Full text
Zwickauer Forum Interkulturelle Kommunikation und Sprache Nr. 3 Nominale Anredeformen in Fernsehwahlduellen: ein multilingualer Vergleich Thomas Johnen Zwickau Westsächsische Hochschule Zwickau, Fakultät Angewandte Sprachen und Interkulturelle Kommunikation 2019 ISBN: 978-3-946409-02-1
2 Zwickauer Forum Sprache und Interkulturelle Kommunikation ist eine Online-Reihe der Fakultät Angewandte Sprachen und Interkulturelle Kommunikation der Westsächsischen Hochschule Zwickau. Ziel dieser Reihe ist, in unregelmäßigen Abständen aktuelle Forschungsbeiträge (Arbeitspapiere, Monographien, Sammelbände) aus den Bereichen (Angewandte) Sprachwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation sowie didaktische Materialien aus den Lehrgebieten der Fakultät einem interessierten Publikum zugänglich zu machen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den an der Fakultät vertretenen Sprachen und Kulturräumen (Chinesisch, Deutsch, Deutsche Gebärdensprache, Englisch, Französisch, Portugiesisch, Russisch, Spanisch und Tschechisch) Die Reihe ist dem Open-Access-Prinzip verpflichtet, das weltweit einen barrierefreien Zugang ermöglicht. Die Publikationen werden unter Creative Commons-License CC-BY-nc-nd (Namensnennung, nicht kommerziell, keine Bearbeitung 3.0 Deutschland) und mit ISBN-Nummer publiziert. Die Publikationssprachen sind schwerpunktmäßig Chinesisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Portugiesisch und Spanisch. Zitationsvorschlag: Johnen, Thomas (2019): Nominale Anredeformen in Fernsehwahlduellen: ein multilingualer Vergleich . Zwickau: Westsächsische Hochschule Zwickau, Fakultät Angewandte Sprachen und Interkulturelle Kommunikation (ZwIKSprache; 3). © Thomas Johnen ISBN: 978-3-946409-02-1 Commons-License CC-BY-nc-nd (Namensnennung, nicht kommerziell, keine Bearbeitung 3.0 Deutschland)
3 Herausgeberinnen und Herausgeber der Reihe Martin Bauch, Lehrkraft für besondere Aufgaben in Deutsch als Fremdsprache Ines Busch-Lauer, Professur für Englisch und Kommunikation Gabriele Berkenbusch, Professur für Romanische Sprachen mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsspanisch Juan Cao, Vertretungsprofessur für Chinesisch (2016-2019) Hui-Fang Chiao, Professur für Chinesisch Doris Fetscher, Professur für Interkulturelles Training mit dem Schwerpunkt romanischer Kulturraum und International Business Administration Peiqi Han, Vertretungsprofessur für Chinesisch Thomas Johnen, Professur für Romanische Sprachen mit den Schwerpunkten Wirtschaftsspanisch und Wirtschaftsportugiesisch Susann Müller, Vertretungsprofessur Gebärdensprachdolmetschen Alejandro Oviedo Palomares, Professur für Gebärdensprachlinguistik Nadine Rentel, Professur für Romanische Sprachen mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsfranzösisch Rachel Rosenstock, Professur für Gebärdensprachdolmetschen Thomas Temming, Vertretungsprofessur für Gebärdensprachdolmetschen Doris Weidemann, Professur für Interkulturelles Training mit dem Schwerpunkt chinesischer Kulturraum und International Business Administration http://www.fh-zwickau.de/zwiksprache
4
5 Nominale Anredeformen in Fernsehwahlduellen: ein multilingualer Vergleich Thomas Johnen Zwickau Westsächsische Hochschule Zwickau, Fakultät Angewandte Sprachen und Interkulturelle Kommunikation 2019 ISBN: 978-3-946409-02-1
6 INHALTSVERZEICHNIS INHALTSVERZEICHNIS 6 ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 7 ZUSAMMENFASSUNG / RESUMO 8 1 Einleitung 9 2 Die Besonderheit nominaler Anredeformen 11 2.1 Besonderheiten der nominalen Anredeformen im Portugiesischen im Vergleich zum Deutschen, Französischen und Spanischen: verschwimmende Grenzen zwischen nominaler und pronominaler Anrede 12 2.2 Nominale Anredeform oder Pronomen? Wie sind die portugiesischen Anredeformen zu klassifizieren? 19 2.3 Sprechakt Anrede vs. Anredeform 26 3. Analyse der fünf Fernsehdebatten 29 3.1 Kommunikative Konstellation und Struktur der Debatten 29 3.2 Die globale Frequenz nominaler Anredeformen in den fünf Debatten 31 3.3 Funktionen der nominalen Anredeformen 39 3.3.1 Nominale Anredeformen und das Turnmanagement 40 3.3.2 Äußerungsadressatendesambiguierung 43 3.3.3 Markierung der Art der interpersonellen Beziehung 46 3.3.3.1 Kategorisierung der interpersonalen Beziehung und das ethos 46 3.3.3.2 Regulierung der interaktiven Distanz 47 3.3.4 Zuweisung von Verantwortung 48 3.3.5 Äußerungssegmentierung 50 3.3.6 Kontrastierung der eigenen Position zu der des Gegners und Dissensverstärkung 52 3.3.7 Angriffe auf das Ethos des Gegners durch Verbindung des Anredeaktes mit der Formulierung allgemein akzeptierte Normen und Werte 53 4 Interjektion oder nominale Anredeform? Zu span. hombre und pg. pá 54 5 Schlussbetrachtung 55 Bibliographie 59 Fundstellen Corpus 66
7 ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS akadem. akademisch berufl. beruflich BR 2006 1. Fernsehdebatte des 2. Wahlgangs der brasilianischen Präsidentschaftswahlen 2006, Band News CDU Christlich-Demokratische Union E 2011 Fernsehdebatte zwischen den Kandidaten von PP und PSOE vor den spanischen Parlamentswahlen 2011, RTVE F 2007 Fernsehdebatte des 2. Wahlgangs der französischen Präsidentschaftswahlen 2007 F.A. Freitas do Amaral FN Vorname gener. generisch HK Hannelore Kraft JS Jörg Schönenborn, WDR-Moderator LN Nachname M.S. Mário Soares NGB Nomenclatura Gramatical Brasileira NR Norbert Röttgen NRW Nordrhein-Westfalen NRW 2012 Debatte zwischen den Kandidaten der SPD und CDU für das Ministerpräsidentenamt vor den Landtagswahlen in NRW 2012 N.S. Nicola Sarkozy NURC Norma urbana culta P 1986 Fernsehdebatte vor dem 2. Wahlgang der portugiesischen Präsidentschaftswahlen 1986 Pers. Person Pl. Plural Poss. Possessivpronomen PP Partido Popular PSOE Partido Socialista Obrero Español RTVE Radiotelevisión Española Sg. Singular SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands S.R. Ségolène Royal WDR Westdeutscher Rundfunk
8 Zusammenfassung: Ziel dieses Beitrags ist der Vergleich von Formen und Diskursfunktionen der nominalen Anredeformen in verschiedenen Fernsehwahldebatten aus Brasilien, Portugal, Deutschland, Frankreich und Spanien. Die sprachvergleichende Perspektive ist aus mehreren Gründen von besonderem Interesse. Zum einen liegt ein sprachstruktureller Unterschied zwischen dem Portugiesischen und den anderen Sprachen vor, der darin besteht, dass das Portugiesische eine große Zahl nominaler Anredeformen in sein Pronominalparadigma integrieren kann, wohingegen es diese Möglichkeit im Deutschen, Spanischen und Französischen nicht oder nur sehr begrenzt gibt. Ein anderer Unterschied ist, dass es im Portugiesischen einen gewissen Spielraum dafür gibt, die interlokutive Distanz in der Interaktion durch Anredeformen auszuhandeln, was sich auch in den Wahldebatten zeigt. In den anderen drei Sprachen besteht diese Möglichkeit nur sehr eingeschränkt. In allen fünf Debatten stehen die Anredeformen jedoch in engem Zusammenhang mit Fragen, wie z.B. der, wie Respekt oder Professionalität gezeigt wird, wodurch somit ein gewisser Zusammenhang zwischen der Wahl der Anredeformen und dem diskursiven Ethos manifest wird. Die Wahl der Anredeformen kann als strategisch betrachtet werden, wie auch der Wechsel von der Anrede zur delocutio in praesentia (Rede über den Gesprächspartner in seiner Gegenwart). Doch trotz dieser Parallelen zeigen sich deutliche Unterschiede in der Ausgestaltung, die die Frage nach interkulturellen Differenzen aufwerfen. Schlagwörter: Nominale Anredeformen; Wahldebatten; Brasilien; Deutschland; Frankreich; Portugal; Spanien; Deutsch; Französisch; Portugiesisch; Spanisch; Sprachvergleich Resumo: Este artigo objetiva analisar as formas e funções discursivas das formas nominais de tratamento em debates eleitorais na televisão da Alemanha, do Brasil, da Espanha e da França. A perspectiva contrastiva interessa dum lado por causa da diferença estrutural entre o português e as demais línguas aqui analisadas sendo que o português permite a integração de formas nominais de tratamento no seu paradigma de tratamento pronominal – uma possibilidade ausente ou muito restrita no alemão, francês e espanhol. Doutro lado, no português existe uma margem para negociar a distância interlocutiva através de formas de tratamento, o que se manifesta também nos debates aqui analisados, enquanto essa possibilidade, nas demais línguas em questão é muito restrita. Nos cinco debates, as formas nominais de tratamento possuem certa relevância com relação à manifestação de respeito ou profissionalismo. Portanto é possível constatar uma inter-relação entre formas de tratamento e ethos discursivo. Por conseguinte, a escolha das formas de tratamento pode ser considerada como estratégica. Isso vale também para a escolha entre tratamento e delocutio in praesentia (i.e. a fala sobre o parceiro de comunicação na presença do mesmo). Apesar destas paralelas funcionais, nos cinco debates há também diferenças que deixam vir à tona a questão de diferenças interculturais subjacentes. Palavras-chave: Formas nominais de tratamento; debates eleitorais televisivos; Alemanha; Brasil; Espanha; França; Portugal; alemão; espanhol; francês; português Key words: Nominal address forms; tv election debates; Brazil; France; Germany; Portugal; Spain; French; German; Portuguese; Spanish
9 1 Einleitung Diese Untersuchung1 verfolgt das Ziel, die Verwendung nominaler Anredeformen in fünf Fernsehwahldebatten aus Brasilien, Deutschland, Frankreich, Portugal und Spanien zu vergleichen. Es handelt sich um die Debatten des zweiten Wahlgangs der Präsidentschaftswahlen 1986 in Portugal (zwischen Diogo Pinto de Freitas do Amaral und Mario Alberto Nobre Lopes Soares2; im Folgenden: P 1986), 2006 in Brasilien (zwischen Luíz Inácio Lula da Silva und Geraldo José Rodrigues Alckmin Filho; im Folgenden: BR 2006)3, 2007 in Frankreich (zwischen Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy; im Folgenden: F 2007)4, außerdem um die Wahldebatte zwischen den beiden Hauptkandidaten der spanischen Parlamentswahlen von 2011 (zwischen Mariano Rajoy Brey und 1 Dieser Beitrag erweitert Aspekte, die bezüglich des Portugiesischen bereits in Johnen (2008, 2011, 2012 und 2014) und in Bezug auf das Französische in Johnen (2014) vorgestellt wurden. Die Erweiterung um den Vergleich zum Deutschen und Spanischen wurde zunächst in Vorträgen an den Universitäten von Uppsala und Stockholm vorgestellt sowie auf dem Lateinamerikanischen Germanistenkongress (ALEG) 2014 in Curitiba, zum Spanischen auf dem Kongressen zu Anredeformen in den iberoromanischen Sprachen 2016 an der Universität Graz. Allen Kolleginnen und Kollegen, die durch ihre Diskussionsbeiträge zur Vertiefung der Analyse beigetragen haben, sei hier gedankt, besonders auch Ulrike Schröder und Nadja Farouni für die kritische Durchsicht dieses Beitrags. 2 Diese Debatte wurde von Trigo (1989: 141-228) transkribiert. 3 Es handelt sich um die erste Debatte des 2. Wahlganges, die vom Sender Band News ausgestrahlt wurde. Diese Debatte wurde vom Autor dieser Studie nach den Normen des NURC-Projektes (cf. Castilho / Preti 1987: 9-10) auf der Grundlage der Videos, die auf den Seiten http://video.google.com/videoplay?docid=-5082552368496408571 http://video.google.com/videoplay?docid=4478884994342003381 (02.12.2007) zur Verfügung standen, transkribiert. 4 In Bezug auf diese Debatte stützen wir uns im Wesentlichen auf die Ergebnisse der minutiösen Untersuchung von Constantin de Chanay (2010). Die Debatte ist zugänglich unter: http://www.ina.fr/media/petites-phrases/video/3341956001/2007-le-debat-segolene-royal-etnicolas-sarkozy.fr.html (01.05.2012). Bei dem Vergleich zwischen der brasilianischen, portugiesischen und französischen Debatte stützen wir uns im Wesentlichen auf Johnen (2014).
