scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Temporär genutzte Räume von berufsbedingt multilokal Lebenden: Herausforderungen und Potenziale für betriebliche und regionale Entwicklungen in ländlichen Räumen Niedersachsens

Greinke, Lena,Hilti, Nicola

Abstract

EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.

Full text

Greinke, Lena; Hilti, Nicola Article Temporär genutzte Räume von berufsbedingt multilokal Lebenden: Herausforderungen und Potenziale für betriebliche und regionale Entwicklungen in ländlichen Räumen Niedersachsens Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning Provided in Cooperation with: Leibniz-Forschungsnetzwerk "R – Räumliches Wissen für Gesellschaft und Umwelt | Spatial Knowledge for Society and Environment" Suggested Citation: Greinke, Lena; Hilti, Nicola (2020) : Temporär genutzte Räume von berufsbedingt multilokal Lebenden: Herausforderungen und Potenziale für betriebliche und regionale Entwicklungen in ländlichen Räumen Niedersachsens, Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning, ISSN 1869-4179, Sciendo, Warsaw, Vol. 78, Iss. 1, pp. 89-105, https://doi.org/10.2478/rara-2019-0045 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/222218 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/ Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning, 2020; 78(1): 89–105 Beitrag / Article Open Access Lena Greinke*, Nicola Hilti Open Access. © 2020 Lena Greinke, Nicola Hilti, published by Sciendo. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 License. Temporär genutzte Räume von berufsbedingt multilokal Lebenden. Herausforderungen und Potenziale für betriebliche und regionale Entwicklungen in ländlichen Räumen Niedersachsens https://doi.org/10.2478/rara-2019-0045 Eingegangen: 28. September 2018; Angenommen: 1. Juli 2019 *Corresponding author: Lena Greinke, Leibniz Universität Hannover, Institut für Umweltplanung, Herrenhäuser Straße 2, 30419 Hannover, Deutschland, E-mail: [email protected].de Dr. Nicola Hilti, Fachhochschule St. Gallen, Institut für Soziale Arbeit und Räume, Rosenbergstraße 59, 9001 St. Gallen, Schweiz Kurzfassung: Aufgrund von Globalisierungsprozessen in Zusammenhang mit zunehmender Individualisierung und Pluralisierung von Lebensstilen sowie flexibilisierten Arbeitswelten nimmt räumliche Mobilität zu. Dabei werden multilokale Lebensweisen, also Lebensführungen an mehreren Orten und über mehrere Orte hinweg, immer bedeutsamer. In diesem Beitrag werden erste Ergebnisse einer Analyse berufsbedingt multilokaler Lebensweisen in ländlichen Räumen vorgestellt. Ziel des Beitrages ist es, Herausforderungen und Potenziale multilokaler Lebensweisen für betriebliche und regionale Entwicklungen aufzuzeigen sowie damit zusammenhängende mögliche Handlungsfelder für die politisch-planerische und unternehmerische Praxis zu formulieren. Mithilfe von qualitativen Forschungsmethoden wurde eine Fallstudienanalyse im niedersächsischen Landkreis Diepholz durchgeführt. Der Beitrag diskutiert zunächst die Beweggründe und Umstände, die dazu führen, dass Beschäftigte an mehreren Orten leben (müssen). Danach wird die Gestaltung des Alltags- und Berufslebens der mehrörtig lebenden Personen in temporären, das heißt zeitweise bewohnten Räumen, erläutert. Des Weiteren wird gezeigt, welche betrieblichen und regionalen Rahmenbedingungen und Strukturen diese Lebensweisen beeinflussen und welche Bedeutung berufsbedingte Multilokalität für betriebliche und regionale Entwicklungen haben kann. Schlüsselwörter: Multilokalität, ländliche Räume, alltägliche Lebensführung, Betriebe, Regionalentwicklung, Niedersachsen, Diepholz Abstract: Due to globalization processes in connection with increasing individualization and pluralization of lifestyles as well as flexible working environments, spatial mobility is increasing. A multi-local way of life, thus living in several places, is becoming more and more important. This paper presents the first results of an analysis of occupational Temporarily used places of multi-local living employees. Challenges and potentials for operational and regional developments in rural areas of Lower Saxony 90 Lena Greinke, Nicola Hilti 1 Berufsbedingte Multilokalität und seine Bedeutung Räumliche Mobilität spielt in der heutigen Zeit eine zentrale Rolle. Eine zunehmend bedeutsame Ausprägung mobiler Lebensführungen aufgrund individualisierter und pluralisierter Lebensstile sowie flexibilisierter Arbeitswelten ist Multilokalität (Dittrich-Wesbuer/Föbker 2013: 391; ARL 2016: 1), das heißt das Wohnen und Leben an mehreren Orten in einem mehr oder weniger regelmäßigen Rhythmus. Die Motive, Beweggründe und Ausprägungsformen sind dabei äußerst vielfältig (Hilti 2013: 32; Seebacher 2013: 12). Multilokale Lebensweisen sind historisch betrachtet nichts Neues. Im Zuge zunehmender globaler und zugleich räumlicher Arbeitsteilung (vgl. Hesse/Scheiner 2007: 138) verstärken sie sich jedoch, differenzieren sich aus und sind in allen gesellschaftlichen Schichten und Milieus verankert (Rolshoven 2007: 160 ff.; Hilti 2009: 77; Schier 2009: 57; Weiske/Petzold/ Zierold 2009: 67). In diesem Beitrag steht die berufsbedingte Multilokalität in ländlichen Räumen Niedersachsens im Mittelpunkt. Ländliche Räume sind oft komplexer als in der räumlichen Planung angenommen (Altrock/Güntner/ Huning et al. 2005: 7), denn sie sind von komplexen Wandel- und Veränderungsprozessen betroffen: Neben dem demographischen Wandel zählen auch klimatische sowie wirtschaftsstrukturelle Prozesse dazu, die unmittelbar auch Wohn- und Arbeitsverhältnisse, Freizeit- und Mobilitätsverhalten der Menschen beeinflussen (NHB/ALR 2014: 3). Restrukturierungsprozesse am Arbeitsmarkt (vgl. Reuschke 2010: 287) und neue Unternehmensstrukturen begünstigen zudem multilokale Lebensformen, beispielsweise