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Regulierung des Schattenbankensektors: Der Fall des chinesischen BigTech Ant Group als Blaupause?

Böhnke, Victoria

Abstract

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Böhnke, Victoria Article — Published Version Regulierung des Schattenbankensektors: Der Fall des chinesischen BigTech Ant Group als Blaupause? List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Böhnke, Victoria (2021) : Regulierung des Schattenbankensektors: Der Fall des chinesischen BigTech Ant Group als Blaupause?, List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik, ISSN 2364-3943, Springer, Berlin, Heidelberg, Vol. 47, Iss. 2-4, pp. 219-236, https://doi.org/10.1007/s41025-021-00229-0 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/287504 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Mai 2021 / Online publiziert: 24. Juni 2021 © Der/die Autor(en) 2021 Zusammenfassung Der kurzfristig abgesagte Börsengang der Ant Group im November 2020 hat für Aufsehen an den internationalen Finanzmärkten gesorgt. Ant Group ist das auf Finanzdienstleistungen spezialisierte Tochterunternehmen eines großen chinesischen Technologiekonzerns. Eine Regulierungsänderung, die die Ant Group als Finanzholding einstuft und das systemische Risiko seiner Geschäftsaktivitäten begrenzen soll, zeigt, wie die chinesischen Behörden die Marktmacht großer Technologiekonzerne im Finanzsektor einschränken und so eine stärkere Regulierung des Schattenbankensektors umsetzen. Kann dieser Ansatz zur Regulierung des Schattenbankensektors in China ein Vorbild für die Europäische Union sein? Zunächst werden die Entwicklung des Schattenbankensektors und seine Bedeutung für globale Finanzstabilität sowie aktuelle Herausforderungen für die Regulierung diskutiert. Anhand einer Fallstudie zur Ant Group werden Chancen und Herausforderungen des Regulierungsansatzes der chinesischen Behörden erörtert und Implikationen für die Regulierung in Europa abgeleitet. Zusammenfassend erscheint eine Regulierung großer Technologiekonzerne, die umfangreiche, mit traditionellen Banken vergleichbare Finanzdienstleistungen anbieten, mit Blick auf die Finanzstabilität erforderlich, da diese über eine (potenziell) große Marktmacht verfügen. Schlüsselwörter Bank · China · Finanzregulierung · Finanzstabilität · Schattenbank JEL-Klassifikation G21 · G28 Victoria Böhnke () Institut für Kreditwesen, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Münster, Deutschland E-Mail: [email protected] K 220 V. Böhnke Regulation of the shadow banking sector: the case of the Chinese BigTech Ant Group as a blueprint? Abstract Cancelling the Ant Group Initial Public Offering on short notice in November 2020 attracted attention on the international financial markets. Ant Group is the subsidiary of a large Chinese technology corporation that specialises in financial services. A regulation change that classifies Ant Group as a financial holding company and which aims to curb the systemic risk of its business activities shows how the Chinese authorities limit the large technology corporations’ market power and thereby introduce a stricter regulation of the shadow banking sector. Can this approach to regulate the Chinese shadow banking sector serve as a model for the European Union? This paper first discusses the development of the shadow banking sector, its relevance for global financial stability, and current challenges for its regulation. Then, based on a case study of Ant Group, this paper discusses opportunities and challenges of the Chinese authorities’ regulatory approach and derives implications for the regulation in Europe. In summary, a regulation of large technology corporations that offer a large range of financial services comparable to traditional banks seems necessary with reference to financial stability, as these companies (potentially) have