16 In beiden Varianten besteht aber auch noch zusätzlich die Möglichkeit der Verbalanrede (cf. Hammermüller 2003), d.h. weder durch ein explizites Anredepronomen, noch eine integrierte nominale Anredeform, die Anrede geschieht vielmehr durch die Verbalendung (hier durch die 3. Person Singular, da você und o senhor/ a senhora mit der 3. Person Singular stehen): (8) Quer tomar alguma coisa? Selbstverständlich könnte die Äußerung noch durch eine syntaktisch nicht integrierte nominale Anredeform ergänzt werden wie in (9): (9) Miguel, quer tomar alguma coisa? Das in (7) verwendete você hat sich, wie bereits erwähnt, aus der nominalen Anredeform Vossa Mercê entwickelt, die im 14. Jahrhundert zur Anrede des Königs benutzt wurde. Danach kommt es zu einem Grammatikalisierungsprozess von Vossa Mercê zu você und im gesprochenen brasilianischen Portugiesisch sogar zu cê, das jedoch gegenüber você Gebrauchsrestriktionen aufweist (cf. auch Reich 2001). Bis heute gibt es auf diesem Grammatikalisierungspfad Übergangsformen, die in gewissen Regionen Portugals und Brasiliens noch gebräuchlich sind11: Vossa Mercê > vossemecê12 > vosmecê > você > cê (mit Nebenformen wie vossuncê, mecê, vancê und vacê 11 Cf. u.a. zur Grammatikalisierung von você Menon (2006). Bei span. Vuestra Merced hat sich ein analoger Grammatikalisierungsprozess zu usted vollzogen (Calderón Campos / Medina Morales 2010: 206-210), das zumindest im peninsularen Spanisch zum Standardanredepronomen für die höfliche Anrede geworden ist. In einigen lateinamerikanischen Regionen (vor allem in Kolumbien) sind die synchronen Gebrauchsnormen deutlich komplexer. 12 Cf. zu dieser Form u.a. Maçãs (1976: 200), Medeiros (1985: 185-187) und Hammermüller (1993a: 212).
17 Der semantische Wandel bei diesem Grammatikalisierungsprozess ist im brasilianischen und im europäischen Portugiesisch jedoch sehr unterschiedlich verlaufen. Im europäischen Portugiesisch weist você fünf unterschiedliche Varianten auf. Hammermüller (1993a: 105-106) unterteilt diese in 1) você des Respektes; 2) você als Anredeform vom sozial höher Stehenden zum sozial niedrig(er) Stehenden; 3) você der Distanz; 4) você der sozialen Gleichheit; 5) você der Disambiguierung. Im brasilianischen Portugiesisch hingegen sind nur die Varianten 2) und 4) gebräuchlich. Dabei hat você in vielen brasilianischen Regionen und im überregionalen Standard das Näheanredepronomen tu ‘du‘ sogar verdrängt13. In manchen Corpora des gesprochenen Portugiesisch findet man noch andere Zusammenbildungen, auf die teilweise schon Dunn (1930: 245) aufmerksam gemacht hat, wie beispielsweise s’or > o senhor oder s’otor < o senhor doutor . Die Formen vosselência und vossência < Vossa Excelência (cf. Meier 1951: 97) sind bereits lexikalisiert (cf. Ferreira 31999: 2088; Houaiss / Villar 2001: 2882)14. Jedoch haben nicht alle dieser Formen zu einem dem von Vossa Mercê zu cê vergleichbaren Grammatikalisierungsprozess geführt. 13 Es ist an dieser Stelle jedoch darauf zu verweisen, dass im Gegensatz zu dem in vielen Lehrbüchern vermittelten Bild tu in Brasilien keineswegs auf den Süden beschränkt ist, sondern neben você noch in vielen weiteren Regionen verwendet wird, u.a. auch in Pernambuco, der Geburtsregion von Lula, weiters in: Belém und Maranhão (cf. Alves 2009), im Nordosten (Ceará [cf. Sales 2004: 32 ; Melo/ Soares 2009], Pernambuco), im Norden von Minas Gerais (cf. Mota 2008), in Rio de Janeiro (Silva 2003), in der Region von Santos (Baixada Santista [cf. Modesto 2006]) und im Caipira-Dialekt im Innern des Bundesstaates São Paulo; cf. bereits Amaral (1920: 55). In den meisten Regionen (mit Ausnahme von Belém, Maranhão und Florianópolis [cf. Ramos 1989: 49]) wird die Verbform bei tu nicht mit der 2. Person Singular, sondern analog zu você mit der 3. Person Singular gebildet. In einigen Regionen z.B. in Curitiba wird tu nicht gebraucht (cf. Abreu 1987; Menon 2000: 135). 14 Das auf einem Corpus des brasilianischen Gegenwartsportugiesischen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beruhende Wörterbuch von Borba (2002: 1640) verzeichnet jedoch nur vossemecê und vossenhoria .
18 Während wir im Deutschen, Französischen und peninsularen Spanisch ein binäres System an Anredepronomen haben ( du – Sie, tu – vous, tú – usted ), ist das portugiesische Paradigma deutlich differenzierter. In Tabelle 1 sind einige der Entsprechungsmöglichkeiten aufgelistet. Eine exhaustive Liste ist schon alleine deshalb nicht möglich, weil die Anrede mit beruflichen Titeln im Portugiesischen im Prinzip eine offene Klasse darstellt. In Klammern sind in der Tabelle Formen dargestellt, die starken diatopischen, diastratischen oder diaphasischen Restriktionen unterliegen. dt. /span./ frz. Brasilianisches Portugiesisch Europäisches Portugiesisch Kommst du?/ Vienes? Tu viens ?/ Kommen Sie?/ Viene usted? Vous venez? (Vens?) (2P. Sg) (Tu vens?) (tu + 2. P. Sg; Santa Catarina, Maranhão, Pará) (Tu vem?) (tu + 3. P. Sg; Rio Grande do Sul; in anderen Regionen:regionaler Substandard) Você vem? Cê vem? (Vós vindes?) (→ Gott) (O senhor vem?) (→ Vater, Onkel etc) (A senhora vem?) (→ Mutter, Tante etc) (A mãe vem?) (→ Mutter) (O pai vem?) (→ Vater) Vens? Tu vens? Você vem? A Maria vem? (Vós vindes?) ( → Gott) (O senhor vem?) ( → Vater, Onkel etc) (A senhora vem?) ( → Mutter, Tante etc) A mãe vem? ( → Mutter) O pai vem? (→ Vater) Você vem? O senhor vem? A senhora vem? (Vós vindes?) (→ Papst) A professora vem? O professor vem? O reitor vem? /A reitora vem? ........ O governador vem? O presidente vem? Vossa senhoria vem? Vossa excelência vem? (Vossa santidade vem?) Você vem? A Maria vem? O senhor vem? A senhora vem? (Vós vindes?) A professora vem? O professor vem? A Dona Maria vem? A senhora dona Maria vem? A senhora Maria vem? A senhora doutora Maria vem? A senhora engenheira Maria vem? A senhora doutora Maria Ferreira vem? O senhor governador vem? Vossa Senhoria vem? Vossa Excelência vem? Tabelle 1: Ausgewählte Äquivalente zu du/tu/tú und Sie/vous/usted als Anredepronomen an eine Person im Portugiesischen (in Klammern stark gebrauchsrestringierte Formen)
19 2.2 Nominale Anredeform oder Pronomen? Wie sind die portugiesischen Anredeformen zu klassifizieren? Die Existenz einer solch hohen Anzahl an nominalen Anredeformen, die in Konkurrenz zu den Anredepronomen stehen, lassen die Frage nach ihrem Status aufkommen. Sind es überhaupt noch nominale Anredeformen oder schon Pronomen? Gilt das für alle Formen in gleichem Maße oder kann man Unterschiede festmachen? In der Grammatikographie des Portugiesischen herrscht über diese Frage keine Einigkeit. Rumeu (2008: 155) konstatiert gar eine Forschungslücke hinsichtlich der Behandlung der Anredeformen in der Grammatikographie des Portugiesischen. Laut Menon (2006: 126-128), scheinen die nominalen Anredeformen in Konkurrenz zu den Anredepronomen tu und vós erstmals im 18. Jahrhundert die Aufmerksamkeit der portugiesischen Grammatikographie auf sich gezogen haben, und zwar bei der Behandlung der Possessivpronomen. Es ist jedoch eindeutig festzustellen, dass Ende des 19. Jahrhunderts in den ersten Grammatiken festgehalten wird, dass man im Portugiesischen Formen der 3. Person zur Anrede verwendet. Expresis verbis genannt werden dabei die Formen: você, o senhor und vossa mercê 15. Pereira ([1907] 26s.d.: 96) scheint einer der ersten zu sein, der die Existenz von Personalpronomen jenseits des traditionellen Paradigmas tu-vós in den Blick nimmt. Er nennt sie echte Pronomen der 3. Person : você, vossa mercê, vossa senhoria, vossa excellencia [sic] , vossa majestade, erwähnt aber auch Formen wie fulano ‘Herr Soundso’ , 15Cf. Ribeiro ([1887] 201923: 25): « No portuguez, a terceira pessoa é usada pela segunda gramatical nas expressões Você, o Senhor, V. Mercê etc. proprios do dialogo ou estylo epistolar ». Für weitere Informationen zu dieser Grammatik cf. Fávero/ Molina (2006: 163-173).
