Auswirkungen der Zuwanderung Geflüchteter auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt: Berechnungen mit den BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen
Abstract
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Full text
Zika, Gerd; Maier, Tobias; Monnig, Anke Research Report Auswirkungen der Zuwanderung Geflüchteter auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt: Berechnungen mit den BIBBIAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen Wissenschaftliche Diskussionspapiere, No. 184 Provided in Cooperation with: Federal Institute for Vocational Education and Training (BIBB), Bonn Suggested Citation: Zika, Gerd; Maier, Tobias; Monnig, Anke (2017) : Auswirkungen der Zuwanderung Geflüchteter auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt: Berechnungen mit den BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen, Wissenschaftliche Diskussionspapiere, No. 184, ISBN 978-3-945981-79-5, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Bonn, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0035-0647-6 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/236151 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/
WISSENSCHAFTLICHE DISKUSSIONSPAPIERE Gerd Zika | Tobias Maier | Anke Mönnig Auswirkungen der Zuwanderung Geflüchteter auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt Berechnungen mit den BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen
WISSENSCHAFTLICHE DISKUSSIONSPAPIERE Heft 184 Gerd Zika | Tobias Maier | Anke Mönnig Auswirkungen der Zuwanderung Geflüchteter auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt Berechnungen mit den BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen
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Inhaltsverzeichnis 1Einleitung ............................................................. 5 2Die Modellierung von Geflüchteten im QuBe-Projekt ....................... 7 2.1 Die QuBe-Bevölkerungsprojektion ........................................... 8 2.1.1 Das „Trade in Interindustry Forecasting Germany“-Modell (TINFORGE) ......... 8 2.1.2 Das integrierte Angebots- und Bevölkerungsmodell (IAB-Modell) ............. 9 2.1.3 Das „Geflüchtetenmodul“ ............................................ 9 2.2 Annahmen zur Integration der Geflüchteten in das Bildungs- und Erwerbssystem ... 10 3Auswirkungen der Geflüchteten – Vergleich mit einem kontrafaktischen Szenario .............................................................. 15 3.1 Auswirkungen auf Gesamtwirtschaft und Arbeitsmarkt ......................... 16 3.2 Auswirkungen auf das Bildungssystem ...................................... 20 3.3 Zusammenfassung ...................................................... 22 4Ein Arbeitsmarktintegrations-Szenario ................................... 24 4.1 Maßnahmen zur Arbeitsmarktintegration – Ausgaben, Kosten und Wirkungen ...... 24 4.1.1 Schulbildung ..................................................... 24 4.1.2 Berufsbildung/Integration in den Berufsalltag ........................... 26 4.1.3 Steigerung der Erwerbsbeteiligung .................................... 29 4.1.4 Finanzierung ..................................................... 33 4.2 Ergebnisse ............................................................. 33 4.2.1 Gesamtwirtschaftlicher Effekt ........................................ 34 4.2.2 Erwerbstätige nach Branchen, Berufsfeldern und Anforderungsniveaus ....... 35 4.3 Zusammenfassung ...................................................... 37 5Fazit ................................................................. 39 6Literatur .............................................................. 41 Autorin und Autoren ....................................................... 43 Abstract .................................................................. 44 Abbildungen Abb. 1: Modellstruktur der BIBB/IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen ....... 8 Abb. 2: Modellierungsannahmen des Geflüchtetenmoduls ........................ 10 Abb. 3: Angenommene Verteilung der Geflüchteten auf die Ausbildungsstätten von 2016 bis 2035 – Anteile in Prozent ..................................... 11 Inhaltsverzeichnis WDP 184 3
Abb. 4: Vergleich der Berufsstruktur (erlernte Berufshauptfelder) von Deutschen ohne Migrationshintergrund und Zugewanderten aus den Herkunftsländern der Geflüchteten – in Prozent ........................................ 12 Abb. 5: Angenommene Erwerbsquote Geflüchteter in der Basisprojektion – in Prozent .......................................................... 13 Abb. 6: Bevölkerungsentwicklung in Basisprojektion (vierte Welle) und im kontrafaktischen Szenario – in Mio. Personen ........................... 15 Abb. 7: Erwerbstätige nach Wirtschaftszweigen, Differenz aus kontrafaktischem Szenario und Basisprojektion in Tsd. Personen ........................... 18 Abb. 8: Erwerbstätige nach Berufshauptfeldern, Differenz aus kontrafaktischem Szenario und Basisprojektion in Tsd. Personen ........................... 19 Abb. 9: Veränderungen der Konsumausgaben Bildung, Anzahl Personen in Bildung sowie lehrenden und sozialen Berufen zwischen kontrafaktischem Szenario und Basisprojektion ................................................ 21 Abb. 10: Qualifikationsstruktur der Geflüchteten im Jahr 2025 nach Alter in der Basisprojektion und im Arbeitsmarktintegrations-Szenario ................. 26 Abb. 11: Asylberechtigte, ausgestellte Teilnahmeberechtigungen und Kursteilnehmer an Integrationskursen (2006 bis 2015) .................................. 30 Abb. 12: Erwerbsquoten der Geflüchteten in den Jahren 2015 bis 2025 in Prozent ...... 32 Abb. 13: Preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt, Differenz zur Basisprojektion in Mrd. Euro ............................................................. 34 Abb. 14: Erwerbspersonen, Erwerbstätige und Erwerbslose, Differenz zur Basisprojektion in Tsd. Personen ...................................... 35 Abb. 15: Erwerbstätige nach Wirtschaftszweigen, Differenz zur Basisprojektion in Tsd. Personen ......................................................... 36 Abb. 16: Erwerbstätige nach Berufshauptfeldern, Differenz Arbeitsmarktintegrations- Szenario zur Basisprojektion in Tsd. Personen ........................... 37 Abb. 17: Erwerbstätige nach Anforderungsniveau, Differenz Arbeitsmarktintegrations- Szenario zur Basisprojektion in Tsd. Personen ........................... 37 Tabellen Tab. 1: Verwendungsseite des Bruttoinlandprodukts und ausgewählter Arbeitsmarktgrößen von 2015 bis 2035, Differenz aus kontrafaktischem Szenario und Basisprojektion .................................................. 16 Tab. 2: Anteile der Abgänger/-innen aus dem Bildungssystem bis 2035 (Basisprojektion und kontrafaktisches Szenario) ............................ 22 Tab. 3: Ausgaben für Grundschule und Sekundarstufe I in den Jahren 2015 bis 2025 ..... 25 Tab. 4: Kosten der Berufsbildung zusätzlicher Geflüchteter im Arbeitsmarktintegrations-Szenario in den Jahren 2015 bis 2025 ................ 28 Tab. 5: Approximation der Staatskosten für Integrationskurse in den Jahren 2015 bis 2025 in Tsd. ......................................................... 31 Tab. 6: Zusätzliche Staatsausgaben im Bildungswesen in Mio. Euro 2015 bis 2025........ 33 4WDP 184 Tabellen
1Einleitung In den Jahren 2015 und 2016 hat die Anzahl an Schutzsuchenden in Deutschland stark zuge nommen. Im System zur Erstverteilung der Asylbegehrenden (EASY) wurden im Jahr 2015 rund 0,89 Mio. Personen registriert. Im Jahr 2014 waren es noch 0,2 Mio. Personen. Diese Erhöhung der Zuwanderung hat Auswirkungen auf die Entwicklung der Wirtschaft und des Arbeitsmark tes. Die Art dieser Auswirkungen ist ungewiss und in ihrer Abschätzung komplex, denn es wer den sowohl positive als auch negative Einflussfaktoren der Flüchtlingsbewegung auf die Volks wirtschaft wirken (Bonin 2014, Hentze und Kolev 2016, Sinn 2015). Entscheidend ist, welche Effekte dominieren, zu welchen Zeitpunkten und unter welchen Prämissen. Anhand der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsprojektionen (kurz: QuBe-Projekt1) wird in regelmäßigen Abständen eine Projektion von Entwicklungen im Bildungssystem, der Gesamt wirtschaft und des Arbeitsmarktes vorgenommen (Maier u.a. 2014a, Maier u.a. 2016b). Die alle zwei Jahre erneuerte Basisprojektion basiert auf empirisch geschätzten Zusammenhängen. Diese Projektion berücksichtigt alle bis Juni 2016 bekannten und sicheren Beschlüsse, Beobach tungen und Rahmenbedingungen. Nicht Eingang finden dagegen alle noch nicht bekannten oder unter Unsicherheit stehenden Entwicklungen