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Führungspositionen im Ehrenamt: Ein weiterer Bereich der Benachteiligung von Frauen?

Erlinghagen, Marcel,Şaka, Belit,Steffentorweihen, Ina

Abstract

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Full text

Erlinghagen, Marcel; Şaka, Belit; Steffentorweihen, Ina Research Report Führungspositionen im Ehrenamt: Ein weiterer Bereich der Benachteiligung von Frauen? Duisburger Beiträge zur soziologischen Forschung, No. 2015-03 Provided in Cooperation with: Institute of Sociology (IfS), University of Duisburg-Essen Suggested Citation: Erlinghagen, Marcel; Şaka, Belit; Steffentorweihen, Ina (2015) : Führungspositionen im Ehrenamt: Ein weiterer Bereich der Benachteiligung von Frauen?, Duisburger Beiträge zur soziologischen Forschung, No. 2015-03, Universität Duisburg-Essen, Institut für Soziologie, Duisburg, https://doi.org/10.6104/DBsF-2015-03 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/119306 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Duisburger Beiträge zur soziologischen Forschung 2015-03 doi: 10.6104/DBsF-2015-03 Herausgeber: Institut für Soziologie, Universität Duisburg Essen Institute of Sociology, University of Duisburg-Essen https://www.uni-due.de/soziologie/ September 2015 Duisburger Beiträge zur soziologischen Forschung ISSN 0949-8516 (Internet) Creative Commons Lizenz CC BY-NC 4.0 Umschlagbild: Carmen Janiesch, Berlin © 2015 by the author(s) Marcel Erlinghagen ist Professor für Soziologie (Lehrstuhl Empirische Sozialstrukturanalyse) am Institut für Soziologie der Universität Duisburg-Essen. Belit Şaka ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Empirische Sozialstrukturanalyse am Institut für Soziologie der Universität Duisburg-Essen Ina Steffentorweihen ist Absolventin des Studiengangs MA Soziologie an der Universität Duisburg-Essen [email protected] [email protected] [email protected] Downloads https://www.uni-due.de/soziologie/duisburger_beitraege/ Redaktion Prof. Dr. Sigrid Quack Institut für Soziologie Universität Duisburg-Essen Lotharstr. 65 │ 47057 Duisburg │ Germany Tel. +49 203 379 - 2259 oder - 4794 Fax +49 203 379-5219 [email protected] DBsF-2015-03 ii Abstract Based on data of the 2009 German Volunteer Survey (‘Freiwilligensurvey’) the paper analyses whether there is evidence for a discrimination of women in filling management positions in the volunteer sector. It turns out that women have a significant lower propensity to take up an unpaid volunteer management position. This correlation is also robust when we control for self-selection bias as well as certain important socio-demographic, socio-economic and volunteer-specific determinants. Further on we can show that this kind of gender-specific discrimination can be found particularly in leisure-time clubs and religious organisations. These results indicate that structural and organisational parameters play an important role to explain gender specific differences in filling volunteer management positions. Keywords: volunteering, management positions, gender, discrimination, self-selection bias Zusammenfassung Der Beitrag geht mit Hilfe einer Analyse der Daten des Freiwilligensurveys 2009 der Frage nach, ob es im Bereich unbezahlter, ehrenamtlicher Arbeit Hinweise auf eine Benachteili-gung von Frauen bei der Besetzung von Führungspositionen gibt. Dabei zeigt sich, dass Frauen eine deutlich verringerte Wahrscheinlichkeit aufweisen, in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit Führungspositionen zu übernehmen. Dieser Zusammenhang ist auch dann stabil, wenn (Selbst-) Selektionseffekte sowie eine Reihe zentraler soziodemografischer, sozioökonomischer und engagementspezifischer Faktoren berücksichtigt werden. Eine differenzierte Analyse zeigt zudem eine Benachteiligung von Frauen hinsichtlich der Übernahme ehrenamtlicher Leitungsfunktionen insbesondere für bestimmte Tätigkeitsbereiche bzw. in bestimmten Organisationsformen. Vor allem Vereine und Kirchen bzw. religiöse Organisationen zeigen hier deutliche Defizite: Hier sind Frauen deutlich seltener als Männer mit ehrenamtlichen Leitungsaufgaben betraut. Dies sind wichtige Hinweise darauf, dass strukturelle und organisatorische Faktoren eine wesentliche Bedeutung für die Erklärung und mithin auch für eine zukünftige Beseitigung der auch im Bereich des Ehrenamtes vielfach existierenden „Gläsernen Decke“ zukommt. Schlüsselwörter: Ehrenamt, Führungspositionen, Geschlecht, Benachteiligung, Selbstselektion Erlinghagen, Şaka & Steffentorweihen: Führungspositionen im Ehrenamt iii Inhaltsverzeichnis Abstract .................................................................................................. ii Zusammenfassung ..................................................................................... ii 1 Einleitung ........................................................................................... 