Zeit für den Kurswechsel: Hin zu einer klimagerechten ressourcenleichten Gesellschaft. Beitrag für die politische Debatte im Wahljahr 2021
Abstract
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Full text
Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie (Ed.) Research Report Zeit für den Kurswechsel: Hin zu einer klimagerechten ressourcenleichten Gesellschaft. Beitrag für die politische Debatte im Wahljahr 2021 Zukunftsimpuls, No. 17 Provided in Cooperation with: Wuppertal Institute for Climate, Environment and Energy Suggested Citation: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie (Ed.) (2021) : Zeit für den Kurswechsel: Hin zu einer klimagerechten ressourcenleichten Gesellschaft. Beitrag für die politische Debatte im Wahljahr 2021, Zukunftsimpuls, No. 17, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, Wuppertal This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/234434 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Beitrag für die politische Debatte im Wahljahr 2021 Zeit für den Kurswechsel: hin zu einer klimagerechten, Zeit für den Kurswechsel: hin zu einer klimagerechten, Zeit für den Kurswechsel: ressourcenleichten Gesellschaft hin zu einer klimagerechten, ressourcenleichten Gesellschaft hin zu einer klimagerechten, Z u k u n f t s i m p u l s Zukunftsimpuls 17 | Mai 2021
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 2 Einführung Die kommende Bundesregierung muss aus ambitionierten Zielen eine erfolgreiche Ressourcen- und Klimapolitik machen. Und dabei alle Bürgerinnen und Bürger mitnehmen. –––––––– Die Umwelt- und Klimaziele sind gesteckt Jetzt kommt die Zeit der Umsetzung Die Umwelt- und Klimaziele sind gesteckt Jetzt kommt die Zeit der Umsetzung Die Umwelt- und Klimaziele sind gesteckt
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 3 Einführung Nach dem historischen Urteil des höchsten deutschen Gerichts zum Klimaschutzgesetz hat die Politik fast über Nacht die Klimaziele konkretisiert und verschärft. Die Klimaneutralität soll jetzt schon bis 2045 erreicht werden, bis 2030 sollen die Emissionen stärker sinken. Damit soll der Generationen gerech tigkeit in Klimafragen die ihr zustehende Bedeutung zukommen. Das war überfällig. Bisher handelt es sich aber überwiegend um bloße Zielformulierungen. Die nächste Bundesregierung steht darum im doppelten Sinne vor einer Jahrhundertaufgabe. Sie muss den geforderten Klimaschutz konkret umsetzen – und dabei vor allem auch auf soziale Gerechtigkeit achten. Die neue Klimaschutzpolitik birgt aber auch riesige Chancen für die deutsche Umwelt- und Klimabranche, die dank der traditionell intensiven Umweltdiskussion in Deutschland heute oft mit ihren Techniken und Konzepten weltweit führend ist. Kluge Klimapolitik ist daher auch Innovations- und Technologiepolitik und am Ende des Tages auch Industriepolitik. Mit Weitblick agieren – Vorreiter profi tieren, Sorge um Nachzügler Gleichzeitig stehen auch traditionelle Branchen vor großen Herausforderungen. Damit ist nicht (mehr) die Automobilbranche gemeint. Die deutschen Unternehmen mögen spät gestartet sein, aber sie können den Rückstand auf Herausforderer wie Tesla oder BYD mit ihrer jetzt anlaufenden Elektromobilitäts-Off ensive aufholen. Ähnlich wie die großen Energieunternehmen, die sich nach jahrzehntelangem Widerstand gegen Windkraft und Solarenergie vollständig gewandelt haben und heute mit eigenen Erneuerbare-Energien-Kraftwerken den Wandel mitprägen.
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 4 Einführung Die Politik muss nun mithelfen, dass der Wandel hin zu einer klimaneutralen und ressourcenleichten Gesellschaft auch in der Grundstoff - industrie gelingt – also der in der Stahlindustrie, in den Aluhütten, der Glaserzeugung und Zementherstellung sowie in der Chemieindustrie. Das kann funktionieren. Bei ihnen lässt sich Klimaschutz aber nicht allein mit dem Umstieg auf Ökostrom realisieren. Diese Branchen müssen ihre Produktionsprozesse teils vollständig neu aufbauen, in neue Technologien investieren und ganze Werke neu errichten. Das alles in einem harten globalen Wettbewerb. Hier wird es ohne staatliches Fördern und Fordern nicht gehen. Die Grundlagen können aber gelegt werden, wie die Bemühungen um den Aufbau einer Wasserstoff wirtschaft zeigen. Doch längst nicht in allen Bereichen ist der Handlungsdruck schon hinreichend erkannt. Die Sorgenkinder sind diejenigen, die bisher den Klimaschutz eher gebremst und kaum eigene und nachhaltige Konzepte für den Wandel entwickelt haben. Mut zu Veränderungen – Lasten gleichmäßig aufteilen Die neue Bundesregierung muss Klimagerechtigkeit zwischen den Generationen herstellen – das ist der Kern des Klimaurteils. Um Klimaschutz nachhaltig zu machen, muss Gerechtigkeit aber auch zwischen den sozialen Schichten sichergestellt sein. Lasten können und müssen gerecht aufgeteilt werden, etwa in der Wärmeversorgung. Die Mieterinnen und Mieter in Deutschland dürfen die Kosten der Klimapolitik nicht alleine tragen. Der Umbau der Wärmeversorgung gerade in Wohngebäuden stagniert seit vielen Jahren und dies trotz umfassender Finanzie-
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 5 Einführung rungsprogramme. Hier braucht es mehr Schub – den Schub eines Raketenstarts! Die neue Bundesregierung muss die Kosten des anstehenden Umbaus gerecht auf starke und schwache Schultern verteilen und gleichzeitig Anreize für Hauseigentümerinnen und -eigentümer schaff en, ihren Besitz klimafi t zu machen. Entsprechend müssen alte Zöpfe abgeschnitten werden, indem die steigenden CO 2 -Kosten ganz oder mindestens teilweise auf die Vermieterinnen und Vermieter übertragen werden. Eine am Gebäudezustand orientierte staatliche Förderung kann und sollte die Umsetzung genauso befördern wie individuelle Sanierungsfahrpläne, One-Stop- Shops und industrielle Vorfertigung von Bauelementen für Eigenheimbesitzer. Den Wandel gestalten: Durch gute Argumente und attraktive Rahmenbedingungen Die kommende Bundesregierung kann nicht erfolgreich sein, wenn sie die Bürgerinnen und Bürger außen vor lässt. Klimaschutz darf nicht so daherkommen, als wolle man die Lebensstile einer sozialen Gruppe anderen sozialen Gruppen vorschreiben. Eine erfolgreiche Klima politik hinterfragt genau, wie die Bedürfnisse nach Mobilität, behaglichem Wohnen oder nach einer Ernährung enstsprechend der individuellen Vorlieben klimagerecht erfüllt werden kann. Eine erfolgreiche Klimapolitik muss und kann aber die Umwelt- und Klimabilanz der Produkte und Dienstleistungen verändern. So können die Mobilitätsbedürfnisse weiter si chergestellt werden, wenn eine leistungsstarke Bahn, Elektroantriebe mit erneuerbarem Strom, eine attraktive Rad- und Fußgängerinfrastruktur und ein breites Angebot der öff entlichen Verkehrsmittel die alten Verbrennungsfahrzeuge und das Fliegen in Deutschland ablösen. Die Möglichkeit zu
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 6 Einführung deren Nutzung muss aber allen off enstehen – Exklusion ist kein Mittel der Nachhaltigkeit. Auch müssen Arbeit, Landwirtschaft und Wohnen über Konzepte der kurzen Wege wieder enger verfl ochten werden. Die Abwendung von der ressourcenintensiven Fleischwirtschaft kann auch durch die För derungen von Ersatzprodukten beschleunigt werden, die geschmacklich inzwischen oft gleichgezogen haben und heute ganz selbstverständlich in das Angebot vieler traditioneller Grillgut- und Aufschnitt-Hersteller eingefl ossen sind. Sie kann aber auch dadurch befördert werden, dass man deutlich macht, wie groß die gesundheitlichen Vorteile einer Ernährung mit weniger Fleischverzehr sind. Nicht kleckern, sondern klotzen – 100-Tage-Sofortprogramm für Klimaschutz Neben der Umsetzung der Ziele innerhalb Deutschlands und der Europäischen Union (EU) sind dabei internationale Vereinbarungen weiter entscheidend. Deutschland muss sich gemeinsam mit der EU für einen internationalen CO 2 -Handel einsetzen. Gleichzeitig
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 7 Einführung müssen Handelsverträge sicherstellen, dass die Produktion nicht in Länder mit laschen Umwelt- und Klimavorgaben verschoben wird. Hinzukommen müssen Energie- und Klimaschutzpartnerschaften mit Regionen, die auf Kooperation und faire Zusammenarbeit ausgerichtet sind, beispielsweise zum Aufbau internationaler Wasserstoffi nfrastrukturen. Auch Multiplikator-Eff ekte sind da wichtig: Deutschland kann und sollte anderen Ländern helfen, früher in die Dekarbonisierung ihres Wirtschaftssystems einzusteigen und bestimmte fossil geprägte Entwicklungsschritte zu überspringen. Treibhausgasneutralität 2045 – wichtig, allein nicht hinreichend für das 1,5-Grad-Ziel Mit der Anpassung der Klimaschutzziele hat Deutschland einen wichtigen und richtigen Schritt in Richtung Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens gemacht. Geht man von einem Budget-Ansatz aus und unterstellt weltweit gleichverteilte Restemissionsrechte, dann müsste Deutschland schon 5 bis 10Jahre früher klimaneutral sein. Das noch zustehende Budget kann auch dadurch geschont und Zeit gewonnen werden, indem der Minderungspfad degressiv gestaltet wird. Das bedeutet ein früheres und steileres Einschwenken in die CO 2 -Minderung. Auch deswegen kommt den 2020er Jahre eine überragende Bedeutung zu. Es darf keine Zeit im „Klein-Klein“ verloren werden, welches das politische Handeln häufi g bestimmt.