oder politische Entscheidungen (z.B. „Wirt schaft 4.0“, Aufkündigung des EU-Flüchtlingsabkommens mit der Türkei, „Brexit“). Unvorher sehbare Schocks oder Katastrophen wie Naturkatastrophen oder Terroranschläge sind per Definition nicht inkludiert. Dieses Vorgehen ermöglicht das Aufzeigen eines Entwicklungspfades mit einer klaren Interpretation und zeigt zudem Handlungsspielräume für mögliche Korrekturen durch Politik oder Wirtschaft auf. So können zudem Szenarienrechnungen alternative Entwick lungspfade an der Basisprojektion spiegeln und somit langfristige Auswirkungen von Interventi onen und veränderten Rahmenbedingungen – z.B. in der Wirtschaft, auf dem Arbeitsmarkt, im Bildungssystem und in der Demografie – abgeschätzt werden. Durch die Gegenüberstellung der Basisprojektion mit einem alternativen Szenario, in dem einzelne oder mehrere Annahmen der Basisprojektion verändert werden, können die Differenzen beider Szenarien direkt mit den ver änderten Annahmen in Verbindung gebracht werden. So können Wirkungskanäle im Modellauf bau identifiziert und quantifiziert werden. In diesem Beitrag geht es darum, die Effekte des hohen Zustroms an Geflüchteten für Wirt schaft und Arbeitsmarkt darzustellen. Da ein Großteil der Geflüchteten bereits im Jahr 2015 nach Deutschland kam und erwartet werden kann, dass weiterhin Personen zum Zweck der Asylsuche nach Deutschland ziehen, ist der Flüchtlingszuzug bereits in der Basisprojektion inte griert (Maier u.a. 2016b). Um jedoch die Frage zu beantworten, welche Auswirkungen dieser Zuzug auf die Volkswirtschaft und den Arbeitsmarkt hat, wurde eine kontrafaktische Entwick lung modelliert; darin wird angenommen, dass keine Zuwanderung von Geflüchteten stattge funden hat. Dabei wird davon ausgegangen, dass nach dem Jahr 2014 die Zahl an Geflüchteten, die nach Deutschland kommen, dem langjährigen Durchschnitt seit dem Jahr 2007 entspricht und somit seitdem keine erhöhte Zuwanderung beobachtbar gewesen wäre. Im Folgenden wird zunächst ein grober Überblick über die Modellierung des QuBe-Projekts gegeben, welches in diese Analyse eingebettet ist (Kapitel 2). Dabei werden die Annahmen dar gelegt, welche zur Bevölkerungs- und Arbeitsmarktintegration der Geflüchteten in der Basispro jektion getroffen wurden. Anschließend wird die Basisprojektion hinsichtlich der Ergebnisse für 1www.qube-projekt.de 1Einleitung WDP 184 5
das Bildungsgeschehen und den Arbeitsmarkt mit der kontrafaktischen Situation verglichen (Kapitel 3). In einem weiteren Schritt wird in einer Szenariorechnung eine verstärkte Arbeits marktintegration der Geflüchteten untersucht (Kapitel 4). Dies ist von zentraler Bedeutung, weil hiermit der Zugang zum Arbeitsmarkt sowie die Chancen auf ein eigenes Einkommen und auf weitere Konsummöglichkeiten steigen. Gleichzeitig reduziert sich die Notwendigkeit von Trans ferzahlungen des Staates an Geflüchtete, und die Sozialversicherungssysteme werden entlastet. Um das Ausmaß einer zügigeren Arbeitsmarktintegration volkswirtschaftlich abschätzen zu kön nen, werden die in der Basisprojektion getroffenen Annahmen um einen Arbeitsmarktintegrati onsprozess erweitert. Kapitel 5 zieht ein abschließendes Fazit. 6WDP 184 Einleitung 1
2Die Modellierung von Geflüchteten im QuBe-Projekt Um den Effekt der Geflüchteten und verschiedener Integrationsmaßnahmen auf volkswirtschaft liche Größen und die Struktur des Arbeitsmarkts abschätzen zu können, spiegeln wir im Folgen den eine kontrafaktische Entwicklung (ohne den Zuzug der Geflüchteten) und eine erhöhte Ar beitsmarktintegration der Geflüchteten an der Basisprojektion. Als Basisprojektion dient die 4. Projektionswelle der QuBe-Projektionen (Maier u.a. 2016b). Der Methodenkasten gibt einen groben Überblick über den Modellaufbau des QuBe-Projekts. Im Wesentlichen werden in der Basisprojektion die aktuellen Trends in den Verhaltensweisen sämtlicher Akteure am Arbeitsmarkt, in der Bildung und in der Wirtschaft fortgeschrieben. Nur die zum Zeitpunkt der Erstellung der Basisprojektion bereits beschlossenen Gesetzesänderungen werden berücksichtigt. Der in den letzten beiden Jahren hohe Zustrom an Geflüchteten ist somit ebenfalls in der Basisprojektion enthalten. Damit wurden bereits Annahmen über den Umfang der Zuwanderung in den folgenden Jahren, über die Bleibewahrscheinlichkeit der Geflüchteten und den Verbleib in Bildung und Arbeitsmarkt sowie über das Erwerbsverhalten des Neuzuzugs getroffen. Das Basisszenario beinhaltet weiterhin Annahmen bezüglich des Konsumverhaltens der Geflüchteten und wie sich dieses mit der Integration in Deutschland langfristig an den Rest der Bevölkerung anpasst. Ein wesentlicher Bestandteil der 4. Welle des QuBe-Projektes stellt die QuBe-Bevölkerungs projektion dar, die sowohl die Projektion des Arbeitskräfteangebots wie auch die der Arbeits kräftenachfrage maßgeblich beeinflusst. ►Methodenkasten: QuBe-Projekt Die BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen (QuBe-Projekt), die in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) und dem Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik (FIT) ent standen sind, zeigen anhand von Modellrechnungen auf, wie sich das Angebot und die Nachfrage nach Qualifikationen und Berufen langfristig entwickeln können. Datengrundlage ist hierbei der Mikrozensus (in der vorliegenden Projektion bis zum Jahre 2013): eine amtliche Repräsentativstatistik des Statistischen Bundesamtes über die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt, an der jährlich ein Prozent aller Haushalte in Deutschland beteiligt ist, angepasst an die Eckwerte der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (in der vorliegenden Projektion bis zum Jahre 2014). Die Lohninformationen ent stammen aus der Beschäftigtenhistorik der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (in der vorliegenden Projektion bis zum Jahre 2013). Für die Berufsdifferenzierung wurde seitens des BIBB eine einheitliche Berufsfeldsystematik entwickelt, welche die Berufe auf der Dreisteller-Ebene der Klassifikation der Berufe entsprechend ihrer Tätigkeiten gruppiert (Tiemann u.a. 2008). Zur einfacheren Darstellung werden diese 50 Berufsfelder auf 20 Berufshauptfelder aggregiert. Die vorliegenden Ergebnisse basieren auf der Basisprojektion der vierten Projektionswelle. Diese baut auf den Methodi ken der ersten (Helmrich und Zika 2010, Maier u.a. 2016a, Maier u.a. 2014b), zweiten (Helmrich u.a. 2012, Zika u.a. 2012) und dritten (Maier u.a. 2014b) Welle auf und nimmt zudem weitere Erneuerungen mit auf. Auf der Bedarfseite wird das berufsspezifisch zur Verfügung stehende Arbeitskräfteangebot in Köpfen und Stunden bei der Lohnbestimmung für die Berufsfelder mitberücksichtigt. Hier wird innerhalb eines jeden Wirtschaftszweiges die Entwicklung nach 50 Be rufsfeldern mit jeweils vier Anforderungsniveaus geschätzt. Auf der Angebotsseite werden Lohnabhängigkeiten der be ruflichen Flexibilitäten modelliert, die eine Reaktion des Arbeitsangebots auf die sich veränderten Löhne in den Berufs feldern ermöglichen. Eine Bilanzierung des Arbeitsmarktes kann somit sowohl in fachlicher Hinsicht durch den Vergleich von Erwerbspersonen und Erwerbstätigen nach Berufsfeldern als auch in qualifikatorischer Hinsicht stattfinden, indem das formale Qualifikationsniveau der Erwerbspersonen mit dem Anforderungsniveau an die Erwerbstätigen verglichen wird. 2Die Modellierung von Geflüchteten im QuBe-Projekt WDP 184 7
geflüchteten Personen nach Geschlecht bis zum Jahr 2035 dar.10 Weibliche Geflüchtete weisen dabei durchgehend eine niedrigere Erwerbsquote als männliche Geflüchtete auf. Beim Konsumverhalten sind die Zahl und die Größe der Privathaushalte entscheidend. Auf grund der Alters- und Familienstruktur der Geflüchteten steigt die relative Zahl der Einperso nenhaushalte und jener mit vier und mehr Personen. Diese Haushalte werden erst mit zuneh mender Integration ihre Konsumnachfrage erhöhen, da nicht davon auszugehen ist, dass die Geflüchteten im selben Maße konsumieren wie die einheimische Bevölkerung. Im Modell wurde deshalb der Konsum der privaten Haushalte nach unten korrigiert, da sich sonst in der Projek tion für das Jahr 2015höhere Werte als die tatsächlichen ergeben. Langfristig nähern sich die Konsumausgaben der privaten Haushalte wieder dem bekannten Niveau an. Der Übergang von Geflüchteten in Privatwohnungen wird zudem für einen zeitnahen Anstieg des Bedarfs an Woh nungen sorgen. Der steigende Auftragsbestand in der Baubranche aufgrund von Niedrigzins und beschlossenen Infrastrukturausbaumaßnahmen legt aber nahe, dass der zusätzliche Wohnungs bau nicht proportional zum Bevölkerungsanstieg erfolgt, sondern erst in späteren Jahren reali siert werden kann. Deshalb wird auch hier eine verzögerte Wohnungsnachfrage für die zusätzli chen Einwohner/-innen modelliert. 10 Geflüchtete, die bereits vor 2014 nach Deutschland zugezogen sind, können in der Modellierung nicht mehr getrennt werden und werden deshalb als „Nicht-Geflüchtete“ behandelt. 14 WDP 184 Die Modellierung von Geflüchteten im QuBe-Projekt 2
