Zahlendemagogie oder Wirtschaftspolitik nach Maß?
Abstract
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Full text
Marx, Detlef Article Zahlendemagogie oder Wirtschaftspolitik nach Maß? Schmollers Jahrbuch für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Marx, Detlef (1970) : Zahlendemagogie oder Wirtschaftspolitik nach Maß?, Schmollers Jahrbuch für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, ISSN 0036-6234, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 90, Iss. 3, pp. 257-274, https://doi.org/10.3790/schm.90.3.257 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291216 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Zahlendemagogie oder Wirtschaftspolitik nach Maß? Zur quantitativen Wirtschaftspolitik in der BRD seit 1966* Yon Detlef Marx, Berlin I. Zum Problem Minister Schiller hat häufig die Auffassung vertreten, eine Politik nach Maß zu betreiben, während ihm von seinen Kritikern vorgeworfen wurde, er benutze die quantitative Wirtschaftspolitik nur, um Zahlenspielerei bzw. Zahlendemagogie zu betreiben1. Ziel der folgenden Ausführungen ist es, die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung seit 1966 unter diesen Aspekten zu analysieren und eine Stellungnahme zu erarbeiten. Zahlendemagogie wäre m. E. gegeben, wenn Zielformulierung und Zielverwirklichung deswegen nicht übereinstimmen, weil sich die Ziele nicht hinreichend quantifizieren oder die Wirkungen der wirtschaftspolitischen Maßnahmen nicht hinreichend abschätzen lassen und wenn trotz dieser bekannten Mängel Zielprojektionen aufgestellt werden mit dem Zweck, bestimmte Bewußtseinslagen herzustellen. Von einer Wirtschaftspolitik nach Maß kann dagegen dann gesprochen werden, wenn es gelingt, den wirtschaftlichen Prozeß im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung so zu steuern, daß am Ende der Zielperiode die angestrebten, in der Zielprojektion quantifizierten Ziele mit der tatsächlichen Entwicklung im Rahmen der üblichen Ungenauigkeit wirtschaftlicher Beobachtungen übereinstimmen2. Die Auseinandersetzung zwischen Schiller und seinen Kritikern wurde vielfach auch durch parteipolitische Gesichtspunkte bestimmt. Ich möchte deutlich hervorheben, daß diese Argumente hier ausgeklammert werden. Mir geht es um eine Analyse, die im Zusammen- * Überarbeitete Fassung eines Vortrages vor den Mitgliedern der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Berlin am 4. Februar 1970. 1 Vgl. Kurt Pentzlin: Hier irrte Schiller. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1969, Nr. 176. 2 Vgl. hierzu Oskar Morgenstern: Über die Genauigkeit wirtschaftli&er Beobachtungen. Wien-Würzburg 1965. 17 Schmollers Jahrbuch 90,3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:44:48
258 Detlef Marx hang mit der gestellten Frage zu klären sucht, wie operational die Theorie der Wirtschaftspolitik ist. Dabei beschränke ich mich auf die quantitative Wirtschaftspolitik, weil sie besonders geeignet ist, die Effizienz der Wirtschaftspolitik objektiv zu prüfen, d. h. festzustellen, welche Ziele formuliert wurden, wie man die entsprechenden Instrumente dimensionierte und welche Ergebnisse dabei erzielt werden konnten. Als quantitativ sehe ich dabei mit Tinbergen den Bereich der Wirtschaftspolitik an, in dem durch Variation der Werte von Instrumentvariablen die numerischen Werte von Zielvariablen verändert werden3. Hauptaufgabe der quantitativen Wirtschaftspolitik ist es demnach, durch einen entsprechenden Einsatz der verfügbaren Instrumente bzw. die