Kann die Regionalplanung die Raumplanung retten?
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Fürst, Dietrich Book Part Kann die Regionalplanung die Raumplanung retten? Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Fürst, Dietrich (2014) : Kann die Regionalplanung die Raumplanung retten?, In: Küpper, Patrick Levin-Keitel, Meike Maus, Friederike Müller, Peter Reimann, Sara Sondermann, Martin Stock, Katja Wiegand, Timm (Ed.): Raumentwicklung 3.0 - Gemeinsam die Zukunft der räumlichen Planung gestalten, ISBN 978-3-88838-385-4, Verlag der ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, pp. 50-61, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-3854057 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/102897 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/
Dietrich Fürst Kann die Regionalplanung die Raumplanung retten? URN: urn:nbn:de:0156-3854057 CC-Lizenz: BY-NC-ND 3.0 Deutschland S. 50 bis 61 Aus: Patrick Küpper, Meike Levin-Keitel, Friederike Maus, Peter Müller, Sara Reimann, Martin Sondermann, Katja Stock, Timm Wiegand (Hrsg.) Raumentwicklung 3.0 – Gemeinsam die Zukunft der räumlichen Planung gestalten 15. Junges Forum der ARL 6. bis 8. Juni 2012 in Hannover Arbeitsberichte der ARL 8 Hannover 2014
Kann die Regionalplanung die Raumplanung retten? 50 Dietrich Fürst Kann die Regionalplanung die Raumplanung retten? Gliederung 1 Problem- und Fragestellung 2 Acht Thesen 3 Fazit: Regionalplanung kann die Raumplanung retten, aber nur wenn sich Raumplanung ändert Literatur Kurzfassung Möglichkeiten zur „Rettung“ der Raumplanung durch Regionalplanung beruhen auf der Koordinationskraft von Regionen, der Umsetzungsstärke der Regionalplanung (höhere gesellschaftliche Sichtbarkeit über Projekte), der gesellschaftlichen Mehrwertfunktion regionalplanerischer interdisziplinärer Koordination, wirksamen neuen Governance- Arrangements und der wirksameren Emotionalisierbarkeit und gesellschaftlichen Mobilisierbarkeit (place-making, visioning). Unterstützt wird eine Neuorientierung durch günstige gesellschaftliche Rahmenbedingungen (Wissensgesellschaft, Internet, neues Gemeinwohldenken, neue Ethik-Debatten). In diesem Beitrag werden acht Thesen vorgestellt, die ausleuchten sollen, ob die Regionalplanung die wirkungsvollere Ebene ist, um einen Mehrwert der Planung sichtbar zu machen, der letztlich auch die übergeordnete Raumplanung in der politischen Achtung aufwerten kann. Schlüsselwörter Regionalplanung – Koordinationsfunktion – Governance Can Regional Planning Save Spatial Planning? Abstract The potential to “save” spatial planning by means of regional planning depends on the co-ordinating strength of regions, the implementation capacity of regional planning (increased societal visibility through projects), the societal value-added functions of interdisciplinary regional planning coordination, effective and novel governance arrangements, and more concerted attempts to generate emotional attachments and societal mobilisation (place-making, visioning). A reorientation is supported by more conducive societal framework conditions (knowledge society, Internet, new approaches to the public good, novel ethical debates). This article introduces eight hypotheses to examine whether regional planning should be considered a more apt level to make the added value of planning visible. Ultimately, the aim is to direct political attention towards the superordinate realm of spatial planning.
