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Innovationswettbewerb: Determinanten und Unternehmensverhalten

Elsser, Stefan

Abstract

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Full text

Elsser, Stefan Book — Digitized Version Innovationswettbewerb: Determinanten und Unternehmensverhalten Hohenheimer volkswirtschaftliche Schriften, No. 17 Provided in Cooperation with: Peter Lang International Academic Publishers Suggested Citation: Elsser, Stefan (1993) : Innovationswettbewerb: Determinanten und Unternehmensverhalten, Hohenheimer volkswirtschaftliche Schriften, No. 17, ISBN 978-3-631-75469-6, Peter Lang International Academic Publishers, Berlin, https://doi.org/10.3726/b13985 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/182921 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Innovationswettbewerb Determinanten und Unternehmensverhalten HOHENHEIMER VOLKSWIRTSCHAFTLICHE SCHRIFTEN Stefan Elßer Die technologische Überlegenheit der marktwirtschaftlichen Volkswirtschaften gegenüber den ehemaligen Planwirtschaften Osteuropas legt den Gedanken nahe, daß technischer Fortschritt keine planbare Größe sein kann, sondern das Produkt individuellen Wettbewerbsverhaltens sein muß. In der vorliegenden Arbeit wird versucht, das Unternehmensverhalten im Innovationswettbewerb aufzuzeigen und hieraus resultierende wettbewerbspolitische Konsequenzen darzulegen. Ausgehend von Analysen zu den Neo-Schumpeter-Hypothesen, die die Unternehmenskonzentration und -größe als Innovationsdeterminanten in den Mittelpunkt setzen, zeigt diese Arbeit, daß diese Variablen endogene Größen des Innovationswettbewerbs sind. Sie resultieren aus dem Anpassungsverhalten von Unternehmen an die technologischen Möglichkeiten, Aneignungsbedingungen und Nachfragestrukturen in einer Industrie. Stefan Elßer wurde 1961 in Stuttgart geboren. Von 1981 bis 1988 studierte er Volkswirtschaftslehre an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und an der University of Oregon in Eugene. Seit 1988 ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Prof. Dr. Ingo Schmidt tätig, wo er 1993 promovierte. HOHENHEIMER VOLKSWIRTSCHAFTLICHE SCHRIFTEN Stefan Elßer Innovationswettbewerb Innovationswettbewerb Determinanten und Unternehmensverhalten Hohenheimer volkswirtschaftliche Schriften Herausgegeben von Prof. Dr. RolfCaesar, Prof. Dr. Harald Hagemann, Prof. Dr. Klaus Herdzina, Prof. Dr. Jörn Kruse, Prof. Dr. Renate Ohr. Prof. Dr. Walter Piesch, Prof. Dr. Ingo Schmidt, Prof. Dr. Peter Spahn, Prof. Dr. Gerhard Wagenhals, Prof. Dr. Helmut Walter. Prof. Dr. Josua Werner t Band 17 ~ PETER LANG Frankfurt am Main -Berlin -Bern -New York -Pans -Wien Stefan Elßer Innovationswettbewerb Determinanten und Unternehmensverhalten • PETER LANG Frankfurt am Main• Ber11n •Bern• New 'ltlr1< •Pans• Wien Open Access: The online version of this publication is published on www.peterlang.com and www.econstor.eu under the international Creative Commons License CC-BY 4.0. Learn more on how you can use and share this work: http://creativecommons. org/licenses/by/4.0. This book is available Open Access thanks to the kind support of ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. ISBN 978-3-631-75469-6 (eBook) Die Deutsche Bibliothek -CIP-Einheitsaufnahrne Elsser, Stefan: Innovationswettbewerb : Determinanten und Unternehmensverhalten/ Stefan Elsser. -Frankfurt am Main; Berlin; Bern; New York; Paris; Wien: Lang, 1993 (Hohenheimer volkswirtschaftliche Schriften ; Bd. 17) Zug!.: Hohenheim, Univ., Diss., 1993 ISBN 3-631-46149-6 NE: GT = 5! D 100 ISSN 0721-3085 ISBN 3-631-46149-6 © Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main 1993 Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany 1 2 3 5 6 7 Vorwort Die vorliegende Arbeit wurde von der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hohenheim im Wintersemester 1992/93 als Dissertation angenommen. Meinem Doktorvater, Herrn Prof. Dr. Ingo Schmidt gilt mein besonderer Dank für seine stetige und sehr gewissenhafte Betreuung. Bei Herrn Prof. Dr. Klaus Herdzina und Herrn Prof. Dr. Jörn Kruse möchte ich mich für die Mitwirkung am Promotionsverfahren bedanken. Meine Kollegen und Kolleginnen Steffen Binder, Karin Beckmann, Heinz Engelke, Ulrich Kirschner, Peter Mendler, Sabine Richard, Martina Röhrich und Eckard Tuchtfeld sowie die Lehrstuhlsekretärinnen Frau Renate Strobel und Frau Renate Dietrich gaben zahlreiche Anregungen und sorgten für eine äußerst angenehme Arbeitsatmosphäre. Abschließend möchte ich mich noch bei all den Freunden und Bekannten bedanken, die dafür sorgten, daß nach langen abendlichen Arbeitstunden das Leben noch weiterging. Tübingen, im Februar 1993 VII Veneichnis der Abbildungen und Tabellen Abbildung 1: Die zusammenhänge zwischen den Phasen des Innovationsprozesses und seinen Ergebnismengen ............................................................. 10 Abbildung 2: "Localized Technological Progress" ................................................................ 21 Abbildung 3: Die "Innovation Possibility Frontier" .............................................................. 30 Abbildung 4: Die "Technical Progress Function" ................................................................. 34 Abbildung 5: Schematische Darstellung der zyklischen Entwicklung einer Volkswirtschaft nach Schumpeter. .................................................................. 53 Abbildung 6: Schematische Darstellung der Schumpeterschen Entwicklungstheorie, bezogen auf die Industrieebene ...................................................................... 56 Abbildung 7: Mögliche funktionale Beziehungen zwischen Unternehmensgröße und F&E-Aktivitäten ................................................................................. 67 Abbildung 8: Innovationsanreiz auf einem sog. "socially managed market" .................................. 78 Abbildung 9: Der Innovationsanreiz bei vollständiger Konkurrenz ............................................. 80 Abbildung 10: Der Innovationsanreiz beim Monopol .............................................................. 81 Abbildung 11: Innovationsanreize bei Monopol und Polypol bei gleichem Output.. .......................... 84 Abbildung 12: Die Entwicklungsmöglichkeitenkurve .............................................................. 90 Abbildung 13: Das Innovationskalkül bei dynamischer Betrachtung ............................................. 91 Abbildung 14: Innovations- und Imitationserlöse im Zeitablauf .................................................. 93 Abbildung 15: Mögliche Zusammenhänge zwischen Wettbewerbsintensität und Innovationsgeschwindigkeit .......................................................................... 95 VIII Abbildung 16: Technologischer Korridor und Designkonfigurationen im Zeitablauf ....................... 116 Abbildung 17: Grenze der Handlungsflexibilität. .................................................. . .............. 125 Abbildung 18: Technologiewettbewerb bei unterschiedlichen Nachfragerpräferenzen und "lock-in"-Effekt ..................................................................................... 142 Abbildung 19: Unterschiedliche Situationen im Technologiewettbewerb bei homogenen Nachfragerpräferenzen ............................................................................. 152 Abbildung 20: Technologiewettbewerb bei Produktankündigungen ........................................... 156 Abbildung 21: Wohlfahrtsverluste durch Produktankündigung ................................................. 157 Abbildung 22: Technologiewettbewerb bei Technologiesponsoring ........................................... 161 Abbildung 23: Die Verbreitung neuen technologischen Wissens in Abhängigkeit von der Größe der F&E-Kooperation .................................................................. 208 Tabelle 1: Der Anteil verschiedener Sektoren an den F&E-Aktivitäten in der BR Deutschland in % .................................................................................. 2 Tabelle 2: Der Innovationsprozeß ............................................................................... 11 Tabelle 3: Entwicklung des Nettonutzens von Technologien bei IRTA .................................. 149 Tabelle 4: Zweiperiodiger Technologiewettbewerb ......................................................... 165 Tabelle 5: Wirkungen von F&E-Kooperationen auf die individuellen Innovationsanreize .................................................................................. 200 Einleitung Technischer Fortschritt wird allgemein als eine wichtige Triebkraft für das Wachstum des Volkseinkommens und als entscheidende Determinante für die internationale Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft angesehen. Die große technologische Überlegenheit der marktwirtschaftlich strukturierten Volkswirtschaften gegenüber den ehemaligen Planwirtschaften Osteuropas legt den Gedanken nahe, daß technischer Fortschritt keine gesamtwirtschaftlich planbare Zielgröße sein kann, sondern vielmehr das Produkt individuellen Wettbewerbsverhaltens sein muß. Für Schumpeter ist der Innovationswettbewerb in noch stärkerem Maße als der Preiswettbewerb das entscheidende Charakteristikum des Kapitalismus: 1 "In der kapitalistischen Wirklichkeit jedoch, im Unterschied zu ihrem Bild in den Lehrbüchern, zählt nicht diese Art von Konkurrenz, sondern die Konkurrenz der neuen Ware, der neuen Technik, der neuen Versorgungsquelle, des neuen Organisationstyps (zum Beispiel der größtdimensionierten Unternehmungseinheit) -jene Konkurrenz, die über einen entscheidenden Kosten- und Qualitätsvorteil gebietet und die bestehenden Firmen nicht an den Profit- und Produktionsgrenzen, sondern in ihren Grundlagen, ihrem eigentlichen Lebensmark trifft." Die Gedanken Schumpeters hierzu wurden von Clark u.a.2 aufgegriffen und fanden im "Konzept eines wirksamen Wettbewerbs" ihren Niederschlag.3 Getragen wird dieser Wettbewerb von Unternehmen, die in der Hoffnung auf temporäre Gewinne innovatorische Wettbewerbsvorstöße vornehmen und durch ihren Erfolg andere Unternehmen zur wettbewerblichen Verfolgung zwingen. 1 Schumpeter, J.A., Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 4. Aufl., München 1975, S. 140. 2 Vgl. Clark, J.M., Competition as a Dynamic Process, Washington, D.C. 1961; Hayek, F.A.v., Der Sinn des Wettbewerbs, in: ders., Individualismus und wirtschaftliche Ordnung, Erlenbach-Zürich 1952, S. 122 ff.; Arndt, H., Schöpferischer Wettbewerb und klassenlose Gesellschaft, Berlin 1952; Kirzner, I.M., Wettbewerb und Unternehmertum, Tübingen 1978; Heuss, E., Allgemeine Markttheorie, Tübingen und Zürich 1965; Nelson, R.R., und S.G. Winter, An Evolutionary Theory of Economic Change, Cambridge, Mass. und London 1982. Selbstverständlich bestehen erhebliche Unterschiede zwischen diesen Arbeiten, gemeinsam ist ihnen jedoch die Betonung der Bedeutung von Neuerungen und das Verständnis des Wettbewerbs als eines dynamischen Prozesses. Für einen Überblick der verschiedenen Ansätze vgl. Witt, U., Individualistische Grundlagen der evolutorischen Ökonomik, Tübingen 1987, S. 31 ff. 3 Vgl. hierzu Schmidt, I., US-amerikanische und deutsche Wettbewerbspolitik gegenüber Marktmacht: Eine vergleichende Untersuchung und kritische Analyse der Rechtsprechung gegenüber Tatbeständen des externen und internen Unternehmenswachstums sowie des Behinderungswettbewerbs, Berlin 1973, S. 25 f. und S. 46 ff. 2 Die herausragende Rolle des privaten gewinnorientierten Sektors für den technischen Fortschritt in einer kapitalistisch strukturierten Volkswirtschaft wird auch durch die Daten der OECD bestätigt, die in Tab. 1 wiedergegeben sind. Dabei zeigt sich, daß die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten (F&E) der Industrie im Zeitverlauf an Bedeutung noch zugenommen haben. Tabelle 1: Der Anteil verschiedener Sektoren an den F&E-Aktivitäten in der BR Deutschland in % Jahr Industrie Universitäten Öffentliche Privater Institutionen nicht gewinnorientierter Sektor 1981 70,2 15,6 13,7 0,5 1982 - - - - 1983 71,4 14,7 13,5 0,5 1984 --- - 1985 73,1 13,5 12,9 0,4 1986 ---- 1987 72,2 14,6 12,7 0,5 1988 72,4 14,4 12,7 0,5 1989 73,0 14, 1 12,3 0,6 1990 73,5 13,9 12,0 0,5 Quelle: OECD, Main Science and Technology Indicators: On Diskettes, Paris 1990, Tabellen 17-20. Trotz des allgemeinen Konsenses über die Bedeutung privater Innovationsaktivitäten kann bisher von einer allgemein anerkannten mikroökonomischen Innovationstheorie keine Rede sein. Doch gerade die zunehmende Diskussion über adäquate wirtschaftspolitische Maßnahmen zur Förderung der Innovationsintensität in einer Volkswirtschaft macht eine Analyse in diese Richtung lohnend. In der Arbeit wird versucht, das Unternehmensverhalten im Innovationswettbewerb aufzuzeigen und die hieraus resultierenden wettbewerbspolitischen Konsequenzen darzulegen. Die Arbeit liefert somit einen Beitrag für eine mikroökonomische Erklärung des technischen Fortschritts und gliedert sich wie folgt. Um das Verhalten von Unternehmen im Innovationswettbewerb verstehen zu können, ist es notwendig, die Charakteristika und Besonderheiten von Innovationsprozessen zu kennen. 3 Das erste Kapitel dient daher dem Ziel, eine inhaltliche und begriffliche Klärung des Innovationsprozesses zu liefern. Im zweiten Kapitel wird versucht, einen Überblick über die Diskussion um die Determinanten des technischen Fortschritts zu geben. Dabei werden verschiedene Ansätze daraufhin überprüft, ob sie für die Analyse des Innovationswettbewerbs wichtige Aussagen enthalten. Ausgangspunkt ist die Wachstumstheorie, deren Behandlung des technischen Fortschritts die Auseinandersetzung mit der mikroökonomischen Fundierung des technischen Fortschritts auslöste. Auf der mikroökonomischen Ebene konzentrierte sich die Diskussion zunächst auf die relative Bedeutung nachfrage- bzw. angebotsseitiger Faktoren als Determinanten für die Innovationsintensität in einer Industrie. Noch mehr als die "demand-pull"-Hypothese von Schmookler beherrschen bis heute die Neo-Schumpeter-Hypothesen, nach denen große und marktmächtige Unternehmen die Innovationsintensität in einer Industrie steigern, die empirische und theoretische industrieökonomische Innovationsforschung. In dieser sehr heterogenen Literatur kristallisierte sich als eine Art "stylized fact" heraus, daß die von Schmookler betonten nachfrageseitigen Faktoren wie Marktgröße und -wachstum durchaus bedeutende Determinanten des unternehmerischen Innovationsverhaltens sind, die Unternehmensgröße und die -konzentration in einer Industrie jedoch als endogene Größen des Innovationswettbewerbs zu betrachten sind. Außerdem hat sich gezeigt, daß die technologischen Möglichkeiten und die Aneignungsbedingungen zur Sicherung von Innovationsrenten4 als Determinanten für das Innovationsverhalten von Unternehmen in einer Industrie große Bedeutung besitzen. Hieraus ergeben sich für das Verständnis des Innovationswettbewerbs zwei Fragestellungen: (1) Warum sind die genannten Strukturdeterminanten - Nachfragebedingungen, technologische Möglichkeiten und Aneignungsbedingungen -mittelfristig stabil und können somit das unterschiedliche Innovationsverhalten von Unternehmen in verschiedenen Industrien erklären? 4 Die Begriffe Innovationsgewinne, Innovationsrenten und Innovationserträge werden in dieser Arbeit synonym verwendet. Es handelt sich hierbei allgemein um Faktoreinkommen, das über das Mall hinausgeht, das notwendig ist, damit Produktionsfakoren überhaupt für einen bestimmten Zweck -hier Innovationen -einge- setzt werden. Der ebenfalls im Zusammenhang mit Innovationsgewinnen häufig gebrauchte Begriff Quasi- Rente bezeichnet die Erträge, die ein Unternehmen zusätzlich zu denen erzielt, die es veranlassen, eine bestimmte ökonomische Aktivität weiterzuverfolgen. Während also Renten Anreize für ein Unternehmen darstellen, eine bestimmte Tätigkeit zu beginnen, sind Quasi-Renten die Anreize, die es an einer schon begonnenen Tätigkeit festhalten lassen. Vgl. hierzu Milgrom, P., und J. Roberts, Economics, Organization and Management, Englewood Cliffs, NJ 1992, S. 269 f.; Varian, H.R., Grundzüge der Mikroökonomik, München 1989, S. 376 ff. 4 (2) Wie paßt sich ein Unternehmen an diese Strukturdeterminanten an, um im Innovationswettbewerb bestehen zu können? Mit der ersten Frage beschäftigt sich das dritte Kapitel. Basierend auf einem neueren Ansatz von Dosi werden zunächst verschiedene Faktoren erläutert, die erklären können, warum die technologische Entwicklung in zahlreichen Industrien über längere Zeiträume stabil verläuft und damit auch die genannten Strukturdeterminanten mittelfristig stabil sind. Aufbauend auf diesem Ansatz ist es zudem möglich, den Wettbewerb konkurrierender, grundsätzlich unterschiedlicher Technologien modellhaft zu skizzieren, wie er typisch für die Frühphase neu entstehender Industrien oder Zeiten grundsätzlicher technologischer Veränderungen in schon existierenden Industrien ist. Einige Anmerkungen zur wettbewerbspoli tischen Bewertung und Behandlung von Unternehmensstrategien in diesem Technologiewettbewerb beenden das Kapitel. Der zweiten Frage ist das vierte Kapitel gewidmet. Es wird untersucht, wie Unternehmen sich in Zeiten nicht grundsätzlicher technologischer Veränderungen an die technologischen Möglichkeiten und Aneignungsbedingungen anpassen, um ihre Position im Innovationswettbewerb zu verbessern. Durch diese Analyse soll gezeigt werden, warum Unternehmensgröße und -konzentration endogene Größen des Innovationswettbewerbs und keine Determinanten desselben sind. Gleichzeitig wird mit dieser Untersuchung auch der insbesondere an neoklassischen Arbeiten geübten Kritik Rechnung getragen, daß eine Darstellung des Innovationswettbewerbs die Unternehmen nicht als eine "black box" behandeln und organisationstheoretische Aspekte außer Betracht lassen darf. Die Ergebnisse der theoretischen Überlegungen dieses Kapitels lassen einige interessante Schlußfolgerungen für die wettbewerbspolitische Behandlung von F&E-Kooperationen und Unternehmenszusammenschlüssen zu. 5 1. Kapitel: Grundlagen: Der Innovationsprozeß Bereits in der Einleitung wurde die zentrale Rolle der Innovationsaktivitäten von Unternehmen für den technischen Fortschritt aufgezeigt. Innovationen sind Resultat eines zeitlichen Prozesses, der verschiedene, aufeinander aufbauende Aktivitäten umfaßt. In diesem Kapitel wird eine Strukturierung des Innovationsprozesses in unterschiedliche Phasen vorgenommen, und die jeweiligen Teilergebnisse dieser Phasen werden erläutert. Darüber hinaus werden erste, für den weiteren Gang der Untersuchung zentrale Eigenschaften des Innovationsprozesses aufgezeigt. I. Phasen des Innovationsprozesses und seine Ergebnisse Bei Darstellungen des Innovationsprozesses in der Literatur stößt man auf die in den Wirtschaftswissenschaften häufig anzutreffende Schwierigkeit, daß eine eindeutige Verwendung der relevanten Begriffe nicht vorliegt. In der Innovationsforschung wird dieses Problem noch dadurch verschärft, daß an ihr verschiedene wissenschaftliche Disziplinen beteiligt sind. 1 Eine Darstellung der verschiedenen verwendeten Begriffe und der zugrundeliegenden methodischen Unterschiede würde den Rahmen dieses Kapitels sprengen. Es erfolgt daher - soweit dies möglich ist -eine Beschränkung auf die Begriffsverwendungen aus der volkswirtschaftlichen Literatur. Im Zusammenhang mit dem Innovationsprozeß werden in der Literatur häufig das Begriffspaar "Forschung und Entwicklung" und die Sequenz "Invention, Innovation und Diffusion" verwendet. Sie sollen im folgenden näher erläutert werden. 1 Die Nalional Science Foundarion stellt hierzu in einer ausführlichen Literaturuntersuchung fest: "(T)he field of innovation research is inherently a multidisciplinary (and occasionally an interdisciplinary) body of inquiry. Not only does it encompass foci of analysis which cut across the traditional concems of the social and occasionally engineering sciences, but it also carries the methodological baggage of all these disciplines as weil. In fact, one of the problems which has most bedeviled the growth of cumulative knowledge in the innovation process field is the different terms of analysis and methods." National Science Foundation, The Process of Technological Innovation: Reviewing the Literature, Washington, D.C. 1983, S. 13. Vgl. auch Gerybadze, A., Innovation, Wettbewerb und Evolution: Eine mikro- und mesoökonomische Untersuchung des Anpassungsprozesses von Herstellern und Anwendern neuer Produzentengüter, Tübingen 1982, S. 21; Röpke, J., Die Strategie der Innovation, Tübingen 1977, S. 123. 6 F&E besteht aus den aufeinander aufbauenden Stufen der Grundlagenforschung, der angewandten Forschung und der Entwicklung, die allerdings nicht den gesamten Innovationsprozeß abdecken, wie bei der Erläuterung der Phasensequenz Invention, Innovation und Diffusion noch deutlich werden wird. Hinter den Begriffen Forschung und Entwicklung verbergen sich folgende Aktivitäten:2 "Basic research is experimental or theoretical work undertaken primarily to acquire new knowledge of the underlying foundation of phenomena and observable facts, without any particular application or use in view. A!)plied research is also original investigation undertaken in order to acquire new knowledge. lt is, however, directed primarily towards a specific practical aim or objective. Experimental development is systematic work, drawing on existing knowledge gained from research and/or practical experience that is directed to producing new materials, products or devices, to installing new processes, systems and services, or to improving substantially those already produced or installed." (Hervorhebungen im Original) Die Forschungsaktivitäten sind Gegenstand des Wissenschaftsbereichs, während die Entwicklungstätigkeiten den Technologiebereich ausmachen. Wissenschaft und Technologie unterscheiden sich demnach durch die Ziele der zugrundeliegenden Aktivitäten. Beim ersteren geht es um Wissensmehrung, beim letzteren hingegen um die praktische Lösung spezifischer Probleme der Produktion im weitesten Sinne.3 Selbstverständlich gibt es im Bereich der angewandten Forschung, wenn man die Ziele der Aktivitäten als Unterscheidungskriterium verwendet, Abgrenzungsschwierigkeiten. Hierauf soll jedoch nicht näher eingegangen werden. 4 Darüber hinaus können Technologie und Wissenschaft mit Hilfe der besitz- und nutzungsrechtlichen institutionellen Regelungen unterschieden werden. Die Ergebnisse der Wissenschaft sind i.d.R. allgemein zugänglich und können von jedem Wissenschaftler oder 2 OECD, The Measurement of Scientific and Technical Activities: Proposed Standard Practice for Surveys of Research and Experimental Development, "Frascati Manuel", Paris 1981, S. 25. Vgl. auch Jüttner-Kramny, L., Unternehmensgröße, Unternehmenskonzentration und technologische Entwicklung, Göttingen 1975, S. 9 ff.; Grefermann, K., u.a., Patentwesen und technischer Fortschritt: Kritische Würdigung der Zusammenhänge in ausgewählten Branchen der Bundesrepublik Deutschland anhand empirischer Untersuchungen, Teil I: Die Wirkung des Patentwesens im Innovationsprozeß, Göttingen 1974, S. 4; National Science Foundation, Research and Development in lndustry 1971: Survey of Science Resources Series, Washington, D.C. 1973, S. 19; Düttmann, B., Forschungs- und Entwicklungskooperationen und ihre Auswirkungen auf den Wettbewerb, Bergisch-Gladbach und Köln 1989, S. 43 ff.; Kennedy, C., und A.P. Thirlwall, Surveys in Applied Economics: Technical Progress, in: EJ 82 (1972), S. 44; Fleck, F., Die ökonomische Theorie des technischen Fortschritts und seine Identifikation, Meisenheim a.G. 1973, S. 21 f. 3 Vgl. Price, D.J. de S., Research on Research, in: Arm, D.L. (Hrsg.), Journey in Science: Srnall Steps - Great Strides, Albuquerque 1967, S. 10; Jewkes, J., u.a., The Sources of Invention, 2. Aufl., London 1969, s. 26. 4 Vgl. hierzu Rosenberg, N., Why Do Firms Do Basic Research (with Their Own Money)?, in: RPol 19 (1990), s. 169 f. 7 Unternehmen genutzt werden. Technologisches Wissen wird hingegen von den Unternehmen häufig als privates Eigentum betrachtet. Entsprechend versuchen sie durch unterschiedliche Strategien -z.B. Patentierung oder Geheimhaltung -, eine unautorisierte Nutzung durch andere Unternehmen oder Personen zu unterbinden.5 Beschreibt man den Innovationsprozeß mit Hilfe der Phasen Invention, Innovation und Diffusion, so lassen sich die unterschiedlichen Aktivitäten folgendermaßen charakterisieren:6 (1) Inventionsphase: Zu dieser Phase gehören die bereits oben beschriebenen F&E-Ak- tivitäten. Diese Phase findet ihren Abschluß mit einer ersten objektiv neuen Lösung eines bestimmten technischen Problems, dessen Nützlichkeit absehbar ist, so daß man auch von einer potentiellen Technologie sprechen kann. Dabei handelt es sich meistens um ein erstes Muster oder einen Prototyp. Für das Ergebnis der Inventionsphase finden sich in der Literatur die Bezeichnungen Invention, Erfindung oder technologischer Fortschritt. 7 Der geie- 5 "(I)f one joins the science club, one' s discoveries and inventions must be completely disclosed, whereas in the technology club such findings must not be fully revealed to the rest of the membership. • Dasgupta, P., und P.A. David, Information Disclosure and the Economics of Science and Technology, in: Feiwel, G. (Hrsg.), Arrow and the Ascent ofModem Economic Theory, London 1987, S. 528. Vgl. auch Lundvall, B., Innovation as an Interactive Process: From User-Producer Interaction to the National System of Innovation, in: Dosi, G., u.a. (Hrsg.), Technical Change and Economic Theory, London 1988, S. 364; Nelson, R.R., The Role ofKnowledge in R&D Efficiency, in: QJE 97 (1982), S. 466 ff. Diese unterschiedlichen institutionellen Regelungen führen auch zu einem unterschiedlichen Publikationsverhalten. Während es im Wissenschaftsbereich wichtig ist, viel zu publizieren, darf im Technologiebereich zur Sicherung des wirtschaftlichen Erfolges nur wenig veröffentlicht werden. Vgl. hierzu Price, D.J. de S., Science and Technology: Distinctions and Interrelationships, in: Bames, B. (Hrsg.), Sociology of Science, London 1972, S. 171; Salomon, J.J., Science and Politics, London 1973, S. 80. Zu den Ursachen dieser unterschiedlichen institutionellen Regelungen können hier nur einige kurze Anmerkungen gemacht werden. Während die Informationen im Wissenschaftsbereich theoretischer Natur sind, ihre ökonomische Verwendung mithin noch nicht absehbar, aber potentiell für die gesamte Volkswirtschaft relevant ist, sind die einzelnen Informationen des Technologiebereichs anwendungsorientierter und in ihrer Wirkung auf eine Volkswirtschaft begrenzter. Es ist daher naheliegend, daß bei der Produktion wissenschaftlicher Informationen Kooperation, Informationsaustausch und öffentliche Kritik als Anreiz- und Selektionsmechanismen leistungsf"ahiger sind als der Wettbewerb, der durch Vorsprungsgewinne zu Innovationen anreizt und durch Nachfragewanderungen zwischen konkurrierenden Technologien selektiert. Auf eine Darstellung der historischen Genese wird verzichtet. 6 Diese Phasenaufteilung geht auf Schumpeter zurück, der scharf zwischen Inventions- und Innovationsaktivitäten trennte. Vgl. Schumpeter, J.A., Konjunkturzyklen: Eine theoretische, historische und statistische Analyse des kapitalistischen Prozesses, Göttingen 1961, S. 91 ff. Hierzu kritisch Ruttan, V.W., Usher and Schumpeter on Invention, Innovation, and Technological Change, in: QJE 73 (1959), S. 596 ff. 7 Vgl. Grefermann, K., u.a., Patentwesen ... , a.a.O., S. 5f.; Penzkofer, H., u.a., Innovation, Wachstum und Beschäftigung: Einzelwirtschaftliche, sektorale und intersektorale Innovationsaktivitäten und ihre Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft in den achtziger Jahren, Berlin 1989, S. 26; Kennedy, C., und A.P. Thirlwall, Surveys ... , a.a.O., S. 50. 8 gentlich vorgenommenen begrifflichen Gleichsetzung von Inventionen und Patenten wird in dieser Arbeit nicht gefolgt. 8 (2) Innovationsphase: In dieser Phase wird die Invention weiterentwickelt, so daß eine ökonomische Nutzung möglich wird. Dabei stehen nicht mehr so sehr technische Probleme im Vordergrund, sondern es geht primär darum, die Risiken und Chancen einer Markteinführung richtig einzuschätzen und die entsprechenden wettbewerblichen Maßnahmen in die Wege zu leiten. Charakteristisch für die Innovationsaktivitäten ist, daß sie in direkter Beziehung mit der erstmaligen wirtschaftlichen Verwendung einer Erfindung stehen.9 Aus einer Invention wird im Zuge der Innovationsphase eine angewandte Technologie oder eine Innovation. Man kann verschiedene Arten von Innovationen unterscheiden. Einmal ist die Trennung in Produktinnovation und Prozeßinnovation üblich. 