Variation ihrer numerischen Werte den Wirtschaftsprozeß so zu steuern, daß seine quantitativen Ergebnisse den quantifizierten Zielen entsprechen4. Quantitative Wirtschaftspolitik wirkt durch die Variation ihrer Instrumentvariablen. Ich beschäftige midi daher nicht mit der zuweilen vorgebrachten Kritik, die Variation dieser Werte verstoße gegen das Postulat der Konstanz der Wirtschaftspolitik. Diese Kritiker verkennen m. E., daß man von zwei Dingen nur eins haben kann: — entweder Konstanz der wirtschaftlichen Entwicklung durch Variation der Wirtschaftspolitik oder — Konstanz der Wirtschaftspolitik und Variation der wirtschaftlichen Entwicklung, also konjunkturelles Auf- und Ab und daß die Entscheidung zugunsten der ersten Alternative gefallen ist. II. Die quantitative Effizienz der Wirtschaftspolitik in der BRD seit 1966 1. Zielprojektionen für das magische Viereck Nach dem Stabilitäts- und Wachstumsgesetz haben Bund und Länder bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen darauf zu achten, „daß sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichen Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen"5. 3 Jan Tinbergen: Wirtschaftspolitik. Freiburg 1968. S. 14. 4 Tinbergen: a.a.O., S. 93. 5 § 1 des Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft. BGBl. I 1967, S. 582. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:44:48
Zahlendemagogie oder Wirtschaftspolitik nach Maß? 259 Das Gesetz bestimmt ferner, daß im Januar eines jeden Jahres die Bundesregierung die für das laufende Jahr angestrebten wirtschaf ts- und finanzpolitischen Ziele darzulegen hat. Angesichts dieses Sachverhalts erscheint es zweckmäßig und legitim, die quantitative Effizienz oder Zielkonformität der Wirtschaftspolitik an der Differenz zwischen gesetzten und realisierten Zielen zu messen. Das Ergebnis gibt Antwort auf die Frage, inwieweit die Träger der Wirtschaftspolitik in der Lage waren, den Einsatz wirtschaftspolitischer Instrumente problemgerecht zu dimensionieren. Die Bundesregierung bzw. das Bundeswirtschaftsministerium unterscheidet zwischen kurzfristigen Zielen, d.h. Zielprojektionen, die seit 1967 jeweils für ein Jahr formuliert werden, und mittelfristigen Zielen. Bei den mittelfristigen Zielen handelt es sich um Projektionen, die als „quantifizierte globale Leitbilder (zu bezeichnen sind — D.M.), auf welche sich die Wirtschaftspolitik im großen und ganzen ausrichten soll"6. Unter einer Zielprojektion ist nach der Interpretation der Bundesregierung „nicht eine einfache Vorausschätzung der wahrscheinlichen Entwicklung (zu verstehen — D.M.). Vielmehr geht sie davon aus, daß erstens die Realisierung der projektierten Entwicklung wünschbar ist, und daß zweitens erforderlichenfalls die Bedingungen hierfür im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung geschaffen werden7." Neben Zielprojektionen gibt es Wahrscheinlichkeitsprognosen. Eine Wahrscheinlichkeitsprognose ist die quantitative Voraussage der wirtschaftlichen Entwicklung unter Berücksichtigung der voraussehbaren wirtschaftspolitischen Maßnahmen. Eine Zielprojektion baut auf einer Wahrscheinlichkeitsprognose auf und unterscheidet sich von ihr bei gleichzeitiger Erstellung und gleichem theoretischen Wissen durch die Differenz zwischen voraussichtlicher und erwünschter Entwicklung. Das hat zur Konsequenz, daß bei Zielprojektionen gegenüber Wahrscheinlichkeitsprognosen der Maßnahmeneinsatz auf das gewünschte Ziel hin neu konzipiert werden muß, wenn die Wahrscheinlichkeitsprognosen andere Ergebnisse zeigen als angestrebt werden. Wie diese Neukonzeption zu erfolgen hat, zeigen Wahrscheinlichkeitsprognosen der Ergebnisse von Instrumentvariationen. Beim gegenwärtigen Stand der Statistik und unserer Kenntnis über den Wirkungsmechanismus wirtschaftspolitischer Instrumente sind Zielprojektionen das Beste, was die staatliche Wirtschaftspolitik zur 6 Karl-Heinz Raabe: Projektionen der mittelfristigen Wirtschaftsentwicklung. BMW-Texte. Bonn 1969. S. 8. 