Berufsspezifische Lebensentgelte: Ein Studium garantiert nicht immer das höchste Lebensentgelt
Abstract
EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.
Full text
Stüber, Heiko Research Report Berufsspezifische Lebensentgelte: Ein Studium garantiert nicht immer das höchste Lebensentgelt IAB-Kurzbericht, No. 18/2022 Provided in Cooperation with: Institute for Employment Research (IAB) Suggested Citation: Stüber, Heiko (2022) : Berufsspezifische Lebensentgelte: Ein Studium garantiert nicht immer das höchste Lebensentgelt, IAB-Kurzbericht, No. 18/2022, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Nürnberg, https://doi.org/10.48720/IAB.KB.2218 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/265512 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de
IAB-KURZBERICHT Aktuelle Analysen aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung In aller Kürze ●Das Lebensentgelt hängt vom Beruf und der Ausbildung der Beschäftigten ab. Vollzeitbeschäftigte ohne abgeschlossene Berufsausbildung erzielen, wenn sie vom 18. bis zum 66. Lebensjahr durchgehend beschäftigt sind, ein mittleres Brutto- Lebensentgelt zwischen 1,03 und 2,64 Millionen Euro. Für Beschäftigte mit einer Berufsausbildung liegt es zwischen 1,10 und 2,49 Millionen Euro. Haben Beschäftigte zusätzlich noch einen Fortbildungsabschluss erworben, liegt das durchschnittliche Brutto-Lebensentgelt zwischen 1,39 und 2,68 Millionen Euro. ●Vollzeitbeschäftigte mit einem Hochschulabschluss erlangen, wenn sie vom 25. bis zum 66. Lebensjahr durchgehend beschäftigt sind, ein mittleres Brutto-Lebensentgelt zwischen 1,03 und 2,98 Millionen Euro. Ein Studium garantiert also nicht per se ein höheres Lebensentgelt. In bestimmten Berufen erzielen Beschäftigte mit einer niedrigeren formalen Qualifikation Lebensentgelte, die vergleichbar sind mit denen von Personen mit Hochschulabschluss in anderen Berufen. ●Neben der formalen Qualifikation ist auch eine adäquate Beschäftigung relevant. Stellen werden in der Regel ihren Anforderungen entsprechend entlohnt. Innerhalb von Berufsgruppen gilt grundsätzlich: Je höher das Anforderungsniveau des Berufs, desto höher ist das Brutto- Lebensentgelt. 18 | 2022 „Studium oder Ausbildung?“ – vor der Frage stehen nicht nur betroffene Jugendliche, sie wird auch vielfach in Politik und Presse diskutiert. Gleichzeitig wird das Thema Fachkräftemangel immer präsenter. Abiturientinnen und Abiturienten etwa entscheiden sich, neben anderen Gründen, häufig aufgrund potenzieller Verdienstmöglichkeiten für ein Studium und gegen eine Ausbildung. Unsere Untersuchungsergebnisse zeigen: Zwar gilt im Durchschnitt, dass mit einem Studium das höchste Brutto- Lebensentgelt erzielt wird, das ist jedoch nicht immer der Fall. Junge Menschen, die vor dem Schulabschluss stehen, müssen Entscheidungen treffen, welche sich häufig langfristig auf ihren beruflichen Werdegang auswirken: Streben sie einen höheren Schulabschluss an, treten sie eine Beschäftigung an, beginnen sie eine Berufsausbildung, oder fangen sie gegebenenfalls an zu studieren? Von Abiturientinnen und Abiturienten hört man häufig, dass sie lieber studieren, anstatt eine Ausbildung zu machen, da ein Studium ein besseres Entgelt verspricht. Aber stimmt das wirklich? Dass für das Lebensentgelt nicht nur die Bildung relevant ist, sondern auch eine adäquate Beschäftigung, wurde bereits in einer früheren IAB-Studie nachgewiesen (siehe Stüber 2016). Bei der Berechnung der Brutto-Lebensentgelte für Vollzeitbeschäftige (vgl. Infobox 1 auf Seite 2) betrachte ich daher nicht nur die formale Qualifikation der Beschäftigten, sondern lege den Fokus auf die Anforderungsniveaus der Berufe (vgl. Infobox 2 auf Seite 4). Brutto-Lebensentgelte steigen mit dem Anforderungsniveau Berechnet man durchschnittliche Brut- to-Lebensentgelte für die vier Anfor- Berufsspezifische Lebensentgelte Ein Studium garantiert nicht immer das höchste Lebensentgelt von Heiko Stüber