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 8 Energiewende – „Fit für 1,5 Grad“ Die Energiewende ist der entscheidende Baustein um das Ziel der Klimaneutralität in Deutschland bis spätestens 2045 zu erreichen. Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts hat die Bundesregierung schnell gehandelt und ihre Klimaschutzziele angepasst. Für die Sektoren wurden Zwischenziele für die Jahre 2035 und 2040 festgesetzt. Jetzt geht es um die Umsetzung und die Frage, mit welchen Maßnahmen Energieeffi zienz gesteigert und der Anteil erneuerbarer Energien am Energieverbrauch erhöht werden kann. Inkrementelle Verbesserungen, die die ablaufende Legislaturperiode beherrschten, reichen dafür nicht aus. Ganz zentral ist der Ausbau der erneuerbaren Energien. Hier muss die Geschwindigkeit verdoppelt werden und die variable Erzeugung von Solar- und Windstrom durch die Integration von fl exibler Nachfrage und Speichern besser ermöglicht werden. Der Kohleausstieg muss deutlich vorgezogen werden und eine Wasserstoffi nfrastruktur schnell und verlässlich aufgebaut werden. Gebäudewende – Der Weg zum klimaneutralen Gebäudebestand Der Gebäudesektor hat als einziger seine im bisherigen Klimaschutzgesetz für das Jahr 2020 festgelegte Ziele verfehlt. Bundeswirtschafts- und -bauministerium müssen daher ein Sofortprogramm für eine größere Sanierungstiefe und -rate aufl egen. Und auch beim Neubau Klimaneutralität zum Maßstab machen. Die Bundesregierung muss außerdem Wege eröff nen, um Gebäude besser zu nutzen und die umgebremste Flächenver siegelung sowie den Anstieg des Ressourcenverbrauchs zu stoppen. Gesamtfazit Transformationsarenen des Wandels: die notwendigen Schritte die notwendigen Schritte die notwendigen Schritte Transformationsarenen des Wandels: die notwendigen Schritte Transformationsarenen des Wandels:
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 15 „Fit für 1,5 Grad“: Ziele und Governance in Einklang bringen „Fit für 1,5 Grad“: Ziele und Governance in Einklang bringen „Fit für 1,5 Grad“: Ziele und Energiewende Konkrete Ziele für Emissionsminderung, Energieeffi zienz und erneuerbare Energien, übergeordnete Instrumente wie CO 2 -Beprei- sung und der Energie- und Klimafonds, Vollendung der Energiewende im Stromsektor und ein klimaneutraler Gebäudebestand: Das sind vier große Baustellen für die deutsche Energie- und Klimapolitik der kommenden Jahre. Ziele für Emissionen, Energieeffi zienz und erneuerbare Energien – „Fit für 1,5 Grad“ Nach dem Beschluss der EU, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren, und dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes von Ende April 2021 hat die Bundesregierung schnell reagiert und die eigenen Ziele angepasst. Die Gesamtemissionen sollen bis 2030 um mindestens 65 Prozent sinken und Treibhausgas- 2045 klimaneutral sein zu wollen, geht in die richtige Richtung. Geschlossene Konzepte liegen für diese Zielverschärfung kaum vor. Erste Analysen (Agora 2021) zeigen aber die grundsätzliche Machbarkeit unter der Voraussetzung, dass es auf allen Ebenen zu verstärkten Anstrengungen kommt. neutralität bis 2045 erreicht werden. Für jeden Sektor sind die bisher im Klimaschutzgesetz festgelegten Ziele für 2030 angepasst und Zwischenziele für die Jahre 2035 und 2040 festgelegt worden. Um einen maßgeblichen Beitrag für die Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad Celsius zu leisten, muss Deutschland mehr tun als bisher im Klimaschutzgesetz festgelegt. Die aktuelle Entscheidung bis
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 16 EnergiewendeEnergiewende Treibhausgasemissionen in Mio. t CO2-Äquivalente; CCS = Kohlenstoff abscheidung und -lagerung; BECCS = Energie aus Biomasse mit CCS; DACCS = CO 2 -Abtrennung aus der Luft als CCS; H 2 = Wasserstoff . Quelle: Prognos, Öko-Institut, Wuppertal Institut, 2021 Der Weg zur Klimaneutralität 2045
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 17 Energiewende Aber nicht nur die Emissionsziele, auch die Ziele für Energieeffi zienz und den Anteil erneuerbarer Energien am Energieverbrauch müssen ambitionierter werden. Vor allem müssen jetzt aber konkrete Maßnahmen de fi - niert und auch umgesetzt werden. Geschwindigkeit ist jetzt Trumpf. Nur wenn die Maßnahmen schnell an die Klimaziele angepasst werden, gibt es eine realistische Chance, bis spätestens 2045 klimaneutral zu werden. Energiesparen und Energieeffi zienz: Neue Ziele auf dem Weg zur Klimaneutralität 2050 2030 2040 2045 Nötige Einsparung von Primärenergie gegenüber 2008 35 bis 45 % 53 % 55 % Quelle: Prognos, Öko-Institut, Wuppertal Institut, 2021 Klimaneutral 2050: Neue Ziele für den Anteil der Erneuerbaren am Energieverbrauch 2030 2040 2045 Gesamtenergieverbrauch (ohne Power-to-X) 36 % 72 % 84 % Gesamtenergieverbrauch (mit Power-to-X, größtenteils importiert) 38 % 82 % 97 % Bruttostromverbrauch 70 % 82 % 100 % Quelle: Prognos, Öko-Institut, Wuppertal Institut, 2021 Energieeffi zienz ist dabei der vordringliche und kostengünstigste Beitrag für Energiewende und Klimaschutz. Darum ist zu erwarten, dass sich auch das EU-Ziel für die Energieeffi - zienz von derzeit 32,5 Prozent auf 36 bis 39 Prozent Energieeinsparung bis 2030 erhöht („Fit for 55“). Entsprechend muss auch die Bundesregierung ihre Ziele anpassen und die Energiespar-Ziele deutlich steigern (z. B. wie in der Tabelle links). Auch für den Anteil der erneuerbaren Energi- en am gesamten Energieverbrauch wird sich das EU-Ziel für 2030 erhöhen, vermutlich von 32 Prozent auf 38 bis 40 Prozent. Entsprechend muss auch Deutschland nachsteuern, ebenso für den Anteil am Stromverbrauch und für die Jahre 2040 und 2045 (etwa so wie in der Tabelle in dieser Spalte).
