scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche

Bastian, Olaf

Abstract

EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.

Full text

Bastian, Olaf Book Part Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Bastian, Olaf (2018) : Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche, In: ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Ed.): Handwörterbuch der Stadt- und Raumentwicklung, ISBN 978-3-88838-559-9, ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, pp. 1457-1474, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-55991351 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/225796 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/ Die ARL ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft OlafBastian MethodenderRaumanalyse,naturwissenschaftliche S.1457bis1474 URN: urn:nbn:de:0156‐55991351 CC‐Lizenz:BY‐ND3.0Deutschland In: ARL–AkademiefürRaumforschungundLandesplanung(Hrsg.): HandwörterbuchderStadt‐undRaumentwicklung Hannover2018 ISBN978‐3‐88838‐559‐9(PDF‐Version) 1457 Naturwissenschaftlich geprägte Raumanalysen beschäftigen sich mit Geofaktoren (Geologischer Bau, Relief, Boden, Gewässer, 0QNRF'NTXNSZSYJWXHMNJIQNHMJS2F¡XYFGXGJWJNHMJSJWKFXXJSNMWJ Anordnung im Raum, ihre Wechselbeziehungen und zeitlichen ;JW¦SIJWZSLJS\TK¾WXNJXNHMJNSJX2JYMTIJSXUJPYWZRXFZX zahlreichen Wissenschaftsdisziplinen (u. a. Landschaftsökologie, Bodenkunde, Hydrologie, Vegetationskunde) bedienen. Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche Olaf Bastian Gliederung 1 Einleitung und Begriffsbestimmung 2 Raum- und Zeitaspekte 3 Analyse der Geofaktoren 4 Bewertung der Leistungsfähigkeit 5 Datengewinnung und -verarbeitung Literatur Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche 1458 1 Einleitung und Begriffsbestimmung Naturwissenschaftliche Methoden der Raumanalyse umfassen ein Teilspektrum der insgesamt bei Raumanalysen anwendbaren Arbeitsweisen. Sie beziehen sich auf die Geofaktoren (Geologischer Bau, Relief, Boden, Gewässer, Klima und Bios – auch als Geoöko-, Öko-, Landschaftsfaktoren oder Partialkomplexe bezeichnet; vgl. Leser 1997: 192; s.Abb.1) und setzen ein naturwissenschaftliches Raumkonzept voraus, nämlich als (Blotevogel 2005): a) objektiv beschreibbarer und subjektiv wahrnehmbarer physischer Raum, b) natürliche Umwelt des Menschen. Untersucht wird der physische Raum in seiner natürlichen Ausstattung sowie in seiner Prägung durch den Menschen, und zwar in unterschiedlichen Maßstabsebenen von lokal über regional bis global. Abbildung 1: Geofaktoren und Wirkungsbeziehungen im Geokomplex/ Naturraum %RGHQ .OLPD :DVVHU KDXVKDOW 5HOLHI *HVWHLQ WHNWRQLVFKHU %DX %LRV Quelle: Haase 1979: 8; bearbeitet Die Schritte der Raumanalyse bestehen nach Papadakis (2009) in der • Bestimmung des Zweckes bzw. der Fragestellung, • Festlegung der Maßstabsebene und des Untersuchungsraumes, Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche 1459 • Operationalisierung der Fragestellung bzw. Hypothesenbildung und Bestimmung von Messgrößen (Daten, Indikatoren) und Methoden der Analyse und Bewertung, • Durchführung der eigentlichen Analyse (zunächst einzelner Faktoren separat, dann Herausarbeitung der Wechselwirkungen), • Auswahl und Anwendung statistischer Messverfahren, • Synthese des vielschichtigen Beziehungsgefüges der Geofaktoren, • Prüfung der Hypothesen mit abschließender Interpretation. 