unternehmensinterne Delegationen (internationaler) Mehrbetriebsunternehmen an verschiedenen Standorten, häufig wechselnde Arbeitsorte oder Arbeitnehmerüberlassungen in Form von temporärer Leiharbeit. Diese „Erosion des Normalarbeitsverhältnisses“ (Sturm/Meyer 2009: 22) führt zu erhöhten Mobilitätsanforderungen. Vor dem Hintergrund des skizzierten gesellschaftlichen Wandels multilokalisieren sich Menschen zunehmend (Petzold 2013). In ihren Praktiken der Lebensführung konstituieren sie stets aufs Neue Räume, die sie jeweils in spezifischen raum-zeitlichen Mustern nutzen. Das ‚Herstellen‘ dieser temporär genutzten Räume erfolgt über die physische (aber auch virtuelle) Mobilität der Menschen, aber ebenso über die Verankerung an den jeweiligen Orten. Ausschlaggebend für die Lebensführung und aus der Perspektive der multilokal Lebenden sind demnach nicht die territorialen Grenzen, sondern die ‚gemachten‘ Räume. In diesem Beitrag wird von einem breiten Verständnis des multilokalen Wohnens1 ausgegangen, sodass auch Personen, die nicht an allen ihren Wohnorten melderechtlich erfasst sind, mit eingeschlossen sind (vgl. Lange 2018). Dadurch ist es möglich, auch „verdeckte Multilokalität“ oder „Kryptomultilokalität“ (Weichhart/ Rumpolt 2015: 17 f.) (z. B. regelmäßige Übernachtungen bei Freunden oder in Hotels) zu erfassen. Nicht berücksichtigt hingegen wird die Palette an eher freizeitbezogenen und partnerschaftlich bedingten multilokalen Lebensführungen. Die Forschung hat sich bislang eher auf städtische Gebiete konzentriert (Dannenberg/Lang/ Lehmann 2010: 55), mit wenigen Ausnahmen (z. B. Lange 2018). Allerdings befinden sich temporäre Wohnorte sowohl in städtischen wie auch in ländlichen Gebieten (Greinke/Lange/Othengrafen 2017). Ländliche Gebiete sind in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung, übernehmen sie doch – entgegen der Zuschreibungen als Orte der Agrarproduktion, der ökologischen und Erholungsfunktionen – zunehmend auch Funktionen als Standorte beispielsweise für Gewerbe und Dienst- 1 Multilokalität und multilokales Wohnen werden in diesem Beitrag synonym verwendet. multi-local lifestyles in rural areas. This contribution aims to identify challenges and potentials of multi-local lifestyles for operational and regional developments and to formulate associated possible fields of action for political-planning practice and entrepreneurial practice. With the help of qualitative methods, a case study analysis was carried out in the district Diepholz in Lower Saxony (Germany). The article first discusses the motives and circumstances that ensure that employees (have to) live in several places. Afterwards, the organization of everyday life and working life of the persons living in temporarily used places is explained. Furthermore, it will be shown which operational and regional framework conditions and structures influence these lifestyles, as well as the significance of job-related multi-locality for operational and regional developments. Keywords: Mutli-locality, Rural areas, Everyday life, Companies, Regional development, Lower Saxony, Diepholz Temporär genutzte Räume von berufsbedingt multilokal Lebenden. Herausforderungen und Potenziale für betriebliche und regionale Entwicklungen in ländlichen Räumen Niedersachsens 91 leistungen (Dannenberg/Lang/Lehmann 2010: 56), und unterscheiden sich in ihren sozioökonomischen Strukturen von urbanen Räumen (BMVBS/BBSR 2009: 4). In zahlreichen ländlichen Gebieten haben sich Unternehmen angesiedelt (vgl. BMEL 2016), von denen aufgrund ihrer Betriebsstrukturen mit z. B. unternehmensinternen Delegationen der Beschäftigten an verschiedene Standorte Ballungen von mehrörtig lebenden Beschäftigten zu erwarten sind. Vor diesem Hintergrund stellen sich folgende Fragen: –Welche Beweggründe und Umstände führen dazu, dass Beschäftigte an mehreren Orten leben (müssen) und wie gestalten diese Personen ihr Alltags- und Berufsleben in den von ihnen temporär genutzten Räumen? –Welche betrieblichen und regionalen Rahmenbedingungen und Strukturen beeinflussen multilokale Lebensweisen in ländlichen Gebieten? –Welche Bedeutung kann diese berufsbedingte Multilokalität für betriebliche und regionale Entwicklungen in ländlichen Gebieten haben und welche Handlungsfelder für die politisch-planerische und unternehmerische Praxis lassen sich daraus ableiten? Diesen Fragen geht der vorliegende Beitrag nach mit dem Ziel, die Herausforderungen und Chancen aufzuzeigen, die sich aufgrund der mehrörtig lebenden Beschäftigten für die Betriebe und die Regionalentwicklung in ländlichen Räumen Niedersachsens ergeben. Der Beitrag stellt Zwischenergebnisse eines Dissertationsprojektes zur Diskussion, welches im Rahmen des Forschungsprojekts TempALand2 durchgeführt wird. Dazu werden zunächst der Forschungsstand zu (berufsbedingter) Multilokalität (Kapitel 2) und danach das methodische Vorgehen im Rahmen einer Fallstudienanalyse im niedersächsischen Untersuchungsgebiet, dem Landkreis Diepholz in Deutschland (Kapitel 3), vorgestellt. Anschließend werden die Ergebnisse der Analyse der mehrörtig lebenden Beschäftigten darge- 2 Das dreijährige Forschungsprojekt „Temporäre An- und Abwesenheiten und deren Auswirkungen auf Land und Gesellschaft“ (www.tempaland.de) wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung innerhalb der Fördermaßnahme „Kommunen innovativ“ von 2016 bis 2019 gefördert. Projektpartner und -beteiligte sind das Institut für Umweltplanung der Leibniz Universität Hannover (Projektleitung), der Landkreis Diepholz (Fachdienst Kreisentwicklung), fünf kommunale Praxispartner im Landkreis und die beiden Planungsbüros Gertz Gutsche Rümenapp – Stadtentwicklung und Mobilität sowie proloco – Stadt und Region, Planung und Entwicklung. stellt und die Bedeutung dieser berufsbedingten Multilokalität für betriebliche und regionale Entwicklungen erläutert (Kapitel 4). Abschließend werden erste Handlungsfelder für betriebliche und regionale Entwicklungen in ländlichen Räumen Niedersachsens aufgezeigt und ein Ausblick auf weitere mögliche Entwicklungen und Forschungsthemen gegeben (Kapitel 5). 