Kann die Regionalplanung die Raumplanung retten? 51 Keywords Regional planning – coordination function – governance 1 Problem- und Fragestellung Die Aufwertung der Raumplanung in Politik und Öffentlichkeit hat die Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) immer wieder beschäftigt, und zwar seit Jahrzehnten. Dass dieses Thema schwierig ist und keine einfachen Lösungen erlaubt, zeigt die Geschichte dieser Bemühungen. Gleichwohl soll im Folgenden nochmals ein zarter Versuch unternommen werden, die Raumplanung über die Regionalplanung zu „retten“. Das zentrale Problem liegt darin, dass Raumplanung kein Gut produziert oder anbietet, das politische Begehrlichkeit weckt, und in einer Welt operiert, die sektoral fragmentiert handelt und in der Interessengruppen sich über Fachpolitiken politische Vorteile verschaffen. Erschwert wird ihre Situation dadurch, dass ihre gesellschaftliche Notwendigkeit immer weniger erkannt wird, je mehr sich Fachpolitiken auch räumlich organisieren und „sektorale Raumordnungskonzepte“ vorlegen. Wir finden das beispielsweise in der Wasserwirtschaft (Wassereinzugsgebiete), im Naturschutz, im Verkehrsbereich, im Bereich der Elektrizitätsnetze („Bundesfachplanung für Höchstspannungsleitungen“, Wagner 2011), im Tourismusbereich (touristische Großprojekte). Selbst das Thema der Kulturlandschaftgestaltung, das eigentlich ein raumplanerisches ist (§ 2 Abs. 2, Ziff. 5 ROG)1, wird inzwischen von Organisationen besetzt, in denen die Regionalplanung nur eine Randposition einnimmt – beispielsweise in Nordrhein-Westfalen die „Regionalen“ (vgl. Molitor 2012). Das hat vielfach zur Folge, dass im Zuge der allgemeinen staatlichen Finanzkrise gerade in der Raumplanung Mittel gekürzt werden – und auch die Hochschulen spüren, dass planerische Fakultäten gegenüber anderen eher ins Hintertreffen geraten (Campbell 2010: 472). Gleichwohl gehen Raumplaner unerschrocken davon aus, dass die höherrangigen Raumplanungen (Landes-, Bundes-, EU-Ebene) die Idee der Raumplanung stützen werden. So wird der nationalen Raumplanung zugetraut, über Modellvorhaben, Großprojekte, nationale „Schlüsselprojekte“ die Raumordnungspolitik aufzuwerten (Scholl 2012), und sogar als Koordinationsinstrument der EU-Politik wird Raumplanung ins Gespräch gebracht (Faludi 2010). Im Folgenden soll der umgekehrte Blickwinkel eingenommen werden: Könnte es sein, dass die Regionalplanung die wirkungsvollere Ebene ist, um entscheidende Mehrwert- Elemente der Planung sichtbar zu machen, die letztlich auch die übergeordnete Raumplanung in der politischen Achtung aufwerten könnten? Dem wird nun mithilfe von acht Thesen nachgegangen. 1 „Kulturlandschaften sind zu erhalten und zu entwickeln“ heißt es in § 2 Abs.2, Ziff. 5 ROG.
Kann die Regionalplanung die Raumplanung retten? 52 2 Acht Thesen These 1: Der Raum hat als Koordinationssubstrat in den letzten 40 Jahren immer mehr Aufmerksamkeit gewonnen. Davon könnte die Regionalplanung profitieren, mehr als die Landesplanung. Die Koordinationskraft des Raumes ist nicht eine Fiktion der Raumplanung, sondern wurde auch von den Wirtschaftswissenschaften und den Geowissenschaften entdeckt. Abgesehen von der sehr früh erkannten Bedeutung von Agglomerationseffekten für die Infrastrukturversorgung (urban economies), die sektorale Arbeitsteilung (localization economies) und für die Vorteile der Massenproduktion (large scale economies) wurde der Raum in den Wirtschaftswissenschaften als Integrations- und Koordinationssubstrat in den 1970er Jahren am Beispiel von Silicon Valley wahrgenommen (Saxenian 1996): Der Schwerpunkt lag hier auf den Kommunikationsströmen und Netzwerken, die mit niedrigen Transaktionskosten gestaltet werden können und Synergie- sowie Innovationseffekte auslösen. In den 1980er Jahren wurde die Aufmerksamkeit auf das „Dritte Italien“ gelenkt (Sabel 1989; Bathelt 1998) – flexible Spezialisierung zwischen Unternehmen, welche die Risikokosten absenken und Umstrukturierungsprozesse erleichtern. In den 1990er Jahren kam die „new economic geography“ ins Gespräch (Krugman 1991): Synergieeffekte und large scope effects wurden stärker in den Blick genommen, die Folge der räumlichen Nähe und der Dichte von Interaktionsströmen in Agglomerationsräumen sind. Daraus wurde die