7 Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung 1968, Ziff. 30. 17» OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:44:48
260 Detlef Marx Verfügung hat, um quantifizierte Ziele zu formulieren und die Steuerungsprobleme der Wirtschaft transparent zu machen. Diese Aufgabe hatte auch der Sachverständigenrat im Auge, als er in seinem Gutachten „Stabilität im Wachstum" formulierte, es handele sich bei Zielprojektionen „um Versuche, Gleichgewichtspunkte zu markieren, zu denen ein Marktsystem mit mehr Transparenz und mehr Voraussicht von sich aus hinstreben würde, die es aber ohne Ersatz für Durchsicht und Voraussicht, wenn überhaupt, dann nur im zyklischen Auf und Ab und ... mit unnötigen Reibungsverlusten erreicht"8. 2. Realisierung der Zielprojektion Im folgenden werden die angestrebten und realisierten Ziele diskutiert, und zwar sowohl in der mittelfristigen wie der kurzfristigen Formulierung. Dabei benutze ich jeweils den Maßstab des Jahreswirtschaftsberichtes. Für den Ausgang dieser Diskussion ist entscheidend, welche Differenz zwischen Vorhersage und Realisation noch akzeptiert werden kann. Denn es ist selbstverständlich, daß das Urteil über die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung mit dem Ausmaß der Toleranzvorgabe variiert. Bei der Bestimmung dieser Toleranzvorgabe sind m. E. zwei Gesichtspunkte besonders zu berücksichtigen: 1. der Anspruch der wirtschaftspolitischen Relevanz, d. h. die Verbindlichkeit der Ziele für die am Wirtschaftsprozeß beteiligten Gruppen, und 2. das Selbstverständnis der Instanz, die diese Ziele formuliert. Wird die Toleranz zu groß gewählt, verlieren Zielformulierungen ihre Funktion als Basis oder Ausgangspunkt des Entscheidungsprozesses aller Beteiligten. Über das Selbstverständnis der Zielformulierung gibt eine Publikation des BMWI Aufschluß, in der es heißt, daß für die Werte der einzelnen Ziele des magischen Vierecks Toleranzgrenzen hingenommen werden müßten, ehe spezielle Maßnahmen bei Abweichungen von den Zielgrößen eingesetzt werden. Diese Toleranzgrenzen lägen je nach dem Ziel bei einem halben oder einem Prozentpunkt, wobei hinzukommen müsse, daß weitere Abweichungstendenzen zu erwarten seien9. Akzeptiert man diese Interpretation und hält man sie auch mit dem Relevanzkriterium für vereinbar, dann ist — wie Tabelle 1 zeigt — 8 Sachverständigenrat: Stabilität im Wachstum. Jahresgutachten 1967/68. Stuttgart u. Mainz 1967. Ziff. 282. ® Vgl. Raabe: a.a.O., S. 9. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:44:48