3Auswirkungen der Geflüchteten – Vergleich mit einem kontrafaktischen Szenario In diesem Abschnitt wird eine Abschätzung der Nettoeffekte der aktuellen Zuwanderungssteige rung dargestellt. Hierzu vergleichen wir die Basisprojektion, welche die im vorherigen Abschnitt geschilderten Annahmen zu Höhe, Qualifikationsstruktur und Bildungsbeteiligung der Geflüchteten enthält, mit einer Projektion unter der Annahme, dass die verstärkte Zuwanderung der Geflüchteten nicht stattgefunden hätte. Da Letzteres eine Situation darstellt, die den derzeitigen Fakten widerspricht, bezeichnen wir dieses Szenario als kontrafaktisch. Während für die Basis projektion angenommen wurde, dass von 2015 bis einschließlich 2020 rund 2,26 Mio. Personen zumindest temporär in Deutschland Schutz suchen werden, gehen wir für das kontrafaktische Szenario „nur“ von rund 0,92 Mio. Personen aus, welches den Durchschnitt der Jahre 2007 bis 2014 markiert. Da im kontrafaktischen Szenario eine trendmäßige Entwicklung bei der Zahl an Geflüchteten unterstellt wird, müssen hier – im Gegensatz zur Basisprojektion – keine zusätzlichen Annah men bezüglich des Erwerbsverhaltens bzw. des Integrationsprozesses unterstellt werden. Des Weiteren müssen die möglichen Effekte, welche bereits von Geflüchteten im Jahr 2015 ausgelöst wurden, herausgerechnet werden. Hier wird unterstellt, dass die im Jahr 2015 zuge zogenen Geflüchteten noch keinen Einfluss auf die Bauinvestitionen gehabt haben.11 Die Ausga ben des Staates, die nach Aufgabenbereichen erfasst und getrennt modelliert sind, verändern Abbildung 6 Bevölkerungsentwicklung in Basisprojektion (vierte Welle) und im kontrafaktischen Szenario – in Mio. Personen 79,0 79,5 80,0 80,5 81,0 81,5 82,0 82,5 83,0 83,5 84,0 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021 2023 2025 2027 2029 2031 2033 2035 Mio. Personen Jahr QuBe-Bevölkerungsprojektion ohne Geflüchtete (kontrafaktisches Szenario) QuBe-Bevölkerungsprojektion mit Geflüchteten (Basisprojektion) Quelle: QuBe-Projekt vierte Welle; Statistisches Bundesamt. Bevölkerung vor 2011 ist korrigiert entsprechend dem Zensus 2011 11 Es wird weiterhin angenommen, dass der Finanzierungssaldo des Staates auch in einer Situation ohne Flücht linge ähnliche Werte annehmen würde. 3Auswirkungen der Geflüchteten – Vergleich mit einem kontrafaktischen Szenario WDP 184 15
sich entsprechend der demografischen Entwicklung (z.B. Konsumausgaben des Staates für Bil dung sowie Gesundheitswesen). Dabei wird nicht nur die Bevölkerungszahl, sondern auch die Alters- und Geschlechtsstruktur berücksichtigt. Abbildung 6 zeigt die Ergebnisse der QuBe-Bevölkerungsprojektion mit und ohne die Berück sichtigung Geflüchteter.12 Es wird deutlich, dass im Zuge der innereuropäischen Arbeitsmarkt migration von 2010 bis 2014 rund eine Mio. Personen mehr nach Deutschland zuzogen als ab wanderten. Durch den zusätzlichen Zuzug von Geflüchteten wird die Bevölkerung bis 2023 nun voraussichtlich auf rund 83,4 Mio. Personen wachsen. Aufgrund der damit einhergehenden hö heren Abwanderung der ausländischen Bevölkerung und vor allem auch wegen der nicht be standserhaltenden Geburtenzahl (Fuchs u.a. 2016) wird die Bevölkerung bis zum Jahr 2035 wieder auf 82,1 Mio. Personen sinken. Zu- und Fortzüge führen zudem zu einer relativen Ver jüngung der Bevölkerung. So liegt das Medianalter der Männer in der QuBe-Bevölkerungspro jektion bei 46,6 (mit Geflüchteten) bzw. 47,0 Jahren (ohne Geflüchtete). Insgesamt wird die Be völkerung Deutschlands somit in beiden Projektionen weiter altern. So lag das Medianalter der Männer im Jahr 2013 bei rund 44,5 Jahren.13 Dennoch sorgt der Zuzug Geflüchteter zu einer Entschleunigung des demografischen Alterungsprozesses. 3.1 Auswirkungen auf Gesamtwirtschaft und Arbeitsmarkt Die Auswirkungen dieses Prozesses auf die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands werden in Tabelle 1 dargestellt, indem die Unterschiede zwischen der Basisprojektion und dem kontrafak tischen Szenario für die Verwendungsseite des Bruttoinlandprodukts und für ausgewählte Ar beitsmarktgrößen abgebildet werden. Tabelle 1 Verwendungsseite des Bruttoinlandprodukts und ausgewählter Arbeitsmarktgrößen von 2015 bis 2035, Differenz aus kontrafaktischem Szenario und Basisprojektion Jahr 2015 2020 2025 2030 2035 Verwendungsseite des Bruttoinlandsproduktes (preisbereinigt, Basis=2010) BIP in Mrd. Euro −15,6 −25,8 −29,2 −35,9 −44,9 BIP pro Kopf 176,7 237,3 230,6 184,3 112,6 Konsum des Staates in Mrd. Euro −3,5 −7,5 −7,9 −8,3 −9,1 Konsum privater Haushalte in Mrd. Euro −9,4 −12,2 −9,8 −12,7 −17,0 Bauinvestitionen in Mrd. Euro −2,8 −5,4 −5,0 −6,9 −9,9 Exporte in Mrd. Euro −1,5 −2,8 −6,2 −8,2 −10,3 Importe in Mrd. Euro −4,6 −6,8 −5,2 −6,9 −9,5 Ausgewählte Arbeitsmarktgrößen Bevölkerung in Mio. Personen −0,9 −1,3 −1,2 −1,3 −1,3 Erwerbsbevölkerung1) in Mio. Personen −0,7 −0,9 −0,9 −1,0 −1,1 Erwerbspersonen in Mio. Personen 0,0 −0,4 −0,5 −0,6 −0,7 12 In der Bevölkerungsprojektion ohne Geflüchtete sind ebenfalls Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge ent halten, jedoch nur in der Höhe des langfristigen Durchschnitts ohne die derzeitigen Flüchtlingsbewegungen. 13 Das Medianalter der Frauen in der QuBe-Bevölkerung liegt bei 48,8 (mit Geflüchteten) bzw. 49,0 Jahren (ohne Geflüchtete). Im Jahr 2013 waren es noch 46,8 Jahre. 16 WDP 184 Auswirkungen der Geflüchteten – Vergleich mit einem kontrafaktischen Szenario 3
(Fortsetzung Tab. 1) Jahr 2015 2020 2025 2030 2035 Erwerbstätige in Mio. Personen −0,1 −0,2 −0,3 −0,4 −0,4 Erwerbspersonenquote2) (Prozentpunkte) 0,9 0,5 0,3 0,4 0,3 Erwerbstätigenquote3) (Prozentpunkte) 0,7 0,8 0,7 0,7 0,9 Erwerbslose in Mio. Personen 0,1 −0,2 −0,3 −0,3 −0,3 Arbeitsvolumen in Mrd. Stunden −0,2 −0,3 −0,4 −0,4 −0,5 Arbeitsvolumenpotenzial in Mrd. Stunden 0,0 −0,6 −1,0 −1,0 −1,1 Entwicklung Stundenlohn4) (2010=100) 0,0 0,1 1,0 1,3 1,5 Jahresarbeitszeit in Stunden −0,8 0,5 0,1 0,1 0,1 1) Bevölkerung im Alter von 15 bis unter 70 Jahren 2) Erwerbspersonen bezogen auf die erwerbsfähige Bevölkerung 3) Erwerbstätige bezogen auf die erwerbsfähige Bevölkerung 4) Stundenlohn ist nicht preisbereinigt. Quelle: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes. Berechnungen QuBe-Projekt vierte Welle Die Bevölkerung zum Jahresende 2015 ist im kontrafaktischen Szenario gerundet um 0,9 Mio. Personen niedriger als in der Basisprojektion, in welcher der hohe Zustrom an Geflüchteten be rücksichtigt wird. Dementsprechend wären auch die Importe und Exporte sowie die Konsum ausgaben des Staates und der privaten Haushalte ohne die zusätzliche Zuwanderung durch Geflüchtete niedriger gewesen. Zwar nimmt auch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im kontrafak tischen Szenario schwächer zu als in der Basisprojektion, umgerechnet auf die Anzahl der Köpfe wächst es jedoch mit einer geringeren Dynamik, da die Geflüchteten nicht im selben Maße kon sumieren bzw. zur Wertschöpfung beitragen wie die deutsche Bevölkerung. Insofern ist das als Durchschnitt angegebene BIP pro Kopf auch nicht gleichmäßig in der Bevölkerung verteilt. Für das Jahr 2015 wird in der Basisprojektion zwar eine um 0,7 Mio. Personen größere er werbsfähige Bevölkerung als im kontrafaktischen Szenario dokumentiert. Da die Geflüchteten allerdings erst zeitverzögert dem Arbeitsmarkt als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, ergibt sich für beide Szenarien die gleiche Anzahl an Erwerbspersonen. Gleichzeitig wird jedoch die Nachfrage nach Erwerbstätigen in der Basisprojektion stimuliert, weil die Geflüchteten konsu mieren bzw. versorgt werden müssen. Dies führt dazu, dass im Jahr 2015 die Anzahl an Er werbslosen im kontrafaktischen Szenario höher ist als in der Basisprojektion. Auch Weber und Weigand (2016) finden als Reaktion auf Flüchtlingszuwanderung eine anfänglich niedrigere, mittelfristig aber höhere Erwerbslosenquote. Mittel- und langfristig fällt insbesondere die erwerbsfähige Bevölkerung im kontrafaktischen Szenario deutlich niedriger aus, da viele der Geflüchteten erst in den kommenden Jahren die Al tersgrenze von 15 Jahren überschreiten werden. Mit der erwerbsfähigen Bevölkerung ist auch die Anzahl an Erwerbspersonen geringer. Da jedoch unterstellt wird, dass die Erwerbsintegra tion Geflüchteter langsamer verläuft als bei nicht-geflüchteten Einwanderern, ist der Anteil der Erwerbspersonen bezogen auf die erwerbsfähige Bevölkerung im kontrafaktischen Szenario hö her als in der Basisprojektion. 3.1 Auswirkungen auf Gesamtwirtschaft und Arbeitsmarkt WDP 184 17