2 Forschungsstand zu berufsbedingter Multilokalität Die jüngere Multilokalitätsforschung hat ihre Anfänge in den 2000er-Jahren. Ihre kulturwissenschaftlichen Wurzeln gehen jedoch bis in die 1970er-Jahre zurück. Das Phänomen wurde bislang breit und interdisziplinär erforscht. Daher lässt sich die Multilokalitätsforschung am besten entlang verschiedener interdisziplinärer Forschungsfelder darstellen. 2.1 Mobilitätsforschung Die Mobilitätsforschung befasst sich mit vielen Facetten von Mobilität und dabei mitunter – meist implizit – auch mit Multilokalität, die als hybride Querschnittsmaterie zu den drei großen Mobilitätsthemen der globalisierten Spätmoderne betrachtet wird: „… the phenomenon of dual residency straddles the areas of residential mobility, travel and daily mobility“ (Kaufmann 2002: 36). In der Erforschung des Phänomens interessieren spezifische Aspekte oder Typen, etwa die Beweggründe und Ausprägungen berufsbedingten multilokalen Wohnens (Collmer/Kümmel 2005) sowie dessen Folgen für verschiedene Lebensbereiche, wie das Familienleben (Schier 2009), soziale Netzwerke (Larsen/Axhausen/Urry 2006), die psychische Gesundheit (Schneider/ Limmer/Ruckdeschel 2002) oder die Motilität im Sinne des (ungleich verteilten) Potenzials zur Mobilität (Viry/ Kaufmann/Widmer 2008). Aber auch bestimmte Berufsgruppen wie z. B. Piloten (Huchler 2013), Beschäftigte in der Erdgas- und Erdölindustrie (Saxinger 2016) oder der Kreativwirtschaft (Nadler 2014) stehen im Fokus einiger Untersuchungen. Ein Strang der jüngeren Mobilitätsforschung – die Mobilities Studies – befasst sich mit der Bewegung und Beweglichkeit von Menschen, Gütern, Informationen und Ideen als konstitutive Elemente der spätmodernen Gesellschaft (Urry 2007) und richtet dabei die Perspektive zunehmend weg von der einseitigen Betonung des 92 Lena Greinke, Nicola Hilti Mobilen und hin zum Spannungsfeld von Mobilität und Verankerung (Sheller 2011; Meier/Frank 2016). 2.2 Migrations-, Transnationalismus- und Entwicklungsforschung Die Forschung zu Migration und Transnationalismus untersucht unter anderem spezifische Formen von Multilokalität, insbesondere im Bereich Transmigration (Pendeln zwischen Wohnorten in kulturell unterschiedlichen Zusammenhängen) und Amenity Migration (Wohlstandsmigration, vorwiegend freizeitorientiert). Auch hier werden seit einiger Zeit vermehrt die sozialen, kulturellen und ökonomischen Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen Aufenthaltsorten als konstitutiv für Migrationsprozesse in den Mittelpunkt gerückt (Albrow 1997; Pries 1998). Konzepte mit einem Fokus auf transnationale oder multilokale Haushalte ermöglichen ein besseres Verständnis etwa von Verstädterungsprozessen und familialen Dynamiken im Kontext von Migration (Schmidt-Kallert 2009; Steinbrink 2009). Auch in der Entwicklungsforschung kommt den Wechselbeziehungen und der Multilokalität wachsende Aufmerksamkeit zu (de Haan/Zoomers 2003): Die Sicherung der Existenz hängt in vielen Haushalten in Ländern des globalen Südens von der Mobilität einzelner Familienmitglieder ab. Die Ausprägungen und Folgen solcher Lebensführungen werden anhand von Konzepten wie livelihood (Sicherstellung der Existenzgrundlagen einer Gesellschaft) und vulnerability (Verwundbarkeit von Personen und Gruppen im Kontext der Entwicklungsforschung) beschrieben (Schmidt-Kallert 2009; Dick/ Reuschke 2012). Die Multilokalitätsforschung hat hieran angeknüpft und ihre Protagonistinnen/Protagonisten schlugen vor, diese Konzepte auf sämtliche Formen multilokalen Daseins anzuwenden (Weichhart 2015). 2.3 Tourismus- und Zweitwohnsitzforschung Zweitwohnsitze sind ein Teilphänomen der Multilokalität, welche hauptsächlich in Zusammenhang mit Tourismus sowie seinen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen erforscht werden (Gallent/Tewdwr-Jones 2000; Hall/ Müller 2004), wie auch die Freizeitmobilität und Verkehrsverhalten (Fuhrer/Kaiser 1994). Die Betrachtung touristischer Praktiken fokussiert vornehmlich den Ort des zweiten Wohnsitzes, den touristischen Zielort. Die große Mehrheit der Zweitwohnsitzforschung konzentriert sich auf ländliche bzw. alpine Regionen. Eine frühe Ausnahme hierzu bildet eine Untersuchung zu berufsbedingten Zweitwohnsitzen in fünf Schweizer Städten (Odermatt 1990). Darüber hinaus wird in der subjektorientierten Multilokalitätsforschung die Hierarchisierung der Wohnsitze über Bezeichnungen wie Erst- und Zweit- oder Haupt- und Nebenwohnsitz kritisch reflektiert, da sich diese Hierarchien häufig nicht in den Praktiken und Bedeutungen der Wohnsitze widerspiegeln (Hilti 2013). Auch die oftmals implizierte funktionale Trennung etwa zwischen dem Ort der Arbeit und dem Ort der Freizeit wird hinterfragt, da diese häufig nicht den Lebensrealitäten entspricht (Wood/Hilti/Kramer et al. 2015). 2.4 Wohn-, Haushalts- und Familienforschung Die Wohn-, Haushalts- und Familienforschung ist lange Zeit einer eher wenig mobilen Vorstellung ihrer Untersuchungsgegenstände gefolgt: Das Wohnen wurde als statisch und an einem Ort stattfindend konzipiert (Weiske/Petzold/Zierold 2009; Schier/Hilti/Schad et al. 2015). Demgegenüber steht ein Verständnis von Praktiken dynamischer, sich über mehrere Orte hinweg erstreckender Haushalte und Familien (Dittrich-Wes- buer/Föbker/Sturm 2015). Multilokale Haushalte werden dann zu zentralen gesellschaftlichen Akteuren (Schmidt- Kallert 2009; Steinbrink 2009; Weiske/Petzold/Zierold 2009). In der Familienforschung steht seit Längerem das „Leitbild der Normalfamilie“ (Beck 2008: 305), dem unter anderem eine monolokale Familie entspricht, in der Kritik. Stattdessen widmet sie sich vermehrt dem strukturellen Wandel von Familien, zu welchem auch multilokale Verflechtungen von Menschen und Orten zählen. Im Forschungsinteresse stehen dann etwa multilokal lebende Kinder aus sogenannten Nachtrennungsfamilien oder von berufsbedingt temporär abwesenden Elternteilen (Schier 2009; Schier 2010) sowie erwerbstätige Mütter und Väter der Film- und Fernsehproduktion und aus dem Einzelhandel (Jurczyk/Schier/Szymenderski et al. 2009). 