2 Raum- und Zeitaspekte 2.1 Maßstab und Dimension Entsprechend den Größenordnungen der betreffenden Erdräume erfolgen Raumanalysen in unterschiedlichen Maßstäben bzw. Dimensionsstufen, was Konsequenzen für die inhaltlichen Kategorien und adäquaten Methoden hat. Während es bei der topischen Dimension auf konkrete Rauminhalte mit mehr oder weniger homogenen Eigenschaften ankommt, gilt es in der chorischen Dimension, die Art, Intensität und Richtung der Verkettung und Vernetzung der topischen Grundeinheiten im Raum sichtbar zu machen (vgl. Neef 1963). So muss man große Maßstäbe (1:5.000 bis 1:25.000) wählen, um Details abzubilden, wobei der darstellbare Ausschnitt der Erdoberfläche verhältnismäßig klein bleibt und der Überblick über großräumige Zusammenhänge verloren geht. 2.2 Räumliche Bezugseinheiten Für Raumanalysen sind räumliche Bezugseinheiten hilfreich, wobei zwischen zwei Varianten unterschieden werden kann (vgl. Spektrum Akademischer Verlag 2001): • Die Bezugseinheit (z. B. Verwaltungseinheit, Planungsraum) ist vorgegeben, sie wird umfassend oder im Hinblick auf eine bestimmte Fragestellung analysiert. • Es werden Gebiete mit einer bestimmten Merkmalsausprägung ermittelt; die Raumabgrenzung ist Ergebnis der Untersuchung. Hierbei gibt es zwei Möglichkeiten, die jeweils spezifische Methoden erfordern: Der datenorientierte Ansatz untersucht die räumliche Anordnung ausgewählter Merkmale und nimmt dann aufgrund der Verteilungsmuster die Raumabgrenzung vor. Bei der problemorientierten Raumanalyse hingegen wird zunächst ein Problem formuliert, um anschließend entsprechend strukturierte Räume abzugrenzen. Als räumliche Bezugseinheiten kommen sowohl geometrische Einheiten (Raster) als auch unregelmäßige Areale (Polygone, z. B. ökologische Raumgliederungen) in Betracht. Die Wahl der Bezugskategorien hängt weitgehend von Verwendungszweck, Datenlage und technischen Möglichkeiten ab. Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche 1460 Unter den ökologischen Raumgliederungen hat die naturräumliche Gliederung Deutschlands (Meynen/Schmithüsen 1962) einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht. Unter dem Begriff Naturraum versteht man einen beliebig großen räumlichen Ausschnitt der Erdhülle, der durch naturgesetzlich determinierte einheitliche Struktur und gleiches Wirkungsgefüge seiner natürlichen (naturwissenschaftlich fassbaren) Komponenten gekennzeichnet ist, während der Begriff Landschaft weitere Komponenten wie die aktuelle Landnutzung einschließt (vgl. Bastian/Schreiber 1999). In der Naturraumkartierung wird zwischen deduktiven und induktiven Ansätzen unterschieden. Der deduktive Ansatz, die naturräumliche Gliederung, unterteilt einen Raum anhand verschiedener Einzelmerkmale, während auf induktivem Wege durch analytische Detailanalysen gewonnene Kleinflächen (Tope) durch naturräumliche Ordnung schrittweise zu höherrangigen Einheiten (Choren) aggregiert und ihre Merkmale generalisiert werden (s.Abb.2 und Abb.3). Abbildung 2: Hierarchie der naturräumlichen Ordnung/Gliederung, Größenverhältnisse und vorteilhafte Abbildungsmaßstäbe an einem Beispiel aus Sachsen :HVWODXVLW]HU+JHO XQG%HUJODQG 1RUGZHVWODXVLW]HU %HUJ XQG +JHOODQG /HSSHUVGRUIHU /|OHKPKJHOJHELHW  XQGNOHLQHU      0DNUR FKRUH 0HVR FKRUHQ 0LNUR FKRUHQ 1DQR FKRUHQ 3K\VLRWRSH gNRWRSH  NPð  NPð  NPð  NPð  NPð Quelle: Mannsfeld 1982: 27; bearbeitet Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche 1461 &GGNQIZSL.R8¾I\JXYJSIJWM¸MJWWFSLNLJS3FYZWWFZRJNSMJNY'¸MRNXHMJX Mittelgebirge (ýJXP«XYÖJITMTÖN9XHMJHMNXHMJ7JUZGQNPZSYJWXHMJNIJSXNHMINJ NXTQNJWYJS[TS9WTHPJSWFXJSTIJW\¦WRJQNJGJSIJS,JG¾XHMJSZSI<¦QIJWS bewachsenen Bergkuppen vulkanischen Ursprungs (im Bild der Berg Raná hora) gravierend von ihrem heute intensiv ackerbaulich genutzten Umland. 