Untersuchungen über die Lage des Hausiergewerbes in Deutschland. Dritter Band
Abstract
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Full text
Verein für Socialpolitik (Ed.) Book Untersuchungen über die Lage des Hausiergewerbes in Deutschland. Dritter Band Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. LXXIX Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Verein für Socialpolitik (Ed.) (1899) : Untersuchungen über die Lage des Hausiergewerbes in Deutschland. Dritter Band, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. LXXIX, ISBN 978-3-428-57326-4, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285918 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de
Untersuchungen über die Lage des Hausiergewerbes in Deutschland Dritter Band Duncker & Humblot reprints Untersuchungen über die Lage des Hausiergewerbes in Deutschland · Bd. III OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
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Schriften des Vereins für Socialpolilik. I.XXIX. Untersuchungen üöer die Lage des Kaustergeweröes in Deutschland. Dritter Maud. Leipzig, Verlag von Duncker L Hu mb lot. 1899. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Untersuchungen über die Lage des Hausiergewerbes Deutschland. Dritter Hand. Leipzig, Verlag von Duncker L Hum blot. 1899. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Alle Rechte für das Ganze wie für die einzelnen Teile sind vorbehalten. Die Berlagshandlun g. Picrer'sche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel L (5o. in Altenburg. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Vorwort. Die vier in diesem Bande zum Abdruck gelangenden Berichte sind aus dem Seminar des Herrn Professor Dr. Bücher in Leipzig hervorgegangen. Sie sind es, die ich bereits im Vorwort zum ersten Bande erwähnte. Weil sie zusammenbleiben sollten und einer der Berichterstatter nicht in der Lage war, seine Arbeit so zeitig, wie es ursprünglich geplant war, abzuschließen, erfolgt die verspätete Ausgabe dieses Bandes : hinter dem vierten und gleich zeitig mit dem fünften. Von den Arbeiten sind Nr. I und DI Inaugural dissertationen der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig. Leipzig, im Juli 1899. Mill,. Stieda. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
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Inhaltsverzeichnis. Seite 1. Der Hausierhandel der Satzunger (Sächsisches Erzgebirge) von Ur. Kurt Kuntze in Dresden (früher in Leipzig). 1. Einleitung ................................................................................................................ 1 2. Örtliche Bedingtheit des Wanderhandels ...................................... 7 8. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung ....................... 22 Zur Entstehung dts Hausierhandels der Satzunger .............................. 22 II. Die Handelsprodukte ....................................................................................... 28 0!. Ter Handel mit Textilwaren ...................................................................... 38 a) Der Hausiervertrieb von Spitzen ......................................................... 38 1. Die heimische Klöppelei und ihr Verhältnis zum Spitzen handel ...................................................................................... 41 2. Der eigentliche Spitzenhandel ................................................ 45 b) Der Hausierhandel mit leinenen, wollenen und anderen Web waren .................................................................................................. 53 I) . Der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten ................... 64 u) Der Hausierhandel mit Bettfedern ............................................... 64 I») Der Handel mit Machs ....................................................................... 72 e) Der Handel mit Sämereien ............................................................. 78 1^. Der Wanderhandel mit Produkten der Tierzucht ................................... 79 n) Der Verkauf von Pferden .................................................................. 79 b) Der Wanderhandel mit Gänsen ........................................................ 85 b'. Die Handelsleute auf ihren Reisen. — Handelsspescn ............................... 108 4. Der Hausierhandel in socialer Beziehung ............................................. 114 Zahl, Geschlecht und Stellung der Handelsleute in ihrem Berufe. . 114 H. Alter und Civilstand der Händler .................................................................. 125 0. Materielle Lage der Handelsleute, sowie der übrigen erwerbthätigen Personen im Dorfe .......................................................................................... 140 1) . Über den Einfluß des Wanderhandels auf die sittliche Lage der Handelsleute, ihrer Angehörigen und der übrigen Bevölkerung ... 160 5. Schluß ............................................................................................................................... 176 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
4 Kurt Kuntze. Zu- oder Zu- oder im Jahre Personen Abnahme ( — ) im Jahre Personen Abnahme ( — ) in Proz. in Proz. 1843 1846 1849 1852 1855 1858 1861 1303 1499 1371 1437 1476 1549 1641 4-15,0 — 8,5 -l- 4,6 4- 2,6 4- 4,9 4- 5,9 0,0 1867 1871 1875 1880 1885 1890 1895 (Juni) 1688 1543 1510 1428 1426 1458 1541 -8,6 — 2,1 — 5,4 — 0,1 4- 2,2 4-5,7 1864 1641 4- 2,9 Die Wohnbevölkerung betrug dagegen im Jahre 1855: 1577 Einwohner, 1871: 1742 und 1895 (Juni): 1626. Mithin ist seit 1855 eine Zunahme von nur 3,2 o/o, seit 1871 dagegen eine Abnahme von 6,7 o/o zu konstatieren * . * Vergleichsweise sei bemerkt, daß für Sachfen die Bevölkerungszunahme seit 1855: 84,10/0, seit 1871: 46,8 o/o beträgt. 2 Die Angaben für 1849 und 1861 entstammen den Akten des Königl. Sächf. Stat. Bureaus. Für 1895 ist das Material der Berufs- und Gewerbezählung von den Haushaltungslisten auf Jndividual-Manipulationszählblättchen übertragen und dann aufgearbeitet worden. Leider fand sich weder im landesstatistischen Büreau, noch im Kaiserl. Stat. Amt Material vor für Satzung von der Berufs- und Ge werbezählung von 1882. Mehr als die Schwankungen der Einwohnerzahlen des Ortes inter essiert uns die berufliche Zusammensetzung der Bevölkerung. Sie erst läßt uns erkennen, welche Bedeutung die einzelnen Erwerbszweige im wirtschaft lichen Leben unserer Gemeinde besitzen. Wir wollen hier keine Betrachtungen anstellen über die Verteilung der Geschlechter auf die einzelnen Berufszweige und wollen auch nicht näher auf die Veränderungen in der Berufsgliederung gegenüber früheren Zeiten eingehen. Erfreulicherweise ist es möglich, der heutigen Berufszusammen setzung die der Jahre 1849 und 1861 gegenüberzustellen?. (Siehe Tabelle 1 auf S. 5.) Also fast ein Drittel sämtlicher erwerbstätiger Personen umfaßte im Jahre 1895 der Wanderhandel. Dabei zeigt uns das durch die Berufs zählung gewonnene Momentbild den Hausierhandel noch nicht einmal in seiner wahren Ausdehnung, wie aus der weiteren Darstellung hervorgehen Die weiteren Zahlen bis 1871 entstammen dem handschriftlichen Material im Königl. Sächs. Stat. Bureau, die folgenden den Publikationen des Bureaus. Die Zahl für 1895 ist durch eigene Aufarbeitung des in Abschrift genommenen Materials der Be rufs- und Gewerbezählung vom 14. Juni 1895 gewonnen worden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
1. Einleitung. 5 Beruf der Satzunger für die Jahre 1849, 1861 und 1895. Absolute Zahlen. Tabelle 1. Berufsabteilungen Im Hauptberuf thätige Personen __________ 1849 1861 1895^ K zusammen männliche weibliche zusammen männliche weibliche zusammen e Z 8 L Land- und Forstwirtschaft * 109 28 137 111 53 164 135 18 153 Industrie 2 .............................. 83 189 272 144 331 475 144 156 300 Handel und Verkehr . 185 3 188 234 50 284 173 60 233 Freie Berufe .......................... 10 2 ! 12 15 2 17 20 2 22 Persönliche Dienste . . . . 1 4 5 — 9 9 — 55 Ohne nähere Angabe . . . 17 18 35 7 12 19 16 23 39 Zusammen ................. 405 244 649 511 457 968 488 264 752 L. Relative Zahlen Von je 100 hauptberuflich Thätigen entfielen auf vorstehende Berufsabteilung Berufsabteilungen 1849 1861 1895 n n 8 K L § Z 'n n ! o 'n n 8 L 'n n L -n L s -n L L -n L Z Land- und Forstwirtschaft . 26,9 11,5 21,0 21,7 11,6 16,9 27,7 6,8 20,3 Industrie ............................... 20,5 77,5 41,9 28,2 72,4 49,1 29,5 59,1 39,9 Handel und Verkehr . . . 45,6 1,2 29,0 45,8 11,0 29,3 35,4 22,7 31,0 Freie Berufe ...................... 2,5 0,8 1,9 2,9 0,4 1,8 4,1 0,8 2,9 Persönliche Dienste .... 0,3 1,6 0,8 — 2,0 0,9 — 1,9 0,7 Ohne nähere Angabe . . . 4,2 7,4 5,4 1,4 2,6 2,0 3,3 8,7 5,2 Zusammen .................. 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 * Der Berufsabteilung Land- und Forstwirtschaft ist 1895 die relativ hohe Zahl von 60 Handarbeitern zugeteilt worden, da sie in einer andern Abteilung nicht unter gebracht werden konnte und da die Handarbeiter zur Zeit der Erhebung auch fast ausschließlich in der Landwirtschaft Beschäftigung sanden. 2 Unter „Industrie" ist einerseits das Handwerk und andererseits die Verlags industrie (Klöppelei, Posamenten- und Gorlnäherei) zu verstehen. Andere Industrie zweige sind nicht vorhanden. Die starke Beteiligung des weiblichen Geschlechtes in der Industrie ist auf die Ausbreitung der Hausindustrie zurückzusühren. s Im stehenden Handel und Verkehr thätige Personen giebt es außerordentlich wenig, sodaß sie den hausierenden Handelsleuten zugezählt wurden. Fast sämtliche im „Handel und Verkehr" Erwerbsthätige sind also Hausierer. 4 1895 ist die Wohnbevölkerung zu Grunde gelegt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
6 Kurt Kuntze. wird. Seit 1861 ist zwar eine Abnahme der absoluten Zahl der Handelsleute zu konstatieren, dagegen hat sie relativ noch ein wenig zu genommen. Die Zahl der Hausiererinnen ist beträchtlich gestiegen. Noch viel deutlicher tritt die Bedeutung des Hausierhandels zu Tage, wenn man nur die über 21jährigen der Betrachtung zu Grunde legt, entsprechend der (1895 gültigen) Bestimmung der Gewerbeordnung, daß der Warenhändler Großjährigkeit erlangt haben muß. Erst so erlangen wir vergleichbare Zahlen, indem wir nur die Personen betrachten, die rechtlich in der Lage wären, selbständig den Hausierhandel zu treiben. Es ergiebt sich, daß von den über 21 Jahre alten erwerbsthätigen Personen am 14. Juni 1895* beschäftigt waren: in männliche Personen Proz. weibliche Personen Proz. zusammen Proz. Land- und Forstwirtschaft . 26,5 8,9 21,3 Industrie ......................... . 22,7 55,3 32,4 Handel und Verkehr . °. . 42,7 23,7 37,0 anderen Berufen - . .. 8,1 12,1 9,3 Unter den männlichen Personen also reichlich vier Zehntel, unter den weiblichen fast ein Viertel. Schon aus diesen wenigen Zahlen kann die Wichtigkeit des Hausierhandels für die Erwerbsverhältnisse der Satzunger ermessen werden. Betrachten wir nun näher, welche wirtschaftlichen Ver hältnisse ihn bedingen, seine Entstehung, seine Lage in wirtschaftlicher und seine Bedeutung in socialer Beziehung. Leider fehlen uns hierfür die entsprechenden Zahlen von 1849 und 1861. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
2. Örtliche Bedingung des Wanderhandels durch die Lage der Landwirtschaft. Die Kirche des Dorfes Satzung liegt 873 m hoch. Der Ort besitzt also für erzgebirgische Verhältnisse eine sehr beträchtliche Höhenlage * . Zu diesem der Landwirtschaft ungünstigen Moment kommen klimatische Nach teile. Satzung hat mit einigen anderen Gegenden des Erzgebirges den kürzesten Sommer, die meisten Frosttage, viel Wind, die höchsten Nieder schläge und den beträchtlichsten Schneefall. Nur wenige Zahlen seien dafür angeführt. * Die Zahl der Ortschaften des ^sächsischen Teiles des Erzgebirges, die ebenso hoch oder höher liegen, ist eine sehr geringe. Von sämtlichen Ortschaften des Ge birges liegen auf sächsischer Seite über 800 in nur 4,19 o/o mit nur 1,68 o/o der ganzen Gebirgsbevölkerung; zwischen 200 — 800 in also 95,81 o/o der Ortschaften mit 98,22 o/o sämtlicher Erzgebirger. Vgl. Joh. Burgkhardt, Das Erzgebirge. Eine orometrisch-anthropogeographische Studie. Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, Ed. III, 3. Heft. M. v. Süßmilch gen. Hörnig, Das Erzgebirge in Vorzeit, Vergangen heit und Gegenwart, Annaberg 1894, S. 55 ff. Das Dorf besitzt keine meteorologische Station, doch befindet sich eine solche im nahen Reitzenhain. Die dortigen Beobachtungen werden wir ohne weiteres auf unseren Ort übertragen können , der sogar noch gegen 90 m höher und freier als die Beobachtungsstation liegt. Zum Vergleiche wollen wir noch meteorologische Beobachtungen aus einigen Orten anderer Höhen lagen anführen 2. Nach achtjährigem Durchschnitt beträgt die mittlere Jahrestempe ratur in: Freiberg (407 m) . . . ^7,42", Annaberg (607 m) . . . — 6,43 o, Reitzenhain (778 m) . . — 4,42 0, Oberwiesenthal (927 m) . 4,50 0. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
8 Kurt Kuntze. Reitzenhain besitzt also in dieser Reihe die niedrigste mittlere Jahres temperatur. Da im Erzgebirge die Temperaturabnahme für je 150 m Höhenunterschied durchschnittlich 1 o 0. beträgt, würden wir für Satzung eine mittlere Temperatur von knapp 40 0. erhalten, übereinstimmend mit der Temperatur des Gebirgskamms, auf dem Satzung liegt, die Berthold, auf -s- 3,90 0. angiebt * . Das beste Kennzeichen der klimatischen Verhält nisse ist die Dauer der Vegetationsperiode. Sie beträgt für * I. Berthold, Das Klima des Erzgebirges. Jahresbericht des Königl. Seminars Schneeberg, 1886. 2 Festschrift für die 25. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte zu Dresden 1865, S. 6. — Nämlich 28,51 Pariser Zoll, mithin nicht 672 mm, wie v. Süßmilch a. a. O. S. 63 angiebt. a A. Fallou, Grund und Boden des Königreichs Sachsen, Dresden 1868, spricht S. 64 f. „von den wüsten Trümmern, womit in der Gegend von Marienberg, Freiberg. . . . 217 — 234 Tage, Annaberg . . . 195 — 201 - Reitzenhain ... 173 — 175 - Oberwiesenthal. . 163-171 - Mithin dürfte die Vegetationsperiode für Satzung kaum 170 Tage be tragen, wenn man bedenkt, daß es fast 90 m höher liegt als Reitzenhain. Ganz besonders deutlich erkennt man das rauhe Klima unseres Dorfes an der Zahl der frostfreien Nächte. Sie schwankt in Freiberg . . . zwischen 165 — 168 Nächten Annaberg ... - 154 — 162 Reitzenhain . . - 114 — 117 Oberwiesenthal . - 113 — 131 Reitzenhain steht also auch hierin am ungünstigsten da; die frostfreie Zeit liegt zwischen 15. Mai und 10. September. Auch in der Niederschlagsmenge überschreitet unsere Beobachtungs station stark den für das Obergebirge gültigen Durchschnitt. Der Regenfall beträgt im Obererzgebirge 772 mm? und steigt in Reitzenhain auf 832 mm. Auf der Strecke Katharinaberg-Sebastiansberg-Jöhstadt-Weipert , auf der auch Satzung liegt , beträgt die Regenhöhe nach Berthold sogar 990 mm und bildet somit eine der Maximalhöhen des ganzen Erzgebirges. Darnach ist es mit der Landwirtschaft unserer Gegend außerordentlich ungünstig bestellt. Selbst wenn ein guter Erdboden vorhanden wäre, würde doch die Entwicklungsfähigkeit der Pflanzen eine geringe bleiben. Aber auch der Ackerboden ist dürftig und seicht. Die Ackerkrume ist selten 2 äew tief 3. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
2. Örtliche Bedingung des Wanderhandels durch die Lage der Landwirtschaft. 9 Alle diese Umstände ermöglichen den Anbau nur weniger Feldfrucht arten. Nur Hafer, Kartoffeln, etwas Kraut und verschwindend wenig Roggen finden wir auf den Satzunger Feldern angebaut. In früheren Jahren, zumal am Ende der 50er und in den 60er Jahren, nahm der Flachsbau eine bedeutende Stellung in der Landwirtschaft ein. Es hing dies mit der damaligen Blüte des Flachshandels zusammen, den wir weiter unten zu behandeln haben. Von 1878 an, seitdem statistisches Material vorliegt, haben in den Anbauverhältniffen einige Verschiebungen stattgefunden. Wir geben daher für einige Jahre eine Übersicht über den Anbau auf Satzunger Flur. (Siehe Tabelle 2 auf S. 10.) Es ergiebt sich, daß von 1878 — 1894 die mit Hafer bebaute Fläche um 57 o/o gestiegen , während der Kartoffelbau um 54 o/o zurückgegangen ist. Andererseits haben die geringen Weiden um 22,8 o/o abgenommen und dafür haben die einschürigen Wiesen um 26 o/o gewonnen. Der Hafer hat sich auf Kosten der Kartoffel ausgedehnt, während die Weiden teilweise in Wiesenkultur übergeführt worden sind. Da die Kartoffel mehr als 140 frostfreie Tage zur Reife braucht, der Hafer dagegen nur etwa 120, und unser Dorf im allgemeinen knapp 120 frostfreie Nächte besitzt, ist das Vor dringen des Hafers erklärlich. Sehr stark überwiegen die einschürigen Wiesen, sodaß die anderen vollkommen zurücktreten. Öd- und Unland fehlt nach unserer obigen Zusammenstellung ganz, während die mit der letzten Berufs und Gewerbezählung verbundene landwirtschaftliche Erhebung Ödländereien im Umfang von 26 da 84,9 a ermittelte. Die Art der Nutzung der landwirtschaftlich benutzten Fläche, sowie der starke Prozentsatz, den die Weiden von der Gesamtfläche bilden, lassen bereits erkennen, daß wir es nicht etwa mit dem intensiven Systeme der Frucht wechselwirtschaft zu thun haben. Die ihr an Intensität nachstehende Koppelwirtschaft ist auch in Satzung, wie fast allgemein im Erzgebirge, heimisch. Die Vorteile freilich, die dieses Betriebssystem für größere und selbst mittlere Güter haben kann, gehen unseren Wirtschaftsbesitzern in der Hauptsache verloren, da die meisten Wirtschaften Zwergwirtschaften sind. Es ist unmöglich die Gesamtfläche in viele Koppeln zu zerlegen; man muß sich mit einigen wenigen begnügen und stellt damit hohe Anforderungen an Saida und Frauenstein und der ganzen südlichen Landesgrenze entlang alle Felder übersäet sind" und sagt, daß der ausgelagerte Boden „auf dem höchsten Gebirgsrücken an der Grenze von Böhmen kaum das starre Gestein zu verhüllen vermag, sodaß es in allen Straßengräben frei zu Tage hervortritt und oft schon in 1' Tiefe erschürft wird." OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
10 Kurt Kuntze. Tabelle 2. Die Gemarkung Satzungs nach ihrer Benutzung*?. Nutzungsart 1878 da a 18t da Z3 ! 18t da !7 ! * 1890 18c da >4 ! - 1 2 3 4 5 6 1. Acker- und Gartenland: Hafer ...................... Roggen Winter .... s Sommer . . . Alachs .............................. Kartoffeln ...................... Möhren. Kohlrüben . . Kraut ............................... Klee zu Futter .... Brachgras ...................... Gras gemischt mit Klee . Ackerweide ...................... Hausgärten ...................... 2. Wiesen: einschürige ...................... zweischürige ...................... 3. Weiden: reiche (30 und mehr Ctr. pro 1 Ku) ................. geringe .............................. 4. Forsten .............................. 5. Gewässer ............................... 6. Lehm- und andere Gruben 7. Land zu öffentl. Zwecken . 8. Haus- und Hofraum. . . 100 ' - 10 — 30 — 154 — 15 — 9 - 110 10 20 152 2 15 3 6 50 13 100 10 7 140 150 2 6 3 24 69 24 03 10 33 44 165 3 6 101 10 11 8 9 91 2 125 14 108 2 2 2 2 ___ !!!!!!! > ! > ! ! 175 2 ' 3 95 12 10 10 6 91 2 125 14 108 2 2 2 2 70 30 157 2 6 1 70 5 11 10 2 142 2 126 14 108 2 2 2 2 !!!!!!!! ! ! ! I ! ! ! I I ! ! ! ! ! 13 100 10 140 200 2 7 6 3 90 24 03 13 33 44 Zusammen .......................... 801 07 801 07 652 — 652 — 654 — * Zusammengestellt nach den alljährlich seitens der Gemeindevorstände dem Mi nisterium des Innern einzureichenden Berichte über Anbau und Ernteertrag. Ein gesehen im Königl. Sächs. Statist. Bureau. 2 Auf Grund der Landwirtschastskarten der Zählung vom 14. Juni 1895 (ein gesehen im Königl. Sächs. Sat. Bureau) ergiebt sich folgendes: Von 612 da 44,3 a landwirtschaftlicher Gesamtfläche werden Zusammen 612 Ku 44,3 u -- 100,0 " o. landwirtschaftlich benutzt 531 Ku 7,8 u -- 86,7 o'y, forstwirtschaftlich 30 - 96,6 - i gärtnerisch als Od- und Unland - 26 - 08,0 - l Z o/o 84,9 - ? o, als sonstige Flüche - 23 - 46,7 -1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
2. örtliche Bedingung des Wanderhandels durch die Lage der Landwirtschaft. 1 1 den Boden, der schonende Behandlung erfordert. „Bei den Zwergwirt schaften ist es leider gewiß, daß der bei ihnen überhaupt mögliche Wirt schaftsbetrieb jeglichen Fortschritt ausschließt" Ein Übergang zu einem anderen Betriebssystem ist bei den klimatischen Verhältnissen unmöglich. Der Ertrag der Felder steht dem durchschnittlichen Ernteertrage der Felder im ganzen Königreich Sachsen bedeutend nach. Es wurden durch schnittlich per Hektar in der Periode 1876/85 an Körnern und Knollen geerntet (Centner): Roggen Hafer im Königreich Sachsen ? . . 25,9 29,7 auf Satzunger Flur^ ... 12,9 18,6 Kartoffeln 197,3 183,9. Hiernach würde also die Roggenernte um 50,2 o/o, die Haferernte um 37,4 o/o und die Kartoffelernte um 6,8 o/o den durchschnittlichen Erträgen des ganzen Landes nachstehen. Nach dieser Quantitätsberechnung wäre also die Kartoffel die empfehlenswerteste Frucht zum Anbau in unserer Gegend. * v. Süßmilch a. a. O. S. 657. 2 v. Langsdorfs, Die Landwirtschaft im Königreich Sachsen, Tabelle 125. 3 Berechnet auf Grundlage des handschriftlichen Materials im Sächs. St at. Büreau, das zur Aufmachung der Erntestatistik dient. Die Bedenken, die vielfach der Erntestatistik entgegengebracht werden, sind wohl zu einem großen Teil berechtigt und es soll daher kein allzugroßer Wert auf diese Daten gelegt werden. Die Organe, welche mit der Sammlung des Urmaterials betraut sind, können oft mals nichts anders als grobe Durchschnittsberechnungen liefern. Besonders in Gegen den wo der Grundbesitz zersplittert ist, wird eine exakte Erhebung geradezu unmöglich; die Angaben werden stets mehr oder weniger unrichtig sein. Ein Satzunger, der mit zu den wenigen Großbauern zu rechnen ist, antwortete auf meine Frage, wieviel er im Jahre 1895 pro Hektar Kartoffeln geerntet habe: „Das waß i nett. De Arnt is gut, wenns Luch voll ist und damit baßta. Dos war im vergangene Gahr." — Nach den Berichten des Gemeindevorstandes sind in Satzung geerntet worden: Die Erträge schwanken bei einigen Fruchtarten also ganz beträchtlich. pro Hektar an Centner im Jahre 1878 1883 1887 1890 1894 Roggen ....................................... 8 610 10 18 Hafer ....................................... 16 8 21 16 24 Kartoffeln .............................. 100 90 120 100 120 Möhren und Rüben .... — 35 100 60 50 Klee ........................................... 20 18 48 30 60 Heu von einschürigen Wiesen 30 15 20 16 34 Heu von zweischürigen Wiesen 50 18 60 50 70 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
12 Kurt Kuntze. Zieht man aber die Qualität der Früchte in Betracht, so ergiebt sich bei den Kartoffeln nach einer zwanzigjährigen Durchschnittsberechnung ein hoher Prozentsatz erkrankter Früchte. Von 100 Centnern eingebrachter Kartoffeln waren trockenfaul, naßfaul, pockig oder krätzig im Durchschnitt der Jahre 1873 — 1895: 27,3 1873 — 1878 * : 22,4, 1883 — 1887: 22,5, * In diesem Zeitraum waren in ganz Sachsen im Durchschnitt erkrankt: 4,2 o/o. Vgl. v. Langsdorfs a. a. O. S. 102. 2 So z. B. auch wieder im Jahre 1896, wo die meisten Landbesitzer durch Kauf ihren Bedarf decken mußten. 3 Die nachfolgenden Angaben beruhen auf der mit der Berufs- und Gewerbe zählung vom 14. Juni 1895 vorgenommenen Erhebung der landwirtschaftlichen Be triebe. Tas Material ist im Königl. Sächs. Stat. Bureau in Abschrift genommen und dann aufgearbeitet worden. Es entspricht den faktischen Verhältnissen mehr als das Kataster. Es giebt uns den wirklichen Besitzstand an; das Kataster nennt uns aber nur den Steuerzahler, während der Besitzer des Grund und Bodens eine andere Person sein kann. * Dazu kommt noch die Gemeinde mit 5,09 da. Im folgenden ist diese Fläche stets ausgeschieden worden, da hier doch nur die Landwirtschaft treibenden Personen in Betracht kommen. 1878-1883: 48,7, 1888 — 1893: 38,0. In manchen Jahren soll die Hälfte, 1879 sogar Dreiviertel der gesamten Ernte erkrankt gewesen sein?. Bor einigen Jahren waren die Kartoffeln so minderwertig, daß einige Satzunger, die Kartoffeln gesteckt hatten, es gar nicht der Mühe wert hielten, die Früchte vom Felde heimzuholen. Zu weilen wird die Ernte durch ein plötzliches Schneegestöber unterbrochen. Vor mehreren Jahren hat man den Hafer, der noch ziemlich grün war, so naß geerntet, daß das Schneewasser vom Erntewagen lief und der Haferauf der Tenne getrocknet werden mußte. Die unwirtliche Lage des Dorfes drückt sich auch darin aus, daß es im ganzen Orte nur drei Obstbäume giebt, die aber noch nie reife Früchte getragen haben. Trotz des zweifelhaften und geringen Ertrages der Landwirtschaft unserer Gegend möchten doch alle die, welche ein Stückchen Land besitzen, dieses nicht missen, und diejenigen, welche kein Fleckchen ihr eigen nennen, streben danach, ein solches zu erwerben. Ganz besonderes Interesse hat es daher für unsere Untersuchung, die Größe der Betriebe und zugleich die Beteili gung der Wanderhändler an der Landwirtschaft kennen zu lernen^. Im ganzen giebt es in Satzung 180 Haushaltungen, die Land bebauen^; von 415 Haushaltungen des Dorfes sind es also nur 43,37 O o. Die Angehörigen der übrigen 56,63 o/o sind mithin, da sie in der Land- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
2. örtliche Bedingung des Wanderhandels durch die Lage der Landwirtschaft. 13 wirtschaft auch nicht als Hilfspersonen Verwendung finden, auf einen anderen Erwerbszweig angewiesen. Folgende Tabellen geben die Betriebe nach Größenklassen und zwar sowohl nach der Zahl der Besitzer als nach der Gesamtfläche, zugleich ver glichen mit denselben Angaben für das Erzgebirge überhaupt bezw. für die Kreishauptmannschaft Zwickau und für ganz Sachsen. (Siehe Tabellen 3 und 4 auf S. 14.) Betrachten wir als Zwergwirtschaften alle Betriebe , welche bis 5 da Fläche besitzen so finden wir, daß in Satzung 79,45 o/o, im Erzgebirge nur 62 o/o dieser Kategorie zufallen; in der Kreishauptmannschaft Zwickau 73,71 o/o und im ganzen Königreich. 75,7 o/o. Es sind in Satzung also vier Fünftel, im Erzgebirge drei Fünftel aller Betriebe Zwergwirtschaften. Während aber diese letzteren nur 14,3 o/o der Gesamtfläche inne haben, besitzen jene 79,5 o/o sogar 46,1 o/o der gesamten landwirtschaftlich benutzten Fläche. Be sonders fällt auch in Satzung der niedrige Prozentsatz der Betriebe mit weniger als 1 da Fläche auf. Die Zahl der Zwergwirtschaften ist in Satzung relativ bedeutend größer als im Erzgebirge überhaupt, jedoch ist zugleich der durch schnittliche Umfang eines solchen Betriebes in unserem Dorfe relativ weit größer als sonst im Gebirge. Es ändert dies freilich nichts an dem aus gesprochen zwergwirtschaftlichen Charakter der Landwirtschaft unseres Ortes. Nur ein Fünftel sämtlicher Besitzer hat über 5 da Fläche; diese Betriebe allein wird man als eigentliche Güter bezeichnen dürfen. Alle anderen, besonders aber die bis zu 2 da Umfang, sind nur Parzellen, deren Bewirt schaftung für die Besitzer Nebenberuf ist. „An einen regelrechten Wirt schaftsplan ist bei dem geringen Umfange der Ackerflächen nicht zu denken. Diese Kleinbesitzer müssen neben der Bewirtschaftung ihres Gütchens noch eine andere und lohnende Beschäftigung treiben können" ?. Teilt man das Gesamtareal unter die 180 Betriebe auf, so würde jedem 3 da 37,4 a zufallen. Die Tabelle 4 zeigt deutlich, wie die Wirk lichkeit von diesem berechneten Durchschnitt abweicht. Da die 4 untersten * v. Langsdorfs sieht sür sächsische Verhältnisse als Zwergwirtschaften Be triebe mit weniger als 1,67 da an. Wenn dies sür ganz.Sachsen Gültigkeit haben kann, so wäre diese Grenze für die erzgebirgischen Verhältnisse doch viel zu eng ge zogen. v. Süßmilch a. a. O. S. 647 bezeichnet ebenfalls als Zwergwirtschaften alle Betriebe unter 5 da Fläche. Er sagt, daß „bei weniger als 5 da von einem landwirtschaftlichen Betriebe, welcher die Arbeitskräfte vollständig ausnutzt, und den Ertrag der Bodenflüche auf angemessene Höhe steigert, nicht die Rede sein kann." 2 v. Süßmilch a. a. O. S. 656. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
20 Kurt Kuntze. und Bodens zu karg, als daß die Mehrzahl der Dorfbewohner in der Landwirthschaft beruflich thätig sein könnte. So ist und war es stets, nicht allein in unserem Dorfe, sondern fast überall im Obererzgebirge. „Ebenso wenig wie in früheren Zeiten bildet heute der Ackerbau die Hauptnahrungs quelle auch nur eines geringen Teiles der Erzgebirgsbewohner Mit Notwendigkeit sind also die meisten unserer Satzunger auf andere Berufe angewiesen. Im Handwerk konnte in einem so kleinen Dorfe wie Satzung natürlich stets eine nur sehr beschränkte Zahl von Personen Unterhalt finden. Wenn dennoch einzelne Handwerke in früheren Zeiten außerordentlich stark ver treten waren, so hing dies — wie wir später sehen werden — von einem andern eigenartigen Beruf der Satzunger ab. Heute sind die Handwerke in Satzung vollkommen genügend besetzt; ein weiterer Zuwachs der Ge werbetreibenden ist ohne beträchtliche Vergrößerung der Konkurrenz nicht möglich. Bei den einheimischen Gesellen besteht auch wenig Neigung, als Meister sich im Orte niederzülassen. Während man in den meisten Gegenden des Erzgebirges in vielen In dustriezweigen eine ausgedehnte Hausindustrie findet, hat sich in Satzung nie eine solche, an der die männliche Bevölkerung sich hätte beteiligen können, eingebürgert. Zwar hat die Spitzenklöppelei und Gorlnäherei einigen Umfang erreicht, aber beide Erwerbszweige haben doch nur für die Frauen und Mädchen eine Bedeutung; nicht für die Männer. Der Ort liegt auch zu sehr abseits von jeder Verkehrsader, sodaß jede Produktion durch die hohen Transportkosten für Beförderung der Produkte zur nächsten Bahnstation unrentabel gemacht würde. Hätte die Gemeindeverwaltung in den 70er Jahren, als die Bahnlinie Marienberg-Komotau gebaut wurde, in kurz sichtiger Verblendung nicht allzu hohe Entschädigungsansprüche gestellt, so wäre sicherlich Satzung als Bahnstation an Stelle des in technischer Hin sicht weit ungünstiger gelegenen Ortes Reitzenhain gewählt worden. Dann hätte aller Wahrscheinlichkeit nach auch in Satzung Industrie Platz gegriffen, und sicherlich wäre der Hausierhandel mehr und mehr verdrängt worden. Man darf aber auch die Bedeutung eines psychologischen Momentes nicht unterschätzen, das wesentlich dazu beigetragen haben dürfte, daß die Satzunger zähe am Hausierhandel festhalten. Es ist dies die Vererbung derselben Berufsthätigkeit vom Vater auf den Sohn, von Geschlecht und Privilegien gesichert. Vgl. I. Bendel, Die Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien, 2. Bd. d. Völker Österr.-Ung. Wien und Teschen 1885, S. 198. * Ebenda. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
2. Örtliche Bedingung des Wanderhandels durch die Lage der Landwirtschaft. 21 zu Geschlecht. Wer den Erzgebirger kennt, der wird v. Süßmilch zu stimmen müssen, wenn er von ihm sagt*: „Er hängt aber starr an alten Gewohnheiten und siecht lieber an der hergebrachten Arbeit dahin, als eine andere zu ergreifen." Zwar fehlt es unseren Satzungern in ihrem Beruf nicht an Initiative, aber dennoch können sie sich von alten, heimischen An schauungen nicht losreißen. Unser Ergebnis können wir in folgende Sätze zusammenfassen. Relativ starke Bevölkerungsdichtigkeit und kleine landwirtschaftliche Fläche schließen bereits mehr als die Hälfte der Satzunger Haushaltungen vom Besitze eines selbst kleinen landwirtschaftlich nutzbaren Areals aus. Rauhes Klima, zer splitterter Grundbesitz und geringer Ertrag der Landwirtschaft machen es dem größten Teil derer, die Landbesitz haben, unmöglich, einzig und allein von ihm zu leben. Die Bewirtschaftung des Grundbesitzes ist nur für wenige Hauptberuf. Da das Handwerk nur eine beschränkte Zahl selb ständiger Personen und die Hausindustrie männliche Personen gar nicht zu ernähren vermag, da eine andere Industrie am Platze nicht vertreten ist und wegen ungünstiger Berkehrsgelegenheit auch keine Aussicht vorhanden ist, daß eine solche Fuß fassen kann, so ist dadurch für die größte Zahl der erwerbsfähigen Männer die Wahl eines anderen Berufes Notwendigkeit. Die Vorfahren, welche sich genau denselben wirtschaftlichen Bedingungen gegenübergestellt sahen, sind gemäß einer im nächsten Abschnitte zu schildernden Entwicklung nach und nach zum Wanderbez. Hausierhandel übergegangen. Man ist ihm bis zum heutigen Tage treu geblieben, zumal sich die wirt schaftlichen Grundlagen kaum geändert haben. v. Süßmilch, a. a. O. S. 133. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. Zur Entstehung des Hausierhandels der Satzunger. Sowohl vom früheren Erwerbe der Satzunger als auch vom Beginne des Hausierhandels ist uns wenig überliefert worden. Bei den ältesten Leuten im Dorf wurden Erkundigungen eingezogen, die in Verbindung mit dem archivalischen Quellenmaterial einige Schlüsse zulassen, die als richtig gelten dürfen. Noch heute ist in der Erinnerung der älteren Dorfbewohner, daß bis in unser Jahrhundert hinein von den Vätern und Großvätern ein flott gehendes Lohnfuhrwerk betrieben wurdet Es hing dies mit dem Pasch- und Grenzhandel zusammen, der von Satzung ausging. Die Pascherei nach Böhmen wurde derart ausgeübt, daß Österreicher nach Satzung kamen, hier während des Tages die von ihnen bestellten Waren aufkauften, sich bis zum Eintritte der Nacht aufhielten und dann mit den Waren den Rückweg an traten. Die Satzunger übernahmen bei diesem ganzen Geschäft die Rolle der Zwischenhändler, indem sie die Waren aus dem Niederlande herbeischafften. Zuweilen freilich mögen sie selbst gepascht haben; in der Regel thaten sie es wohl nicht. Die Lage des Dorfes, das früher mitten im Walde lag, während heute Feldflur zwischen Dorf und Wald sich befindet, mag der Pafcherei zu einer großen Blüte Verholfen haben. * Das Fuhrwesen der Satzunger scheint weit zurückzureichen. In einem Akten stück Oravainina, Ein gegeben beym gehaltenen Hegegericht (1698) zu erördtern ge bothen, durch den Ambtman, Akten beim Amtsgericht Marienberg Oax. IX Int. I". no. 15 Vol. II, wird über mehrere Übelstände geklagt. Besonders auch über die Beteiligung der Häusler und Hausgenossen am Fuhrwesen, denen es nicht zu komme „Pferde und ander Zug Vieh zu halten, dadurch den Bauern ihr Erwerb zu schwächen und zu entziehen." OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 23 Das Wohl und Wehe des Ortes hing ab von diesem nächtlichen Ge werbe, das überdies vielen Handwerkern auskömmliche Nahrung verschaffte. Die Zahl der Handwerker war eine solch beträchtliche, daß ihnen im Jahre 1784 die Gründung einer Dorf-Innung gestattet wurde * . In dem 1781 eingereichten Gesuche heißt es: „Überdies lebten sie nicht etwa von dem Ertrage der wenigen Arbeit des Dorses Satzung und der umliegenden Dörfer, sondern ihre Thätigkeit erstreckt sich vielmehr auf die nahe belegenen böhmischen Dörfer." Der Amtshauptmann von Wolkenstein, welcher das Gesuch befürwortete, berichtet: „Der letztvergangene Krieg hat sie fast ihrer ganzen Habseligkeiten beraubt und sie suchen sich durch den Paschhandel nach Böhmen zu erholen." Nur so ist die sonst unerklärliche Thatsache zu verstehen, daß es 1781 in Satzung 20 Schuhmachermeister und 6 Schneidermeister gab. Im Jahre 1815 gab es sogar 40 zur Innung gehörige Schuhmachermeister. Da sie Messen und Märkte nicht besuchen durften, waren sie auf die Deckung des Bedarfes des Ortes und notwendiger weise auf den Vertrieb im Wege der Pascherei angewiesen. Glaubwürdiger Erzählung zufolge soll jeder Pascher, bevor er wieder nach Böhmen ging, neues Schuhzeug zu Verkaufszwecken angezogen haben. Einzelne haben sich dabei speciell mit der Pascherei von Kleidungsstücken befaßt. * Haupt-Staatsarchiv zu Dresden. Confirmirte Innungen äs anno 1784, Bd. OOXXXI ^ol. 478 — 546. 2 Acta, den Handel im Dorfe Satzungen betr., 1827. Archiv der Königl. Kreishauptmannschaft Zwickau L. III 1, 59. Vol. II. 3 Ebenda. Tas Amt Wolkenstein berichtet: „Nun aber scheinen die Gerichte Den Hauptgewinn von der Pascherei trugen aus seiten der Satzunger aber die Krämer und die Lohnfuhrleute davon. Die Zahl der Material warenhandlungen war eine sehr beträchtliche, wie auch der Umfang einzelner nicht ohne Bedeutung war. Bei diesen ansässigen Händlern bestellten die Pascher die Waren und von hier holten sie diese ab. Als Beleg des großen Umsatzes einzelner Händler sei folgendes angeführt. Am Anfang dieses Jahrhunderts bittet ein Krämer die Regierung, seinem Sohne die Erlaubnis geben zu wollen, den Handel weiter betreiben zu dürfen. Das Geschäft bestehe „im Vertriebe der Waren in größeren Quantitäten insbesondere nach Böhmen und sei von solchem Umfange, daß alljährlich mehrere Tausend Centner Kaffee und Zucker umgesetzt und meistens durch Einwohner von Satzung hertransportiert würden" Die Angabe war vom Accisbeamten beglaubigt. Einzelne der Krämer ließen den Handel zu Hause von ihren Angehörigen treiben und besorgten selbst die Herbeischaffung der Waren, um auch den Fuhrmannsverdienst selbst zu erwerbend Mit Rücksicht darauf, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