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 18 Energiewende Um den Anteil der erneuerbaren Energien ausreichend zu steigern (siehe Tabelle), müssen im Zeitraum 2021 bis 2030 pro Jahr mindestens 10 Gigawatt Photovoltaikanlagen, 4,5Gigawatt Wind onshore und 1,7 Gigawatt Wind off shore an Neuinstallationen dazu kommen. Höhere CO2-Preise, Energie- und Klimafonds und bessere Koordination Übergeordnete Instrumente wie die CO 2 - Bepreisung und die Verwendung der Einnahmen für den Energie- und Klimafonds sowie für soziale Ausgleichsmaßnahmen sind für die Energiewende unverzichtbar. Seit Anfang 2021 gibt es in Deutschland den Brennstoff -Emissionshandel mit einem festen Preisanstieg bis 2025. Es wäre wichtig, die fossilen Energieträger schneller teurer zu machen und die Preise auch nach 2025 weiter steigen zu lassen. Dadurch werden die ökologischen Schadenskosten sichtbarer, die Wirtschaftlichkeit von Energieeffi zienzmaßnahmen und erneuerbaren Energietechnologien steigt und es stehen mehr Mittel für die Gestaltung der Energiewende zur Verfügung – etwa als Unterstützung für verschiedene Sektoren und eine Klimaprämie, die einen sozialen Ausgleich der Mehrkosten garantiert. So können die Ziele schneller und mit einem geringeren CO 2 -Preis erreicht werden als nur mit einem CO 2 -Preis allein.
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 19 Energiewende Auch die Umsetzungsgovernance muss verbessert werden. Es reicht nicht, Ziele zu setzen und ein Energiewende-Monitoring zu betreiben. Die Wirkung der sektoralen Politikinstrumente muss beständig beobachtet und evaluiert werden, um bei Bedarf rasch und fl exibel nachzusteuern. Dies erfordert die Stärkung und bessere Koordination der beteiligten Ministerien (Wirtschafts-, Verkehrs-, Bau-, Verbraucherschutz- und Umweltministerium), der Deutschen Energie-Agentur, Bundesstelle für Energieeffi zienz, Bundesnetzagentur und Umweltbundesamt, aber auch der Länder und der kommunalen Klimaschutzstellen. Planungs-und Genehmigungszeiten müssen deutlich verkürzt und erfolgreiche Instrumente wie One-Stop-Shops zur Gebäudesanierung breit eingeführt werden. Energiewende im Stromsektor vollenden Die Energiewende im Stromsektor erfordert den Ausbau erneuerbarer Energien und der sogenannten Flexibilitäten (fl exiblere Nutzung und Speicherung von Strom) sowie einen beschleunigten Kohleausstieg. Das bedeutet: • Die Ziele im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) müssen gemäß dem nötigen jährlichen Ausbau angehoben werden. Zugleich ist es erforderlich, den Bau von Anlagen zu erleichtern und die Wirtschaftlichkeit besser planbar zu machen. Mieterstrommodelle und Prosumer-Gemeinschaften – so sieht es auch die EU-Förderung vor – sowie Bürgerenergieanlagen müssen gestärkt werden – aber mit Regeln, die den Ausbau beschleunigen. Ebenso sollte die Bundesregierung den Weiterbetrieb noch funktionstüchtiger Altanlagen dauerhaft ermöglichen. Off ene Diskursformate auf nationaler, regionaler und kommunaler Ebene helfen, die Akzeptanz ebenso zu steigern wie Beteiligungsmodelle.
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 20 Energiewende wird oder um regionale Flexibilitätsmärkte der Verteil netzbetreiber möglich zu machen. • Auch eine intelligente Reform des Systems der Steuern, Abgaben und Umlagen auf Strom steht an – und zwar schon lange. Zweifelsohne muss Sektorkopplung sowie system- und netzdienliches Verhalten von Anlagen gestärkt und Strom beispielsweise für die elektrolytische Herstellung von Wasserstoff attraktiv werden. Aber es ist zielgerichteter, die Nutzung von grünem Strom für Verkehr und Wärme durch Inves titionszuschüsse zu fördern und den sozialen Ausgleich durch eine Pro-Kopf- Klimaprämie zu erreichen, statt die Strompreise für alle Anwendungen zu senken – denn das wirkt der Energieeffi zienz bei der Stromanwendung entgegen. • Bis 2030 sollte der Kohleausstieg vollständig umgesetzt sein, und das ist bei der Beschleunigung im Ausbau der erneuerbaren Energien auch möglich. • Zugleich erfordert die variable Stromerzeugung von Photovoltaik und Windenergie die Nutzung von Flexibilitäten, um diesen Strom ins Netz und System zu integrieren und dabei Versorgungssicherheit zu gewähr leisten . In den „Schaufenstern Intelligente Energie“ wurden zahlreiche technische Lösungen und Geschäftsmodelle erprobt, aber für ihren breiten Einsatz fehlt der recht liche Rahmen. Dazu gehören echte Smart Meter, die system- und netzdienliches Verhalten ermöglichen: Etwa um die Speichermöglichkeiten von Elektrofahrzeugen „Vehicle-to-grid“ attraktiv zu machen, indem netzdienliches Verhalten auch durch zeit variable Energiepreise belohnt
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 21 Energiewende für Neubauten genügen dem Anspruch, um bis 2045 klimaneutral zu werden. Von einer optimierten Nutzung der Gebäude, um ungebremste Flä chenversiegelung und den Anstieg im Res sourcenverbrauch zu stoppen, sind wir weit entfernt (siehe auch Urbane Wende ). Intelligente Nutzungskonzepte, eine Sanierungsverpfl ichtung und damit verbunden eine deut liche Intensivierung der Sanierungs - förde rung und -begleitung sind zentrale In strumente, dies zu ändern. Um den Gebäudebestand klimaneutral aufzustellen, ist eine sehr starke Steigerung der energetischen Sanierungsrate notwendig: von derzeit zwischen 1 bis 2 Prozent auf 3 bis 4 Prozent pro Jahr. Dabei müssen die Häuser so saniert werden, dass sie ähnlich wie Neubauten kaum noch Energie verbrauchen. Gleichzeitig müssen erneuerbare Energien für die Abdeckung des verbleibenden Energiebedarfs, also für Heizen und warmes Wasser, eingesetzt werden („grüne Wärme“). 13 Maßnahmen für klimaneutrale Gebäude Diese Ziele können nur durch eine Kombination verschiedener Maßnahmen realisiert werden, die in der nächsten Legislaturperiode g eschaff en oder gestärkt werden sollten. 1. Signal an den Markt für langfristige Planbarkeit Klare und langfristige Vorgaben zur Erhöhung der Sanierungsrate und -tiefe sowie für den Ausstieg aus fossilen Heizungssystemen Der Weg zum klimaneutralen Gebäudebestand Auch im Gebäudesektor soll 2045 die Klimaneutralität erreicht werden. Zugleich ist er der einzige Sektor, der 2020 sein Ziel gemäß Klimaschutzgesetz verfehlt hat – um rund zwei Millionen Tonnen CO 2 -Äquivalente. Das Bundeswirtschafts- und das Bundesbauministerium müssen daher ein Sofortprogramm aufl egen, denn trotz aller Verbesserungen der vergangenen Jahre reichen Sanierungstiefe und -rate nicht aus. Nicht einmal die Standards
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 22 Energiewende 4. Wirtschaftlichkeit verbessern und Lasten zwischen Mietenden und Vermietenden gerecht aufteilen Der CO 2 -Preis für fossile Energieträger verbessert die Wirtschaftlichkeit und verringert die nötige fi nanzielle Förderung. Er sollte bei vermieteten Gebäuden so gestaltet werden, dass nur bei Häusern mit gutem energetischem Zustand auch ein großer Teil der CO 2 -Kosten an die Mietenden weiter gegeben werden darf. So erhalten die Ver mietenden den Anreiz zu Sanierung und werden stärker in die Pfl icht genommen, indem sie die CO 2 -Kosten je nach Gebäudezustand ganz oder teilweise tragen. Eine zielgruppengenaue Förderung kann dann die Warm mietenneutralität erreichen. 2. Anstieg der Gebäudefl äche und des Ressourcenverbrauchs bremsen Strategien, Fördern und Informieren für in tel ligente Nutzung, Umzug und Umbauten sind erforderlich (siehe auch Urbane Wende ). 3. Fördern und fordern von energetischen Sanierungs maßnahmen Die Bundesregierung sollte stärkere Pfl ichten zur Sanierung schaff en und die sozialverträgliche Umsetzung fördern – und zwar gleichzeitig. Klimaneutralität soll dabei das Wirtschaftlichkeitsgebot als Primat ablösen. Zudem würden auch die Mietenden den teilweisen Ausgleich des CO 2 -Preises durch eine Pro-Kopf-Klima prämie erhalten (s. o.). 5. Informationsgrundlage verbessern Klare Ziele für den Weg jedes einzelnen Gebäudes zur Klimaneutralität. Bis 2025 sollte es für jedes Gebäude, das vor dem Jahr 2000 entstand, einen individuellen Sanierungsfahrplan (iSFP) geben. Der aktuelle Zustand sollte in einem digitalen Gebäude-Logbuch einsehbar sein. 6. Kommunale Umsetzung Die Kommunen sollen die individuellen Sanierungsfahrpläne durch eigene Masterpläne für die Gebäudesanierung und Wärme versorgung von Quartieren und Kommunen begleiten. Das sollte zur Pfl ichtaufgabe der Kommunen nach dem Vorbild Baden-Württembergs werden und durch den Bund weitgehend fi nanziert werden.
