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Landwirtschaft

Ihle, Rico,Wesseler, Justus

Abstract

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Ihle, Rico; Wesseler, Justus Book Part Landwirtschaft Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Ihle, Rico; Wesseler, Justus (2018) : Landwirtschaft, In: ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Ed.): Handwörterbuch der Stadt- und Raumentwicklung, ISBN 978-3-88838-559-9, ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, pp. 1367-1380, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-55991275 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/225788 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Daher ist sie Gegenstand umfangreicher medialer Aufmerksamkeit und starker UTQNYNXHMJW*NSĆZXXSFMRJFZXLJXJY_Y Landwirtschaft Rico Ihle, Justus Wesseler ,QNJIJWZSL 1 Bedeutung, aktuelle Herausforderungen und Einordnung 2 Wertschöpfung der Landwirtschaft 3 Produktionsfaktoren 4 Gesellschaftliche Anforderungen 5 Politische Gestaltung 6 Die Landwirtschaft als Kernbestandteil der Bioökonomie Literatur Landwirtschaft 1368 1 Bedeutung, aktuelle Herausforderungen und Einordnung Die Landwirtschaft ist neben der ▷Forstwirtschaft der flächenmäßig wichtigste und sichtbarste Faktor der Nutzung des Raumes und der Gestaltung der Landschaft durch den Menschen. In Deutschland beläuft sich die landwirtschaftliche Nutzfläche gegenwärtig auf ca. 52 %, in Österreich auf 34 % und in der Schweiz auf ca. 25 % der gesamten Landesfläche (vgl. BMELV 2011; BMLFUW 2013; BLW 2013). Dieser Wirtschaftsbereich, der zusammen mit Forstwirtschaft und Fischfang den die Natur unmittelbar nutzenden primären Sektor einer Volkswirtschaft bildet, ist vielfältigen Rahmenbedingungen auf verschiedenen politischen und ökonomischen Ebenen und komplexen, sich oft widersprechenden gesellschaftlichen Erwartungen ausgesetzt. Diese bestimmen indirekt über die Setzung von meist wirtschaftlichen Anreizen mit Blick auf die Zusammensetzung und Intensität der sektoralen Produktion die Gestaltung des durch diesen Wirtschaftsbereich genutzten Raumes. Neben ihrer Hauptaufgabe der Erzeugung von ausreichenden Mengen hochwertiger Nahrungsmittel produziert die Landwirtschaft eine Reihe von nachwachsenden Rohstoffen, die von verschiedenen Industriezweigen weiterverarbeitet werden. Außerdem erzeugt sie eine Reihe von immateriellen Gütern (▷Gemeinschaftsgüter) wie die Erhaltung der vom Menschen geschaffenen Kulturlandschaften (▷Kulturlandschaft), die für Naherholung, Tourismus und Lebensqualität in Industriestaaten seit vielen Dekaden, jedoch auch zunehmend in Entwicklungsländern von erheblicher Bedeutung sind. Aufgrund ihrer enormen Flächenansprüche steht sie in unmittelbarer Konkurrenz mit weiteren Arten der Raumnutzung. Auf westeuropäischer wie auch globaler Ebene spielt die Landwirtschaft daher eine substanzielle Rolle für ▷Naturschutz und ▷Nachhaltigkeit u. a. durch die unmittelbare Flächenkonkurrenz mit den verbleibenden tropischen Urwäldern und anderen bislang nicht durch den Menschen genutzten Räumen. Die Ausprägung von Struktur und Aufgaben der Landwirtschaft veränderte sich über die Jahrhunderte entsprechend den an sie gestellten Anforderungen. Aktuell bestehen die größten Herausforderungen, denen sich der Sektor auf globaler Ebene stellen muss, in der Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung einer vor allem in Entwicklungsländern rasch wachsenden Bevölkerung und in der Ersetzung fossiler Industrie- und Energierohstoffe. Dabei vollzieht er eine Gratwanderung zwischen Produktivitätssteigerungen und der Ausweitung der weltweiten Anbauflächen auf Kosten anderer Raumnutzungsarten. Im europäischen Kontext erfährt die