10 Unter ersterem versteht man ein neues Gut bzw. eine neue Dienstleistung, unter letzterem hingegen ein technischorganisatorisch neues Produktionsverfahren. In der Literatur wird häufig auf das Problem hingewiesen, daß Produkt- und Prozeßinnovationen nicht eindeutig voneinander abgrenzbar seien, da die Produktinnovation der einen Unternehmung von einer anderen als Prozeßinnovation für ihre Produktionstechnologie betrachtet wird.11 Um dieses Problem zu umgehen, wird in dieser Arbeit nur dann von einer Prozeßinnovation gesprochen, wenn die neue Technologie nur vom innovierenden Unternehmen oder von Unternehmen der gleichen Industrie als neue Produktionstechnik eingesetzt wird. Innovationen, die in anderen In- 8 Vgl. Ruttan, V.W., Usher ... , a.a.O., S. 603. 9 Vgl. Maclaurin, R. W., Tue Sequence from Invention to Innovation and its Relation to Economic Growth, in: QJE 67 (1953), S. 105; Jüttner-Kramny, L., Unternehmensgröße ... , a.a.O., S. 16; Kennedy, C., und A.P. Thirlwall, Surveys ... , a.a.O., S. 56; Gerybadze, A., Innovation ... , a.a.O., S. 24; Herdzina, K., Wirtschaftliches Wachstum, Strukturwandel und Wettbewerb, Berlin 1981, S. 86 f.; Bollmann, P., Technischer Fortschritt und wirtschaftlicher Wandel: Eine Gegenüberstellung neoklassischer und evolutorischer Innovationsforschung, Heidelberg 1990, S. 8. 10 Schumpeter hat den Begriff Innovation als Ergebnis des Innovationsprozesses sehr weit gefaßt: "Technologische Veränderungen in der Produktion von Gütern, die schon auf dem Markt sind, die Erschließung neuer Märkte oder neuer Hilfsquellen, Taylorisierung der Arbeit, verbesserte Materialbehandlung, die Einrichtung neuer Geschäftsorganisationen wie etwa von Warenhäusern - kurz, jedes 'Andersmachen' im Gesamtbereich des Wirtschaftslebens -, das alles sind Beispiele dessen, was wir Innovation nennen wollen." Schumpeler, J.A., Konjunkturzyklen ... , a.a.O., S. 91. Vgl. auch ders.,Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung: Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus, 6. Aufl., Berlin 1964, S. 100 f. In der betriebswirtschaftlichen Literatur findet man noch sog. Rollen- oder Sozialinnovationen. Vgl. für einen Überblick Brose, P., Planung, Bewertung und Kontrolle technologischer Innovationen, Berlin 1982, S. 17 ff. Diese hier zusätzlich genannten Innovationsarten sollen jedoch im folgenden nicht näher betrachtet werden. Statt dessen wird der in der volkswirtschaftlichen Literatur üblichen Beschränkung auf Produkt- und Prozeßinnovationen gefolgt. Vgl. Ott, A.E., Technischer Fortschritt, in: Beckerath, E.v., u.a. (Hrsg.), HdSW 10, Stuttgart u.a. 1959, S. 304. 11 Vgl. z.B. Thirtle, C.G., und V.W. Ruttan, The Role of Demand and Supply in the Generation and Diffusion ofTechnical Change, Chur 1987, S.12 Fn. 13; Düttmann, B., Forschungs- ... , a.a.O., S. 20. 15 Unwissenheit. Man spricht auch von Entscheidungen unter Unsicherheit i.S. von Knight oder unter nicht quantifizierbarer Unsicherheit. 29 Die traditionelle Entscheidungstheorie hat sich darauf konzentriert, Entscheidungsregeln für Situationen bei Risiko und Unsicherheit zu entwickeln,30 da diese Arten von Entscheidungssituationen als die am häufigsten vorkommenden angesehen werden.31 Für eine Analyse der Determinanten des Innovationswettbewerbs ist es interessant zu untersuchen, in welche der beschriebenen Entscheidungssituationen die Innovationsentscheidungen einzuordnen sind. Um diese Frage zu beantworten, muß geprüft werden, inwieweit die folgenden Annahmen des Grundmodells der Entscheidungstheorie erfüllt sind:32 (1) Alle Handlungsmöglichkeiten und relevanten Umweltzustände sind bekannt. (2) Die möglichen Ergebnisse sind jeweils eindeutig durch eine Handlung und einen Umweltzustand bestimmt. (3) Diese Ergebnisse können von den Entscheidungsträgern entsprechend ihren Zielvorstellungen einfach geordnet werden. Dabei beinhalten Umweltzustand und gewählte Handlung keinen eigenständigen Wert. (4) Der Entscheidungsträger kennt eine objektive oder subjektive Wahrscheinlichkeitsverteilung bzgl. des Eintretens der möglichen Zustände der Umwelt. (5) Die Umwelt kann vor der Handlung nicht verändert werden. (6) Das Ergebnis erfolgt unmittelbar nach der Entscheidung. Korrekturen nach der Entscheidung und vor Eintritt des Ergebnisses sind folglich nicht mehr möglich. In verschiedenen innovationstheoretischen Beiträgen wird bezweifelt, ob es sich bei Innovationsentscheidungen um Entscheidungen unter Risiko handelt, da insbesondere die An- 29 "The practical difference between the categories, risk and uncertainty, is that in the former the distribution of the outcome in a group of instances is lcnown ... , while in the case of uncertainty this is not true, the reason being in general that it is impossible to form a group of instances, because the situation dealt with is in a high degree unique." Knight, F.H., Risk, Uncertainty and Profit, Chicago 1971, S. 233. Vgl. auch Shaclde, G.L.S., Epistemics and Economics: A Critique of Economic Doctrines, Cambridge 1972, S. 364 ff.; ders., Decision, Order, and Time in Human Affairs, 2. Aufl., Cambridge 1969, S. 47 ff. sowie für weitere Literaturhinweise Langlois, R.N., Rationality, lnstitutions, and Explanations, in: ders. (Hrsg.), Economics as a Process: Essays in the New lnstitutional Economics, Cambridge u.a. 1986, S. 228. 30 Auf eine Darstellung dieser Entscheidungsregeln soll hier verzichtet werden. 31 Vgl. Laux, H., Entscheidungstheorie ... , a.a.O., S. 124. 32 Vgl. Schneeweiß, H., Das Grundmodell ... , a.a.O., S. 127; Dosi, G., und M. Egidi, Substantive and Procedural Uncertainty: An Exploration of Economic Behaviours in Changing Environments, in: JEE 1 (1991), s. 147 f. 16 nahme (l) als verletzt angesehen wird.33 Unstrittig ist, daß Entscheidungen im Rahmen eines Innovationsprozesses, da sie definitionsgemäß immer zu subjektiv und objektiv neuen Informationen führen, singuläre Fälle sind, so daß eine hinreichend häufige Wiederholung, die notwendig ist, um objektive Eintrittswahrscheinlichkeiten für die verschiedenen möglichen Umweltzustände zu ermitteln, nicht möglich ist. Strittig ist hingegen, ob die Entscheidungsträger bei Innovationen subjektive Wahrscheinlichkeitsverteilungen erstellen können. Da Innovationsaktivitäten zu neuen Informationen führen, wird bezweifelt, ob ex ante überhaupt der gesamte Zustandsraum der Umwelt bekannt sein kann. 34 Ist der gesamte Zustandsraum der Umwelt nicht bekannt, kann keine subjektive Wahrscheinlichkeitsverteilung entsprechend Annahme (4) aufgestellt werden, und eine eindeutige Zuordnung der Ergebnisse zu jeweils einer Handlung und einem Umweltzustand gemäß Annahme (2) sowie die Erstellung einer Rangordnung der Ergebnisse entsprechend den Zielvorstellungen des Entscheidungsträgers, wie dies Annahme (3) fordert, wären ebenfalls nicht möglich.35 Das bedeutet, eine strukturierte Entscheidungssituation i.S. des Grundmodells liegt nicht vor. 36 Es wird daher gefolgert, daß es sich hierbei um echte, nicht quantifizierbare Unsicherheit i.S. von Knight handelt und daher die aus dem Grundmodell abgeleiteten Entscheidungsregeln weder als normative Handlungsempfehlung noch als positiver Erklärungsansatz für das Innovationsverhalten von Unternehmen geeignet sind. 33 Vgl. Witt, U., individualistische ... , a.a.O., S. 62 ff.; Mettler, D., Investitionen, Innovation und Unsicherheit: Grundzüge einer kognitiv-evolutionären Investitionstheorie, St. Gallen 1988, S. 103 ff.; Kay, N.M., Tue Innovating Firm: A Behavioural Theory of Corporate R&D, London und Basingstoke 1979, S. 36 ff. 34 Dahinter steckt der Gedanke, daß Innovationsaktivitäten nicht nur Aktivitäten sind, die neue Informationen über mögliche Variationen der Umwelt liefern und damit die Unsicherheit reduzieren, sondern daß diese Informationen auch erst neue mögliche Variationen der Umwelt aufzeigen und damit ex ante die Unsicherheit erhöhen. Vgl. hierzu Kay, N.M., Tue lnnovating ... , a.a.O., S. 36 f.; Dosi, G., Sources, Procedures, and Microeconomic Effects of Innovation, in: JEL 26 (1988), S. 1134; ders., Tue Nature of the Innovative Process, in: ders. u.a. (Hrsg.), Technical Change and Economic Theory, London 1988, S. 222; K.line, S.J., und N. Rosenberg, An Overview ... , a.a.O., S. 294. 35 Bei den Annahmen (5) und (6) ergeben sich keine innovationsspezifischen Probleme. 36 "Experiments (mental or laboratory ones) throw up on occasion previously unthought-of possibilities, that is, states of nature which one cannot in advance describe. No one !hat I know of knows how to incorporate such possibilities into decision theory. • (Hervorhebung im Original) Dasgupta, P., Tue Economic Theory of Technology Policy: An Introduction, in: ders. und Paul Stoneman (Hrsg.), Economic Policy and Technological Performance, Cambridge 1987, S. 9. 17 Dieser Kritik an den Grundlagen der Entscheidungstheorie wird entgegengesetzt, daß Entscheidungssituationen, in denen die Handelnden keinerlei quantifizierbare Wahrscheinlichkeitsvorstellungen über mögliche Ergebnisse haben, nicht denkbar sind und die Berücksichtigung von Unsicherheit i.S. von Knight nur einer modelltheoretischen Analyse von Entscheidungssituationen im Wege steht.37 "Neben der Annahme der völligen, unbeschränkten Voraussicht scheidet aber auch die Annahme aus, es bestünde überhaupt keine Voraussicht, denn das würde gänzliche Anarchie des Verhaltens der Menschen bedeuten, mit der Erfahrung in glattem Widerspruch stehen und die Existenz der Wirtschaft ebenso unmöglich machen wie die der Wirtschaftstheorie." (Hervorhebung im Original)38 Tatsächlich handelt es sich bei Innovationsaktivitäten, wie im vorigen Abschnitt deutlich wurde, um sehr heterogene Handlungen. Es erscheint daher nicht zulässig, grundsätzlich davon auszugehen, daß Entscheidungen im Rahmen von Innovationsprozessen immer durch Unsicherheit i.S. von Knight oder durch Risiko bzw. Unsicherheit i.S. des Grundmodells der Entscheidungstheorie geprägt sind. Realistischer ist es anzunehmen, daß Entscheidungen in der Inventionsphase häufig ohne Kenntnis des gesamten relevanten Zustandsraums getroffen werden müssen. Dagegen verfügen Unternehmen in der Innovationsphase eher über ausreichende Informationen, um alle relevanten Umweltzustände zu kennen und ihnen subjektive Wahrscheinlichkeitswerte zuordnen zu können. Letzteres gilt insbesondere dann, wenn es sich um eine Verbesserungsinnovation handelt, bei der Erfahrungen aus der Vergan- 37 Vgl. Arrow, K.J., Alternative Approaches to the Theory of Choices in Risk-Taking Situations, in: Econometrica 19 (1951), S. 417; Friedman, M., Price Theory: A Provisional Text, Chicago 1976, S. 282; Hirshleifer, J., Investment Interest and Capital, Englewood Cliffs, NJ 1970, S. 215. Vgl. auch Heiner, R.A., Uncertainty, Signal-Detection Experiments, and Modeling Behaviour, in: Langlois, R.N. (Hrsg.), Economics as a Process: Essays in the New Institutional Economics, Cambridge u.a. 1986, S. 59. LeRoy und Singell gehen noch einen Schritt weiter und versuchen zu zeigen, daß auch Knight davon ausgegangen ist, daß Entscheidungsträger zumindest immer subjektiv Wahrscheinlichkeitsvorstellungen haben. Das Ziel von Knight sei ihrer Meinung nach gewesen, den klassischen Unternehmergewinn dadurch zu rechtfertigen, daß Unternehmen unversicherbare Risiken übernehmen. Risiken werden dann nicht versichert, wenn es aus der Sicht der Versicherung nicht möglich ist zu unterscheiden, ob eine leichtfertige Fehlentscheidung zu einem Mißerfolg führte oder ob ein vom Unternehmer nicht beeinflußbarer Umweltzustand eingetreten ist, der als Ursache für das negative Ergebnis angesehen werden muß. Sie kommen daher zu dem Schluß, daß Knight damit als erster versuchte, die Konsequenzen des "moral hazard"-Problems darzustellen. Vgl. LeRoy, S.F., und L.D. Singell Jr., Knight on Risk and Uncertainty, in: JPE 95 (1987), S. 394 ff. Vgl. auch Barzel, Y., Knight's Moral Hazard Theory ofOrganization, in: EI 25 (1987), S. 117 ff. 38 Morgenstern, 0., Vollkommene Voraussicht und wirtschaftliches Gleichgewicht, in: ders., Spieltheorie und Wirtschaftswissenschaft, München und Wien 1963, S. 53 f. Morgenstern bezieht sich in diesem Zitat auf eine Spielsituation, in der die Zustände der Umwelt die möglichen Strategien rationaler Gegenspieler sind. Doch diese Schlußfolgerung gilt auch für Situationen, in denen die relevanten Umweltzustände nicht das Resultat von Strategien anderer Wirtschaftssubjekte sind. 18 genheit wichtige Informationen liefern. In diesem Fall kann man von Entscheidungen unter Risiko bzw. Unsicherheit i.S. des Grundmodells sprechen.39 In der Literatur werden im Zusammenhang mit Innovationsprozessen zwei Arten von Risiken bzw. Unsicherheiten unterschieden:40 (1) Technische Unsicherheiten beziehen sich auf unvorhersehbare Probleme, die das Erreichen gewisser, im voraus bestimmter technischer Standards in einem vorgesehenen Zeit- und Kostenrahmen erschweren oder verhindern. Diese technischen Unsicherheiten sind besonders groß, wenn ein Innovationsprozeß aus einer Vielzahl sequentieller Entscheidungen besteht, die immer wieder eine zeitraubende Informationssuche und -verarbeitung erfordern. (2) Das sog. Marktrisiko tritt im Zusammenhang mit der Markteinführung auf, bei der offen ist, ob sich das neue Produkt im Wettbewerb gegen andere Innovationen oder bereits eingeführte Produkte durchsetzen kann. Abschließend kann gesagt werden, daß Innovationsprozesse durch Entscheidungen geprägt sind, die nicht grundsätzlich in das Grundmodell der Entscheidungstheorie einzuordnen sind, sondern auch häufig - in Abhängigkeit von der Phase des Innovationsprozesses und der Art der Innovation -Entscheidungen bei Unsicherheit i.S. von Knight darstellen. 2. "Spill-overs" und Spezifitäten Unter "spill-overs" versteht man überlicherweise, daß technologisches Wissen, das ein Unternehmen im Zuge von Innovationsprozessen gewonnen hat, auch von konkurrierenden Unternehmen und/oder von Unternehmen anderer Industrien zur Weiterentwicklung ihrer Technologien verwendet werden kann. Innovationen, genauer die mit ihnen verbundenen Informationen, führen in diesen Fällen zu sog. technologischen "spill-overs". 41 Neben diesen technologischen "spill-overs", die auf kostenlosem Transfer von Wissen basieren, treten beim Innovationswettbewerb -ähnlich wie bei anderen Wettbewerbsformen auch -sog. kompetitive oder pekuniäre "spill-overs" auf. Darunter versteht man die 39 Vgl. Kay, N.M., Tue Innovating ... , a.a.O., S. 40; Kline, S.J., und N. Rosenberg, An Overview ... , a.a.O., S. 294. 40 Vgl. Freeman, C., The Economics ... , a.a.O., S. 148 f.; Kamien, M.I., und N.L. Schwartz, Marke!..., a.a.O., S. 109 f. Vgl. auch Monopolkommission, Wettbewerbspolitik vor neuen Herausforderungen, Achtes Hauptgutachten 1988/89, Baden-Baden 1990, S. 343 Tz. 953. 41 Vgl. Arrow, K.J., Economic Welfare ... , a.a.O., S. 614; Kay, N.M., The R&D Function: Corporate Strategy and Structure, in: Dosi, G., u.a. (Hrsg.), Technical Change and Economic Theory, London 1988, S. 282; Dosi, G., Sources ... , a.a.O., S. 1146. Auf die sich hieraus fiir den Innovationswettbewerb ergebenden Implikationen wird in Kapitel 4 Abschnitt II.!. eingegangen. 19 Gewinnveränderungen, die sich für ein Unternehmen aufgrund von innovationsinduzierten Nachfrageänderungen ergeben. 42 Die technologischen "spill-overs" treten im Zusammenhang mit Innovationsprozessen in sehr unterschiedlichem Maße auf, da viele Informationen, die Unternehmen durch ihre innovativen Aktivitäten sammeln, nur von ihnen selbst oder nur von Unternehmen, welche die gleiche Technologie verwenden, genutzt werden können. 43 Im ersten Fall sind die Informationen bzw. der technische Fortschritt unternehmensspezifisch, im zweiten technologiespezifisch. Diese Spezifitäten sind darauf zurückzuführen, daß zur Nutzung des neuen Wissens Fähigkeiten notwendig sind, welche während des Innovationsprozesses und/oder des Produktionsprozesses mit der bisherigen unternehmensspezifischen Technologie gewonnen werden und gar nicht oder nur verbunden mit erheblichen Kosten in andere Unternehmen transferiert werden können. 44 "(I)ndustrial techniques that operate effectively in a given establishment can be transferred to another only with considerable cost, even if the original operator is open and helpful. Efficient operation of complex techniques in many cases is as much a matter of experience with particular products, machinery and organisation, and practice fine-tuned to these through a !arge number of tacit adjustments, as it is of general understanding plus access to 'blueprints' and other documentation. In such cases 'technology transfer' may be as expensive and time consuming as independent R&D. "45 Die Unternehmensspezifität vieler Fähigkeiten hat weitergehende Konsequenzen für die effiziente Gestaltung von Innovationsprozessen. Sie zwingt Unternehmen, bei Innovationen mit anderen Unternehmen zusammenzuarbeiten. Ähnlich der Arbeitsteilung bei der Produk- 42 Vgl. Katz, M.L., und J.A. Ordover, R&D Cooperation and Competition, in: BPEA, Special Jssue, Washington 1990, S. 150 ff. Die Unterscheidung in technologische und kompetitive "spill-overs" entspricht der zwischen realen und pekuniären externen Effekten. Vgl. Buchanan, J.M., und R.L. Faith, Entrepreneurship and the Internalization of Externalities, in: JLE 24 ( 1981 ), S. 102 f. Auf diese beiden Formen von "spill-overs" wird im vierten Kapitel dieser Arbeit noch ausführlich eingegangen. 43 Vgl. Rosenberg, N., Perspectives on Technology, Cambridge u.a. 1976, S. 66; Dosi, G., Sources ... , a.a.O., S. 1130. 44 In der Literatur wird in diesem Zusammenhang immer auf die große Bedeutung von Erfahrungen und Lerneffekten hingewiesen. Vgl. Stiglitz, J.E., Leaming to Learn, Localized Learning und Technological Progress, in: Dasgupta, P., und P. Stoneman (Hrsg.), Economic Policy and Technological Performance, Cambridge u.a. 1987, S. 127 ff.; Rahmeyer, F., Evolutorische Ökonomik, technischer Wandel und sektorales Produktivitätswachstum, Referat auf der Tagung des temporären Arbeitskreises "Evolutorische Ökonomik" des Vereins für Socialpolitik, Freiburg 1990, S. 16. 45 Nelson, R.R., Capitalism as an Engine of Progress, RPol 19 (1990), S. 197. 20 tion können bei Innovationsprozessen Effizienzvorteile durch Wissensteilung erzielt werden. 46 Die Technologiespezifität bestimmter Informationen bewirkt, daß die Weiterentwicklung einer Technologie keinen oder nur einen eingeschränkten Beitrag für die Fortentwicklung anderer Technologien leistet. In der traditionellen Produktionstheorie wurden solche Spezifitäten jedoch vernachlässigt. Man ging davon aus, daß technischer Fortschritt als Ergebnis des Innovationsprozesses immer zu einer Verschiebung der gesamten Produktionsfunktion nach oben bzw. einer Isoquante zum Ursprung hin führt. 47 Will man Technologiespezifitäten einbeziehen, führt dies zu einer Modifikation der Darstellung von technischem Fortschritt. Alle Punkte einer Produktionsfunktion repräsentieren unterschiedliche Produktionstechnologien für die Produktion eines bestimmten Gutes, die durch spezifische Kapitalintensitäten gekennzeichnet sind. Werden nun durch Innovationsprozesse spezifische Informationen gewonnen, so haben diese nur Auswirkungen auf einen Teil der Produktionsfunktion - im Extremfall sogar nur auf einen Punkt - und damit nur auf einen Teil, der durch die Produktionsfunktion repräsentierten Technologien. Man spricht dann von "localized technological progress", 48 der folgendermaßen graphisch veranschaulicht werden kann: 46 Vgl. zur Bedeutung der Wissensteilung Hayek, F.A.v., Economics and Knowledge, in: Economica 4 (1937), s. 47. 47 Vgl. Walter, H., Technischer Fortschritt!: in der Volkswirtschaft, in: Albers, W., u.a. (Hrsg.), HdWW 7, Stuttgart u.a. 1977, S. 569; Ott, A.E., Technischer ... , a.a.O., S. 303. 48 Vgl. Atkinson, A.B., und J.E. Stiglitz, A New View of Technological Change, in: EJ 79 (1969), S. 573 ff.; Stiglitz, J.E., Leaming ... , a.a.O., S. 127 ff.; Verspagen, B., Localized Technological Change, Factor Substitution and the Productivity Slowdown, in: Freeman, C., und L. Soete (Hrsg.), Explorations in the Economics ofTechnological Change, London und New York 1990, S. 193 ff. 21 Abbildung 2: "Localized Technological Progress" a) Kapital c) Kapital 1 \- \ \ ' ' ' ' ' 1 l-B 1 1 ,j ' A "--.::- Arbeit -- ....... .::_ .... c __ _ Arbeit Quelle: Stiglitz, J. E., Leaming ... , a.a.O., S. 128 f. b) Kapital B 1 1 1 1 A 1"' '-= -- - C ·---- Arbeit In Abb. 2a liegen keinerlei Spezifitäten vor, sondern alle relevanten Technologien profitieren in gleicher Weise durch technologische "spill-overs" von den neuen Technologien. Das andere Extrem ist in Abb. 2b dargestellt. Nur die Technologie A produziert nach dem erfolgreichen Innovationsprozeß insofern effizienter, als für einen bestimmten Output weniger Produktionsfaktoren eingesetzt werden müssen, wogegen die Technologien B und C bzw. ihre Anwender davon nicht profitieren. Man spricht dabei auch von "strong localized technological change". In Abb. 2c ist der in der Realität wohl häufigste Fall veranschau- 22 licht. Die benachbarten Technologien B und C werden durch begrenzte "spill-overs" ebenfalls -wenn auch nicht in gleichem Maße - von dem "localized technological progress" beeinflußt. Entsprechend wird auch der Begriff "weak localized technological change" verwendet. 49 Die Spezifität bestimmter Innovationen führt zu dem häufig beobachteten Phänomen, daß die Entscheidung für eine bestimmte Technologie nicht mehr reversibel ist, da die Weiterentwicklung dieser Technologie konkurrierende Technologien unberührt gelassen hat und jene dadurch hinsichtlich des relevanten technischen Problems aussichtslos ins Hintertreffen geraten sind. Will man die Entscheidungssituation nach diesen Weiterentwicklungen beurteilen, ist daher der historische Ablauf der bisherigen technischen Entwicklung von größter Bedeutung. Eine Analyse der Determinanten des Innovationswettbewerbs kommt aus diesem Grund nicht umhin, mit dem sog. "Konzept der historischen Zeit" zu arbeiten.SO Die Problematik der traditionellen Darstellung des technischen Fortschritts und der damit verbundenen Vernachlässigung von Spezifitäten kann auch mit Hilfe der in Abb. 1 dargestellten Technologiemengen deutlich gemacht werden. Die Zeichnung und Verschiebung einer Isoquante, wie in Abb. 2a dargestellt, implizieren, daß die gesamten mit dem gegenwärtigen technischen Wissen theoretisch möglichen Produktionstechnologien bekannt sind und von den durch Innovationsprozesse gewonnenen neuen Informationen gleichermaßen beeinflußt werden. Eine solche Wirkung ist aber nur bei grundlegend neuem techologischen Wissen denkbar, wie es durch die oben erläuterte Forschung gewonnen wird; denn nur bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen erscheint es realistisch, daß sehr verschiedene Technologien gleichermaßen betroffen sind. Die Informationen der anderen Phasen des Innovationsprozesses, bei denen i.d.R. von zumindest partiellen Spezifitäten ausgegangen werden muß, werden dann aber vernachlässigt. Die traditionelle Analyse des technischen Fortschritts hat sich also primär mit den Wirkungen der Veränderungen der Technologiemenge M1 befaßt. Kleinere Verbesserungsinnovationen, die nicht unmittelbar auf neuen 49 Vgl. Verspagen, B., Localized ... , a.a.O., S. 196 f. 50 Vgl. Atlcinson, A.B., und J.E. Stiglitz, A New ... , a.a.O., S. 577. Das Gegenstück zur historischen Zeit ist die reversible Zeit, bei der die Richtung des Zeitablaufs keine Rolle spielt. Sie wird üblicherweise mit Hilfe von Differenzen- und Differentialgleichungen modelltheoretisch erfaßt. Vgl. hierzu Kühne, K., Evolutionsökonomie: Grundlagen der Nationalökonomie und Realtheorie der Geldwirtschaft, Stuttgart und New York 1982, S. 26; Boulding, K.E., Evolutionary Economics, Beverly Hills und London 1981, S. 84. Vgl. auch Witt, U., Individualistische ... , a.a.O., S. 10; Metcalfe, S., Evolution and Economic Change, in: Silberston, A. (Hrsg.), Technology and Economic Progress, London 1989, S. 57; Tunzelmann, G.N.v., Cliometrics and Technology, in: SCED 1 (1990), S. 291 ff. Vgl. auch die Ausführungen in Kapitel 3 Abschnitt III. 1. 23 Erkenntnissen der Forschung basieren und zu Veränderungen der Technologiemengen M2 oder M3 in Abb. 1 führen, werden infolgedessen nicht näher analysiert.SI m. Zusammenfas.fflng Ausgangspunkt dieses Kapitels war der Innovationsprozeß, welcher in der gängigen Literatur in die Inventions-, Innovations- und Diffusionsphase eingeteilt wird. Die Aktivitäten und Ergebnisse jeder dieser Phasen wurden ausführlich dargestellt. Die Inventionsphase beinhaltet F&E-Aktivitäten, die zu objektiv neuen Informationen führen, aber für eine kommerzielle Nutzung im Wettbewerbsprozeß noch nicht reif sind. In der Innovationsphase werden weitere objektiv neue Informationen gewonnen, die für eine erfolgreiche Markteinführung im Falle einer Produktinnovation bzw. für die breit angelegte Verwendung in der Produktion bei Prozeßinnovationen notwendig sind. Die mit der Verbreitung einer Innovation verbundenen Aktivitäten werden in der Diffusionsphase zusammengefaßt. Innovation und Diffusion führen zusammen zu technischem Fortschritt bzw. Wandel. Selbstverständlich vereinfacht eine solche Phaseneinteilung stark, da sie insbesondere Interdependenzen zwischen verschiedenen Innovationsprozessen sowie Rückkopplungseffekte zwischen den einzelnen Phasen unberücksichtigt läßt. Im zweiten Teil dieses Kapitels wurde versucht, einige spezifische Eigenschaften des Innovationsprozesses aufzuzeigen. Dabei wurde zum einen deutlich, daß die Entscheidungssituationen im Rahmen von Innovationsprozessen nicht generell im Rahmen der traditionellen Entscheidungstheorie erfaßt werden können. Insbesondere im Forschungsbereich oder bei grundlegenden Innovationen müssen häufig Entscheidungen unter Unsicherheit i.S. von Knight getroffen werden. Zum anderen wurde darauf aufmerksam gemacht, daß bei Innovationsprozessen Informationen gewonnen werden, die durch "spill-overs" auch andere Innovationsprozesse beeinflussen bzw. erst ermöglichen. Gleichzeitig wurde jedoch auch betont, daß viele Informationen nur für ganz bestimmte Technologien bzw. Unternehmen von Nutzen sind. Dieser mit dem Begriff "Spezifität" erfaßte Sachverhalt hat grundlegende Implikationen für eine Darstellung des technischen Fortschritts durch eine Verschiebung der Produktionsfunktion. Es zeigte sich, daß das Verhalten von Unternehmen im Innovationswettbewerb nur unter der Berücksichtigung historischer Zeitabläufe verstanden werden kann. 51 Vgl. Rosenberg, N., Perspectives ... , a.a.O., S. 64 ff. 24 2. Kapitel: Die Diskussion um die Determinanten des technischen Fortschritts Nach den grundlegenden Bemerkungen des ersten Kapitels zum Innovationsprozeß sollen im folgenden wichtige Stationen bei der Diskussion um die Determinanten des technischen Fortschritts aufgezeigt werden. Dabei werden verschiedene Ansätze daraufhin überprüft, ob sie Aussagen enthalten, die das Verständnis des Innovationswettbewerbs verbessern bzw. bei einer Analyse des Verhaltens von Unternehmen im Innovationswettbewerb zu berücksichtigen sind. Zunächst werden die primär makroökonomischen Ansätze besprochen, die sich um eine Endogenisierung des technischen Fortschritts in ökonomische Modelle bemühen. Anschließend folgen die mikroökonomischen Arbeiten, die heute die theoretische und empirische Innovationsforschung dominieren. I. Erklärungsansätze aus der Wachstumstheoriel In einer bekannten Untersuchung über die Determinanten des Wachstums in den USA der Jahre 1909 bis 1949 hatte Solow festgestellt, daß "(g)ross output per man hour doubled over the (time, Anm. d. V.)interval, with 87,5 per cent of the increase attributable to technical change and the remaining 12,5 per cent to increased use of capital. "2 Es kann nicht überraschen, daß dieses Ergebnis eine intensive ökonomische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des technischen Fortschritts nach sich zog. Sie stand in den 1 Für gute Überblicksarbeiten, auf die sich auch die folgenden Ausführungen zur Wachstumstheorie stützen, vgl. Jaeger, K., Die analytische Integration des technischen Fortschritts in die Wirtschaftstheorie. in: Bombach, G., u.a. (Hrsg.), Technologischer Wandel: Analyse und Fakten, Tübingen 1986, S. 111 ff.; Herdzina, K., Wirtschaftliches Wachstum, Strukturwandel und Wettbewerb, Berlin 1981, S. 64 ff.; Walter, H., Der technische Fortschritt in der neueren ökonomischen Theorie: Versuch einer Systematik, Berlin 1969; Turtle, C.G., und V.W. Ruttan, The Role of Demand and Supply in the Generation and Diffusion of Technical Change, Chur 1987, S. 11 ff.; Binswanger, H.P., Induced Technical Change: Evolution of Thought, in: ders. und V.W. Ruttan (Hrsg.), Induced Innovation: Technology, Jnstitutions, and Development, Baltimore und London 1978, S. 13 ff. 2 Solow, R.M., Technical Change and the Aggregate Production Function, in: RES! 39 (1957), S. 320. Vgl. für ähnliche Ergebnisse auch Abramovitz, M., Resource and Output Trends in the United States since 1870, in: AER 46 (1956), S. 5 ff.; Kendrick, J.W., Productivity Trends in the United States, Princeton 1961; Denison, E.F., Accounting for Slower Economic Growth: Tue United States in the 1970s, Washington, D.C. 1979, S. 104. Vgl. auch Jorgenson D.W., und Z. Griliches, The Explanation of Productivity Change, in: RES 34 (1967), S. 249 ff. Für einen Überblick vgl. Link, A.N., Technological Change and Productivity Growth, Harwood 1987; Herb, F., Marktwirtschaftliche Innovationspolitik, Frankfurt a.M. 1988, S. 26 ff. Der in diesem Zitat von Solow auf den technischen Fortschritt zurückgeführte Wachstumsanteil ist streng genommen nur ein unerklärtes Residuum, dessen Existenz nicht mit der Vermehrung der Faktorinputs erklärt werden kann. Über die Arten und das Entstehen der hinter diesem Residuum steckenden produktivitätssteigemden Innovationen ist damit jedoch noch keine Aussage gemacht. 