Brutale Konsequenzen: Verschwörungsdenken fördert Gewaltbereitschaft
Abstract
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Full text
Schuppert, Gunnar Folke Article Brutale Konsequenzen: Verschwörungsdenken fördert Gewaltbereitschaft WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Schuppert, Gunnar Folke (2022) : Brutale Konsequenzen: Verschwörungsdenken fördert Gewaltbereitschaft, WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung, ISSN 2943-6613, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin, Iss. 176 (2/22), pp. 25-27, https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2022/f-24808.pdf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/327752 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Brutale Konsequenzen Verschwörungsdenken fördert Gewaltbereitschaft Sie teilen die Welt in Gut und Böse, sie schaffen Feindbilder und stärken das Lagerdenken. Verschwörungsmythen sind aber nicht nur eine Herausforderung für die politische Urteilskraft. Unter bestimmten Umständen können sie Gewalt zwischen gesellschaftlichen Gruppen schüren. Gunnar Folke Schuppert Am Rande des ersten Zionisten-Kongres- ses, der 1897 in Basel abgehalten wurde, seien Verschwörungspläne geschmiedet worden. Diese angebliche „jüdische Weltverschwörung“ sollen die „Protokolle der Weisen von Zion“ belegen, ein Dokument, dem – obwohl man seit Langem weiß, dass es sich um eine Fälschung handelt – bereitwillig geglaubt wurde. Und nicht nur das: Seine Aussagen dienten den Nationalsozialisten als Rechtfertigungsnarrativ für ihre bis zum Holocaust gehende gewaltsame Judenpolitik. In seinem Buch über „Das Dritte Reich und seine Verschwörungstheorien“ zitiert der britische Historiker Richard J. Evans mehrere Theoretiker, für die der Zusammenhang von Verschwörungsdenken und Gewaltbereitschaft außer Frage steht. Max Grobman zum Beispiel bezeichnet die Protokolle schlicht als „License to Murder“. Auch die Gewaltausbrüche des 9. November 1938 beruhen auf einem Verschwörungsmythos: Als am 7. November in Paris ein deutscher Diplomat von einem jungen polnischen Juden angeschossen wurde und das Opfer am nächsten Tag verstarb, bemerkte Hitler anlässlich eines Treffens mit seinen Gauleitern, es sei an der Zeit für Aktionen größten Stils gegen Juden, mit vollkommen freier Hand für alle. Angesichts dieses offenbar in Kreisen der Partei, der SA und der HJ kommunizierten Freibriefs konnte es nicht überraschen, dass – wie Goebbels in seinem Tagebuch zufrieden notierte – „der Volkszorn raste“. In der Reichspogromnacht des 9. November wurden zahlreiche jüdische Geschäfte geplündert, Synagogen angezündet und Menschen misshandelt. Bei der Erstürmung des Kapitols durch eine aufgebrachte Menge in Washington am 6. Janu- ar 2021 glaubte deren Mehrheit offenbar an die Verschwörungstheorie Trumps, der Wahlsieg sei ihm von den Demokraten gestohlen worden. Diese Beispiele zeigen zweifelsfrei den Zusammenhang von Verschwörungsdenken und Gewaltbereitschaft. Offen aber bleibt die Frage, wie sich Verschwörungsdenken so radikalisieren kann, dass eine latente, gewissermaßen ab- „Wie kann sich Verschwörungsdenken so radikalisieren, dass daraus Gewaltbereitschaft entsteht?“ Titelthema 25
rufbereite Gewaltbereitschaft entsteht. Drei Überlegungen sollen hierzu in aller Kürze präsentiert werden. Die erste Überlegung knüpft an eine Entwicklung an, die sich in den USA in den letzten 20 Jahren vollzogen hat und die mit der Formulierung „Vom politischen Gegner zum Feind“ beschrieben werden kann. Die Sprache der Verschwörungstheorien ist nicht nur in den USA eine bilderreiche Sprache, die gekennzeichnet ist durch ein positives Selbstbild und ein negatives Fremdbild. Wird die in einer Demokratie nicht nur legitime, sondern unverzichtbare politische Auseinandersetzung zu einem Kulturkampf zwischen Republikanern und Demokraten, gar – wie Torben Lütjen es anschaulich beschrieben hat – an der Grenze zum kalten Bürgerkrieg, dann wird das Fremdbild zum Feindbild. Damit aber wird die Tür zur Gewaltbereitschaft weit aufgestoßen, denn Feinde – so die Botschaft dieser Semantik – sind notfalls mit Gewalt niederzuringen. Zweitens scheint mir die Resilienz unserer demokratischen politischen Kultur gefährdet, wenn der beobachtbare Trend zum Misstrauen zunimmt. Der Sozialanthropologe Florian Mühlfried hat jüngst in einem vielbeachteten Büchlein das hohe Lied des Misstrauens gesungen: Misstrauen spiele eine konstitutive Rolle in der politischen Kultur westlich geprägter Staaten; auch Gewaltenteilung, Pressefreiheit und zivilgesellschaftliche „checks and balances“ seien darauf zurückzuführen. Sein Fazit: „Nicht nur ohne Vertrauen, auch ohne Misstrauen kann Demokratie nicht bestehen.