Aufgrund der niedrigeren Bevölkerung und der damit einhergehenden niedrigeren Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen fällt im kontrafaktischen Szenario die Arbeitskräftenach frage, dargestellt durch die Anzahl an Erwerbstätigen, geringer aus. Da dieser Rückgang jedoch im Vergleich zum Arbeitsangebot weniger stark ausfällt, ist die Anzahl an Erwerbslosen unter sonst gleichen Bedingungen im kontrafaktischen Szenario langfristig etwas niedriger. Die Ein schränkung „unter sonst gleichen Bedingungen“ ist an dieser Stelle besonders wichtig, weil im kontrafaktischen Szenario (ohne dem hohen Zustrom an Geflüchteten) im Jahr 2035 die Er werbslosenzahl auf 1,1 Mio. Personen sinkt, was einer Erwerbslosenquote von 2,5 Prozent entspricht. Aufgrund friktioneller Sucharbeitslosigkeit sowie möglichen fachlichen, qualifikatorischen und regionalen Passungsproblemen erscheint das Erreichen einer solch niedrigen Er werbslosenquote relativ unwahrscheinlich. Bei einem stärkeren Bevölkerungsrückgang wäre es deshalb plausibel, dass sich die Jahresarbeitszeiten und/oder die Löhne der Erwerbstätigen stär ker verändern, als dies im kontrafaktischen Szenario ohne Geflüchtete der Fall ist. So würde eine Erhöhung der Löhne aufgrund von Engpässen auch den Bedarf an Erwerbstätigen stärker verringern (Maier u.a. 2014b). Neben der Höhe der Erwerbstätigkeit wirkt sich die niedrigere Bevölkerung auch in unter schiedlichem Maße auf die Erwerbstätigkeit in den Branchen aus. Abbildung 7 zeigt diese unter schiedlichen wirtschaftszweigspezifischen Auswirkungen des kontrafaktischen Szenarios. Abbildung 7 Erwerbstätige nach Wirtschaftszweigen, Differenz aus kontrafaktischem Szenario und Basisprojek tion in Tsd. Personen -80,00 -70,00 -60,00 -50,00 -40,00 -30,00 -20,00 -10,00 0,00 Land-, Forstwirtschaft, Bergbau Verarbeitendes Gewerbe Energie- und Wasserversorgung Baugewerbe Handel, Instand setzen u. Reparatur von Kfz und Gebrauchsgütern Verkehr und Lagerei Gastgewerbe Information und Kommunikation Finanz- u. Versicherungsdienstleister Grundstücks- und Wohnungswesen Freiberufliche, wissenschaftl. u. techn. Dienstleister Sonstige wirtschaftl. Unternehmensdienstleister Öffentl. Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung Erziehung und Unterricht Gesundheits- und Sozialwesen Kunst, Unterhaltung und Erholung Sonstige öffentl. u. priv. Dienstleister Häusliche Dienste Differenz [kontrafaktisches Szenario – Basisprojektion], in Tsd. Personen 2015 2018 2020 2025 Quelle: Mikrozensus und Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes. Berechnungen QuBe-Projekt vierte Welle 18 WDP 184 Auswirkungen der Geflüchteten – Vergleich mit einem kontrafaktischen Szenario 3
In der Basisprojektion sorgt die Bevölkerungszunahme aufgrund der Geflüchteten für einen zeit nahen Anstieg des Bedarfs an Wohnungen. Dabei ist zwischen kurzfristigen Auswirkungen im Rahmen der Erstversorgung und langfristigen Wirkungen aufgrund eines zusätzlich notwendi gen Wohnungsbaus zu unterscheiden. Die Zunahme der Bevölkerungszahl wie auch der Zahl der Haushalte werden für zusätzliche Erwerbstätigkeit unter anderem im Einzelhandel sorgen. Dabei wird der Konsum von Gütern (wie Nahrungsmitteln, Möbeln, Innenausstattung) stärker steigen als die Nachfrage nach Dienstleistungen (zum Beispiel Versicherungen, Freizeit- und Kulturdienstleistungen). Mit zunehmender Integration der Geflüchteten in die Erwerbsarbeit wird auch ein steigender Nachholbedarf nach Gütern (wie Haushaltsausstattungen) zum Tragen kommen. Aufgrund der steigenden Leistungen des Staates wird die Erwerbstätigkeit in den Branchen zunehmen, in denen die Konsumausgaben des Staates direkt oder indirekt wirksam werden. Dazu zählen die öffentliche Verwaltung, die Sozialversicherung, das Grundstücks- und Wohnungswesen und das Bildungswesen. Die steigende Bevölkerungszahl wird die Zahl der Er werbstätigen im Gesundheitswesen erhöhen. Da die Geflüchteten im Vergleich mit der beste henden Bevölkerung jung und vor allem männlich sind, entwickeln sich die Ausgabensteigerun gen der Krankenkassen aber unterproportional zum Bevölkerungsanstieg. Im kontrafaktischen Szenario entfallen nun diese Stimulationen beim Wohnungsbau und pri vaten Verbrauch. Ohne den hohen Zuwachs bei der Zahl der Geflüchteten gibt es in der kurzen Abbildung 8 Erwerbstätige nach Berufshauptfeldern, Differenz aus kontrafaktischem Szenario und Basisprojek tion in Tsd. Personen -40,00 -35,00 -30,00 -25,00 -20,00 -15,00 -10,00 -5,00 0,00 Rohstoff gewinnende Berufe Hilfskräfte/Hausmeister Metall-, Anlagenbau, Blechkonstruktion, Installation, Montierer,… Bauberufe, Holz-, Kunststoffbe- und -verarbeitung Sonstige be-, verarbeitende und instand setzende Berufe Maschinen und Anlagen steuernde und wartende Berufe Berufe im Warenhandel: Verkaufsberufe (Einzelhandel) Berufe im Warenhandel: Kaufleute Verkehr, Lager, Transportberufe Sicherheits- und Wachberufe Gastronomieberufe Reinigungs- und Entsorgungsberufe Büro-, kaufm. Dienstleistungsberufe IT- und naturwissenschaftliche Berufe Technische Berufe Rechts-, Management- und wirtschaftswissenschaftliche Berufe Medien-, geistes- und sozialwissenschaftliche, künstlerische Berufe Gesundheitsberufe Soziale Berufe Lehrende Berufe Differenz [kontrafaktisches Szenario – Basisprojektion], in Tsd. Personen 2015 2018 2020 2025 Quelle: Mikrozensus und Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes. Berechnungen QuBe-Projekt vierte Welle 3.1 Auswirkungen auf Gesamtwirtschaft und Arbeitsmarkt WDP 184 19
bis mittleren Frist vor allem einen geringeren Bedarf an Erwerbstätigen im „Baugewerbe“, bei „Handel, Instand setzen und Reparatur von Kraftfahrzeugen und Gebrauchsgütern“ und bei „häuslichen Diensten“. Langfristig sinkt der Bedarf an Erwerbstätigen auch in allen anderen Wirtschaftszweigen. Die geschilderten Auswirkungen auf der Ebene von Wirtschaftszweigen spiegeln sich auch auf der beruflichen Ebene wider. Wie Abbildung 8 zeigt, werden im kontrafaktischen Szenario bei den Bauberufen hauptsächlich in der mittleren Frist weniger Erwerbstätige nachgefragt (zur absoluten Entwicklung in der Basisprojektion siehe Maier u.a. (2016b)). Absolut betrachtet sinkt jedoch die Arbeitsnachfrage bei den „Büro-, kaufmännischen Dienstleistungsberufen“ am stärksten, gefolgt von den Gesundheitsberufen. Während es bei den Gesundheitsberufen an der kleineren Bevölkerungszahl und damit einhergehenden niedrigeren Nachfrage nach Gesund heitsdienstleistungen liegt, gibt es für die Entwicklung bei den „Büro-, kaufmännischen Dienst leistungsberufen“ keine wirtschaftszweigspezifische Erklärung. Diese sind vielmehr in allen Wirtschaftszweigen relativ stark vertreten und damit aber auch von der insgesamt schwächeren Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen besonders negativ betroffen. 3.2 Auswirkungen auf das Bildungssystem Der Bevölkerungsanstieg vor allem im Bereich der Jüngeren bringt mehrere Auswirkungen auf das Bildungssystem mit sich. Über die modellendogenen Zusammenhänge erhöhen sich die Kon sumausgaben des Staates für Bildung. Dieser Ausgabenpunkt stellt die wesentliche Finanzie rungsgröße von Bildung im QINFORGE-Modell, das dem QuBe-Modell in der Branchenentwick lung zugrunde liegt, dar und entstammt der Volkwirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR). Bei der VGR werden Zahlungsströme anders bewertet als in der Finanzstatistik (Dietz 2006), die ebenfalls die Bildungsausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden ausweist. Bei der Errech nung von Bildungskosten bezogen auf das Individuum oder einzelne Ausbildungsgänge wird hingegen auf das Budget für Bildung, Forschung und Wissenschaft zurückgegriffen. Dieses Bil dungsbudget ist durch die Einberechnung weiterer Bildungsleistungen höher als die Bildungs ausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden laut Finanzstatistik14, die Bildungsausgaben der Finanzstatistik sind wiederrum höher als die Konsumausgaben des Staates für Bildung gemäß VGR. Insofern können bekannte Relationen der Bildungsausgaben pro Schüler/-in, die aus dem Bildungsbudget berechnet werden (Hetmeier u.a. 2015, Klemm 2016, Schilling 2016), nicht einfach auf die VGR übertragen werden. Da die zukünftige Entwicklung der Konsumausgaben des Staates für Bildung als Funktion der Bevölkerungsentwicklung geschätzt wird, werden in der Basisprojektion deshalb keine Annahmen zusätzlicher Kosten modelliert, sondern die empi