al. (2013) haben erstmals auf Basis der vorhandenen Informationen der amtlichen Statistik zu den Haupt- und Nebenwohnsitzen aus statistisch-geographischem Blickwinkel die quantitative Dimension von Multilokalität unter Berücksichtigung der räumlichen Differenzierung für Österreich analysiert, die Relevanz soziodemografischer und sozioökonomischer Merkmale für Multilokalität aufgezeigt und die räumlichen Verflechtungen zwischen den Wohnsitzen der multilokal lebenden Personen in Österreich graphisch dargestellt.2 Aus dieser Quelle stammen alle in diesem Kapitel enthaltenen Zahlenangaben. 1 Die An- und Abmeldung von Haupt- und Nebenwohnsitzen bzw. die Ummeldung eines Hauptwohnsitzes in einen Nebenwohnsitz bzw. umgekehrt liegt in der Verantwortung der Einzelpersonen. Deshalb sind Über- bzw. Untererfassungen multilokal lebender Personen möglich (Wisbauer/Kausl/ Marik-Lebeck et al. 2013) und bei der raum- bzw. planungswissenschaftlichen Interpretation der Datengrundlagen zu berücksichtigen. 2 Wisbauer, Kausl, Marik-Lebeck et al. (2013) beziehen sich hierbei auf eine Sonderauswertung der Direktion Bevölkerung der Statistik Austria zu den in- und ausländischen Nebenwohnsitzerinnen und Nebenwohnsitzern sowie der Abgestimmten Erwerbsstatistik zum Stichtag 31. Oktober 2009. Dem Abgleich mit anderen Erhebungen (wie etwa der Pendlerstatistik) wird eine Erhöhung der Plausibilität der Interpretation zugeschrieben. 262 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen Zum Stichtag 31. Oktober 2009 gab es in Österreich 1.032.874 multilokal lebende Personen, die in Österreich insgesamt rund 1,1 Millionen Nebenwohnsitze haben. Diese Personen gliedern sich in zwei Gruppen: 1. Personen mit Haupt- und Nebenwohnsitz in Österreich und 2. Personen, die in Österreich einen oder mehrere Nebenwohnsitze, im Ausland hingegen ihren Hauptwohnsitz haben. Die Zugehörigen zur ersten Gruppe stellen anteilsmäßig mit 79  % den Großteil der in Österreich multilokal Wohnenden dar (vgl. Tab.  1). Multilokal Wohnende insgesamt 1.032.874 Personen Wohnsitze der multi-lokal Wohnenden insgesamt 1.918.649 Haupt- und Nebenwohnsitze … darunter Personen mit Haupt- und Nebenwohnsitz(en) in Österreich 817.846 Personen … darunter von Personen mit Haupt- und Nebenwohnsitz(en) in Österreich 817.846 Hauptwohnsitze 882.612 Nebenwohnsitze … darunter Personen ausschließlich mit Nebenwohnsitz(en) in Österreich 215.028 Personen … darunter von Personen ausschließlich mit Nebenwohnsitz in Österreich 218.191 Nebenwohnsitze Tab. 1: Überblick über multilokal wohnende Personen in Österreich / Quelle: Wisbauer/Kausl/Marik- Lebeck et al. (2013). Eigene Darstellung. Personen mit Haupt- und Nebenwohnsitz(en) in Österreich Betrachtet man die multilokal Wohnenden mit Haupt- und Nebenwohnsitz in Österreich näher, so zeigt sich, dass 11  % der Österreicherinnen und Österreicher und 3  % der in Österreich lebenden ausländischen Staatsangehörigen ein multilokales Leben führen. Geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich der quantitativen Bedeutung multilokaler Lebensführung hingegen lassen sich innerhalb dieser Personengruppe nicht ausmachen. Innerhalb der Gruppe der Personen mit Haupt- und Nebenwohnsitz ist Multilokalität unter Personen im dritten Lebensjahrzehnt am stärksten ausgeprägt: Rund 16  % der 20- bis 29-Jährigen Wohnbevölkerung gelten als multilokal. Hierbei handelt es sich vor allem um Studierende mit je einem Wohnsitz am Ausbildungs- und Arbeitsort,3 Personen, die ins Berufsleben einsteigen, sowie um in Paarbeziehungen, aber an unterschiedlichen Wohnstandorten lebende Personen (Living-Apart-Together (LAT); s. Dittrich-Wesbuer/Sturm zu Nicht-amtliche Daten in diesem Band). 3 Rund 18% der Studierenden und 20% der in Ausbildung befindlichen Erwerbstätigen leben multilokal. 