31 Im vorhergehenden Modell wählt ein Unternehmen aus einer gegebenen Menge von Innovationen die stückkostenminimierende Alternative aus. Der hieraus resultierende technische Fortschritt ist ungebunden und verursacht keine Kosten.17 Diese Sichtweise impliziert aber, daß über den Innovationsprozeß bzw. über die Herkunft der IPF keinerlei Aussagen gemacht werden. Dem Unternehmen sind darüber hinaus vor seiner Innovationsentscheidung alle Möglichkeiten sowie deren Auswirkungen bekannt. Die mit Innovationen verbundenen Unsicherheiten sind dadurch aus dem Modell ausgeklammert. Ähnlich verhält es sich mit den Spezifitäten bei Innovationsprozessen. Wurde beispielsweise die Innovation, die in Abb. 3 mit a1 und b1 gekennzeichnet ist, realisiert, hat dies keine Auswirkungen auf die Wahlmöglichkeiten der folgenden Periode. Verschiebungen bzw. Veränderungen der Form der IPF finden im Zeitverlauf nicht statt. Dies bedeutet, einmal gewählte Innovationen werden nicht weiterentwickelt, statt dessen können in jeder Zeitperiode die Unternehmen erneut aus einem "Buch von Blaupausen" entsprechend der Entwicklung ihrer Faktorkostenanteile Innovationen auswählen, deren faktorsparende Eigenschaften sich nicht verändern. Die Berücksichtigung von historischer Zeit ist in Kennedys Modell nicht vorhanden. Ein solcher Ansatz kann kaum als befriedigende theoretische Darstellung des Innovationsverhaltens eines sich im Wettbewerb befindlichen Unternehmens betrachtet werden.18 Drastisch formuliert Nordhaus die Kritik: 19 "(T)he microeconomic framework ... is one in which a book of new blueprints falls from the sky every period -the new techniques given according to the IPC (IPC = IPF, Anm. d. V.) -and the entrepreneur chooses the best technique. In this case it would be quite misleading to say that technical change is induced. Rather, the IPC gives the technical possibilities at a point of time. The model is then just a disguised version of the neoclassical model with exogeneous technical change." Das Kennedy-Modell ist eigentlich nur eine modelltheoretische Erklärung dafür, warum es aus Sicht gewinnmaximierender Unternehmen rational ist, den Schwerpunkt der Innovationsbemühungen auf kostenträchtige Engpaßbereiche im Produktionsbereich zu Je- 17 In anderen Ansätzen findet sich die Annahme eines exogen vorgegebenen F&E-Budgets. Dies bedeutet aber, daß mit steigendem Output die F&E-Stückkosten sinken und sich somit eine Tendenz zur Veränderung der Unternehmens- und Industriestruktur im Zuge des technischen Fortschritts ergeben sollte. Eine solche Entwicklung steht jedoch im Widerspruch zur Annahme der vollständigen Konkurrenz, die ebenfalls den Ansätzen des faktoreinkommensinduzierten technischen Fortschritts zugrunde liegt. Vgl. Nordhaus, W.D., Invention, Growth and Welfare, Cambridge, Mass. 1969, S. 109 ff. Die Notwendigkeit, die Unternehmens- und Industriestruktur in einer Analyse des technischen Fortschritts miteinzubeziehen, wird hier besonders deutlich. 18 Vgl. Elster, J., Explaining ... , a.a.O., S. 105; Nordhaus, W.D., Some Skeptical Thoughts on the Theory of Induced Innovation, in: QJE 87 (1973), S.210 ff.; ders., Invention ... , a.a.O., S. 93 ff.; Scott, M.F., A New View of Economic Growth, Oxford 1989, S. 121 ff.; Walter, H., Der technische ... , a.a.0., S. 196 u. 202 f.; Stoneman, P., The Economic Analysis ofTechnological Change, New York 1983, S. 54 f. 19 Nordhaus, W.D., Invention ... , a.a.O., S. 113. 32 gen, und nicht wie Salters Argument impliziert, allgemein nach kostenreduzierenden Innovationen zu suchen. Es ist allerdings anzumerken, daß es primäres Forschungsziel der Ansätze des faktoreinkommensinduzierten technischen Fortschritts war, die empirisch festgestellte langfristige Konstanz der Faktoranteile verknüpft mit einer Tendenz zum arbeitssparenden technischen Fortschritt ökonomisch zu erklären und in Wachstumsmodellen theoretisch darzustellen. Diese Zielsetzung muß eine Kritik an der unbefriedigenden und für die Zwecke dieser Arbeit kaum brauchbaren mikroökonomischen Fundierung dieser Modelle berücksichtigen. Die IPF wurde von Frey20 noch in einem anderen interessanten Zusammenhang verwendet. Ausgangspunkt der Überlegungen ist, daß bei Gültigkeit des Engelsehen Gesetzes in einer wachsenden Volkswirtschaft für die eingeführten, d.h. für die gehandelten, Konsumgüter die Einkommenselastizität sinkt und bei einem Wert kleiner als eins Stagnationstendenzen auftreten. Um aber dennoch einen gleichgewichtigen Wachstumspfad zu erreichen, ist es notwendig, daß die Spar- bzw. die Konsumquote konstant ist. Dies kann nur erreicht werden, wenn durch Produktinnovationen21 neue Nachfragepotentiale erschlossen werden und dadurch die Konsumquote konstant gehalten wird. Die Realisierung von Produktinnovationen bedeutet in dem Modell von Frey aber einen Verzicht auf Prozeßinnovationen. Dieser "trade ofr• wird ebenfalls mit einer IPF dargestellt, nur ist sie nun der geometrische Ort aller in einer Volkswirtschaft realisierbaren Kombinationen von Produkt- und Prozeßinnovationsraten. Welche Kombination gewählt wird, hängt nun von den Sättigungstendenzen bei den schon auf den Märkten befindlichen Konsumgütern ab, mithin also von der Höhe der Einkommenselastizität. Auf die wachstumstheoretischen Implikationen dieses Modells soll nicht näher eingegangen werden. Für eine mikroökonomische Analyse bleibt der wichtige Hinweis, daß für die Entscheidung, welche Art von Innovation in welchem Ausmaß realisiert wird, die Nachfrageseite von Bedeutung ist. Die Eingrenzung der Nachfrageeinflüsse auf Produktinnovationen via sich verändernder Einkommenselastizitäten ist jedoch zu restriktiv. Auch bei Innovatio- 20 Vgl. Frey, B.S., Product and Process Innovations in Economic Growth, in: ZtN 29 (1969), S. 29 ff. Vgl. auch McCain, R.A., Induced Bias in Technological Innovation Including Product Innovation in a Model of Economic Growth, in: EJ 84 (1974), S. 959 ff.; Falkinger, J., Unklare Wünsche -schwieriges Wachstum: Produktinnovationen und Wachstum bei unbestimmten Präferenz.en, in: JbfSoz 38 (1987), S. 147 ff. 21 Hierunter fallen in dem Modell von Frey nur neue Konsumgüter. Vgl. Frey, B.S., Product..., a.a.O., S. 30. 33 nen im produktionstechnologischen Bereich spielen Vorstellungen der Nachfrager eine Rolle, wobei man sich beim Informationsaustausch einer Vielzahl von Marktsignalen und Institutionen bedient. Auf diese Aspekte wird noch verschiedentlich zurückzukommen sein. Für die Verwendung einer modifizierten IPF gelten selbstverständlich die gleichen Kritikpunkte, die bereits im Zusammenhang mit dem Modell von Kennedy genannt wurden. 2. Investitionsinduzierter technischer Fortschritt Im Gegensatz zu den oben angesprochenen Ansätzen, die sich mit den Determinanten der Richtung und der Art des technischen Fortschritts auseinandersetzen, versuchen Kaldor 22 und Arrow23 die Intensität des technischen Fortschritts zu erklären. Eine zentrale Rolle spielen in ihren Modellen die Investitionsaktivitäten in einer Volkswirtschaft. Sie sind vor allem als Reaktion auf die neoklassischen Wachstumsmodelle mit kapitalgebundenem technischen Fortschritt zu verstehen. Ausgangspunkt der Überlegungen Kaldors ist seine Kritik an der Verwendung einer Produktionsfunktion in den neoklassischen Wachstumsmodellen; denn er hielt technischen Fortschritt und Kapitalakkumulation für so eng miteinander verbunden, daß eine empirische Trennung der Bewegungen auf der Produktionsfunktion und Verschiebungen der Produktionsfunktion nicht möglich sei.24 Kaldor hat daher die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion durch eine sog. "technical progress function" (TPF) ersetzt: 25 "(I)nstead of assuming that some given rate of increase in productivity is attributable to technical progress which is superimposed, so to speak, on the growth of productivity attributable to capital accumulation, we shall postulate a single relationship between the growth of capital and the growth of productivity which incorporates the influence of both factors." 22 Vgl. Kaldor, N., A Model of Economic Growth, in: EJ 67 (1957), S. 591 ff.; den;., Economic Growth and the Problem oflnflation: Part I u. Part II, in: Economica 26 (1959), S. 212 ff. u. 287 ff.; ders., Capital Accumulation and Economic Growth, in: Lutz, F.A., und D.C. Hague (Hn;g.), The Theory of Capital, London und New York 1961, S. 177 ff.; den;. und J.A. Mirrlees, A New Model ofEconomic Growth, in: RESt 29 (1962), S. 174 ff. 23 Vgl. Arrow, K.J., The Economic Implications ofLeaming by Doing, in: RES 29 (1962), S. 155 ff. 24 Vgl. Kaldor, N., A Model ... , a.a.O., S. 596; den;., Economic Growth ... Part!, a.a.O., S. 220 f. 25 Kaldor, N., A Model..., a.a.O., S. 596. Die TPF erfuhr in einem späteren Modell von Ka/dor und Mirrless eine Modifikation dahingehend, daß die Wachstumsrate der Produktivität der an neu installierten Anlagen beschäftigten Arbeiter in Abhängigkeit von der Wachstumsrate der Bruttoinvestitionen je Arbeiter dargestellt wird. Dadurch sollte noch deutlicher als im bisherigen Modell berücksichtigt werden, daß technischer Fortschritt durch die neu produzierten Maschinen in eine Vollcswirtschaft einfließt. Vgl. Kaldor, N., und J.A. Mirrless, A New Modell ... , a.a.O., S. 174 u. 176. 34 Die TPF setzt das Wachstum der Arbeitsproduktivität (wT) in Beziehung zum Wachstum der Kapitalintensität (wK/A)- Abbildung 4: Die "Tecbnical Progress Function" w T Im Zusammenhang mit der TPF sind einige wichtige Eigenschaften näher zu erläutern: (1) Sie hat einen positiven Ordinatenabschnitt; dies impliziert, daß auch bei keiner Investitionstätigkeit ein bestimmtes Maß an technischem Fortschritt in einer Volkswirtschaft realisiert wird. Es handelt sich hierbei, ähnlich wie bei den neoklassischen Wachstumsmodellen, um einen exogenen, nicht näher erläuterten technischen Fortschritt, der nicht kapitalgebunden ist. 26 (2) Das Wachstum der Arbeitsproduktivität nimmt bei steigender Kapitalintensität mit abnehmender Rate zu. Auf der Basis eines exogenen, nicht näher erklärten, im Zeitablauf konstanten Ideenstromes verwirklicht eine Volkswirtschaft durch die Investitionen in Sachkapital technischen Fortschritt. 27 Die Höhe der Investitionstätigkeit in einer Periode entscheidet, wieviel der neuen Ideen aufgegriffen werden und zu Produktivitätssteigerungen führen. 28 Die Steigung der TPF " ... reflect(s) ... the increasing organisational, etc., difficulties imposed by faster rates of technical change. "29 Darüber hinaus wäre als Begründung 26 Vgl. Kaldor, N., A Model. .. , a.a.O.,.S. 596. 27 Vgl. Kaldor, N., A Model..., a.a.O., S. 596. 28 Auf die Frage nach den Bestimmungsgründen der hier entscheidenden Investitionstätigkeit braucht im Zusammenhang mit dem Problem, ob und in welcher Form ökonomische Größen die Innovationstätigkeit bestimmen, nicht eingegangen werden. Vgl. Walter, H., Der technische ... , a.a.O., S. 210. 29 Kaldor, N., A Model..., a.a.O., S. 596. 35 der abnehmenden Steigung der TPF auch vorstellbar, daß mit zunehmendem Kapitalintensitätswachstum in einer Periode auch ein größerer Teil der produktivitätsteigernden Ideen für Innovationen genutzt wird. Sind diese Ideen heterogen in dem Sinne, daß sie in unterschiedlichem Maße produktivitätssteigernde Wirkungen haben, liegt es nahe, daß bei einer Beschleunigung des Kapitalintensitätswachstums auch auf Ideen bzw. Inventionen zurückgegriffen wird, deren Produktivitätseffekte nur gering sind.30 (3) Die Lage und der Verlauf der TPF hängen von dem sog. "technical dynamism" einer Gesellschaft ab. Hierunter versteht Kaldor die Bereitschaft der Unternehmer einer Gesellschaft, neue Ideen umzusetzen und die damit verbundenen Risiken zu tragen.31 Die Bedeutung dieser Faktoren wird seiner Ansicht nach besonders an den relativ geringen Wachstumsraten der Volkswirtschaften sichtbar, in denen die Investitionsintensität staatlich beeinflußt wird. Trotz hoher Wachstumsraten der Kapitalintensität ist das Produktivitätswachstum der Arbeit vergleichsweise schwach.32 Eine genauere Auseinandersetzung mit diesen Faktoren findet sich in Kaldors Arbeit jedoch nicht. In einer Würdigung der im Zusammenhang mit der TPF gemachten Aussagen Kaldors zu den Determinanten des technischen Fortschritts muß die wachstumstheoretische Ausrichtung seiner Arbeit berücksichtigt werden. Kaldors Ziel war es zu zeigen, daß auch ein Wachstumsmodell ohne eine gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion auskommt und dennoch aufgrund ökonomischer Mechanismen zu einem langfristigen Gleichgewichtswachstum tendiert. In diesem Kontext ist verständlich, daß keine Aussagen zur Entstehung des Ideenstromes gemacht werden, obwohl sie für das mikroökonomische Verständnis des Innovationswettbewerbs notwendig wären. Allerdings finden sich zwei Aspekte in Kaldors Arbeiten, die für den weiteren Gang der Untersuchung von Bedeutung sind. Zum einen ist die enge Verknüpfung von Innovation und Investition grundlegend, um die unterschiedlichen Intensitäten des Innovationswettbewerbs in den verschiedenen Industrien und die differierenden Rollen von Unternehmen im Innovationswettbewerb zu verstehen. Zum anderen macht Kaldor mit dem Begriff des "technological dynamism" deutlich, daß ohne die Kenntnis der Geschichte einer Gesellschaft eine Erklärung ihres Wachstums nicht möglich ist. Analoges gilt selbstverständlich auch für ein Unternehmen, dessen 30 Vgl. Wan, H.Y. Jr., Economic Growth, New York u.a. 1971, S. 87. 31 Vgl. Kaldor, N., A Model..., a.a.0., S. 599 f.; ders., Economic Growth ... Part!, a.a.O., S. 222; ders., Capital Accumulation ... , a.a.O., S. 208. 32 Vgl. Kaldor, N., Economic Growth ... Part II, a.a.O., S. 297. 36 Innovationsverhalten ohne die Erfolge und Mißerfolge der Vergangenheit nicht eindeutig erklärt werden kann. Walter bemerkt hierzu:33 "Er (der "technological dynamism", Anm. d. V.) ist eine Umschreibung für die Bedeutung, die die historische Vergangenheit einer Volkswirtschaft für die Erklärung der jeweiligen aktuellen Situation besitzt. Man könnte auch sagen, daß Kaldor mit der Verwendung dieses Begriffes die Tatsache zu artikulieren versucht, daß die Erklärung konkreter Situationen und Abläufe in einer Welt ständiger Veränderungen, d.h. eine dynamische Analyse im wirklichen Wortsinne einen Regreß auf die chronologische Kalenderzeit mit expliziter Berücksichtigung der Anfangsbedingungen erfordert. . .. Es ist Kaldors Verdienst, auf diese fehlende historische Basis der meisten theoretischen Erklärungsversuche hingewiesen zu haben(.)" Neben diesen wichtigen Hinweisen finden sich bei Kaldor auch Andeutungen, daß Lerneffekte ebenfalls zur Erklärung der Produktivitätsentwicklung in einer Volkswirtschaft beitragen können. 34 Dieser Punkt steht im Zentrum des wachstumstheoretischen Ansatzes von Arrow, dem die folgenden Ausführungen gelten. Der Ausgangspunkt von Arrows Überlegungen ist die Unzufriedenheit mit der eingangs beschriebenen exogenen Erklärung des technischen Fortschritts in den neoklassischen Wachstumsmodellen.35 Neues technisches Wissen, das die Grundlage für Verschiebungen der Produktionsfunktion ist, versucht er, als Ergebnis ökonomischer Aktivitäten endogen zu erklären. Auf der Grundlage verschiedener Untersuchungen36, die Produktivitätssteigerungen des Faktors Arbeit auf kumulative Erfahrungen bzw. Lerneffekte zurückführen, formuliert Arrow die Hypothese, " ... that technical change in general can be ascribed to experience, that it is the very activity of production which gives rise to problems for which favorable responses are selected over time. "37 Arrow stellt in seinem Wachstumsmodell die Erfahrungen allerdings nicht als Ergebnis der über die vergangenen Perioden kumulierten Produktion dar, sondern wählt die kumulierten 33 Walter, H., Der technische ... , a.a.O., S. 219 f. 34 "II is possible that in addition to 'embodied' technical progress there is some 'disembodied' technical progress as weil, resulting from increasing know-how in the use of existing machinery." Kaldor, N., A New Model..., a.a.O., S. 176 Fn. 1. 35 Vgl. Arrow, K.J., Tue Economic ... , a.a.O., S. 155. 36 Vgl. für einen kurzen Überblick Kennedy, C., und A.P. Thirlwall, Surveys in Applied Economics: Technical Progress, in: EJ 82 (1972), S. 38 f. 37 Arrow, K.J., Tue Economic ... , a.a.O., S. 156. Die durch Produktionserfahrungen ausgelösten Lerneffekte weisen abnehmende Skalenerträge auf. Vgl. hierzu ders., Tue Economic ... , a.a.O., S. 155. 37 Bruttoinvestitionen der Vergangenheit als Index für die Produktionserfahrungen in einer Volkswirtschaft.38 Dies ist insofern konsequent, da es ansonsten auch in einer stationären Volkswirtschaft trotz des Fehlens jeglicher Veränderungen der Produktionsverfahren permanent zu "leaming-by-doing" und infolgedessen zu Produktivitätssteigerungen kommen würde. Ein solcher Ansatz wäre jedoch unrealistisch. Wirklichkeitsnäher ist es, davon auszugehen, daß im Zuge von Investitionen vergangene Erfahrungen und hieraus resultierendes technisches Wissen in die neuen Produktionsanlagen einfließen. Die neuen Produktionsanlagen geben dann wieder neue Ansatzpunkte für Erfahrungen.39 In dem Modell von Arrow können drei Investitionseffekte unterschieden werden. Investitionen führen zu einer Steigerung der Produktionskapazität in einer Volkswirtschaft, verkörpern das neueste technische Wissen und sind Auslöser für Lerneffekte, die produktivitätssteigerndes, neues technisches Wissen liefern, das wiederum im Rahmen zukünftiger Investitionen realisiert wird. 40 Doch hieraus ergibt sich für Arrow ein wohlfahrtstheoretisches Problem. Er zeigt, daß bei vollständiger Konkurrenz - wie sie in makroökonomischen Modellen der Wachstumstheorie unterstellt wird -die Investoren nicht alle Erträge ihrer Investitionen internalisieren können; denn durch Investitionen wird neues technisches Wissen "produziert", von dem zukünftige Investoren profitieren werden, ohne daß sie hierfür einen Preis zu entrichten haben. Die Folge ist, daß der Anreiz zur Investition durch die Wettbewerbssituation, in der das investierende Unternehmen steht, gesenkt wird.41 Wichtiger als die wohlfahrtstheoretischen Implikationen ist der damit verbundene Hinweis auf die Bedeutung der mikroökonomischen Strukturen für die Intensität des technischen Fortschritts. Arrows Überlegungen zum Investitionsverhalten der Unternehmen unterstellen ein Wettbewerbsverständnis, nach dem Wettbewerb eine dynamische Abfolge von Vorstoß- und Verfolgungsaktionen der einzelnen Unternehmen darstellt. 42 Ein Unternehmen investiert und realisiert hierdurch das neueste technische Wissen. Seine Konkur- 38 Ähnlich wie Kaldor berücksichtigt damit Arrow die historische Zeit bzw. die Vergangenheit. Vgl. hierzu Walter, H., Der technische ... , a.a.O., S. 222 f. 39 "Each new rnachine produced and pul into use is capable of changing the environment in which production takes place, so that learning is taking place with continually new stimuli. This at least makes plausible the possibility of continued learning in the sense, here, of a steady rate of growth in productivity. • Arrow, K.J., Tue Economic ... , a.a.0., S. 157. 40 Vgl. Wan, H.Y. Jr., Economic ... , a.a.O., S. 228; Walter, H., Der technische ... , a.a.O., S. 225; Herdzina, K., Wirtschaftliches ... , a.a.0., S. 67. 41 Vgl. Arrow, K.J., The Economic ... , a.a.O., S. 168 ff. Für eine ausführlichere Diskussion dieses Modellergebnisses vgl. Walter, H., Der technische ... , a.a.O., S. 228 ff. 42 Vgl. hierzu Schmidt, 1., US-amerikanische und deutsche Wettbewerbspolitik gegenüber Marktmacht: Eine vergleichende Untersuchung und kritische Analyse der Rechtsprechung gegenüber Tatbeständen des externen und internen Unternehmenswachstums sowie des Behinderungswettbewerbs, Berlin 1973, S. 27 f. 38 renten werden durch den Produktivitätsvorsprung des Investors ihrerseits ebenfalls Investitionen ins Auge fassen. Dabei profitieren sie von den Erfahrungen des Investors und können durch ihre Investitionen dessen Vorsprungsgewinne erodieren bzw. sogar ihrerseits einen Wettbewerbsvorsprung realisieren.43 Trotz dieses indirekten Hinweises auf die Notwendigkeit einer mikroökonomischen Analyse des technischen Fortschritts und der Integration von Lerneffekten kann Arrows Modell im Hinblick auf eine einzelwirtschaftliche Erklärung von technischem Fortschritt nicht befriedigen. Unklar bleibt bei Arrow, wie der durch Lerneffekte ausgelöste Innovationsprozeß abläuft. Innovationskosten und -risiken erscheinen in seinem Modell -übrigens genauso wie bei Kaldor -nicht. 44 Ebenfalls problematisch ist sein Verständnis des technischen Wissens. Es hat bei ihm den Charakter eines öffentlichen Gutes bzw. eines Buches voller Blaupausen, auf das jeder Unternehmer in gleicher Weise zurückgreifen kann und das im Gefolge von Investitionen permanent erweitert wird. 45 3. Forschungsinduzierter technischer Fortschritt Die Antworten der bisher besprochenen Modelle auf die Frage nach den Determinanten der Intensität des technischen Fortschritts konnten u.a. deswegen nicht überzeugen, weil technischer Fortschritt nur als ein Nebenprodukt der Investitionstätigkeit aufgefaßt wurde und bei Kaldor darüber hinaus unklar blieb, woher das technische Wissen für die Innovationen kommt. Die TPF ist wie die IPF exogen vorgegeben. Diese Ansätze ließen außer acht, daß es in vielen Fällen zur Erzielung von technischem Fortschritt notwendig ist, spezifische Ressourcen einzusetzen. Die Wachstumsmodelle mit forschungsinduziertem technischen Fortschritt versuchten, diese Kritik zu vermeiden. 46 43 Vgl. Walter, H., Der technische ... , a.a.O., S. 226 f. Vgl. auch Herdzina, K., Wirtschaftliches ... , a.a.O., s. 68 f. 44 Vgl. Herdzina, K., Wirtschaftliches ... , a.a.O., S. 67; Bauer, C., Ansätze zu einer mikroökonomischen Theorie des technischen Fortschritts, in: Bombach, G., und N. Blattner (Hrsg.), Technischer Fortschritt: Kritische Beurteilung von Meß- und Prognosekonzepten, Göttingen 1976, S. 371. 45 Vgl. Blattner, N., Die Theorie des wirtschaftlichen Wachstums als Ausgangspunkt einer wirtschaftspolitisch relevanten Untersuchung des technischen Fortschritts, in: Bombach, G., und N. Blattner (Hrsg.), Technischer Fortschritt: Kritische Beurteilung von Meß- und Prognosekonzepten, Göttingen 1976, s. 353. 46 Weii,r/Jcker hat exemplarisch die Modelle von Phelps, Uzawa und Shell in einem Übersichtsartikel behandelt. Vgl. Phelps, E., Models of Technical Progress on the Golden Rute of Research, in: RES 33 (1966), S. 133 ff.; Uz.awa, H., Optimum Technical Change in an Aggregative Model of Economic Growth, in: IER 6 (1965), S. 18 ff.; Shell, K., A Model of Inventive Activity and Capital Accumulation, in: ders. (Hrsg.), Essays on the Theory of Optimal Economic Growth, Cambridge, Mass. 1967, S. 67 ff. 39 Die im folgenden angesprochenen drei Modelle arbeiten mit einer Produktionsfunktion, wie sie am Anfang dieses Kapitels dargestellt wurde; der technische Fortschritt T ist nun allerdings eine Funktion der eingesetzten F&E-Ressourcen, so daß auch wT mit dem F&E-Ein- satz variiert. Diese Ansätze formulieren alternative Produktionsfunktionen für wT und untersuchen anschließend die Auswirkungen auf das Wachstum des Sozialprodukts. Für die vorliegende Arbeit sind allerdings nur die verschiedenen Hypothesen bezüglich des Zusammenhangs von F&E-Einsatz und technischem Fortschritt von Interesse. Bei Uzawa ist der technische Fortschritt in einer Volkswirtschaft eine Funktion des Anteils der Arbeitskräfte, die in F&E tätig sind. Die Rate des technischen Fortschritts steigt unterproportional mit einer Zunahme des Anteils der F&E-Beschäftigten am Arbeitskräftepotential einer Gesellschaft. Dabei bleibt allerdings unklar, warum eine kleine Volkswirtschaft, in der beispielsweise 30 % des Arbeitspotentials im F&E-Bereich tätig sind, mehr technischen Fortschritt produzieren soll als eine große Volkswirtschaft, in der nur 10 % im Forschungssektor beschäftigt sind. Phelps sieht in seinem Modell die Wachstumsrate des technischen Fortschritts als eine Funktion der effektiven Forschung (F) an, die je Einheit des technischen Fortschritts aufgewendet wurde. Anders ausgedrückt, die Wachstumswirkungen einer Innovation sind umso größer, je intensiver geforscht wurde bzw. wT = f(F/T). Dabei ist die Höhe von F wiederum eine Funktion der hierfür eingesetzten Kapital- und Arbeitsmengen. Diese funktionale Beziehung ist analog einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion, so daß F = Aa Kl-a. In der von Weizsäcker modifizierten Fassung des dritten Modells von Shell ist wT abhängig von der Menge der effektiven Forschung. Dabei nimmt wT proportional mit dem Ausmaß der Forschung zu. Überträgt man den Gedanken einer Produktionsfunktion für Innovationen auf die mikroökonomische Ebene, ergeben sich -abgesehen von der auch dort allgemein anerkannten Gültigkeit eines positiven Zusammenhangs zwischen F&E-Bemühungen eines Unternehmens und seinen Innovationserfolgen -verschiedene Probleme. Mit der vorgegebenen Form des funktionalen Zusammenhangs zwischen den für F&E eingesetzten Ressourcen und dem Die folgenden Ausführungen stützen sich auf diesen Übersichtsartikel. Vgl. Weizsäcker, C.C.v., Forschungsinvestitionen und makroökonomische Modelle, in: Kyklos 22 (1969), S. 454 ff. 40 technischen Fortschritt ist noch keine Aussage über das Entscheidungskalkül hinsichtlich der Höhe des F&E-Einsatzes gemacht worden. Dieses Problem wird weiter unten im Zusammenhang mit den mikroökonomischen Ansätzen zum Innovationswettbewerb aufgegriffen. Auch der eindeutig ex ante bekannte Zusammenhang zwischen F&E-Inputs und Innovationen als Output läßt keinen Raum für technologische Risiken; denn das Ergebnis der F&E-Bemühungen ist schon mit der quantitativen Festlegung des F&E-Einsatzes determiniert und dem Unternehmen bekannt.47 Als drittes ist anzumerken, daß in diesen Modellen Innovationen nur das Resultat formeller F&E-Prozesse sind. Technischer Fortschritt in der Art wie ihn Arrow mit seinem Konzept des "learning-by doing" angesprochen hat, kommt in den Ansätzen eines forschungsinduzierten Fortschritts nicht vor.48 II. Mikroökonomische Ansätze des induzierten technischen Fortschritts Bisher beschränkte sich die Darstellung auf makroökonomische Modelle, und es wurde untersucht, inwieweit diese Versuche, technischen Fortschritt zu endogenisieren, auch Ansätze für ein besseres Verständnis der Innovationsaktivitäten auf der Unternehmensebene geben. Es zeigte sich, daß einzelne Komponenten der verschiedenen wachstumstheoretischen Modelle auch in einer mikroökonomischen Analyse aufgegriffen werden müssen. Befindet man sich auf der mikroökonomischen Ebene, stellt sich die Frage, welche Determinanten die Innovationsaktivitäten eines gewinnorientierten Unternehmens beeinflussen. Dabei wird in der Literatur die Bedeutung von Marktsignalen der Nachfrageseite diskutiert und untersucht, ob unterschiedliches Innovationsverhalten von Unternehmen mit Hilfe des Wachstums der Industrien, denen sie angehören, erklärt werden kann. Ansätze, die in der Entwicklung der Nachfrage die entscheidende Innovationsdeterminante sehen, werden unter dem Begriff "demand-pull"-Hypothese zusammengefaßt. Da Innovationen auf neuen Technologien und wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren, hält man in den Ansätzen der sog. "technology-" bzw. "science-push"-Hypothese diese 47 Besonders dieser Aspekt ist im Zusammenhang mit Innovationen problematisch. "Die 'Produktion' von unbekanntem Wissen stellt keine stetige, positiv steigende Funktion der eingesetzten Ressourcenmengen - beispielsweise des Forschungsaufwandes -dar. Dazu wäre die Vorhersagbarkeit bisher unbekannten nomologischen Wissens erforderlich; das aber ist -selbst, wenn unendlich große Informationskosten dafür aufgewendet würden -eine logische Unmöglichkeit, da wir dazu dieses zukünftige Wissen ja schon haben müßten." (Hervorhebung im Original) Tietrel, M., Wirtschaftstheorie und Unwissen: Überlegungen zur Wirtschaftstheorie jenseits von Risiko und Unsicherheit, Tübingen 1985, S. 19. 