Wissensproduktion und Lernprozesse am Beispiel von Reallaboren zur Klimafolgenanpassung in Halle (Saale) und Mannheim
Abstract
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Full text
Knieling, Jörg; Kretschmann, Nancy; Nell, Rebecca; Pfau-Weller, Natalie Article Wissensproduktion und Lernprozesse am Beispiel von Reallaboren zur Klimafolgenanpassung in Halle (Saale) und Mannheim Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning Provided in Cooperation with: Leibniz-Forschungsnetzwerk "R – Räumliches Wissen für Gesellschaft und Umwelt | Spatial Knowledge for Society and Environment" Suggested Citation: Knieling, Jörg; Kretschmann, Nancy; Nell, Rebecca; Pfau-Weller, Natalie (2021) : Wissensproduktion und Lernprozesse am Beispiel von Reallaboren zur Klimafolgenanpassung in Halle (Saale) und Mannheim, Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning, ISSN 1869-4179, oekom verlag, München, Vol. 79, Iss. 4, pp. 438-452, https://doi.org/10.14512/rur.30 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/240614 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
rur.oekom.de https://doi.org/10.14512/rur.30 POLITIK–UND PRAXIS– PERSPEKTIVE POLICY AND PRACTICE PERSPECTIVE OPEN ACCESS Wissensproduktion und Lernprozesse am Beispiel von Reallaboren zur Klimafolgenanpassung in Halle (Saale) und Mannheim Jörg Knieling, Nancy Kretschmann, Rebecca Nell, Natalie Pfau-Weller Eingegangen: 6. September 2020 Angenommen: 16. Juni 2021 Online veröffentlicht:19. Juli 2021 Zusammenfassung Steigende Durchschnittstemperaturen und verstärkt auftretende Hitzeinseln erhöhen die Verwundbarkeit der Stadtgesellschaft auch in Halle (Saale) und Mannheim. Die Bewältigung der damit einhergehenden Herausforderungen braucht nicht nur lokal angepasste Strategien, sondern insbesondere ein ressortübergreifendes Vorgehen und die partizipative Einbindung der Betroffenen. Reallabore in beiden Städten eröffnen die Möglichkeit, dies in einem transformativen Verfahren zu erproben. In diesem Beitrag wird diskutiert, mit welchen Herausforderungen Reallabore im Hinblick auf Wissen bereits in der Findungsphase konfrontiert sind und worauf zu achten ist, um diesen Prozess bestmöglich zu unterstützen. Prof.Dr.-Ing.JörgKnieling, Fachbereich Stadtplanung und Regionalentwicklung, Hafencity Universität Hamburg, Henning-Voscherau-Platz 1, 20457 Hamburg, Deutschland [email protected] Nancy Kretschmann M. Sc., Fachbereich Stadtplanung und Regionalentwicklung, Hafencity Universität Hamburg, Henning-Voscherau-Platz 1, 20457 Hamburg, Deutschland [email protected] Rebecca Nell M. A., Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement, Universität Stuttgart, Nobelstraße 12, 70569 Stuttgart, Deutschland [email protected] Dr. Natalie Pfau-Weller, Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement, Universität Stuttgart, Nobelstraße 12, 70569 Stuttgart, Deutschland [email protected] © 2021 Knieling; licensee oekom verlag. This Open Access article is published under a Creative Commons Attribution 4.0 International License. Schlüsselwörter: Reallabore Wissensproduktion Lernprozesse Begleitforschung Klimafolgenanpassung Halle (Saale) Mannheim Knowledge production and learning effects using the example of living labs in Halle (Saale) and Mannheim Abstract Risingaveragetemperatures andmore frequentoccurrenceof heatislandsincreasethevulnerabilityofurbansocietyinHalle (Saale)andMannheim.Dealingwiththeassociatedchallenges requires not only locally adapted strategies, but in particular an interdepartmental approach and involvement of those affected. Living labs in both cities open up the possibility of testing this in a transformative process. This paper discusses the challengesthat livinglabs are confronted with in terms of knowledge already in the finding phase and what needs to be takenintoaccounttosupport thisprocessinthebestpossible way. Keywords: Real-world laboratories Knowledge production Learning processes Accompanying research Climate change adaptation Halle (Saale) Mannheim 1 Einleitung Städte bzw. Stadtregionen sind zentrale Akteure zur Umsetzung der klimarelevanten Ziele übergeordneter politischer Ebenen und gleichzeitig die räumliche Ebene, auf der die Folgen des Wandels bereits heute sichtbar werden. Städtische Räume brauchen daher die Fähigkeit, Störungen zu absorbieren und sich durch dynamische Veränderung so zu organisieren, dass wesentliche Funktionen, Strukturen, Identi- 438 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2021) 79/4: 438–452