2.5 Raumwissenschaftliche Forschung Die räumlichen und zeitlichen Dimensionen von Multilokalität wurden bislang mehr oder weniger explizit stets berücksichtigt (Weichhart 2009; Wood/Hilti/Kramer et al. 2015). Eine wichtige und bislang kaum geklärte Frage Temporär genutzte Räume von berufsbedingt multilokal Lebenden. Herausforderungen und Potenziale für betriebliche und regionale Entwicklungen in ländlichen Räumen Niedersachsens 93 ist jedoch diejenige nach den räumlichen und raumplanerischen Auswirkungen dieser spezifischen Art der Lebensführung. Dabei geht es unter anderem darum, was das Phänomen der Multilokalität für den Wohnungsmarkt, für die Stadtentwicklung, die Stadtpolitik und das bürgerschaftliche Engagement bedeuten kann (Leubert 2013; Dittrich-Wesbuer/Plöger 2013; Nadler 2014; ARL 2016; Dittrich-Wesbuer 2016; Greinke/Lange/Othengrafen 2018; Lange 2018). Ein Teil dieser explizit raumwissenschaftlich ausgerichteten Forschung, darunter insbesondere auch die in diesem Beitrag auszugsweise vorgestellte laufende Studie, nimmt wichtige Facetten auf, die bisher unterbelichtet geblieben sind. Bislang wurde das Wohnen an mehreren Orten vor allem im städtischen Kontext oder ohne spezifische Sortierung von Raumtypen untersucht, wohingegen hier nun ländliche Räume im Mittelpunkt stehen. Die bisherige Forschung hat sich großteils auf die Subjektperspektive konzentriert, auf die lebensweltliche Bedeutung einer solchen multilokalen Lebensführung. Inzwischen werden auch andere wichtige Perspektiven einbezogen, etwa aus Politik und Wirtschaft. 3 Methodisches Vorgehen In diesem Beitrag werden mehrörtige Lebensweisen von Beschäftigten in ländlichen Räumen und deren Auswirkungen auf betriebliche und regionale Entwicklungen mithilfe von quantitativen Methoden untersucht. Auf der Basis einer Grundlagenrecherche zur Thematik der Multilokalität wurde eine Fallstudienanalyse im Untersuchungsgebiet, dem niedersächsischen Landkreis Diepholz, durchgeführt. Vor allem der südliche Teil des Landkreises wurde anhand einer zweistufigen sozioräumlichen Analyse auf Kreisebene in Niedersachsen nach Lange (2018) als ländlich geprägter Raum mit dort ansässigen, zumeist international tätigen Unternehmen identifiziert. Dort ist mit berufsbedingten phasenweisen An- und Abwesenheiten der Bewohnerinnen/Bewohner zu rechnen (Lange 2018: 60, 176). 3.1 Der Landkreis Diepholz als Untersuchungsgebiet Der niedersächsische Landkreis Diepholz, bestehend aus acht Einheitsgemeinden und sieben Samtgemeinden, liegt im Dreieck zwischen der Hansestadt Bremen im Norden, der Landeshauptstadt Hannover im Südosten und der Stadt Osnabrück im Südwesten. Der Landkreis ist im Norden aufgrund der Nähe zur Stadt Bremen durch wirtschaftlich eher starke (urbane) Räume (z. B. die Gemeinden Stuhr und Wehye und die Stadt Syke) gekennzeichnet. Aus diesem Grund wird der Fokus in dieser Untersuchung auf den ländlich geprägten südlichen Teil des Landkreises mit der Stadt Bassum und der Stadt Diepholz, der Gemeinde Wagenfeld und den Samtgemeinden Altes Amt Lemförde, Barnstorf, Bruchhausen-Vilsen, Kirchdorf und Rehden gelegt. Ähnlich wie andere ländlich geprägte Räume Deutschlands ist der Landkreis Diepholz mit vielfältigen Herausforderungen des demographischen Wandels konfrontiert. Dazu zählen beispielsweise eine geringe Geburtenrate und Bevölkerungsrückgang mit hohem Anteil an älteren Menschen, aber auch eine hohe Bildungsabwanderung.3 Im Zeitraum von 2010 bis 2014 profitierten die Städte und Gemeinden des Landkreises von (Aus-)Bil dungs zuwan derung, wenn sie in der Nähe von Arbeitsplatz- und Ausbildungszentren liegen. Dazu zählen etwa die Gemeinden Stuhr und Weyhe, aber auch die Kreisstadt Diepholz mit einer privaten Hochschule und die Samtgemeinde Wagenfeld (Landkreis Diepholz 2016: 15). Auch machen die Samtgemeinde Rehden mit regionaler und überregionaler Bedeutung für Erdgas und die Samtgemeinde Altes Amt Lemförde mit den großen Arbeitgebern wie BASF Polyurethanes GmbH und ZF Lemförder Fahrwerktechnik die Bedeutung der Kommunen für den Arbeitsmarkt deutlich. Aufgrund der guten Arbeitsmarktsituation im Landkreis Diepholz ist demnach davon auszugehen, dass der Landkreis wochentags durch temporäre Anwesenheiten von multilokal lebenden „Incomings“ (Lange 2018: 176), also solchen, die zeitweise berufsbedingt in den Landkreis kommen, betroffen ist. Eine Haushaltsbefragung von Bewohnerinnen/ Bewohnern des südlichen Teils des Landkreises im Rahmen des Forschungsprojektes „TempALand“ ergab, dass es eine nicht unwesentliche Anzahl multilokal lebender Menschen im Landkreis Diepholz gibt (Greinke/ Lange/Othengrafen 2017: 18 ff.; Greinke/Lange/Othengrafen 2018: 45). Im Rahmen des Projektes wurden 362 multilokal Lebende schriftlich befragt. Zudem wurden 65 qualitative Interviews geführt. Aufgrund von „verdeckter Multilokalität“ oder „Kryptomultilokalität“ (Weichhart/ Rumpolt 2015: 17 f.) ist davon auszugehen, dass die Anzahl der Multilokalen noch größer ist. 3 https://www.wegweiser-kommune.de (26.04.2019). 