24 Kurt Kuntze. daß „Satzung sich durch Paschhandel ernähren muß" * , gewährte man drei Krämern die Erlaubnis, ihre Waren sogar aus inländischen Meßorten zu holen, allerdings unter der Bedingung, sie lediglich an Ausländer und Ein wohner des Ortes zu verkaufen. Man verwies sie also bei dem relativ ge ringen Bedarf des Dorfes in der Hauptsache auf den Absatz an böhmische Pascher 2. Zuweilen umgingen die Böhmen auch die Satzunger Material warenhändler und „ließen sich Waren aus Leipzig und Magdeburg zuführen und durch Fuhrwerk zu Pferde oder durch Träger über die Grenze bringen" Sie traten also in solchen Fällen nur mit den Fuhrleuten in Verbindung. zu Sazmigen zu zweifeln, ob Ullmann sich zum Handel eignen möchte, weil er, wie der verstorbene Lorenz, ein Landfuhrmann ist, aber nicht, wie jener, Angehörige zu Hause hat, die in deßen Abwesenheit den Handel betreiben könnten." * Acta, den Handel im Dorfe Satzungen betr., 1767. Archiv der Königl. Kreishauptmannschaft Zwickau, L. II1 1, 59. Vol. I. 2 Ebenda. „Weil das Geschäft der böhmischen Pascher mit vielem Risico, sowol für ihre Person, als für ihr Vermögen verknüpft ist, so wollen dieselben auch so viel wie möglich dabey gewinnen und erholen natürlich ihr Waaren Bedürfniß nun von den Grenz-Orten, wo sie selbige um den wohlfeilsten Preis haben können. Da nun Sazung die ins Ausland zu vertreibenden Waaren in accisbaren Städten hat nehmen müssen, so kann selbiges die Waaren nicht so wohlfeil geben, wie die ganz unaccisbaren Schönburgischen Orte Pfannenstiel und Lößniz, wohin sich der Pasch handel zieht." Auf diesen Bericht hin ward obiges Privileg erteilt. 3 Ebenda. 4 Ebenda Vol. II. s Es ward übrigens im Jahre 1836 wieder zurückgenommen und nur eine be stimmte Zahl von Materialwarenhändlern wieder zugelassen. Verordnung der Königl. Kreisdirektion Zwickau vom 6. Mai 1836. Amtsh. Marienberg, XVIII 6 a, 454. 6 „Vor Eintritt des Zollverbandes in Preußen betrieb nämlich das ganze Dorf Satzung einen lebhaften Handel mit Materialwaaren nach Böhmen, seine Lage machte Noch im Jahre 1827 empfahl der Accisbeamte zu Jöhstadt, es solle „jedem Einwohner zu Satzungen ohne Ausnahme der Handel unter der Bedingung, die Gegenstände desselben lediglich aus inländischen accisbaren Städten zu beziehen, nachgelassen sein" Man wollte dadurch dem mehr und mehr in Verfall geratenden Handel wieder aufhelfen; es gelang jedoch nicht. Nur weuig Satzunger machten von dem 1828 gewährten Privileg Gebrauchs Die Zahl der Krämer ging stark zurück, weil der Paschhandel nicht mehr so im Schwünge war wie früher. Ihn zu befriedigen genügten jetzt 6 Materialwarenhandlungen, während früher etwa 15 bestanden. Von der selben Zeit an fiel auch die Zahl der für den Paschhandel arbeitenden Handwerker außerordentlich schnell. Der Verfall der Pascherei ging Hand in Hand mit schärferer Bewachung der Grenzet Dadurch ward aber nicht allein den Dorfhändlern die Haupt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 25 quelle ihres Verdienstes verstopft, sondern auch allen Fuhrleuten, die sich mit der Herbeischaffung der Waren befaßt hatten. Die Zahl der Fuhr leute beschränkte sich in späterer Zeit nur aus einige wenige Jetzt war die Zeit vorüber, von der berichtet werden konnte ?: „Der Handel des Ortes war blühend und durch denselben fast ohne Unterschied jeder Einwohner vermögend gewesen, sich und die Seinigen gut zu ernähren, anständig zu kleiden und seine Steuern und Abgaben behörig und zur bestimmten Zeit ohne damit in Rest zu verbleiben, zu entrichten, ja, das ganze Dorf hatte sich auf eine gewisse Stufe des Wohlstandes befunden." Nun galt es andere Erwerbszweige zu ergreifen, die imstande sein konnten, den erlittenen Verlust zu ersetzen. Freilich nicht plötzlich brach eine Veränderung in den bisherigen Ver hältnissen ein; allmählich gestalteten sie sich um und allmählich paßte man sich ihnen an. Einzelne Fuhrleute nahmen, als sie in die Ebene fuhren um Waren heraufzuholen, schon längst, ehe an ein Sinken des Fuhrwesens ge dacht werden konnte, erzgebirgische Produkte mit hinab. Es waren meist in der Haushaltung produzierte Waren, die sie gelegentlich, besonders in den Gasthäusern, absetzten. Kamen sie in die Städte Leipzig, Naumburg, Magdeburg, Halle, so bot sich ihnen Gelegenheit genug, einige Ellen geklöppelte Spitzen oder dergl. zu verkaufend Damals war natürlich an es ganz besonders dazu geeignet und die Nähe der böhmischen Städte Sebastians berg, Kommotau, Kaaden, Saatz, Preßnitz, Sonnenberg u. s. w. begünstigte die Einschmuggelung der Kolonialwaaren nach dort ganz besonders. Aber schon nach dem Eintritt des Zollverbandes mit Preußen reducirte sich dieses Geschäft durch die damit verbundenen Controlmaßregeln um mehr als die Hälfte und deshalb wurde die früher unbeschränkte Anzahl von Kramhändlern auf die feste Zahl von 6 reducirt. Allein seitdem der österreichische Kaiserfiaat einen Zoll- und Handelsvertrag mit den Staaten des Zollvereins abgeschlossen hat, ist der Handel nach Böhmen völlig zur Unmöglich keit geworden, und der Absatz der hiesigen Krämer beschränkt sich lediglich auf den Ort." — Akten bei der Amt sh. Marienberg, XVIII, 6a, 423. * In der auf S. 19 Anm. I gegebenen Übersicht über den Viehstand in Satzung von 1834- 1873 erkennt man, wie die Pferdehaltung von 1840 an fast stetig zurück gegangen ist. Es ist dies eine Folge des weiteren Rückganges des Fuhrwerkbetriebes. Im Dorfe wird erzählt, daß noch in den 20 er Jahren einzelne Fuhrleute vierspännig, ja sogar sechsspännig die Lohnfuhren besorgten. 2 Acta, den Handel im Dorfe Satzungen betr., 1767. Königl. Kreishauptmannschaft Zwickau, Bericht vom Jahre 1807. 3 In einem Aktenstück: Das Hausieren in hiesigen Landen betr., 1802/31, Hauptstaatsarchiv zu Dresden, I^oe. 11138 heißt es gelegentlich: „Die aus den Meßstädten Leipzig und Naumburg heimkehrenden Salz- und Frachtfuhrleute bringen allerhand Waren mit und verkaufen sie an Schankwirten, Dorfkrämernu. a. m." Möglicherweise haben auch die Satzunger auf der Rückkehr solchen Handel getrieben. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
26 Kurt Kuntze. einen hausiermäßigen Vertrieb der Waren nicht zu denken; die Fuhrleute betrieben den Verkauf nur nebenbei und hatten nicht Zeit, die meist nur kleinen Quantitäten von Haus zu Haus anzubieten. Als das Lohnfuhrwerk aber mehr und mehr zurück ging, lag es für sie nahe, die hier und da an geknüpften Beziehungen zu Gasthofs- und Ausspannungsbesitzern, wo sie auf ihren Reisen regelmäßig Unterkunft suchten, zu Kaufleuten, wo sie die Waren abholten und zu allen jenen Personen, mit denen sie während ihrer Fahrten wieder zusammentrafen, aufrecht zu erhalten und auszubauen. So vollzog sich bei einem Teil der ehemaligen Fuhrleute die Verwandlung in Hausierer, während zu gleicher Zeit den Angehörigen Beschäftigung wurde, indem diese für das hausierende Familienglied Spitzen anfertigten, die man im Anfang allein Vertrieben haben dürste. Ein anderer Teil der Fuhrleute, der zwar ebenfalls mangels Lohn fuhren die Vermittlung zwischen den Kaufleuten im Niederlande und den Dorfhändlern aufgeben mußte, ging nicht gleich wie der vorige zur Hausiererei über, sondern suchte sich anderswo Aufträge für das Fuhrgeschirr. Die Satzunger traten in fremde Dienste und besorgten die Beförderung von Flachs, Getreide und Holz. Sie waren anfangs nichts anderes als Besitzer des Transportmittels und schafften den Flachs vom Bauer zur Spinnerei, oder das Getreide vom Fuße des Gebirges hinab in die Ebene. Sie waren anfänglich nicht Besitzer der transportierten Waren. Bald überließen sie den Getreidetransport vollkommen den Reischdörfern ^, während sie mehr und mehr sich des Flachstransportes befleißigten. Nicht zufrieden mit dem bloßen Fuhrlohn, suchten sie allmählich eine Zwischenhändlerrolle zu spielen. Sie kauften Flachs auf und verkauften ihn auf eigene Faust hin. Es mag ihnen hierbei die Kenntnis der Absatzorte, die sie sich als Fuhrleute erworben hatten, zu statten gekommen sein. So entstand der später zu außerordentlicher Blüte gelangte Flachshandel. Ähn lich wie der Flachshandel bildete sich auch der Pferdehandel aus dem Fuhr werksbetrieb heraus. Es war anfangs weniger ein wirklicher Handel als Einwohner des unweit Satzungs gelegenen böhmischen Ortes Reischdorf. Bendel, Tie Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien, 2. Hälfte, Wien und Teschen 1885, S. 208 f., sagt: „In allen Dörfern an der Eger und Elbe und weit in's Land hinein kannte früher, ja bis über die Mitte unseres Jahrhunderts, jedes Kind einen echten ,Reischdorfer*. Auf allen Straßen begegnete man den schweren, starkgefügten und wohlausgerüsteten, mit hohen Leinwandplanen überdachten Reischdorfer Fuhrmannswagen, die von zwei oder vier starkknochigen, hohen Gäulen ge zogen wurden ... Sie versahen das ganze Gebirge bis hinab nach Sachfen mit Ge treide aus dem fruchtbaren Gelände des Erzgebirges." OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 27 ein bloßes Tauschgeschäft, das die Fuhrleute zuweilen mit anderen Pferde besitzern trieben. Im Beginne nur ein Nebengeschäft der Fuhrleute, dehnte er sich später bedeutend aus und ward von Einzelnen als selbständiger Handel betrieben. Endlich giebt es aber auch noch eine dritte Gruppe von Personen, die sich mit dem Wanderhandel zu befassen begannen. Was eigentlich die Ver anlassung hierzu gab, ist unbekannt. Soviel aber ist sicher, daß sie nicht im Rückgang des Lohnfuhrwerks und der Pascherei zu suchen ist. Die verschieden artigsten Waren wurden von ihnen in den Hausierbetrieb ausgenommen. Mit Kienspänen und Töpfen handelten die ärmsten Personen ; mit Bettfedern, Schuhnägeln und wohl auch mit Hopfen handelten die kapitalkräftigeren Satzunger. Leider ist vom Betriebe dieses alten Hausierhandels recht wenig zu erfahren gewesen. Die Holzspäne wurden im benachbarten Steinbach gekauft, wo schon damals viele Holzschneidereien sich befanden. Die Töpfe dagegen wurden aus Zöblitz geholt und nach Böhmen geschafft. Bereits im Jahre 1782 scheint der Hausierhandel eine große Bedeutung im Wirtschaftsleben des Dorfes gespielt zu haben. In den Verhandlungen zur Gründung einer Innung heißt es an einer Stelle: „Es treiben aber überhaupt die Satzunger ihre Profeßion wenig oder gar nicht. Der Handel mit Pferden, Spizen, Holz, Getreide, Cram und anderen Waaren ist vielmehr ihr größter Bewerb" * . Mit Gewißheit können wir also allein angeben, daß die Satzunger bereits um 1780 Wanderhandel in einigem Umfang trieben. Überhaupt zum ersten Male erwähnt finden wir einen Spitzen hausierer im Jahre 1767?. In dem im Jahre 1825 erschienenen Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von Sachsen wird freilich des Wanderhandels gar nicht gedacht^. Die hier über den Beruf der Satzunger gemachten * Haupt-Staatsarchiv zu Dresden. Confirmierte Innungen äo anno 1784, Bd. 231. Bericht der Jöhstädter Innung vom 6. Juli 1782. Es mag dies eine Übertreibung der Jöhstädter Innung gewesen sein, die bemüht war, die Gründung einer Satzunger Innung zu vereiteln; aber immerhin lernen wir doch den Umfang des Handels einigermaßen kennen. Daß hier aber in der That auch Wanderhandel und nicht seßhafter gemeint ist, geht aus einer Bemerkung hervor, wo dieselbe Innung, der die Satzunger Meister bis dahin zugehörten, sich beklagt, daß die Meister des Handels wegen oft abwesend seien und deshalb nicht zu den Quartalen kämen. Weiteres davon beim Spitzenhandcl. Man kann wohl annehmen, daß das Privileg, welches den Erzgebirgern durch das Generale vom 28. Juni 1751 gewährt wurde, indem ihnen — und nur allein ihnen — das Herumtragen von Spitzen und kurzen Waren gestattet wurde, ebenfalls eine Ausbreitung des Satzunger Wander handels bewirkt hat. Ooä. ^uZ. I, Forts. I, S. 778. 3 Aug. Schumann, Vollständiges Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
28 Kurt Kuntze. Angaben scheinen überhaupt wenig zuverlässig zu sein. In der zwanzig Jahre später erschienenen Kirchen-Galerie Sachsens wird der Handel als Hauptbeschäftigung der Männer bezeichnet, indem es heißt * : „Da der Feld bau des rauhen Klimas wegen nur als Nebensache betrieben werden kann, so besteht die Hauptbeschäftigung und zwar des dasigen männlichen Ge schlechtes im Handel mit Spitzen, Hopfen, Federn, Gemüse und Pferden." Sachsen, 1825, X. Bd., S. 176 f. Es heißt hier: „Viele Einwohner nähren sich durch Waldarbeit, einige durch Schwammbereitung, durch Nägelschmieden u. s. w." Diese Aufzählung kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit machen. * Sachsens Kirchen-Galerie, XII. Band, Dresden 1845, S. 59. 2 Obgleich das Generale an sämtliche Accis-Jnspektoren von 1786 (Ooä. H_u§. Bd. 2, Forts. 2, S. 1288) bestimmt, daß von den Gerichtsobrigkeiten den Hausierern Erlaubnisscheine zu erteilen seien, darüber Protokoll geführt werden soll und dieses einzureichen sei, ist weder im Haupt-Saatsarchiv, noch in anderen in Betracht kommen den Archiven etwas aufzufinden gewesen. Übrigens scheint aber jene Bestimmung sehr lässig durchgeführt worden zu sein, sodaß selbst die Regierung weder über die Zahl der Hausierer, noch über ihr Nationale genau informiert war. Acta, Das Hau sieren in hiesigen Landen. Haupt-Staatsarchiv I^oe. 11138: „In einzelnen Städten werden Hausirzeddel ausgegeben, in einzelnen nicht .. . Der Beyspiele, daß auch Dorfhausirer mit schriftlichen Concessionen versehen sind, kommen nur wenige vor." 3 Akten bei der Amtshauptmannschaft Marienberg, Abt. XVIII Absch. 6a Nr. 423, Protokolle über Concessions- und Dispensationsgesuche für Satzung, 1852 ff. 4 Wenn im folgenden kurzweg von Hausierhandel gesprochen wird, so wird da mit stets der Handel überhaupt, also auch der Wanderhandel, gemeint. Wie das Jahr des Beginnes des Hausierhandels, entzieht sich auch die anfängliche Zahl der Wanderhändler unserer KenntnisErst seit neuerer Zeit steht uns statistisches Material darüber zur Verfügung, das in den folgenden Abschnitten verwertet werden wird. L. Die Handelsprodukte. Unter Wander- und Hausiergewerbe verstehen wir das Anbieten ge werblicher Leistungen oder mitgeführter Waren seitens Gewerbetreibender oder Händler von Ort zu Ort und Haus zu Haus ohne Vorhandensein einer festen Betriebsstätte. Die Satzunger haben, solange sie überhaupt im Umherziehen thätig sind, stets Waren Vertrieben und nie Leistungen an geboten. Nur ein einziger Fall ist bekannt, wo es dennoch geschah. Es war im Jahre 1862, als einem Satzunger die Erlaubnis gegeben ward, als Scherenschleifer und Siebmacher umherziehen zu dürfen Der Handel ist sowohl Hausierals auch Wanderhandel d. h. die Satzunger gehen sowohl von Haus zu Haus als auch von Ort zu Ort. Auf die wenigen Aus OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 29 nahmen, daß einzelne in Städten sich dauernd aushalten, also nur Hausier handel treiben, werden wir später zurückkommen. Die Händler und Händlerinnen vertreiben heute noch in der Haupt sache dieselben Waren, welche die Vorsahren vor einem Jahrhundert mit sich führten. Nur einzelne Artikel, wie Schuhnägel, Holzspäne und Feuer schwamm sind aus dem Hausierbetrieb verdrängt worden, da sie ersetzt worden sind durch Produkte vervollkommneter Art, deren Erzeugung die Fabrik an sich gerissen hat, während der stehende Handel den Verschleiß über nommen hat. Satzung besaß noch in den vierziger Jahren eine große Zahl von Nagelschmieden. Die Nägel wurden den Händlern in Päckchen zu je 1000 Stück Inhalt übergeben. Etwa ein bis anderthalb Centner Nägel nahm ein Händler mit und Vertrieb die Last, indem er sich des Schiebebockes als Transportmittels bediente. Die schlechte Beschaffenheit der Straßen machte den Handel bei der mühevollen Beförderung der Ware zu einem äußerst beschwerlichen. Den Schiebebock suchte man dann vor der Rückkehr nach Satzung zu verkaufen, begab sich hieraus in das heimatliche Dorf, und be gann den Handel von neuem. In den fünfziger Jahren ließ dieser Handel schon sehr nach, im folgenden Jahrzehnt gab es nur noch einige wenige Händler. Die Produktion haben Fabriken übernommen ; den Verkauf stehende Geschäfte, gegen welche Nagelschmied und Hausierer vergebens anzukämpfen versuchten. Über den Feuerschwamm-Handel wurden vollkommen auseinander gehende Angaben von den Satzungern gemacht. Während einige alte Leute bestritten, daß überhaupt jemals von einem Dorfangehörigen mit Feuer schwamm gehandelt sei, machten andere positive Angaben, die sich ungefähr mit dem decken, was Sigismund in seinen „Lebensbildern" über den Feuerfchwammhandel der Bernsbacher sagt ^. Freilich soviel ist sicher, daß die Satzunger — wenn sie überhaupt Handel mit Feuerschwamm getrieben haben — sich viel srüher damit beschäftigt haben als zu der Zeit, wo Sigismund seine Beobachtung machte. Dieser Handel hat sür die Satzunger * Berthold Sigismund, Lebensbilder vom sächsischen Erzgebirge, Leipzig 1859, S. 91: „Gleich ihren thüringer Kollegen müssen die Bernsbacher den Rohstoff (Feuerschwamm) aus weiter Ferne beziehen, denn wo gäbe es in unseren civilisierten Wäldern noch alte Buchenstämme und Stöcke genug, an denen der Zunderpilz wachsen könnte? Der rohe Schwamm kommt aus den Urforsten der buchenreichen Kar pathen, scheint aber auch dort in der Bukowina immer spärlicher zu werden, da man trotz des seit 20 Jahren von 5 Thlr. auf das Doppelte gestiegenen Preises nicht mehr genug geliefert bekommt." OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
36 Kurt Kuntze. 100 im Jahre Händler Händlerinr . Waren 1883 496 456 1884 529 467 1885 505 450 1886 508 457 1887 512 475 1888 497 460 1889 510 467 1890 514 479 1891 480 471 1892 477 451 1893 435 466 1894 449 452 Wir sehen, daß mit Ausnahme der beiden letzten Jahre die Männer regelmäßig mehr Handelswaren in ihre Scheine aufnehmen ließen als die Frauen. Bei einer Vergleichung der zwei Zahlenreihen ergiebt sich weiter, daß beide — wieder mit Ausnahme der Jahre 1893 und 1894 — sich ganz gleichmäßig bewegen. Beide fallen zugleich und steigen auch wieder gemeinsam. Eine bestimmte Tendenz läßt sich jedoch in der Art der Ab wechslung von Steigen und Fallen nicht erkennen. Die Eigentümlichkeit der analogen Bewegung der beiden Zahlenreihen scheint einen tieferen Grund kaum zu besitzen. Wenn wir somit vom Umfang der Betriebe nach der Zahl der Handels artikel Kenntnis erhalten haben, so fehlt uns doch noch jede Gewißheit über die thätsächlich vorkommenden Warenzusammenstellungen. Die Zahl der verschiedenen Waren ist aber eine relativ große, sodaß eine Statistik über die faktischen Warenkombinationen infolge der großen Zahl möglicher Kombinationen jede Übersichtlichkeit einbüßen würde. Wir sind daher zu Zusammenfassungen genötigt. Und zwar wollen wir folgende Elemente unterscheiden. 1. Spitzen. 2. Textilwaren, darunter sind vereinigt: Weiß-, Woll-, Strumpf- und leinene Waren, sowie Posamenten, Stickereien, Zwirn und Band. 3. Produkte der Landwirtschaft: Bettfedern, Flachs und Sämereien. 4. Tiere: Pferde und Gänse. 5. Andere Waren, in der Hauptsache Viktualien und Obst. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 37 Es wäre wenig zweckmäßig, die Aufstellung über die Warenkombinationen für alle Jahre von 1880 — 1895 zu geben. Da von den Jahren 1894 und 1895 nicht alle Kombinationen bekannt waren, mußte als letztes Be obachtungsjahr 1893 gewählt werden. Als zwei andere wählten wir 1880 und 1886. Bei 5 Elementen sind im ganzen 31 Kombinationen möglich. In Wirklichkeit kommen nur vor im Jahre bei den Männern bei den Frauen 1880 19 3 1886 19 6 1893 17 6 Die Zahl der Kombinationen hat sich also bei den Männern fast auf gleicher Höhe gehalten, während sie bei den Frauen relativ zwar stark gestiegen ist, aber dennoch absolut genommen sehr klein ist und nur den fünften Teil der möglichen ausmacht. Dabei waren vertreten: bei den Händlern bei den Händle rinnen 1880 1886 1898 1880 ^1886 1893 von den 5 möglichen Komb, zu je 1 Element 4 ! 3 1 1 1 - - 10 - - - - 2 Elementen 5 6 6 1 2 3 - - 10 - - - - 3 660 1 2 1 - - 5 - - - - 4 - 3 3 2 — 1 1 - der 1 - - - - 5 1 ! 11 — — — Es haben also auch unter den einzelnen Gruppen keine wesentlichen Verschiebungen stattgefunden. Am relativ wenigsten sind die Kombinationen zu je zwei und drei Elementen vertreten im Verhältnis zu der Zahl der mit diesen Elementen möglichen Kombinationen. Von je 100 Waren kombinationen entfielen : auf die Kombinationen bei den Händlern bei den Händlerinnen 1880 1886 1893 1880 1886 1893 zu je 1 Element ...................... 7,84 5,00 11,34 2,57 6,53 1,96 - - 2 Elementen ................. 24,19 16,88 22,16 58,97 45,65 52,94 - - 3 - ................. 43,79 36,87 30,93 38,46 45,65 23,53 - - 4 - ................. 22,87 37,50 30,93 — 2,17 21,57 - - 5 - ................. 1,31 3,75 4,64 — — — Zusammen ...................... 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
38 Kurt Kuntze. Das Resultat dieser Zusammenstellung deckt sich erklärlicherweise mit dem, das wir bei der Untersuchung der Zahl der einzelnen Handelswaren gefunden haben. Bei den Männern haben die Kombinationen zu je 1 Ele ment zugenommen, eine Folge des Alleinbetriebes des Gänsehandels. Stark abgenommen hat die Zahl der Kombinationen zu je 3 Elementen. Aus der zunehmenden Beteiligung der Frauen am Gänsehandel ist die Steigerung der Kombinationen zu je vier Elementen und die gleichzeitige Abnahme derer zu dreien zu erklären. Bei Anordnung der einzelnen Kombinationen nach der Zahl der Ele mente ergiebt sich folgende Übersicht, die erkennen läßt, wieviel in den betr. Jahren von je 100 Händlern resp. Händlerinnen mit den angeführten Waren handeln durften. (Siehe Tabelle 10 auf S. 39 und 40.) Bemerkenswerte Veränderungen lassen sich nur in den Kombinationen erkennen, die die Produkte der Tierzucht als Element enthalten. Ein Typus läßt sich für die Händler schwer ermitteln, während bei den Händ lerinnen der Vertrieb von Spitzen und Textilwaren wohl als typisch gelten darf. 6. Der Handel mit Textilwaren, a. Der Hausiervertrieb von Spitzen. Wir können den Spitzenhandel als den ersten Zweig des Wander- und Hausierhandels der Satzunger ansehen. Man braucht selbst der in der Bevölkerung herrschenden Anschauung, wonach der Spitzenhandel „uralt" sein soll, wenig Bedeutung beizulegen; Aktenmaterial steht zur Verfügung, das relativ hohe Alter dieses Erwerbszweiges nachzuweisen. In einem der ältesten Kaufbücher von Satzung finden sich in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einige Spitzenhausierer erwähnt ^. Einen Schluß auf die Ausbreitung des Handels lassen die wenigen Namen nicht zu. Für uns hat ihre Erwähnung nur insofern Bedeutung, als dadurch die Existenz des Spitzenhandels auf etwa 130 — 140 Jahre zurück gewährleistet ist. * Amtshandelsbuch von Satzung äe anno 1746. b'ol. 310 ff. , Amtsgericht Marienberg. — Tie Kaufbücher sind Grundbücher, die bei Grundbesitzübertragungen geführt wurden. — Im ältesten Buch von 1700 finden sich keine Hausierer erwähnt. Daraus auf ein Nichtvorhandensein solcher schließen zu wollen, wäre voreilig, denn es finden sich bis tief in unser Jahrhundert hinein in den betreffenden Büchern niemals Berufsangaben. Die Erwähnung jener Hausierer ist eine vollkommen zufällige; von den Käufern und Verkäufern wird in der Regel kein Beruf angegeben, sondern nur „Häusler" oder „Hufner" oder kurzweg nur der Name genannt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 39 Tabelle 10. Die Warenkombinationen a. der Händler. — -------- 1880 1886 1893 Warenkombinationen absolut relativ absolut relativ absolut relativ 1. Spitzen .............................................................................. — .! — ! — 2. Textilwaren ..................................................................... 3. Produkte der Landwirtschaft ....................................... 1 6 0,65 3,92 4 3 2,50 1,87 3 ! 1,54 4. Produkte der Tierzucht ................................................ 3 1,96 — 18 9,28 5. Andere Waren ................................................................. 2 1,31 1 0,63 1 ! 0,52 Zusammen die Kombinationen zu je 1 Element . 12 7,84 8 5,00 22 ! 11,34 6. Spitzen und Textilwaren ........................................... 10 6,54 9 5,62 3 1,54 7. - - Produkte der Landwirtschaft .... 10 6,54 — — — — 3. - - Produkte der Tierzucht .......................... — — —— — — 9. - - andere Waren ....................................... — —— — — 10. Textilwaren und Produkte der Landwirtschaft . . 11 7,19 4 2,50 5 2,58 11- - - - - Tierzucht .................. — — 1 0,63 21 10,82 12. - - andere Waren ............................... — — 21,25 2 1,03 13. Prod, der Landwirtschaft und Prod, der Tierzucht 5 3,27 10 6,25 10 5,16 14. - - - - andere Waren . . 1 0,65 1 0,63 — — 15. - - Tierzucht und andere Waren .................. — — — — 2 1,03 Zusammen die Kombinationen zu je 2 Elementen 37 24,19 27 ! 16,88 43 22,16 16. Spitzen, Textilwaren u. Produkte-der Landwirtschaft 60 ' 39,22 34 ! 21,25 4 2,06 17. - - - - - Tierzucht . . 2 1,31 3,12 12 6,19 18. - - - andere Waren ................. 1 0,65 — ! — — — 19. - Prod, der Landw. und Prod, der Tierzucht 1 0.65 4 , 2,50 2 1,03 20. - - - - - andere Waren . . — — — —— — 21. - - - Tierzucht - - - . . — — — i — — 22. Textilwaren, Prod. d. Landw. u. Prod. d. Tierzucht 2 1,31 14 8,75 37 19,07 23. - - - - - andere Waren. . 1 0,65 1i 0,63 — — 24. - - -Tierzucht- - - . . — — 1 0,63 5 2,58 25. Prod. d. Landw., Prod. d. Tierzucht u. andere Waren — — — — — Zusammen die Kombinationen zu je 3 Elementen 67 43,79 59 36,88 60^ 30,93 26. Spitzen, Textilwaren, Produkte der Landwirtschaft und Produkte der Tierzucht ....................................... 18 11,77 48 30,00 53 27.32 27. Spitzen, Textilwaren, Produkte der Landwirtschaft und andere Waren ........................................................ 16 10,45 8 5,00 — — 28. Spitzen, Textilwaren, Produkte der Tierzucht und andere Waren ................................................................. — —— — — — 29. Spitzen, Produkte der Landwirtschaft, Produkte der Tierzucht und andere Waren ....................................... — — — — . — — 30. Textilwaren, Produkte der Landwirtschaft, Produkte der Tierzucht und andere Waren .............................. 1 0,65 4 2,50 7 3,61 Zusammen die Kombinationen zu je 4 Elementen 35 22,87 60 37,50 60 30,93 31. Spitzen, Textilwaren, Produkte der Landwirtschaft, I 6, Produkte der Tierzucht und andere Waren . . . 2 1,31 3,75 9 4,64 Überhaupt ....................................................................... ^153^100,00 ' t60j 100,00 194! 100,00 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
40 Kurt Kuntze. d. der Händlerinnen. 1880 1886 1893 Warenkombinationen 1. Textilwaren .......................................................................... 1 2. Produkte der Tierzucht .................................................. — 3. Spitzen und Textilwaren ............................................. 23 4. Textilwaren und Produkte der Tierzucht ................ — 5. - - andere Waren ................................. — 6. Spitzen, Textilwaren und Prod, der Landwirtschaft 15 7. - Produkte d. Landw. u. Produkte d. Tierzucht — 8. - Textilwaren, Produkte der Landwirtschaft und Produkte der Tierzucht .......................................... — ! 2,57 3 58,97 20 — 1 38,46 20 — 1 1,96 49,02 1.96 1,96 23,53 1 2,17 11 21,57 Zusammen 39^00,00 46> 100,00 51 100,00 Die erzgebirgischen Spitzenleute waren dem Volksmunde des vorigen Jahr hunderts schon wohl bekannt. Mehrere Male war ihnen das Privileg ein geräumt worden, hausieren zu dürfen, während es der übrigen Bevölkerung untersagt war. Sie Vertrieben die Spitzen, die bei kärglichem Lohne ge schickte Hände in der Heimat angefertigt hatten. Mancherlei Verfolgungen und Angriffen der seßhaften Spitzenverleger waren sie ausgesetzt * . Man be schuldigte sie, daß sie die Klöpplerinnen zur Untreue den Verlegern gegenüber verleiteten und sich gegen Versprechungen allk Art Muster von den Arbeitern verschafften. „Da es ihnen (den Spitzenhausierern) gemeiniglich an dem nothwendigen Verlag fehlt, Klöppelleute ordentlich zu setzen, so schleichen sie bey den letzteren umher und suchen gegen Tausch Spitzen von ihnen zu erlangen. Sie tragen nun diese Spitzen aus, bringen dafür Band, Eß waren, Kaffee, Zucker, alte Kleidungsstücke zurück. Ja, sie finden die Ar beiter selten ganz ab und fragen diese nach dem Fehlenden, so entschuldigen sie sich mit dem Vorwand, daß noch nicht alle Spitzen verthan seyn" Man führte daher mancherlei Kontrollmaßregeln ein, die den Spitzenvertrieb erschwerten 3. Es entzieht sich unserer Kenntnis, wieweit alle jene Klagen * Eine Reihe von Beschwerden finden sich im Haupt-Staatsarchiv Dresden. Die Acta, das Spitzen-, Klöppel- und Bandfabrikwesen betr., 1798 ff. , Vol. 1 — 5, 4-oe. 11 154. 2 Ebenda, Bol. V. 3 „Es sind nur diejenigen, welche mit Spizen on detail handeln in der Maaße, daß sie alle Spizen, welche sie im Lande einzeln verkaufen, iederzeit bei der Zurück kunst am Orte ihrer Wohnung bey der General Accis Einnahme melden und ver pflichten, die übrigen mit Spitzen Gewerbe treibenden Personen aber von der Ver pflichtung frei zu lassen." Haupt-Staatsarchiv Dresden, I^oc. 11154, Vol. I. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 41 und wieweit die gesetzlichen Bestimmungen Bezug und Einfluß auf unseren Satzunger Hausierhandel gehabt haben. Soviel kann aber als sicher gelten, daß der ganze Spitzenhandel jederzeit im engsten Zusammenhang mit der Klöppelei stand. Es wird daher nötig sein, ehe wir den eigentlichen Handel darstellen, die Produktion der Spitzen und das Verhältnis zum Handel zu betrachten. 1. Die heimische Klöppelei und ihr Verhältnis zum Spitzenhandel. Wann die Spitzenklöppelei in Satzung in Aufnahme gekommen ist, läßt sich nicht genau bestimmen. Man kann vermuten, daß sie im Anfänge des vorigen Jahrhunderts nach Satzung kam, zu jener Zeit, als sie zum zweiten Male zum Haupterwerb der Erzgebirger wurde, nachdem der dreißigjährige Krieg diesen schon vorher blühenden Erwerbszweig für lange Zeit vernichtet hatte. Sie wurde jetzt als freies Gewerbe betrieben, nachdem sie bis um 1620 als städtisches Gewerbe der weiblichen städtischen Bevölkerung Be schäftigung gewährt hatte*. Am Ende des 17. Jahrhunderts war die Klöppelei „über einen Strich Landes von 10 — 12 Meilen in Sachsen und Böhmen, und zwar in Annaberg, Marienberg, Schwarzenberg, Schneeberg, Eibenstock, Johann-Georgenstadt, Wiesenthal, Gottesgab, Joachimsthal, und anderen dort herumliegenden Städten, Dörfern und Waldhäusern ver breitet" 2. Die Klöppelei scheint in Satzung nie eine besondere Blüte, die Klöppel leute nie eine hervorragende Kunstfertigkeit erreicht zu haben. Jedenfalls sind in unserem Dorfe so künstlerische Waren wie z. B. in und um Anna berg, Aue, Schwarzenberg nicht produziert worden. Den Klöppelleuten kann hieraus nicht etwa ein Vorwurf gemacht werden. Es fehlte ihnen jede technische Anleitung, wie denn auch die Satzunger Klöpplerinnen nie Gelegenheit hatten eine Klöppelschule besuchen zu können und bessere Arbeits methoden und feinere Spitzenarten kennen zu lernen. Es lag auch, soweit die Klöpplerinnen für Hausierer Spitzen anfertigten, nie ein Bedürfnis nach überaus schweren und teueren Spitzen vor. Denn die Spitzenverkäufer be gegnen öfters einer Nachfrage nach wohlfeileren Mustern als einer solchen nach teuerer Ware. So brachte es der Spitzenhandel mit sich, daß die i Joseph Stocklöw, Die Spitzenfabrikation im böhmischen Erzgebirge, X- Jahrg., 6. Heft der Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen, Prag 1872. S. 249. 2 Ebenda S. 249. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
42 Kurt Kuntze. Klöppelei sich mehr der Anfertigung mittlerer und geringerer Spitzen zu wandte. Welche Gefahr für beide darin lag, werden wir später erkennen. Die Bedeutung der Klöppelei für die Erwerbsthätigkeit der Frauen und Mädchen ist seit etwa zwei Jahrzehnten stark zurückgegangen. In den ersten siebenziger Jahren blühte die Spitzenindustrie wie im Erzgebirge überhaupt, so auch in Satzung nochmals auf. Dann wandte man sich immermehr der Gorlnäherei zu, sodaß heute in Satzung mehr erwachsene Personen Nähgorlarbeit verrichten als Spitzen klöppeln. Es gab: erwachsene thätige Personen überhaupt in der Spitzenklöppelei im Jahre männliche weibliche zusammen männliche weibliche zusammen 1849 405 244 649 6 182 188 1861 511 457 968 31 321 352 1895 488 264 752 8 68 76 Es waren also von je 100 Erwerbsthätigen überhaupt in der Spitzenklöppelei beschäftigt : im Jahre männliche weibliche Personen überhaupt 1849 1,5 74,6 29,0 1861 6,0 70,2 36,3 1895 1,6 25,8 10,1 Die Beteiligung der Männer an der Klöppelei ist eine äußerst geringe. Sie erklärt sich aus dem niedrigen Verdienst, den heute die Klöppelei selbst bei größtem Fleiß und größter Geschicklichkeit einbringt. Meist sind es Greise, die wieder zum Klöppelsack greifen, da ihre schwachen Kräfte den Betrieb des Wanderhandels oder die Ausübung irgend einer anderen Thätig keit nicht mehr zulassen. Die wenigen Groschen, die sie bei mehrstündiger Tagesarbeit in der Woche verdienen, reichen oft kaum hin, den Tabak zu ihrer stets brennenden Pfeife zu bezahlen. Ganz besonders fällt der Rück gang der Zahl der in der Klöppelei thätigen Frauen und Mädchen auf. Die weibliche Bevölkerung ist von der Klöppelei zur Gorlnäherei und zum Hausierhandel übergegangen. Von je 100 Klöpplerinnen besaßen ein Alter von: Jahren 1849 1895 15 — 21 46,2 14,7 22 — 30 28,6 16,2 31 — 60 21,4 41,2 61 und darüber 3,8 27,9 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Ter Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 43 Während also früher die Klöppelei hauptsächlich von den Frauen und Mädchen bis zu 30 Jahren getrieben wurde, liegen ihr heute fast in dem selben Prozentverhältnis die über 30 jährigen ob. Über die Beschäftigung von Kindern in der Klöppelei giebt unser Material freilich keine Auskunft. Daß eine solche thatsächlich vorkommt, weiß jeder, der mit Aufmerksamkeit durch erzgebirgische Städte und Dörfer gewandert ist. Auch in Satzung arbeitet ein sehr beträchtlicher Prozentsatz aller Kinder in der Klöppelei. Ich habe zur Ergänzung der Berufszählung eine Erhebung über die Kinder beschäftigung gemacht. Es muß hier auf die weiter unten folgende Darlegung ihrer Ergebnisse verwiesen werden. Die Spitzenklöppelei wird in Satzung teils verlagsartig, teils auf Be stellung der Spitzenhändler und -Händlerinnen betrieben. Die Zahl der Verleger ist gering. Im Jahre 1889 gab es in Satzung drei in das Handelsregister eingetragene Spitzenfirmen Es sagt dies freilich nichts über die Größe der Verlagsbetriebe. Sie find in Satzung fast ausschließlich mit Kolonialwarenhandel verbunden 7 allein mit dem Spitzengeschäst befaßt sich keine Firma. Etwa sechs Verleger lassen jetzt in Satzung das Jahr über Spitzen von Hausindustriellen anfertigen. Das gegenseitige Verhältnis zwischen Verleger und Klöpplerin ist höchst einfach. Der Verleger bestellt eine Anzahl Meter Spitzen und liefert nur das Muster, den sogenannten Klöppelbrief, während die Klöpplerin fast regelmäßig den Zwirn giebt?. Der Preis für die Arbeit wird bald bei Erteilung des Auftrags vereinbart, bald erst bei der Ablieferung. Die Verleger verkaufen die Spitzen teils nach Annaberg und Buchholz, teils auch nach Schönheide, Prag und Wien an dortige große Spitzenhandlungen, teils aber auch an Satzunger Händler. Wenn die Klöpplerinnen, die für Rechnung und im Auftrag des Ver legers arbeiten, ihren geringen Lohn zwar in bar ausgezahlt erhalten, so sind sie doch meist gezwungen, für einen Teil desselben Waren bei dem Verleger zu kaufen, um sich nicht weitere Auftragserteilungen zu verscherzen. Besonders dann pflegen die Spitzenverleger den Preis für die Klöppelware * H. Gebauer, Volkswirtschaft im Königreich Sachsen, Dresden 1893. III. Band, S. 363 f. In demselben Jahre besaßen Annaberg 15, Buchholz 6, Oberwiesenthal 5, Jöhstadt 3. In den meisten Fällen pflegt der Spitzenverlag mit Posamentenverlag oder mit Weißwarenhandel verbunden zu sein. 2 Sie kauft den Zwirn meist vom Verleger, der ihn aus Großröhrsdorf (Sachsen) oder aus böhmischen Orten bezieht. Als Klöpvelzwirn kommen die Nummern 14, 16, 18, 20, 25, 30, 35, 40, 50, 60 vor. Die niedrigste Nummer ist der stärkste Zwirn. In Satzung werden hauptsächlich 18, 20, 25 verarbeitet, die höheren, also feineren gar nicht. Garn oder Seide werden sehr selten verarbeitet. In solchen Füllen liefert aber der Verleger das Halbfabrikat. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