1 2 Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft ............................................... 2 3 Frauen in ehrenamtlichen Führungspositionen ............................................. 4 4 Daten und Methoden ............................................................................. 7 4.1 Daten .............................................................................................7 4.2 Analysestrategie .................................................................................7 4.3 Operationalisierung der Variablen ............................................................8 5 Ergebnisse ......................................................................................... 12 6 Zusammenfassung und Diskussion ............................................................ 17 DBsF-2015-03 iv Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Average marginal effects für Frauen, eine Leitungsposition im genannten Engagementbereich oder der jeweiligen Organisationsform zu bekleiden .. 16 Erlinghagen, Şaka & Steffentorweihen: Führungspositionen im Ehrenamt v Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Deskription der Modellvariablen ................................................... 10 Tabelle 2: Verteilung der Frauen und Männer auf Ehrenämter und Leitungspositionen in Ehrenämtern .......................................................................... 12 Tabelle 3: Leitungspositionen in Ehrenämtern, average marginal effects der Probit Regressionen mit und ohne Heckman-Selektion ................................. 13 Tabelle 4: Heckprobit-Modell – Erklärungsfaktoren der Leitungspositionen in Ehrenämtern .......................................................................... 24 Tabelle 5: Kategorisierung der Engagementbereiche im Freiwilligensurvey 2009 ....... 26 Tabelle 6: Kategorisierung der Organisationsformen im Freiwilligensurvey 2009 ....... 26 DBsF-2015-03 1 1 Einleitung Auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind Frauen nach wie vor in unterschiedlichen Dimensionen gegenüber ihren männlichen Kollegen benachteiligt. Dies zeigt sich zum Beispiel in der niedrigeren Bezahlung von Frauen, wobei dieser „Gender-Pay-Gap“ von derzeit rund 22 Prozent (Statistisches Bundesamt, 2014) in Deutschland im Vergleich zu anderen Industriestaaten besonders groß ist (OECD, 2013). Benachteiligungen zeigen sich auch darin, dass Frauen erheblich seltener Führungspositionen in Unternehmen bekleiden. Zwar wächst der Anteil weiblicher Führungskräfte, jedoch sind nach wie vor nur rund 25 Prozent der Führungspositionen in der Privatwirtschaft auf der obersten Ebene und knapp 40 Prozent auf der zweiten Ebene durch Frauen besetzt, wobei dieser Anteil mit zunehmender Unternehmensgröße deutlich abnimmt (Kohaut & Möller, 2013; Holst, Busch, & Kröger, 2012). Die Ursachen für diese Benachteiligung am Arbeitsmarkt sind vielfältig (vgl. hierzu zusammenfassend und mit zahlreichen Literaturverweisen Bauernschuster & Fichtl, 2013; Maier, Stettes, & Queisser, 2013; Stettes, 2013). Bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass viele dieser Ursachen wenn nicht unmittelbar so doch mittelbar auf unterschiedliche Rollenerwartungen zurückzuführen sind, die an Männer und Frauen gestellt werden. Häufigere Erwerbsunterbrechungen aufgrund familialer Verpflichtungen bei gleichzeitig inadäquaten institutionellen Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Kombination mit geringeren Karriereaspirationen werden als mögliche Gründe dafür ins Feld geführt, weshalb sich Frauen in einem „Teufelskreis ökonomischer Rationalität“ (Ott, 1993) weniger stark als Männer auf Erwerbsarbeit spezialisieren. Entsprechend unterbleiben dann bestimmte Karriereschritte mit dem Effekt geringerer Entlohnung und mangelnder Aufstiegschancen. Auch die geschlechtsspezifische Segregation im Bildungs- und damit zusammenhängend Berufssystem (vgl. Reskin, 1994; Achatz, 2008b; Busch, 2013) wird als Ursache genannt. Beispielsweise wird argumentiert, dass mittlerweile zwar in etwa gleich viele Frauen und Männer ein Hochschulstudium absolvieren, Frauen jedoch in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern deutlich unterrepräsentiert sind und daher die fachlichen Qualifikationen für eine Karriere in der Industrie und damit die Voraussetzung für gut bezahlte Führungspositionen in der Wirtschaft häufig nicht mitbrächten (vgl. exemplarisch BDA/BDI - Abteilung Arbeits- und Tarifrecht & Abteilung Recht und Versicherung, 2015). Allerdings konnte in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt werden, dass die Benachteiligung von Frauen auch auf einer direkten Diskriminierung in Wirtschaft und Gesellschaft beruht und nur zum (kleineren) Teil