20 beltrano ‘Herr Soundso’ , sicrano ‘Herr Soundso’ , homem ‘ Mensch’ , sua senhoria ‘seine Herrschaft’ , sua majestade ‘ seine Majestät’ , a gente ‘wir’ [wörtl. ‘die Leute’]. Sein Hauptkriterium ist dabei, mit welcher Person das Verb bei einem bestimmten Pronomen konjugiert wird und nicht, ob es sich um ein Anredepronomen ( você, vossa mercê, vossa senhoria, vossa excellencia [sic] , vossa majestade ), ein delokutives Pronomen ( fulano, beltrano, sicrano, homem, sua senhoria, sua majestade ) oder ein Pronomen der Selbstreferenz ( a gente ‘wir’) handelt. Während Almeida16 ([1943] 31947: 177-178) dem Beispiel von (Pereira [1907] 26s.d.: 96) folgt, geht Ali ([1925] 2s.d.: 55) in seiner Gramática elementar von 1925, jedoch noch nicht soweit zu sagen, dass você, o senhor, a senhora, vocês und vossa excellencia Pronomen seien, sondern er nennt sie „Ausdrücke“, die im Portugiesischen anstelle von tu et vós’ gebraucht werden. Erst Bueno (1944: 155) führt für unter anderem: o senhor, a senhora, você, vossa senhoria, vossa mercê, professor die Kategorie «Ehrerbietungspronomen oder Anredeausdrücke” ein. Rumeu (2008: 155), hingegen behauptet, dass erst Rocha Lima (1957) die Kategorie «Ehrerbietungsanredeausdrücke» als Unterkategorie der Personalpronomen eingeführt habe17. 1959 regelt Brasilien per Dekret die Grammatikterminologie. In dieser Nomenclatura Gramatical Brasileira wird als Unterkategorie zu den 16 Für eine weitergehende Analyse dieser Grammatik cf. Iório/ Franco (2006). 17 Zu dieser Grammatik cf. Palma/ Mendes (2006). Für diese Untersuchung war uns leider nur die 13. Auflage von 1968 zugänglich. Lima (131968: 105-106) behandelt você(s), o Senhor und a Senhora als Pronomen der 2. Person, bei denen das Verb in der 3. Person konjugiert werde. Vossa Senhoria u.ä werden als pronomes de reverência (Ehrerbietungspronomen) definiert. Das Beispiel von Bueno (1944: 156) zeigt jedoch, dass Rocha Lima nicht der erste ist, der eine solche Unterkategorie der Pronomen beschreibt. Auch eine corpusgestützte wissenschaftliche Grammatik wie Neves (2018: 487) unterscheidet noch zwischen Personal- ( tu, você, vós, vocês ) und Anredepronomen (u.a. Vossa Senhoria, Vossa Excelência, o senhor, a senhora ).
21 Personalpronomen die Kategorie Anredepronomen ( pronomes de tratamento ) (cf. NGB 1959: XVII) eingeführt. Von nun an berücksichtigen die meisten brasilianischen Grammatiken diese Kategorie. Jedoch ist das Inventar sehr unterschiedlich und es finden sich sehr unterschiedliche Unterteilungen, vor allem im Hinblick auf die Frage, ob die sogenannten Anredepronomen eine Unterkategorie der Personalpronomen sind oder eine eigene Kategorie formen (sollen). Unter den Autoren, die die Anredepronomen nicht als eine Unterkategorie der Personalpronomen betrachten, herrscht geteilte Meinung hinsichtlich der Frage, ob você und o senhor/a senhora Personalpronomen sind oder nicht. Die Autoren der Nomenclatura Gramatical Portuguesa (NGP), die (acht Jahre später als die brasilianische NGB) in Portugal publiziert wurde, sehen hingegen keine eigene Kategorie Anredepronomen vor (cf. NGP 1967: 5). In der Folge ist zu konstatieren, dass die portugiesische Grammatikographie zögert, die Formen você und o senhor/ a senhora überhaupt als Pronomen zu betrachten. Die brasilianische Entscheidung eine Gruppe Anredepronomen zu beschreiben, findet also in Portugal keinen Widerhall, vielmehr findet die portugiesische Grammatikographie ebenso sehr unterschiedliche Lösungen.18 18 Ähnliches lässt sich für Grammatiken, die im Rahmen von Portugiesisch als Fremdsprache entstanden sind, feststellen: Dunn (1930: 251-257) unterscheidet nicht zwischen Personalpronomen und nominalen Anredeformen. Williams (1940: 62 ) differenziert zwischen Personalpronomen ( tu, vós ) und «nouns to which the value of the second person pronoun is attributed». Vásquez Cuesta/ Luz (31971: 152) benutzen den Terminus fórmulas de tratamiento . Casteileiro / Meira / Pascoal (1988: 376-378) und Morais/ Franco/ Herhuth (1994: 29) unterscheiden zwischen Personalpronomen ( tu, vós ) und Anredeformen, ähnlich Gärtner (1998: 233) mit seiner Unterscheidung zwischen Personalpronomen und Anredewörtern . Carreira/ Boudoy (1997: 298) sprechen von formules . Teyssier (1984: 98) benutzt den Lusismus tratamento und spricht von formules de tratamento . Bjelrupp (21990: 58) hingegen betrachtet o senhor als Personalpronomen. Andere wie Hundertmark – Santos Martins (1982) und Lopes / Farina (1992) gehen auf diese Frage gar nicht ein.
22 In der sprachwissenschaftlichen Forschung herrscht ebenfalls keine Einigkeit über den Status dieser Formen19. Mit Ausnahme von Meier (1951), Medeiros (1985) und Hammermüller (1992, 2003) gibt es kaum theoretische Reflexionen zu dieser Frage.20 Meier (1951: 98) räumt ein, dass es im Portugiesischen schwierig sei, die Grenze zwischen Pronomen und nominalen Anredeformen zu definieren. Er betrachtet você, vossemecê, vocelência, vossência und vossa excelência als Personalpronomen. Hinsichtlich vossa excelência führt er das Argument an, dass sein Gebrauch nicht auf Exzellenzen beschränkt sei21, es handele sich 19 Head (1976: 299) und Jensen (1981: 54) sprechen von pronominalisierten Substantiven, während Menon (2000: 125) você und o senhor als Personalpronomen ansieht, vossa excelência jedoch als nominale Anredeform. Cintra (21986: 103), hingegen betrachtet vossa excelência als Pronomen, und (wie auch Marques 1995: 163) o senhor/ a senhora als nominale Anredeformen. Suzuki (1995: 15) definiert selbst Formen wie vossa senhoria und vossa santidade als Pronomen (und zwar als zeremonielle im Gegensatz zu den Pronomen der Intimität). Preti (2004: 184-185) unterscheidet zwischen Personalpronomen ( tu, vós ), pronominalisierten Anredeformen ( você, o senhor, Vossa Excelência, Vossa Senhoria etc.) und nominalen Anredeformen (berufliche Titel, Verwandtschaftstitel, Namen u.ä. etc.). Kilbury-Meissner (1982: 14) schlägt für das Portugiesische die Unterscheidung zwischen Anredesubjekt (mit den Unterkategorien: pronominal, nominal und null) und Anredeobjekt (mit den Unterkategorien pronominal und nominal) sowie possessiven Anredeformen (mit den Unterkategorien (pronominal oder präpositionell) vor. Für eine detailliertere Analyse cf. Carreira (1997: 28-80). 20 Campelo (2007: 298) schlägt den Terminus Axionymie anstelle von Anredeformen für die nominalen Anredeformen vor. Sein Argument ist, dass die Grammatikographie lediglich die an Autoritäten gerichteten Anredeformen berücksichtigt habe, andere anthropophore Formen, wie beispielsweise affektive nominale Anredeformen wie amigo ‘Freund‘ oder verwandtschaftliche Titel wie irmão ‘Bruder‘ u.ä. vernachlässigt habe. Dieser Vorschlag scheint uns jedoch nicht die Besonderheit des Portugiesischen ernst zu nehmen, dass es nominale Anredeformen gibt, die in paradigmatischer Konkurrenz zu pronominalen Anredeformen stehen und syntaktisch integriert sind. 21 Ali (1976: 97-98) führt ähnliche Argumente für die Definition von o senhor als Pronomen an (jedoch behandelt er nicht die feminine Form): «Com a função de pronome de polidez, o Senhor não distingue categoria social, salvo se compete à pessoa título mais alto. Tanto dá o Senhor o criado ao amo, o inferior ao superior, como o chefe ao subalterno, o poderoso ao fraco, e até o amo ao criado» (98).
