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Internationalisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Raumentwicklung: Beispiele aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland

Nienaber, Birte; Roos, Ursula

Abstract

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Full text

Nienaber, Birte (Ed.); Roos, Ursula (Ed.) Research Report Internationalisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Raumentwicklung: Beispiele aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland Arbeitsberichte der ARL, No. 13 Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Nienaber, Birte (Ed.); Roos, Ursula (Ed.) (2015) : Internationalisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Raumentwicklung: Beispiele aus Hessen, Rheinland- Pfalz und dem Saarland, Arbeitsberichte der ARL, No. 13, ISBN 978-3-88838-395-3, Verlag der ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-39532 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/111028 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/ ARBEITSBERICHTE DER ARL 13 Internationalisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Raumentwicklung Beispiele aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland Birte Nienaber, Ursula Roos (Hrsg.) AKADEMIE FÜR RAUMFORSCHUNG UND LANDESPLANUNG LEIBNIZ-FORUM FÜR RAUMWISSENSCHAFTEN ISBN 978-3-88838-395-3 (PDF-Version) ISBN 978-3-88838-396-0 (Print-Version) www.arl-net.de Internationalisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Raumentwicklung 13 ARBEITSBERICHTE DER ARL Internationalisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Raumentwicklung Beispiele aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland Birte Nienaber, Ursula Roos (Hrsg.) Hannover 2015 13 Es wurden überwiegend grammatische Formen gewählt, die weibliche und männliche Personen gleichermaßen einschließen. War dies nicht möglich, wurde zwecks besserer Lesbarkeit und aus Gründen der Vereinfachung nur eine geschlechtsspezifische Form verwendet. Die Beitragsentwürfe der Autorinnen und Autoren wurden in der Arbeitsgruppe „Internationalisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Raumentwicklung“ der Landesarbeitsgemeinschaft Hessen / Rheinland-Pfalz / Saarland mehrfach diskutiert (interne Qualitätskontrolle). Das Manuskript wurde darüber hinaus einer wissenschaftlichen Begutachtung unterzogen (externe Qualitätskontrolle) und nach Berücksichtigung der Gutachterempfehlungen der Geschäftsstelle der ARL zur weiteren Bearbeitung und zur Veröffentlichung übergeben. Die wissenschaftliche Verantwortung für die Beiträge liegt bei den Autorinnen und Autoren. Geschäftsstelle der ARL: WR II „Wirtschaft, Technik, Infrastruktur“ Leitung: Dr. Martina Hülz (hue[email protected]) / Dr. Nora Vogt Arbeitsberichte der ARL 13 ISBN 978-3-88838-395-3 (PDF-Version) ISSN 2193-1283 (PDF-Version) Die PDF-Version ist unter shop.arl-net.de frei verfügbar (Open Access). CC-Lizenz BY-ND 3.0 Deutschland ISBN 978-3-88838-396-0 (Print-Version) ISSN 2193-1542 (Print-Version) Druck: Books on Demand GmbH, 22848 Norderstedt Verlag der ARL – Hannover 2015 Akademie für Raumforschung und Landesplanung Satz und Layout: K. Bornschein, G. Rojahn, O. Rose, S. Wedepohl Zitierempfehlung für die Netzpublikation: Nienaber, Birte; Roos, Ursula (Hrsg.) (2015): Internationalisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Raumentwicklung. Beispiele aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Hannover. = Arbeitsberichte der ARL 13. URN: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-39532 Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL®) Leibniz-Forum für Raumwissenschaften Hohenzollernstraße 11, 30161 Hannover Tel. +49 511 34842-0, Fax +49 511 34842-41 [email protected], www.arl-net.de Inhalt III INHALT Birte Nienaber, Ursula Roos Internationalisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Raumentwicklung – eine Einführung 1 Diedrich Bruns, Olaf Kühne Zur kulturell differenzierten Konstruktion von Räumen und Landschaften als Herausforderungen für die räumliche Planung im Kontext von Globalisierung 18 Julia Anslinger US-Militärangehörige in Rheinland-Pfalz und ihre Bedeutung für Kommunen und die (lokale) Raumentwicklung – dargestellt am Beispiel der Gemeinde Nanzdietschweiler 30 Birte Nienaber, Alexandra Reich Moscheebauten und Minarettstreit in Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland am Beispiel der Selimiye-Moschee in Völklingen 43 Diedrich Bruns, Florian Paech „Interkulturell_real“ in der räumlichen Entwicklung. Beispiele studentischer Arbeiten zur Wertschätzung städtischer Freiräume in Kassel 54 Jan Hilligardt Daten und Analysen zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt und deren engerem Umland 72 Ursula Roos, Chantal Hermes, Birte Nienaber Wohnsituation der atypischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger an der luxemburgischdeutschen Grenze 83 Olaf Kühne, Antje Schönwald Identität, Heimat sowie In- und Exklusion: Aspekte der sozialen Konstruktion von Eigenem und Fremdem als Herausforderung des Migrationszeitalters 100 Bernhard Köppen Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern in Rheinland-Pfalz 111 Martina Hülz, Olaf Kühne Handlungsbedarfe und -empfehlungen an die räumliche Planung vor dem Hintergrund einer zunehmenden Internationalisierung der Gesellschaft 131 Kurzfassung/Abstract 136 Einführung 1 Birte Nienaber, Ursula Roos Internationalisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Raumentwicklung – eine Einführung Gliederung 1 Einleitung 2 Raumplanung und Migration – bisherige Forschungen 3 Räumliche Verteilung von Migrantinnen und Migranten in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland 4 Ausblick auf den Sammelband Literatur Kurzfassung Im Zuge des demographischen Wandels wird die Gesellschaft in den drei Bundesländern Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland zunehmend international. So spielen Personen mit Migrationshintergrund sowohl in den Städten als auch in ländlichen Regionen eine wichtige Rolle. Vor allem in den Großstädten und in deren direktem Umfeld sowie in der Nähe der US-amerikanischen Militärbasen und den deutsch-luxemburgischen Grenzräumen gibt es erhöhte Ausländeranteile. Je nach Region und den prägenden Strukturen können die Migrantinnen und Migranten hinsichtlich ihrer Staatsangehörigkeit in unterschiedliche Gruppen differenziert werden. Entsprechend ergeben sich neben den „klassischen“ Gastarbeiternationen Italien, Türkei, ehemaliges Jugoslawien und Griechenland auch noch Schwerpunkte der US-amerikanischen sowie der luxemburgischen Staatsangehörigen. Trotz der verstärkten Internationalisierung der Gesellschaft wurde aber das Phänomen unterschiedlicher Raumwahrnehmungen, -ansprüche und -aneignungen von Personen mit Migrationshintergrund hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Raumentwicklung bisher kaum untersucht. Der vorliegende Sammelband möchte für dieses Thema sensibilisieren und anhand der Themenbereiche „Migration und Raum“ sowie „Migration und spezifische Räume“ Handlungsempfehlungen für die Raumplanung und -entwicklung ableiten. Schlüsselwörter Migration – Raumentwicklung – Hessen – Rheinland-Pfalz – Saarland Einführung 2 Internationalisation of the society and the impacts on spatial development – an introduction Abstract Due to the demographic change, the society becomes increasingly international in the federal states of Hesse, Rhineland-Palatinate and Saarland. Hence, persons with migration background play an important role in urban as well as rural regions. Especially in larger cities and their surrounding areas as well as close to the US-American military bases or in the German-Luxembourgish border region increased percentage shares of foreigners indicate a concentration of persons with foreign nationalities. Depending on the region and the formative structures migrants can be differentiated into sub-groups according to their nationality. Correspondingly, besides the “classic“ guest worker nationalities of Italy, Turkey, former Yugoslavia and Greece additional focal points of US- American and Luxembourgish citizens exist. Despite an increasing internationalisation of the society, the phenomenon of different spatial perceptions, spatial demands and spatial adoption of persons with migration background has hardly been studied with regard to its spatial development impact. This collective volume raises awareness for the topics of “migration and space“ and “migration and specific spaces“ and provides recommendations for spatial planning and development. Keywords Migration – spatial development – Hesse – Rhineland-Palatinate – Saarland 1 Einleitung „Weniger, älter, bunter“ – so lässt sich die derzeitige Entwicklung des demographischen Wandels hin zu einer schrumpfenden, alternden Gesellschaft beschreiben, in der Migranten eine zunehmende Rolle spielen. Seit einigen Jahren stehen die Themen „Migration“ und „Integration“ im Mittelpunkt vieler Diskussionen. Durch Aussagen wie „Weil Migranten mehr Kinder bekommen, sinkt in Deutschland die durchschnittliche Intelligenz“1 wird das Thema in die öffentliche Debatte gebracht (Ulrich/Topcu 2010). Auch Studien, die herausfinden, dass „jeder dritte Deutsche das Land für überfremdet hält“2, fördern diesen Diskurs. Daneben gibt es noch deutlich „leisere“ Diskurse über positive Assoziationen und Potenziale von Migrantinnen und Migranten, vor allem in Hinblick auf Fachkräftezuwanderung. Doch wie sieht es tatsächlich mit der Integration von Migranten aus? Welche Auswirkungen hat die Migration vor allem auch auf die Raumentwicklung? Bei den Definitionen für Migration, Migrantinnen und Migranten sowie Migrationshintergrund nehmen wir Bezug auf den Arbeitskreis „Räumliche Auswirkungen der internationalen Migration“ der Akademie für Raumforschung und Landesplanung. Migration ist demnach eine längerfristige beziehungsweise dauerhafte Wohnsitzverlagerung (Gans/Glorius 2014: 12). Auf der Grundlage der Definition der Vereinten Nationen (United Nations 1998: 18) wird als zeitliches Kriterium für die Einordnung als längerfristige oder dauerhafte Migration die Zeitspanne von einem Jahr gewählt. Eine weitere entscheidende Rolle bei der Begriffsbestimmung spielt die Verlagerung des Lebensmittelpunktes. Dieser wird im Zuge einer internationalen Migration oder Außenwanderung 1 Thilo Sarrazin in: Zeit Online, 26.8.2010. 2 Friedrich-Ebert-Stiftung in: Saarbrücker Zeitung, 14.10.2010. Einführung 9 land (Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz o. J.). Neben der räumlichen Nähe zu Frankreich und den damit verbundenen Migrationsbewegungen ist dies auf die Stationierung US-amerikanischer und bis zum Jahr 2010 auch französischer Truppen in der Region zurückzuführen. Abb. 1: Übersichtskarte über das LAG-Gebiet Quelle: Eigene Darstellung Einführung 10 Abb. 2: Ausländeranteile auf Gemeindeebene in den Bundesländern Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland (Stichtag 31.12.2008) Quelle: Eigene Erhebung auf Grundlage der Angaben der Einwohnermeldeämter Bei den stationierten Streitkräften handelt es sich rechtlich nicht um „Ausländer“, sie haben und hatten jedoch vor allem wirtschaftliche Bedeutung für verschiedene Regionen des Bundeslandes Rheinland-Pfalz (Kröhnert/van Olst/Klingholz 2005: 68; Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen Rheinland-Pfalz 2007: 57). Mit 126.800 Soldaten im Jahr 1986/1987 war Rheinland-Pfalz das Land mit der höchsten Truppenkonzentration in der alten Bundesrepublik (Staatskanzlei Rheinland-Pfalz 2012a: 73). Nach den politischen Umbrüchen und dem Fall der Mauer Ende 1980er Jahre wurden 81.000 militärische und 24.000 zivile Stellen abgebaut. Während des Kalten Krieges waren beispielsweise noch 3.500 US-amerikanische Soldaten in Pirmasens stationiert, die Anfang der 1990er Jahre abgezogen wurden, sodass die Stadt Pirmasens inklusive der Angehörigen etwa 10.000 Einwohner einbüßte (Kröhnert/van Olst/Klingholz 2005: 68, Einführung 11 70). Noch zu Beginn von 2012 waren 22.600 US-Streitkräfte in Rheinland-Pfalz stationiert, die sich auf elf Standorte verteilten. Die meisten US-amerikanischen Soldaten konzentrieren sich auf die Standorte Ramstein, Spangdahlem und Baumholder. Werden die Familienangehörigen mitberücksichtigt, erhöht sich die Zahl der US-Amerikanerinnen und -Amerikaner auf insgesamt 82.000 Personen (2012) (Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen Rheinland-Pfalz 2007: 57; Staatskanzlei Rheinland-Pfalz 2012b; Nienaber/Roos 2012b). Abb. 3: Ausländeranteile sowie die fünf häufigsten ausländischen Nationalitäten auf Kreisebene in den Bundesländern Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland (Stichtag 31.12.2008) Quelle: Eigene Erhebung auf Grundlage der Angaben der Einwohnermeldeämter Einführung 12 Haben bestimmte Städte wie Pirmasens und Zweibrücken durch den Truppenabzug einerseits wirtschaftliche und erhebliche demographische Verluste hinnehmen müssen, so verzeichnen andererseits vor allem Städte und Gemeinden an der Grenze zu Luxemburg sowohl in Rheinland-Pfalz als auch im Saarland durch das Phänomen der atypischen Grenzgänger seit Mitte der 2000er Jahre starke Bevölkerungszuwächse. So lebten im Landkreis Trier-Saarburg im Jahr 2008 1.815 Personen mit luxemburgischer Staatsangehörigkeit, in Bitburg-Prüm 1.460 Personen und in der kreisfreien Stadt Trier 659 Personen (eigene Datenzusammenstellung auf Grundlage der Gemeindestatistiken). Auch im Saarland profitiert vor allem der Landkreis Merzig-Wadern vom atypischen Grenzgängerwesen, was sich darin widerspiegelt, dass im Jahr 2008 1.639 Personen mit luxemburgischer Staatsangehörigkeit in dem Kreis wohnten (eigene Datenzusammenstellung auf Grundlage der Gemeindestatistiken; Nienaber/Roos 2012b). Auch Grenzgänger aus Frankreich bevorzugen grenznahe deutsche Gemeinden entlang der deutschfranzösischen Grenze. 4 Ausblick auf den Sammelband Die Internationalisierung der Gesellschaft gewinnt im Zuge der Globalisierung sowie des demographischen Wandels zunehmend an Bedeutung. Diese Entwicklung bringt auch Auswirkungen auf die Raumentwicklung mit sich, die jedoch lange Zeit unberücksichtigt blieben. Aus diesem Grund versucht sich der vorliegende Sammelband dem Thema der Internationalisierung der Gesellschaft und den Auswirkungen auf die Raumentwicklung zu nähern. So wird in einem ersten Teil der Themenbereich „Raumkonstruktionen durch Migrantinnen und Migranten” behandelt, der sich auf theoretischer Ebene mit der kulturell differenzierten Konstruktion von Räumen und Landschaften auseinandersetzt. An die theoretische Betrachtung schließt sich der zweite Themenbereich „Migration und spezifische Räume” an, der anhand von unterschiedlichen Fallstudien den Raumanspruch von Migrantinnen und Migranten sowie die Potenziale der Internationalisierung aufzeigt.8 Im Rahmen des ersten Themenbereichs wird der Fokus auf die kulturell differenzierte Konstruktion von Räumen und Landschaften gelegt. Mit den Teilaspekten des demographischen Wandels kommt es im gesellschaftlichen Bereich zu spürbaren Bedarfs- und Werteverschiebungen. Besonders stark sind diese Verschiebungen dort, wo es zu Überlagerungen durch vielfältige kulturelle Modulation kommt. Aus gesellschaftlicher Sicht sind vor allem Verschiebungen solcher Bedarfe/Anforderungen und Werte von Interesse, die Menschen an verschiedene Teile ihrer räumlichen Umgebung knüpfen. So unterliegen Identitätskonstrukte beispielsweise vor dem Hintergrund der Globalisierung einem zunehmenden Erosionsprozess, der auch die Verständnisse von Raum und Landschaft, aber auch deren Aneignung betrifft. Auf diese Weise werden die unterschiedlichen Ebenen der räumlichen Planung mit weiter differenzierten Ansprüchen an Raum und Landschaft konfrontiert, was sie vor große Herausforderungen stellt (vgl. Bruns/Kühne Kap. 2). Der anschließende Themenbereich „Migration und spezifische Räume“ kann wiederum in drei Teile untergliedert werden: Unterschiedlicher Umgang des Anspruchs von Migrantinnen und Migranten an Raum, Wohnsituation von Migrantinnen und Migranten sowie Potenziale der Internationalisierung. 8 Die Raumbegriffe, die im Folgenden verwendet werden, sind aufgrund der unterschiedlichen Fachgebiete und Themen der jeweiligen Autoren teilweise unterschiedlich. Einführung 13 Zunächst wird anhand konkreter Fallbeispiele aus Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Hessen der unterschiedliche Anspruch von Migrantinnen und Migranten an den Raum betrachtet. Beispielhaft soll hierbei der Raumanspruch und die Raumaneignung US- amerikanischer, muslimischer und türkischer Migrantinnen und Migranten diskutiert werden. So stellen in Rheinland-Pfalz die US-amerikanischen Stationierungskräfte sowie deren Angehörige eine zahlenmäßig bedeutende Gruppe dar, die auf viele Regionen in Rheinland-Pfalz einen großen Einfluss hat oder hatte. Daher wird anhand der Gemeinde Nanzdietschweiler der Frage nachgegangen, wie die off-base lebenden US- Amerikanerinnen und -Amerikaner in ihren Wohnort integriert sind, welche Raumbedeutung sie entfalten können und welche Chancen sich daraus für die Kommunalentwicklung ergeben (vgl. Anslinger Kap. 3). Ergänzend wird der Raumanspruch von muslimischen Einwandererinnen und Einwanderern dargestellt, die ihre teilweise unscheinbaren Gebets- und Begegnungsräume durch repräsentative Um-, An- oder Neubauten umgestalten möchten. Durch die stetig steigende Zahl muslimischer Gemeinden erlangt das Thema eine raumplanerische und raumprägende Dimension, die vielerorts die Stadtgesellschaft und das Stadtbild verändern. Dementsprechend widmet sich das Fallbeispiel dem Diskurs um den Minarettbau der Selimiye-Moschee im saarländischen Völklingen- Wehrden (vgl. Nienaber/Reich Kap. 4). Im Zuge der regional und global zunehmenden Migration spielt auch die Betrachtung kultureller Hintergründe in Bezug auf die Wertschätzung öffentlicher Freiräume eine wichtige Rolle. Am Beispiel der Stadt Kassel werden Ergebnisse studentischer Arbeiten hinsichtlich der Möglichkeiten für eine künftig fachübergreifend koordinierte Forschung kulturspezifischer Raumwahrnehmung diskutiert (vgl. Bruns/Paech Kap. 5). Neben dem unterschiedlichen Anspruch der Migrantinnen und Migranten an Raum ist auch ihre Wohnsituation raumprägend und daher für die Raumentwicklung von Relevanz. Daher steht in einem zweiten Teil die Wohnsituation der Migrantinnen und Migranten im Zentrum. In diesem Zusammenhang werden einerseits Ergebnisse einer Untersuchung zu Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der hessischen Wissenschaftsstadt Darmstadt und ihrem engeren Umland dargestellt. Neben einem Überblick über die aktuellen Daten und Analysen zur Wohnsituation im Untersuchungsgebiet werden Ursachen ermittelt sowie daraus ableitbare Chancen und Probleme erörtert (vgl. Hilligardt Kap. 6). Andererseits wird die Wohnsituation atypischer luxemburgischer Grenzgängerinnen und Grenzgänger in Rheinland-Pfalz und im Saarland behandelt, die sich vor allem entlang von günstigen Verkehrsachsen längs der luxemburgischdeutschen Grenze ansiedeln. Das durch den Zuzug ausgelöste Bevölkerungswachstum sowie das hohe Grenzgängeraufkommen stellen die meist ländlichen Gemeinden vor neue Herausforderungen, die diverse Konsequenzen für die Raumplanung mit sich bringen (vgl. Roos/Hermes/Nienaber Kap. 7). Der dritte Teil widmet sich den Potenzialen, die mit der zunehmenden Internationalisierung der Gesellschaft einhergehen können, am Beispiel von Identität, Heimat sowie In- und Exklusion. So wächst gerade im Zuge der Globalisierung die Sehnsucht nach dem Lokalen und damit verbunden dem Gefühl der Heimat und der regionalen Identität. Jedoch implizieren beide Konzepte die Exklusion des Fremden und sind daher vor dem Kontext globaler Migration und kultureller Hybridisierung nicht unreflektiert positiv zu bewerten (vgl. Kühne/Schönwald Kap. 8). Zum anderen werden Identitäten und Selbstzuschreibungen von (Spät-)Aussiedlern in Rheinland-Pfalz thematisiert. Anhand der Untersuchungsergebnisse zeigt sich, dass sich im Laufe der Zeit eine hybride, „russland- Einführung 14 deutsche“ Identität etabliert hat. Jedoch ist unklar, ob sich diese auch zukünftig als ein stabiles Muster der Selbstidentifikation darstellen oder ob es sich auflösen wird (vgl. Köppen Kap. 9). 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Migrations- und Integrationsforschung, Geographie ländlicher Räume, Universität Luxemburg, Walferdange/Luxemburg, Mitglied der AG „Internationalisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Raumentwicklung“ der ARL. Zur kulturell differenzierten Konstruktion von Räumen und Landschaften 18 Diedrich Bruns, Olaf Kühne Zur kulturell differenzierten Konstruktion von Räumen und Landschaften als Herausforderungen für die räumliche Planung im Kontext von Globalisierung Gliederung 1 Gegenstand und Begründung 2 Herausforderungen und Stand der Forschung 3 Anforderungen an eine kultursensible Landschafts- und Raumforschung Literatur Kurzfassung Im Zuge der Globalisierung unterliegen territorial-politisch-kulturell eindeutige Identitätskonstrukte einem zunehmenden Erosionsprozess. Dieser Erosionsprozess des Eindeutigen betrifft auch die Verständnisse von Raum und Landschaft, aber auch deren Aneignung. Dies stellt unterschiedliche Ebenen der räumlichen Planung vor große Herausforderungen: Sie sieht sich mit immer stärker differenzierten Ansprüchen an Raum und Landschaft konfrontiert, denen nicht mit Verweis auf ein Anpassungsgebot an die sogenannte „Mehrheitskultur“ gekontert werden kann. Dies bedeutet letztlich für Planungsverfahren, dass Beteiligungsverfahren, die Diversität stärker berücksichtigen, (weiter)entwickelt werden müssen. Schlüsselwörter Kultur – Landschaft – Raum – Globalisierung – demographischer Wandel – Migration To the culturally differentiated construction of spaces and landscapes as challenges for spatial planning in the context of globalization processes Abstract With continuing globalization distinct territorial-political-cultural identity constructs are subject to increasing erosion processes. Such erosion of distinctness affects the concepts and understanding of space and landscape, and also their appropriation. Thus spatial planning must, at all levels of decision making, meet major challenges: Planners are confronted with increasingly diverse demands on space and landscape. Such challenges cannot be met by simply referring to making adjustments in the way planning responds to the so-called “majority culture”. Hence, planning procedures need to be developed further with regard to inclusiveness of diversity. Keywords Culture – landscape – space – globalization – demographic change – migration Zur kulturell differenzierten Konstruktion von Räumen und Landschaften 25 dene Teil-Populationen auszumachen, um deren Teilhabe an Studien sowie an alltagsweltlichen Entscheidungsprozessen zu gewährleisten (vgl. Sevenant/Antrop 2010a). Wie mehrfach festgestellt, unterliegen gesellschaftliche Raum- und Landschaftskonstruktionen einem kulturellen Interaktionsprozess, der zu Wettbewerb, Verdrängung, aber auch Hybridisierung von Landschaftsbegriffen führt bzw. führen kann. Dabei stellt sich die Frage, ob qualitative Forschungsstrategien der Differenziertheit der gesellschaftlichen Landschafts- und Raumkonstruktionsmustern nicht eher gerecht werden als quantitative. Letztere können mit ihren strikten Kategorisierungen der Differenziertheit des sozialen Forschungsgegenstandes nur in geringem Umfang Rechnung tragen. Zudem sind sie der steten Gefahr ausgesetzt, Stereotypen zu (re)produzieren (ein Beispiel einer qualitativen Forschungsstrategie liefert Lichtenberger 2011, die die soziale Raumkonstruktion von Migranten anhand qualitativer Interviews erforscht hat). Literatur Altman, I.; Low, S. M. (1992): Place Attachment. Plenum, New York. Arends-Tóth, J.; van de Vijver, F. J. R. (2007): Acculturation attitudes: a comparison of measurement methods. In: Journal of Applied Social Psychology 37 (7), 1462-1488. Arends-Tóth, J.; van de Vijver, F. J. R. (2003): Multiculturalism and acculturation: views of Dutch and Turkish-Dutch. 