risch feststellbaren Abhängigkeiten zwischen Bevölkerungsentwicklung und Ausgaben beibehal ten. Abbildung 9 zeigt, wie die Anzahl von Personen unter 30 sowie die Anzahl an Personen in Bil dung (unabhängig vom Alter) in der Basisprojektion im Vergleich zum kontrafaktischen Szena rio ansteigen und dann langsam abfallen. Im Vergleich zu einer Bevölkerungsentwicklung ohne den Zustrom Geflüchteter wird die Anzahl Jüngerer und Personen in Bildung langfristig zwei Prozent über der Entwicklung im kontrafaktischen Szenario liegen. Die nominalen Konsumaus gaben des Staates für Bildung sowie die Zahl der Erwerbstätigen in den lehrenden Berufen und sozialen Berufen (dieses Berufsfeld beinhaltet „Erzieher/-innen“) steigen zunächst nicht im sel 14 Die Unterschiede sind methodischer Natur. So werden im Bildungsbudget unterstellte Sozialbeiträge für die Al tersversorgung aktiver Beamter im Bildungsbereich, Beihilfen für aktive Beamte sowie Angestellte im Bildungsbe reich, Bildungsausgaben der Bundesagentur für Arbeit und des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, Kindergeld für volljährige Bildungsteilnehmer, interne Aus- und Weiterbildungen und andere zusätzliche Bil dungsausgaben (z.B. für Verwaltungsleistungen) hinzugerechnet und die Daten um bildungsfremde Leistungen (z.B. DfG-Mittel für außeruniversitäre Forschung) bereinigt (Hetmeier u.a.2015: S.37). 20 WDP 184 Auswirkungen der Geflüchteten – Vergleich mit einem kontrafaktischen Szenario 3
ben Maße an wie die Anzahl an Personen in Bildung. Dafür wird in der Basisprojektion aber auch nicht davon ausgegangen, dass die Kosten bzw. Erwerbstätigen langfristig wieder reduziert werden. Sie liegen gegen Ende des Projektionszeitraums 2,5 Prozent bzw. 1,65 Prozent unter halb der Ausgaben bzw. Erwerbstätigen in einer kontrafaktischen Entwicklung. Bildungserfolge, bezogen auf das Angebot an Personen mit mindestens einem vollqualifizierenden Berufsabschluss, werden ebenfalls erst ab dem Jahr 2020 in größerem Maße ersichtlich. Bezogen auf das Arbeitsangebot werden durch die schrittweise Integration der Geflüchteten in das deutsche Bildungssystem langfristig vor allem mehr Personen einen mittleren Berufsab schluss erwerben. Kumuliert zwischen 2016 und 2035 sind es 172.000 Personen mehr, als dies ohne Geflüchtete der Fall wäre. Das Angebot an Akademikern und Akademikerinnen wird sich kumuliert um 66.000 Personen erhöhen, die Anzahl an Abgängern und Abgängerinnen ohne Be rufsabschluss um 215.000 Personen. Dies bedeutet, dass der relative Anteil an Unqualifizierten nicht im selben Maße abnimmt, wie dies bei einer Projektion ohne die Berücksichtigung von Ge flüchteten der Fall wäre (Tabelle 2).15 Obwohl sich das Angebot an Personen mit Berufsab schluss durch die Integration Geflüchteter in das Bildungssystem erhöht, wird das zusätzliche Angebot nicht ausreichen, um die langfristige Nachfrage nach fachlichen Tätigkeiten zu befrie digen (vgl. Maier u.a. 2016b). Abbildung 9 Veränderungen der Konsumausgaben Bildung, Anzahl Personen in Bildung sowie lehrenden und sozialen Berufen zwischen kontrafaktischem Szenario und Basisprojektion –3,50 % –3,00 % –2,50 % –2,00 % –1,50 % –1,00 % –0,50 % 0,00 % 2015 2017 2019 2021 2023 2025 2027 2029 2031 2033 2035 Jahr Konsumausgaben des Staates für Bildung Anzahl Personen unter 30 Jahren Personen in Bildung Erwerbstätige in lehrenden und sozialen Berufen Abweichungen von Basisprojekten zu kontrafaktischem Szenario Quelle: QuBe-Projekt; 4. Welle 15 Es wird keine unterschiedliche Abbruchquote zwischen Deutschen und Geflüchteten innerhalb der Ausbildungsstätten unterstellt. 3.2 Auswirkungen auf das Bildungssystem WDP 184 21
Tabelle 2 Anteile der Abgänger/-innen aus dem Bildungssystem bis 2035 (Basisprojektion und kontrafakti sches Szenario) Zeitraum Ohne abgeschlossene Berufsausbildung (ISCED 1, 2 & 3a) Mit abgeschlossener Berufsausbildung (ISCED 3b & 4) Fachschulabschluss, Meister/ Techniker (ISCED 5b) Akademischer Abschluss (ISCED 5a & 6) Insgesamt Kontrafaktisches Szenario (ohne Geflüchtete) Abgänger aus dem Bildungssystem in 1000 2011 – 2015 278 2.551 398 1.290 4.517 2016 – 2020 345 2.367 434 1.604 4.751 2021 – 2025 361 2.220 433 1.707 4.722 2026 – 2030 354 2.209 420 1.678 4.661 2031 – 2035 315 2.382 423 1.642 4.762 Anteile in Prozent 2011 – 2015 6,2 56,5 8,8 28,6 100 2016 – 2020 7,3 49,8 9,1 33,8 100 2021 – 2025 7,7 47,0 9,2 36,1 100 2026 – 2030 7,6 47,4 9,0 36,0 100 2031 – 2035 6,6 50,0 8,9 34,5 100 Basisprojektion (mit Geflüchteten) Abgänger aus dem Bildungssystem in 1000 2011 – 2015 276 2.540 398 1.290 4.504 2016 – 2020 395 2.384 439 1.613 4.832 2021 – 2025 429 2.274 441 1.727 4.871 2026 – 2030 409 2.264 427 1.695 4.795 2031 – 2035 358 2.428 429 1.661 4.875 Anteile in Prozent 2011 – 2015 6,1 56,4 8,8 28,6 100 2016 – 2020 8,2 49,3 9,1 33,4 100 2021 – 2025 8,8 46,7 9,0 35,5 100 2026 – 2030 8,5 47,2 8,9 35,4 100 2031 – 2035 7,3 49,8 8,8 34,1 100 Quelle: QuBe-Projekt, vierte Welle 3.3 Zusammenfassung Um die Auswirkungen der Zuwanderung Geflüchteter auf den deutschen Arbeitsmarkt und das deutsche Bildungssystem abzuschätzen, wurde die Basisprojektion der vierten Projektionswelle des QuBe-Projektes mit einer kontrafaktischen Entwicklung kontrastiert, in der die Geflüchteten herausgerechnet werden. Dabei wird unterstellt, dass auch im Jahr 2015 keine Geflüchteten nach Deutschland zugewandert seien. Im Vergleich der Basisprojektion mit einem kontrafakti schen Szenario wird deutlich, dass der Bevölkerungsaufwuchs unter anderem unmittelbar zu größeren Ausgaben des Staates und zu einer veränderten Nachfrage nach Wohnungen und Bil dungsleistungen führt. 22 WDP 184 Auswirkungen der Geflüchteten – Vergleich mit einem kontrafaktischen Szenario 3
Aufgrund zahlreicher Ungewissheiten hinsichtlich der Qualifikationsstruktur und Dauer der Integration in das Bildungs- und Erwerbssystem mussten in der Basisprojektion einige Annah men getroffen werden, die das Ergebnis unmittelbar beeinflussen. Dennoch wurde darauf ge achtet, dass die Annahmen durch Empirie gestützt werden und nur dort zur Anwendung kommen, wo keine modellendogenen Prozesse (Schätzgleichungen) Abhängigkeiten zwischen unterschiedlichen Größen abfangen können. Der Vergleich zwischen Basisprojektion und kontrafaktischem Szenario zeigt, dass sich der Bevölkerungsanstieg – und damit einhergehend die Zunahme der erwerbsfähigen Personen – erst mit einiger Verzögerung auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Auch im Bildungssystem werden sich spürbare Bildungserfolge – gemessen an der Anzahl an Personen mit mindestens einem vollqualifizierenden Berufsabschluss – erst ab dem Jahr 2020 einstellen. Geht man davon aus, dass die Qualifikation der Geflüchteten einen Querschnitt der Qualifikationsstruktur in den Herkunftsländern widerspiegelt, dann wird das Bildungssystem aufgrund der Altersstruktur der Geflüchteten, aber auch aufgrund der schulischen und beruflichen Vor qualifikation vor neue Herausforderungen gestellt. Obwohl zu erwarten ist, dass die Anzahl an Personen, die das Bildungssystem ohne beruflichen Abschluss verlassen werden, in naher Zu kunft ansteigt, werden langfristig durch das Wachstum der Bevölkerung auch mehr Personen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Dennoch werden größere Anstrengungen notwendig sein, um Geflüchteten zu einem Berufsabschluss und damit zu größeren Beschäftigungschancen zu verhelfen. Insbesondere für fachlich ausgerichtete Tätigkeiten, bei denen langfristig – auch unter Berücksichtigung Geflüchteter – Engpässe er kennbar werden (Maier u.a. 2016b), würde die Qualifizierung Geflüchteter Potenziale bieten, um Fachkräfteengpässe in typischen Berufen des mittleren Qualifikationsbereichs zu vermeiden. Ausgehend von der Beobachtung, dass die Geflüchteten erst spät auf dem Arbeitsmarkt inte griert werden, wird im Folgenden ein „Arbeitsmarktintegrations-Szenario“ berechnet, indem eine schnellere und umfassendere Integration der Geflüchteten modelliert wird. Im Gegensatz zur Basisprojektion werden im Arbeitsmarktintegrations-Szenario auch verstärkt Annahmen zu den Kosten von Maßnahmen getroffen, welche in der Basisprojektion vor allem modellendogen bestimmt werden. 3.3 Zusammenfassung WDP 184 23