23 folglich nicht um eine Form, die darauf spezialisiert sei, sich an eine einzige soziale Kategorie zu richten. Die Formen o senhor und a senhora stellen für ihn Grenzfälle dar. Er weist (wie bereits erwähnt) darauf hin, dass o senhor nahezu ausschließlich gebraucht werde, um sich an seinen Gesprächspartner zu wenden und dass es nahezu ausgeschlossen sei o senhor als delokutive Form zu verstehen. Dazu müsse ein deiktischer Ausdruck hinzugefügt werden wie etwa aquele ‘jener′ ( aquele senhor ‘jener Herr′). Hierin sieht Meier im Übrigen auch den Unterschied zum Erzen. Die zum Erzen verwendbaren Formen können immer auch zur Delokution verwendet werden. Für die feminine Form a senhora konstatiert Meier jedoch nicht die gleiche Tendenz22. Medeiros (1985: 41) kritisiert die traditionellen Unterscheidungen zwischen Pronomen und nominalen Anredeformen, da sie den Besonderheiten des Portugiesischen nicht gerecht würden. Die Autorin schlägt für die nominalen Anredeformen in paradigmatischer Konkurrenz zu den Pronomen den Terminus Pro-Pronomen vor. Auch wenn diese terminologische Lösung ein wenig ungewöhnlich erscheinen mag, erscheint sie uns vom diachronen Standpunkt aus gesehen für vollkommen adäquat, denn die fraglichen nominalen Anredeformen ersetzen in vielen Kontexten die Anredepronomen tu und vós . Man könnte folglich die fraglichen nominalen Anredeformen des Portugiesischen 22 Ein anderer Unterschied besteht u.E. darin, dass etwa im Französischen die nominale Anredeform Votre Excellence durch elle anaphorisch aufgenommen werden kann wie in (1), während im Portugiesischen die anaphorische Aufnahme mit einem Pronomen der 3. Person unmöglich wäre: (1) 33: Nous, sujets très dévoués et fidèles de Sa Majesté, le Sénat du Canada, assemblé en Parlement, prions respectueusement Votre Excellence d’agréer nos humbles remerciements pour le gracieux discours qu’elle a adressé aux deux Chambres du Parlement. ( Journaux du Sénat (Non révisé), 1re session, 39e législature No 4 (6 avril 2006, 14 heures), 33) [unter: http://www.parl.gc.ca/39/1/parlbus/chambus/senate/jour-e/pdf/004jr_2006-04-06.pdf (08.07.2009)].
24 als pro-pronominale Anredeformen bezeichnen, sofern man den Terminus Pronomen in diesem Zusammenhang überhaupt für adäquat erachtet Hammermüller (1993: 2003) betrachtet die nominalen Anredeformen, die in paradigmatischer Konkurrenz zu den Anredepronomen stehen hingegen weiterhin als nominale Formen. Jedoch unterscheidet er zwischen Anredeformen, Apellemen und Vokativen (cf. Tabelle 2 unten). Die Apelleme se présentent comme formes de référence d’adresse parenthétique qui se distinguent du vocatif par l’absence de la marque formelle de celui-là ( ó en portugais), mais qui exigeraient peut-être d’autres marques prosodiques ou graphiques, comme la virgule (Hammermüller 2003: 5). Anredeform Appellem Vokativ Subkategorien Beispiele Subkategorien Beispiele Subkategorien Beispiele Nominale Anrede A senhora (Dona + FN + LN) diz … Nominales Appelem Anda cá, João ! Nominaler Vokativ Ó João ! Pronominale Anrede Tu dizes ‘tu dis’ Pronominales Appellem Anda cá, tu ! Pronominaler Vokativ O você ! Verbale Anrede Dizes ‘tu dis’ Verbales Apellem Venha cá ! ‘Viens ici ! Verbaler Vokativ Anda cá, já !23 Nullanrede Bom apetite! Nullappellem Democracia já! Vokativvermeidung Wenn auf die Äußerung eines Vokativs verzichtet wird. Tabelle 2: Anredeformen, Apelleme und Vokative im Portugiesischen nach Hammermüller (2003) 23 Hammermüller äußert sich über diese Subkategorie mit einer gewissen Vorsicht: Si la nécessité se produit – sans être seulement une case systématique virtuelle – d’introduire cette catégorie pour le portugais, cela serait quelque chose comme un appellème verbal complété par un élément spécifique, p.ex. une particule comme já, então, etc. au lieu de l’ ó dans les deux autres cas (Hammermüller 2003: 6).
25 Für das Portugiesische erscheint uns die Unterscheidung von Hammermüller (2003) zwischen Appellem und Vokativ gerechtfertigt. Da wir nun aber die nominalen Anredeformen schon durch ihre vokative Funktion definiert haben, beziehen wir uns im Folgenden bei portugiesischen Anredeformen mit der Vokativpartikel ó auf diese Form mit dem Terminus expliziter Vokativ. Insgesamt scheint uns bei den theoretischen Überlegungen eine weitere Unterscheidung, die Hammermüller (1993a; 2003) im Zusammenhang mit den Anredeformen diskutiert, zentral, nämlich die Unterscheidung zwischen deiktisch und definitorisch. Diese wurde von Bühler ([1934] 1982: 114-120) eingeführt und nimmt Bezug auf Überlegungen schon bei Apolonios Dyskolos. Bühler ([1934] 1982) geht es um den Unterschied zwischen Pronomen (deren Funktion deiktisch ist, da sie Teil des subjektiven Äußerungssystem hier-jetzt-ich sind (cf. Bühler [1934] 1982: 149)) und Substantiven (deren Funktion definitorisch ist, da sie ihre Referenten semantisch charakterisieren). Hammermüller (1993b) wendet diese Unterscheidung nun auf die portugiesischen Anredeformen an und weist auf, dass die Anredeform o senhor ‘Sie’ ausschließlich deiktisch ist, und eben nicht definitorisch, im Gegensatz zum Substantiv o/um senhor ‘der/ein Herr’. Diese Unterscheidung erweist sich also als nützlich, um den Grammatikalisierungsgrad von Anredeformen, deren source eindeutig nominale Formen sind, zu bestimmen. Andere Anredeformen wie o pai ‘der Vater’, a mãe ‘die Mutter’ oder auch berufliche Titel wie a engenheira oder o professor sind gleichzeitig deiktisch und definitorisch, denn die nominale Anredeform charakterisiert den Angeredeten gleichzeitig semantisch als Mutter, Vater, Lehrer, Ingenieurin (eine Eigenschaft, die sie mit den anderen nominalen Formen gemeinsam haben).
32 Wir möchten an dieser Stelle jedoch darauf hinweisen, dass das Paradigma der pronominalen Anredeformen im Portugiesischen deutlich differenzierter ist als in den anderen drei Sprachen. Während in der deutschen Debatte einzig das Höflichkeitspronomen Sie , in der französischen entsprechend vous und in der spanischen Debatte usted benutzt wird, ist das Spektrum in den beiden portugiesischsprachigen Debatten breiter. In der brasilianischen Debatte geht es sogar von eher protokollarischen Formen wie Vossa Excelência bis zum umgangsund nähesprachlichen cê (cf. Johnen 2008; 2011). In der portugiesischen Debatte ist die zusammengezogene Form o s’or (<o senhor ‘Sie’) die Form, die die größte interlokutive Nähe zwischen beiden Kandidaten markiert. Die anderen Formen markieren größere Distanz, wobei in der portugiesischen Debatte nicht das ganze Spektrum an Möglichkeiten ausgenutzt wird. Insgesamt kann man zu dem Schluss kommen, dass im Portugiesischen die interlokutive Distanz in der Interaktion durch die Anredeformen ausgehandelt wird, wobei das Ziel in Portugal eher darin zu suchen ist eine Art Standard für die Interaktion auszuhandeln (cf. Oliveira, 2006a; 2006b), wohingegen es in Brasilien um eine kontinuierliche Aushandlung geht, so dass es sowohl möglich ist, von einer Distanzform zu einer Näheform zu wechseln als auch wieder den umgekehrten Weg, ohne dass dadurch die Interaktion nachhaltig beschädigt wird (cf. Johnen 2011: 142-143). In den drei anderen Sprachen muss die Anrede im vorliegenden Debattenkontext symmetrisch sein und ein Wechsel zwischen Näheund Distanzformen wäre unangebracht – erst recht ein bidirektionaler (cf. zum Französischen auch Kerbrat-Orecchioni 2011: 102).