extensive market power. Keywords Bank · China · Financial regulation · Financial stability · Shadow bank 1 Einführung Innovation im Bankensektor wird insbesondere durch junge Unternehmen angetrieben, die technologiebasierte, besonders kundenorientierte Finanzdienstleistungen anbieten (Philippon 2019, S. 13–14). Ebenso haben in den letzten Jahren einige einflussreiche Technologieunternehmen mit einem sehr großen bereits existierenden Kundenstamm, auch BigTech genannt, ihre Geschäftstätigkeit in den Bereich der Finanzdienstleistungen ausgeweitet (Frost et al. 2019, S. 762). In der Folge wird Finanzintermediation nicht mehr vor allem von traditionellen Banken durchgeführt, sondern auch sogenannte Schattenbanken1übernehmen originäre Bankfunktionen (Buchak et al. 2018, S. 2). Während diese Schattenbanken aus der Perspektive einer traditionellen Bank einen gefährlichen Wettbewerber darstellen, stellen sie die Regulierung des Finanzsektors vor ebenso große Herausforderungen (Adrian und Jones 2018, S. 14–16; Philippon 2019, S. 9–13). Denn wenn eine Regulierung des Sektors aus bestimmten Gründen2von Bedeutung ist, sollte diese für alle Unterneh- 1Das Financial Stability Board (FSB) definiert Aktivitäten von Schattenbanken als Finanzintermediation durch Institutionen oder Aktivitäten außerhalb des traditionellen Bankensektors (Financial Stability Board 2012, S. 3). Seit 2018 verwendet das FSB den Begriff Nicht-Bank-Finanzintermediation, um seine zukunftsorientierte Betrachtungsweise des Sektors zu unterstreichen (Financial Stability Board 2019,S.4). 2Bhattacharya et al. (1998) geben einen Überblick über die Theorie der Bankenregulierung. Die wichtigsten Gründe für die Regulierung von Finanzintermediären sind die Stabilisierung des Systems beispielsweise durch die Vermeidung eines Bank Runs und potenziell daraus resultierende systemische Risiken K Regulierung des Schattenbankensektors: Der Fall des chinesischen BigTech Ant Group als... 221 men gelten, die Finanzdienstleistungen anbieten, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden (Zetzsche et al. 2017, S. 35). Gerade mit der stetigen Entwicklung neuer Innovationen entwickelte sich ein Angebot von Finanzintermediation außerhalb des traditionellen Bankensystems, welches nicht der regulären Bankenregulierung unterliegt. Stattdessen müssen finanzielle Innovationen zuerst als solche erkannt und falls nötig mit speziellen Regulierungsanforderungen adressiert werden. Das Financial Stability Board (FSB) hat beispielsweise Peer-to-Peer-Lending3als eine der bedeutendsten Innovationen der letzten Jahre identifiziert und berichtet, dass einige Länder in diesem Bereich inzwischen Regulierungsanforderungen verabschiedet haben (Financial Stability Board 2020c, S. 6). Aus der Sicht der globalen Finanzstabilität gilt insbesondere dem wachsenden Einfluss der BigTech mit zunehmendem Angebot von Finanzdienstleistungen besondere Aufmerksamkeit. Erste Erfahrungen beispielsweise aus China, wo sich bereits große Technologiekonzerne in diesem Bereich etabliert haben, zeigen, wie eine Entwicklung in Zukunft auch in anderen Volkswirtschaften aussehen könnte und werfen dabei Fragen nach ihren Auswirkungen auf die Finanzstabilität auf (Frost et al. 2019, S. 781–782; Financial Stability Board 2020a, S. 4–7). In diesem Zusammenhang sorgte zuletzt der knapp 48h vor dem geplanten Termin abgesagte Börsengang des chinesischen Unternehmens Ant Group für Aufsehen (The Economist 2020a). Die Ant Group gehört zur chinesischen Alibaba Group, einem der größten Technologiekonzerne der Welt. Die seit 2014 an der New Yorker Börse gelistete Alibaba Group ist Eigentümerin von drei großen chinesischen E-Commerce-Plattformen für die Bereiche Business-to-Business (B2B), Business- to-Consumer (B2C) sowie Consumer-to-Consumer (C2C) und erzielte 2020 einen Börsenwert von mehr als 600Mrd. C (Gambacorta et al. 2020, S. 27–28). Der