263Multilokale lebensführung in Österreich Die statistischen Daten belegen, dass mit zunehmendem Alter das wechselweise Leben an verschiedenen Wohnsitzen abnimmt: So lag die auf Basis der Art und Anzahl der Wohnsitze definierte Multilokalität der 60- bis 69-Jährigen im Jahr 2009 bei knapp 10  %, bei Personen im Alter von 85 und mehr Jahren bei 9  %. Personen mit Nebenwohnsitz(en) in Österreich und Hauptwohnsitz im Ausland Diese Gruppe multilokal Wohnender umfasst 215.028 Personen, davon 80  % nichtösterreichische Staatsangehörige. Unter den Personen mit nicht-österreichischer Staatsangehörigkeit sind EU-Bürgerin- nen und EU-Bürger am häufigsten vertreten, wobei Deutsche mit 35  % die größte Gruppe stellen. An zweiter Stelle folgen die Slowakinnen und Slowaken mit 9  % sowie Ungarinnen und Ungarn mit 5  %. Zu den Personen aus der Slowakei und Ungarn ist anzumerken, dass es sich hierbei um Erwerbspersonen handelt, die vor allem in der Pflege und 24-Stunden-Betreuung beschäftigt sind und am Wohnsitz der zu betreuenden Person mit Nebenwohnsitz gemeldet sind. Zur Gruppe der in Österreich ausschließlich mit Nebenwohnsitz gemeldeten Personen ist zudem anzumerken, dass ein großer Teil der nicht-österreichischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger in Österreich einer saisonalen (z.  B. im Tourismus) bzw. einer über das Jahr in regelmäßigen Abständen zeitlich geblockten Erwerbstätigkeit (Pflegerinnen und Pfleger) nachgeht bzw. sich an österreichischen Universitäten und Fachhochschulen ausbilden lässt.4 Hinsichtlich der Alters- und Geschlechterstruktur zeigt sich in dieser Gruppe der multilokal Wohnenden ein Schwerpunkt an Personen im Alter von 20 bis 40 Jahren sowie ein Überhang an Frauen. Ebenfalls hervor sticht in dieser Gruppe der große Anteil an Personen in der nachberuflichen Lebensphase. 3 Lebenslagen und lebensphasenbezogene Multilokalität und die räumlichen Verflechtungen zwischen den Wohnsitzen Multilokale Lebensführung ist auch in Österreich ein vielschichtig begründetes Phänomen: Betrachtet man Multilokalität entlang des Lebenszyklus, so zeigt sich, dass Multilokalität vor allem durch zwei (einander überlagernde) Aspekte bedingt ist: 1 die Entscheidungskompetenz (einschließlich des finanziellen Handlungsspielraums), die darüber bestimmt, ob Multilokalität eine selbstbestimmte oder fremdbestimmte Art der Lebensführung (in bestimmten Lebensphasen und Lebenslagen) sein kann bzw. ist, und 4 In diesem Zusammenhang ist auf die Studierenden aus Südtirol zu verweisen. Sie machen einen Großteil der 5% italienischen Staatsbürgerinnen und -bürger aus, die in Österreich ausschließlich mit Nebenwohnsitz gemeldet sind. 264 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen 2 die räumlich ungleich verteilten Chancen auf Verwirklichung eines auf individuellen Maßstäben beruhenden sogenannten guten Lebens; diese Chancen beziehen sich einerseits auf das Vorhandensein und den Zugang zu einem (adäquaten) Ausbildungs- und Arbeitsplatzangebot und die infrastrukturelle Versorgung(squalität) mit Gütern und Diensten des täglichen Bedarfs sowie die Eignung der Hauptwohnsitzgemeinde als Ort der Freizeit und Erholung. Darüber hinaus sind sowohl die Anspruchsprofile und Handlungsspielräume in Bezug auf eine auf Annehmlichkeiten beruhende multilokale Lebensführung (z.  B. Kauf einer entsprechenden Liegenschaft oder Wohnung; Freizeitimmobilien in Familienbesitz) innerhalb der Bevölkerung ungleich verteilt als auch die Rahmenbedingungen für multilokales Wohnen räumlich verschieden. Daraus folgt, dass Multilokalität in Österreich regional sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Im Folgenden wird unter Berücksichtigung der beiden oben genannten Aspekte die multilokale Lebensführung in Österreich entlang des Lebenszyklus auf der Basis der verfügbaren statistischen Informationen für ausgewählte Personengruppen dargestellt und – sofern möglich – auf die räumliche Verflechtung zwischen den Wohnsitzen