auf inadäquate Qualifikationen und mangelnde Karriereorientierung zurückgeführt werden kann (vgl. exemplarisch Busch & Holst, 2008; Jann, 2008; Hinz & Auspurg, 2010). Vor diesem Hintergrund geht der vorliegende Beitrag nun der Frage nach, ob es auch im Bereich unbezahlter, ehrenamtlicher Arbeit Hinweise auf eine Benachteiligung von Frauen gibt. Auf Basis der Daten des Freiwilligensurveys 2009 wird untersucht, ob Männer auch im Bereich des sozialen Engagements im Kontext von Non-Profit Organisationen (NPO) häufiger Führungspositionen einnehmen als Frauen oder aber, ob kein Unterschied zu beobachten ist bzw. im Bereich der unbezahlten, gemeinnützigen Arbeit Erlinghagen, Şaka & Steffentorweihen: Führungspositionen im Ehrenamt 2 möglicherweise sogar ein Vorteil für Frauen besteht, Leitungsfunktionen zu übernehmen. So könnte man einerseits erwarten, dass Frauen z.B. aufgrund einer höheren Affinität für Ausbildungen in sozialen Dienstleistungsberufen für Karrieren im Feld der gemeinnützigen Arbeit geradezu spiegelbildlich zur bezahlten Erwerbsarbeit Vorteile gegenüber potentiellen männlichen Konkurrenten besitzen müssten. Andererseits sind Führungspositionen auch im Non-Profit-Bereich mit Macht, Einfluss und Prestige verbunden, weshalb möglicherweise auch hier Männer aufgrund einer größeren Machtorientierung und Konkurrenzerfahrungen ähnlich wie im Erwerbsleben bevorteilt sind bzw. werden. Insofern trägt der vorliegende Beitrag nicht nur dazu bei, dass bislang in der nationalen und internationalen Forschung zu wenig beachtete Thema von Geschlechterungleichheiten im Bereich ehrenamtlichen Engagements stärker in den Fokus zu rücken. Von den Ergebnissen können auch mittelbar neue Erkenntnisse für die Debatte um die Benachteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt gewonnen werden. Denn wenn sich zeigen sollte, dass Frauen auch in ihrer (scheinbaren) Domäne des sozialen Engagements bei der Besetzung von Führungspositionen benachteiligt wären, könnte dies das Argument entkräften, dass die mangelnde fachliche Passung eine wesentliche Hürde bei der Besetzung von Führungspositionen durch Frauen in der Wirtschaft darstellten. Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut: Kapitel 2 gibt zunächst einen komprimierten Überblick über den Stand der Forschung bezüglich Frauen in Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft. Daran anknüpfend erörtert Kapitel 3, inwieweit die Ursachen der zu beobachtenden Benachteiligung bei der Besetzung von Führungspositionen in der Wirtschaft auch auf den gemeinnützigen und nicht gewinnorientierten Bereich ehrenamtlichen Engagements übertragen werden kann. Dabei werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Erwerbsarbeit und unentgeltlicher ehrenamtlicher Arbeit herausgestellt und die im weiteren Verlauf empirisch zu überprüfende Fragestellung konkretisiert. Kapitel 4 stellt dann die Datenbasis und das methodische Vorgehen der vorgenommen Analysen vor, deren Ergebnisse in Kapitel 5 ausführlich dargestellt werden. Der Beitrag schließt mit einer Zusammenfassung und Diskussion der zentralen Befunde (Kapitel 6). 2 Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft Der Anteil von Frauen in den Vorständen der größten 200 Unternehmen (ohne Finanzsektor) lag in Deutschland im Jahr 2013 bei grade einmal 4,4 Prozent, der Anteil in Aufsichtsräten bei 15,1 Prozent (Holst & Kirsch, 2014). Dagegen sind die Frauenanteile in Vorständen (12,6 Prozent) und Aufsichtsräten (18,1 Prozent) von Unternehmen mit Bundesbeteiligung (Holst & Kirsch, 2014) und auch in der Führungsspitze im öffentlichen Sektor (Kohaut & Möller, 2013) zwar deutlich höher, jedoch kann man auch hier nicht von ausgeglichenen Verhältnissen sprechen. Die Bekleidung einer Führungsposition ist in der Regel abhängig von der Qualifikation, der (kontinuierlichen) Berufserfahrung und dem derzeit ausgeübten Beruf einer Person (Holst, 2008). Weitere Faktoren, wie Arbeitszeit bzw. Erwerbsstatus, Organisations- DBsF-2015-03 9 wohl in der Auswahlals auch in der Hauptgleichung neben dem Alter, für den Migrationshintergrund, das Vorhandensein zu betreuuender Kinder im Haushalt, den Erwerbsstatus, den höchsten erreichten Schulabschluss und die regionale Herkunft (Ost-/Westdeutschland) kontrolliert. Zusätzlich beinhaltet die Auswahlgleichung Prädiktoren, die das ehrenamtliche Engagement zwar bedingen, die aber aus theoretischer Perspektive keinen nennenswerten Einfluss auf die eigentliche Forschungsfrage haben sollten. Ergänzend zur Religiosität und dem Interesse an gesellschaftlichen und politischen Themen wird die Selbsteinschätzung der finanziellen Situation als Indikator für ökonomische Ressourcen, die Größe des Bekannten- und Freundesnetzwerks als Indikator für soziale Ressourcen und die Wohndauer im Ort als Indikator für