derungsniveaus der zu erledigenden Aufgaben einer beruflichen Tätigkeit, lässt sich feststellen: Je höher das Anforderungsniveau, desto höher ist das durchschnittliche Brutto-Lebensentgelt (vgl. Abbildung A1 auf Seite 5). Unterstellt man eine ununterbrochene Beschäftigung, verdienen Helfer im Laufe ihres Erwerbslebens im Durchschnitt 1,28 Millionen Euro brutto. Das durchschnittliche Brutto-Lebensentgelt von Fachkräften liegt bei 1,70 Millionen Euro und das von Spezialisten bei 2,36 Millionen Euro. Experten verdienen im Verlauf ihrer Erwerbskarriere durchschnittlich 2,69 Millionen Euro brutto. Die reine Durchschnittsbetrachtung verdeckt jedoch die Tatsache, dass das Lebensentgelt zwischen Berufen deutlich variiert. Daher weist Tabelle T1 die durchschnittlichen Brutto-Lebensentgelte für die Anforderungsniveaus in 36 Berufshauptgruppen (vgl. Infobox 2) aus. Zwar kommen Helfer im Schnitt auf 1,28 Millionen Euro Brutto-Lebensentgelt, aber: in Reinigungsberufen haben sie mit durchschnittlich 1,01 Millionen Euro das niedrigste Lebensentgelt, das höchste, mit 1,59 Millionen Euro, erreichen sie in Mathematik-, Biologie-, Chemie- und Physikberufen. In einigen dieser Berufe – etwa in Chemieberufen – sind beispielsweise Gefahren- und Schichtzuschläge ein Grund für das relativ hohe Lebensentgelt. Noch stärker als bei Helfern variieren die durchschnittlichen Brutto-Lebensentgelte bei Fachkräften. Dies liegt unter anderem daran, dass die Tätigkeitsprofile von Fachkräften eine größere Variation aufweisen als von Helfern. Mit 1,12 Millionen Euro erhalten Fachkräfte in Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufen das niedrigste Lebensentgelt; in Informatik-, Informations- und Kommunikationstechnologieberufen (IT-Berufe) erzielen sie das höchste Lebensentgelt und verdienen über ihr gesamtes Erwerbsleben hinweg etwa 2,52 Millionen Euro brutto. Auch bei Spezialisten und Experten unterscheiden sich die Brutto-Lebensentgelte zwischen den Berufshauptgruppen stark. Beide erhalten ebenfalls in Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufen das niedrigste Brutto-Lebensentgelt (1,49 bzw. 1,64 Millionen Euro). Das höchste Lebensentgelt erreichen Spezialisten auch in IT-Berufen. Hier beträgt das durchschnittliche Brutto-Lebensentgelt 2,72 Millionen Euro. Experten hingegen erzielen das höchste Brutto-Lebensentgelt in Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufen mit 3,09 Millionen Euro. Die Differenzierung der Brutto-Lebensentgelte nach dem Anforderungsniveau ist nicht so geläufig wie ihre Differenzierung nach formaler Qualifikation. Jedoch hat die Betrachtung und der Vergleich beider Berechnungen den Vorteil, dass Effekte ausbildungsinadäquater Beschäftigung (vgl. Infobox 3 auf Seite 4) sichtbar werden. Anforderungsniveau versus formale Qualifikation Die Berechnung der Brutto-Lebensentgelte nach den Anforderungsniveaus der ausgeübten Tätigkeit berücksichtigt einerseits, dass beispielsweise nicht jede Person mit Hochschulabschluss auf einer Stelle arbeitet, die ein abgeschlossenes Studium verlangt (Überqualifikation), und andererseits, dass Beschäftigte auf Stellen arbeiten, für die sie nicht die entsprechende formale Qualifikation erworben Daten und Methoden Die Analysen beruhen auf Daten der Beschäftigten-Historik (BeH) V10.06. Die BeH besteht aus Meldungen zur Sozialversicherung, die im IAB archiviert und aufbereitet werden. Entgelte (Lohn oder Gehalt inklusive Sonderzahlungen) werden jedoch nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze der Sozialversicherungen erhoben. Daher wurde für zensierte Tagesentgelte ein Imputationsverfahren angewandt. Selbstständige, Freiberufler oder Beamte sind im Datensatz nicht enthalten. Für alle in der BeH enthaltenen Vollzeitbeschäftigungsepisoden aus den Jahren 2012 bis 2020 wurden die durchschnittlichen Brutto-Tagesentgelte nach Anforderungsniveau der Tätigkeit sowie höchster Bildung der/des Beschäftigten und Alter berechnet. Nicht berücksichtigt wurden Beschäftigungen mit Dauern von weniger als 32 Tagen. Bei einer synthetischen Kohorte handelt es sich um eine Personengruppe, deren hypothetischer Erwerbsverlauf aus der Kombination von Daten verschiedener Geburts- oder Arbeitsmarkteintrittskohorten konstruiert wird. Diese Betrachtung hat den Vorteil, dass durchweg aktuelle Daten verwendet werden können und gleichwohl eine Differenzierung der durchschnittlichen Jahresentgelte nach Lebensalter möglich ist. Um die synthetischen Kohorten zu analysieren, wurden aus den Tagesentgelten Brutto-Jahres- und Brutto-Lebensentgelte gebildet. Brutto-Lebensentgelte sind grundsätzlich definiert als die Summe aller Brutto-Jah- resentgelte vom 18. bis zum 66. Lebensjahr. Bei der Berechnung für Spezialisten bzw. Beschäftigte mit einem Fortbildungsabschluss wurden für das 18. bis 21. Lebensjahr auch Entgelte von Fachkräften bzw. Beschäftigten mit einer Ausbildung berücksichtigt, weil es sich dabei in der Regel um Positionen handelt, für die der Abschluss einer grundständigen Berufsausbildung und einer weiterführenden Fortbildung erforderlich ist. Das Durchschnittsalter von Hochschulabsolventen in Deutschland lag im betrachteten Zeitraum bei etwa 24,5 Jahren (Statistica 2021). Daher wird für Experten bzw. Personen mit Hochschulabschluss vom 18. bis 24. Lebensjahr ein Brutto-Jahresentgelt von Null angenommen. Alle Entgelte sind Realentgelte mit Basisjahr 2015; Barwerte wurden nicht berechnet. 1 2IAB-Kurzbericht 18|2022