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Derzeit sind verschiedene Projekte methodischer Weiterentwicklung öffentlicher Mitwirkung bei räumlicher Planung sowie Publikationen über Planungs- und Forschungsmethoden in Bearbeitung. Dr. phil. habil. Dr. rer. soc. Olaf Kühne ist Professor für Ländliche Räume/Regionalmangement an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und apl. Professor für Geographie an der Universität des Saarlandes. US-Militärangehörige in Rheinland-Pfalz 30 Julia Anslinger US-Militärangehörige in Rheinland-Pfalz und ihre Bedeutung für Kommunen und die (lokale) Raumentwicklung – dargestellt am Beispiel der Gemeinde Nanzdietschweiler Gliederung 1 US-amerikanische Präsenz in Rheinland-Pfalz und die Rolle der Kommunen 2 Methodik der Untersuchung und Untersuchungsort 2.1 Forschungsleitende Fragestellungen und methodisches Vorgehen 2.2 Der rheinland-pfälzische Untersuchungsort Nanzdietschweiler 2.2.1 Lage und Erreichbarkeit, raumstrukturelle Einordnung 2.2.2 Bevölkerungsstruktur 2.2.3 Nahversorgung, soziale Infrastruktur und Vereinswesen 3 Ergebnisse der Befragung US-amerikanischer Haushalte in Nanzdietschweiler 3.1 Soziodemografische Merkmale der befragten US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner 3.2 Wunsch nach mehr Information und Hilfestellungen 3.3 Wunsch nach stärkerer Integration und Teilnahme am Dorfleben 3.4 Wertschätzung des Wohnorts und regionaler Produkte 4 Bedeutung für die Raumentwicklung – Vielfältige Chancen für Kommunen sowie deutsche und US-amerikanische Bürgerinnen und Bürger 4.1 Soziostrukturelle Wirkungen: Stabilisierung der Bevölkerungsstruktur 4.2 Soziokulturelle Wirkungen: Vielfalt, Integration und gute Nachbarschaft 4.3 Infrastrukturelle Wirkungen: Sicherung der Daseinsvorsorge 4.4 Siedlungsstrukturelle Wirkungen: Leerstandsvermeidung und Stabilisierung des Wohnungsmarktes 4.5 Wirtschaftliche Wirkungen: Langfristig gesicherte Mieteinnahmen sowie Sicherung und Entstehung neuer Betriebe und Dienstleistungen 5 Ausblick Literatur US-Militärangehörige in Rheinland-Pfalz 31 Kurzfassung In Rheinland-Pfalz lebt derzeit die größte US-amerikanische Militärgemeinde außerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Soldatinnen und Soldaten wohnen mit ihren Familien sowohl innerhalb US-amerikanischer Militärliegenschaften als auch außerhalb in rheinland-pfälzischen Städten und Dörfern. Am Beispiel der Gemeinde Nanzdietschweiler wird im Folgenden der Frage nachgegangen, wie die off-base lebenden US- Amerikanerinnen und US-Amerikaner in ihren Wohnort integriert sind, welche Raumbedeutung sie entfalten können und welche Chancen sich daraus für die Kommunalentwicklung ergeben. Die Untersuchung zeigt, dass sich vielfältige Raumwirkungen ergeben und die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Effekte, die mit dem Zuzug von US- Amerikanerinnen und US-Amerikanern in eine Gemeinde verbunden sind, langfristig als kommunales Entwicklungspotenzial genutzt werden können. Insbesondere in ländlichen Gebieten mit einer rückläufigen Bevölkerungszahl können so die Auswirkungen des demographischen Wandels abgefedert und die Daseinsvorsorge gesichert werden. So können z. B. Einrichtungen in der Gemeinde, wie Kindergärten und Schulen, und Angebote zur Nahversorgung langfristig aufrechterhalten bzw. initiiert werden. Auch (potenzielle) Leerstände können reduziert werden. Mietverhältnisse sowie Geschäftsbeziehungen können durch die Gewinnung US-amerikanischer Kundinnen und Kunden langfristig etabliert werden. Diese Chancen sollten durch die betroffenen Kommunen und die dort lebenden Bürgerinnen und Bürger genutzt werden. Schlüsselwörter US-Amerikaner – Rheinland-Pfalz – Raumwirkung – Kommunalentwicklung US Military in Rhineland-Palatinate and their importance for (local) spatial development – portrayed by the example of the community of Nanzdietschweiler Abstract The largest American military community outside the United States of America currently lives in Rhineland-Palatinate. The soldiers live with their families within American military properties as well as outside in towns and villages in Rhineland-Palatinate. Taking the example of Nanzdietschweiler, the author examines how off-base living Americans integrate in their places of residence, the spatial significance they develop, and the opportunities that arise for communal development. The results show that diverse spatial impacts arise. Moreover, the economic and social effects associated with the influx of Americans in a community can be utilised on a long-term basis as communal development potential. In particular in rural areas with a declining population, demographic change can be mitigated and public services maintained. For instance, facilities in the community such as kindergartens and schools can be secured on a long-term basis, and local amenities can be maintained or initiated. Consequently, (potential) vacant housing space can also be reduced. Rental as well as businesses and services relationships could be established on a long-term basis. These opportunities should be exploited by the affected communities and the citizens living there. Keywords US Americans – Rhineland-Palatinate – spatial impact – communal development US-Militärangehörige in Rheinland-Pfalz 32 1 US-amerikanische Präsenz in Rheinland-Pfalz und die Rolle der Kommunen In Rheinland-Pfalz sind derzeit rund 30.000 US-Soldatinnen und US-Soldaten stationiert (STK RLP 2012). Hinzu kommen mehrere Tausend zivile Beschäftigte und Angehörige, sodass insgesamt von rund 60.000 in Rheinland-Pfalz lebenden US-Amerikanerinnen und US-Amerikanern ausgegangen wird. Trotz eines starken Truppenabbaus in den letzten Jahren – über die Hälfte der stationierten US-Soldatinnen und Soldaten wurden innerhalb der letzten 25 Jahre abgezogen – stellen sie insbesondere in der Westpfalz und der südwestlichen Eifel eine nicht zu vernachlässigende Bevölkerungsgruppe dar (STK RLP 2012). Die räumliche Verteilung der Militärstandorte sowie der US-amerikanischen Wohnbevölkerung, die außerhalb militärischer Liegenschaften wohnt, ist in Abbildung 1 dargestellt. Besonders die Städte und Gemeinden in der Nähe von amerikanischen Militärstützpunkten weisen hohe Anteile dort lebender US-Amerikanerinnen und US- Amerikaner auf. „Militärische Einrichtungen entfalten beginnend mit ihrer Gründung, während des Betriebs, bis zur Aufgabe der Nutzung grundlegende Raumbedeutung“ (Weber 2008: 86), und so wirkt sich auch die US-amerikanische Präsenz in Rheinland-Pfalz auf Regionen und Kommunen sowie auf Bürgerinnen und Bürger aus. Eine Internationalisierung der Gemeinden ist im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben deutlich spürbar. Kommunen können für off-base lebende US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner Wohnort sein, sie können als direkter Ansprechpartner vor Ort agieren, Integrationsarbeit leisten und somit die guten deutsch-amerikanischen Beziehungen weiter verbessern. Es stellt sich dabei die Frage, welche konkrete Raumwirkung und -bedeutung der hohe Anteil der US-amerikanischen Wohnbevölkerung entfalten kann und welchen Einfluss er auf die Kommunalentwicklung und -planung nehmen kann. Darüber hinaus ist zu hinterfragen, ob und auf welche Weise die US-amerikanischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in die Dorfgemeinschaft integriert sind. Ziel dieser Untersuchung ist daher die Ermittlung der Integration von US- amerikanischen Soldatinnen und Soldaten und ihren Angehörigen, die außerhalb der amerikanischen Liegenschaften wohnen, sowie die sich daraus ergebenden Raumwirkungen und Chancen der Raumentwicklungen am Beispiel der Ortsgemeinde Nanzdietschweiler. Knapp jeder zehnte Einwohner ist hier US-Amerikaner. Es soll untersucht werden, ob die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Effekte, die mit dem Zuzug von US-Amerikanern verbunden sind, langfristig als kommunales Entwicklungspotenzial genutzt werden können und somit insbesondere in ländlichen Gebieten mit einer rückläufigen Bevölkerungszahl dazu beitragen können, die Auswirkungen des demographischen Wandels abzufedern und die Daseinsvorsorge zu sichern. Zu berücksichtigen ist hierbei, dass sich die Anzahl der in Rheinland-Pfalz stationierten US-amerikanischen Streitkräfte jederzeit ändern kann und im Falle einer möglichen Truppenreduzierung Folgewirkungen für die betroffenen Gemeinden entstehen können. Deshalb sollte dieser Aspekt nur ein Baustein einer zukunftsfähigen gemeindlichen Entwicklung sein. US-Militärangehörige in Rheinland-Pfalz 33 Abb. 1: US-amerikanische Wohnbevölkerung in Rheinland-Pfalz, wohnhaft außerhalb militärischer Liegenschaften Quelle: Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz e. V. 2013a, basierend auf Angaben der United States Forces 2012 US-Militärangehörige in Rheinland-Pfalz 34 Die Ergebnisse basieren auf der Arbeit der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz e. V., Gemeinden bei der Erarbeitung zukunftsfähiger Strategien zu begleiten und dafür ihre individuellen Potenziale für innovative Projekte zu nutzen. Die verschiedenen modellhaft erprobten Ansätze sind jeweils mit einem landesweiten Interesse verbunden. Die Ortsgemeinde Nanzdietschweiler steht wie viele ländliche Gemeinden vor der Herausforderung, auch künftig die Nahversorgung im Ortskern aufrechtzuerhalten. Daher entstand im Jahr 2012 das Vorhaben der Volker Bulitta Unternehmensberatung im Rahmen des Beratungsprojektes „M-Punkt Rheinland-Pfalz“, einen Dorfladen zu eröffnen. Der „M-Punkt Rheinland-Pfalz“ ist eine vom Land (Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie, Ministerium des Innern, für Sport und Infrastruktur, Ministerium für Wirtschaft, Klimaschutz, Energie und Landesplanung) und vom Europäischen Sozialfonds ESF geförderte zentrale Anlaufstelle für Gemeinden zu den Themen Dorfläden, Gemeindezentren und Nahversorgung (Volker Bulitta Unternehmensberatung o. J.). Die vorbereitenden Untersuchungen zeigten, dass bei der Entwicklung des Konzeptes auch die Bedürfnisse der dort wohnenden US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner einbezogen werden sollten. Im Modellprojekt ermittelte daraufhin die Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz e. V. zusammen mit der Volker Bulitta Unternehmensberatung mithilfe der nachfolgend erläuterten Befragung die Interessen und Meinungen der im Ort wohnhaften US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner, um so Erkenntnisse für die Etablierung des geplanten Dorfladens in Nanzdietschweiler und auch zu den Integrationschancen sowie den Bedürfnissen der US-amerikanischen Bewohner zu gewinnen und Potenziale für die Kommunalentwicklung zu eruieren. 2 Methodik der Untersuchung und Untersuchungsort 2.1 Forschungsleitende Fragestellungen und methodisches Vorgehen Die forschungsleitenden Fragen prägten den Verlauf der Untersuchung. Die Ergebnisse bildeten die Grundlage für die weitere Vorgehensweise im Projekt. Folgende Leitfragen standen im Vordergrund:  Wie sind die in Nanzdietschweiler wohnhaften US-Amerikanerinnen und US- Amerikaner in das Gemeindeleben integriert?  Wie ist die lokale Verbundenheit der US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner mit Nanzdietschweiler und welches Interesse haben sie am Ort und an der Dorfgemeinschaft?  Welche Wirkungen auf den Raum sind damit verbunden und wie wirkt sich dies auf die Raumentwicklung aus?  Welche Chancen ergeben sich diesbezüglich für die kommunale Entwicklung, gerade im Hinblick auf den demographischen Wandel und die Sicherung der Daseinsvorsorge? Die Operationalisierung dieser Fragen schlug sich im schriftlichen Fragebogen nieder, indem nach folgenden Inhalten gefragt wurde:  Länge des Aufenthaltes, Auswahl des Wohnortes, Wohnsituation  Interesse an Deutschland, Sprachkenntnisse US-Militärangehörige in Rheinland-Pfalz 41 Allerdings ist ein zu beachtendes Risiko, dass im Falle einer möglichen Truppenreduzierung der US-Streitkräfte erhebliche Folgewirkungen für die betroffenen Gemeinden entstehen können. Durch eine einseitige Ausrichtung könnte dies noch verstärkt werden. Deshalb ist für eine zukunftsfähige Entwicklungsstrategie eine integrative Betrachtung der gesamten Gemeinde und ihrer Struktur wichtig. Literatur Beirat für Raumentwicklung (Hrsg.) (2012): Demographischer Wandel: Migration, Internationalität und Integration. Kaiserslautern. Dorv-Zentrum GmbH (Hrsg.) (2010): Basisuntersuchung Nahversorgung Nanzdietschweiler. Jülich-Barmen. Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz e. V./Volker Bulitta Unternehmensberatung (2012/2013): Projektdokumentation Modellprojekt Nanzdietschweiler, unveröffentlicht. Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz e. V. (2013a): US-amerikanische Wohnbevölkerung in Rheinland-Pfalz, wohnhaft außerhalb militärischer Liegenschaften, basierend auf Angaben der United States Forces 2012, unveröffentlicht. Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz e. V. (2013b): Lage der Ortsgemeinde Nanzdietschweiler in Rheinland-Pfalz, unveröffentlicht. GACO – German-American Community Office/Deutsch-Amerikanisches Bürgerbüro (Hrsg.) (2008): Amerikanisches Wohnungsamt / Housing Office. http://www1.kaiserslautern.de/Anwendung/WebGate/GACO/GACO.nsf/rahmen?OpenFra mSet&Frame=main&Src=%2FAnwendung%2FWebGate%2FGACO%2FGACO.nsf%2F8d3c6a59 b4adb6e6c1256c410037e29a%2F55e3b84f0e05f5f6c1256f3400504ca5%3FOpenDocument%2 6AutoFramed (06.08.2014). Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e. V. (Hrsg.) 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Alltagskulturelle Begegnungen. Trier, 85-101. = Atlantische Texte 29. Autorin Julia Anslinger (*1985), Dipl.-Ing. Raum- und Umweltplanung, arbeitete bei der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz e. V. in den Bereichen Regionalentwicklung, Europa und Wissensmanagement und ist nun am Lehrstuhl Regionalentwicklung und Raumordnung der Technischen Universität Kaiserslautern tätig. Sie ist Mitglied im Jungen Forum der ARL. Moscheebauten und Minarettstreit 43 Birte Nienaber, Alexandra Reich Moscheebauten und Minarettstreit in Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland am Beispiel der Selimiye-Moschee in Völklingen Gliederung 1 Einleitung 2 Raumrelevante Implikationen von Moscheebauten 3 Moscheebauten in Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland 4 Fallbeispiel: Selimiye-Moschee in Völklingen 4.1 Historische Entwicklung der Selimiye-Moschee in Völklingen 4.2 Diskursanalyse des Minarettstreites 5 Ausblick Literatur Kurzfassung Durch die hohe Anzahl muslimischer Einwanderinnen und Einwanderer, vor allem aufgrund der ehemaligen türkischstämmigen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, ist der Islam in Deutschland von immer größerer Bedeutung. Durch Um-, An- oder Neubauten der bisherigen, eher unscheinbaren Gebets- und Begegnungsräume – sogenannte „Hinterhofmoscheen“ – erlangt das Thema eine raumplanerische und raumprägende Dimension. Diese neue Dimension führt vielerorts zu Konflikten: Auf der einen Seite sind die muslimischen Gemeinden, die ihre Moscheen gestalten möchten; auf der anderen Seite Anwohnerinnen und Anwohner, politische Parteien oder Bürgerinitiativen, die dies verhindern möchten, da die repräsentativen Moscheen mit Kuppeln und Minaretten Projektionsflächen für Ängste um eine Vormachtstellung des Islams darstellen. Der Artikel bietet zunächst einen Überblick über Moscheebauten in den drei Bundesländern Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland. Als Fallbeispiel wird dann der Diskurs um den Minarettbau der Selimiye-Moschee im saarländischen Völklingen-Wehrden 2010 anhand einer Medienanalyse untersucht. Schlüsselwörter Moscheebauten – Minarett – Völklingen – kulturelle Raumkonflikte – Migration Moscheebauten und Minarettstreit 44 Mosques and dispute on the minaret in Hesse, Rhineland-Palatinate and Saarland – the example of the Selimiye-Mosque in Völklingen Abstract Due to the high number of Muslim immigrants – especially Turkish guestworkers, the Islam has grown in relevance in Germany. As the former rather unimpressive prayer and meeting rooms – so called back-yard mosques, are rebuilt, installed or newly built, the topic entails a spatial planning and spatial formative dimension. This new dimension causes conflicts in many ways: On the one hand the Muslim community wants to design their mosque. On the other hand residents, political parties or citizens‘ initiatives try to prevent the typically looking mosques with cupola and minaret, which seem to be an object of projection for fears. This paper offers an overview of mosques in the German Länder Hesse, Rheinland-Palatinate and Saarland. A case study on the 2010 debate on the building of a minaret in Völklingen-Wehrden, Saarland, is then surveyed on the basis of a media analysis. Keywords Mosque buildings – minaret – Völklingen – cultural spatial conflicts – migration 1 Einleitung Durch die hohe Anzahl muslimischer Einwanderinnen und Einwanderer, vor allem aufgrund der ehemaligen türkischstämmigen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, ist der Islam in Deutschland von immer größerer Bedeutung. Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff sagte 2010, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Diese Aussage wurde dann 2012 vom amtierenden Bundespräsidenten Joachim Gauck relativiert (Spiegel Online 2012). Durch die stetig wachsenden muslimischen Gemeinden erlangt das Thema eine raumplanerische und raumprägende Dimension, die vielerorts die Stadtgesellschaft und das Stadtbild verändern. „Für die ‚Mehrheitsgesellschaft‘ tritt damit zutage, was statistisch gesehen längst Realität ist: Der Islam ist nach den christlichen Kirchen die drittgrößte Religionsgemeinschaft im Land, deren Mitglieder […] ihre Religion in angemessenen Räumlichkeiten ausüben möchten“ (Beinhauer-Köhler/Leggewie 2009: 34). Durch diese „angemessenen Räumlichkeiten“ kommt es zunehmend zu Konflikten: Auf der einen Seite sind die muslimischen Gemeinden, die ihre bisherigen, eher unscheinbaren Gebets- und Begegnungsräume – sogenannte „Hinterhofmoscheen“ – durch repräsentative Um-, An- oder Neubauten gestalten möchten; auf der anderen Seite Anwohnerinnen und Anwohner, politische Parteien oder Bürgerinitiativen, die dies verhindern möchten. Dabei werden teilweise stellvertretende Konflikte wie Parkplatzprobleme oder Lärmbelästigung durch die Muezzin-Rufe (Beinhauer-Köhler/Leggewie 2009: 122) in den Vordergrund gestellt, da die bisherigen Behelfsmoscheen kaum wahrgenommen oder ignoriert wurden (Şen/Aydın 2002: 102). Mit Sichtbarwerden der Religion scheint sich die Duldung oder Akzeptanz der islamischen Gebetshäuser durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft jedoch zu wandeln. Repräsentative Moscheen mit Kuppeln und Minaretten scheinen Projektionsflächen für Ängste zu sein; in öffentlichen Debatten wird die Religion der Migrantinnen und Migranten, der Islam, häufig als unvereinbar „mit hiesigen Werten und der demokratischen Lebens- und Gesellschaftsform […]“ (Leggewie 2002: 7) gesehen. „Die materielle Sichtbarkeit der Gemeinde ist nur der Ausdruck einer inneren, gewandelten Einstellung zur Einwanderungsgesellschaft. Es ist keinesfalls als Moscheebauten und Minarettstreit 45 Rückzug oder als ein Indiz für einen erstarkenden ‚Fundamentalismus‘ zu interpretieren“ (Ceylan 2008: 191). Einige solcher Moschee- oder Minarettbaukonflikte erlangten in den letzten Jahren überregionale oder gar internationale Bekanntheit. Der Konflikt um den Moscheeneubau in Köln-Ehrenfeld wurde durch Stellungnahmen bekannter Persönlichkeiten medial berühmt (Sommerfeld 2008). Internationales Aufsehen erregte auch die Volksabstimmung über den Bau von Minaretten in der Schweiz im November 2009, die wissenschaftlich aufgearbeitet wurde (Tanner 2009). Ausführliche Überblicke über die Geschichte der Moscheen in Deutschland sowie den konfliktbeladenen oder den friedlichen Umgang mit einigen dieser Bauten geben Thomas Schmitt (2003a) sowie Bärbel Beinhauer-Köhler und Claus Leggewie (2009). Auf die spezielle Bedeutung des Minaretts in solchen Konflikte gehen mehrere Autoren ein (architektonische Annäherung u. a. Kraft 2002, politische Symbolkraft u. a. Hüttermann 2006, Umgang mit islamischen Symbolen in Westeuropa z. B. Lauterbach/Lottermoser 2009). Zunächst soll auf die Moscheebauten der drei Bundesländer eingegangen werden, bevor dann als Fallbeispiel der Minarettbau der Selimiye-Moschee im saarländischen Völklingen-Wehrden 2010 – der erste dieser Art im Saarland – und die damit verbundenen Diskurse anhand einer Medienanalyse der in der Saarbrücker Zeitung veröffentlichten Artikel, die zu diesem Thema im Zeitraum Januar 2010 bis Februar 2012 erschienen sind, vorgestellt wird. Der vorliegende Text beruht in weiten Teilen auf der Bachelorarbeit von Alexandra Reich sowie auf zusätzlichen Literatur- und Internetrecherchen zur Situation der Moscheen in den Bundesländern Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland. 2 Raumrelevante Implikationen von Moscheebauten Einer aktuellen Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zufolge existieren knapp 2.350 islamische Gemeinden mit eigenen Gebetsräumlichkeiten – zumeist Hinterhofmoscheen – in Deutschland (BAMF 2012: 7). Zunehmend werden bereits bestehende Gebetsstätten „von unscheinbaren und unansehnlichen Behelfsbauten in Hinterhöfen und Industriegebieten zu zentrumsnahen und imposanten Repräsentativbauten mit Kuppel und Minarett“ (Beinhauer-Köhler/Leggewie 2009: 117) umgebaut, was von einem neuen Selbstbewusstsein der in Deutschland lebenden Muslimas und Muslime zeugt. Auch werden repräsentative Neubauten von Moscheen im Stadtbild deutscher Kommunen immer häufiger (Lemmen/Miehl 2001: 25). Die 1995 eröffnete Yavuz-Sultan-Selim-Moschee in Mannheim sowie die 2008 eröffnete Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh sind dabei die größten deutschlandweit. Für die ehemaligen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter sowie ihre Familien wurde Deutschland zur Heimat, Moscheen zu einem Zeichen von Integrationswillen beider Seiten. Bei den lokalen Moschee- und Minarett-Konflikten verbindet sich ein städtebaulicher Konflikt mit „ethnisch-kulturelle[n] und religionsbezogene[n] Konfliktdimensionen“ (Schmitt 2003b: 35), wobei die symbolische Bedeutung einer durch weithin sichtbare Architekturelemente wie Kuppel und vor allem Minarett auffallenden Moschee eine wesentliche Rolle im Konflikt spielt (Schmitt 2003b: 35). Die besondere Bedeutung, die diese architektonischen Elemente sowohl für Projektbefürworterinnen und Projektbefürworter als auch -gegnerinnen und -gegner haben, ergibt sich aus ihrem hohen Symbolgehalt. Für Nicht-Muslimas und Nicht-Muslime repräsentieren vor allem Minarette eine Moschee und damit auch den Islam, eine oft „als fremd empfundene Religion und Kultur“ (Schmitt 2003a: 13). Der symbolische Wert für Moscheebauten und Minarettstreit 46 Muslimas und Muslime ergibt sich aus der Funktion des Minaretts: Von den hohen, schmalen und bleistiftförmigen Türmen, die zum Erscheinungsbild einer klassischen Moschee gehören, ruft der Muezzin die Muslime zum Gebet. Damit erfüllen sie eine akustische und liturgische Funktion, dienen aber auch noch weiteren Zwecken. Als Marke im Landschaftsbild bieten Minarette auch eine visuelle Orientierung für den Ort des Gebetes. Hinzu kommt ein dekorativer Aspekt im architektonischen Gesamtkomplex der Moschee (Lauterbach/Lottermoser 2009: 89). Hierzulande ist das Minarett allerdings „[…] mehr als nur der Ort des Ausrufens, Erkennungszeichen einer Moschee oder Wahrzeichen des Islam; es ist ein zentrales Identifikationsmerkmal der Muslime in der westlichen Diaspora“ (Kraft 2002: 242). Es wird ferner „als Fremdkörper innerhalb der gewohnten Kultur empfunden“ (Kraft 2002: 239) oder sogar als Zeichen eines befürchteten „islamischen Machtanspruchs“ (Lauterbach/Lottermoser 2009: 90), der sich in Minaretten und der damit verbundenen Präsenz im öffentlichen Raum manifestiert. Gerade durch die geforderte stärkere öffentliche Sichtbarkeit ihrer Gebetshäuser möchten viele muslimische Gemeinden sich als Teil der Gesellschaft präsentieren. Auf Grundlage von Artikel 4 des Grundgesetzes, in dem die Religionsfreiheit und damit die freie Religionsausübung verankert ist, sind sowohl Minarett als auch Gebetsruf zu akzeptieren, wenn sie die lokalen Bau- und Nachbarschaftsrechte nicht verletzen. Inwiefern es als Architekturelement verzichtbar oder für die Religionsausübung unentbehrlich ist, wird in vielen Minarett-Konflikten diskutiert (Kraft 2002: 236 f.). So stellt einerseits die Höhe der Bauteile häufig ein Problem dar; meist legen Auflagen fest, dass sie umliegende Gebäude nicht überragen dürfen. Andererseits bildet auch der Gebetsruf an sich beziehungsweise dessen Lautstärke und Häufigkeit einen Hauptkritikpunkt an Moscheen in Deutschland. Da dieser nicht zwingend Teil des Gebetes sein muss und in der Diaspora seinen Sinn weitestgehend eingebüßt hat, verzichten viele Moscheegemeinden hierzulande komplett auf dieses Ritual oder gehen Kompromisse bezüglich der Häufigkeit des Rufes ein (Leggewie 2002: 30). 