eingegangen. Multilokal lebende Kinder Der Hauptgrund, weshalb Kinder ein Leben an mehreren Orten führen (müssen), ist hauptsächlich darin begründet, um nach der Trennung bzw. Scheidung der Eltern die Beziehung zu beiden Elternteilen bzw. zu den Großeltern aufrechtzuerhalten (Kelly 2006; Jappens/Van Bavel 2016). Multilokalität ist in diesem Zusammenhang daher meist eine tendenziell fremdbestimmte und – nicht zuletzt bedingt durch den Aufwand für die Distanzüberwindung – die Kinder auch belastende Art der Lebensführung, die zu einer räumlichen Splittung des Lebensmittelpunktes in Form des alternierenden Wohnens bzw. sich Aufhaltens entweder bei der Mutter oder beim Vater oder auch bei den Großeltern führt (s. Schier in diesem Band). In Österreich gab es im Jahr 2009 mindestens 25.000 Kinder,5 das heißt Personen im Alter von 0 bis 10 Jahren (Wisbauer/Kausl/Marik-Lebeck et al. 2013), die zwischen mehreren Wohnorten hin und her pendelten. Dabei wies die räumliche Entfernung zwischen den verschiedenen Wohnsitzen eine große Bandbreite auf und resultierte aus der Wohnstandortwahl der Eltern (ebd.). Multilokal lebende, in Österreich in Ausbildung stehende Personen Rund 62.000 Schülerinnen und Schüler sowie Studierende haben in Österreich ihren Haupt- und Nebenwohnsitz. Die Pendeldistanzen zwischen den Wohnsitzen sind innerhalb der Gruppe der Studierenden/Auszubildenden am höchsten. Im Durchschnitt beträgt sie rund 100 Kilometer. Dies ist auf die Konzentration der hochrangigen Aus- 5 Die tatsächliche Anzahl der multilokal lebenden Kinder aus Trennungsfamilien lässt sich aufgrund der Meldepraxis – es kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Elternteil, bei dem das Kind wenig(er) Zeit verbringt, das Kind auch mit Nebenwohnsitz meldet – zwar nicht exakt bestimmen, gemäß Wisbauer/Kausl/Marik-Lebeck et al. (2013) sind Kinder als multilokal Wohnende jedoch unterrepräsentiert. 265Multilokale lebensführung in Österreich bildungsstätten in Wien und den Landeshauptstädten sowie den allgemeinen Trend zur akademischen Ausbildung und beruflichen Höherqualifizierung zurückzuführen. Zwei von drei Nebenwohnsitzen der Auszubildenden (18- bis 26-Jährige) befinden sich in einer Universitäts- oder FH-Standortgemeinde. Ähnlich verhält es sich bei ausländischen Studierenden mit Hauptwohnsitz im Ausland. Auch deren Nebenwohnsitze konzentrieren sich in den Universitätsstädten. Hervorzuheben ist die große Bedeutung und Attraktivität Innsbrucks für Studierende aus Südtirol.6 Wochenpendler mit Haupt- und Nebenwohnsitz in Österreich Rund 12  % der Erwerbstätigen (=  473.585 Personen) pendeln in unterschiedlichen zeitlichen Rhythmen zwischen Wohn- und Arbeitsort in Österreich. Deren Nebenwohnsitze konzentrieren sich im Osten Österreichs, das heißt in den Bundesländern Wien, Niederösterreich und Burgenland. So entfällt beispielsweise knapp die Hälfte aller Nebenwohnsitze in Niederösterreich auf Personen mit Hauptwohnsitz in Wien, im Burgenland sind es knapp 60  %. Rund 60  % der Nebenwohnsitze in Wien gehören Personen mit Hauptwohnsitz außerhalb Wiens. Hier kommt die zentrale Bedeutung der Bundeshauptstadt Wien mit seinem ausdifferenzierten Arbeitsplatz- und Ausbildungsangebot zum Ausdruck. Des Weiteren sind die räumlichen Verflechtungen zwischen Wien bzw. den Landeshauptstädten und ihren jeweiligen Umlandgemeinden stark ausgeprägt, dies lässt sich nicht zuletzt an der hohen Zahl der Wochenendpendlerinnen und -pendler beobachten. Die in ländlichen Räumen gelegenen Nebenwohnsitze sind tendenziell die Herkunftsgemeinden von zur Arbeit in die Stadt gezogenen Bevölkerungsgruppen und fungieren nunmehr vornehmlich als Freizeitwohnsitz. Die Wohnsitzverflechtungen von und nach Wien sind am häufigsten (v.  a. zwischen der Stadt Wien und den Gemeinden der Stadtregion Wien). An zweiter Stelle liegen bereits die Wohnsitzverflechtungen zwischen Wien