Abbildung 11 Asylberechtigte, ausgestellte Teilnahmeberechtigungen und Kursteilnehmer an Integrationskursen (2006 bis 2015) 0 50 100 150 200 250 300 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 In Tausend Personen Jahr Teilnahmeberechtigungen (freiwillig und verpflichtend) Kursteilnehmer (freiwillig und verpflichtend) Asylberechtigte Quelle: BAMF, eigene Berechnungen So waren im Jahr 2015 und im ersten Halbjahr 2016 zwischen 43,8 Prozent und 41,5 Prozent der Teilnehmenden an Integrationskursen Neuzuwanderer/-innen. Rund 49 Prozent der Teil nehmenden im ersten Halbjahr 2016 kamen aus Syrien oder dem Irak (BAMF 2016). In der Basisprojektion werden keine expliziten Kosten für Integrationskurse oberhalb des langjährigen Durchschnitts angenommen. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass nicht ganz die Hälfte der Teilnehmenden an Integrationskursen neu zugewandert ist. Der Rest der Teilneh menden ist bereits vor längerer Zeit nach Deutschland zugezogen, dabei muss es sich nicht um Geflüchtete handeln. Aufgrund mangelnder Daten ist die Ableitung einer Übergangsquote von Anerkennung eines Geflüchteten und Teilnahme an einem Integrationskurs schwierig. Wir nä hern uns deshalb approximativ den möglichen monetären Aufwendungen an: Aufgrund der Schulpflicht kommen nur Personen älter als 19 Jahre für einen Integrationskurs infrage. Um teilnehmen zu können, müssen sie zudem über eine Aufenthaltserlaubnis verfügen. Hier behelfen wir uns mit der berechneten Schutzquote aller Asylantragstellenden (Maier u.a. 2016a). Aufgrund von Zu- und Fortzügen verändert sich auch der Bevölkerungsaufwuchs an Ge flüchteten. Personen, die einmal teilgenommen haben, können nicht noch einmal teilnehmen. Wir gehen davon aus, dass rund zwei Drittel der langfristig in Deutschland verweilenden Perso nen über 19 Jahren an einem Integrationskurs teilnehmen werden. Personen, die bereits in jün gerem Alter nach Deutschland gewandert sind, werden vom Schulsystem betreut, Personen, die des Deutschen mächtig sind, müssen ebenfalls nicht geschult werden. Da eine Teilnahme nicht immer im Jahr der Asylantragstellung stattfinden kann, gehen wir zudem davon aus, dass die Hälfte der potenziell berechtigten Teilnehmenden im selben Jahr und die andere Hälfte im da rauffolgenden Jahr an einem Integrationskurs teilnehmen. Als Kursgröße legen wir eine Größe von 20 Personen fest. Die Ausgaben pro Person belaufen sich auf 1.023 Euro ab dem Jahr 2016. Dabei werden die Kosten vom Staat übernommen, wenn die Person Arbeitslosengeld II oder So zialhilfe erhält. Für diese Personen ist die Teilnahme am Kurs auch verpflichtend. Personen, die an einer anderen Bildungsform teilnehmen oder zeitlich aufgrund von Erwerbstätigkeit verhin dert sind, müssen nicht teilnehmen. Wir gehen davon aus, dass 80 Prozent der Kosten von 30 WDP 184 Ein Arbeitsmarktintegrations-Szenario 4
Tabelle 5 Approximation der Staatskosten für Integrationskurse in den Jahren 2015 bis 2025 in Tsd. Jahre 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2015–2025 Geflüchtete über 19 Jahren im Bestand der Basisprojektion in Tsd. 567 734 819 846 859 868 875 879 882 888 897 Durchschnittliche Schutzquote 0,64 0,72 0,72 0,72 0,72 0,72 0,72 0,72 0,72 0,72 0,72 Potenziell anerkannte Geflüchtete über 19 Jahre*363 526 587 606 616 623 627 630 633 637 643 Aufwuchs gegenüber Vorjahr 363 163 61 20 10 6 5 3 3 4 6 642,85 Teilnahmeberechtigtenquote 0,66 0,66 0,66 0,66 0,66 0,66 0,66 0,66 0,66 0,66 0,66 Teilnahmeberechtigte in Tsd. 240 108 40 13 6 4 3 2 2 3 4 50% aus Vorjahr - 120 54 20 6 3 2 2 1 1 1 50% im selben Jahr Jahr 120 54 20 6 3 2 2 1 1 1 2 Teilnehmende Geflüchtete in Tsd.** 119,8 173,6 73,9 26,5 9,6 5,3 3,7 2,4 1,7 2,3 3,4 422,27 Anteil Personen, deren Kosten vom Staat übernommen werden 0,8 0,8 0,8 0,8 0,8 0,8 0,8 0,8 0,8 0,8 0,8 Anzahl Personen mit Kostenübernahme des Staates 95,9 138,9 59,1 21,2 7,7 4,3 3,0 1,9 1,4 1,8 2,7 Ausgaben pro Person in Tsd. Euro 1,29 1,02 1,02 1,02 1,02 1,02 1,02 1,02 1,02 1,02 1,02 Gesamtkosten in Mio. Euro 123,4 142,10 60,44 21,69 7,89 4,36 3,03 1,97 1,42 1,84 2,77 370,89 * Zahl stimmt aufgrund des Rückstaus an nicht bearbeiteten Anträgen nicht mit den tatsächlich anerkannten Geflüchteten überein. ** Aufgrund der Annäherung stimmt die Zahl nicht mit den tatsächlich teilnehmenden Geflüchteten überein. Quelle: QuBe-Projekt vierte Welle, eigene Berechnung 4.1 Maßnahmen zur Arbeitsmarktintegration – Ausgaben, Kosten und Wirkungen WDP 184 31
teilnehmenden Geflüchteten vom Staat getragen werden müssen. Insgesamt würden dadurch Ausgaben für Integrationskurse in Höhe von etwa 371 Mio. Euro beim Staat entstehen (Ta belle 5). Diese Ausgaben gehen als zusätzliche Staatsausgaben in das Bildungswesen ein. Während eine Steigerung des Anteils an formaler Bildung an den Geflüchteten bereits die Chance auf eine Erwerbsbeteiligung erhöht, gehen wir davon aus, dass auch Personen, die nicht ins deutsche Bildungssystem einmünden, durch die Teilnahme an Integrationskursen in höhe rem Ausmaß am Erwerbsleben partizipieren möchten. Flankierend müssten hier zudem rechtli che und bürokratische Hindernisse aufgeweicht werden, die dem Szenario implizit unterstellt sind: ►Im Oktober 2015 wurde zwar das generelle Beschäftigungsverbot für Asylbewerber/-innen auf drei Monate reduziert, allerdings besteht weiterhin die Vorrangprüfung, die erst nach 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland entfällt. Diese Vorrangprüfung wird im Arbeitsmarktintegrations-Szenario fallen gelassen.25 ►Bislang ist es Asylbewerbern und -bewerberinnen untersagt, Unternehmen zu gründen. Die ses Verbot wird im Arbeitsmarktintegrations-Szenario ebenfalls fallen gelassen. Der Weg in die Selbstständigkeit kann zu einem schnelleren Anstieg an Erwerbsquoten führen. ►Zudem unterstellt das Szenario, dass die Anerkennung von Abschlüssen und Qualifikationen aus den Heimatländern schneller durchgeführt wird, weil auch hierdurch eine steigende Er werbsbeteiligung erhofft wird. Aufgrund der getroffenen Maßnahmen werden sich die Erwerbsquoten der Geflüchteten im Arbeitsmarktintegrations-Szenario entsprechend ändern (Abbildung 12). Weiterhin gilt jedoch, dass die Erwerbsbeteiligung der Geflüchteten maximal 80 Prozent der deutschen Bevölkerung erreichen kann (siehe Abschnitt 2.2). Abbildung 12 Erwerbsquoten der Geflüchteten in den Jahren 2015 bis 2025 in Prozent 0 10 20 30 40 50 60 70 80 2015 2017 2019 2021 2023 2025 2027 2029 2031 2033 2035 Jahr Anteil Erwerbsquoten an erwerbsfähiger Bevölkerung insgesamt (15–65 Jahre) Basisprojektion Erwerbsquote geflüchtete Frauen Basisprojektion Erwerbsquote geflüchtete Männer Arbeitsmarktintegrations-Szenario Erwerbsquote geflüchtete Frauen Arbeitsmarktintegrations-Szenario Erwerbsquote geflüchtete Männer Quelle: QuBe-Projekt, 4. Welle 25 Gemäß einer neuen Verordnung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) gilt Folgendes: „in 133 von insgesamt 156 Agenturbezirken der Bundesagentur für Arbeit wird die Vorrangprüfung bei der Beschäftigung von Asylbewerbern und Geduldeten für die Dauer von drei Jahren ausgesetzt“ (Pressemitteilung BMAS vom 5.8.2016). 32 WDP 184 Ein Arbeitsmarktintegrations-Szenario 4
4.1.4 Finanzierung Entscheidend für die Ergebnisse ist die Finanzierung der mit den Annahmen verbundenen zu sätzlichen Kosten. Unter den in Abschnitt 4.1.1, 4.1.2 und 4.1.3 aufgeführten Schritten entste hen im Zeitraum zwischen 2015 und 2025 zusätzliche Ausgaben in Höhe von 11,7 Mrd. Euro (Tabelle 6). Diese fallen ausnahmelos bei den Konsumausgaben des Staates für Bildung an. Tabelle 6 Zusätzliche Staatsausgaben im Bildungswesen in Mio. Euro 2015 bis 2025 Ausgaben der öffentlichen Hand in Mio. Euro 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2015–2025 Grundschule und Sekundarstufe I 1.210 1.224 1.161 991 931 917 896 808 759 651 595 10.143 Berufs-und Hoch schulbildung 0 131 150 152 146 134 124 122 118 108 21 1.206 Integrationskuse 123 142 60 22 8 4 3 2 1 2 3 371 Gesamtinvestitionen 1.333 1.497 1.371 1.165 1.085 1.055 1.023 932 878 761 619 11.720 Quelle: QuBe-Projekt vierte Welle, eigene Berechnung Zur Finanzierung der Zusatzausgaben stehen dem Staat mehrere Möglichkeiten zur Verfügung: Die Mehrausgaben können durch Minderausgaben in anderen Bereichen kompensiert, durch Steuererhöhungen finanziert oder durch zusätzliche Schulden abgefangen werden. Je nachdem, welche Möglichkeit ergriffen wird, fällt die gesamtwirtschaftliche Beurteilung unterschiedlich aus, da jeweils andere Akteure (Staat, Verbraucher, Unternehmen) von der Refinanzierung be troffen sind. Im Arbeitsmarktintegrations-Szenario wird davon ausgegangen, dass der Staat seine Mehr ausgaben im Bereich Bildungswesen schuldenfinanziert. Diese Annahme begründet sich daraus, dass aufgrund der guten Haushaltssituation im Jahr 2015 eine Rücklage in Höhe von 12,1 Mrd. Euro für die „Finanzierung von Belastungen im Zusammenhang mit der Aufnahme und Unter bringung von Asylbewerben und Flüchtlingen im Jahr 2016 und den Folgejahren“ (Bundesministerium der Finanzen 2016a: S.5) gebildet werden konnte. Diese wurde zu jeweils rund 6Mrd. Euro auf die Jahre 2016 und 2017 verteilt (Bundesministerium der Finanzen 2016b: S.84). Abzusehen ist bereits, dass die für das Jahr 2016 gebildeten Rücklagen nicht oder nicht vollständig gebraucht werden (Riedel 2016). Mehrausgaben in Höhe von 1,4 Mrd. Euro für das Jahr 2016 bzw. 1,2 Mrd. Euro für das Jahr 2017 dürften daher ohne Gefährdung des Haushalts plans finanziert werden können. 4.2 Ergebnisse Ziel des Arbeitsmarktintegrations-Szenarios ist es, aufzuzeigen, welche Auswirkungen eine er höhte und schnellere Integration der Geflüchteten in das Bildungs- und Erwerbssystem bewir ken könnte. Die monetären Investitionen für eine rasche Arbeitsmarktintegration sind vor allem von staatlicher Seite zu erbringen. Jedoch werden auch Zeitaufwendungen der Unternehmen durch eine erhöhte Bereitschaft, Praktika und Ausbildungsplätze anzubieten, berücksichtigt. Im Folgenden werden die gesamtwirtschaftlichen Effekte (Abschnitt 4.2.1) sowie die Effekte nach Berufen, Branchen und Anforderungsniveaus (Abschnitt 4.2.2) dargestellt. 4.2 Ergebnisse WDP 184 33