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 23 Energiewende 7. Umsetzung unterstützen und organisieren Neben den Kosten der Sanierung gibt es auch viele nicht-ökonomische Hemmnisse. Der Bund sollte eine ganzheitliche Sanierungssteuerung durch One-Stop-Shops in allen Kommunen sowie Quartiersmanagerinnen und -manager fördern. 8. Einhaltung von Pfl ichten verbessern Eine bessere Vollzugsüberwachung der energetischen Vorgaben am Bau/ bei Renovierung durch staatliche Stellen ist notwendig. 9. Förderung von Innovationen in der Bauwirtschaft Die Bündelung von Projekten und eine Sanie rung mit industrieller Vorfertigung von Bauelementen wie es sie in den Niederlanden gibt (Energiesprong) könnte Sanierungen schneller und billiger machen. Der Bund sollte entsprechende Vorhaben fördern. 10. Qualifi zierungs-, Digitalisierungs- und Kommunikationsoff ensiven Nur mit deutlich mehr und besser geschultem Handwerkspersonal können alle Gebäude klimaneutral werden. 11. Unterstützung beim Ausbau von Produktionskapazitäten für effi ziente, klimaverträgliche Heizungstechnologien 12. Sanierung erlebbar machen Pilot- und Demonstrationsprojekte sind als Vorbilder nötig. Der Erfahrungsaustausch unter Haus- und Gebäudeeigentümerinnen und -eigentümern sollte entsprechend intensiviert werden. 13. Neubauten klimaneutral machen Als Mindeststandard für Neubauten sollte im Gebäudeenergiegesetz ein KfW 40+ oder Passivhausstandard festgelegt werden.
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 24 Ressourcenwende Ressourcenwende – vom One-Way-Konsum zur ökologischen Kreislaufwirtschaft Ressourcenwende zur ökologischen Kreislaufwirtschaft Ressourcenwende vom One-Way-Konsum zur ökologischen Kreislaufwirtschaft vom One-Way-Konsum Für den Übergang von der Einwegzur ressourcenleichten und klimaneutralen zirkulären Materialwirtschaft muss die kommende Bundesregierung klare Nachhaltigkeits-Standards setzen und für eine erfolgreiche Umsetzung das Wissen aus Politik, Wissenschaft und Praxis entlang der Wertschöpfungskette an einem Tisch vereinen. ––––––––
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 31 Agrar- und Ernährungswirtschaft: Politische Agenda 2021 bis 2025 Agrar- und Ernährungswirtschaft: Politische Agenda 2021 bis 2025 Agrar- und Ernährungswirtschaft: Ernährungswende Hebelwirkung des Mahlzeitenkonsums außer Haus Schon kleine Änderungen in der Außer-Haus-Versorgung potenzieren sich durch große Absatzmengen. Staatliche Anreize lassen sich hier gut konzentrieren. Zum Beispiel: Subventionen für Menüpläne mit vielen vegetarischen oder veganen Gerichten oder eine geringere Mehrwertsteuer für fl eischlose Zutaten. Vernetzung der Außer-Haus-Verpfl egung fördern Mensen in Schulen, Kitas, Seniorenheimen sowie Krankenhäusern und ihre Kundschaft müssen besser gehört werden. Eine bessere Vernetzung der Betriebe und eine gemeinsame Lobby stärkt die Anbieter von AHV. Biolandbau und Biodiversität fördern Bisher ist Agrarförderung meist an die Betriebsfl äche gekoppelt. Das fördert vor allem große, konventionelle Unternehmen. Stattdessen sollten Landwirtinnen und Landwirte unterstützt werden, die ressourcenschonend produzieren und Biodiversität erhalten. Das schaff t auch für Großbetriebe nötige wirtschaftliche Anreize. Ernährungsbildung von der Grundschule bis zur Ausbildung Ernährungsbildung und Hauswirtschaftslehre ab der Grundschule bringen mündige Konsumentinnen und Konsumenten hervor. In der Aus- und Weiterbildung von Küche und Hauswirtschaft gehört der kreative Umgang mit fl eischarmer Ernährung in die Lehrpläne . Soziale Innovationen auf tatsächliche Nachhaltigkeit untersuchen Soziale und wirtschaftliche Innovationen wie solidarische Landwirtschaft, Urban Gardening und Foodsharing oder auch Kochboxen müssen wissenschaftlich beleuchtet werden, zum Beispiel im Hinblick auf Rebound-Eff ekte. Dort, wo tatsächlich nachhaltige Praktiken entstehen, können diese politisch unterstützt und gefördert werden. 3. 4. 5. 1. 2.
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 32 Die Zukunft der Ernährung Die Zukunft der Ernährung Die Zukunft Ernährungswende Ohne eine Veränderung der Konsummuster und mehr ökologische Landwirtschaft ist die Ernährungswende nicht zu erreichen – selbst wenn alle technischen Innovationen ausgeschöpft würden. Doch das Thema erfordert sensibles Vorgehen: Denn unsere Ernährungsgewohnheiten sind kulturell tief verankert und uns auch emotional sehr wichtig. Produktion: Ressourcenschonung, Kreisläufe und Biodiversität im Fokus behalten Obwohl die Vorteile in Hinsicht auf Biodiversitätsförderung und Kreislaufwirtschaft von kleineren landwirtschaftlichen Betrieben und Bio-Bauernhöfen unbestritten sind, werden durch die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU eher Großbetriebe gefördert. Insbesondere die Kopplung der Subventionen an die Betriebsfl äche benachteiligt kleine und oft ökologischere Landwirtschaft. Und das, obwohl Verbraucherinnen und Verbraucher diese ausdrücklich wünschen. Es fehlen wirtschaftliche Anreize für den Erhalt der Biodiversität und den Abbau von Tierbeständen: Dabei wird in Deutschland beispielsweise deutlich mehr Schweinefl eisch produziert als für die Selbstversorgung nötig wäre. Agrarsubventionen können erwünschte Bewirtschaftung fördern, wenn sie an Kriterien gekoppelt werden. Eigentlich sollte schon 2020 die Gemeinsame Agrarpolitik der EU überarbeitet werden. Aufgrund der Corona- Pandemie wurde das nun um weitere zwei Jahre verschoben. Diese Zeit sollte die kommende Bundesregierung nutzen, um die richtigen Maßstäbe zu setzen. Konsum: sparsam mit Verboten, stark mit Förderung Ernährungsgewohnheiten sind oft Gegenstand für intensive Debatten. Sie schaff en Emotionen und bergen nicht selten auch die
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 33 Ernährungswende Gefahr von Abgrenzungen. Vegane Ernährung oder „Clean Eating“ zählen zu den wachsenden Trends. Gleichzeitig boomen Fast-Food- und Convenience-Industrie. Aufgrund dieser unterschiedlichen Trends ist es wichtig, die Hintergründe unserer Lebens- und Ernährungsgewohnheiten zu ergründen. Denn in diesem Bereich bieten sich viele Chancen für Veränderung. Anders als in vielen Feldern ist hier die Handlungsautonomie von uns allen hoch: Bei jedem Einkauf können kleine, nachhaltige Entscheidungen getroff en werden – mit insgesamt großer Wirkung. So gilt etwa die Reduzierung von Fleisch und Milchprodukten als einer der besonders wichtigen Beiträge zum Umwelt- und Klimaschutz und hat gleichzeitig Auswirkungen auf das Tierwohl und Landwirtinnen und Landwirten. Der Großteil der Konsumentscheidungen beruht auf etablierten Routinen, die sich oft gegenseitig bedingen. Auch Milieu, Zeit und sozioökonomische Zusammenhänge beeinfl ussen sie. In diesem Ernährungsumfeld sind nachhaltige Entscheidungen herausfordernd für Konsumentinnen und Konsumenten. Haushalte müssen ermächtigt werden nachhaltigen Konsum umzusetzen und bedürfen dabei mehr Unterstützung durch die Politik. Die Bereitstellung transparenter Informationen, digitale Entscheidungshilfen sowie die Adressierung von nachhaltiger Ernährungsbildung sowie Hauswirtschaftslehre sollte schon ab der Grundschule in Lehrplänen verankert sein. Soziale Innovationen fördern Verbraucherinnen und Verbraucher benötigen Entscheidungshilfen, die Handlungsempfehlungen mit großer Hebelwirkung und dabei ökologische Leitplanken berücksichtigen. Soziale Praktiken und Innova tionen rund um die Ernährung sollten be son ders auf Rebound-Eff ekte untersucht werden, bevor sie uneingeschränkt empfohlen werden. Andererseits müssen auch die Ernährungsumgebungen umgestaltet werden, um nachhaltige Kaufentscheidungen aktiv zu fördern.