48 Vgl. hierzu Herdzina, K., Wirtschaftliches ... , a.a.O., S. 70 ff. 47 duzierten Innovation, wenn die Innovationsentscheidung ohne jegliche Berücksichtigung von Zahlungserwartungen und Opportunitätskostenüberlegungen getroffen wird. Unter dieser Annahme kann der festgestellte geringe Anteil an angebotsinduzierten Innovationen nicht überraschen. Diese Tendenz wird noch durch die häufig angewandte Technik der Datenbeschaffung -die Befragung von Entscheidungsträgern -verstärkt; denn es ist kaum zu erwarten, daß wichtige Entscheidungen ex post als Lotteriespiel dargestellt werden, vielmehr wird man versucht sein, sie auf der Basis von erst nach der Innovation bekannt gewordenen Daten und Restriktionen zu rationalisieren. 71 Der Gegenpol zur extremen "demand-pull"-Hypothese ist die sog. "science-" bzw. "technology-push"-Hypothese. Sie ist Gegenstand des folgenden Abschnitts. 2. Die "science-" bzw. "technology-push"-Hypothese Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts spielte der Wissenschaftsbereich für die Entwicklung von Innovationen nur eine untergeordnete Rolle. Über lange Zeit hinweg wurden neue Verfahren und Produkte primär durch "trial and error"-Verfahren, verbunden mit Beobachtungen und handwerklichen Erfahrungen entwickelt. Noch die Funktionsweise der Dampfmaschine konnte beispielsweise erst geraume Zeit nach ihrer Erfindung durch die Thermodynamik als Teildisziplin der Physik wissenschaftlich erklärt werden. 72 In den letzten 150 Jahren gewannen die Naturwissenschaften, insbesondere Physik, Chemie und Biologie, stark an Bedeutung und damit auch die Ansicht, daß Fortschritte in der Wissenschaft die Richtung und die Intensität der technischen Entwicklung determinieren. 73 Verstärkt wurde diese Sichtweise durch die wissenschaftlichen Durchbrüche während des zweiten Weltkrieges, insbesondere im Rahmen des Manhattanprojekts.74 Danach erschien die wissenschaftliche Basis für moderne technologische Projekte sowohl notwendige als auch hinreichende Bedingung zu sein. Entsprechend war die amerikanische Industriepolitik in den ersten Nachkriegsjahren geprägt vom Glauben, daß allein eine ausreichende Förde- 71 Vgl. Mowery, D.C., und N. Rosenberg, The Influence ... , a.a.O., S. 139 f. 72 Vgl. Rosenberg, N., Inside the Black Box, Cambridge u.a. 1982, S. 14; Dosi, G., Sources, Procedures, and Microeconomic Effects of Innovation, in: JEL 26 (1988), S. 1136. 73 Vgl. Rosenberg, N., Inside ... , a.a.O., S. 13; Freeman, C., The Economics ... , a.a.O., S. 107 f.; Baker, W.O., Tue Physical Sciences as the Basis for Modem Technology, in: Landau, R., und N. Rosenberg (Hrsg.), The Positive Sum Strategy: Hamessing Technology for Economic Growth, Washington, D.C. 1986, s. 227 ff. 74 Es handelt sich um die Entwicklung der Atombombe während des Zweiten Weltkrieges in den USA. 48 rung der Grundlagenforschung ein ausreichendes Wachstum der Volkswirtschaft sicherstellen würde. Ökonomischen Einflußgrößen wurde keine Bedeutung zugebilligt. 75 Die "science-" bzw. "technology-push"-Hypothese geht von einer streng monokausalen Verknüpfung der Innovationsphasen aus, in der die Innovationen durch die Technologie, die sich aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen ergibt, exakt determiniert sind. Denkt man diesen technologischen Determinismus zu Ende, ergibt sich hieraus konsequenterweise eine Volkswirtschaft, deren Entwicklung in technologischer wie institutioneller Sicht letztlich von den autonomen wissenschaftlichen Erkenntnissen bestimmt wird.76 Eine solche Hypothese ist sicherlich zu eng und würde eine ökonomische Analyse des Innovationsprozesses bzw. des Innovationswettbewerbs überflüssig machen. Die Entwicklung einer Volkswirtschaft wäre weitgehend das Resultat eines technologischen Automatismus. Hatte Schmooklers Arbeit dazu geführt, daß verschiedentlich von einer fast vollkommen elastischen Reaktion der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen auf Nachfrageänderungen ausgegangen wurde, so impliziert die "science-" bzw. "technology-push"- Hypothese eine für Nachfragefaktoren vollkommen unelastische technologische Entwicklung. Einen anderen Weg der angebotsseitigen Erklärung des technischen Fortschritts versuchte Schumpeter. Ähnlich wie Schmookler und im Gegensatz zur "science-" und "technologypush"-Hypothese basiert sein Versuch, den technischen Fortschritt endogen zu erklären, ebenfalls auf den Gewinnaussichten, die mit einer Innovation verbunden sind. Allerdings führt er die unterschiedlichen Gewinnerwartungen nicht auf unterschiedliche Nachfragestrukturen zurück, sondern auf angebotsseitige Faktoren der Unternehmens- und Industriestruktur. Sie sind Gegenstand der folgenden Ausführungen. 75 Vgl. Coombs, R., u.a., Economics ... , a.a.O., S. 96 f.; Thirtle, C.G., und V.W. Ruttan, The Role ... , a.a.O., S. 6 f. 76 Eine solche Sichtweise findet sich sowohl in technologiekritischen Arbeiten als auch bei den frühen amerikanischen Institutionalisten. Vgl. Mishan, E.J., The Costs of Economic Growth, 3. Aufl., London 1969, S. 144; Ruttan, V.W., Induced Institutional Change, in: Binswanger, H.P., und V.W. Ruttan (Hrsg.), Induced Innovation: Technology, Institutions, and Development, Baltimore und London 1978, S. 330 f. 49 3. Angebotsinduzierter technischer Fortschritt in der Tradition Schumpeters Bei Schumpeter finden sich zwei unterschiedliche Ansätze zur Endogenisierung von Innovationen. In seinem Frühwerk war der findige Pionierunternehmer die zentrale Figur des ökonomischen Geschehens. In seinen späteren Arbeiten verlor der dynamische Unternehmer an Bedeutung, und Schumpeter versuchte, der weiten Verbreitung industrieller F&E- Einrichtungen gerecht zu werden. Dabei betrachtete er Innovationsprozesse in modernen Industriegesellschaften zunehmend als eine Routineangelegenheit, die in großen und marktmächtigen Unternehmen am effizientesten durchgeführt wird.77 Die daran anknüpfenden Neo-Schumpeter-Hypothesen und mikroökonomischen Ansätze eines Schumpeterschen Innovationswettbewerbs sind ein zentrales Thema der Industrieökonomie. a) Endogene Innovationen in Schumpeters "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" und den "Konjunkturzyklen" Schumpeters Ziel ist es, die historische Entwicklung einer Volkswirtschaft zu explizieren. Dies bedeutet, daß technischer Fortschritt und die sich hieraus ergebenden historischen Veränderungen der Volkswirtschaften ökonomisch erklärt werden müssen:78 "Würde sich ergeben, daß es ... auf dem wirtschaftlichen Gebiete selbst entstehende Veränderungsursachen nicht gibt und das Phänomen, was wir in praxi wirtschaftliche Entwicklung nennen, lediglich darauf beruht, daß sich die Daten ändern und daß sich die Wirtschaft ihnen fortschreitend anpaßt, so würden wir sagen, daß es keine wirtschaftliche Entwicklung gäbe. Damit würden wir meinen, daß die Entwicklung der Volkswirtschaft kein bis in sein innerstes Wesen wirtschaftlich zu erklärendes Phänomen sei, sondern daß die Wirtschaft an sich entwicklungslos von den Veränderungen ihrer Umwelt gleichsam gezogen werde, daß die Gründe und daher die Erklärung der Entwicklung außerhalb der Tatsachengruppe gesucht werden müssen, die durch die Wirtschaftstheorie prinzipiell beschrieben wird." 77 Die damit einhergehenden institutionellen Wandlungen münden nach Schumpeters Ansicht im Sozialismus. Vgl. Schumpeler, J.A., Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 4. Aufl., München 1975, S. 213 ff.; ders., The March into Socialism, in: AER 40 (1950), S. 446 ff. Auf diese langfristigen Entwicklungstendenzen eines marktwirtschaftlichen Systems soll hier allerdings nicht näher eingegangen werden. Vgl. hierzu Heilbroner, R.L., Was Schumpeter Right?, in: Challenge 25 (1982), S. 57 ff.; Coe, R.D., und C.K. Wilber, Schumpeter Revisited: An Overview, in: dies. (Hrsg.), Capitalism, Socialism and Democracy, Notre Dame 1985, S. 1 ff. Zu den Unterschieden zwischen den Entwicklungsprognosen von Marx und Schumpeter vgl. Elliot, J.E., Marx and Schumpeter on Capitalism's Creative Destruction: A Comparative Restatement, in: QJE 95 (1980), S. 45 ff.; Grahl, J., Creative Destruction: The Significance of Schumpeter's Economic Doctrines, in: CEP 10/11 (1985), S. 213 ff. 78 Schumpeter, J.A., Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung: Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus, 6. Aufl., Berlin 1964, S. 95 f. 50 Zentrales Element der endogenen Erklärung der wirtschaftlichen Entwicklung sind bei Schumpeter die sog. Pionierunternehmer, die Innovationen durchsetzen und damit den "Prozeß der schöpferischen Zerstörung" tragen. Unternehmer und lnnovator sind für Schumpeter die gleichen Personen. Die Funktion des Unternehmers ist es, zukünftige wirtschaftliche Entwicklungen zu erkennen und entsprechende Innovationen am Markt durchzusetzen und damit das herrschende Gleichgewicht zu stören. Der Schumpetersche Pionierunternehmer zeichnet sich vor allem durch folgende fünf Eigenschaften aus: (1) Der Unternehmer ist nicht Inventar. Er wählt aus einem exogen bestimmten Pool an Inventionen die aus seiner Sicht aussichtsreichen Erfindungen aus und führt sie in der Innovationsphase am Markt ein. Es sind daher nicht Kreativität und Phantasie, sondern Weitsicht und Durchsetzungsfähigkeit typische Züge des Pionierunternehmers. Dies schließt allerdings nicht aus, daß auch zufällig Inventar und Innovator in einer Person zusammenfallen können. 79 (2) Der Unternehmer kann, muß aber nicht Kapitalbesitzer sein. Schumpeter unterscheidet scharf zwischen vermögensbildenden und -verwaltenden Aktivitäten der Kapitalisten oder der "Wirte schlechtweg" einerseits und den wirklich unternehmerischen, sprich innovativen Aktivitäten andererseits. so (3) Der Schumpetersche Pionierunternehmer ist i.d.R. nicht in einer Großunternehmung tätig, sondern gründet zur Durchsetzung seiner Innovation meistens ein neues Unternehmen. SI (4) Der Innovator ist aus der Sicht Schumpeters, solange er kein eigenes Kapital zur Finanzierung einsetzt, kein Risikoträger, da selbst im Fall eines totalen Fehlschlages der Innovation nur der Kapitalgeber Verluste erleidet. 82 79 Vgl. Schumpeter, J.A., Theorie ... , a.a.O., S. 117 u. 129. Vgl. auch Swoboda, P., Schumpeter's Entrepreneur in Modem Economic Theory, in: Seid!, C. (Hrsg.), Lectures on Schumpeterian Economics: Schumpeter Centenary Memorial Lectures Graz 1983, Berlin u.a. 1984, S. 18. 80 Vgl. Schumpeter, J.A., Theorie ... , a.a.O., S. III f. Vgl. auch Rothschild, K.W., Capitalists and Entrepreneurs: Prototypes and Roles, in: Wagener, H.-J., und J.W. Drukker (Hrsg.), The Economic Law of Motion of Modem Society: A Marx-Keynes-Schumpeter Centennial, Cambridge u.a. 1986, S. 190 f. 81 Vgl. Schumpeter, J.A., Theorie ... , a.a.O., S. 101; ders., Konjunkturzyklen: Eine theoretische, historische und statistische Analyse des kapitalistischen Prozesses, Göttingen 1961, S. 109. Vgl. auch Mueller, D.C., The Corporation: Growth, Diversification and Mergers, Chur 1987, S. 12 f. 82 Vgl. Schumpeter, J.A., Theorie ... , a.a.O., S. 112. Diese Argumentation gilt natürlich nicht, wenn man Opportunitätskosten berücksichtigt; denn der innovative Unternehmer hätte auch die Möglichkeit gehabt, statt der Innovation eine Alternative mit sicheren Erträgen zu wählen. Vgl. hierzu Kanbur, S.M., A Note on Risk Taking, Entrepreneurship, and Schumpeter, in: HPE 12 (1980), S. 492 f. 51 (5) Dem Gewinnmotiv als Triebkraft für innovative Anstrengungen des Pionierunternehmers kommt keine zentrale Bedeutung zu.83 Statt dessen werden von Schumpeter andere, nichtökonomische Ziele hervorgehoben:84 "Da ist zunächst der Traum und der Wille, ein privates Reich zu gründen, meist, wenngleich nicht notwendig, ... ein Reich, das Raum gewährt und Machtgefühl ... Da ist sodann der Siegerwille. Kämpfenwollen einerseits, Erfolghabenwollen andererseits. Freude am Gestalten ist eine dritte Motivfamilie ... " Die wirtschaftliche Entwicklung vollzieht sich nach Schumpeter in zyklischen Bahnen. Durch Innovationsschübe werden Konjunkturzyklen ausgelöst, die den Entwicklungspfad einer Volkswirtschaft prägen. 85 Ausgangspunkt ist ein stationäres Gleichgewicht mit normal ausgelasteten Produktionsfaktoren. 86 In dieser Situation suchen Pionierunternehmer nach neuen Gewinnchancen, deren Kalkulierbarkeit durch die relative Preisstabilität einer Gleichgewichtsphase gewährleistet ist. Erste, besonders fähige Innovatoren räumen Hindernisse aus dem Weg und erleichtern so weiteren Unternehmern Folgeinnovationen. Die Einführung einer Innovation wird dadurch sukzessive immer einfacher, bis die Diffusion schließlich in die reine Imitation der "Wirte" mündet. Das scharenweise Auftreten innovatorischer Unternehmer, verbunden mit einer epidemischen Diffusion der ursprünglichen Innovationen entsprechend der S-förmigen Kurve einer logistischen Funktion, wird von 83 Das Gewinnmotiv wird von Schumpeter erst im Zusammenhang mit der Analyse des Unternehmergewinns und des Mehrwerts genannt. Vgl. Schumpeter, J.A., Theorie ... , S. 207 ff. Vgl. auch Witt, U., Individualistische Grundlagen der evolutorischen Ökonomik, Tübingen 1987, S. 38. 84 Schumpeter, J.A., Theorie ... , a.a.O., S. 138. 85 "Konjunkturzyklen zu analysieren, heißt nicht mehr und nicht weniger, als den wirtschaftlichen Prozeß des kapitalistischen Zeitalters zu analysieren... Kortjunkturzyklen können nicht, wie beispielsweise Rachenmandeln abgetrennt und gesondert behandelt werden, sondern so wie der Herzschlag gehören sie zum eigentlichen Wesen des Organismus, der sie hervorbringt." Schumpeter, J.A., Konjunkturzyklen ... , a.a.O., S. 5. Auf die Konjunkturtheorie Schumpeters und ihre Schwachpunkte soll im folgenden nur insoweit eingegangen werden, als sie für den Gegenstand dieser Arbeit relevant sind. Vgl. hierzu ausführlicher Tichy, G., Schumpeter's Business Cycle Theory: Its lmportance for our Time, in: Seid!, C. (Hrsg.), L,,ctures on Schumpeterian Economics: Schumpeter Centenary Memorial L,,ctures Graz 1983, Berlin u.a. 1984, S. 77 ff.; Goodwin, R.M., Walras and Schumpeter: The Vision Reaffirmed, in: Heertje, A., und M. Perlman (Hrsg.), Evolving Technology and Marke! Structure: Studies in Schumpeterian Economics, Michigan 1990, s. 39 ff. 86 Dabei ist der Schumpetersche Gleichgewichtsbegriff umstritten. Nur zu Beginn eines Kontradieffs handelt es sich nach Schumpeter um ein Walrasianisches Gleichgewicht, am Ende der Kitchins befindet sich die Volkswirtschaft hingegen nur in einem gleichgewichtsnahen Zustand, der nicht näher erläutert wird. Das walrasianische Gleichgewicht ist somit nur eine Norm, um die die Kitchins und Juglars zirkulieren. Entscheidend für die Schumpetersche Entwicklungstheorie ist, daß in einem solchen gleichgewichtsnahen Zustand die Preisentwicklung relativ stabil und somit für die Innovatoren eine stabile Kalkulationsbasis gegeben ist. Vgl. hierzu Tichy, G., Die endogene Innovation als Triebkraft in Schumpeters Konjunkturtheorie, in: Ifo-Studien 31 (1985), S. 11 f. 52 Schumpeter auf eine Normalverteilung der unternehmerischen Fähigkeiten innerhalb einer Volkswirtschaft zurückgeführt: 87 "Warum treten die Unternehmer nicht kontinuierlich, in jedem Augenblick also vereinzelt, sondern scharenweise auf? ... Da, wie wir sahen, die Unternehmereignung etwas ist, was wie jede andre Eigenschaft in der ethnisch homogenen Gruppe nach dem Fehlergesetz verteilt ist, so wächst bis zum Punkt der größten Ordinate die Zahl der Individuen, die fortschreitend geringem Anforderungen in dieser Beziehung genügen. Es können und werden also von Ausnahmefällen abgesehen ... mit fortschreitender Erleichterung der Aufgabe jeweils immer mehr Leute Unternehmer werden, weshalb das erfolgreiche Auftreten eines Unternehmers nicht einfach das Auftreten einiger anderer, sondern immer zahlreicherer und weniger qualifizierter nach sich zieht." Die mit der Ausbreitung der Innovationen verbundenen Investitionen werden durch Kreditschöpfung monetär alimentiert und wegen der Normalauslastung der Produktionskapazitäten durch eine Reduktion der Konsumgüterproduktion realwirtschaftlich durchgesetzt. Infolgedessen verändert sich die Preisstruktur, und das Preisniveau steigt. Trotz der mittlerweile erfolgten Diffusion der Innovationen und der Erosion der Pioniergewinne erfährt der durch die Innovationen ausgelöste Aufschwung eine weitere Verstärkung; denn die durch Innovationen ausgelösten Preis- und Mengenverschiebungen induzieren Anpassungsreaktionen, die aufgrund der Interdependenz der Märkte über die gesamte Volkswirtschaft diffundieren. Wegen der hohen Investitionstätigkeit -verknüpft mit einer innovationsbedingten erhöhten Produktivität der Produktionsfaktoren -steigt der Output der Volkswirtschaft, und das Preisniveau beginnt zu sinken. 88 Verstärkt werden diese deflatorischen Tendenzen dadurch, daß die Unternehmer beginnen, mit den erzielten Gewinnen ihre Kredite zu tilgen. Parallel zu dieser Entwicklung kommt die Innovationstätigkeit zum Erliegen, da aufgrund der Preisveränderungen die von Schumpeter für notwendig gehaltene Kalkulationsbasis verloren gegangen ist. Überkapazitäten und Deflation füh- 87 Schumpeter, J.A., Theorie ... , a.a.O., S. 339 f. Vgl. auch Witt, U., Individualistische ... , a.a.O., S. 39 f. 88 Dieser Gedanke macht deutlich, warum Schumpeter mikroökonomischen Zusammenhängen bei der Erklärung dynamischer wirtschaftlicher Phänomene eine viel größere Bedeutung beimißt als der mit aggregierten Größen arbeitenden Makroökonomik. Seine Bewunderung für Walras ist hieraus nur die logische Konsequenz. "Es ist .. irreführend, vom Gesamtgrößengleichgewicht aus zu argumentieren, daß es die Faktoren, die Veränderungen auslösen, aufzeige ... Derartige Argumentationen ... beschränken die Analyse auf die Oberfläche der Dinge und verhindern ein Vordringen bis zu den darunterliegenden industriellen Vorgängen, die das Wesen der Sache ausmachen. Sie laden zur mechanistischen und formalistischen Behandlung einiger weniger isolierter Umrißlinien ein und verleihen Sammelbegriffen ein Eigenleben und eine ursächliche Bedeutung, die sie nicht besitzen." Schumpeter, J.A., Konjunkturzyklen ... , a.a.O., S. 50. Vgl. hierzu Goodwin, R.M., Walras ... , a.a.O., S. 39 ff.; Hayek, F.A., Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren, Kiel 1968, S. 6 f.; Elster, J., Explaining ... , a.a.O., S. 113; Clark, N., und C. Juma, Evolutionary Theories in Economic Thought, in: Dosi, G., u.a. (Hrsg.), Technical Change and Economic Theory, London 1988, s. 211. 53 ren die Volkswirtschaft in einem Abschwung zurück in die Nähe eines walrasianischen Gleichgewichtszustands, in dem die Preis- und Mengenschwankungen zu einem Stillstand kommen. 89 Dieser hier skizzenhaft dargestellte Konjunkturzyklus, der die wirtschaftliche Entwicklung prägt, kann folgendermaßen dargestellt werden: Abbildung S: Schematische Darstellung der zyklischen Entwicklung einer Volkswirtschaft nach Schumpeter -Stationires Gleichgewicht -Pionierunter- nebmer suchen neue Gewinnmöglichkeiten t 1 Exogener Inventionspool -Deflatorische Tendenzen -Rezession BasisiMovationen stören das Gleichgewicht -Zunahme der Produktionskapazitäten -Kredittilgung der IMovatoren FolgeiMovationen und Imitationen Preis- und Mengeninderungen -Anpassungsprozesse -Erodierung der PioniergewiMe -Reduktion der IMovationstätigkeit Wie ist diese Entwicklungstheorie in bezug auf eine Erklärung der Innovationstätigkeit zu beurteilen? Zur Beantwortung dieser Frage sind zuerst einige kritische Anmerkungen angebracht: (l) Unbefriedigend ist die Behandlung der Inventionen. Ihre Entstehung wird nicht näher erklärt, sondern es wird davon ausgegangen, daß die Pionierunternehmer immer auf ein ausreichendes, exogen determiniertes Reservoir an Inventionen zurückgreifen können. Dies impliziert eine scharfe Trennung zwischen der Inventions- und Innovationsphase und schließt Rückkopplungen zwischen diesen beiden Phasen aus. Diese Position manifestiert 89 Vgl. Tichy, G., Schumpeter's ... , a.a.O., S. 78 f. 54 sich bei Schumpeter auch in den bereits erwähnten unterschiedlichen Charaktertypen des Inventors und des Innovators. Ähnlich wie bei der "technology-push"-Hypothese haben ökonomische Faktoren keinen Einfluß auf Inventionsentscheidungen. Eine solche Position ist angesichts der mittlerweile umfangreichen F&E-Aktivitäten innerhalb von Unternehmen und des intensiven Informationsaustausches zwischen Technologie- und Wissenschaftsbereich nicht mehr haltbar.90 (2) Schumpeter macht nicht befriedigend deutlich, warum ein stationäres gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht eine notwendige Bedingung für das Auftreten innovativer Unternehmer sein soll; denn dies bedeutet, daß von den bisherigen Pionierunternehmern während der Diffusion ihrer Innovationen keine weiteren innovativen Vorstöße mehr ausgehen. Die von ihm vorgebrachte Begründung, daß Innovatoren ein stabiles Preissystem zur Kalkulation der Erfolgsaussichten ihrer Innovationen benötigten, überzeugt nicht; 91 denn die Kalkulationsbasis des einzelnen Pionierunternehmers umfaßt nur einen sehr begrenzten Ausschnitt des gesamten Preissystems. Darüber hinaus bleibt bei der Charakterisierung des innovativen Unternehmers unklar, warum die Pionierunternehmer dem Gewinnrückgang im Zuge der Ausbreitung ihrer Innovationen tatenlos zuschauen. 92 Dies führt zum nächsten Kritikpunkt -der Figur des Pionierunternehmers. (3) Die entscheidende Figur in Schumpeters Versuch, die wirtschaftliche Entwicklung und damit auch Innovationen endogen zu erklären, ist der Pionierunternehmer. Er ist aufgrund seiner Charaktereigenschaften "gezwungen", in bestimmten Entwicklungsphasen einer Volkswirtschaft schon gemachte Inventionen aufzugreifen und am Markt durchzusetzen. Dabei bleiben die Motive für das innovative Handeln jedoch unpräzise. Es wird nicht eindeutig geklärt, inwieweit er rational dem Gewinnmotiv folgt und welchen Raum die anderen von ihm geschilderten Motive einnehmen. Statt dessen wird von Schumpeter letztlich nur postuliert, daß eben die für den Pionierunternehmer spezifischen, exogen vorgegebenen 90 Vgl. Witt, U., individualistische ... , a.a.O., S. 41; Freeman, C., Schumpeter's Business Cycles Revisited, in: Heertje, A., und M. Perlman (Hrsg.), Evolving Technology and Market Structure: Studies in Schumpeterian Economics, Michigan 1990, S. 22. 91 Diese Annahme Schumpeters war notwendig, um Konjunkturzyklen zu erhalten; denn nur so läßt sich das wellenartige Auftreten der Pionieruntemehmer plausibel machen. Vgl. Witt, U., individualistische ... , a.a.O., S. 41 ff. 92 Vgl. Tichy, G., Die endogene ... , a.a.O., S. 23; Witt, U., individualistische ... , a.a.O., S. 42; Beckerath, E. v., Einige Bemerkungen zu Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, in: SchmJb 53 (1929), s. 554 f. Realistischer scheint es, von einem durch sich überlagernde Vorstoß- und Verfolgungsphasen geprägten Innovationswettbewerb auszugehen. Vgl. Schmidt, 1., US-amerikanische ... , a.a.O., S. 27 f. 55 Charaktereigenschaften93 dafür sorgen, daß immer wieder Inventionen aufgegriffen werden und zu strukturverändernden Innovationen weiterentwickelt werden. Eine solche Konzeption kann jedoch nicht für sich in Anspruch nehmen, Innovationen befriedigend endogen zu erklären. Endogen erklärt wird eigentlich nur der aus einer Welle von Basisinnovationen resultierende Konjunkturzyklus. 94 (4) Die Konzentration auf den innovativen Unternehmer zieht jedoch noch weitere problematische Konsequenzen nach sich. Zum einen bleibt Schumpeter, obwohl er auch auf die Bedeutung nachfrageseitiger Faktoren hinweist,95 mit dem Ansatz des innovativen Unternehmers letztlich doch ganz der Angebotsseite verhaftet und betont, " ... daß alle Veränderungen im Geschmack der Konsumenten vom Verhalten der Produzenten abhängen und herbeigeführt werden ... , daß die Mehrzahl von Veränderungen bei Verbrauchsgütern von Seiten der Produzenten den Verbrauchern aufgezwungen werden ... ". 96 Zum anderen vernachlässigt und unterschätzt er mit der Betonung von bedeutenden Basisinnovationen, durch die Pionierunternehmer den Konjunkturzyklus auslösen, die Bedeutung der Veränderungen, die sich aus der Kumulation vieler kleiner, aufeinander aufbauender Verbesserungen ergeben. 97 Er muß sich daher den Vorwurf gefallen Jassen, ahistorisch zu sein. Diese Kritikpunkte machen deutlich, daß auch Schumpeters Überlegungen von einer ökonomischen Theorie der Innovation noch weit entfernt sind. Dennoch bietet die Entwicklungstheorie eine Perspektive bei der Untersuchung der Innovationsdeterminanten, die lange Zeit in der industrieökonomischen Diskussion verdrängt wurde. Basierend auf einer statischen Interpretation des Struktur-Verhaltens-Ergebnis-Zusammenhangs konzentrierte man sich primär auf die Strukturgrößen Konzentrationsgrad und Unternehmensgröße als die Bestimmungsgrößen des Innovationswettbewerbs in einer Industrie. Jene Neo-Schumpeter- Hypothesen, die im folgenden Abschnitt besprochen werden, versperren jedoch den Blick 93 Sie sind in ihrer elitetheoretischen Anlage darüber hinaus ideologieverdächtig und nicht mehr zeitgemiß. Vgl. hierzu Albach, H., Zur Wiederentdeckung des Unternehmers in der wirtschaftspolitischen Diskussion, in: ZgS 135 (1979), S. 539 ff. 94 Vgl. Ruttan, V.W., Usber ... , a.a.O., S. 599; Shionoya, Y., The Science and Jdeology of Schumpeter, in: RldSEC 33 (1986), S. 729 ff.; Elster, J., Explaining ... , a.a.O., S. 117 f. 95 Vgl. Albach, H., Zur Wiederentdeckung ... , a.a.O., S. 541. 96 Schumpeter, J.A., Konjunkturzyklen ... , a.a.O., S. 80. Vgl. auch Schumpeter, J.A., Die Theorie ... , a.a.O., S. 99 f.; Clark, N., und C. Juma, Evolutionary ... , a.a.O., S. 212 f. 97 Vgl. Elster, J., Explaining ... , a.a.O., S. 116; Awan, A., Marshallian and Schumpeterian Theories of Economic Evolution: Gradualism versus Punctualism, in: AEJ 14 (1986), S. 42 f.; Dahmen, E., Schumpeterian Dynamics: Some Methodological Notes, in: JEBO 5 (1984), S. 29. 