Durchschnittliches Brutto-Lebensentgelt in 36 Berufshauptgruppen nach Anforderungsniveau der ausgeübten Tätigkeiten in 1.000 Euro T1 Berufshauptgruppen (2-Steller) Brutto-Lebensentgelt Helfer Fachkräfte Spezialisten Experten Land-, Tier-, Forstwirtschaft und Gartenbau Land-, Tier- und Forstwirtschaftsberufe (11) 1.117 1.290 1.758 2.083 Gartenbauberufe und Floristik (12) 1.195 1.353 1.684 1.885 Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung Rohstoffgewinnung und -aufbereitung, Glas- und Keramikherstellung und -verarbeitung (21) 1.363 1.676 2.240 – Kunststoffherstellung und -verarbeitung, Holzbe- und -verarbeitung (22) 1.248 1.543 2.015 – Papier- und Druckberufe, technische Mediengestaltung (23) 1.344 1.677 1.788 2.010 Metallerzeugung und -bearbeitung, Metallbauberufe (24) 1.403 1.801 2.297 2.711 Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufe (25) 1.563 1.898 2.404 3.087 Mechatronik-, Energie- und Elektroberufe (26) 1.385 1.894 2.462 2.966 Technische Forschungs-, Entwicklungs-, Konstruktions- und Produktionssteuerungsberufe (27) – 2.019 2.589 3.078 Textil- und Lederberufe (28) 1.226 1.357 1.992 – Lebensmittelherstellung und -verarbeitung (29) 1.094 1.311 1.719 1.643 Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung Bauplanungs-, Architektur- und Vermessungsberufe (31) – – – 2.245 Hoch- und Tiefbauberufe (32) 1.314 1.615 2.241 2.418 (Innen-)Ausbauberufe (33) 1.232 1.485 1.813 – Gebäude- und versorgungstechnische Berufe (34) 1.449 1.596 2.134 2.625 Naturwissenschaft, Geografie und Informatik Mathematik-, Biologie-, Chemie- und Physikberufe (41) 1.588 2.169 2.696 2.867 Geologie-, Geografie- und Umweltschutzberufe (42) – – – 2.417 Informatik-, Informations- und Kommunikationstechnologieberufe (43) – 2.518 2.720 2.845 Verkehr, Logistik, Schutz und Sicherheit Verkehrs- und Logistikberufe (außer Fahrzeugführung) (51) 1.238 1.632 2.207 2.116 Führer/innen von Fahrzeug und Transportgeräten (52) – 1.363 2.666 – Schutz-, Sicherheits- und Überwachungsberufe (53) 1.076 1.449 1.917 2.556 Reinigungsberufe (54) 1.008 1.142 1.630 – Kaufmännische Dienstleistungen, Warenhandel, Vertrieb, Hotel und Tourismus Einkaufs-, Vertriebs- und Handelsberufe (61) – 2.041 2.462 2.993 Verkaufsberufe (62) 1.029 1.379 1.917 2.076 Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufe (63) 1.031 1.124 1.493 1.643 Unternehmensorganisation, Buchhaltung, Recht und Verwaltung Berufe in Unternehmensführung und -organisation (71) 1.395 1.886 2.676 2.888 Berufe in Finanzdienstleistungen, Rechnungswesen und Steuerberatung (72) – 2.382 2.239 3.001 Berufe in Recht und Verwaltung (73) – 1.899 2.229 2.613 Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung Medizinische Gesundheitsberufe (81) 1.396 1.578 1.801 2.955 Nichtmedizinische Gesundheits-, Körperpflege- und Wellnessberufe, Medizintechnik (82) 1.151 1.356 1.746 2.274 Erziehung, soziale und hauswirtschaftliche Berufe, Theologie (83) 1.193 1.730 1.880 1.827 Lehrende und ausbildende Berufe (84) – – – 2.267 Sprach-, Literatur-, Geistes-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Medien, Kunst, Kultur und Gestaltung Sprach-, literatur-, geistes-, gesellschafts- und wirtschaftswissenschaftliche Berufe (91) – – – 2.267 Werbung, Marketing, kaufmännische und redaktionelle Medienberufe (92) – 1.574 2.624 2.819 Produktdesign und kunsthandwerkliche Berufe, bildende Kunst, Musikinstrumentenbau (93) – – – 2.260 Darstellende und unterhaltende Berufe (94) – – 2.287 2.141 „-“: Aufgrund zu geringer Fallzahlen kann das Brutto-Lebensentgelt nicht berechnet bzw. ausgewiesen werden. Zu den Annahmen für die Berechnung vgl. Infobox 1 auf Seite 2. Quelle: IAB-Berechnungen auf Basis der Beschäftigten-Historik (BeH) V10.06; über 215 Millionen Vollzeitbeschäftigungsepisoden aus den Jahren 2012 bis 2020. Alle Ergebnisse gerundet auf 1.000-Euro-Beträge. © IAB 3IAB-Kurzbericht 18|2022