und den Landeshauptstädten (wie etwa Wien – Graz, Wien – Linz). In der Analyse der multilokal lebenden Erwerbspersonen wird das Gewicht bestimmter Branchen, die eine tendenziell räumlich und zeitlich flexible Arbeitszeitgestaltung zulassen, deutlich: Hohe Anteile an Multilokalen sind in der Informations- und Kommunikationsbranche aufgrund der hohen Beschäftigtenzahl in diesen Branchen zu finden, ferner bei freiberuflich Tätigen sowie im Bereich wissenschaftlicher und technischer Dienstleistungen, aber auch unter den Lehrerinnen und Lehrern und (freischaffenden) Künstlerinnen und Künstlern. 6 Gemäß Statistik Austria (2011) studierten im Wintersemester 2009/10 rund 4.000 Italienerinnen und Italiener in Innsbruck, darunter etwa 3.800 aus Südtirol. 266 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen Zudem zeigt sich, dass Multilokalität unter Personen mit höheren Ausbildungsständen weit verbreitet ist: Knapp 20  % der Personen mit abgelegter Reifeprüfung als höchstem Schulabschluss bzw. rund 25  % der Fachhochschul- bzw. Universitätsabsolventinnen und -absolventen verfügen über mehrere Wohnsitze. Es kann vermutet werden, dass sich die Multilokalität der Wochenpendler mit Haupt- und Nebenwohnsitz in Österreich auch auf die von ihnen übernommenen Fürsorgepflichten für ihre älteren bzw. hochbetagten Eltern zurückführen lässt (s. Schier und Fischer zu Familien in diesem Band). Ausländische Arbeitskräfte ausschließlich mit Nebenwohnsitz in Österreich Diese Gruppe umfasste im Jahr 2009 40.611 Personen, die (saisonal) in den Bereichen Tourismus (v.  a. in Westösterreich) und Bauwesen sowie im Pflegebereich tätig waren. Slowakinnen und Slowaken stellten hierbei den größten Anteil. Dies lässt sich auf die stark gewachsene Nachfrage nach 24-Stunden-Betreuung älterer betreuungsbedürftiger Menschen zurückführen. Aufgrund der demographischen Situation ist – sofern die Bedingungen auf den ost- und südosteuropäischen Arbeitsmärkten gleichbleiben – eine weitere Zunahme zu erwarten. In Niederösterreich zeigt sich bereits heute eine Konzentration der Nebenwohnsitze von Personen mit slowakischer Staatsangehörigkeit.7 Neben der wachsenden Nachfrage nach ausländischen Pflegekräften ist dies auch durch die steigende Suburbanisierung um die slowakische Hauptstadt Bratislava begründet. Freizeit- und Altersresidenzen von Personen mit Hauptwohnsitz im Ausland Die Nebenwohnsitze dieser mit rund 73  % anteilsmäßig größten Personengruppe ausländischer Staatsangehörigkeit (v.  a. Deutschland und Italien) konzentrieren sich in landschaftlich attraktiven, teilweise infrastruktur- und wirtschaftsschwachen Regionen, aber auch in Wintersportorten8. Hierzu zählen Gemeinden des Salzkammerguts9 ebenso wie Kitzbühel und Lech am Arlberg (beide in Tirol), das obere Ennstal (Steiermark) und das Gasteinertal (Salzburg). In einigen der diesen Regionen zugehörigen Gemeinden übertraf die Anzahl der Freizeitwohnsitze jene der Hauptwohnsitze. 4 Potenziale und Risiken von Multilokalität für strukturschwache ländliche Regionen Auch in Österreich zählt der Abbau der regionalen Disparitäten zu den zentralen raumpolitischen Zielen (ÖROK 2011), wobei der Beobachtung und Analyse der Wanderungsbewegungen – allen voran der selektiven Abwanderung – und der Auslotung der Handlungsmöglichkeiten strukturschwacher ländlicher Räume im Kontext der Digitalisierung in Zukunft besondere Beachtung geschenkt werden soll (ÖROK 2018). Dieser Ausblick ist im Zusammenhang mit der quantitativen und zugleich räumlich 7 Internationale Verflechtungen der Wohnsitze sind nicht darstellbar, da im Falle der ausschließlichen Nebenwohnsitzmeldung in Österreich die Hauptwohnsitze im Ausland nicht erfasst werden. 8 Diese sind vermutlich aus dem Urlaub bekannt. 9 Diese sogenannte Wahrnehmungsregion setzt sich aus Gemeinden der Bundesländer Oberösterreich, Salzburg und der Steiermark zusammen.