3 Moscheebauten in Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland Muslimische Gemeinden und Moscheebauten gibt es in allen Bundesländern des ARL- Landesarbeitsgemeinschaftsgebietes Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland. In Hessen wohnen 10,3 Prozent der in Deutschland lebenden Muslimas und Muslime, in Rheinland-Pfalz 4 Prozent und im Saarland 0,8 Prozent. Hessen steht bezüglich der Anzahl der muslimischen Bevölkerung an vierter Stelle der Bundesländer, Rheinland-Pfalz an siebter Stelle und das Saarland an elfter Stelle. Nur die ostdeutschen Bundesländer haben noch geringere Anteile an der in Deutschland lebenden muslimischen Bevölkerung (Haug/Müssig/Stichs 2009: 107). Die Anzahl und die Ausstattung der jeweiligen Moscheebauten sind sehr unterschiedlich, wobei derzeit die meisten zu den sogenannten Hinterhofmoscheen gezählt werden können. Da die folgende Darstellung auf einer Internetrecherche 2012/2013 beruht und nicht alle muslimischen Gemeinden im Internet vertreten sind, kann die Darstellung nur einen Trend aufzeigen, aber keinen vollständigen Überblick über alle muslimischen Gemeinden des LAG-Gebietes bieten. Moscheebauten und Minarettstreit 47 Abb. 1: Verteilung der Moscheebauten in Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland Quelle: Eigene Darstellung basierend auf Internetrecherchen So befinden sich im Saarland mindestens 16 Moscheen, wovon nur die Moschee in Völklingen-Wehrden über ein Minarett verfügt. Die meisten der muslimischen Gemeinden gehören dem Dachverband DİTİB (Diyanet İsleri Türk İslam Birliği) an und sind durch türkischstämmige Einwanderinnen und Einwanderer geprägt. Mindestens zwei Gemeinden in Saarbrücken bestehen jedoch vor allem aus bosnischen Einwanderinnen und Einwandern. Moscheebauten und Minarettstreit 48 In Rheinland-Pfalz existieren mindestens 88 islamische Gemeinden. Zwei der Moscheen besitzen ein Minarett und eine Moschee wird derzeit neu gebaut. Neben den türkisch geprägten Gemeinden, die auch hier die Mehrheit darstellen, gibt es arabische, bosnische und albanische Gemeinden. Die Dachverbände, denen die Gemeinden angehören, sind hier sehr vielfältig. Die größte Zahl an Moscheen befindet sich in Hessen. Hier gibt es circa 200 Moscheebauten, von denen laut Internetrecherche 19 Moscheen über Minarettbauten verfügen. Zwei Moscheen waren zum Recherchezeitpunkt in Bau. Eine Besonderheit ist in Hessen ferner, dass neben der hohen Anzahl an türkischen Gemeinden eine Vielzahl anderer Gemeinden existiert (u. a. bosnische, marokkanische, arabische, bangladeschische). Auch in Hessen gehören die Gemeinden vielfältigen Dachverbänden an. In Flörsheim wurde 2012 ein ehemaliger Supermarkt in eine Moschee umgebaut und durch eine Kuppel sowie ein zehn Meter hohes Minarett erweitert, von dem keine Gebetsrufe ertönen können (Klockner 2012). Ein anderes großes Moscheebauprojekt in Hessen stellt der Moscheeneubau der marokkanischen Taqwa-Gemeinde am Frankfurter Hauptbahnhof dar. Hierfür wurde zunächst ein Gebäude abgerissen, bevor dann ein Neubau an gleicher Stelle entsteht. Problematisch war hier vor allem die Sicherstellung der Finanzierung (Topçu 2009). Für alle Bundesländer gilt, dass die meisten Moscheebauten und islamischen Gemeinden in den Groß- und Mittelstädten zu finden sind. Jedoch gibt es auch in einigen Kleinstädten und Dörfern muslimisches Leben, das sein Umfeld, wenn aus Hinterhofmoscheen repräsentative Moscheebauten werden, noch deutlich stärker prägt als in Großstädten. Im Folgenden soll das Beispiel des Umbaus der Selimiye-Moschee in Völklingen den Diskurs um raumrelevante Implikationen von Minarett-Erweiterungsbauten exemplarisch verdeutlichen. 4 Fallbeispiel: Selimiye-Moschee in Völklingen 4.1 Historische Entwicklung der Selimiye-Moschee in Völklingen In der saarländischen Stadt Völklingen leben derzeit laut offiziellen Angaben 39.509 Menschen. Der Ausländeranteil betrug am 31.12.2012 12,8 Prozent (5.038 Personen). Der Stadtteil Wehrden, in dem sich die Selimiye-Moschee befindet, hat bei 5.043 Einwohnerinnen und Einwohnern einen Ausländeranteil von 15,3 Prozent (vgl. Stadt Völklingen 2013). Auf der anderen Saarseite, aber in unmittelbarer Nähe zum UNESCO- Weltkulturerbe Völklinger Hütte gelegen, stellte Wehrden zur Zeit der Anwerbung von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern die ideale Wohngegend für die ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter dar. Die im Bergbau und vor allem in der Verhüttungsindustrie beschäftigten türkischen Arbeitskräfte wurden betriebsnah untergebracht und deshalb dort angesiedelt. In Völklingen gibt es derzeit drei jeweils unterschiedlichen Dachverbänden angehörende Moscheen. Träger der Selimiye-Moschee im Stadtteil Wehrden ist die Türkisch- Islamische Gemeinde zu Völklingen-Wehrden e. V., die zum Dachverband DİTİB (Diyanet İsleri Türk İslam Birliği) gehört. In den Räumen eines ehemaligen Kinos wurde die Moschee mit Gebetsraum und Teestube bereits in den 1980er Jahren eingerichtet. Die türkisch-islamische Gemeinde in Völklingen-Wehrden hat freiwillig auf die Möglichkeit eines Gebetsrufes verzichtet, ebenso soll keine Lautsprecherbeschallung nach außen Moscheebauten und Minarettstreit 49 erfolgen. Doch an dem dekorativen Minarett soll festgehalten werden, auch wenn es nach islamischem Recht kein vorgeschriebener Bestandteil einer Moschee ist (Schmitt 2003a: 44). 4.2 Diskursanalyse des Minarettstreites Das Interesse der Medien an Moscheebau- und Minarett-Konflikten geht oft nicht über das lokale Umfeld des Konfliktortes hinaus. Daher wurde für diese Fallstudie die regionale Saarbrücker Zeitung als einzige und damit meinungsbildende Regionalzeitung des Saarlandes mit ihrem Online-Archiv ausgewählt. 48 online zur Verfügung gestellte Artikel, die die Stichworte „Moschee“ und „Völklingen“ enthalten, sich explizit mit dem Minarett-Konflikt der Selimiye-Moschee in Völklingen-Wehrden befassen und im Zeitraum Januar 2010 bis Februar 2012 veröffentlicht wurden, dienen in dieser Arbeit als Untersuchungsgegenstand. Verzichtet wird auf die Einbeziehung von Leserbriefen zum Thema. Meinungsartikel der Redakteure, die sich für oder gegen das Bauvorhaben der Moscheegemeinde aussprechen sowie an die Artikel angehängte Hintergrundinformationen zum Thema werden jedoch berücksichtigt, um die Bandbreite der Berichterstattung aufzeigen zu können.1 Für die inhaltsanalytische Untersuchung der Berichterstattung wurde eine induktive Vorgehensweise gewählt (zur Methodik der Inhaltsanalyse siehe Merten 1995; Christmann 2006; Früh 2007; Mayring 2010). So dient das Analysematerial der Rekonstruktion des Konfliktverlaufs sowie einer Differenzierung der unterschiedlichen Konfliktparteien. Abb. 2: Häufigkeit der Berichterstattung in der Saarbrücker Zeitung im Zeitraum Januar 2010 bis Februar 2012 Quelle: Eigene Darstellung auf der Grundlage des Textarchivs der Saarbrücker Zeitung „[S]obald Muslime […] ihre Präsenz im Einwanderungsland dokumentieren“ (Leggewie 2002: 27) und Moscheen repräsentativer und damit sichtbarer werden, kommt es laut Leggewie zu Konflikten, d. h. zum Aufeinanderprallen unterschiedlicher Interessen. Dies ist auch im vorliegenden Beispiel der Fall. Obwohl sich bereits seit den 1980er Jahren in einem ehemaligen Kino in Völklingen-Wehrden eine Moschee befindet, beginnen der 1 Die genannte Artikel-Nummerierung entspricht der Veröffentlichungsreihenfolge und der Nummerierung im Rahmen der BA-Arbeit von Alexandra Reich. Moscheebauten und Minarettstreit 50 Konflikt und die Proteste von Politikerinnen und Politikern und Bevölkerung erst mit dem 2010 erfolgten Bauantrag für die Anbringung von Kuppeln und eines dekorativen Minaretts auf dem Gebäudedach, womit die Moschee aus einer „Hinterhofmoschee“ in einen „Repräsentativbau“ umstrukturiert wird (Beinhauer-Köhler/Leggewie 2009: 117). Anhand einer Untersuchung der zeitlichen Verteilung der Berichterstattung über den Moschee- Konflikt lassen sich fünf Phasen im zeitlichen Verlauf unterscheiden (siehe Abb. 2). Die erste Phase (15 Artikel in der Saarbrücker Zeitung) beginnt mit dem Erscheinen des ersten Artikels (07.01.2010) zu den Plänen der türkisch-islamischen Gemeinde, ihre „äußerlich schmucklose Moschee“ (Artikel Nr. 3 vom 07.01.2010, Nr. 5 vom 09.01.2010) mit Kuppeln und Minarett zu versehen. Diese Phase ist gekennzeichnet durch viele Berichte in einem kurzen Zeitraum, die die Pläne der Moscheegemeinde, die bisherige Situation und vor allem die Bedenken politischer Akteure bezüglich des Bauvorhabens thematisieren. Ferner wird durch einige Ungenauigkeiten (z. B. „mehrere 100 Gläubige“ vgl. Artikel Nr. 3 vom 07.01.2010) oder Zusätze (z. B. „hinter diesem Verband steht das türkische Religionsministerium“ (Artikel Nr. 3 vom 07.01.2010, womit die muslimische Gemeinde fremdbestimmt sei) Meinungsmache betrieben und Ängste verbreitet. Gleichzeitig ist die muslimische Gemeinde freiwillig bereit, statt zwei Minaretten nur eines und dieses nur acht statt 10,5 Meter hoch zu bauen, sowie auf den Muezzin-Einsatz zu verzichten. Ferner werden in dieser Phase Gegenargumente (vor allem seitens der CDU-Politikerinnen und -Politiker) wie fehlende Vereinbarkeit mit dem Bau- und Nachbarschaftsrecht (Artikel Nr. 2 vom 07.01.2010, Nr. 3 vom 07.01.2010), religiöse, angstweckende Symbolik (Artikel Nr. 10 vom 14.01.2010), mangelnde Integration der türkischen Bevölkerung oder fehlende Kirchen in der Türkei (Artikel Nr. 13 vom 21.01.2010) vorgebracht. Um dem zu entgegnen, sucht die muslimische Gemeinde die Kommunikation und den partizipativen Austausch mit der lokalen Bevölkerung, z. B. durch die Einladung zum Tee oder zum Freitagsgebet (Artikel Nr. 13 vom 21.01.2010). Im Gegensatz zu den Bedenkenträgerinnen und Bedenkenträgern bzw. Gegnerinnen und Gegnern des Bauvorhabens wird der geplante Bau des Minaretts unter anderem von der Grünen Jugend Saar und dem evangelischen Kirchenkreis Saar-West als „Zeichen für gelebte Religionsfreiheit“, für „kulturelle Vielfalt und religiöse Toleranz“ (Artikel Nr. 11 vom 14.01.2010) und als „Zeichen gelungener Integration“ (Artikel Nr. 16 vom 06.02.2010) angesehen. An diesem Beispiel verdeutlichen sich die „ethnisch-kulturelle[n] und religionsbezogene[n] Konfliktdimensionen“ (Schmitt 2003b: 35), die der Umbau auch dieser Moschee zu einem repräsentativeren Bau aufzeigt. In ersten Stadtratssitzungen und im Stadtteilforum Wehrden einigen sich die Beteiligten schließlich auf eine „Denkpause“ (Artikel Nr. 17 vom 11.02.2010), die die zweite Phase der Berichterstattung (fünf Artikel) darstellt. Diese Phase dauert von Mitte Februar bis Ende Dezember 2010, in der an der Bauanfrage festgehalten wurde (Artikel Nr. 18 vom 24.02.2010). In diesen Zeitraum fällt auch die Wahl des Oberbürgermeisters in Völklingen, die im September 2010 stattfand. Es lässt sich erkennen, dass es sich hier um ein potenzielles Wahlkampfthema handelte. Am 11. Juni 2010 berichtet die Saarbrücker Zeitung von einem Hinweis auf die Pufferzone rund um das Weltkulturerbe Völklinger Hütte, in der genau die Moschee liege. In dieser Zone unterliegen bauliche Veränderungen bestimmten Auflagen beziehungsweise können ganz untersagt sein. Daher könne auch der Minarettbau aus denkmalschutzrechtlichen Gründen scheitern, dem allerdings der Landesdenkmalamtschef widerspricht. Eine Ablehnung des Vorhabens durch das Denkmalschutzamt sei nicht möglich (Artikel Nr. 19 vom 11.06.2010). „Interkulturell_real“ in der räumlichen Entwicklung 57 Tab. 1: Ausgewählte studentische Projekt- und Studienarbeiten am FB ASL der Universität Kassel Quelle: Eigene Darstellung 2 „Interkulturell_real“ – studentische Arbeiten am FB ASL der Universität Kassel 2.1 Studentische Projektarbeiten in Kassel-Rothenditmold, 2010–2011 Einführung: Im Sommersemester 2010 initiierten Lehrende der Landschafts- und Freiraumplanung gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Umweltpsychologie an der Universität Kassel und Lehrenden der Valentin-Traudt-Schule in Kassel ein freiraumplanerisches Projekt, das sich über drei Semester, beginnend mit einer Stadtteilanalyse bis hin zu einem realisierbaren Planungsvorschlag für einen Freiraum speziell für Jugendliche, entwickelt hat. Der Titel dieser Projektreihe „Interkulturell_real: Rothenditmold“ weist auf die besonderen sich hier stellenden Planungsanforderungen hin. Rothenditmold gilt in Kassel als Stadtteil mit einem nicht nur hohen, sondern auch besonders vielfältigen Ausländeranteil (vgl. Tab. 2). Diese Merkmale sollten im Planungsprozess spürbar zum Ausdruck kommen. Zu Beginn der ersten Phase stand im Vordergrund zu ermitteln, wie Jugendliche im Alter von 14–16 Jahren ihren Stadtteil und dessen Freiräume wahrnehmen; wo sie sich zum Bespiel häufig und gerne aufhalten und was dagegen erklärte „Hassorte“ sind. Die Beteiligung von Schülerinnen und Schülern aus verschiedenen Schulklassen erfolgte über alle Planungsphasen hinweg, bis schließlich im Sommersemester 2011 ein unter Mitwirkung der Schülerinnen und Schüler ausgewählter Planungsvorschlag bis zur Ausführungsplanung hin ausgearbeitet wurde. Vorgehensweisen: Der konstruktivistische Ansatz (siehe Hinweise zur Didaktik oben) beabsichtigt, dass Studierende mit Freiraumnutzern – hier mit Jugendlichen – frühzeitig ins Gespräch kommen und den Kontakt über mehrere Planungsschritte im Sinne „kultureller Praxis“ entwickeln. Anders als bei systematischer Grundlagen- bzw. Anwendungsforschung, wo es um das Einbeziehen einer möglichst großen Probandenzahl (GIS- basierte Methoden siehe etwa Kahila 2006; Kahila/Kyttä 2009; für Kinder und Jugendliche vergleiche auch Nordin/Berglund 2010) oder um Repräsentativität gehen kann (etwa um Vergleiche mit Werten aus der amtlichen Statistik anzustellen), wurde hier in Zusammenarbeit mit umweltpsychologischen Lehrveranstaltungen eine qualitative Heran- „Interkulturell_real“ in der räumlichen Entwicklung 58 gehensweise entwickelt. Unter Nutzung von Beobachtungs- und Befragungsmethoden sollten Studierende sich in die Lage versetzen können, Informationen für Planungszwecke zu gewinnen. Hinweise auf kulturelle Hintergründe wurden einzelnen Schülerinnen und Schülern im Wesentlichen durch Informationen der Lehrerinnen und Lehrer zugeordnet und – zur Wahrung der Unvoreingenommenheit – bei Beobachtungen und Befragungen nicht speziell thematisiert. Bei vorhandenem Migrationshintergrund handelte es sich hier meist um Jugendliche, die in der dritten Generation nach Zuwanderung in Deutschland ansässig sind. Die Schülerinnen und Schüler von drei hinsichtlich ihrer kulturellen Hintergründe ausgesprochen vielfältigen 8. Hauptschulklassen konnten Fragen zu Aufenthalts- und Lieblingsorten sowie Hassorten beantworten und haben die Studierenden bei Stadtteilspaziergängen zu eben diesen Orten geführt und erläutert, was sie dort üblicherweise tun. In ähnlich partizipativer Weise wurde in nachfolgenden Planungsphasen verfahren, wenn es etwa darum ging, verschiedene von den Studierenden ausgearbeitete Gestaltungsideen durch Jugendliche bewerten zu lassen, um schließlich einen Vorschlag auszuwählen und diesen baureif zu entwickeln. Im Schlussstadium kam als „Werkzeug“ das 1:1-Modell hinzu, bei dem vor Ort im ausgewählten Freiraum einzelne Elemente der geplanten Veränderungen gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern nachgestellt wurden, sodass sich die Jugendlichen ein Bild von der künftigen Freiraumgestaltung machen und nochmals kommentieren konnten. Für die Studierenden brachte der gewählte Methodenmix aus Befragung und gemeinsamer Begehung wichtige Erkenntnisse, um eine möglichst nah an Lebenswirklichkeiten ausgerichtete Planung zu erarbeiten. Für die Jugendlichen war es eine neue Erfahrung, als Experten angesehen zu werden, deren Meinung zur Gestaltung des öffentlichen Raumes gehört wird. Ergebnisse: Vor Beginn der Planungsprojekte verschiedentlich geäußerte Vermutungen, dass kulturelle Hintergründe der Schülerinnen und Schüler in bestimmten Vorlieben für verschiedene Betätigungen im öffentlichen Raum besonders zum Ausdruck kommen würden, bestätigten sich im Laufe der Befragungen, Gespräche und Beobachtungen nicht. Vielmehr stellten sich die Schülergruppen als Klassenverbände dar, die insgesamt ähnliche Antworten auf die Fragen der Studierenden gaben. Die Verhaltensmuster und Präferenzen präsentierten sich im Wesentlichen als alters- und geschlechtsspezifisch (Informationen zu weiteren möglicherweise wichtigen Faktoren wie Familieneinkommen und -bildung wurden nicht gewonnen). So konzentrieren sich die Aktionsräume der Schülerinnen und Schüler auf Wege zwischen Wohnung, Schule und Jugendzentrum („Anne-Frank-Haus“), und Freundesgruppen treffen sich gemeinsam an wechselnden Lieblingsorten in der Nähe von Schule und Jugendzentrum. Ähnliche Beobachtungen über relativ kleine Aktionsradien mit üblichen Wegstrecken von etwa 5 bis maximal 10 Minuten konnten auch schon in früheren Planungsübungen in kulturell vielfältigen Stadtteilen gemacht werden; Lieblingsorte waren auch hier Grünflächen in der Nähe von Schule und Jugendzentrum sowie entlang der Wege zwischen solchen Einrichtungen und den Wohnungen. Bevorzugt wurden von allen Jugendlichen als sicher eingeschätzte Orte. Hierzu gehören neben Sportanlagen und Flächen vor Kiosken auch viel benutzte Wege; dagegen werden solche Wege gemieden, auf denen regelmäßig mit Begegnungen mit großen Hunden und als unangenehm eingeschätzten Menschen zu rechnen ist. In Rothenditmold zählt zum Beispiel ein Weg zu den unbeliebten Verbindungen, der parallel zu einem jüngst naturnah umgestalteten Bach verläuft; der Weg ist schmal und man muss entgegenkommenden Menschen und Hunden ausweichen. Trotz der schönen und natürlich wirkenden Umgebung ist das Bachtälchen ein unbeliebter Ort bei Jugendlichen. „Interkulturell_real“ in der räumlichen Entwicklung 59 Tab. 2: Bevölkerung Kasseler Stadtteile, ohne und mit Migrationshintergrund (MHG) Quelle: Statistikstelle Stadt Kassel (Stand: 12/2011) Unterschiede waren im Vergleich von Jungen und Mädchen und hier besonders hinsichtlich der Planungsziele auffällig. Die Jungen wünschten sich zum Beispiel einen Skatebereich und ein Feld zum Fußballspielen, während verschiedene, in der Nähe solcher Räume befindliche Sitzgelegenheiten (mit Überdachung) ausschließlich aufgrund „Interkulturell_real“ in der räumlichen Entwicklung 60 von Anregungen der Mädchen entstanden, ebenso wie etwa Rückzugsbereiche, um sich dort treffen und andere Jugendliche beobachten zu können. 2.2 Studienarbeiten mit Befragungen, 2013 Einführung: Mithilfe sozialwissenschaftlicher Beratung wurden Vorgehensweisen für Nachforschungen entwickelt, die es Studierenden der Planungsfachbereiche ermöglichen, mit Freiraumnutzern ins Gespräch zu kommen und über deren Freiraumpräferenzen mehr in Erfahrung zu bringen, als sich über eine bloße Nutzungs- und Verhaltensbeobachtung erschließt. In Anbetracht der geringen Erfahrung, die Studierende der Planungsfachbereiche hinsichtlich der Anwendung von Methoden empirischer Sozialforschung mitbringen, können die Ergebnisse zwar als allgemein interessante Informationen eingestuft werden, die für fachliche Diskussionen anregend sein können. Empirische Sozialforschung ersetzen können und wollen sie nicht. Die Studienarbeiten, über die hier berichtet wird, beruhen auf der Idee und Annahme, dass Menschen ähnlicher kultureller Hintergründe und „kultureller Praxen“ besonders aufschlussreich miteinander kommunizieren können. So darf zum Beispiel vermutet werden, dass etwa türkische und chinesische Austausch- und Gaststudierende besonders gut in der Lage sein müssten, im Rahmen informeller Gespräche Informationen zu kulturell begründeten Wahrnehmungen und Werten der in Deutschland lebenden Menschen ursprünglich türkischer bzw. chinesischer Herkunft in Erfahrung zu bringen. Dabei geht es nicht um eine Gleichsetzung zwischen Kultur (kulturelle Gemeinschaft) und territorialer Identität, denn die Lebenswirklichkeit in den jeweiligen Planungsräumen stellt sich im Wesentlichen als pluri-und interkulturell dar. Vorgehensweisen: Anfang 2013 haben vier türkische Gaststudentinnen insgesamt 85 in Kassel wohnende türkischstämmige3 Frauen nach häufig aufgesuchten städtischen Freiräumen sowie nach ihren Lieblings- und Hassorten in Bezug auf Freizeit (täglich, Wochenende) befragt. Die Befragungen fanden in bzw. im Umfeld von Stadtteilzentren und Sprachschulen im Zentrum von Kassel statt; diese Orte wurden aus pragmatischen Gründen gewählt, was für die Befragung eine einseitige Auswahl bedeuten kann (etwa überwiegend jüngere oder bildungsorientierte Menschen; siehe unten). Zum Einsatz kam ein einfacher Fragebogen. Bei der Auswertung unterschieden wurden vier Altersgruppen, auf die sich die Zahl der Befragten ungleich verteilt (siehe Tab. 4): Die meisten Befragten gehören der Gruppe der 17–25-Jährigen an, gefolgt von den 26–35-Jährigen, den 36–45-Jährigen sowie der Gruppe „46 Jahre und älter“. Die in Tabelle 5 dargestellten Ergebnisse sind als grobe Tendenzen der ermittelten Freiraumpräferenzen zu verstehen (die Zahl der Befragten ist relativ klein und erlaubt keine übertragbaren Aussagen). Die ermittelten Orte wurden mittels GIS (Geografisches Informationssystem) kartographisch dokumentiert und räumlich mit der Lage der Wohnungen der Befragten in Beziehung gesetzt. Anschließend wurden die Ergebnisse (durch Überlagerung der GIS-Datensätze) mit denjenigen verglichen, die sich bei wiederholten Studierendenbefragungen hinsichtlich der Freiraumpräferenzen in Kassel ergeben haben. Ebenso sind Vergleiche mit einschlägigen Ergebnissen möglich, die aus anderen Studienarbeiten stammen, wie etwa der nachfolgend dargestellten, von chinesischen Studierenden durchgeführten Studie (Übersicht in Tab. 1). 