33 Anredeform NRW 2012 E 2011 F 2007 BR 2006 P 1986 Beispiele N % N % N % N. % N % FN 1 2,6% LN 1 0,77% 12 14,8% Lula, Rajoy FN+LN 3 2,31% 40 20,4% Mario Soares Gener. Titel 2 1,53% 115 58,7% 14 12,3% señor, madame Gener. Titel + LN 36 94,8 % 112 86,2% 39 19,9% señor Rajoy Gener. Titel + FN + LN 1 0,77% 2 1% señor Mariano Rajoy Poss. 1. Sg + gener. Titel 1 0,9% minha senhora Vokativ + Poss. 1.Sg. + Gener. Titel 2 1,75% ó minha senhora Gener. Titel + berufl. Titel 12 10,5% senhor professor Vokativ + gener. Titel+beru fl. Titel 1 0,9% ó senhor professor Gener. Titel + berufl. Titel + die zwei letzten LN 3 2,63% senhor professor Freitas do Amaral Berufl. Titel. + die zwei letzten LN 3 2,63% Professor Freitas do Amaral Akadem. Titel 1 0,9% doutor Gener. Titel + akadem. Titel 43 37,7% senhor doutor; s’otor Gener. Titel + akadem. Titel + FN + LN 7 6,14% s’otor Mario Soares Akadem. Titel + FN + LN 5 4,4% doutor Mario Soares Vokativ + gener. Titel + akadem. Titel 15 13,2% ó senhor doutor Vokativ + 3 2,63% ó senhor doutor Mario
34 akadem. Titel + FN + LN Soares Vokativ + gener. Titel 1 0,9% ó senhor Vokatif + gener. Titel in lexikalisierter Kurzform 1 0,9% ó seu Vokativ + Kurzform Label 1 0,9% ó pa29 Label 1 2,6% 9 6,9% hombre Poss. 1. Sg + affekt. Attribut + gener. Titel 1 0.9% meu caro senhor Poss. 1. Sg. + affektives Label 2 2,5% meu caro, meu querido Vokativ + LN 1 1,25% ó Alckmin Administr. Titel 26 31,1% governador Administr. Titel + LN 1 1,25% governador Alckmin Gener. Titel + Funktional e Titel 3 2,31% señor moderador Funktional e Titel 30 37,03 % candidato Funktional e Titel + LN 9 11,1% candidato Lula SUM 38 130 196 81 114 Dauer 62 min. 111 min. 160 min 113 min 90 min Anredeform pro Minute 0,6 1,71 1,23 0,71 1,26 Tabelle 4 Globale Frequenz der nominalen Anredeformen in den fünf Debatten30 29 Cf. Brauer-Figuereido (1999: 82-83), die pá in diesem Gebrauch als eine sekundäre konventionalisierte Interjektion ansieht. Etymologisch hat sich pá jedoch aus einem Substantiv entwickelt, das auch als nominale Anredeform benutzt werden kann, nämlich: rapaz (‘junger Mann’). 30 FN = Vorname; LN = Nachname; Poss. = Possessivpronomen; gener. = generisch
35 Diese Übersicht zeigt, dass es große Unterschiede sowohl hinsichtlich der Frequenz als auch der Breite des Spektrums an unterschiedlichen nominalen Anredeformen in den einzelnen Debatten gibt. Während die geringere Frequenz von nominalen Anredeformen in der brasilianischen Debatte aufgrund der oben dargestellten Struktur erwartbar war, ist die sehr niedrige Frequenz in der deutschen Debatte auffällig. Grundsätzlich ist es nicht möglich, von einer einzelnen Debatte auf Sprachunterschiede zu schließen, denn wie SulletNylander / Roitman (2016; 2019) in Bezug auf die französischen Debatten festgestellt haben, sind die Frequenzen in den einzelnen Debatten sehr unterschiedlich; demnach stellt die Debatte von 2007 eine deutliche Ausnahme dar. Wenn man nun aber berücksichtigt, dass in der deutschen Debatte 81% aller nominalen Anredeformen in der Dyade Moderator/in -> Kandidat/in verwendet wurden und nur 13% zwischen den Kandidaten selbst, fällt auf, dass in der Diskussion zwischen den Kandidaten im Gegensatz zu den anderen Debatten sehr wenige nominale Anredeformen gebraucht werden. Es fällt auf, dass in der deutschen und spanischen Debatte das häufigste Anredemuster GENERISCHER TITEL + NACHNAME darstellt, in der französischen Debatte der generische Titel ( monsieur, madame ) alleine, in der portugiesischen Debatte GENERISCHER TITEL + AKADEMISCHER TITEL ( senhor doutor ) in der brasilianischen Debatte der funktionelle Titel candidato . Nun stellt sich die Frage nach den Unterschieden bezüglich der Verwendung der nominalen Anredeformen in den einzelnen Dyaden. Da wir die einzelnen Dyadenkonstellationen für die brasilianische, französische und portugiesische Debatte bereits eingehend in Johnen (2014: 391-398) analysiert haben, werden im Folgenden nur die wichtigsten Tendenzen vorgestellt.
36 Was die Dyade Moderator/in – Kandidat/in angeht, so ist festzustellen, dass es offensichtlich eine Verbindung zwischen Wahl der gewählten Anredeform und dem professional face des oder der jeweiligen Moderators/Moderatorin gibt. So benutzen die Moderatoren in der französischen Debatte das Muster VORNAME + NACHNAME und zeigen damit, dass sie im Umgang mit den Spitzenpolitikern erfahren und vertraut sind. In der portugiesischen Debatte verwenden die Moderatoren die adäquaten akademischen und beruflichen Titel in Kombination mit dem generischen Titel den Vorund Nachnamen. Sie stärken ihr professional face folglich dadurch, dass sie den adäquaten Titel benutzen. In der brasilianischen Debatte benutzt der Moderator vorwiegend den funktionalen Titel candidato , manchmal auch mit dem Zusatz des Nachnamens. Sein professional face stärkt er folglich durch die Manifestation größtmöglicher Neutralität, die durch die Wahl des funktionalen Titels besonders hervorgehoben wird. In der spanischen und deutschen Debatte geht es auch um die Manifestation der Neutralität, diese wird jedoch durch die in Spanien und Deutschland übliche distanzsprachliche Anredeform GENERISCHER TITEL + NACHNAME gewährleistet. Auffallend ist auch in der deutschen Debatte, dass die Moderatoren untereinander coram publico auch den Vornamen benutzen können. Damit bekräftigen sie gegenseitig nochmals ihr professional face als Kollegen, wenn wir hier das von Bech (1996: 24-25) zu neueren Tendenzen zum Duzen in beruflichen Zusammenhängen im Deutschen auf den Gebrauch des Vornamens als nominale Anredeform übertragen. Was die Frequenz der nominalen Anredeformen in den Redebeiträgen der einzelnen Kandidaten angeht, so können wir in der französischen, brasilianischen und deutschen Debatte sehr große individuelle Unterschiede
37 hinsichtlich der absoluten Frequenz konstatieren: am deutlichsten zwischen Sarkozy (145) und Royal (9), aber auch zwischen Lula (39) und Alckmin (11) und (bei einer generell sehr niedrigen Frequenz) zwischen Röttgen (4) und Kraft (1). In der spanischen und portugiesischen Debatte sind die Frequenzen relativ ausgeglichen (etwa in der portugiesischen Debatte: Freitas do Amaral: 30 – Mário Soares: 28). Was die Wahl der frequentesten Anredeformen je Kandidat angeht, so sind bei der spanischen und deutschen Debatte keine Auffälligkeiten zu verzeichnen. Alle Kandidaten halten sich an die höflichen Distanzformen. Im Grunde gilt dasselbe auch für die französische Debatte, jedoch ist zu vermerken, dass der exzessive Gebrauch der nominalen Anredeform madame durch Sarkozy (ob strategisch oder nicht) jedes Mal artikuliert, dass es sich bei Royal um eine Frau handelt (cf. Fracciola 2008). Kerbrat-Oreccioni (2011) spricht sogar von polirudesse , da durch gezeigte Höflichkeit eine aggressive Ansprache gefahren wird. In der portugiesischen Debatte fällt auf, dass beide Kandidaten trotz einer vom Sprachsystem her großen Auswahl aufgrund der häufigen Wahl von o senhor doutor nicht das Spektrum an Nuancen, die das Sprachsystem bietet, ausnutzen, sondern ein auffallend symmetrisches Anredeverhalten aufweisen. Dabei ist jedoch anzumerken, dass Mário Soares sich selbst in eine unterlegene Position manövriert hätte, wenn er seinen Gegner den Juraprofessor Freitas do Amaral wie die Moderatoren mit senhor professor doutor angeredet hätte. Auch wenn Mario Soares zur Zeit der Debatte kein Akademiker war, so war er doch während seines Exils in Frankreich auch als Juradozent tätig, nämlich an der Universität von Rennes. Aus diesem Grund ist Soares Anredeentscheidung durchaus als strategisch zu bezeichnen.
38 In der brasilianischen Debatte ist das größte Ungleichgewicht bei der Wahl der nominalen Anredeformen zu konstatieren. Lula redet seinen Herausforderer Alckmin am häufigsten mit governador an, weil Alckmin bis zu seiner Präsidentschaftskandidatur Gouverneur des Bundestaates São Paulo war. Allerdings ist er dies zum Zeitpunkt der Debatte nicht mehr und so würde ihm diese eher protokollarische Anrede nicht gebühren. Lula zeigt sich durch diese Wahl der Anredeform auf der einen Seite als sehr respektvoll, auf der anderen Seite ist er in der Äußerungssituation (und das ist allen Beteiligten bewusst) der amtierende brasilianische Präsident. Gouverneur des wirtschaftsstärksten brasilianischen Bundesstaates zu sein, ist zwar durchaus ein wichtiges Amt, die Präsidentschaft auf Bundesebene steht jedoch deutlich höher. Es gibt aber noch einen Aspekt, der hier bei der Rezeption der Wählerschaft eine Rolle spielen kann. In Brasilien gibt es durchaus einen Gegensatz zwischen dem wirtschaftlich ärmeren Nordosten, aus dem Lula stammt, und dem wirtschaftlich reicheren Südosten, aus dem Alckmin stammt. Durch die Anrede governador evoziert Lula zumindest bei den nordestinischen Wählern genau diesen Gegensatz und präsentiert Alckmin als Repräsentanten des Südostens, wodurch natürlich fraglich wird, ob ein solcher Kandidat die Interessen der Bevölkerung des Nordostens vertreten kann. Alckmin seinerseits benutzt sehr wenige Anredeformen und wenn, dann lediglich den funktionalen Titel candidato eventuell mit dem Zusatz des Familiennamens candidato Lula . Im Kontext der Debatte stellt er damit heraus, dass Lula in der Debatte nicht der Präsident, sondern ein Kandidat ist. Angesichts der protokollarisch höflichen Anrede, die Lula in der Debatte privilegiert, läuft die Anrede mit candidato jedoch auch Gefahr, als weniger höflich vom Publikum
39 wahrgenommen zu werden, und den sozialen und regionalen Gegensatz zwischen Alckmin und Lula vor Augen zu führen sowie als eine Verweigerung der Anerkennung der Position Lulas verstanden zu werden. Es zeigt sich hier, dass das vor der Debatte bereits bestehende Ethos der beiden Kandidaten auch Einfluss auf das Spektrum an Verstehensmöglichkeiten hinsichtlich der Wahl und Verwendung der nominalen Anredeformen hat und das Ethos bestätigen bzw. verstärken kann.31 3.3 Funktionen der nominalen Anredeformen Nach dem Vergleich der Haupttendenzen hinsichtlich der Verwendung von nominalen Anredeformen in den fünf Debatten, stellt sich nun die Frage nach den diskursiven Funktionen im Kontext der jeweiligen Debatte. Dabei werden wir unterscheiden zwischen Funktionen beim Turnmanagement und anderen Funktionen, die mit der Vereindeutigung der Adressierung der Aussage zu tun haben, sowie Funktionen, die etwas mit dem interlokutiven Abstand und dem Beziehungsmanagement zu tun haben. Abschließend wird auf Funktionen eingegangen, die zur Verstärkung des zentralen Sprechaktes der Äußerung beitragen. 31 Cf. für eine detailliertere Analyse des Ethos in der Interaktion in Fernsehdebatten KerbratOrecchioni/ Constantin de Chanay (2007) und Johnen (2012) für eine Analyse bezüglich der Debatte Lula – Alckmin.