Landwirtschaft steigenden Rechtfertigungsdruck angesichts der umfangreichen staatlichen Subventionszahlungen an sie (▷Agrarpolitik), der sich erhöhenden Anforderungen an umwelt- und tierfreundliche Produktionsweisen und der Kritik von entwicklungspolitischen Interessengruppen bezogen auf Gerechtigkeitsaspekte im (Nahrungsmittel-)Handel mit der Dritten Welt (vgl. Wesseler/Zilberman 2014). Der Landwirtschaft kommt als Wirtschaftsfaktor zur Generierung eines zum Überleben ausreichenden Einkommens und der Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung in traditionellen Wirtschaftssystemen der Dritten Welt eine besondere Rolle zu. Im Zuge der industriellen Entwicklung ging ihre wirtschaftliche Bedeutung in Mitteleuropa seit dem 19. Jahrhundert stark zurück. Der Anteil der Wertschöpfung der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt Deutschlands, Österreichs und der Schweiz belief sich 2010 auf 0,9 % (BMELV 2011), 1,5 % (BMLFUW 2013) bzw. 0,7 % (BLW 2013). Auf regionaler Ebene kann dieser Anteil wesentlich höher ausfallen (s. Abb. 1). Landwirtschaft 1369 Abbildung 1: Anteil der Landwirtschaft an der regionalen EU-Bruttowertschöpfung 2011 Cartography: Eurostat — GISCO, 04/2014 Administrative boundaries: © EuroGeographics © UN-FAO © Turkstat Source: Eurostat (online data code: agr_r_accts, aact_eaa01, nama_r_e3vab95r2 and nama_gdp_c) (% of total value added) (¹) The former Yugoslav Republic of Macedonia: 2010. Poland: 2009. Belgium, Slovenia and Norway: national level. Guadeloupe (FR91), Martinique (FR92), Guyane (FR93) and Réunion (FR94): estimates. Portugal: provisional. Guadeloupe (FR) 025 Martinique (FR) 020 Guyane (FR) 0 100 Réunion (FR) 020 Açores (PT) 050 Madeira (PT) 020 Canarias (ES) 0 100 Malta 010 Liechtenstein 05 0 200 400 600 800 km (% of total value added) EU-28 = 1.4 < 0.5 0.5 – < 1.5 1.5 – < 2.5 2.5 – < 5.0 >= 5.0 Data not available Quelle: Eurostat 2015 Landwirtschaft 1370 Die sich seit dem Ende des 20. Jahrhunderts verstärkende ▷Globalisierung der Weltwirtschaft stellt einen weiteren grundlegenden Impuls für zunehmende Arbeitsteilung im Anbau und in der Verarbeitung von Nahrungsmitteln und nachwachsenden Rohstoffen sowie einen entsprechend intensiveren Welthandel dar (vgl. Federico 2005), der die ▷ Raumentwicklung weltweit nachhaltig beeinflusst und eine grundsätzliche Veränderung der Raumnutzung durch die Landwirtschaft bedingt. Diese Entwicklung hat weitreichende Auswirkungen auf die nationale Politikgestaltung. Der Umstand, dass Anbaugebiete und Zentren der Weiterverarbeitung und des Verbrauchs in geographisch weit voneinander entfernten Staaten angesiedelt sind, ist dafür verantwortlich, dass Entscheidungen in der nationalen oder regionalen Wirtschaftspolitik hinsichtlich Nachhaltigkeit, ▷ Rohstoffsicherung, Energiepolitik oder Umweltpolitik Folgen für die Handelspartner haben können. Die westeuropäische Landwirtschaft ist seit dem frühen 20. Jahrhundert von einem tiefgreifenden Wandel der Produktionstechnologien und -strukturen gekennzeichnet. Obwohl in allen Ländern des deutschsprachigen Raumes seit Dekaden ein leichter Rückgang der bewirtschafteten Flächen u. a. durch den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und der Siedlungsstruktur festzustellen ist, ließ sich durch eine rapide und substanzielle Erhöhung der Produktivität mittels Mechanisierung, Züchtung, Düngung, Pflanzenschutz, IT-Einsatz etc. eine deutliche Erhöhung des Produktionsausstoßes erzielen. In Kombination mit einem starken Rückgang der Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe bei einem zugleich moderaten Rückgang der Beschäftigten führte dies zu einer grundsätzlichen Umgestaltung ländlicher Räume (▷Ländliche Räume) mit weniger, aber