3 Hier werden Begriffe wie „türkischstämmig“ oder „chinesischstämmig“ lediglich zum Zweck der Verständigung über Kulturspezifika verwendet. Angesichts fortschreitender Migration verwischen eindeutig sich auf Herkunftsgebiete beziehende Kulturbezeichnungen und müssten durch eine der pluri- bzw. interkulturellen Praxis gerecht werdenden Begrifflichkeit ersetzt werden. „Interkulturell_real“ in der räumlichen Entwicklung 61 Im Sommer 2013 haben vier chinesische Studentinnen insgesamt 60 chinesischstämmige Einwohner Kassels während eines Zeitraums von sieben Wochen über ein Online- Programm (Google Drive) befragt. Der Kontakt zu diesen Personen entstand im Wesentlichen über Bekannte und deren weiteres Umfeld. Der größte Teil der Befragten kann der Gruppe der Studierenden zugeordnet werden, sodass die 21–30-Jährigen mit 46 Befragten die größte Gruppe bilden, gefolgt von den 31–40-Jährigen mit 13 Befragten; eine Person ist der Altersgruppe der 41–50-Jährigen zuzuordnen. So wurden 35 Frauen und 25 Männer bezüglich ihrer Freiraumpräferenzen befragt, insbesondere hinsichtlich der an Wochentagen und am Wochenende häufig genutzten Freiräume sowie der beliebten und eher gemiedenen Orte. Um Hintergründe für eine Beurteilung zu erlangen, wurde auch nach den Gründen gefragt, die ausschlaggebend für den Besuch oder die Zu- bzw. Abneigung gegenüber den Flächen sind. Wie bei der Umfrage unter den türkischstämmigen Frauen wurden die Ergebnisse abschließend in GIS-Karten übertragen, um sie vergleichbar mit anderen Studien und Umfragen machen zu können. Ergebnisse der Befragung türkischstämmiger Frauen: Was sich im Rahmen der oben beschriebenen Projektarbeiten bereits andeutete, bestätigte sich 2013 durch die Befragung türkischstämmiger Frauen (sowie auch in vergleichbaren Studienarbeiten), nämlich dass die Erreichbarkeit der für Freizeitzwecke aufgesuchten Örtlichkeiten eine große Rolle spielt. Führen die durch Jugendliche (fußläufig oder mit Zweirad) zurückgelegten Wege nur in wenigen Ausnahmen über die Grenzen des eigenen Stadtquartiers hinaus, so bewegen sich die 17–25-Jährigen – insbesondere um zu „shoppen“ und sich mit Freundinnen zu treffen – schon in einem etwas weiteren Umkreis, der in den Haupteinkaufsstraßen der Kasseler Innenstadt (Königsplatz/Friedrichsplatz) und angrenzenden Parkanlagen (Orangerie und angrenzender Park Karlsaue) zwei Schwerpunkte hat; diese lassen sich zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln in weniger als einer Viertelstunde von der Wohnung aus erschließen und liegen zudem nahe beieinander. Nur geringfügig weiter entfernt liegende öffentliche Räume spielen bei den Nennungen durch junge Leute eine nachgeordnete Rolle (am ehesten noch Parkanlagen in der Fulda-/Karlsaue, die sich an die Orangerie anschließen). Dagegen nehmen die Vertreterinnen der über 26- Jährigen durchaus längere Wegstrecken in Kauf, etwa um die Ruhe in der Fuldaaue bzw. in den dort im Rahmen einer früheren Bundesgartenschau (BUGA) geschaffenen Parkanlagen oder im (noch weiter entfernt gelegenen) Bergpark Wilhelmshöhe zu genießen. Zum anderen zieht es viele – und hier offenbar besonders die 26–35-Jährigen – zu einer Anhöhe wie etwa dem Herkules auf einer Kuppe des Habichtswaldes: Von hier aus bietet sich ein grandioses (schon von den Landgrafen Kassels überaus geschätztes) Panorama über die gesamte Stadt. Die Längen der hierfür – auch am Wochenende – zurückgelegten Distanzen liegen (jeweils von der Wohnung ausgehend) unter Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel bei etwa eine halben bis zu einer Dreiviertelstunde. Neben der Erreichbarkeit spielen zum einen Betätigungsmöglichkeiten sowie zum anderen auch die Ausstattung und die empfundene Atmosphäre wichtige Rollen dabei, ob und in welchem Maße ein Freiraum gerne aufgesucht wird. Als Betätigung werden neben dem oben genannten „Shoppen“ und „Sich mit Freundinnen treffen“ vor allem „Spazierengehen“, „Beisammensein“ (Familie, Freunde), gemeinsam „Picknicken“ bzw. „Grillen“ und „Sich entspannen“ (meist gesellig) häufig genannt. Die über 26-Jähigen schätzen Grünflächen, wo sie sich mit Familie und Kindern gemeinsam aufhalten und dort auch länger als eine Stunde verweilen können (dann allerdings nicht täglich, sondern 1- bis 2- mal pro Woche). Gut, so eine häufige Aussage, sei es dort, wo sich Betätigungsmöglichkeiten für alle Altersgruppen finden. Allerdings geben nur die Jüngeren die Möglichkeit, Sport zu treiben, als wichtig an (z. B. Radfahren, Laufen/Joggen). Einige erwähnen, dass „Interkulturell_real“ in der räumlichen Entwicklung 62 sie gerne eines der Museen aufsuchen und es schätzen, dabei nahegelegene Freiräume nutzen zu können. Bemerkenswert ist, dass selbst in unmittelbarer Wohnumgebung liegende öffentliche Grünflächen dann nicht gerne aufgesucht werden, wenn diese eine aus Sicht der Befragten unzureichende Ausstattung aufweisen. So wird der sogenannte Nordstadtpark als nicht ausreichend mit Grün und mit Spiel- und Sitzmöglichkeiten ausgestattet eingeschätzt (der Park weist hauptsächlich offene Rasenflächen, wenige Bäume und kaum Bänke auf). Laut einer anderen Studienarbeit (Sönmez) wird dieser Park dann genutzt, wenn größere Gruppen Betätigungsfelder zum gemeinsamen Spielen und Picknicken bzw. Grillen suchen. Abb. 1: Darstellung von täglichen Aktivitäten türkischer Frauen im Verhältnis zu ihrem Wohnort Quelle: Eigene Darstellung Öffentliche Grünflächen werden offenbar gerne aufgesucht, wenn sie sich als „schöne Umgebung“ (und gefahrlos) darstellen. Neben der frischen Luft, guten Gerüchen und Ruhe bevorzugen viele Befragte (einschließlich der jüngsten) dabei das Gefühl, „in der Natur“ zu sein – ein Gefühl, das die eindrucksvollen Gehölzbestände alter Parks durchaus vermitteln können. Im Gegensatz dazu werden aber selbst gut erreichbare öffentliche Grünflächen gemieden, wenn deren Gehölzbestand den Eindruck eines „dunklen Waldes“ vermittelt; solche Areale werden als potenziell gefährlich eingeschätzt. Die Nähe von Wasserflächen wird wiederholt als „wichtig“ erwähnt (und deren Fehlen an anderen Stellen beklagt). Geschätzt wird offenbar, wenn öffentliche Grünanlagen gepflegt und sauber sind. Gartennutzung außerhalb des engeren Umfeldes der Wohnung ist für „Interkulturell_real“ in der räumlichen Entwicklung 63 einen Teil der Befragten wichtig; besonders die Älteren schätzen die Freizeitbeschäftigung im Garten und nehmen offenbar die jüngsten unter den Befragten hierbei gerne mit. Nur die 26–35-Jährigen machten keine Angaben zu Aufenthalten im Garten. Hinsichtlich der besonders unbeliebten Orte finden sich bei allen Altersgruppen weitreichende Übereinstimmungen: Es sind Orte, die jene Qualitäten vermissen lassen, die als gut befundene öffentliche Grünflächen aufweisen, wie Ruhe, gute Gerüche, Sicherheit (einschließlich nächtlicher Beleuchtung), schönes Grün und Wasser sowie Entfaltungs- bzw. Entspannungsmöglichkeiten für alle Altersgruppen. Als besonders unbeliebt werden viel befahrene Straßen (Verkehrslärm, Gestank, schwierige Querung) wie etwa die mehrspurige Holländische Straße oder ungepflegte (heruntergekommene Fußwege, Baulücken und Gebäude mit abblätternden Fassaden) und als unsicher empfundene Orte wie etwa der „Stern“ genannt (eine zentral gelegene, viel befahrene Straßenkreuzung mit zahlreichen „Dönerbuden“). Schon der Umstand gereicht zur Nennung von Unwohlsein, dass „alles irgendwie verkommen“ aussieht, Müll herumliegt und es unangenehm riecht (Alkohol, Abfall, Autos). Bestimmte Stellen werden gänzlich gemieden, etwa wo „viele Betrunkene“ oder „die bulgarischen Männer sind“, wo „Stoff gehandelt wird“ oder wo „die Prostituierten immer stehen“. Mehrere der befragten Frauen geben an, Orte wie den „Stern“ zu meiden, „weil sich dort zu viele Migranten aufhalten“; hier wird Bezug genommen auf räumlich sich manifestierende Erscheinungsbilder, die bestimmte „kulturelle Praxen“ besonders betonen. Abb. 2: Darstellung von Lieblingsorten türkischer Frauen im Verhältnis zu ihrem Wohnort Quelle: Eigene Darstellung „Interkulturell_real“ in der räumlichen Entwicklung 64 Tab. 3: Erreichbarkeit von öffentlichen Grünanlagen Quelle: Eigene Darstellung Ergebnisse der Befragung chinesischstämmiger Personen: Unabhängig von Alter und Geschlecht spielt auch hier vor allem die Erreichbarkeit der Freiräume eine große Rolle. Knapp 80 Prozent der Befragten gaben dies insbesondere für Werktage als einen der wesentlichsten Faktoren an. Zu den am häufigsten besuchten Freiräumen zählen innerstädtische Flächen wie der Königs- und Friedrichsplatz, die zum „Shoppen“ genutzt werden oder um sich dort „auszuruhen“ und von Sitzgelegenheiten oder Cafés aus die Szenerie zu genießen. Aber auch sportliche Aktivitäten oder das Spazierengehen sind häufige Nennungen, die sich jedoch stärker auf Grünflächen beziehen; die hierfür speziell benannten Grünflächen nehmen gegenüber innerstädtischen Flächen einen geringeren Stellenwert ein. Sie befinden sich überwiegend in den von den chinesischstämmigen Personen am häufigsten bewohnten Stadtteilen. Karlsaue, Bergpark und BUGA scheinen auch für chinesischstämmige Personen interessante Ausflugsziele unter der Woche zu sein. Längere Strecken werden eher dann zurückgelegt, wenn in der Stadt eingekauft wird oder um vereinzelt einen „ruhigen“ Ort mit „schöner Umgebung“ aufzusuchen. Die Antworten der unterschiedlichen Altersgruppen sind hierbei in ihrer Tendenz sehr ähnlich. Demgegenüber ist die Reichweite der Aktivitäten am Wochenende größer. Grundsätzlich werden dann vorwiegend Grünanlagen wie Bergpark Wilhelmshöhe, BUGA- Gelände und Karlsaue aufgesucht. Die Innenstadt ist insbesondere für die Jüngeren auch am Wochenende von Bedeutung. Vereinzelte Nennungen von kleineren, dem eigenen Wohnort nahe gelegenen und fußläufig zu erreichenden Parks sind bei der Altersgruppe der 21–30-Jährigen zu finden. Aktivitäten unterscheiden sich altersabhängig. So wollen die jüngeren Personen eher „Picknick [machen], Barbecue [machen oder] chatten“ und dementsprechend Freunde treffen, soziale Kontakte knüpfen oder ihre Freizeit gemeinsam verbringen, wohingegen die älteren Personen deutlich häufiger Erholung in den Parks suchen und die Umgebung genießen wollen. Ähnliche Tendenzen zwischen den „Interkulturell_real“ in der räumlichen Entwicklung 65 Altersgruppen werden bei sportlichen Aktivitäten wie „Joggen“ oder „Spazierengehen“ sichtbar. Schließlich scheint die Bekanntheit einen Ausschlag beim Besuch eines Freiraumes am Wochenende zu geben; dies gaben knapp über ein Drittel der Befragten an. Ob es um den allgemeinen Bekanntheitsgrad einzelner Anlagen geht (wie insbesondere den auf der UNESCO-Welterbeliste stehenden Bergpark Wilhelmshöhe) oder z. B. darum, dass Anlagen einer Person oder Gruppe besonders bekannt sind, blieb offen. Der Befragung zufolge ist es bei Lieblingsorten unerheblich, ob der Freiraum in der Nähe des Wohnortes liegt; vielmehr kommt es auf die „schöne Umgebung“, „Ruhe“ und die „Bekanntheit“ der Anlagen an. Dies spiegelt sich vor allem in der Frage zu den beliebtesten Freiräumen wider. Die Innenstadt und kleine Anlagen verlieren darin stark an Gewicht, wohingegen die großen Parks mit ihren Freizeitangeboten am Rande der Stadt im Mittelpunkt stehen. Ein Grund hierfür scheinen die „langweilige“, nicht ansprechende Gestaltung sowie „unsaubere“ Umgebung kleiner Plätze und Anlagen zu sein. Die Sicherheit der Orte ist ein Merkmal, das eher von den älteren Befragten als wichtig empfunden wird und gegenüber der Befragung der türkischstämmigen Personen insgesamt eine deutlich untergeordnete Rolle spielt. In der Betrachtung der unbeliebtesten Orte wird deutlich, dass unabhängig vom Alter insbesondere Freiräume gemieden werden wie beispielsweise der Lutherplatz, der Nordstadtpark oder die Goetheanlage. Der Lutherplatz, der für eine bestimmte Klientel von Drogenkonsumenten und Obdachlosen bekannt ist, wird als besonders unsicher, dreckig und wenig ansprechend eingestuft. Der Nordstadtpark sowie die Goetheanlage hingegen werden als innerstädtische Freiräume vorwiegend „langweilig“ und vereinzelt als „unsauber“ beschrieben. Besonders signifikante Gründe jedoch, wie das kulturspezifische „Tabu“ bestimmter Flächen (z. B. die Friedhofsnähe von Freiräumen), das als Antwortmöglichkeit in der Umfrage aufgeführt wurde, spielen bei den Antworten eine marginale Rolle. 3 Diskussion der Ergebnisse, Folgerungen für Lehre und Forschung Der den vorgestellten studentischen Arbeiten zugrunde liegende konstruktivistische Ansatz erlaubt es Studierenden, „kulturelle Praxen“ in realen und kulturell vielfältigen städtischen Räumen näher kennenzulernen und für Aufgaben räumlicher Planung nutzbringend einzusetzen. Diskurse studentischer Gruppen können Berührung mit örtlich sich ausbildenden Diskursen aufnehmen, wenn Kontakte über einmalige Begegnungen hinausgehen. Von den Lernwissenschaften empfohlenes integriertes Arbeiten großer (12 bis 18) und kleiner Gruppen (2 bis 3 Studierende) hat sich bewährt (vgl. Reich 2012 und Siebert 2008). Die Kombination von Projektarbeiten zur Lösung realer Planungsaufgaben mit planungsorientierten Studienarbeiten stellt eine Möglichkeit solcher Integration dar. Informationen über gruppenspezifische Diskurse erlauben Rückschlüsse darauf, welche Elemente räumlicher Umgebung von welchen Gruppen wertgeschätzt werden und welche Landschaften jeweils sozial konstruiert werden. Dieser Lerngewinn wird aus Sicht der Lehrenden für die Ausbildung von Fachleuten räumlicher Planung als hohes Gut angesehen. Dass bei Kontakten zwischen studentischen Gruppen und den für Planungszwecke aufgesuchten Gruppen im Rahmen von Beobachtungen und Befragungen z. B. durch Anwesenheitseffekte, soziale Erwünschtheit o. ä. qualitative Ergebnisse zustande kommen, die (aus Sicht empirischer Sozialforschung systematische) Fehler enthalten könnten, haben die Studierenden in allen hier dargestellten Fällen im Laufe ihrer Arbeit erkannt. Über längere Zeit aufgebaute Kontakte lassen solche Effekte offenbar sukzessive zurücktreten; sie verschwinden nie ganz. (Zum Beispiel war bei der letzten Projektdis- „Interkulturell_real“ in der räumlichen Entwicklung 66 kussion über die zu verwirklichende Freiraumanlage für Jugendliche zu spüren, wie die Jugendlichen auf die Planungsvorschläge der Studierenden eher eingingen, anstatt sie kritisch zu diskutieren.) Auch dieser Lerngewinn ist für Studierende von Planungsfachbereichen wichtig, da Planerinnen und Planer regelmäßig Fachinformationen Dritter einzuschätzen in der Lage sein müssen. Die durch die studentischen Arbeiten generierten Informationen bestätigen vorhandene Erkenntnisse. So können Hinweise auf die Rolle von Erreichbarkeit und Zugänglichkeit öffentlicher Freiflächen bekanntermaßen alters- und einkommens-, aber eben auch kulturspezifisch begründet sein. Es bedarf genauer Unterscheidung, ob es Lebensstil- bzw. Einkommensgründe oder tatsächlich Kulturspezifika sind, die zur Bevorzugung etwa zentrumsnaher Freiräume führen – ähnlich wie etwa bei jenem schon klassisch zu nennenden Befund, dass „Black Americans“ überwiegend zentrumsnahe Parkanlagen nutzen, während „White Americans“ fern vom Zentrum entfernt liegende (regionale) Parks präferieren (West 1989). Bezogen auf die in Kassel gewonnenen Informationen kommt die Frage nach der spezifischen Kenntnis bzw. Bekanntheit bestimmter Grünflächen als Variable hinzu, was die Suche nach Antworten nochmals komplexer macht: Könnte es sein, dass neben Einkommen und der Verfügbarkeit geeigneter Verkehrsmittel zusätzlich auch das Wissen um Existenz und Bedeutung einzelner Anlagen den Ausschlag bei der Nennung von Präferenzen gibt, und dass entsprechende Kenntnisse und Wertzuweisungen kulturspezifischer Natur sind? Solche Fragen sind ernst zu nehmen; so ergab sich zum Beispiel in persönlichen Gesprächen mit Personen, die nur in Begleitung anderer Familienmitglieder öffentliche Räume aufsuchen (dürfen), dass solche Personen etwa von der Existenz des Bosporus in Istanbul oder der Elbe in Hamburg unter bestimmten Umständen selbst dann nichts wissen, wenn sie nur wenige hundert Meter vom Ufer entfernt wohnen. Andererseits scheinen Freiraumpräferenzen teilweise durch die „Berühmtheit“ einzelner Anlagen, wie des von der UNESCO als Welterbe prädikatisierten Bergparks, beeinflusst zu sein, für deren Besuch auch weite Anreisen nicht gescheut werden. Wie in freiraumsoziologischen Arbeiten systematisch untersucht werden konnte (vgl. Spitthöver 2003, 2009), präsentieren sich Freiraumpräferenzen bezogen auf die Nutzung einzelner Anlagen als vorwiegend altersgruppenabhängig. Anlagen wie zum Beispiel städtische Parks werden offenkundig altersgruppenspezifisch genutzt und es lassen sich entsprechende Vorlieben ausmachen. Dies bedeutet aber keineswegs Segregation der Altersgruppen im Raum: Auffällig ist die Vorliebe älterer Menschen, den Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen zuzuschauen und, wie nicht nur die Befragung türkischer Frauen zeigt, dass Großeltern gerne mit ihren Enkeln zum Spielplatz gehen; nicht nur in China hat sich dies als fester Lebensstil etabliert. Demgegenüber nutzen jüngere Menschen, wie auch die Ergebnisse der Umfrage der chinesischen Studentinnen andeuten, die Freiräume stärker in aktiver Form, um sich zu treffen, zu grillen oder zu spielen. So spielt das gemeinschaftliche Freizeiterlebnis aus der Sicht der befragten türkischstämmigen Frauen insgesamt eine wichtige Rolle; eine öffentliche Grünanlage sollte Geselligkeit ermöglichen und zugleich Angebote für verschiedene Alters- und Interessengruppen bereithalten. Eine ähnliche Sichtweise ist bei den chinesischstämmigen Befragten auszumachen. Kulturell bedingte Ausdifferenzierungen (zeitlich und räumlich) hinsichtlich der oben beschriebenen Vorlieben und sonstiger räumlicher Anforderungen nach Auflösung von Schulklassenverbänden und dann mit zunehmendem Alter wird als „Akkulturation“ diskutiert, also als der Prozess, mit dem Zuwanderer ein neues Umfeld erschließen. Dabei mag eine Rolle spielen, welcher Zuwanderergeneration einzelne Personen jeweils angehören (Stodolska 2000; Deng/Walker/Swinnerton 2005). Dass es solche Zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt 73 rons with a high rate of development and also a very international population. In this context an overview of current data and analyses on housing in the study area is given, the causes of the situation are investigated, and the resulting opportunities and problems discussed. Finally, recommendations are made for future political and administrative engagement with the residential locations of the foreign population in the region. Keywords Residential locations – foreign population – urban area and environs – science city Darmstadt 1 Ausgangssituation, Leitfragen und Gang der Untersuchung In der Debatte über die Auswirkungen der Internationalisierung der Gesellschaft auf die Raumentwicklung nimmt die Frage nach den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung einen gewichtigen Stellenwert ein.1 Eine tiefergehende Betrachtung der bisherigen Entwicklungen und möglichen Perspektiven gerade auch im Stadt-Umland-Kontext erscheint aufgrund der Vielzahl an Herausforderungen und dem noch offenen Forschungsbedarf von besonderem Interesse. Daher wurde dieser Betrachtungsgegenstand in den Mittelpunkt einer bis Mai 2013 durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchung gestellt. Als Untersuchungsgebiet wurde hierbei die im Bundesland Hessen gelegene Stadt Darmstadt und deren engeres Umland – als Beispiel für einen Stadt-Umland-Kontext mit hoher Entwicklungsdynamik und einer zugleich sehr stark international geprägten Bevölkerung – gewählt. Untersuchungsziel war es, einen Überblick über die aktuellen Daten und Analysen zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung im Untersuchungsgebiet sowie Hinweise zu möglichen Ursachen zu erhalten und hieraus erste Handlungsbedarfe abzuleiten. Richtungsgebend für die Untersuchung dazu waren die folgenden drei Leitfragen:  Wo wohnt heute die ausländische Bevölkerung in der Stadt Darmstadt und deren engerem Umland?  Welche Ursachen hat dies und welche Chancen und Probleme ergeben sich hieraus?  Welche Handlungsbedarfe lassen sich hieraus ableiten? Zur Beantwortung dieser Fragen ist eine Untersuchungsmethodik bestehend aus drei „Bausteinen“ gewählt worden. So erfolgte eine Analyse der vorhandenen statistischen Daten und Erhebungen; zudem wurden vorhandene Untersuchungen ausgewertet. Grundlage hierfür war eine umfassende Recherche in Literaturdatenbanken, im Internet sowie eine gezielte Anfrage bei in dieser Hinsicht besonders relevanten Institutionen.2 Weiter wurde eine Befragung von örtlichen Experten aus den Bereichen „Integration“ 1 Siehe stellvertretend die aktuellen Erhebungen aus dem Jahr 2013 zu den Schwerpunkten von (kommunaler) Integrationspolitik im Bundesland Hessen. Das Thema „Wohnen“ in den Stadtvierteln, in den Städten und Gemeinden sowie auch mit Blick auf den überörtlichen Kontext wird dort explizit als Herausforderung benannt und hier ein besonderer Handlungsbedarf konstatiert (vgl. Hessisches Ministerium der Justiz, für Integration und Europa 2013: 23 f.). 2 Insbesondere sind zu nennen: Das Hessische Statistische Landesamt sowie die Statistikabteilungen der Wissenschaftsstadt Darmstadt und des Landkreises Darmstadt-Dieburg. Zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt 74 und „Statistik“ durchgeführt.3 Eine umfassende Themenrecherche im Online-Archiv der regionalen Tageszeitung „Darmstädter Echo“ hat die Erhebung von vorhandenen Daten und Analysen komplettiert.4 Die Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Untersuchung werden nachfolgend in den wesentlichen Kerninhalten zusammenfassend dargestellt. 2 Wissenschaftsstadt Darmstadt und deren Umland als Untersuchungsgebiet Die Wissenschaftsstadt Darmstadt liegt im Bundesland Hessen und dort im südlichen Teil des Regierungsbezirkes Darmstadt. Darmstadt ist Oberzentrum und von den Landkreisen Groß-Gerau, Bergstraße, Odenwald, Darmstadt-Dieburg und Offenbach umgeben. Besonderes Kennzeichen ist die Lage zwischen der Agglomeration Rhein-Main (mit den Städten Frankfurt am Main, Wiesbaden und Mainz) und dem Verdichtungsraum Rhein-Neckar (mit den Städten Ludwigshafen, Mannheim und Heidelberg). Die Stadt Darmstadt und deren engeres Umland liegen an der „Schnittstelle“ zwischen den Metropolregionen Rhein-Main und Rhein-Neckar, wirken hier als „Bindeglied“ und sind mit beiden Räumen vielfältig räumlich-funktional verflochten. Die räumliche Einordnung ist aus Abbildung 1 ersichtlich. Für die weiteren Betrachtungen im Rahmen der Untersuchung wird auf die Stadt Darmstadt und den Landkreis Darmstadt-Dieburg fokussiert. Der Landkreis Darmstadt- Dieburg mit seinen 23 kreisangehörigen Städten und Gemeinden umschließt als Umlandkreis Darmstadt nahezu vollständig, sodass hier die engsten räumlichen und funktionalen Verflechtungen gegeben sind. Die wesentlichen Eckdaten der amtlichen Statistik sind in Tabelle 1 zusammengefasst. Im aktuellen Raumordnungsbericht des Bundes werden die Stadt Darmstadt und der Landkreis Darmstadt-Dieburg im bundesweiten Vergleich der „Wohnungsmarktregionstypen“ der Kategorie „wachsend“ zugeordnet, die nördlich angrenzende Agglomeration Rhein-Main sowie der südlich angrenzende Verdichtungsraum Rhein-Neckar sogar als „stark wachsend“. Der Nachfragedruck auf den Wohn- und Immobilienmärkten ist hier – mit allen Konsequenzen für das Preisniveau – hoch bis sehr hoch (vgl. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2012: 111 ff.). 3 Schriftliche Kurzstellungnahmen zu den jeweiligen persönlichen Einschätzungen hinsichtlich der drei Leitfragen der Untersuchung wurden von Frau Dr. Patricia Latorre (Leiterin des Interkulturellen Büros der Wissenschaftsstadt Darmstadt), Herrn Günther Bachmann (Leiter der Abteilung Statistik und Stadtforschung der Wissenschaftsstadt Darmstadt), Frau Sabine Hahn (Leiterin des Interkulturellen Büros des Landkreises Darmstadt-Dieburg) sowie von Frau Anja Simon (Leiterin der Abteilung Strategische Planung, Kreisentwicklung des Landkreises Darmstadt-Dieburg) im April/Mai 2013 erbeten bzw. eingeholt. 