Technologiekonzern gründete die Ant Group 2014 als Mutterunternehmen für seinen Zahlungsdienst Alipay, ursprünglich unter dem Namen „Ant Financial Services Group“ (Alibaba Group 2020, S. 8–11; Gambacorta et al. 2020, S. 27–28). Alipay bietet, ähnlich wie Paypal, eine Online-Zahlungsplattform an. Zusätzlich hat das Unternehmen eine auf QR-Codes basierende Technologie für Offline-Anbieter entwickelt. Mit dieser Technologie stellt Alipay seit Mitte 2017 einen mobilen Bezahldienst bereit, der Zahlungen per Smartphone ermöglicht und das Bargeld in China fast vollständig abgelöst hat (Dathe und Helmold 2020; Gambacorta et al. 2020, S. 27–28). Darüber hinaus bietet die Ant Group inzwischen auch technologiebasierte Finanzdienstleistungen im Bereich Kreditvergabe und Kapitalanlagen an und ist damit eines der am weitesten entwickelten BigTech im Finanzbereich weltweit (Dathe und Helmold 2020; Gambacorta et al. 2020,S.2). Der für den 5. November 2020 geplante Börsengang der Ant Group in Hongkong und Shanghai wurde am 3. November aufgrund von kürzlich vorgenommenen Regulierungsänderungen durch die chinesische Regulierungsbehörde ausgesetzt (The (Diamond und Dybvig 1983; Saunders 1987), sowie die Notwendigkeit des Gläubigerschutzes, insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Komplexität der Finanzinstrumente (Campbell 2016, S. 28). 3Die Definitionen eines entsprechenden Geschäftsmodells unterscheiden sich deutlich zwischen den in einer Umfrage des FSB befragten Ländern (Financial Stability Board 2019, S. 68–71). In Deutschland ist für Peer-to-Peer-Lending, definiert als die Vermittlung eines Kredits über eine Online-Plattform, für den Darlehensgeber eine Erlaubnis nach § 32 Absatz 1 KWG erforderlich (Deutsche Bundesbank 2020). K 222 V. Böhnke Economist 2020a; Trivedi 2020). Mit den neuen Regelungen schreiben die chinesischen Regulierungsbehörden unter anderem vor, dass mindestens dreißig Prozent eines Kredits durch den Kreditgeber selbst refinanziert werden müssen. Im Fall der Online-Kreditvergabe durch Tochterunternehmen der Ant Group, die in ihrer überwiegend in Kooperation mit Banken durchgeführten Kreditvergabe deutlich weniger als dreißig Prozent auf der eigenen Bilanz führen, entspricht ein Großteil der Transaktionen somit nicht den neuen Vorgaben. Zusätzlich könnten neue Offenlegungsvorschriften die zukünftige Zusammenarbeit der Ant Group mit Banken erschweren (Dathe und Helmold 2020; The Economist 2020a). Der Fall zeigt, wie die chinesischen Regulierungsbehörden die Finanzaktivitäten großer Technologiekonzerne in den Blick nehmen, indem sie ihre auf Finanzdienstleistungen spezialisierten Tochterunternehmen anhand eines Kriterienkatalogs als Finanzholding einstufen. Durch gezielte regulatorische Vorgaben wird sichergestellt, dass Unternehmen selbst einen Teil des Risikos tragen müssen („Skin in the game“) und somit ein ausreichendes Eigeninteresse daran haben, ihr Risiko zu begrenzen (Chemla und Hennessy 2014, S. 1597; Wah et al. 2020; The Economist 2021). Dieser Schritt kann, sofern die Regulierungsvorschriften auch in Zukunft effektiv umgesetzt werden, einen entscheidenden Schritt zur erfolgreichen Regulierung des chinesischen Schattenbankensektors darstellen (Wah et al. 2020). Die chinesischen Regulierungsbehörden setzen damit Empfehlungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) aus der zuletzt 2017 durchgeführten Überprüfung des chinesischen Finanzsektors um (Internationaler Währungsfonds 2017, S. 29–32, 2019c, S. 80–95). In der Europäischen Union (EU) wird der Einfluss des Schattenbankensektors zwar überwacht und eine Reihe einzelner Maßnahmen wurden bereits verabschiedet, ein umfassendes makroprudenzielles Maßnahmenpaket fehlt jedoch bislang (Europäische Kommission 2012; Europäischer Ausschuss für Systemrisiken 2020, S. 99–100; Hodula et al. 2020, S. 2). Trotz der sehr großen Unterschiede zwischen den