Ortsverbundenheit in die Auswahlgleichung aufgenommen – allesamt Faktoren, die Korrelationen mit ehrenamtlichem Engagement erwarten lassen, gleichzeitig aber die Wahrscheinlichkeit, ehrenamtlich in einer Führungsposition aktiv zu sein, kaum beeinflussen sollten. In die Hauptgleichung fließen zudem die engagementspezifischen Faktoren ein, die nur unter der Teilmenge der Engagierten erhoben wurden. Dazu zählen der Engagementbereich (Freizeit, Soziales, Politik, Glauben/Religion, Technik) und die Organisationsform (Verein, Partei/Verband, Kirche, Selbsthilfe, Ssonstige) (vgl. Tabelle 5 und 6 im Anhang für eine genauere Aufschlüsselung). Zudem wurden das Vorhandensein von Hauptamtlichen in der jeweiligen Organisation, die Häufigkeit der ehrenamtlichen Tätigkeit (täglich, wöchentlich, monatlich und seltener) sowie die Tätigkeitsdauer kontrolliert. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die in der Hauptgleichung und der Auswahlgleichung verwendeten Variablen. Erlinghagen, Şaka & Steffentorweihen: Führungspositionen im Ehrenamt 10 Tabelle 1: Deskription der Modellvariablen Hauptgleichung Auswahlgleichung Mittelwert Std. Abw. Mittelwert Std. Abw. ehrenamtliches Engagement (ja=1) - - 0,35 0,48 ehrenamtliche Leitungsposition (ja=1) 0,33 0,47 - - Geschlecht (Frau=1) 0,53 0,50 0,57 0,50 14 bis 24 Jahre 0,13 0,34 0,13 0,34 25 bis 34 Jahre 0,13 0,33 0,13 0,34 35 bis 44 Jahre 0,20 0,40 0,18 0,38 45 bis 54 Jahre 0,21 0,41 0,20 0,40 55 bis 64 Jahre 0,16 0,36 0,16 0,36 > 65 Jahre 0,17 0,38 0,20 0,40 Keine Kinder im Haushalt 0,75 0,43 0,79 0,41 Kinder ohne Betreuungsaufwand 0,05 0,21 0,04 0,19 Kinder mit tw. Betreuungsaufwand 0,07 0,26 0,06 0,23 Kinder mit gänzl. Betreuungsaufwand 0,13 0,34 0,11 0,31 kein Migrationshintergrund 0,88 0,32 0,85 0,35 1. Migrantengeneration 0,03 0,17 0,05 0,21 2. Migrantengeneration 0,09 0,28 0,10 0,30 erwerbstätig 0,55 0,50 0,51 0,50 arbeitslos 0,04 0,19 0,05 0,22 nicht erwerbstätig 0,05 0,22 0,05 0,22 Rentner 0,21 0,41 0,25 0,43 sonstige Erwerbstätige 0,15 0,36 0,14 0,35 noch Schüler 0,07 0,25 0,07 0,25 Hauptschulabschluss 0,12 0,32 0,19 0,39 Realschulabschluss 0,28 0,45 0,30 0,46 Abitur 0,53 0,50 0,44 0,50 Ostdeutschland 0,23 0,42 0,26 0,44 Freizeitbereich 0,38 0,49 - - sozialer Bereich 0,30 0,46 - - politischer Bereich 0,15 0,36 - - religiöser Bereich 0,11 0,32 - - technischer Bereich 0,05 0,22 - - Verein 0,47 0,50 - - Partei/Verband 0,11 0,31 - - Kirche 0,12 0,33 - - Selbsthilfe/Projekt 0,16 0,36 - - sonstige Einrichtungen 0,14 0,35 - - täglich engagiert 0,04 0,19 - - wöchentlich engagiert 0,52 0,50 - - monatlich engagiert 0,34 0,47 - - seltener/nie engagiert 0,10 0,29 - - Fortsetzung von Tabelle 1 auf der nächsten Seite DBsF-2015-03 11 Fortsetzung Tabelle 1 Hauptgleichung Auswahlgleichung Mittelwert Std. Abw. Mittelwert Std. Abw. Hauptamtliche in Organisation (ja=1) 0,15 0,36 - - aktiv < 3 Jahre 0,22 0,42 - - aktiv 3 bis 10 Jahre 0,47 0,50 - - aktiv > 10 Jahre 0,30 0,46 - - finanzielle Situation (sehr) gut - - 0,41 0,49 finanzielle Situation befriedigend - - 0,38 0,49 finanzielle Situation (sehr) schlecht - - 0,20 0,40 Netzwerk klein - - 0,32 0,47 Netzwerk mittel - - 0,45 0,50 Netzwerk groß - - 0,22 0,42 < 3 Jahre am Ort - - 0,09 0,28 3 bis 10 Jahre am Ort - - 0,20 0,40 > 10 Jahre am Ort - - 0,46 0,50 seit der Geburt am Ort - - 0,25 0,43 nicht religiös - - 0,45 0,50 schwach religiös - - 0,18 0,39 mittel religiös - - 0,24 0,43 stark religiös - - 0,12 0,33 kein polit./gesell. Interesse - - 0,14 0,35 polit./gesell. Interesse mittel - - 0,46 0,50 polit./gesell. Interesse stark - - 0,40 0,49 N 6.996 19.995 Quelle: Freiwilligensurvey 2009, eigene Berechnungen Erlinghagen, Şaka & Steffentorweihen: Führungspositionen im Ehrenamt 12 5 Ergebnisse Tabelle 2 gibt einen Überblick über die Geschlechterverteilung im Datensatz sowie hinsichtlich des ehrenamtlichen Engagements im Allgemeinen und der Übernahme von ehrenamtlichen Leitungspositionen im Besonderen. Es zeigt sich, dass von den insgesamt 19.995 Personen 35 Prozent (N=6.996) ein Ehrenamt ausüben und davon wiederum 33 Prozent (N=2.286) eine ehrenamtliche Führungsposition bekleiden. Während 33 Prozent der Frauen sich ehrenamtlich engagieren, gehen 38 Prozent der Männer einer ehrenamtlichen Aktivität nach. Der Geschlechterunterschied fällt bei der Übernahme von Leitungspositionen in Ehrenämtern noch deutlicher aus. So übernehmen unter den ehrenamtlich aktiven Frauen nur 26 Prozent eine Führungsposition, während 40 Prozent der engagierten Männer ihr Ehrenamt in leitender Funktion ausüben. Tabelle 2: Verteilung der Frauen und Männer auf Ehrenämter und Leitungspositionen in Ehrenämtern Geschlechterverteilung Ehrenamtliches Engagement Leitungspositionen im Ehrenamt In Prozent N in Prozent N in Prozent N Frauen 57 11.341 33 3.717 26 969 Männer 43 8.654 38 3.279 40 