6ZJQQJ*NLJSJ+TYTLWFąJ Einsatzmöglichkeiten für komplexe Raumgliederungen bestehen in Untersuchungen, Beschreibungen und Planungen, die – ohne formale geometrische Verschneidungen vorzunehmen– sich für das Verständnis des Zusammenwirkens der Geofaktoren interessieren. Dafür ist allerdings Abstraktion bzw. Idealisierung vonnöten, die nicht vollends mit den realen Strukturen begründet werden kann, nicht jeder Detailaussage genügt und dem analytischen Zeitgeist nicht immer entspricht (vgl. Bastian/Schreiber 1999). 2.3 Zeitaspekte Unsere Umwelt wird durch ihre natürliche Ausstattung, mehr und mehr aber durch die gesellschaftliche Inanspruchnahme (z. B. Landnutzung) geprägt. Kennzeichnend sind ständige Veränderungen, wofür neben natürlichen auch anthropogene Ursachen verantwortlich sind, deren Ausmaß, Intensität, Reichweite und Geschwindigkeit im Laufe der Zeit ständig zunahmen, mit tiefgreifenden Folgen für Natur und Gesellschaft. Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche 1462 Vielfach werden Veränderungen nur anhand von Symptomen wie ▷Landnutzungswandel, Flurausräumung, Biotopvernichtung, Artenschwund usw. dokumentiert. Sie können auf vorteilhafte Weise aber auch über Landschaftsfunktionen/Naturraumpotenziale und ▷Ökosystemdienstleistungen verdeutlicht werden, wodurch es gelingt, funktionale Aspekte stärker ins Blickfeld zu rücken und die Leistungs-/Funktionsfähigkeit bzw. Nutzbarkeit eines Gebietes zu verschiedenen Zeitpunkten zu interpretieren. 3 Analyse der Geofaktoren Im Fokus einer naturwissenschaftlich geprägten Raumanalyse stehen die natürlichen Komponenten bzw. Geofaktoren. In den Umweltgesetzen bzw. in der ▷ Landschaftsplanung werden sie auch als Schutzgüter bezeichnet. Zur Analyse wird ein breites Methodenspektrum aus zahlreichen Wissenschaftsdisziplinen wie Bodenkunde, Hydrologie, Klimatologie, Vegetationskunde, Landschaftsökologie usw. eingesetzt (s.Abb.4). Abbildung 4: In der Raumanalyse einsetzbare naturwissenschaftliche 9JNQINX_NUQNSJS&ZX\FMQGJ_TLJSFZK,JTKFPYTWJSQNSPXXT\NJPTRUQJ]JWJ Disziplinen (Mitte) 8QWHUVXFKXQJVJHJHQVWDQG 5DXPDXVVFKQLWW*HRV\VWHP/DQGVFKDIW 3K\VLVFKH*HRJUDSKLH *HR|NRORJLH /DQGVFKDIWV|NRORJLH *HRORJLH *HRPRUSKRORJLH 3HGRORJLH %RGHQNXQGH %RGHQJHRJUDSKLH .OLPDWRORJLH 0HWHRURORJLH %LRJHRJUDSKLH *HRERWDQLN 9HJHWDWLRQVNXQGH =RRORJLH +\GURORJLH +\GURJHRJUDSKLH Quelle: Eigene Darstellung Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche 1463 3.1 Geologischer Bau Der geologische Bau stellt das Grundgerüst eines Erdraumes dar und beeinflusst weitere Geofaktoren wie den Boden, den Wasserhaushalt und die Vegetation maßgeblich. Überaus wichtige Gesteinseigenschaften sind mineralische Zusammensetzung (Stoffbestand) und Gefüge. Letzteres umfasst Struktur (Lagerungsformen sowie Gestalt, Größe und Kornbindung von Mineralen) und Textur (Anordnung und Verteilung im Raum). Klassische Datenquellen sind in erster Linie komplexe geologische Karten der an der Oberfläche anstehenden oder im Untergrund verbreiteten Bildungen, außerdem thematische geologische Karten (z.B. hydro- und ingenieurgeologische, tektonische und Lithofazieskarten). Die Kenntnis der geologischen Verhältnisse ist in vielerlei Hinsicht unabdingbar, so mit Blick auf • die Erkundung und Gewinnung von Lagerstätten, • Baugrunduntersuchungen (Bebaubarkeit, Standsicherheit), • die Abfallentsorgung (Anlage von Deponien, Sanierung von Altlasten), • die natürliche Nährstoffversorgung von Böden, • den Grundwasserhaushalt.  