größeren und stärker mechanisierten Betrieben, deren Produktionsverfahren zu umfangreicheren Flächeneinheiten tendieren und somit das Erscheinungsbild der ▷Landschaft verändern. Daher hat die Landwirtschaft auch ihre Bedeutung als dominierender Beschäftigungs- und Wirtschaftszweig in den ländlichen Gebieten Westeuropas verloren. Dieser tiefgreifende Strukturwandel in Westeuropa (vgl. EC 2013) ist neben den Produktivitätssteigerungen durch eine Reihe weiterer ökonomischer Phänomene bedingt, wovon das sogenannte Engelsche Gesetz eines der wichtigsten ist. Diese vom sächsischen Statistiker Ernst Engel entdeckte Gesetzmäßigkeit beschreibt den Fakt, dass mit steigendem Einkommen ein Privathaushalt einen entsprechend geringeren Anteil für Nahrungsmittel ausgibt. So beläuft sich gegenwärtig der Anteil der Lebensmittelausgaben am Einkommen eines durchschnittlichen Haushalts im deutschsprachigen Raum auf ca. 11 %. Dieser Anteil ist tendenziell umso höher, je weniger wirtschaftlich entwickelt ein Land ist, d. h. je geringer sein durchschnittliches Haushaltseinkommen ausfällt (s. Abb. 2). Infolge dieser Entwicklung und der sich abzeichnenden zunehmenden Knappheit fossiler Energie- und Industrierohstoffe ist in Industrieländern eine sich intensivierende Verzahnung der Landwirtschaft mit vor- und nachgelagerten Bereichen zu beobachten, die Produktionsfaktoren wie Düngemittel oder Maschinen herstellen oder die erzeugten Rohstoffe verarbeiten. Diese Entwicklung reicht vom Vertragsanbau von patentrechtlich geschützten Pflanzensorten bis hin zur Erzeugung erneuerbarer Energien (▷Erneuerbare Energien). Somit ist die Landwirtschaft aufgrund ihrer Produktion nachwachsender Rohstoffe ein wichtiger Akteur der sogenannten Bioökonomie, die eine politische Vision darstellt, um den bevorstehenden Herausforderungen mit einer nachhaltigen und bio-basierten Wirtschaft zu begegnen. Landwirtschaft 1371 Abbildung 2: Anteil der Nahrungsmittelausgaben am jährlichen Haushaltseinkommen BILLIONS SERVED A map of the world based on food costs as a percentage of income compared with incidence of juvenile malnutrition. The size of the country represents the percentage spent on food. The darker the color, the higher the rate of malnutrition. 1 of 2 US 6.8% Mexico 24.1% Colombia 27.7% Brazil 24.6% Argentina 20.3% Ukraine 42.2% Russia 29.1% China* 33.9% *includes nonalcoholic beverages Turkey 24.5% India 35.8% Philippines 37% Indonesia 44.1% S Korea 15.3% Taiwan 24.1% Japan 14.4% Egypt 38.3% S Africa 20.1% Canada 9.1% Venezuela 29.3% Poland 20.4% Thailand 24.9% Australia 10.6% Netherlands 11.4% Denmark 11.4% Peru 29.1% Saudi Arabia 23.7% Vietnam 38.5% Algeria 43.8% Morocco 40.3% Malaysia 14.2% Chile 23.4% Uzbekistan 35.7% Romania 34.2% Belgium 13.1% Nigeria 40.1% UK 8.9% Ireland 7.5% France 13.4% Spain 13.4% Italy 14.4% Germany 11.4% Iran 26.3% Pakistan 45.4% Cameroon 38.5% Ecuador 19.9% Kazakhstan 35.4% Sweden 11.6% Kenya 44.9% Czech Republic 15.9% Hong Kong 12.3% Belarus 44% Tunisia 35.8% Hungary 16.6% Greece 14.2% Israel 17.8% Guatemala 35.6% Portugal 15.7% Dominican Republic 29.5% Bolivia 28.4% Switzerland 10.3% Austria 11.1% Bulgaria 19% Jordan 40.8% Azerbaijan 48.5% Singapore 8.1% UAE 9% Norway 13.1% New Zealand 12.1% Finland 12.1% Uruguay 18.7% Slovakia 17.2% Costa Rica 25.9% Kuwait 14.6% Bahrain 14.5% Qatar 12.8% Croatia 26.1% Turkmenistan 28.7% Georgia 42.1% Lithuania 22.9% Bosnia- Herzegovina 31.3% Latvia 19.2% Macedonia 31.9% Slovenia 14.6% Estonia 15.3% Malnutrition (% OF CHILDREN UNDER 5 YEARS OF AGE) < 5% 5-10% 10- 20% 20-30% 30-40% > 40% not in survey NUTRITIONAL STUNTING (2003–2008) SOURCE: WORLD HEALTH ORGANIZATION Annual income spent on food (% OF HOUSEHOLD CONSUMPTIVE