1.317 Gesamt 100 19.995 35 6.996 33 2.286 Quelle: Freiwilligensurvey 2009, eigene Berechnungen Das Ziel der Analyse ist, mittels Probit-Regressionen zu bestimmen, welche Faktoren eine Übernahme der Führungspositionen in Ehrenämtern vorhersagen können und inwiefern eine Geschlechterungleichheit auch unter Kontrolle weiterer Merkmale bestehen bleibt. Es wurden für die Gesamtpopulation, für Männer und für Frauen jeweils zwei Modelle einmal mit und einmal ohne Selektion geschätzt. Die Ergebnisse dieser Probit- Regressionen sind in Tabelle 3 dokumentiert. Bei den Modellen mit Selektion werden ausschließlich die Ergebnisse der Variablen in der Hauptgleichung sowie die entsprechenden Teststatistiken berichtet. Die Ergebnisse der vorgeschalteten Auswahlgleichung sind in Tabelle 4 im Anhang dokumentiert. DBsF-2015-03 13 Tabelle 3: Leitungspositionen in Ehrenämtern, average marginal effects der Probit Regressionen mit und ohne Heckman-Selektion Gesamtmodell Frauen Männer Selektion Selektion Selektion ohne mit ohne mit ohne mit Geschlecht Frau (Ref.: Mann) -0,091*** -0,079*** Alter 14 bis 24 Jahre -0,037 -0,019 0,024 0,044 -0,100* -0,072 25 bis 34 Jahre -0,071*** -0,045* -0,034 -0,002 -0,110*** -0,082** 35 bis 44 Jahre -0,056** -0,054** -0,040 -0,040 -0,073** -0,062* 45 bis 54 Jahre Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. 55 bis 64 Jahre 0,022 0,022 0,009 0,010 0,040 0,033 65+ Jahre 0,041 0,053 0,004 0,013 0,092* 0,100* Elternschaft keine Kinder Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. Kinder ohne Betreuungsaufwand 0,023 0,001 0,055 0,058 0,021 -0,013 Kinder mit tw. Betreuungsaufwand -0,027 -0,059* -0,045 -0,088* -0,016 -0,047 Kinder mit gänzl. Betreuungsaufwand -0,008 -0,043* -0,022 -0,062* 0,009 -0,018 Migrationshint. kein Migrationshint. Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. 1. Mig.generation -0,063 -0,007 -0,031 0,024 -0,102 -0,028 2. Mig.generation 0,006 0,027 0,046 0,071* -0,043 -0,014 Erwerbsstatus erwerbstätig Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. arbeitslos -0,065* -0,043 -0,056 -0,039 -0,076 -0,046 nicht erwerbstätig -0,010 -0,012 0,011 0,010 -0,166 -0,181 Rentner/Pensionär -0,053* -0,048 -0,029 -0,025 -0,087* -0,077* Sonst. erwerbstätig -0,054* -0,065* -0,091** -0,111** -0,016 -0,027 noch Schüler 0,067* 0,071* 0,069 0,070 0,052 0,061 Qualifikation Hauptschule -0,033 -0,000 -0,015 0,024 -0,064* -0,029 Realschule Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. Abitur 0,049*** 0,024 0,057*** 0,032 0,029 0,004 Forstetzung Tabelle 3 auf der nächsten Seite Erlinghagen, Şaka & Steffentorweihen: Führungspositionen im Ehrenamt 14 Fortsetzung von Tabelle 3 Gesamtmodell Frauen Männer Selektion Selektion Selektion ohne mit ohne mit ohne mit Hauptamtl. in Org. ja (Ref.: nein) -0,131*** -0,135*** -0,108*** -0,121*** -0,164*** -0,151*** Aktivitätshäufigkeit täglich aktiv 0,127*** 0,128*** 0,124*** 0,139** 0,127** 0,111** wöchentlich aktiv Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. monatlich aktiv -0,070*** -0,069*** -0,020 -0,019 -0,129*** -0,116*** seltener aktiv -0,299*** -0,301*** -0,223*** -0,244*** -0,403*** -0,362*** Engagementdauer aktiv < 3 Jahre -0,059*** -0,057*** -0,072*** -0,076*** -0,041 -0,036 aktiv seit 3-10 Jahren Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. aktiv > 10 Jahre 0,017 0,013 0,002 -0,003 0,026 0,022 Region Ostdeut. (Ref.: West) -0,023 -0,003 -0,004 0,016 -0,048* -0,021 Engagementbereich Freizeitbereich Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. sozialer Bereich 0,008 0,011 0,008 0,015 0,009 0,012 politischer Bereich 0,008 0,007 0,024 0,029 -0,012 -0,017 religiöser Bereich 0,028 0,007 0,023 0,003 0,039 0,016 technischer Bereich 0,028 0,028 0,000 -0,000 0,026 0,022 Organisationsform Verein Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. Ref. Partei 0,107*** 0,106*** 0,078** 0,083** 0,149*** 0,138*** Kirche -0,025 -0,046 -0,034 -0,059 -0,007 -0,026 Selbsthilfegruppe -0,107*** -0,107*** -0,110*** -0,123*** -0,097*** -0,083** sonstige -0,064*** -0,066*** -0,088*** -0,100*** -0,028 -0,026 N 6.996 6.996 3.717 3.717 3.278 3.279 N (zensiert) 12.999 7.624 5.375 rho -0,46*** -0,45*** -0,51*** Wald-Chi² 575,09 (40) 268,98 (39) 263,81 (39) pseudo R2 0,092 0,073 0,091 Quelle: Freiwilligensurvey 2009, eigene Berechnungen / * p < 0.05, ** p < 0.01, *** p < 0.001 DBsF-2015-03 15 Bevor wir auf die uns eigentlich interessierenden Geschlechterunterschiede eingehen, zeigt ein Blick auf die Ergebnisse des Gesamtmodells (Tabelle 3), welche Determinanten unabhängig vom Geschlecht mit der Bekleidung ehrenamtlicher Führungspositionen in Zusammenhang stehen. So ist ein u-förmiger Alterseffekt zu beobachten, wobei die für Männer und Frauen getrennt vorgenommenen Schätzungen zeigen, dass dies insbesondere ein für Männer zu beobachtendes Phänomen