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 34 Ernährungswende Eine große Chance bieten Prosumer-orientierte Initiativen wie solidarische Landwirtschaft und Foodsharing, um die Ernährungssicherheit und die Kompetenz im Umgang mit Lebensmitteln zu stärken. Trotzdem sollten diese Lösungen systemisch betrachtet werden: Weite Autofahrten zum Foodsharing machen die Nachhaltigkeitsgewinne zunichte. Außer-Haus-Verpfl egung als Hebel Immer mehr Menschen essen außer Haus. Seit Jahren steigt die Prozentzahl derer, die sich insbesondere das Mittagessen in Restaurants, Imbissen und Mensen kaufen. Daraus ergibt sich eine enorme Hebelwirkung: Besonders in der Verpfl egung AHV in Schulen, Kitas, Pfl ege- und Krankenhäusern haben schon leichte Anpassungen in der Rezeptur großen Einfl uss. So lassen sich in vielen Gerichten problemlos und ohne Widerstände der Gäste Fleischanteile durch Gemüse ersetzen. Beliebte Ausgabepositionen in den Großküchen unterstützen die Entscheidung für vegetarische oder vegane Gerichte. Durch die hohen Absatzzahlen lassen sich bedeutende CO 2 -Einsparungen erzielen. Die Bundesregierung kann neben fi nanziellen Anreizen – etwa durch Steuervergünstigungen für pfl anzliche Produkte – auch die Ausbildung der Köchinnen und Köche und ihre Hebelwirkung nutzen. Ein stärkerer Fokus auf günstige, leckere und gesunde, vegetarische Alternativen in der Ausbildung hat langfristig große Eff ekte auf den Fleischverbrauch unserer Gesellschaft.
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 35 Urbane Wende Urbane Wende – Sammelbecken der Transformation Urbane Wende – Sammelbecken der Transformation Urbane Wende – Städte und Gemeinden sind die Orte, an denen mehrere ‚Wenden‘ aufeinandertreff en: Hier fi ndet in Gebäuden, Mobilität und Infrastruktur der Umbau zu mehr Nachhaltigkeit statt. Dabei zeigen sich in der Stadt auch am schnellsten ‚Nebenwirkungen‘ – im sozialen wie im wirtschaftlichen Bereich. Ob diese Eff ekte positiv sind oder neue Konfl ikte schaff en, ist eine Frage der richtigen Weichenstellung. ––––––––
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 36 Städte und Gemeinden – Politische Agenda 2021 bis 2025 Städte und Gemeinden – Politische Agenda 2021 bis 2025 Städte und Gemeinden – Öff entlichen Verkehr und Radwege ausbauen – auch in Kleinstädten! Ein fl ächendeckendes ÖPNV-Netz mit enger Taktung muss besonders auch kleinen Gemeinden ermöglicht werden. Auch der Ausbau von Fuß- und Radwegen sollte vom Bund unterstützt und gefördert werden (siehe auch Verkehrswende). Grünfl ächen statt Versiegelung Grün- und Freifl ächen schützen vor Überschwemmungen bei Starkregen, kühlen Hitzeinseln und halten Regenwasser zurück. Auch Fassaden- und Dachbegrünungen verbessern das urbane Klima. Aufl agen im Neubau und in ausgeschriebener Stadtarchitektur müssen diesen Faktor mehr berücksichtigen. Mehrfachnutzungen in der Innenstadt erleichtern Eine verbesserte und mehrfache Nutzung von Gebäuden und bereits versiegelter Flächen in den Innenstädten für zusätzliche Zwecke kann durch die Klärung (z.B. versicherungs)rechtlicher Hürden erleichtert werden. Post-Corona-Förderungen für Kommunen und Unternehmen können an entsprechende Bedingungen geknüpft werden. Das verhindert unnötigen Leerstand und Neubau. Durch Reallabore Experimente in der Verwaltung erleichtern Nachhaltige Querschnittsthemen können besser gelöst werden, wenn Verwaltung, Zivilgesellschaft und Unternehmen zusammenarbeiten. Hier können Reallabore und gesetzliche Sonderregeln helfen. In solchen Experimentierräumen können Kommunen neue Lösungswege fi nden. Bestandsoptimierung vor Neubau Eine Kombination aus Flächenmoratorium und schärferem Gebäudeenergiegesetz (das auch die Baustoff e einbezieht) muss den Gebäudebestand in den Fokus rücken. Neben einer beschleunigten energetischen Sanierung sollte die Bundesregierung zu Umbau und Umnutzung beraten und fördern (siehe auch Energiewende). Urbane Wende 3. 4. 5. 1. 2.
