Elemente einer zukünftigen Theorie der Wirtschaftspolitik
Abstract
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Full text
Frey, Bruno S. Article Elemente einer zukünftigen Theorie der Wirtschaftspolitik Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Frey, Bruno S. (1981) : Elemente einer zukünftigen Theorie der Wirtschaftspolitik, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 101, Iss. 4, pp. 361-377, https://doi.org/10.3790/schm.101.4.361 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291496 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Elemente einer zukünftigen Theorie der Wirtschaftspolitik* Von Bruno S. Frey Die Theorie der Wirtschaftspolitik kann weiterentwickelt werden, indem Elemente aus den bisherigen Varianten entnommen werden. Insbesondere sind (1) die Ebenen des Grundkonsenses und des laufenden politisch-ökonomischen Prozesses zu unterscheiden, (2) die Anreize und Einschränkungen der Individuen als Entscheidungsträger zu betonen und (3) die Analyse der politischen Prozesse und Institutionen theoretisch und empirisch auszuarbeiten. Damit wird ein Schritt zu einer Theorie demokratischer Wirtschaftspolitik vollzogen. I. Worauf können sich die „neuen Wege der Wirtschaftspolitik" gründen? Schickt sich eine Wissenschaft an, neue Wege zu begehen, baut sie auf dem bereits Bestehenden auf, indem sie Teile davon verwirft und andere Teile aufnimmt und auf neue Weise betrachtet. Auch die Theorie der Wirtschaftspolitik kann nur auf Grundlage ihrer eigenen Traditionen weiterentwickelt werden. Die entscheidende Frage ist, welche Elemente auf welche Weise zu übernehmen und welche Aspekte neu und anders zu betonen sind. Ein „neuer Weg" der Theorie der Wirtschaftspolitik erscheint deshalb von der einen Seite her betrachtet als Fortsetzung einer Tradition; von einer andern Seite her gesehen mag die gleiche Entwicklung als revolutionär und fremd erscheinen. In diesem Aufsatz wird die Auffassung vertreten, daß es erforderlich ist, in der Theorie der Wirtschaftspolitik1 neue Wege zu verfolgen, daß dabei aber auf wesentliche Elemente der heute bestehenden Theorie der Wirtschaftspolitik zurückgegriffen werden kann. In diesem Beitrag werden drei Fragen erörtert: * Schriftliche Fassung eines Vortrags vor dem Ausschuß für Wirtschaftspolitik des Vereins für Socialpolitik an seiner Tagimg über „Neue Wege der Wirtschaftspolitik" in Bad Homburg im April 1981. — Für hilfreiche Bemerkungen zur schriftlichen Fassung bin ich Dr. Werner W. Pommerehne, Dr. Gebhard Kirchgässner, Dr. Friedrich Schneider und Hannelore Weck dankbar. Wichtige Anregungen verdanke ich auch der Diskussion im Wirtschaf tspolitischen Ausschuß. 1 Das gleiche gilt auch für die Finanzwissenschaft. 23 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften 1981/4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.101.4.361 | Generated on 2023-04-04 11:59:08
362 Bruno S. Frey Erste Frage: Was sind die heute geltenden Grundlagen der Theorie der Wirtschaftspolitik? Von einer einheitlichen und geschlossenen Theorie der Wirtschaftspolitik kann nicht gesprochen werden; für den hier verfolgten Zweck erscheint es sinnvoll von drei Varianten auszugehen, die sich in verschiedener Hinsicht wesentlich unterscheiden: Der Theorie quantitativer Wirtschaftspolitik, der Theorie der Ordnungspolitik und der Theorie pragmatisch-beschreibender Wirtschaftspolitik. Zweite Frage: Welche neuen Wege lassen sich von den drei Varianten der Theorie der Wirtschaftspolitik ausgehend aufzeigen? Hier wird herauszuarbeiten versucht, welche Elemente besonders fruchtbar sind und deshalb in eine zukünftige Theorie der Wirtschaftspolitik aufgenommen werden könnten. Dritte Frage: In welcher Weise können diese Elemente in eine zukünftige Theorie der Wirtschaftspolitik eingebaut werden? An dieser Stelle soll nicht versucht werden, die verschiedenen Elemente zu einer geschlossenen Theorie der Wirtschaftspolitik