Wissensproduktion und Lernprozesse am Beispiel von Reallaboren zur Klimafolgenanpassungin Halle (Saale) ... täten und Rückkopplungen erhalten bleiben. Dies wird unter dem Begriff „urbane Resilienz“ diskutiert (Meerow/Newell/ Stults 2016: 40–42). Hitzeinseln und hohe Schadstoffbelastungen in dicht bebauten Straßenzügen führen beispielsweise zu einer Minderung der Attraktivität und Aufenthaltsqualität der Städte und haben erhöhte Morbiditäts- und Mortalitätsraten in den Sommermonaten zur Folge (Fekkak/ Fleischhauer/Greiving et al. 2016: 20). Im Sinne der urbanen Resilienz gilt es, das städtische System entsprechend zum einen auf die steigende Durchschnittstemperatur und zum anderen auf temporär auftretende Hitzeschocks und damit jeweils einhergehende Folgen vorzubereiten. Die Umsetzung einer klimaresilienten und damit widerstandsfähigen urbanen Entwicklung obliegt der städtischen Verwaltung bzw. den zuständigen Entscheidungs- und Handlungsträger/-innen. Klimapolitik ist eine „Querschnittsmaterie“ (Böcher/Töller 2012: 97), wo Betroffenheiten weder an administrativen noch an sektoralen Grenzen haltmachen, was eine integrierte Bearbeitung erfordert. Die thematische Zuständigkeit und damit das verfügbare Fachwissen und etwaige Entscheidungskompetenzen der jeweiligen Fachämter sind zwar klar definiert, eine Herausforderung ist jedoch, das teils implizit, teils explizit verfügbare Wissen sichtbar und nutzbar zu machen, um ein integriertes und effektives Handeln über Organisationsgrenzen hinweg zu ermöglichen. Hier geht es also zum einen um die inhaltliche Verschneidung von Informationen sowie deren Umwandlung in nutzbares Wissen und zum anderen um das Aufbrechen traditioneller Arbeitsstrukturen. Gleichzeitig sind auch über die Stadtverwaltung hinausgehende Akteure und die städtische Bevölkerung als Wissensträger/ -innen für den Erfolg von Klimaschutz und Klimafolgenanpassung von zentraler Bedeutung. Denn die Bürokratie verfügt nicht mehr über das klassische Herrschaftswissen und besitzt auch keine informationelle Überlegenheit mehr in allen Bereichen. Dadurch sind unter anderem Informationsasymmetrien entstanden, die ein partizipatives und kooperatives Verwaltungshandeln erfordern (Schwickert 2011: 44). An diesem komplexen Wirkungsgefüge setzen die in diesem Beitrag beleuchteten Reallabore Halle (Saale) und Mannheim an. Sie sind eingebettet in das Forschungsprojekt „SMARTilience – Steuerungsmodell für eine klimaresiliente Smart City“1mit Reallaboren in Halle (Saale) und Mannheim. Das transdisziplinär angelegte Projekt ist Teil der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Leitinitiative „Zukunftsstadt“. Über die Förderung werden Halle (Saale) und Mannheim unter- 1https://www.nachhaltige-zukunftsstadt.de/projekte/projekte- a-bis-z/smartilience/ (01.06.2021). stützt, ihren nachhaltigen Wandel in Richtung Klimaresilienz weiter auszugestalten. Die Reallabore dienen der Entwicklung und Erprobung innovativer Steuerungsinstrumente. Die gewonnenen Ergebnisse und Erfahrungen fließen auch in eine Urban Governance Toolbox ein, die Kommunen online frei zugänglich sein wird und die Entscheidungs- und Handlungsträger/-innen bei der klimaresilienten Stadtentwicklung unterstützt. Beide Städte sind aufgrund ihrer in Teilen sehr hohen Dichte und Versiegelung in besonderem Maße von temperaturbedingten Klimafolgen betroffen (DWD 2019: 5–7; Stadt Mannheim 2019: 4). Aus den lokalen Kontexten resultiert der jeweilige Fokus der Reallabore. In diesen temporären urbanen Experimentierräumen arbeiten Akteure aus Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft im konkreten städtischen Kontext gemeinsam an Lösungen des gesellschaftlichen Problems der Klimafolgen und erproben diese im Rahmen von Realexperimenten (Schäpke/Stelzer/Caniglia et al. 2018: 89–90). Steht in Halle die Vernetzung von Klimaakteuren und Klimainteressierten aus der Stadtgesellschaft zur Initiierung gemeinsamer Projekte im Mittelpunkt, ist es in Mannheim die partizipative Erstellung eines Hitzeaktionsplanes und die punktuelle Erprobung einzelner Maßnahmen für den Umgang von vulnerablen, hilflosen Gruppen mit Hitzewellen. Im vorliegenden Beitrag soll zunächst herausgearbeitet werden, welche Herausforderungen in Bezug auf Wissensproduktion und Lernen in den Reallaboren Halle (Saale) und Mannheim bestehen. Da sie als kontinuierliche, langfristige Reflexions- und Lernprozesse konzipiert sind (Schneidewind/Augenstein/Stelzer et al. 2018: 12–13), sollen anschließend Erkenntnisse gewonnen werden, die als Hilfestellung bei der Initiierung weiterer Reallabore in ähnlichen städtischen Kontexten dienen können. Zunächst erfolgt ein Blick auf die theoretisch-konzeptionellen Grundlagen der Methode Reallabor und den sich daraus ergebenden Fragestellungen in Bezug auf Wissensproduktion und Lernen (Kapitel 2) mit einer Erläuterung des methodischen Vorgehens. Daran schließt sich die Beschreibung der Reallabore Halle (Saale) und Mannheim an (Kapitel 3), was als Grundlage und zur Einordung der Ergebnisse der Begleitforschung dient (Kapitel 4). Die dem Beitrag zugrundeliegende Fragstellung lautet: „Welche Herausforderungen bestehen in der Findungsphase von Reallaboren zur Klimafolgenanpassung in Bezug auf Wissensgenerierung und Lernen am Beispiel der Reallabore Halle (Saale) und Mannheim?