Koordinationskraft des Raumes für unternehmerische Netzwerke und Cluster abgeleitet (Porter 1998). Unterstützt wurde diese Diskussion durch die wachsende Bedeutung von Netzwerken und der intersektoralen Kooperation, durch Untersuchungen über „regional innovation systems“ (Asheim/Lawton Smith/Oughton 2011), die in den Sozialwissenschaften aufkommende Sozialkapital- Debatte (Putnam/Goss 2001) und die „Cultural turn“-Tendenz in den Regionalwissenschaften (vgl. Stephenson 2010), die darauf verweist, in welchem Maße soziale Bindungen und kulturelle Prägungen Interaktionen in Räumen und die Entwicklung von Regionen bestimmen – eine These, die vor allem von der Gruppe „Corporate Culture and Regional Embeddednes“ im Rahmen des von der EU-Kommission geförderten internationalen Forschungskonsortiums CURE („Creative Urban Renewal in Europe“, vgl. http://www.cure-web.eu) herausgearbeitet wurde (Dörhöfer/Minnig/Pekruhl et al. 2011; Cooke/Rehfeld 2011; Prud’homme van Reine/Dankbaar 2011). Die „resurgence of the region“ ist vor allem in Europa sehr virulent (Sassen 2008; Paasi 2009). Auch politisch-administrativ hat die Region an Bedeutung gewonnen: Ein Vergleich von 43 europäischen Ländern im Zeitraum 1950 bis 2006 zeigt, dass 29 Länder dezentralisiert haben (Hooghe/Marks/Schakel 2010: 52 ff.). Die Koordinationskraft von Regionen ist vor allem in Gesellschaften relativ groß, die stärker auf „Korporatismus“ und konsensbetonte Politikmuster ausgerichtet sind wie Deutschland. Nicht zufällig hat die schwedische Gruppe um Göran Lindqvist in ihrem „European Cluster Observatory“ von 100 europäischen Clustern mindestens 30 in Deutschland identifiziert (Economist 2012: 27). Regionen sind auch die Ebene, auf der für die Spannungsstrukturen zwischen Globalisierung und regionaler Entwicklung Lösungen durch neue Formen der Governance und soziale Interaktionen verschiedener regionaler Akteure gefunden werden müssen. Spannungen dieser Art sind erkennbar: zwischen Internationalisierung und regionalen Clustern, zwischen Zwang zum Wettbewerb und Vorteilen der Kooperation, zwischen „geschlossener Innovation“ (zur Sicherung der Urheberrechte) und „offener Innovation“ (zur
Kann die Regionalplanung die Raumplanung retten? 53 Nutzung der Netzwerkvorteile), zwischen der Vorherrschaft großer Unternehmen und der Förderung von „start-ups“ und „spin-offs“, zwischen den Zwängen neuer Technologien und den Marktkräften der Konsumentenwünsche, zwischen unternehmerischen Zwängen und der Notwendigkeit, in Fachkompetenz zu investieren, zwischen „Shareholder“- und „Stake-holder“-Interessen, zwischen Zwang zu schnellen Entscheidungen und der Notwendigkeit partizipativer Mitbestimmung (Prud’homme van Reine/ Dankbaar 2011: 1867 f.) These 2: Schwächen der Raumplanung sind teilweise strukturell bedingt. So werden die Herausforderungen unserer Gesellschaft primär über Fachressorts abgearbeitet. Raumplanung wird immer mehr an den Rand gedrängt, weil politisch nicht ergiebig genug. Die Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft steht, sind vielfältig, aber im wesentlichen reduzierbar auf ökonomische (Globalisierung, Euro-Krise, Finanzkrise des Staates), ökologische (Klimawandel, Energiewende, Umweltgifte), soziale („Zwei-Drittel- Gesellschaft“, Integrationsproblematik, regionale Disparitäten, Risiken der Daseinsvorsorge für bestimmte Gruppen und Regionen) sowie gouvernementale (Wandel des Staates in einer globalisierten Welt, Föderalismusreform, Verwaltungsreform, Gebietsreform). Solche Herausforderungen haben zwar sektorübergreifende Wirkungen und bedürfen auch entsprechender Antworten, aber in der Praxis werden sie fragmentiert behandelt: in den jeweiligen Fachressorts, in denen die Herausforderungen Handlungsbedarf auslösen. Dafür wird von der Gesellschaft Geld bereitgestellt, werden Expertisen in Auftrag gegeben, werden Arrangements geschaffen, um organisiert dagegen vorgehen zu können. Zwar ist die Raumplanung als Querschnitt-Akteur in besonderer Weise davon betroffen (vgl. Fürst 2011). Aber ihre gesellschaftliche Relevanz zur Bearbeitung der Herausforderungen wird als gering erachtet. Das hat mehrere Gründe: Das ihr zur Verfügung stehende Instrumentarium ist wenig darauf ausgerichtet: Zwar haben die Herausforderungen eine räumliche