haben (Unterqualifikation). Historisch bedingt findet man in IT-Berufen oft ältere Beschäftigte, die keinen Hochschulabschluss erworben haben, auf Expertenpositionen. Denn die Einrichtung von Informatik-Studiengängen erfolgte in Deutschland erst Ende der 1960er Jahre. Unterqualifiziert beschäftigt gelten auch Personen, die ihr Studium abgebrochen haben und eine Stelle innehaben, für die eigentlich ein Studienabschluss oder eine Berufsausbildung nötig wäre. Entsprechend dieser Betrachtung sind zum Beispiel auch Fluglehrerinnen und Fluglehrer, die keinen Berufsabschluss besitzen, Beschäftigte ohne Berufsausbildung: Die Erlaubnis, als Fluglehrerinnen und Fluglehrer zu arbeiten, ist an eine Lehrberechtigung geknüpft, die nicht als Berufsausbildung zählt. Die Beschäftigten ohne formale Berufsausbildung sind also deutlich heterogener als die Beschäftigten mit höheren Qualifikationen. Berechnet man die Brutto-Lebensentgelte für die formalen Qualifikationsniveaus der Beschäftigten, führt formale Unterqualifikation zu einem höheren durchschnittlichen Lebensentgelt bei Geringqualifizierten; formale Überqualifikation hingegen führt zu einem niedrigeren Lebensentgelt bei Beschäftigten mit höherer Qualifikation. Daher fallen die Bildungsprämien – die Unterschiede im Lebensentgelt gegenüber den Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung – insgesamt niedriger aus. Dies zeigt der Vergleich der Brutto- Lebensentgelte nach Anforderungsniveau (vgl. Abbildung A1) und nach formaler Qualifikation (vgl. Abbildung A2). Wird das Anforderungsniveau zugrunde gelegt, betragen die Bildungsprämien gegenüber Helfern für Fachkräfte im Durchschnitt 421 Tausend Euro, 1,08 Millionen Euro für Spezialisten und 1,42 Millionen Euro für Experten. Berechnet man die Bildungsprämien nach der formalen Qualifikation, so fallen diese deutlich geringer aus: Gegenüber Personen ohne Berufsabschluss betragen sie 243 Tausend Euro für Personen mit Berufsausbildung, 780 Tausend Euro bei einem zusätzlichen Fortbildungsabschluss (Meister, Techniker, Fachwirte etc.) und 1,07 Millionen Euro bei Hochschulstudium. Bei einigen Berufshauptgruppen sind besonders bemerkenswerte Ergebnisse durch Unterbezie- hungsweise Überqualifikation zu beobachten: Wie erläutert, sind vor allem in IT-Berufen viele formal Unterqualifizierte beschäftigt. Daher ist insbesondere hier der Unterschied im Brutto-Lebensentgelt nach formaler Qualifikation der Beschäftigten beziehungsweise nach Anforderungsniveau der Tätigkeiten groß: Betrachtet man die formale Qualifikation, verdienen Beschäftigte ohne Berufsausbildung in IT-Berufen über das gesamte Erwerbsleben durchschnittlich etwa 2,64 Millionen Euro. Ihr Brutto-Lebensentgelt liegt knapp über dem Durchschnitt von Beschäftigten mit einer Berufsausbildung und nur knapp unter dem von Beschäftigten mit einem Fortbildungsabschluss. Berechnet man Ausbildungsinadäquate Beschäftigung Überqualifizierte (unterqualifizierte) Beschäftigung beschreibt die Situation, bei der eine berufliche Tätigkeit ausgeübt wird, für die eine niedrigere (höhere) als die erworbene Qualifikation erforderlich ist. Sowohl überals auch unterqualifizierte Beschäftigung ist kein seltenes Phänomen (Reichelt/Vicari 2014). Betrachtet man die Vollzeitbeschäftigten der Jahre 2012 bis 2020, so lag der Anteil der überqualifiziert (unterqualifiziert) Beschäftigten in Deutschland im Durchschnitt bei 15,7 (16,4) Prozent. 3 Berufshauptgruppen und Anforderungsniveaus von Berufen Die Meldungen der Arbeitgeber an die Sozialversicherung umfassen nicht nur das Entgelt, sondern (unter anderem) auch die ausgeübte berufliche Tätigkeit nach der Klassifikation der Berufe 2010 (kurz KldB 2010). Die KldB 2010 erfasst zwei Dimensionen der beruflichen Tätigkeiten (Wiemer et al. 2011): die Berufsfachlichkeit, die Berufe hinsichtlich der Ähnlichkeit ihrer Tätigkeiten, Kenntnisse und Fertigkeiten gruppiert, und das Anforderungsniveau, das die unterschiedlichen Komplexitätsgrade der zu erledigenden Aufgaben in einem Beruf abbildet. Das Anforderungsniveau unterscheidet vier Kategorien: - Helfer erledigen wenig komplexe (Routine-)Tätigkeiten, für die in der Regel kein formaler beruflicher Bildungsabschluss benötigt wird; - Fachkräfte brauchen für ihre Tätigkeiten fundierte Fachkenntnisse und Fertigkeiten, für die in der Regel eine zwei- bis dreijährige Berufsausbildung nötig ist; - Spezialisten benötigen Spezialkenntnisse und -fertigkeiten, für die in der Regel neben der Berufsausbildung ein Fortbildungsabschluss (Meister, Techniker, Fachwirte etc.) nötig ist; - Experten führen hoch komplexe Tätigkeiten aus, für die in der Regel der Abschluss eines mindestens vierjährigen Hochschulstudiums vorausgesetzt wird (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2011, S. 26 ff.). Weil unter den Spezialisten teilweise auch Beschäftigte mit einem Fachhochschuldiplom zusammengefasst sind, ist die qualifikatorische Abgrenzung zwischen Spezialisten und Experten nicht immer trennscharf. Da es sich bei den Anforderungsniveaus um Fachbegriffe handelt, werden diese nicht gegendert. In diesem Kurzbericht werden 36 von 37 Berufshauptgruppen untersucht, da für „Angehörige der regulären Streitkräfte“ aufgrund geringer Fallzahlen keine Ergebnisse ausgewiesen werden können. Dies liegt daran, dass einerseits Zeitsoldaten nur für eine gewisse Dauer beschäftigt sind, sodass für die Betrachtung von Lebenseinkommen ab einem gewissen Alter kaum noch Beobachtungen vorliegen. Und andererseits Berufssoldaten verbeamtet sind, sodass sie in den vorliegenden Daten nicht erfasst sind. 2 4IAB-Kurzbericht 18|2022