56 fiir Rückwirkungen der Innovation auf die Industrie- und Unternehmensstruktur, die von den Erfolgen bzw. Mißerfolgen der Innovationen ausgehen. Aber nur wenn man diese Rückwirkungen in einer Analyse berücksichtigt, kann man sinnvolle Aussagen über das Verhalten und die Entwicklung von Unternehmen im Innovationswettbewerb machen.98 Wenn es Sch11mpe1er auch nicht gelungen ist, die Determinanten des Innovationswettbewerbs befriedigend aufzuzeigen, so ist es dennoch sein Verdienst, ein Bild des Innovationswettbewerbs entworfen zu haben, das die Grundlage eines dynamischen Wettbewerbsverständnisses wurde. Für eine Industrie lassen sich die Gedanken der Schumpeterschen Entwicklungstheorie in Anlehnung an Phillips 99 und FreemanlOO folgendermaßen darstellen. Abbildung 6: Schematische Darstellung der Schumpeterschen Entwicklungstheorie, bezogen auf die Industrieebene ' innovative Aktivitäten hestimmter Unternehmen ! exogener Inventionspool -Innovationen, Veränderungen verhunden mit der Industrie- Investitionen -und Unlemehmensstruktur b) Die Neo-Sclmmpeter-Hypothesen 1 Veränderungen imitative der Unternehmens- Aktivitäten -gewinne - t 1 In seinem Spätwerk Kapilalismus, Sozialismus und Demokratie hat Schumpeter einige Aussagen seiner Entwicklungstheorie modifiziert. Die Rolle des Pionierunternehmers trat in den Hindergrund, und statt dessen versuchte er, der Tatsache Rechnung zu tragen, daß der Innovationsprozeß zunehmend in Unternehmen internalisiert und organisiert wird. Die Zu- 98 Vgl. Phillips, A., Concentration, Scale, and Technological Change in Selected lndustries, 1899-1939, in: JIE 5 (1956), S. 179 ff.; Horowitz, 1., Firm Size and Research Activity, in: SEJ 28 (1962), S. 298 ff. Vgl. auch Baldwin, W.L., und J.T. Scott, Marke! Struclure and Technological Change, Chur u.a. 1987, S. 63 f. 99 Vgl. Phillips, A., Technology and Marke! Structure: A Study of the Aircraft lndustry, Lexington, Mass., u.a. 1971, S. 4 ff. 100 Freeman, C., The Economics ... , a.a.O., S. 211 f. 63 cc) Empirische Ergebnisse zu den Neo-Schumpeter-Hypothesen Die empirische industrieökonomische Literatur zu den NSHs hat mittlerweile einen Umfang und eine Komplexität angenommen, die eine detaillierte Darstellung im Rahmen dieser Arbeit nicht zulassen. Um aber dennoch für die Theoriebildung wichtige Ergebnisse anzusprechen, wurden aus den verschiedenen Überblicksarbeiten118 zu diesen Thesen repräsentative Analysen herausgegriffen und die wichtigsten Ergebnisse zusammengestellt. Zunächst sind jedoch einige Bemerkungen zu den gravierenden Meßproblemen in diesem Bereich der Industrieökonomie zu machen. Sie helfen zu verstehen, weshalb die Ergebnisse dieser Untersuchungen sehr heterogen sind und nur wenige generelle Aussagen erlauben. (a) Probleme einer empirischen Überprüfung der Neo-Scbumpeter-Hypothesen Die meisten Analysen sind Querschnitts- oder Zeitreihenuntersuchungen. Daneben wurden jedoch auch in geringerem Umfang Fallstudien und Unternehmensbefragungen durchgeführt. Die folgenden Ausführungen konzentrieren sich auf den ersten Untersuchungstyp. Als Maß für die Unternehmensgröße werden i.d.R. die Beschäftigtenzahl, das Bruttovermögen oder der Umsatz verwendet. Welches dieser Maße gewählt wird, ist allerdings nur dann gleichgültig, wenn sich diese Größen proportional zueinander verhalten. Ist dies nicht der Fall, kann die Auswahl des Maßes über die empirische Gültigkeit der NSH I entscheiden.119 Als Äquivalent für das Vorliegen von monopolistischen Strukturen bzw. von Marktmacht der Unternehmen betrachteten die meisten Untersuchungen die Unternehmenskonzentration 118 Vgl. Cohen, W.M., und R.C. l..evin, Empirical Studies of Innovation and Market Structure, in: Schinalensee, R., und R.D. Willig (Hrsg.), Handbook of lndustrial Organization, Bd. 2, Amsterdam 1989, S. 1059 ff.; Kamien, M.I., und N.L. Schwartz, Market..., a.a.O., S. 75 ff.; Baldwin, W.L., und J.T. Scolt, Marke! ... , a.a.O., S. 63 ff.; Scherer, F.M., und D. Ross, Industrial. .. , a.a.O., S. 644 ff.; Davies, S., Technical Change; Productivity and Market Structure, in: ders. u.a. (Hrsg.), Economics of lndustrial Organisation: Surveys in Economics, London und New York 1991, S. 212 ff. 119 Dies soll an einem Beispiel veranschaulicht werden. In einer bestimmten Industrie steigt die Beschäftigtenzahl unterproportional mit dem Unternehmensvermögen. Eine empirische Untersuchung hat nun ergeben, daß in dieser Industrie die F&E-Aktivitäten der Unternehmen überproportional mit der Beschäftigtenzahl zunehmen. Dies kaM jedoch noch nicht als eine eindeutige empirische Bestätigung der NSH I gewertet werden; denn hätte man als Index fiir die Unternehmensgröße das Unternehmensvermögen verwendet, hätte man ein anderes Ergebnis erhalten. Vgl. Scherer, F.M., Size of Firm, Oligopoly, and Research, in: CJES 31 (1965), S. 259; Kamien, M.I., und N.L. Schwartz, Market..., a.a.O., S. 76. 64 in einer Industrie. Sie wird durch Konzentrationsraten (CR) oder durch den Hirschman- Herfindahl-Index (HHI) gemessen.120 Problematisch ist hieran, daß Marktmacht mit sehr unterschiedlichen Konzentrationsraten einhergehen kann, weil weitere Strukturfaktoren ihr Ausmaß beeinflussen. Verschiedene Studien haben daher auch versucht, Marktzutrittsschranken und Profitraten als weitere Proxies für Marktmacht zu verwenden.121 Die Wahl eines geeigneten Maßes für die innovativen Aktivitäten wirft ebenfalls Probleme auf. Hier muß zwischen sog. Input- und Outputmaßen unterschieden werden.122 Als Inputmaße werden die in der Rechnungslegung ausgewiesenen Aufwendungen für F&E oder die Zahl der Angestellten im F&E-Bereich verwendet und mit Hilfe des Umsatzes der Unternehmung bzw. ihrer Gesamtbeschäftigtenzahl relativiert. Problematisch sind an diesen Maßen folgende Aspekte: 123 - Bei Verwendung der Größe "F&E-Angestellte" werden die unterschiedlichen Kapitalintensitäten, d.h. die unterschiedlichen Kombinationen von F&E-Kapital und F&E-Personal in den verschiedenen Unternehmen und Industrien, nicht berücksichtigt. - Bei der Höhe der auszuweisenden F&E-Ausgaben lassen die jeweiligen Rechnungslegungsvorschriften den einzelnen Unternehmen erhebliche Spielräume. So wird z.B. häufig zur Gewinndämpfung die Aktivierung aktivierungsfähiger F&E-Auf- wendungen unterlassen und so die Innovationsintensität in der Betrachtungsperiode überzeichnet. Darüber hinaus decken die ausgewiesenen F&E-Aufwendungen häufig nur die Innovationskosten bis zum Ende der Inventionsphase, sie geben keine Auskunft über die Innovationskosten, die in der Innovations- und Diffusionsphase anfallen. Aber gerade letztere sind in bestimmten Industrien ein wesentlicher Teil der gesamten Innovationskosten.124 In vielen der empirischen Untersuchungen wird dieser Aspekt nicht berücksich- 120 Vgl. hierzu Piesch, W., und 1. Schmidt, Die Verwendbarkeit von Konzentrationsmaßen in der Europäischen Wettbewerbspolitik, Reihe Wettbewerb -Rechtsangleichung Nr. 35, Brüssel und Luxemburg 1983, S. 20 ff.; Schmidt, 1., und W. Ries, Der Hirschman-Herfindahl-Index (HHI) als wettbewerbspolitisches Instrument in den neuen US-Fusionsrichtlinien 1982, in: WuW 33 (1983), S. 525 ff.; Weinstock, D.S., Using the Herfindahl Index to Measure Concentration, in: AB 27 (1982), S. 285 ff.; Sleuwaegen, L. und W. Dehandschutter, The Critical Choice Between the Concentration Ratio and the H-lndex in Assessing lndustry Performance, in: JIE 35 (1986), S. 193 ff. 121 Vgl. Baldwin, W.L., und J.T. Scott, Marke!..., a.a.O., S. 89. 122 Vgl. Pate!, P., und K. Pavitt, The Technological Activities of the UK: A Fresh Look, in: Silberston, A. (Hrsg.), Technology and Economic Progress, London 1989, S. 119 f. 123 Vgl. Kamien, M.I., und N.L. Schwartz, Marke! ... , a.a.O., S. 50 f. 124 Mansfield u.a. kommen bei einer Untersuchung von Produktinnovationen der chemischen und elektronischen Industrie sowie der Maschinenbauindustrie zu dem Schluß, " ... that only about half the cost of the innovation process for tbese products was accounted for by researcb and developmeot, as defioed by the National Science Foundation. Although economists sometimes have acted as if R and D expeoditures 65 tigt, so daß beispielsweise Unternehmen, die zwar nicht sehr inventiv sind, dafür aber erfolgreich neue Produkte am Markt einführen, als nicht innovativ erscheinen. -Beide Maße berücksichtigen nicht, daß bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen Lernprozesse bei der Entwicklung neuer Produkte oder Produktionsprozesse eine große Rolle spielen, folglich Aufwendungen für Innovationen häufig nicht gesondert ausgewiesen werden. Ähnlich verhält es sich auch, wenn F&E von Angestellten betrieben wird, die noch andere Funktionen im Unternehmen wahrnehmen und daher nicht als F&E-Ange- stellte betrachtet werden.125 Als Outputgrößen finden meistens die Anzahl der Patentel26 oder durch Unternehmensbefragungen in verschiedenen Industrien gewonnene Listen wichtiger Innovationen 12 7 Anwendung. Will man die Innovationstätigkeiten verschiedener Unternehmen in unterschiedlichen Industrien vergleichen, ist es notwendig, ihre Innovationen nach der Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung zu gewichten. Bei Patenten als Index für den Innovationsoutput kommen als Probleme hinzu, daß viele gar nicht kommerziell genutzt werden und somit nur Inventionen, aber keine Innovationen sind, und die Neigung zur Patentierung in den verschiedenen Industrien stark variiert. Um die Schwächen der Input- und Outputgrößen zu vermeiden, wurden gelegentlich auch das Wachstum der Arbeitsproduktivität oder das der totalen Faktorproduktivität als Proxy für den technischen Fortschritt in einer Industrie verwendet. Dabei wurden jedoch die Produktivitätswirkungen von Skaleneffekten in der Produktion häufig nicht berücksichtigt.128 Grundsätzlich besteht für alle Studien, die sich mit den NSHs befassen, die Gefahr, daß die Datenauswahl zur Quelle für systematische Fehler wird, solange nicht alle Unternehmens- und Industriecharakteristika, die das Innovationsverhalten beeinflussen, in den empirischen could be treated as synonymous -or nearly so - witb tbe costs of product innovation, the non-R and D costs seem tobe substantial." Mansfield, E., u.a., Research and Innovation in the Modem Corporation, New York 1971, S. 134. 125 Vgl. hierzu Kleinknecht, A., Measuring R&D in Small Firms: How much are we Missing?, Research Memorandum, Maastricht 1987, S. 9. 126 Vgl. Griliches, Z., Patent Statistics as Economic lndicators: A Survey, in: JEL 28 (1990), S. 1661 ff.; Pavitt, K., Patent Statistics as lndicators of Innovative Activities: Possibilities and Prospects, in: Scientometrics 7 (1985), S. 77 ff.; Basberg, B.L., Patents and Measurement of Technological Change, in: RPol 16 (1987), S. 131 ff.; Trajtenberg, M., Economic Analysis of Product Innovation, Cambridge, Mass. 1990, S. 183 ff. 127 Vgl. Cohen, W.M., und R.C. Levin, Empirical..., a.a.O., S. 1063. 128 Vgl. Nelson, R.A., Productivity Growth, Scale Economies and the Schumpeterian Hypothesis, in: SEJ 57 (1990), s. 521 ff. 66 Untersuchungen statistisch kontrolliert werden. So kann z.B. eine hohe Korrelation von Industriecharakteristika und Unternehmensgröße zu Scheinkorrelationen zwischen Innovationsverhalten und Unternehmensgröße führen; denn sind in einer bestimmten Industrie beispielsweise "economies of scale" in der Produktion realisierbar, so wird in dieser Industrie die Unternehmensgrößenverteilung und somit auch die Größe der innovativen Unternehmen anders aussehen als in Industrien, in denen keine wesentlichen "economies of scale" vorliegen. Um diesen Sachverhalt zu berücksichtigen, hat man die Unternehmen Industrien zugeordnet und anschließend für jede Industrie eine getrennte Regressionsanalyse durchgeführt oder für die verschiedenen Industrien Scheinvariablen in die Regressionsgleichung eingebaut. Bei der Industriezuordnung von Unternehmen ergeben sich jedoch weitere Probleme, denn die Aktivitäten eines Unternehmens erstrecken sich in der Regel auf eine Vielzahl von Industrien. Verwendet man daher beispielsweise die zweistelligen Industriegruppen der Industriestatistik als Grundlage für eine Zuordnung der Unternehmen, werden die Varianzen in der Innovationstätigkeit, die sich aufgrund der Eigenheiten der vierstelligen Industrien ergeben, systematisch vernachlässigt. Versucht man, diesen Mangel dadurch zu beheben, daß man auf die vierstelligen Industriezweige als Zuordnungsschema zurückgreift, so ist man mit dem Problem konfrontiert, daß ein Großteil der Unternehmensaktivitäten außerhalb der zugeordneten Primärindustrie getätigt wird_ 129 (b) Empirische Ergebnis.§e zur Neo-Schumpeter-Hypothese I Zur empirischen Überprüfung der NSH I ist es notwendig, die Gestalt des funktionalen Zusammenhangs zwischen der Unternehmensgröße und den F&E-Aktivitäten zu ermitteln. 129 Vgl. Scott, J.T., Firm versus lndustry Variability in R&D Intensity, in: Griliches, Z. (Hrsg.), R&D, Patents, and Productivity, Chicago 1984, S. 234 ff.; Cohen, W.M., und R.C. Levin, Empirical..., a.a.O., S. 1069 f. 67 Abbildung 7: Mögliche funktionale Beziehungen zwischen Unternehmensgröße und F &&-Aktivitäten a) F&E- Aktivi- täten Unternehmensgröße b) F&E- Aktivi- täten Unternehmensgröße c) F&E- Aktivi- täten Unternehmensgröße Ergibt sich ein überproportionaler Zusammenhang zwischen den gemessenen F&E-Ak- tivitäten und den festgestellten Unternehmensgrößen entsprechend Abb. 7a, so ist die NSH I bestätigt. Das bedeutet, daß die F&E-Elastizität, definiert als das Verhältnis zwischen prozentualer Veränderung der F&E-Aktivität und der prozentualen Veränderung der Unternehmensgröße, an jedem Punkt größer als eins istl30 bzw. die F&E-Intensität mit der Unternehmensgröße zunimmt. Keine Auswirkungen auf die F&E-Intensität eines Unternehmens haben Variationen der Unternehmensgröße in Abb. 7b. Innovationshemmende Wirkungen haben sie in Abb. 7c, da hier die F&E-Aktivitäten mit der Unternehmensgröße nur unterproportional wachsen.131 Zunächst werden die Ergebnisse der Studien zusammengefaßt, die Inputgrößen zur Messung der Innovationsaktivitäten verwenden.1 32 130 Selbstverstindlich kann die F&E-Elastizität auch bei einem linearen Zusammenhang zwischen den F&E- Aktivitäten und der Unternehmensgröße ungleich eins sein, falls der Graph nicht durch den Ursprung verläuft. Ist der Ordinatenabscbnitt negativ, ist die F&E-Elastizität > 1, da erst ab einer bestimmten Größenschwelle F&E-Aktivitäten durchgeführt werden. Wenn der Ordinatenabscbnitt negativ und der Funktionsverlauf entsprechend Abb. 7c ist, kann die Elastizität in einem bestimmten Bereich des Graphes > 1 und in einem anderen < 1 sein. 131 Vgl. hierzu Scherer, F.M., Innovation and Growtb: Schumpeterian Perspectives, Cambridge, Mass. 1984, s. 231 f. 132 In der Mehrzahl der empirischen Arbeiten wurden Inputgrößen verwendet. Dies bedeutet aber, daß die empirischen Untersuchungen nur die Elastizität der F&E-Inputs bezüglich der Unternehmensgröße prüfen. Dies löste eine theoretische Diskussion darüber aus, unter welchen Bedingungen eine Elastizität der F&E- Inputs in bezug auf die Unternehmensgröße von größer eins impliziert, daß auch der F&E-Output überproportional mit der Unternehmensgröße steigt. Vgl. hierzu Fisher, F.M., und P. Temin, Returns ... , a.a.O., S. 56 ff.; Rodriguez, C.A., A Comment on Fisher and Temin on the Schumpeterian Hypothesis, in: JPE 87 (1979), S. 383 ff.; Fisher, F.M., und P. Temin, The Schumpeterian Hypothesis: A Reply, in: 68 Eine frühe Studie der National Science Foundation schien zunächst die NSH I zu bestätigen.133 Befragungen von amerikanischen Unternehmen mit mehr als 5.000 Beschäftigten hatten ergeben, daß diese Unternehmen, obwohl sie nur 40 % der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe stellten, 70 % der industriellen F&E-Aufwendungen trugen. Doch weitere Studien in den 60er Jahre zogen dieses Ergebnis in Zweifel. Diese Studien arbeiteten vornehmlich mit Regressionsanalysen, deren Regressionsgleichungen die Form y = a + bx +cx2 oder y = axb besaßen. Dabei ist y der F&E-Input, x steht als Variable für die Unternehmensgröße. Die Variablen a, b und c sind zu schätzende Parameter. Als Null-Hypothese -die es zu falsifizieren galt, sollte die NSH I Gültigkeit haben -wurde von einer linearen oder unterproportionalen Beziehung zwischen F&E-Input und Unternehmensgröße (Abb. 7b oder Abb. 7c) ausgegangen. Dieses bedeutet, daß sich bei der ersten Form der Regressionsgleichung c > 0 bzw. bei der zweiten b > 1 ergeben mußte. 134 Ein solches Ergebnis und damit die Bestätigung der NSH I galt als statistisch signifikant, wenn die Irrtumswahrscheinlichkeit für die damit verbundene Ablehnung der Null-Hypothese nicht mehr als 5 % betrug. Um die Erklärungskraft einer Hypothese -aus- gedrückt in einer Regressionsgleichung - zu überprüfen, wurde in diesen Untersuchungen das Quadrat des Korrelationskoeffizienten (R2) errechnet. Ist R2 = 1, werden die F&E- Aktivitäten der Unternehmen vollkommen durch ihre Größe erklärt. Bei R2 = 0 sind die Beziehungen zwischen den F&E-Aktivitäten und der Unternehmensgröße zufällig. Worley untersuchte die Beziehung zwischen F&E-Angestellten und Unternehmensgröße von 198 Unternehmen, die er verschiedenen Industriegruppen zuordnete. Dabei ergab sich nur in zwei dieser Gruppen eine F&E-Elastizität, die signifikant > 1 war.135 Horowitz stellte in einer umfangreicheren Untersuchung eine schwache positive Korrelation zwischen der JPE 87 (1979), S. 386 ff.; Lunn, J., Research and Development and the Schumpeterian Hypotbesis: Alternate Approach, in: SEJ 49 (1982), S. 209 ff.; Kohn, M., und J.T. Scott, Scale Economies in Research and Development: Tue Schumpeterian Hypothesis, in: JIE 30 (1982), S. 239 ff. Auf eine Darstellung dieser Diskussion muß aus Raumgründen verzichtet werden. Es kann als Ergebnis der Diskussion festgehalten werden, daß die empirischen Untersuchungen, die mit F&E-lnputs arbeiten, unter bestimmten Annahmen bezüglich des "Innovationsproduktionsprozesses" durchaus relevante Aussagen im Hinblick auf die Gültigkeit der NSH I zulassen. Scherer empfiehlt für empirische Untersuchungen, um dieses Problem zu umgehen, " ... to secure data on output of firrns' R&D efforts along data on inputs." Scherer, F.M., Innovation ... , a.a.O., S. 170. 133 Vgl. National Science Foundation, Science and Engineering in American Industry, Washington, D.C. 1956. 134 Vgl. Kamien, M.I., und N.L. Schwartz, Market..., a.a.O. S. 75. 135 Vgl. Worley, J.S., Industrial Research and the New Competition, in: JPE 69 (1961), S. 183 ff. 69 F&E-Intensität und der Unternehmensgröße fest.136 Dieses Ergebnis wurde durch die Arbeiten von Hambergl31, Comanorl38 und Mansfie/dl39 bestätigt. Bei Hamberg ergab sich bei einer globalen Korrelationsanalyse der Daten von 387 Unternehmen und der Verwendung der Beschäftigtenzahl als Unternehmensgrößenmaß eine signifikant positive Beziehung zwischen F&E-Intensität und Unternehmensgröße. Benutzte er das Unternehmensvermögen als Maß für die Unternehmensgröße, fand er keine statistisch signifikante Beziehung. Nachdem er 340 der Unternehmen in siebzehn Industriegruppen eingeteilt hatte, war die F&E-Elastizität zwar in den meisten Industriegruppen > 1. Diese Ergebnisse waren jedoch nur in zwei Fällen statistisch signifikant. Comanors Ergebnis war eindeutiger. In keiner seiner 21 untersuchten Industriegruppen, in die er die Daten von 387 Unternehmen einteilte, ergab sich eine Bestätigung für die NSH I. Statt dessen war in sieben Industrien die F&E-Elastizität sogar signifikant < 1. Mansfield fand in einer Zeitreihenuntersuchung der Industriegruppen Petroleum, Arzneimittel, Stahl, Glas und Chemie nur in der letzteren einen Elastizitätswert der F&E-Ausgaben in bezug auf die Unternehmensgröße, der signifikant > 1 war. Scherer 140 kritisierte die obigen Untersuchungen, da es sich bei den betrachteten Unternehmen nur um Firmen mit großen F&E-Programmen handelt. Würde man auch Unternehmen ohne F&E-Aktivitäten mitberücksichtigen, hätte man größere Werte für die gemessene F&E-Elastizität erhalten. Doch wichtiger ist der Kritikpunkt, daß durch die verwendete log-lineare Form der Regressionsgleichung keine Wendepunkte oder Unstetigkeitsstellen in der Beziehung zwischen Unternehmensgröße und F&E-Input festgestellt werden können. Daher verwendete Scherer kubische Regressionsgleichungen der Form y = a + bx + cx2 + dx3. Hierdurch stellte er bis zu einer bestimmten Unternehmensgröße ein überproportionales Wachstum des F&E-Personals und des F&E-Outputs -gemessen durch die angemeldeten Patente -fest. Wurde diese Schwelle überschritten, war ein Zusammenhang entweder nicht mehr feststellbar, oder er war schwach negativ. Ausnahmen 136 Vgl. Horowitz, 1., Firm ... , a.a.O., S. 298 ff. 137 Vgl. Hamberg, D., Size ofFirm, Oligopoly, and Research: The Evidence, in: CJES 30 (1964), S. 62 ff. 138 Vgl. Comanor, W.S., Marke! Structure, Product Differentiation, and lndustrial Research, in: QJE 81 (1967), s. 639 ff. 139 Vgl. Mansfield, E., Industrial Research and Development Expenditures: Detenninants, Prospects, and Relation of Size of Firm and Inventive Output, in: JPE 72 (1964), S. 319 ff. 140 Vgl. Scherer, F.M., Size ... , a.a.O., S. 256 ff.; ders., Firm Size, Marke! Structure, Opportunity, and the Output of Patented Inventions, in: AER 55 (1965), S. 1097 ff. 70 hiervon fand er allerdings in der Stahl- und Automobilindustrie sowie der chemischen Industrie. Dieses Ergebnis wurde von einer Vielzahl weiterer Untersuchungen bestätigt und stellte bis zu Beginn der 80er Jahre einen in der Industrieökonomie akzeptierten Konsens dar.141 In jüngerer Zeit wurde der eben beschriebene Zusammenhang jedoch zunehmend in Frage gestellt. Anfang der 80er Jahre wurden Daten der FTC (US FTC Line of Business Program) zugänglich, die sich aus den Angaben von 443 großen Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes zusammensetzten und 275 Industrien ("lines of business")1 42 zugeordnet worden waren. Unter Verwendung dieser Datenquelle stellte Scherer1 43 nur noch in 20% der von ihm untersuchten Industrien eine F&E-Elastizität von > 1 fest. Bei der Messung der F&E- lntensität durch eine Outputgröße - er verwendete die Anzahl der Patente - in derselben Studie stellte er eine Elastizität von > 1 sogar nur bei 11 % der Industrien fest. Die Differenz wurde von ihm dadurch erklärt, daß er bei einer Regression zwischen F&E-lnputs und -Outputs eine Tendenz zu abnehmenden Skalenerträgen des F&E-lnputs feststellte. 144 Cohen u.a.145 arbeiteten ebenfalls mit den erwähnten FTC-Daten, versuchten aber, zwischen dem Einfluß der gesamten Unternehmensgröße und der Größe der in den verschiedenen Industrien tätigen Unternehmensteilen zu unterscheiden. Dabei zeigte sich, daß die Koeffizienten beider Größenvariablen in einer einfachen Regressionsgleichung minimal sind und ihr Beitrag zur Erklärung der Varianz der Innovationsaktivitäten von Unternehmen vernachlässigbar ist. Allerdings scheint eine gewisse Mindestgröße der Branchenaktivitäten 141 So kommen Kamien und Schwartz in ihrer Analyse der empirischen Arbeiten der 60er und 70er Jahre zu folgendem Fazit: "Beyond some rnagnitude, sire does not appear especially conducive to either innovational effort or output ... • Kamien, M.I., und N.L. Schwartz, Market..., a.a.O., S. 84. Vgl. auch Cohen, W.M., und R.C. Levin, Empirical..., a.a.O., S. 1068. 142 Sie entsprechen vierstelligen und dreistelligen Industrien der Standard lndustrial Classification. Vgl. Scherer, F.M., und D. Ross, lndustrial..., a.a.O., S. 657. 143 Vgl. Scherer, F.M., Innovation ... , a.a.O., S. 227 ff. 144 Eine solche Tendenz wurde auch von Acs und Audretsch in einer neueren Untersuchung festgestellt. Vgl. Acs, Z.J., und D.B. Audretsch, R&D, Firm Sire, and Innovative Activity, Diskussionspapier des Wissenschaftsrentrums Berlin, Forschungsschwerpunkt Marktproreß und Unternehmensentwicklung, Berlin 1989, S. 8 ff. Griliches macht jedoch darauf aufmerksam, daß ein solches Ergebnis bei gleicher Datenbasis sehr stark vom Schätzverfahren abhängt. Vgl. Griliches, Z.J., Patent. .. , a.a.O, S. 1675 f. 145 Vgl. Cohen, W.M., u.a., Firm Sire and R&D lntensity: A Re-examination, in: JIE 35 (1987), S. 543 ff. 71 eines Unternehmens notwendig zu sein, damit überhaupt F&E betrieben wird. Bound u.a.146 fanden hingegen einen U-förmigen Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße und F&E-Aktivitäten, wobei die kleinen und die großen Unternehmen die innovativsten waren. Die Untersuchungen, die mit Outputmaßen arbeiten, sollen nur ganz kurz angesprochen werden, da sie bezüglich der NSH I über die schon oben genannten Ergebnisse hinaus keine wesentlichen zusätzlichen Ergebnisse beinhalten. Sie widerlegen die NSH I eher noch eindeutiger als die Untersuchungen mit Inputmaßen. Eine Untersuchung der 500 wichtigsten Innovationen in den U.S.A. zwischen 1953 und 1973 ergab, daß der Innovationsanteil der größten Unternehmen kaum größer war als ihr Beschäftigtenanteil. 147 Weitere Untersuchungen zeigten, daß der Anteil kleiner und mittlerer Firmen am Innovationsoutput nur dann unterproportional ist, wenn die notwendige Kapitalintensität für die Produktion und die F&E-Kosten relativ hoch sind. Dies gilt insbesondere für die chemische Industrie, die - wie in den unterschiedlichsten Analysen deutlich wurde -eine Sonderrolle einnimmt. 148 Mansjield u.a. weisen allerdings darauf hin, daß die größten Firmen in der chemischen Industrie nur bei den Produktinnovationen eine dominierende Rolle spielen. 1 49 Eine neuere Studie aus Großbritannien stellte einen U-förmigen Zusammenhang zwischen der F&E-Produktivität (Innovation je Angestellter) und der Unternehmensgröße fest. 150 Dieses Ergebnis wurde allerdings von einer Untersuchung für die Bundesrepublik Deutschland nicht bestätigt. Sie ergab bei der Verwendung von Patentdaten einen dazu inversen Verlauf. Die mittelgroßen Unternehmen sind danach am innovativsten, kleine und sehr große Unternehmen hingegen weniger.151 146 Vgl. Bound, J., u.a., Who Does R&D and Patents?, in: Griliches, Z. (Hrsg.), R&D, Patents, and Productivity, Chicago 1984, S. 21 ff.; Für ein ähnliches Ergebnis vgl. Acs, Z., und D.B. Audretsch, Testing the Schumpeterian Hypothesis, in: EEJ 14 (1988), S. 129 ff. 147 Vgl. Cohen, W.M., und R.C. Levin, Empirical..., a.a.O., S. 1069. Zu einem ähnlichen Ergebnis war auch Scherer gekommen. Vgl. Scherer, F.M., Firm ... , a.a.O., S. 1097 ff. 148 Vgl. Smyth, D.J., u.a., Patents, Profitability, Liquidity and Firm Size, in: AE 4 (1972), S. 77 ff.; Freeman, C., The Role of Small Firms in Innovation in the United Kingdom Since 1945, Committee of Inquiry on Small Firms, Research Report No. 6, London 1971. 149 Vgl. Mansfield, E., u.a., The Production and Application of New Industrial Technology, New York 1977, s. 44 ff. 150 Vgl. Pavitt, K., u.a., Tue Size Distribution oflnnovating Firms in the UK: 1945-1983, in: JIE 35 (1987), s. 297 ff. 151 Vgl. Schwalbach, J., und K.S. Zimmermann, A Poisson Model of Patenting and Firm Structure in Germany, in: Acs, Z.J., und D.B. Audretsch (Hrsg.), Innovation and Technological Change: An International Comparison, New York u.a. 1991, S. 109 ff. 72 Neben den empirischen Untersuchungen, die F&E-Input- oder -Outputmaße zur Überprüfung der NSH I verwenden, gibt es noch eine Gruppe von Arbeiten, die versuchen, mit Hilfe von anderen Unternehmenscharakteristika, die in einem engen Verhältnis mit der Unternehmensgröße stehen, die NSH I zu testen. Am häufigsten wurde die Bedeutung der Diversifikation eines Unternehmens überprüft. Diese Untersuchungen weisen ebenfalls unterschiedliche Ergebnisse auf. Eine eindeutige Bestätigung der Nelson-Hypothese ließ sich nicht feststellen. Scherer1 52 fand zwar zunächst eine hohe Erklärungskraft der Diversifikation für die Varianzen der F&E-Aktivitäten, die jedoch an Bedeutung verlor, wenn die technologischen Möglichkeiten der Bereiche, in die die Unternehmen diversifizierten, mitberücksichtigt wurden; denn diversifiziert beispielsweise ein Lebensmittelproduzent -also ein Unternehmen aus einer Industriegruppe mit unterdurchschnittlichen Innovationsaktivitäten - in einen sehr F&E-intensiven Bereich der chemischen Industrie, so wird die F&E-Intensität dieses Unternehmens zunehmen, selbst wenn es dort nur unterdurchschnittlich intensiv F&E betreibt. Diesem Ergebnis entgegen steht das Resultat von Grabowski1 53, der zu dem Schluß kam, daß in der chemischen und pharmazeutischen Industrie, die als sehr F&E-intensiv gelten, die Diversifikation eine statistisch signifikante Determinante der F&E-Aktivitäten ist. Für die relativ weniger F&E-in- tensive Petroleumindustrie konnte er ein solches Ergebnis allerdings nicht ermitteln. Dagegen kamen McEachem und Romeol5 4 für die gleichen Industriegruppen zu einem genau entgegengesetzten Resultat. Eine neuere Analyse zeigte, daß die Diversifikation eines Unternehmens sein Innovationsverhalten beeinflußt, wenn die Industrien, in denen das Unternehmen tätig ist, technologisch benachbart bzw. verwandt sind. Die Diversifikation in Industrien unterschiedlicher Industriegruppen hat hingegen keinen Einfluß auf die Innovationsaktivitäten in den verschiedenen Tätigkeitsbereichen des Unternehmens. 1 55 Einziger empirischer Konsens bezüglich der Nelson-Hypothese ist, daß der Anteil der Grundlagenforschung am F&E-Budget mit dem Diversifikationsgrad einer Unternehmung steigt.156 152 Vgl. Scherer, F.M., Firm ... , a.a.O., S. 1114 ff. Vgl. für spätere Untersuchungen mit ähnlichen Ergebnissen Scherer, F.M., Innovation ... , a.a.O., S. 235 f.; Ravenscraft, D.J., und F.M. Scherer, Mergers, Seil-Offs and Economic Efficiency, Washington, D.C. 1987, S. 120 f. 153 Vgl. Grabowski, H.G., The Determinants of lndustrial Research and Development: A Study of the Chemical, Drug, and Petroleum lndustries, in: JPE 76 (1968), S. 292 ff. 154 McEachern, W.A., und A. Romeo, Stockholder Control, Uncertainty, and the Allocation ofResources to Research and Development, in: JIE 26 (1978), S. 349 ff. 155 Vgl. Scott, J.T., und G. Pascoe, Purposive Diversification of R&D in Manufacturing, in: JIE 36 (1987), s. 193 ff. 156 Vgl. Scherer, F.M., und D. Ross, Industrial..., a.a.O., S. 660. 79 (2) Die Grenz- bzw. Durchschnittskostensenkung von c0 nach c1 ist nicht drastisch, d.h., der Monopolpreis des innovierenden Polypolisten (C) würde sich oberhalb der alten Grenzkosten Co = Po befinden. In diesem Fall kann der Polypolist höchstens den alten Preis Po = Co durchsetzen. Das Unterscheidungskriterium zwischen einer drastischen und einer nicht-drastischen Innovation ist also der Preis nach der Innovation. Liegt er bei monopolistischer Preisbildung unterhalb der alten Grenzkosten, ist die Innovation drastisch, befindet er sich oberhalb von c0, ist sie es nicht. Diese beiden Fälle sind in Abb. 9 dargestellt. 