94 Lena Greinke, Nicola Hilti 3.2 Das Forschungsdesign Das Untersuchungsgebiet wurde mittels Ortsbegehungen und Dokumentationen charakterisiert. Danach wurden eine Online-Befragung und problemzentrierte leitfadengestützte Interviews (nach Meuser/Nagel 2002; Helfferich 2011; Mayer 2013) unter Einbezug von Elementen der reflexiven Fotografie (nach Dirksmeier 2009: 164) mit multilokal lebenden Beschäftigten durchgeführt, ergänzt durch problemzentrierte Interviews mit Personen aus der Führungsebene der Unternehmen (z. B. Abteilungsleiter oder Personalabteilung) sowie Personen aus Planung, Politik und Verwaltung, zumeist aus der Wirtschaftsförderung und Bürgermeistern. Diese Akteure sind in Bezug auf Multilokalität im Untersuchungsgebiet relevant, weil sie entweder selbst multilokal leben, Multilokale im Unternehmen beschäftigen oder von mehrörtigen Lebensweisen berührt sind. Im Rahmen des Dissertationsvorhabens wurden qualitative Interviews geführt mit 14 multilokal lebenden Personen und acht politisch-planerischen Akteuren. Sie wurden jeweils zu ihrer mehrörtigen Lebensweise als auch zu betrieblichen und kommunalen Strukturen befragt. Im vorliegenden Beitrag werden ein Zwischenfazit gezogen und erste Tendenzen aufgezeigt. Die multilokal lebenden interviewten Personen wurden mittels einer Online-Befragung oder über Poster und Flyer, die postalisch an die Unternehmen gesendet und beispielsweise in Eingangsbereichen, Kantinen und stark frequentierten Orten in den Unternehmen ausgehängt und ausgelegt wurden, angeworben. Weitere interviewte Personen wurden mittels Schneeballverfahren gewonnen. Die multilokalen Interviewten haben sich freiwillig aufgrund des Aufrufs durch die Poster und Flyer gemeldet. Als politisch-planerische Akteure wurden die Bürgermeister der Untersuchungskommunen ausgewählt. Vor dem Gespräch wurden die multilokal lebenden Befragten in einem telefonischen Initialinterview gebeten, zu ihrem Alltagsleben an den verschiedenen Orten jeweils drei Fotoaufnahmen anzufertigen und reflektierende Notizen zu den Fotos zu machen (Dirksmeier 2007: 87). In den anschließenden Interviews wurden die Fotos als eine Art „starting mechanism“ oder Erzählimpuls (Dirksmeier 2007: 88; Brake 2009: 379) genutzt. Die Methode der reflexiven Fotografie der qualitativen Sozialraumforschung stammt aus den Cross Cultural Studies und kombiniert Interview- und Fotografieverfahren zu einer kohärenten Methodik (Dirksmeier 2007: 87; Brake 2009: 378), in der die Rollen der interviewten Personen und der wissenschaftlich Beobachtenden vertauscht werden (Dirksmeier 2009: 168; Brake 2009: 384 f.). Dadurch treten die Interviewten als Expertinnen/Experten für ihre Fotografien und ihre Lebenswelten auf, berichten von ihren Intentionen und Interpretationen und wählen eigenständig und subjektiv Motive aus (Krisch 2002: 133). Sie werden zum bildlichen Nachdenken angeregt und machen reflektierte Angaben über ihre Aufnahmen (Dirksmeier 2009: 168). Im weiteren Gesprächsverlauf wurden Anforderungen an die Wohnung und das Wohnumfeld wie Ausstattung, Lage und Größe der Wohnungen sowie Merkmale der Lebensweise wie Distanzen und Nutzungsdauer thematisiert. Außerdem wurden die mehrörtigen Lebensweisen vor Ort erläutert (z. B. Arbeits- und Alltagsleben, Infrastrukturnutzungen, bürgerschaftliches Engagement). Des Weiteren wurde über Multilokalität in den Unternehmen gesprochen (z. B. Verbreitung, Wahrnehmung, zukünftige Entwicklungen). Themen in den Interviews mit den Bürgermeistern waren Informationen zu den Kommunen (z. B. aktuelle Handlungsfelder, Infrastrukturausstattung, Wohnungsmarktsituation, Ortsgemeinschaften) sowie Multilokalität in den Kommunen (z. B. Motive, Vorkommen, Wahrnehmung, Chancen und Risiken) sowie Handlungsspielräume. Ausgewertet wurden alle Interviews mittels qualitativer computergestützter Inhaltsanalyse (Software MAXQDA) (nach Meuser/Nagel 2002; Mayring 2010). 4 Berufsbedingte Multilokalität im Landkreis Diepholz Nachfolgend werden die (Zwischen-)Ergebnisse aus den Interviews mit den multilokal lebenden Beschäftigten sowie den Bürgermeistern vorgestellt. Insgesamt wurden 12 männliche und zwei weibliche berufsbedingt multilokal lebende Personen sowie acht männliche Bürgermeister interviewt. Das Durchschnittsalter der interviewten Multilokalen liegt bei rund 50 Jahren. Neun interviewte Personen haben jeweils ein, zwei oder drei Kinder, von denen nur vereinzelt Kinder im Teenageralter oder der Phase des Berufseinstieges am Nebenort sporadisch (z. B. in den Ferien) anwesend sind. Beruflich sind die Interviewten in Industrieunternehmen (Automobilzulieferer, Getränke, Gastronomie, Rohstoff) tätig, in denen 12 Personen leitende Tätigkeiten und drei ausführende (gehobene) Tätigkeiten ausüben. Die Wohnorte der interviewten Multilokalen liegen überwiegend in Deutschland (vgl. Abbildung 1). Sie benennen ihren Wohnort im Landkreis Diepholz als Nebenort, der Temporär genutzte Räume von berufsbedingt multilokal Lebenden. Herausforderungen und Potenziale für betriebliche und regionale Entwicklungen in ländlichen Räumen Niedersachsens 95 Abbildung 1: Wohnorte der befragten Personen Kartengrundlage verändert nach GeoBasis-DE/BKG 2014 96 Lena Greinke, Nicola Hilti zumeist Arbeitsort ist. Lediglich ein freizeitbedingter Nebenort und zwei beruflich bedingte Nebenorte befinden sich außerhalb des Landkreises Diepholz. Ein Ausgangsort, also der von den Multilokalen ersterschlossene Ort, befindet sich in den Niederlanden. Anders als andere Untersuchungen zeigen (z. B. Peer 2013), liegen in diesem Beitrag die Ausgangsorte der Interviewten entweder in Klein-, Mittel- oder Großstädten und die Nebenorte in einer Landgemeinde oder (kleineren) Kleinstadt.4 Dementsprechend sind die Wohnorte in Bezug auf Größe und Zentralität divergent. Die Arbeitsorte liegen in eher ländlich geprägten Kommunen. 