44 Kurt Kuntze. teilweise in Waren zu begleichen, wenn die Klöpplerin die Spitzen freihändig anbietet und vom Verleger mit ihrer Anfertigung nicht beauftragt worden ist. Bekanntlich gestattet die Gewerbeordnung dem Verleger diesen Personen gegenüber, da er mit ihnen in gar keinem Arbeitsverhältnis steht, das Trucksystem. Es ist leicht begreiflich, daß die Klöppelleute oftmals gezwungen sind — nur um ihre Spitzen abzusetzen — Waren zu kaufen, die sie augen blicklich vielleicht gar nicht brauchen und daß mit dem Vorräte nicht immer sparsam umgegangen wird. Mancherlei Aussetzungen der Verleger an der Güte der Spitzen drücken den Klöppellohn oft auf ein Minimum herab. Diese mißlichen Verhältnisse veranlassen manche Klöpplerinnen die Ver leger möglichst zu umgehen und andere Abnehmer sür ihre Ware zu suchen. Als willkommene Käufer bieten sich ihnen denn nun die Händler und Händlerinnen dar. Von den 76 Klöppelleuten überhaupt haben sich 32 als Selbständige bezeichnet, während ihnen 8 Gehilfen und 36 zu Haus sür fremde Rechnung — also in der Hauptsache für Verleger — Arbeitende gegenüberstanden. Jene 32 arbeiten zum größten Teil für die Spitzenhändler ; sie mögen ihre Produkte zuweilen auch den Verlegern anbieten. Anderer seits befinden sich auch unter den übrigen 44 einige Klöppelleute, die aus schließlich für Spitzenhausierer arbeiten. Ein Vertragsverhältnis zwischen dem Händler und der Klöppelnden besteht nicht. Die Klöpplerinnen sind oft Verwandte (meist Frau und Tochter) der Händler. Letztere geben zu weilen — wie der Verleger feinen Heimarbeitern — den Klöppelbrief; zu weilen geben sie auch von Kunden bestellte Muster den Klöpplerinnen in Auftrag, endlich kaufen sie Spitzen auf, welche die Verfertigerinnen ihnen anbieten und deren Muster diese selbst gewählt haben. Die meisten für Spitzenverkäuser arbeitenden Personen haben einen bestimmten Händler oder eine bestimmte Händlerin als ständige Abnehmer. Die Stellung der Klöpplerinnen zu den Handelsleuten unterscheidet sich also eigentlich wenig von der der Heimarbeiterinnen zu den Verlegern. Besonders dann, wenn die Produzenten fremde Personen sind, die zur Haushaltung der Händler in keiner verwandtschaftlichen Beziehung stehen. Da die Händler oft nicht im Besitze genügender barer Mittel sind, entnehmen sie die Spitzen auf Kredit und geben den Klöpplerinnen Abschlagszahlungen oder warten mit der Begleichung der Schuld, bis das Quantum verkauft ist und sie neue Waren den Klöpplerinnen abnehmen. Daß diese bei diesem Zahlmodus oftmals lange warten müssen, ehe sie zu ihrem baren Gelde kommen, ist leicht erklärlich. Zuweilen lassen sie sich für den Betrag vom Händler ein Kleidungsstück oder sonst einen Gebrauchsgegenstand schicken oder bei der Rückkehr mitbringen. Da die Klöpplerinnen den wirklichen Wert und die Güte OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 45 des mitgebrachten Objektes nicht immer zu schätzen in der Lage sein werden, wird es dem Händler oftmals möglich sein daran noch etwas zu verdienen. Die in Satzung hergestellten Waren sind — wie schon erwähnt — meist einfacher Natur. Kragen, Tücher, Shawls u. dergl. werden gar nicht ge klöppelt; schon Spitzen von über 10 em Breite sind gegenwärtig Seltenheiten. Schmale Spitzen werden von Kindern hergestellt. — Selbst die geübteste Klöpplerin wird bei angestrengtestem Fleiß, größter Geschicklichkeit und langer Arbeitszeit pro Woche nicht mehr als höchstens 3,5 Mark verdienen. Ein allerdings schon bejahrter Mann, der aber doch noch recht Tüchtiges zu leisten vermochte, versicherte, daß er bei etwa sechsstündiger Arbeitszeit pro Tag nicht mehr als 25, im günstigsten Falle 30 Pfennige verdienen könne. Daß die Satzungerinnen von dem aus der Klöppelei herfließenden Einkommen kaum das Existenzminimum zu bestreiten in der Lage sind, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. 2. Der eigentliche Spitzenhandel. Die Art und Qualität der in Satzung angefertigten Spitzen bringt es mit sich, daß einzelne Spitzenhändler und -Händlerinnen ihren Bedarf durch Zukauf auswärtiger Klöppelware decken müssen. Das Hauptgewicht legen die Handelsleute zwar auf Waren mittlerer Qualitäten, sie führen aber auch einzelne feine Klöppeleien mit, damit sie einer eventuellen Nachfrage genügen können. Vor allen Dingen bedürfen die Satzunger neben geringen Quanti täten von Tischläufern, Einsätzen, Tüchern, Kragen, breiten Kanten u. dergl. der seidenen Spitzen, die in ihrem Heimatsdorfe nicht angefertigt werden. In der Hauptsache befriedigen böhmische Verleger die Nachfrage nach diesen Produkten, da die böhmischen Waren wohlfeiler sind als die aus der Anna berger Gegend. Das Handelsgeschäft zwischen böhmischen und Satzunger Händlern vollzieht sich meist in dem Satzung benachbarten böhmischen Dorfe Ulmbach. Die Böhmen kommen aus dem böhmischen Oberlande, der Umgegend von Eger. Ihren meist größeren Spitzenvorrat lassen sie im Dorfgasthaus, gehen nach Satzung und teilen ihren Kunden, den Spitzenhändlern, ihre Ankunft mit. Diese gehen dann ins Nachbardorf und dort wickelt sich dann beim Biere das Geschäft ab. Die Spitzenverkäufer gehen mit ihrer Ware aus dem einfachen Grunde nicht nach Satzung hinein, weil sie sonst erst auf sächsischer Seite Zoll zahlen müßten und dann bei ihrer Rückkehr nach Böhmen für die nicht verkauften Quantitäten österreichischen Zoll erlegen müßten. Vielfach haben die Böhmen neben einiger fertiger Ware in der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
52 Kurt Kuntze. Die Konkurrenz, welche die Spitzenverkäufer auszuhalten haben, wird ihnen einerseits bereitet von anderen Hausierern, andererseits von den stehenden Geschäften. Die Konkurrenz der ersteren spüren sie mehr auf dem Lande; die der letzteren nur in den Städten. Es sind in der Hauptsache nur erzgebirgische Gemeinden, denen die anderen Spitzenhausierer ent stammen. Es wurden Gewerbescheine für den Handel mit Spitzen ausgestellt * : * Statistik des Gewerbebetriebes im Umherziehen im Königreich Sachsen während der Jahre 1883-1888, S. 46 ff. von den Steuerbehörden im Jahre der Kreish. Dresden der Kreish. der Kreish. der Kreish. desKönigr. Leipzig Bautzen Zwickau Sachsen 1883 16 6 2 269 293 1884 25 13 2 286 326 1885 25 4 4 261 294 1886 40 10 4 303 357 1887 41 13 8 311 373 1888 34 18 15 269 336 Mithin bildeten von sämtlichen Hausierern, die Spitzen vertreiben durften, die Satzunger: im Jahre Prozent im Jahre Prozent 1883 56,66 1886 43,70 1884 57,98 1887 44,77 1885 56,12 1888 50,60 oder im Durchschnitt der Jahre 1883 — 1888: 51,19 o/o. Die Konkurrenz kann also keine übermäßige genannt werden, wie denn auch die Satzunger über die Konkurrenz der sächsischen Spitzenhändler wenig klagen. Schlecht sind sie dagegen auf die aus dem böhmischen Orte Reischdorf kommenden Händler zu sprechen. Zumal deshalb, weil die Satzunger glauben, daß die Reischdörfer, die vor einigen Jahren durch eine seit langer Zeit verübte Zolldefraudation die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich lenkten, die Klöppelware zum größten Teil nach Sachsen einschmuggeln. Die von diesen vertriebenen Spitzen sind wohlfeiler als die der Satzunger; einerseits, weil die Klöppellöhne in Böhmen noch niedriger sind als in Sachsen und andererseits, weil der bei den böhmischen leinenen Spitzen zur Verwendung gelangende Zwirn geringere Qualität besitzt als das Halbfabrikat, das bei der einheimischen Produktion verbraucht wird. Außerdem glauben die Satzunger die niedrigen Preise mit aus der Zollhinterziehung herleiten zu OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 53 können. — Die städtische Konkurrenz ist die weitaus stärkere. Sie hat den Hausierhandel in Spitzen thatsächlich auf ein Minimum herabgedrückt, so daß er heute keine wesentliche Bedeutung mehr im Hausierbetriebe der Satzunger besitzt. Mit der Konkurrenz der stehenden Geschäfte verbindet sich dann noch die, welche die Maschinenspitzen verursachen, die ebenfalls in allen besseren Weißwarenhandlungen geführt werden. Die Klöppelware hat der Maschinenspitze von Barmen und Calais weichen müssen. Die erzgebirgische Klöppelei selbst wird nur dann wieder einen Auf schwung nehmen können, wenn die Klöpplerinnen sich der Anfertigung neuer Spitzenmuster und Spitzenarten befleißigen und Waren von hervorragend hohem specifischen Wert produzieren. In unserem Orte ist dazu ganz und gar keine Aussicht vorhanden, da auf der einen Seite den Frauen und Mädchen jede dazu nötige Borbildung abgeht, und da auf der anderen Seite die Hausierer für solche teuere und künstlerisch feine Arbeiten keine Abnehmer fänden. Die Hausierer sind gezwungen in der Hauptsache sogen. Ellenware und nicht Fanons zu führen und diese sich so billig wie möglich zu verschaffen. Sie müssen dazu hauptsächlich die Familienangehörigen mit der Produktion betrauen, da sie diese niedriger entlohnen können als fremde Kräfte. So wird der Spitzenhandel jederzeit mit der Klöppelei verbunden bleiben müssen. In Satzung wird die Klöppelei stets auf die Herstellung, der Spitzenhandel auf den Vertrieb nur geringer und einfacher, durch die Maschine überholter Waren angewiesen bleiben. Daher hat die Klöppelei sowohl wie der Spitzenhandel bloß die Aussicht auf eine sicherlich nur noch kurze Dauer des schon jetzt kümmerlichen Daseins. d. Der Hausierhandel mit leinenen, wollenen und anderen Webwaren Wenn der Spitzenhandel wegen der engen Verbindung der Produktion der Spitzen mit ihrem Vertrieb besonders dargestellt worden ist, so empfiehlt es sich nicht, den Handel mit den übrigen Textilwaren, — also Weiß-, Woll-, Strumpf- und leinene Waren, sowie Strickgarn, Zwirn und Band — ebenfalls einzeln für jede Warengattung darzustellen, da die Organisation des Handels bei allen Waren in der Hauptsache dieselbe ist. Alle Stadien des Vertriebes — vom Einkauf bis zum Verkauf — vollziehen sich bei den einzelnen Waren in vollkommen derselben Weise. Während wir sahen, daß der Hausierhandel mit Spitzen ein doch schon beträchtliches Alter aufzuweisen hat, müssen wir den Anfang des Handels i In diesem Abschnitt soll auch gleich der Handel mit Strickgarn, Zwirn und Band dargestellt werden, obwohl diese Artikel nicht eigentlich zu den Textilwaren zu rechnen sind. Der Vertrieb dieser Artikel ist übrigens ein sehr untergeordneter. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
54 Kurt Kuntze. mit den übrigen Textilwaren erst in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts suchen. Wir finden weder in dem Material der Volkszählung von 1849 noch in dem von 1861 einen Hausierer aufgeführt, der Textilwaren Vertrieb. Erst um 1865 ist der Vertrieb von Textilien in Aufnahme gekommen, ungefähr zu derselben Zeit, wo ein bisher blühender Handel — der Bettfedernhandel — lang sam in Verfall geriet. Und bereits zehn Jahr später finden wir, daß ein großer Teil sämtlicher Hausierer Webwaren im Wandergewerbeschein führt. Bei allen Handelszweigen, deren Entstehung wir verfolgen können, finden wir die selbe Erscheinung. Sobald ein neuer Handelsgegenstand von einigen Hausierern im Geschäftsbetrieb ausgenommen wird und lohnenden Absatz zu sichern scheint, stürzt sich die ganze Masse der Händler aus denselben Artikel. So dars es uns nicht überraschen, daß im Jahre 1875 bereits reichlich vier Fünftel sämtlicher Handelsleute Textilwaren zu führen berechtigt war. Im Wege des Hausierens werden von den Satzungern heute noch ver trieben: 1. baumwollene Waren, 2. leinene Waren, 3. Posamenten, 4. Strickgarn, 5. Strumpfwaren, 6. Weißwaren, 7. wollene Waren, 8. Zwirn und Band. Die unter 3, 4, 5 und 8 genannten Handelsgegen stände haben keine große Bedeutung. Die nachstehende Tabelle läßt er kennen, wieviel Handelsleute mit den einzelnen Waren handeln durften *. (Siehe Tabelle 12 auf S. 55.) Die Übersicht läßt nun freilich nicht erkennen, wieviel Betriebe es überhaupt waren, in denen Textilwaren geführt werden konnten, denn eine Addition der Zahlen je eines Jahres würde keineswegs die gesuchte Zahl ergeben, da viele Händler mehrere der genannten Artikel zugleich vertreiben. Wir müssen daher auf die Seite 49 gegebene Zusammenstellung zurückgreifen und finden, daß jene Waren geführt wurden: von Männern von Frauen von Handelsleuten zusamm. im Jahre absolut relativ absolut relativ a bsolut relativ 1880 125 0/0 81,7 39 o/o 100,0 164 o/o 85,4 1886 141 88,1 45 97,8 186 90,2 1893 161 83,0 50 98,0 221 90,2 Wesentliche Veränderungen lassen sich also, sofern man den Textilhandel als Ganzes zu Grunde legt, nicht konstatieren. Im Gegensatz zu diesen geringen Verschiebungen erkennen wir in der vorhergehenden Tabelle starke Umgestaltungen. Es haben mithin zwar bedeutende Veränderungen stattgefunden in der Wahl der Textilwaren, aber der Handel mit Web- i Gewonnen auf Grund des Seite 40 ff. charakterisierten Materials. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 55 Tabelle 12. Zahl der Textilwaren-Händler (1875, 1880 — 1894). Jahr ________ Gegenstände des Handels _______ Baum wollene Waren Leinen waren Posa menten Strickgarn Strumpf waren Weiß waren Wollene Waren Zwirn und Band Männer ! Frauen Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen Männer ! . _______ ! Frauen 1 2 3 4 56 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 1875 1 1 24 1 _ __ 2 __ __ 120 15 147 16 36 13 1880 1 2 25 2 — — 20 2 — — 69 27 86 29 5 11 1881 3 4 40 1 — — 30 4 — — 68 30 98 35 2 11 1882 4 2 40 1 1 — 31 6 — — 56 32 82 32 3 14 1883 4 , 2 46 2 — — 36 11 — — 60 38 88 39 2 12 1884 10 ! 6 62 5 1 — 41 19 — — 79 44 116 47 2 12 1885 12 ! 6 59 5 1 — 37 14 1 1 64 38 104 45 2 13 1886 13 7 58 62 — 40 9 3 1 57 34 95 42 o 11 1887 17 7 64 6 1 3 41 8 4 1 64 35 103 41 3 10 1888 22 9 85 92 2 37 9 3 1 60! 35 125 41 4 8 1889 38 10 105 12 4 2 22 6 4 2 51 ! 35 140 43 36 1890 41 10 99 16 6 2 20 4 3 2 46! 33 141 42 3 6 1891 32 !" 95 17 5 6 10 3 6 2 39 i 33 131 46 4 4 1892 36 13 90 13 6 2 9 3 8 1 38 ! 33 143 41 3 4 1893 35 16 100 15 6 2 8 3 5 1 33 33 138 44 2 1894 39 ! 15 80 17 3 65 3 5 1 27 31 113 48 1 ! 6 waren im ganzen ist dadurch nach der Zahl der Betriebe, die sich mit ihm befassen, kaum beeinflußt worden. Eine Zunahme der Händler seit 1880 ist zu bemerken im Vertriebe von baumwollenen Waren, leinenen und wollenen Waren; eine Ab nahme im Vertriebe von Weißwaren, während die kleinen Zahlen der Posamenten-, Strumpfwaren-, Zwirn- und Bandhändler fast gleich geblieben sind- Der Strickgarnhandel hatte bis in die Mitte der achtziger Jahre einer Zunahme sich zu erfreuen und hat dann stark abgenommen. Die Zahlen für 1875 und 1880 zeigen so große Differenzen, daß wir doch noch mit einem Wort darauf znrückkommen müssen. Die Abnahme der Zahl der Händler in den Spalten 12, 14 und 16 in der Zwischenzeit der beiden ersten Beobachtungsjahre ist eine ganz erstaunliche. Mittlerweile war nämlich das neue sächsische Gesetz über die Besteuerung der Gewerbe betriebe im Umherziehen in Kraft getreten, das viel höhere Steuern normierte als die seitherige Gesetzgebung. Während früher alle Händler denfelben OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
56 Kurt Kuntze. Steuersatz zuentrichten hatten, hatte jetzt die Zahl und besonders die Art der Handelsgegenstände einen wesentlichen Einfluß aus die Höhe der Steuer. Die Hausierer ließen daher die Waren, die sie im Laufe des Jahres aller Wahrscheinlichkeit nach nicht vertreiben würden, nicht wieder in ihren Schein aufnehmen, um den Steuersatz nicht unnötig zu erhöhen. Die Zahlen für 1880 geben uns daher ein getreues Bild vom damaligen Stande des Handels. An dem Vertriebe einzelner Textilien beteiligen sich die Frauen stärker als die Männer ; besonders im Handel mit Weißwaren. Der Vertrieb von Textilien ist das eigentliche Handelsgeschäft der Frauen. Sie verstehen sich hierauf besser als die Männer, weil es vielfach Waren sind, die die Frauen in der Haus haltung brauchen, wie Garn, Wolle, Zwirn u. dergl. Für die Mehrzahl der Hausierer bildet der Textilwarenhandel für 5 — 6 Monate den Haupt erwerb. Die Natur der Handelsprodukte bringt es mit sich, daß der Hausierhandel mit ihnen nicht zu jeder Jahreszeit getrieben werden kann. Gerade dieser Handel ist Saisongeschäft wie kaum ein anderer. Es ist selbstverständlich, daß der Handel mit wollenen Waren besonders im Herbst und Winter flott geht, und daß auf der anderen Seite der Handel mit leinenen und Weißwaren, sowie auch der mit baumwollenen Waren im Frühjahr und Sommer blüht. Im großen und ganzen wird der Handel mit den verschiedenen Textilprodukten etwa vom Februar bis zum Juli be trieben, mit einigen Unterbrechungen, die die Feste und die Besorgung der mit der Haushaltung vieler Händler verbundenen Landwirtschaft mit sich bringen. Dann erleidet der Handel durch den Vertrieb anderer Produkte einigen Aufschub und wird im November und Dezember von neuem aus genommen. Während wir beim Spitzenhandel als Hauptproduktions- und Bezugs ort Satzung kennen lernten, kommt bei dem Handel mit den übrigen Textilien das Dorf selbst kaum in Betracht. Nur in ganz geringem Maße spielt unser Ort beim Strumpf- und Wollwarenhandel als Produktions stätte eine Rolle; sonst nicht. Alle Textilwaren werden von größeren Handlungen oder direkt von Fabriken bezogen. Teilweise sind es Firmen, die am Hauptabsatzorte der Händler sich befinden. So kaufen die in Großstädten hausierenden Satzunger ihre Waren am Platze in größeren Quantitäten ein, die sie dann in ihrem Quartier unterbringen. Ihr Ver dienst besteht meist nur in dem Rabatt, den sie als Wiederverkäufer von den Handlungen erhalten. Anders Verfahren die, welche von Ort zu Ort ziehend, eine größere Warenmenge nicht ohne Unbequemlichkeit mit sich führen können. Sie bestellen bei ihren Lieferanten nach Bedarf und lassen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 57 sich die Waren nach einem Orte, den sie bestimmen, senden. Andere wieder haben in Satzung in ihrer Wohnung eine Quantität — oft noch von der vorhergehenden Saifon — liegen, von der die Angehörigen des Hausierers ihn nach Bedarf versehen. Die Bestellungen der Händler geschehen ge wöhnlich nach Muster. Nur sehr wenig Händler suchen die Fabriken auf, um dort ihre Bestellungen aufzugeben. Die meisten warten, bis der Reisende der Fabrik oder der Großhandlung nach dem Orte kommt, Proben und Muster den Hausierern vorzulegen. Bedarf der Hausierer im Laufe der Handelssaison weiterer Waren derselben Qualität, so bestellt er direkt bei der Firma nach. Nur einige wenige Engroshandlungen senden keinen Reisenden nach Satzung. Mustersendungen vermitteln hier Angebot und Bestellung. Hauptbezugsorte für fertige Wollwaren sind Leipzig, Chemnitz, Apolda, Ehrenfriedersdorf und Thum. Besonders aus Thum kommen alljährlich mehrere Male Reisende nach Satzung. Leipziger Handlungen versehen viele Satzunger mit Baumwoll-, Strumpf- und Wollwaren. Woll- und Strick garn liefern in der Hauptsache eine Altenburger Fabrik, eine Leipziger- Handlung und wieder Chemnitzer Fabriken. Leinene und Weißwaren end lich holen die Satzunger zu einem großen Teile aus dem benachbarten Jöh stadt, das eine ziemlich blühende Leinen- und Weißwarenindustrie besitzt und von dem aus eine Anzahl Einwohner mit diesen Waren ebenfalls auf den Hausierhandel geht. Außer Jöhstadt kommen noch voigtländische Be zugsorte in Betracht, so Auerbach, Treuen, Plauen, Lengefeld. Daneben kaufen die Hausierer in den Großstädten in stehenden Handlungen viel auf und beziehen einiges Leinenzeug wohl auch aus der Lausitz. Das Absatzgebiet der Händler ist noch mehr als beim Spitzenhandel das Platte Land. Die städtische Bevölkerung deckt ihren Bedarf an Woll-, Weiß- und leinenen Waren nur zu einem sehr geringen Teil bei den Hausierern, da sie in den stehenden Geschäften reichlich Gelegenheit zur Be dürfnisbefriedigung hat. Die Zahl dieser Handlungen ist in den Städten meist eine so große, daß dem Hausierer wenig Aussicht geboten ist, Abnehmer zu finden; es ist ihm unmöglich die Waren niedriger oder auch zu gleichem Preise anzubieten, als sie im stehenden Handel der meisten Städte ver äußert werden. Darin liegt aber für ihn die Bedeutung des Geschäftes, daß er, falls er Abnehmer finden will, mit seinen Preisen sich stets unter dem durchschnittlichen ortsüblichen Preise bewegen muß. Geht er darüber hinaus, so findet er keine Käufer, da dann Jeder lieber in einem stehenden Geschäft seinen Bedarf deckt. Anders liegen die Verhältnisse auf dem Platten Lande. In den Dörfern giebt es oftmals kein stehendes Geschäft, das OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
58 Kurt Kuntze. wollene und baumwollene Waren, Strümpfe, Schürzen, Strickgarn u. s. w. führt. Die ländliche Bevölkerung ist daher mit der Deckung ihres Bedarfes nach diesen Waren auf die Geschäfte in der nächsten Stadt angewiesen oder eben auf die Hausierer. Hier kann nun der Hausierer vielfach einen den städtischen etwas übersteigenden Preis verlangen; er wird immer noch Ab nehmer finden. Er kann sich gleichsam die Bequemlichkeit, die er den Bauern verschafft, mit im Preise vergüten lassen. Der größere Absatz auf dem Platten Lande erklärt sich dann auch noch dadurch, daß die bäuerliche Bevölkerung viel mehr als die städtische Bedarf nach diesen Waren, besonders nach Wollwaren, hat. Knecht und Bauer tragen während eines großen Teils des Jahres bei der Arbeit wollene gestrickte Jacken, die denn auch Haupthandelsartikel der Satzunger bilden. Zu Weihnachten fehlen sie selten unter den Geschenken, genau so, wie bei den Mägden barchente Jacken und dergl. Gerade vor Weihnachten ist der Absatz an diesen Waren ein großer, weil viele Bauern den Einkauf dieser Geschenke ebenfalls bei den Hausierern vollziehen. Der Hausierer führt von jeder Ware nur eine beschränkte Quantität mit sich und ist daher im stände seinen Vorrat schneller zu erneuern, als die stehenden Geschäfte, die meist ein größeres Lager halten. Die Unkosten, die bei diesen verlegene und unansehnlich gewordene Produkte verursachen, sind bei dem Wanderhändler minimal. Der Hauptvorteil, den der Hausierer hat, besteht aber darin, daß er rasch das geringe in seinem Betriebe in vestierte Kapital umzuschlagen vermag; bedeutend öfter in derselben Periode als die stehenden Geschäfte. Aufkauf von Restbeständen oder Ausschußware soll nach Aussage mehrerer Satzunger nicht Vorkommen. Es ist allerdings zweifelhaft, ob doch nicht gelegentlich ein derartiger Ankauf geschieht. Soviel aber ist sicher, daß er dann nur eine Ausnahme bildet; die Regel ist der Erwerb fehler freier Waren bei Fabrikanten oder Großhändlern. Der Vertrieb minder wertiger Ware verbietet sich für unsere Hausierer schon von selbst. Denn alle haben einen bestimmten Kundenkreis, den sie alljährlich meist mehrere Male besuchen. Die Käufer und besonders die auf dem Lande, merken sich die Händler, von denen sie gekauft haben, recht gut; genau so wie umgekehrt der Hausierer die Kunden. Würde nun der Hausierer sich nur ein einziges Mal und auch nur in einer einzigen Dorfhaushaltung erlauben, schlechte Ware zu einem viel zu hohen Preise zu verkaufen, er könnte sicher sein, bei seinem nächsten Besuche nichts los zu werden. Wenn die Bauersfrau Schürzen oder für den Mann eine wollene Jacke oder einen leinenen Rock für sich gekauft hat, so zeigt sie ihren Kauf sicherlich der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 59 Nachbarsfrau. Ist sie betrogen worden, so spricht sich dies rasch herum, zumal wenn andere Käufer ebenfalls sich übervorteilt fühlen. Dies zwingt den Hausierer jederzeit preiswerte Ware zu führen. Gelegentlich des Be suches einiger erzgebirgischer Dörfer, in denen Satzunger Textilwaren ver treiben, drückten Käufer dem Verfasser ihre Zufriedenheit mit den betreffen den Waren aus. Die Qualität entspreche vollkommen der Nachfrage und die Preise seien der Güte der Produkte angemessen. Sie hielten sich in derselben Höhe wie die in den nächsten Städten (Marienberg, Annaberg, Flöha). Was nun die Zahlungsbedingungen anbetrifft, so genießt der Händler den Lieferanten gegenüber meist Umschlagskredit. Er bezahlt das zuletzt entnommene Warenquantum bei Neubestellung eines anderen. Von den Käufern Pflegt der Händler meist bar bezahlt zu werden. Höchstens lang jährigen Kunden und Abnehmern größerer Quantitäten gewährt er Kredit bis zum nächsten Besuche; es kommt dies jedoch selten vor. Unter allen Handelsbetrieben, in denen Textilwaren Vertrieben werden, zeichnen sich zwei ganz besonders aus, derer wir doch noch mit einigen Worten gedenken müssen. Es sind Betriebe, die die Produktion der Waren, die sie verkaufen, selbst in der Hand haben und höchstens zu einem geringen Teile Textilien ankausen. In dem einen Betriebe sind Mann, Frau und dann gewöhnlich noch eine männliche und eine weibliche Person beschäftigt. Der Mann ist ge lernter Strumpfwirker und betreibt sein Handwerk schon etwa fünfzig Jahre lang. Er besaß anfangs mehrere Wirkstühle und betreibt heute sein Ge werbe mit 1 Maschine für Jacken, 1 für Strumpflängen und 1 für Füße. Er ist sicherlich der erste, der von Satzung aus mit Textilwaren auf den Hausierhandel ging; die Mehrzahl der anderen Wanderhändler folgte erst in den sechziger Jahren seinem Beispiele. Heute geht nur noch die Frau auf den Vertrieb, während die anderen Personen der Fabrikation sich widmen. In der Hauptsache werden wollene und baumwollene Strumpfwaren her gestellt, daneben auch Jacken. Das Garn wird von denselben Quellen be zogen, woher es die Händler erhalten, nämlich aus Fabriken in Chemnitz, Zwickau und Auerbach. Die Händlerin besucht nur die weitere Um gegend von Satzung auf sächsischer Seite und kommt selten über 3 Meilen hinaus. Nur um Weihnachten ist der Strumpfwirker gezwungen fertige Ware zu beziehen, da er selbst nicht genug mit seinen Hilfspersonen an zufertigen im stände ist und auch, wie er sich ausdrückte, „keinen so großen Verlag habe, daß er vorher genug auf Vorrat arbeiten könne." Sowohl der Meister als seine Frau sind schon hochbetagt. Beide sind bereits 76 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
60 Kurt Kuntze. Jahre alt. Sie haben trotz reger Thätigkeit während ihres Lebens nicht soviel ersparen können, daß sie in ihrem Greisenalter davon leben könnten. In der Hinterstube eines Hauses, in dem noch zwei Haushaltungen sich befinden, ist die Werkstätte. Arbeits- und Wohnraum sind vereint; als Schlafstätte dient ein anderer Raum. Im Sommer begiebt sich der Mann auf den Beerenhandel, den er auch nur in der näheren Umgebung betreibt. Sein und der Frau Verdienst reichen gerade dazu aus, beider Bedürfnisse notdürftig zu befriedigen; einen Überschuß erzielen sie nicht. Der Handelsbetrieb der Frau ist der einzige, von dem wir genaueres über die Größe des Umsatzes wissen. Freilich direkt von den alten Leuten haben wir die Zahlen nicht erhalten. Die Händlerin war — in diesem Falle zwar nicht mißtrauisch, so doch — nicht im stände, anzugeben, wieviel sie in einem Jahre Textilwaren Vertrieben habe. Das Material ist viel mehr dem vom Zolleinnehmer in Satzung geführten Legitimationsschein- Register für 1895 entnommen ^. Danach ergeben sich folgende Zahlen. Die Händlerin ging im Jahre 1895 mit Wollwaren, insbesondere mit wollenen und baumwollenen Strumpfwaren auf den Handel und zwar: im Januar 4 mal mit insgesamt 90 KZ Waren, im ganzen Jahre 57 mal mit insgesamt 1 280 kg Waren. - Februar 4 - - - 95 - - - März 6 - - - 130 - - - April 4 - - - 85 - - - Mai 6 - - - 135 - - - Juni 5 - -- 115 - - -- Juli 6 - - - 130 - - - August 4 - - - 95 - - - Septembers - - - 85 - - - Oktober 4 - - - 95 - - - November 5 - - - 115 - - - Dezember 5 - - - 110 - - Dazu sei folgendes bemerkt. Satzung ist, wie schon mehrfach erwähnt, Grenzort. Bekanntlich haben alle, die einen solchen mit Waren irgend welcher Art verlassen, in der nächsten Zolleinnahme einen sogen. Legitimationsschein zu lösen, der unent geltlich auszustellen ist und u. a. Angaben über Menge und Art der mitgeführten Waren und über das Ziel, wohin die betreffende Person will, enthält. In einem Register sind die Angaben nochmals zu buchen. Die Scheine haben den Zweck, daß die Person jedem Grenzbeamten gegenüber sich legitimieren kann, daß die Waren Nicht geschmuggelt find. Uns stand das Register für 1895 zur Verfügung. Es enthält natürlich nur alle die Warenmengen, die von Personen, welche den Ort verlassen, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 61 Die Frau begab sich also in je zehn Wochen etwa elf mal auf den Hausierhandel und nahm im Durchschnitt 22.256 Waren mit. Sicher lich für eine Frau von 76 Jahren eine genügend große Last. Die durch schnittlichen Quantitäten in den einzelnen Monaten Weichen wenig von einander ab. Leider entzieht sich die Höhe des Umschlags — in Geld ausgedrückt — unserer Kenntnis, genau so der Verdienst der Händlerin. Der Betrieb ist insofern eine Ausnahme unter allen übrigen Handelsbetrieben, als in ihm ausschließlich Textilwaren zum Vertrieb kommen, während die anderen Händler und Händlerinnen zugleich noch andere Waren mit sich führen oder doch im Laufe des Jahres mit der Art der Handelsprodukte wechseln. Einen bedeutend größeren Umfang besitzt der andere Gewerbebetrieb, in dem ebenfalls nur eigenes Fabrikat verkauft wird. Dem Händler steht sein Sohn beim Vertriebe zur Seite. Der Händler ist kein gelernter Strumpfwirker, sondern von jeher Hausierer gewesen. Als ihm aber der Wanderhandel, den er früher getrieben hatte, nicht mehr genügenden Ver dienst abwarf, kam er auf den Gedanken, eine Strickmaschine sich anzuschaffen, um selbst Wollwaren anzufertigen. Vorher ließ er einer seiner Töchter in einer Maschinenstrickerei den Arbeitsprozeß erlernen. Anfangs handelte er außer mit Wollwaren gelegentlich auch noch mit anderen Produkten. Jmmermehr ließ er diese beiseite und dehnte die Strumpfstrickerei weiter aus, so daß er heute fast das ganze Jahr hindurch fünf Strickerinnen beschäftigt. Sie fabrizieren Jacken- und Strumpfteile, die dann noch von zwei Knaben zu Hause zusammengenäht werden. Alle stehen in Stücklohn. Die fünf Maschinen, die der Händler besitzt, der seinerseits, sowie sein Sohn,.selten mitarbeitet, entstammen Löbtauer und Crimmitschauer Fabriken. Garn und Wolle werden direkt aus Fabriken und aus einer großen Wollhandlung in Leipzig bezogen, die auch anderen Satzungern diese Halbfabrikate liefern. Die Strickerei produziert nur für den eigenen Vertrieb. Dieser Wanderhändler und sein Sohn sind die einzigen Satzunger, die den Hausierhandel Jahr aus, Jahr ein mit Pferd und Wagen betreiben. ausgeführt sind; nicht die, welche per Post ausgesührt wurden. Unsere Händlerin nun führt ausschließlich persönlich die Wollwaren aus, die Summe der im Register aufgeführten Mengen ist also der Umsatz. Es wäre höchstens noch zu bedenken, daß die Mengen, die sie wieder zurückbringt — welche natürlich nicht im Register an geschrieben sind — abzuziehen wären. Da die Frau meist aber nur dann zurückkehrt, wenn sie alle Waren vertrieben hat, erledigt sich dieses Bedenken. Da die übrigen Händler Waren auch per Post ausführen, ist das sonst wertvolle Material für andere Handelsbetriebe kaum verwendbar. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
68 Kurt Kuntze. erst dann merken, wenn bereits ein Teil der Federn verkauft ist und ein Rück transport nicht mehr möglich ist. Früher kaufte der Händler bei den einzelnen Bauern nur relativ geringe Mengen auf. Sie wurden nach Satzung gebracht und hier von den Angehörigen der Händler nach ihren Qualitäten sortiert. Der Händler hatte so von der wirklichen Güte der Federn genaue Kenntnis. Andere als böhmische Federn werden von den Satzungern nicht Ver trieben, wie denn überhaupt Österreich-Ungarn für Deutschland das Haupt einfuhrland für Bettfedern ist. Die übrigen, vielfach chinesische Federn, sind von bedeutend niedrigerer Qualität und werden von unseren Hausierern nie geführt. Gelegentlich kaufen die Satzunger wohl auch in Städten in Bett federhandlungen einige Mengen auf; meist nur dann, wenn sie größerer Nachfrage begegnen, als sie befriedigen können. Sonst ist jedoch Princip, bei den böhmischen Firmen oder in einer Filiale einer Prager Handlung in Berlin den Bedarf zu decken. Leider besitzen wir keine genaue Kenntnis von der Größe des Bett federhandels , weder von der Jetztzeit, noch von früher. Es ist sehr be dauerlich , daß alle Anschreibungen des Satzunger Zollamtes aus früheren Jahren vernichtet sind, umsomehr, weil früher fast alle von den Satzungern vertriebenen Federn per Achse nach Satzung eingeführt sind und in der Zoll einnahme zur Anschreibung gelangten. Die Buchungen würden uns also absolut genau von der Größe der damals vertriebenen Mengen unterrichten. Wir besitzen erst seit 1886 Zahlen über die Einfuhr nach Satzung. Sie haben aber nur einen untergeordneten Wert, da heute die größte Masse der Federn von den Satzungern per Bahn über Reitzenhain * oder über Weipert- Annaberg oder Bodenbach-Dresden dem Bestimmungsort zugeführt wird und in Satzung natürlich gar nicht zur Anschreibung gelangt. Es sind über Satzung aus Böhmen eingeführt worden: * Die Gesamteinfuhr von Federn über Reitzenhain ist ganz beträchtlich. Nach den Mitteilungen des dortigen Oberzolleinnehmers schwankte sie in den Jahren 1887 bis 1895 zwischen 49 772 KZ (1894) und 119 735 KZ (1889). Leider ließ sich nicht er mitteln, wieviel in den einzelnen Jahren auf Rechnung der Satzunger ging; auch nicht schätzungsweise war dem nachzukommen. im Jahre KZ Bettfedern im Jahre KZ Bettsedern 1886 5 263 1892 1012 1887 4 999 1893 1840 1888 6 646 1894 1956 1889 3 654 1895 2141 1890 4 636 1896 2 562 1891 3 507 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Z. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 69 Es hat mithin eine relativ beträchtliche Abnahme der Einfuhrmengen bei Gegenüberstellung des Anfangs- und des Endjahres der ganzen Periode stattgefunden, wenn auch in den letzten Jahren konstant eine Zunahme der eingebrachten Quantitäten zu verspüren ist. Auch eine Betrachtung der prozentualen monatlichen Einfuhr ist nicht ohne Interesse ^. Von den in den Jahren 1893 — 1896 über Satzung eingeführten Bettsedermengen ent fielen . . . Prozente: auf die Einfuhr im Monat im Jahre 1893 ! 1894 ! 1895 1896 Januar . . . 5,9 5,2 18,7 10,7 Februar . . . 8,2 8,5 9,2 5,4 März .... 8,2 17,0 3,3 5,7 April .... 13,4 8,6 20,6 21,0 Mai .... 16,9 10,7 5,9 15,3 Juni .... 11,1 5,6 7,1 11,3 Juli .... 5,9 13,0 5,9 ! 5,1 August' . . . 0,9 37 0,9 2,3 September . . 6,3 4,9 2,5 2,8 Oktober . . . 5,3 7,5 6.6 7,9 November . . 8,5 8,8 10,2 5,7 Dezember . . 9,4 6,5 9,1 6,8 Zusammen . . 100,0 100,0 100,0 100,0 Diese Zahlen geben uns aber nicht allein ein Bild über die Verteilung der Einfuhr auf die einzelnen Monate, sondern zugleich auch Auskunft über die Saison im Bettfederhandel. Die Ergebnisse der Übersicht decken sich vollkommen mit den Aussagen der Händler. Am besten geht der Handel kurz vor Ostern und dann wieder zwischen Ostern und Pfingsten; also etwa vom März bis zum Juni. Es scheint mir garnicht unwahrscheinlich, daß die Ansicht eines Händlers, die beste Zeit im Bettfederhandel hänge zu sammen mit der Frequenz der Eheschließungen — deren Maxima bekannt lich in jene Monate fällt — begründet ist. Einige größere Händler, besonders die in den Großstädten handeln, halten auch zuweilen eine Niederlage; nicht etwa um hier einen stehenden Handel zu betreiben, sondern nur um dort ihre Vorräte niederzulegen und sie während der toten Zeit aufzubewahren. Gewöhnlich haben sie in dem Gasthaus, wo sie logieren, einen Raum, in dem sie die Federn unterr Auf Grund der Anschreibungen des Zolleinnehmers in Satzung zusammen gestellt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