80 Abbildung 9: Der Innovationsanreiz bei vollständiger Konkurrenz a) drastische Innovation p(q) q b) keine drastische Innovation p(q) R' q Die schraffierten Flächen sind die realisierbaren Innovationsrenten. 180 Sind sie größer als die F&E-Aufwendungen für den Innovator, so wird ein gewinnmaximierender Polypolist die Innovation einführen. 180 Die graphische Darstellung des Innovationsgewinnes in Abb. 9a erhält man, indem man vom Erlös als Fläche unterhalb der Grem.erlöslinie bis zur Menge q 1 die Kosten, die als Fläche unterhalb der neuen Grenzkostenkurve veranschaulicht werden können, abzieht. 81 Als dritte Marktform untersucht Arrow ein Monopol. Dabei wird unterstellt, daß der Monopolist allein über das für die Innovation notwendige technische Wissen verfügt. Abb. 10 stellt diesen Markt dar. Dabei wird wieder zwischen drastischer und nicht-drastischer Innovation unterschieden. Abbildung 10: Der Innovationsanreiz beim Monopol a) drastische Innovation p,c Po P1 Cl f-L-..-L--...._ ______ _ R' b) keine drastische Innovation p, C Po P1 Co ..--.-1- ...... ....- p(q) q p(q) q 82 Der Innovationsanreiz ist wiederum schraffiert. 181 Aufgrund der kostengünstigeren neuen Produktionstechnologie bietet der Monopolist im neuen Gleichgewicht C1 die Menge q1 an und erzielt den Preis p1• Dadurch erhöht sich seine Monopolrente um die schraffierte Fläche. Ist dieser Zuwachs größer als die Innovationskosten, besteht für den Monopolisten ein Anreiz, die Innovation durchzuführen. Vergleicht man beide Marktformen mit einem "socially managed market", so wird deutlich, daß in beiden Fällen die potentiellen Wohlfahrtsgewinne größer sind als die für den Innovator realisierbaren Gewinne durch die Einführung einer Innovation. Im Fall von drastischen Innovationen bei vollständiger Konkurrenz und beim Monopol sowie auch bei nicht-drastischen Innovationen im Monopolfall kommt hinzu, daß sich die Konsumentenrente vergrößert, d.h., selbst die realisierten Wohlfahrtsgewinne kann sich der Innovator in diesem Fall nicht vollkommen aneignen. Arrow hat mit dem obigen Modell gezeigt, daß bei einer Regelung der Aneignungsprobleme durch eine Monopolisierung des technischen Wissens und der Abstrahierung von Unsicherheiten in einer Marktwirtschaft eine wohlfahrtsoptimale Versorgung mit Innovationen nicht zustande kommt. Er hat hieraus den Schluß gezogen, " ... that for optimal allocation to invention it would be necessary for the govemment or some other agency not govemed by profit-and-loss criteria to finance research and invention. "182 Aus wettbewerbspolitischer Sicht ist jedoch der von Arrow gezogene Vergleich zwischen den Innovationsanreizen bei vollkommener Konkurrenz und beim Monopol interessanter. Gleichgültig, ob man von einer aus der Sicht des Polypolisten drastischen oder nicht-drasti- schen Innovation ausgeht, der Gewinn aus einer Innovation ist für ein Unternehmen, das sich auf einem polypolistisch strukturierten Markt befindet, ceteris paribus größer als für einen Monopolisten. Ersterer gewinnt durch die Innovation erst eine Monopolstellung, letzterer hingegen muß auch berücksichtigen, daß das neue Monopol das alte quasi ersetzt. Er hat also " ... a disincentive created by his preinvention monopoly profits" .183 181 Die Innovationsgewinnflächen in Abb. 10 können analog zu dem bei Abb. 9a beschriebenen Vorgehen ermittelt werden. Allerding ist beim Monopolisten noch die bereits vor der Innovation erzielte Monopolrente abzuziehen. Diese ist in den Graphiken durch Flächen unter der Grenz.erlöskurve bis qo, abzüglich der entsprechenden Kostenfläche unterhalb der alten Grenzkostenlinie CO• darstellbar. Es handelt sich um die Dreiecke, die durch die eo- und die R' -Linie sowie die Ordinate begrenzt werden. 182 Arrow, K.J., Economic Welfare ... , a.a.O., S. 623. 183 Arrow, K.J., Economic Welfare ... , a.a.O., S. 622. 83 Diese beiden Ergebnisse aus Arrows Untersuchung wurden insbesondere von Demsetz 184 kritisiert. Er macht Arrow bezüglich seiner wohlfahrtsökonomischen Überlegungen den Vorwurf, einen sog. "nirvana approach" zu verfolgen, da er eine marktliche Versorgung mit einem idealen Wohlfahrtsoptimum vergleiche. Die von Arrow abgeleitete Schlußfolgerung, daß alternative -insbesondere staatliche -Institutionen bei der Bereitstellung von Innovationen die marktliche Versorgung ergänzen, wenn nicht gar ersetzen sollten, sei solange nicht zulässig, wie vernachlässigt wird, daß bei alternativen Institutionen ebenfalls Ineffizienzen bei der Ressourcenallokation für Innovationen auftreten können. Aber auch der Vergleich von Monopol und Polypol wird von Demsetz angegriffen. Da ein Monopolist immer den Output begrenzt und die erzielbaren Kosteneinsparungen durch eine Prozeßinnovation für ein Unternehmen vom Output abhängen, sind Einsparungen und damit die Anreize für den Monopolisten geringer. Doch diese Folgerung gilt für jeden Input. Da ein Monopolist weniger produziert, um seinen Gewinn zu maximieren, wird er folglich auch weniger für Produktionsfaktoren -auch technisches Wissen -ausgeben. Um diesen Monopoleffekt zu isolieren, vergleicht Demsetz die Innovationsanreize zwischen Polypol und Monopol bei gleicher Outputmenge im Ausgangspunkt (Qmo = Qko in Abb. 11). 185 Die Grenzerlöskurve des Monopolisten Rm' wird deswegen bei Demsetz mit der Nachfragekurve für das Polypol gleichgesetzt. Dieser Fall ist in Abb. 11 für eine drastische Innovation dargestellt. 186 184 Vgl. Demsetz, H., Information and Efficiency: Another Viewpoint, in: JLE 12 (1969), S. 1 ff. 185 Für eine Kritik an der Art, wie Demsetz versuchte, den Monopoleffekt zu neutralisieren vgl. Ng, Y.K., Competition, Monopoly, and the Incentive to Invent, in: AEP 10 (1971), S. 47. 186 Auf eine Darstellung einer nicht-drastischen Innovation soll verzichtet werden, da sich dabei das gleiche Ergebnis einstellt. 84 Abbildung 11: Innovationsanreize bei Monopol und Polypol bei gleichem Output q Die mit k und m indizierten Variablen stellen die beim Polypol bzw. Monopol relevanten Marktgrößen dar. Die dunkel unterlegte Fläche ist die Innovationsrente für einen innovierenden Polypolisten. Die schraffierte Fläche stellt den Gewinnzuwachs durch die Innovation für den Monopolisten dar. Der Innovationsanreiz ist nun für den Monopolisten größer. Demsetz hat damit gezeigt, daß neben der Marktstruktur auch die Nachfrageseite, d.h. der Industrieoutput, -wie bereits im Zusammenhang mit der nachfrageinduzierten Innovation angesprochen -eine zentrale Rolle für Innovationsanreize spielt. Dabei vernachlässigt Demsetz allerdings die Preiselastizität der Nachfrage als einen weiteren Nachfragefaktor. Kamien und Schwartz187 zeigen in einer Ergänzung zu der Arrow-Demsetz-Kontroverse, daß unabhängig von Marktstruktur oder Marktvolumen der Innovationsanreiz mit einer zunehmenden Nachfrageelastizität wächst. Eine durch niedrige Produktionskosten ausgelöste Preissenkung bewirkt in einer Industrie mit einer elastischen Nachfragefunktion einen größeren Outputzuwachs als in einer Industrie mit einer unelastischen Nachfragefunktion. Da ein größerer Output auch höhere Innovationserlöse impliziert, wie an den Abbildungen 8, 9 187 Vgl. Kamien, M.I., und N.L. Schwartz, Marke! Structure, Elasticity of Demand and lncentive to Invenl, in: JLE 13 (1970), S. 241 ff. 85 und 10 deutlich wird, steigen die Innovationsanreize mit der Nachfrageelastizität. 188 Des weiteren machen sie darauf aufmerksam, daß der Innovationsanreiz für einen Polypolisten auch bei gleichem Industrieoutput größer sein kann als für einen Monopolisten. Bedingung hierfür ist eine höhere Nachfrageelastizität beim Polypol. Ansonsten weist dieses Grundmodell jedoch noch weitere Unzulänglichkeiten auf. Der Innovationsprozeß bleibt vollkommen ausgeklammert, denn die Innovation wird als exogene Größe analog zu den wachstumstheoretischen Modellen eingeführt. Die Unternehmen entscheiden nur, ob sie eine gegebene Prozeßinnovationl89 kaufen oder nicht. Bei dieser Kaufentscheidung werden immer nur Unternehmen isoliert betrachtet; ein Wettbewerb um den Kauf der Innovation -also ein Wettbewerb im F&E-Bereich -findet nicht statt. Insofern läßt Arrows Modell jegliche Interdependenzen zwischen den F&E-Entscheidungen unterschiedlicher Unternehmen außer acht. Das jeweils betrachtete Unternehmen berücksichtigt nicht, ob andere Unternehmen auch in F&E investieren und welche Auswirkungen dies auf seine erwarteten Gewinne hat. 1 90 Technologische Möglichkeiten und Aneignungsprobleme finden keine Berücksichtigung. In der neueren Mikroökonomie wird der Innovationswettbewerb im Rahmen der Oligopoltheorie diskutiert. In statischen Modellen entscheiden Unternehmen nicht nur über den Güteroutput, sondern auch über die F&E-Ausgaben als weiteren wettbewerblichen Aktionsparameter. Repräsentativ für diesen Modelltyp ist eine Arbeit von Dasgupta und Stiglitz.191 Es wird davon ausgegangen, daß ein kontinuierlicher Strom an technologischem Wissen vorhanden ist, auf dessen Basis die Unternehmen in Abhängigkeit von der Höhe ihrer F&E- Ausgaben Produkt- und Prozeßinnovationen realisieren können.192 Beide Innovationsarten 188 Einzige Ausnahme ist die nicht-drastische Innovation beim Polypol. Hier sind Fälle denkbar, bei denen eine begrenzte Variation der Nachfrageelastizität keinen Einfluß auf die Höhe der erzielbaren Innovationsrente hat. 189 infolgedessen nimmt bei Arrow das betrachtete Unternehmen im F&E-Bereich auch keine Marginalanalyse bei der Festlegung seiner F&E-Ausgaben vor, sondern orientiert sich am gesamten Innovationsgewinn. Vgl. hierzu auch Hu, S.H., On the Incentive to Invent: A Classifactory Note, in: JLE 16 (1973), S. 169 ff. 190 Vgl. Needham, D., Marke! Structure and Firms' R&D Behavior, in: JIE 23 (1975), S. 243. I 9 I Vgl. Dasgupta, P., und J. Stiglitz, lndustrial Structure and the Nature of Innovative Activity, in: EJ 90 (1980), s. 266 ff. I 92 Dasgupta und Stiglitz berücksichtigen in ihrem Modell nur Prozeßinnovationen. Eine Erweiterung ihres Ansatzes beziiglich ProduktiRDovationen findet sich bei Stad/er. Vgl. Stadler, M., Marktstruktur und 86 beeinflussen die Gewinnsituation des betrachteten Unternehmens. Die Produktinnovationen werden als Verbesserungsinnovationen des schon produzierten Outputs verstanden und wirken nachfragestimulierend. Das bedeutet modelltheoretisch, daß die Nachfragefunktion des einzelnen Unternehmens nicht nur von der Industriegröße, sondern auch von der Höhe der F&E-Ausgaben für Produktinnovationen abhängt bzw. der erzielbare Outputpreis ceteris paribus mit steigenden F&E-Ausgaben zunimmt. Die Prozeßinnovationen reduzieren die Stückkosten der Produktion, wobei das Ausmaß dieser Reduktion wiederum von der Höhe der F&E-Ausgaben, diesmal allerdings von denen für Prozeßinnovationen, abhängt. Des weiteren wird von institutionellen Marktzutrittsschranken ausgegangen, wodurch die Anzahl der Unternehmen exogen vorgegeben ist. Unter der Annahme simultaner Entscheidungen und Cournotschem Reaktionsverhalten wird ein Cournot-Nash-Gleichgewicht ermittelt. In diesem Gleichgewicht nimmt die Höhe der F&E-Intensität eines Unternehmens ceteris paribus mit der F&E-Elastizität der Stückkostensenkungen193 zu. Analog verhält es sich mit der F&E-Elastizität der Outputpreisel94_ Je größer sie ist, desto höher ist ceteris paribus auch das F&E-Budget des Unternehmens. Ähnlich wie bei Arrow wird auch in diesem Modell ein Unternehmen im Gleichgewicht bei zunehmender Preiselastizität der Nachfrage mehr F&E-Ausgaben für Prozeßinnovationen tätigen. Außerdem ist die Innovationsintensität eines Unternehmens im Gleichgewicht negativ mit dem Marktanteil verknüpft. Die F&E-Elastizität der Stückkostensenkungen und die F&E-Elastizität der Outputpreise werden als Indizes für die technologischen Möglichkeiten in der betrachteten Industrie angesehen. l95 Diese F&E-Elastizitäten und die Preiselastizität der Nachfrage sind in diesem Modell konstante Strukturparameter. 196 Um auch die zusammenhänge zwischen F&E-Intensität und Marktkonzentration erfassen zu können, wurde die Symmetrieannahme in das Modell eingeführt, d.h., alle Unternehmen technologischer Wandel: Eine modelltheoretische Analyse im Rahmen der Industrieökonomik, Berlin u.a. 1989, s. 6 ff. 193 Die Elastizität der Stückkostensenkungen gibt die proz.entuale Änderung der Stückkosten bei einer einprozentigen Veränderung der F&E-Ausgaben für Proz.eßinnovationen wieder. 194 Der Wert der Elastizität der Outputpreise entspricht der proz.entualen Veränderung der Outputpreise bei einer einproz.entigen Veränderung der F&E-Ausgaben für Produktinnovationen. 195 Vgl. Dasgupta, P., The Theory of Technological Competition, in: Stiglitz, J.E., und G.F. Mathewson (Hrsg.), New Developments in the Analysis of Marke! Structure, London 1986, S. 530. 196 Die Konstanz dieser Elastizitäten ist dadurch gewährleistet, daß Dasgupta und Stiglitz isoelastische Funktionen verwenden. 87 sind identisch und haben die gleiche individuelle Nachfragefunktion. Unter dieser Annahme sind Marktanteil und HHI quantitativ identisch. Das oben erwähnte Gleichgewicht kann dann dahingehend interpretiert werden, daß die F&E-Intensität eines Unternehmens -und wegen der Symmetrieannahme gilt dies auch für den Markt -negativ mit der Marktkonzentration korreliert ist. In den empirischen Untersuchungen zu den NSHs wurde jedoch deutlich, daß die Marktkonzentration und F&E-Intensität endogene Faktoren eines Innovationswettbewerbs sind und von anderen Strukturfaktoren simultan bestimmt werden. Um diesen empirischen Vorgaben Rechnung zu tragen, haben Dasgupta und Stiglitz die Annahme institutioneller Marktzutrittsschranken aufgegeben und statt dessen freien Marktzutritt zugrunde gelegt. Dies impliziert, daß langfristig im Gleichgewicht auf dem betrachteten Markt keine Gewinne erzielt werden. Mit Hilfe dieser Nullgewinnbedingung ergibt sich dann in dem Oligopolmodell ein Gleichgewicht, in dem sowohl die F&E-Intensität als auch die Marktkonzentration nur noch von den exogen gegebenen F&E-Elastizitäten und der Preiselastizität der Nachfrage bestimmt werden. Beide Elastizitätsarten sind sowohl mit der F&E-Intensität in einem Markt als auch mit dessen Konzentration positiv verknüpft. Wenn auch dieses Modell im Vergleich zu dem von Arrow Innovationen nicht mehr als vorgegeben betrachtet und darüber hinaus auch die Marktkonzentration endogen durch die technologischen Möglichkeiten (F&E-Elastizitäten) und Nachfragebedingungen (Preiselastizität der Nachfrage) erklärt wird, so weist dieser Ansatz doch auch grundlegende Schwachstellen auf. Wie bereits im Zusammenhang mit den wachstumstheoretischen Modellen und der Entwicklungstheorie von Schumpeter erwähnt, kann es als keine befriedigende theoretische Behandlung des Innovationsprozesses angesehen werden, wenn die Inventionen immer in ausreichendem Ausmaß exogen vorgegeben sind und Innovationen auf deren Basis allein in Abhängigkeit vom Einsatz von F&E-Ressourcen jederzeit und von jedem Unternehmen durchführbar sind. Außerdem ist die Erfassung der Strukturfaktoren durch die Elastizitäten isoelastischer Funktionen in hohem Maße stilisiert, so daß eine empirische Überprüfung wohl auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen dürfte. Auch als theoretische Fundierung für wirtschaftsinsbesondere wettbewerbspolitische Maßnahmen sind die hier besprochenen Modelle aus ähnlichen Gründen nur begrenzt geeignet. 88 Die Allokationsentscheidung über das Ausmaß des F&E-Einsatzes bestimmt sich aus einem Optimierungskalkül (Gewinnmaximierung) bei Cournot-Verhalten unter Restriktionen, die aus den Innovationskosten und dem Nutzen der Innovationen in Form niedrigerer Produktionskosten oder höherer Outputpreise resultieren. Es handelt sich hierbei also wiederum um ein aus der Preistheorie bekanntes Entscheidungsproblem, nur daß die dortigen Restriktionen -Produktions- und Nachfragefunktion - nun Gegenstand der Unternehmensentscheidung geworden sind. Eine solche statische Modellierung des Innovationswettbewerbs, die sich auf die Bestimmung der optimalen Größe und Strukturierung des F&E-Budgets hinsichtlich der Ausgaben für Produkt- bzw. Prozeßinnovationen beschränkt, vernachlässigt den Faktor Zeit. Dadurch wird die im Zusammenhang mit der NSH II angesprochene Aneignungsproblematik der Innovationsgewinne ausgeblendet; denn sie ergibt sich allein aus den "spill-over"-Effekten nach der Markteinführung und stellt somit einen dynamischen Aspekt dar, der in einem statischen Ansatz nicht erfaßt werden kann. Damit bleiben jedoch auch wichtige strategische Aspekte der wettbewerblichen Interaktion zwischen konkurrierenden Unternehmen über den Innovations- bzw. Imitationszeitpunkt, die gerade für einen dynamischen Wettbewerb so typisch sind, außer Betracht, und die durch den Innovationswettbewerb bestimmte Unternehmens- und Industrieentwicklung kann nicht aufgezeigt werden. Die Beschränkung eines solchen Ansatzes auf eine Gleichgewichtssituation überrascht umso mehr, als Dasgupta und Stiglitz sowie Arbeiten, die auf deren Ansatz aufbauen, sich explizit auf Schumpeter berufen. Scherer bemerkt dazu: 197 "Sie suchen eine Gleichgewichtslösung, in der die Intensität jeder einzelnen (identischen) Forschungs- und Entwicklungsbemühung der Unternehmen und die Anzahl der Unternehmen gleichzeitig bestimmt werden, um damit ein Nullgewinnergebnis zu erzielen. Mit der Betonung von Nullgewinn-Innovationsgleichgewichten wird Schumpeter auf den Kopf gestellt -ein Schicksal, das seine Schriften weder damals noch jetzt verdienen." (Hervorhebung im Original) Teile dieser kritischen Anmerkungen wurden in dynamischen mikroökonomischen Modellen aufgegriffen, deren Struktur im folgenden Abschnitt diskutiert wird. (b) Dynamische Modelle Bei den dynamischen Ansätzen kann man entscheidungs- und spieltheoretische Modelle unterscheiden. 198 Erstere untersuchen die Auswirkungen eines anonymen, durch einen Pa- 197 Scherer, F.M., Stand und Perspektiven der Industrieökonomik, in: Bombach, G., u.a. (Hrsg.), Industrieökonomik: Theorie und Empirie, Tübingen 1985, S. 15. 198 Diese Unterscheidung stammt von Kamien und Schwartz. Vgl. Kamien, M.I., und N.L. Schwartz, Marke!. .. , a.a.O., S. 107 f. 95 ternativanlagen attraktiver und steigt daher r, ist das Vorzeichen der entsprechenden partiellen Ableitung negativ. Nimmt R2 zu, ist das Ergebnis unbestimmt. Interessanter ist allerdings die Frage, wie sich a * bei einer Steigerung der Wettbewerbsintensität in dem Modell von Kamien und Schwanz verhält. Bei einer Variation von hergeben sich zwei Fälle: (1) Mit steigendem Konkurrenzdruck h verstärken sich zunächst die Innovationsanstrengungen des Unternehmens. Überschreitet h allerdings eine kritische Schwelle h*, lassen die F&E-Bemühungen wieder nach und a* nimmt wieder zu. Man erhält den aus einigen empirischen Untersuchungen festgestellten und einem umgekehrten "U" gleichenden Zusammenhang zwischen Wettbewerbsdruck und F&E-Aktivitäten. (2) Mit steigender Wettbewerbsintensität nimmt ebenfalls a* zu, bzw. die F&E-Aktivitäten sinken. Die beiden möglichen Zusammenhänge zwischen h und a * sind in Abb. 15 dargestellt. Abbildung 15: Mögliche Zusammenhänge zwischen Wettbewerbsintensität und Innovationsgeschwindigkeit a\h) (2) (!) ' -- ---~"' h Den Verlauf (1) kann man sich auf folgende Weise plausibel machen. Hat ein Unternehmen keinerlei Konkurrenz, ist also h = 0, so wird es a* entsprechend dem oben beschriebenen Innovationskalkül festlegen. Steigt nun der Wettbewerbsdruck, droht der Verlust der Inno- 96 vationserlöse, und das Unternehmen wird zunächst versuchen, diesem Trend durch eine Vorverlegung von a* in Richtung t = 0 zu begegnen. Eine fortgesetzte Zunahme von herhöht weiter die Wahrscheinlichkeit, daß ein Konkurrent dem Innovator zuvorkommt. Gleichzeitig ist eine weitere Verkürzung des eigenen Innovationszeitraumes mit überproportional steigenden F&E-Aufwendungen verbunden. Diese beiden Effekte sind ab einer bestimmten Wettbewerbsintensität h * so stark, daß für das Unternehmen eine Strategie attraktiver wird, bei der es seine F&E-Ausgaben zurückführt und sich auf die Entwicklung einer Imitation beschränkt. Dieser Punkt ist in Abb. 15 der Tiefpunkt der Kurve (1). Er gibt die Konkurrenzintensität an, die den Innovationszeitpunkt minimiert. Doch damit ist noch nicht die Frage geklärt, unter welchen Umständen Fall (1) bzw. Fall (2) eintritt. Kamien und Schwanz haben in ihrem Modell gezeigt, daß h * mit der Höhe der Innovationserlöse positiv und mit den Imitationserlösen negativ verknüpft ist, d.h., h* reagiert genau invers zu a* auf Veränderungen von Ro, R1 und R2. Sind Ro und R1 entsprechend niedrig, ist es möglich, daß h* negativ ist und links von der Ordinate in Abb. 15 (gestrichelter Verlauf der Kurve (2)) liegt. In diesem Fall ist die Gewinnsituation bei einer Innovation relativ schlecht. Wenn man die Innovation einem Monopolisten überläßt, der nicht dem Risiko ausgesetzt ist, daß ein Konkurrent ihm zuvorkommt, wird a * verkürzt. Sind Ro und R1 jedoch relativ hoch und R2 relativ gering, dann ist die Position des Innovators für das betrachtete Unternehmen so attraktiv, daß erst bei h* > 0 der minimale a* erreicht wird (Kurve (1)). Dieses entscheidungstheoretische Modell wurde um drei Aspekte erweitert. Neben der Integration von technologischer Unsicherheit versuchte man durch spieltheoretische Ansätze, auch Interaktionen zwischen den konkurrierenden Unternehmen modelltheoretisch einzufangen; denn bei Kamien und Schwartz wurde Wettbewerb vom betrachteten Unternehmen nur als ein anonymer, nicht beeinflußbarer Druck empfunden, an den es sich mit seinen Innovationsausgaben gewinnmaximierend anpaßt. Man könnte die oben beschriebene Wettbewerbsposition des Unternehmens auch als eine polypolistische bezeichnen. Geht man jedoch davon aus, daß sich im Innovationswettbewerb häufig oligopolistische Situationen einstellen, so ist zu berücksichtigen, daß ein Unternehmen seine Konkurrenten kennt und versucht, deren Wettbewerbsaktionen in seinem Gewinnkalkül zu berücksichtigen. Der dritte ergänzende Aspekt ergibt sich aus der Beschränkung des Modells von Kamien und Schwartz auf die Unternehmensebene. Aus der theoretischen Feststellung, daß beispielsweise ein Unternehmen bei steigendem Wettbewerbsdruck weniger für F&E ausgibt, kann eine 97 Schlußfolgerung für die Innovationsausgaben der Industrie, in der sich das betreffende Unternehmen befindet, nicht gezogen werden; denn ist der steigende Wettbewerbsdruck ein Resultat einer größeren Anzahl konkurrierender Unternehmen, kann die Verringerung der unternehmensindividuellen F&E-Ausgaben durch die gestiegene Anzahl der F&E-be- treibenden Unternehmen überkompensiert werden. Eine grundlegende Arbeit zur theoretischen Analyse oligopolistischer Interdependenzen im Innovationswettbewerb stellt ein Aufsatz von Loury208 dar, auf den sich die folgenden Ausführungen beziehen. Das Modell von Loury berücksichtigt technologische Unsicherheit und Marktunsicherheit. Kamien und Schwanz hatten noch mit der Annahme gearbeitet, daß dem einzelnen Unternehmen der exakte Verlauf der Entwicklungsmöglichkeitenkurve bekannt ist. Dadurch wurde technologische Unsicherheit ausgeklammert. Das Unternehmen wußte also, wenn es im Zeitpunkt t = 0 beschließt, Innovationsausgaben mit einem Gegenwartswert von x zu tätigen, wird es zu einem bestimmten Zeitpunkt t = a die Innovation erfolgreich abgeschlossen haben. Loury läßt diese Annahme fallen und unterstellt statt dessen nur eine dem Unternehmen bekannte Wahrscheinlichkeitsverteilung, die die Wahrscheinlichkeit dafür angibt, daß ein bestimmtes Maß an F&E-Anstrengungen bis zum Zeitpunkt t = a von Erfolg gekrönt ist. Dabei wird im Modell von einer Exponentialverteilung ausgegangen, deren expliziter Verteilungsparameter g eine unterproportional steigende Funktion von x ist. Das bedeutet, daß zu jedem Zeitpunkt die bedingte Wahrscheinlichkeit, daß das Unternehmen im nächsten marginalen Zeitpunkt die Innovation erfolgreich abschließt, umso höher ist, je größer seine F&E-Ausgaben sind. Berücksichtigt man, daß der Erwartungswert bei einer Exponentialverteilung der Kehrwert von g ist, so kann das Unternehmen früher mit einem erfolgreichen Abschluß seiner F&E-Bemühungen rechnen, wenn es sich im Zeitpunkt t = 0 für ein höheres F&E-Budget entscheidet. Man kann also sagen, das Unternehmen legt mit seinen F&E-Ausgaben nicht mehr einen bestimmten Innovationszeitpunkt fest, sondern es bestimmt mit seinen F&E-Ausgaben nur noch, welche Wahrscheinlichkeitsverteilung für den Innovationszeitpunkt das Unternehmen in seinem Entscheidungskalkül berücksichtigen muß. 208 Vgl. Loury, G.C., Marke! Structure and Innovation, in: QJE 93 (1979), S. 395 ff. Erste Überlegungen zu einem Cournot-Duopol im Innovationswettbewerb finden sich bei Scherer. Vgl. Scherer, F.M., Research ... , a.a.O., S. 367 ff. 98 Die Marktunsicherheit besteht bei Loury analog zu Kamien und Schwartz darin, daß ein anderes Unternehmen dem betrachteten zuvorkommt und ihm dadurch Innovationserträge verloren gehen. Allerdings ist die "hazard rate" h nun nicht mehr exogen vorgegeben, sondern sie ist das Resultat der kumulierten expliziten Verteilungsparameter der Wahrscheinlichkeitsverteilungen für eine technologisch erfolgreiche Innovation der konkurrierenden Unternehmen. Diese Parameter wiederum sind abhängig von den F&E-Ausgaben der Konkurrenten.209 Das einzelne Unternehmen geht davon aus, daß der Wert h konstant bleibt. Dies impliziert Cournot-Verhalten, d.h., ein Unternehmen berücksichtigt zwar bei seinem Innovationskalkül die F&E-Ausgaben der Konkurrenten -welche die Wahrscheinlichkeit, daß ihm ein Konkurrent zuvorkommt, determinieren -, geht jedoch davon aus, daß die Konkurrenten die Höhe ihrer F&E-Ausgaben nicht in Abhängigkeit von seinem Verhalten variieren werden. Die Unsicherheitssituation des Unternehmens kann also folgendermaßen charakterisiert werden. Die Wahrscheinlichkeit, daß das betrachtete Unternehmen zum Zeitpunkt t = a als erstes mit seiner Innovation erfolgreich am Markt ist, setzt sich zusammen aus der Wahrscheinlichkeit, daß bis t = a das Unternehmen die technologischen Schwierigkeiten gelöst hat und ihm kein konkurrierendes Unternehmen bis dahin zuvorgekommen ist. Für das Entscheidungskalkül des betrachteten Unternehmens werden von Loury folgende Annahmen getroffen. Es handelt sich um eine "winner takes it all"-Situation, d.h., daß das Unternehmen, welches als erstes innoviert, einen zeitlich unbegrenzten Patentschutz und damit einen Innovationserlös erhält, dessen Gegenwartswert V sich aus einem mit dem Faktor r abdiskontierten ewigen Strom im Zeitverlauf konstanter periodischer Zahlungen bestimmt. Die Unternehmen, deren F&E-Aktivitäten erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgreich abgeschlossen werden können, gehen folglich vollkommen leer aus, da imitativer Wettbewerb wegen des vollkommenen Patentschutzes nicht möglich ist. Des weiteren wird angenommen, daß die Symmetrieannahme bezüglich der Unternehmen in der betrachteten Industrie gilt. Wie bei Kamien und Schwartz wird nun das gewinnmaximierende Unternehmen versuchen, die Höhe seiner F&E-Ausgaben -bei aus der Sicht des Unternehmens gegebenen V, h und r - so festzulegen, daß der erwartete Innovationsgewinn maximal ist. 209 Es gilt also h; = I:g(xj) für j = !, ... , n;j + i. 99 Das Modell von Loury zeigt nun, daß die den erwarteten Innovationsgewinn maximierenden F&E-Ausgaben x* eines Unternehmens positiv mit V und negativ mit r verbunden sind. Für Veränderungen von h erhält Loury die gleichen zwei möglichen Verläufe wie Ka,nien und Schwanz. Einmal nimmt x* mit steigender Wettbewerbsintensität h ab. Das andere Mal erhält man zunächst eine Steigerung von x* bei einer Zunahme von h bis zu einem kritischen Wert, ab dem bei weiterer Erhöhung von h die Höhe des gewinnmaximierenden F&E- Budgets x* fällt. Doch diese Feststellungen zum individuellen Unternehmensgleichgewicht erlauben noch keine Aussagen über die zusammenhänge zwischen Variationen der Wettbewerbsintensität und den F&E-Aktivitäten auf der Industrieebene. Loury untersuchte daher das Industriegleichgewicht eines symmetrischen Cournot-Oli- gopols. Die Wettbewerbsintensität h wurde -wie bereits erwähnt -nicht mehr als exogene Größe angesehen, sondern als Summe der individuellen g(x). Das bedeutet aber bei Cournot-Verhalten, daß, obwohl das betrachtete Unternehmen bei der Bestimmung von x* von einem konstanten h ausgeht, h sich aufgrund der Reaktionen der anderen n-1 Oligopolisten verändert. Wählt das repräsentative Unternehmen x* so, daß es nicht zu Reaktionen der konkurrierenden Unternehmen kommt, so ist das Industriegleichgewicht erreicht. Da Loury die Symmetrieannahme zugrunde legt, ist x* für alle Unternehmen gleich groß, und die Wettbewerbsintensität beträgt im Industriegleichgewicht h* = (n-l)g(x*). Um nun zu untersuchen, wie sich die F&E-Ausgaben einer Industrie bei Veränderungen der Industriestruktur und damit der Wettbewerbsintensität verhalten, variiert Loury in seinem Modell die Anzahl der Unternehmen n. Dabei zeigt sich, daß bei steigenden n ceteris paribus x* fällt, aber die F&E-Ausgaben der Industrie nx* steigen und die Innovation früher eingeführt wird. Die Modelle von Ka,nien und Schwanz sowie Loury, die hier beschrieben wurden, versuchen, die Wirkungen der Marktstruktur bzw. des Wettbewerbs auf die Innovationsaktivitäten eines Unternehmens und einer Industrie zu untersuchen. Dabei verwenden sie das typisch neoklassische Instrumentarium. Ein Unternehmen maximiert seinen Innovationsgewinn, indem es seine F&E-Ausgaben so festlegt, daß die erwarteten Innovationsgrenzerlöse den Grenzkosten der Innovation entsprechen. Es ist damit gelungen, den Innovationswettbewerb analog zum Preiswettbewerb zu modellieren. Auch die aus den empirischen Untersuchungen bekannten Strukturfaktoren wie technologische Möglichkeiten, 100 Aneignungsbedingungen und Nachfragefaktoren wurden parametrisch berücksichtigt. Doch betrachtet man die Annahmen der beschriebenen Modelle, so stellt sich die Frage, ob nicht durch sie wesentliche Aspekte des Innovationswettbewerbs ausgeblendet bzw. zu stilisiert behandelt werden. Zunächst fällt auf, daß die Unternehmen im Zeitpunkt t = 0 ihre Innovationsausgaben und den damit verbundenen Ablauf des F&E-Programms irreversibel festlegen, d.h., Interaktionen zwischen den Unternehmen können nur zu Beginn des Innovationswettbewerbs stattfinden. Erfahrungen, Lerneffekte oder neue Erkenntnisse während des Innovationsprozesses haben keinen Einfluß mehr auf das in seiner Höhe und Struktur festgelegte F&E- Budget. Diesem Kritikpunkt wurde in Weiterentwicklungen der neoklassischen Innovationstheorie Rechnung getragen, indem man den Innovationswettbewerb als ein mehrstufiges Patentrennen zweier Unternehmen darstellte, was impliziert, daß eine Innovation aus verschiedenen Teilprojekten besteht, die fertiggestellt werden müssen. Wissensvorsprünge eines Unternehmens haben Auswirkungen auf das F&E-Verhalten des führenden und des zurückliegenden Unternehmens. Diese Vorsprünge können im Extremfall dazu führen, daß das zurückliegende Unternehmen seine Innovationsanstrengungen ganz einstellt.210 Problematisch an diesen Ansätzen ist zudem, daß alle Unternehmen um dieselbe ex ante bekannte Innovation konkurrieren. Davon auszugehen heißt, daß allen Unternehmen die Eigenschaften einer Innovation schon bekannt sind. Das wesentliche Charakteristikum von Innovationsprozessen -die Unsicherheit über die Innovationseigenschaften -wird so ausgeklammert. 