“. Das abschließende Fazit (Kapitel 5) reflektiert die gewählte Methodik, die Rolle der Forscher/-innen sowie die ersten gewonnenen Ergebnisse und zeigt weiterführende Forschungsbedarfe auf. Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2021) 79/4: 438–452 439
J. Knieling et al. 2 Reallabore als transformatives Konzept und sich daraus ergebende wissens- und lernbezogene Forschungsfragen 2.1 Reallabore im wissenschaftlichen Verständnis Eine rein wissenschaftliche Analyse oder modellbasierte Simulierung zur Klimaanpassung in den Städten Halle (Saale) und Mannheim würde für die Entwicklung von Lösungsansätzen nicht ausreichen, da die gesellschaftlichen, sozioökonomischen, soziotechnischen, kulturellen, politischen und räumlichen Kontexte kaum ausreichend berücksichtigt werden könnten. Erst die Einbindung außerwissenschaftlicher Akteure und die spezifische Methodik von Reallaboren ermöglichen die Produktion wissenschaftlichen Wissens, das auch gesellschaftlich robust ist (Nowotny 1999: 13–14). Die Methode Reallabor hat in den letzten Jahren verstärkt Anwendung in der Forschung gefunden. Insbesondere im Diskurs zur Ausgestaltung und Umsetzung der „Großen Transformation“ (WBGU 2011) hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft werden Reallabore als Experimentierräume zur partizipativen und transdisziplinären Erprobung von Lösungswegen beschrieben. Sie zielen in der Praxis darauf, – Nachhaltigkeitstransformationen anzustoßen sowie unerwünschte Folgen zu erkennen und zu vermeiden (Transformationsziel), – die Ergebnisse auf andere Transformationsprozesse zu übertragen (Transfer- und Upscalingziel), – die Kultur der Nachhaltigkeit im Umfeld des Reallabors zu fördern (Kulturziel), – die Kooperation der Akteure zu stabilisieren (Kooperationsziel) sowie – Akteure aus der Praxis zu unterstützen (Empowermentziel) (Beecroft/Trenks/Rhodius et al. 2018: 80) Diesem Beitrag liegt folgende von Rose, Schleicher und Maibaum (2017: 4) formulierte Reallabor-Definition zugrunde: „A real-world laboratory (RWL) is a transformative research approach. Scientists and practice partners, in transdisciplinary collaboration, engage with a certain realworld problem by utilising co-design, co-production and co-evaluation in demarcated time and space in order to lastingly contribute to sustainable development. This research practice is characterised by real-world interventions and cyclical learning processes through reflection and variation. It aims to produce mostly contextualised systems, target and transformation knowledge as well as to build capacities and to empower change agents.“ Im Forschungsprojekt SMARTilience, auf dem der vorliegende Beitrag aufbaut, wird diese Definition um weitere Merkmale ergänzt (vgl. Schäpke/Stelzer/Bergmann et al. 2017: 9–25, Beecroft/Parodi 2016:7): – Transformative Forschung: Reallabore greifen als transformative Forschungsmethode den „experimental turn“ (WBGU 2016: 512) auf und zielen auf das Anstoßen von Transformationsprozessen und die Generierung möglichst verallgemeinerbaren Wissens über gesellschaftliche Transformationen (Beecroft/Trenks/Rhodius et al. 2018: 78). – Transdisziplinarität: Reallabore können der Mode2-Wis- sensproduktion zugeordnet werden. Diese ist durch die Merkmale Transdisziplinarität und Heterogenität der Beteiligten gekennzeichnet (Nowotny/Scott/Gibbons 2005: 285–288). So nutzen sie zur Entwicklung von Innovationen die Beteiligung von Stakeholdern aus möglichst dem politischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen System, was gewährleistet, wichtiges nichtwissenschaftliches, problemrelevantes Wissen in die Wissensproduktion einfließen zu lassen, sodass die entwickelten Lösungen eine höhere Komplexität abbilden und praxistauglich sind (Behrens/Keil 2019: 199–200). – Realweltliche Probleme: Ausgangspunkt für Reallabore bilden realweltliche Probleme, für welche im Rahmen der transdisziplinären Zusammenarbeit Lösungen erarbeitet werden, um damit einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung zu leisten (Wagner/Grunwald 2015: 27). – Realexperimente: In Reallaboren werden Realexperimente umgesetzt, um Lösungsansätze zu testen, Informationen zu Transformationsprozessen zu formen und soziale Innovationskraft vor Ort zu fördern (Ukowitz 2011: 37). So wird Wissen über die Funktionsweise der Transformation erzeugt und kann dann in andere zeitliche oder räumliche Kontexte übertragen werden. – Bildungsort: Reallabore ermöglichen Reflexions- und Lernprozesse in einem transdisziplinären Akteursetting, sind damit (zumindest implizite) Bildungseinrichtungen und stellen gesellschaftliche Lernorte dar (Schneidewind/ Singer-Brodowski 2015: 15). In diesen Lernorten werden im Rahmen der durchgeführten Realexperimente unterschiedliche Wissensarten generiert. Dieses Wissen wiederum kann durch Adaption sogenannte Change Agents befähigen, Transformationsprozesse in den Kommunen anzustoßen (Jahn/Keil 2016: 249). Der Ablauf von Reallaboren wird in vier wesentliche Phasen unterschieden (Puttrowait/Dietz/Gantert et al. 2018: 199–200): Die Findungsphase ist geprägt von der Identifizierung von Praxisakteuren und der gemeinsamen Ideenfindung durch das Forschungsteam und die Praxisakteure. Nachdem ein Akteurnetzwerk aufgebaut und Ideen für 440 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2021) 79/4: 438–452
Wissensproduktion und Lernprozesse am Beispiel von Reallaboren zur Klimafolgenanpassungin Halle (Saale) ... Realexperimente identifiziert wurden, folgt die Auswahl der Realexperimente. Während der Durchführungsplanung von Realexperimenten geht es um die Präzisierung der Forschungsfragen und der Methoden. Die Durchführung von stadt- und sozialräumlichen Realexperimenten wird von Datenerhebungen und Diskursveranstaltungen der Begleitforschung begleitet. In der Auswertungsphase erfolgt die gemeinsame Auswertung und Reflexion der Realexperimente und des Gesamtprozesses. Der vorliegende Beitrag bezieht sich auf die erste Phase, damit im Zusammenhang stehende Fragestellungen zu Wissensproduktion und Lernen werden diskutiert und die vorgestellten Merkmale von Reallaboren anhand der Fallbeispiele geprüft. 2.2 Wissen und Lernen als zentrale Elemente von Reallaboren Insbesondere anknüpfend an das Merkmal Bildungsort gibt es für Reallabore neben den oben genannten Praxiszielen auch Forschungs- und Bildungsziele. Gemäß Beecroft, Trenks, Rhodius et al. (2018: 79–83) umfassen die Forschungsziele für ein Reallabor die Unterstützung der Wissenserzeugung und -sammlung sowie die Qualitätsbewertung des neu gewonnenen Wissens. Lernprozesse generieren sich auf individueller und gesellschaftlicher Ebene durch die notwendigen Veränderungen der Lebensweise von Einzelnen, der Rahmenbedingungen und Entscheidungsstrukturen auf allen Ebenen sowie Verschiebungen in gesellschaftlichen Wertesystemen (Bildungsziele). Durch unterschiedliche Formate werden die am Reallabor Beteiligten daher aufgefordert, die vollzogenen und kommenden Schritte zu reflektieren, sodass alle ihre jeweils individuellen Bildungsziele erreichen können (Eckart/Ley/Häußler et al. 2018: 118–119). Reallabore zielen in ihren angelegten Lernprozessen auf die Erzeugung einzelner oder mehrerer Arten von Wissen: System-, Ziel- und Transformationswissen (Borner/Kraft 2018: 5). Systemwissen gibt Antworten auf die Frage nach der Entstehung und der weiteren Entwicklung gesellschaftlicher Probleme und deren lebensweltlichen Interpretationen. Zielwissen zeigt und begründet Veränderungsbedarfe und formuliert wünschenswerte Ziele und veränderte Praktiken. Transformationswissen eruiert die Möglichkeiten, diese Ziele zu erreichen und beleuchtet technische, soziale, rechtliche, kulturelle und weitere Handlungsmöglichkeiten zur Veränderung bestehender und Einführung neuer Praktiken. Die einzelnen Wissensformen sind stark voneinander abhängig. So ist das Systemwissen von den Vorstellungen über die Ziele von Transformationsmöglichkeiten abhängig, das Zielwissen wiederum von den Vorstellungen über Systemzusammenhänge und Transformationsmöglichkeiten. Das Transformationswissen orientiert sich entsprechend an den Vorstellungen über das System und die Ziele. Besondere Herausforderungen für die Erzeugung von Systemwissen sind beispielsweise der Umgang mit bestehenden Unsicherheiten durch Reflexion und Realexperimente oder bei Zielwissen die Klärung und Gewichtung der Wertevielfalt und Berücksichtigung des Gemeinwohles als Maßstab bzw. regulatives Prinzip (Pohl/Hirsch Hadorn 2006: 35). Die inhaltlichen Untersuchungsaspekte dieses Beitrags fokussieren auf