4 Über das Online-Archiv (www.echo-online.de) ist ermittelt worden, inwieweit die Wohnsituation der ausländischen Bevölkerung in den Jahren 2012/2013 auch Thema der öffentlichen Debatte war. Zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt 75 Abb. 1: Räumliche Lage der Stadt Darmstadt und des Landkreises Darmstadt-Dieburg (blau) Quelle: Landkreis Darmstadt-Dieburg 2010 Zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt 76 Tab. 1: Eckdaten der Stadt Darmstadt und des Landkreises Darmstadt-Dieburg Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage von: Hessisches Statistisches Landesamt 2012: 14, 22 und 30 3 Feststellungen zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung Die nähere Auseinandersetzung mit vorhandenen Statistiken, Studien und sonstigen Dokumenten zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Stadt Darmstadt und im Landkreis Darmstadt-Dieburg verdeutlicht, dass bislang weder auf umfassendes regionales Datenmaterial noch auf Ergebnisse breit angelegter Untersuchungen zurückgegriffen werden kann. Schon der Blick in die für die Region relevanten Dokumente der Raumordnung offenbart, dass eine nach Bevölkerungsgruppen differenzierte Sichtweise hinsichtlich der Wohnsiedlungsentwicklung noch nicht Platz gegriffen hat. So trifft der Landesentwicklungsplan Hessen 2000 (Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung 2000) zur räumlichen Verteilung der ausländischen Bevölkerung insgesamt keine spezifischen Aussagen. Allenfalls ist diese Thematik hier in den allgemeinen Forderungen, soziale Segregation zu verhindern und Daseinsvorsorge für alle Bevölkerungsgruppen zu gewährleisten, impliziert. Im Textteil des Regionalplanes Südhessen 2010, der auch für die Stadt Darmstadt und den Landkreis Darmstadt-Dieburg Festlegungen zur weiteren Siedlungsentwicklung trifft, werden die Wohnstandorte der ausländischen Bevölkerung ebenfalls nicht spezifisch thematisiert. Allgemein wird im Leitbild für den Regionalen Flächennutzungsplan und den Regionalplan Südhessen „Frankfurt/Rhein-Main 2020 – die europäische Metropolregion“ als Perspektive formuliert: „Menschen aus aller Welt sind gerne gesehen und werden herzlich aufgenommen. Sie sollen sich für die Region als Arbeits- und Wohnort entscheiden. Gleichzeitig wollen wir auch, dass sich ältere und alte Menschen hier wohl fühlen. Die Region ist multiethnisch und international und will es bleiben“ (Regierungspräsidium Darmstadt; Regionalverband FrankfurtRheinMain 2011: Anhang 176 ff.). Im Textteil des Regionalplanes selbst wird lediglich als Grundsatz der Raumordnung ganz allgemein auch für die Raumkategorie des Ordnungsraumes – in dem die Stadt Darmstadt und die westlich davon gelegenen Landkreisgemeinden sogar als Verdichtungsraum klassifiziert und die östlichen Landkreiskommunen zur Gänze liegen – festgehalten: „Die Siedlungsstruktur soll im Sinne einer nachhaltigen Regionalentwicklung so gestaltet werden, dass durch Sicherung einer sozial ausgewogenen Bevölkerungsstruktur und Verhinderung von Ghettobildung die Nachhaltigkeit der Siedlungsstruktur gewährleistet wird“ (Regierungspräsidium Darmstadt; Regionalverband FrankfurtRheinMain 2011: 27). Weitergehende Aussagen treffen die Dokumente der Raumordnung nicht. Zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt 77 Allerdings geben aktuelle Erhebungen der Stadt Darmstadt (Wissenschaftsstadt Darmstadt 2012a, 2012b) einige Hinweise zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung – jedoch beschränkt auf das Stadtgebiet: Demnach leben derzeit Menschen aus mehr als 150 verschiedenen Nationen in Darmstadt. Seit dem Jahr 1995 sind jeweils etwas über 16 Prozent der Gesamtbevölkerung der Gruppe der ausländischen Bevölkerung zuzuordnen; in absoluten Zahlen waren dies jeweils zwischen 20.000 und 30.000 Personen. Die stärkste nationale Gruppe der Ausländer in Darmstadt kommt aus der Türkei, gefolgt von Zuwanderern aus Italien, an dritter Stelle stehen Zuwanderer aus Polen (vgl. Wissenschaftsstadt Darmstadt 2012b: 8 ff.). Beim differenzierten Blick auf die statistischen Bezirke innerhalb des Stadtgebietes wird schnell deutlich, dass es Bezirke mit einem höheren Anteil an ausländischer Bevölkerung gibt, während in anderen Bezirken dieser Anteil sehr gering ist. Die höchsten Ausländeranteile finden sich in der Innenstadt, im Stadtzentrum, im Bezirk Rheintor/Grafenstraße sowie in Darmstadt-Nord. Interessant ist hierbei, dass die Stadtteile Kranichstein und Kirchtannensiedlung – die zu den Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf zählen – nicht die höchsten Ausländeranteile an der Bevölkerung aufweisen. Zu den Bezirken mit weit unter dem städtischen Durchschnitt liegenden Ausländeranteilen zählen Teile von Arheilgen, das Paulusviertel, Teile des östlichen Stadtgebietes, Eberstadt sowie die Ludwigshöhe und die Heimstättensiedlung (vgl. Wissenschaftsstadt Darmstadt 2012b: 8 ff.). Die Verteilung der ausländischen Bevölkerung im Stadtgebiet der Stadt Darmstadt kann Abbildung 2 entnommen werden. Vergleichbare Darstellungen und kartographische Aufarbeitungen zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung im Landkreis Darmstadt-Dieburg haben sich in den Recherchen nicht gezeigt. Bei den Analysen zu den Wanderungsbewegungen im Landkreis findet sich allerdings die Feststellung, dass die Zuwanderungen aus dem Ausland –wobei rund 80 Prozent dieser Zuwanderer eine ausländische Staatsbürgerschaft haben – in den letzten Jahren zugenommen und im Jahr 2011 über 15 Prozent aller Zuzüge in den Landkreis ausgemacht haben (vgl. Kreisausschuss des Landkreises Darmstadt- Dieburg 2013: 5 ff.). Hinsichtlich der Ausländeranteile an der jeweiligen Gesamtbevölkerung in den 23 Städten und Gemeinden des Landkreises geben die Daten des Hessischen Statistischen Landesamtes, wie in Tabelle 2 zusammengefasst, Auskunft. Tab. 2: Ausländeranteile in den Städten und Gemeinden des Landkreises Darmstadt- Dieburg (Stand: 31.12.2011) Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage von: Hessisches Statistisches Landesamt 2013 Zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt 78 Abb. 2: Ausländeranteil der Bevölkerung der Stadt Darmstadt nach statistischen Bezirken (Stand: 31.12.2011) Quelle: Wissenschaftsstadt Darmstadt 2012b: 10 Zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt 79 Im Landkreis Darmstadt-Dieburg insgesamt lag der Ausländeranteil am 31.12.2011 demnach bei etwas über 10 Prozent; in der Stadt Darmstadt wie bereits dargestellt bei deutlich über 16 Prozent. 4 Ursachen für die heutige Situation im Untersuchungsgebiet Zur Klärung der Frage nach den Ursachen für die heutige Ausprägung der Wohnstandorte und vor allem nach den Ursachen für die räumliche Verteilung der ausländischen Bevölkerung im Stadtgebiet von Darmstadt sowie in den Kommunen des Landkreises Darmstadt-Dieburg konnte insbesondere auf die Ergebnisse der Expertenbefragungen zurückgegriffen werden. Nach Ansicht der Expertinnen und Experten gibt es für die derzeitige Verteilung im Stadtgebiet folgende Erklärungsmuster:  Die Stadtbezirke mit überdurchschnittlichen Ausländeranteilen sind tendenziell die weniger beliebten Wohnstandorte mit eher niedrigen Wohnstandards. Sie sind geprägt durch hohe Anteile der Nutzungen „Industrie und Gewerbe“, „Handel“ sowie „Dienstleistungen“. Besonders beliebt sind zudem bei der großen Zahl der ausländischen Studierenden vor allem die innenstadtnahen Lagen mit mehrstöckigen Mehrfamilienhäusern mit älterer Baustruktur sowie die dortigen Wohnheime.  Die Stadtbezirke mit unterdurchschnittlichen Ausländeranteilen weisen in der Regel Wohn- und Siedlungsstrukturen mit höherem Anteil an Wohneigentum, Ein- und Zweifamilienhäusern sowie Haushalte mit mittlerem bzw. höherem Einkommen und einer hohen Beschäftigungsquote auf. Die Hauptursachen für eine tendenzielle Konzentration in bestimmten Stadtbezirken bzw. für überdurchschnittliche Ausländeranteile in diesen Bezirken werden insbesondere in den Einkommensverhältnissen und den spezifischen Wohnbedarfen des größeren Teiles der ausländischen Bevölkerung vermutet. Familiengerechte und preiswerte Wohnungen für sozial schwache Familien ausländischer Herkunft – aber auch deutscher Herkunft – finden sich (auch) in Darmstadt eben in den weniger attraktiven Bezirken. Geringverdiener und sozial schwache Haushalte – zu denen ein größerer Teil der ausländischen Bevölkerung zählt – sind oftmals gezwungen in diese Bezirke auszuweichen; sie haben geringere Wahlmöglichkeiten auf dem Wohnungsmarkt in Darmstadt. Hinzu kommen als spezifische Gruppe die ausländischen Studierenden, für die erschwinglicher Wohnraum bei zugleich kurzen Wegen innerhalb der Stadt eine Fokussierung auf die Innenstadtlagen bedingen. Für die derzeitige Verteilung der ausländischen Bevölkerung im Landkreis Darmstadt- Dieburg nennen die Expertinnen und Experten folgende Erklärungen:  Bei den Städten und Gemeinden mit überdurchschnittlichen Ausländeranteilen handelt es sich tendenziell um die einwohnerstärkeren Kommunen im Landkreis, die zugleich größere Gebiete mit sozialem Wohnungsbau bzw. Mietwohnungsbau aufweisen. Die höchsten Ausländeranteile haben hierbei die einwohnerstarken Kommunen, die in unmittelbarer Nähe bzw. günstiger Erreichbarkeit (insbesondere auch mit dem öffentlichen Personennahverkehr) zur Stadt Darmstadt liegen.  Bei den beiden Gemeinden mit deutlich unterdurchschnittlichen Ausländeranteilen handelt es sich um sehr stark ländlich geprägte Kommunen mit dörflichem Charakter sowie zugleich geringerem Arbeitsplatzangebot. Zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt 80 Deutlich wird, dass keine der Landkreiskommunen einen Ausländeranteil aufweist, der höher als der von Darmstadt ist. Es steht zu vermuten, dass das Wohnen von ausländischen Studierenden außerhalb der Stadt nur von unwesentlicher Bedeutung ist. Auch im Umland der Stadt findet aber eine Konzentration ausländischer Bevölkerung insbesondere orientiert an der Erschwinglichkeit von Wohnraum statt. Städte und Gemeinden mit Wohnraum für Geringverdiener bei gleichzeitiger Erreichbarkeit des Oberzentrums Darmstadt mit seinem Arbeitsplatzangebot sind die bevorzugten Wohngemeinden für die ausländische Bevölkerung im Umfeld der Stadt. Die für die Stadtbezirke der Stadt Darmstadt beschriebenen Verdrängungs- und Ausweichmuster zeichnen sich wohl in das Umland fort. 5 Daraus ableitbare Chancen und Probleme Aus den dargestellten Entwicklungen einschließlich der vermuteten Ursachen lassen sich verschiedene Chancen, aber auch mögliche Probleme ableiten. Basierend auf der Befragung der Expertinnen und Experten sowie der Analyse der Thematisierung der Wohnsituation der ausländischen Bevölkerung in der Tageszeitung „Darmstädter Echo“ sind die in Tabelle 3 zusammengefassten Chancen und Probleme als besonders wesentlich anzusehen, da diesen ein breiter Raum eingeräumt wurde. Tab. 3: Räumliche Verteilung der ausländischen Bevölkerung – Chancen und Probleme Quelle: Eigene Darstellung Zusammenfassend ist festzustellen, dass es derzeit mit Blick auf die räumliche Verteilung der ausländischen Bevölkerung in Darmstadt (bislang) keine zu ausgeprägten Problemstadtteile gibt. Auch der Blick in das Umland ändert nichts an diesem Befund; es ist kein zu ausgeprägtes Stadt-Umland-Gefälle bezüglich der räumlichen Verteilung der ausländischen Bevölkerung gegeben. Viele Vorteile, wie die Innovationsfähigkeit einer interkulturellen Gesellschaft und die Internationalität als Beitrag zur Zukunftsfähigkeit, sind in Darmstadt und Umland spürbar. Zudem mindert der Zuzug aus dem Ausland nachgewiesenermaßen die möglichen negativen Folgen des demographischen Wandels in der Region. Zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt 81 Spürbar wird in der Stadt Darmstadt und im Umland aber auch eine zunehmende Verknappung von bezahlbarem Wohnraum. Damit verbunden zeigt sich die Gefahr einer zunehmenden Verdrängung von Teilen der ausländischen Bevölkerung sowie die einer sich ausprägenden räumlichen Segregation mit allen daraus resultierenden sozialen Folgeproblemen. Fehlender bezahlbarer Wohnraum kann zudem die Attraktivität der Wissenschaftsstadt Darmstadt als Studienort gerade auch bei den ausländischen Studierenden deutlich mindern. Mit Blick auf die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse und Ergebnisse von Studien und Untersuchungen zur räumlichen Verteilung der ausländischen Bevölkerung ist zusammenfassend festzustellen, dass sich die Entwicklungen und deren Folgen in der Stadt Darmstadt und deren Umland sicherlich als „typisch“ für nach wie vor wachsende Ballungsräume bezeichnen lassen. Insofern sind diese Untersuchungsergebnisse nicht überraschend, wenngleich sie auf wichtige Handlungserfordernisse in der Region hinweisen. 6 Fazit und Handlungsempfehlungen Diese Untersuchung zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt sowie deren engerem Umland hat verdeutlicht, dass eine intensive Auseinandersetzung hiermit im stadtregionalen Kontext erst in den Anfängen steckt. Durch eine intensivere Betrachtung der derzeitigen Entwicklungen und Perspektiven könnten Politik und Verwaltung die Chancen in diesem Bereich deutlicher erkennen und so auch möglichen Fehlentwicklungen vorgreifen bzw. diese verhindern. Im Wesentlichen lassen sich als Fazit dieser Untersuchung insgesamt drei Handlungsempfehlungen formulieren:  Die Auseinandersetzung mit den Perspektiven der räumlichen Verteilung der ausländischen Bevölkerung in der Stadt Darmstadt und deren engerem Umland sollte mehr als bislang in den Mittelpunkt des Handelns von Politik und Verwaltung gestellt werden. Eine regionale Sichtweise ist hierzu unerlässlich. Die Stadt Darmstadt und die Gebietskörperschaften im Umland sollten dazu enger kooperieren als bisher.  Wichtige Grundlage für eine engere und intensivere regionale Zusammenarbeit ist eine sachgerechte Datenbasis. Die vorhandenen Daten zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung für die Stadt Darmstadt und deren Umland sollten zusammengeführt und ergänzt bzw. komplettiert werden. Eine stabile Datengrundlage ist Grundvoraussetzung für die Ableitung von möglichen und notwendigen Initiativen, Maßnahmen oder Projekten.  Aufbauend hierauf sollten dann im Schulterschluss von Stadt und Umland gemeinsame Zielvorstellungen und sich darauf beziehende Initiativen, Maßnahmen und Projekte entwickelt werden. Hierbei wird an vielen Stellen nicht „das Rad neu zu erfinden sein“, vielmehr gilt es vor allem die bereits heute anzutreffende Vielzahl an integrations- und wohnungspolitischen Maßnahmen in der Region auch stärker zu vernetzen und transparenter zu gestalten. Diese Handlungsempfehlungen, die zuvorderst an die Politik und Verwaltung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt und im Landkreis Darmstadt-Dieburg gerichtet sind, können Hinweise für eine künftig intensivere Auseinandersetzung mit den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Region geben. Die Chancen sollten genutzt und (künftige) Probleme minimiert werden. Zu den Wohnstandorten der ausländischen Bevölkerung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt 82 Eine besondere Verantwortung liegt hierbei aber auch bei den Institutionen der Raumordnung. Vor allem die Regionalplanung kann und muss als wichtiger Akteur mehr als bislang eine nach Bevölkerungsgruppen differenzierte Sichtweise bei der Steuerung bzw. Planung der regionalen Wohn- und Siedlungsentwicklung in den Vordergrund stellen. Die diesbezüglichen Handlungsspielräume sind enorm. Literatur Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.) (2012): Raumordnungsbericht 2011. Bonn. Hessisches Ministerium der Justiz, für Integration und Europa (2013): „Integration findet vor Ort statt.“ Befragung der hessischen Kommunen zum Stand ihrer Integrationspolitik. Wiesbaden. Hessisches Ministerium der Justiz, für Integration und Europa (2010): Integration nach Maß – Der Hessische Integrationsmonitor 2010. Wiesbaden. Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung (Hrsg.) (2000): Landesentwicklungsplan Hessen 2000. Wiesbaden. Hessisches Statistisches Landesamt (Hrsg.) (2013): Deutsche und Nichtdeutsche im Landkreis Darmstadt-Dieburg nach Altersgruppen am 31.12.2011. Wiesbaden. Hessisches Statistisches Landesamt (Hrsg.) (2012): Hessische Kreiszahlen. Ausgewählte Daten für Landkreise und kreisfreie Städte. Band 2, 2012. Wiesbaden. Kreisausschuss des Landkreises Darmstadt-Dieburg (Hrsg.) (2013): Wanderungsbeziehungen Darmstadt-Dieburg 2011. Darmstadt. Landkreis Darmstadt-Dieburg (Hrsg.) (2010): Landkreis Darmstadt-Dieburg – Service für Unternehmer, Investoren und Existenzgründer. Darmstadt. Regierungspräsidium Darmstadt; Regionalverband FrankfurtRheinMain (Hrsg.) (2011): Regionalplan Südhessen/ Regionaler Flächennutzungsplan 2010. Darmstadt und Frankfurt am Main. Wissenschaftsstadt Darmstadt (Hrsg.) (2012a): Weltoffenes Darmstadt leben und gestalten – Bericht zur kommunalen Integrationspolitik und Integrationsarbeit. Darmstadt. Wissenschaftsstadt Darmstadt (Hrsg.) (2012b): Statistische Berichte 1. Halbjahr 2012. Sonderbeitrag: Darmstadts ausländische Bevölkerung. Darmstadt. Autor Jan Hilligardt (*1970), Priv.-Doz. Dr. habil., Geschäftsführender Direktor des Hessischen Landkreistages in Wiesbaden und Privatdozent für Stadt- und Regionalentwicklung/Raumplanung an der Technischen Universität Darmstadt, Korrespondierendes Mitglied der ARL. Wohnsituation der atypischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger 89 len Fällen ist davon auszugehen, dass diese ursprünglich aus weiter entfernten Regionen nach Luxemburg gezogen sind und nun – unter Beibehaltung ihres Arbeitsplatzes im Großherzogtum – in ihr Heimatland zurückziehen. Dies kann unterschiedliche Ursachen haben, etwa Integrationsschwierigkeiten aufgrund der Mehrsprachigkeit im luxemburgischen Alltag oder des dortigen Bildungssystems (Interregionale Arbeitsmarktbeobachtungsstelle 2012: 10 f.). Mehr als die Hälfte der Abwanderinnen und Abwanderer mit luxemburgischer Nationalität ziehen ebenfalls in die rheinland-pfälzischen und saarländischen Grenzräume (Carpentier 2010: 29 ff.). Dies ist allerdings eine neuere Entwicklung, bis in die 2000er Jahre bevorzugten die luxemburgischen Migrantinnen und Migranten eher Wohnstandorte in Frankreich und Belgien (Interregionale Arbeitsmarktbeobachtungsstelle 2012: 127). 2.3.1 Verfügbarkeit und Lage der Siedlungsflächen Die Grundvoraussetzung für die Zuwanderung in die betroffenen Gemeinden ist die Verfügbarkeit von Siedlungsflächen. Die meisten Abwanderinnen und Abwanderer aus Luxemburg bevorzugen Siedlungsstandorte mit verfügbaren Grundstücken, die günstiger als im Herkunftsgebiet sind. Auch die Lage der Siedlungsstandorte spielt eine große Rolle, sie sollten möglichst nah am Herkunftsgebiet liegen. Die luxemburgischen Zuwanderinnen und Zuwanderer nach Rheinland-Pfalz stammen somit hauptsächlich aus dem Osten des Großherzogtums. In Rheinland-Pfalz gehören Städte und Gemeinden mit zentralörtlichen Funktionen, etwa Trier und Konz oder grenznahe Gemeinden wie Nittel und Wincheringen, zu den Hauptzielen der Zuwanderinnen und Zuwanderer. Aber auch die umliegenden Kommunen ohne zentralörtliche Funktion, wie Bollendorf, Echternacherbrück oder Palzem, ziehen aufgrund ihrer guten Verkehrsanbindung viele Zuzüglerinnen und Zuzügler aus Luxemburg an. Die Hälfte der Zuwanderer bevorzugt Standorte in unmittelbarer Grenznähe. Weitere circa 40 Prozent der Zuzüglerinnen und Zuzügler wählen Wohnstandorte in einer Entfernung von bis zu 30 Kilometern zur Grenze (Carpentier 2010: 63, 70 ff.). Die Betrachtung des Bevölkerungswachstums in den Ortsgemeinden im Untersuchungsraum macht deutlich, dass ein Bevölkerungswachstum aufgrund atypischer Grenzgängerinnen und Grenzgänger eher in kleineren Ortsgemeinden als in Zentren stattfindet. Dementsprechend scheinen die Lage einer Gemeinde, die Verfügbarkeit von Siedlungsflächen und die Erreichbarkeit des Arbeitsortes bei der Wohnstandortwahl eine größere Rolle zu spielen als die zentralörtliche Funktion (Planungsgemeinschaft Region Trier 2007: 7, 21). Parallel zum Bevölkerungswachstum stiegen die Preise für baureifes Land stärker an, als dies für die verzeichneten Zuwanderungsströme zu erwarten wäre. Hieraus lässt sich schließen, dass in den betroffenen Gemeinden nicht ausreichend baureifes Land zur Verfügung steht. Es stellt sich die Frage, ob der bestehende Handlungsbedarf hier bisher nicht erkannt wurde oder ob diese Abweichungen den langen Planungsprozessen geschuldet sind (Arnold 2008: 9). Der Druck auf die Baulandpreise wird durch die verstärkten Investitionen in Immobilien in Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise zusätzlich gesteigert (Uken 2011). 2.3.2 Verkehrsinfrastruktur und Erreichbarkeit der Aktivitätsräume Die Zuwanderinnen und Zuwanderer aus Luxemburg sind überwiegend im erwerbsfähigen Alter (L‘observatoire de l’habitat 2010b: 1). Da die atypischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger ihren Arbeitsplatz in Luxemburg im Regelfall beibehalten, ist die Anbindung an den Arbeitsstandort von großer Bedeutung. Somit gehört die Verkehrsanbin- Wohnsituation der atypischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger 90 dung der Wohnstandorte zu den Hauptstandortfaktoren, die Zuzüglerinnen und Zuzügler bei der Auswahl ihrer Zielgemeinde berücksichtigen. Das Straßennetz im Analyseraum ist so ausgebaut, dass die Arbeitsplatzschwerpunkte in Luxemburg grundsätzlich gut erreichbar sind. Hauptverkehrsträger sind Autobahnen und Bundesstraßen. Aufgrund des nur wenig ausgebauten grenzübergreifenden öffentlichen Personennahverkehrs sind viele Pendlerinnen und Pendler gezwungen, auf den motorisierten Individualverkehr zurückzugreifen (Ministère des Transports/Ministère des Travaux Publics/Ministère de l’Intérieur et de l‘Aménagement du Territoire et al. 2008: 48). Mit der Verlagerung des Wohnsitzes ins Ausland verändert sich aber auch der Aktivitätsraum der Zuzüglerinnen und Zuzügler. Hierbei ist auffällig, dass nur ein Teil der Aktivitäten in die neue Wohnregion verlagert wird, ein anderer Teil hingegen am Arbeitsplatz verbleibt. Die Aktivitätsräume werden also allgemein größer. Dies wirkt sich auch auf das Verkehrsaufkommen aus. Die frei wählbaren Aktivitäten werden in den meisten Fällen zwischen dem Wohn- und dem Arbeitsplatzstandort aufgeteilt, wobei verschiedene Kriterien entscheidend sind. Einkäufe und die Inanspruchnahme verschiedener Dienstleistungen werden beispielsweise meist an den Wohnstandort transferiert, da die räumliche Nähe hier wichtig ist. Arztbesuche werden hingegen oft im Großherzogtum getätigt. In den meisten Fällen wird der Hauptaktivitätsort zum Arbeitsplatz verlagert. Die meisten Zuwanderinnen und Zuwanderer in den deutschen Grenzraum bleiben also hauptsächlich im Großherzogtum aktiv (Carpentier 2010: 91 ff.). 3 Zuzüge aus dem Großherzogtum Luxemburg in den saarländischen Grenzraum – Wohnsituation der Luxemburger in der Gemeinde Perl 3.1 Charakterisierung der Gemeinde Perl und methodische Vorgehensweise Die saarländische Gemeinde Perl, die sich aus insgesamt 14 Ortsteilen zusammensetzt, gehört zum Landkreis Merzig-Wadern, der sich im Nordwesten des Saarlandes befindet. Charakteristisch für die Gemeinde ist die Lage des Landkreises Merzig-Wadern im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und Luxemburg sowie in der grenzüberschreitenden Großregion. Durch die Grenzlage der Gemeinde Perl, die unter anderem im Westen an die luxemburgische Gemeinde Schengen angrenzt, sowie den direkten Zugang zur Bundesautobahn A 8, die auf luxemburgischer Seite in die A 13 übergeht, ist eine gute Verkehrsanbindung an die 35 Kilometer entfernte Stadt Luxemburg gesichert. Sowohl die Nähe und Anbindung nach Luxemburg als auch die auf deutscher Seite günstigeren Immobilienpreise machen die Gemeinde für Abwanderinnen und Abwanderer aus Luxemburg attraktiv. Während 1990 lediglich 55 Personen mit luxemburgischer Staatsangehörigkeit in der Gemeinde lebten, erhöhte sich diese Zahl bis zum Jahr 2000 auf 130 und bis 2005 auf 339 Personen. Besonders groß war der Anstieg innerhalb des Zeitraums von 2007 bis 2010, in dem sich die Einwohnerzahl der Luxemburger von 634 auf 1.272 Personen mehr als verdoppelte (Nienaber/Kriszan 2013: 224 f.). Dies spiegelt sich in einem starken Anstieg der Einwohnerzahlen der Gemeinde Perl von 1990 bis 2011 wider. Nach Berechnungen der Bertelsmann Stiftung erhöhte sich allein im Zeitraum von 2003 bis 2012 die Bevölkerung um 22,4 Prozent (Bertelsmann Stiftung o. J.). Verbunden ist der durch den Zuzug atypischer Grenzgänger hervorgerufene Bevölkerungsanstieg mit einem erhöhten Ausländeranteil in der Gemeinde. So wies die Gemeinde Perl im Jahr 2012 mit 32,7 Prozent einen für ländliche Räume außergewöhnlich Wohnsituation der atypischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger 91 hohen Ausländeranteil auf (Bertelsmann Stiftung o. J; Nienaber/Roos 2012b: 97). Eine Betrachtung auf Ortsteilebene zeigt jedoch, dass die Ausländeranteile zwischen 36 Prozent in Münzingen und 6,3 Prozent in Keßlingen schwanken. Gleichzeitig variieren auch die Anteile der Luxemburgerinnen und Luxemburger an der Gesamtbevölkerung (s. Abb. 2). So verzeichnen – relativ gesehen – Münzingen, Sinz und Wochern die meisten Luxemburgerinnen und Luxemburger an der Gesamtbevölkerung, während in absoluten Zahlen die höchsten Werte mit 434, 177 und 174 Luxemburgerinnen und Luxemburger in den Ortsteilen Perl, Besch und Nennig erreicht werden (Nienaber/Kriszan 2013: 225). Abb. 2: Die saarländische Gemeinde Perl mit Ortsteilen, Ausländeranteilen und Anteilen der Luxemburgerinnen und Luxemburger an der Gesamtbevölkerung Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage von: Chef der Staatskanzlei o. J. Mit dem Zuzug der Luxemburgerinnen und Luxemburger ist eine hohe Neubauquote durch Nichtdeutsche verbunden, was eine Besonderheit des atypischen Grenzgängerwesens darstellt. Sie gründet in Preisunterschieden sowie Unterschieden auf dem Wohnungsmarkt. Zur Wahrung der Identität der einzelnen Ortsteile hat die Gemeinde Perl im Jahr 2009 Vergaberichtlinien für die Überlassung von Wohnbaustellen festgelegt, wonach ortsansässige Bewerber um eine Wohnbaustelle vorrangig berücksichtigt werden (Gemeinde Perl 2009: 1). Auch gibt es Preisunterschiede für ortsansässige Käufer (82,50 €/m² im Jahr 2014) und für andere Interessenten (107,50 €/m² im Jahr 2014) (Gemeinde Perl o. J.; Nienaber/Roos 2012b). Wohnsituation der atypischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger 92 Die im Folgenden dargestellten Forschungsergebnisse basieren auf der Durchführung einer postalischen, quantitativen Befragung mithilfe eines standardisierten und anonymisierten Fragebogens aus dem Jahr 2010. Inhaltlich bestand der Fragebogen aus den Bereichen „Soziodemographische Aspekte“, „Wohnsituation und Wohnumfeld“ sowie „Integration und Möglichkeiten zur Integration“, die in Form von geschlossenen, offenen und Hybridfragen abgedeckt wurden. Die Stichprobenziehung erfolgte durch das Einwohnermeldeamt der Gemeinde Perl. Es handelte sich dabei um eine Haushaltsstichprobe von 250 Personen ausländischer Staatsangehörigkeit mit einem Mindestalter von 18 Jahren, verteilt über alle Ortsteile. Bis zum Einsendeschluss wurden insgesamt 58 Fragebögen zurückgesandt, wovon alle 58 auswertbar waren. Dies entspricht einem Rücklauf von 23,2 Prozent. Diese Rücklaufquote ist als sehr gut einzustufen, da nach Reuber und Pfaffenbach (2005: 87) bei schriftlichen Befragungen in der Regel lediglich mit einer Rücklaufquote von unter 15 Prozent zu rechnen ist. Drei Viertel der zurückgesandten Fragebögen wurden von Personen luxemburgischer Staatsangehörigkeit ausgefüllt. Die dargestellten Ergebnisse beziehen sich lediglich auf diese Personengruppe und umfassen nur den Themenblock „Wohnsituation und Wohnumfeld“ sowie vereinzelte Aspekte aus dem Bereich „Integration und Möglichkeiten zur Integration“. Zur Vertiefung der Ergebnisse für das Thema „Wohnsituation und Wohnumfeld“ wurde ergänzend 2011 eine Kartierung der 251 von Luxemburgerinnen und Luxemburgern bewohnten Häuser in den beiden Ortsteilen Perl und Besch durchgeführt. Dazu wurden beispielsweise Merkmale wie Alter des Wohngebiets, Straßenlage, Haustyp, Alter des Hauses, Zustand des Hauses, Hausnutzung, Personen je Haushalt sowie soziodemographische Merkmale der Bewohnerinnen und Bewohner operationalisiert. Mit der Festlegung von spezifischen Kategorien konnten die beobachtbaren Merkmale erfasst werden. In Anlehnung an die von Grümer (1974: 43) sowie Schnell, Hill und Esser (1999: 364 f.) formulierten Anforderungen an Kategorien wurde einerseits die Eindimensionalität der Messung und andererseits die Ausschließlichkeit sowie Vollständigkeit und Konkretion berücksichtigt. Ebenso wurde aus praktischen Gründen auf eine Begrenzung der einzelnen Kategorien geachtet (Meier Kruker/Rauh 2005: 87). Informationen zu soziodemographischen Merkmalen konnten aus den Angaben des Einwohnermeldeamtes der Gemeinde Perl entnommen werden. 