12 der befragten Personen mieten am Nebenort eine Zweitwohnung und zwei übernachten regelmäßig im zumeist gleichen Hotel. Fünf Interviewte leben weniger als vier Jahre multilokal im Landkreis Diepholz, sechs Multilokale leben fünf bis neun Jahre und drei interviewte Personen leben mehr als zehn Jahre mehrörtig. Zwischen den Orten wechseln die Multilokalen zumeist an den Wochenenden, sodass sie in der Regel innerhalb der Woche im Landkreis Diepholz anwesend sind und an den Wochenenden an ihren anderen Ort zurückkehren. 4.1 Temporär genutzte Räume aus der Sicht der multilokal Lebenden Die Ansprüche und Bedürfnisse multilokal lebender Personen in ländlichen Räumen sind sehr divers (vgl. Lange 2018). Daher stellen sich die Fragen: Welche Beweggründe und Umstände sorgen dafür, dass Menschen an mehreren Orten leben (müssen)? Wie gestalten mehrörtig lebende Personen ihr Alltags- und Berufsleben sowie ihr soziales Leben, das heißt auch, wie stellen sie ihre temporär genutzten Räume immer wieder aufs Neue her? Und welche betrieblichen Rahmenbedingungen und Strukturen beeinflussen diese Lebensweisen? 4.1.1 Beweggründe und betriebliche Rahmenbedingungen Die Beweggründe der Multilokalen sind alle zunächst berufsbedingt, wobei es darüber hinaus deutliche individuelle Unterschiede gibt. Während bei acht Personen diese Lebensweise primär privat motiviert ist, etwa weil 4 Gemäß Stadt- und Gemeindetypen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung; vgl. https://www.bbsr.bund.de/BBSR/ DE/Raumbeobachtung/Raumabgrenzungen/StadtGemeindetyp/ StadtGemeindetyp_node.html (26.04.2019). sie regelmäßig bei ihrem Partner oder ihrer Partnerin wohnen und dadurch zu ihrem Arbeitsort weitere Entfernungen zurücklegen müssen, gibt es sieben Personen, die die Lebensweise aus primär beruflichen Anlässen gewählt haben, z. B. weil sie von ihren Arbeitgebern delegiert worden sind, um an einem anderen Betriebsstandort z. B. Projekte zu initiieren oder zu leiten. Wollen die Beschäftigten andere, oft höhere Positionen in den Unternehmen besetzen, so sind sie in einer gewissen Form dazu gezwungen, Erfahrungen an anderen Betriebsstandorten zu sammeln und dadurch phasenweise multilokal zu leben. Solche Fälle von Multilokalen finden sich auch im Landkreis Diepholz: Aufgrund der guten Arbeitsmarktsituation mit attraktiven Unternehmen entscheiden sich einige Beschäftigte, dort einen weiteren Wohnsitz anzunehmen. Zusätzlich sind vier der interviewten Personen aufgrund ihrer leitenden Tätigkeit auf Dienstreisen innerhalb Deutschlands und weltweit unterwegs, wodurch sich ihre ohnehin sehr mobile Lebensweise noch verstärkt. Insgesamt sind die Arbeitsweisen in den Betrieben der interviewten Multilokalen durch zeitweise Projektarbeiten und Delegationen sowie zusätzliche Dienstreisen geprägt und somit fördern die Unternehmen multilokale Lebensweisen. Hinter der mehrörtigen Lebensweise stehen zwar einerseits häufig Zwänge, andererseits wird den Beschäftigten diese Lebensweise oft auch erst durch betriebliche Rahmenbedingungen und Strukturen ermöglicht. Denn durch flexible Arbeitszeiten, etwa in Form von Gleitzeit, die bei vielen Betrieben im Landkreis Diepholz gewährt wird, können die Beschäftigten ihre Arbeitsstunden zu einem gewissen Grad frei verteilen. Zudem wird diese Flexibilität durch Unterstützungsleistungen, wie beispielsweise eine Bahncard, die ein Unternehmen im Landkreis Diepholz Multilokalen zur Verfügung stellt, positiv beeinflusst. Des Weiteren kann der Einsatz digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien zukünftig die Standortunabhängigkeit erhöhen. Durch Heimarbeitsregelungen und Telefon- oder Videokonferenzen wird die Kommunikation möglicherweise erleichtert und weniger physische Mobilität, z. B.in Form von Dienstreisen, notwendig. Dies kann vor allem für ländliche Räume sowohl Risiko als auch Chance sein: Einerseits sind Multilokale, die in diese Räume eigentlich berufsbedingt kommen würden, länger nicht vor Ort und andererseits können Multilokale, die berufsbedingt innerhalb der Woche ländliche Räume verlassen würden, länger vor Ort bleiben und damit auch die dortigen Infrastrukturen und Dienstleistungen nutzen. Temporär genutzte Räume von berufsbedingt multilokal Lebenden. Herausforderungen und Potenziale für betriebliche und regionale Entwicklungen in ländlichen Räumen Niedersachsens 103 tigte Gegenstände), Dienstleistungen zur Unterstützung der organisatorischen Anforderungen einer solchen Lebensweise (z. B. Housesitting, Begleitservices für allein reisende multilokal wohnende Kinder) sowie digitale Angebote in Form von Apps (z. B. zur Steuerung der Heizung aus der Ferne, zur Alltagsplanung innerhalb eines Haushalts, zur Überprüfung der Vitalfunktionen entfernt lebender Verwandter). Gesellschaftlichen Entwicklungen wie die Multilokalität stellen Regionen und Gemeinden vor große Herausforderungen, denn sie sind oft nicht eindeutig, sondern widersprüchlich und verlaufen nicht linear. Daher braucht es auch neue Antworten: Gesucht sind solche, welche sich von langfristigem Denken und Planen verabschieden und stattdessen verschiedene mögliche Zukünfte so antizipieren, dass auch gegenüber Unerwartetem und Unvorhergesehenem eine passende Antwort möglich ist. So etwas Unerwartetes und Unvorhergesehenes sind und können an manchen Orten die Multilokalen mit ihrer spezifischen Lebensweise sein. Danksagung: Danken möchten wir Prof. Dr. Rainer Danielzyk, Prof. Dr. Ingo Mose und Prof. Dr. Frank Othengrafen für die Betreuung der dieser Arbeit zugrunde liegenden Dissertation. Des Weiteren möchten wir uns beim Landkreis Diepholz und den interviewten Personen für die Bereitschaft zum Interview und ihre wertvollen Auskünfte bedanken. Dank gebührt außerdem der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL), die im Rahmen ihres Mentoring-Programms das gemeinsame Verfassen dieses Beitrags ermöglicht hat. Funding information: Das Forschungsprojekt „Temporäre An- und Abwesenheiten und deren Auswirkungen auf Land und Gesellschaft“ (www.tempaland.de) wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung innerhalb der Fördermaßnahme „Kommunen innovativ“ von 2016 bis 2019 gefördert. The publication of this article was funded by the Open Access Fund of the Leibniz Universität Hannover. Literatur Albrow, M. (1997): Auf Reisen jenseits der Heimat. Soziale Landschaften in einer globalen Stadt. In: Beck, U. (Hrsg.): Kinder der Freiheit. Frankfurt am Main, 288-313. Altrock, U.; Güntner, S.; Huning, S.; Nuissl, H.; Peters, D. (2005): Landliebe und Landleben. In: Planungsrundschau 12, 7-12. ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (2016): Multilokale Lebensführung und räumliche Entwicklungen. Hannover. = Positionspapier aus der ARL 104. Beck, U. (2008): Jenseits von Klasse und Nation. Individualisierung und Transnationalisierung sozialer Ungleichheiten. In: Soziale Welt 59, 4, 301-325. BMEL – Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2016): Bericht der Bundesregierung zur Entwicklung der ländlichen Räume 2016. Zweiter Bericht der Bundesregierung zur Entwicklung der ländlichen Räume. Berlin. BMVBS – Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung; BBSR – Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.) (2009): Ländliche Räume im demografischen Wandel. Berlin/Bonn. = BBSR-Online-Publikation 34/2009. Brake, A. (2009): Photobasierte Befragung. In: Kühl, S.; Strodtholz, P.; Taffertshofer, A. (Hrsg.): Handbuch Methoden der Organisationsforschung. Quantitative und Qualitative Methoden. Wiesbaden, 369-388. doi: 10.1007/978-3-531- 91570-8 Collmer, S.; Kümmel, G. (2005): Ein Job wie jeder andere? Zum Selbst- und Berufsverständnis von Soldaten. Baden-Baden. = Militär und Sozialwissenschaften 39. Dannenberg, P.; Lang, T.; Lehmann, K. (2010): Einführung. „Ländliche Räume“ in Deutschland: neuere Zugänge zu einer alten Kategorie. In: Europa Regional 18, 2-3, 55-59. de Haan, L.; Zoomers, A. (2003): Development Geography at the Crossroads of Livelihood and Globalisation. In: Tijdschrift voor Economische en Sociale Geografie 94, 3, 350-362. doi: 10.1111/1467-9663.00262 Dick, E.; Reuschke, D. (2012): Multilocational Households in the Global South and North: Relevance, Features and Spatial Implications. In: Die Erde 143, 2, 177-194. Dirksmeier, P. (2007): Mit Bourdieu gegen Bourdieu empirisch denken: Habitusanalyse mittels reflexiver Fotografie. In: ACME. An International Journal for Critical Geographies 6, 1, 73-97. Dirksmeier, P. (2009): Urbanität als Habitus. Zur Sozialgeographie städtischen Lebens auf dem Land. Bielefeld. Dittrich-Wesbuer, A. (2016): Multi-locality – New Challenges for Urban Development and Policies in Germany? In: TRIALOG – Zeitschrift für das Planen und Bauen im globalen Kontext 116/117, 1-2, 10-16. Dittrich-Wesbuer, A.; Föbker, S. (2013): Multilokales Wohnen – Verbreitung und Formen in Deutschland. In: Scheiner, J.; Blotevogel, H. H.; Frank, S.; Holz-Rau, C.; Schuster, N. (Hrsg.): Mobilitäten und Immobilitäten: Menschen – Ideen – Dinge – Kulturen – Kapital. Essen, 391-402. = Dortmunder Beiträge zur Raumplanung 142. Dittrich-Wesbuer, A.; Föbker, S.; Sturm, G. (2015): Multilokales Wohnen: Empirische Befunde zur Verbreitung in Deutschland. In: Weichhart, P.; Rumpolt, P. A. (Hrsg.): Mobil und doppelt sesshaft. Studien zur residenziellen Multilokalität. Wien, 121- 143. = Abhandlungen zur Geographie und Regionalforschung 18. Dittrich-Wesbuer, A.; Plöger, J. (2013): Multilokalität und Transnationalität – Neue Herausforderungen für Stadtentwicklung und Stadtpolitik. In: Raumforschung und Raumordnung 71, 3, 195-205. doi: 10.1007/s13147-013-0237-8 104 Lena Greinke, Nicola Hilti Fuhrer, U.; Kaiser, F. G. (1994): Multilokales Wohnen. Psychologische Aspekte der Freizeitmobilität. Bern. Gallent, N.; Tewdwr-Jones, M. (2000): Rural Second Homes in Europe. Examining Housing Supply and Planning Control. Aldershot. Greinke, L.; Lange, L.; Othengrafen, F. (2017): Multilokale Lebensweisen und ländliche Räume. Chance oder Herausforderung für Kommunen? In: RaumPlanung 192, 4, 14-21. Greinke, L.; Lange, L.; Othengrafen, F. (2018): Multilokales Wohnen in ländlichen Räumen – Chancen und Herausforderungen. In: PlanerIn 18, 3, 44-46. Hall, C. M.; Müller, D. K. (Hrsg.) (2004): Tourism, Mobility and Second Homes. Between Elite Landscape and Common Ground. Clevedon. Helfferich, C. (2011): Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. Wiesbaden. doi: 10.1007/978-3-531-92076-4 Hesse, M.; Scheiner, J. (2007): Räumliche Mobilität im Kontext des sozialen Wandels: eine Typologie multilokalen Wohnens. In: Geographische Zeitschrift 95, 3, 138-154. Hilti, N. (2009): Multilokales Wohnen: Bewegungen und Verortungen. In: Informationen zur Raumentwicklung 1/2, 77-86. Hilti, N. (2013): Lebenswelten multilokal Wohnender. Eine Betrachtung des Spannungsfeldes von Bewegung und Verankerung. Wiesbaden. = Stadt, Raum und Gesellschaft 25. doi: 10.1007/978-3-658-01046-1 Huchler, N. (2013): Wir Piloten. Navigation durch die fluide Arbeitswelt. Berlin. Jurczyk, K.; Schier, M.; Szymenderski, P.; Lange, A.; Voß, G. G. (2009): Entgrenzte Arbeit – Entgrenzte Familie. Grenzmanagement im Alltag als neue Herausforderung. Berlin. = Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung 100. Kaufmann, V. (2002): Re-thinking Mobility. Contemporary Sociology. Aldershot. Krisch, R. (2002): Methoden einer sozialräumlichen Lebensweltanalyse. In: Deinet, U.; Krisch, R. (Hrsg.): Der sozialräumliche Blick der Jugendarbeit. Methoden und Bausteine zur Konzeptentwicklung und Qualifizierung. Opladen, 87-154. Landkreis Diepholz (2016): Wohnraumversorgungskonzept Landkreis Diepholz. Diepholz. Lange, L. (2018): Leben an mehreren Orten. Multilokalität und bürgerschaftliches Engagement in ländlich geprägten Räumen Niedersachsens. Berlin. = Ländliche Räume. Beiträge zur lokalen und regionalen Entwicklung 4. Larsen, J.; Axhausen, K. W.; Urry, J. (2006): Geographies