Finanzsystemen in China und Europa ist es durchaus denkbar, dass große Technologiekonzerne, ähnlich wie in China, auch in Europa noch stärker im Finanzsektor aktiv werden und dadurch ein wachsendes Risiko für die Stabilität des Finanzsystems darstellen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach einer Generalisierbarkeit des Regulierungsansatzes der chinesischen Behörden. Kann die Regulierung des Schattenbankensektors in China ein Vorbild für die EU sein? Im Folgenden werden zunächst die Entwicklung des globalen Schattenbankensektors und seine Bedeutung für Finanzstabilität sowie aktuelle Herausforderungen in der Regulierung des Schattenbankensektors diskutiert. Vor dem Hintergrund einer Fallstudie zur Ant Group werden schließlich Implikationen für die EU analysiert. K Regulierung des Schattenbankensektors: Der Fall des chinesischen BigTech Ant Group als... 223 2 Die Entwicklung des Schattenbankensektors und seine Bedeutung für globale Finanzstabilität Auf globaler Ebene rückte der Schattenbankensektor nach der Finanzkrise 2008 als einer der Auslöser der Krise in den Fokus des öffentlichen Interesses.4Aufgrund des enormen Einflusses des Sektors auf die globale Finanzstabilität erarbeitete das FSB gemeinsam mit dem Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht und der Internationalen Organisation der Wertpapieraufsichtsbehörden erste Regulierungsvorschläge als Grundlage für die nationalen Regulierungsbehörden (Financial Stability Board 2013b, S. 3–5; Michler 2016, S. 146). In den seit 2011 regelmäßig erscheinenden Monitoring Reports überwacht das FSB die Entwicklung des globalen Schattenbankensektors, präsentiert aktuelle Trends und dokumentiert potenzielle Risiken für globale Finanzstabilität (Financial Stability Board 2020b, S. 3–5). Teil (a) von Abb. 1veranschaulicht die Entwicklung der nationalen Schattenbankensektoren5im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) für China, Deutschland, die USA sowie für die wichtigsten Länder des Euroraums: Belgien, Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, die Niederlande und Spanien. Seit der Finanzkrise ist das Verhältnis der aggregierten Bilanzsumme des Schattenbankensektors zum nationalen BIP lediglich in den USA, dem Land mit dem größten Gesamtvolumen des Sektors in US-Dollar, und in Deutschland annähernd auf dem gleichen Niveau geblieben beziehungsweise leicht angestiegen. In den Ländern des Euroraums – maßgeblich beeinflusst durch den starken Anstieg in Irland – und in China hingegen ist das Verhältnis von Bilanzsumme zu BIP vor allem im Zeitraum von 2009 bis 2016 deutlich gestiegen (Financial Stability Board 2021). Zusätzlich zu diesem umfassenden Maß zur Erfassung aller Schattenbankenaktivitäten, betrachtet das FSB speziell den Schattenbankensektor im engen Sinne („narrow measure“) als „Nicht-Bank-Finanzintermediation, die potenziell ein systemisches Risiko für das Finanzsystem darstellt“ (Financial Stability Board 2014, S. 6).6Teil (b) von Abb. 1zeigt die Entwicklung des Schattenbankensektors im engen Sinne im Verhältnis zum nationalen BIP ebenfalls für China, Deutschland, die USA und die wichtigsten Länder des Euroraums. Das Verhältnis der Bilanzsumme des Schattenbankensektors im engen Sinne zum BIP verdeutlicht seine große Bedeutung in den USA im Zeitraum der Finanzkrise und die anschließende Abnahme im Zeitverlauf. In Europa steigt das Verhältnis der Bilanzsumme des Schattenban- 4Die Gründe für die Finanzkrise sind vielfältig. Neben niedrigen Zinsen führten lockere Vergabestandards für Hypotheken in den USA zu zunehmenden Kreditvolumina mit zweifelhafter Bonität. In Form von Verbriefungen wurden diese Hypothekenkredite an sogenannte Zweckgesellschaften weitergegeben. Banken konnten somit nicht nur die Eigenkapitalunterlegung für diese Geschäfte umgehen, sondern trugen außerdem kaum Risiko (wenig „Skin in the game“). Da viele dieser komplexen Finanzprodukte durch Zweckgesellschaften oder andere Schattenbanken gehalten wurden, kann das Marktversagen im Herbst 2008 als Run auf den Schattenbankensektor charakterisiert werden (French et al. 2010, S. 3–32). 