3.2 Soziodemographische Aspekte der Befragten Im Folgenden werden ausgewählte soziodemographische Aspekte der im Rahmen der schriftlichen, standardisierten Untersuchung der erfolgreich befragten Personen tabellarisch zusammengefasst. Die dargestellten Ergebnisse beziehen sich lediglich auf die Personen mit luxemburgischer Staatsangehörigkeit. Wohnsituation der atypischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger 93 Tab. 1: Soziodemographische Aspekte (Auswahl) der erfolgreich befragten Personen mit luxemburgischer Staatsangehörigkeit (in Prozent)2 2 Die Anzahl der Antwortausfälle hängt von einer jeden Fragestellung ab und kann daher von Frage zu Frage schwanken. Aus diesem Grund variiert N zwischen Werten von 42 und 44. Wohnsituation der atypischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger 94 Quelle: Eigene Erhebung 2010 3.3 Wohnsituation der Luxemburgerinnen und Luxemburger in der Gemeinde Perl Ein sehr großer Teil der befragten Luxemburgerinnen und Luxemburger besitzt Eigentum in Form eines Wohnhauses oder einer Wohnung, was der sehr hohen Eigentumsquote im Saarland entspricht (59,5 Prozent im Jahr 2008) (BBR o. J.). Wird zwischen den beiden Wohnungsformen differenziert, dominiert mehrheitlich das Einfamilienhaus. Diese hohe Eigenheimquote der Luxemburgerinnen und Luxemburger gründet auf dem Preisunterschied zwischen dem Saarland und dem Großherzogtum, der je nach Wohnsegment zwischen -35 bis -45 Prozent liegt (Gerber/Licheron 2010: 64). Demnach gehen die grenzüberschreitenden Umzüge häufig „mit einer Änderung des Bewohnerstatus (aus Mietern werden Eigentümer) und einer Änderung des Wohnsegments (Wechsel von einer Wohnung zu einem Einfamilienhaus)” (Gerber/Licheron 2010: 85) einher (Nienaber/Roos 2012b). Begründet wird die Wohnortwahl in der Gemeinde Perl mit der Attraktivität der Gemeinde, die sich in unterschiedlichen Aspekten widerspiegelt. So schätzt die Untersuchungsgruppe vor allem die Grenznähe und die geringeren Wohnpreise. Ebenso spielt die gute Verkehrsanbindung an das Großherzogtum Luxemburg eine wichtige Rolle, sodass in Verbindung mit der grenznahen Lage ein tägliches Pendeln zum Arbeitsplatz ermöglicht wird. Aber auch die ländliche Umgebung der Gemeinde Perl und des Landkreises Merzig-Wadern werden von den Luxemburgerinnen und Luxemburgern geschätzt (Nienaber/Roos 2012b). Der grenzüberschreitende Umzug in die saarländische Gemeinde erfolgte bei den meisten Befragten im Zeitraum der Jahre 2005 bis 2008, was mit einer deutlichen Zunahme der Einwohnerzahl und einer verstärkten Ausweisung von Neubaugebieten verbunden war. Für eine Verlagerung des Wohnortes entschieden sich vor allem Ehepartner beziehungsweise in Partnerschaft befindliche Personen mit und ohne eigene Kinder. Die von Zuzüglern aus Luxemburg bewohnten Häuser in den Ortsteilen Perl und Besch sind zu 55,5 Prozent Einfamilienhäuser, gefolgt von Mehrfamilienhäusern (19,7 Prozent) und Doppelhaushälften (16,0 Prozent). Diese befinden sich meist in den Neubaugebieten der beiden Ortsteile und damit in ruhigeren Nebenstraßen. Folglich handelt es sich in 60,9 Prozent der Fälle um neugebaute Objekte, die teilweise speziell von luxemburgischen Baugesellschaften beworben und gebaut werden (s. Abb. 3). Jedoch wurden teilweise auch die bewohnten Altbauten zumindest äußerlich in den vergangenen Jahren saniert. Entsprechend der überwiegenden Lage der Wohnobjekte in Wohngebieten Wohnsituation der atypischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger 95 werden die Häuser nahezu vollständig zu Wohnzwecken genutzt. Lediglich in Einzelfällen umfasst die Hausnutzung neben dem Bereich „Wohnen“ zusätzlich noch gewerbliche Zwecke. Abb. 3: Werbung einer luxemburgischen Baugesellschaft und ein Neubaugebiet in der Gemeinde Perl Quelle: Nienaber 2011 In den Häusern wohnen in der Regel mehrere Personen luxemburgischer Nationalität sowie vereinzelt auch Personen mit einer luxemburgischen Doppelstaatsbürgerschaft (u. a. luxemburgisch-deutsch, luxemburgisch-portugiesisch, luxemburgisch-moldawisch und luxemburgisch-kapverdisch) zusammen. Ein Viertel der Luxemburgerinnen und Luxemburger lebt in Perl und Besch in Einpersonenhaushalten. Insgesamt dominieren in den beiden Ortsteilen Zweipersonenhaushalte, gefolgt von Haushalten mit drei Personen. Eine Besonderheit stellt das Seniorenheim Moselpark in Perl sowie das Alten- und Pflegeheim St. Franziskus in Besch dar, wo 152 beziehungsweise 60 Personen zusammenleben. Darunter befinden sich 91 beziehungsweise 11 Bewohnerinnen und Bewohner mit luxemburgischer Staatsangehörigkeit. Die Altersstruktur der luxemburgischen Hausbewohner in den beiden Ortsteilen wird durch einen hohen Anteil von Personen im Alter von 31 bis 65 Jahren charakterisiert. Es folgen 0- bis 14-Jährige, 22- bis 30-Jährige und Personen mit einem Alter von über 65 Jahren sowie Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 15 bis 21 Jahren. In den ethnisch-kulturell gemischten Wohngebieten, in denen die Untersuchungspersonen leben, bieten sich im Alltag viele Möglichkeiten für Intergruppenkontakte und Gelegenheiten zum Austausch. Diese Möglichkeiten werden von der Mehrheit der Befragten wahrgenommen, die angeben, dass häufig oder zumindest manchmal Kontakte zwischen ihrem Haushalt und den deutschen Nachbarn bestehen. Dennoch besteht auch die Gefahr der Segregation innerhalb der Gemeinde und möglicherweise der Abschottung, da die atypischen luxemburgischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger in der Regel in überwiegend von Luxemburgern bewohnte Neubaugebiete ziehen (Nienaber/Kriszan 2013: 226, 231). Hervorgerufen wird dies einerseits durch deren hohe Neubauquote sowie andererseits durch steigende Immobilien- und Baugrundstückspreise. Dies spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Befragung wider. So beschreiben drei Viertel der Untersuchungsgruppe, dass in ihrem direkten Wohnumfeld viele weitere Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit, vermutlich Luxemburger, leben. Auch zu den Nachbarn ausländischer Staatsangehörigkeit existieren Kontakte, wobei diese etwas weniger intensiv sind als zu einheimischen Anwohnern. Die Analyse der Gründe Wohnsituation der atypischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger 96 für interethnische beziehungsweise ethnische Kontakte zeigt, dass in erster Linie Freundschaften, gefolgt von einer gemeinsamen Freizeitgestaltung und Kontakten über die Kinder dominieren (Nienaber/Roos 2012b). Die Begegnung mit sowie der Austausch zwischen deutschen und luxemburgischen Kindern beziehungsweise Jugendlichen wurde in der Gemeinde Perl in besonderem Maße durch die Gründung des deutschluxemburgischen Schengen-Lyzeums im Jahr 2006 gefördert. So werden in der grenzüberschreitenden Schule vor allem Schüler aus Deutschland und Luxemburg gemeinsam unterrichtet. Darüber hinaus spielen aber auch organisatorische Verpflichtungen sowie infrastrukturelle Kontakte (z. B. Einkaufsmöglichkeiten) eine Rolle. Jedoch bestehen über das direkte Wohnumfeld hinaus meist nur wenige Kontakte zu Einheimischen, da die luxemburgischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger häufig durch ihren Freundeskreis und ihre berufliche Einbindung weiterhin stark mit dem Großherzogtum Luxemburg verbunden sind (Nienaber/Kriszan 2013: 226; Frys/Nienaber 2011: 103). Dies könnte gemeinsam mit einer meist fehlenden Mitgliedschaft in örtlichen Vereinen oder fehlendem ehrenamtlichen Engagement einer sozialen Integration in die Gemeinde entgegenwirken (Nienaber/Roos 2012b). Unabhängig davon fühlt sich die Mehrheit in ihrer Nachbarschaft wohl oder sehr wohl. Ein Gradmesser für das Gefühl des Wohlbefindens ist das Maß der Akzeptanz und Toleranz innerhalb des Wohnumfeldes. So erleben die befragten Luxemburgerinnen und Luxemburger in ihrem direkten Wohnumfeld überwiegend ein Gefühl der Toleranz und Akzeptanz. Entsprechend plant auch niemand der Befragten, innerhalb der nächsten fünf Jahre seinen Wohnsitz außerhalb der Gemeinde Perl zu verlegen (Nienaber/Roos 2012b). 4 Fazit Die Zuwanderung in den Grenzraum führt in den Untersuchungsgebieten zu einem Bevölkerungswachstum. Die Zuzüglerinnen und Zuzügler in den deutschen Grenzraum verlagern im Regelfall nur ihren Wohnsitz und behalten ihren Arbeitsplatz in Luxemburg bei. Aus diesem Grund wählen die Zuwanderinnen und Zuwanderer hauptsächlich Wohnstandorte in unmittelbarer Grenznähe, ihr Aktivitätsraum bleibt aber auf das Großherzogtum fokussiert. Bei den Zuzüglerinnen und Zuzüglern in die Untersuchungsräume handelt es sich hauptsächlich um zurückkehrende Deutsche und abwandernde Luxemburger. Diese ziehen jedoch aus unterschiedlichen Gründen in den Grenzraum. Bei beiden Gruppen lassen sich finanzielle Migrationsgründe feststellen. Hierzu gehören beispielsweise die hohen Bodenpreise in Luxemburg und die damit verbundenen Schwierigkeiten, die bevorzugte Wohnform – das freistehende Einfamilienhaus – umzusetzen. Darüber hinaus sind auch kulturelle und familiäre Ursachen ein häufiger Abwanderungsgrund. Das durch die Zuwanderung verursachte Bevölkerungswachstum trägt gemeinsam mit dem hohen Grenzgängeraufkommen in den beiden Untersuchungsgebieten zu unterschiedlichen neuen Herausforderungen bei. Diese bringen diverse Konsequenzen für die Planung und die zukünftige Entwicklung mit sich. So erhöht der durch das Bevölkerungswachstum verursachte Siedlungsdruck das Risiko der Zersiedelung der Landschaft. Da die atypischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger ihren Aktivitätsraum nur in geringem Maße an ihrem neuen Wohnstandort nutzen, integrieren sie sich im Regelfall nur wenig in die bestehenden Gemeinschaftsstrukturen. Der Verbleib des Arbeitsplatzes in Luxemburg trägt zu einem hohen Grenzgängeraufkommen bei. Das Grenzgängeraufkommen geht aufgrund des nur wenig ausgebauten grenzüberschreitenden ÖPNV mit Wohnsituation der atypischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger 97 einem erhöhten Verkehrsaufkommen einher. Dementsprechend wird im Bereich der (grenzübergreifenden) Verkehrsmobilität großer Handlungsbedarf gesehen. Da die Zuwanderung nicht nur Gemeinden mit zentralörtlichen Funktionen, sondern alle Kommunen mit einer guten Verkehrsanbindung entlang der Grenze betrifft, werden auch die Sicherung der Daseinsvorsorge und das Zentrale-Orte-Konzept mit neuen Handlungserfordernissen konfrontiert. Hieraus ergibt sich das Erfordernis einer grenzübergreifenden räumlichen Planung. Literatur Arnold, K. (2008): Migrationsprozesse im Raum Trier in Abhängigkeit vom lokalen Grundstücksmarkt. http://cpe.arubi.uni-kl.de/97ED93AD-EC16-4483-873A1E6C9A955B8A/FinalDownload/ DownloadId-A6C2712D45C1419647E6A03D4F0820FB/97ED93AD-EC16-4483-873A-1E6C9A 955B8A/MP-Trier/Diplomarbeit.pdf (13.08.2014). 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Die Dimension des Ortes bzw. der Landschaft bezieht sich auf die symbolische und emotionale Besetzung von Objekten als Heimat. Raum – als Nebenfolge sozialen Handelns – bietet Anknüpfungsmöglichkeiten für die fünf bislang dargestellten Dimensionen von Heimat. 7. Die Dimension der Entkomplexisierung von Welt durch Heimat durchzieht die anderen Dimensionen. Infolge der Selektion von Personen, physischen Objekten, Zeitpunkten und -abschnitten wie auch bestimmten Kenntnissen und emotionalen Zugängen wird Welt durch Einschluss und Ausschluss einem Prozess der Komplexitätsminderung unterworfen. Eine solche Komplexitätsminderung beinhaltet die Schaffung bzw. Perpetuierung der Stereotypisierung des Heimatlichen und des Fremden. Diese werden nur selten hinterfragt, sondern vielmehr durch rekursive Prozesse der Selbst- und Fremdvergewisserung aktualisiert und gefestigt (z. B. durch immer dieselben Konfigurationen in Witzen, wie cleverer Saarländer versus tumber Pfälzer). 5 Ambivalenzen der Konstrukte von Identität und Heimat im Kontext der Migration Die soziale Konstruktion von Heimat (oder ihrer akademischen Spezialform regionaler Identität) ist als soziales Phänomen stets mit ungleicher Verteilung von Macht verbunden. Die vielfach enge Kopplung von Heimat an das Konstrukt der Kultur verdeutlicht die Abhängigkeit von Machtbeziehungen, schließlich ist „in jeder Hinsicht […] Kultur Ergebnis eines Kampfes. Das versteht sich von selbst, weil mit der Idee der Kultur immer die menschliche Würde auf dem Spiel steht“ (Bourdieu 2005 [1977]: 26). Kultur ist damit ein Medium der Definition von In- und Exklusion, die Armin Nassehi (1999: 219) als einen „Geburtsfehler der Kultur“ beschreibt, der entstehe, weil Systeme kultureller Zugehörigkeit und Identität automatisch vergleichende Perspektiven hervorbrächten. Damit werde „kulturelle Nicht-Zugehörigkeit (von anderen, Fremden) und Differenz (zu anderen, Fremden) fast schon zur epistemologischen Möglichkeitsbedingung des Beobachtungsschemas Kultur“ (Nassehi 1999: 219). Dieses Beobachtungsschema basiert auch auf Eindeutigkeit, das insbesondere keine Hybriderscheinungen als gleichwertig anerkennt. Die Normativität der Eindeutigkeit wird dabei durch eine territoriale Bindung sozial-kulturell- ethnischer Konstrukte gesteigert und machtvoll verfestigt, wie Rommelspacher (2005 [1992]: 208) am Beispiel der Deutschen verdeutlicht: „Deutsch sind […] die, die in Deutschland die Macht haben“. Das Streben nach Eindeutigkeit und der Machterhaltung von Alteingesessenen lässt sich auch anhand der „Matrix des stereotyp Heimatlichen“ (Kühne/Spellerberg 2010) formulieren: Der „richtige“ Dialekt, die „richtige“ ethnische Zugehörigkeit (dokumentiert durch Ortansässigkeit der Vorfahren), Heterosexualität, die „richtige“ Religion sowie die Praxis lokaler und regionaler Traditionen (nicht das kogniti- ve Wissen darüber!) definieren die Grenze zwischen In- und Outgroup. Somit dient die Entwicklung heimatlicher Zugehörigkeit mit der Höherschätzung des Autochthonen gegenüber dem Allochthonen zur Befriedigung des Distinktionsbedarfs: Die Überhöhung der eigenen Tradition, verbunden mit der Ignoranz gegenüber fremden Traditionen, die höchstens von einem touristischen Voyeurismus unterbrochen wird, birgt auch die Gefahr einer sozialen Sklerotisierung (Gebhard/Geisler/Schröter 2007). Im Prozess der sich in Abhängigkeit von dem konstruierten Grad der Abweichung zur „Matrix des stereotyp Heimatlichen“ zumeist über Jahrzehnte, häufig über Generationen vollziehenden, zumeist normativ einseitig verstandenen, Integration werden von Fremden erhebliche Vorleistungen erwartet, die Integrationsbereitschaft symbolisieren (sollen). Einen klassischen und häufig rezipierten Ansatz der deutschsprachigen Migrations- und Integrationstheo- Identität, Heimat sowie In- und Exklusion 106 rien stellt Hartmut Essers (2001) Integrationstheorie dar. Er stützt sich dabei auf die Unterscheidung zwischen Systemintegration und Sozialintegration, wobei die Systemintegration „die Integration eines sozialen Systems ‚über die Köpfe‘ der Akteure hinweg […]“ (Esser 2001: 4), beschreibt, während sich die soziale Integration „auf Unterschiede zwischen den individuellen Akteuren im Ausmaß der Beziehungen, die sie unterhalten und im Grad der dadurch jeweils unterschiedlich hohen sozialen Einbettung der individuellen Akteure“ (Esser 2001: 5, Hervorh. i. O.) bezieht. Beide Integrationsformen können Esser (2001: 6) zufolge in Grenzen unabhängig voneinander bestehen. Interessant in unserem Kontext von Identität und Heimat ist insbesondere die Sozialintegration, bei der Esser (2001: 8) vier Varianten unterscheidet: Kulturation, Plazierung, Interaktion und Identifikation. Kulturation beinhaltet demnach Wissen (wie etwa Sprachkenntnisse) und Kompetenzen (wie etwa kulturelle Kompetenzen) und lässt sich somit als „Teil der kognitiven Sozialisation“ (Esser 2001: 9) bezeichnen. Plazierung meint die Besetzung einer gesellschaftlichen Position innerhalb eines bereits bestehenden Sozialsystems, diesem Teil der Sozialintegration schreibt Esser (2001: 10) die „Schlüsselrolle“ zu. Interaktionen, die dritte essersche Sozialintegrationsvariante, zeichnen sich dadurch aus, dass „sich die Akteure wechselseitig über Wissen und Symbole aneinander orientieren und so, und über ihre Orientierungen und ihr Handeln, Relationen miteinander bilden“ (Esser 2001: 10). Die vierte Variante der sozialen Integration nach Esser (2001: 12) ist „die Identifikation eines Akteurs mit einem sozialen System“, darunter versteht Esser „jene besondere Einstellung eines Akteurs, in der er sich und das soziale Gebilde als eine Einheit sieht und mit ihm ‚identisch‘ wird“ (Esser 2001: 12). Eine Sozialintegration in die Aufnahmegesellschaft ist Esser (2001: 20 f.) zufolge nur in den seltensten Fällen als Mehrfachintegration – also eine gleichzeitige Integration in Aufnahme- und Herkunftsgesellschaft – möglich, stattdessen gelingt eine Sozialintegration in die Aufnahmegesellschaft nach Esser (2001: 21) fast ausschließlich durch Assimilation, wobei die Integration in die Herkunftsgesellschaft wegfällt. Essers Assimilationsbegriff lässt soziale Ungleichheiten zwar weiterhin zu, „aber diese Ungleichheiten dürfen sich zwischen den ethnischen Gruppen nicht unterscheiden; Einheimische und Migranten partizipieren im Gruppenvergleich in gleicher Weise an den Rechten und Ressourcen einer Gesellschaft“ (Esser 2001: 22). Diese These Essers, nach der Sozialintegration Assimilation bedarf, bleibt in der Wissenschaft nicht unkritisiert. Fincke (2008: 26) bemängelt, Esser missachte, „dass kulturelle Kompetenzen synergetisch wirken können und dass die Herkunftskulturen der MigrantInnen kaum völlig gegensätzlich zur Kultur der Mehrheitsgesellschaft im Aufnahmeland sein wird. […] Die Ablehnung bikultureller Kompetenz ist mit dem Verständnis einer homogenen Kultur der Mehrheitsgesellschaft verbunden: Esser postuliert eine kohärente Mehrheitskultur, die von allen Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft gelebt und beherrscht wird.“ Ein weiterer Ansatz der Integrationsforschung, der Aufschluss über das Verhältnis von Migranten und Alteingesessenen gibt, ist die Etablierten-Außenseiter-Figuration von Elias und Scotson (1993). Sie untersuchten in einer englischen Kleinstadt das Verhältnis zwischen Alteingesessenen und Hinzugezogenen und berücksichtigten dabei sehr stark den sozialen Prozess der Machtgewinnung (Hormel 2007; Treibel 2008). Seitens der „Etablierten“ (Alteingesessenen) wurde versucht, den „Fremden“ (Neuhinzugezogenen) Macht vorzuenthalten – Esser würde dies vermutlich als eine Verhinderung der „Plazierung“ der Migranten bezeichnen. Denjenigen der Etablierten, die vor der Ankunft der Fremden eine eher geringere Ausstattung symbolischen Kapitals – im Sinne Bourdieus (1987) – aufwiesen, gelang durch die Abgrenzung zu den Fremden die Aufwertung ihrer eigenen Position, von den Fremden wurde die Negativbewertung akzeptiert und als „Gruppenschande“ sogar verinnerlicht und handlungsleitend. Identität, Heimat sowie In- und Exklusion 107 Abb. 1: Vier Typen der Anerkennung des Prinzips des Heimatlichen nach Kühne und Spellerberg Quelle: Kühne/Spellerberg 2010 Hinsichtlich der Integration in einen heimatlich definierten sozialen Kontext bilden Kühne und Spellerberg (2010) vier Typen der Anerkennung der Prinzipien des Heimatlichen auf Grundlage qualitativer Interviews (Abb. 1): 1. Bei den Eingebetteten handelt es sich um Personen, die den ihnen zugewiesenen Status gemäß der Anerkennungsprinzipen völlig (oder zumindest größtenteils) billigen und dieses Anerkennungsprinzip als gültiges Muster der Zuweisung von Anerkennung akzeptieren. Hier dominieren die heimatlichen Dimensionen des Sozialen, des Wohlbefindens, des Ortes und der geistigen Heimat. Die zumeist in Form einer politischen Einheit definierte Heimat wird auf Grundlage des Konstruktes einer unhinterfragten Einheit von regionaler Kultur (z. T. auch Ethnie) und politischem Territorium nahezu als Selbstzweck idealisiert. 2. Die Integrationsgeschichte der gescheiterten Integrationswilligen verlief aus eigener Sicht nicht erfolgreich. Die zentrale Dimension des Heimatlichen ist für die gescheiterten Integrationswilligen jene der Ab- und Ausgrenzung. Deren Konsequenzen werden umso schmerzlicher erfahren, weil (zunächst) die Bereitschaft bestand, sich den Prinzipien des Heimatlichen unterzuordnen. Identität, Heimat sowie In- und Exklusion 108 3. Die Ambivalenten neigen dazu, aufgrund kognitiver Befassungen mit sozialen und/oder räumlich gebundenen sozialen Phänomenen eine Unterordnung unter das Prinzip des stereotyp Heimatlichen nicht kritikfrei anzuerkennen. Hierbei handelt es sich häufig um hochgebildete Personen, die zwar auch lokal und regional Sozialkontakte pflegen wollen, aber im Zweifel auf nicht lokal verortetes Sozialkapital zurückgreifen können. 