211 Die Möglichkeit alternativer Problemlösungen, die sich während des Innovationsprozesses ergeben, bleiben ebenso außer Betracht wie ex ante noch nicht bekannte Anwendungsmöglichkeiten. Ersteres ist die Folge einer Modellierung des Innovationsprozesses, bei der die unterschiedlichen Innovationsbedingungen innerhalb der Unternehmen nicht näher dargestellt werden bzw. durch die Symmetrieannahme als identisch unterstellt werden. Letzteres ergibt sich aus der Annahme, daß die Unternehmen ex ante ihre Innovationserlöse kennen, d.h., sie wissen um alle Anwendungsmöglichkeiten. Erweiterungen des Anwendungsbereiches durch komplementäre Innovationen anderer Unternehmen bzw. durch Weiterentwicklungen der ursprünglichen Innovation sind entweder 210 Vgl. für einen Überblick Stadler, M., Marktstruktur ... , a.a.O., S. 60 ff. 211 Vgl. Wegner, G., Wohlfahrtsaspekte evolutorischen Marktgeschehens: Neoklassisches Fortschrittsverständnis und Innovationspolitik aus ordnungstheoretischer Sicht, Tübingen 1991, S. 15; Witt, U., Individualistische ... , a.a.O., S. 62. 101 nicht möglich oder eben schon in vollem Umfang ex ante bekannt. Beides sind unbefriedigende Alternativen. In jüngerer Zeit wurden neoklassische Ansätze erarbeitet, die versuchen, die Marktentwicklung einer Industrie aufzuzeigen, die von einem Unternehmen beherrscht wird, das ein Innovationsrennen gewonnen hat. Die Marktstellung des dominierenden Unternehmens ist aber von Weiterentwicklungen der ursprünglichen Innovation durch industrieexterne Unternehmen gefährdet.212 Dabei wurden unterschiedliche Annahmen über die Rolle des Patentschutzes und der Bedeutung der Folgeinnovationen unterstellt. Es konnte gezeigt werden, daß die Industrieentwicklung und die F&E-Aktivitäten entscheidend von den Marktzutrittsbedingungen bestimmt werden. Doch auch bei diesen Arbeiten behält die bereits an den Grundmodellen geübte Kritik ihre Gültigkeit, daß letztlich nur Unsicherheit hinsichtlich der Frage besteht, wer wann eine schon ex ante bekannte Innovation durchführt, und daher der eigentliche Innovationsprozeß nicht näher dargestellt wird. In suchtheoretischen Ansätzen versucht man nun, dieser Kritik dadurch zu begegnen, daß man davon ausgeht, daß ein Unternehmen nicht mehr die Innovationseigenschaften und damit die Innovationserlöse ex ante genau kennt, sondern nur noch über eine objektive Wahrscheinlichkeitsverteilung bezüglich der Innovationscharakteristika verfügt. 213 Verknüpft man diesen Ansatz mit spieltheoretischen Duopolmodellen, kann die Marktentwicklung im Innovationsprozeß modelliert werden, der sich dann folgendermaßen darstellt:214 "Zunächst suchen beide Unternehmen unabhängig voneinander nach technologischen Verbesserungen. Gelingt einem Unternehmen ein hinreichend großer Wettbewerbsvorsprung, stellt es seine F&E-Aktivitäten ein, bis ein Konkurrent wieder nahe genug 'herangerückt' ist. Dieser evolutive Prozeß des Vorstoßens und des Aufholens setzt sich solange fort, bis schließlich kein Unternehmen mehr an weiteren F&E-An- strengungen interessiert ist. Der Innovationsprozeß konvergiert dann in einen technologischen Endzustand, der aller Voraussicht nach durch eine asymmetrische stationäre Marktstruktur gekennzeichnet ist." Ohne hier eine abschließende Bewertung darüber abzugeben, ob die neoklassische Vorgehensweise einen falschen Weg darstellt, muß aber festgehalten werden, daß es der der- 212 Vgl. hierzu den Überblick bei Stadler, M., Marktstruktur ... , a.a.O., S. 85 ff. 213 Diese Annahme impliziert, daß dem Unternehmen ex ante der gesamte Zustandsraum bekannt ist. Es wurde jedoch bereits im ersten Kapitel deutlich gemacht, daß auch eine solche Annahme im Zusammenhang mit Innovationsproressen restriktiv sein kann und die Unsicherheit i.S. von Knight ausgrenzt. 214 Stadler, M., Marktstruktur ... , a.a.O., S. 172. Eine zusammenfassende Darstellung dieser Ansätze findet sich bei Stadler, M., Marktstruktur ... , a.a.O., S. 142 ff. Vgl. auch Völker, R., Innovationsentscheidungen und Marktstruktur: Der suchtheoretische Ansatz, Heidelberg 1990. 102 zeitige Stand der Modellentwicklung aufgrund seines hohen Abstraktionsniveaus noch nicht zuläßt, die theoretischen Ergebnisse empirisch zu überprüfen oder allgemein wirtschaftspolitisch zu nutzen. So bemerken Cohen und Levin zum Verhältnis zwischen den theoretischen und empirischen Arbeiten zum Innovationswettbewerb:215 "One difficulty with testing the implications of recent game-theoretic models of R&D rivalry is that they analyze behavior in higly stylized and counterfactual settings. For example, many models focus on the interaction of a single incumbent and a single prospective entrant. Moreover, many of these results obtained in this literature ... depend upon typically unverifiable assumptions conceming the distribution of information, the identity of the decision variables, and the sequence of moves." Und Reinganum kommt zu dem Schluß:216 "(T)his work has not yet had a significant impact on the applied literature in industrial organization; its usefulness for policy purposes should also be considered limited." Dennoch ist der Grundgedanke der dynamischen neoklassischen Modelle -den Innovationswettbewerb als ein Innovationsrennen aufzufassen -geeignet, einige wichtige wettbewerbspolitische Aspekte des Innovationswettbewerbs deutlich werden zu lassen. Er wird daher bei wettbewerbspolitischen Überlegungen im vierten Kapitel wieder aufgenommen. Die bisherigen neoklassischen Modelle zeichnen sich durch die aus der traditionellen Mikroökonomie bekannten typischen Modellkomponenten aus. Die wirtschaftlichen Akteure verfolgen eine Zielfunktion, die sie zu optimieren versuchen. Ihre Möglichkeiten hierzu sind in einer "Produktionsfunktion" bzw. Kostenfunktion abgebildet, die darüber Auskunft gibt, welche Mengen an Ressourcen ein Wirtschaftssubjekt einsetzen muß, um einen bestimmten "Output" zu realisieren. Das Wirtschaftssubjekt wählt jene Handlung, die bei gegebenen Restriktionen seine Zielfunktion optimiert. Das so ermittelte Gleichgewicht ändert sich nur, wenn sich exogen vorgegebene Modellparameter ändern. Durch Variation dieser exogenen Parameter können Veränderungen und Eigenschaften des Gleichgewichts untersucht werden. Nelson und Winter kritisieren diese Grundstruktur neoklassischer mikroökonomischer Modelle und entwickeln als neue Herangehensweise für mikroökonomische Fragestellungen des 215 Cohen, W.M., und R.C. Levin, Empirical..., a.a.0., S.1096. 216 Reinganum, J.F., The Timing of Innovation: Research, Development, and Diffusion, in: Schmalensee, R., und R.D. Willig (Hrsg.), Handbook oflndustrial Innovation, Bd. 2, Amsterdam 1989, S. 905. 103 ökonomischen Wandels einen sog. evolutorischen Ansatz.2 17 Ein Schwerpunkt ihrer Arbeiten ist die Modellierung des Innovationswettbewerbs und die sich hieraus ergebende Marktentwicklung. Die folgenden Ausführungen beschränken sich auf diesen Teil ihrer Evolutionstheorie. bb) Ein evolutorischer Ansatz: Das Modell von Nelson und Winter Unter dem Begriff Evolutionstheorie werden sehr heterogene Ansätze zusammengefaßt. 218 Witt betont insbesondere drei Kriterien, die evolutorische Ansätze charakterisieren:219 " .. Die Theorie ist dynamisch, d.h., sie hat eine in der Zeit ablaufende Entwicklung zum Gegenstand . .. Der Theorie liegt das Konzept der irreversiblen, historischen Zeit zugrunde, d.h. sie bezieht sich auf Entwicklungen, die eine zeitlich nicht umkehrbare Richtung aufweisen. . . Die Theorie erklärt, wie es zu Neuerungen in den untersuchten Entwicklungen kommt und welche allgemeinen Einflüsse sie haben, d.h. sie formuliert Hypothesen über das zeitliche Verhalten von Systemen, in denen Neuerungen auftreten und sich ausbreiten. " Der im folgenden dargestellte Ansatz von Nelson und Winter erfüllt diese Kriterien. Er wurde ausgewählt, da er sich explizit mit den zusammenhängen von Industriekonzentration und Innovationen auseinandersetzt. Gedanken anderer evolutorischer Modelle werden noch im folgenden Kapitel aufgegriffen und für die vorliegende Untersuchung nutzbar gemacht. Eine Darstellung der anderen Modelle muß jedoch aus Platzgründen hier unterbleiben. Nelson und Winter versuchen in Anlehnung an Alchian22 0, den Innovationswettbewerb in einer losen Analogie zum Evolutionsprozeß in der Biologie darzustellen. 217 Vgl. Nelson, R.R., und S.G. Winter, An Evolutionary Theory of Economic Change, Cambridge, Mass., und London 1982. Für einen Überblick vgl. Behrens, C., Dynamischer Wettbewerb und Wachstum, Frankfurt a.M. 1988, S. 93 ff. 218 Vgl. für einen Überblick Witt, U., Individualistische ... , a.a.O., S. 31 ff.; Bollmann, P., Technischer ... , a.a.O., S. 40 ff. 219 Witt, U., Individualistische ... , a.a.O., S. 28. 220 Vgl. Alchian, A.A., Uncertainty, Evolution, and Economic Theory, in: JPE 58 (1950), S. 211 ff. 104 Auf der Unternehmensebene wird das Maximierungsverhalten abgelehnt; statt dessen werden Gedanken der behavioristischen Firmentheorie übernommen. "(R)eal-life decision problems are too complex to comprehend and therefore firms cannot maximize over the set of all conceivable alternatives. Relatively simple decision rules and procedures are used to guide action; because of the bounded rationality prob- Jem, these rules and procedures cannot be too complicated and cannot be characterized as ' optimal ' in the sense that they reflect the results of global calculation taking into account information and decision costs; however, they may be quite satisfactory for the purposes of the firm given the problems the firm faces. "221 Die Unternehmen zeigen also anspruchsniveauorientiertes Verhalten222, das geprägt ist von Verhaltensregeln. Diese Verhaltensregeln werden als sog. Routinen bezeichnet. Dabei möchten Nelson und Winter diesen Begriff möglichst umfassend verstanden wissen: 223 "We use this term to include characteristics of firms that range from well-specified technical routines for producing things, through procedures for hiring and firing, ordering new inventory, or stepping up production of items in high demand, to policies regarding investment, research and development.., or advertising, and business strategies about product diversification and overseas investment." Während in der traditionellen Mikroökonomie zwischen den Handlungsalternativen und den Wahlentscheidungen bezüglich der verschiedenen Aktionsparameter eines Unternehmens scharf getrennt wird, halten Nelson und Winter eine solche Trennung für unangebracht. Ihrer Ansicht nach sind sowohl Alternativen als auch Entscheidungen Elemente von Routinen, die den funktionalen Zusammenhang zwischen unternehmensexogenen Faktoren und den Aktionsparametern der Unternehmen festlegen. Routinen sind in diesem Ansatz das Äquivalent zu den Genen in der biologischen Evolutionstheorie. Die "Gene" eines Unternehmens sind Resultat der historischen Unternehmensentwicklung und unterliegen bei einer sich permanent verändernden Umwelt einem ständigen Anpassungsdruck.224 Die Veränderungen von Routinen durch Suchroutinen werden wiederum in Analogie zur Biologie als 221 Nelson, R.R., und S.G. Winter, An Evolutionary ... , a.a.O., S. 35. 222 Es handelt sich um sog. "satisficing behavior". Ein allgemein gebräuchlicher deutscher Fachterminus existiert bisher noch nicht. 223 Nelson, R.R., und S.G. Winter, An Evolutionary ... , a.a.O., S. 14. Diese hier angeführten Routinen werden hierarchisch unterteilt. Auf der untersten Ebene stehen die Routinen, die bei gegebener Ressourcenausstattung das kurzfristige Periodenverhalten einer Unternehmung festlegen. Auf der nächsthöheren Ebene befinden sich die Routinen, welche die Veränderungen der Ressourcenausstattung des Unternehmens bestimmen. Auf der obersten Ebene stehen die sog. Suchroutinen. Sie beschreiben das Unternehmensverhalten, das zu Änderungen niederrangiger Routinen führt. Das bedeutet, daß auch bei der Suche nach Neuem, also bei Innovationsaktivitäten, nach bestimmten Regeln vorgegangen wird. Das Ergebnis - die neuen Routinen -werden von Nelson und Winter als zufallsbestimmt betrachtet. Vgl. Nelson, R.R., und S.G. Winter, An Evolutionary ... , a.a.O., S. 16 ff. und 132. 224 Vgl. Nelson, R.R., und S.G. Winter, An Evolutionary ... , a.a.O., S. 14 ff. 111 3. Kapitel: Technologische Paradigmen und Technologiewettbewerb Die Strukturdeterminanten -technologische Möglichkeiten, Aneignungsbedingungen und Nachfragestruktur -sind in einer kurz- bis mittelfristigen Perspektive relativ stabil, so daß der technologische Entwicklungspfad über längere Zeiträume hinweg kontinuierlich verläuft und in Grenzen auch prognostizierbar ist. In der evolutorischen Innovationsforschung spricht man in diesem Zusammenhang von technologischen Paradigmen, welche die Struktur und das Wettbewerbsverhalten in Industrien prägen. Abrupte, kaum prognostizierbare revolutionäre Innovationen sorgen für Paradigmenwechsel, die die Richtung und den Charakter des technologischen Entwicklungspfades grundsätzlich ändern. Ziel dieses Kapitels ist es, den Begriff des technologischen Paradigmas und seine Stabilität im Zeitverlauf zu erklären. Einen zweiten Schwerpunkt bildet die Konkurrenz zwischen unterschiedlichen grundsätzlichen Problemlösungen. Dieser Wettbewerb, der festlegt, welche der konkurrierenden Problemlösungen sich langfristig als technologisches Paradigma durchsetzt, wird im folgenden als Technologiewettbewerb bezeichnet. Obwohl die Theoriebildung zum Technologiewettbewerb noch in den Anfängen steckt, gibt sie dennoch einige interessante Aufschlüsse für wettbewerbspolitisches Handeln. Es wird unterschieden zwischen einem Innovationswettbewerb, in dem Unternehmen darum konkurrieren, ihre Problemlösung als technologisches Paradigma zu etablieren -dem Technologiewettbewerb -, und einem Innovationswettbewerb, in dem die Unternehmen im Rahmen eines allgemein anerkannten technologischen Paradigmas durch ihre F&E-Aktivitäten versuchen, Wettbewerbsvorsprünge zu erzielen, und im Zuge dieser Wettbewerbsvorstöße den exakten technologischen Entwicklungspfad in den Grenzen dieses Paradigmas festlegen.1 Der Innovationswettbewerb im Rahmen eines etablierten technologischen Paradigmas ist Gegenstand des vierten Kapitels. 1 Selbstverständlich überschneiden sich diese Formen des Innovationswettbewerbs in der Realität häufig. Unternehmen suchen parallel nach grundsätzlich neuen Problemlösungen und arbeiten an Verbesserungen der Technologien, die Teil des herrschenden Paradigmas sind. Für anschauliche Fallstudien zu beiden Formen des Innovationswettbewerbs vgl. Berg, H., Wettbewerb als dynamischer Proreß: Idealtypus und Realität, in: Andreae, C.A., u.a. (Hrsg.), Wettbewerb als Herausforderung und Chance: Festschrift für Werner Benisch, Köln u.a. 1989, S. 27 ff. 112 I. Begriff des technologischen Paradigmas Betrachtet man die technologische Entwicklung in verschiedenen Industrien, so zeigt sich im Zeitverlauf, daß grundsätzlichen Innovationen, die die Industriestruktur radikal ändern, Verbesserungsinnovationen folgen, welche die Effizienz der Produktionstechnologie oder die von den Nachfragern gewünschten Eigenschaften des angebotenen Produktes nur graduell verbessern und erst in ihrer Gesamtheit zu wesentlichen Veränderungen führen.2 Während die Vertreter der "demand-pull"-Hypothese den technischen Fortschritt eher als eine kontinuierliche, durch aufeinander autbauende Innovationen geprägte Entwicklung betrachteten, war es Schumpeter, der in seiner "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" die Bedeutung grundsätzlicher, diskontinuierlich auftretender Innovationen in den Vordergrund stellte. Mit dem Konzept des technologischen Paradigmas (fP), das in der Literatur immer mehr Verbreitung findet, versuchen verschiedene Autoren, beide Aspekte einer Industrieentwicklung einzufangen.3 Dieses Konzept steht in einem engen Verhältnis zu wissenschaftstheoretischen Überlegungen von Kuhn. Dieser hat darauf aufmerksam gemacht, daß wissenschaftlicher Fortschritt von sog. "wissenschaftlichen Paradigmen" geprägt ist. Darunter versteht er grundsätzliche wissenschaftliche Leistungen, die " ... für (die) konkrete wissenschaftliche Praxis -Beispiele, die Gesetz, Theorie, Anwendung und Hilfsmittel einschließen -Vorbilder abgeben, aus denen bestimmte festgefügte Traditionen wissenschaftlicher Forschung erwachsen. "4 2 Vgl. Mokyr, J., Punctuated Equilibria and Technological Progress, in: AER Papers and Proceedings 80 (1990), s. 350 ff. 3 Vgl. Dosi, G., Technological Paradigms and Technological Trajectories: A Suggested Interpretation of the Determinants and Directions of Technical Change, in: RPol 11 (1982), S. 147 ff.; ders., Sources, Procedures, and Microeconomic Effects ofinnovation, in: JEL 26 (1988), S. 1120 ff.; ders. u.a., The Economics of Technical Change and International Trade, New York 1990, S. 82 ff.; Nelson, R.R., und S.G. Winter, An Evolutionary Theory of Economic Change, Cambridge, Mass. 1982, S. 255 ff.; Perez, C., Structural Change and Assimilation of New Technologies in the Economic and Social Systems, in: Futures 15 (1983), S. 357 ff.; Hagedoorn, J., The Dynamic Analysis of Innovation and Diffusion: A Study in Process Control, London 1989, S. 98 ff.; Andersen, E.S., Techno-Economic Paradigms as Typical Interfaces between Producers and Users, in: JEE 1 (1991), S. 124; Brouwer, M., Schumperteian Puzzles: Technological Competition and Economic Evolution, New York u.a. 1991, S. 92; Cantner, U., Technischer Fortschritt, neue Güter und internationaler Handel, Heidelberg 1990, S. 10 ff. Gewisse Aspekte und Überlegungen des Konzepts des TPs finden sich auch in der Literatur über den Produktlebenszyklus. Vgl. insbesondere bereits Wolf, J., Die Volkswirtschaft der Gegenwart und Zukunft, Leipzig 1912, S. 236 f.; Kusznets, S.S., Secular Movements in Production and Prices: Their Nature and Their Bearing upon Cyclical Fluctuations, New York 1967, S. 31 ff.; Abernathy, W.J., und J. M. Utterback, Patterns ofindustrial Innovation, in: TR (1978), S. 40 ff. 4 Kuhn, T.S., Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 5. Aufl., Frankfurt a.M. 1981, S. 25. In einem späteren Aufsatz konkretisiert Kuhn den Begriff Paradigma. Danach sind Paradigmen nur noch für die Klärung bestimmter wissenschaftlicher Fragen herausragende Musterbeispiele, die von einer wissenschaftlichen 113 Ein solches Paradigma bestimmt für eine begrenzte Zeit die Richtung und die Intensität des wissenschaftlichen Fortschritts. Die im Rahmen eines Paradigmas ablaufende Forschung bezeichnet Kuhn als "normale Wissenschaft". 5 Hört ein Paradigma auf, nennenswerte Erkenntnisfortschritte bei der Erforschung eines bestimmten Bereichs der Natur zu liefern bzw. können gewisse Entdeckungen trotz intensivster Anstrengungen nicht mehr durch die Theorien des herrschenden Paradigmas erklärt werden, stellt sich bei einem Teil der Wissenschaftsgemeinschaft Unzufriedenheit ein, die zur Krise eines Paradigmas führt. 6 Es kommt zu einer zunehmenden Aufweichung der Regeln des Paradigmas und man versucht, mit ad hoc-Annahmen das Problem zu lösen. Dieser Zustand kann sich zu einer sog. wissenschaftlichen Revolution steigern, in der neue Ansätze mit dem alten Paradigma in dem relevanten Wissenschaftsbereich um die Anerkennung der Wissenschaftsgemeinschaft konkurrieren. Setzt sich ein neuer Ansatz durch, hat sich ein sog. Paradigmenwechsel vollzogen.7 Während die sog. normale Wissenschaft zu kumulativen Erkenntnisfortschritten führt, bewirkt ein Paradigmenwechsel i.d.R. eine Neuinterpretation empirischer Ergebnisse und damit eine Entwertung bisheriger Erkenntnisse. 8 Schule geteilt werden. Andere Bindungen einer Wissenschaftsgemeinde, wie gemeinsame Terminologie, gemeinsame Werturteile oder Forschungsmethoden werden nicht mehr als Bestandteile eines Paradigmas betrachtet, sondern als sog. "disciplinary matrices" bezeichnet. Da Kuhn diese Unterscheidung nur zur begrifflichen Klarheit einführte, inhaltlich jedoch an seinem ursprünglichen Konzept festhielt, spielt diese begriffliche Unterscheidung für die folgenden Überlegungen keine Rolle. Vgl. Kuhn, T.S., Second Thoughts on Paradigms, in: Suppe, F. (Hrsg.), The Structure of Scientific Theories, Urbana, III. 1974, S. 462 f. u. 482. 5 Vgl. Kuhn, T.S., Die Struktur ... , a.a.O., S. 25 u. 37 ff. 6 Vgl. Kuhn, T.S., Die Struktur ... , a.a.O., S. 79 ff. 7 Vgl. Kuhn, T.S., Die Struktur ... , a.a.O., S. 95 ff. 8 Vgl. Kuhn, T.S., Die Struktur ... , a.a.O., S. 97 f. Ein gutes Beispiel für vollkommen unterschiedliche und sich gegenseitig ausschließende Interpretationen empirischer Ergebnisse ist die Diskussion in der Industrieökonomik zwischen den Vertretern der Harvard School und der Chicago School, wie der positive Zusammenhang zwischen Marktkonzentration bzw. Marktanteil und hoher Gewinnrate der Unternehmen zu interpretieren ist. Vgl. hierzu Schmidt, !., und J.B. Rittaler, Die Chicago School of Antitrust Analysis: Wettbewerbstheoretische und -politische Analyse eines Credos, Baden-Baden 1986, S. 59 ff. 114 Diese Überlegungen von Kuhn versuchte insbesondere Dosi, auf die technologische Entwicklung in einer Industrie zu übertragen:9 und "(A)s modern philosophy of science suggests the existence of scientific paradigms ... , so there are technological paradigms. Both scientific and technological paradigms embody an outlook, a definition of the relevant problems, a pattern of enquiry. A 'technological paradigm' defines contextually the scientific principles utilized for the task, the material technology tobe used. In other words, a technological paradigm can be defined as a 'pattern' of solution of selected technoeconomic problems ... " (Hervorhebungen im Original) "A technological paradigm is both an exemplar - an artifact that is to be developed and improved ... - and a set of heuristics (e.g., Where do we go from here? Where should we search? What sort of knowledge should we draw on?)." (Hervorhebungen im Original) Ein TP bestimmt also nicht nur den Gegenstand der Innovationsaktivitäten -beispielsweise Energiegewinnung oder Transport von Gütern bzw. Personen -, sondern umfaßt auch die Herangehensweise, die Methode, das Material, die beim Lösen des technologischen Problems verwendet werden. Die resultierende Problemlösung kann als Technologie i.w.S. 10 bezeichnet werden. Dabei ist allerdings anzumerken, daß es sich streng genommen um ein ganzes System von Technologien handelt, die Komponenten der durch das TP definierten Problemlösung darstellen.!! Einern TP i.S. von Dosi kommt also primär eine mehr oder weniger stark selektierende Wirkung zu. Dies gilt sowohl für den Bereich, dem das innovative Interesse einer Industrie gilt, als auch für die Art und Weise, in der die Unternehmen in diesem Bereich innovativ tätig sind. Es folgt hieraus, daß ein TP die Richtung und die Intensität des technischen Fortschritts in einem mehr oder weniger breiten Rahmen oder Korridor festlegt. 9 Dosi, G., Sources ... , a.a.O. , S. 1127. Vgl. hierzu auch Clark, N., Similarities and Differences between Scientific and Technological Paradigms, in: Futures 19 (1987), S. 26 ff. 10 "Let us define technology as a set of pieces of knowledge, both directly 'practical' (related to concrete problems) and 'theoretical' (but practically applicable although not necessarily already applied), knowhow, methods, procedures, experience of successes and failures and also, of course, physical devices. Existing physical devices embody ... the achievements in the development of a technology in a defined problem-solving activity. Al the same time, a 'disembodied ' part of the technology consists of a particular expertise, experience of pasl allempts and pasl solutions, together witb the knowledge and acbievements of tbe 'stateoftheart'." Dosi, G., Technological..., a.a.O., S. 151 f. 11 Vgl. Dosi, G., Technological..., a.a.O., S. 152. 115 Dieser Rahmen konkretisiert sich häufig in einem Modell oder einem Basisdesign, dessen Entwicklung durch eine grundlegende Innovation oder durch eine neuartige Kombination verschiedener kleinerer Innovationen möglich wurde. Die technologische Entwicklung im Rahmen eines Paradigmas läßt sich dann anhand der Weiterentwicklung dieses Basisdesigns bezüglich seiner wichtigsten technoökonomischen Charakteristika empirisch verfolgen. Man erhält so den technologischen Entwicklungspfad oder die sog. technologische Trajektorie einer Industrie. Sahal hat in einer Reihe von Fallstudien die obigen Gedanken konkretisiert. 12 So war beispielsweise im Flugzeugbau die DC-3 ein Flugzeugtyp, der durch einige grundlegende Neuerungen (Ganzmetallstruktur der Flugzeugkarosserie, neue Tragflächenkonstruktion, stärkere Motoren, aerodynamische Form u.a.) die Konkurrenz eindeutig dominierte und für nahezu 25 Jahre die Entwicklung im Flugzeugbau prägte.13 Die Verbesserungsbemühungen galten insbesondere der Ladekapazität der Tragflächen, den Eigenschaften des Aluminiumrahmens, der Treibstoffqualität und der Kompression der Motoren. Das durch die DC-3 geprägte TP im Flugzeugbau fand erst durch die Einführung des Düsenantriebs, der neue Flugzeugkonstruktionen mit anderen Materialeigenschaften erforderte, ein Ende. Der Düsenantrieb konnte sich durchsetzen, da die technologischen Möglichkeiten des Propellerantriebs mit Kolbenmotor in den 40er Jahren soweit erschöpft waren, daß weitere Geschwindigkeitssteigerungen nicht mehr möglich waren. Für den zivilen Flugzeugbau mit Düsenantrieb war die Boeing 707 die paradigmaprägende Flugzeugkonstruktion. 