Inzidenz, aber sie lassen sich nicht mit raumordnerischen Maßnahmen angehen. Die Stärke der Raumplanung liegt allenfalls darin, durch neue Governance-Arrangements mehr zivilgesellschaftliche Selbsthilfekräfte auf regionaler Ebene zu mobilisieren. Aber auch das funktioniert nur bedingt, abhängig davon, ob die Herausforderungen als Gemeinschaftsaufgabe wahrgenommen und definiert werden können und die Akteure in den Regionen genügend Handlungsmöglichkeiten sehen, darauf einzuwirken. Raumplanung hat es auch kaum schaffen können, die notwendige politische Aufmerksamkeit zu bekommen, weil sie als Kollektivgut wahrgenommen wird, das kaum individuelle Vorteile bietet (aber individuelle Kosten erzeugt), sie kann deshalb auch keine Lobby entwickeln und schon gar nicht parteipolitische Vorteile bieten, mit denen Wählerstimmen zu gewinnen wären. Eher wird versucht, die Raumplanung aus der Problembearbeitung herauszuhalten, weil sie als „retardierend“ gilt – als „Verhinderungsplanung“, die raumrelevante Entscheidungen mit ihren raum- und umweltbezogenen Einwänden verzögert. Das gilt umso mehr, als die globalisierte Welt mit ihrem schnellen technologischen Fortschritt und den sich schnell wandelnden Problemkulissen schnelle Entscheidungen benötigt und ohnehin das immer mehr auseinanderklaffende Verhältnis von schnellem Entscheidungsbedarf und langsameren politischen Konsensbildungsprozessen
Kann die Regionalplanung die Raumplanung retten? 54 auch das demokratische politisch-administrative System vor neue Herausforderungen stellt (Scheller 2012). Dazu gehört auch, dass das raumplanerische Instrumentarium asymmetrisch ist: Es ist relativ stark im ordnungsfunktionalen Bereich, aber schwach (weil nur persuasiv) im entwicklungsfunktionalen Bereich. These 3: Raumplanung bietet einen Mehrwert gegenüber Fachressorts, die ihre Probleme fachspezifisch zu eng definieren – auch dann, wenn sie sich um interdisziplinäre Koordination bemühen. Auch deren Koordination wird fach-egoistisch geführt: Man koordiniert sich so weit, wie es aus Ressortinteresse notwendig ist. Es liegt in der Natur von Fachressorts, Problemdefinitionen ressort-egozentrisch zu suchen. Das sind solche, die sich mit den Mitteln der Ressorts beherrschen lassen. Sofern weitere Kräfte von anderen Ressorts eingeworben werden müssen, bleiben solche Ansätze darauf beschränkt, was unbedingt notwendig ist – Notwendigkeit definiert aus Sicht des Ressorts. Das ist ressortökonomisch betrachtet konsequent. Denn je mehr man sich auf andere Kräfte abstützt, umso mehr verliert man seine Ressortautonomie. Diese ist aber ein hohes Gut, weil nur sie sicherstellt, dass genügend Ressourcen in den jährlichen Haushaltskämpfen eingeworben werden und sich die Ressorts politisch so profilieren können, dass ihre Relevanz genügend sichtbar gemacht werden kann. Wenn beispielsweise von den Wirtschaftsressorts regionale Entwicklungsprojekte angestoßen werden, so stehen die an wirtschaftlichen Indikatoren messbaren regionalen Erfolge im Vordergrund – ökologische Belange werden nolens-volens berücksichtigt, soziale Belange meist ausgeklammert, es sei denn, starke zivilgesellschaftliche Kräfte können sich durchsetzen. Umweltressorts würden regionale Entwicklungsprojekte primär unter ökologischen Aspekten ansetzen – die wirtschaftliche Seite wird zwar nolens volens mitberücksichtigt, aber häufig auch mit dem Effekt, dass wirtschaftlich suboptimale Lösungen geschaffen werden. Raumplanung könnte hier weit ausgewogener operieren, zumal sie den gesetzlichen Auftrag zur raumbezogenen Koordination von raumbedeutsamen Maßnahmen hat. In dieser Eigenschaft ist sie eine Art „Meta-Regulierer“ (Einig 2011: 190 f.), die den raumbezogenen Rahmen für das Handeln anderer Behörden setzt. Aber wenn Regionalplaner zu Regionalkonferenzen aufrufen, erreichen sie allenfalls einen Achtungserfolg in der Eingangssitzung (viele Akteure kommen nur mit Kontrollinteressen, um Dinge nicht aus dem Ruder laufen zu lassen). Dagegen sieht man im weiteren Verlauf der Veranstaltungen häufig, dass das Engagement nachlässt, weil unsicher ist, in welchem Maße es über die Regionalkonferenz gelingt, nicht nur schöne Visionen zu erzeugen, sondern sie auch mit Ressourcen zu unterfüttern, um sie in die Praxis umzusetzen.