4. Bei den Integrationsverweigerern handelt es sich um Personen, die die Prinzipien der Statuszuweisung ablehnen oder aus anderen Gründen eine Einbettung in den lokalen Sozialkontext ablehnen. Es handelt sich dabei häufig um Personen, die eine zirkuläre Migrationsstrategie verfolgen (bzw. ihren Lebensmittelpunkt nicht an dem temporär aufgesuchten Arbeitsort sehen), sodass der Aufbau von lokalem Sozialkapital zu mühsam erscheint. Die vier Typen der Anerkennung der Prinzipien des Heimatlichen stellen eine qualitative Interpretation individueller Sichtweisen auf Heimat und Integration in eine potenziell neue Heimat dar. Anders als klassische Integrationsansätze wie die exemplarisch genannten von Esser sowie Elias und Scotson beschreiben Kühne und Spellerberg mit ihrer Typisierung kein verallgemeinerbares Integrationsmodell von Migranten in neue, möglicherweise ethnisch sehr fremdartige, Gesellschaftsformen. Vielmehr bietet die Studie einen Erklärungsansatz, wie vielfältig Heimat – sowohl von Zugezogenen als auch von Alteingesessenen – erlebt und definiert wird und fokussiert dabei anders als viele klassische Integrationsansätze auch „Migranten“, die möglicherweise nur aus einem Nachbarort zugezogen sind und bei denen sich somit beispielsweise, um bei Essers Terminologie zu bleiben, die Sozialintegrationsformen der Kulturation und Plazierung auf einer anderen Ebene abspielen als beispielsweise bei Migranten aus anderen Nationalstaaten. Trotzdem, oder deshalb, können aus den vier Anerkennungsformen der Eingebetteten, der gescheiterten Integrationswilligen, der Ambivalenten und der Integrationsverweigerer interessante Denkansätze für die Raumentwicklung abgeleitet werden. Denn neben dem der „Matrix des stereotyp Heimatlichen“ inhärenten Potenzial der Verweigerung an (lokal verorteter) sozialer Teilhabe bietet das Prinzip Heimat (bzw. regionale Identität) auch Potenziale für die Raumentwicklung. So sieht Pankoke (1993: 763) zwischen regionaler Identität und persönlichem Engagement eine enge Verbindung: „Wer sich mit einem Raum persönlich identifiziert, wird eher interessiert sein, sich hier produktiv einzubringen“. So werde sich der sich positiv mit einem Raum Identifizierende „vielleicht auch engagieren: nicht nur im wirtschaftlichen, sondern auch im kulturellen und öffentlichen Leben. Wir können die damit unterstellte Relation auch dahin wenden: Wer sich in seiner Identität kulturell angesprochen sieht, könnte eher bereit sein, auch in anderen Bereichen, etwa wirtschaftlichen, aktiv zu werden“. Diese Potenziale heimatlicher Bindung wären jedoch einfacher zu mobilisieren, wenn die Anerkennungs- und Ausschlussprinzipien auf Grundlage des Strebens nach Reinheit und Eindeutigkeit bei gleichzeitiger Höherschätzung des Autochthonen gegenüber dem Allochthonen und Hybriden kritisch hinterfragt und zugunsten eines inklusivistischen Heimatbegriffs überwunden würden, der durch eine postmoderne Anerkennung und Wertschätzung vielfältiger Differenzen geprägt wäre. Identität, Heimat sowie In- und Exklusion 109 Literatur Ahrens, D. (2001): Grenzen der Enträumlichung. Weltstädte, Cyberspace und transnationale Räume in der globalisierten Moderne. Opladen. Bauman, Z. (1999): Unbehagen in der Postmoderne. Hamburg. Briesen, D. (1994):“Historische Ausprägung und historischer Wandel von regionaler Identität in ausgewählten Montanregionen“. Einleitung zu einem Abschlußbericht. In: Briesen, D.; Gans, R.; Flender, A. (Hrsg.): Regionalbewußtsein in Montanregionen im 19. und 20. Jahrhundert. 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Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern 111 Bernhard Köppen Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern in Rheinland-Pfalz Gliederung 1 Einleitung 2 Das Identitätskonzept 3 Vorgehensweise 4 Ausgewählte Ergebnisse 5 Fazit Literatur Kurzfassung Aussiedler und Spätaussiedler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion stellen eine der bedeutendsten Zuwanderergruppen in die Bundesrepublik Deutschland dar. Als Deutsche gemäß Art. 116 GG wurde ihnen ex ante ein hohes Integrationspotenzial unterstellt. Nachdem die auffälligen Zuwanderungswellen insbesondere der frühen und mittleren 1990er Jahre abgeebbt sind, sind insbesondere Fragen der Selbstzuordnung und sozialer Integration interessant. Des-Integration oder Isolation können letztlich auch relevante Konsequenzen für die Belange räumlicher Planung haben. Eine standardisierte Befragung zu ethnischer Selbstidentifikation, kulturellen Gewohnheiten sowie Sprachkenntnissen und Sprachverhalten von Spätaussiedlern in Rheinland-Pfalz wurde durch qualitative Intensivinterviews flankiert und zeigt, dass sich eine hybride, „russlanddeutsche“, Identität etabliert hat. Unklar bleibt, ob diese hybride Identität auch zukünftig ein stabiles Muster der Selbstidentifikation darstellen wird oder sich letztlich auflösen dürfte. Schlüsselwörter Spätaussiedler – Aussiedler – Integration – Identität – Selbstzuschreibung Concepts of identity and self-attribution of repatriates from former USSR in Rhineland-Palatinate Abstract Repatriates (so called Aussiedler and Spätaussiedler) from former USSR are one of the most important migrant-communities in Germany. As they are ethnic Germans, they had been considered to integrate rather fast into German society. Since the highest influx of these migrants took place in the mid- and early 1990ies, it seems interesting to prove their current respective, individual state of social integration and self-attribution. Societal isolation or non-integration may have an impact on core issues of spatial planning. A questionnaire campaign and individual interviews have been carried out on this behalf. It occurs that these migrants have developed some kind of “hybrid” identity. Yet, it remains Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern 112 unclear whether this hybrid identity will prove a persistent pattern of self-attribution or is just a step on the way to complete assimilation. Keywords Repatriates – Spätaussiedler – Aussiedler – integration – identity – self-attribution 1 Einleitung Zuwanderer1 aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion zählen zu den bedeutendsten Zuwanderergruppen in der Bundesrepublik Deutschland; ihr Anteil beträgt heute beinahe 15 Prozent der knapp 16 Millionen in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund (eigene Berechnung, Statistisches Bundesamt). Im Gegensatz zu den meisten Migranten verfügten die in einem gewissen Umfang auch schon vor dem Ende der Blockkonfrontation zugezogenen Aussiedler bzw. Spätaussiedler2 über einen grundlegenden Vorteil: Auf Basis des reformierten Bundesvertriebenengesetztes sind Aussiedler/Spätaussiedler Deutsche gem. Art. 116 GG. Zudem erhalten nichtdeutsche Ehegatten oder Abkömmlingen von Spätaussiedlern, die in den Aufnahmebescheid einbezogen sind, in der Regel die deutsche Staatsbürgerschaft. Darüber hinaus wurden den Spätaussiedlern gezielte (kostenlose) Integrations- und Eingliederungshilfen zuteil und dies, obwohl ihnen aufgrund der ethnischen (Selbst-) Zuordnung als „deutsch“ und den seit 1997 strenger zu prüfenden Deutschkenntnissen bereits von vorneherein ein tendenziell hohes Integrationspotenzial zugeschrieben wurde. Die Gewährung sehr umfassender, institutioneller, aussiedlerspezifischer Unterstützung erscheint insofern paradox, als es sich hier nach offiziellem Verständnis ja bereits um Deutsche handelt. Den in der Bundesrepublik Deutschland lebenden „De-jure- Ausländern“, mit anfangs meist nur befristeten Aufenthaltstiteln, hingegen wurden über die Jahrzehnte ausgesprochen volatiler deutscher Zuwanderungspolitik (oder was als solche bezeichnet wurde) keine auch nur annähernd vergleichbare Integrationshilfen gewährt, da deren Aufenthalt – ungeachtet der tatsächlichen Verhältnisse – stets als temporär angesehen wurde und gemäß dieser Logik gesonderte Maßnahmen zur Integration oder gar Assimilation unnötig und letztendlich ineffizient erscheinen mussten. Seit 1950 sind etwa 4,5 Millionen (Spät-)Aussiedler einschließlich Familienangehörigen in die Bundesrepublik Deutschland zugewandert, davon über 2,5 Millionen in den 1990er Jahren. Somit stellen Spätaussiedler und Aussiedler seit der Jahrtausendwende die zweitgrößte Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund (Ingenhoven 2003), und Russisch ist zu einer der am meisten gesprochenen Fremdsprachen geworden (siehe auch Schneider 2005). 1 Hinweis betreffend Verwendung der männlichen Form: Die in diesem Text zugunsten der leichteren Lesbarkeit verwendeten „männlichen“ Formen schließen die weiblichen Formen mit ein. 2 Migranten, die als deutsche Staatsangehörige in den ehemals deutschen Gebieten östlich der Oder- Neiße-Linie geboren wurden und zunächst nach 1945 dort verblieben sind sowie deren Abkömmlinge, die nach Deutschland übergesiedelt sind, oder die als deutsche Volkszugehörige (Nachfahren deutscher Auswanderer, die sich vor dem 20. Jahrhundert in Osteuropa niederließen) im Rahmen eines Aufnahmeverfahrens in das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland oder der DDR übergesiedelt sind sowie die Angehörigen, die sie bei der Aussiedlung begleitet haben, wurden bis 1992 nach dem Bundesvertriebenengesetz als Aussiedler bezeichnet. Seit dem 01.01.1993 werden diese Menschen im amtlichen Sprachgebrauch Spätaussiedler genannt. Im vorliegenden Text wird der Begriff „Aussiedler“ auch für Spätaussiedler verwendet, zumal die Aussiedler/Spätaussiedler eine solche – amtssprachliche – Unterscheidung nicht verinnerlicht haben und sich selbst in der Regel als „Aussiedler“ (Переселенец) bezeichnen. Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern 113 Inzwischen ist der Zustrom abgeebbt, das Potenzial ethnisch deutscher Migranten in den Herkunftsgebieten hat sich weitgehend erschöpft, 2009 etwa registrierte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nur mehr 3.360 Personen. Wie einleitend erwähnt, galten die formalen wie kulturellen Voraussetzungen der Aussiedler für Integration und Assimilation in Deutschland als günstig. Die aus heutiger Sicht teilweise zu optimistischen Annahmen zur schnellen Integration haben sich trotz erheblicher staatlicher Hilfestellungen nicht immer bestätigt, wenngleich sie vergleichsweise schneller und deutlich besser zu gelingen scheint als bei anderen, oftmals sogar länger ansässigen Migranten. Die Situation der Aussiedler bietet demnach ein ambivalentes Bild mit gleichermaßen Beispielen für erstaunlich gute und schnelle Eingliederung in die Mehrheitsgesellschaft (Woellert/Kröhnert/Sippel et al. 2009) als auch kritischeren Befunden (z. B. Göler/Lautenbacher 2010). Für die räumliche Planung wie auch Sozialplanung ist hierbei relevant, dass Aussiedler und Spätaussiedler als „Deutsche“ eingeordnet werden. Aus dieser Tatsache allein lässt sich nicht ableiten, ob etwa eine verringerte (wenn überhaupt!) Aufmerksamkeit bezüglich möglicher migrations- und integrationsbedingter Probleme vonnöten ist. Auf jeden Fall aber stellen sie eine der quantitativ signifikantesten Gruppen von Bürgern mit „Migrationshintergrund“ (und dabei auch oft primärer Migrationserfahrung) dar. Insbesondere Fragen zu Persistenz und Wandel der Selbstzuschreibung/Identität und des Verlaufs gesellschaftlicher Integration sind in Hinblick auf Spätaussiedler noch gewichtig, denn für viele dieser Zuwanderer – im allgemeinen Sprachgebrauch bisweilen „Russlanddeutsche“3 genannt – ergeben sich trotz deutscher Staatsbürgerschaft ganz ähnliche Schwierigkeiten wie für andere Zuwanderer. Vor diesem Hintergrund wurde zunächst der Versuch unternommen, mit einer standardisierten, schriftlichen Befragung von 188 Spätaussiedlern in Rheinland-Pfalz Erkenntnisse zu Integration und (ethnischer) Selbstidentifikation anhand kultureller Gewohnheiten sowie anhand der Sprachkenntnisse und des Sprachverhaltens abzuleiten (Köppen/Müller 2012). Ausgewählten, zentralen Erkenntnissen dieser Studie, auf welcher der vorgelegte Beitrag basiert, wiederum wurden qualitative Interviews mit Aussiedlerinnen und Aussiedlern sowie Experten gegenübergestellt und kritisch diskutiert. Hierbei gilt es ein methodisches Problem zu berücksichtigen: Die quantitative Untersuchung (Köppen/Müller 2012) wurde mit zweisprachigen Fragebögen (Deutsch/Russisch) durch eine russische Forscherin durchgeführt, während die Interviewführung der qualitativen Befragung ein deutscher Befrager (mit markantem lokalem Dialekt) vorgenommen hat.4 Somit bleibt insbesondere bei starken Abweichungen der Antworten im Vergleich beider Erhebungen stets auch zu hinterfragen, inwiefern das Antwortverhalten durch die ethnische Zuschreibung des Befragers/der Befragerin etwa im Sinne sozial erwünschten Verhaltens oder besonderen Vertrauens beeinflusst sein könnte. 3 Wenngleich die Aussiedler aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion stammen können, so sind neben der heutigen Russländischen Föderation (Sibirien) insbesondere die Republik Kasachstan, aber auch Kirgistan häufige Quellgebiete. Trotzdem erfolgt die Selbstidentifikation oftmals über das Schlagwort „Russlanddeutsch“, zumal die Beherrschung der russischen Sprache den Aussiedlern gemein ist, auch wenn diese etwa im engeren Sinne aus Kasachstan stammen. 4 Die empirischen Erhebungen wurden im Rahmen von vom Verfasser betreuten Abschlussarbeiten an der Universität Koblenz-Landau durchgeführt. Die hier analysierten qualitativen Interviews waren Bestandteil der von Pascal Werner (2012) vorgelegten Arbeit „Integration von Spätaussiedlern in der Westpfalz“. Der standardisierte Datensatz wurde von Maria Müller für ihre Studie „Russlanddeutsch? Russisch? Deutsch?“ erhoben. Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern 114 2 Das Identitätskonzept Die handlungstheoretische Migrationstheorie nach Esser (2001) nennt vier Hauptformen der Sozialintegration: Identifikation, Interaktion, Kulturation und Platzierung. Für die Betrachtung der Spätaussiedler in Rheinland-Pfalz wird auf Basis dieses Konzepts den Feldern Identifikation sowie Kulturation besonderes Gewicht beigemessen. Als Grundlage für die empirischen Erhebungen wiederum dient die handlungstheoretische Identitätstheorie in Anlehnung an Hill und Schnell (1990), deren Fragestellungen zu kultureller und ethnischer Identität von Arbeitsmigranten dem hier bearbeiteten Thema sehr ähnlich sind. Die handlungstheoretische Identitätstheorie leitet sich von der allgemeinen Handlungstheorie (auch Wert-Erwartungs-Theorie) ab. Demnach ist das Handeln von Individuen als Ergebnis einer nach Nutzen-Kosten-Überlegungen erfolgten Entscheidung zwischen Handlungsalternativen anzusehen. Zweckrational handelnde Individuen wählen zur Erreichung gesetzter Ziele dabei die jeweils als passend erscheinende Handlungsalternative. Diese intentionalistische Herangehensweise erweist sich auch für die Erklärung und Definition ethnischer Identität als praktikabel. Es wird angenommen, dass Individuen auf Umweltreize reagieren und in der Folge (in einem immer und immer wieder durchgeführten Lernprozess) wiederholte Sequenzen von Handlungen entweder als erfolgreich oder als eben nicht bzw. weniger erfolgreich erleben (je nachdem, wie die Reaktionen anderer ausfallen). Dies geschieht in der Regel unbewusst. Im Laufe der Zeit wird demnach quasi ein (beschränkter) „Katalog“ von Anreiz-Reaktions-Ketten angelegt (Hill/Schnell 1990: 35), weshalb jedes Individuum über ein breites Repertoire von „fertigen“ Handlungsmustern (auch als Skripts bezeichnet) verfügt, welche sich in „Standardsituationen“ über typische, kaum (oder sogar nicht mehr) reflektierte Aktivitätenabfolgen manifestieren. Diese Skripts entstehen und festigen sich im Laufe des Lebens als Ergebnis von Kosten-Nutzen-Überlegungen in bestimmten – wiederkehrenden – Situationen. Empirische Untersuchungen deuten darauf hin, und dies ist im Kontext dieser Studie relevant, dass Angehörige derselben Kultur in der Regel gleiche bzw. sehr ähnliche Skripts und Vorstellungen (Mietzel 1998: 212) besitzen. Somit ist davon auszugehen, dass der Wechsel in einen anderen Kulturkreis zu nennenswerten Brüchen führen kann, wenn die typischen Reaktionsketten der Aufnahmegesellschaft und die der Zugewanderten stark unterschiedlich sind. Für Migranten bedeutet dies, dass viele der bisher angeeigneten Skripts nur mehr bedingt oder auch gar nicht mehr zum gewünschten Erfolg führen. Vertraute Handlungsmuster werden im neuen Umfeld nicht mehr belohnt und müssen sukzessive durch neue, noch zu erlernende bzw. auszutestende Skripte getauscht werden, um in der Mehrheitsgesellschaft Anerkennung zu finden. Neben der Ausführung von bestimmten Handlungsketten neigen Individuen außerdem dazu, eigene und fremde Reaktionsmuster zu kategorisieren. Bei diesen von den Akteuren kategorisierten Reaktionsmustern handelt es sich um Identitäten. Eine wiederholte Beobachtung der eigenen Reaktionsmuster in Differenz zu denen anderer führt zur Ausbildung von Hypothesen über das „Selbst“, die in das „Selbstkonzept“ münden und – flankiert durch eigene ethnische Maßstäbe – zur Herausbildung des „Selbstwertgefühls“ führen (Hill/Schnell 1990: 37 f.). Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern 121 eben so, damit müssen wir leben. Wir haben eine gute Arbeitsstelle und sind mit dem zufrieden, was wir haben und wie es uns geht. Natürlich gibt es auch welche, die nicht arbeiten oder Deutsch lernen wollen, aber die gibt es leider überall. […] Man muss sich integrieren!“ (Interview 2, Mann, Hochspeyer). Sprache und deutsche Freunde bzw. Kollegen werden wiederholt als Schlüsselelemente benannt. Denjenigen, denen es auf diesem Feld nicht gelingt sich zu etablieren, droht demnach zwangsläufig Ausgrenzung und Misserfolg: „Sie können […] kaum Deutsch sprechen, weil sie es nie richtig lernen, werden somit verspottet oder beschimpft und haben zudem keine rosige Aussicht auf eine schöne Zukunft mit einer guten Arbeitsstelle. Es fehlt hier beispielsweise der soziale Halt durch deutsche Freunde. Im schlimmsten Fall geraten sie auf die schiefe Bahn, werden kriminell, finden keine Arbeit und werden somit schnell zum sozialen Fall und sind auf Sozialhilfe angewiesen“ (Interview 9, Frau, Germersheim). Auf die Problematik einer ablehnenden Aufnahmegesellschaft weist ein Befragter aus Hochspeyer hin: „Wir fühlen uns hier heimisch, können uns es nicht mehr anders vorstellen und fühlen uns nicht fremd; aber die Familie hat oft das Gefühl, dass man eher unerwünscht hier ist und […] Vorurteile gegen sie hat.“ (Interview 2, Mann, Hochspeyer). An dieser Stelle merkt der Befragte an, dass sie – im Gegensatz zu ihren Kindern – auch leicht als Aussiedler zu identifizieren seien, da sie einen markanten russischen Akzent hätten. Diese Aussage wurde getätigt, obwohl sich die Familie insgesamt als gut integriert einschätzt und explizit betont, viele deutsche Freunde zu haben. Die Erfahrung mangelnder Akzeptanz oder latenter Diskriminierung tritt auch in weiteren Interviews zutage. Im Grundtenor wird diese Situation meist als unerfreulich, aber eigentlich irrelevant abgetan. So irrelevant kann es aber nicht sein, wenn sechs von neun Interviewpartner unabhängig voneinander auf das „Problem“ ihres russischen Akzents hinweisen oder sehr verletzende Alltagserfahrungen schildern. „Wir gingen damals in einen Schulbuchladen und wollten die Schulbücher für das Gymnasium abholen. Wir fragten, ob für uns die Schulbücher schon da wären und bekamen direkt von der Verkäuferin zur Antwort, dass die Bücher für die Hauptschule gekommen sind. Daraufhin sagte ich, dass dies schön sei, aber wir Bücher für das Gymnasium abholen wollten. Naja, so ist das eben manchmal noch mit solchen Vorurteilen, damit müssen wir eben leben“ (Interview 2, Mann, Hochspeyer). Die Sprache ist nicht nur im offiziellen Diskurs ein besonders wichtiges Element, sondern auch bei den reflektierten Betroffenen selbst, weshalb die Bedeutung der Sprachbeherrschung stets betont wird und andererseits – wie bereits beschrieben – der eigene, nur sehr schwer abzulegende slawische Akzent als großes Manko gilt und als Akzeptanzhindernis empfunden wird. „Es gibt noch einige Situationen, wo man sich fremd fühlt. Es ist schade, dass einem auch immer Vorurteile entgegengebracht werden wie zum Beispiel: Wir können kein Deutsch! Aber wir können es! Nach Russland möchten wir aber nicht mehr zurück“ (Interview 7, Frau, Germersheim). Die Erfahrung von Ausgrenzung sowohl im Herkunftsland als auch in der Bundesrepublik ist ein bekanntes Problem, das in den qualitativen Interviews deutlich artikuliert wird. So wurde die bereits erwähnte Diskriminierung der deutschen Minderheit in der Sowjetunion sehr oft thematisiert, wenngleich der Interviewleitfaden gar keine explizite Frage dazu enthielt. Neben persönlichen Erfahrungen, wie beispielsweise die Zuteilung in eine sog. „Faschistenklasse“, die der Interviewpartner 2 aus Hochspeyer als etwa 10- Jähriger erleben musste, wird insbesondere das Leid der Eltern oder von „Opa oder Oma“ (welche die Ausreise deshalb trotz zum Teil fortgeschrittenem Alter und aller Beschwernisse im deutschen Alltag als großes Glück empfinden) reflektiert. Selbst eine Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern 122 Probandin, die im Alter von drei Jahren mit ihren Eltern in die Bundesrepublik gekommen ist, trifft die Aussage: „Wir waren in Russland nie in die Gesellschaft integriert und wurden auch oft aus der Gemeinschaft ausgeschlossen oder sogar im schlimmsten Fall beschimpft. Daraufhin wollten wir nur noch zurück in unser Heimatland Deutschland“ (Interview 6, Germersheim). Nach ihrer emotionalen Verbundenheit mit dem Herkunftsland und der Bundesrepublik im allgemeinen Sinne gefragt, betonen viele der Befragten, eine „doppelte Heimat“ zu haben – etwa ein Drittel in der quantitativen Umfrage – während ein weiteres Drittel Deutschland als Heimat betrachtet und der Rest entweder angibt, keinen Staat zu haben, den sie als Heimat bezeichnen würden, oder ihr Herkunftsland als Heimat benennen. Als sehr aufschlussreich hat sich ein freier Kommentar in einem Fragebogen der standardisierten Befragung ergeben, der die Verwendung des Begriffs „Heimat“ als Synonym für „Herkunftsland“ im vorgelegten Fragebogen (zu Recht) kritisch hinterfragt. Hier zeigte sich bei der Auswertung, dass bei der Erhebung eine präziser formulierte Frage nach Heimat und Heimatgefühl der Aussiedler sinnvoll und interessant gewesen wäre, zumal der Heimatbegriff emotionale Beziehungen zu einem spezifischen Raumabschnitt wiedergibt (Meyer 2005: 21). Dies ist insofern bedeutend, als der russische Heimatbegriff „Родина“ (Rodina = Heimat und Mutterland/Vaterland) eine sehr viel stärkere emotionale Komponente als die Entsprechung „Heimat“ im Deutschen enthält. Es erscheint lohnenswert, diese Thematik in einer Folgestudie gezielt aufzugreifen. In Bezug auf die mit der „alten Heimat“ stärker verbundene Gruppe wäre genauer zu untersuchen, welcher Art die emotionale Bindung ist und welches Heimatbild individuell konstruiert wird. Letzteres dürfte stark an einen Raum und eine Umwelt gebunden sein, die es so, wie sie verlassen wurden, auf Grund gravierender politischer, ökonomischen und sozialer Veränderungen dort längst nicht mehr gibt. Diese Heimat wäre demnach eine fiktive Heimat in der Erinnerung, deren Hauptcharakteristika zu erfahren sehr aufschlussreich sein könnte. So konstatieren Göler und Lautenbacher (2010) für jugendliche Spätaussiedler ein zwar grundsätzlich sehr differenziertes Bild von Deutschland und der alten Heimat, wobei aber meist ein – aus Kindheitserinnerungen und durch Erzählungen der Eltern gespeistes – idealisiertes Bild des Herkunftslandes dominiert. Diese Situation ist den Aussiedlern durchaus bewusst, wie sich in einem der Interviews zeigt. So merkt die Befragte an, dass „Russland Vergangenheit ist. Hört man ein Lied auf Russisch, so wird man auch mal nostalgisch. So wird sich auch ein Deutscher fühlen, wenn er etwas aus der Vergangenheit wiedererlebt. So freut man sich auch beispielsweise als Eltern, wenn sein Kind dieselben Interessen zeigt wie man selbst früher. Russische Volkstänze zum Beispiel“ (Interview 8, Frau, Germersheim). Bemerkenswert an diesem Interview ist auch, dass die Probandin einerseits (unbewusst?) ganz offensichtlich zwischen ihrer Gruppe und den Deutschen „an sich“ differenziert und andererseits betont, dass in ihrer Familie die deutsche Sprache und Kultur besonders gepflegt würden. An dieser Stelle sei erneut darauf hingewiesen, dass es in der Gesamtschau nicht immer ganz eindeutig ist, inwiefern diese Betonung der Pflege deutscher Kultur nicht zu einem gewissen Teil der Interviewsituation mit einem Vertreter der „lupenreinen“ deutschen Mehrheitsgesellschaft geschuldet ist. Als weiterer möglicher Hinweis auf eine mehr oder weniger starke Bindung an das Herkunftsland wurden Mediennutzung sowie die Inanspruchnahme spezieller, „russischer“, Dienstleistungen betrachtet. Sie können ebenfalls eine mehr oder weniger starke Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern 123 Bindung an das Herkunftsland aufdecken. In beiden Untersuchungen zeigte sich, dass fast allen Befragten solche Angebote in Anspruch nahmen; selbst wenn dies teilweise wenig präzise artikuliert wurde. Ein „klassisches“ Beispiel sind sicherlich spezialisierte, „russische“ Lebensmittelläden. Auch größere Einzelhandelsketten haben längst die potenzielle Nachfrage dieser großen Bevölkerungsgruppe erkannt und bieten entsprechende Produkte an. Aber auch „Aussiedler- bzw. Russendiskotheken“, Friseure, Ärzte oder Reisebüros fokussieren auf diese Zielgruppe. Dass dabei Diskotheken eher von Jüngeren frequentiert werden, während Arzt- und Friseurbesuche von mittleren und älteren Altersgruppen öfter genannt wurden, liegt auf der Hand. Wie bereits erwähnt, sind „russische“ Lebensmittelläden dabei die am häufigsten genutzten Dienstleister. Hier steht der Kauf spezieller Lebensmittel im Vordergrund, wohingegen Gespräche über die alte Heimat, aber auch die Pflege von Heimatgefühl unter Gleichgesinnten bzw. „Das Gefühl, in der alten Heimat zu sein“ nicht zwangsläufig die Hauptmotivation zu sein scheint, russischsprachige Dienstleister in Anspruch zu nehmen bzw. dort einzukaufen. Allerdings war für einige Probanden (ganz erwartungsgemäß) die mangelnde oder schlechte Kenntnis des Deutschen der zentrale Aspekt, russischsprachige Angebote wahrzunehmen (insbesondere Ärzte). Die Besitzerin eines „russischen Ladens“ in Germersheim kauft selbst in „allen möglichen Supermärkten ein“ und „ab und zu auch mal in russischen Lädchen für Spezialitäten“. Sie merkt an: „Ich habe vor zwei Jahren ein russisches Lädchen eröffnet. Circa 70 Prozent der Kunden sind Deutsche!