70 Kurt Kuntze. bringen. Die Mengen, welche die meisten Händler mit sich führen, sind gegenüber den Quantitäten in früheren Zeiten außerordentlich niedrig. Während früher ein Händler wohl sogar bis zwei Centner Federn auf die Schiebkarre lud, begnügen sich die Federhausierer heutzutage mit dem dritten und vierten Teile. Die meisten nehmen nicht mehr als zwanzig bis fünfzig Pfund mit. Die Federn werden in lange Säcke eingestopft, welche die Händler auf dem Rücken herumtragen. Es ist ihnen dadurch ermöglicht, am Arm oder über die Schultern noch Wollwaren oder dergl. bei sich zu führen. Während wir bei dem Hausierhandel mit Textilwaren die Landbevölke rung als besten Kundenkreis der Händler kennen lernten, zählt bei den Bettfederhändlern im Gegenteil die städtische Bevölkerung zu den besseren Abnehmern. Es hat dies seinen einfachen Grund darin, daß die Bauern ihren Bedarf an Federn durch eigene Aufzucht von Gänsen decken. Selbst unter Städten wissen die Händler wieder Unterscheidungen zu machen. So werden z. B. in Dresden bessere Federn verkauft als in Leipzig, und in den kleinen Landstädten ebenfalls bessere als in den Großstädten. Die Käufer gehören meist den mittleren Bevölkerungsklassen an. Da es den Händlern wegen der Beschwerlichkeit des Transportes nicht möglich ist, viele ver schiedene Qualitäten mit sich zu führen, beschränken sie sich auf die besseren Federsorten. Die Preise sind so hoch, daß eine Arbeiterfrau kaum im stände ist, bei den Bettfederhändlern ihren Bedarf zu decken. Die Arbeiter benutzen vielmehr oftmals die Abzahlungsgeschäfte, da diese ihnen die Anschaffung überaus leicht machen. Freilich nur zu bald, aber doch zu spät, lernen sie den wahren Wert der Ware kennen. Eine bedeutende Konkurrenz ist den Hausierern in den Abzahlungsgeschäften nicht erstanden, da diese andere Kundenkreise haben, als die Hausierer. Wohl aber klagen die Satzunger außerordentlich über die Konkurrenz, die sie von den Wäsche- und Weiß warenhandlungen auszuhalten haben, die fast alle neben ihren eigentlichen Specialartikeln auch Bettfedern führen. Aber auch die Möbelhandlungen und Ausstattungsgeschäfte haben ihnen manchen Käufer geraubt. So ist denn der Absatz von Bettfedern in den Städten fortgesetzt geschmälert worden, während der auf dem platten Lande von jeher gering war. Die meisten Satzunger Federhändler führen den Artikel nur noch alter Gewohnheit gemäß, oder weil sie vielleicht noch von früher her einen Kundenkreis be sitzen. Mit dem Wegsterben der Kunden, die wir vor etwa zwanzig Jahren gewonnen haben — sagte ein Federhausierer — wird auch der Feder handel zu Grunde gehen. Den stehenden Geschäften gesellen sich besonders in den größeren OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Ter Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 71 Städten auch noch böhmische Hausierer als Konkurrenten hinzu. Es sind wieder Einwohner des bereits früher erwähnten Ortes Reischdorf. Während sie bis über die Mitte unseres Jahrhunderts Frachten besorgten, legten sie sich immermehr auf den Hausierhandel, je zahlreicher die das Gebirge überschreitenden Eisenbahnen wurden. Sie nahmen auch den Vertrieb von Bettfedern auf und haben von jeher ausschließlich bei böhmischen Juden ihren Einkauf besorgt. Die Qualität ihrer Federn ist eine geringe, und sie suchen überall den Handel der Satzunger in ein schlechtes Licht zu stellen. Sie geben die Satzunger oftmals als Unterkäufer ihrer Ware aus, die von diesen freilich mit minderwertigen Qualitäten vermischt in den Handel ge bracht würde. So haben sie den Satzungern manchen Kunden abzuspannen versucht oder auch thatsächlich ihnen einige entzogen. Allerdings haben die Reischdörfer niedrigere Preise als unsere Händler; dafür ist aber auch die Qualität der Satzunger Federn bedeutend besser. Während die Preise der Reischdörfer für das Pfund Federn selten 3 Mk. oder 3,50 Mk. über schreiten, führen die Satzunger sogar Federn zu 4,50 Mk. und 5 Mk. das Pfund. Was endlich die Bezahlung anbetrifft, so erhalten die Satzunger die Federn von seiten der böhmischen Händler meist auf Umschlagkredit, während sie bei einem direkten Einkauf bei den Bauern die Ware bar zu bezahlen pflegen. Kleine Quantitäten geben die Händler wieder nur gegen bar ab, während sie größere Mengen — besonders geschieht dies öfters bei Ver heiratungen — auf Kredit hingeben. In solchen Fällen ist die Eintreibung von Forderungen nicht immer leicht, und manchmal muß der Händler ganz auf seine Forderung verzichten, wenn er Zeit und Ausgaben scheut, ge richtlich sie eintreiben zu lassen. Die Außenstände des größten Feder händlers, der neben Familien aus mittleren Klassen auch noch einige kleinere Weißwarenhandlungen zu seinen Kunden zählt, betragen gegen 1200 Mk. Über die Zukunft des Bettfederhandels brauchen wir uns nicht sehr zu verbreiten. Aus dem Lande wird der Handel keinen Eingang finden und in den Städten kein weiteres Absatzgebiet gewinnen. Der Bedarf an Bettfedern ist schließlich auch ein so seltener, daß man, um ihn zu be friedigen, kaum Lust hat, zu warten, bis ein Federhändler Bettfedern an bietet, während man in den Städten in stehenden Geschäften sofort nach Auf treten des Bedarfs Gelegenheit genug besitzt, ihn zu decken. Der Handel mit Bettfedern hat sich aus einer Zeit erhalten, in der die Städte noch nicht jene großartigen kombinierten Verkaufsmagazine besaßen, die heute Wirtschaftswaren und -Gegenstände aller Art führen, wo es auch noch nicht OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
72 Kurt Kuntze. Abzahlungsgeschäfte und dergl. gab, die unter Bedingungen liefern, zu denen unsere Hausierer reelle Geschäfte nicht abschließen können. Der heutige Bettfederhandel ist nur noch ein kleiner Rest des früheren Wanderhandels dieser Art und geht seinem gänzlichen Verschwinden entgegen. d. Der Handel mit Flachs. Der von den Satzungern betriebene Flachshandel ist von jeher kein Hausierhandel im eigentlichen Sinne des Wortes gewesen. Schon die Art der Handelsware und die geringe Zahl derer, die Bedarf nach ihr haben, macht einen Hausierhandel unmöglich. Wohl aber wurde der Flachshandel stets im Umherziehen betrieben. Und zwar wiederum weniger der Verkauf, als der Einkauf des Flachses, denn jener geschah schon immer an feste Kunden, die man nicht erst im Umherziehen zu gewinnen brauchte. Der Flachs gehört mit zu den Handelswaren, die von den Satzungern zuerst vertrieben sind. Spitzen und Flachs finden sich stets in den ersten wenigen Nachrichten angeführt, die wir vom Handel unserer Dorfbewohner haben. Die Anfänge des Flachshandels reichen zurück bis zu jener Zeit, wo die Satzunger noch als Fuhrleute im Lande umherzogen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß eine im Anfang unseres Jahrhunderts erlassene Be stimmung über den Flachshandel mit Rücksicht auf die Satzunger gegeben worden ist; soviel ist sicher, daß sie wesentliche Bedeutung für unsere Ge birgler hatte. Es ward nämlich 1805 bestimmt, daß die Fuhrleute, welche Flachs mitführten, dem Mandat von 1750 nicht zu unterwerfen seien, d. h. nicht als Hausierer anzusehen wären und der Betrieb ihres Gewerbes mithin zu gestatten sei. Die Bestimmung wurde folgendermaßen motiviert : „Da sie (die Fuhrleute) den Flachs wahrscheinlich nur dann, wenn sie entweder ganz leer fahren oder nur wenig Fracht haben, unterwegs in den durchzupassierenden Dörfern oder Städten einkaufen oder auch von ihnen selbst erbauten in jene flachsärmeren Gegenden mitführen." Beides haben die Satzunger Fuhrleute gethan. Gewöhnlich brachten sie — sobald sie noch Ladung aufnehmen konnten — auf ihrer Rückfahrt Flachs von der Ebene ins Gebirge mit, und Vertrieben ihn dann nach Böhmen hinein. Andererseits aber wurde früher um Satzung viel Flachs gebaut, den zum größten Teil die Satzunger verkauften. * Haupt-Staatsarchiv Dresden. I^oe. 11090. ^uno 1750 ff. Acta: Das Hausieren in denen Städten und auf dem Lande, ingl. das im Lande herum streichende liederliche Gesindel betr. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 73 Je mehr der oben skizzierte Fuhrwerksbetrieb als selbständiger Beruf zurückging, umsomehr kam der Flachshandel in Aufnahme. Während früher der Flachshandel gleichsam nur ein Nebenbetrieb des Lohnfuhrwerks war, gestaltete sich später die Sache umgekehrt, indem das Fuhrwerk lediglich dazu diente, die Flachsmengen vom Produzenten in die Spinnerei zu schaffen. Einen wesentlichen Einfluß hatte der Flachshandel auch auf die Landwirtschaft. Im ganzen Obererzgebirge spielte der Flachsbau eine wichtige Rolle im landwirtschaftlichen Betriebe. Seit den siebenziger Jahren aber begann er mehr und mehr zu weichen und nimmt heute relativ nur noch minimale Flächen in Anspruch. Auf Satzunger Flur ist er fast ganz verschwunden, nur 1894 ist wieder 1 da mit Flachs bebaut worden. Die Versuche , die man in neuerer Zeit mit Hebung des Flachsbaues im Erz gebirge macht, haben bis jetzt zu keinem günstigen Resultate geführt Die Schwierigkeit, für den deutschen Flachs günstige Preise zu erzielen, läßt den Bauern seinen Anbau unrentabel erscheinen. Daß der Flachshandel für unseren Ort einige Bedeutung gehabt haben muß, läßt sich auch aus dem Bestreben der Satzunger erkennen, am Ende des zweiten Jahrzehntes unseres Jahrhunderts die Konzession zur Abhal tung von Flachsmärkten zu erhalten. Im Jahre 1817 baten sie zum ersten Male um die Erlaubnis, drei Jahr-, Flachs- und Viehmärkte ab halten zu dürfen 2. Die Bedenken der Annaberger, Marienberger und Jöhstädter Krämer und Handwerksinnungen richteten sich nur gegen Ab haltung eines Jahrmarktes. So wurde denn den Satzungern im Jahre 1818 die Errichtung eines Flachs- und Viehmarktes gestattet. Ein im Jahre 1823 abermals um Abhaltung von drei Jahr-, Flachs- und Viehmärkten eingereichtes Gesuch wurde wiederum abgewiesen und es verblieb somit das Recht, im Dorfe nur einen Flachs- und Viehmarkt zu halten Leider hat sich nicht ermitteln lassen, bis zu welchem Jahre von diesem Recht Gebrauch gemacht worden ist, wie denn überhaupt weder im Gemeinde- * Acten bei der Amtshauptmannschaft Marienberg. Abt. XVI. Absch. 3. Nr. 1. Hebung des Flachsbaues betr. 1896. Nach zehnjährigem Durch schnitt (1886 — 1895) sind in der Amtshauptmannschaft Marienberg pro Jahr nur 79 üa mit Flachs bebaut gewesen. 2 Haupt-Staatsarchiv Dresden. 4>oe. 30 668. Canzley-Acta. Der Com mune zu Satzungen Conceßion zu Haltung eines Flachs- und Wochenmarktes betr. Oe anno 1817. 3 Haupt-Staatsarchiv Dresden. 4,oe.30939. b^ol. 119 — 126. Polizei sachen 121. Vol. II. Oon6688ion68 zu Jahr-, Vieh-, Getreide- und anderen Märkten betr. 1)6 anno 1822 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
74 Kurt Kuntze. archiv noch sonst irgendwo näheres über das Marktwesen zu finden war. Nach Erzählung einiger Dorfältesten scheint der Markt den Satzungern nur den Ankauf des Flachses erleichtert zu haben, indem die Bauern der um liegenden Gegend ihr Produkt hierher zu Markte brachten, das dann von den Satzungern angekauft und Vertrieben wurde. Die Zubereitung des Flachses vollzog sich früher in der Hauptsache im Dorfe. Nicht allein der auf Satzunger Flur erbaute Flachs ward im Orte einiger Bearbeitung unterworfen, sondern vielfach auch der in anderen Dörfern der nächsten Umgebung aufgekaufte. Reges Leben muß zur Flachs ernte im Dorfe bestanden haben. Es war die reine Hochzeit — wie sich ein Bauer ausdrückte — wenn man zur Flachsbreche fuhr. Im Dorfe selbst vollzog man nur das Abriffeln der Samenkapseln von den Stengeln. Satzung selbst hat nie ein Brechhaus besessen, jedoch waren in zwei benach barten Dörfern, die intensiven Flachsbau trieben, je drei Brechhäuser und in einem anderen eins. Sie alle sind verschwunden, oder haben doch ander weite Verwendung gefunden. Der Flachs ward meist mit Rindviehgespann in die „Breche" gebracht und von hier entweder direkt dem Konsumenten geliefert oder noch einmal nach Satzung zurückgebracht, um mit feineren Sorten vermischt zu werden. Der Satzunger Flachs war meist sehr grob und konnte vielfach, ohne mit anderen, besseren Sorten vermengt zu werden, keine Abnehmer finden. Aber nicht allein in der unmittelbaren Umgegend Satzungs kauften unsere Händler Flachs auf, sondern zogen auch weiter in die Ebene hinab, ihren Bedarf zu decken. Sie holten mit Lohngeschirr oder wohl auch mit eigenem Fuhrwerk den bereits gebrochenen Flachs zu sammen und lieferten ihn dann an ihre festen Kunden, die in der Haupt sache Spinnereien waren. Heute wird der Flachs hauptsächlich im Erz gebirge in der Gegend von Sayda, wo noch starker Flachsbau besteht, in sertigem Zustand aufgekauft. Der Flachs wird nach Gewicht an die Käufer abgegeben. Nicht mehr als 12 bis 15 Satzunger giebt es, die jetzt noch alljährlich mit Flachs handeln. Freilich die Zahl derer, die dazu berechtigt sind, ist wieder bedeutend größer; sie schwankt von 1880 bis 1894 zwischen 61 (1880) und 90 (1889). Im Jahre 1875 waren es sogar nicht weniger als 148. Auch hier hat die Einführung des Gesetzes über die Besteuerung des Gewerbebetriebes im Umherziehen wesentlich eingewirkt. Die Aufnahme des Handelsartikels Flachs in den Wandergewerbeschein verursacht nämlich eine ziemlich hohe Besteuerung und so verzichteten denn von 1879 an alle diejenigen auf seme Eintragung in die Gewerbescheine, die nur ganz selten, oder voraussichtlich garnicht im Laufe des Jahres mit Flachs handelten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 75 Daß dies eine beträchtliche Zahl war, ersieht man daraus, daß 1880 fast neunzig weniger den Artikel führten, als im Jahre 1875. Frauen haben in der ganzen Zeit nicht mit Flachs gehandelt. Der Betrieb des Handels ist auch viel zu beschwerlich, als daß weibliche Kräfte genügen könnten. Während der Flachshandel in früherer Zeit drei Monate währte — von einzelnen Händlern aber sogar fast ein halbes Jahr lang betrieben sein soll' — erreicht er jetzt die Dauer kaum eines Monates. Das Flachs geschäft greift eigentlich nur noch im Dezember und anfangs Januar Platz und wird fast nur noch als Gelegenheitsgeschäft angesehen. Die große Be deutung, die der Flachshandel früher für den Erwerb der Einwohner hatte, hat er gänzlich verloren. Bon jeher war es eine Eigentümlichkeit des Flachshandels der Satzunger, daß immer mehrere Händler zu gemeinsamen Betriebe sich zusammenschlossen. Es geschah einerseits, um schnell größere Mengen aufkaufen zu können und andererseits, nm kapitalkräftiger zu sein. Von den größeren Flachs-Com pagnien früherer Zeit hat sich bis heute freilich nur noch eine gehalten, deren Mitglieder lauter Verwandte sind. In der Gegend von Sayda beginnen die Händler Flachs aufzukaufen; entweder holen sie selbst ihn mit Lohngeschirr zusammen, oder lassen ihn von den Bauern an einen Sammelort bringen. Gewöhnlich mieten sie für die Zeit ihres Auf enthaltes im Orte eine Scheune und besorgen darin das Abwiegen des Flaches und das Binden in Bündel, die dann aufgestapelt werden, bis größere Mengen zusammen gebracht sind und bis Bestellungen ein laufen. Früher wartete man wohl, bis Quantitäten von 100, 150, auch 200 und mehr Centnern zusammengebracht waren und begann dann erst mit dem Vertriebe. Selten begleitete jemand den Transport, die Händler zogen vielmehr weiter und begannen in einer anderen Gegend den Flachs aufzukaufen. Zu jenen Zeiten freilich, als noch keine Eisenbahnen den Transport übernahmen, soll meist ein Teil der Compagnie die Beförderung des Flachses zum Besteller besorgt haben, während der andere ausschließ lich mit dem Aufkauf sich befaßte. Nach den Schätzungen eines früheren Großhändlers sollen von den Compagnien, zu denen meist drei oder vier Personen gehörten, in den besten Jahren von jeder etwa 14 — 1600 Centner Flachs verkauft worden sein. Von seiten der Einzelhändler, deren es stets auch mehrere gab, etwa 350 — 400 Centner. Heute vertreiben alle Satzunger Händler zusammen kaum mehr als 2000 Centner. Wenn man dabei bedenkt, daß in den 60er Jahren zur eigentlichen Handelssaison mindestens 75 bis 100 Händler unter OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
76 Kurt Kuntze. Wegs waren und heute höchstens 15, so wird man beurteilen können, welche Bedeutung dieser Handelszweig sür das Erwerbsleben der Satzunger hatte. In der Hauptsache sind es stets seste Kunden gewesen, denen die Satzunger den Flachs geliefert haben und heute noch liefern, meist Spinnereien in Böhmen und Sachsen. Früher traten auch noch böhmische Zwischen händler zwischen die Satzunger und die Fabriken. Es waren Reischdörfer, die die Händler an den Orten aufsuchten, wo diese den Flachs aufstapelten und zum Verkaufe fertig machten. Sie gewährten den Satzungern zuweilen einen recht hohen Profit; in den 60er Jahren z. B. drei bis vier Mark pro Centner. In der Erinnerung der noch lebenden Flachs händler jener Zeit gilt das Jahr 1865 als das beste Handelsjahr. Aber noch bis zum Anfang der 70 er Jahre stand der Handel in Blüte; erst von da an begann er mehr und mehr zurückzugehen. Was sind nun die Ursachen dieses auffälligen Rückganges ? Unleugbar ist in den letzten Jahrzehnten der Konsum leinener Waren mehr und mehr durch den Verbrauch wollener und baumwollener Produkte verdrängt worden. Wenn dadurch zwar der Hausierhandel mit diesen Textilien einige Förderung erfahren haben mag, so war doch der günstige Einfluß, den diese Bedarfs verschiebung hatte, viel zu gering, als daß die Einbuße, die der Flachs handel erlitten hatte , ersetzt werden konnte. Es handelte sich beim Vertrieb des Flachses um ganz beträchtliche Umsätze, die mit den Umsätzen im Textilhandel kaum zu vergleichen sind. Hand in Hand mit jener Be darfsverschiebung ging eine Änderung der Marktverhältnisse, die ungleich empfindlicher wirkte als jene erste Ursache. Der russische Flachs begann mehr und mehr den deutschen Markt zu beherrschen und das einheimische Produkt zu verdrängen, sodaß Rußland das Hauptbezugsland für Flachs geworden ist ^. Die Überflutung des deutschen Marktes mit russischer Ware mußte natürlich stark auf die Preise wirken. Während in den 60er Jahren Pro Centner durchschnittlich 40 bis 45 Mark geboten wurden, sind heute im allgemeinen nicht mehr als 25 bis 30 Mark für gute Mittelware zu erzielen. Nur geringe Ernten in Rußland vermögen die einheimischen Preise etwas in die Höhe zu treiben, wie es vor wenigen Jahren einmal der Fall war. Ein Händler will im Jahre 1866 für den Centner Flachs sogar 57 Mark erhalten haben, * Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer zu Chemnitz 1893. II. Teil. Seite 2f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 77 während im Jahre 1896 einzelne Sorten für 18 bis 20 Mark abgegeben werden mußten. Die Händler verdienten früher im Durchschnitt meist 1,50 bis 2 Mark am Centner; einzelne wollen zu Zeiten aber sogar 3 bis 3,75 Mark Rohverdienst gehabt haben. Über die Höhe des Verdienstes in der Jetztzeit fehlt jede positive Angabe. Von einigen Mitgliedern einer Compagnie erfuhr ich nur das eine, daß die Schlußabrechnung nach dem Betriebe des Flachshandels während eines Monates ergab, daß die Com pagnie 150 Mark Deficit zu verzeichnen hatte. Der russische Flachs wurde früher in der Hauptsache nur als Mischung den einheimischen Produkten beigegeben. Je mehr aber durch gute Auswahl des Samens und vorsichtige Behandlung des Flachses bei der Ernte und den nachfolgenden Bearbeitungs prozessen die Qualität des russischen Flachses sich hob, desto mehr ward der deutsche zurückgedrängt und ward seinerseits nur als Beimischungsprodukt verwandt, da eine alleinige Verwendung des russischen ein zu steifes Fabrikat geben würde. Gleichmäßig hiermit sank auch der Flachshandel der Satzunger. Von den zahlreichen Absatzgebieten früherer Zeit sind den Satzungern bis heute nur noch wenig geblieben. Eine große Zahl der Spinnereien hat in den 70er und 80er Jahren den Betrieb eingestellt, sodaß schon hier durch der Absatz beträchtlich geschmälert wurde. Allein in der näheren Umgebung Satzungs sind 8 Spinnereien eingegangen, für die unsere Händler fast ausschließlich den Rohstoff lieferten. In Böhmen galten als Haupt absatzorte Reichenberg, Hohenelbe, Arnau und Trautenau ; in Sachsen wurde viel nach Orten in der Lausitz — besonders nach Hirschfelde — geliefert, ferner nach Wolkenstein, Wiesenbad, Marienberg und Freiberg. Daneben wohl auch an Seiler, doch waren die Spinnereien die Hauptabnehmer des Flachses. Heute kommen nur noch einige sächsische Spinnereien in Betracht, zumal in der Gegend in und um Freiberg, Chemnitz und Flöha. Die Bezahlung der Bauern geschah und geschieht noch heute von seiten der Händler meist bar. Die Fabriken geben kurzsichtige Wechsel. Ungünstige Zahlungsbedingungen sind jedensfalls nicht zu verzeichnen. Der Flachshandel, wie er heute betrieben wird, hat schließlich auch Aussicht weiterhin derart vegetieren zu können. An ein Wiederaufblühen ist bei den jetzigen Marktverhältnissen nicht zu denken. Seine Bedeutung für den Erwerb der Satzunger Bevölkerung ist bei der kleinen Zahl der Flachs händler sehr gering. Die Größe ihres Umsatzes ist verschwindend im Verhältnis gegen früher; der Verdienst aus dem Flachshandel ist beträcht lich gesunken. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
84 Kurt Kuntze. gewährt, dieser aber sofortige Barzahlung verlangt. Dieses Moment hat ebenfalls mit beigetragen, daß die Satzunger beginnen, direkt bei den Züchtern auszukaufen. Mit den Anzahlungen, die die Bauern machen, pflegen die Händler den größten Rest der Schuld zu begleichen, sodaß sie dann nur noch einen geringen Teil den Züchtern schulden. Zuweilen werden auch heute noch Pferde getauscht. Früher geschah es viel häufiger. Es sind meist ältere Pferde, die die Händler eintauschen. Ein eventuelles Saldo wird dann in bar ausgeglichen. Die Händler nahmen in früheren Zeiten diese meist etwa 4 Jahre alten Pferde mit auf die böhmischen Märkte zum Verkauf oder wieder zum Tausch, indem sie Fohlen dafür eintauschten; heute dagegen suchen sie die eingetauschten Tiere im Wege des Handels wieder los zu werden und beziehen nicht erst einen Markt damit. Der Verdienst der Pferdehändler schwankt stark, je nach der Zeit, die es dauert, ehe ein Transport Pferde verkauft ist. Die Spesen sind außer ordentlich hoch ; sie richten sich nach der Höhe der Unterhaltungskosten für die Händler und der Futterkosten für die Tiere. Dazu kommen die Trans portkosten, die für einen Wagen voll Pferde von der holländischen Grenze bis Leipzig etwa 350 Mark betragen. Außerdem müssen die Händler zu weilen noch einen Führer annehmen, der meist die Woche 8 bis 10 Mark und freie Station erhält. Kommen dazu noch Unglücksfälle, die sie mit den Tieren haben oder Krankheit derselben, so wird oftmals jeder Gewinn illusorisch. So starb einem Händler ein Tier im Werte von 520 Mark und gleichzeitig wurden vier andere krank, sodaß er diese mehrere Wochen lang in eigener Stallung füttern mußte. Der Roßhändler Vertrieb während der ganzen Handelszeit 25 Pferde, aber ohne einen bemerkenswerten Ver dienst, da ihm aus jenen Unglücksfällen große Unkosten erwuchsen. Manche Satzunger haben gerade mit dem Pferdehandel bittere Erfahrungen machen müssen und es giebt mehrere Familien, die durch ihn in das Unglück ge stürzt sind. Tod und Krankheiten der Pferde haben, vielen Händlern er hebliche Verluste verursacht, zu deren Deckung sie Schulden kontrahieren mußten, die sie dann nicht wieder oder nicht rechtzeitig decken konnten. Mehrere sind so um Haus und Hof gekommen. Noch am Ende der 70er Jahre stand der Pferdehandel der Satzunger in höher Blüte. Vertrieben doch damals die meisten Händler in vier Wochen je etwa 20 bis 25 Fohlen. Heute verkaufen nur noch die drei Handelscompagnien Pferde in größerer Zahl. So verkauften z. B. die drei Mitglieder der einen in sechs Wochen im Jahre 1895 gegen siebenzig Pferde, die sie ausschließlich aus Holland geholt hatten. Fragen wir auch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 85 hier wieder nach den Ursachen, die den Pferdehandel im Umherziehen haben sinken lassen, so sind es eigentlich nur zwei, die dabei wesentlich in Betracht kommen. Einmal ist es die Kapitalarmut der meisten Satzunger und zweitens der Aufschwung des seßhaften Pferdehandels. Der zweite Grund fällt aber schließlich mit dem ersten zusammen, denn es handelt sich eigent lich nur darum, daß es den Satzungern unmöglich geworden ist, mit den kapitalkräftigen ansässigen Pferdehändlern zu konkurrieren. Die letzteren sind oft zugleich Züchter und sind im stände billigere Angebote als die Satzunger zu machen, die immer nur einige wenige Pferde aufkaufen und denen der Transport der Tiere hohe Kosten verursacht. Das Futter muß der Satzunger in den Ausspannungen, wo er seine Pferde unterstellt, teuer er kaufen, zumal er immer nur relativ kleine Mengen kauft, nämlich soviel, als er zum Futterschütten am Abend und am nächsten Morgen braucht. Es ist vorgekommen, daß Satzunger in Ausspannungen für Heu und Hafer das Doppelte des wirklichen Marktpreises zahlen mußten. Die ansässigen Pferdehändler beziehen das Futter in großen Mengen; sie sind oftmals Selbstproduzenten, indem sie Wiesen und Felder zur Futtergewinnung be sitzen. Die Satzunger müssen auf möglichst baldige Bezahlung sehen; der ansässige Großhändler vermag länger zu kreditieren. Dies ist ein wichtiges Moment, denn der Bauer, der oftmals nicht viel Bargeld zur Verfügung hat, zieht natürlich den vor, der ihm die längste Zahlungsfrist gewähren kann, selbst wenn der Kaufpreis um ein wenig höher sein sollte als bei dem sofortige Barzahlung verlangenden Händler. So sehen wir denn, daß nur wenige kapitalkräftige Satzunger, die sich in Handelscompagnien vereinigt haben, übrig geblieben sind, im Kon kurrenzkämpfe mit den städtischen ansässigen Pferdehändlern. Alle anderen sind zurückgedrängt worden: Opfer des Großkapitals. d. Der Wanderhandel mit Gänsen. Bei den oben dargestellten Warenkombinationen der Händler und Händlerinnen hat sich gezeigt, daß alle die Kombinationen wesentliche Zu nahme erfahren haben, die „Tiere" als Element enthalten. Dort sind aber neben dem Federvieh auch die Pferde unter diesen Begriff gerechnet worden. Aber nach der Darstellung des Pferdehandels im letzten Abschnitt ist leicht ersichtlich, daß nicht diesem Handelszweig die Steigerung jener Waren kombinationen zuzuschreiben ist, sondern einzig und allein dem Gänsehandel. Der Federviehhandel, der ausschließlich Gänsehandel ist, unterscheidet sich in mancherlei Beziehungen ganz wesentlich von dem Hausierhandel mit OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
86 Kurt Kuntze. Spitzen, Textilien und Bettfedern einerseits und dem Handel mit Flachs, Sämereien und Pferden andererseits. Vor allen Dingen ist der Gänsehandel bedeutend jünger als der Ver trieb irgend eines der anderen Handelsartikel der Satzunger. Nach den Abschriften der Gewerbescheine, die im Jahre 1875 ausgegeben worden sind, hat damals noch kein Satzunger mit Gänsen gehandelt. Der Handel ist also ein ganz moderner. Seine Entstehung hängt aufs engste zusammen mit dem Rückgänge der anderen Handelszweige, von denen sich einige ge rade am Ende der 70er Jahre als nicht mehr lebensfähig erwiesen. Die Bedeutung, die der Gänsehandel für unsern Ort hat, läßt sich etwa nur mit der vergleichen, die der Spitzenhandel, der Bettfederhandel und vorher das Fuhrwesen für die wirtschaftliche Lage der Dorfbewohner hatten. Freilich muß noch bezweifelt werden, ob Spitzen und Bettfedern jemals von einer so großen Zahl von Handelsleuten Vertrieben sind als heute das Federvieh. Wenn der Fremde den Ort besucht und nach dem Haupt erwerb der Einwohner fragt, so wird er sicherlich die Antwort erhalten: Hier lebt alles vom Gänsehandel. Der Fremde braucht garnicht zur eigentlichen Gänsehandelszeit zu kommen; er wird jederzeit diese Antwort empfangen. Er wird sich vielleicht anfangs wundern, denn er bemerkt nichts, das auf einen Gänsehandel und auf eine Gänsezucht, die er in Ver bindung mit jenem etwa vermutet, hinwiese. Er wird sich vielleicht Mühe geben müssen überhaupt einige Gänse im ganzen Dorfe zu finden. Der Gänsehandel steht auch in seiner ganzen Organisation den andern Handelszweigen gegenüber einzig da. Er ist ferner nach und nach von Personen — wenn auch nicht zum Hauptberuf, so doch — zum Neben beruf gemacht worden, die früher nie daran dachten mit dem Handel im Umherziehen sich zu befassen. Es wird später auf alle diese Punkte näher einzugehen sein; hier sollen sie nur hervorgehoben werden, da sie die Eigen artigkeit dieses Handelszweiges deutlich erkennen lassen. Glücklicherweise war auch die Materialsammlung etwas ergiebiger als auf den andern Handelsgebieten. Was die numerische Entwicklung des Handels anbetrifft, so können wir sie wiederum nur an der Zahl der Händler messen. Aber was bei fast allen anderen Handelsartikeln hervorgehoben werden mußte, daß nämlich die Zahl der mit der betr. Ware zu handeln Berechtigten stets wesentlich größer sei als die Zahl derer, die von ihrem Rechte Gebrauch machen, fällt beim Gänsehandel fort. In der That handeln alle, die in ihrem Schein „Federvieh" aufgeführt haben, auch damit. Es waren berechtigt mit Federvieh zu handeln: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 87 im Jahre Männer Frauen Zusammen 1875 — — — 1880 32 — 32 1881 38 — 38 1882 38 — 38 1883 44 — 44 1884 66 — 66 1885 76 2 78 1886 80 2 82 1887 90 3 93 1888 113 3 116 1889 130 4 134 1890 149 12 161 1891 130 13 143 1892 165 15 180 1893 149 14 163 1894 * 170 22 192 1895 187 30 217 1896 * 2 2 269 * Für 1894 ist der Zahl der mit einem Wandergewerbeschein versehenen Gänsehändler die Zahl derer zugezählt worden, die für den Gänsehandel nur einen Gewerbeschein besaßen. Solche Gewerbescheine sind 1894 zum ersten Male an Satzunger zur Ausgabe gelangt (vgl. oben Seite 33 Anmerkung 1). Die Betreffenden waren natürlich nicht in dem für 1894 benutzten Wandergewerbescheinregister aufgesührt, da sie nicht beim Kreissteuerrat, sondern bei der Bezirkssteuereinnahme zur Anschreibung gelangen. Die Korrekturzahlen verdanke ich der Freundlichkeit des Be zirkssteuerinspektors; ebenso die Zahl für 1896, die mir leider nur als Endsumme mit geteilt ward. Die Zahlen für 1895 sind den Akten des Gemeindevorstandes von Satzung entnommen. — Es sei erwähnt, daß Gewerbescheine, von der Bezirkssteuer einnahme ausgefertigt, besaßen: Männer Frauen 1894: 55 3 1895: 67 5 Die Zahl der Gänsehändler- u. Händlerinnen ist also seit 1880 mit nur wenigen Unterbrechungen stetig gestiegen. Im Jahre 1887 hatte sie das Dreisache der Zahl von 1880 erreicht. 1894 genau das Sechsfache und 1896 mehr als das Achtfache. Damit ist aber die Zahl derer, die eine Zeit lang im Gänsehandel ihren Haupterwerb haben, noch nicht er schöpft, denn es kommt noch eine beträchtliche Zahl von Hilfspersonen zu jenen selbständigen Händlern hinzu. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
88 Kurt Kuntze. Im Jahre 1878 scheinen sich einige wenige kapitalkräftige Händler zum ersten Male auf dieses neue Handelsgebiet gewagt zu haben. Jene Notlage hatte sich nach und nach entwickelt, und es war keine Aussicht vor handen, daß die Handelszweige, denen man sich bisher gewidmet hatte, wieder einmal ausblühen würden. Mährend früher die verschiedenen Waren oftmals das ganze Jahr über vertrieben wurden, hatte sich der Spätsommer für die Hausierer allmählich zu einer toten Saison gestaltet. Zwar gab es zu dieser Zeit in der Landwirtschaft mancherlei Ar beiten zu verrichten. Der großen Zahl der Händler gab aber die Ver richtung von Handarbeiterdiensten bei den Landwirten nicht ausreichenden Verdienst und für die Händler, die eigenes Feld besaßen, war in ihrer Zwergwirtschaft ebenfalls nicht genügend zu thun. Die Lage der Handelsleute war eine überaus kritische geworden. Da versuchten es am Ende der 70er Jahre einige größere Händler mit dem Gänsehandel. Wie sie gerade auf diesen Handel kamen, woher sie das Vorbild nahmen, das ist den noch lebenden ersten Händlern jener Zeit selbst nicht so recht bewußt. Es möchte fast scheinen, als habe der Bettfederhandel indirekt den Gänsehandel erweckt, indem ja die Satzunger beim Einkauf der Federn mit den Bauern, die oftmals zugleich größere Gänsezüchter waren, zusammen kamen. Und was das Vorbild anbetrifft, dem die Satzunger nachahmten, so scheinen es die Einwohner des nahen böhmischen Städtchens Sebastiansberg gewesen zu sein, die bedeutend früher als die Satzunger den Gänsehandel neben dem Schweinehandel betrieben. Zwar hat er für jenen Ort nie die Bedeutung erlangt, die er für Satzung im Laufe der letzten zwanzig Jahre gewann. Wie schon erwähnt, waren es im Anfang nur einige wenige Händler. Sie vereinigten Einkauf und Verkauf der Tiere in ihrer Hand. Zum Betriebe des Geschäfts bedurfte es bei dieser Organisation des Handels — sollte er einigen Umfang haben — großer Kapitalien. Es mußte nämlich den Bauern sofortige Barzahlung geleistet werden. Aber diese Organisation war nicht von langer Dauer, da die Mehr zahl der Händler wegen des Mangels erforderlicher Kapitalien sich garnicht beteiligen konnte, und die kapitalkräftigeren Satzunger nicht in dem Maße, wie bei der jetzigen Handelsorganisation. Dazu kam noch, daß die böhmischen Gänse nicht recht Abnehmer sanden. Sie waren unseren Bauern zu teuer. Einige Händler stellten daher schon im Jahre 1879 den Einkauf auf österreichischer Seite ein und versuchten in Rußland Handelsbeziehungen anzuknüpfen, ähnlich wie Händler aus dem Tieflande (aus Leisnig und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 89 Roßwein), die auch im Umherziehen Gänse Vertrieben. Es gelang, und nun wandten sich immermehr Händler diesem neuen Erwerbszweige zu. Die ersten Versuche unternahmen überhaupt nicht mehr als 8 — 10 Händler; 1880 aber sind es schon 32. Unsere obige Zahlenreihe läßt die weitere Ent wicklung erkennen. Bereits 1881/82 wurden keine oder doch verschwindend wenig Tiere noch aus Böhmen bezogen. Heute vertreiben die Satzunger ausschließlich russische Gänse. Nach wie vor bildete Sachsen allein das Absatzgebiet. Die Trans portkosten erhöhten sich ganz beträchtlich, wegen der bedeutend größeren Entfernung des Aufkaufplatzes. Gerade die große Entfernung des Einkauf gebietes vom Absatzgebiete war es, die neue Mittelglieder schuf und es jetzt weniger kapitalkräftigen, sogar kapitalarmen Satzungern ermöglichte, mit dem Gänsehandel sich zu befassen. Früher gab es nämlich in der Hauptsache nur eine Klasse von Gänsehändlern, nämlich solche, welche die Tiere aufkauften, sie nach Sachsen brachten und selbst vertrieben. Als man aber in Rußland aufzukaufen begann, verursachte es den in Sachsen handelnden Satzungern bedeutenden Zeitverlust und große Unkosten, den Handelsbetrieb aufzugeben und an die deutsch-russische Grenze zu eilen und Gänse aufzukaufen. War es nicht natürlicher und auch vorteilhafter, wenn hier eine Specialisation eintrat, indem die einen den Aufkauf, die anderen den Vertrieb übernahmen? So konnte man an Zeit und Unkosten sparen und den Verkäufern blieb schließlich nur übrig, immer rechtzeitig bei den Aufkäufern ihre Bestellungen zu machen. Jene Specialisation trat denn auch ein, und die früher Einkauf und Vertrieb in einer Hand vereinigenden Händler teilten sich in Aufkäufer und in die eigentlichen Gänsehändler, welche den Gewerbebetrieb im Umher ziehen ausüben. Aber da die Aufkäufer nicht selbst direkt mit den russischen Gänse züchtern in Beziehung treten können, bedürfen sie noch eines Vermittlers, eines Vorkäufers. Russen und einige Polen haben diese Rollen über nommen. Zweierlei Gründe sind es in der Hauptsache, die es den Satzungern verbieten, selbst als Käufer im Innern Rußlands aufzutreten. Erstens wäre die Kenntnis der russischen oder polnischen Sprache unbedingt nötig und zweitens haben die meisten größeren Bauern mit russischen Auf käufern zwecks Lieferung von Gänsen auf lange Zeit hin abgeschlossen, sodaß die Satzunger sicherlich oftmals gar keine Tiere erhalten würden. Die wenigen russischen Aufkäufer, die äußerst kapitalkräftig sind, haben daher fast den ganzen Ankauf von Gänsen für sich monopolisiert. Der direkte Aufkauf in Rußland würde sich für die Satzunger — wenn überhaupt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
90 Kurt Kuntze. möglich — sicherlich viel teurer stellen als bei Vermittlung durch die Russen, zumal die Satzunger in Rußland für den Betrieb des Aufkaufs erst noch eine Gewerbesteuer zu entrichten hätten. Die russischen Aufkäufer sind es eigentlich, denen der große Aufschwung des Satzunger Gänsehandels zu danken ist. Sie gewähren den Gänse händlern Kredit und daher sind die Satzunger gezwungen, ihrer als Ver mittler sich zu bedienen. Ungesunde Verhältnisse sind hieraus erwachsen und die Satzunger empfinden die Abhängigkeit von den Aufkäufern außer ordentlich. Eine Lossagung von diesen würde aber'sicherlich einen so fortigen teilweisen Rückgang des ganzen Handels im Gefolge haben. Aber trotz alledem muß doch konstatiert werden, daß die Russen den Handel ge fördert haben. In den letzten Jahren ist noch eine kleine Aenderung im Geschäfts gebaren eingetreten. Die Satzunger Aufkäufer nahmen früher direkt an der Grenze die Gänse von den Russen in Empfang. Nachdem aber beide Parteien gegenseitig sich mehr und mehr kennen gelernt hatten, war es eigentlich unnötig, an der Grenze die Tiere zu übernehmen. Die Bestellung und die Verhandlungen über die Preise vollziehen sich heute auf tele graphischem Wege, wenn zwar auch ab und zu einzelne Satzunger doch noch an die Grenze sich'begeben. Regel ist, daß die Satzunger Großhändler alljährlich im Anfänge der Handelszeit an die Grenze gehen und die ersten Trans porte selbst übernehmen, dann aber später nach Sachsen zurückkehren. Das Verladen der Gänse übernehmen dann die Russen, was früher ausschließlich Sache der Satzunger Großhändler war. Diese haben dafür das Entladen der von ihnen bestellten und von den Russen gesandten Gänsetransporte übernommen, sowie den Verkauf an die eigentlichen Gänsevertreiber. Früher war das Ausladen der Tiere viel weniger als heute eine selbständige Beschäftigung; der Auslader war früher zugleich auch Vertreiber. Heute sind die Auslader die Großhändler; ihnen fällt die Aufgabe zu, die Gänse in Empfang zu nehmen, auszuladen und vor allen Dingen schnell Klein händler zu finden, die die Tiere zum Vertriebe übernehmen. Das Risiko, welches hiermit verbunden ist, zwingt den Satzunger Großhändler, selbst die Rolle des Ausladers zu spielen. Seine Anwesenheit ist viel nötiger am Endpunkte des Transportes, als an der Einladestation. Bei den mancherlei Verrichtungen, die ihm obliegen, ist es ihm unmöglich, selbst noch Tiere im Umherziehen zu vertreiben. Der Gänsehandel weist also drei verschiedene selbständige Händler gruppen auf. 1. Die russischen Aufkäufer. 2. Die Satzunger Großhändler, die durch Vermittlung jener die Gänse aufkaufen lassen. 3. Die Satzunger OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 91 Kleinhändler, welche die Gänse im Umherziehen vertreiben. — Dazu kommen noch als unselbständige Glieder eine große Zahl von Hilfspersonen, die ebenfalls Satzunger sind. Sehen wir nun zu, wie der ganze Handel sich vollzieht und verfolgen wir zu diesem Zwecke je einen Typus der verschiedenen Händler auf der Handelsreise. Zuerst verläßt der Großhändler das Dorf. Er reist an die russische Grenze, sucht seinen russischen Vorkäufer, von dem er wahrscheinlich schon in früheren Jahren die Gänse gekauft hat und unterhandelt mit ihm zwecks Lieferung der ersten Ladungen. Jeder Großhändler steht höchstens mit zwei Vorkäufern in Verbindung. Im ganzen sind es nur etwa sechs Russen, die den eigentlichen Aufkauf in den Händen haben; also jeder Russe versorgt eine größere Anzahl von Großhändlern mit Federvieh. Sie wohnen meist in der Gegend von Mhslowitz, das in der Nähe der Drei kaisergrenze gelegen ist, teils befinden sie sich in Wilhelmsbrück, der End station der Bahnlinie Breslau-Oels-Großwartenberg. Beide Orte sind direkt an der deutsch-russischen Grenze gelegen. Nach einem dieser Orte begeben sich die Satzunger Großhändler. Sie schließen hier mit den Russen zuweilen Verträge ab über den Zahlungsmodus; im übrigen hat aber ihr Erscheinen nur den Zweck, die Geschäftsbeziehungen zu festigen und sich an Ort und Stelle nähere Auskunft über die voraussichtlichen Preise, über das Angebot und über die Qualität der Tiere zu holen. Der Händler giebt vielleicht sofort eine Bestellung und in kurzer Zeit stehen die Tiere zur Verfügung, wenn sie nicht schon zusammengetrieben sind und dann sogleich wegtransportiert werden können. Die Gänse werden in die für den Transport von Tieren geeigneten Wagen getrieben und beim Eintrieb genau gezählt. Jeder Waggon hat 4 übereinander gelegene Abteile und in jedem werden ungefähr 300 Gänse untergebracht, sodaß also gegen 1200 Stück in einem so engen Raum zusammengetrieben werden. Sobald die Gänse zusammengebracht sind oder sofort nach Absendung der Tiere, telegraphiert der Großhändler nach Satzung und meldet, daß er einen Wagen Gänse aufgekaust habe, giebt die Zahl der Tiere an und den Endpunkt des Transports Der Empfänger des Telegramms Pflegt meist * Der Telegraphenverkehr in Satzung ist daher ein außerordentlicher. Er hat seit Eröffnung (im Jahre 1885) konstant zugenommen. Wir hätten gern ermittelt, in welchen Orten die in Satzung angekommenen Telegramme aufgegeben sind. Dann wäre es möglich gewesen, das Absatzgebiet und die Ausladestationen genau anzugeben. Ein Gesuch an die Kaiser!. Oberpostdirektion Leipzig mit der Bitte um Gestattung der Einsicht der betreffenden Register, wurde leider abschlägig beschieden. Auch die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