Kann die Regionalplanung die Raumplanung retten? 55 These 4: Die Regionalplanung kann eine Lücke in der gesellschaftlichen Problembearbeitung schließen, indem sie Probleme weit genug, mit ausreichendem zeitlichem und sachlichem Horizont definiert, Negativfolgen von Entscheidungen aufdeckt (Raumordnungsverfahren, Umweltverträglichkeitsprüfung, Sozialverträglichkeitsprüfung) und ressortübergreifende Lösungswege aufzeigt („Raumentwicklungskonzepte“). Die genannten raumplanerischen Potenziale werden von den Fachressorts gern mit dem Verweis bestritten, dass Regionalplaner nicht über das erforderliche Fachwissen verfügten, lediglich Moderatoren seien und ihrerseits eine eingeschränkte Perspektive hätten, indem sie primär unter Umwelt- und Raumverträglichkeitsaspekten an die Probleme herangingen. Dahinter steht ein besonders deutsches Problem: Regionalplanung ist eine staatlich autorisierte Planung, die vor allem der Umsetzung landesplanerischer Vorgaben gilt. Dafür wird sie über Landesplanungsgesetze ermächtigt. Deshalb werden auch Regionale Planungsverbände vom Staat bezuschusst. Diese hoheitliche Funktion der Regionalplanung führt zum verbindlichen Regionalplan mit restriktiven Wirkungen für Raumnutzer. Daraus resultiert das Image der Regionalplanung, primär Verhinderungsplanung zu sein. Da zudem die Personaldecke der Regionalplaner immer zu kurz ist, wird deren Leistungspotenzial weitgehend durch raumordnerische Aktivitäten aufgefressen: Pläne machen, Planumsetzung kontrollieren, Raumnutzer beraten, Raumnutzungskonflikte bereinigen. Regionalplaner haben viel zu wenig Zeit, sich mit Regionalentwicklungsaufgaben zu befassen. Das ist ambivalent zu beurteilen. Zum einen fühlen sich Regionalplaner am sichersten im Bereich der Raumordnungspolitik. Dafür wurden sie ausgebildet, darin haben sie die stärksten Instrumente und darin werden sie von den Fachressorts und Gemeinden auch am intensivsten wahrgenommen. Das ist quasi die Grundlage ihrer administrativen Autorität. Zum anderen aber ist Raumentwicklungspolitik noch zu wenig dazu angetan, der Regionalplanung ein positiveres Image zu geben. Nur wenigen Regionalplanungsorganisationen gelang es, bei Gemeinden und Fachressorts für ihre weiterreichenden Entwicklungsaufgaben Akzeptanz zu gewinnen. Das mag mit den Regionalplanern selbst zu tun haben, die sich in diese Bereiche nur zögernd vorwagten, hat aber vor allem seinen Grund in der fehlenden institutionellen Absicherung der Entwicklungsfunktion (asymmetrisches Instrumentarium). Gleichwohl gibt es immer mehr Regionalplaner, vor allem unter den jüngeren, die der Entwicklungsfunktion gern wesentlich mehr Aufmerksamkeit widmen würden. Aber das können sie meist nur dort, wo Regionalplanung auf Verbände ausgegliedert wurde, die über ausreichend Personal verfügen, um als Quasi-Entwicklungsgesellschaften funktionieren zu können. Sie können Netzwerke mit regionalen Akteuren organisieren, können für bestimmte Projekte die Unterstützung der Wirtschaft gewinnen, können aber auch zivilgesellschaftliches Engagement einbinden. Aber sie müssen diesen Vorteil eines Regionalverbands mit dem Nachteil erkaufen, in der Umsetzung ihrer Visionen auf Dritte (Gemeinden, Fachressorts, Private) angewiesen zu sein, die sie nicht zum proaktiven Handeln veranlassen können.