zusammenzufügen. Vielmehr soll anhand von drei ausgewählten Schwerpunkten zu zeigen versucht werden, wie diese Elemente zu einer Weiterentwicklung der theoretischen Wirtschaftspolitik eingesetzt werden können. Allen Schwerpunkten ist gemeinsam, daß — im Gegensatz zu einer Theorie handelnder Eliten — das demokratische Element entwickelt und damit eine Theorie demokratischer Wirtschaftspolitik geschaffen werden sollte. II. Welche Elemente lassen sich aus der traditionellen Theorie der Wirtschaftspolitik übernehmen? In diesem Abschnitt werden die drei hier unterschiedenen Varianten der Theorie der Wirtschaftspolitik daraufhin untersucht, welche Teile daraus für eine Weiterentwicklung besonders wichtig sein können. Beabsichtigt ist keine umfassende Darstellung dieser Theorievarianten, sondern es werden Elemente ausgewählt, die im folgenden Abschnitt III zur Skizzierung einiger Neuorientierungen dienen werden. 1. Theorie quantitativer Wirtschaftspolitik Diese vor allem von Tinbergen und Theil2 entwickelte Variante theotischer Wirtschaftspolitik wird heute in Form der Theorie optimaler Steuerung auch auf dynamische Probleme angewandt3. Bei diesem An2 Tinbergen (1952), Theil (1964). « Vgl. Chow (1973), 825837 und (1975); Pindyck (1973). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.101.4.361 | Generated on 2023-04-04 11:59:08
Elemente einer zukünftigen Theorie der Wirtschaftspolitik 363 satz wird explizit eine gesellschaftliche Wohlfahrtsfunktion maximiert, wobei ein Modell der Gesamtwirtschaft den Möglichkeitsraum absteckt. Auf den mikroökonomischen Bereich angewandt, findet sich die Variante auch in der Theorie optimaler Steuern4 und in der Theorie optimaler Preise öffentlicher Unternehmen5. Die Stärke dieser Variante der Wirtschaftspolitik liegt in der Verwendung eines modellmäßigen Ansatzes. Die zugrundeliegenden Annahmen werden präzise festgelegt, so daß die Abhängigkeit der Ergebnisse von bestimmten Parameterkonstellationen und damit von den Umweltbedingungen deutlich wird. Die jeweils neuesten Ergebnisse der Wirtschaftstheorie werden berücksichtigt. Die Stärke der Theorie quantitativer Wirtschaftspolitik ist gleichzeitig ihre Schwäche. Oft wird der Formalismus zu weit getrieben, wodurch der Realitätsbezug schwindet. Eine Kommission ist kürzlich sogar zum Schluß gelangt, daß dieser Ansatz nirgendwo in nennenswertem Umfang in der Praxis eingesetzt wird6. Die Ökonometriker sind sich dieser (und anderer) Kritik bewußt7 und versuchen, die aufgezeigten Schwächen zu überwinden. Für die Theorie der Wirtschaftspolitik ist jedoch schwerwiegender, daß der Ansatz eine grundsätzliche Schwäche hat8. Die westliche Wirtschaftswissenschaft baut auf dem Axiom der Souveränität der Individuen auf. Die Theorie quantitativer Wirtschaftspolitik trägt dieser Grundannahme zuwenig Rechnung, indem sie der Regierung (implizit oder explizit) unterstellt, daß sie die gesellschaftliche Wohlfahrt maximieren will. Damit wird das Nutzenkalkül des Individuums unzulässig auf die Gesamtgesellschaft übertragen und das individualistische Grundprinzip aufgegeben. In einer Demokratie, die auf der Berücksichtigung der Präferenzen der Individuen als Konsumenten und als Wähler beruht, sind die wirtschaftspolitischen Maßnahmen das Ergebnis des politischen Prozesses; es ist daher unrichtig, der Gesellschaft als Ganzes ein Handeln zu unterstellen. Diese Kritik wendet sich selbstverständlich nicht gegen die instrumentelle Verwendung der Modelle quantitativer Wirtschaftspolitik zur Ableitung der Auswirkungen unterschiedlicher wirtschaftspolitischer Maßnahmen. Aus der Theorie quantitativer Wirtschaftspolitik lassen sich — trotz der aufgezeigten Mängel — wichtige Elemente für eine zukünftige Theorie der Wirtschaftspolitik entnehmen: 4 Vgl. Bradford and Rosen (1976) 94 - 101. s Vgl. Bös (1978), 3 - 60; Blankart (1980). 6 Vgl. Johansen (1979), 101 - 109. 7 So etwa Malinvaud (1980). s Darauf hat Buchanan (1975) und (1977) immer wieder hingewiesen; vgl. auch Brennan and Buchanan (1980). 23* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.101.4.361 | Generated on 2023-04-04 11:59:08