ist. Zudem zeigt sich ein klarer positiver Bildungszusammenhang nur in der Schätzung ohne Selektion während bei der Schätzung unter Berücksichtigung der Heckman-Korrektur dieser Bildungsgradient verschwindet. Dass wir eine größere Zahl besser Qualifizierte unter Vereinsvorsitzenden usw. finden, ist also auf ein generell mit zunehmender Bildung wachsendes ehrenamtliches Engagement zurückzuführen. Sobald sich geringer Qualifizierte unentgeltlich engagieren, haben diese im Schnitt ähnlich große Chancen, ehrenamtliche Leitungsaufgaben zu übernehmen wie ihre besser qualifizierten Vereinskollegen oder Parteigenossen. Gleichzeitig ist kein (klarer) Zusammenhang zwischen ehrenamtlichen Leitungsaktivitäten und dem Erwerbs-, bzw. Migrationsstatus nachweisbar. Werden jedoch schulpflichtige Kinder betreut, senkt dies die Wahrscheinlichkeit signifikant, eine ehrenamtliche Leitungsaufgabe zu übernehmen. Dieser im Gesamtmodell zu beobachtende Zusammenhang ist jedoch in erster Linie auf Frauen zurückzuführen, denn die getrennten Schätzungen zeigen, dass zwischen Vätern und kinderlosen Männern keine Unterschiede bei der Bekleidung von ehrenamtlichen Führungsfunktionen existieren. Darüber hinaus gibt es eine deutliche positive Korrelation zwischen der Engagementhäufigkeit und der Bekleidung von Führungspositionen. Weiterhin ist zu sehen, dass eine erst relativ kurze Engagementkarriere (< 3 Jahre) signifikant seltener bereits zu Leitungspositionen geführt hat. Neben diesen individuellen sozioökonomischen bzw. soziodemographischen Determinanten sowie Charakteristika des individuellen Engagementverhaltens lassen sich auch Zusammenhänge zwischen den Merkmalen der Organisation und der Wahrscheinlichkeit, dass Menschen dort ehrenamtliche Führungspositionen bekleiden, feststellen. Sind neben Ehrenamtlichen auch Hauptamtliche beschäftigt, verringert dies die Wahrscheinlichkeit, dass ein unter diesen Bedingungen aktiver Ehrenamtlicher eine Leitungsaufgabe übernimmt. Zudem zeigt sich, dass offenbar gerade Parteien und Verbände im Vergleich zu Vereinen signifikant häufiger ehrenamtliche Führungskräfte haben. Hingegen ist für unentgeltlich in der Selbsthilfe und sonstigen Organisationen Tätige im Vergleich zu Vereinsaktiven unwahrscheinlicher, dass sie eine Führungsfunktion innehaben. Betrachtet man nun den für unsere Fragestellung zentralen Aspekt des Zusammenhangs zwischen Geschlecht und ehrenamtlichen Leitungsfunktionen, so zeigt sich anhand der signifikant negativen marginalen Effekte, dass selbst unter Kontrolle vorgelagerter Selektionseffekte und wesentlicher individueller und organisationaler Einflussfaktoren Frauen deutlich seltener ehrenamtliche Führungspositionen bekleiden als Männer. Wir finden also selbst in dem Bereich, in dem Frauen aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Erlinghagen, Şaka & Steffentorweihen: Führungspositionen im Ehrenamt 16 tatsächlich oder vermeintlich besseren sozialen Kompetenzen gegenüber Männern bevorteilt sein sollten, eine ähnliche Gleichstellungsproblematik wie im Erwerbsleben. Unabhängig von diesem generellen Unterschied unterscheiden sich Männer und Frauen dann jedoch kaum hinsichtlich der Faktoren, die die Übernahme einer unbezahlten Leitungstätigkeit unterstützen bzw. behindern. Abbildung 1: Average marginal effects für Frauen, eine Leitungsposition im genannten Engagementbereich oder der jeweiligen Organisationsform zu bekleiden Quelle: Freiwilligensurvey 2009, eigene Berechnungen Kontrollvariablen (Hauptgleichung): Alter, zu betreuende Kinder im Haushalt, Migrationshintergrund, Erwerbsstatus, höchster Schulabschluss, Engagementhäufigkeit, Tätigkeitsdauer, Vorhandensein der Hauptamtlichen und Region; Kontrollvariablen (Auswahlgleichung): Geschlecht, Alter, Kinder im Haushalt, Migrationshintergrund, Erwerbsstatus, höchster Schulabschluss, Religiosität, Interesse an politischen und gesellschaftlichen Themen, Region. * p < 0.05, ** p < 0.01, *** p < 0.001; hellen Balken = nicht sig. Effekte ° kein Sample Selektion Bias; Ergebnisse der Probit Regressionen ohne Selektion. Um zu überprüfen, inwieweit ein Zusammenhang mit dem Engagementbereich bzw. der Organisationsform und der Benachteiligung von Frauen bei der Besetzung ehrenamtlicher Leitungsfunktionen auch unter Berücksichtigung wesentlicher Kontrollvariablen existiert, haben wir erneut unterschiedliche Selektionsmodelle für die entsprechenden Bereiche und Organisationsformen geschätzt. Die Frage, die damit beantwortet werden soll, lautet, ob die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen unter anderem auch ein Ergebnis einer geschlechtsspezifischen Entscheidung für bestimmte Inhalte oder Organisationsformen ist. Alternativ ist auch denkbar, dass diese Selektivität nicht oder nur zum Teil die Benachteiligung von Frauen erklären kann und es