die Wissensproduktion und Lernprozesse sowie damit verbundene Herausforderungen in den Reallaboren Halle (Saale) und Mannheim. Hinsichtlich der Wissensarten und der Wissenserzeugung ergeben sich folgende Fragestellungen: – Welche Wissensart steht im Zentrum der Maßnahmen? – Wie/von wem werden die Wissenslücken definiert? Wo/bei wem wird das fehlende Wissen vermutet? – Welche Methoden kommen zur Wissenserzeugung zum Einsatz und wie wird das Wissen nutzbar gemacht? – Welche fördernden und hemmenden Faktoren prägen die Wissenserzeugung? Zur Beantwortung der Fragen wird auf qualitative Inhaltsanalysen der prozessbegleitenden Dokumente, etwa Konzepte, Protokolle, Dokumentationen und digitale Mitschnitte von Veranstaltungen zurückgegriffen. Diese werden gleichermaßen zur Beschreibung und Kategorisierung der Akteure und ihrer Rollen im Reallabor-Prozess genutzt. Zur Akteuranalyse werden zudem im Hinblick auf Wissensstände und Einschätzungen digitale Fragebögen eingesetzt, die im Nachgang der Reallabor-Veranstaltungen zur Beantwortung ausgegeben werden. Die drei Wissensarten System-, Ziel- und Transformationswissen dienen als strukturierende Elemente für den Forschungsprozess und der gewonnenen Erkenntnisse. Die Einordnung erfolgt im ersten Schritt durch die Wissenschaftler/-innen und wird in einem zweiten in Interviews mit den Prozessverantwortlichen (Klimastellen) und Reallabor- Teilnehmenden unter zwei Gesichtspunkten diskutiert, zum einen im Hinblick auf die Einordnung, zum anderen zur Aufdeckung fördernder und hemmender Faktoren der Beschaffung notwendiger Informationen, zur Verarbeitung dieser zur Erzeugung von Wissen sowie dessen Verarbeitung und dem Mehrwert der zu diesem Zweck angewandten Methoden. Hinsichtlich des Untersuchungsgegenstandes Lernen kann zwischen drei Dimensionen unterschieden werden: lernendes Reallabor, Lernprozesse und Lernumgebung. Da die am Reallabor Beteiligten sowohl das Reallabor gestalten, sich durch das Reallabor neues Wissen aneignen und Erfahrungen systematisch sammeln, reflektieren und zurück ins Reallabor einspeisen, wird diese Wechselbeziehung Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2021) 79/4: 438–452 441
J. Knieling et al. als „lernendes Reallabor“ bezeichnet (Beecroft/Trenks/ Rhodius et al. 2018: 37). In der Begleitforschung wird das lernende Reallabor als übergeordnete Dimension gesehen. Es setzt sich neben den beiden anderen Dimensionen auch aus Befragungen zum Kenntnisstand der Teilnehmenden zur Methode Reallabor zusammen. Ziel ist es, die latente Variable „Lernen im Reallabor“ messbar zu machen. Ausgangspunkt sind die genannten drei nicht trennscharfen Dimensionen, welche im Verlauf des Reallabors kritisch hinterfragt und spezifiziert werden. Pelfini (2010: 314–315) beschreibt den Lernprozess, um relevante Fähigkeiten zu entwickeln, als vier Phasen: Aufmerksamkeitserregung, Diffusion der Information und des Wissens, Implementierung der Themen in politische und systemische Entscheidungsprozesse und die Institutionalisierung von Themen, Wissen und Methoden. Die zu untersuchenden Lernprozesse finden in den hier betrachteten Beispielen auf zwei Ebenen statt: zum einen innerhalb des SMARTilience-Konsortiums, zum anderen innerhalb der Reallabore Halle (Saale) und Mannheim. Ziel der Begleitforschung ist, den individuellen Lernprozess auf beiden Ebenen zu dokumentieren und auszuwerten und die dafür eingesetzten Lernformen zu bewerten. Zudem fragt die wissenschaftliche Begleitforschung, inwieweit das jeweilige Reallabor eine Lernumgebung bildet (Singer-Brodowski/Beecroft/Parodi 2018: 23–27), in das die individuellen Lernprozesse der Beteiligten eingebettet sind. Für die Lernumgebung werden sechs Lernformen unterschieden, die in Reallaboren zum Einsatz kommen können: Austausch (lernen voneinander), gemeinsame Projektarbeit (lernen miteinander), Auseinandersetzung mit einem Gegenstand (Erfahrung), Anwendung von Methoden (Planung, Experimentieren, Methodenkompetenzen), Eigenaktivität und Reflexion (Beecroft/Trenks/Rhodius et al. 2018: 35–47). Diese theoretischen Konstrukte fließen in die qualitativen Inhalts- und Medieninhaltsanalysen, in die Fragebogenerstellung und Interviews mit der Reallabor-Koordination und Teilnehmenden der Reallabore sowie in Fokusgruppen ein. Die inhaltlichen Untersuchungsaspekte dieses Beitrags basieren auf Erkenntnissen der Interviews mit den Verantwortlichen der Reallabore auf städtischer Seite und Fragebögen an die Teilnehmenden der Reallabore. Ergänzend ergeben sich folgende Fragestellungen im Bereich Lernen für die Reallabore Halle (Saale) und