92 Kurt Kuntze. einer der Kleinhändler zu sein, die sich erboten haben, die von dem Groß händler gesandten Tiere zu Verschleißen. Nämlich bereits vor seiner Ab reise aus Satzung sucht sich der Großhändler eine Anzahl von Satzungern — meist srühere Abnehmer — die versprechen, die von ihm aufgekauften Tiere im Umherziehen vertreiben zu wollen. Einem der Kleinhändler sendet er jene Depesche, die so schnell als möglich den anderen zur Kenntnis gebracht wird. Freilich nicht immer hat der Großhändler, wenn er abreist, genügend viel Kleinhändler oder vielleicht keine, die ihm die Gänse ab nehmen wollen, gewonnen. Er überläßt es dann den Familienangehörigen dasür zu sorgen und reist ruhig ab. Die Frau geht dann zu Bekannten oder Verwandten und sucht Käufer zusammenzubringen. In solchen Fällen, wo der Großhändler noch garnicht weiß, wer seine Vertreiber sein werden, sendet er seiner Familie die Nachricht, die von dieser rasch den Beteiligten bekannt gegeben wird. Schnell eilen nun die Kleinhändler nach dem gemeldeten Ort, die Ladung Gänse erwartend. Vielfach kommt gleich bei einem der ersten Wagen der Großhändler vom Grenzort zurück, da der Aufkauf sich Voll- Zahl der aufgegebenen und angekommenen Telegramme konnte uns nicht mitgeteilt werden. Diese Zahlen fanden sich dann freilich publiziert in den Berichten der Handels- und Gewerbekammer Chemnitz, sodaß wir doch wenigstens diese anzugeben in der Lage sind. Zahl der in Satzung im Jahre aufgegebenen angekommenen Telegramme Stück Stück 1885 87 140 1886 220 346 1887 227 427 1888 307 442 1889 440 734 1890 450 712 1891 540 845 1892 947 1229 1893 1014 1 188 1894 1273 1420 1895 1261 1572 Also ein ganz stattlicher Verkehr für ein kleines erzgebirgisches Dorf, der eben nur bedingt wird durch den Gänsehandel. Das Überwiegen der Zahl der angekom menen Telegramme resultiert einfach daraus, daß die auf dem Handel befindlichen Satzunger telegraphisch den Heimischen Mitteilung machen und diese — ohne tele graphisch zu antworten — sofort nach dem im Telegramm bezeichneten Orte aufbrechen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 93 ziehen kann, auch ohne daß der Satzunger an der Grenze zu sein braucht. Er leitet dann an der Endstation des Transportes die Ausladung. Andernfalls aber tritt irgend ein anderer der Satzunger Kleinhändler an seine Stelle. Da wir aber auch gerade im Gänsehandel mehrere Com pagnien von Händlern finden, die Großhandel treiben, ist fast stets ein Großhändler mit dem Ausladen beschäftigt. Die 1200 Gänse, die der Eisenbahnwagen enthält, werden so schnell als möglich aus dem engen Raume befreit. Kommen die Tiere abends am Bestimmungsort an, so wird gewöhnlich bis zum nächsten Tage mit der Ausladung gewartet. Ist aber die Möglichkeit vorhanden, die große Menge an der Endstation irgendwo sicher unterzubringen, so schreitet man wohl noch am Abende zur Entladung des Waggons. Besonders dann, wenn der Transport mehr als durch schnittliche Zeit gewährt hat und etwa Gefahr vorhanden ist, daß Gänse zu Grunde gehen können, wenn sie länger so eng beieinander eingepfercht bleiben. Wie schon erwähnt, übernehmen im allgemeinen sechs Kleinhändler 1200 Tiere, wenn es zwar zuweilen auch vorkommt, daß vier die Wagen ladung unter sich teilen. Nur die nach dem Voigtland gehenden Wagen enthalten in der Regel gegen 1400 Gänse. Die Größe einer Gänseherde, wie sie von den Kleinhändlern getrieben wird, überschreitet nie 300, selten bereits 250 Stück und hält sich fast immer in der Nähe von 200 Stück. Jeder der Kleinhändler erhält die Tiere vom Auslader zugezählt. Bevor aber an ein Treiben der Tiere von Ort zu Ort gedacht werden kann, muß zweierlei geschehen. Einmal ist es unbedingt nötig, daß die Gänse in ein Wasser getrieben werden und dann müssen sie gefüttert werden. Die Wahl der Auslade station ist daher nicht ganz gleichgültig. Man muß Rücksicht darauf nehmen, daß im Orte oder doch in nächster Nähe genügend viel Wasser vorhanden ist, wo die große Herde hineingetrieben werden kann. Bahnstationen, wo dies nicht zutrifft, werden als Ausladestellen vermieden. Während der ganzen Transportzeit erhalten die Tiere weder Wasser noch Futter; nichts als etwas Streu und Sand befindet sich im Wagen. Hungrig und durstig taumeln die Tiere zum Wagen heraus und sobald sie ein Gewässer er blicken, stürzen sie gierig mit aller ihrer oftmals nur noch geringen Kraft dem Wasser zu. Eine Staubwolke steigt vom Wasser auf, wenn die Gänse ihr Gefieder schütteln, worin Sand, Staub und Schmutz sich festgesetzt hat. Sind die Tiere nach einiger Zeit wieder aus dem Wasser getrieben, so wird zuerst jedem Händler vom Großhändler eine Herde zugezählt. Die Zahl der Gänse wird notiert. Dann füttert jeder Kleinhändler seine OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
100 Kurt Kuntze. gegen 300, die erst nach IV2 Tagen nach starker Fütterung fähig waren, getrieben zu werden. Die übrigen 900 Tiere waren weniger ermattet und konnten bald zum Vertrieb gebracht werden. Da sie anfangs noch nicht kräftig genug erschienen, wurden sie auf einige Stoppelfelder getrieben, deren Benutzungsrecht der Händler sich durch Hergabe von 8 Stück Gänsen erkaufte. Von weiteren etwa 1200 Stück Gänsen waren bei ihrem Eintreffen nicht weniger als 382 Stück, also fast der dritte Teil, tot. Der Händler, den dieser Verlust im Jahre 1895 betraf, schloß das ganze Gänsegeschäft in folge des großen Schadens von 900 — 950 Mark mit einem beträchtlichen Deficit ab. Außerordentliche Hitze hatte ihm diesen Verlust verursacht. Bei der Art des Transportes können solche Verluste nicht Wunder nehmen. In jenem Wagen, der nach Lengefeld über 4 Tage ging, soll thatsächlich weder Streu noch Mist vorhanden gewesen sein. Die Tiere hatten alles gefressen. Die Satzunger Händler tragen die Verluste freilich nicht immer allein. Oftmals schließen sie mit den russischen Aufkäufern Verträge ab, nach denen jeder die Hälfte des Schadens trägt, sofern der Satzunger Großhändler die Gänse telegraphisch bestellt. Kauft er aber die Tiere direkt an der Grenze von den Russen, und sendet er sie dann auf eigene Gefahr nach Sachsen, so hat er auch einen eventuellen Schaden selbst zu tragen. Er erhält freilich dann die Gänse zu einem etwas niedrigeren Preise, eben in Hin sicht auf das große Risiko. Es kommt wohl auch vor, daß Großhändler durch Vertrag von jedem Schaden sich befreien und dem Aufkäufer ihn zu tragen überlassen. Die Händler haben dann natürlich einen etwas höheren Einkaufspreis zu zahlen. Es ist begreiflich, daß die russischen Aufkäufer ebenfalls beträchtlichen Verlusten ausgesetzt sind. Es sei nur erwähnt, daß ein Russe im Jahre 1896 an einer Lowry Gänse gegen 800 Mark ver loren hatte. Die Großhändler sind endlich zuweilen noch der weiteren Gefahr ausgesetzt, trotz aller Bemühungen nicht genügend Kleinhändler zusammen zu bringen. Sie sind dann gezwungen, sofern sie die Tiere nicht zu einem Spottpreise in der nächsten Umgebung der Ausladestation an die Bauern verkaufen wollen, die Gänse zu füttern, bis genügend viel Klein händler eintreffen. Natürlich verursacht längere Fütterung bedeutende Un kosten. Man sollte meinen, ein Handel, der so beträchtlichem Risiko unterworfen ist und bei dem ziemlich große Summen auf dem Spiele stehen, könnte nur von kapitalkräftigen Händlern betrieben werden. Es ist aber gerade eine Eigentümlichkeit des ganzen Federviehhandels, daß er fast ohne jede größeren OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 101 Kapitalien betrieben wird. Ein Satzunger sagte selbst: Die Vertreiber haben „kane Pfeng" zusammen. Etwas anders steht es mit einem Teile der Großhändler. Aber auch unter ihnen befinden sich manche, die nicht in der Lage sind die ersten Wagenladungen bar zu bezahlen. Die Kapitalien genügen meist nur, um eventuelle Verluste decken zu können. Auch da ver sagt zuweilen der Kapitalbesitz. Die Großhändler erhalten die Gänse — wie schon oben erwähnt — aus Kredit. Sie bezahlen die Tiere, wenn die Kleinhändler diese vertrieben haben und ihrerseits den Großhändler bezahlt haben. Die letzte Ladung wird bezahlt, wenn der letzte Kleinhändler dem Satzunger Großhändler das Geld für die letzte Herde abgeliefert hat. Es be steht also weitgehender Umschlagskredit und zwar nicht nur zwischen Russen und Großhändler, sondern auch — und zwar erst recht — zwischen Groß händler und Kleinhändler. Es fragt sich nur noch, wie die letzten Glieder der beim Handel in Betracht kommenden Kette von Personen sich zu ein ander verhalten, nämlich Kleinhändler und Käufer. Über die zwischen ihnen bestehenden Zahlungsbedingungen ist schließlich wenig zu sagen. In der Regel werden die Gänse bar bezahlt. Nur wenn ein Käufer einem Ver treiber eine größere Zahl von Gänsen auf einmal abnimmt — etwa 40 oder mehr Stück — Pflegt kurzfristiger Kredit gewährt zu werden, wenn er gefordert wird. Wie ist es nun möglich, daß die Händler jene Verluste, die sie zu weilen betreffen, trotz des notorischen Kapitalmangels aushalten können? Einerseits nur dadurch, daß sie den ganzen Verdienst, den sie machen, aufs Spiel setzen und ihn bei einem eintretenden Verluste opfern. Und anderer seits dadurch, daß sie Schulden kontrahieren. Büßt ein Kleinhändler an einer Herde eine größere Summe ein und kann er den Verlust aus frühergemachtem Gewinn nicht decken, so borgt er, oder, was häufiger ist, er bleibt dem Großhändler den fehlenden Betrag schuldig. Dieser wieder sucht den Fehlbetrag aus seinem Verdienst zu decken oder bleibt seinerseits bei dem Russen in Schuld. So wälzt sich alles zurück auf den Großhändler oder auf den russischen Aufkäufer. Ist ein Kleinhändler fahrlässig beim Ver kaufe von Gänsen und selbst Schuld an seinen Verlusten, oder — was eben falls vorgekommen ist — verbraucht er die für die vertriebenen Gänse ein genommenen Geldbeträge für irgend welche Zwecke, ohne seinen Verpflichtungen dem^ Großhändler gegenüber nachzukommen, so bricht der letztere wohl auch die Geschäftsbeziehungen mit dem Vertreiber ganz ab. Der Kleinhändler kann dadurch in eine sehr üble Lage kommen, ja es kann ihm die Möglich keit benommen sein, überhaupt noch im Gänsehandel thätig zu sein. Er weist er sich als unzuverlässiger Geschäftsmann, so wird dies schnell unter OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
102 Kurt Kuntze. den Großhändlern bekannt, denn alle entstammen demselben kleinen Gemein wesen, wo jeder jeden kennt und über jeden von den Dorfgenossen sichere Kontrolle ausgeübt wird. Wir sehen, wie abhängig die Kleinhändler von den Satzunger Groß händlern sind. Freilich auch umgekehrt besteht eine Abhängigkeit. Oben wiesen wir darauf hin, welche Gefahren und wie große Unkosten für den Auslader entstehen können, wenn er nicht genug Kleinhändler zur Ver fügung hat oder diese ihm untreu werden und anderen Großhändlern die Tiere abnehmen. Um sich die Kleinhändler gleichsam moralisch zu ver pflichten, gewähren die Großhändler ihnen auch Vorschüsse, damit diese nur in der Lage sind zu dem Ausladeort des betreffenden Großhändlers kommen zu können und solange Zehrung zu besitzen, bis sie selbst einige Einnahmen gemacht haben. Manche bezahlen wohl sogar die Gewerbeschein-Steuer für einige Kleinhändler. Ein Großhändler sagte: Viele Vertreiber sind froh, einige Mark Vorschuß zu erhalten, um Fahrgeld und etwas Zehrgeld für die ersten Tage zu besitzen. Die Abhängigkeit, in die manche Händler vom Großhändler geraten sind, ist daher mit der Zeit immer größer geworden. Die Vertreiber sind fast nur noch unselbständige Gehilfen des Großhändlers; dabei haben sie gar keine Gewißheit, ob ihr Handel ihnen auch einen Gewinn abwerfen werde. — Auch die Verhältnisse zwischen Großhändlern und russischen Aufkäufern haben sich zu höchst ungesunden gestaltet. Immer stärker ist die Abhängigkeit der Satzunger von den Russen geworden. Wohin das führt ist leicht ersichtlich. Ein Blick in das Grund- und Hypothekenbuch für Satzung giebt manchen betrübenden Aufschluß darüber. Oftmals finden wir die Ruffen als Gläubiger eingetragen. Damit hat es aber sein Ende noch nicht erreicht. Auch für den nächsten Schritt findet sich bereits ein Beispiel: Auf Antrag eines russischen Großhändlers ist im Jahre 1894 das Grundstück eines Satzunger Händlers versteigert worden Die Käufer sind in der Hauptsache Bauern, aber auch Handwerker und Lohnarbeiter in kleinen und mittleren Städtchen. So bilden z. B. die Weber in und um Glauchau, Crimmitschau und Werdau einen starken Kundenkreis. Sie kaufen einige Gänse, stecken sie im Hofe in einen Holzschuppen oder in einen improvisierten Stall in Gestalt einer großen Kiste und füttern dann die Tiere mit Abfällen und vielleicht auch mit einigem Hafer auf. Die Kleinhändler besuchen alljährlich fast dieselben Orte, * Prozeßregister für Zwangsversteigerungen 1885 — 1895. Amtsgericht Marien berg. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Ter Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 103 kennen sehr gut den Bedarf in jedem derselben und richten danach wohl auch die Größe der Herden ein. Bestellungen erhalten nur wenige Händler ; es kommt zwar zuweilen vor, daß größere Bauern eine bestimmte Anzahl bei einem Kleinhändler bestellen- Ebenso erhalten einige Satzunger alljähr lich von einigen sächsischen Gänsezüchtern den Auftrag zur Lieferung einergrößeren Zahl Tiere. In solchen Fällen werden dann nicht russische Gänse bezogen, sondern pommersche, da diese bedeutend kräftiger gebaut und für die Züchter geeigneter sind. Für den kleinen Mann und für den Bauern sind die pommerschen Gänse viel zu teuer; die Händler würden für diese keine Abnehmer finden. Die Gänse werden von den Händlern meist selbst auf den im Anfang Oktober stattfindenden pommerschen Gänsemärkten auf gekauft. Der Umsatz an pommerschen Gänsen ist aber relativ sehr gering und steht in keinem Verhältnis zu dem Vertriebe russischer Ware. Die Preise der Gänse sind am höchsten zu Beginn der Handels periode. Die Schwankungen der Preise, sowohl in einer und derselben Handelssaison als auch in verschiedenen Jahren, sind nicht ohne Belang. Die Preise bewegen sich in der Hauptsache zwischen 3 Mk. und höchstens 3,40 Mk. Obgleich die Gänse nicht nach dem Gewicht verkauft werden, so wird doch für solche, die auffallend schwer find, ein höherer Preis erhoben ; für die, die schwach sind, ein niedrigerer als der Durchschnittspreis. Die Gänse wiegen meist 7 — 9 Pfund. Als oberste Grenze der Verkaufspreise, die aber seit mehreren Jahren nicht erreicht ist, gilt 3,50 Mk. ; als unterste, die auch nur in seltenen Fällen erreicht wird, etwa 2,60 Mk. Heute steigen die Preise für Durchschnittsware selten über 3,20 Mk. Zuweilen freilich werden die Händler gezwungen, weit darunter zu verkaufen; jedoch liegen dann anormale Verhältnisse vor. Von der Lowry weg kostet dem Kleinhändler die Gans etwa 2,80 Mk. Als Verkaufspreis entspricht diesem Einkaufs preis 3 Mk. Die Einkaufspreise sinken aber auch zuweilen — besonders bei starkem Angebot von feiten der russischen Aufkäufer — bis auf 2,60 und 2,50 Mk. herab. Dabei fällt dann der Verkaufspreis unter 3 Mk. Leider lassen sich keine bestimmten Angaben machen, zu welchen Preisen nun die Großhändler einkaufen und erst recht nicht, wieviel die Russen im Einkauf den Züchtern zahlen. Soviel scheint sicher zu sein, daß die Satzunger Großhändler von jeder Gans etwa 20 — 25 Pf. Rohverdienst haben. Klein händler und Großhändler verdienen also etwa den gleichen Betrag an jeder Gans, nämlich etwa 20 Pf.; beim letzteren steigt gewöhnlich der Verdienst etwas darüber. Es könnte scheinen, daß bei der relativ großen Zahl Gänsen, die jeder Händler während einer Handelssaison vertreibt, das Ein kommen eine ziemliche Höhe erreichen müsse. Ihr Rohverdienst an einer OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
104 Kurt Kuntze. Wagenladung schwankt etwa zwischen 240 und 300 Mk. Ein Kleinhändler zieht aus einer Herde mittlerer Stärke etwa 40 — 50 Mk. Rohverdienst. Für den Großhändler bilden 240 Mark das Minimum, wenn er nicht zu setzen will. Die Unkosten, die die Händler haben, sind hohe. Für den Groß händler fällt vor allen Dingen die Fracht für die Wagenladung Gänse ins Gewicht. Sie schwankt, je nach der Gegend wohin die Beförderung in Sachsen geschieht, im allgemeinen zwischen 220 und 260 Mk. ; Wagen, die nach der Zwickauer Gegend laufen, kosten sogar gegen 290 Mk. Fracht; doch enthalten diese Ladungen in der Regel gegen 1400 Stück Tiere. Nehmen wir einen mittleren Frachtsatz von etwa 240 Mk. an, so verbleiben dem Großhändler von seinem Rohverdienst etwa noch 40 bis höchstens 60 Mk. Davon hat er, sofern er nicht in Compagnie handelt und der Rest geteilt wird, meist noch eine Hilfsperson zu bezahlen, die pro Woche 8 bis 10 Mk. und freie Station erhält. Ein Großhändler, der den Handel allein be treibt, d. h. nicht in Compagnie, ladet in einer Woche höchstens drei Wagen aus; in manchen vielleicht nur zwei. Sein Gesamtverdienst — von dem er aber noch den Lohn des Gehilfen, dessen Lebensunterhalt und den seinigen bestreiten muß — beträgt also etwa 100 — 150 Mk. Sein Rein verdienst an einer Ladung schwankt höchstens zwischen 50 und 90 Mk. Dabei muß das Geschäft aber ohne jeden Zwischenfall, ohne jeden Verlust ablaufen. Dies geschieht nur in den seltensten Fällen. Wenn der Groß händler die Tiere einen, oder auch nur einen halben Tag zu füttern ge zwungen ist und nicht sofort den Kleinhändlern die Gänse zum Vertrieb übergeben kann, sinkt sein Reinverdienst auf ein Minimum. Sind die Tiere vom Transport sehr ermattet, so kaufen die Kleinhändler vorläufig noch keine, da sie fürchten müssen, daß einige beim Treiben der Mattigkeit er liegen. Damit die Gänse sich nun erholen, schüttet der Großhändler einige Centner Hafer aus. Bei 1200 Stück reichen drei oder vier Centner nicht lange zur Fütterung. Die Unkosten, die dadurch entstehen, betragen allein etwa 25 bis 35 Mark. Wie erst, wenn der Händler einige Hundert Gänse längere Zeit füttern muß, oder gar, wenn eine größere Anzahl Tiere während des Transportes gestorben ist. Dann wird der Verdienst für den Groß händler vollkommen illusorisch, oftmals muß er zusetzen, was er an früheren Wagenladungen verdient hat. Ähnlich geht es auch dem Kleinhändler. Selbst wenn er die Tiere am Tage auf Stoppelfelder auftreiben kann, muß er sie doch nebenher auch füttern. Ein Händler gab die Futterkosten für eine Gans pro Tag auf 5 Pf. an und für eine mittlere Herde, sofern sie in 4 Tagen Vertrieben OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 105 ist, auf 17 bis 20 Mk. Auch der Kleinhändler hat einen Treiber bei sich, der 7 bis 10 Mk. pro Woche und freie Station erhält. Der Händler nimmt oft seine Frau oder ein anderes Familienglied als Treiber mit. — Die Unkosten beim Vertrieb von Gänsen haben auch nach Inkraft treten des Gesetzes über die Sonntagsruhe wesentliche Erhöhung gefunden. Gerade an Sonntagen wurden früher viele Gänse verkauft; besonders in jenen Orten, die von einer Bevölkerung bewohnt sind, die in Fabriken thätig ist, aber nebenbei noch ein Stückchen Land besitzt und neben anderem Kleinvieh auch einige Gänse aufzufüttern im stände ist. Wochentags sind die Arbeiter vielfach nicht anzutreffen. Der Sonntag bildete daher in solchen Gegenden den besten Handelstag; vielfach auch bei rein bäuerlicher Bevölkerung, die wochentags auf dem Felde beschäftigt, ebenfalls am Sonntag am besten im Dorfe anzutreffen war. Heute dagegen müssen die Tiere am Sonntag gefüttert werden, was für die Satzunger natürlich bedeutende Un kosten mit sich bringt. Soviel ist sicher, daß der Kleinhändler mehr als 40 Mk. an einer Herde Rohverdienst erzielen muß, wenn er überhaupt zu einem Reinverdienst gelangen will. Das wirkliche Reineinkommen, das die Händler aus dem Gänsehandel ziehen, ist daher nicht sehr beträchtlich. Wenigstens steht es nicht im Ver hältnis zu dem mit dem Handel verbundenen Risiko und zu der Mühe, die der Vertrieb verursacht. Bei der Anbringung des Gesuches um Erteilung eines Wandergewerbescheines oder eines Gewerbescheines beim Gemeinde vorstand wird ein Protokoll ausgenommen, das unter anderem auch die Frage enthält: Reinertrag des Gewerbebetriebes im letzten Jahre, nach Abzug der Auslagen für Beschaffung der Waren, Spesen und Reisekosten. Oftmals hat der Verfasser der Abfassung eines solchen Protokolls beigewohnt. So wenig Bedeutung vielleicht gerade den Antworten dieser Frage beizu legen ist^, da die Händler allesamt gar keine Buchführung treiben und keinen genauen Überblick über den Reinertrag ihres Handelsbetriebes haben, ' Die nachfolgenden Schätzungen haben natürlich nur geringen Mert. Denn wie soll ein Händler wissen, was er vor Jahresfrist Reinertrag erzielt hat! Die Angaben dürften wohl alle zu niedrig sein; schon die Furcht, hohe Gewerbesteuer zahlen zu müssen, veranlaßt die Händler, niedrige Angaben zu machen. Ein Bei spiel erläutere den Wert jener Reinertrags-Schätzungen. Ein Händler, der ebenfalls ein Gesuch um Erteilung eines Gewerbescheins anbrachte, wurde nach dem Reinertrag des Gänsehandels im Vorjahre gefragt. Erstaunt antwortete er: Wer soll das wissen! Ich weiß es nicht. Darauf fragte er den Gemeindevorstand: Was geben denn wohl die anderen an. Wir können ja dasselbe in das Protokoll setzen. Es kommt ja wohl nicht so genau darauf an. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
106 Kurt Kuntze. so war es doch auffallend, wie fast alle nach dem Reinertrag befragt, stets zu klagen anfingen und von den durch ungünstige Witterungsverhältnisse hervorgerufenen Verlusten und Schäden zu erzählen begannen. Manche schätzten den Reinertrag ihres Gewerbebetriebes während der Gänsehandels zeit — also etwa während eines Vierteljahres — auf 40 bis 50 Mk. ; einige nur auf 30 Mk., andere wieder auf 60 bis 70; die höchste Schätzung war 80 Mk. Die meisten sind froh, wenn sie von dem Reinertrag die Schulden, die sie beim Krämer, beim Fleischer, beim Bäcker, beim Schuh macher oder sonst wo haben, begleichen können. Es wäre schließlich noch der Konkurrenzverhältnisse zu ge denken. Sie sind eigentlich keine ungünstigen; vor allen Dingen nicht so ungünstig wie in den anderen Handelszweigen. Besonders hervorzuheben als Konkurrenten sind die Sebastiansberger, die wir schon oben erwähnt haben. Sie treiben selten weniger als 350 Stück Gänse; man trifft zu weilen sogar Herden von 500 bis 600 Stück. Es sind böhmische Gänse, die — weil kräftiger — größere Strapazen aushalten können und daher ein bis zwei Wochen getrieben werden können. Neben den Sebastians bergern vertreiben auch noch andere Böhmen und Galizier in Sachsen Federvieh im Umherziehen. Im Jahre 1888 hatten von sämtlichen in Sachsen umherziehenden Gänsehändlern ihre Heimat in * : in Prozenten sämtlicher * Statistik des Gewerbebetriebes im Umherzichen a. a. S. 18 ff. 2 Es ist aus der Statistik nicht zu ermitteln, welchen Orten diese Händler ent stammen. Soviel ist nur ersichtlich, daß es nicht einige wenige, sondern eine größere Reihe von Orten sind. Kein Ort dürste unter ihnen sein, der soviel Händler stellt wie Sebastiansberg, da er dann besonders aufgesührt wäre. absolut Händler «Satzung ......................... 116 43,8« Sachsens / 2 f ^6,1 s anderen sächsischen Orten 6 2,3 s s Sebastiansberg ... 38 14,3 l " Böhmens . s anderen böhmischen Orten 2 105 39,6 j Zusammen .... 265 100,0 Wie groß der Umfang des Handelsbetriebes der Böhmen ist, entzieht sich genauer Berechnung. Numerisch bildeten die böhmischen Gänsehändler im Jahre 1888 die Mehrzahl, ob dies aber auch hinsichtlich der Zahl der verkauften Gänse der Fall war, ist sehr zweifelhaft. Jetzt übersteigt die Zahl der Satzunger Gänsehändler sicherlich die der Böhmen. Haben OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 107 doch im Jahre 1896 mehr Satzunger mit Federvieh gehandelt, als im Jahre 1888 in ganz Sachsen Personen Gänse im Umherziehen ver treiben konnten. Bei den böhmischen Händlern hat die Entwicklung des Handels bei weitem nicht Schritt gehalten mit der unseres Gänsehandels. Im Gegenteil, der Handel der Sebastiansberger ist eher zurückgegangen, als daß er zugenommen hätte. Fühlbarer fast als die Konkurrenz der böhmischen Händler ist die, welche die Satzunger untereinander sich bereiten. Kommen zwei Klein händler in derselben Gegend mit ihren Herden zusammen, so möchte jeder natürlich den größten Absatz erzielen und Unterbietungen finden dann statt. Hat ein Händler etwa nur kurze Zeit vor Eintreffen eines anderen den selben Ort besucht, so findet der letztere natürlich nur noch ganz geringe oder gar keine Nachfrage. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als schnell den Weg auszukundschaften, den sein Vorgänger eingeschlagen hat, um ihn zu meiden und nicht noch öfters Ortschaften zu besuchen, wo der Bedarf nach Gänsen gedeckt ist. Ganz andere, bedeutendere Gefahren als seitens mitkonkurrierender Gänsehändler drohen unseren Satzungern, wie überhaupt allen Federvieh händlern, von feiten der Landwirte, besonders der Großgrundbesitzer. Es handelt sich hierbei um Bestrebungen, die, wenn sie ihr Ziel vollkommen erreichen, den Gänsehandel in seiner jetzigen Gestaltung und Organisation ganz und gar unmöglich machen. Bei der Bedeutung, die dieser Handel für den Erwerb unserer Dorfbewohner hat, ist es klar, daß dann eine große Zahl von ihnen mit ihren Familien für mehr als ein Viertel des Jahres vollkommen erwerbs- und brotlos wird. Eine Petition des Bundes der Landwirte an den Reichskanzler vom 18. Dezember 1896 verlangt „die vollständige Sperrung der Grenzen, ins besondere ............ gegen die Geflügeleinfuhr aus Rußland". Einige Exem plare der Petition nebst Begründung — seiner Zeit mehreren agrarfreund lichen Zeitungen als Beilage beigegeben — kamen auch nach Satzung und wurden natürlich Gegenstand eifriger Besprechung. Manch derbes Urteil fällten die Händler über den Zweck dieser Bestrebungen, umsomehr, als sie einsahen, daß diese im stände seien, den ganzen Erwerbszweig zu untergraben. Die Begründung sucht die Notwendigkeit eines totalen Verbotes der russischen Geflügeleinfuhr zu beweisen, durch den Hinweis auf die unter dem Geflügel stark auftretende Geflügelcholera, wodurch einheimisches Federvieh angesteckt werde. Die Satzunger Händler erklärten durchgehends, es sei ihnen niemals unter ihren Gänsen ein Fall der Geflügelcholera vorgekommen. Nun darf OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
108 Kurt Kuntze. freilich angenommen werden, daß die in der Begründung angezogene amt liche Erhebung authentischer ist. Danach sollen in 20 Amtsbezirken des Oderbruchs von 353 355 Stück eingeführter Gänse * in kürzester Frist 22 601 Stück an Geflügelcholera krepiert sein. Es kann aber wohl billig bezweifelt werden, ob in der That alle diese Tiere an Geflügelcholera ge storben sind oder ob nicht etwa ein Teil der Gänse den Strapazen des Transportes erlegen ist. Ob eine Verseuchung von 6,4 Prozent der nach dem Oderbruch eingeführten Tiere die „vitalen Interessen des ganzen deut schen Landwirtschaftsgewerbes" zu schädigen im stände sei, bleibe außerdem dahingestellt. Zudem müßte vielleicht erst noch bewiesen werden, ob hier nicht eine Ansteckung seitens anderer Tiere vorlag , oder ob nicht vorüber gehende anormale Verhältnisse mitspielten. Für solche Fälle ist nach dem jetzigen Stande unserer Gewerbeordnung genügend Vorsorge getroffen. Die letzte Novelle — am 1. Januar 1897 in Kraft getreten — hat in H 566 Absatz 3 den Landesregierungen das Recht gegeben, außer den Handel mit Rindvieh, Schweinen, Schafen und Ziegen auch den mit Geflügel im Umher ziehen Beschränkungen zu unterwerfen oder zur Abwehr oder Unterdrückung von Seuchen auf bestimmte Dauer zu untersagen. Jedenfalls ist damit ein gänzliches Verbot der Einfuhr für alle Zeit unnötig gemacht. * Die Begründung giebt nicht an, in welcher Zeitdauer diese Einfuhr stattfand. Die Zukunft des Gänsehandels der Satzunger hängt thatsächlich ab von dem Erfolge, den diese Bestrebungen haben; ein Verbot der Einfuhr russischer Gänse würde mit einem Male diesen Wanderhandel vernichten. Mit der Fortdauer des jetzigen Zustandes unserer Gesetzgebung über den Import russischen Federviehes ist auch unseren Gänsehändlern ihr Erwerb gesichert. k. Die Handelsleute auf ihren Reisen. — Handelsspesen. Fast alle Satzunger Handelsleute begeben sich von Reitzenhain aus mit der Bahn nach dem Ort, den sie als Ausgangspunkt ihrer Handelsreise gewählt haben. Nur wenige fahren vom nahen Steinbach ab und eben falls nur wenige beginnen bereits in der nächsten Umgebung ihren Handels betrieb zu eröffnen. Die Fahrt geschieht fast ausschließlich in vierter Klasse. Besondere Transportmittel haben nur ganz wenig Satzunger. Mit Pferd und Wagen betreibt nur der eine Wollwarenhändler, dessen Geschäftsbetrieb wir oben besonders erwähnt haben, den Hausierhandel. Fast alle anderen tragen die Textilwaren und die Bettfedern und Spitzen auf dem Rücken, in Kästen oder Körben. Einige haben zwar auch noch Schubkarren OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
3. Der Hausierhandel in wirtschaftlicher Beziehung. 109 als Transportmittel. Die einen wechseln täglich oder doch in ganz kurzen Zwischenräumen den Aufenthaltsort, während andere für längere Zeit ein festes Standquartier sich suchen. Die ersteren besuchen das Platte Land und die Kleinstädte, die letzteren haben ihr Absatzgebiet in den Groß- und Mittelstädten. Wir finden daher besonders in Leipzig, Dresden, Chemnitz, Plauen, Zwickau, Glauchau, Werdau und noch in manchen anderen sächsi schen Städten Händler und Händlerinnen, die lange Zeit sich in ihnen auf halten und in einem Gast- oder Logierhaus ihre Quartiere aufschlagen. Sie speichern in dem Raum, wo sie wohnen, einige Warenvorräte auf und be suchen nun sowohl die Kunden in der betreffenden Stadt, als auch die, welche in der näheren Umgebung wohnen. So fahren die in Leipzig mit Spitzen, Textilwaren und Bettfedern hausierenden Satzunger zuweilen auch nach Wurzen, Naunhof, Grimma, Taucha, Zwenkau, bleiben dort ein oder auch mehrere Tage und kehren sodann zu ihren Quartieren in Leipzig zurück. Der von einem festen Standort aus betriebene Gewerbebetrieb im Umherziehen ist nicht ohne Vorteil. Vor allen Dingen pflegen bei längerem Aufenthalt in einem Gasthaus die Spesen relativ niedriger zu sein. In Leipzig bleiben einzelne Hausierer vier, sogar sechs Monate des Jahres, um hier mit Spitzen und Textilwaren zu handeln. Die übrige Zeit des Jahres verteilt sich auf den Gänsehandel und auf die Wochen, wo sie zu Hause bei den Ihrigen weilen. Zu dem Vorteil des wohlfeileren Nachtquartiers kommt noch ein anderer. Bei diesen Händlern bildet sich nämlich viel eher ein fester Kundenkreis als bei jenen, die heute hier, morgen dort ihre Waren anbieten und vielleicht erst in zwei oder drei Monaten ihre Reise route von neuem beginnen. Die Kunden können regelmäßiger und öfter von jenen als von diesen besucht werden. Es kommt sogar vor, daß die Kunden den Hausierer im Gasthaus aufsuchen und dort ihren Bedarf decken, da sie wissen, daß er hier einige Vorräte besitzt. Aber auch die Mehrzahl der stetig umherziehenden Handelsleute besitzt einen Kundenkreis, nur daß sie diesen nicht so oft und nicht so regelmäßig besuchen können wie die vorigen. Die Nachtquartiere der Satzunger sind fast ausschließlich Gast- und Logierhäuser. Nie oder doch nur in den allerseltensten Fällen kommt das Übernachten in Herbergen und das Wohnen bei Privaten vor. In früheren Zeiten wurden öfters Herbergen besucht und besonders aus jener Zeit, wo viele Satzunger mit Schuhnägeln im Umherziehen handelten, führte man Kaffee, Brot und Fett in einer Blechschachtel mit sich und nahm mit den ärmlichsten und primitivsten, weil billigsten, Nachtlagern fürlieb. Abendessen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
116 Kurt Kuntze. Mithin gab es selbständige Handelsleute: im Jahre Männer Frauen zusammen 1894 213 61 274 1895 238 60 298 1896 ? 269 * * Wir werden im folgenden die Zahl der Händler für die Jahre 1894, 1895 und 1896 zuweilen unterscheiden, je nachdem die Zahl der mit Gewerbescheinen ver sehenen Händler einbezogen ist oder nicht. Die in der Tabelle 15 gegebenen Zahlen, wo sie also nicht zugezählt sind, bezeichnen wir mit a, die soeben gegebenen Ge samtzahlen mit d. Setzen wir die Zahl der Händler, der Händlerinnen und der Handels leute überhaupt des Jahres 1875 gleich je 100, so betrug die Zahl der im Jahre hausierenden Handelsleute Männer Frauen überhaupt 1880 88 205 100 1885 97 300 117 1890 111 258 126 la 99 289 118 1895-, Io 138 316 155 Verglichen mit dem Stande der die Zu- (-j-) oder Abnahme ( — ) Händlerzahl im Ansangsjahr betrug bei den im Jahrfünft Männern Frauen zusammen 1875 — 1880 — 20 -I- 20 0 1880 — 1885 -^-14 -^-18 -I- 32 1885 — 1890 25 — 8 17 la — 21 -4- 6 — 15 1890-1895-, 46 Id -s- 11 -I-57 Wir erkennen, daß die Zahl der männlichen Hausierer im Laufe der Jahre 1875 bis 1895 mancherlei Schwankungen unterworfen gewesen ist. Nehmen wir die Zahl von 1875 als Vergleichszähl an, so sehen wir, daß die Händlerzahl fast bis zum Ende der achtziger Jahre niedriger war und eigentlich nur 1878 stark darüber hinaus ging. Auch in den Jahren dieses Jahrzehnts sind — mit Ausnahme des Jahres 1892 — keine be deutsamen Steigerungen eingetreten. Anders dagegen bei der Bewegung der Zahl der Hausiererinnen. Gehen wir hierbei noch weiter zurück als in unserer Tabelle, so finden wir 1849 nur eine Händlerin ; 1861 treten aber OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