4GJWƦHMJSLJXYFQY7JQNJK Reliefeigenschaften stellen für das Gros der Raumnutzungen (Siedlungswesen, Straßenbau, ▷Landwirtschaft, ▷Forstwirtschaft, Erholungswesen u.a.) entscheidende Rahmenbedingungen dar. Die Reliefanalyse vermittelt eine erste, physiognomisch gut fassbare räumliche Gliederung eines Raumes und lässt diverse ökologische Interpretationen zu. Häufig ist eine komplexe Erfassung der Oberflächenverhältnisse weder möglich noch erforderlich. Oft genügt (bei kleinräumigen Analysen) eine Erfassung der Böschungs- bzw. Hangneigung, zumal diese eine Steuerungsfunktion gegenüber anderen Geofaktoren ausübt, so der Bodenentwicklung (Erosion, Akkumulation), des Geländeklimas (Besonnung, lokale Windverhältnisse, Kaltluftbahnen), und in enger Beziehung zu Leistungen der Natur steht, wie der Erholungsfunktion (physische und psychische Reizwirkungen abwechslungsreicher Reliefstrukturen) oder der land- und forstwirtschaftlichen Produktivität (reliefbedingte Differenzierung durch Frostgefährdung, Bodenabtrag, Sonn- und Schatthänge). Die Hangneigung lässt sich in topografischen Karten messen, vorteilhaft mit Schablonen, sogenannten Neigungsstufenmessern. Seit den 1980er Jahren kommen bei der Reliefanalyse in wachsendem Maße digitale Höhen- bzw. Geländemodelle zum Einsatz. 3.3 Böden Aufgrund ihrer Schlüsselstellung und herausragenden Rolle im Naturhaushalt verdienen Böden in Raumanalysen besondere Aufmerksamkeit. Böden sind komplizierte Systeme, in denen sich Litho-, Hydro-, Atmo- und Biosphäre durchdringen. Sie bestehen aus mineralischer und organischer Substanz, aus Bodenwasser, Bodenluft und Bodenorganismen, die strukturell und funktional Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche 1470 Ähnlich wie die Flora kann auch die Tierwelt im Rahmen einer Raumanalyse relevant sein, in Gestalt ausgewählter Einzelarten oder Artengruppen bis hin zur gesamten Fauna eines Gebietes. Tiere sind u.a. als Indikator von Umweltzuständen, aber auch als Zielobjekt des Naturschutzes von Interesse. Faunistische Informationen stehen in Form von Kartierungen, Datenbanken und Fachliteratur zur Verfügung, insbesondere für Schutzgebiete. Die für die Erfassung im Gelände angewendeten Methoden variieren in Abhängigkeit von der untersuchten Tiergruppe beträchtlich. Für manche Zwecke genügen reine Artenlisten, aussagekräftiger sind aber quantitative Angaben. Letztere lassen sich z.B. bei Vögeln in Form der Siedlungsdichte vorteilhaft zur Brutzeit erheben, wobei zwischen erfolgreicher Brut und Brutverdacht (Nestbau, Gelegefund, singende Männchen, Aufenthalt zur Brutzeit im geeigneten Habitat) differenziert werden sollte. Es gibt im Wesentlichen drei Typen der gezielten Erfassung von Tieren: • gezielte Nachsuche: visuell, akustisch, Aufsammeln per Hand oder mit einfachen Hilfsmitteln; • quantitative Schätzung über normierte Erfassungsmethoden (z.B. Linientaxation); • Fang mithilfe von Fallen unterschiedlichster Bauart. Zu Methoden der Erhebung von Tierarten(gruppen) existiert eine Vielzahl an Fachveröffentlichungen, sowohl Überblickswerke als auch für jede Artengruppe spezifische Standardwerke (für Vögel z.B. Südbeck/Andretzke/Fischer etal. 2005). Ein bewährtes Instrument zur Charakterisierung eines Gebietes ist die Biotopkartierung. Als ▷Biotop wird landläufig der abgrenzbare Lebensraum einer spezifischen Lebensgemeinschaft (Biozönose) von Pflanzen und Tieren verstanden, die durch einheitliche Lebensbedingungen gekennzeichnet ist. Gleichartige oder ähnliche Biotope können einem bestimmten Biotoptyp zugeordnet werden. Je nach Fokus auf räumliche Schwerpunkte gibt es Biotopkartierungen in der freien (Agrar-)Landschaft, im urbanen Raum (Stadtbiotopkartierung) oder im Wald. Ferner werden selektive (der für den Naturschutz wichtigen Biotope), flächendeckende und repräsentative Biotopkartierung unterschieden. Für die Biotopkartierung empfiehlt sich