Mannheim: – Welche Anforderungen und Erwartungen gibt es im Bereich Lernen? – Welche Inhalte und Kompetenzen sollen vertieft werden? – Inwiefern sind Lernprozesse bisher in den städtischen Alltag integriert? – Welche fördernden und hemmenden Faktoren prägen den Lernprozess? – Welche Erfahrungen haben Teilnehmende mit der Methode Reallabor bisher gemacht? Um die Wissens- und Lernaspekte im Reallabor zu analysieren, werden die Außenperspektive der Wissenschaftler/ -innen und eine direkte Innenperspektive der Experimentierenden (Trenks/Waitz/Meyer-Soylu et al. 2018: 250) kombiniert. Da es aber auch Aufgabe der wissenschaftlichen Begleitung bzw. Evaluation ist, die Reflexivität des Prozesses zu erhöhen und den transdisziplinären Lernprozess unter den Teilnehmenden zu fördern, ohne aber steuernd einzugreifen (Beecroft/Trenks/Rhodius et al. 2018: 90), ist eine strikte „Beobachter-System-Trennung“ (Schneidewind 2014: 2) kaum möglich, sodass sich die Rolle der klassischen Wissenschaft erweitert, was bei der Einordnung der Ergebnisse zu berücksichtigen ist (Wittmayer/Schäpke 2014: 483). 3 Konzeption der Reallabore Halle (Saale) und Mannheim Die untersuchten Reallabore Halle (Saale) und Mannheim sind Teil des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projektes SMARTilience. Beginnend mit der Definitionsphase des Projekts (Mai 2017- April 2018) wurden Forschungsergebnisse zu Klimaresilienz in Städten sowie zu Steuerungsinstrumenten in diesem Kontext analysiert und das Vollprojekt (Laufzeit Februar 2019-Januar 2022) konzipiert. Dazu wurden auch die Bedarfe und Herausforderungen in den Städten formuliert, an denen die Reallabore Halle (Saale) und Mannheim ansetzen. Ziel von SMARTilience ist die Erstellung einer Urban Governance Toolbox (UGT), die städtische Entscheidungs- und Handlungsträger/-innen bei der zielgerichteten Umsetzungssteuerung klimaresilienter Stadtentwicklung unterstützt. Die Urban Governance Toolbox wird im Projektverlauf über das Zusammentragen und Systematisieren von Planungs-, Umsetzungs- und Bewertungsinstrumenten im Bereich Klimaschutz und Klimafolgenanpassung aus der Planungspraxis gefüllt. Weitere Inhalte liefert das integrierte Systemmodell, das gemeinsam mit den Projektpartnern und Expertinnen/Experten im Rahmen einer Syntegration konzipiert und Ergebnisse in Bezug auf die Systemzusammenhänge bzw. beeinflussende Faktoren des Klimahandeln von Städten liefert. In den Reallaboren Halle (Saale) und Mannheim werden auf der Basis der in der Definitionsphase identifizierten Bedarfe neue Steuerungsinstrumente entwickelt und getestet, die im Nachgang ebenfalls in die 442 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2021) 79/4: 438–452
Wissensproduktion und Lernprozesse am Beispiel von Reallaboren zur Klimafolgenanpassungin Halle (Saale) ... Urban Governance Toolbox einfließen. Die Urban Governance Toolbox wird ab Herbst 2021 in einer Pilotversion online verfügbar sein. Die folgenden Ausführungen zu den Reallaboren beschreiben die einzelnen Schritte der Findungsphase mit der Themen- und Gruppenfindung sowie der Ideensammlung und -auswahl. 3.1 Entwicklung des Reallabors Halle (Saale) 3.1.1 Themenfindung Im ersten Projektjahr erfolgte im Reallabor Halle (Saale) die Zieldefinition und Vorbereitung. Aufgabe der Wissenschaftler/-innen war die Aufarbeitung und schrittweise Erläuterung der Methode Reallabor, ihrer Eigenschaften und Zielebenen sowie des idealtypischen Ablaufs in Form von Workshopformaten. Alle Projektpartner/-innen aus SMARTilience nahmen teil, um ein gemeinsames Verständnis für die Methode zu entwickeln. Für die Stadt Halle (Saale) definierte das städtische „Dienstleistungszentrum Klimaschutz“ erste Transformationsziele, die sich allerdings in einem fast einjährigen Prozess, welcher der Vorbereitung des Reallabors und der Akteuraktivierung galt, veränderten. Zu Beginn des Reallabor-Prozesses nahm das Dienstleistungszentrum Klimaschutz an verschiedenen Veranstaltungsformaten teil, um Akteure der Klimafolgenanpassung in Halle (Saale) kennenzulernen, sich zu vernetzen und reale Handlungsbedarfe zu identifizieren. Aus der Stadtgesellschaft kam an verschiedenen Stellen der Wunsch auf, Begegnungsräume zu schaffen, wo Klimaaktive mit Klimainteressierten in den Austausch kommen, neue Ideen vorgestellt werden sowie Kooperationen und gemeinsame Projekte entstehen können. Das Dienstleistungszentrum Klimaschutz formulierte aufgrund des Erfahrungsaustauschs folgende Transformationsziele für das Reallabor: – Bevölkerung: Die Bevölkerung ist gegenüber den Klima- Gefahren sensibler (Empowermentziel und