4. Der Hausierhandel in socialer Beziehung. 117 bereits 40 auf. Bis 1875 hat mithin ein Rückschlag stattgefunden, dem dann wieder ein Steigen folgt, das in der Mitte der achtziger Jahre den Höhepunkt findet und seitdem in geringen Schwankungen bald auf, bald nieder geht. Wahrend die Gesamtzahl der Handelsleute 1875 kaum 200 erreichte, hat sie sich in den Folgejahren fast regelmäßig darüber bewegt und ist zuweilen weit darüber hinausgestiegen. Bei Zuzählung derer, die nur einen Gewerbeschein besitzen, hat sie im Jahre 1895 fast 300 erreicht und steht somit 55 o/v höher als im Anfangsjahre unserer Beobachtungsreihe. Als Ergebnis finden wir: Die Zahl der Händler hat sich seit 1875 — oder auch seit dem Jahre 1849, in dem es 165 Hausierer gab — bis vor einigen Jahren nicht wesentlich verändert; erst in den letzten Jahren hat der Gänsehandel eine nicht unbeträchtliche Steigerung der Zahl hervor gerufen. Doch sind dies fast ausschließlich im Nebenberuf als Wander händler thätige Personen. Die Zahl der Hausiererinnen ist stark ge wachsen und dadurch ist auch eine Steigerung der Gesamtzahl der Handels leute hervorgerufen. Besonders auffallend ist der Rückgang der Handelsbetriebe von 1878 auf 1880. In dieser Zeit (im Jahre 1879) trat das Gesetz über die Besteuerung des Gewerbebetriebes im Umherziehen in Kraft, das be deutend höhere Steuersätze einführte als vorher in Anwendung kamen. Der Rückgang der Zahl der Satzunger Wandergewerbetreibenden ist be deutend stärker als der Einfluß, den das Gesetz auf die Zahl der im ganzen Königreiche zugelassenen Wanderhändler ausübte. Während die Satzunger Handelsbetriebe von 1878 — 1880 um 22,5 o/o zurückgingen, fiel die Zahl der im Königreiche ausgegebenen Wandergewerbescheine nur um 12,3 o/o Gehen wir auf das Verhältnis der Geschlechter ein, so finden wir, daß im Jahre 1849 — in dem es 165 Hausierer und 1 Händlerin gab — der Wanderhandel als Erwerbszweig für die Frauen keine Bedeutung besaß. Es ist aber doch sehr fraglich, ob nicht damals und auch schon in früheren Zeiten die Bethätigung der Frau im Hausierhandel eine stärkere war, als diese Zahlen uns angeben und ob nicht etwa nur der Zeitpunkt der Er hebung im Jahre 1849 ein für die Erkennung gerade dieser Verhältnisse ungünstiger war. Von der Gesamtzahl der selbständigen Handelsleute waren weiblichen Geschlechtes: * Statistik des Gewerbebetriebes im Umherziehen im Königr. Sachsen während der Jahre 1883-1888. S. 6. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
118 Kurt Kuntze. im Jahre O/o im Jahre o/o 1861 16,6 1888 21,6 1875 9,9 1889 22,9 1878 17,6 1890 20,3 1880 20,3 1891 22,5 1881 20,1 1892 20,4 1882 24,7 1893 20,8 1883 26,1 1894^ 26,9 1884 26,0 ld 22,3 1885 25,4 1895^ 24,3 1886 22,3 sd 20,1 1887 21,7 Wir bemerken von 1875 bis zur Mitte der achtziger Jahre ein fast stetiges Steigen des Prozentsatzes, dem dann wieder ein kleiner Rückgang folgt. Bei Zugrundelegung nur derer, die einen Wanderschein besitzen — also in der Hauptsache der im Hauptberuf als Hausierer thätigen Personen — ist in den letzten Jahren wieder ein Aufschnellen des Prozentsatzes zu verspüren. Die Entwicklung, welche dahin geführt hat, daß heute ein Viertel der Handelsleute Frauen sind und 1875 nur ein Zehntel, ist freilich nicht freudig zu begrüßen, denn manchen Familien wird so für eine lange Zeit im Jahre die Mutter genommen. Der Rückgang der Klöppelei war das Hauptmoment, daß die erwerbslos gewordenen oder doch vollkommen ungenügend bezahlten Personen dem Wanderhandel sich zuwandten. Sie konnten den früher ziemlich hohen Verdienst, den sie sich durch Klöppeln erwarben, nicht missen, wenn sie nicht noch weiter in ihrer Lebenshaltung sinken wollten. Andererseits bot sich ihnen aber auch kein anderer Beruf als der Wanderhandel, dem sie nachgehen konnten. Zwar kam die Gorl näherei mehr und mehr in Aufnahme, ward aber zumeist doch nur von den Mädchen betrieben, da ihre Erlernung den Frauen vielfach zu schwer schien. Insofern also der Hausierhandel einem Teil der weiblichen Bevölkerung die Möglichkeit gab, sich auch weiterhin die Mittel zur eigenen und der An gehörigen Existenzerhaltung zu verschaffen, wird man das Eindringen der Frauen in den Hausierhandel kaum bedauern können, da nur hierdurch ein Rückgang der Lebenshaltung verhütet worden ist. Wir haben bisher nur die Bewegung der Zahl der selbständigen Händler untersucht, ohne der unselbständigen Hilfspersonen zu gedenken. Es erscheint vielleicht als ein Widerspruch, wenn wir oben ausführten, daß die Satzunger nie Lohnhausiererei trieben und dabei doch Hilfspersonen in einer ganz beträchtlichen Anzahl besäßen. Diese Hilfspersonen treiben aber keinen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
4. Der Hausierhandel in socialer Beziehung. 119 Handel wie die Lohnhausierer, sondern begleiten die selbständigen Händler auf ihren Reisen, Waren tragend oder andere Hilfeleistungen verrichtend. Sie dürfen niemals Waren anbieten. Die beschränkte Thätigkeit, die ihnen zufällt, läßt sie daher im Handel mit Spitzen, Textilien, Bett federn und dergl. wenig zu. Nur einige Händler führen während des ganzen Jahres Begleiter mit sich. Besonders die Pferde-, Flachs- und Gänsehändler bedürfen der Hilfspersonen und zwar zum Führen der Pferde, zum Binden des Flachses, zum Treiben der Gänse. Die Zahl der im Pferde- und Flachshandel beschäftigten Begleiter verschwindet gegenüber der großen Anzahl der im Gänsehandel thätigen. Da dieser nur drei oder vier Monate lang dauert, beschränkt sich die Beschäftigung der Hilfspersonen im Wanderhandel ebenfalls nur auf diese kurze Zeit. Tabelle 16. Zahl der unselbständigen im Wanderhandel thätigen Personen. Jahr Zahl der Begleiter bei den Männern bei den Frauen bei d. Handelsleuten überh. männ liche weib- ! liche zu sammen männ liche weib liche zusammen männ liche Weib liche zu sammen 1884 34 3 37 6 28 40 5 45 1885 37 9 46 5 38 42 12 54 1886 39 10 49 8 3 11 47 13 60 1887 49 18 67 6 3 9 55 21 76 1888 55 23 78 6 2 8 61 25 86 1889 55 30 85 4 3 7 59 33 92 1890 54 37 91 7 3 10 61 40 101 1891 65 46 111 7 3 10 72 49 121 1892 86 54 140 11 4 15 97 58 155 1893 59 57 116 9 — 9 68 57 125 1894 73 71 144 11 3 14 84 74 158 1895 103 80 183 10 5 15 113 85 198 Die Gesamtzahl der Begleitpersonen ist mit Ausnahme eines Jahres stetig gestiegen ; ganz analog der Bewegung, welche die Zahlenreihe der Gänse händler einschlug. Von dieser hängt jene ab, denn je mehr Gänsehändler, desto mehr Begleiter sind nötig, da zu jeder Herde mindestens zwei Personen gebraucht werden. Es verdient nochmals hervorgehoben zu werden, welche große Bedeutung dadurch der Gänfehandel für das Erwerbsleben der Satzunger gewinnt. In den letzten Jahren fanden vierhundert und mehr Personen mehrere Monate lang in ihm Beschäftigung. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
120 Kurt Kuntze. Deutlicher noch als aus jenen absoluten Zahlen erkennen wir die Zunahme der Hilfspersonen, wenn wir berechnen, wieviel der Wandergewerbe treibenden Begleiter zum Betriebe des Gewerbes mitzunehmen berechtigt waren. Es waren: im Jahre von den Händlern von den Händlerinnen Prozent überhaupt 1884 20,3 12,5 18,3 1885 27,5 14,0 24,1 1886 30,6 23,9 29,1 1887 38,7 18,8 34,4 1888 43,1 16,0 37,2 1889 46,7 13,0 39,0 1890 47,4 20,4 41,9 1891 62,0 19,2 52,4 1892 66,4 27,8 58,5 1893 59,8 17,6 51,0 1894 67,6 23,0 57,7 1895 76,9 25,0 66,4 Bedeutend stärker hat das Gehilfenwesen also bei den Hausierern zu genommen als bei den Händlerinnen. 1884 hat nur ein Fünftel der Händler Begleiter; 1895 dagegen drei Viertel. Bei den Frauen damals ein Achtel, jetzt ein Viertel. Im ganzen bedient heute zwei Drittel der Hausierer sich der Hilfspersonen; 1884 nur ein reichliches Sechstel. War die Beteiligung der Frauen unter den selbständigen Handelsleuten schon keine unwesentliche, so tritt sie noch stärker bei den unselbständigen hervor. Von sämtlichen Hilfspersonen waren nämlich weiblichen Geschlechts : im Jahre Prozent im Jahre Prozent 1884 11,1 1890 39,6 1885 22,2 1891 40,5 1886 21,7 1892 37,4 1887 27,6 1893 45,6 1888 29,0 1894 46,8 1889 35,9 1895 44,1 In den ersten Jahren unserer Beobachtungsreihe ist der Prozentsatz weib licher Hilfspersonen niedriger als der der selbständigen Händlerinnen in den entsprechenden Jahrgängen. Bereits 1887 überwiegen aber die Unselbständigen in relativer Hinsicht. Die Prozentsätze steigen mit einigen aber ganz unmerk- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
4. Der Hausierhandel in socialer Beziehung. 121 lichen Unterbrechungen, um im Jahre 1894 deu Höhepunkt zu erreichen, indem damals fast die Hälfte der Hilfspersonen weiblichen Geschlechtes war. In den letzten Jahren giebt es relativ fast doppelt so viel unselbständige als selbständige Händlerinnen und von 1891 an überwiegen die ersteren sogar absolut genommen. Man muß dabei aber wohl berücksichtigen, daß diese Hilfspersonen — weil fast ausschließlich im Gänsehandel thätig — bei weitem nicht so lange im Wandergewerbe beschäftigt und von Hause ab wesend sind als die selbständigen Händlerinnen. Kaum zwei Dutzend Per sonen sind hauptberuflich im Wanderhandel als Gehilfen beschäftigt. Diese freilich sind ebenfalls fast das ganze Jahr in der Fremde, es sind ausschließlich Männer. Die Hilfspersonen sind alle Satzunger. Schon oben haben wir hervorgehoben, daß die Lohnhausiererei, wie sie von manchen Wandergewerbetreibenden anderer Gegenden in Sachsen gepflegt wird, zu unerquicklichen unsittlichen Verhältnissen führe, daß dies dagegen bei den Verwandtschaftsverhältnissen, in denen die Satzunger Be gleiter zu den Selbständigen stehen, bei unseren Hausierern ausgeschlossen sei. Sehen wir des näheren zu, welcher Art diese Verwandtschaftsverhält nisse sind. Wir haben sie für die Jahre 1894 und 1895 ermittelt * : * Aus den Akten über Wandergewerbescheingesuche. Satzung 1894 resp. 1895. Gemeindeamt zu Satzung. Tabelle 17. Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Begleitern und selbständigen Händlern. Väter Mütter Ehefrauen Von den Begleitern waren 1894 1895 Brüder Schwestern der selbständigen Händler Söhne Töchter mit den Selbständigen nicht verwandt: männlich - - - - - : weiblich 1 1 46 13 4 19 55 5 1 4 57 5 2 11 13 86 4 Ehemänneri Söhne > der selbständigen Händlerinnen . Töchter I 5 2 6 8 3 5 Begleiter zusammen ....................................... 158 198 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
122 Kurt Kuntze. Mithin waren . . . Prozent der Begleiter: nicht verwandt anderen Geschlechts nicht verwandt und anderen Geschlechts im Jahre s mit den Händlern 41,67 49,30 3,47 1894 l mit den Händlerinnen 0,00 78,57 0,00 im Jahre s mit den Händlern 49,18 43,72 2,19 1895 s mit den Händlerinnen 0,00 66,67 0,00 Die für uns hier wichtigsten Zahlen sind die Prozentziffern der mit den Händlern nicht verwandten Begleiter, die zugleich anderen Geschlechtes sind. Da sehen wir denn, daß in den Jahren 1894 und 1895, in denen die Zahl der Begleiter außerordentlich hoch ist, die Händlerinnen solche Hilfspersonen überhaupt nicht haben und die Händler nur in ganz ver schwindendem Maße. 1894 nur 3,5 o/o; 1895 gar nur 2,2 o/o. Diese Verhältnisse sind also als außerordentlich günstige zu bezeichnen. Weder die ganze Zahl der selbständigen Händler, noch die der Be gleiter üben den Hausierhandel als Hauptberuf aus. Gerade in den letzten Jahren hat der Zugang solcher zum Wanderhandel stark zu genommen, die ihn nur nebenberuflich treiben. Besonders die Zunahme des Gänsehandels hat diesen Prozeß gefördert. Handwerker, welche in früheren Jahren niemals auf den Wanderhandel sich begaben, legen heute zeitweise ihr Werkzeug beiseite, um ihr seßhaftes Gewerbe mit dem Ge werbebetrieb im Umherziehen zu vertauschen. Sie werden dazu auch viel fach dadurch bestimmt, daß zur Zeit des Gänsehandels, wo eine so große Anzahl von Personen vom Dorfe abwesend ist, für ihren Handwerksbetrieb wenig Aufträge einlaufen. Außerdem erweckten wohl auch die Verdienste, die manche Gänsehändler machten, bei einigen die Lust, ebenfalls einen Ver such mit der Ausübung dieses Handelsbetriebes zu machen. So kommt es, daß manche Handwerker vom Juli an bis in den Oktober hinein ihr Hand werk vernachlässigen und Gänse im Umherziehen vertreiben * . * Sie lösen sich in der Hauptsache nur Gewerbescheine und keine Wander gewerbescheine, da die für einen solchen letzterer Art erhobene Steuer beträchtlich höher zu sein Pflegt, als die für einen Gewerbeschein zu entrichtende. Er wird von dem Bezirkssteuerrat ausgestellt, nicht vom Kreissteuerrat wie die anderen. Er giebt ihnen das Recht, nur mit Gänsen und nicht auch mit anderen Waren zu handeln. Die Berufszählung vom Juni 1895 giebt uns einiges Material für die Untersuchung, wieviel Personen den Handel im Hauptberuf und wieviel ihn im Nebenberuf treiben. Dabei ist aber zu bedenken, daß die Zählung im Juni stattfand, wo also der Gänsehandel noch nicht begonnen hatte. Da OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
4. Der Hausierhandel in socialer Beziehung. 123 nun die Handwerker — überhaupt die meisten, die das Wandergewerbe nebenberuflich treiben — ausschließlich Gänse verkaufen, so muß die Zahl der nebenberuflich Thätigen nach jener Erhebung natürlich sehr gering lsein. Eine Zählung im August hätte ein ganz anderes Bild ge währt, und hätte vor allen Dingen auch eine viel größere Zahl von Hilfs personen ermittelt. Weibliche Hilfspersonen, deren es nach unserer obigen Zusammenstellung doch eine so beträchtliche Zahl giebt, fand die Berufs zählung nicht. Nach der Zählung vom 14. Juni 1895 waren: im Hausierhandel im Hauptberuf beschäftigt: männliche Personen: 169 - - - - - weibliche - 54 zusammen 223 im Hausierhandel im Nebenberuf beschäftigt: männliche Personen: 24 - - - - - weibliche - — mithin überhaupt 247 Und zwar gab es unter den im Hauptberuf thätigen Männern Nebenberuf thätigen Männern: selbständige Hausierer 151 selbständige Hausierer 20 Gehilfen .... 18 Gehilfen .... 4 zusammen ... 169 zusammen ... 24 Hauptberuf thätigen Frauen selbständige Händlerinnen: 54. Es hätte demnach im Juni 1895 171 selbständige männliche und 54 weibliche Handelsleute gegeben; sowie 22 männliche Gehilfen. Gemäß unserer obigen Zusammenstellung über die Zahl der Handelsleute nach den Wander scheinregistern fanden wir, daß es 1895 171 männliche und 55 weibliche Selbständige gab. Es ist freilich nicht ohne weiteres zu sagen, ob die 171 bez. 54 Handelsleute, welche die Berufszählung ermittelt hat, den 171 bez. 55 der Wanderscheinregister entsprechen. Es hätte dazu eine Ver gleichung der Haushaltungslisten mit dem Wandergewerbescheinregister von 1895 erfolgen müssen. Es ist dies leider nicht möglich gewesen, da die Abschriftnahme der Namen der Händler aus den Haushaltungslisten nicht gestattet wurde. Wäre es angängig gewesen, so hätten wir — da das Kgl. Finanzministerium die Abschrift der Namen der Händler aus den Re gistern zugelassen hatte — nicht allein jenen Vergleich anstellen können, sondern überhaupt ein nach vielen Hinsichten brauchbares Vergleichsmaterial gewonnen. Auffallend bleibt jedenfalls das für das männliche Geschlecht OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
124 Kurt Kuntze. genau übereinstimmende und für das weibliche nur um wenig abweichende Resultat der Zahlen der Handelsleute, die aus ganz verschiedenen Materialien gewonnen sind. Es würde schließlich für eine exakte Durchführung der Er hebungsgeschäfte bei der Berufszählung sprechen, und daher für die Ge nauigkeit des Materials, mit dem wir noch öfters zu arbeiten haben werden. Über die Art des Hauptberufs der im Hausierhandel nebenberuflich Beschäftigten giebt uns das Material der Berufszählung ebenfalls Aus kunft. Danach sind hauptberuflich thätig: in der Landwirtschaft 17, als Maurer 3, als Schuhmacher 2 und als Klöppler und Sattler je 1. Was die in der Landwirtschaft Thätigen betrifft, so sind es in der Hauptsache größere Feldbesitzer, denen die Bewirtschaftung ihres Grund und Bodens doch noch manche Zeit übrig läßt und die, sobald nur die nötigen Arbeiten ver richtet sind, sich aus den Wanderhandel begeben Von den 171 selbständigen Hausierern, welche die Berufszählung er mittelt hat, hahen also 11,7 o/o den Handel im Nebenberuf ausgeübt. Ganz anders stellt sich das Prozentverhältnis bei Betrachtung derer, die nur einen Gewerbeschein lösen und nur den Gänsehandel treiben. Sie haben alle einen anderen Hauptberuf. Für die Jahre 1894/95 sind aus den Akten über Gewerbeschein-Gesuche Auszüge über die Hauptberufsverhältnisse jener Händler gemacht worden. Es ergaben sich folgende Übersichten: (Siehe die Übersicht auf S. 125.) Von den 3 Frauen im Jahre 1894 waren 2 Klöpplerinnen und 1 Ehefrau ohne Beruf; von den 5 im Jahre 1894, 3 Klöpplerinnen und 2 Ehefrauen ohne nähere Angabe des Berufes. — Am meisten umfaßt der unbestimmte Beruf Handarbeiter. Die übrigen sind hauptsächlich Hand werker. Ganz besonders tritt hervor, daß im Gegensatz zum Ergebnis der * Von ihnen hatten: unter 1 da: 1 1-2 da: 1 2 — 3 da: 1 3 — 4 da: 5 4 — 5 da: 4 5 — 6 da: 2 über 6 da: 3 da a Besitz zusammen: — 73,1 1 54,0 2 19,5 17 56,0 17 26,7 10 88,0 21 91,2 Zusammen 17. Zusammen 72,08,5. Im Durchschnitt besitzt also jeder 4,24 da, während die im Hauptberuf thätigen Hau sierer, welche Landbesitz haben, durchschnittlich nur 1 da 81,9 a bewirtschaften. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
4. Der Hausierhandel in socialer Beziehung. 125 1894 lösten Gewerbescheine: Männer 55 Im Jahre 1895 67 Von diesen waren im Hauptberuf: Handarbeiter .... 16 18 Maurer ............................... 98 Zimmerleute .... 4 5 Tischler ............................... 4 8 Landwirte ......................... 4 3 Wirtschaftsgehilfen . . . 4 3 Schuhmacher .... 4 5 Bäcker ............................... 23 Schneider ......................... 2 5 Hutmacher ......................... 1 1 Stellmacher .... 1 — Böttcher ......................... 1 1 Maler ............................... 1 1 Musiker ............................... 1 1 Waldarbeiter .... 1 Klempner 1 Zusammen . . 55 Fleischer 4 Zusammen 67 Berufszählung die Zahl derer, welche die Landwirtschaft als Hauptberuf treiben, außerordentlich niedrig ist. Dort waren es 70,8 o/o der im Wander handel nebenberuflich Thätigen und hier im Jahre 1894 — bei Einbeziehung der Wirtschaftsgehilfen — nur 14,5 o/o, resp. 9,0 o/o im Jahre 1895. Man ersieht daraus, daß selbst den, wie wir sahen, mit relativ großen Besitz ausgestatteten Landwirten die Besorgung ihres Landes genug freie Zeit läßt, den Hausierhandel in größerem Umfange zu treiben und sich nicht allein — wie die Handwerker — auf den Betrieb des Gänsehandels zu beschränken. L. Alter und Civilstand der Händler mit Berücksichtigung der übrigen Dorfbevölkerung. Eine Untersuchung des Alters der Händler muß schon deswegen von Interesse sein, um konstatieren zu können, welchen Einfluß die neueste Be stimmung unserer Gewerbeordnung über das Alter der Wanderhändler auf unsere Verhältnisse hat. Denn es ist klar, daß die Bestimmung OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
1Z2 Kurt Kuntze. Tabelle 22. Prozentuale Zu- oder Abnahme( — ) der im Hauptberuf Thätigen nach Altersklassen seit 1849. Altersklassen Männliche Weibliche Zusammen Bis mit 21 Jahre . . -8,33 — 41,20 — 27,22 21-30 Jahre .... 5,48 — 29,23 — 10,87 30 — 60 Jahre .... 28,10 74,58 38,29 Über 60 Jahre .... 52,00 152,17 83,56 Überhaupt .... 20,49 ! 8,20 15,87 hat aber in der Industrie eine Zunahme gerade dieser Altersgruppen-An- gehörigen stattgesunden. Weiter hat die Zahl der Thätigen um so stärker relativ zugenommen, je älter die im Hauptberuf Thätigen sind. Der Rückgang der bis 30 jährigen Personen sührt uns der Untersuchung zu, ob nicht auch die erste der beiden oben gekennzeichneten Ursachen wirksam gewesen sein wird, ob also jetzt die jüngeren Altersklassen überhaupt noch so stark im Dorfe vertreten sind als früher. Zu einer Untersuchung des Altersaufbaues der Satzunger Gesamtbe völkerung besitzen wir leider sür das Jahr 1849 nicht die nötige Alters statistik. Erst vom Jahre 1858 fand sich im Archiv des Kgl. Sächs. Statist. Bureaus eine nach einzelnen Altersjahren aufgearbeitete Statistik. Sie gewährt uns in Verbindung mit dem Material für 1895 folgende Tabelle (auf S. 133). Die bis 30 jährige Bevölkerung hat seit 1858 beträchtlich abgenommen; am stärksten — nämlich fast um ein Drittel des Standes von 1858 — die männliche Bevölkerung im Alter von 20 bis 30 Jahren. Also dieselbe Altersgruppe, die wir auch unter den Erwerbsthätigen als am stärksten im Rückgang begriffen fanden. Von den mittleren Altersklassen an sind die Prozentsätze für 1895 durchgängig höher als für 1858. Besonders deutlich tritt das Zurückweichen der 20 — 30-Jährigen bei einer graphischen Darstellung des Altersaufbaues zu Tage * . Die Alterskurve für Satzung vom Jahre 1858 nähert sich bei weitem mehr der des Deutschen Reichs als die vom Jahre 1895. * Für 1858 ist nur die Kurve für die Gesamtbevölkerung gezeichnet, da die Schwankungen der Relativzahlen bei beiden Geschlechtern in den verschiedenen Alters gruppen geringe sind, wie aus der Tabelle zu ersehen ist. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
4. Der Hausierhandel in socialer Beziehung. 133 Tabelle 23. Altersaufbau der Satzunger Bevölkerung in den Jahren 1 858 und 1895. Alter Jahre ZSHlungsjahr Absolute Zahlen Relative Zahlen Prozente Männliche Weibliche Zusammen Männliche Weibliche Zusammen 1858 233 199 432 30,38 25,42 27,87 1895 195 181 376 25,03 21,37 23,12 1858 138 143 281 17,99 18,26 18,13 1895 150 143 293 19,26 16,88 18,02 20-30^ 1858 1895 116 83 138 137 254 220 15,12 10,65 17,62 16,17 16,39 13,53 30-4vf 1858 104 118 222 13,56 15,08 14,35 1895 110 119 229 14,12 14,05 14,09 1858 75 78 153 9,78 9,96 9,87 ^-0 _ 50^ 1895 92 92 184 11,81 10,86 11,32 50-60^ 1858 59 52 111 7,69 6,64 7,13 1895 68 74 142 8,73 8,74 8,73 1858 27 39 66 3,52 4,97 4,26 1895 56 59 115 7,19 6,97 7,07 Über7vf 1858 15 16 31 1,96 2,05 2,00 1895 25 42 67 3,21 4,96 4,12 Zul 1858 767 783 1550 100,00 100,00 100,00 sammen f 1895 779 847 1626 100,00 100,00 100,00 Sowohl die Darstellung als auch die Tabelle zeigt, wie die höheren und höchsten Altersklassen nicht unbeträchtlich gewonnen haben. Es sind dies ja auch die Altersgruppen, in denen die relative Zunahme der haupt beruflich Thätigen am größten ist. Die Basis der Alterspyramide ist seit 1858 schmaler geworden ; die Kinderzahl hat also ebenfalls relativ abgenommen. Die charakteristische Einbiegung der Alterskurve für die männliche Bevölke rung in der Altersklasse der 20 — 30-Jährigen tritt deutlich hervor. Woraus erklärt sich nun die gegen früher geringere Vertretung der 20- bis 30-Jährigen ? Sie hat ihren Grund in dem starken Wegzug dieser Per sonen. Früher bot der blühende Pferde- und Flachshandel den jüngeren Söhnen der Händler genug Gelegenheit, ihre Väter auf den Handelsreisen zu begleiten. Wir sahen zwar, daß der Gänsehandel ebenfalls einer großen Zahl von Hilfspersonen bedarf. Da aber die Zeit des Gänsehandels be deutend kürzer ist als früher die Periode des Pferde- und des Flachshandels, ist von allein gegeben, daß die Begleitung der Händler für die im Gänse OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
134 Kurt Kuntze. handel thätigen Gehilfen nicht zum Hauptberuf werden konnte. Hatte früher der Begleiter das Alter erreicht, in dem er selbständig hausieren konnte, so trat er zurück von der Begleitung des Vaters und löste sich selbst einen Hausierschein. Dazu kam aber noch, daß das den Satzungern gewährte Privileg für den Bettfederhandel auch jüngeren Personen den Betrieb des Wanderhandels gestattete als sonst eigentlich zugelassen wurden. Sobald die Reichsgewerbeordnung eingeführt war, wurde bei Gewährung eines Wandergewerbescheines streng auf die Vollendung des 21. Lebensjahres ge sehen. Die Handelszweige, in denen die Burschen früher als Begleiter dienen konnten, gingen zurück, andere kamen auf, in denen Hilfspersonen aber nicht gebraucht wurden. Wenn auch immer noch einzelne in der Zeit von der Entlassung aus der Schule und ihrem 21. Lebensjahre als Begleiter Fa milienangehörigen oder Fremden dienten, so zogen doch viele Eltern vor, ihren Söhnen lieber ein Handwerk erlernen zu lassen, als sie auf die un selbständige Stellung als Begleiter im Wanderhandel anzuweisen. Der Übergang zum Handwerk ward größer und so erklärt sich die starke Zunahme der in der Berufsabteilung Industrie Thätigen. Manche Burschen gehen wohl schon zur Lehre fort von Satzung und zwar entweder in eine der nahen Landstädtchen oder nach Annaberg, Chemnitz, Dresden, Leipzig. Der größte Wegzug findet jedenfalls statt, wenn die Lehre beendet ist. Dann ziehen die jungen Leute in die größeren Städte, um Arbeit und Fortkommen zu suchen. Daß man auch in der Bevölkerung des starken Wegzuges der 20 — 30-Jährigen — also derer, die im besten Heiratsalter stehen - — sich bewußt ist, erkennt man daraus, daß der Satz gang und gäbe ist: Bei uns kann jeder Bursche zwei „Liebsten" haben und dann bleiben noch welche übrig. Zur Zeit des Gänsehandels befinden sich meist nur wenige Burschen und jüngere männliche Personen im Dorfe. Dann pflegen auch die Gasthofsbesitzer jedes Tanzvergnügen zu unterlassen, da sie Gefahr laufen würden, nur Mädchen im Tanzsaal zu haben, zu denen kein Tänzer sich findet- Das Eigentümliche und psychologisch Interessante am Rückgang der Zahl der 20 — 30-Jährigen ist nun dies, daß in den späteren Jahren ein Teil dieser gelernten Handwerker ihre Professionen aufgiebt und dem Handel sich widmet. Man findet unter den Satzunger Wanderhändlern, die den Hausierhandel hauptberuflich treiben, eine ziemlich große Anzahl gelernter Handwerker, die heute gar nicht mehr daran denken, ihr Handwerk auszuüben oder jemals wieder aufzunehmen. Und wenn man fragt, aus welchem Grunde der Händler sein erlerntes Gewerbe nicht mehr ausübt, sondern den Gewerbebetrieb im Umherziehen, so wird man oftmals keine bestimmte Ant- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
4. Der Hausierhandel in socialer Beziehung. 135 wort erhalten. Manchmal wird wohl Arbeitslosigkeit im Handwerk als Grund zum Übergange zum Wanderhandel angegeben. Aber sicherlich wird man zumeist als Antwort auf seine Frage die erhalten: Die Lust zum Wanderleben steckt in unserem Blute. Und in der That, man möchte es fast glauben. Zumal zur Gänsehandelszeit kehren viele Satzunger, die in Städten oder sonstwo als Handwerker oder Fabrikarbeiter Stellung haben, in ihr Heimatsdorf zurück, um einige Monate dem Wanderhandel obzuliegen. Natürlich hoffen sie einigen Gewinn zu machen, trotzdem Verluste in großer Höhe und Zahl eintreten können. Jeder kennt das Risiko, dem er sich beim Betriebe des Gänsehandels aussetzt. Trotzdem aber lassen sie sich nicht abhalten, sie geben ihre Stellungen auf, reisen nach Hause, um bald wieder das Dorf zu verlassen und den Wanderhandel zu beginnen. Und das Resultat? Hat der Händler wirklich einigen Gewinn vom Ver triebe von Gänsen erzielt, so muß er nun erst wieder eine neue Stellung suchen, da er nur in den seltensten Fällen in seine alte wieder eintreten kann. Findet er keine Arbeit, so kehrt er wohl wieder in sein Heimatsdorf zurück, um den Hausierhandel auch fernerhin zu treiben: Er wird vom ge lernten Handwerker zum Hausierer. Hat der Händler aber Verluste im Gänsehandel erlitten, so kann seine Lage trostlos werden, wenn er nicht schnell in seinem Gewerbe Stellung findet. Sicherlich ist oftmals auch der Drang nach Selbständigkeit thätig, wenn ein Satzunger, der bei einem Handwerker oder in einer Fabrik in Arbeit sich befindet, den Entschluß faßt, in die Heimat zurückzukehren und Wanderhändler zu werden. Wir haben bisher in der Hauptsache die Altersverhältniffe der Hausier händler verglichen mit der Alterszusammensetzung der in anderen Berufen Thätigen, ohne den Altersaufbau der Hausierer selbst eingehend zu unter suchen. Viel ist darüber freilich auch nicht zu sagen, zumal es an weit zurückreichendem Vergleichsmaterial fehlt. Wir besitzen nur vom Jahre 1875 eine genaue Altersstatistik der Händler, der wir die von 1895 gegenüberstellen können. Die erstere ist gewonnen aus den im Gemeinde archiv aufgefundenen Abschriften der im Jahre 1875 ausgegebenen Wander gewerbescheine; die letztere aus dem Material der Berufszählung. Schon oben zeigten wir, daß dieses Material nicht die Händler aufführe, die den Gänsehandel nebenberuflich ausüben. Daher haben wir noch die Alters verhältnisse dieser Händler ermitteln müssen. Die Akten über die Gewerbeschein-Gesuche, welche das Alter enthalten, boten uns dazu Gelegenheit. Eine Verschmelzung dieser Altersstatistik mit der aus der Berufszählung gewonnenen ist deshalb nicht angängig, weil beide Kategorien der Händler ganz verschiedener Art sind und nicht gleich beurteilt werden können. Die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
136 Kurt Kuntze. eine umfaßt die Wanderhändler, welche im Gewerbebetrieb im Umherziehen ihren Hauptberuf erblicken; die andere die Handwerker, Landwirte u. s. w., welche den Wanderhandel nur nebenberuflich üben. Tabelle 24. Alter der im Haupt- oder Nebenberuf als selbständige Hausierer thätigen Personen (1 875 und 1895). Alter Absolute Zahlen Relative Zahlen (Prozente) Im Hauptberuf Thätige JmNebenberuf Thätige Im Hauptberuf Thätige 1 Im Neben beruf Thätige 1875 1895 1875 ! 1895 Jahre I m. w. m. ! w. ! m. w. m. w. m. w. 11 'N. 1 w. 21 — 25 20 — 51 12 — 11,56 - 2,92 1,85 !! > 17,94 - 25-30 33 3 17 1 6 2 19,07 15,79 9,94 1,85 8,96! 40,00 30 — 40 42 4 50 5 21 - 24,29 21,06« 29,25> 9,25 31,34! — 40-^50 38 7 46 12 16 2 21,97 36,841 26,90 22,23 23,88 40,00 50-60 33 4 27 18 8 1 19,07 21,05! 15,79! 33,34 1 11,94 20,00 .60 — 70 6 1 22 11 3 — 3,46 5,26! 12,86! 20,37 4,48 — Uber 70 1 — 4 6 1 — 0,58 — 2,34 11,11 1,49 — Zusammen 173 19 171 54 67 5 100,00 100,0011100,00100,00 11100, oo1 100,00 Fanden wir oben, daß die im Hausierhandel Thätigen im Alter von unter 30 Jahren — einschließlich der Unselbständigen — von 1849 bis 1895 von 43,64 o/o auf 19,53 o/o zurückgegangen sind, so sehen wir hier, daß der Rückgang der Selbständigen von 1875 bis 1895 von 30,63 o/o auf 12,86 o/o erfolgt ist. Er ist also noch um ein wenig stärker. Die Ver schiebungen in den drei mittleren Altersklassen sind nicht sehr beträchtlich. Nur die beiden letzteren Gruppen haben wieder stärkere aufzuweisen, be sonders hat die Altersklasse der 60 — 70-Jährigen außerordentlich gewonnen. Sogar über 70 jährige Personen üben den Hausierhandel aus und zwar relativ weit mehr Frauen als Männer. Zwei Drittel sämtlicher Händlerinnen sind übrigens älter als fünfzig Jahre. Unter den im Nebenberuf Thätigen fällt der hohe Prozentsatz der 21 — 25-Jährigen auf. Die älteren Personen sind unter den nebenberuflich thätigen Wanderhändlern weit geringer ver treten als unter den anderen. Die Tabelle zeigt uns auch, welchen Ein fluß die in der neuesten Novelle zur Gewerbeordnung aufgenommene Be stimmung über das Alter der Händler auf unsere Verhältnisse hat. Nur 5 waren es, die 1895 den Hausierhandel hauptberuflich trieben und das 25. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten. Dazu kamen freilich noch 12, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
4. Der Hausierhandel in socialer Beziehung. 137 die den Gänsehandel nebenberuflich ausübten. Von allen männlichen Händlern waren es mithin 7 o/o. Wieviel am 1. Januar 1897, wo die Bestimmung in Kraft trat, das 25. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten, ist uns nicht bekannt. Jedenfalls sind nicht viele hauptberuflich thätige Hausierer betroffen worden. Es wäre schließlich noch ein Blick auf die Alterszusammensetzung der Hilfspersonen zu werfen. Hierfür besitzen wir keine Vergleichszahlen für früher. Tabelle 25. Alter der im Wanderhandel im Haupt- und Nebenberuf unselbständig thätigen Personen (1895) * . * Gewonnen auf Grund der Wandergewerbe- und Gewerbescheinregister. Ge meindeamt Satzung. 1895. Alter Absolute Zahlen Relative Zahlen Jahre männliche ! weibliche zusammen männliche weibliche zusammen 15-20 34 12 ! 46 30,09 14,12 23,23 20-25 18 16 ! 34 15,93 18,82 17,17 25-30 16 15 H 31 14,17 17,65 15,67 30-40 18 31 >> 49 15,93 36,46 24,75 40-50 11 7 ! 18 9,73 8,24 9,06 50-60 10 3 i 13 8,84 3,53 6,57 über 60 6 1 7 5,31 1,18 3,54 Zusammen 113 85 198 100,00 100,00 100,00 Die Altersklasse der 15 — 20-Jährigen ist beim männlichen Geschlecht am stärksten vertreten. Die Prozentsätze fallen fast konstant mit zunehmen dem Alter. Beim weiblichen Geschlecht kulminieren die relativen Ziffern im Alter von 30 — 40 Jahren. Bei der Untersuchung der Verwandtschafts- Verhältnisse fanden wir eine große Zahl von Ehefrauen als Hilfspersonen; sie sind vorwiegend in dieser Altersklasse zu suchen. Endlich wäre noch des Civilstandes der Handelsleute zu gedenken. Die Zählung von 1849 und die Berufszählung von 1895 liefern uns die nötigen Vergleichsdaten. (Siehe Tabelle 26 auf S. 138.) Wir bemerken, daß die ledigen Personen stark abgenommen haben, sich am Hausierhandel zu beteiligen und daß dafür die Verheirateten beträchtlich gewonnen haben. Während die ledigen Handelsleute und Begleiter 1849 fast ein Drittel und die Verheirateten reichlich sechs Zehntel betrugen, machten OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
138 Kurt Kuntze. Tabelle 26. Civilstand der im Hausierhandel hauptberuflich Thätigen (1849 und 1895). Civilstand Absolute Zahlen Relative Zahlen 1849 1895 1849 1895 männ liche weibliche männ liche weib liche männ liche weib liche männ liche weib liche Ledige . . 53 _ !! 17 2 31,93 _ 10,06 3,70 Verheiratete 104 - j! 140 32 62,65 ! — 82,84 59,26 Verwitwete 9 1 - !! 12 20 5,42 j 100,00 7,10 37,04 Zusammen . 166 > I 169 54 100,00 100,00 100,00 100,00 die ersteren 1895 nur noch ein Zehntel, die letzten aber reichlich acht Zehntel aus. Diese Entwicklung geht vollkommen parallel mit der, die bei Untersuchung der Altersverhältnisse gefunden wurde. Die Thatsache, daß unter den Händlerinnen die Verwitweten eine bevorzugte Stellung einnehmen, deckt sich mit der, daß der Prozentsatz sehr alter Hausiererinnen beträchtlich hoch ist. Scheiden wir aus dem Material von 1895 die Unselbständigen aus, um den Zahlen von 1849 — wo es Hilfspersonen nach dem vorliegenden Material nicht gab — die analogen gegenüberstellen zu können, so ändern sich die Relativzahlen noch mehr zu Ungunsten der Ledigen. Unter den selbständigen Händlern gab es nach der Berufszählung nur 4,68 o/o Ledige; dagegen 87,13 o/o Verheiratete und 8,19 o/o Verwitwete. Die Ledigen haben also unter den Selbständigen 27,25 o/o eingebüßt. Unter den Be gleitern — von denen wir die Civilstandsverhältnisse nicht kennen — dürften die Prozentzahlen sich wohl anders gestalten; sicherlich überwiegen hier die Ledigen. Im Jahre 1849 entsprechen die Civilstandsverhältnisse der Händler ganz denen der erwerbsthätigen Bevölkerung überhaupt, während 1895 doch manche Veränderungen sich vollzogen haben. Es gab nämlich im Haupt beruf unter je 100: (Siehe die Zusammenstellung auf S. 139 oben.) Vergleichen wir die Zahlen mit den entsprechenden für die Händler, so sehen wir, daß 1849 unter den Hausierern von jedem Civilstand ebenso viel vertreten sind als unter den hauptberuflich Thätigen überhaupt; 1895 dagegen nicht. Es giebt unter den Händlern weniger Ledige als unter den OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
4. Der Hausierhandel in socialer Beziehung. 139 der Erwerbsthätigen überhaupt der über 14jährigen Bevölkerung 1849 1895- 1895 männlich weiblich männlich weiblich männliö h weiblich Ledige . . . 33,09 76,23 24,80 41,29 26,36 27,57 Verheiratete . 59,01 2,46 68,44 30,30 67,00 57,88 Verwitwete . 7,90 21,31 6,76 28,41 6,64 14,55 Zusammen 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 Erwerbsthätigen: Eine Folge des Übergangs der jüngeren Personen zum Handwerk. Dafür sind die Verheirateten im Hausierhandel an Zahl relativ stärker. Unter den Händlerinnen bleiben die Ledigen weit hinter den er werbenden Ledigen überhaupt zurück. Die Klöppelei und Gorlnäherei be schäftigt die letzteren. Die Verheirateten und Verwitweten überwiegen bei den Händlerinnen bedeutend stärker als unter den erwerbenden Frauen überhaupt. Überblicken wir die Untersuchung über die Alters- und Civilstandsverhältnisse der Handelsleute noch einmal, so können wir sagen, daß wir im allgemeinen kein ungünstiges Bild gewonnen haben. Man wird schließ lich nicht bedauern können, daß die jüngeren Altersklassen unter den Händlern mehr und mehr abgenommen haben; wenigstens nicht bei der jetzigen Lage des Wanderhandels der Satzunger. Auch kann das Ansehen des Handels standes dadurch nur gewinnen. Anders freilich ist diese Erscheinung zu be urteilen, wenn es sich darum handelt, ob der Wanderhandel im stände ist, sich selbst zu erhalten, d. h. ob weiterhin aus der Heranwachsenden Gene ration genug vorhanden sind, welche die abgehenden Hausierhändler er setzen können. Bisher hat sich ein Rückgang der Zahl der selbständigen Händler noch nicht gezeigt. Da aber nicht zu verkennen ist, daß die jüngeren Personen dem Hausierhandel sich eben nicht mehr zuwenden, ist ein Sinken der Händlerzahl schließlich unausbleiblich. Darum braucht die Zahl derer nicht abzunehmen, die den Handel nebenberuflich treiben, wie jetzt die Handwerker, Landwirte, Handarbeiter und dergl. Der Zeit punkt des Herabgehens der Zahl der Händler kann vielleicht hinausgeschoben werden, wenn der Prozeß des Rückströmens gelernter Handwerker in das Heimatsdorf zum Wanderhandel weiter um sich greift. Freudig wird man diese Entwicklung aber nicht begrüßen können. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