methodisch eine dreistufige Herangehensweise: An die Auswertung vorhandener Unterlagen schließen sich Luftbildinterpretation und Erfassungen im Gelände an. Als Kartierungszeitraum kommt die gesamte Vegetationsperiode (Mai bis Oktober) infrage; zur genaueren Ansprache von Vegetationstypen, Pflanzen- und Tierarten muss die betreffende Fläche mehrmals zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgesucht werden. Biotopkarten bzw. -datenbanken werden von den Umweltbehörden der Bundesländer und der Landkreise bzw. kreisfreien Städte verwaltet. Die Nomenklatur kann infolge der Verwendung länderspezifischer Biotopschlüssel zwischen den Bundesländern variieren. Für die EU standardisiert sind die Lebensraumtypen gemeinschaftlicher Bedeutung nach der FFH-Richtlinie (Fauna-Flora-Habitat). Dabei handelt es sich um Biotoptypen oder Biotopkomplexe, die nach Anhang I der FFH-Richtlinie im Schutzgebietssystem Natura 2000 geschützt werden müssen. Der Begriff Habitat bezeichnet den charakteristischen Wohn- oder Standort einer Art (oder Gruppe von Arten). Vielfach, vor allem im englischen Sprachraum, werden allerdings die Begriffe Habitat und Biotop synonym verwendet. Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche 1471 Im Hinblick auf Standardmethoden zu floristischen/vegetationskundlichen, faunistischen/ tierökologischen und biotopbezogenen Untersuchungen und Bewertungen sei insbesondere für raumrelevante bzw. naturschutzfachliche Analysen und Planungen auf die umfangreiche Darstellung von Plachter, Bernotat, Müssner und Riecken (BfN 2002) verwiesen. 4 Bewertung der Leistungsfähigkeit Zusätzlich zur Erfassung wertfreier, der Sachebene zuzuordnender Fakten können auch solche Sachverhalte in die Raumanalyse einbezogen werden, die bereits eine Bewertung durch den Menschen durchliefen. Anliegen einer ökologischen Bewertung ist es, räumliche Strukturen, Nutzungen, Funktionen und Potenziale im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes zu beurteilen. Die Leistungsfähigkeit kann mit dem Potenzialkonzept beschrieben werden, das Naturdargebot wird mit dem Blick des potenziellen Nutzers mittels primär naturwissenschaftlicher Arbeitsweise taxiert. Es geht darum, das Leistungsvermögen eines Raumes als den für die Gesellschaft verfügbaren Spielraum in der Nutzung sichtbar zu machen und auch Kategorien wie Risiken, Belastbarkeit und Tragfähigkeit (bzw. ▷ Resilienz/Robustheit) zu berücksichtigen, die bestimmte Nutzungsabsichten begrenzen oder gar ausschließen können (vgl. Mannsfeld 1983; Grunewald/ Bastian 2010, 2013). Während Potenziale die Möglichkeit der Naturnutzung beschreiben, drückt sich deren Wirklichkeit im Funktionsbegriff aus. In Raumordnung und Landesplanung werden Funktionen definiert als „Aufgaben, die ein Raum für die Lebensmöglichkeiten der Menschen erfüllen soll“ (Brösse 1995: 353). Für die Bewertung von Potenzialen bzw. Landschaftsfunktionen existiert eine Vielzahl an Verfahren bzw. Algorithmen, die aus der einschlägigen Fachliteratur ersichtlich sind. Ab den 1990er Jahren etablierte sich auf internationaler Ebene das Konzept der ▷Ökosystemdienstleistungen (Ecosystem services), das zusätzlich zur Leistungsfähigkeit (Potenzial bzw. Angebot) die tatsächliche Nachfrage nach bestimmten Leistungen thematisiert (vgl. Grunewald/Bastian 2013). 