364 Bruno S. Frey (a) Das Bemühen, neue theoretische Entwicklungen in die Theorie der Wirtschaftspolitik einzuführen. Die akademischen Fächer der „Wirtschaftstheorie" und „Wirtschaftspolitik" werden dadurch eng verknüpft. Ein Beispiel dafür ist etwa die Integration der Theorie rationaler Erwartungen in die Modelle quantitativer Wirtschaftspolitik9. (b) Die Auseinandersetzung mit Unsicherheit und mit der Rolle der Information für den Wirtschaftsablauf, wofür wiederum die Theorie rationaler Erwartungen herangezogen werden kann. Allerdings berücksichtigt die Theorie quantitativer Wirtschaftspolitik das unvollkommene Wissen nur für Entscheidungen im laufenden wirtschaftlichen Prozeß, nicht jedoch für die Wahl der Regeln auf einer grundsätzlichen Ebene der Entscheidungsbildung. Aus der Theorie quantitativer Wirtschaftspolitik erscheinen somit zwei Elemente für eine Weiterentwicklung der Theorie der Wirtschaftspolitik besonders wichtig: • die Bereitschaft zur Aufnahme neuer Erkenntnisse der Wirtschaftstheorie; und • die Berücksichtigung der Unsicherheit und unvollkommenen Information. 2. Die Theorie der Ordnungspolitik Diese Variante der Theorie der Wirtschaftspolitik beschäftigt sich mit dem Rahmen, in dem die grundsätzlichen gesellschaftlichen Regeln festgelegt werden. Dazu gehören z. B. die Rechtsordnung und die Garantie des Eigentums, die den Gestaltungsraum der Individuen in der politischen Auseinandersetzung sicherstellen. Als geeigneter Mechanismus zur Regelung wirtschaftlicher Probleme wird die marktwirtschaftliche Konkurrenz betont10. Als angelsächsische Ausprägung der Lehre von der Ordnungspolitik kann die Beschäftigung mit den Handlungsoder Verfügungsrechten (Theory of property rights)11 angesehen werden, die den Gütertausch und das gesamte Verhalten in der Gesellschaft bestimmen. Untersucht wird, wie die Handlungsrechte entstanden sind, welche Rechte gegenwärtig bestehen und welche Auswirkungen sie auf das Zusammenleben in der Gesellschaft haben. In der Theorie der Ordnungspolitik (und der Handlungsrechte) wird der Ablauf des politisch-ökonomischen Prozesses als weitgehend be- « Vgl. Taylor (1979), 1267 - 1286; Chow (1980), 47 - 59; Ramser (1978); Neumann (1981). 10 Vgl. z.B. Euchen (1952); Böhm (1937); Röpke (1944). 11 Vgl. z.B. Furubotn and Pejovich (1974); Hesse (1980). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.101.4.361 | Generated on 2023-04-04 11:59:08
Elemente einer zukünftigen Theorie der Wirtschaftspolitik 365 stimmt angesehen, wenn die Regeln des menschlichen Zusammenlebens festgelegt sind. Allgemeinverbindliche Regeln schaffen den Individuen darüber hinaus einen Freiheitsraum, der eine Unterdrückung durch das Kollektiv — insbesondere durch die Regierungen und öffentliche Verwaltung — verhindern soll. Diese Betonung von Rahmenbedingungen in Form von Regeln und Rechten ist eine bedeutende Einsicht, die von einer zukunftsorientierten Theorie der Wirtschaftspolitik aufgenommen werden sollte. Die Sicht der Theorie der Ordnungspolitik ist jedoch in zweifacher Hinsicht eingeschränkt: (a) Als Mechanismus zur Regelung der gesellschaftlichen Probleme innerhalb des gegebenen Rahmens wird zu einseitig das Preissystem betrachtet. Alternative Entscheidungssysteme — wie etwa demokratische Abstimmungen und Wahlen, Verhandlungen zwischen Gruppen oder hierarchische Entscheidungen mittels einer öffentlichen Verwaltung — werden nicht genügend in Erwägung gezogen. Ein theoretischer und empirischer Vergleich der relativen Effizienz der verschiedenen Entscheidungssysteme wird nicht durchgeführt. Deshalb können auch keine Aufschlüsse darüber gewonnen werden, welcher Mechanismus sich zur Lösung welcher Probleme am besten eignet. Marktwirtschaftlicher