somit zu einer direkten Diskriminierung von Frauen zumindest in einzelnen Engagementbereichen und Organisationsformen kommt. Abbildung 1 dokumentiert die entsprechenden Ergeb- DBsF-2015-03 17 nisse der Heckprob-Schätzungen. Aus Gründen der Übersichtlichkeit werden hier lediglich die durchschnittlichen marginalen Effekte für Frauen im Vergleich zu Männern gezeigt, eine Führungsposition im jeweiligen Bereich zu übernehmen. Wir sehen in Abbildung 1, dass sich nur in einigen Bereichen bzw. bestimmten Organisationsformen eine Benachteiligung von Frauen bei der Besetzung von Führungspositionen nachweisen lässt. Dies ist im Freizeitbereich und im religiösen und technischen Bereich der Fall und zeigt sich insbesondere in Vereinen, Kirchen und sonstigen Einrichtungen. Bei Parteien und in Selbsthilfegruppen lassen sich nach Kontrolle individuellen Unterschiede und nach Berücksichtigung möglicher Selektionseffekte hingegen keine Geschlechterunterschiede bei der Besetzung von Leitungsfunktionen feststellen. Gleiches gilt für den politischen und technischen Engagementbereich. Die Befunde machen deutlich, dass Tätigkeitsinhalte sowie die Organisationsform zu einer mehr oder weniger starken Benachteiligung von Frauen bei der Besetzung von ehrenamtlichen Führungsaufgaben beitragen können. 6 Zusammenfassung und Diskussion Frauen weisen im Vergleich zu Männern eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit auf, in einer ehrenamtlichen Tätigkeit Führungspositionen zu übernehmen. Dieser Zusammenhang ist auch dann stabil, wenn (Selbst-)Selektionseffekte sowie eine Reihe zentraler soziodemografischer, sozioökonomischer und engagementspezifischer Faktoren berücksichtigt werden. Eine differenzierte Analyse zeigt zudem, dass eine Benachteiligung von Frauen hinsichtlich der Übernahme ehrenamtlicher Leitungsfunktionen insbesondere für bestimmte Tätigkeitsbereiche bzw. in bestimmten Organisationsformen nachweisbar ist. Vor allem Vereine und Kirchen bzw. religiöse Organisationen zeigen hier deutliche Defizite bei der Gleichstellung. Immerhin sind hier insgesamt knapp 60 Prozent aller Ehrenamtlichen in Deutschland aktiv. Daher können Vereine und Kirchen aufgrund ihrer quantitativen Bedeutung zusammen mit der heterogenen Gruppe der sonstigen Organisationen als Treiber der insgesamt zu beobachtenden Benachteiligung von Frauen als ehrenamtliche Führungskräfte identifiziert werden. Die Ursachen dafür, dass Frauen seltener ehrenamtliche Führungsaufgaben übernehmen, dürften allerdings keineswegs allein in der Form der jeweiligen gemeinnützigen Organisation oder aber der inhaltlichen Tätigkeiten liegen (vgl. zu einer ähnlichen Befundlage in den USA Rotolo & Wilson, 2007). Denkbar wäre nämlich darüber hinaus, dass Führungspositionen in Ehrenämtern von jenen Personen übernommen werden, die in ihrem Erwerbsleben solche Positionen schon bekleiden (Spill-over-Effekt). Hier scheinen Männer durch ihre Überrepräsentanz in den Führungsetagen in Unternehmen bevorteilt zu sein, weil sie ihre schon geübte und vertraute Rolle aus dem Erwerbsleben in den Bereich des Ehrenamts direkt mitnehmen können. Nicht zuletzt weist die verringerte Wahrscheinlichkeit, beim Einstieg in die ehrenamtliche Tätigkeit sofort eine Führungsaufgabe zu übernehmen, welche nur Frauen betrifft und für Männer keine Rolle Erlinghagen, Şaka & Steffentorweihen: Führungspositionen im Ehrenamt 18 spielt, auf mögliche strukturelle und ideologische Barrieren hin. Frauen müssen sich insofern auch im Ehrenamt erst einmal „beweisen“ oder „bewähren“, während Männern eine Führungsaufgabe sofort zugetraut wird. Insgesamt scheint der Bereich unbezahlten sozialen Engagements für Frauen jedenfalls kein alternatives Betätigungsfeld zu bieten, in dem sie die Defizite bei der Bekleidung von Leitungsfunktionen im Erwerbsleben kompensieren könnten. Jedoch ist als weitere Begründung durchaus denkbar, dass die seltenere Übernahme von ehrenamtlichen Leitungsfunktionen durch Frauen nicht (allein) auf strukturelle Diskriminierung „von außen“ zurückzuführen ist, sondern zu einem mehr oder weniger großen Teil auch durch einen freiwilligen Verzicht von Frauen auf Führungspositionen erklärt werden könnte; hierbei wäre dann auch die Problematik der Vereinbarkeit von Familie, Beruf und leitendem Ehrenamt zu berücksichtigen. Denn in dem Maß, in dem nach wie vor insbesondere Frauen die Verantwortung für Familie und Haushalt zugesprochen wird, könnte dies bei den Frauen im Zweifel eher zu einem Verzicht auf tendenziell zeitintensive Führungsaufgaben gerade im Bereich unbezahlten ehrenamtlichen Engagements führen. Der Befund, dass erstens Mütter seltener ehrenamtliche Leitungsfunktionen übernehmen als Frauen ohne Betreuungsaufgabe und sich zweitens bei Männern kein solcher Zusammenhang nachweisen lässt, deutet in diese Richtung. Allerdings