140 Kurt Kuntze. 6. Materielle Lage der Handelsleute sowie der übrigen erwerbsthätigen Personen im Dorfe. Es ist zu bedauern, daß jeder Versuch, einigen Einblick in die Ein kommens- und Bermögensverhältnisse typischer Händler zu gewinnen, frucht los geblieben ist. Auch die Aufstellung von Haushaltungsbudgets — die beabsichtigt war — mußte unterbleiben, da sich weder Händlerfamilien noch andere Familien fanden, die eine genaue Buchführung über ihren Haushalt einrichten wollten. Neben einer Haushaltungs-Buchführung in einer Händlerfamilie hätte dann noch die Buchung von Einnahmen und Ausgaben des auf Reisen befindlichen Haushaltungsmitgliedes gehen müssen. Auch hierfür war kein Händler zu gewinnen, wie denn überhaupt Buch führung fast nicht getrieben wird. Ein genaues Bild über die wirkliche Lage typischer Handelsleute zu gewinnen ist sehr schwer, da eben nicht allein die Haushaltung im Dorfe auf Einnahmen und Ausgaben hin zu beurteilen ist, sondern auch der Haushalt, den der Händler auf seinen Reisen führt. Soviel ist sicher, daß der ganze Lebensunterhalt der Händlerfamilie relativ sehr teuer ist und eben durch die Unterhaltungskosten des Händlers so hoch wird. Denn der Händler braucht für sich allein auf der Reise oft mehr als die ganze übrige Familie im Dorfe. Die Lebenshaltung der Angehörigen im Dorfe ist niedrig. Die Nahrungsverhältnisse der Erzgebirgler sind zwar oftmals bedeutend schlechter dargestellt worden, als sie in Wahrheit sind und Hausierer und andere mögen in früherer Zeit selbst beigetragen haben, diese Ansichten zu verbreiten. „Die Händler, Krämer, Hausierer, Zubußboten u. s. w. hatten ein Interesse daran, die Zustände möglichst armselig darzustellen, von einem permanenten Elend zu erzählen, das Mitleid zu wecken und rege zu halten und so war es nicht zu verwundern, daß man draußen im Niederlande glaubte, die traurigen Hungersnothzustände seien die Ernährungszustände überhaupt * ." Aber trotz dem kann nicht geleugnet werden, daß die Nahrung heute noch eine wenig kräftige, die ganze Lebenshaltung eine niedrige ist?. Die Hauptspeise ist * v. Süßmilch, Das Erzgebirge. S. 138. Mit dem Optimismus von P. H. Zabel, Geschichte der Serpentinstein- Jndustrie zu Zöblitz, S. 24, können wir uns doch nicht befreunden. Der Verfasser erzählt, wie ein Erzgebirgler aus der Gegend von Annaberg bei einem Gutsbesitzer im Niederlande Anstellung fand. „Das Essen behagt ihm — aber die Arbeit paßt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
4. Der Hausierhandel in socialer Beziehung. 141 die Kartoffel. Auf die mannigfachsten Arten findet sie Zubereitung und zwar im Ganzen, in Stücken , in Scheiben , im zerriebenen Zustand. Man verwendet sie ungekocht, gebraten, gekocht, geröstet. Da giebt es Suppe, Muß, Klüse und Röhrenkuchen von Kartoffeln zubereitet; man macht „Rauche Mad", Kartoffelkeulchen und Kartoffelpuffer und — 1a8t not Iea8t — Götzen. Die Erzgebirgerin ist außerordentlich geschickt in der Zubereitung von Kartoffelspeisen und weiß die Speisekarte des Haushalts doch einiger maßen vielseitig zu gestalten. Ist der Vater auf Handelsreisen, so wird Fleisch selten gegessen. Das Mittagsmahl besteht in den meisten Familien nur aus Kaffee und einem der vielen Kartoffelgerichte. Zu den Kartoffeln wird auch vielleicht ausgelassener Rindertalg genossen. Erst wenn der Händler wieder in trautem Familienkreise weilt, gönnt man sich ab und zu Fleischgenuß, vor allen Dingen aber zu allen Festen. Besonders wird Schweine fleisch und zu Weihnachten auch viel Gänsefleisch konsumiert. Von den letzten Herden, die die Händler kurz vor Weihnachten vertreiben, Pflegen sie meist einige Tiere für den eigenen Verbrauch mit nach Hause zu nehmen. Da wir nicht die Einkommensverhältnisse einiger typischer Händler untersuchen können, müssen wir uns zufrieden geben mit den Resultaten, die eine Einkommensstatistik uns liefert, zu der das Material auf Grund der Steuerkataster gewonnen wurde. Die Ermittlungen geschahen für die Jahre 1880, 1885, 1890 und 1895, um die Ergebnisse der Volkszählungen derselben Jahre in gewissen Hinsichten zum Vergleiche heranzuziehen ^. Das Material ist freilich nicht ganz einwandfrei. ihm nicht. Nach einigen Wochen ging er von dannen, indem er sprach: ,D'hem is doch d'hem' (daheim ist doch daheim) und trefflich mundete ihm Kartoffel und Kaffee am Morgen, Kartoffel und Kaffee am Mittag und Kartoffel und Kaffee am Abend." Und zum Schluß fragt der Verfasser: „Ist das Armut?" — Hierbei darf doch wohl das psychologische Moment der Heimatsliebe nicht verwechselt werden mit der thatsächlich niedrigen Lebenshaltung. Diese letztere bleibt bestehen, auch wenn der Gebirgler sich ihrer schließlich nicht bewußt ist. Auf Jndividual-Manipulationszählblättchen wurden aus den Katastern Name, Stand und Einkommen notiert. Ich hoffte die einkommenspflichtigen Personen durch die verschiedenen Jahre hindurch verfolgen zu können und zu untersuchen, ob und in welcher Weise die Einkommen bei den verschiedenen Personen schwanken. Leider waren aber die Vornamen nicht immer — besonders in den ersten Jahren — genau angegeben und dies wäre dazu unbedingt nötig gewesen. Denn einzelne Familien namen — zumal der Name Haustein — sind in Satzung so überaus zahlreich ver treten, daß nur eine genaue Angabe der Vornamen die Feststellung der Identität mehrerer Personen ermöglicht. Auch dann ist es nicht immer möglich, denn viele Personen in Satzung haben denselben Familiennamen und nicht nur auch genau die- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
242 Hermann Kind. Gewürzreibeisen, Krüge, Trichter, Stürzen, Löffel und Kartoffelschäler; von Schwarzblechwaren Bratpfannen und runde Kuchenbleche; von buntem Blechzeuge Wand-, Kamm- und Streichhölzerkästchen, Sparbüchsen, Knaulbecher und Kinderklappern; von emailliertem Blechgeschirre Schüsseln, Töpfe, Eierschaufeln, Tiegel, Schaum- und Schöpflöffel. In Drahtwaren ist die Auswahl noch reicher. Der Drahtbinder bietet bis 40 verschiedene, meisten teils verzinnte Artikel, und darunter eine Anzahl in verschiedenen Formen und Größen, feil: große und kleine, runde und lange, ein-, zwei- und mehr teilige Ratten- und Mäusefallen, dreierlei Siebe und Puppenwagen, fünferlei Zwiebelnetzgestelle und von Brot- und Strickkörbchen nicht weniger als sieben verschiedene Ausführungen. Die Eisen- und Bürstenwaren spielen nur eine Nebenrolle. Letztere umfassen Cylinder-, Tassen- und grobe Scheuerbürsten; zu den Stahl- und Eisenwaren gehören Kohlenschaufeln, Küchenmesser, Korkzieher, Schlüsselringe und sogenannte Brummeisen. Die Handelswaren der Slovaken gehören zu den besten Hausierartikeln. Sie lassen sich leicht und billig transportieren. Entscheidend ist, daß der Drahtbinder seine Waren mit sich herumtragen kann und Vorräte für eine Woche fortbringt; denn die einzelnen Gegenstände beanspruchen nicht zuviel Raum. Sie lassen sich an den Henkeln in Drahtringen bequem auf reihen ; kleine Waren und Warennummern können außerdem noch in größeren untergebracht werden. Die Leichtigkeit des Transports hat ihre Ursache in den Waren selbst. Das Material ist haltbar und gegen Beschädigungen nur wenig empfindlich. Die Waren brauchen deshalb keine Verpackung. Ungünstige Witterung kann ihrer Qualität nichts anhaben, sie schadet höchstens ihrem Aussehen; dieses aber läßt sich durch Polieren schnell wieder auffrischen. Zweitens eignen sich die Waren der Slovaken ausgezeichnet zum Hausieren wegen ihres allgemeinen Gebrauchs und des unregelmäßigen, den stehenden Gewerbebetrieb nicht lockenden Bedarfs. Mit wenigen Ausnahmen bedarf ihrer jede Haushaltung bei der Zubereitung der Speisen oder zur Aufbewahrung von Vorräten; andere finden bei der Reinigung der Wohnung, bei der Gartenpflege und als Spielzeug Verwendung. Für den Absatz der Waren, die sich nur langsam abnutzen, ist es von Vorteil, daß man sie auch außerhalb der Haushaltung in Handels-, Handwerks- und Fabrik betrieben brauchen kann. So werden Gazeglocken auch in Delikateffegeschäften und Wurstwarenhandlungen, Geldkassetten in Restaurationeu und Kaufläden, Garderobenhalter und Zettelhaken in Comptoirs und Schneeschläger auch beim Bäcker und Konditor abgesetzt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Ter Hausierhandel der slovakischen Drahtbinder. 243 Als dritter Vorzug der slovakischen Hausierwaren kommt noch der geringe Preis in Betracht. Das Spielzeug kann in der Regel schon für 10 Pfennige und ein großer Teil des Blechgeschirrs und der Eisen- und Drahtwaren unter 50 Pfennigen abgegeben werden. Jeder Hausierer trifft unter den erwähnten Artikeln eine Auswahl, wobei er den Bedürfnissen der Kreise, die in seinem Absatzgebiete von ihm kaufen, Rechnung trägt. Im Königreiche Sachsen erstreckt sich das Hausiergebiet der über 25 Jahre alten Drahtbinder je über eine Kreishauptmannschaft, in Bayern und Württemberg über den Kreis und in den preußischen Provinzen über einen Regierungsbezirk. Die slovakischen Drahtbinder unter 25 Jahren sind mit dem Hausierhandel auf die Großstadt beschränkt, in der sie wohnen. Sie sind ihren älteren Landsleuten gegenüber stark im Nachteile; denn ihr Hausiergebiet hat auf der einen Seite viel mehr stehende Konkurrenzbetriebe und auf der anderen in der Regel weniger Haushaltungen als der größere Bezirk. Bezüglich der Konkurrenz durch den stehenden Handel fällt noch ins Gewicht, daß die einzelnen Betriebe, wie z. B. die Klempnereien, Bazare, Eisenwarenhandlungen und Geschäfte für Haus- und Küchengeräte, dieselben Waren billiger verkaufen, eine viel reichere Auswahl als die Drahtbinder haben und außerdem jederzeit schnell zu erreichen sind. Ein Stadthausierer muß sich im Jahresdurchschnitte mit einem Umsätze von 500 — 700 Mk. begnügen; tüchtige Landhausierer dagegen können auf 2000 Mk. rechnen. 2. Die Betriebsarten und Betriebsweise. Im Königreiche Sachsen bestehen gegenwärtig 20 slovakische Draht bindereibetriebe: 9 in Leipzig, 4 in Dresden und je einer in Pethau, Ebersbach, Oberfriedersdorf, Neu-Oppach, Großharthau, Naundorf und Höckendorf. Ihre Handelsartikel sind entweder sertiggekauft oder selbst gefertigt. Die Betriebe, welche sich mit dem Verkaufe beider Arten von Waren befassen, sollen gemischte Betriebe, die, welche nur mit fertiggekauften Waren handeln, Handelsbetriebe genannt werden. Eine dritte Art von Betrieben, die nur selbstgefertigte Artikel führt, giebt es nicht. Zu den Handelsbetrieben gehören nur 2, zu den gemischten Betrieben 18 Draht bindereien. Die letzteren lassen sich nach den Hausierern, die sie beschäftigen, wieder in Stadthausierbetriebe, Landhausierbetriebe und kombinierte Be triebe teilen. In den kombinierten Betrieben werden beide Arten von Hausierern gehalten. Zu den Stadhausierbetrieben gehören 3, zu den Land hausierbetrieben 13 und zu den kombinierten Betrieben 2 Drahtbindereien. Die Betriebsweise ist, mit Ausnahme der Handelsbetriebe, im großen und ganzen die gleiche. Am einfachsten sind die Handelsbetriebe organisiert. 16* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
244 Hermann Kind. Sie sind Alleinbetriebe. Der eine der beiden Drahtbinder hausiert in Leipzig; der andere wechselt zwischen Leipzig und Chemnitz. Da sie selb ständig find, nennen sie sich gasta oder Meister ^. Beide hängen früh ihre Waren über die Schulter, wandern von Haus zu Haus und wiederholen vor jeder Wohnung in ihrer monotonen, singenden Sprache das gleiche An gebot: „Rattefallen, Mausefallen, Kochgeschirre rc." Wenn der Mittag kommt, hausieren sie in den Küchen der Gasthöfe und bitten gleichzeitig um irgend einen Speisenrest, den sie dann vor der Thür oder im Hofe ver zehren. Ihren Durst stillen sie für gewöhnlich an einem Brunnen aus einem der Töpfchen, die sie hausieren tragen. Eingekehrt wird nur, wenn das Geschäft auffällig gut geht. Im übrigen nehmen sie auch gern eine Tasse Kaffee. Beim Einbruch der Dunkelheit kommen sie wieder nach Hause. Sie sind beide Aftermieter anderer Drahtbindermeister. Die Stadthausierbetriebe sind ebenfalls eine Specialität Leipzigs. An der Spitze eines jeden steht ein Meister; zwei von ihnen bleiben daheim und fertigen Hausierartikel: Kuchen- und Sülzenformen, Thee- und Kaffee siebe, Töpfe, Trichter, Reibeisen, Schaufeln, Fallen, Plättfüße u. a. m. Für den Hausierhandel halten sie 6, bez. 7 junge Leute im Alter von 15 — 20 Jahren. Der dritte Meister hat zwei Knaben und geht selbst mit auf die Tour. Er kann nur Fallen und Plättfüße fertigen. Für diese Arbeit aber genügen die Abendstunden. Die jungen Lohnhausierer betreiben den Hausierhandel in eben der selben Weise wie die oben erwähnten Meister. Nur im Fleiße stehen sie ihnen nach. Sie durchschlendern oft mehrere Straßen, ehe sie in ein Haus eintreten, bleiben vor jedem Schaufenster stehen, in dem Bilder ausliegen, spielen, statt zu hausieren, das Brummeisen und lassen sich mit den Gassen jungen, von denen sie verfolgt und beschimpft werden, auch einmal in eine Schlägerei ein. Trotzdem aber bringen sie oft mehr Geld nach Hause als die Meister. Diesen Erfolg verdanken sie ihrer aufdringlichen Bettelei. Wenn Bitten nichts mehr helfen, so verlegen sie sich aufs Jammern und erzählen unter Thränen, wie der Meister ihnen nichts zu essen geben und den Stock hervorholen wird, wenn sie am Abende nicht genug Geld nach Hause bringen. Sie besuchen die Schenkstuben und schützen Hunger und Durst vor, um die Gäste zu rühren. Vielfach erreichen sie mit ihrer * Diese Bezeichnung ist im ganzen Königreiche Sachfen gebräuchlich, ebenso die Unterscheidung von Lehrlingen und Gehilfen (äLarLi), obwohl sie keinen rechten Sinn hat. Vergl. hierzu die von Weil in seiner Arbeit über Prag und Umgebung ge machte Bemerkung. Schristen d. V. f. Socialpolitik I^XXXII, 144 unten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Der Hausierhandel der slovakischen Drahtbinder. 245 schmeichelnden Bettelei auch das Gegenteil und werden unter Scheltworten zum Hause hinausgejagt. Gegen 5 oder 6 Uhr stellen sie sich alle wieder im Quartiere ein, liefern ihre Tageseinnahme ab und gehen nun ans Produzieren von Fallen. Dabei stellt jeder gerade den Teil her, der seiner Geschicklichkeit entspricht. Die Ungeübten sägen die Brettchen zurecht, bohren Löcher und ziehen Draht brücken ein; die Fortgeschritteneren flechten die Gitter, setzen die Thüren zusammen und machen sie fest. Bei der Plättfußarbeit findet ebenfalls die Arbeitszerlegung Anwendung. Wer unter den jungen Leuten „die Woche hat", ist von dieser Arbeit befreit, besorgt aber dafür das Feuern und Kochen. Als Abendbrot kommen Kartoffeln mit Schmalz oder sauren Gurken, Kartoffelsuppe und die Reste vom Mittag auf den Tisch. Nach dem Essen wird die Arbeit noch fort gesetzt bis gegen 10 Uhr, dann geht^s zu Bett. Die Gehilfen und Lehr linge schleifen einige Strohsäcke in die Stube und legen sie nebeneinander; dann werfen sie sich samt ihrem Meister halb ausgekleidet auf das schmutzige Lager und hüllen sich in warme Pferdedecken. Da diese aber nicht für alle reichen, nehmen gewöhnlich zwei Größere einen Kleineren in die Mitte. Gegen 6 Uhr morgens wird aufgestanden und das Frühstück eingenommen. Es besteht einen wie alle Tage in Kaffee mit Zucker und Brot*. Dann prüft und ergänzt jeder Gehilfe und Lehrling seinen Warenvorrat und begiebt sich im Sommer gegen 7, im Winter gegen 8 Uhr auf die Wander schaft. Dort, wo am letzten Tage aufgehört worden ist, wird der Anfang gemacht; der Weg bis dahin ist oft eine halbe oder dreiviertel Stunde weit. Am Sonntage ruht die Arbeit. Er ist der einzige Tag, an dem alle ge meinschaftlich zu Mittag essen. Meistens giebt es Hülsenfrüchte, die mit Speck angerichtet werden, manchmal aber auch Schweinsknochen und Sauerkraut oder Knochenfleisch mit Kartoffeln. Vormittags besuchen Meister und Ge hilfen den Gottesdienst. Nachmittags hocken sie daheim, schreiben an ihre Angehörigen oder spielen Karte und Harmonika. Die Wohnungen der Stadthausierer liegen sämtlich in dem Vorstadt bezirke Anger-Crottendorf und gehören zu den einfachsten und ärmlichsten der Großstadt. Eine derselben sei hier geschildert. Sie befindet sich in einem Hause, das auf Abbruch steht und hat nur ein Zimmer mit einem dunklen Kämmerchen, in dem Vorräte aufbewahrt werden. Die Fenster sind kahl, die Wände grau und die Dielen schwarz. An der Wand hängen einige Vergl. hierzu die Drahtbinder in Prag. Schriften des Vereins für Social politik I.XXXII, 144 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
246 Hermann Kind. Rollen Draht, etliche Heiligenbilder, alte Kleidungsstücke und ein Wand schränkchen, das aus einer Kiste hergerichtet wurde. Die Stubenthür haben die Knaben mit Bildern geschmückt, die ihnen auf der Straße in die Hände gefallen sind. In einer der Ecken steht eine Kiste mit Blechabfällen und neben ihr der Weißblechvorrat, in einer anderen ist ein Topfbrett fest gemacht. Die einzigen Möbel sind ein Tisch, ein Stuhl und einige Bänkchen. Tisch und Bänke hat der Meister aus den Brettern einer Eier kiste zusammengenagelt. Der Stuhl ist nur für ihn da; die übrigen In sassen des Quartiers benutzen außer den Bänken noch die Holzformen als Sitze, auf denen sonst das Blech gerundet wird. Da die Drahtbinder nurselten lüften, sammeln sich in einem solchen Zimmer nicht gerade die besten Dünste; zum Eintritt gehört darum schon einiger Mut, zumal in An betracht der vielen Flöhe, denen der nie gereinigte Boden eine willkommene Brutstätte bietet. Die Landhausierbetriebe sind über das ganze Land zerstreut. Zu ihnen gehören alle Drahtbindereien in den Landgemeinden und je 3 Dresdner und Leipziger. Von 20 Drahtbindereibetrieben entfallen auf sie 13; 6 sind Einzelunternehmungen, 6 andere gehören 2 und eine 5 Meistern, die mit einander Compagnie machen'. Mit Ausnahme von 2 Compagnien halten alle Betriebe Gehilfen: 3 Betriebe je 3, 2 je 2, 3 je 1 und je 1 Betrieb 8, 6 und 4 Leute. Unter den Gehilfen ist zu scheiden zwischen Lohn hausierern und Werkstattarbeitern. Letztere bleiben daheim und helfen dem Meister bei der Erzeugung von Waren, es sind im ganzen 5; 2 arbeiten in 2 Einzelunternehmungen und 3 in 3 Compagnien. Die 3 Compagnien sind so eingerichtet, daß ein Meister und 1 Werkstattarbeiter der Waren produktion obliegen, während der andere mit den Lohnhausierern auf den Handel geht; in den beiden ohne Gehilfen teilen sich die Meister in der Weise in die Arbeit, daß der eine hausiert und der andere daheim Produziert, repariert, was ihm die Leute zutragen, und sich unter Umständen von seinem Compagnon auch als Begleiter mitnehmeu läßt. In den 2 Com pagnien, die nur Lohnhausierer halten, bleibt ebenfalls nur ein Teilhaber zu Hause. In solchen Betrieben, die für die Werkstattarbeit noch einen Gehilfen halten, legen sich die Meister auf die Verfertigung von Topfstürzen, Krügen, Scheuereimern, Wasser- und Gießkannen, endlich Bratpfannen aus Schwarz blech. Für das Runden des Bleches und das Eindrücken der Falzrinnen * Ähnliche Verhältnisse schildert Geissenberger in seiner Arbeit über Elsaß- Lothringen. Schriften d. V. f. Socialpolitik I^XXX, 57. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Der Hausierhandel der slovakischen Drahtbinder. 247 und der Wulste an den Topfstürzen hat eine Arbeitsmaschine, die sogenannte Siekenmafchine, Eingang gefunden. Die im Quartier zurückbleibenden Meister und Gehilfen führen daheim dasselbe Leben wie die Stadthausierer. Sie schlafen ebenso ärmlich und wohnen, wenigstens in der Stadt, auch so eng beieinander. Unter den 3 Großstädten Breslau, Dresden und Leipzig, die der Verfasser besuchte, liegen die Verhältnisse in Dresden am günstigsten. Hier hat ein Betrieb sogar ein hübsches Familienlogis gemietet ; an zweiter Stelle folgt Breslau und Leipzig erst an dritter. In Leipzig befinden sich die Wohnungen in Neben- und Hintergebäuden 2. Von 6 Quartieren haben nur zwei Halbwegs genügende Räumlichkeiten ; eine dritte Wohnung ist sehr feucht ; die vierte liegt mit der eines blinden Mannes auf dem Futterboden eines Hofgebäudes und ist nur durch einen losen Bretterverschlag von dem übrigen Raume getrennt; die fünfte und größte ist eigentlich als Pferdestall vorgesehen, und die sechste wäre sonst nur als Werkstatt zu vermieten. Auf dem Lande, wo man für 20 bis 30 Thaler schon ein halbes Häuschen mieten kann, machen es sich die Drahtbinder etwas bequemer. Die Kost soll etwas besser sein als in den Stadthausierbetrieben; doch verdienen die Meister, die ihren Werkstatt arbeitern angeblich täglich Fleisch vorsetzen, keinen Glauben. Die Landhausierer treten gewöhnlich am Montag srüh ihre Reise an; am Sonnabend gegen Abend kommen sie ins Quartier zurück, am Sonntag wird der Warenvorrat ergänzt und Montags die Reise von neuem an getreten. Ist der Rückweg weit, dann bleibt der Hausierer auch einmal zwei Wochen weg und läßt sich die fehlenden Waren nachschicken. Bei jeder Rückkehr liesert er ab, was ihm nach Abzug der Reisespesen übrig geblieben ist. Er lebt auf der Reise ebenso einfach wie die Stadthausierer, bettelt außer um Mittagessen auch um Speck und Brot und gönnt sich, wenn er nichts geschenkt erhält, als Mittag- und Abendbrot höchstens ein Glas Bier oder Branntwein mit Brot und Wurst oder Käse. Sein Nacht lager ist in der Regel eine Streu auf dem Heuboden, in einer Scheune oder einem Stalle der Dorfschenke. Einige Meister machen insofern eine Ausnahme, als sie eine Bettstelle besitzen, jedoch kein Federbett. Zwei Meister in L.-Kleinschocher haben sich ihr Nachtlager in der Weise zurechtgezimmert, daß sie einige Pfosten in die Erde geschlagen haben, über diese find ein Paar starke Stangen und über die Stangen wieder Bretter genagelt. Auf diesem Gestelle ruht der Strohsack. Sie gehen nicht, sondern steigen zu Bett. In Berlin wohnen die Drahtbinder in den südlichen und nördlichen Vor orten. In Magdeburg führt der von ihnen bewohnte Ortsteil im Volksmunde den schönen Namen „Walachei". OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
248 Hermann Kind. Die kombinierten Betriebe können nur in der Großstadt Vorkommen und beschränken sich auf eine Dresdner und eine Leipziger Drahtbinderei mit zusammen 3 Meistern und 12 Leuten, die sämtlich Lohnhausierer sind. Für ihre Betriebsweise gilt, was bei den Stadt- und Landhausierbetrieben bereits erwähnt wurde. Im übrigen Deutschland überwiegen ebenfalls die gemischten und unter diesen die Landhausierbetriebe; nur sind sie nicht selten größer und setzen einen Teil ihrer Produkte auch an Wiederverkäuser ab. Eine Breslauer Draht binderei hat aus diesem Grunde neben 5 Hausierern nicht weniger als 6 Werkstattarbeiter. Der Vollständigkeit wegen sei noch zweier slovakischer Drahtbindereien gedacht, die nur Drahtwaren erzeugen und diese im großen an Wiederverkäufer absetzen; die erste befindet sich in Berlin, die andere in Breslau. Die Berliner „Nadlerei", wie der Inhaber seinen Betrieb nennt, besteht seit 1898, die Breslauer „Fabrik verzinnter Drahtwaren" seit 9 Jahren; sie fing damals mit 4 Leuten an und arbeitete zuletzt mit 25- Ihr Warenkatalog zählt mehr als 60 verschiedene Nummern, darunter in Drahtgeflechten ruhende Kannenuntersetzer und Teller aus Porzellan. Die Produkte find fast nur Handarbeit. Soweit Arbeitsmaschinen vorhanden sind, verrichten sie nur Hilfsarbeiten, umspinnen Draht, flechten zwei- und dreifache Seile und stellen Drahtspiralen her. Der Breslauer Betrieb hat einen Umsatz von ungefähr 10 000 Mark und giebt für Rohstoffe jährlich 3000 Mark aus * . Seine Kunden sind slovakische Drahtbinder und Kauf leute * Er kaufte im April 1898 für 358, im Mai für 299 und im Juni für 280 Mark Draht ein. 2 Flechtner, Das Hausiergewerbe in Breslau und in der Provinz Schlesien, scheint diesen Betrieb gar nicht gekannt zu haben. Siehe Schriften d. V. f. Social politik 1.XXVII, 16-25. 3. Rohstoff- und Warenbezug, Warenpreise. Im Königreiche Sachsen vertreiben die Slovaken weit mehr fertig gekaufte als selbstgefertigte Artikel; die letzteren beschränken sich auf Fallen, Plättfüße und die Blechwaren, die der Drahtbinder selbst Herstellen kann; zu den ersteren gehören das emaillierte Geschirr, die Eisen- und Stahlwaren, das Blechspielzeug, die Bürsten, die verzinnten Drahtwaren und die Weiß blechartikel, die der Drahtbinder nicht Herstellen kann. Ihre Zahl ist in den einzelnen Betrieben, entsprechend der Geschicklichkeit des Meisters, verschieden. Der Rohstoffbezug tritt hinter dem Wareneinkaufe an Bedeutung weit zurück. Für die reinen Handelsbetriebe kommt er natürlich überhaupt nicht in Betracht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Der Hausierhandel der slovakischen Drahtbinder. 249 Die Rohstoffe, welche in der Drahtbinderei Verwendung finden, sind Blech, Draht, Bandeisen, Holz, Drahtgaze und etwas Zinn und Salzsäure. Sie stehen an Qualität den in den Klempnereien verwendeten nicht nach. Die gekauften Waren aber sind „Ausschußartikel" oder speciell für Hausier zwecke hergestellte minderwertige Sachen, die bei den Fabrikanten den Namen Hausierwaren führen. Jeder Drahtbinder benutzt so viel als möglich die Vorteile des Engrosbezugs; er nimmt von Blech wenigstens eine Kiste, von Draht mehrere Rollen, von leichtverkäuflichen und billigen Waren gleich mehrere Dutzend und macht bei seltener begehrten wenigstens das Vierteldutzend voll. Drahtgaze, Bandeisen und Holz kauft er im einzelnen nach Metern oder als Brett. In Leipzig finden anstatt der Bretter auch Eierkisten Ver wendung. Blech und Draht werden aus besonderen Eisengroßhandlungen, die Waren aus Fabriken oder Fabrikniederlagen oder von Grossisten bezogen. In der Großstadt hat der Drahtbinder am Orte Gelegenheit dazu, auf den Dörfern wendet er sich nach der Stadt. Die Drahtbinder der Lausitz lassen sich das Blech und den Draht meist aus Dresden, das emaillierte Blech geschirr aus der Bautzener Niederlage eines Bernsbacher Emaillierwerkes und die Drahtwaren aus Breslau kommen. Die Breslauer „Fabrik" hat eine ausgedehnte Geschäftsverbindung mit den Slovaken. Bei ihr laufen Bestellungen aus allen Gegenden Deutsch lands ein, von Köln, Hamburg, Bremen, Kiel, Berlin, aus der Ober lausitz, Posen und Ratibor. Ihr Inhaber bewilligt seinen Kunden einen ziemlichen Kredit, ist aber auch, obwohl er vor der Lieferung Erkundigungen einzieht und die meisten Besteller persönlich kennt, öfter Verlusten ausgesetzt oder genötigt, die Schulden in der Heimat zwangsweise eintreiben zu lassen. Im westlichen Sachsen lassen sich die Drahtbinder ihre Hausierartikel vielfach aus Leipzig kommen. Hier sitzt ein Großhändler, der sein Haupt geschäft mit Hausierern und Bazaren macht und die Drahtbinder selbst be sucht oder durch Reisende besuchen läßt. Er und die Reisenden kommen außerhalb Sachsens auch in die slovakischen Quartiere nach Pforten bei Gera, Naulitz bei Altenburg, Gotha, Apolda, Stuttgart, Berlin,.Pinneberg, Hamburg, Lübeck, Liegnitz und Breslau. Da sie den Drahtbindern von Zeit zu Zeit einige Töpfe und Schüsseln oder einen Eimer zum Geschenk machen, bei ihren Besuchen Freibier geben und so die schwachen Seiten der Slovaken ausnützen, gelten sie unter diesen allgemein als gute Leute und machen mit ihnen gewinnbringende Geschäfte. Die Waren werden gewöhn lich gegen Nachnahme geliefert, doch erhalten feste Kunden, die schon jähr- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
250 Hermann Kind. zehntelang regelmäßig bezahlt haben, je nach der Größe ihres Betriebs auch Umschlagskredit in Höhe von 20 bis 80, 100 und mehr Mark. Den in Leipzig wohnenden Drahtbindern wird nur für 20 Mark Kredit bewilligt, da sie kein Lager zu halten brauchen und spätestens jeden Sonnabend die ausgegangenen Waren ergänzen können. Der Drahtbinder ist ein unangenehmer Käufer. Er wählt sehr lange aus, besieht sich jedes einzelne Stück nochmals von allen Seiten und kann um einen Pfennig stundenlang feilschen. Viele Geschäftsleute sehen ihn des halb nicht gern kommen. Sie versäumen mit ihm zuviel Zeit und können an ihm nichts oder nur ganz wenig verdienen, da infolge der Konkurrenz der Lieferanten untereinander die Warenpreise allmählich außerordentlich gesunken sind. Eine Kohlenschaufel, die dem Grossisten 12 Pfennige kostet und vom Slovaken mit 35 und 30 Pfennigen verkauft wird, erhält derselbe mit nur einem Pfennig Aufschlag. Die Drahtbinder verkaufen ihre Waren im Durchschnitt mit 100 und mehr Prozent über dem Selbstkostenpreise. Die folgende Zusammenstellung bietet von einer Anzahl slovakischer Handelswaren die Engrospreise beim Einkauf, die mittleren Verkaufspreise und den durchschnittlichen Bruttogewinn. Bei den selbstgefertigten Waren ist als Selbstkostenpreis der Betrag ange nommen, zu dem die Meister einander aus Gefälligkeit einzelne Stücke ablassen. Waren Einkaufspreise in Mark Verkaufspreise in Mark Bruttogewinn im Durch schnitt in Prozenten im Gesamtdurchschnitt Blechw aren. Mehlschaufeln . . . 0,12 — 0,15 0,25-0,40 140 Eierschaufeln .... 0,09-0,11 0,25 150 Theesiebe ...................... 0,05-0,06 0,10-0,15 127 115 Knaulbecher .... 0,06 0,10 66 Sparbüchsen .... 0,05-0,075 0,10 60 Klappern ...................... 0,04 0,10 150 Drahtwaren. Messerkörbe .... 0,35 0,50-0,70 71 Schneeschläger . . . 0,12 0,25-0,30 129 Herzen (Schlüsselhaken) 0,30 0,50-0,60 83 - 93 Geldkassetten .... 0,58 1,10-1,20 93 „ .... 0,76 1,40 — 1,50 90 E i s e n w a r e n. Kohlenschaufeln . . . 0,13 0,30-0,35 111 , Korkzieher .... 0,12 0,20 — 0,25 87 99 Küchenmesser .... 0,10 0,20 100 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Der Hausierhandel der slovakischen Drahtbinder. 251 Selbstg efertigte Waren. Den Draht- Gewinn in Prozenten Waren bindern abgegeben Verkaufspreis im Durch schnitt im Gesamt durchschnitt zu Mark Brühsiebe .... 0,20 0,30-0,35 62 Reibeisen .... 0,20 0,35 75 Töpfe ...................... 0,18 0,35-0,40 108 „ .............................. 0,25 0,35-0,40 50 // * * * * 0,30 0,60 — 0„70 116 > 97 Kuchenformen . . 0,35 0,70-0,80 114 Fallen ..................... 0,15 0,25 — 0,30 83 „ ............................... 0,20 0,40-0,50 125 „ .............................. 0,25 0,50 — 0,60 120 „ ..... 0,40 0,80 - 1,00 125 . Der Drahtbinder hat keine festen Preise Wenn das Geschäft nicht * Vergl. auch den Hausierhandel im Amtsbezirke Donaueschingen. Schriften d. V. f. Socialpolitik I.XXX, 227. 2 Vergl. oben S. 244. gehen will, giebt er diesen oder jenen Artikel auch einmal billiger ab, rechnet aber dabei schon damit, daß er bei der nächsten Gelegenheit andere Käufer mit dem doppelten Preise hineinlegen wird. Willkommenen Anlaß bietet ihm hierzu das Abhandeln vieler Frauen, die sich in dem Wahne wiegen, billig gekauft zu haben, wenn sie die Ware um die Hälfte des Angebots erhalten. 4. Lohnhausierer und Werkstattarbeiter. Die Gehilfen und Lehrlinge erhalten außer Kost und Wohnung noch einen niedrigen Lohn und verpflichten sich in der Regel im voraus auf ein, seltener zwei Jahre zum Hausieren oder zur Werkstattarbeit. Der Lohn wird pro Woche festgesetzt, aber jährlich ausgezahlt, und richtet sich, mit Ausnahme der Knaben?, ganz nach der individuellen Tüchtigkeit. Er beträgt für die jüngsten Stadthausierer V2 Gulden und weniger, steigt nach einem Jahre auf 1 und dann allmählich bis 2 Gulden. Die Landhausierer erhalten 2 bis 3^/2 Gulden. Die Werkstattarbeiter werden etwas besser bezahlt. Ihr höchster Lohnsatz soll ausnahmsweise in Sachsen 4 Gulden erreichen. Ein Dresdener Betrieb stellt seine Hausierer auf Tantieme. Der Meister berechnet den Wert der Ware und bringt von demselben 350/0 als Lohn in Abzug. Er thut es, um auf diese Weise seine Leute besser ausnützen zu können als die anderen Meister; diese aber lassen es auch nicht daran fehlen. Den Landhausierern wird nachgespürt, ob sie auf der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
258 Hermann Kind. Zug zu sein. In ihrer Heimat sind säst alle diese Leute kleine Bauern; das Drahtbinden, Holzfällen, Bauen und die ErdarLeit betrachten sie nur als Nebenberufe. Darum hasten sie bei aller Unstetigkeit doch an der Scholle, und die karge Heimat zieht sie immer wieder zurück, obwohl sie sie nicht ernähren kann. Hier wohnen sie dann in den Dörfern mit Juden und Zigeunern untermischt. Die Slovaken bilden die überwiegende Mehrheit. Für die Hauptorte der Abwanderung wurden durch die Volkszählung von 1890 folgende Zahlen festgestellt*. Sie sind unvollständig, bieten aher doch wenigstens für einige Orte ein Bild von der Zusammensetzung der Be völkerung. Ort Einwohnerzahl Zahl der Juden Aus 100 Einwohner kommen Juden Csacza . . . 4 360 383 8,78 Visoka-Makavo . 3 681 151 4,10 Tursovka . . . . 7 599 125 1,64 Gr.-Divina . . 1 227 17 1,38 Dlhepole . . . 2 638 28 1,06 Rovne . . . 3 989 36 0,90 Zakopcze . . 2 526 18 0,71 Kraszno . . . 2 154 15 0,69 Stzaskov . . . . . 1365 8 0,58 Für ungarische Verhältnisse sind diese Prozentsätze sehr niedrig. Im ganzen Königreiche machen die Juden 4,82 o/o, im Komitate 4,67 O/o der Gesamtbevölkerung aus; diese Durchschnittszahlen werden aber nur in Csacza, das sich durch lebhaften Holzhandel auszeichnet und nur wenige Drahtbinderfamilien aufweist, erreicht und überschritten. Das ist immerhin charakteristisch. Selbst für den Juden ist in diesen Dörfern nicht viel zu holen. Die Zigeuner beziffern sich in den erwähnten 3 Stuhlrichterbezirken auf nur 253 Köpfet Sie sind verachtet, wohnen außerhalb des Dorfes in einer armseligen Hütte oder einem Zelte und schmieden unter freiem Himmel aus altem Eisen Nägel, Hufeisen und Ketten. Da der Ertrag ihrer Arbeit nicht entfernt für den Unterhalt hinreicht, verlegen sie sich in der Hauptsache auf das Stehlen und Betteln. Sie sind für die wirtschaft lichen Verhältnisse in den Drahtbinderdörfern von ganz untergeordneter Bedeutung und können hier außer Acht gelassen werden. ' Sie sind dem Verfasser durch den Direktor des Statistischen Bureaus der Stadt Budapest, Herrn Dr. Körösi, mitgeteilt worden. 2 Näheres siehe in der Zigeuner-Konskription vom Jahre 1893. Ung. Stat. Mitt. IX N. Flg. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Der Hausierhandel der slovakischen Drahtbinder. 25S Der Jude jedoch spielt eine hervorragende Rolle. Er bildet mit dem Pfarrer, Notar und Lehrer die Intelligenz der Gemeinden, und in der Mehrzahl derselben nimmt er auch eine wirtschaftlich wichtige Stellung ein, die mit der Entfernung der einzelnen Gemeinden von der Stadt an Be deutung zunimmt. Er ist sehr vielseitig; ost ist er Schenkwirt, Krämer, Fabrikant, Holzhändler und Grundbesitzer in einer Person. In der Schenk stube führt er Wein, Bier und Branntwein, im Kramladen Brot, Wurst, Gemüse, Mehl, Schnittwaren, Kleidungsstücke, eine Menge Bedarfsgegen stände für den Landwirt, besonders Eisen- und Stahlwaren. Als Holz händler verlegt er sich auf den Ankauf von Waldbeständen, die er abtreiben läßt, und als Fabrikant läßt er Schindeln anfertigen, in der Sägemühle Bretter schneiden und in der Tanninmühle Rinden zerkleinern. In einigen Orten beziehen außerdem noch die Frauen und Töchter den Markt. 2. Die Vefitzverhältnisse. Die slovakischen Kleinbauern sind arme Leute. Sie wohnen in kleinen, aus Balken zusammengefügten Hütten, deren Schindeldächer weit herab reichen. Vom Hofe aus gelangt man auf einen Flur mit zwei Thüren; die eine führt nach links in die Stube, die andere nach rechts in die Kammer, in der Milch, Butter, Kraut und die Kisten mit dem Getreide und den Kleidern der Frau aufbewahrt werden. Die Stube hat gewöhnlich zwei kleine Fenster, nicht höher und breiter als ein Fuß, die so wenig Licht durchlasfen, daß ein beständiges Halbdunkel herrscht. Abends wird noch der Kienspan angebrannt. Der Fußboden ist nur selten gedielt und die Decke schwarz wie Kohle. An ihr sind zwei Stangen angebracht, über die gewöhnlich die Oberkleider der Männer gehängt werden. Einen großen Teil des Raumes nimmt der plumpe Lehmofen ein. Um ihn und an der Wand ziehen sich breite und starke Holzbänke hin, deren Füße in dm Stubenboden eingeschlagene Pfosten sind. In der einen Ecke steht der starke Eichen- oder Ahorntisch, in der anderen ein Bett. Neben dem Ofen hängt an der Wand ein Topfbrett, auf dem einige stark angeräucherte Teller und Schüsseln stehen und an dem ein paar Töpfe hängen. Die Fensterseite der Stube ist mit Heiligenbildern geschmückt. Die Mehrzahl derselben aber wird an der Außenseite des Hauses unter dem vorspringenden Dache fest gemacht, damit sie nicht so bald schwarz werden; denn sehr häufig fehlt der Kamin. Der Rauch erfüllt dann die ganze Stube und sucht sich allmählich durch die Stuben- und Hausthüre einen Ausweg. Von den ärmsten Fa milien teilen sich auch zwei oder drei in eine solche Wohnstube, oder die dritte bewohnt die einfenstrige Kammer, die dann auch einen Ofen erhält. 17* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