Zahlendemagogie oder Wirtschaftspolitik nach Maß? 261 mit Ausnahme der Arbeitslosenquote und des Preisanstiegs des privaten Verbrauchs in den Jahren 1967, 1968 und 1969 kein Ziel in der von der Regierung angegebenen Form erreicht worden. Tabelle 1 Kurz- und mittelfristige Projektion (P) der Arbeitslosenquote und der jährlichen Veränderungen ausgewählter Größen des Sozialprodukts in den Jahren 1967, 1968, 1969, 1967/72, ihre Realisierung und die Verwirklichung (R) der projektierten Ziele im Durchschnitt der Jahre 1967, 1968 und 1969 Änderung (in vH) (i) 1967 1968 1969 1967 bis 1969») 1967 bis 1972 a) Änderung (in vH) (i) P (2) R (3) P (4) R (5) P (6) R (7) R (8) P (9) I. Arbeitslosenquote .... 1,5 2,1 1,4 1,5 1,0 0,8 1,5 1,0 II. Preisanstieg d. priv. Verbrauchs 2,0 1,8 2,5 2,0 2,0 2,7 2,2 — II. Preisanstieg d. BSP zu Marktpreisen 2,0 0,6 2,1 1,9 2,5 3,4 2,0 1,5 III. Einfuhr 4,5 --1,3 9,8 13,2 12,5 19,1 10,3 7,7 b) III. Ausfuhr 8,5 8,0 6,4 13,1 6,5 14,1 11,7 7,2 b) III. Außenbeitrag 2,0 3,5 2,0 3,4 — 2,6 3,2 2,0 IV. BSP zu Marktpreisen (real) 2,0 0 4,1 7,0 4,5 8,4 5,1 4,5 IV. BSP zu Marktpreisen (jew. Preise) 4,0 0,6 6,2 8,9 7,0 11,8 7,1 6,0 IV. Privater Verbrauch . . 3,5 2,4 3,9 5,5 7,5 10,4 6,1 5,3 IV. Staatsverbrauch 6,0 6,7 4,7 3,7 9,5 11,1 7,2 6,0 IV. Bruttoanlage-Inv -0,5 --9,4 7,1 9,7 10,5 18,9 6,4 7,9 — Keine Angabe. a) Durchschnitt. b) Projektion 1966/71. Quellen: Spalte (2) nach Angaben von Dr. Heyne, BMW vom 28. 11. 1969. — Spalten (3), (4), (5), (6) Jahreswirtschaftsbericht 1969. — Spalte (7) Stat. Wochendienst v. 9. 1. 1970. — Spalte (8) eigene Berechnungen. — Spalte (9) Die wirtschaftliche Lage in der BRD, 1. Vierteljahr 1968, S. 6 ff. (Hrsg. BMW). In diesem Zusammenhang ist von Interesse, daß auch in den Jahren von 1951 bis 1967 Stabilität des Preisniveaus, Vollbeschäftigung und außenwirtschaftliches Gleichgewicht nie in der seit 1967 üblichen Quantifizierung erreicht wurde10. 10 Vgl. Peter Baumgarten und Wolfgang Mückl: Wirtschaftspolitische Zielkonflikte in der Bundesrepublik Deutschland. Tübingen 1969. S. 67 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:44:48
262 Detlef Marx Berücksichtigt man bei den Abweichungen zwischen Ziel und Realität die übliche Ungenauigkeit wirtschaftlicher Beobachtungen11 und die Problematik des Versuches, Wachstum zuverlässig durch eine einzige Zahl messen zu wollen12, so bleiben, wie Tabelle 1 zeigt, erhebliche Differenzen zwischen Zielprojektion und tatsächlicher Entwicklung. Versucht man festzustellen, worauf die Abweichungen zwischen Ziel und Realität zurückzuführen sind, drängen sich vor allem zwei Erklärungsgründe auf. In der Rezession 1966/67 waren der im Januar 1967 beschlossene erste Investitionshaushalt mit 2,5 Mrd. DM und die bis 31. 10. 1967 befristete Erhöhung der steuerlichen Abschreibungssätze zu schwach dosiert, um den starken Rückgang der Investitionsneigung aufzufangen und den Ländern und Gemeinden eine antizyklische Haushaltsplanung nahezubringen13. Die Nachfrageeffekte dieser Konjunkturstimulierung wurden aufgrund der schleppenden Auftragsvergabe (Auftragsvergabe Ende Mai 1967 ca. 2,3 Mrd!) wesentlich später marktwirksam, als man ursprünglich annahm. Beim zweiten Konjunkturförderungsprogramm mit einem Ausgabevolumen von ca. 5,3 Mrd. DM hat man wahrscheinlich die wirtschaftsendogenen Kräfte der konjunkturellen Entwicklung unterschätzt. Denn der folgende Aufschwung hatte zum Teil weitgehend eigenständige, d. h. von der inneren Wirtschaftspolitik unabhängige Ursachen. Das gilt eindeutig für den Anstieg der Auslandsnachfrage, die sich von 1966 bis 1969 um rd. 40% erhöhte. Der Anstieg der Inlandsnachfrage war zwar konjunkturpolitisch beeinflußt, aber wohl nur im Anfangsstadium. Es ist m. E. schwer vorstellbar, daß die zeitweiligen Abschreibungserleichterungen und die Anregungen der staatlichen Ausgaben ausgereicht haben, um die Ausrüstungsinvestitionen von 1967 bis 1969 um rd. 41% zu steigern. Nimmt man die Planung von Ausrüstungsinvestitionen hinzu, muß angenommen werden, daß die