Kann die Regionalplanung die Raumplanung retten? 56 These 5: Die Kluft zwischen Potenzial und Potenzialnutzung lässt sich überwinden, indem Regionalplaner systematischer Funktionen einer Regionalen Entwicklungsagentur übernehmen. Regionale Entwicklungsagentur bedeutet zunächst: institutionalisierter regionaler Kümmerer. Eine Entwicklungsagentur gewinnt umso mehr Autorität, je mehr sie etwas bewegen kann. Dafür braucht sie Ressourcen, aber diese können auch projektbezogen eingeworben werden. Deshalb kommt es auf die Transaktionskosten des Zugriffs auf Ressourcen an. Die Transaktionskosten sind am niedrigsten bei Projekten. Mitwirkung in Projekten setzt Akzeptanz voraus. Akzeptanz gewinnt man umso leichter, je mehr man auf Erfolge und Leistungen verweisen kann. Aber aus schwacher Position heraus gelingt das kaum. Deshalb braucht man entsprechende Governance-Arrangements: Netzwerke zu Wirtschaft und Fachressorts, Vertrauen gewinnen durch konstruktive Beratungen, Öffentlichkeitsarbeit mit anschaulicher Darstellung dessen, was Regionalplanung leisten kann. Aber wesentlich ist vor allem ein Wandel im regionalplanerischen Konzept. Da die Regionalpläne heute weitgehend aufgestellt sind und ihre ökologischen Prioritäten gesetzt haben, ist der Fortschreibungsbedarf eher teilregionaler Natur als gesamthafter Art. Damit kann Arbeitskapazität freigesetzt werden. Bei der Planumsetzung sollten Regionalplaner sehr konstruktiv mit Raumnutzungsansprüchen umgehen: Statt mittels Raumordnungsverfahren und Umweltverträglichkeitsprüfung Nutzungsansprüche in ihre Grenzen zu verweisen, sollten diese Kontrollinstrumente genutzt werden, um im Gespräch mit den Raumnutzern Lösungen zu suchen, die raum- und umweltverträglich sind, aber auch genügend Beiträge zur Raumentwicklung leisten. Solche Prozesse sind in europäischen Nachbarländern bereits im Gange und laufen dort unter dem Stichwort „strategische Raumentwicklungsplanung“ – in Dänemark, England, Frankreich, den Niederlanden (vgl. Vallée 2012). Einige deutsche Regionalplanungsorganisationen gehen diesen Weg bereits, z. B. die Regionale Planungsgemeinschaft Altmark, der Regionale Planungsverband Westmecklenburg und der Regionalverband Ostwürttemberg, um nur einige zu nennen. These 6: Regionalplanung könnte die Raumplanung retten, indem sie einen gesellschaftlichen Mehrwert anbietet, der erkennbar ist und von den Fachressorts oder Gemeinden nicht gleichermaßen angeboten werden kann. Ein solcher Mehrwert liegt in der raumbezogenen Koordinationsfunktion, die aber nicht mehr „negative Koordination“ sein sollte, sondern „positive Koordination“.2 Wie ein Unternehmen, das traditionelle Geschäftsfelder verliert, sollte sie sich um neue kümmern, eben diese Koordinationsfunktion. Dazu ist sie besonders prädestiniert, weil sie frei von Gruppeninteressen/Partikularinteressen operiert und das breiteste Koordinationswissen mitbringt. Koordination bedeutet aber auch Koordinationsdiplomatie. Die Einladung zu Konferenzen, Runde Tische, Moderation der Konferenzen etc. reichen sicherlich nicht aus. Benötigt werden Inputs, um die Prozesse zu beschleunigen und ihnen inhaltliche Orientierung zu geben. 2 Unter „positiver Koordination“ versteht man einen kooperativen Prozess zur Erzeugung einer koordinierten Problembearbeitung; bei „negativer Koordination“ achten Ressorts lediglich darauf, dass ihre Belange nicht vernachlässigt werden (Scharpf 1993).