Wettbewerb wird weitgehend als Idealtyp analysiert — es wird bestenfalls zugestanden, daß eine Tendenz zur Monopolisierung der Märkte bestehen kann. Die Sicherung des Wettbewerbs mittels entsprechender Regeln und Institutionen wird als wesentlich angesehen, hingegen werden Probleme aufgrund der Existenz externer Effekte und öffentlicher Güter entweder vernachlässigt oder — neuerdings — mit Hilfe geeigneter Modelle (wie etwa dem Coase Theorem) wegdefiniert. (b) Die Theorie der Ordnungspolitik kümmert sich wenig darum, auf welche Weise die gesellschaftlichen Regeln im demokratischen Prozeß Zustandekommen, sondern konzentriert sich auf deren Auswirkungen im laufenden politischen Prozeß. Implizit oder explizit wird davon ausgegangen, daß die von einer aufgeklärten Elite beratene Regierung die Regeln und Institutionen autonom festlegt und dafür sorgt, daß sie aufrechterhalten bleiben. Damit wird übersehen, daß die Regierung (und übrigen politischen Entscheidungsträger) in einer Demokratie von den Wünschen der Wähler abhängig ist und nicht notwendigerweise den Anreiz hat, die von einer Elite als geeignet empfundenen Rahmenbedingungen zu schaffen und zu verteidigen. Für eine zukünftige Theorie der Wirtschaftspolitik können zwei wichtige Elemente aus der Theorie der Ordnungspolitik übernommen werden: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.101.4.361 | Generated on 2023-04-04 11:59:08
366 Bruno S. Frey • Die Rolle der Regeln für das wirtschaftliche Geschehen, wobei jedoch mitberücksichtigt werden muß, auf welche Weise sie in einer demokratischen Gesellschaft festgelegt und gesichert werden können. Außerdem darf nicht nur das Preissystem als wirtschaftliches Leistungsprinzip, sondern es müssen auch andere Entscheidungssysteme betrachtet werden. • Der individualistische Grundansatz, der der Freiheit des einzelnen einen zentralen Stellenwert einräumt. Das bedeutet aber auch, daß der demokratischen Komponente im politisch-ökonomischen Prozeß mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muß, insbesondere daß die Möglichkeiten vermehrter direkter Beteiligung der Individuen an wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen — z. B. in der Form von Volksabstimmungen — und der Dezentralisierung (Föderalismus) vorurteilslos geprüft werden. 3. Pragmatisch-beschreibende „Theorie" der Wirtschaftspolitik Diese Variante der Theorie der Wirtschaftspolitik orientiert sich an den unmittelbaren Bedürfnissen der praktischen Wirtschaftspolitik12. Sie bemüht sich vor allem, die Erkenntnisse der Wirtschaftstheorie anzuwenden und unterstreicht dabei die Bedeutung der gewachsenen Institutionen und die enge Verbindung zwischen Wirtschaft und Politik, aber auch den Einfluß einzelner Persönlichkeiten und die Einzigartigkeit historischer Bedingungen. Von dieser Variante der Wirtschaftspolitik lassen sich für einen neuen Weg in dreifacher Hinsicht Anregungen gewinnen: (a) Nicht Idealvorstellungen und normative Programme, sondern die politische Auseinandersetzung bestimmt, welche Wirtschaftspolitik tatsächlich durchgeführt wird. Eine wirtschaftspolitische Beratung kann nur erfolgreich sein, wenn die politischen Einflüsse berücksichtigt werden. Die aus der Wirtschaftstheorie stammenden Vorschläge müssen den politischen Bedingungen entsprechend vorgebracht werden und die Unterstützung maßgeblicher gesellschaftlicher Gruppen mobilisiert werden. „Technokratische" Lösungen — wie etwa die Vorstellung, eine Inflation könne einfach mittels einer rigorosen Kontrolle der Geldmenge durch die Notenbank bekämpft und beseitigt werden — müssen scheitern, wenn die Interessen der an der wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung Beteiligten nicht berücksichtigt werden. 12 Beispiele dafür finden sich etwa in den Berichten des Sachverständigenrates oder den Erinnerungen der Präsidentenberater Heller (1966) und Okun (1970). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.101.4.361 | Generated on 2023-04-04 11:59:08