40 3.3.1 Nominale Anredeformen und das Turnmanagement In allen fünf Debatten machen die Moderatoren Gebrauch von nominalen Anredeformen um: a) den Kandidaten das Wort zu erteilen (Turnzuweisung): (10) Gabi Ludwig: Frau Kraft Ihre Erwiderung (NRW 2012) (11) Boechat: agora: a pergunta do candidato lula quarenta e cinco segundos por favor candidato (BR 2006) (12) Campo Vidal: vamos pues a la última intervención señor Pérez Rubalcaba (E 2011) b) den gerade sprechenden Kandidaten zu ermutigen weiterzusprechen (fortgesetzte Turnzuteilung): (13) F.A.: [...] fiz a pergunta e pedi ao doutor Mário Soares p’ra esclarecer - M.: mas quais são os indícios senhor professor - F.A.: a : bom os indícios são em primeiro lugar [...] (P 1986 nach: Trigo 1989: 144) c) das Wort an den anderen Kandidaten zu übergeben: (14) Boéchat: seu tempo Alckmin: e do adolescente Boéchat: a réplica do candidato lula Lula: governador (BR 2006). d) das Ende eines Turns durchzusetzen (Turnentziehung): (15) M.S.: como sabe - dirigi uma missão de paz - no Médio - Oriente para evitar um conflito - entre o Médio Oriente T.: s’o’tor Mário Soares peço-lhe que conclua a X (P 1986 nach:Trigo 1989: 218) (16) Boéchat: seu tempo candidato Alckmin: em detrimento ((Mikrophon wird ausgeschaltet))
41 (17) Campo Vidal: Señor Rajoy . su tiempo (E 2012). Wie bereits erwähnt haben die Kandidaten in der brasilianischen Debatte aufgrund der rigiden Struktur keinerlei Möglichkeit, um einen Turn zu kämpfen, in den anderen Debatten spielt dies sehr wohl eine Rolle.32 In der deutschen Debatte, in der ja von den Kandidaten untereinander sehr wenige nominale Anredeformen gebraucht werden, werden diese auch im Umfeld des Ringens um die Turnübernahme gebraucht, wenn dies auch nicht die einzige Funktion sein mag, sondern andere Funktionen wie die Verstärkung der eigenen Aussage oder der Kontrast zur Aussage des Gegners (siehe auch unten 3.3.6.) ebenfalls mitschwingen: (18) JS: Was ist Konnexität? HK: Das heißt wenn das Land eine Aufgabe an die Kommunen weitergibt . dann muss das Land dafür auch bezahlen . NR: aber HK: damit nicht die Kommunen die letzten immer in der Schlange sind die es dann treffen [sic!] und deshalb NR: aber darf ich mal HK: hier gab’s ein Urteil . das war klipp und klar . dieses Geld müssen wir jetzt nachlegen und den Kommunen finanzieren NR: aber Frau Kraft . die andern machen’s doch JS: (…) NR: wir sind auf Platz sechzehn von sechszehn Ländern HK: (bei) 2009 Herr Röttgen NR: Bayern hat Bayern hat hundertprozent Mittel schon bewilligt bekommen . andere haben es geschafft . wir haben dreiundsiebzig Prozent der Mittel verbaut . eh etwas über achtzig Prozent eh be/ eh beantragt und bewilligt bekommen . andere haben hundert Prozent (NRW 2012). 32 Für eine genauere Analyse in der französischen Debatte cf. Constantin de Chanay (2010: 259-260 und 285-288) sowie für die portugiesische Debatte Johnen (2008: 285-288).
48 Die nominalen Anredeformen können, wie das Beispiel zeigt, also auch benutzt werden, um eine zu starke Annäherung zu reparieren. Wir können in diesem Turn also zunächst eine Annäherung im interlokutiven Raum von governador zu te konstatieren. Dadurch unterstreicht Lula die Kleinlichkeit der von Alckmin geäußerten Kritik. Danach folgt wieder eine Distanzierung im interlokutiven Raum. Die Verwendung der protokollarischen Anredeform governador hebt dabei die Diskrepanz zwischen der kleinlichen Kritik und Alckmins Position als Staatsmann hervor39. Eine solche Bewegung der Annäherung und Distanzierung wären in einer deutschen und französischen Debatte nicht vorstellbar, ohne zugleich als Normverstoß empfunden zu werden. 3.3.4 Zuweisung von Verantwortung Die folgenden Beispiele zeigen, dass nominale Anredeformen auch benutzt werden, um die Verantwortung für die in der Äußerung genannten Handlungen bzw. Sachverhalte dem Angeredeten zuzuweisen: (29) Alckmin: […] quanto foi gasto . candidato Lula . no sistema único de segurança pública (.) na inclusão digital ? (BR 2006). Hier scheint es kein Zufall zu sein, dass Alckmin die nominale Anredeform candidato Lula ‘Kandidat Lula’ unmittelbar hinter dem Substantiv gasto ‘Ausgaben’ einfügt und deutlich mit kurzen Pausen absetzt. Auf diese Weise retraciert er die Verantwortung für die Ausgaben deutlich auf Lula. Die nominale Anredeform candidato unterstreicht dabei zusätzlich, dass die Adressaten des 39 Ich danke Mauro Cavaliere für die eingehende Diskussion dieses Beispiels.
49 äußeren Kreises, nämlich die Wähler, die Möglichkeit haben über den Verbleib im Amt von Lula zu entscheiden. Eine ähnliche Verantwortungszuweisung findet sich auch in dem nächsten Beleg aus der spanischen Debatte: (30) Rajoy [...] este es su balance . señor:: Pérez Rubalcaba ... la riqueza nacional es hoy menor que en el 2007 (E 2011). Hier fügt Rajoy die nominale Anredeform GENERISCHER TITEL + NACHNAMEN ebenfalls abgesetzt durch eine Pause ein, intensiviert jedoch noch den Anredeakt durch die Verlängerung des auslautenden /r/ im generischen Titel señor . Die Positionierung erscheint auch nicht zufällig unmittelbar hinter su balance . Die Verantwortungszuweisung an den Kandidaten der Regierungspartei, der in der letzten Regierung Zapatero stellvertretender Ministerpräsident war, erfolgt unmittelbar. Im Portugiesischen ist, wie bereits erwähnt, die Zuschreibung einer sozialen Rolle oder Funktion nicht auf die nominalen Anredeformen in einem eigenen Anredeakt beschränkt, sondern kann auch durch in das Pronominalparadigma integrierte nominale Anredeformen geschehen. Auch in dieser Position ist die Funktion der Verantwortungszuweisung möglich wie das folgende Beispiel zeigt, in dem das von Lula an Alckmin gerichtete Vossa Excelência (u.a. eine protokollarisch korrekte Anredeform für den Gouverneur eines Bundesstaates) die Zuschauer an die Regierungsverantwortung im
50 Bundesstaat São Paulo, die Alckmin bis unmittelbar vor seiner Präsidentschaftskandidatur inne hatte, erinnert40: (31) Lula: quais são as políticas sociais concretas que o PSDB tem para o Brasil . porque o fato concreto . é que você privatiza aliais [sic] aqui em São Paulo . V ossa Excelência acabou de privatizar . (BR 2006). 3.3.5 Äußerungssegmentierung Die in die Äußerungen eingeschobenen nominalen Anredeformen in Form eines Anredeaktes innerhalb eines Turns besitzen über die bereits oben beschriebenen Funktionen noch eine weitere Funktion, die wir als Wissenssegmentierung bezeichnen können, weil die Informationen durch die nominalen Anredeformen in kleinere Chunks segmentiert werden. Dadurch wird nicht nur eine sehr detaillierte Zuordnung des Adressaten zum Inhalt erreicht, sondern auch die kognitive Prozessierung der Information bei der Wissensaufnahme der Hörer erleichtert. Dieses Vorgehen erhöht zugleich auch die Spannung des Debattenklimas: (32) Alckmin: [...]. quanto foi gasto . candidato lula . no sistema único de segurança pública . na inclusão digital e no reaparelhamento do exército este ano? Boechat: resposta dois minutos do candidato lula Lula: o governador alckmin faz sempre questão de não ouvir . as coisas como elas são ou não ler como elas são . eu vou lhe dizer uma coisa governador . não só fazemos opção para gastar como gastamos bem . eu vou lhe dizer alguns números no (pronaf) para ajudar a agricultura familiar . nós saímos de dois bilhões e quatro centos milhões para dez bilhões de reais . o plano safra deste ano foi de sessenta bilhões de reais . nós saímos de sete bilhões gastos com políticas sociais para vinte três bilhões de reais governador . o programa pc comp/computador ou do 40 Außerdem findet in diesem Beispiel die oben bereits in anderen Kontexten beschriebene Annäherung ( você ) und Distanzierung ( Vossa Excelência ) im interlokutiven Raum durch die Wahl der Anredeformen statt.
51 pc conectado está vendendo o computador a cinqüenta e nove reais por mês porque nunca se criou tanto crédito neste país governador . a verdade nua e crua é que este país deu um salto de qualidade excepcional . nóis sabemos fazer opção . quando nóis . queremos transformar o biodiesel numa (...) energética brasileira . nós sabemos fazer opção quando recuperamos a indústria canavieira deste país com o acordo para construir o carro fléxil . o nosso governo gasta governador naquilo que nós entendemos que vai melhorar a vida das pessoas . pergunta (...) estes institutos de pesquisa se já houve em algum momento da história a quantidade de crédito que tem hoje neste país . pergunte quantos bilhões estão no mercado por conta do crédito consignado que nós criamos e facilitamos a vida das pessoas . pergunte que foi a aprovação do estatuto do idoso que durante doze anos vocês não aprovaram e que nós aprovamos em apenas dois anos e meio de governo . este governo tem uma qualidade governador . que vocês não tem . porque a de vocês é privatizar privatizar e privatizar . a nossa é investir no social no social e no social . e a economia brasileira nunca cresceu tanto como agora obviamente eu quero que cresça mais (BR 2006). In diesem Beispiel (cf. auch unsere Analyse in Johnen 2011: 160-161) redet Lula Alckmin fünf Mal mit der nominalen Anredeform governador an. Einerseits wird dadurch die Spannung des Debattenklimas erhöht, weil sie an den eingangs formulierten Vorwurf anschließen, Alckmin höre Lula nicht zu, zum anderen sind sie genau hinter den zentralen Aussagen eingeschoben wie: «este governo tem uma qualidade governador (.) que vocês não têm» ‘diese Regierung hat eine Qualität Gouverneur . die ihr nicht habt’. Das zeigt deutlich, dass der Ort der eingeschobenen nominalen Anredeformen nicht zufällig geschieht, sondern dazu dient, wichtige Punkte durch die Äußerungssegmentierung hervorzuheben und die kognitive Wissensaufnahme zu unterstützen.