Kulturziel) – Bevölkerung: Vulnerable Bevölkerungsgruppen sind gegenüber klimatischen Veränderungen resilienter (Empowermentziel) – Politik/Verwaltung: Innerhalb der Verwaltung gibt es einen Wissensaufbau und Wissensaustausch zum Thema Klimaschutz, Klimawandel und Klimafolgenanpassung (Empowermentziel) – Politik/Verwaltung: Die Fachbereiche sind für die Nutzung von Geodaten sensibler (Kulturziel) – Politik/Verwaltung: Die fachbereichsübergreifende Zusammenarbeit ist gestärkt (Kooperationsziel) – Klimaaktive/Wissenschaftler/-innen: Die Zusammenarbeit mit den städtischen Akteuren ist gestärkt (Kooperationsziel) – Klimaaktive/Wissenschaftler/-innen: Klimaaktive agieren stärker als Multiplikatoren und befähigen Bürgerinnen und Bürger (Empowermentziel) – Klimaaktive/Wissenschaftler/-innen: Die in der Stadt bestehenden Aktivitäten zu Klimaschutz und Klimafolgenanpassung werden von der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen (Empowermentziel und Kulturziel) – Klimaaktive/Wissenschaftler/-innen: Projekte werden nachhaltig unterstützt (Empowermentziel) 3.1.2 Findungsphase Das Reallabor Halle (Saale) zielt auf die Aktivierung der Stadtgesellschaft und städtischer Initiativen zur kooperativen Umsetzung von Maßnahmen zu Klimaschutz und Klimafolgenanpassung. Das für das Dienstleistungszentrum Klimaschutz neu definierte Handlungsfeld Klimafolgenanpassung stellt die Herausforderung dar, sich zum einen den in diesem Feld bereits aktiven Akteure der Stadt zu nähern, um dann in einem zweiten Schritt diese Akteure zusammenzubringen und gemeinsam in einem Reallabor Kooperationen über Projekte zu entwickeln, die getestet und im Idealfall verstetigt werden. Da auf keine Strukturen oder bestehende Netzwerke zur Klimafolgenanpassung zurückgegriffen werden kann, liegt die Hautaufgabe in der Identifikation und Gewinnung der an einem vernetzenden Format Teilnehmenden aus der Stadtgesellschaft sowie der Gestaltung eines entsprechenden Prozesses. Dies ist das Herzstück der Ideensammlung und -auswahl in der Findungsphase. Hinsichtlich des Veranstaltungsformats übernimmt das Dienstleistungszentrum Klimaschutz einen Vorschlag aus der von „Halle besser machen e.V.“2veranstalteten Ideenwerkstatt: eine Ideen- und Kooperationsbörse Klimafolgenanpassung. Im Rahmen der Veranstaltung kommen lokale Akteure aus den Bereichen Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Nichtregierungsorganisationen, Bürger/-in- nen oder Vereine mit dem Ziel zusammen, lokale Akteure für das Thema Klimafolgenanpassung zu sensibilisieren, regionales Wissen und Ideen zusammenzuführen sowie Aktionen anzustoßen, um insgesamt die Eigeninitiative der Teilnehmer/-innen zu fördern. Ideen- und Kooperationsbörsen sind als Instrument in der Deutschen Anpassungsstrategie und des dazugehörigen Aktionsplans als Maßnahmen zur Umsetzung benannt und das Umweltbundesamt stellt zur Unterstützung dieses Formats eine Förderung bereit (Bundesregierung 2015: 19), auf die sich das Dienstleistungszentrum Klimaschutz Ende 2Vgl. https://hallebessermachen.de/ (03.06.2021). Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2021) 79/4: 438–452 443
J. Knieling et al. Abbildung 1 Ablauf des Reallabors Halle (Saale) Abkürzungen: IKB = Ideen- und Kooperationsbörse, UKG = Unterstützerkreisgruppe, HBM = Halle besser machen e.V., RL = Reallabor, KFA= Klimafolgenanpassung 2020 erfolgreich beworben hat. Diese Förderung beinhaltet finanzielle Mittel zur Durchführung der Börse sowie personelle Unterstützung in Form eines Kommunikationsbüros, das bereits Erfahrungen in der Durchführung dieses Formats hat. Das Kommunikationsbüro ist gemeinsam mit dem Dienstleistungszentrum Klimaschutz zuständig für die Vorbereitung und Durchführung der Ideen- und Kooperationsbörse und hat im Vorfeld der Vorbereitung eine Unterstützerkreisgruppe ins Leben gerufen, die aus Multiplikatoren der halleschen Klimaszene besteht. Die mit der Gruppe identifizierten möglichen Teilnehmer/-innen der Ideen- und Kooperationsbörse werden gemeinsam vom Dienstleistungszentrum Klimaschutz und dem Kommunikationsbüro angesprochen und betreut. Im Nachgang der Ideen- und Kooperationsbörse startet die Phase der Durchführungsplanung und Durchführung für ausgewählte Projekte in Form von Realexperimenten (vgl. Abbildung 1). 