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 37 Lebendige Städte sichern Nachhaltigkeit Lebendige Städte sichern Nachhaltigkeit Lebendige Städte Die „Urbane Wende“ adressiert aufgrund der Vielschichtigkeit von Städten gleich mehrere Transformationsherausforderungen. Die hohe Bebauungsdichte macht Städte besonders vulnerabel für den Klimawandel. Mobilität, Bauwirtschaft, Infrastruktur, Energieverbrauch, Abfallwirtschaft oder Grünfl ächen – in Städten und Gemeinden wird über unsere nachhaltige Zukunft entschieden. Zugleich muss hier auf viele soziale Aspekte Rücksicht genommen werden, etwa auf die Bezahlbarkeit von Wohnraum bei energetischer Sanierung. Gleichzeitig bietet eine umfangreiche Urbane Wende auch in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht viele Chancen: Eine Stadt der kurzen Wege voller Stadtgrün ist lebenswerter für alle. Anpassung an den Klimawandel durch Grünfl ächen Die Corona-Pandemie hat den Mangel von ausreichend Grün- und Freifl ächen verdeutlicht. Sie steigern die allgemeine Gesundheit und verbessern die Qualität des Wohnumfelds. Neben dem sozialen Nutzen sind sie auch wichtig für die Klimawandelanpassung. Das ist besonders im urbanen Raum relevant: Städte und Gemeinden sind in mehrfacher Hinsicht anfällig für die Folgen des Klimawandels. Starkregen belastet die Kanalisation, Urbane Wende
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 38 Sturmschäden verstärken sich durch die dichte Bebauung. Und die Versiegelung sorgt im Sommer für sogenannte Hitzeinseln, die besonders für ältere und gesundheitlich vorbelastete Menschen gefährlich werden können. Mit geeigneten Maßnahmen gilt es hier gegenzusteuern und die urbane Resilienz zu stärken. Das betriff t den Umgang mit akuten Katastrophenfällen und die Aufrechterhaltung relevanter Infrastruktur ebenso wie das Alltagsleben. Dachbegrünung, Entsiegelungen und Überfl utungsgebiete können hier wichtige Beiträge leisten. Die Berücksichtigung von Anpassungsaspekten ist in der Regel Teil der kommunalen Planung, die Umsetzung ist aber zumeist nur eingeschränkt möglich. Die kommende Bundesregierung kann durch gezielte Förderprogramme hier unterstützen. Einfl uss nehmen kann sie auch durch Anforderungen zur Minderung des Flächenverbrauchs, wie etwa der Kopplung der Ausweisung von Neubaugebieten an die regionale Bevölkerungsentwicklung. Neubau regulieren, Sanierung verpfl ichtend machen Selbst in schrumpfenden Kommunen wird neu gebaut und unnötig Fläche verbraucht. Neubau versiegelt nicht nur in drastischem Ausmaß Flächen in Deutschland, die für Biodiversität, lokales Klima und Naturschutz Urbane Wende relevant sind. Neubauten sind auch immer mit einem erheblichen Ressourcenbedarf verbunden. Ziel muss es deshalb sein, vorrangig die Potenziale im Bestand zu nutzen. Hier kommen zum Beispiel die Vermeidung von Leerstand, die bessere Nutzung innerstädtischer Brachen und die Um- und Mehrfachnutzunge n von Gebäuden, Flächen und monofunktionalen Gebieten in Frage. Nach Büro- oder Ladenschluss stehen viele Gebäude für einen erheblichen Teil des Tages leer, diese Flächen können sinnvoll genutzt werden. Beispielsweise können Malls nach Ladenschluss Ver-
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 39 Urbane Wende sammlungsräume für Kultur und Vereine bieten. Doppel- und Zwischennutzungen machen nicht nur die Innenstadt lebendiger, sie verhindern auch Versiegelung und Neubau. Nebenbei entsteht so eine Stadt der kurzen Wege. Die Bundes regierung muss solche Mehrfachnutzungen ermöglichen, fördern und fordern (mehr zum Thema Bau und Sanierung siehe Energiewende ). Experimentierklauseln und Reallabore Viele Entscheidungen der Urbanen Wende werden in der Kommunalverwaltung getroff en. Besonders Querschnittsthemen wie Klimaschutz, Anpassung oder Digitalisierung haben es in den dortigen Strukturen mit abgegrenzten Zuständigkeiten schwer. Innovationen mit Vorbildcharakter gehen häufi g von einzelnen Städten aus und fi nden andernorts Nachahmer. Diese Multiplikationseff ekte gilt es gezielt zu fördern. So entstehen wichtige Im pulse, um vor Ort komplexe Probleme unter Einbeziehung von Wirtschaft, NGOs und Gesellschaft zu lösen. Zeitlich und räumlich begrenzte Reallabore können diese transdiszplinäre Zusammenarbeit fördern, indem sie rechtliche Freiräume ermöglichen. Reallabore erlauben es, das Zusammenspiel aller Dimensionen in einem konkreten urbanen Anwendungskontext besser zu verstehen. In diesem Zusammenhang lässt sich auch erproben, welchen Beitrag Digitalisierungsstrategien leisten können. Die Bundesregierung muss solche Experimentierklauseln und Reallabore besonders städtischen Verwaltungen leichter machen. Und eine realistische Aussicht auf Erfolg geben Reallabore, die ihre Ziele erreichen, die Möglichkeit einer Verstetigung haben.
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 40 Verkehrswende– Stillstand aufl ösen, Fahrt für Klimaschutz aufnehmen Verkehrswende– Stillstand aufl ösen, Fahrt für Klimaschutz aufnehmen Verkehrswende– Stillstand aufl ösen, Verkehrswende Solange Verkehrspolitik von wachsendem Personen- und Güterverkehr ausgeht, werden die Emissionen von Treibhausgasen nicht sinken. Für eine ökologische und dabei sozial gerechte Verkehrswende müssen die Wege kürzer werden und Alternativen zum Auto besser verfügbar und attraktiver. Auch die Technik muss nachhaltiger und effi zienter und der Zugang zu Mobilität gerechter werden. Dafür gibt es schon heute hervorragende Beispiele und Konzepte. Die kommende Bundesregierung muss die Grundlagen schaff en, damit diese Ausnahmen zum Standard werden. ––––––––
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 47 Industriepolitik: Politische Agenda 2021 bis 2025 Industriepolitik: Politische Agenda 2021 bis 2025 Industriepolitik: Schlüsseltechnologien für die Transformation fördern Industrielle Klimaschutztechnologien brauchen im globalen Wettbewerb Startförderungen. Klimaschutzverträge (Carbon Contracts for Diff erence) können die nachhaltige Grundstoff herstellung bei Stahl, Zement und chemischer Industrie möglich machen. Praxisnahe Forschung, Entwicklung und Demonstration muss die Etablierung neuer Technologien und regulatorischer Ansätze beschleunigen. Grünen Strom und Wasserstoff zugänglich machen Eine klimaneutrale Grundstoffi ndustrie braucht viel erneuerbare Energie. Dafür müssen Ökostrom und Power-to-X ausgebaut und Umlagen- und Abgabensysteme angepasst werden (siehe auch Energiewende). Damit Ökostrom und Wasserstoff konkurrenzfähig bei den industriellen Zentren ankommen, muss die Politik den Ausbau von Fernleitungstrassen und Pipelines und den Aufbau von internationalen Märkten für nachhaltigen Wasserstoff unterstützen. Ressourcenleichtes und recyclingfähiges Design stimulieren Neben der Prozessgestaltung kommt es auf die Produktgestaltung an, ressourcenleichtes und recyclingfähiges Design müssen sich für die Akteure lohnen und neue Geschäftsfelder entlang der Wertschöpfungsketten aufgebaut werden (siehe auch Ressourcenwende). Konsumabgaben auf Primärmaterial und energieintensive Stoff e können Effi zienz und Recycling attraktiver machen und die Kreislaufwirtschaft fördern. Europäischen CO2-Handel weiterentwickeln Ein CO2-Mindestpreis im europäischen Emissionshandel sorgt für langfristige Investitionssicherheit. Ein Grenzausgleichsmechanismus sollte gemeinsam mit internationalen Partnern gestaltet werden. Zusammen mit anderen Instrumenten muss er die weltweite Konkurrenzfähigkeit der europäischen Industrie erhalten – und gleichzeitig unerwünschte Nebenwirkungen im globalen Handel vermeiden. Langfristig Märkte für klimaneutrale Industrieprodukte gestalten Nachhaltige (aber gegebenenfalls teurere) Grundstoff e brauchen einen Markt. Bonus-Systeme, Quoten und entsprechende Standards für die Weiterverarbeitung – zum Beispiel in der Autoindustrie – können grünen Grundstoff en einen Marktvorteil verschaff en. Auch Kriterien bei der öff entlichen Auftragsvergabe sorgen für eine schnellere Skalierung und Marktfähigkeit. 3. 4. 5. 1. 2. Industriewende
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 48 Von Rohstoff bis Recycling: Industriewende Von Rohstoff bis Recycling: Industriewende Von Rohstoff bis Für eine Klimaneutralität bis 2045 muss besonders in der Grundstoffi ndustrie ein radikaler und schneller Wandel stattfi nden: Fossile Energieträger müssen durch erneuerbare ersetzt und prozessbedingte Emissionen durch neue Technologien vermieden werden. Zusätzlich sollten die Wertschöpfungsketten von Anfang bis Ende betrachtet werden – und eine Anpassung vom Rohstoff einsatz bis zum Recycling stattfi nden. Die energieintensive Grundstoffi ndustrie spielt eine besonders wichtige Rolle für den Klimaschutz. Auf die Produktion von Grundstoff en wie Stahl, Zement, chemischen Grundstoff en, Glas und Papier entfallen rund 20 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Diese Stoff e können durch Schließen der Wirtschaftskreisläufe in vielen Fällen reduziert oder durch nachhaltigere Alternativen ersetzt werden. Doch auch eine treibhausgasneutrale Zukunft kommt nicht ganz ohne diese Grundstoff e aus. Global steigt der Bedarf sogar noch deutlich. Grundstoffi ndustrie im Wandel unterstützen In der Grundstoffi ndustrie werden in den kommenden Jahren viele Investitionen in neuartige Produktionstechnologien fällig. Wenn die Bundesregierung dies unterstützt, die benötigten Infrastrukturen für grüne Energie schnell aufbaut und neue Geschäftsmodelle wirtschaftlich tragfähig macht, liegt hier eine große Chance: Aktuelle Investitionen können dann in Technologien gelenkt werden , die auch langfristig mit dem Klimaschutzziel kompatibel sind. Das sichert die Innovationskraft und heimische Arbeitsplätze. Die Kosten für eine solche Transformation der Grundstoffi ndustrie sind gesellschaftlich tragbar – selbst mit einem vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energien. Industriewende
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 49 Industriewende Die Kosten eines Endprodukts (etwa ein Auto aus „grünem Stahl“) steigen mit nachhaltigen Grundstoff en meist nur um 1 oder 2 Prozentpunkte an, obwohl sich die Kosten der klimaneutralen Grundstoff e prozentual sehr deutlich erhöhen. Um heimische Wertschöpfungs ketten nicht zu gefährden und mit der internationalen Konkurrenz auch in der klimaneutralen Produktion mitzuhalten, müssen diese Maßnahmen zügig umgesetzt werden. Die Industrie mit regenerativer Energie versorgen Ein großer Teil der industriellen Emissionen hängt mit dem Energieverbrauch zusammen. Auch mit effi zienterer Nutzung wird der Bedarf der Grundstoffi ndustrien nach Ökostrom und grünem Wasserstoff jedoch steigen. Denn: Schlüsseltechnologien, wie beispielsweise die Direktreduktion von Eisenerz für die Stahlerzeugung, gehen mit zusätzlichem Wasserstoff - und Strombedarf einher. Für die heimische Produktion von grünem Wasserstoff ist ein zusätzlicher Ausbau der erneuerbaren Energien nötig. Die zukünftig benötigten Mengen sind allerdings so groß, dass auch Importe von grünem Wasserstoff eine Rolle spielen werden. Ein sicherer Zugang zu den gerade entstehenden internationalen Märkten sollte von der Regierung unterstützt werden. Mit der Kombination aus Wasserstoff produktion in Deutschland und Importen kann sich die Industrie auf eine sichere Versorgung mit nachhaltiger Energie verlassen. Eine zentrale Aufgabe für die Industriewend e ist auch, die erneuerbare Energie zu den Industriezentren zu transportieren: Hierfür muss die Bundesregierung die nötigen Voraus - setzun gen schaff en und eine Infrastruktur für Energieproduktion und -transport in Abstim mung mit der Industrie schaff en. Dafür sollte von Anfang an branchenübergreifend gedacht und die Bedarfe gebündelt werden.