52 3.3.6 Kontrastierung der eigenen Position zu der des Gegners und Dissensverstärkung Anredeformen werden in Wahldebatten oft zur Kontrastierung der eigenen Position zu der des Gegeners benutzt, wobei wie im folgenden Beleg Pronomen der 1. Person (hier: wir ), denen der 2. Person (hier: Sie) gegenüber gestellt werden: (33) Kraft: (wir) sparen . wir haben 750 Mio. im letzten Haushalt eingespart . in diesem war eine Milliarde Einsparung vorgesehen . Sie . wollen . laut Ihrem eigenen Wahlprogramm 800 Mio. einsparen . also wir liegen darüber . (NRW 2012). In der brasilianischen Debatte passiert dies (wie in (32) deutlich wurde) auch durch die nominalen Anredeformen. In diesem Beispiel folgt die nominale Anrede o governador einmal nach dem Gebrauch der 1. Person Singular: „eu vou lhe dizer uma coisa governador”, und zweimal nach der Erwähnung der vom Sprecher (d.h. Lula) geführten Regierung: ”o nosso governo gasta governador” bzw. ”este governo tem uma qualidade governador que vocês não tem”. In vielen Kontexten führt die nominale Anrede zu einer Dissensverstärkung wie im folgenden Beispiel: (34) N. Röttgen: […] aber die Wahrheit ist doch . es ist nichts dabei herausgekommen Frau Kraft (NRW 2012).
53 3.3.7 Angriffe auf das Ethos des Gegners durch Verbindung des Anredeaktes mit der Formulierung allgemein akzeptierter Normen und Werte In politischen Wahldebatten ist es in der Regel ein Ziel der Kandidaten, das Ethos des Gegners anzugreifen (cf. Charaudeau 2008: 47). Die Verbindung von nominalen Anredeformen nach der Darlegung von allgemein akzeptierten Normen und Werten ist eine Strategie, die sich in einigen Debatten aufweisen lässt. Betrachten wir die beiden folgenden Beispiele: (35) NS: […] parce que dans ma conception d’la République . Madame Royal . I peut pas y avoir des droits sans les devoir (F 2012, nach: Constantin de Channay 2010: 284). (36) Rajoy: […] en tercer lugar . decir la verdad y hacer un buen diagnóstico esto es capital. señor pérez rubalcaba […] (E 2011). Kein ernsthafter Politiker wird bestreiten, dass Staatsbürger Rechte und Pflichten haben oder, dass Politiker die Wahrheit sagen sollen und erwartet wird, dass sie die jeweilige Situation gut analysieren. Durch die Adressierung dieser Aussagen an den Gegner mittels eines Anredeaktes mit einer nominalen Anredeform wird das Ethos der Gegner insofern angegriffen, als dass sie als jemand dargestellt werden, denen man diese allgemein akzeptierten Normen erst noch erklären muss.
54 4 Interjektion oder nominale Anredeform? Zu span. hombre und pg. pá Im Spanischen und Portugiesischen haben sich ähnlich wie im Deutschen Mensch nominale Anredeformen zu Interjektionen grammatikalisiert, nämlich spanisch hombre ‘Mann; Mensch’ und portugiesisch pá (> RAPAZ ‘junger Mann’). Beide bestehen jedoch als nominale Anredeformen weiter und werden auch in der spanischen und portugiesischen Wahldebatte verwendet, was beispielsweise für dt. Mensch in einer solchen Debatte undenkbar wäre: (37) Rajoy: […] es que ustedes dejaron quebrado el sistema ¿no? Rubalcaba: no hombre no Rajoy: sí hombre que sí Rubalcaba: no hombre no Rajoy: sí bueno Rubalcaba: qué qué qué . qué cosas dice (E 2011). (38) Mário Soares: o doutor Mot’Amaral diz o contrário – X – em relação ’os Açores ele aceitou /esse/ - es…---X //ó se’ o’tor - - ó se’o’tor -- // Freitas do Amaral: ó se’or ’tor em relação ’os A… desculpe - /ó pá/ - que não me interrompa se’ o’tor – em relação ’os Açores (P 1986 nach: Trigo 1989: 188). In beiden Beispielen liegen von der Funktion her Blend-Verwendungen zwischen Interjektion und nominaler Anredeform vor. In beiden Fällen wird der Angeredete als Mann kategorisiert, was bei der Verwendung als Interjektion nicht unbedingt zwingend ist. Im Falle von pg. pá ist zudem hervorzuheben, dass sie zusammen mit der Vokativpartikel ó benutzt wird und somit eindeutig eine Anredeform ist. Gleichzeitig haben die Verwendungen jeweils etwas gemeinsam mit der Verwendung als Interjektion, nämlich die starke Appellfunktion: hombre wird verwendet, um zu widersprechen und die Gültigkeit der eigenen Position zu unterstreichen, ó pá hat Appellfunktion in dem Bemühen
55 den Turn zu gewinnen, nachdem der erste Versuch mit der nominalen Anredeform ó se’or ‘tor nicht von Erfolg gekrönt war. 5 Schlussbetrachtung Die obigen Analysen zeigen, dass in den untersuchten Debatten die größte Konvergenz hinsichtlich des Gebrauchs der nominalen Anredeformen im Deutschen und Spanischen besteht, bei denen das Anredemuster GENERISCHER TITEL + NACHNAME die häufigste Form ist. Hier spielen offensichtlich sowohl Restriktionen des Sprachsystems als auch der diskursartspezifischen Höflichkeitsnormen eine Rolle. So ist es im Deutschen nicht möglich, wie im Französischen lediglich den GENERISCHEN TITEL zu benutzen. Diese Möglichkeit besteht jedoch sehr wohl im spanischen Sprachsystem, wenn sie auch in der Debatte im Gegensatz zum LABEL hombre kaum benutzt wird. Auch im Deutschen gibt es eine nominale Anredeform, die wir zu den Labels rechnen können, die semantisch (jedoch weniger pragmatisch) span. hombre nahe steht, nämlich Mensch . Diese Anredeform ist jedoch in einer solchen Debatte unangebracht und pragmatisch auch stark gebrauchsbeschränkt auf Konfliktgespräche. Ähnlich verhält es sich mit dem Anredemuster NACHNAME, das in der brasilianischen Debatte benutzt wird. Im Französischen gibt es dieses Anredemuster sehr wohl, beispielsweise in beruflichen Kontexten (cf. André 2010). Im Kontext einer Debatte wäre es jedoch ebenso wie im Deutschen, wo dieses Anredemuster auch besonders in militärischen Kontexten gebräuchlich ist und früher auch in Jungenschulen die übliche Anredeform der Schüler durch Lehrpersonen war, unangebracht.
56 Die unterschiedlichen Anredesysteme ermöglichen es im Portugiesischen sehr nuanciert die interlokutive Distanz durch die Anredeformen zu regulieren, was in den drei anderen Sprachen vergleichsweise relativ eingeschränkt möglich ist. Die Unterschiede zwischen der brasilianischen und portugiesischen Debatte machen aber auch Unterschiede hinsichtlich der Gebrauchsnormen zwischen den verschiedenen Varianten einer plurizentrischen Sprachen deutlich, die nicht auf das Sprachsystem zurückzuführen sind, sondern auf interkulturelle Unterschiede verweisen. Hinsichtlich der Funktionen zeigt sich trotz der bedeutenden Unterschiede im Sprachsystem, dass gewisse Konvergenzen bestehen; so etwa bei der Verantwortungszuweisung, Kontrast, Ethos oder beim Turnmanagement. In allen Debatten zeigt sich, dass die Wahl der Anredeformen durchaus kohärent mit den jeweiligen Strategien ist. Wir haben jedoch in diesem Beitrag nur eine begrenzte Anzahl an Debatten analysiert und lediglich für das Portugiesische zwei Varianten herangezogen. Sinnvoll wären Longitudinalstudien wie sie für das Französische bereits vorliegen (Sullet-Nylander / Roitman 2016; Kerbrat-Orecchioni 2017), die aber auch jeweils andere Varianten der ebenfalls plurizentrischen Sprachen Deutsch, Französisch und Spanisch einbeziehen sollten. Deutlich wird weiters, dass die bislang sehr beliebten Fragebogenuntersuchungen hinsichtlich der Anredeformen zwar sehr begrenzt das metalinguistische Bewusstsein der Informanten erheben können, jedoch wenig zur Erforschung des Gebrauchs in Abhängigkeit vom Kontext beitragen.
57 Bibliographie Abreu, Maria Teresa dos Santos (1987): Formas de tratamento no dialeto oral urbano de Curitiba . Dissertação de mestrado. Florianópolis: Universidade Federal de Santa Catarina. Ali, Manuel Said ([1925] 2s.d.): Grammatica Elementar da Língua Portugueza . São Paulo; Cayeiras; Rio; Recife: Melhoramentos. Ali, Manuel Said (21976): Investigações filológicas: com um estudo de Evanildo Bechara . Rio de Janeiro: Grifo (Littera; 8). Almeida, Napoleão Mendes de ([1943] 31947): Gramática metódica da língua portuguesa: curso único e completo . São Paulo: Saraiva. Alves, Cibelle Corrêa Beliche (2009): ”O uso do “tu” e do “você”: um estudo da realidade sociolingüística do português falado no Maranhão”, in: Hora, Dermeval da (ed.): Anais - VI Congresso Internacional da Abralin . João Pessoa: Idéia, 727-732. Amaral, Amadeu (1920): O dialecto caipira . S. Paulo: Casa Editora “O Livro” (Estudos Brasileiros). André, Virginie (2010): ”Emplois stratégiques des formes nominales d’adresse au sein de réunions de travail”, in: Kerbrat-Orecchioni, Catherine (ed.): S’adresser à autrui: Les formes nominales d’adresse en français. Chambéry: Université de Savoie, UFR Lettres, Langues, Sciences Humaines, Laboratoire Langages, Littératures, Sociétés, Etudes Transfrontalières et Internationales (Langages; 8), 63-87. Austin, John Langshaw (1962): How to do things with words: The William James lectures delivered at Harvard University in 1955 . London: Clarendon. Baxter, Alain (1992):”Portuguese as a pluricentric language”, in: Clyne, Michael (ed.): Pluricentric languages: differing norms in different nations. Berlin; New York: de Gruyter (Contributions to the sociology of language; 62), 11-44. Bech, Werner (1996): Duzen, Siezen, Titulieren: zur Anrede im Deutschen heute und gestern . Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Bernárdez, Enrique (2011): ”Spanish: a pluricentric language – or one with no centre?”, in: Silva, Augusto Soares da / Torres, Amadeu / Gonçalves (eds.): Línguas pluricêntricas: variação e dimensões sociocognitivas; Pluricentric languages: linguistic variation and sociocognitive dimensions . Braga: ALETHEIA, 29-43. Bjellerup, Sven (21990): Portugisisk språklära . Lund: Studentlitteratur. Blas-Arroyo, José Luis (2003): ”’Personeme que se le diga, pero vuelve usted a faltar a la verdad, señor González’: form and function of political verbal behaviour in face-to-face Spanish political debates”, in: Discourse & Society, 14,4, 395-423. Brown, Roger / Gilman, Albert (21964): ”The pronouns of power and solidarity”, in: Sebbeok, Thomas A. (ed.): Style in language . Cambridge, Mass.: MIT Press, 253-276.