5Der Schattenbankensektor gemäß der Definition des FSB umfasst das Volumen der Finanzaktiva der gesamten Nicht-Bank-Finanzintermediation (Financial Stability Board 2020c, S. 3). 6Die Klassifikation der Schattenbankenaktivitäten im engen Sinne erfolgt anhand der Handlungsempfehlungen des FSB und beinhaltet unter anderem eine Kreditvergabe auf der Basis von Fristentransformation oder Hinweise auf eine Möglichkeit, bestimmte regulatorische Vorgaben für Banken zu umgehen („Regulatory Arbitrage“) (Financial Stability Board 2013b, S. 6–11, 2020c, S. 3–4). K 224 V. Böhnke a b c Abb. 1 Entwicklung des Schattenbankensektors und des Bankensektors im Zeitraum von 2006 bis 2019. aGesamter Schattenbankensektor, bSchattenbankensektor im engen Sinne, cGesamter Bankensektor. (Quelle: Eigene Darstellung basierend auf Daten des Financial Stability Board (2021)) K Regulierung des Schattenbankensektors: Der Fall des chinesischen BigTech Ant Group als... 225 kensektors im engen Sinne zum BIP zwar leicht an, insbesondere in Deutschland bleibt die Bilanzsumme jedoch unter sechzig Prozent des BIP. In China dagegen ist ein rasantes Wachstum des Schattenbankensektors mit besonderer Relevanz für die Finanzstabilität für den Zeitraum von 2012 bis 2016 erkennbar. In absoluten Zahlen versiebenfachte sich das Volumen in China innerhalb von nur vier Jahren und stabilisierte sich seit 2017 mit dem zweithöchsten Volumen in US-Dollar nach den USA (Financial Stability Board 2021). Im Vergleich zu den Schattenbankensektoren entwickelter Volkswirtschaften wie den USA, umfasst der Schattenbankensektor in China nicht nur Finanzintermediation durch Nicht-Banken, sondern auch einen eng mit den Geschäftsbanken verbundenen Schatten der Banken, engl. „Banks’ shadow“ (Sun 2019, S. 4). Zu diesem Teil des chinesischen Schattenbankensektors gehören Aktivitäten der Geschäftsbanken, die der Realwirtschaft finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, ohne diese als Kredit in ihrer Bilanz aufzuführen. Banken umgehen dabei regulatorische Vorgaben, indem sie beispielsweise bilanzielle Maßnahmen ergreifen, die nicht dem Standard entsprechen. Diese Aktivitäten stellen ein besonderes Risiko für die Finanzstabilität dar, weil sie die Effektivität der Geldpolitik und der Regulierung beeinträchtigen (Sun 2019, S. 1–6; Acharya et al. 2021, S. 6–10). Der Entwicklung der Schattenbankensektoren stellt Teil (c) von Abb. 1jeweils das Verhältnis der Bilanzsumme des traditionellen Bankensektors zum BIP gegenüber. Während die Bilanzsumme des Bankensektors im Verhältnis zum BIP in den USA auf einem Niveau bleibt, sinkt das Verhältnis in den wichtigsten Ländern des Euroraums seit 2008 deutlich. In China hingegen nimmt die aggregierte Bilanzsumme in Prozent des BIP zu und zeigt, ähnlich wie die Entwicklung des Schattenbankensektors, eine wesentliche Steigerung der finanziellen Aktiva im Verhältnis zum nationalen BIP seit 2009 sowie eine Stabilisierung seit 2017 (Financial Stability Board 2021). Die Marktturbulenzen im März 2020, anders als 2008 ausgelöst durch den externen Schock der Covid-19-Pandemie, haben die Widerstandsfähigkeit des globalen Finanzsystems erneut auf die Probe gestellt. In seiner ganzheitlichen Beurteilung kommt das FSB zu dem Ergebnis, dass vor allem im Bereich der Nicht-Bank- Finanzintermediation weitere Regulierungsanstrengungen notwendig sind, um Finanzstabilität sicherzustellen (Financial Stability Board 2020d, S. 42–43). Auch der IWF beurteilte den stetig wachsenden globalen Schattenbankensektor bereits vor Beginn der Covid-19-Verwerfungen als zentralen Risikofaktor für globale Finanzstabilität (Internationaler Währungsfonds 2019a, S. 6–7, 