5 Datengewinnung und -verarbeitung 5.1 Indikatoransatz Für die Raumanalyse nützlich sind Indikatoren, die bei hohem Erklärungsgehalt den Erfassungsaufwand begrenzen, da es nahezu ausgeschlossen ist, mit vertretbarem Aufwand sämtliche Komponenten und ihre vielfältigen Wechselwirkungen innerhalb eines Raumes komplett zu erfassen. Der Indikatoransatz verkörpert einen Kompromiss zwischen der erwünschten Breite und Tiefe der Aussagen sowie der notwendigen Praktikabilität der Herangehensweise. In der Raumanalyse sollten aussagekräftige, auf Größe und Charakter des Gebietes sowie die konkrete Zielstellung zugeschnittene Indikatoren Verwendung finden. An Indikatoren werden zahlreiche Anforderungen Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche 1472 gestellt, so hinsichtlich ihrer Quantifizierbarkeit, Validität, Sensitivität, Transparenz, eindeutigen Wirkungszuordnung, räumlichen und zeitlichen Vergleichbarkeit usw. (vgl. Bastian/Schreiber 1999). 5.2 Datenquellen und Informationssysteme Grundlegende Voraussetzung für Raumanalysen sind aussagekräftige Daten. In der Praxis müssen die meisten Informationen aus verfügbaren Unterlagen (Karten, Luft- und Satellitenbildern, Geographischen Informationssystemen, Datensammlungen, Publikationen usw.) entnommen werden. Seit Langem bewährt sind topografische Karten, die als einer der wenigen Datenträger in vielen Ländern flächendeckend zur Verfügung stehen. Neben topografischen Grundkarten gibt es thematische Sonderkarten (Verkehrskarten, Stadtpläne, Verwaltungs-, Wander-, Schutzgebiets-, geologische, vegetationskundliche Karten usw.), in unterschiedlichen Maßstäben und mit Sonderblattschnitten, außerdem Reproduktionen historischer Karten, jedoch nicht in jedem Fall flächendeckend. Heute kommen zunehmend die Vorteile digitaler topografischer Daten und Karten zum Zuge, die vor allem in der Unabhängigkeit von Maßstab, Blattschnitt und Zeichenschlüssel sowie in der selektiven Bearbeitung sich überlagernder Karteninformationen und in der Verknüpfung grafischer Elemente mit nicht grafischen Daten liegen. Als wichtiges Hilfsmittel gilt die Geofernerkundung (Luft- und Satellitenbilder; ▷Fernerkundung). Ein Beispiel ist die satellitengestützte Aufnahme und einheitliche Klassifikation der Landnutzung (Landbedeckung bzw. grobe Vegetations- und Nutzungstypen) mit dem Projekt „CORINE Land Cover“ der EU. Die Gewinnung und Aufbereitung räumlicher Daten, deren Bewertung, Verknüpfung und Anwendung sind ohne EDV kaum noch vorstellbar. Hierzu zählen Geographische Informationssysteme (GIS). Sie bieten nicht nur den Vorteil, Datenbankanalyse und raumbezogene Visualisierung (digitale Kartografie) zu verknüpfen, sondern auch Flächenverschneidungen bei unterschiedlichen räumlichen Bezugssystemen oder heterogenen Datenformaten (Vektordaten versus Rasterdaten) in die Raumanalyse einzubeziehen. Spezialanwendungen stellen die Fachinformationssysteme (etwa zu Biotopen, Wald, Wasser, Boden) dar, übergreifende Landschaftsinformationssysteme und Umweltinformationssysteme. Unter dem Begriff der Räumlichen Informationssysteme (RIS) lassen sie sich zusammenfassen. Ein Beispiel für Topografische Informationssysteme ist ATKIS (Amtliches Topographisch-Kartogra- phisches Informationssystem) (vgl. Bastian/Schreiber 1999). Als hochaktuelles Fachinformationssystem zu Fragen der Bodenbedeckung und Flächennutzung stellt der „Monitor der Siedlungs- und Freiraumentwicklung (IÖR-Monitor)“ des Leibniz-In- stituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) Informationen zur Flächenstruktur und deren Entwicklung sowie zur Landschaftsqualität flächendeckend für die Bundesrepublik Deutschland bereit (vgl. IÖR o.J.). Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche 1473 Literatur AG Boden – Ad-hoc Arbeitsgruppe Boden der Geologischen Landesämter und des Bundesamtes für Geowissenschaften und Rohstoffe (Hrsg.) (1994): Bodenkundliche Kartieranleitung. Hannover. Bastian, O.; Schreiber, K.