of Social Networks: Meetings, Travel and Communications. In: Mobilities 1, 2, 261-283. doi: 10.1080/17450100600726654 Leubert, N. (2013): Heute hier, morgen dort. Chancen und Herausforderungen multilokaler Lebensstile in Wolfsburg. Berlin. = Graue Reihe des Instituts für Stadt- und Regionalplanung 47. Mayer, H. O. (2013): Interview und schriftliche Befragung. Grundlagen und Methoden empirischer Sozialforschung. München. Mayring, P. (2010): Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken. Weinheim. Meier, L.; Frank, S. (2016): Dwelling in mobile times: places, practices and contestations. In: Cultural Studies 30, 3, 362- 375. doi: 10.1080/09502386.2015.1113630 Meuser, M.; Nagel, U. (2002): ExpertInneninterviews – vielfach erprobt, wenig bedacht. Ein Beitrag zur qualitativen Methodendiskussion. In: Bogner, A.; Littig, B.; Menz, W. (Hrsg.): Das Experteninterview. Theorie, Methode, Anwendung. Opladen, 71-93. Nadler, R. (2014): Plug&Play Places. Lifeworlds of Multilocal Creative Knowledge Workers. Warschau/Berlin. NHB – Niedersächsischer Heimatbund; ALR – Niedersächsische Akademie ländlicher Raum (2014): Zur Zukunft der Dörfer in Niedersachsen. Positionspapier des Niedersächsischen Heimatbundes e.V. und der Niedersächsischen Akademie ländlicher Raum e.V. zu Leitlinien zukünftiger Dorfentwicklung. Hannover. Odermatt, A. (1990): Zweitwohnungen in Städten. Eine Untersuchung über die Zweitwohnungsproblematik in den fünf schweizerischen Grossstädten. Diplomarbeit an der Universität Zürich. Peer, V. (2013): Was können ländliche Räume Hochqualifizierten bieten? Eine raumwissenschaftliche Analyse der Pull- und Push-Faktoren auf das Wanderungs- und Bleibeverhalten von FH-AbsolventInnen in ländlichen Regionen Österreichs. In: Ländlicher Raum 3, 1-11. Petzold, K. (2013): Multilokalität als Handlungssituation. Lokale Identifikation, Kosmopolitismus und ortsbezogenes Handeln unter Mobilitätsbedingungen. Wiesbaden. doi: 10.1007/978-3- 531-19490-5 Pries, L. (1998): „Transmigranten“ als ein Typ von Arbeitswanderern in pluri-lokalen sozialen Räumen. In: Soziale Welt 49, 2, 135- 150. Reuschke, D. (2010): Multilokales Wohnen. Raum-zeitliche Muster multilokaler Wohnarrangements von Shuttles und Personen in einer Fernbeziehung. Wiesbaden. doi: 10.1007/978-3-531- 92283-6 Rolshoven, J. (2007): Multilokalität als Lebensweise in der Spätmoderne. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 103, 2, 157-179. Saxinger, G. (2016): Unterwegs. Mobiles Leben in der Erdgas- und Erdölindustrie in Russlands Arktis. Wien. Schier, M. (2009): Räumliche Entgrenzung von Arbeit und Familie. Die Herstellung von Familie unter Bedingungen von Multilokalität. In: Informationen zur Raumentwicklung 1/2, 55-66. Schier, M. (2010): Multilokaler Alltag erwerbstätiger Eltern. Erweiterte Optionen oder erhöhte Probleme für die Lebensführung? In: Soeffner, H.-G. (Hrsg.): Unsichere Zeiten. Herausforderungen gesellschaftlicher Transformationen. Verhandlungen des 34. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Jena 2008. CD-Rom. Wiesbaden. Schier, M.; Hilti, N.; Schad, H.; Tippel, C.; Dittrich-Wesbuer, A.; Monz, A. (2015): Residential Multi-Locality Studies – The Added Value for Research on Families and Second Homes. In: Tijdschrift voor Economische en Sociale Geografie 106, 4, 439-452. doi: 10.1111/tesg.12155 Schmidt-Kallert, E. (2009): A New Paradigm of Urban Transition: Tracing the Livelihood Strategies of Multi-Locational Households. In: Die Erde 140, 3, 319-336. Temporär genutzte Räume von berufsbedingt multilokal Lebenden. Herausforderungen und Potenziale für betriebliche und regionale Entwicklungen in ländlichen Räumen Niedersachsens 105 Schneider, N. F.; Limmer, R.; Ruckdeschel, K. (2002): Mobil, flexibel, gebunden. Familie und Beruf in der mobilen Gesellschaft. Frankfurt am Main/New York. Seebacher, M. M. (2013): Die Praxis multilokalen Wohnens. Ein Leben an mehreren Orten – Habitus, Aktanten und Netzwerke. Wien. Masterarbeit an der Universität Wien. Sheller, M. (2011): Mobility. In: Sociopedia.isa. doi: 10.1177/205684601163 Steinbrink, M. (2009): Leben zwischen Land und Stadt. Migration, Translokalität und Verwundbarkeit in Südafrika. Wiesbaden. doi: 10.1007/978-3-531-91494-7 Sturm, G.; Meyer, K. (2009): Was können die Melderegister deutscher Großstädte zur Analyse von residenzieller Multilokalität beitragen? In: Informationen zur Raumentwicklung 1/2, 15-30. Urry, J. (2007): Mobilities. Cambridge. Viry, G.; Kaufmann, V.; Widmer, E. (2008): Switzerland – Mobility: a Life Stage Issue? In: Schneider, N. F.; Meil, G. (Hrsg.): Mobile Living Across Europe I. Relevance and Diversity of Job- Related Spatial Mobility in Six European Countries. Opladen/ Farmington Hills, 189-228. Weichhart, P. (2009): Multilokalität – Konzepte, Theoriebezüge und Forschungsfragen. In: Informationen zur Raumentwicklung 1/2, 1-14. Weichhart, P. (2015): Multi-local Living Arrangements – Terminology Issues. In: Weichhart, P.; Rumpolt, P.A. (Hrsg.): Mobil und doppelt sesshaft. Studien zur residenziellen Multilokalität. Wien, 61-82. = Abhandlungen zur Geographie und Regionalforschung 18. Weichhart, P.; Rumpolt, P. A. (2015): Residenzielle Multilokalität. Problemlagen und Desiderata der Forschung. In: Weichhart, P.; Rumpolt, P. A. (Hrsg.): Mobil und doppelt sesshaft. Studien zur residenziellen Multilokalität. Wien, 11-60. = Abhandlungen zur Geographie und Regionalforschung 18. Weiske, C.; Petzold, K.; Zierold, D. (2009): Multilokale Haushaltstypen. Bericht aus dem DFG-Projekt „Neue multilokale Haushaltstypen“ (2006-2008). In: Informationen zur Raumentwicklung 1/2, 67-75. Wood, G.; Hilti, N.; Kramer, C.; Schier, M. (2015): A Residential Perspective on Multi-Locality. In: Tijdschrift voor Economische en Sociale Geografie 106, 4, 363-377. doi: 10.1111/tesg.12158