“ Abgesehen davon, dass ich die Vorkehrungen der amerikanischen Verfassung eher für den Ausdruck einer klugen Institutionenpolitik denn eines auf Misstrauen reduzierten Bürgersinns halte, scheint mir – wie schon beim Feindbild – die Rede vom Misstrauen eine falsche Botschaft zu transportieren. Angemessener erscheint mir der Begriff der Skepsis, der auch deshalb vorzuziehen ist, weil er ausgesprochen demokratiekompatibel ist. Skepsis heißt, auf die Begrenztheit von Gewissheit, Wahrheit, historischer Notwendigkeit und behaupteter Alternativlosigkeit mit kritischer Reflexion zu reagieren. Skepsis ist so eine Geisteshaltung, die hilft, auch mit Ungewissheiten und Krisenerfahrungen zurechtzukommen, ohne in moralische oder politische Enthaltung zu verfallen. Schließlich und drittens besitzen Verschwörungstheorien mehrere Dimensionen: eine kognitive – die Wissenden gegenüber der Herde der Unwissenden –, eine mediale – vom frühneuzeitlichen Flugblatt bis zum Internet – und eine emotionale. Diese emotionale Dimension teilt sich jedem mit, der an Anti-Corona-De- monstrationen aktiv teilgenommen oder sie zumindest hautnah beobachtet hat. Diese Demonstrationen, für die auch der meines Erachtens geglückte Begriff der „Corona Publics“ gefunden wurde, stiften offenbar ein emotionales Band zwischen um ihre Grundrechte besorgten Bürgern, Verteidigern des Rechtsstaatsprinzips und Corona-Leugnern und Impfgegnern. Das alles ist von dem zentralen Grundrecht der Versammlungsfreiheit gedeckt und legitimer Ausdruck von – je nach Einstellung – Misstrauen oder Skepsis. Zunehmend schwieriger scheint aber zu gewährleisten zu sein, dass der mächtige Strom des demokratischen Gedankens nicht dadurch über die Ufer tritt, dass die Demonstrationen Opfer von politischer Piraterie werden. Immer häufiger springen Rechtsextremisten auf die Protestbewegung auf und instrumentalisieren sie für ihre politischen Zwecke. Laut Presseberichten nehmen Gewaltdelikte zu, die sich nunmehr auch gegen Polizeibe- Gunnar Folke Schuppert war Geschäftsführender Direktor des WZB Rule of Law Centers und ist Emeritus der juristischen Fakultät der Humboldt- Universität zu Berlin. folke.schu[email protected] Foto: © WZB/David Ausserhofer, alle Rechte vorbehalten. „Nicht nur ohne Vertrau- en, auch ohne Misstrauen kann Demokratie nicht bestehen“ 26 |MitteilungenHeft176Juni2022
amte richten. Dies aber birgt die Gefahr, dass legitime Proteste derjenigen, die eine bestimmte Politik der Corona-Bekämpfung ablehnen, zur Delegitimierung staatlichen Handelns mutieren. Verschwörerisches Denken hat also nicht zufällig, sondern systematisch eine Nähe zu latenter Gewaltbereitschaft. Das ist ein triftiger Grund mehr dafür, Verschwörungsdenken nicht beredt hoffähig zu machen, sondern es wachsam und kritisch zu begleiten. Literatur Evans, Richard J.: Das Dritte Reich und seine Verschwörungstheorien. München: DVA 2021. Grobman, Alex: Licence to Murder. The Enduring Threat of the Protocols of the Elders of Zion. New York: Balfour Books 2011. Hentschel, Christine: „Das große Erwachen: Affekt und Narrativ in der Bewegung gegen die Corona-Maßnahmen“. In: Leviathan, 2021, Jg. 49, H. 1, S. 52-85. Lütjen, Torben: Amerika im kalten Bürgerkrieg. Wie ein Land seine Mitte verliert. Darmstadt: WBG Theiss 2020. Mühlfried, Florian: Misstrauen. Vom Wert eines Unwertes. Stuttgart: Reclam 2018. Schuppert, Folke: „Verschwörungstheorien und digitale Demokratie“. In: Rechtswissenschaft, 2022 (im Erscheinen). Der Text ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Titelthema 27