-F. (Hrsg.) (1999): Analyse und ökologische Bewertung der Landschaft. Heidelberg/Berlin. BfN – Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.) (2002): Entwicklung und Festlegung von Methodenstandards im Naturschutz. Bonn / Bad Godesberg. = Schriftenreihe für Landschaftspflege und Naturschutz 70. Blotevogel, H. H. (2005): Raum. In: ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Handwörterbuch der Raumordnung. Hannover, 831-841. Braun-Blanquet, J. (1964): Pflanzensoziologie – Grundzüge der Vegetationskunde. Wien. Brösse, U. (1995): Funktionen in Raumordnung und Landesplanung. In: ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Handwörterbuch der Raumordnung. Hannover, 353-356. Deutscher Wetterdienst (Hrsg.) (2015): Klima. Definition des Begriffes. http://www.dwd.de/ bvbw/appmanager/bvbw/dwdwwwDesktop?_nfpb=true&_pageLabel=dwdwww_result_ page&portletMasterPortlet_i1gsbDocumentPath=Navigation%2FOeffentlichkeit%2F Spezielle__Nutzer%2FSchulen%2FKlima%2FBegriffe%2FKlima__node.html%3F__nnn% 3Dtrue (01.10.2015). Grunewald, K.; Bastian, O. (2010): Ökosystemdienstleistungen analysieren – Begrifflicher und konzeptioneller Rahmen aus landschaftsökologischer Sicht. In: GeoÖko 31, 50-82. Grunewald, K.; Bastian, O. (Hrsg.) ( 2013): Ökosystemdienstleistungen. Konzept, Methoden und Fallbeispiele. Berlin/Heidelberg. Haase, G. (1979): Entwicklungstendenzen in der geotopologischen und geochorologischen Naturraumerkundung. In: Petermanns Geographische Mitteilungen 123 (1), 7-18. IÖR – Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (Hrsg.) (o. J.): Monitor der Siedlungs- und Freiraumentwicklung (IÖR-Monitor). http://www.ioer-monitor.de/ (10.07.2015). Leser, H. (1997): Landschaftsökologie. Stuttgart. Mannsfeld, K. (1982): Naturräumliche Erkundung und Ordnung am Beispiel von Westlausitzer Platte und Hügelland. In: Hallesches Jahrbuch für Geowissenschaften 7, 19-34. Mannsfeld, K. (1983): Landschaftsanalyse und Ableitung von Naturraumpotentialen. Berlin. = Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Mathematisch- Naturwissenschaftliche Klasse 55,3. Meynen, E.; Schmithüsen, J. (1962): Handbuch der naturräumlichen Gliederung Deutschlands. Band 1: 1953-1962. Remagen. Methoden der Raumanalyse, naturwissenschaftliche 1474 Neef, E. (1963): Dimensionen geographischer Betrachtungen. In: Forschungen und Fortschritte 37, 361-363. Papadakis, A. (Hrsg.) (2009): Die große Enzyklopädie der Wirtschaft: Raumanalyse. http://www. economia48.com/deu/d/raumanalyse/raumanalyse.htm (10.03.2015). Spektrum Akademischer Verlag (Hrsg.) (2001): Lexikon der Geographie: Raumanalyse. http:// www.spektrum.de/lexikon/geographie/raumanalyse/6433 (01.10.2015). Südbeck, P.; Andretzke, H.; Fischer, S.; Gedeon, K.; Schikore, T.; Schröder, K.; Sudfeldt, C. (Hrsg.) (2005): Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel Deutschlands. Radolfzell. Tüxen, R. (1956): Die heutige potentielle natürliche Vegetation als Gegenstand der Vegetationskartierung. In: Angewandte Pflanzensoziologie 13, 5-42. <JNYJWK¾MWJSIJ1NYJWFYZW Bastian, O.; Steinhardt, U. (eds.) (2002): Development and perspectives of landscape ecology. Dordrecht. Glawion, R.; Glaser, R.; Saurer, H.; Gaede, M.; Weiler, M. (2012): Physische Geographie. Braunschweig. Krönert, R.; Steinhardt, U.; Volk, M. (eds.) (2001): Landscape balance and landscape assessment. Berlin / New York. Pott, R. (2014): Allgemeine Geobotanik. Berlin. Scheffer, F.; Schachtschabel, P. (2010): Lehrbuch der Bodenkunde. Heidelberg/Berlin. Steinhardt, U.; Blumenstein, O.; Barsch, H. (2011): Lehrbuch der Landschaftsökologie. Heidelberg. Bearbeitungsstand: 11/2016