EXPENDITURES) SOURCE: USDA/ECONOMIC RESEARCH SERVICE"(&&. Quelle: Sorensen 2011: 42 f. Daneben muss die Landwirtschaft eine Reihe von gesellschaftlichen Anforderungen erfüllen, die durch den sozialen Wandel (▷Sozialer Wandel) ständiger Veränderung ausgesetzt sind. Sie steht häufig im Mittelpunkt medialer Debatten über Qualität und Sicherheit von Nahrungsmitteln und ist Gegenstand vieler Interessenverbände, die versuchen, den öffentlichen Diskurs und die politische Entscheidungsfindung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Im Rahmen der europäischen Vereinigung (▷Europäische Union) kam der Landwirtschaft eine Pionierfunktion zu, da sie zu den Politikbereichen zählt, die zuerst auf die europäische Ebene übertragen (vgl. Fennel 1997) und später durch weitere, wie die ▷Europäische Regionalpolitik, ergänzt wurden. Der landwirtschaftliche Sektor der Industrieländer unterscheidet sich stark von denen osteuropäischer und lateinamerikanischer Schwellenländer oder afrikanischer Entwicklungsländer. Die dort noch existierenden landwirtschaftlichen Potenziale weisen diesen Staaten für die zukünftig notwendige Erhöhung der Produktion von sowohl Nahrungsmitteln als auch Rohstoffen eine Schlüsselrolle zu. Landwirtschaft 1372 Das für die erfolgreiche Beschreitung des Weges in die Zukunft nötige Wissen wird durch eine Vielzahl von Institutionen zur Verfügung gestellt (▷Wissensgesellschaft). Im deutschsprachigen Raum sind dies einerseits Hochschulen wie etwa die Universität für Bodenkultur Wien, die ETH Zürich oder das Wissenschaftszentrum Weihenstephan und andererseits öffentliche Einrichtungen wie Agroscope, das Friedrich-Loeffler-Institut, das Julius-Kühn-Institut, das Thünen-Institut oder auch das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung. Auf internationaler Ebene zählen die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und die Beratungsgruppe für Internationale Agrarforschung (CGIAR) zu den wichtigsten Akteuren. 2 Wertschöpfung der Landwirtschaft Die Landwirtschaft produziert von alters her unter der direkten Nutzung der natürlichen Ressourcen eine Reihe von Rohstoffen, die als Grundlage der menschlichen Ernährung oder als Ausgangsstoffe für die Herstellung weiterer Güter dienen. Deshalb besaß sie vor dem Zeitalter der Indus trialisierung eine wesentlich größere gesamtwirtschaftliche Bedeutung als gegenwärtig. Aufgrund des erheblichen biologisch-technischen Fortschritts erfährt ihre Produktionsausrichtung in der westlichen Welt seit den 1970er Jahren einen wachsenden Impuls in Richtung der Erzeugung von Energie- und Industrierohstoffen. Brasilien oder auch die Europäische Union (EU) spielen in diesem Kontext eine Vorreiterrolle, indem sie aus Zuckerrohr produziertes Bioethanol oder rapsbasierten Biodiesel seit Jahren als Kraftstoff nutzen. Diese Entwicklung nähert die Landwirtschaft ihrer vorindustriellen Produktionsstruktur an, löste jedoch unter dem plakativen Schlagwort „Tank vs. Teller“ intensive gesellschaftliche Debatten aus (vgl. Burdick/Waskow 2009). Im Rahmen der Ausbalancierung der Konkurrenz zwischen Lebensmittel- und Rohstoffproduktion hat die Landwirtschaft eine wesentliche Aufgabe für die Sicherstellung einer ausreichenden Menge und Qualität von Nahrungsmitteln im Hinblick auf eine möglichst nachhaltige Produktion zu erfüllen. Die Ernährungssicherstellung durch einheimische Erzeugung und den Welthandel ist in Ländern der Dritten Welt des Mittleren Ostens und Afrikas von übergeordneter Bedeutung, wo bedingt durch klimatische Ereignisse und kriegerische Auseinandersetzungen oft noch Hungerkatastrophen ausbrechen. Da diese Frage im westeuropäischen Kontext seit Jahrzehnten gelöst ist, wurde dort die Einhaltung von Qualitätsstandards