Elemente einer zukünftigen Theorie der Wirtschaftspolitik 367 (b) Die Wirtschaftspolitik wird wesentlich durch die bestehenden, oft über lange Zeit hindurch sich verfestigenden Institutionen bestimmt. Aus diesem Grund muß das Verhalten von Institutionen in die wirtschaftspolitischen Erwägungen einbezogen werden. (c) Eine erfolgreiche wirtschaftspolitische Beratung kann sich nicht nur auf theoretische Zusammenhänge stützen, sondern muß auch empirische Aussagen machen können. Die Schwäche der pragmatischen Theorie der Wirtschaftspolitik liegt vor allem darin, daß nicht analytisch, sondern beschreibend vorgegangen wird. Dadurch entsteht die Tendenz, Einzelfälle, spezielle historische Bedingungen und den Einfluß einzelner Persönlichkeiten überzubewerten und damit den Blick für die allgemeinen Bedingungen zu verlieren. So wird z. B. immer wieder behauptet, das Verhalten der Notenbank werde wesentlich durch die Persönlichkeit des Präsidenten bestimmt und deshalb seien allgemeine Aussagen unmöglich. Die Notenbankpolitik ist jedoch einer allgemeinen Analyse durchaus zugänglich13. Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß die pragmatischbeschreibende Variante drei Elemente zu einer neuen Ausrichtung der herrschenden Theorie beisteuern kann: • Die Betonung der politischen Auseinandersetzung, innerhalb der sich Wirtschaftspolitik vollzieht; • Die Bedeutung der Institutionen für die Durchsetzung und Durchführung wirtschaftspolitischer Vorstellungen; • Die Notwendigkeit empirischer Kenntnisse über den politisch-ökonomischen Prozeß und über die Auswirkungen wirtschaftspolitischer Vorschläge. III. Folgerungen für eine zukünftige Theorie der Wirtschaftspolitik Auf der Grundlage der drei Varianten der Theorie der Wirtschaftspolitik sind sieben Elemente diskutiert worden, die einen Beitrag zu einer Neuorientierung leisten können. An dieser Stelle sind nur Andeutungen möglich, wie diese verschiedenen Elemente in eine Theorie der Wirtschaftspolitik eingefügt werden können. Drei Bereiche erscheinen besonders wichtig: 1. Es sind zwei Ebenen der Wirtschaftspolitik zu unterscheiden; eine Ebene, auf der im Zustand der Ungewißheit mittels Grundkonsenses Regeln festgelegt werden und eine Ebene der laufenden politischökonomischen Auseinandersetzung. Damit wird das zentrale ordnungspolitische Element der Regeln aufgenommen und in Verbin13 Das zeigt z. B. Basler (1978). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.101.4.361 | Generated on 2023-04-04 11:59:08
368 Bruno S. Frey dung mit der von der Theorie quantitativer Wirtschaftspolitik betonten unvollkommenen Information gebracht. 2. Die Theorie der Wirtschaftspolitik kann mit Leben gefüllt werden, indem die Anreize und Einschränkungen der Individuen als Entscheidungsträger theoretisch und empirisch erfaßt und damit die menschlichen Handlungen ins Zentrum gerückt werden. In diesem Bereich wird auf das individualistische Grundkonzept der Theorie der Ordnungspolitik zurückgegriffen und im Sinne der Theorie quantitativer Wirtschaftspolitik neue theoretische Erkenntnisse in Form des ökonomischen Verhaltensmodells in die Theorie der Wirtschaftspolitik eingeführt. Außerdem wird dem Bestreben der pragmatisch-beschreibenden Variante der theoretischen Wirtschaftspolitik gefolgt, empirisch fundierte Aussagen zu machen. 3. Der politische Prozeß und die ihn bestimmenden Institutionen sind in die Theorie der Wirtschaftspolitik analytisch einzubeziehen. Dieser Bereich gründet auf der von der pragmatisch-beschreibenden Theorie betonten Bedeutung der politischen Auseinandersetzung und der historisch gewachsenen Institutionen als Bestimmungsgründe wirtschaftspolitischen Handelns. Die Möglichkeiten, die Theorie der Wirtschaftspolitik in diesen drei Bereichen neu zu orientieren, werden im folgenden kurz ausgeführt, wobei das Schwergewicht auf der Weiterentwicklung der Rolle menschlichen Verhaltens (d. h. auf Bereich 2) liegt. 