“ (Interview 7, Frau, Germersheim). Diese Interviewpartnerin weist ebenfalls auf die tatsächliche oder gefühlte Isolation von der Mehrheitsgesellschaft – der sie pro forma eigentlich angehört – hin und schätzt, dass etwa 85 Prozent ihrer Familie sich eher isoliert in Deutschland fühlen würden. Dies führt sie auf insgesamt wenige Kontakte zur heimischen Bevölkerung zurück, aber auch auf segregierte Wohnsituationen. Die Interpretation des „Shopping“ im eigenethnischen Laden als Ausdruck einer nostalgischen Grundhaltung oder gar schlechter Integration wurde von allem Befragten der Intensivgespräche ostentativ zurückgewiesen. Als durchaus bedeutend zeigt sich die Nutzung russischsprachiger Massenmedien, die in der standardisierten Umfrage von knapp über 40 Prozent der Probanden regelmäßig in Anspruch genommen werden. Hier wurde betont, dass dies nicht zwangsläufig auf mangelnde Deutschkenntnisse zurückzuführen, sondern dem Wunsch nach aktuellen Informationen über das Herkunftsland geschuldet ist, welche in dieser Form und Detailliertheit in den deutschen Medien nicht geboten werden. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass aus dem kompletten russischsprachigen Angebotsspektrum vor allem die Lebensmittelläden und Massenmedien altersgruppenübergreifend in etwa gleichem Maße in Anspruch genommen werden. Da sowohl Güterals auch Medienkonsum eine identitätsprägende Wirkung aufweisen, kann trotz anderslautender Beteuerungen durchaus auf eine gewisse Persistenz „russischer“ Identität bei allen Aussiedlergenerationen geschlossen werden. Alleine durch das Konsumverhalten – unabhängig von der Selbstidentifikation – trotz jahrelangem Aufenthalt in Deutschland, wird de facto ein Stück „russisch“ konnotierter Gewohnheiten und somit „russisch“ geprägter Identität zum Ausdruck gebracht. Auch die auf ihr „Deutschsein“ sehr bedachten Probanden der Intensivgespräche erwähnten letztlich stets, dass bei geselligen Anlässen, Essen und Trinken meist „russische“ Elemente – einschließlich Musik und Tanz – dominieren bzw. bewusst gepflegt würden. Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern 124 Die deutsche Alternative ist im Vergleich eben eher modest. So erwähnt eine Probandin, dass religiöse Feiertage wie in Deutschland gefeiert würden, Hochzeiten wie in Russland als große Feste in angemieteten Hallen mit russischen „Zeremonien“ (Tanz, Musik, Geselligkeit). „Wir feiern die Feste in großem Stil, da ich ungefähr 60 Cousins und Cousinen hier in Deutschland habe“ (Interview 9, Frau, Germersheim). In diesem Kontext könnte vielleicht sogar von der Herausbildung einer aussiedlerspezifischen Kultur gesprochen werden, die positive und sinnvolle Elemente mehrerer Gesellschaften integriert. „Die Beziehungen mit allen Verwandten werden erhalten; es wird immer gemeinsam gefeiert und getrauert; wird viel gesungen und getanzt. Viele Generationen wohnen zusammen, statt ins Altersheim zu gehen“ (Interview 4, Mann, Germersheim). Mindestens ausreichende Sprachkenntnisse des Deutschen als elementare Grundlage erfolgreicher sozialer wie beruflicher Integration wurden bereits mehrmals erwähnt. Spracherwerb und Praxis sind selbstverständlich von höchster Bedeutung. Dass nicht nur die Interviewpartner der qualitativen Studie, sondern auch annähernd alle Probanden (97 %) der standardisierten Befragung angaben, über gute bis ausreichende Deutschkennnisse zu verfügen (Abb. 2), ist sicherlich positiv, sollte aber auch nicht erstaunen. Denn deren Nachweis ist eine Voraussetzung für die Anerkennung als Aussiedler. Wichtiger ist es zu betrachten, welchen Stellenwert das Deutsche im Alltag tatsächlich hat. Abb. 2: Sprachen, die von Probanden zu Hause gesprochen werden Quelle: Eigene Darstellung nach Köppen/Müller 2012: 133 Es zeigt sich, dass im familiären Umfeld vom überwiegenden Teil der Befragten Russisch oder beide Sprachen gesprochen werden, wobei der Anteil des Russischen in der Regel gemäß quantitativer Umfrage größer ist. Seltener wird ausschließlich Deutsch verwendet. Fast entgegengesetzt verhält es sich bei den Intensivinterviews. Mit einer Ausnahme (diese Probandin war als Kleinkind ausgesiedelt) wurde von einem „Mix“ bzw. „Mischmasch“ mit Dominanz des Deutschen im Alltag berichtet (wobei hiermit der situationsabhängige Gebrauch von Deutsch oder Russisch gemeint ist). Die Betonung des Deutschen als „Hauptsprache“ entspricht freilich der vermeintlich erwünschten Praxis % Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern 125 aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft und demonstriert zudem nicht nur Integrations-, sondern sogar Assimilationswillen. Mehrere Probanden benennen die Dimensionen „Innen“ und „Außen“. „Wir sprechen in der Öffentlichkeit Deutsch, auch wenn die Sprachkenntnisse nicht so gut sind. Die erste Generation spricht zu Hause russisch, wenn die Familie zusammenkommt, meist aber einen Mix. Die zweite Generation spricht zu Hause Deutsch“ (Interview 1, Mann, Enkenbach). Immer wieder werden die Vorteile von Zweisprachigkeit genannt: „Wir legen viel Wert auf die Zweisprachigkeit. So kann man sich auch leichter verständigen, wenn im Beruf russischsprachige Personen kommen, die das Deutsche nicht verstehen“ (Interview 9, Frau Germersheim). Als Ideal gilt die jeweils perfekte, akzentfreie Beherrschung beider Sprachen; eine Fähigkeit, die potenziell der Generation der Kinder zugeschrieben wird. Wenn es perfekt zweisprachige (meist jüngere) Familienmitglieder gibt, werden diese mit Stolz in den Gesprächen erwähnt. Eine latente Furcht vor nicht näher artikulierten möglichen Gefahren durch den „schlampigen“ Umgang mit Sprache klingt in vielen Interviews durch. „[Meine] ukrainische Frau, sie würde gerne mehr russisch sprechen, Tochter spricht nur Deutsch. Ich will Mix vermeiden, wir reden entweder auf Deutsch oder auf Russisch! Aber viele reden den Mix“ (Interview 3, Mann, Germersheim). Die deutsche Sprache ist also auch nach vielen Jahren in Deutschland nicht das primäre Kommunikationsmedium in vielen Aussiedlerfamilien. Eine ausgeprägte Zweisprachigkeit bestimmt demnach den Alltag. Dies belegen auch Göler und Lautenbacher (2010) in Hinblick auf jugendliche Spätaussiedler in Bamberg. Diese Feststellung als mangelnde Fähigkeit oder Willen zur Integration zu interpretieren, würde der Komplexität des Sachverhalts nicht gerecht werden. Vielmehr stellt sie eine Ressource und Besonderheit eines Individuums dar, welche die Möglichkeit bietet, sich als Teil zweier Kulturen zu begreifen (vgl. z. B. Gogolin 2003: 69). Und auch eine etwaige Zerrissenheit der Identität durch Mehrsprachigkeit ist keine zwingende Entwicklung, wenn dies überhaupt eine nachweisbare bzw. tatsächliche Folge sein kann. Das Festhalten an der russischen Sprache beziehungsweise ihr gezielter, situationsabhängiger Einsatz ist darüber hinaus sinnvoll, wenn ihre Spezifika berücksichtigt werden: So bietet Russisch im Vergleich zum Deutschen eine viel breitere Palette an Ausdrucksmöglichkeiten für Gefühlsschattierungen, weshalb Aussiedler vor allem im emotionalen Bereich immer wieder auf das Russische zurückgreifen (Kossolapow zit. n. Frik 2005: 148). Wenngleich der überwiegende Teil der Befragten über gute Deutschkenntnisse verfügt, ist dennoch die Bindung an die russische Sprache bei allen Generationen sehr stark ausgeprägt, was letztendlich auf eine bikulturelle Orientierung hinweist. Allerdings war durch die gewählte Befragungsmethode nicht feststellbar, wie gut die Deutschkenntnisse der Probanden tatsächlich sind (und inwiefern insbesondere die Jüngeren „gutes“ Russisch sprechen). Die enorme Bedeutung der Sprachbeherrschung als „Schlüssel zur Integration“ (Michalowski et al. zit. n. Göler/Lautenbacher 2010) dürfte unbestritten sein und „echte“ Zweisprachigkeit als wertvolle Ressource, wenn geschickt zur Platzierung genutzt, kann greifbare Vorteile bieten. Dass hier aber bei jüngeren Spätaussiedlern de facto Defizite bestehen, lässt sich beispielsweise aus der Bamberger Studie erschließen, in welcher festgestellt wurde, dass die Probanden zwar Russisch im Alltag sprachen und russische Medien konsumierten (Fernsehen), allerdings nicht in der Lage waren, die kyrillische Schrift zu lesen (Göler/Lautenbacher 2010: 46). Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern 126 5 Fazit Die Zusammenschau der Befragungsergebnisse beider Studien stützt letztlich die Erkenntnisse, die bereits durch die Auswertung der standardisierten Interviews gewonnen wurden (Köppen/Müller 2012). Die Mehrheit der befragten Aussiedler in Rheinland- Pfalz, mit Ausnahme der ältesten Generation, besitzt eine latent „gemischte“ ethnische Identität. Diese setzt sich erwartungsgemäß aus Elementen russisch/(post-)sowjetischer und deutscher Kultur zusammen. Die vorhandene bikulturelle Kompetenz bietet dabei grundsätzlich die Möglichkeit, sich im Alltag situationsabhängig sowohl für den deutschen als auch den russisch-(post-)sowjetischen Kulturraum typischer Handlungsmuster bzw. Skripts zu bedienen, um optimalen Nutzen zu erzielen. Ein Beispiel hierfür ist sicherlich auch die besondere Betonung des „Deutschtums“ gegenüber dem deutschen Interviewer, wenngleich das Gesamtbild der jeweils geführten Gespräche ganz klar auf eine kulturell vielfältigere Alltagspraxis hinweist, welches eher den Interpretationen aus der quantitativen Studie entspricht. Eine vorrangig deutsche Selbstidentifikation zeigten insbesondere die Befragten der älteren Generation und diejenigen Personen, welche auf eine längere Verweildauer in der Bundesrepublik zurückblicken. Letzteres ist im Prinzip sicher keine überraschende Erkenntnis. Der älteren Generation aber wurden in der Ausgangshypothese aufgrund ihrer sowjetischen Sozialisation und des größtenteils in der Sowjetunion verbrachten Lebens am ehesten Schwierigkeiten mit der Anpassung in Deutschland unterstellt. Hier wiederum bliebe zu bedenken, dass diese Selbstzuschreibung nicht zwangsläufig den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen muss, sondern ein grundsätzliches Statement sein kann, ungeachtet der Frage, wie gut die Integration tatsächlich verläuft oder inwiefern Details im individuellen Alltag russisch-sowjetisch geprägte Handlungsmuster erkennbar sind. So handelt es sich bei diesen Befragten auch um diejenige Generation, welche in der Sowjetunion (zum Teil extreme) Benachteiligung und Diskriminierung als ethnischdeutsche Bürger erfahren mussten (bis hin zur Deportierung, Tötung und Herabwürdigung deren Elterngeneration im Zuge des zweiten Weltkrieges) und deshalb eine lebenslange emotionale Distanz, zumindest gegenüber dem Staatswesen der alten Heimat, haben könnten. Eine generelle Ablehnung der Sowjetunion und ihrer Nachfolgestaaten, die in den 1990er Jahren darüber hinaus mit unübersehbaren politischen und ökonomischen Problemen konfrontiert waren, war zudem für viele Aussiedler und Spätaussiedler ein nennenswerter Push-Faktor zur Emigration in die Bundesrepublik Deutschland. Letztlich dürfte die Betonung der Familie als (einzig) zuverlässiger, unbedingt gepflegter Verband auch eine Strategie der Selbstvergewisserung und der Absicherung in einer latent schwierigen, unberechenbaren und bisweilen ablehnenden (bzw. so empfundenen) Umwelt sein. Eine Anfang der 1990er Jahre im Vorfeld der starken Zuwanderung von Spätaussiedlern bisweilen geäußerte Annahme, dass diese schon nach wenigen Jahren in die deutsche Gesellschaft integriert sein würden, hat sich nicht bestätigt. Vielmehr kristallisiert sich eine hybride Identität als charakteristisch heraus. Die meisten Aussiedler sind in den seltensten Fällen assimiliert. Sie scheinen aber deutlich besser – und vor allem viel schneller – integriert zu sein als Angehörige anderer bedeutender Migrantengruppen, insbesondere der Türken, wenn man den Ausführungen des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung folgt, welche die deutschen (Spät-)Aussiedler als integrationsfreudige Herkunftsgruppe klassifizieren (Woellert/Kröhnert/Sippel/et al. 2009). Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern 127 Dass die hybride Identität auch bei Teilen der jüngeren Aussiedlergeneration häufig nachweisbar und stabil zu sein scheint, ist zunächst erstaunlich, da diese Probanden zum Zeitpunkt der Emigration im Kindes- oder Kleinkindalter waren und demnach die außerfamiliäre Sozialisation in der Bundesrepublik Deutschland stattfand, was Integration oder gar Assimilation eigentlich begünstigen sollte. Tatsächlich aber deckt sich die Beobachtung der betonten „Andersartigkeit“ mit den Erkenntnissen mehrerer Studien zur Integration jugendlicher Aussiedler, in welchen neben genereller Auswie Abgrenzung (Göler/Lautenbacher 2010; Vogelgesang 2008) meist auf soziale Isolation und nennenswerte Probleme beim Einstieg in den Arbeitsmarkt (Strobl/Kühnel 2000) hingewiesen wird. Andererseits zeigen sich klare Parallelen zu Annahmen bezüglich kultureller Orientierung jugendlicher Spätaussiedler aus Russland zum Zeitpunkt der Abwanderung. So waren diese vor der Ausreise im Lebensumfeld ihrer Herkunftsländer im Allgemeinen integriert. „Von der deutschen und russischen Kultur sehen sich viele in gleicher Weise beeinflusst, wie 45 Prozent einer Stichprobe Jugendlicher anlässlich einer Befragung der Universität Nowosibirsk betonten. 26 Prozent sahen sich hauptsächlich durch die deutsche Kultur beeinflusst, 20 Prozent hauptsächlich durch die russische Kultur. 35 Prozent erachteten ihre kulturellen Besonderheiten auch nach der Ausreise für bewahrenswert. 46 Prozent stimmten dem teilweise zu“ (Heinen 2000: 41). „Die schnelle Erteilung der deutschen Staatsbürgerschaft und Integrationsprogramme helfen sicherlich enorm beim ersten Zurechtfinden in der deutschen Gesellschaft, bewirken per se aber natürlich kaum die Eigenwahrnehmung als „Deutsch“, zumal diese Anerkennung seitens der Mehrheitsgesellschaft meist verweigert wird. Somit besteht bei der jüngeren Aussiedlergeneration (noch?) eine gewisse Parallele zur ebenfalls latent hybriden Selbstwahrnehmung junger Ausländer – wie etwa Türken – in Deutschland, welche im Gegensatz zu ethnisch deutschen Zuwanderern zwar keine deutsche Staatsbürgerschaft haben, allerdings in Deutschland geboren und sozialisiert wurden. Zwar sind sie in der deutschen Gesellschaft aufgewachsen und sind mit deren Normen und Werten durchaus vertraut, weisen jedoch häufig eine gespaltene Identität auf, die zum Teil auf den starken Einfluss der Familie und die durch sie vermittelte Traditionen und Werte zurückgeführt werden sowie auf die Tatsache, dass Seitens der deutschen Politik und Gesellschaft eine als ablehnend empfundene Haltung besteht“ (Köppen/Müller 2012: 136). Hier besteht auch der Ansatzpunkt für Raum-, Sozial- und Quartiersplanung. Aussiedler sind letztlich als Migrantengruppe mit einem sehr stark ausgeprägten „aktiven Integrationswillen“ anzusehen (siehe auch Dörries 2014). Die positive Anerkennung dieser Bemühungen wie auch Kenntnis und Respekt der spezifischen Geschichte und kulturellen Besonderheiten besitzen einen hohen Stellenwert. Nicht minder bedeutsam scheint ein gewisser Wunsch nach Unauffälligkeit zu sein, was quasi zwangsläufig an den erwähnten Integrationswillen gebunden ist. Nichtdestotrotz bestehen auch hier die für Migranten typischen Schwierigkeiten und Probleme in der Mehrheitsgesellschaft. Allerdings ist es leicht möglich, dass die spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen der Aussiedler nicht immer angemessen erkannt werden, da einerseits – aufgrund der bereits erklärten Sonderstellung als ethnische Deutsche – die Existenz migrations- und integrationsbedingter Problemlagen sozusagen per Definition negiert werden sowie andererseits die Neigung der Betroffenen sich zu artikulieren nicht zwangsläufig stark ausgeprägt ist, da Unauffälligkeit und Anerkennung als untrennbar verbunden erachtet werden. Identität und Selbstzuschreibung von (Spät-)Aussiedlern 128 Das „Innen“, welches ganz erhebliche Bedeutung für die Identitätsbildung besitzt, wurde nur am Rande erfasst und nicht näher untersucht. Dies könnte der Ansatz einer Folgestudie sein, welche erörtert, in welchem Maße Familie, sozialer Status und gesellschaftlicher Alltag (einschließlich Praktiken der Ausgrenzung durch die Aufnahmegesellschaft) zur Herausbildung hybrider Identität beitragen. Dass die soziale Distanz zwischen Deutschen und Spätaussiedlern auch eine Folge mehr oder weniger bewusster Abgrenzung und des Rückzugs in die eigenethnische Gruppe ist (selbst lange nach dem Zeitpunkt der Auswanderung), wurde bei den qualitativen Interviews teilweise angesprochen und in bestehenden Studien zur Problematik bereits diskutiert (vgl. auch Göler/Lautenbacher 2010). Sehr interessant wäre es außerdem, genauer zu studieren, ob von einer prototypischen russlanddeutschen Kultur gesprochen werden kann, und zu welchen Anteilen originär (post-)sowjetische, imaginäre Landschaften und Praktiken sowie bundesrepublikanische Prägungen charakteristisch für die heutige russischdeutsche Identität sind. Ob die hybride Identität ein persistentes Muster der Selbstidentifikation bleibt oder ob sie lediglich die derzeitige Stellung im Integrationsprozess widerspiegelt und sich letztlich auflöst, wird sich zeigen. Inwiefern die Herausbildung einer „neuen“, aus sowjetischen/post-sowjetischen und bundesdeutschen Erfahrungen sowie Erzählungen und tradierten Handlungsmustern gespeisten, bipolaren (oder gar tripolaren?) kulturellen/ethnischen Identität eine Strategie im Umgang mit Schwierigkeiten oder gar Ablehnung in der bundesdeutschen Gesellschaft darstellt, bietet zusätzliche Ansatzpunkte für weiterführende differenzierte Untersuchungen. Dass die Beachtung von Bikulturalität oder „Zweiheimischkeit“ als innovative Integrationsstrategie (Badawia 2006) im Sinne einer aktiven Gesellschaftspolitik, welche Mentalitätsprobleme wie Identitätsfragen nicht ausblendet, durchaus lohnenswert ist, dürfte sich als Erkenntnis zunehmend durchsetzen. „Integration ist ein langfristiger, nicht selten generationenübergreifender Sozial- und Kulturprozess, der auf das Hinzutreten neuer Gruppen und vieler anderer Wechselbezüge nicht nur regulativ, sondern auch eigendynamisch antwortet“ (Bade/Oltmer 2004: 136). Vor diesem Hintergrund ist die derzeitig konstatierte hybride Identität der Aussiedler weder überraschend noch bedenklich, sondern auch eine Ressource. Literatur Bade, K.; Oltmer, J. (2004): Normalfall Migration. Bonn. Badawia, T. (2006): »Zweiheimisch«, eine innovative Integrationsformel. In: Spohn, C. (Hrsg.): zweiheimisch: Bikulturell leben in Deutschland. Bonn, 181-191. Bös, M. (1997): Migration als Problem offener Gesellschaften. Opladen. Dörries, B. (2014): Heimatkunde. In: Süddeutsche Zeitung, 10.09.2014, 3. Esser, H. (2001): Integration und ethnische Schichtung. Mannheim. = Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung: Arbeitspapiere 40. Fawcett, J.-T. (1989): Networks, Linkages and Migration Systems. In: International Migration Review 23 (3), 671-680. Frik, O. (2005): Integration zu welchem Preis? In: Datta, A. (Hrsg.): Transkulturalität und Identität. Bildungsprozesse zwischen Exklusion und Inklusion. Frankfurt am Main, 139-152. 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Nach maîtrise géographie (Institut de Géographie Alpine, Grenoble) und Diplom (Bamberg) war er wissenschaftlicher Mitarbeiter (Sozial- und Wirtschaftsgeographie) an der TU Chemnitz (dort Promotion im Fach Geographie) sowie Juniorprofessor für Demographieforschung und Anthropogeographie an der Universität Koblenz-Landau. Bernhard Köppen ist apl. Professor an der Universität Koblenz-Landau und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates „Demographiepolitik“ der Landesregierung Rheinland-Pfalz. Arbeitsschwerpunkte sind angewandt geographische Fragestellungen, das Spannungsfeld Regional- und Stadtentwicklung, Regionalpolitik und Raumplanung, Urbanistik, Bevölkerungsgeographie sowie Fragen grenzüberschreitender Kooperation und Multilevel Territorial Governance. Kurzfassung / Abstract 137 Internationalisation of society and the impact on spatial development – Examples from Hesse, Rhineland-Palatinate and Saarland In the context of globalisation and demographic change, the internationalisation of society is becoming increasingly important. In this anthology, awareness is raised for this topic. Its first part deals with the “spatial construction through migrants”, focusing on the culturally differentiated construction of spaces and landscapes from a theoretical point of view. From a social perspective, the shifts in such needs/requirements and values that people tie to different parts of their spatial environment are of particular interest. For example, identity constructions underlie a growing erosion process due to globalisation processes, as regards the understanding of space and landscape as well as their acquisition. Thus, the different levels of spatial planning are confronted with further differentiated demands in terms of space and landscape, implying major challenges for planners. Based on different case studies, the anthology’s second part “migration and specific spaces” follows these theoretical considerations and reflects spatial demands of migrants and their potential of internationalisation. The selected case studies mainly deal with rural areas as well as the internationalisation in those cities which has not attracted academic attention until now. At first, the focus is on the investigation of spatial acquisitions and demands of US-American, Muslim and Turkish migrants. Then, the housing situation of migrants is analysed, including the cross-border commuters at the German- Luxembourgish border. The following part is devoted to the potential which can be generated by the increasing internationalisation of the society. This is done on the one hand with a theoretical example of identity, home as well as inclusion and exclusion. On the other hand identities and self-attributions of repatriates from former Soviet Union in Rhineland-Palatinate are discussed. The conclusion, based on the different articles of this volume, discusses recommendations for the future spatial development that arise in the course of internationalisation of society. The contributions of the anthology are made by: Julia Anslinger, Diedrich Bruns, Chantal Hermes, Jan Hilligardt, Martina Hülz, Bernhard Köppen, Olaf Kühne, Birte Nienaber, Florian Paech, Alexandra Reich, Ursula Roos and Antje Schönwald. Keywords Internationalisation – spatial development – Hesse – Rhineland-Palatinate – Saarland ARBEITSBERICHTE DER ARL 13 Internationalisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Raumentwicklung Beispiele aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland Birte Nienaber, Ursula Roos (Hrsg.) AKADEMIE FÜR RAUMFORSCHUNG UND LANDESPLANUNG LEIBNIZ-FORUM FÜR RAUMWISSENSCHAFTEN ISBN 978-3-88838-395-3 (PDF-Version) ISBN 978-3-88838-396-0 (Print-Version) www.arl-net.de Internationalisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Raumentwicklung 13