die Brutto-Lebensentgelte hingegen auf Basis der Anforderungsniveaus, sieht man, dass es in diesen Berufen jedoch kaum Stellen für Personen ohne Berufsausbildung gibt. Bei den Beschäftigten ohne Berufsausbildung handelt es sich entweder um ältere Beschäftigte, die zu arbeiten angefangen haben, als es noch keine entsprechenden Ausbildungen beziehungsweise nur wenige Absolventinnen und Absolventen gab, oder um jüngere Studienabbrecherinnen und -abbrecher, die genügend Kenntnisse und Fertigkeiten mitbringen, um höheren Anforderungsniveaus gerecht zu werden. Einordnung der Ergebnisse und Ausblick Die Analysen zeigen, dass mit dem Anforderungsniveau eines Berufs normalerweise das Brutto- Lebensentgelt zunimmt. Da mit höherem Anforderungsniveau in der Regel die benötigte formale Qualifikation steigt, zahlt sich Bildung generell aus. Die Lebensentgelte variieren jedoch erheblich zwischen Berufen. So erreichen zwar Experten im Durchschnitt das höchste Brutto-Lebensentgelt (2,69 Millionen Euro; vgl. Abbildung A1), ihr Lebensentgelt übersteigt aber nicht per se das von Fachkräften oder Spezialisten in anderen Berufen. In Mathematik-, Biologie-, Chemie- und Physikberufen sowie in IT-Berufen erzielen Spezialisten beispielsweise ein durchschnittliches Brutto-Le- bensentgelt von mehr als 2,69 Millionen Euro (vgl. Tabelle T1). In 19 Berufshauptgruppen liegt das Lebensentgelt von Experten unter diesem Wert. Auch erzielen Spezialisten in 29 und Fachkräfte in 13 Berufshauptgruppen ein Lebensentgelt von über 1,64 Millionen Euro und somit ein höheres Lebensentgelt als Experten in Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufen. In vier Berufshauptgruppen erreichen Spezialisten ein minimal höheres durchschnittliches Brut- to-Lebensentgelt als Experten: Bei darstellenden und unterhaltenden Berufen sollte der formale Abschluss kaum einen Einfluss auf das Lebensentgelt haben. Schon in einer früheren Untersuchung mit Daten der Jahre 2012 bis 2014 lagen in diesen Berufen, in Verkehrs- und Logistikberufen sowie in Berufen der Lebensmittelherstellung und -ver- arbeitung die Lebensentgelte von Spezialisten über denen von Experten (vgl. Stüber 2016). In der Berufshauptgruppe Erziehung, soziale und hauswirtschaftliche Berufe, Theologie überstiegen dagegen die Lebensentgelte von Experten noch etwas die der Spezialisten. Warum die Lebensentgelte von Spezialisten minimal höher ausfallen als die von Experten, kann nicht abschließend erklärt werden. Die folgenden Entwicklungen könnten jedoch dazu beigetragen haben: ●Die Gruppen der Spezialisten und Experten sind sich über die letzten Jahre ähnlicher geworden, nicht zuletzt durch die Verbreitung des gestuften Studiums (Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse), wodurch sich bisherige Abgrenzungen (Einkommen und Qualifikation) verschieben. ●Bei Vollzeitbeschäftigten im Zeitraum von 2012 bis 2020 zeigt sich, dass der Anteil von Personen mit Hochschulabschluss über die Jahre deutlich stärker gestiegen ist (von 19,0 auf 23,1 %) als der Anteil von Experten, für die der Abschluss eines mindestens vierjährigen Hochschulstudiums verlangt wird (von 14,1 auf 16,4 %). Da ein Bachelorabschluss in der Regel eine Studiendauer von drei 1) Für die jeweils ausgeübten Tätigkeiten ist bei Experten normalerweise ein Abschluss eines vierjährigen Hochschulstudiums erforderlich; bei Spezialisten ein Fortbildungsabschluss oder ein Bachelor-Hochschulabschluss; bei Fachkräften eine abgeschlossene Berufsausbildung und Helfer benötigen keine Ausbildung. Quelle: IAB-Berechnungen auf Basis der Beschäftigten-Historik (BeH) V10.06. © IAB Durchschnittliche Brutto-Lebensentgelte nach Anforderungsniveau der Tätigkeit1) in Millionen Euro A1 2,69 2,36 1,70 1,28 Experten Spezialisten Fachkräfte Helfer 1) Entscheidend ist der höchste erworbene Abschluss der Beschäftigten, unabhängig vom Anforderungsniveau der ausgeübten Tätigkeit. Quelle: IAB-Berechnungen auf Basis der Beschäftigten-Historik (BeH) V10.06. © IAB Durchschnittliche Brutto-Lebensentgelte nach höchster Qualifikation1) in Millionen Euro A2 2,52 2,23 1,69 1,45 Hochschulabschluss Berufsausbildung und Fortbildungsabschluss Berufsausbildung Ohne Berufsausbildung 5IAB-Kurzbericht 18|2022