Investitionsneigung der Unternehmen nennenswert unterschätzt wurde14. Im Jahreswirtschaftsbericht 1968 wurde mit einem Anstieg der gesamten Anlageinvestitionen um 7,1 % gerechnet, tatsächlich nahmen 11 Morgenstern: a.a.O., S. 255 ff. 12 Morgenstern (a.a.O., S. 303) führt hierzu aus: „Sollte die Wirtschaftswissenschaft jemals in die angenehme Lage kommen, das Wachstum zuverlässig durch eine einzige Zahl zu messen, so könnte dies nur auf Grund von Entwicklungen in dieser Wissenschaft geschehen, die heute noch höchst unwahrscheinlich anmuten." 13 Sachverständigenrat: Stabilität im Wachstum, a.a.O., Ziff. 233. 14 Helmut Schlesinger: Zur gegenwärtigen Konjunkturlage. (Vortrag abgedruckt in: Deutsche Bundesbank (Hrsg.): Auszüge aus Presseartikeln, Jg. 1969, Nr. 81 vom 17. 10. 1969.) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:44:48
Zahlendemagogie oder Wirtsdiaftspolitik nach Maß? 263 sie um 9,7% zu; für 1969 wurde mit einem Anstieg von gut 10% gerechnet. Tabelle 1 zeigt, daß es tatsächlich rd. 19% waren. Absolut gesehen ist das eine Differenz von 10,5 Mrd. DM15. Der Preisanstieg des privaten Verbrauchs betrug 1969 nicht 2,0%, wie geplant, sondern 2,7 %. Daß an dieser Entwicklung die verspätete Aufwertung ursächlich beteiligt ist, braucht hier nicht besonders betont zu werden. Darauf hingewiesen werden muß jedoch, daß Minister Schiller im Herbst 1968 noch annahm, er könne den Boom durch die steuerlichen Maßnahmen zur außenwirtschaftlichen Absicherung bändigen. Wichtig ist dabei, daß diese Annahme mit dem Argument gestützt wurde, die konjunkturdämpfenden Maßnahmen der USA würden dort zu einer baldigen Konjunkturabschwächung und damit zu einem Rückgang der westdeutschen Exporte führen. Die im Herbst 1968 erwartete Konjunkturabschwächung der USA zeichnete sich aber erst nach reichlich einem halben Jahr ab, und vermutlich nicht aufgrund der damals eingeführten, leicht restriktiven Finanzpolitik, sondern als Folge der seit Ende 1968 restriktiven Geldpolitik16. 3. Zwischenergebnis Das erste Zwischenergebnis lautet somit: 1. Die Abweichungen der Realität von den Zielprojektionen sind beträchtlidi. 2. Die Beispiele der Rezession von 1966/67 und die Erfahrungen im Boom des vergangenen Jahres zeigen, daß es der Regierung nicht gelang, ihre Instrumente zeitlich und quantitativ richtig einzusetzen. Damit stellt sich die Frage, weshalb das so ist. Als Antwort bieten sich zunächst zwei Hypothesen an. Erstens: Die Qualifikation der Mannschaft um Schiller reicht nicht aus, die Erkenntnisse der Theorie richtig anzuwenden, und/oder zweitens: Die Theorie bietet noch nicht soviel Erkenntnisse, um eine Wirtschaftspolitik nach Maß zu betreiben. Ich glaube, davon ausgehen zu können, daß die Frage nach der ausreichenden Qualifikation sich von selbst positiv beantwortet. Damit verbleibt als Aufgabe, festzustellen, wie operationäl die Theorie der quantitativen Wirtsdiaftspolitik ist. Bei der Beantwortung dieser Frage wollen wir davon ausgehen, daß eine Wissenschaft dann operational ist, wenn sie einen hohen Er- 15 Vgl. Jahreswirtschaftsbericht 1970 der Bundesregierung, Bundestagsdrudesache VI/281, S. 11. — Zum Vergleich: Nach vorläufigen Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Berlin, erzielte der Bergbau 1969 einen Umsatz von ca. 10,5 Mrd. DM (ohne MWSt). 16 Sachverständigenrat: Im Sog des Booms, Jahresgutachten 1969/70. Stuttgart und Mainz 1969. Ziff. 5. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:44:48