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 50 Breakthrough-Technologien Erneuerbare Energien Geschlossene Recyclingkreisläufe R e c y c l i n g B e s t a n d S e k u n d ä r - M a t e r i a l V e r a r b e i t u n g N u t z u n g / V e r b r a u c h E n d p r o d u k t Primär-Material Abbau von Rohstoffen Abbau von Rohstoffen Abbau von Rohstoffen Lebensdauerverlängerung & Effizienz des Produktservice Reduzierung der Servicebedarfe Energieeffizienz Materialeffizienz und Design für Wiederverwendbarkeit und Recycling Industriewende Strategische Instrumentenbündel für klimaneutrale Produkte entlang der Wertschöpfungsketten schaff en. Quelle: Wuppertal Institut 2020
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 51 Mehr Effi zienz, weniger Material – in Grundstoff , Verarbeitung und Konsum CO 2 -neutrale Grundstoff e neu zu produzieren ist extrem energieaufwändig. Daher sind geschlossene Stoff kreisläufe und hohe Anteile recycelten Materials nötig. Die Effi zienz, mit der Rohstoff e und Energie genutzt werden, muss in der gesamten Wertschöpfungskette erhöht werden: zum Beispiel, indem die Le bens dauer verlängert oder Produkte wiederverwende t werden. Das senkt die Nachfrage nach Primärmaterialien. Die Bundesregierung kann hier durch entsprechende Abgaben auf knappe Ressourcen oder nicht-recycelte Materialien Impulse setzen. Auch in der weiteren Dematerialisierung von Produktion und Konsum liegen große Potenziale. Die weiterverarbeitende Industrie, die zum Beispiel Autos, Gebäude oder Maschinen herstellt, muss ihr Design an der Ressourceneffi zienz ausrichten. Und die Politik muss nachhaltigen Konsum und entsprechende Geschäftsmodelle fördern. Neue Informationssysteme können für Transparenz von Klima- und Nachhaltigkeitswirkungen – beispielsweise über den digitalen Produktpass – sorgen und entsprechende Anreize geben. Gesellschaftlichen Dialog über Industrie transformation organisieren Industriesystem-Transformation braucht gesellschaftliche Akzeptanz. Transparenz über die notwendigen Veränderungen und ein kontinuierlicher Dialog mit der Zivilgesellschaft – zum Beispiel zu Wasserstoff - infrastrukturen und CO 2 -Transportstrukturen – sind notwendig, um die Industrietransformation mit breiter gesellschaftlicher Unterstützung zu gestalten. Industriewende
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 52 Konsum- und Wohlstandswende– Treiber für eine nachhaltige Wirtschaft Konsum- und Wohlstandswende– Treiber für eine nachhaltige Wirtschaft Konsum- und Wohlstandswende– Wohlstands- und Konsumwende Nachhaltiges Konsumverhalten ist Grundlage für Wohlstand und Gelingen der Industriewende mit Klima- und Res sour censchutz. Die Bundesregierung sollte daher Rahmen bedin - gungen ambitioniert ausbauen, um neue und nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster zu fördern und bereits benannte Maßnahmen zügig umzusetzen. Reallabore und Living Labs helfen dabei, ressourcenleichte Lebensstile zu erproben. ––––––––
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 53 Konsum- und Wohlstand: Politische Agenda 2021 bis 2025 Konsum- und Wohlstand: Politische Agenda 2021 bis 2025 Konsum- und Wohlstand: Nachhaltige Lebensstile ermöglichen und fördern Es fehlt eine zukunftsorientierte Konsum- und Lebensstilpolitik, die nachhaltiges Produzieren und Konsumieren als Gemeinschaftsprojekt fördert. Soziotechnische Innovationen und deren Markteinführung in die zentralen Konsumfelder Mobilität, Ernährung, Wohnen müssen stärker gefördert und mit effi zienter Technologie für eine schnelle Umsetzung im Sinne des Klimaschutzes verbunden werden. Diff erenzierte Datengrundlagen schaff en Um Dynamiken von Konsummustern besser zu verstehen, braucht es eine verlässliche und sichere Datenbasis auf Basis von abgestimmten Indikatorensets und Verbraucherinnen und -Verbraucher-Panels. Sie ermöglichen erst eine notwendige Diff erenzierung unterschiedlicher Lebenslagen und damit die bedarfsgerechte und sozial ausgleichende Gestaltung politischer Maßnahmen. Transparenz ermöglichen Beim Kauf von Produkten oder Dienstleistungen sollten damit verbundene soziale und ökologische Wirkungen erkennbar sein. Dafür sollten Produkt- Informationsplattformen (z. B. Ausbau von www.siegelklarheit.de) mit einfachen und nachvollziehbaren Kennzeichnungen, eine Produkt-Kennzeichnungsstelle und ein digitaler Produktpass eingeführt werden. Die Ökodesign-Richtlinie auf europäischer Ebene sollte ausgebaut werden. In Reallaboren und Living Labs neue Produktions-Konsummuster entwickeln Das Angebot an nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen sollte (weiter)entwickelt werden. Die Gestaltung solcher zukünftiger Produktions- und Konsum systeme benötigt Experimentierräume in Kommunen und Unternehmen. Dies erfordert ein Förderprogramm für eine nutzerorientierte Forschungs- und Innovationsinfrastruktur, die vernetzte Reallaboren oder Living Labs einschließt und Innovationen von der Idee bis in den Markt begleitet. Öff entliche Beschaff ung und nachhaltige Investitionen fördern Investitionsentscheidungen und Beschaff ungsprozesse sollten verstärkt die Nachhaltigkeitskriterien (im Sinne der weiterentwickelten EU-Taxonomie und SDGs) berücksichtigen – auf Bundes-, Länder- und auf kommunaler Ebene. Dadurch werden die Marktentwicklungen für nachhaltige Produkte und Dienstleistungen sowie die Konsum- und Wohlstandswende angeschoben. 3. 4. 5. 1. 2. Wohlstands- und Konsumwende
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 54 Generationengerechte Ansätze für Klimaschutz Generationengerechte Ansätze für Klimaschutz Generationengerechte Ansätze Wohlstands- und Konsumwende Mit dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zu den Regelungen des Klimaschutzgesetzes wurde die Bedeutung der Generationengerechtigkeit in Klimafragen auf höchster richterlicher Ebene hervorgehoben. Die Wahrung grundrechtlich gesicherter Freiheit ist mit unzureichendem Klimaschutz nicht vereinbar. Somit wird die Gestaltung der Konsummuster mit Blick auf Teilhabemöglichkeiten zukünftiger Generationen auch Kernthema der Klimapolitik. Denn die Konsum- und Wohlstandswende ist eng mit der nachhaltigen Gestaltung der Produktions- und Konsumsysteme verbunden. Privathaushalte tragen mit ihrem Konsum und der vorgelagerten Produktion in hohem Maße zu den globalen Umweltauswirkungen bei. Etwa 65 Prozent des globalen Carbon Footprints und 48 Prozent des globalen Rohstoff verbrauchs gehen auf sie zurück. Die Klima- und Ressourcenziele lassen sich nur über eine Umgestaltung der Produktions- und Konsumsysteme erreichen. Für die Wohlstands- und Konsumwende spielen unsere ausdiff erenzierten und sich wandelnden Lebensstile eine bedeutende Rolle. Durch veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen entstehen Ansatzpunkte für soziale Innovationen, die gestützt durch entsprechende technologische Innova-