in Produktion und Verarbeitung aufgrund mehrerer Lebensmittelskandale, die unter Schlagworten wie BSE, EHEC oder Nitrofen breite gesellschaftliche Aufmerksamkeit erlangten (vgl. Meyer-Hullmann 1999), zu einem maßgeblichen Thema. Landwirtschaftliche Flächen und Gebäude sind oft auch ideale Standorte für Solar- oder Windkraftanlagen zur Energieerzeugung. In Deutschland bewirkte die staatliche Subvention von Biogasanlagen in den letzten beiden Dekaden einen intensiven Ausbau dieses Bereichs der ▷Energiewirtschaft, der sowohl das Erscheinungsbild der Kulturlandschaft als auch die Einkommensbasis der Landwirte veränderte. Der Konflikt in der Nutzung der Fläche für Nahrungsmittelproduktion einerseits und Rohstoff- und Energieproduktion andererseits wird mittelfristig durch die wirtschaftliche Profitabilität der konkurrierenden Nutzungsarten entschieden und beeinflusst den Bodenmarkt nachhaltig (▷Bodenmarkt/Bodenpolitik). Landwirtschaft 1373 Die Globalisierung der Wirtschaft und die Liberalisierung des Welthandels durch eine Reihe von internationalen Abkommen im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) führten zu einer zunehmenden internationalen Arbeitsteilung und Spezialisierung, sodass zwischen Regionen der Rohstoffproduktion, der Weiterverarbeitung und des Verbrauchs teils immense Distanzen liegen. Der enorm gewachsene internationale Handel mit Agrargütern (s. Abb. 3) wird vorwiegend über den ▷Seeverkehr, für verderbliche Güter auch über den ▷Luftverkehr abgewickelt und hängt somit erheblich von der ▷Infrastruktur ab. Dieser Umstand hat zur Folge, dass sich Nahrungsmittelpreise auf verschiedenen Kontinenten in größerem Ausmaß gegenseitig beeinflussen und verstärkt an die Entwicklung von Energiepreisen gekoppelt sind (vgl. Busse/Brümmer/Ihle 2011), da auch eine Reihe von landwirtschaftlichen Produktionsfaktoren energieintensiv erzeugt wird. Abbildung 3: Entwicklung des Handels mit Agrarprodukten (2000 = 100) Ϭ ϱϬ ϭϬϬ ϭϱϬ ϮϬϬ ϮϱϬ ϯϬϬ ϯϱϬ ϰϬϬ ϭϵϴϬ ϭϵϴϱ ϭϵϵϬ ϭϵϵϱ ϮϬϬϬ ϮϬϬϱ ϮϬϭϬ džƉŽƌƚĞtĞůƚ džƉŽƌƚĞhͲϮϴ džƉŽƌƚĞĞƵƚƐĐŚůĂŶĚ /ŵƉŽƌƚĞtĞůƚ /ŵƉŽƌƚĞhͲϮϴ /ŵƉŽƌƚĞĞƵƚƐĐŚůĂŶĚ Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage von WTO 2014 3 Produktionsfaktoren Für die landwirtschaftliche Erzeugung ist vor allem der Produktionsfaktor Boden von entscheidender Bedeutung, somit sind der Bodenmarkt, die Bodenpolitik und das ▷Bodenrecht für den Sektor von grundlegender Relevanz. Daneben wird das Erscheinungsbild der Landwirtschaft maßgeblich bestimmt vom Wandel des intensiven Einsatzes menschlicher Arbeit zu kapitalintensiver Technologie wie Züchtung, Düngung, Pflanzenschutz oder IT-gesteuerte Mechanisierung. In vorindustriellen sowie in gering industrialisierten Wirtschaftssystemen stellt die Landwirtschaft den wichtigsten Beschäftigungssektor dar, wogegen sich dies in heutigen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften wie etwa in Westeuropa grundsätzlich geändert hat. In der Dritten Landwirtschaft 1380 FIBL – Forschungsinstitut für biologischen Landbau; IFOAM – International Federation of Organic Agriculture Movements (eds.) (2015): The world of organic agriculture: Statistics and emerging trends. Frick / Bonn. Generaldirektion für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung der Europäischen Kommission (Hrsg.) (2015): Landwirtschaft und ländliche Entwicklung. http://ec.europa.eu/dgs/ agriculture/index_de.htm (30.01.2015). OECD-FAO – Organisation for Economic Co-operation and Development-Food and Agriculture Organization of the United Nations (ed.) (2015): Agricultural outlook 2015. Paris. Smyth, S.; Phillips, P. W. B.; Castle, D. (eds.) (2014): Handbook on agriculture, biotechnology and development. Cheltenham. Bearbeitungsstand: 11/2017