3.2 Entwicklung des Reallabors Mannheim 3.2.1 Themenfindung Analog zu Halle (Saale) erfolgte die Zieldefinition und Vorbereitung der Reallabor-Aktivität auch in Mannheim. Die Zuständigkeit innerhalb der Stadt Mannheim liegt bei der Klimaschutzleitstelle. Das Reallabor Mannheim knüpft direkt an eine im Anpassungskonzept festgeschriebene Maßnahme an, die „Erstellung eines Mannheimer Hitzeaktionsplans mit gezielten Maßnahmen“ (Stadt Mannheim 2019: 53). Gemäß dem Konzept formuliert der Hitzeaktionsplan „klare Handlungsbedarfe und konkrete Anpassungsmaßnahmen, die geeignet sind, die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels, insbesondere durch extreme Hitze, zielgruppenorientiert zu kommunizieren, ein angepasstes Risikoverhalten zu erreichen und präventive Handlungsmöglichkeiten zu etablieren. [...] Er hat das Ziel, gesundheitlichen Beeinträchtigungen insbesondere bei hitzevulnerablen, hilflosen Menschen vorzubeugen“ (Stadt Mannheim 2019: 53). Damit spricht der Hitzeaktionsplan die gesamte Bevölkerung an, legt jedoch den Schwerpunkt auf besonders hitzevulnerable Gruppen, zu denen die Stadt folgende zählt: – Säuglinge und Kleinkinder – Menschen mit körperlicher Behinderung – Menschen mit geistiger Behinderung – Menschen mit chronischer Erkrankung – Menschen mit psychischer Erkrankung – Ältere und pflegebedürftige Menschen – Menschen mit Suchterkrankung – Wohnungslose Menschen Das Reallabor Mannheim zielt folglich auf die Erstellung eines Hitzeaktionsplans und die Testung einzelner Maßnahmen daraus im Sommer 2021. Entsprechend formulierte die Klimaschutzleitstelle im Herbst 2019 folgende Ziele: 444 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2021) 79/4: 438–452
Wissensproduktion und Lernprozesse am Beispiel von Reallaboren zur Klimafolgenanpassungin Halle (Saale) ... Abbildung2 Ablauf des Reallabors Mannheim Abkürzungen: WS = Workshop, PBG = Projektbegleitgruppe, FB = Fachbereich – Stadtgesellschaft: Die Bevölkerung ist gegenüber den Gefahren von Hitze sensibler (Empowerment und Kulturziel) – Stadtgesellschaft: Die hitzevulnerablen, hilflosen Bevölkerungsgruppen sind gegenüber Hitzeereignissen resilienter (Empowermentziel) – Stadtgesellschaft: Die Zusammenarbeit von Netzwerken im Gesundheitswesen ist gestärkt (Kooperationsziel) – Verwaltung: Die Fachbereiche, in deren Zuständigkeitsbereich die hitzevulnerablen Gruppen liegen, sind für die Hitzethematik sensibler (Kulturziel) – Verwaltung: Die Themen temperaturbedingte Klimafolgen und Klimaanpassung werden stärker und bereits frühzeitig von einem Großteil der Fachbereiche berücksichtigt durch den erfolgten Wissensaufbau und Wissensaustausch innerhalb der Verwaltung (Empowermentziel und Kulturziel) – Verwaltung: Die initiierte ressortübergreifende Zusammenarbeit verstetigt sich nach Erstellung des Hitzeaktionsplans (Kooperationsziel) 3.2.2 Findungsphase Verantwortlich für die Erstellung des Hitzeaktionsplans sind die Klimaschutzleitstelle und der Fachbereich (FB) Gesundheit; die Umsetzung des Plans liegt vollständig in der Zuständigkeit des Fachbereichs Gesundheit. Unterstützt wird die Klimaleitstelle seit Herbst 2020 durch externe Dienstleister, die einzelne Bausteine der Findungsphase übernehmen und federführend durchführen. Das von der Klimaschutzleitstelle gemeinsam mit dem Fachbereich Demokratie und Strategie entwickelte Beteiligungskonzept Hitzeaktionsplan gibt den Rahmen des partizipativen Prozesses vor. Für die Erstellung des Hitzeaktionsplans wurde eine den Prozess begleitende ressortübergreifende Arbeitsgruppe eingerichtet. Die sogenannte Projektbegleitgruppe identifizierte mögliche Multiplikatoren für die Erhebung der Bedarfe vulnerabler, hilfloser Gruppen sowie für die Sensibilisierung zum Thema Hitze in der Bevölkerung und nimmt an den Workshops zur Ideenentwicklung und -aus- wahl teil. Eingesetzte Methoden zur Generierung und Auswahl von Ideen waren, neben einer Umfrage unter Multiplikatoren und Interviews mit ausgewählten Akteuren, eine digitale Öffentlichkeitsbeteiligung über das Mannheimer Beteiligungsportal3sowie zwei digitale Workshops im März 2021. Nach den Workshops startet die Phase Durchführungsplanung und Durchführung für ausgewählte Projekte in Form von Realexperimenten, die über den Sommer 2021 in besonders von Hitze betroffenen Quartieren getestet werden (vgl. Abbildung 2). 3https://www.mannheim-gemeinsam-gestalten.de (25.06.2021). Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2021) 79/4: 438–452 445
J. Knieling et al. WBGU – Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen (2016): Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte. Berlin. Wittmayer, J. M.; Schäpke, N. (2014): Action, research and participation: roles of researchers in sustainability transitions. In: Sustainability Science 9, 4, 483–496. https:// doi.org/10.1007/s11625-014-0258-4 452 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2021) 79/4: 438–452