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 55 Wohlstands- und Konsumwende Individuelle Transformation Transformative Produkte/ Dienstleistungen Neue Geschäftsmodelle Transformative Politik Reallabore und Living Labs Natürliche Ressourcen Industrielle Wende Ressourcenleichte Lebenstile Konsum- und Wohlstandswende Entwicklung und Erprobung von Nachhaltigkeitsinnovationen in Unternehmen und Quartieren tionen Wirkung erzielen können. Zum Beispiel organisieren Bioenergiedörfer ihre erneuerbare Energieversorgung dezentral und genossenschaftlich oder Menschen teilen und tauschen in Konsumgemeinschaften Produkte oder produzieren diese selbst. Ein diff erenziertes Verständnis der Konsumentscheidungen und Wohlstandsentwicklung in verschiedenen Lebensstilen ist eine zentrale Voraussetzung, damit Klima- und Ressourcenschutz sozial gerecht gelingen kann. Die Nachhaltigkeitswende braucht das Mitwirken und Mitgestalten der beteiligten Akteurinnen und Akteure – die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie (DNS) spricht hier von einem „Gemeinschaftswerk“. Nachhaltige Entwicklung durch die gekoppelte Industrie- und Wohlstandswende gestalten). Quelle: Wuppertal Institut
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 56 Wohlstands- und Konsumwende Bislang zeigen Analysen zum Konsum, dass in den Bereichen Wohnen, Ernährung und Verkehr der größte Ressourcenverbrauch in Deutschland besteht. Gerade dort hat sich jedoch über die vergangenen Jahre nur wenig verändert. Die politischen Maßnahmen im Bereich des Nachhaltigen Produzierens und Konsumierens haben also noch nicht ausreichend gegriff en bzw. müssen neu justiert werden. Denn die Ziele sind ambitioniert und wir sind noch weit von der ressourcenleichten Gesellschaft und dem 1,5-Grad-Klimaziel entfernt. Ein Beschluss des Staatssekretärausschusses für nachhaltige Entwicklung im Mai 2021 fokussiert Maßnahmen für nachhaltigen Konsum als zentralen Faktor und Treiber für Nachhaltigkeit und Klimawende. Dabei müssen wir den Zusammenhang zwischen Produktions- und Konsummustern und damit verbundenen ökologischen und sozialen Belastungen beachten und besser verstehen. Dafür ist die umfassende wissenschaftli che Diff erenzierung sozial-ökologischer Lagen, ein Set von messbaren Indikatoren zur Überprüfung der Fortschritte des Programms Nachhaltiger Konsum und ein Verbraucherpanel notwendig. Ziel ist auch über ein entsprechendes Monitoring die Wirkmechanismen zwischen unterschiedlichen Nachhaltig keitszielen und den darauf bezogenen politischen Maßnahmen zu erfassen. Dabei sollten diese Daten den Menschen gehören. Bei der Ge staltung des Wandels sind sehr sorgfältig mögliche Freiheitseinschränkungen und Wohlstandsrisiken im Blick zu behalten.
Wuppertal Institut | Zukunftsimpuls – Zeit für den Kurswechsel Überblick | 63 Literaturverzeichnis Gibis, C., Kosmol, J., Matthey, A., Schubert, T., Wehnemann, K., & Neßhöver, C. (2020). Nachhaltige Wege aus der Wirtschaftskrise. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/fi les/ medien/1410/publikationen/06-2020_poshi_ nachhaltigewege-wirtschaftskrise_online_bf.pdf Ivanova, D., Vita, G., Steen-Olsen, K., Stadler, K., Melo, P., Wood, R., & Hertwich, E. (2017). Mapping the carbon footprint of EU regions. Environmental Research Letters, 12, 054013. https://doi.org/10.1088/1748-9326/aa6da9 Kahlenborn, W., Keppner, B., Uhle, C., Richter, S. & Jetzke, T. (2018). Konsum 4.0: Wie Digitalisierung den Konsum verändert. Umweltbundesamt. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/fi les/ medien/1410/publikationen/fachbroschuere_konsum_4.0_ barrierefrei_190322.pdf Liedtke, C., Micklitz, H., Specht-Riemenschneider, L., Kenning, P., Dehmel, S., Scharioth, S., Grimm, V., & Baur, N. (2020). Nachhaltigen Konsum und nachhaltige Produktion ermöglichen. https://www.svr-verbraucherfragen.de/wp-content/ uploads/Policy_Brief_Nachhaltiger_Konsum.pdf Polanía Giese, J. C., Keppner, B., Llerandi, B., & Christa, C. (2019). Impacts of the digital transformation on consumption and their implications for implementing the German Development Strategy in, with and by Germany. Adelphi. https://www.adelphi.de/de/system/fi les/mediathek/ bilder/20191203_WPN2030_Digitalisierungsstudie%20 Template%20AG_0.pdf Rat für Nachhaltige Entwicklung. (2020). Nachhaltige Lieferketten. https://www.nachhaltigkeitsrat.de/wp-content/ uploads/2020/05/20200513_RNE-Stellungnahme_ Nachhaltige_Lieferketten.pdf Ressourcenkommission am Umweltbundesamt. (2017). Produktkennzeichnungsstelle zur Förderung der Ressourceneffi zienz und Kreislauff ähigkeit von Produkten. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/fi les/ medien/1968/publikationen/kru_ produktkennzeichnungsstelle.pdf Schneidewind, U., Baedeker, C., Bierwirth, A., Caplan, A., & Haake, H. (2020). „Näher“ – „Öff entlicher“ – „Agiler“: Eckpfeiler einer resilienten „Post-Corona-Stadt“. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:wup4-opus-76613 Staatssekretärsausschuss für nachhaltige Entwicklung. (2021). Nationales Programm für Nachhaltigen Konsum: Beschluss vom 3. Mai 2021. Teubler, J., Buhl, J., Lettenmeier, M., Greiff , K., & Liedtke, C. (2018). A Household’s Burden: the Embodied Resource use of household equipment in Germany. Ecological Economics, 146, 96-105. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:wup4-opus-68451
Herausgeber Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH Döppersberg 19 42103 Wuppertal · Deutschland Tel.: +49 202 2492 -0 · Fax: -108 [email protected] Büro Berlin im ProjektZentrum Berlin der Stiftung Mercator Neue Promenade 6 10178 Berlin · Deutschland Tel.: +49 30 28 87 458 -10 · Fax: -40 buero.ber[email protected] wupperinst.org Sie fi nden uns auch hier: Informiert bleiben! Newsletter abonnieren wupperinst.org/newsletter Podcast hören zukunftswissen.fm Bitte die Publikation folgendermaßen zitieren: Wuppertal Institut. (2021). Zeit für den Kurswechsel: hin zu einer klimagerechten, ressourcenleichten Gesellschaft (Zukunftsimpuls Nr. 17). „Zukunftsimpulse“ liefern in loser Folge Thesen, Diskussionsbeiträge, Einschätzungen, Stellungnahmen und Forschungsergebnisse mit Bezug zu aktuellen politischen Debatten. Bis einschließlich Band 10 ist die Reihe unter dem Titel „Impulse zur Wachstumswende“ erschienen. Wuppertal, Mai 2021 ISSN 2701-3200 Der Text dieser Publikation steht unter der Lizenz „Creative Commons Attribution 4.0 International“ (CC BY 4.0). Der Lizenztext ist abrufbar unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/