Durchschnittliches Brutto-Lebensentgelt in 36 Berufshauptgruppen nach Qualifikation der Beschäftigten in 1.000 Euro T2 Berufshauptgruppen (2-Steller) Brutto-Lebensentgelt ohne Berufsausbildung mit Berufsausbildung mit Berufsausbildung und Fortbildungsabschluss Personen mit Hochschulabschluss Land-, Tier-, Forstwirtschaft und Gartenbau Land-, Tier- und Forstwirtschaftsberufe (11) 1.079 1.234 1.522 1.892 Gartenbauberufe und Floristik (12) 1.238 1.309 1.637 1.599 Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung Rohstoffgewinnung und -aufbereitung, Glas- und Keramikherstellung und -verarbeitung (21) 1.543 1.633 2.133 2.403 Kunststoffherstellung und -verarbeitung, Holzbe- und -verarbeitung (22) 1.354 1.470 1.765 1.615 Papier- und Druckberufe, technische Mediengestaltung (23) 1.436 1.605 1.967 1.837 Metallerzeugung und -bearbeitung, Metallbauberufe (24) 1.524 1.711 2.115 1.784 Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufe (25) 1.656 1.894 2.269 2.753 Mechatronik-, Energie- und Elektroberufe (26) 1.639 1.860 2.280 2.638 Technische Forschungs-, Entwicklungs-, Konstruktions- und Produktionssteuerungsberufe (27) 2.058 2.244 2.681 2.976 Textil- und Lederberufe (28) 1.292 1.350 1.752 1.837 Lebensmittelherstellung und -verarbeitung (29) 1.133 1.276 1.584 1.339 Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung Bauplanungs-, Architektur- und Vermessungsberufe (31) – – – 2.278 Hoch- und Tiefbauberufe (32) 1.400 1.569 2.033 2.093 (Innen-)Ausbauberufe (33) 1.322 1.462 1.746 1.365 Gebäude- und versorgungstechnische Berufe (34) 1.448 1.601 2.009 2.068 Naturwissenschaft, Geografie und Informatik Mathematik-, Biologie-, Chemie- und Physikberufe (41) 1.808 2.088 2.605 2.700 Geologie-, Geografie- und Umweltschutzberufe (42) – – – 2.425 Informatik-, Informations- und Kommunikationstechnologieberufe (43) 2.638 2.487 2.644 2.815 Verkehr, Logistik, Schutz und Sicherheit Verkehrs- und Logistikberufe (außer Fahrzeugführung) (51) 1.311 1.473 1.792 1.799 Führer/innen von Fahrzeug und Transportgeräten (52) 1.343 1.398 1.446 1.360 Schutz-, Sicherheits- und Überwachungsberufe (53) 1.288 1.441 1.995 2.126 Reinigungsberufe (54) 1.051 1.097 1.393 1.032 Kaufmännische Dienstleistungen, Warenhandel, Vertrieb, Hotel und Tourismus Einkaufs-, Vertriebs- und Handelsberufe (61) 2.062 2.195 2.619 2.773 Verkaufsberufe (62) 1.217 1.414 1.868 1.845 Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufe (63) 1.025 1.166 1.405 1.363 Unternehmensorganisation, Buchhaltung, Recht und Verwaltung Berufe in Unternehmensführung und -organisation (71) 1.930 1.891 2.504 2.687 Berufe in Finanzdienstleistungen, Rechnungswesen und Steuerberatung (72) 2.375 2.189 2.631 2.710 Berufe in Recht und Verwaltung (73) 1.889 1.876 2.085 2.324 Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung Medizinische Gesundheitsberufe (81) 1.401 1.602 1.687 2.693 Nichtmedizinische Gesundheits-, Körperpflege- und Wellnessberufe, Medizintechnik (82) 1.173 1.331 1.557 1.594 Erziehung, soziale und hauswirtschaftliche Berufe, Theologie (83) 1.280 1.701 1.785 1.800 Lehrende und ausbildende Berufe (84) – – – 2.268 Sprach-, Literatur-, Geistes-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Medien, Kunst, Kultur und Gestaltung Sprach-, literatur-, geistes-, gesellschafts- und wirtschaftswissenschaftliche Berufe (91) – – – 2.239 Werbung, Marketing, kaufmännische und redaktionelle Medienberufe (92) 2.067 1.905 2.443 2.577 Produktdesign und kunsthandwerkliche Berufe, bildende Kunst, Musikinstrumentenbau (93) – – – 2.188 Darstellende und unterhaltende Berufe (94) – – – 2.140 „-“: Aufgrund zu geringer Fallzahlen kann das Brutto-Lebensentgelt nicht berechnet bzw. ausgewiesen werden. Zu den Annahmen für die Berechnung vgl. Infobox 1 auf Seite 2. Quelle: IAB-Berechnungen auf Basis der Beschäftigten-Historik (BeH) V10.06; über 214 Millionen Vollzeitbeschäftigungsepisoden aus den Jahren 2012 bis 2020. Alle Ergebnisse gerundet auf 1.000-Euro-Beträge. © IAB 6IAB-Kurzbericht 18|2022