264 Detlef Marx kenntnisstand über die innere Struktur und die stochastischen Gesetzmäßigkeiten ihres Untersuchungsobjektes erreicht hat und aufgrund dieser Kenntnisse in der Lage ist, ihre Ergebnisse für die kontrollierte Beeinflussung dieser Strukturen zur Verfügung zu stellen. III. Der Beitrag der Theorie der quantitativen Wirtschaftspolitik zur Gestaltung der praktischen Wirtschaftspolitik Eine Beeinflussung des wirtschaftlichen Prozesses sollte erfolgen, wenn Klarheit besteht über: — die Zielformulierung, — die Lageanalyse und — die Auswahl der Maßnahmen, die geeignet sind, die Kluft zwischen Lage und Ziel zu überbrücken. Analog dieser Dreiteilung ist jetzt festzustellen: 1. Welche Möglichkeiten bestehen, wirtschaftspolitische Ziele sinnvoll zu quantifizieren? 2. Welche Probleme ergeben sich bei der Bestimmung der Lage? 3. Wie hilfreich ist die Theorie der quantitativen Wirtschaftspolitik bei der Auswahl der zur Verwirklichung bestimmter Ziele erforderlichen Maßnahmen und ihrer jeweiligen Dosierung? 1. Formulierung und Quantifizierung wirtschaftsp o 1 itischer Ziele Einleitend wurde festgestellt, die quantitative Wirtschaftspolitik habe die Aufgabe, quantifizierte Ziele durch Variation der Werte von Instrumentvariablen zu verwirklichen. Das setzt zunächst voraus, daß die Prioritäten wirtschaftspolitischer Ziele befriedigend festgelegt und die einzelnen Ziele quantifiziert werden können. Es gilt nun zu prüfen, ob diese Voraussetzungen mit Hilfe der Theorie der Wirtschaftspolitik befriedigend erfüllt werden können. Dabei konzentriere ich midi auf folgende Fragen: 1. Wirtschaftspolitik verursacht Kosten. Wie kann man feststellen, wie die Ressourcen auf Markt- und Staatswirtschaft zu verteilen sind, um einen Anhaltspunkt zu gewinnen über das „tragbare" Ausmaß des Einsatzes wirtschaftspolitischer Maßnahmen zur Realisierung wirtschaftspolitischer Ziele17? 17 Vgl. hierzu auch Horst Glaus Recktenwald: ökonomisches Denken in der Staatswirtschaft. Der Volkswirt, 23. Jg. (1963), Nr. 48 u. 49, S. 30 ff. u. 42 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:44:48
Zahlendemagogie oder Wirtschaftspolitik nach Maß? 271 man genau angeben könnte, in welcher Zeit die Variation einer Instrumentvariablen, z. B. des Diskontsatzes, eine bestimmte, exakt quantifizierbare Wirkung hervorruft. Meine These ist nun aber, daß man bei unserem gegenwärtigen Erkenntnisstand weder in der Lage ist, exakt anzugeben, in welcher konjunkturellen Situation man sich befindet, noch präzise vorauszusagen, wie und wann eine bestimmte wirtschaftspolitische Maßnahme wirkt. Einen prima-facie-Beweis liefert die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung seit 1966, wie sie sich in den Tabellen 1 bis 3 widerspiegelt. Tabelle 3 Vergleich von Schätzungsfehlern bei Wahrscheinlichkeitsprognosen und Zielprojektionen für die Bundesrepublik mit Hilfe des Theilschen Ungleichheitskoeffizienten für die Jahre 1958—1966 und 1967—1969 Schätzungsfehler bei Wahrsdiein-Schätzungsfehler bei Projektierte Größen lichkeits-Zielprojektionen a) prognosen 1958—1966 1967 1968 1969 1967/69 (i) (2) (3) (4) (5) (6) I. Arbeitslosenquote . . . — 0,29 0,09 0,25 0,50 II. Preisanstieg d. priv. Verbrauchs 0,18 0,11 0,25 0,26 0,33b) III. Einfuhr 0,35 1,41 0,26 0,34 0,34 III. Ausfuhr 0,32 0,06 0,51 0,54 0,62 IV. BSP zu Marktpreisen (jew. Preise) 0,19 5,67 0,30 0,41 0,18 IV. Privater Verbrauch .. 0,16 0,46 0,29 0,28 0,15 IV. Staatsverbrauch 0,26 0,10 0,27 0,17 0,20 IV. Bruttoinvestitionen .. 0,42 0,95 0,27c) 0,44°) 0,60c) — Keine Angabe. a) Gemessen an der Zielprojektion 1967/72. b) Preisanstieg des BSP. c) Bruttoanlageinvestitionen. Quellen: Spalte (2): vgl. Tabelle 2. Spalten (3), (4), (5) und (6): eigene Berech nun gen nach Tabelle 1. Die Differenz der Verschätzungen zwischen Wahrscheinlichkeitsprognosen und Zielprojektionen (vgl. Tabelle 3) erscheint mir so gering, daß sehr viel für die Vermutung spricht, ein erheblicher Prozent- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:44:48