2019b, S. 4–6). Die jüngsten Marktturbulenzen offenbarten insbesondere Schwachstellen durch grenzübergreifende Verflechtungen zwischen Banken und Schattenbanken, die zu einer Verstärkung der negativen Auswirkungen der Pandemie auf den internationalen Finanzmärkten führten (Aldasoro et al. 2020, S. 68). Für die Reformagenda nach dem Ende der Pandemie identifiziert der IWF den Schattenbankensektor neben den Risiken aus dem anhaltenden Niedrigzinsumfeld als einen der beiden zu adressierenden Bereiche (Internationaler Währungsfonds 2020, S. 26–27). K 226 V. Böhnke 3 BigTech als Herausforderung in der Regulierung des Schattenbankensektors Konkret nennt das FSB digitale Schattenbanken und die Kreditvergabe durch technologiebasierte Unternehmen als aktuelle Innovationen im Bereich der Nicht-Bank- Finanzintermediation (Financial Stability Board 2020c, S. 6). Unternehmen mit besonderer Bedeutung für die Finanzstabilität in diesem Zusammenhang sind BigTech, da sie bereits über eine technologiebasierte Plattform und einen sehr großen Kundenbestand, inklusive umfangreicher Kundeninformationen, verfügen und so potenziell schnell eine große Marktmacht aufbauen können (Zetzsche et al. 2017, S. 28–29; Frost et al. 2019, S. 761–765). In China, wo Aktivitäten im Schattenbankensektors gerade in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben, sind große Technologiekonzerne dieser Art bereits etabliert. In Europa sind zwar BigTech aus den USA mit Bezahldiensten vertreten, die Marktentwicklung ist jedoch deutlich weniger fortgeschritten als in China (Frost et al. 2019, S. 761–762; Financial Stability Board 2020a, S. 4–7). In Europa oder in den USA, wo die Nutzung von Bankkonten oder Kreditkarten weit verbreitet ist, nutzen BigTech für ihre innovativen Bezahlsysteme in der Regel die bereits existierende Infrastruktur der Banken. In Märkten ohne diese Infrastruktur, beispielsweise in China, haben BigTech dagegen eine eigene Infrastruktur für ihre Bezahlsysteme aufgebaut (Frost et al. 2019, S. 767). Begünstigt durch das fehlende Angebot traditioneller Banken, bieten chinesische BigTech inzwischen ein umfangreiches Angebot von Finanzdienstleistungen für Privatkunden und Kleinunternehmer an (Xie et al. 2016, S. 3; Hau et al. 2019, S. 62). Während diese Entwicklung maßgeblich zu einer Vertiefung und Integration des chinesischen Finanzmarktes beiträgt und der großen Landbevölkerung den Zugang zu Krediten ermöglicht, wirft sie gleichzeitig Fragen nach dem Verbraucherschutz, der Marktdominanz der BigTech und der Finanzstabilität auf (Buchak et al. 2018, S. 2; Financial Stability Board 2020a, S. 16–23). Auf Basis der ursprünglich vom FSB vorgeschlagenen Regulierungsempfehlungen mit dem Ziel, systemische Risiken des Schattenbankensektors zu reduzieren, müssen diese Art potenzieller Risikoquellen für die Finanzstabilität zunächst ermittelt und analysiert werden (Financial Stability Board 2013a, S. 6–7). Das systemische Risiko durch die Finanzdienstleistungen der BigTech besteht, ähnlich wie im Fall anderer Schattenbankenaktivitäten, unter anderem aus fehlender Regulierung und Aufsicht. Sofern diese Unternehmen bankähnliche Finanzdienstleistungen anbieten, erscheint eine Begrenzung ihrer Risikobereitschaft, beispielsweise durch adäquate Kapitalunterlegung, notwendig, um potenzielle Verluste abzufedern. Vor allem im Fall eines großen Technologiekonzerns, der bereits über eine umfangreiche Marktmacht verfügt, schaffen seine Größe und Vernetzung bereits beim Eintritt in den Finanzmarkt ein systemisches Risiko (Zetzsche et al. 2017, S. 28–29; Frostetal.2019, S. 761). Hohe unerwartete Verluste können dabei als Signal für die Schwäche des gesamten Sektors interpretiert werden und weitere finanzielle Ansteckungseffekte auslösen (Financial Stability Board 2017, S. 17–25). Zusätzlich sind technologiebasierte Finanzdienstleistungen potenziell anfällig für operationelle