64 Morais, Armindo José/ Franco, António/ Herhuth, Maria José Peres (redd.) (1994): Certificado de Português . Frankfurt/M[ain]: Deutsches Institut für Erwachsenenbildung; Pädagogische Arbeitsstelle des DVV. Mota, Maria Alice (2008): A variação dos pronomes ‘tu’ e ‘você’ no português oral de São João da Ponte (MG) . Dissertação de Mestrado. Belo Horizonte: UFMG. Muhr, Rudolf / Schrodt, Richard (eds.) (1997): Österreichisches Deutsch und andere nationale Varietäten plurizentrischer Sprachen in Europa . Wien: Hölder-Pichler-Tempsky (Materialien und Handbücher zum österreichischen Deutsch und zu Deutsch als Fremdsprache; 3). Neves, Maria Helena de Mouro (2018): A gramática do português revelada em textos . São Paulo: Editora da UNESP. NGB 1959: “Nomenclatura Grammatical Brasileira”, in: Portaria 36 (28. Januar 1959) [apud: Luft, (61979): Gramática da língua portuguesa . Porto Alegre: Globo, 1-34]. NGP 1967: Ministério da Educação Nacional, Gabinete de Estudos e Planeamento da Acção Educativa (1967): Nomenclatura gramatical portuguesa: texto oficial e trabalhos preparatórios . Lisboa: Ministério da Educação Nacional, Gabinete de Estudos e Planeamento da Acção Educativa. Oliveira, Sandi Michele de (1995): ”Reflexões sobre ‘Poder’ e ‘Solidariedade’”, in: Direcção da Associação Portuguesa de Linguística (ed.): Actas do X Encontro da Associação Portuguesa de Linguística . Lisboa: APL, 407-418. Oliveira, Sandi Michele de (2005): ”A retrospective on address in Portugal (1982-2002): Rethinking power and solidarity”, in: Journal of Historical Pragmatics 6, 307-323. Oliveira, Sandi Michele de (2006a): “Identidade pessoal e a relevância da análise de ‘frames’ (molduras) para um modelo da negociação de tratamento”, in: Olsen, Michel / Swiatek, Erik Henning (eds.): XVI Congreso de Romanistas Escandinavos / XVIe Congrès des Romanistes Scandinaves / XVI Congresso dei Romanisti Scandinavi / XVI Congresso dos Romanistas Escandinavos . Roskilde: Universitet, unter: http://magenta.ruc.dk/cuid/publikationer/publikationer/XVI-SRK-Pub/SMO/SMO03Oliveira/ (24.06.2010). Oliveira, Sandi Michele de (2006b): ”A strategic model of address”, in: Taavitsainen, Irma / Härmä, Juhani / Korhonen, Jarmo (eds.): Dialogic Language Use / Dimensions du dialogisme / Dialogischer Sprachgebrauch . Helsinki: Société Néophilologique, 147-158. Palma, Dieli Vesaro / Mendes, Maria de Fátima (2006): ”A Gramática Normativa da Língua Portuguesa de Rocha Lima: a continuidade nos estudos gramaticais”, in: Bastos, Neusa Barbosa / Palma, Dieli Vesaro (eds.): Entrelaçada 2: a construção de gramáticas e o ensino de língua portuguesa na primeira metade do século XX . Rio de Janeiro: Lucerna, 142-156. Pereira, Eduardo Carlos ([1907] 26s.d.): Gramática expositiva: curso superior . São Paulo: Nacional.
65 Pöll, Bernhard (2005): Le français: une langue pluricentrique? Etudes sur la variation diatopique d'une langue standard . Frankfurt am Main; Berlin; Bern; Bruxelles; Frankfurt am Main; New York; Oxford; Wien: Lang. Preti, Dino (2004): Estudos de língua oral e escrita . Rio de Janeiro: Lucerna. Ramos, Myriam Pereira Botelho (1989): Formas de tratamento no falar de Florianópolis . Dissertação de Mestrado. Florianópolis: Universidade Federal de Santa Catarina. Reich, Ulrich (2001): ”Grammatikalisierungsprozesse im modernen brasilianischen Pronominalsystem”, in: Schäfer-Prieß, Barbara / Klöden, Hildegard / Kailuweit, Rolf (eds.): Grammatikalisierung in den iberoromanischen Sprachen . Wilhelmsfeld: Egert (Pro Lingua; 33), 13-31. Ribeiro, João ([1887] 201923): Grammatica portugueza: curso superior adoptada nos gymnasios e escolas normaez do paiz e no «pedagogium». São Paulo; Rio de Janeiro: Francisco Alves. Rumeu, Márcia Cristina de Brito (2008): ”A categoria “pronome” na construção da metalinguagem em português”, in: Boletim da Abralin, 7, 1, 129-159. Sales, Sandra Helena Nunes (2004): Norma e usos na linguagem falada em Fortaleza . Dissertação de Mestrado. Fortaleza: Universidade Federal do Ceará. Searle, John R. ([1979] 1996): Expression and meaning: studies in the theory of speech acts . Cambridge: Cambridge University Press. Silva, Vera Lúcia Paredes (2003): ”O retorno do pronome tu à fala carioca”, in: Roncarati, Cláudia / Abraçado, Jussara (eds.): Português brasileiro – contato lingüístico, heterogeneidade e história . Rio de Janeiro: 7Letras, 160-169. Sucharowski, Wolfgang (1985): ”Die Bonner Runde nach der Hessenwahl am 26.9.1982: Das Transkript”, in: Sucharowski, Wolfgang (Hrsg.): Gesprächsforschung im Vergleich: Analysen zur Bonner Runde nach der Hessenwahl 1982 . Tübingen: Niemeyer, 39-53. Sullet-Nylander, Françoise / Roitmann, Malin (2016): ”‘Mais vous avez tout à fait raison M. le Premier ministre’: Termes d’adresse et débats politiques télévisés de l’entre-deux-tours (1974–2012)”, in: Pragmática sociocultural, 4, 1, 1-24, unter: https://doi.org/10.1515/soprag-2016-0004 (04.09.2019). Sullet-Nylander, Françoise / Roitmann, Malin (2019, im Druck): ”‘ «But you are absolutely right, Mr Prime Minister»: Terms of address and televised political debates between the ballots (1974-2012)”‘, in: Abecassis, Michaël / Block, Marceline/ Ledegen, Gudrun / Peñalver Vicea, Maribel (eds.): Le Grain de la voix dans le monde anglophone et francophone . Oxford; Bern; Berlin; Wien: Lang (Modern French Identities; 130), DOI: https://doi.org/10.3726/b12738. Suzuki, Tae (1995): As expressões de tratamento da língua japonesa . São Paulo: Edusp. Teyssier, Paul (21984): Manuel de langue portugaise: Portugal - Brésil. Paris: Klincksieck
66 Thompson, R[obert] W[allace] (1992):”Spanish as a pluricentric language”, in: Clyne, Michael (ed.): Pluricentric languages: differing norms in different nations. Berlin; New York: de Gruyter (Contributions to the sociology of language; 62), 45-70. Tomiczek, Eugeniusz (1983): System adresatywny współczesnego jêzyka polskiego i niemieckiego: socjolingwistyczne studium konfrontatywne . Wrocław: Wydawnictwo Univwersytetu Wrocławskiego. Vazquez Cuesta, Pilar / Luz, Maria Albertina Mendes da (31987): Gramática Portuguesa . 2 vol. Madrid: Gredos (Biblioteca Románica Hispánica III: Manuales; 9). Williams, Edwin B. (1940): An introductory Portuguese grammar . New York: Appleton – Century – Crofts. Wunderlich, Dieter (1976): Studien zur Sprechakttheorie . Frankfurt am Main: Suhrkamp. Fundstellen Corpus BR 2006 http://video.google.com/videoplay?docid=-5082552368496408571 (02.12.2007). http://video.google.com/videoplay?docid=4478884994342003381 (02.12.2007). E 2011 http://www.rtve.es/noticias/elecciones/index_elecciones.inc (01.05.2012). F 2012 http://www.ina.fr/media/petites-phrases/video/3341956001/2007-le-debatsegolene-royal-et-nicolas-sarkozy.fr.html (01.05.2014). NRW 2012 ”Das Duell”, unter: http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2012/04/30/landtagswahl-2012das-duell.xml (01.05.2011). P 1986 Trigo, Helena Maria Veiga Pinto (1989): ”Debate televisivo: Dr. M. Soares/ Prof. F. do Amaral (2a volta)”, in: Trigo, Helena Maria Veiga Pinto: MAS e outros marcadores argumentativos. Contribuição para o estudo da argumentação no português actual , Dissertação de Mestrado, Lisboa: Faculdade de Letras, 141228.
67 Zwickauer Forum Interkulturelle Kommunikation und Sprache Nr. 1: Sabine Dieng-Weiß (2019): Spanische Fachkräfte Spanische Fachkräfte in der Krankenpflege in Deutschland: Erwartungen und Erfahrungen . ISBN: 978-3-946409-03-8 Resumen en español. Nr. 2: Julia Gelinski (2019): Interkulturelle Erfahrungen deutscher Studierender in spanischen Unternehmen . ISBN: 978-3-946409-01-4 Resumen en español. Nr. 3: Thomas Johnen (2019): Nominale Anredeformen in Fernsehwahlduellen: ein multilingualer Vergleich . ISBN: 978-3-946409-02-1 Resumo em português.