4.2.1 Gesamtwirtschaftlicher Effekt Insgesamt kann festgestellt werden, dass eine schnellere Integration der Geflüchteten auf den Arbeitsmarkt zu einer Steigerung des Wirtschaftswachstums beiträgt. Der Effekt ist vor allem in den Anfangsjahren der gezielten Integrationsförderung besonders stark, wenn auch der Zustrom an Geflüchteten noch sehr hoch ist. Später flacht sich der Effekt zusammen mit der abnehmen den Anzahl an Neugeflüchteten ab (Abbildung 13). Abbildung 13 Preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt, Differenz zur Basisprojektion in Mrd. Euro 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 Mrd. Euro Jahr Quelle: QuBe-Projekt vierte Welle, eigene Berechnungen Treibender Faktor dieser zusätzlichen Wirtschaftsleistung sind insbesondere der Staatskonsum, aber auch der private Konsum, der angesichts der zusätzlich entstehenden Stellen vor allem bei den lehrenden Berufen stimuliert wird. Die Effekte werden preisbereinigt etwas abgeschwächt, da neben dem hohen Bedarf an zusätzlichen Erwerbstätigen vor allem bei lehrenden Berufen auch die Produktivitätsverluste in Unternehmen mit hoher Integrationsbereitschaft zum Tragen kommen und dadurch die Lohnstückkosten zunehmen. Vor allem international wird Deutsch land dadurch leichte preisliche Wettbewerbsnachteile verbuchen müssen. Die grundsätzlich positive Indikation aus dem Integrationsszenario spiegelt sich auch auf dem Arbeitsmarkt wider (Abbildung 14). Die bis 2025 zusätzlich auf den Markt kommenden 275.000 Erwerbspersonen werden durch eine höhere zusätzliche Erwerbstätigkeit von 364.000 Personen begleitet. Dadurch werden aufgrund der zusätzlichen Integrationsmaßnahmen im Schnitt 101.000 Erwerbslose weniger im Zeitraum zwischen 2015 und 2025 registriert. Die Erwerbslo senquote wird zunächst merklich entlastet, da zum einen mehr Lehrkräfte benötigt werden, zum anderen sich aber die Anzahl der Erwerbspersonen noch nicht verändert hat. Später, wenn die Erwerbsquote schneller anzieht als in der Basisprojektion, nimmt die Anzahl der Erwerbsperso nen und damit die Anzahl der potenziell dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Personen zu. Dann wird die Erwerbslosenquote leicht ansteigen, aber weniger stark, als sie zuvor gesun ken ist. Im langfristigen Mittel bleibt festzustellen, dass die Erwerbslosenquote trotz größerer Erwerbspersonenanzahl leicht niedriger ausfällt. Eine jährliche Aufschlüsselung zeigt, dass insbesondere in den ersten zwei Jahren 2015 und 2016 die Erwerbslosigkeit signifikant sinkt, was insbesondere auf den hohen zusätzlichen Bedarf an Lehrkräften zurückzuführen ist. Erst ab 2017 werden zusätzliche Erwerbspersonen durch die Flüchtlinge registriert. Dann ist auch zeitweise mit einer steigenden Erwerbslosigkeit relativ zur 34 WDP 184 Ein Arbeitsmarktintegrations-Szenario 4
Basisprojektion zu rechnen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass nicht alle Geflüchteten eine Be schäftigung auf dem Arbeitsmarkt finden können, trotz der angenommenen durchschnittlich leicht höheren Qualifikation als in der Basisprojektion. Abbildung 14 Erwerbspersonen, Erwerbstätige und Erwerbslose, Differenz zur Basisprojektion in Tsd. Personen -80 -60 -40 -20 0 20 40 60 80 100 120 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 Tsd. Personen Jahr Erwerbstätige Erwerbslose Erwerbspersonen Quelle: QuBe-Projekt vierte Welle, eigene Berechnung Auch wenn gesamtwirtschaftlich zu keinem Zeitpunkt Knappheit an Erwerbspersonen festzu stellen ist, so wird dennoch vor allem in den ersten Jahren der verstärkten Integrationsförde rung auf der Makroebene eine Verengung auf dem Arbeitsmarkt festzustellen sein. Erst später, wenn immer mehr Erwerbspersonen auf den Arbeitsmarkt drängen, wird sich die Situation wie der entspannen. Die Verengung auf dem Arbeitsmarkt ist letztlich berufsspezifisch verortet. Vor allem in den Anfangsjahren werden insbesondere lehrende und soziale Berufe aufgrund ihres hohen Bedarfes im Zuge der Integrationsförderung verstärkt nachgefragt. In weitaus geringe rem Umfang gilt das auch für andere Berufsfelder. Mit verstärktem Eintritt der Geflüchteten in den Arbeitsmarkt entspannt sich das Verhältnis deutlich, weil weniger zusätzliche lehrende und soziale Berufe im Vergleich zur Basisprojektion nachgefragt werden und weil die Geflüchteten das Arbeitskräfteangebot erhöhen. Mit dem zusätzlichen Angebot an Erwerbspersonen und dem zusätzlichen Bedarf an Erwerbs tätigen wirken zwei Kräfte in unterschiedlicher Richtung auf die Lohnkosten: während das Mehr an Erwerbspersonen grundsätzlich den Lohnkostendruck senkt, erhöht der zusätzliche Bedarf nach Erwerbstätigen und der dabei festzustellende zunehmende Verknappungsgrad vor allem bei lehrenden und sozialen Berufen den Kostendruck. Noch dazu kommt der annahmegemäße Produktivitätsverlust bei ausbildendenden Unternehmen. Zunächst werden deshalb die Stun denlöhne und gleichgerichtet auch die Produktions- und Konsumentenpreise ansteigen; hier wirkt der Effekt des zusätzlichen Beschäftigtenbedarfs. Später, mit zunehmender Zahl an Ge flüchteten, die dem Arbeitsmarkt potenziell zur Verfügung stehen, nimmt der Kostendruck ab. Teilweise werden die Lohnkosten auch niedriger als in der Basisprojektion liegen, wenn die Zahl der zusätzlichen Erwerbspersonen die Zahl der zusätzlichen Erwerbstätigen übersteigt. 4.2.2 Erwerbstätige nach Branchen, Berufsfeldern und Anforderungsniveaus Wie in Abbildung 14 dargestellt, erhöht sich die Anzahl der Erwerbstätigen zwischen den Jahren 2015 und 2025 um insgesamt fast 364.000 Personen. Der weitaus größte Teil der zusätzlich Be schäftigten konzentriert sich auf den Bereich Erziehung und Unterricht (Abbildung 15). Bis zum Jahr 2025 schwächt sich der Stellenaufbau in diesem Bereich zwar deutlich ab, dennoch werden 4.2 Ergebnisse WDP 184 35
über den gesamten Zeitraum neue Arbeitsplätze entstehen. In anderen Branchen setzt der posi tive Beschäftigteneffekt erst später ein. Auch hier sind zwei unterschiedliche Wirkungsstränge auszumachen: Einerseits wird nachfrageinduziert vor allem in den konsumnahen und dienstleis tungsintensiven Branchen Gastronomie, Handel und Gesundheitswesen mehr Beschäftigtenbe darf entstehen. Andererseits profitieren gerade diese lohnsensiblen und personalstarken Wirt schaftsbranchen von der ab 2020 einsetzenden relativen Lohnkostenentlastung, ausgelöst durch das temporäre Überangebot an zusätzlichen Arbeitskräften. Gleichzeitig wirkt sich aber in die sen Branchen der vermutete Produktivitätsverlust aufgrund der arbeitsintensiven Anlernung und Betreuung der Geflüchteten in den Unternehmen aus. Ohne diese Annahme würden in die sen Branchen (Handel, Gastronomie, Gesundheitswesen) die positiven Beschäftigteneffekte grö ßer ausfallen. Abbildung 15 Erwerbstätige nach Wirtschaftszweigen, Differenz zur Basisprojektion in Tsd. Personen –10 0 10 20 30 40 50 Handel, Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen (G) Gastgewerbe (I) Freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleister (M) Erziehung und Unterricht (P) Gesundheits- und Sozialwesen (Q) Private Haushalte mit Hauspersonal (T) Rest Tsd. Personen 2015 2020 2025 Quelle: QuBe-Projekt vierte Welle, eigene Berechnung Der durch die Integrationsmaßnahmen initiierte geänderte Erwerbstätigenbedarf bewirkt eben falls eine geänderte Nachfrage nach Berufen (Abbildung 16). Es zeigt sich, dass insbesondere lehrende Berufe verstärkt nachgefragt werden, die in allgemein- und berufsbildenden Schulen sowie Integrationskursen gebraucht werden. Daneben wird aber auch eine erhebliche Anzahl an Sozialberufen wie Sozialarbeiter/-innen, Jugendberater/-innen