Risiken. Insbesondere im Bereich Datensicherheit und der Verlässlichkeit neuer K Regulierung des Schattenbankensektors: Der Fall des chinesischen BigTech Ant Group als... 233 größere Kundengruppe anbieten, sind die Finanzaktivitäten der Automobilkonzerne auf ein spezielles Segment im Finanzmarkt beschränkt. Negative Implikationen auf die Finanzstabilität werden daher als gering eingeschätzt (Financial Stability Board 2020c, S. 45). Grundsätzlich ist eine Umsetzung vergleichbarer Regeln in der EU jedoch denkbar. Sofern das Angebot der Finanzdienstleistungen eines Technologieunternehmens mit dem einer Bank vergleichbar ist und eine umfangreiche Marktmacht gegeben oder bereits absehbar ist, erscheint eine Berücksichtigung in der Regulierung notwendig, um Finanzstabilität sicherzustellen (Zetzsche et al. 2017, S. 35; Dathe und Helmold 2020). Anders als bei kleinen innovativen, technologieorientierten Unternehmen, besitzen BigTech durch ihre originären Geschäftsaktivitäten bereits eine große Kundenbasis und können auf ihre Infrastruktur und ihren technologischen Vorteil gegenüber traditionellen Banken zurückgreifen, um in kurzer Zeit eine große Marktmacht aufzubauen. Durch fehlende Regulierung ihrer Geschäftsaktivitäten haben sie einen zusätzlichen Vorteil gegenüber Banken, der zunächst zum schnellen Wachstum des Sektors führt und auch im weiteren Verlauf den Wettbewerb verzerrt (Zetzsche et al. 2017, S. 35; Frost et al. 2019, S. 781–782). Insbesondere im Fall von ausgereiften Finanzdienstleistungen durch Technologieunternehmen, bei denen Risiken bereits abschätzbar sind, eignet sich eine Regulierung durch formelle Lizensierung oder rechtliche Vorschriften (Brummer und Yadav 2019, S. 282–297). 6 Fazit und Ausblick Die Diskussion der Implikationen des Regulierungsansatzes der chinesischen Behörden zeigt, dass die Frage, ob China an dieser Stelle ein Vorbild für die EU sein kann, maßgeblich von der Einschätzung des systemischen Risikos eines potenziell zu regulierenden Unternehmens abhängt. BigTech können zwar wesentlich zur Vertiefung und Stabilisierung des Finanzmarktes beitragen, es besteht jedoch die Gefahr, dass diese Unternehmen durch ihre Marktmacht ein erhebliches systemisches Risiko für das Finanzsystem darstellen. Gerade wenn ihre Tochterunternehmen vorwiegend in der Finanzbranche tätig sind, erscheint eine Regulierung auf Konzernebene unter Berücksichtigung der Größe und Vernetzung des Konzerns erforderlich, um Finanzstabilität sicherzustellen. Da es in Europa bislang kein mit der Ant Group in China vergleichbares Unternehmen gibt und BigTech aus den USA hauptsächlich Bezahldienste anbieten, besteht kein akuter Handlungsbedarf. Dennoch sollten die europäischen Regulierungsbehörden die weitere Entwicklung genau beobachten und Maßnahmen für potenzielle Szenarien diskutieren. Ein solches Szenario könnte die Ausweitung des Angebots großer Technologiekonzerne im Bereich von Finanzdienstleistungen, wie etwa der Kreditvergabe oder der Kapitalanlage, sein. Ebenso wie die EU bereits US-ameri- kanische BigTech wie Facebook und Google auf Basis des geltenden Kartellrechts mit Bußgeldern belegte, erscheint eine Einschränkung der großen internationalen Technologiekonzerne nicht nur mit Blick auf faire Wettbewerbsbedingungen notwendig, um gegen die zunehmende Marktmacht dieser Konzerne vorzugehen (The Economist 2020d). Insbesondere wenn diese mit einem umfangreichen Angebot K 234 V. Böhnke hauptsächlich in der Finanzbranche aktiv werden, sollte eine Berücksichtigung in der Regulierung mit Blick auf die Finanzstabilität in Betracht gezogen werden. Danksagung Ich danke zwei Gutachtern sowie Andreas Götz, Annika Laubinger, Fabian Nehf und Andreas Pfingsten für wertvolle Hinweise, die zur Verbesserung der Arbeit beigetragen haben. Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. 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