zeigt sich darüber hinaus weder für Männer noch für Frauen ein Unterschied zwischen erwerbstätigen und nicht-erwerbstätigen Aktiven. Unbezahlte Führungsfunktionen zu übernehmen ist also nicht alleine eine Frage frei verfügbarer Zeit. Einschränkend muss man aber hierbei auch darauf hinweisen, dass sich diese Aussagen auf relativ wenige und dazu noch grobe Indikatoren innerhalb des Freiwilligensurveys stützen. Vor dem Hintergrund, dass davon ausgegangen wird, dass Führungsaufgaben mit erhöhtem zeitlichem Aufwand einhergehen, wäre es wünschenswert gewesen, neben Indikatoren der Haushaltszusammensetzung auch den Umfang der Erwerbstätigkeit zu berücksichtigen. Des Weiteren würde ein Indikator zur Bekleidung von Führungsposition im Erwerbsleben die Aussagekraft der Modelle erheblich verbessern (vgl. dazu auch Marshall & Taniguchi, 2012). Hier könnten wir ausgehend von indirekten Merkmalen lediglich Parallelen zwischen der Positionierung im Erwerbsleben und im Ehrenamt vermuten. Leider sind beide erwähnten Indikatoren im Freiwilligensurvey bislang nicht enthalten. Es bleibt abzuwarten, ob die gewünschten Analysen mit der aktuellen Welle des Freiwilligensurveys 2014 zu realisieren sind. Neben den neuen Erkenntnissen hinsichtlich der Diskriminierung von Frauen im Bereich des unbezahlten ehrenamtlichen Engagements, lassen sich unserer Ansicht nach zudem interessante generelle Rückschlüsse für die derzeit in Deutschland intensiv geführte Debatte um Frauen in Führungspositionen ziehen. Wie zu Beginn ausgeführt wurde, ist ein populäres Argument für das Fehlen von weiblichen Führungskräften in Wirtschaftsunternehmen deren angeblich inadäquate Ausbildung und mangelnde berufliche Passung. Wenn dies tatsächlich der wesentliche Grund für den Männerüberschuss in den Führungsetagen wäre, so müsste dieser Nachteil im Bereich des nicht gewinnorientierten Non-Profit-Sektors zumindest ausgeglichen werden. Dies ist aber offensichtlich nur sehr eingeschränkt der Fall. Zumindest bei Leitungsfunktionen in Kirchen und Vereinen sehen wir hinsichtlich der Benachteiligung von Frauen ein ähnliches Bild wie DBsF-2015-03 25 Fortsetzung Tabelle 4 Hauptgleichung Auswahlgleichung b Std. err. b Std. err. Verein Ref. Ref. - - Partei/Verband 0,292*** (0,057) - - Kirche -0,125 (0,078) - - Selbsthilfe/Projekt -0,293*** (0,050) - - sonstige Einrichtungen -0,181*** (0,052) - - Hauptamtliche in Organisation (ja=1) -0,370*** (0,036) - - täglich engagiert 0,351*** (0,079) - - wöchentlich engagiert Ref. Ref. - - monatlich engagiert -0,189*** (0,034) - - Seltener/nie engagiert -0,825*** (0,068) - - aktiv < 3 Jahre -0,155*** (0,042) - - aktiv 3 bis 10 Jahre Ref. Ref. - - aktiv > 10 Jahre 0,037 (0,037) - - finanzielle Situation (sehr) gut - - Ref. Ref. finanzielle Situation befriedigend - - 0,015 (0,021) finanzielle Situation (sehr) schlecht - - 0,015 (0,027) Netzwerk klein - - -0,308*** (0,023) Netzwerk mittel - - Ref. Ref. Netzwerk groß - - 0,276*** (0,024) < 3 Jahre am Ort - - -0,134*** (0,038) 3 bis 10 Jahre am Ort - - -0,060* (0,027) > 10 Jahre am Ort - - Ref. Ref. seit der Geburt am Ort - - -0,025 (0,024) nicht religiös - - Ref. Ref. schwach religiös - - 0,057* (0,027) mittel religiös - - 0,265*** (0,025) stark religiös - - 0,678*** (0,031) kein polit./gesell. Interesse - - Ref. Ref. polit./gesell. Interesse mittel - - 0,220*** (0,031) polit./gesell. Interesse stark - - 0,444*** (0,033) Konstante 0,518*** (0,071) -0,680*** (0,046) rho -0,456*** (0,052) N 19.995 N (unzensiert) 6.996 Quelle: Freiwilligensurvey 2009 (eigene Berechnungen) / * p < 0.05, ** p < 0.01, *** p < 0.001 Erlinghagen, Şaka & Steffentorweihen: Führungspositionen im Ehrenamt 26 Tabelle 5: Kategorisierung der Engagementbereiche im Freiwilligensurvey 2009 Neue Kategorie Originalkategorien Freizeitbereich Sport und Bewegung, Kultur und Musik, Freizeit und Geselligkeit Sozialer Bereich Sozialer Bereich, Gesundheitsbereich, Schule oder Kindergarten, Außerschulische Jugendarbeit, Erwachsenenbildung Politischer Bereich Politik und politische Interessenvertretung; Umwelt, Naturschutz, Tierschutz; Berufl. Interessenvertretung außerhalb des Betriebs, Justiz und Kriminalitätsprobleme, Bürgerschaftl. Engagement am Wohnort Religiöser Bereich Kirchlicher oder religiöser Bereich Technischer Bereich Unfall- oder Rettungsdienst, freiwillige Feuerwehr Tabelle 6: Kategorisierung der Organisationsformen im Freiwilligensurvey 2009 Neue Kategorie Originalkategorien Verein Verein Partei/Verband Partei, Verband, Gewerkschaft Kirche Kirche oder religiöse Vereinigung Selbsthilfe Selbsthilfegruppe, eine Initiative oder ein Projekt, eine selbst organisierte Gruppe, allein, nicht in einer Gruppe, Organisation oder Einrichtung Sonst. Einrichtung Eine staatl. Oder kommunale Einrichtung, Eine private Einrichtung, Stiftung, Sonstiges