272 Detlef Marx satz (genauere Angaben sind bei den verfügbaren Informationen nicht zu treffen) der Versdiätzungen beruhe auf einer fehlerhaften Antizipation der zeitlichen und quantitativen Wirkungen der zum Einsatz gelangenden wirtschaftspolitischen Instrumente und nicht auf den unterschiedlichen Voraussetzungen von Wahrscheinlichkeitsprognosen und Zielprojektionen. Aber wir brauchen uns mit diesem prima-facie-Beweis nicht zu begnügen, wenn wir noch kurz kritisch prüfen, welche Aussagen die Theorie der quantitativen Wirtschaftspolitik über ihre Instrumente und die Effizienz ihres Einsatzes bereithält. Dabei ist zunächst davon auszugehen, daß es zwar eine Reihe interessanter Modelle, aber wenig brauchbare Theorien gibt. Bis heute ist z. B. meines Wissens keine operationale ökonomische Theorie verfügbar, die in der Lage wäre aufzuzeigen, wie Vollbeschäftigung der Produktionsfaktoren und ein Gleichgewicht von möglicher Produktion und tatsächlicher Nachfrage, also ein gleichgewichtiger Wachstumspfad erreicht und Abweichungen, d.h. Konjunkturen, vermieden werden können25. Aber auch für die isolierte Erklärung wirtschaftlichen Wachstums oder der konjunkturellen Bewegungen gilt der Ausspruch Joan Robinsons: „An einem Beine Slogans, am anderen ungeprüfte Hypothesen, so humpelt die Nationalökonomie daher26." Daraus ergibt sich, daß — stets mit einer unvollständigen Kenntnis der stochastischen Gesetzmäßigkeiten geredinet werden muß und — stets Überraschungen zu erwarten sind, deren quantitativer Niederschlag einen veränderten Instrumenteneinsatz erfordert. Um zu wissen, wie der Instrumenteneinsatz verändert werden muß, ist eine geschlossene Theorie eventuell nicht erforderlich, wenn man Bausteine einer Theorie zur Verfügung hätte, die aus getesteten und empirisch bewährten Wirkungshypothesen bestehen. Im Gegensatz zu anderen Disziplinen, etwa den Naturwissenschaften, haben wir in der Wirtschaftspolitik jedoch wenig mehr als allgemeine Aussagen über die Ursachen und das Ausmaß der Kräfte, die Veränderungen des Wirtschaftsprozesses hervorrufen27. 25 Vgl. Gerd Hansen: Ein Beitrag makroökonomischer Modelle zur Erklärung von Wachstum und Konjunktur in der Bundesrepublik Deutschland, 1951—1964. Hamburg 1967. S. 16. 26 Joan Robinson: Doktrinen der Wirtschaftswissenschaft. München 1965. S. 35. 27 Für die Konjunkturpolitik vgl. z. B. Ernst Dürr: Wirkungsanalyse der monetären Konjunkturpolitik. Frankfurt 1966. — Ders.: Probleme der Konjunkturpolitik. Freiburg 1968. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:44:48