oder Fachkräfte für Arbeits- und Berufsförderung benötigt, die die Integrationsmaßnahmen begleiten. Der leichte Anstieg bei kaufmännischen Berufen und den Gastronomieberufen sind die Folge des gestiegenen Erwerbs tätigenbedarfs in den korrespondierenden Wirtschaftszweigen Handel und Gastronomie. Mit Blick auf die Anforderungsstruktur (Abbildung 17) zeigt sich zunächst, dass über alle An forderungsniveaus hinweg mehr Bedarf entsteht. Im besonderen Umfang trifft dies auf die hoch komplexen Tätigkeiten zu, zu denen auch ein Großteil der lehrenden Berufe zählt. Hier wird ab dem ersten verstärkten Integrationsjahr deutlich mehr Bedarf entstehen, der sich dann im Laufe der folgenden zehn Jahre sukzessive der Basisprojektion wieder angleicht. Bei den anderen An forderungsniveaus zeigt sich ein ähnliches Bild, wenn auch in deutlich abgeschwächter Form. Diese Entwicklung ist in Zusammenhang mit der veränderten gesamtwirtschaftlichen Nach frage, den veränderten Erwerbsquoten und der veränderten Qualifikationsstruktur der Geflüchteten relativ zur Basisprojektion zu sehen. Denn zum einen werden nachfrageinduziert vor allem im ersten Jahr des Arbeitsmarktintegrations-Szenarios mehr Erwerbstätige im Gastgewerbe, Handel oder Gesundheitswesen mit fachlich ausgerichteten Tätigkeiten eingesetzt. Durch die langfristige Arbeitsangebotssteigerung wirken später gesunkene Lohnkosten vor allem in diesen Branchen und Berufen positiv auf eine Erhöhung der Arbeitsnachfrage. 36 WDP 184 Ein Arbeitsmarktintegrations-Szenario 4
Abbildung 16 Erwerbstätige nach Berufshauptfeldern, Differenz Arbeitsmarktintegrations-Szenario zur Basispro jektion in Tsd. Personen 0 5 10 15 20 25 Produzierende Berufe Berufe im Warenhandel Verkehr-, Lager, Transport-, Sicherheitsberufe Gastronomie- und Reinigungsberufe Büro-, kaufm. Dienstleistungsberufe IT-, naturwiss., technische Berufe Rechts-, Management-, Medienberufe Gesundheitsberufe Soziale Berufe Lehrende Berufe Berufshauptfelder (zusammengefasst) 2015 2020 2025 in Tausend Personen Quelle: QuBe-Projekt vierte Welle, eigene Berechnung Abbildung 17 Erwerbstätige nach Anforderungsniveau, Differenz Arbeitsmarktintegrations-Szenario zur Basispro jektion in Tsd. Personen 0,0 5,0 10,0 15,0 20,0 25,0 30,0 Helfer Fachkräfte Spezialisten Experten 2015 2020 2025 Quelle: QuBe-Projekt vierte Welle, eigene Berechnung 4.3 Zusammenfassung Die Einflussgrößen des derzeitigen QuBe-Models auf eine erhöhte und schnellere Integration Geflüchteter in den Arbeitsmarkt konzentrieren sich vor allem auf die Konsumausgaben des Staates für Bildung. Die Szenarienrechnung zeigt, dass trotz oder gerade wegen der zu erwar tenden höheren Erwerbspersonenzahl die Wirtschaft mittelfristig wächst und der Arbeitsmarkt weiterhin stabil bleibt. Zwar ist ein Großteil des Effektes auf den zusätzlichen Bedarf an lehren den Berufen zurückzuführen und begründet auch den hohen Bedarf an hochqualifizierten Kräf ten und den allgemeinen Lohnkostenanstieg in Deutschland. Dennoch zeigt die Simulation aber auch, dass die zusätzliche Qualifikation und gestiegene Erwerbsbeteiligungsquoten Geflüchteter nur temporär die Zahl der Erwerbslosen erhöht. Langfristig wird auch für die Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt eine Stelle geschaffen. Dies wird aber auch abhängig von der Qualifikationsstruktur der Geflüchteten sein. In der Basisprojektion und dem vorliegenden Arbeitsmarktinte grations-Szenario wird davon ausgegangen, dass die Berufsstruktur der langfristig beruflich 4.3 Zusammenfassung WDP 184 37
qualifizierten Flüchtlinge (Bildungsinländer/-innen) der Struktur des allgemeinen Neuangebo tes aus dem Bildungssystem folgt. Eine andere berufliche Schwerpunktsetzung in der Qualifikation der Geflüchteten würde eine andere Ressourcenbindung der Unternehmen in den entspre chenden Berufen während der Ausbildung verursachen und auf das langfristig zu erwartende Fachkräfteangebot Einfluss nehmen. Ein Teil der Geflüchteten wird trotz einer verstärkten Bil dungsintegration dennoch als unqualifiziert auf den Arbeitsmarkt treten. In der vorliegenden Berechnung können deshalb vor allem personal- und lohnsensitive Branchen wie der Einzelhan del, das Gastgewerbe und Teile des Gesundheitswesens vom Arbeitsangebot der Geflüchteten profitieren. Die derzeit gute wirtschaftliche Situation Deutschlands, die für einen entspannten Arbeits markt und hohe Steuereinnahmen sorgt, bietet die Gelegenheit, die notwendigen staatlichen Mehrausgaben für die arbeitsmarktspezifische Integration der Geflüchteten ohne weitere zusätz lichen Belastungen (sei es über zusätzliche Schulden, Steuererhöhungen oder Ausgabenkürzung in anderen Bereichen) durchzuführen. 38 WDP 184 Ein Arbeitsmarktintegrations-Szenario 4
5Fazit Betrachtet wurden die ökonomischen und arbeitsmarktspezifischen Auswirkungen der – vor al lem im Jahr 2015 hohen – Zuwanderung Geflüchteter nach Deutschland aus zwei Perspektiven: Zuerst wurden mithilfe eines kontrafaktischen Szenarios die Impulse der Geflüchtetenbevölkerung mit ihren spezifischen Merkmalen in Form von Bildung, Altersstruktur und Geschlecht auf Deutschland nachgestellt, um die Belastungen und die Chancen aus der erhöhten Zuwanderung zu quantifizieren und zu verorten. Als Fazit aus diesem ersten Szenario kann festgehalten wer den, dass – unter den getroffenen Annahmen – zusätzliche Wachstumsimpulse realisiert werden konnten. Ursächlich hierfür ist die erhöhte Nachfrage durch die zusätzliche Bevölkerung zurück zuführen und durch die zusätzlich zu tätigenden Bau- und Bildungsleistungen. Der Vergleich zwischen Basisprojektion und kontrafaktischem Szenario zeigt, dass sich die mit dem Bevölkerungsanstieg einhergehende Zunahme der erwerbsfähigen Personen erst mit einiger Verzögerung auf dem Arbeitsmarkt auswirkt. Auch im Bildungssystem werden sich spürbare Bildungserfolge – gemessen an der Zahl an Personen mit mindestens einem vollqualifizierenden Berufsabschluss – erst ab dem Jahr 2020 einstellen. Das Neuangebot an Fachkräften mit mittlerem Berufsab schluss wird sich durch den Zuzug Geflüchteter zwischen 2016 und 2035 um rund 172 Tsd. Per sonen erhöhen. Gleichzeitig werden in diesem Zeitraum aber auch rund 215.000 Personen mehr ohne Berufsabschluss das Bildungssystem verlassen. Da eine möglichst frühe und schnelle Eingliederung der Geflüchteten in den Arbeitsmarkt maßgeblich für den Erfolg oder Misserfolg von gesellschaftlicher Integration ist, wurde in einem zweiten Schritt (Kapitel 4) eine schnellere und zielgerichtete Arbeitsmarktintegration der Ge flüchteten modelliert. Im Gegensatz zur Basisprojektion werden auch verstärkte Annahmen zu den Kosten von Maßnahmen getroffen, welche in der Basisprojektion vor allem modellendogen bestimmt wurden. Dabei wurden Zusatzausgaben des Staates in Höhe von rund 11,7 Milliarden im Zeitraum von 2015 bis einschließlich 2025 abgeleitet, die als Bildungsinvestitionen in der Grundschule, Sekundarstufe I, Berufs- und Hochschulbildung sowie in Integrationskursen anfal len. Im Ergebnis ist festzustellen, dass sich entsprechend der Annahme vor allem der Bedarf an lehrenden und sozialen Berufen erhöht und sich die Anzahl der Personen ohne Berufsabschluss in diesem Zeitraum um rund 82.000 Personen reduziert. Gleichzeitig wird aber auch die Er werbsbeteiligung der Geflüchteten gesteigert und beschleunigt. Diese erhöhte Anzahl an Er werbspersonen führt zwar in der mittleren (bis 2020), nicht jedoch in der längeren Frist (bis 2025) zu höheren Erwerbslosenquoten. Danach ist eine schnellere Arbeitsmarktintegration für die Individuen, und gesamtwirtschaftlich von Vorteil (Hentze und Kolev 2016). Die derzeit gute wirtschaftliche Situation Deutschlands, die für einen entspannten Arbeitsmarkt und hohe Steuereinnahmen sorgt, bietet die Gelegenheit, die notwendigen staatlichen Mehrausgaben für die arbeitsmarktspezifische Integration der Geflüchteten ohne weitere zusätzlichen Belastungen (z.B. über zusätzliche Schulden, Steuererhöhungen oder Ausgabenkürzung in anderen Berei chen) durchzuführen. Die insgesamt positiven Auswirkungen in beiden Szenarien auf die Gesamtwirtschaft müssen im Licht ihrer Annahmen betrachtet werden. Die verfügbaren Informationen und Daten, welche für eine spezifische Modellierung der Geflüchteten notwendig sind, sind leider nicht immer de ckungsgleich mit der Datenstruktur des QuBe-Modells. Die getroffenen Annahmen im Modell mussten deshalb vor dem Hintergrund der verfügbaren Informationen plausibilisiert werden. Die Offenlegung der Annahmen und ihrer Ableitung dient deshalb auch dazu, der Leserin/dem Leser die Gedankengänge nachvollziehbar zu machen und sie gegebenenfalls im Rahmen weite 5Fazit WDP 184 39