Fazit Bei der Interpretation der Ergebnisse muss beachtet werden, dass keine kausalen Bildungseffekte geschätzt werden und dass die Analyse nur für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gilt. Bei der Berechnung der Brutto-Lebenseinkommen können Einkommen von Selbstständigen, Beamten und Freiberuflern aufgrund fehlender Daten nicht einbezogen werden. Gerade Spezialisten (z. B. Meister im Bauhandwerk) und Experten (z. B. Ärztinnen und Ärzte) sind aber oft selbstständig oder freiberuflich tätig. Könnte man deren Einkommen berücksichtigen, würden die durchschnittlichen Brutto-Lebensentgelte in einigen Berufshauptgruppen vermutlich höher ausfallen. Bedacht werden sollte außerdem, dass bei der Berechnung der Brutto-Lebensentgelte eine ununterbrochene Vollzeitbeschäftigung unterstellt wird. Diese Annahme wird bei Fachkräften, Spezialisten und Experten häufiger zutreffen als bei Helfern. Die Arbeitslosenquote von Personen ohne Berufsabschluss lag 2021 bei 20,6 Prozent und war damit mehr als sechsmal so hoch wie die von Personen mit höherer Qualifikation (Bundesagentur für Arbeit 2022). Unter Einbezug von möglichen Erwerbsunterbrechungen würde das durchschnittliche Brutto-Lebensentgelt für Helfer deutlich unter dem hier berechneten Wert liegen. Ebenso würde ein früherer Renteneintritt das Lebensentgelt im Einzelfall reduzieren. Die Annahme der Vollzeitbeschäftigung wird außerdem bei Männern häufiger zutreffen als bei Frauen. Beispielsweise haben 49 Prozent aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen im Juni 2021 in Teilzeit gearbeitet, aber nur 11,7 Prozent der Männer (Statistik der Bundesagentur für Arbeit 2022). Hinzu kommt, dass Frauen ihre Erwerbstätigkeit häufiger unterbrechen als Männer. Zusammenfassend kann festgehalten werden: ●Mit dem Anforderungsniveau eines Berufs nimmt üblicherweise das Brutto-Lebensentgelt zu. Da mit höherem Anforderungsniveau in der Regel die benötigte formale Qualifikation steigt, kann man schlussfolgern, dass sich Bildung generell auszahlt. ●Ein Berufsabschluss lohnt sich grundsätzlich, er ermöglicht den Zugang zu qualifizierten Tätigkeiten. Fachkräfte verdienen in der Regel mehr als Jahren voraussetzt, wird ein zunehmender Anteil dieser Hochschulabsolventinnen und -absolventen qualifikationsadäquat als Spezialist beschäftigt: Der Anteil von Personen mit Hochschulabschluss in Spezialistentätigkeiten ist von 23,9 auf 24,4 Prozent gestiegen.1 Gleichzeitig ist der Anteil von Beschäftigten mit einem Fortbildungsabschluss, die als Experte beschäftigt werden, von 14,1 (2012) auf 15,7 Prozent (2020) gestiegen. ●Wie Christoph et al. (2017) zeigen, ist das Einstiegsgehalt von Bachelorabsolventinnen und -ab- solventen vergleichbar mit dem von gleichaltrigen Personen mit einem beruflichen Fortbildungsabschluss. Mit Masterbeziehungsweise Diplomabschluss hingegen lassen sich etwas höhere Einkommen erzielen. Mit steigendem Alter werden die Einkommensunterschiede zwischen den Qualifikationsgruppen jedoch größer. Bachelorabsolventinnen und -absolventen können sich zwar zunehmend von Arbeitnehmerinnen und -nehmern mit beruflichen Fortbildungsabschlüssen absetzen, müssen aber wachsende Einkommensnachteile gegenüber Masterbeziehungsweise Diplomabsolventinnen und -absolventen in Kauf nehmen. ●Eine weitere Bedeutung könnte (neben dem steigenden Angebot an Personen mit Hochschulabschluss) den – immer stärker werdenden – Fachkräfteengpässen zukommen (siehe z. B. Malin et al. 2019). Denn es ist anzunehmen: Eine höhere Anzahl verfügbarer Arbeitskräfte sollte – zumindest in einigen Berufen – zu einem abnehmenden Lohndruck führen; während der Lohndruck im Bereich der Fachkräfte – aufgrund der steigenden Fachkräfteengpässe – steigen sollte. Dies könnte insbesondere für Fachkräfte gelten, die durch Fortbildungsabschlüsse zu Spezialisten geworden sind. In den Jahren 2012 bis 2020 beispielsweise ist der Anteil von Beschäftigten mit einem Fortbildungsabschluss, die qualifikationsadäquat als Spezialisten oder formal unterqualifiziert als Experten beschäftigt wurden, von 55,1 auf 57,6 Prozent gestiegen. 1 Eine Berechnung der Brutto-Lebensentgelte differenziert nach Beschäftigten mit Bachelor- und Masterabschluss ist aufgrund der Datenlage bisher nicht möglich. 7IAB-Kurzbericht 18|2022
Impressum | IAB-Kurzbericht Nr. 18, 18.10.2022 | Herausgeber: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit, 90327 Nürn berg | Redaktion: Martina Dorsch | Grafik & Gestaltung: Nicola Brendel | Foto: Wolfram Murr, Fotofabrik Nürnberg und privat | Druck: MKL Druck GmbH & Co. KG, Ostbevern | Rechte: Diese Publikation ist unter folgender Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht: Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ deed.de | Bezug: IAB-Bestellservice, c/o wbv Media GmbH & Co. KG, Auf dem Esch 4, 33619 Biele feld; Tel. 0911-179-9229 (es gelten die regulären Festnetzpreise, Mobilfunkpreise können abweichen); Fax: 0911-179-9227; E-Mail: [email protected] | IAB im Internet: www.iab.de. Dort finden Sie unter anderem diesen Kurzbericht zum kostenlosen Download | Anfragen: iab.anfrag[email protected] oder Tel. 0911-179-5942 | ISSN 0942-167X | DOI 10.48720/IAB.KB.2218 Helfer und können über Fortbildungen (Meister, Techniker, Fachwirte etc.) oder ein anschließendes Studium in Positionen für Spezialisten beziehungsweise Experten aufsteigen und dadurch ihr Lebenseinkommen steigern. Des Weiteren ist die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, für Beschäftigte mit einem Berufsabschluss deutlich geringer als für geringqualifizierte Beschäftigte. ●In bestimmten Berufen können Beschäftigte mit einer Berufsausbildung (und einem Fortbildungsabschluss) Lebensentgelte erzielen, die vergleichbar sind mit denen von Personen mit Hochschulabschluss in anderen Berufen. Allein aufgrund finanzieller Erwartungen sollte man sich also nicht für ein Studium entscheiden. Auch individuelle Vorlieben, Neigungen und Fähigkeiten sowie nichtmonetäre Aspekte wie Jobcharakteristika oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf sollten bei der Berufswahl berücksichtigt werden. Nicht jeder oder jedem liegt ein oft theorielastiges Studium; so brechen mehr als 27 Prozent der Studienanfängerinnen und -anfänger eines Jahrgangs ihr Bachelorstudium ab; sie verlassen das deutsche Hochschulsystem ohne Abschluss (Heublein et al. 2020). Andererseits kommen Ausbildungsabbrüche ähnlich häufig vor: Im Jahr 2020 wurden circa 25 Prozent der Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst (Bundesinstitut für Berufsbildung 2022).2 Abschließend muss betont werden, dass die vorgelegten Zahlen als Ergebnis einer Modellrechnung auf der Basis aktueller Daten und nicht als Prognose individueller Lebensentgelte interpretiert werden sollten. Es ist davon auszugehen, dass sich je nach Geburts- oder Arbeitsmarkteintrittskohorten mehr oder weniger große Abweichungen ergeben. Im Übrigen können individuelle Lebensentgelte aus einer Vielzahl von Gründen, beispielsweise wegen Erwerbsunterbrechungen oder der Wahl des Arbeitgebers, von berechneten Durchschnittswerten abweichen. Aufgrund der steigenden Fachkräfteengpässe und der erschwerten Fachkräftesicherung (Leber/Schwengler 2021) ist – zumindest in bestimmten Berufsgruppen – in den nächsten Jahren ein überproportionaler Anstieg der Entgelte von Fachkräften und Spezialisten zu erwarten. Literatur Bundesagentur für Arbeit (2022): Qualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten (Jahreszahlen). Nürnberg. Bundesagentur für Arbeit (2011): Klassifikation der Berufe 2010 – Band 1: Systematischer und alphabetischer Teil mit Erläuterungen. Nürnberg. Bundesinstitut für Berufsbildung (2022): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2022: Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung. Bonn. Christoph, Bernhard; Leber, Ute; Stüber, Heiko (2017): Einkommen von Bachelor- und anderen Hochschulabsolventen: Höhere Abschlüsse zahlen sich mit dem Alter zunehmend aus. IAB-Kurzbericht 13/2017. Heublein, Ulrich; Richter, Johanna; Schmelzer, Robert (2020): Die Entwicklung der Studienabbruchquoten in Deutschland. DZHW Brief Nr. 3. Leber, Ute; Schwengler, Barbara (2021): Betriebliche Ausbildung in Deutschland: Unbesetzte Ausbildungsplätze und vorzeitig gelöste Verträge erschweren Fachkräftesicherung. IAB-Kurzbericht 3/2021. Malin, Lydia; Jansen, Anika; Seyda, Susanne; Flake, Regina (2019): Fachkräfteengpässe in Unternehmen – Fachkräftesicherung in Deutschland – diese Potenziale gibt es noch. Reichelt, Malte; Vicari, Basha (2014): Ausbildungsinadäquate Beschäftigung in Deutschland: Im Osten sind vor allem Ältere für ihre Tätigkeit formal überqualifiziert. IAB-Kurzbericht 25/2014. Statistica (2021): Durchschnittsalter von Hochschulabsolventen in Deutschland in den Prüfungsjahren von 2003 bis 2020 (abgerufen am 19.5.2022). Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2022): Berichte: Blickpunkt Arbeitsmarkt – Die Arbeitsmarktsituation von Frauen und Männern 2021. Nürnberg. Stüber, Heiko (2016): Berufsspezifische Lebensentgelte: Qualifikation zahlt sich aus. IAB-Kurzbericht 17/2016. Wiemer, Silke; Schweitzer, Ruth; Paulus, Wiebke (2011): Die Klassifikation der Berufe 2010. Entwicklung und Ergebnis. Wirtschaft und Statistik, H. 3, 274–288. Dieser Bericht ist eine Aktualisierung des IAB- Kurzberichts 17/2016. Textstellen, die (nahezu) unverändert übernommen wurden, sind nicht als Zitate gekennzeichnet. PD Dr. Heiko Stüber ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsdatenzentrum der Bundesagentur für Arbeit im IAB. heiko.s[email protected] 2 Die Lösungsquote stellt keine Abbruchquote dar, da ein Teil der Personen die Ausbildung im dualen System, in einem anderen Betrieb, fortsetzt. 8IAB-Kurzbericht 18|2022