1. Zwei Ebenen der Wirtschaftspolitik Auf der Ebene des Grundkonsenses werden die Regeln festgelegt, innerhalb derer sich die laufende gesellschaftliche Auseinandersetzung vollzieht. Der gesellschaftliche Grundkonsens ist durch drei Merkmale gekennzeichnet: (a) Er regelt grundsätzliche Aspekte des menschlichen Zusammenlebens, die über Tagesfragen und kurzfristige Interessen hinausgehen. Die getroffenen Übereinkünfte können ihre Wirkung nur entfalten, wenn sie langfristig unverändert bleiben. Werden die Rahmenbedingungen wiederholt und kurzfristig geändert, haben die verschiedenen Entscheidungsträger keinen Anreiz und keine Möglichkeit, sich auf die Regeln einzustellen, wodurch diese wirkungslos werden. (b) Die Regeln werden im Zustand der Ungewißheit fveil of ignorance)14 festgelegt. Die Individuen (und Gruppen) wissen nicht genau, in i4 Rawls (1975). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.101.4.361 | Generated on 2023-04-04 11:59:08
Elemente einer zukünftigen Theorie der Wirtschaftspolitik 375 für eine zukünftige Theorie entnommen werden, insbesondere: (1) Die Unterscheidung zwischen der Ebene des Grundkonsenses, auf der bei Ungewißheit Regeln festgelegt werden, und der Ebene des laufenden politischökonomischen Prozesses; (2) Die Betonung der Anreize und Einschränkungen, denen die Individuen als Entscheidungsträger unterworfen sind (ökonomisches Verhaltensmodell); (3) Die Entwicklung einer theoretischen und empirischen Analyse des demokratischen politischen Prozesses und seiner Institutionen. Die Verschmelzimg dieser Aspekte führt zu einer „Theorie demokratischer Wirtschaftspolitik". Summary In the current theory of economic policy one can distinguish a quantitative, an economic order (Ordnungspolitik), and a pragmatic variant. The following building stones can be derived for a future theory: (1) The levels of the constitutional consensus (where rules are determined behind the veil of uncertainty) and of current politico-economic process; (2) The emphasis on incentives and constraints of individuals as decision-makers (economic model of behaviour); (3) The development of a theoretical and empirical analysis of democratic political processes and institutions. The integration of these aspects leads to a "theory of democratic policy". Literatur Basler, Hans-Peter (1978), Wirtschaftspolitische Zielpräferenzen in der Geldpolitik der BRD: Eine empirische Analyse des Verhaltens der Deutschen Bundesbank für die Zeit von 1958 bis 1974, Kredit und Kapital 11 (1978), 84 - 108. Blankart, Charles Beat (1980), Oekonomie der öffentlichen Unternehmungen. Eine institutionelle Analyse der Staatswirtschaft, München. Böhm, Franz (1937), Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtsschöpferische Leistung, Stuttgart. Bös, Dieter (1978), Oeffentliche Unternehmungen, Handbuch der Finanzwissenschaft, 3.A., Tübingen, 3 - 60. Bradford, David F. and Harvey Rosen (1976), The Optimal Taxation of Commodities and Income, American Economic Review, Papers and Proceedings 66 (1976), 94 - 101. Brennan, Geoffrey and James M. Buchanan (1980), The Power to Tax. Analytical Foundations of a Fiscal Constitution, Cambridge. Buchanan, James M. (1975), The Limits of Liberty: Between Anarchy and Leviathan, Chicago. — (1979), Freedom in Constitutional Contract. Perspectives of a Political Economist, College Station and London. Chow, Gregory C. (1973), Problems of Economic Policy from the Viewpoint of Optimal Control, American Economic Review 63 (1973), 825 - 837. — (1975), Analysis and Control of Dynamic Economic Systems, New York. — (1980), Econometric Policy Evaluation and Optimization under Rational Expectations, Journal of Economic Dynamics and Control 2 (1980), 47 - 59. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.101.4.361 | Generated on 2023-04-04 11:59:08
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