Zahlendemagogie oder Wirtschaftspolitik nach Maß? 273 IV. Ergebnis Einleitend wurde gesagt: „Zahlendemagogie" liege vor, wenn aufgrund unserer unzureichenden theoretischen Kenntnisse Projektion und Realisation im Regelfall nicht übereinstimmen können und wenn die veröffentlichten Zahlen dazu benutzt werden, andere Ziele, also bestimmte Bewußtseinslagen oder Vorstellungen zu erreichen. Als „Wirtschaftspolitik nach Maß" wurde eine Politik bezeichnet, die den wirtschaftlichen Prozeß so steuern kann, daß am Ende der Zielperiode die quantifizierten Ziele mit der tatsächlichen Entwicklung im Rahmen der üblichen Genauigkeit wirtschaftlicher Beobachtungen übereinstimmen. Versucht man zwischen beiden Bezeichnungen sorgfältig abzuwägen, so muß man dabei berücksichtigen, daß die nur begrenzten Möglichkeiten der Theorie, die praktische Wirtschaftspolitik auf stochastische Gesetzmäßigkeiten und zeitlich wie quantitativ voraussehbare Wirkungsabläufe hinzuweisen, auch den Männern bekannt sind, die die Wirtschaftspolitik in der Bundesrepublik seit 1966 gestalten. Es darf auch nicht verkannt werden, daß Zielprojektionen und Wahrscheinlichkeitsprognosen durchaus unsere Unkenntnis über den wirtschaftlichen Aktionsraum reduzieren. Tabelle 4 zeigt deutlich, daß Wahrscheinlichkeitsprognosen zu besseren Ergebnissen führen als reine Trendextrapolationen. Tabelle 4 Vergleich von halbjährlichen Prognosen und Trendextrapolationen westdeutscher Wirtschaftsforschungsinstitute mit Hilfe des Theilschen Ungleichheitskoeffizienten für die Jahre 1962—1966 Projektierte Größen Prognose Trendextra- polationen (i) (2) (3) Privater Verbrauch 0,15 0,26 Staatsverbrauch 0,19 0,34 Ausrüstungsinvestitionen 0,38 0,68 Ausfuhr 0,19 0,39 Einfuhr 0,24 0,42 Bruttosozialprodukt 0,17 0,29 Quelle: Willi Lamberts und Lothar Schüssler: Zur Treffsicherheit von Konjunkturprognosen der Wirtschaftsinstitute. Mitteilungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, Jg. 18 (1967), S. 284. 18 Schmollers Jahrbuch 90,3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:44:48
274 Detlef Marx Wenn man sich jedoch vergegenwärtigt, mit welchem Anspruch die Zielprojektionen bisher vorgestellt wurden und daß sie diesen Anspruch nicht nur nicht erfüllen konnten, sondern darüber hinaus auch unerwünschte Folgen zeigten, die z.B. im Bereich der Lohnpolitik zu dem außergewöhnlich langen Lohnlag in der Aufschwungsphase dieses Konjunkturzyklus geführt haben28, dann muß man m. E. auch als Befürworter einer quantitativen Wirtschaftspolitik zu dem Ergebnis kommen, daß in den Jahren 1966 bis 1969 mehr Zahlendemagogie betrieben wurde als Politik nach Maß. Mir scheint, eine derartige Beurteilung kann sich erst ändern, wenn die Problematik der Zielprojektionen deutlicher zum Ausdruck gebracht wird. Noch besser wäre es allerdings, wenn gleichzeitig die Theorie verbessert wird. Ob das gelingt, hängt davon ab, inwieweit auf die bisher zu beobachtende Vorliebe, Modelle zu konstruieren, eine Periode der Bildung und empirischen Überprüfung von Theorien folgt. Summary Demagogy with Figures or Custom made Economic Policy? Remarks on Quantitative Economic Policy in the Federal Republic of Germany since 1966 Comparing the Federal Government's quantified aims of economic policy 1966—69 with the actually achieved results, the author denies the existence of a "custom made policy" as claimed by German officials. Then the question is raised whether or not economics as a science have become sufficiently operational to enable such an economic policy. Definitions of aims, statistical analysis of situations and dosage of measures are used as examples to show that economics still cannot supply the necessary conditions for a "custom made" economic policy. Since politicians know about these deficiencies of economics, the author comes to the conclusion, that German quantitative economic policy 1966—69 was more or less demagogy with figures. 28 Sachverständigenrat: Im Sog des Booms, a.a.O., Ziff. 242. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:44:48