260 Hermann Kind. Neben dem Wohnhaufe steht der hölzerne Stall, ein Verschlag zur Auf bewahrung des Ackergeräts und des armseligen Wirtschaftswagens und, wo es die Mittel erlauben , eine kleine Scheune Zaun und Thor , die das Besitztum von dem des Nachbars abschließen könnten, fehlen gänzlich. In dem armseligen Stalle hält der Bauer sür gewöhnlich eine Kuh, Bessergestellte haben auch ein Pferd, die ärmsten aber nur ein Schwein oder einige Ziegen und Schafe. Die Pferde sind klein und struppig * ; die Kühe gehören ebenfalls einer kleinen und unansehnlichen Rasse an; die Schafe sind vielfach heimische Zucht, und die Haltung der Schweine, die doch sonst den wichtigsten Zweig der ungarischen Landwirtschaft bildet und in der Ebene auch beim Tagelöhner nicht fehlt, ist vernachlässigt. Nach einer Durchschnittsberechnung für die obenerwähnten 31 Drahtbindergemeinden kamen 1891 in 7 Ortschaften mehr als 1 Stück, in 4 Ortschaften 2, in 18 2 — 3 und in 2 Gemeinden mehr als 3 Stück Hornvieh auf eine Wirtfchaft. Diese Zahlen bieten aber kein zuverlässiges Bild. Der Viehbesitz ist sehr ungleichmäßig verteilt. In Wirklichkeit schicken in den einzelnen Gemeinden reichere Bauern Herden von 15 Stück auf die Weide, während die Mehrzahl der Wirtschaftsbesitzer sich kaum ein Schwein Hallen kann. * Vergl. hierzu Löh er, Die Magyaren und andere Ungarn. In der Slovakei. S. 235 ff. Ein Katastral-Joch gleich 57, 55 a. s Handelskammerbericht S. 113. Ebenso nimmt sich auch der Besitz an Acker- und Gartenland, Wiesen- und Hutweiden, wie er nach den statistischen Erhebungen im Durchschnitt auf eine Wirtschaft entfällt, durchaus nicht gering aus. Er hält sich in den erwähnten Ortschaften zwischen 5,04 und 15,14 Katastraljoch? oder 2,90 bis 8,71 üa. Der wirkliche Besitz ist aber viel geringer als der be rechnete Durchschnitt. In Csacza beispielsweise, wo auf eine Wirtschaft im Durchschnitt 7,12 Katasterjoch oder 4,09 üa kommen, gehören dem reichsten Bauer über 90, der großen Mehrzahl aber nur 4 bis 5 Joch oder 2,3 bis 2,8 üu und weniger. Genauere Angaben über den Einzelbesitz waren nicht zu erlangen. Die Slovaken selbst konnten und wollten ihn nicht an geben; sie redeten von Schnuren, Kreuzern und Parzellen Landes, die groß und klein sein können und deshalb nicht als Unterlage für eine Berechnung dienen dürfen. Nach dem Berichte der Handelskammer Preßburg von 1896 zeigt das Komitat Trentschin im ganzen Königreiche die geringste Aus dehnung der Durchschnittswirtschaft 3. In einem noch viel ungünstigeren Lichte erscheinen die Besitzverhältnisse, wenn neben der Fläche noch die Beschaffenheit des Bodens in Betracht ge OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Ter Hausierhandel der slovakischen Drahtbinder. 261 zogen wird. Das Komitat Trentschin ist trotz seiner Größe * eins der unbedeutendsten und ärmsten von allen slovakischen Komitaten. Von den Karpathen umgeben und durchzogen besitzt es mit Ausnahme des prächtigen Waagthales keine Ebene und keine fruchtbare Gegend; der un fruchtbarste Strich aber ist das Gebiet zwischen der Landesgrenze und der oberen Waag, wo die Drahtbinder wohnen. Ein Berg reiht sich an den anderen und zwischen ihnen ziehen sich in südlicher Richtung enge Thäler mit kleinen Gebirgsbächen hin. Eine Ausnahme macht nur das Thal der Kisucza; es ist breiter und länger als alle übrigen und streicht erst west östlich, ehe es sich in südlicher Richtung der Waag zu öffnet. * Es hatte 1890 einen Flächeninhalt von 4619 ykm mit 265 387 Einwohnern und steht nur Neitra (mit 5 723 gkm und 407 860 Einwohnern) nach. 2 Vgl. hierzu 1. Paul, C., Die Karpathensandsteingebilde der Beskiden, im Jahrbuch der K. K. Geologischen Reichsanstalt XV (1865) Verhandlungen S. 31. 2. B abanek, Die nördlichen Teile des Trentschiner Komitats, daselbst XVI (1866) S. 105 ff. Der Boden besteht aus grobkörnigem Karpathensandstein, der an steilen Abhängen bisweilen als Felsen zu Tage tritt, an allen anderen Stellen des Gebirges und in der: Thälern als Geröll oder Schotter abgelagert ist und in den Betten der Gebirgsbäche sich in mächtigen Schichten findet Er trägt fast nur Kartoffeln, Hafer, Gerste und Kraut. Hier und da er freut auch ein Stückchen Leinsaat, Hanf oder Heidekorn das Auge. Die Felder sind mit Steinen wie übersäet und ziehen sich an den Abhängen der Berge hinauf bis zum Gipfel. Sehr oft ist ein ganzer Berg auch nichts als eine einzige Hutweide. Der slovakische Bauer treibt Feldgraswirtschaft. Er bestellt seine Äcker mit viel Fleiß und Ausdauer, liest im Frühjahre die Steine ab und wirft sie neben dem Felde hin , sodaß mit der Zeit ganze Steinwälle entstanden sind. Das Pflügen besorgen immer 2 Personen gemeinsam, die eine lenkt den Pflug, und die andere führt die Pferde. Um zu verhüten, daß die Pflugschar aus dem steinigen Boden herausspringt, wird der Pflug noch mit einem Steine belastet. Nach den vielen Stellen, wohin man mit dem Wagen nicht gelangen kann, tragen Männer und Frauen den in große Tücher eingebundenen Dünger auf dem Rücken keuchend den Berg hinan. Trotz dieser Mühsal gewähren die Fruchtbestände nur einen traurigen Anblick. Der Kartoffelacker weist eine Menge kahler Stellen auf; das Kraut ist klein und niedrig; die Halme des Getreides stehen so dünn, daß man sie zählen kann und erreichen nur eine Höhe von 8 bis 12 Zoll. Erhöht wird die Unfruchtbarkeit noch durch das ungünstige Klima, das besonders im Kisuczathale trocken und kalt sein soll. Hier läßt die Kälte OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
262 Hermann Kind. das Obst nicht zur Reife kommen; im Frühjahre frieren nicht selten die Kartoffeln aus; der Sommer hat nur wenig warme Tage, so daß sich die Ernte bis in den September und Oktober verzögert; und der feuchte neblige Winter weist öfter Kälten von 24 Grad Reaumur auf*. Es ist vorgekommen, daß es in dem hochgelegenen Makov am ersten Oktober in den Hafer schneite und die Kartoffeln überhaupt nicht ausgegraben werden konnten. Was Kälte und Hitze nicht zu Grunde gerichtet haben, das verheeren am Ende noch mächtige Regengüsse, die den guten Boden die Abhänge hinunter in die Bäche spülen, die sie zur Waag hinabführen. Der Waldbesitz der einzelnen Bauern reicht gewöhnlich gerade hin, den Jahresbedarf an Brennholz zu decken. Große zusammenhängende Strecken gehören auswärtigen reichen Juden, die in Wien und Paris wohnen. Andere Waldflächen haben die heimischen Juden an sich gebracht. Die Gemeinden sind nur noch teilweise im Besitze von Wäldern; viele haben den Wald verkauft, und manchen ist er in Prozessen mit den Grund herren abgesprochen worden. Der gewöhnliche Gesamtbesitz eines Bauern hat einen Wert von 250 bis 300 Gulden. Bei den Leuten, die keinen Wald haben oder sich mit Geschwistern in den Besitz ererbter Grundstücke teilen, beträgt der Anteil nur 100 Gulden und weniger. Für reich gilt schon derjenige, dessen Besitz 500 Gulden wert ist. Dem reichsten Bauern in Stzaskov gehören 2 Wohn häuser, 2 Scheunen, 15 — 16 Parzellen Wald und 25 Parzellen Acker und Weide, die zusammen auf 2000 Gulden geschätzt werden. Die Slovaken bequemen sich soviel als nur möglich den ärmlichen Verhältnissen an. Die Wohnung wurde schon oben geschildert. Hier sei noch erwähnt, daß nur Vater und Mutter ein Bett haben; der Säugling ruht in einem leinenen Tuche, das mit seinen vier Enden an einer wage rechten Stange über dem Bette festgemacht ist. Die übrigen Kinder betten sich auf den breiten Holzbänken; Großvater und Großmutter kriechen auf den warmen Ofen, und ältere Söhne und Töchter nächtigen gar nur im Stalle. Im Winter werden noch die Hühner, das Schwein und das Kalb mit in die Stube genommen und hinter Gittern unter der Ofenbank ein gesperrt. Von Reinlichkeit kann unter diesen Umständen keine Rede mehr sein. Die Küchen- und Hausgeräte beschränken sich auf das Allernot wendigste. Die Tracht ist ohne besondere charakteristische Züge und steht hinter der anderer Slovaken im Waagthale weit zurück. Die Frauen tragen im i Die Österreichisch-Ungarische Monarchie in Wort und Bild V, 11 S. 331 u. a. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Der Hausierhandel der slovakischen Drahtbinder. 263 allgemeinen einen grobleinenen, in viele Falten gelegten Rock, eine Schürze, die denselben verhüllt , um den Kopf ein großes schwarzes Tuch , das auch die Achseln bedeckt und an den Füßen krxoe oder Bundschuhe*. Die Männer kleiden sich noch einfacher. Sie tragen Sommer und Winter, Wochen- und Sonntags dieselbe Kleidung. Am meisten fällt die Nahrung durch ihre Einfachheit auf. Sie ist geradezu mangelhaft und besteht in der Hauptsache aus Kartoffeln, Sauer kraut und etwas Milch. In den meisten Fällen kommen des Morgens in Milch oder Buttermilch eingebrockte Kartoffeln auf den Tisch, oder Milch und Kartoffeln getrennt. Zu Mittag giebt es Kartoffeln und Sauerkraut und abends in Krautwasser eingebrockte Kartoffeln?. Der Slovake kennt nur drei Mahlzeiten, Vesper und zweites Frühstück sind ihm unbekannt. Sonntags werden in besseren Häusern auch Erbsen gekocht oder Speisen aus Gersten-, Heidemehl und Kukuruz bereitet. Fleischkost wird sehr selten und nur vom vermögenden Teile der Bevölkerung genossen Das Brot ist eine Art aus Gersten- und Hafermehl auf der Glut des eigenen Ofens gebackener Kuchen. Es führt den Namen Bagatschen oder Platzen und ist ebenfalls nur ein Sonntagsessen So fleißig, sparsam und ausdauernd der slovakische Bauer ist, so hat er doch auch einen großen Fehler, die Trunksucht. Von den slovakischen Edelleuten, als den Besitzern der Schenken, geduldet, und von den Juden, als Pächtern derselben, begünstigt, ist sie heute bei Frauen und Männern ganz allgemein. Sasinek klagt in seiner ethnographischen Skizze über die Slovaken: „Je ärmer die Gegend, desto mehr Trunkenbolde. Es giebt mehr Dörfer ohne Kirche und Schule als ohne Branntweinbrennerei^." Wirklich kennen die Männer und Frauen, wenn sie in der Schenke beim xalenka sitzen, im Trinken keine Grenzen. Der Wirt bringt sie nur schwer aus dem Hause. Um sie gegen 10 Uhr los zu sein, muß er um 9 Uhr ' Die Bundschuhe bestehen aus einem Stück starken Leders, das die Form eines Rechtecks hat. Der Slovake schneidet in dieses länglich runde oder viereckige Löcher und zieht Lederriemen hindurch. Dann tritt er mit dem Fuße auf das Leder und zieht es um seinen Fuß zusammen. Solche Schuhe heißen krpLe. 2 Der Jahreskonsum von Kartoffeln beträgt im Komitat Trentschin Pro Kopf 211,5 KZ. Es wird nur von Arva mit 217 KZ pro Kopf der Bevölkerung überragt. Keleti, Ernährungsstatistik der Bevölkerung Ungarns S. 105. s Ebenda S. 55. 4 In Trentschin betrug der Jahreskonsum von Gersten- und Haferbrot pro Kopf 108,71 an erster Stelle sind für Arva 142,46 kx und an dritter für Saros 79,14 KZ angegeben. Keleti, Ernährungsstatistik S. 105. 5 v. Safinek, Die Slovaken S. 46. Die Lebensweise. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
264 Hermann Kind. schon das Licht auslöschen und jeden Einzelnen allmählich hinausnötigen. Nach Sasinek scheint die ungarische Regierung den Bestrebungen eines Mäßigkeitsvereines keine Unterstützung haben zu teil werden lassen * ; heute kämpfen gegen dieses Laster nur die Ortsgeistlichen an. Sie predigen in der.Kirche gegen das Trinken und nehmen den Leuten ein Gelübde ab, den Genuß von Branntwein oder überhaupt von Spirituosen auf Zeit oder für immer zu meiden. Die häufigste Frist ist das Jahr. Sie wird auch ein gehalten; doch kaum ist sie vorüber, und der Pfarrer hat es nicht ver standen, das Gelübde vor dem Erlöschen erneuern zu lassen, so gönnt sich der Slovake zur Entschädigung einen Rausch, der dann auch gleich mehrere Tage dauert 2. * v. Sasinek, Die Slovaken S. 47. 2 In Trentschin entfällt nicht weniger als der vierte Teil der Auslagen sür Nahrungsmittel auf den Branntwein. Es nimmt mit 34,06 1, die durchschnittlich auf eine Person kommen, die vierte Stelle unter den Komitaten ein. — Kel eti, Er nährungsstatistik S. 105. 3 Der Slovake lernt nur selten ein Handwerk. Die Schneider sind meist Tschechen, die Schmiede stammen aus dem Polnischen. 4 Die Flößerei beschäftigt den Slovaken nur zeitweise. Sie ist beschwerlich und gefährlich; denn die Bäche sind ohne Ausnahme seicht, schwellen aber im Frühjahre bei Tauwetter oder nach starken Gewittergüssen in wenigen Stunden gewaltig an. Die Kisucza ist dann flößbar. Die Flößer stehen in Partien von 10 — 15 Mann mit Äxten und Stangen bewaffnet am User und erwarten die kommende Flut. Im Nu ist das Floß aufs Wasser gebracht und eilt mit seinen Führern davon. Vergl. hierzu „Die Österreichisch-Ungarische Monarchie in Wort und Bild" V 10, 296 f.; v. Sasinek, Die Slovaken. Der Handel S. 41. v. Mednyansky, Malerische Reise auf dem Waagflusse S. 6. 1826. Der slovakische Bauer schätzt sich glücklich , wenn ihn seine Wirtschaft ernährt; die Mehrzahl aber hat nicht ihr Auskommen. Außer den Ab wanderern muß noch eine große Anzahl anderer Bewohner Neben beschäftigungen nachgehen. Leute, die Wald genug besitzen, fertigen Schindeln und halten wohl auch einen Mann dazu. Die Besitzer von Pferden über nehmen Lohnfuhren. Meist hat die Wirtschaft auch da noch nicht genug Arbeit für das Pferd, und der Eigentümer pflügt die Felder der übrigen Dorfbewohner gegen Lohn um. Andere, die ein Handwerk gelernt haben, betreiben im Nebenberufe die Leinweberei, Tischlerei, Töpferei, Wagnerei, das Schmieden und den Hausbau o. Die Ärmsten gehen als Tagelöhner in die Säge- und Tanninmühle, zum Holzfällen, machen Schindeln oder flößen die gefällten Stämme mitsamt den Schindeln die Kisueza und Waag hinab bis Komorn^. Größere Söhne und Töchter vermieten sich als Knechte und Mägde zu den Wohlhabenden im Dorfe; die Kaben und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Der Hausierhandel der slovakischen Drahtbinder. 265 Mädchen hüten das Vieh der Nachbarn, und der Vater erhält dafür freie Weide für die Kuh. Die Einnahmen aus den Nebenbeschäftigungen sind so gering, daß sie die meisten Slovaken nicht haben vor Verschuldung bewahren können. Freilich hat das Trinken und die verkehrte Wirtsschaftsführung einen An teil daran, daß das leichtsinnige Borgen so allgemein ist; einen andern Teil der Schuld aber trägt die übergroße Ausnützung durch den Juden. Die Drahtbindergemeinden sind verhältnismäßig junge Gründungen. An ihrer Stelle standen vor 400 Jahren noch undurchdringliche Wälder. In der Gemeinde Csacza soll zuerst nach der Schlacht bei Mohacz (1526), in Tursovka im 17. Jahrhundert gerodet worden sein. Damals ließ die Herrschaft Bittse leibeigene Holzfäller aus südlicher gelegenen Gegenden in die nördlichen Urwälder einrücken * . Diese thaten sich familienweise zu sammen, verteilten das gewonnene Acker- und Weideland und errichteten inmitten desselben in den Thälern, auf den Abhängen und flachen Berg gipfeln ihre Wohnungen. Den Mittelpunkt derselben bildet immer die Kirche mit einigen anderen Gebäuden. Von ihnen aus zerstreuen sich die Ansiedlungen bis zu 4 und 5 Stunden in die Runde. * Die Osterr.-Ung. Monarchie in Wort und Bild V, 10. Tas Komitat Trentschin von Julius Lovcsunyi S. 296. Die kleinen Häuser liegen fast immer in der Mitte des Besitztums und schauen überall, in den Thälern und auf den Abhängen der Berge und Hügel, hinter dem Walde und zwischen den Feldern idyllisch hervor. Zu vielen von ihnen führt nur ein Fußpfad, da sie wegen des beschwer lichen und steilen Zugangs mit Fuhrwerk nicht zu erreichen sind. Am reinsten hat sich die ursprüngliche Ansiedlungsweise in Zakopcze erhalten. Hier bilden den Mittelpunkt die Kirche, die Pfarre, die Schule, ein Jägerhaus und fünf kleine Wirtschaften. Man nennt diese Ansiedlungen in deutscher Sprache „Plätze" und bezeichnet jeden derselben mit dem Namen der ersten Familie, wie Bogany, Repciky u. a. m. Ihre Zahl wächst mit der Größe der Orte, Zakopcze hat 70, Tursovka 105; jeder einzelne Platz kann wieder groß oder klein sein und umfaßt 3, 4 und 5, aber auch 20 und mehr Wirtschaften. Die ersten Generationen hatten zu leben; doch die Bevölkerung ver mehrte sich. Die drei Stuhlrichterbezirke Csacza, Kisucza-Uhelji und Bittse gehören heute mit zu den volkreichsten Teilen des Königsreichs. Nach einem Kartogramm kamen bei der letzten Volkszählung in Bittse und Kisucza- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
266 Hermann Kind. Uhelji 60 — 70, in Csacza sogar 70 — 80 Seelen aus den Quadratkilometer * . Soviel Leute aber kann der unfruchtbare Boden nicht ernähren. Dazu kommt noch, daß infolge der freien Teilbarkeit des Grundbesitzes die Wirt schaften immer kleiner geworden sind und daß der Verkehr zersetzend in sie eingegriffen hat. Aus der Haushaltung ist die Handmühle verschwunden; die alten Öfen kommen ab. Die Fertigung des Hausgeräts hat man ganz, die Herstellung der Kleidung nahezu aufgegeben. Da nur noch wenige Schafe gehalten und geringe Flächen mit Hanf und Flachs besäet werden, ist das Spinnen, Weben und Walken abgekommen. Die Frauen besorgen nur noch das Zuschneiden und Znsammennähen der Leinwand und des Halinatuches. Auch die Fertigung der Schuhe im Hauswerk ist größten teils aufgegeben. Nur daran hält der slovakische Bauer noch fest, daß er seine Nahrung selbst baut. Aber obgleich er sieht, daß sein Acker nicht genug trägt, denkt er doch nicht daran, intensiver zu wirtschaften, sondern kauft, wo sein Acker nicht reicht, lieber neue Parzellen hinzu. Er düngt nur nach jedem dreijährigen Umtrieb, in dem gewöhnlich Kartoffeln, Gerste und Hafer oder Klee einander folgen und benutzt, weil er das Stroh zum Füttern braucht, als Streu die von den stehenden Stämmen der Tannen und Fichten heruntergebrochenen und kleingehackten Äste. Der forstliche Betrieb ist ungeregelt; der Nachwuchs der gefällten Stämme bleibt der Natur überlassen. Am Ende schlägt der Bauer noch den zu Grunde ge richteten Rest seines Waldbestandes ab, um Ackerland zu gewinnen. * Ungarische Statistische Mitteilungen I S. 74*/75*. Tas Komitat besaß eine durchschnittliche Bevölkerungsdichtigkeit von 56,01 aus den Quadratkilometer. Der leichtsinnige Landkauf ist sein Ruin. Der Dorfjude läßt die Kauf schulden hypothekarisch sicher stellen und verlangt wenigstens 8 o/o Zinsen. Er weiß selbst viel zu genau, daß der Slovake das schreiende Mißverhält nis zwischen der hohen Verzinsung des Kapitals und dem geringen Ertrage des Grund und Bodens auf keine Weise auszugleichen vermag und läßt die Schulden mit Zins und Zinseszins bis zur reichlichen Hälfte des Wertes vom Gesamtöesitze des Bauern anwachsen. Dann verlangt er Geld, das Besitztum wird versteigert , er ersteht es selbst und macht nun mit anderen Bauern, an die er die so erworbenen Felder und Weiden weiter verkauft, dasselbe Geschäft noch einmal. Aber auch auf andere Weise nützt der Jude den armen Slovaken aus. Als einer der wenigen Arbeitgeber am Orte ist er in der Lage , die Löhne für das Schindelmachen, die Fuhren und Waldarbeiten soweit herab zudrücken, daß der Arbeiter und die Arbeiterin nicht auskommen können OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Ter Hausierhandel der slovakischen Drahtbinder. 267 und manchmal noch Schulden hinterlassen, wenn die Arbeit aufhört. Eine Frau bekommt täglich 20, ein Mann 30 — 35 Kreuzer und die Kost; ohne dieselbe wird er mit 40 — 50 Kreuzern und einem Liter Branntwein ab gefunden. Die Schindelmacher müssen zu Zweien vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten, wenn sie zusammen 1 Gulden 60 — 80 Kreuzer verdienen wollen; es ist der Lohn sür 1000 Stück Schindeln. Als Holz händler wissen die Juden den Leuten den Wald um ein Spottgeld ab zuschwatzen; als Gastwirte schenken sie Branntwein auf Kredit ein und schreiben, wenn die Gäste sinnlos betrunken sind, mit doppelter Kreide; als Dorfkrämer nehmen sie den Bauern die Eier- und Buttervorräte ab und setzen, da sie im Umkreise von mehreren Stunden die einzigen Aufkäufer sind, die Preise nach ihrem Belieben fest. Ihr Gewinn wird noch dadurch wesentlich erhöht, daß sür die Waren nicht bares Geld gegeben wird, sondern Salz, Gemüse u. a. m. eingetauscht werden muß. Viele von ihnen sollen überdies noch für den Ankauf eine andere Wage als für den Ver kauf benützen*. Als Bauernbankiers leihen sie auch bares Geld aus, fordern dann aber ein Stück Feld oder die Kuh als Pfand. Das Geschäft wird in der Weise gemacht, daß der Gläubiger den Wert der Kuh auf möglichst wenig, sagen wir 12 Gulden, festsetzt, diese Summe zahlt und gleichzeitig dem Slovaken sagt: „Du wirst das Tier noch einige Monate füttern, dann wollen wir es verkaufen." Sie lösen 20 Gulden, der Jude nimmt sich das geliehene Geld und teilt sich mit seinem Schuldner in den Mehrerlös. Viele Bauern sind mit der Zeit so verarmt, daß sie von vornherein den Juden bitten, ihnen eine Kuh oder einige Schafe zu kaufen. Dabei giebt es dann eine große Mannigfaltigkeit von Abmachungen, die um so größere Vorteile für die jüdischen Gläubiger bieten, je fester sie den Bauer in der Hand haben. In Zakopcze hatten vor Jahren von 2 Juden der eine einmal 150, der andere 300 Kühe bei armen Leuten im Futter. Die Juden werden auf diese Weise regelmäßig die reichsten Leute am Orte. In Stzaskov hat sich der erste vor ungefähr 70 Jahren nieder gelassen. Nachdem er einige Jahre als kleiner Hausierer herumgezogen war, baute er sich ein Holzhäuschen und richtete einen Kramladen ein. Die Slovaken kauften und borgten. Wenn dann nach Jahren der Besitz verschuldet war, wurde den Schuldnern der Prozeß gemacht, und der Jude brachte hier und da ein Stück Acker, -eine Parzelle Wald oder Weide und manchmal auch das Häuschen an sich. Von dem Gewinne ließ er ein schönes Ziegelhaus aufführen, erhielt die Schankgerechtigkeit und ruinierte i Vgl. hierzu Bergner, Eine Fahrt durchs Land der Rastelbinder, S. 24f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
274 Hermann Kind. Hausierern, die anstatt mit dem 30. schon mit dem vollendeten 24. Lebens jahre zum Hausieren zugelassen werden, ihre Hausierbewilligung gleich für das ganze Reich mit Einschluß aller sonst ausgeschlossenen Orte erhalten und bezüglich ihrer Begleiter nicht an die Bestimmungen des § 15 gebunden sind, nach dem nur diejenige Person Gehilfe eines Hausierers sein kann, die alle die Eigenschaften für sich ausweist, welche die Gesetzgebung für den Hausierhandel überhaupt vorgeschrieben hat * . * Vergl. Tha a, Der Hausierhandel in Österreich (Wien 1884). H 17 des Ge setzes und a. a. O. 2 Schriften d. V. f. Socialpolitik I.XXXII, 187. » Ebenda I.XXXII, 49. r Jahrgang 1896, 115. 6 Jahrgang 1886, 120; 1889, 126 f.; 1892, 132. 6 Andree, Tschechische Gänge S. 218 fl. i Schriften des V. f. Socialpolitik I.XXX, 237. Triest. Diese Vergünstigungen haben für Österreich eine wahre Drahtbinder plage zur Folge. In der Stadt Reichenberg und ihrer Umgebung hielten sich im Jahre 1896 nicht weniger als gegen 100 Drahtbinder und Draht warenhändler auf, die noch dazu mehr Bettler als Hausierer waren Ähnliche Klagen werden auch in der Hausierarbeit aus Steiermark und den Berichten der Prager * und der niederösterreichischen Handelskammer laut. In Niederösterreich soll nach den Auskünften der Drahtbinder das Geschäft zum Teil wie in Sachsen betrieben werden; einige geschickte Leute arbeiten während der Saison auch nur als Bauspengler und reisen im Winter nach Hause; die meisten aber sind noch die alten Wander gewerbetreibenden in der Weise, wie sie von Anfang an aufgetreten sind. Als solche tragen sie wie in der Heimat die enganliegenden, schmutzigen Halinahosen, die unten von den Riemen der Bundschuhe zusammengehalten werden. Das grobleinene Hemd, das die ganze weite Reise aushalten muß, ist zum Schutze gegen Ungeziefer mit Fett getränkt. Als Mantel, Decke und einziges Kleidungsstück, welches den Oberkörper schützt, dient im Sommer wie im Winter die grobwollene Bunda, die über die Schultern geworfen wird und deren einer Ärmel unten zugenäht ist. Er bildet so einen Sack, in dem sich allerlei Kleinigkeiten aufbewahren lassen. Das wenige Werk zeug, wie Hammer, Schere und Bohrer, wird in einer ledernen, mit Messingknöpfen benähten Tasche mitgeführt. Einige Rollen Draht, die auf der Achsel getragen werden, ein paar fertige Mäusefallen und Pfeifenräumer vollenden die Ausrüstung^. Kommen diese Drahtbinder in einen Ort, so lassen sie ihr „vrato^vat" erschallen flicken Siebe und Gitter, umstricken Töpfe und arbeiten geschickt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Der Hausierhandel der slovakischen Drahtbinder. 275 kleine Ketten aus Draht. Der Platte Boden vor dem Hause ist ihre Werk statt; bei ungünstigem Wetter kann man sie auch im Hause auf der Treppe oder in der Scheune arbeiten sehen. Ihr Lohn sind einige Kreuzer, zu denen sie sich noch ein Stück Brot und etwas Speck oder Mehl ausbitten. Die Geschicktesten unter ihnen führen auch Töpfe, Reibeisen, Schaufeln und Blech mit, fetzen in Blechtöpfe neue Böden ein und löten wie der Klempner. Ihr Blechgeschirr fertigen sie unter freiem Himmel an den Straßen oder im Walde, wo Baumstämme oder Steine bequeme Sitze oder Arbeitstische darbieten. Sie nächtigen nie in der Schenke, sondern lagern sich in warmen Sommernächten zu Zweien oder Dreien in Waldungen und kochen auch dort ihr Abendessen. Wenn aber die Witterung sie zwingt, ein schützendes Obdach auszusuchen, so sprechen sie beim Bauern vor. Im Sommer weist er ihnen im Stalle oder in der Scheune ein Plätzchen an; im Winter erlaubt er, daß sie sich in der Stube auf einem Bund Stroh ausstrecken. Als Gegenleistung für die gewährte Gastfreundschaft stricken ihm die Slovaken am Morgen die herbeigebrachten Töpfe und Pfannen umsonst ein oder thun Handreichungen in der Landwirtschaft * . Haben sie nach 1 bis 2 Jahren 50, oder, wenn es hochkommt, 100 Gulden beisammen, dann kehren sie in denselben Kleidern und demselben Hemde zurück, und nur an Stelle der Bundschuhe sind erbettelte Stiefeln getreten, als einziger Beweis , daß sie in der Fremde gewesen. * Schriften d. V. f. Socialpolitik I^XXXII. Ungarische Hausierer S. 147. 18* Die Abwanderung der Drahtbinder hat natürlich neben den Vorteilen auch Nachteile für die Heimat. Sie entzieht vor allem der Landwirt schaft Arbeitskräfte. Wohlhabende Bauern klagen, daß sie keine oder nur selten fleißige und treue Knechte erhalten. Gewöhnlich sind dieselben ver dorben und laufen ohne Kündigung davon, wenn ein Drahtbinder sie an wirbt. Die zurückgelassenen Frauen halten ihren Männern nicht immer die eheliche Treue. Ferner giebt es unter den Drahtbindern auch Leute, die in der Fremde verkommen und ihre Familien den Gemeinden zur Last fallen lassen. Von Anfang an stark verschuldet, bringen sie trotz größter Sparsamkeit kaum die Zinsen zusammen, versinken nach Jahren in dumpfe Verzweiflung, bleiben in der Fremde, ergeben sich dem Trünke und sterben am Ende völlig verarmt in einem öffentlichen Krankenhause an Lungen- und Magenkrankheiten. Welche Veranlassung ^die Bewohner der Westbeskiden gehabt haben, gerade die Drahtbinderei als Nebenerwerb zu ergreifen, konnte nicht auf gehellt werden. Man erzählt sich darüber eine wenig glaubwürdige Ge OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
276 Hermann Kind. schichte: Ein armer Slovake, der betteln ging, sprach einst auch eine Frau um eine Gabe an. Diese aber reichte ihm anstatt eines Geschenkes eine in zwei Hälften zerbrochene Schüssel hin mit dem Bemerken, er solle zuerst die Schüssel flicken. Der Slovake wußte sich jedoch zu helfen. Er löste den Draht, der seine Halinahosen an den Knöcheln zusammenhielt, bohrte mit dem Messer vier Löcher in die Scherben und band sie mit dem Drahte zusammen. Seinem Beispiel sollen andere Slovaken gefolgt sein, die in der neuen Kunst bald Fortschritte machten. 2. Für die Hausiergebiete. Für die Länder, nach denen sich die Abwanderung richtet, ist die Be deutung der slovakischen Drahtbinderei im allgemeinen gering; ja es giebt solche, die an dem Gewerbebetrieb der Slovaken überhaupt kein Interesse haben. Gern gesehen sind sie eigentlich nur noch in manchen Teilen Amerikas, Rußlands und der Balkanländer, wo die Bevölkerung weit zer streut wohnt und infolge der zurückgebliebenen wirtschaftlichen Arbeits teilung und der geringen Entwicklung des stehenden Gewerbes auf den Hausierer angewiesen ist. Im asiatischen Rußland machen sie so gute Ge schäfte, daß sie mit Pferd und Wagen hausieren und auch noch Begleiter- Halten können. Sie sind Händler, die ihre Waren von Slovaken aus Petersburg und Tiflis beziehen und in Tobolsk und Omsk feste Nieder lassungen gegründet haben. Vor ungefähr 20 Jahren fertigten sie noch alles selbst, zogen von Ort zu Ort und hielten sich nur dann einmal wochenlang in einer Stadt auf, wenn die Vorräte ergänzt werden mußten. Im europäischen Rußland gestaltet sich die Drahtbinderei dem oben geschilderten Landhausierbetriebe ähnlich ; nur werden von den Meistern auch Waren aus Bestellung angefertigt und im großen abgegeben, und die Hausierer bieten nicht nur Waren, sondern auch Leistungen an. Die Technik ist infolge der geringen Konkurrenz der Blech- und Drahtwarenfabriken so weit vorgeschritten, daß die Drahtbinder Badewannen und Samowars eben so tadellos wie die Fabriken Herstellen und in Petersburg sogar einige Sachen haben erfinden können, auf die sie Patente erhielten. Sie werden auf den Gewerbescheinen Galanterie- und Bauspengler genannt und haben ihre besonderen Geschäftskarten. Auf einer derselben empfehlen zwei Teil haber ihren Betrieb als Werkstatt verschiedener Draht- und Blechwaren, in dem auch Bestellungen angenommen und Reparaturen einschließlich des Verzinnens zu angemessenen Preisen ausgesührt werden. Solche Meisternehmen und geben Kredit. Ihre Werkzeuge und Maschinen kosten bis 1000 Rubel, und die Vorräte erreichen zuweilen den Betrag von 3000 bis OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Der Hausierhandel der slovakischen Drahtbinder. 277 4000 Gulden. Die größten Drahtbindereien sollen Tiflis, Moskau, Odessa, Baku, Warschau, Kiew und Petersburg haben. In den Petersburger Be trieben werden 12 — 18, in einem Moskauer gegen 50 und in Tiflis bis zu 60 Leuten beschäftigt. Zu einer ähnlichen Bedeutung sollen sich auch die Drahtbinder in Rio de Janeiro aufgeschwungen haben. In den nordamerikanischen Städten spielen sie keine Rolle mehr. Die Meister halten wohl noch fünf oder sechs Leute , müssen aber aus der Heimat des öftern jungen Nachwuchs nachkommen lassen, da die älteren wegen des geringen Lohnes der Draht binderei den Rücken kehren und sich lohnenderen Beschäftigungen, im be sondern der Bergwerksarbeit, zuwenden. Nicht besser liegen die Ver hältnisse in der Schweiz, Frankreich, Belgien, Holland und Däne mark. In der Schweiz sind viele Drahtbinder vom Blech- und Draht warenhandel zum Verkauf feiner Bürstenwaren und Necessaires über gegangen. Die Länder des Deutschen Reichs und im besonderen das Königreich Sachsen bedürfen ihrer ebenfalls nicht. Aus dem dünnbevölkerten und ver kehrsarmen nordöstlichen Teil des letztern mit größtenteils wendischer Be völkerung, die den Drahtbindern sprachlich nahe steht, wird dem Verfasser geschrieben: „Die Slovaken kommen nur noch selten in unsere Gegend. Sie sind vollständig überflüssig. Wir in Neschwitz haben einen tüchtigen Klempner am Orte, bei dem alle Wirtschaftsgegenstände zu erhalten sind und der Schäden an Blech- und Eisenwaren ausbessert. Dieselben Ver hältnisse bestehen in Königswartha. Außerdem handelt ein hiesiger Kauf man mit Emaillegeschirr, das sehr gekauft wird. In Neschwitz ist auch noch ein Schleifer, der weit und breit in der Gegend mit Kochgeschirr umherzieht. In die Milkeler, Klixer und Guttauer Gegend kommt all jährlich ein Eisen- und Blechwarenhändler aus Niesky und verkauft vom Wagen herab dieselben Sachen." Und doch haben es auch in Sachsen vereinzelt auf dem Lande Draht binder verstanden, eine gewisse lokale Bedeutung zn erlangen. Es sind die jenigen, die schon seit zehn und mehr Jahren in ein und demselben kleinen Dorfe wohnen, das keinen Klempner hat. Anfangs haben ihnen die Bauern nur alte Töpfe und Ölkannen zum Flicken und Löten gebracht, die der Stadtklempner nicht mehr repariert hätte; dann aber ist das Vertrauen zu ihnen allmählich gewachsen. Sie sind bei der Bauernfrau auch einmal etwas Neues los geworden, und heute bestellt man bei ihnen Milchkübel, Wasserkannen und auch Bauarbeiten. Davon können sie aber nicht leben; der Hausierhandel bleibt immer noch die Hauptsache. In der Großstadt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
278 Hermann Kind. sieht man die Drahtbinder wegen ihres zudringlichen Bettelns geradezu nur mit Wiederwillen. Viele Leute Wersen die Thür zu, sobald sie ihrer an sichtig werden, andere machen ihnen Vorwürfe, daß sie ihre Kräfte nicht besser anwenden, und dritte geben ihnen, um sie los zu sein, ein paar Pfennige. Wer ihnen aber etwas abkauft, der thut es aus Mitleid mit der Beruhigung, daß der Gegenstand am Ende doch gebraucht werden kann. — Immerhin ist auch im Königreich Sachsen früher ein Bedürfnis nach ihrer Arbeit vorhanden gewesen ; das Hausieren freilich war ihnen verboten. Die offizielle Interpretation einer sächsischen Ministerialverordnung vom 6. April 1841 an die Kreisdirektion Bautzen erkennt ausdrücklich an, daß das Umstricken von Töpsen durch Ausländer in Ermangelung hierzu be fähigter Inländer zur Bequemlichkeit der Bewohner des flachen Landes er laubt worden sei Die Drahtbinder haben aber trotz des Verbotes weiter hausiert. Der Trupp, welcher Leipzig besuchte, zog aus dem Anhaltischen nach dem Thüringischen, von da nach Sachsen und Brandenburg, um schließlich wieder an den Ausgangspunkt der Wanderung zurückzukehren. Hausierte man in Leipzig, so wurde in dem alten Saale des Gasthofs zu Kleinzschocher geherbergt. In ihrem Äußeren und dem Geschäftsbetriebe glichen diese Drahtbinder den obenerwähnten Wandergewerbtreibenden. Die älteren Leute hatten jeder einen Knaben bei sich. Abends kehrten sie in das Quartier zurück, lieferten die Tageseinnahme ab und fertigten dann Pfeisenräumer , Plättfüße, Fallen u. f. w. Diese Betriebsweise erhielt sich bis weit in die sechziger Jahres Von dieser Zeit an macht die Drahtbinderei eine vollständige Um wandlung durch, die zugleich eine Verschlechterung ihrer Lage bedeutet. Sie verliert infolge von Bedarfsverschiebungen und dem Aufkommen neuer konkurrierender Produkte einen großen Teil ihres Arbeitsgebietes und geht zum Handel mit fertiggekauften Waren über. Zunächst kam man von der Schwarzblechzur Weißblechverarbeitung; dann fiel das Einstricken der ' Funke, Polizeiordnungen IV, 306. 2 Mit welchem Jahre die Drahtbinder nach Sachsen gekommen sind, bleibt un gewiß. In den Akten werden sie nur einmal im Jahre 1828 in einem Schreiben des Polizeiamts der Stadt Leipzig zusammen mit den Krainer Wetzsteinhändlern als Leute erwähnt, die die hiesigen Lande belästigen und mit der Zeit wohl auch die Sicherheit gefährden könnten. Sie wenden sich, wenn sie krank werden, vom Dorfe nach der Stadt und fallen dann dem Jakobshospital zur Last. Hauptstaatsarchiv zu Dresden 1,06. 11 178 Bl. 223/24. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
Der Hausierhandel der slovakischen Drahtbinder. 279 Töpfe und Pfannen weg^ Erstens wurde das Konservieren des irdenen Geschirres durch einen Drahtüberzug unnötig infolge Einführung von Öfen, in denen nicht mehr am Feuer gekocht wurde; und zweitens lohnte es sich nicht mehr. Das irdene Geschirr wurde billiger; man warf das schadhafte weg und kaufte neues oder gußeisernes, das besser aussah und sich leichter reinigen ließ. Auch die Reparatur der Blechwaren, auf dem Lande neben dem Einstricken die einträglichste Arbeit, ging dem Drahtbinder verloren und wurde von den Dorfklempnern übernommen, die sich seit Einführung der Gewerbefreiheit überall niederließen und dadurch bedeutend im Vorteile waren, daß sie bei der stehenden Betriebsweise von den Landleuten jederzeit erreicht werden konnten, wahrend man auf den Slovaken wochenlang warten mußte. Pfeifenbürsten und Pfeifenräumer kamen in Wegfall, weil man an Stelle der Pfeife mehr und mehr Cigarren rauchte. Die Her stellung von Stürzen, Gittern und Schaufeln rissen die Draht- und Blech fabriken an sich, die so billig produzierten, daß sie die Wiederverkäufer in den Stand setzten, die Slovaken zu unterbieten. Von den übrigen Pro dukten, welche den Drahtbindern blieben, wurden von Jahr zu Jahr weniger abgesetzt. In neuerer Zeit zieht die Hausfrau den Blechwaren das emaillierte Geschirr vor, das ein schöneres Aussehen hat und nicht gescheuert werden muß. Die Drahtbinder versuchten den Rückgang ihrer Betriebe aufzuhalten, indem sie der veränderten Geschmacksrichtung Rechnung trugen und sich die neuen und einen Teil der früher selbstgefertigten Artikel als Handelsware zulegten. Die Blechwaren eignen sich ja an und für sich als Artikel un regelmäßigen Bedarfs immer noch zum Hausiervertrieb. Dennoch waren die Bemühungen der Slovaken erfolglos; denn auch zahlreiche heimische Blechwarenhausierer kamen auf, und die stehenden Handelsbetriebe hatten bis tief in das Land hinein nicht weniger schnell die neuen Produkte unter ihre Handelsartikel ausgenommen. Dem einheimischenHausierhandel mit Blechwaren konnte auf statistischem Wege weiter nachgegangen werden. Für die Jahre 1883 — 1888 lassen sich im Königreich Sachsen nach der von der Handelskammer Dresden bearbeiteten Statistik des Gewerbebetriebs im Umherziehen folgende Zahlen sächsischer und anderer deutscher Hausierer mit Blech-, Draht- und Klempnerwaren und Wirtschastsgegenständen aus Metall nachweisen?: Ganz ist diese Arbeit auch heute noch nicht ausgestorben, wird aber nur von Krüppeln und dem Trünke ergebenen Männern ausgeführt. 2 Vergl. S. 35 — 45 unter der Gruppe Metallwaren die Buchstaben t und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57326-4 | Generated on 2023-01-16 13:19:26
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