14 Sahal 12 Vgl. Sahal, D., Patterns ofTechnological Innovation, London u.a. 1981, S. 130 ff.; ders., Technological Guide-Posts and Innovation Avenues, in: RPol 14 (1985), S. 61 ff. Für Fallstudien über die Automobil- und Computerindustrie vgl. Abernathy, W.J., und K.B. Clark, Innovation: Mapping the Winds of Creative Destruction, in: RPol 14 (1985), S. 3 ff.; Dosi, G., Technical Change and Industrial Transformation: The Theory and an Application to the Semiconductor Industry, London 1984, S. 26 ff. Vgl. auch Rothwell, R., und P. Gardiner, Re-Innovation and Robust Designs: Producer and User Benefits, in: JMM 3 (1988), S. 372 ff. 13 Dabei muß allerdings angemerkt werden, daß die meisten Neuerungen der DC-3 schon vor ihrer Konstruktion bekannt waren und im Flugz.eugbau Anwendung fanden. Der wegweisende Charakter der DC-3 lag in der Kombination dieser Neuerungen, die sie für ihre Zeit zu einem extrem wirtschaftlichen Verkehrsflugz.eug machte. Vgl. Sahal, D., Patterns ... , a.a.O., S. 35. 14 Vgl. Sahal, D., Patterns ... , a.a.O., S. 165 ff.; Phillips, A., Technology and Marke! Structure: A Study of the Aircraft Industry, Lexington, Mass. 1971, S. 115 ff. 116 beschreibt den Einfluß eines TPs auf den technischen Fortschritt folgendermaßen: 15 "As regards the process of technological change, very often there emerges a pattern of machine design as an outcome of prolonged development effort. The pattern in turn continues to influence the character of subsequent technological advances long after its conception. Thus innovations generally depend on bit-by-bit modifications of a design that remains in its essential aspects over extended periods of time. This basic design is in the nature of a guidepost charting the course of innovative acti vity." Georghiou u.a. haben darauf aufmerksam gemacht, daß sich noch im Rahmen eines TPs sog. Designkonfigurationen feststellen lassen. Es handelt sich hierbei um konkurrierende und sich im Zeitverlauf ablösende innovative Verbesserungsangebote des grundlegenden Designs, die den exakten Verlauf des technologischen Pfads innerhalb des durch das TP festgelegten Korridors für mögliche technische Entwicklungen beschreiben. l6 Graphisch kann dieser Sachverhalt vereinfacht folgendermaßen dargestellt werden. Abbildung 16: Technologischer Korridor und Designkonfigurationen im Zeitablauf technoökonomisches Charakteristikum Quelle: Georghiou, L., u.a., Post-Innovation ... , a.a.O., S. 42. Die in Abb. 16 gestrichelt eingezeichneten Linien beschreiben die Grenzen eines relevanten technoökonomischen Charakteristikums, die im Rahmen eines TPs im Zeitablauf theoretisch 15 Sahal, D., Patterns ... , a.a.O., S. 33. 16 Vgl. Georghiou, L., u.a., Post-Innovation Perfonnance: Technological Development and Competition, London 1986, S. 33 ff. Vgl. auch Perez, C., und L. Soete, Catching Up in Technology: Entry Barriers and Windows of Opportunity, in: Dosi, G., u.a. (Hrsg.), Technical Change and Economic Tbeory, London 1988, s. 475. 117 realisierbar sind. Die durchgezogenen Linien sind verschiedene Designkonfigurationen, die den exakten technologischen Pfad im Zeitablauf repräsentieren. Der technologische Pfad läßt sich durch die Veränderungen des relevanten technoökonomischen Charakteristikums quantitativ erfassen. In der Realität handelt es sich jedoch meistens um eine ganze Reihe relevanter technoökonomischer Charakteristika. Im Halbleiterbereich der Computerindustrie sind dies beispielsweise Geschwindigkeit, Größe, Zuverlässigkeit und Produktionskosten.17 Im Flugzeugbau können Reichweite, Geschwindigkeit, Transportkapazität, Treibstoffverbrauch u.a.m. angeführt werden. 18 Dabei zeigt sich, daß diese Charakteristika häufig in einem substitutiven Verhältnis zueinander stehen und "trade-offs" bei der Verbesserung einer Technologie darstellen. Geschwindigkeit und Treibstoffverbrauch im Flugzeugbau oder Haftung und Laufleistung in der Reifenindustrie sind Beispiele hierfür. Technischer Fortschritt im Rahmen eines TPs kann dann als Verbesserung eines solchen "trade-offs" verstanden werden, die sich im Zeitablauf als ein Strahl im n-dimensionalen Raum der n relevanten Charakteristika darstellen läßt. 19 Wird ein solcher "trade-off' durch eine grundlegende Innovation drastisch verbessert oder gar ganz aufgelöst, kann man von einem Paradigmenwechsel sprechen. In der Reifenindustrie war beispielsweise der Diagonalreifen lange Zeit das dominierende Produktdesign. Sein Unterbau war ursprünglich ein Leinenkreuzgewebe, das erst durch ein Cord- und später Kunstseidegewebe ersetzt wurde. In den 50er Jahren gelang der Firma Michelin mit dem sog. Stahlgürtelreifen eine grundlegende Produktinnovation. Statt Textilgewebe wurde für den Reifenunterbau nun Stahlcord verwendet, der nicht mehr wie bisher diagonal, sondern radial angeordnet wurde. Diese Reifen erzielten im Durchschnitt eine doppelte Laufleistung, ohne daß bei der Haftung Einschränkungen hingenommen werden mußten. Der Stahlgürtelreifen stellt nach allgemeiner Einschätzung einen Paradigmenwechsel in der Reifenindustrie dar.20 Im Zusammenhang mit einem Paradigmenwechsel stellt sich die Frage, warum technologische Paradigmen überhaupt existieren bzw. warum sich die technologische Entwicklung über längere Zeitperioden in Form von stabilen technologischen Entwicklungspfaden be- 17 Vgl. Dosi, G., Technical Change ... , a.a.O., S. 38 ff. Vgl. auch Tunz.elmann, G.N.v., Market Forces and the Evolution of Supply in the British Telecommunications and Electricity Supply Industries, in: Silberston, A. (Hrsg.), Technology and Economic Progress, London 1989, S. 104 f. 18 Vgl. Sahal, D., Patterns ... , a.a.O., S. 165 ff. 19 Vgl. Dosi, G., Technological..., a.a.O., S. 154; Nelson, R.R., und S.G. Winter, In Search of a Useful Theory of Innovation, in: RPol 6 (1977), S. 57 f.; Sahal, D., Technological..., a.a.O., S. 71 ff.; Georghiou, L., u.a., Post-Innovation ... , a.a.O., S. 37 f. 20 Vgl. Fehl, U., und S. Stein, Reifenindustrie, in: Oberender, P. (Hrsg.), Marktökonomie: Marktstruktur und Wettbewerb in ausgewählten Branchen in der Bundesrepublik Deutschland, München 1989, S. 220. 118 schreiben läßt. Warum gibt es nicht unendlich viele, grundsätzlich unterschiedliche Lösungen für bestimmte technologische Probleme oder warum wechselt die Richtung des technischen Fortschritts nicht in schneller Folge? Zur Beantwortung dieser Fragen sollen im folgenden die Stabilitätsfaktoren von TPs erläutert werden; denn " .. 'revolutions' must have something to revolt against and the properties of the semi-stable state of affairs to a !arge extent reveal the problems and character of radical change. "21 II. Stabilitätsfaktoren eines technologischen Paradigmas Für die Stabilität eines TPs können drei ökonomische Faktoren angeführt werden: (1) Versunkene Kosten durch technologiespezifische Investitionen, (2) Unsicherheit, die zu regelgebundenem Verhalten auch im F&E-Bereich führt, und (3) "increasing returns to adaption"22 in der Diffusionsphase. Alle drei Faktoren tragen dazu bei, die Stabilität der technologischen Entwicklung in verschiedenen Industrien zu erklären. Sie schließen sich dabei nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen sich meistens. Während die ersten beiden Punkte in der industrieökonomischen Literatur einen relativ breiten Raum einnehmen, hat der dritte Faktor im Zusammenhang mit Innovationen erst in jüngster Zeit an Aufmerksamkeit gewonnen. Er soll daher im folgenden am ausführlichsten erörtert werden, zumal dieser Aspekt für eine theoretische Darstellung des technologischen Wettbewerbs einen vielversprechenden Ansatz liefert. Über die empirische Bedeutung der drei Faktoren für die Stabilität von technologischen Paradigmen liegen bisher keine Untersuchungen vor. 21 Andersen, E.S., Techno-Economic ... , a.a.O., S. 122. Vgl. auch Simon, H.A., The Role of Expectations in an Adaptive or Behavioristic Model, in: Bowman, M.J. (Hrsg.), Expectations, Uncertainty, and Business Behavior, New York 1958, S. 61 f. 22 Bei dem dritten Faktor handelt sich um einen Sammelbegriff für verschiedene Ursachen von dynamischen Skalenerträgen, die durch Adaptionen in der Diffusionsphase einer grundsätzlichen Innovation bzw. einer neuen Technologie realisiert werden. Dieser Faktor spielt auch bei der Erklärung der Stabilität von Rechtsnormen eine wichtige Rolle. Vgl. hierzu Adams, M., Normen, Standards, Rechte, in: JZ 46 (1991), S. 941 ff. 119 1. Versunkene Kosten Caves und Poner23 haben darauf hingewiesen, daß Investitionen in sog. "durable specific assets" Mobilitätsbarrieren darstellen.24 Sie behindern den Marktzutritt für potentielle Wettbewerber und verzögern den Marktaustritt aktueller Wettbewerber; denn die Spezifität der "durable specific assets" führt dazu, daß die durch ihren Erwerb verursachten Kosten bei Austritt aus dem Markt nicht mehr zurückholbar sind, wie dies bei variablen und fixen Kosten der Fall ist. Aus diesem Grunde sind versunkene bzw. irreversible Kosten keine Opportunitätskosten der Produktion mehr und werden folglich bei der Entscheidung, ob ein Markt verlassen werden soll, von dem betreffenden Unternehmen nicht berücksichtigt.25 Dies impliziert, daß ein Unternehmen A mit einem bestimmten Ausmaß an versunkenen Kosten erst bei einem niedrigeren Preis den Markt verläßt als ceteris paribus ein Unternehmen B, das reversible Kosten in gleichem Ausmaß getätigt hat.26 Im Zusammenhang mit einem TP lassen sich analoge Überlegungen anstellen;27 denn sowohl Anbieter als auch Nachfrager tätigen für die Produktion bzw. für die Nutzung eines bestimmten Produkts technologiespezifische Investitionen.28 Diese Investitionen sind nicht reversibel und würden folglich bei einem Paradigmenwechsel an Wert verlieren, bzw. für ihre weitere Verwendung würden Umstellungskosten entstehen. Umso höher die versenkten Kosten für eine bestimmte Technologie sind, desto größer ist das Interesse der entsprechenden Unternehmen, daß sich die von ihnen angebotene Technologie als Paradigma durchsetzt. Gleiches gilt für Nachfrager, die spezifische Investitionen für die Nutzung einer bestimmten Technologie getätigt haben. 23 Vgl. Caves, R.E., und M.E. Porter, Barriers to Exil, in: Masson, R.T., und P.D. Qualls (Hrsg.), Essays on Industrial Organization in Honor of J.S. Bain, Cambridge, Mass. 1976, S. 40. 24 "Durable specific assets" sind spezifisch in dem Sinne, daß sie nur für Produktion und Absatz eines bestimmten Produktes verwendet werden können und/oder an ein bestimmtes Unternehmen bzw. einen bestimmten Standort gebunden sind. 25 Vgl. Baumol, W.J., u.a., Contestable Markets and the Theory of Industry Structure, New York u.a. 1982, S. 280; Kruse, J., Ökonomie der Monopolregulierung, Göttingen 1985, S. 52 ff. 26 Die Bedeutung von versunkenen Kosten als Marktaustritts- bzw. Markteintrittsbarriere ist selbstverständlich umso bedeutender, je größer das Potential für "economies of scale" und "economies of scope" ist. Vgl. Kruse, J., Ökonomie ... , a.a.O., S. 57 f. 27 Für ähnliche Überlegungen zur Stabilität von wissenschaftlichen Paradigmen vgl. Zupan, M.A., Paradigms and Cultures: Some Economic Reasons for Their Stickiness, in: AJES 50 (1991), S. 99 ff.; David, P.A., Patb-Dependence: Putting the Past into the Future of Economics, Diskussionspapier der Stanford University, Stanford, Ca. 1988, S. 34 f. 28 Vgl. Utterback, J.M., Management ofTechnology, in: Hax, A.C. (Hrsg.), Studies in Operations Management, Amsterdam 1978, S. 154 ff. 120 Die Bedeutung von versunkenen Kosten als paradigmastabilisierender Faktor darf jedoch nicht überschätzt werden; denn grundsätzliche neue Technologien werden nicht nur von Unternehmen, die bereits im Rahmen des herrschenden Paradigmas anbieten, entwickelt, sondern auch von Außenseitern, die zum Zeitpunkt ihrer Entscheidung, mit welcher Technologie sie in einer bestimmten Industrie aktiv werden wollen, noch keine Kosten für eine der konkurrierenden Technologien versenkt haben. Der Technologiewettbewerb wird durch technologiespezifische Investitionen auf der Anbieterseite nur dann zugunsten des herrschenden Paradigmas beschränkt, wenn die in der Industrie schon tätigen Unternehmen über die Monopolisierung von F&E-, Produktions- und Absatzressourcen, die für die marktliche Etablierung einer konkurrierenden Technologie essentiell sind, den Zutritt von Außenseitern behindern können. Das bedeutet, die etablierten Unternehmen müssen neben technologiespezifischen Investitionen auch markt- bzw. industriespezifische Investitionen getätigt haben. Die Wahrscheinlichkeit, daß diese Bedingungen erfüllt sind, wird als gering eingestuft.29 Auf der Nachfrageseite hängt die Bedeutung der versunkenen Kosten davon ab, ob die Nachfrager im Rahmen eines TPs immer wieder die gleichen Individuen bzw. Unternehmen sind oder ob es in der Mehrzahl neue Nachfrager sind, die zwischen TP und dem konkurrierenden, technologisch neuen Produkt auswählen. Treten im Zeitverlauf permanent neue Nachfrager auf, berücksichtigen sie nicht die spezifischen Investitionen früherer Nachfrager. Handelt es sich hingegen immer wieder um die gleichen Nachfrager, kommt den versunkenen Kosten eine paradigmastabilisierende Bedeutung zu. So hat beispielsweise der Transrapid unter anderem deswegen Probleme, sich als konkurrierende Technologie zur traditionellen Eisenbahn zu etablieren, weil für das bestehende Schienennetz bereits in hohem Maße Kosten versenkt wurden.30 Versunkene Kosten allein können die häufig zu beobachtende Stabilität der technologischen Entwicklung in vielen Industrien nicht erklären. Als ein weiterer Erklärungsfaktor soll daher im folgenden die Unsicherheit angesprochen werden. 29 Vgl. Gilbert, R.I., Legal and Economic Issues in the Comrnercialization of New Technology, in: JITE 147 (1991), s. 165 f. 30 Er hat daher -wenn überhaupt -nur auf neu zu errichtenden Strecken eine Realisationschance. Vgl. hierzu auch o. V., "Transrapid kommt zu spät", in: Der Spiegel 46/3 (1992), S. 84 ff. 127 Wird nun ein Automobilhersteller mit einer neuen Umweltsituation -beispielsweise steigenden Benzinpreisen -konfrontiert, versucht er zunächst, mit Variationen von Routinen zu reagieren, die in der Problemlösungshierarchie relativ weit unten stehen. Sein Innovationsverhalten wird also stabil bleiben und sich weiter im Rahmen des TPs bewegen. Einen Paradigmenwechsel wird der Autoproduzent nicht in Erwägung ziehen; denn dies würde die Variation hierarchisch hochstehender Problemlösungen erfordern. Die bisherige Problemlösungsstruktur und die damit verbundenen Routinen sind dann wertlos, d.h., die Komplexität der Situation wäre bei einem Paradigmenwechsel für das betrachtete Unternehmen beträchtlich größer als bei der Variation von Subproblemen, deren Implikationen kalkulierbar sind. "A change of technological trajectory entails, first of all, a quantum jump in uncertainty, not so much with respect to the relative merits of competing technologies at a given time but rather concerning the rate and extent of future developments, since extrapolations from past experience, which may have been specific to the old trajectory, lose their validity. "46 Die Situation aus der Automobilindustrie läßt sich nun mit Hilfe des Modells von Heiner formal beschreiben. Ein Automobilunternehmen soll bei einer Benzinpreissteigerung das TP wechseln bzw. ein neues TP entwickeln, wenn die in der oben genannten Ungleichung (2) angeführte Bedingung erfüllt ist. Es soll zunächst die linke Seite der Ungleichung ( r/(1-r) ) betrachtet werden. Erwägt ein Automobilunternehmen nach einem Ölpreisschock den Wechsel zum Elektroantrieb, so ist das Zuverlässigkeitsmaß r/1-r, damit eine für das Unternehmen vorteilhafte Entscheidung zu treffen, zunächst relativ gering. Ursächlich hierfür ist, daß ein solcher Wechsel für das Unternehmen mit einem hohen Maß an Unsicherheit U verbunden ist und r mit steigendem U sinkt. U ist eine Funktion der Informationsverarbeitungskapazität i und der Komplexität der Situation s, wobei U - wie bereits erwähnt -mit i negativ und mit der Komplexität der Situation s positiv verknüpft ist. Die Fähigkeiten, die Implikationen eines Elektroantriebs in bezug auf ein individuelles Fortbewegungsmittel in einem Industriestaat zu antizipieren, sind für ein traditionelles Automobilunternehmen beschränkt. Seine mit Erfahrungen und Routinen im Bereich des Ähnlich kann es sich auch für ein Unternehmen bei der Suche nach einer grundsätzlich neuen Technologie durchaus als kostengünstiger herausstellen, zunächst nicht -wie Stigler dies vorsah -in Abhängigkeit von den Suchkosten verschiedene Lösungswege sowie ihre technologischen und ökonomischen Implikationen zu ermitteln, bevor eine Entscheidung getroffen wird, sondern nur einen oder wenige Lösungswege in Betracht zu ziehen und sie nur dann zu verlassen, weM sich bei der Lösung von Subproblemen unlösbare Hindernisse ergeben. 46 Silverberg, G., Adoption and Diffusion ofTechnology as a Collective Evolutionary Process, in: Freemann, C., und L. Soete (Hrsg.), New Explorations in the Economics ofTechnological Change, London und New York 1990, S. 183. 128 mit einem Vergasermotor ausgestatteten Autos sind hierfür nur von begrenztem Nutzen, so daß i relativ niedrig ist. Gleichzeitig ist zu Beginn der Entwicklung eines neuen TPs die Situation sehr komplex, die Strukturierung des Problems Elektroauto ist noch nicht abgeschlossen, und für die sich abzeichnenden Subprobleme existieren nur zum Teil Lösungsroutinen. Hinzu kommt, daß bei einer grundsätzlichen Entscheidung langfristige zukünftige Entwicklungen antizipiert werden müssen. Der Wert der rechten Seite der Ungleichung ( v/g (1-p)/p) hängt bei gegebenen v und g von der Wahrscheinlichkeit ab, daß ein Paradigmenwechsel in der gegebenen Situation opportun ist. Dies ist dann der Fall, wenn davon ausgegangen werden kann, daß die Benzinpreissteigerung dauerhaft sein wird. Da Benzinpreise stark fluktuieren, ist eine solche Annahme zunächst nicht gerechtfertigt, so daß p(s) gering ist. Dies bedeutet -wie in Abb. 17 veranschaulicht -, daß die rechte Seite der Ungleichung einen relativ hohen Wert annimmt. Folglich ist die Bedingung r/(1-r) > v/g (1-p)/p für eine Verhaltensänderung in der technologischen Entwicklung wohl kaum erfüllt. Die technologische Trajektorie wird keine abrupte Richtungsänderung aufweisen, sondern es kommt nur zu Modifikationen des Basisdesigns, die sich in der Karosserieform oder der Motorstärke niederschlagen.47 Bleibt das hohe Treibstoffpreisniveau über einen längeren Zeitraum bestehen, muß davon ausgegangen werden, daß es sich hierbei um ein dauerhaftes Phänomen handelt. Folglich steigt auch die Wahrscheinlichkeit, daß es die richtige Zeit ist, einen Paradigmenwechsel vorzunehmen, d.h., p(s) nimmt zu und der Wert der rechten Seite sinkt (siehe Abb. 17). Die Mindestanforderung an die Zuverlässigkeit der Entscheidung des Unternehmens sinkt also sukzessive mit dem im Laufe der Zeit zunehmend größer werdenden Anpassungsdruck durch die steigenden Treibstoffpreise. Sinkt der Wert der rechten Seite unter r/(1-r), ist der Zeitpunkt für einen Paradigmenwechsel gekommen. Die vorangegangenen eher behavioristischen Überlegungen haben aus der Sicht der Angebotsseite bzw. des Innovators deutlich gemacht, warum sich Unternehmen im Evolutionsprozeß einer Industrie in ihrem Innovationsverhalten an ihrem früheren Verhalten orientieren und gegenüber grundsätzlichen Änderungen in der Technologie Inflexibilitäten aufweisen. Die Ursache hierfür war die Unsicherheit, die sowohl vom Neuigkeitsgrad einer Innovation als auch von den Informationsverarbeitungskapazitäten eines Unternehmens be- 47 Für solch geringe Verhaltensänderungen ist die obige Bedingung erfüllt; denn im Rahmen eines TPs ist die Kompetenz i des Unternehmens relativ groß, und gleichzeitig ist die Entscheidungssituation bei der Wahl einer neuen Karosserie weit weniger komplex, so daß r/(1-r) einen wesentlich höheren Wert besitzt als bei einem Paradigmenwechsel. 129 stimmt wird. Die Nachfrager einer Industrie fanden in diesen Überlegungen keine Berücksichtigung. Auch sie beeinflussen die Stabilität eines TPs in einer Industrie, wie im folgenden Abschnitt gezeigt werden soll. 3. "lncreasing returns to adaption" Es gibt verschiedene Faktoren, die den Nettonutzen48 einer Technologie für gegenwärtige und/oder zukünftige Anwender in Abhängigkeit von der Adaption einer Technologie steigen lassen. Arthur nennt diese vom Nachfrageverhalten determinierten Effekte "increasing returns to adaption" (IRTA). 49 Da neue Technologien i.d.R. nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern im Laufe der Zeit sukzessive von Nachfragern adaptiert werden, handelt es sich bei IRTA um dynamische Skalenerträge.SO Dieser Abschnitt stellt verschiedene Ursachen für IRTA dar und erläutert ihre paradigmastabilisierenden Wirkungen. Zunächst werden Lerneffekte und anschließend die Bedeutung von Kompatibilitätsvorteilen besprochen. a) Lerneffekte Bei Lerneffekten im Zusammenhang mit dem technischen Fortschritt lassen sich zwei Formen unterscheiden: (1) Durch die Wiederholung ähnlicher oder identischer Tätigkeiten gewinnen Individuen an Professionalität, und infolgedessen sinken im Zeitverlauf die Stückkosten.SI Man erhält den typischen Verlauf einer fallenden Lernkurve. (2) Mit der Wiederholung von Tätigkeiten findet man Verbesserungsmöglichkeiten, die den Ausgangspunkt für innovative Änderungen der Tätigkeit bilden können. Dieser Punkt ist für den Innovationswettbewerb im Rahmen eines TPs von Bedeutung. 48 Die Meßbarkeit des Nettonutzens stellt kein größeres theoretisches Problem dar, weM man davon ausgebt, daß die Technologie einen Input für eine weitere Produktion darstellt; die Nacbfrager sind dann ebenfalls Unternehmen. Bei Technologien, die ein Konsumgut repräsentieren, soll im folgenden davon ausgegangen werden, daß der Nettonutzen durch ein monetäres Einkommensäquivalent meßbar sei. 49 Vgl. Arthur, W.B., Competing Technologies, lncreasing Returns, and Lock-in by Historical Events, in: EJ 99 (1989), S. 116 ff.; ders., Competing Technologies: An Overview, in: Dosi, G., u.a. (Hrsg.), Tecbnical Change and Economic Tbeory, London 1988, S. 590 ff. 50 Vgl. Scherer F.M., und D. Ross, lndustrial Market Structure and Economic Perfonnance, 3. Aufl., Boston, Mass. 1990, S. 98. SI Es ist anzumerken, daß mit jeder Wiederholung der Tätigkeit ihre Kosten nicht im gleichen Umfang sinken, vielmehr nimmt die Bedeutung zunehmender Wiederholung ständig ab. Vgl. Baloff, N., Tbe Leaming Curve: Some Controversial Issues, in: JIE 14 (1966), S. 279; Gold, B., Cbanging Perspectives on Size, Scale, and Returns: An Interpretive Survey, in: JEL 19 (1981), S. 17 ff. 130 Diese Lerneffekte werden in der Literatur unter den Stichworten "learning by doing" und "learning by using" diskutiert. Während ersteres schon lange bekannt ist und bereits im vorherigen Kapitel erläutert wurde, hat das nachfrageseitige "learning by using" erst in jüngerer Zeit Aufmerksamkeit gefunden. "For in an economy with complex new technologies, there are essential aspects of learning that are a function not of the experience involved in producing the product but of its utilization by the final user" (Hervorhebung im Original)'"52 Die Kosten der Benutzung können im Laufe der Zeit verringert werden, da die Nachfrager bei den hierfür notwendigen Tätigkeiten eine zunehmende Routine entwickeln. Rosenberg nennt als Beispiel die Intervalle für eine Überholung der Düsentriebwerke. Zum Zeitpunkt ihrer Einführung orientierte man sich mangels genauerer Kenntnisse an den Erfahrungen mit Propellertriebwerken, die nach 2000 bis 2500 Betriebstunden überholt wurden. Nachdem man einige Jahre Erfahrungen gesammelt hatte, konnten diese Intervalle bei Düsentriebwerken auf 8000 Betriebsstunden gestreckt und auf diese Weise beträchtliche Betriebskostenersparnisse realisiert werden.53 Gleichzeitig werden bei der Benutzung einer Technologie Verbesserungsmöglichkeiten entdeckt, die vom Produzenten aufgegriffen und für Vorstöße im Innovationswettbewerb genutzt werden können. Es handelt sich hierbei um die bereits im ersten Kapitel angesprochenen Rückkopplungseffekte54 während der Diffusionsphase. 55 Die Erfahrungen der Benutzer können im Extremfall von so großer Bedeutung sein, daß die Weiterentwicklungen 52 Rosenberg, N., Inside the Black Box, Cambridge u.a. 1982, S. 122. 53 Vgl. Rosenberg, N., Inside ... , a.a.O., S. 130 ff. Diese Erfahrungen haben iMovativen Charakter, da diese Eigenschaften auch durch die Probebetrieb eines Prototypen während der Entwicklung nicht gewoMen werden köMen, sondern erst im Zuge der ersten Benutzung durch die Nachfrager entdeckt werden. Vgl. Rosenberg, N., Inside ... , a.a.O., S. 124. 54 Diese Rückkopplungseffekte erfordern einen Informationsaustausch zwischen Anbietern und Nachfragern, der nicht allein über Preissignale vennittelt werden kann. "lndeed, the whole idea of a firm with definite boundaries cannot be maintained intact. For example, the customers of a firm are, to some extent, part of it. .. There are direct information flows from customers in the form of complaints, requests for product alteration or special services, or threats to change to another firm, in addition to anonymous alterations of demand at a given price which constitute the sole information link between a firm and its market in neoclassical theory." Arrow, K.J., Information and Economic Bebavior, in: ders. (Hrsg.), Collected Papers of KeMeth J. Arrow: The Economics of Information, Cambridge, Mass. 1984, S. 147. Vgl. auch Lundvall, B., Product IMovation and User-Producer Interaction, Aalborg 1985; ders., IMovation as an Interactive Process: From User-Producer Interaction to the National System of IMovation, in: Dosi, G., u.a. (Hrsg.), Technical Change and Economic Theory, London 1988, S. 350 ff. Dieser Punkt wird im folgenden Kapitel noch einmal aufgegriffen. 55 Vgl. Rosenberg, N., Inside ... , a.a.O., S. 123 f.; Silverberg, G., Adaption ... , a.a.O., S. 181. Andersen spricht auch vom sog. "interactive learning". Vgl. Andersen, E.S., Techno-Economic ... , a.a.O., S. 134 f. 131 eines Basisdesigns vollkommen von den Benutzern bestimmt werden und nur die Produktion und der Vertrieb anderen Unternehmen überlassen bleibt.56 Inwieweit stabilisieren nun solche Lerneffekte ein TP? Lerneffekte sind i.d.R. in einem hohen Maß technologiespezifisch und irreversibel. Das hat zur Folge, daß Produktion und Benutzung einer bestimmten Technologie mit jeder Adaption kostengünstiger wird. Gleichzeitig können Verbesserungsinnovationen realisiert werden, deren Wirkungen zukünftigen Nachfragern ebenfalls zugute kommen. Diese Vorteile für spätere Nachfrager beschränken sich jedoch auf die Technologie, die adaptiert worden ist. Bezieht man nun die Position eines Nachfragers, der zum Zeitpunkt seiner Nachfrageentscheidung vor der Wahl steht, das Produkt eines etablierten TPs zu erwerben oder eine grundsätzlich neue Produktinnovation zu kaufen, so wird deutlich, daß das etablierte TP im Technologiewettbewerb einen Vorteil besitzt. Erwirbt er das etablierte Produkt, so profitiert er von Lerneffekten in der Produktion, von den Erfahrungen anderer Käufer, und er weiß, daß Schwachstellen der Technologie -soweit das im Rahmen des TP möglich war -bereits behoben wurden. Erwirbt er hingegen das neue Produkt, profitiert er nicht oder erst in zukünftigen Zeitperioden von ähnlichen Lerneffekten. Das bedeutet, der frühe Nachfrager hätte zunächst Nachteile in Kauf zu nehmen, so daß es aus seiner Sicht rational sein kann -selbst wenn die neue Technologie über ein überlegenes Lernpotential verfügt -, das etablierte Produkt zu erwerben (z.B. Erwerb eines erprobten Automodells). Durch eine solche Entscheidung stärkt er das herrschende TP tendenziell noch mehr, und ihm folgende Nachfrager werden sich genauso entscheiden. Lerneffekte wirken also in dem Sinne selbstverstärkend, daß Nachfrager ihren Vorgängern in ihrer Entscheidung folgen und dadurch die Eigenschaften der Technologie verbessern, was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, daß auch die folgenden Nachfrager dem einmal eingeschlagenen technologischen Pfad folgen.57 b) Kompatibilität, Standards und Netzwerkexternalitäten Ein TP findet seinen Ausdruck in einem Basisdesign, das aus einer Vielzahl von technologischen Komponenten besteht und von den Anbietern in einer Industrie in zahlreichen Variationen angeboten wird. Mit der Steigerung der Kompatibilität der Komponenten und 56 Vgl. Hippe(, E.v., The Sources oflnnovations, New York und Oxford 1988, S. 11 ff. 57 Ähnliche Überlegungen wurden auch zur Erklärung der Dominanz von Unternehmen bzw. der hohen Konzentration in bestimmten Industrien herangezogen. Vgl. Ross, D., Leaming to Dominate, in: JIE 34 (1986), S. 337 ff.; Scherer, F.M., und D. Ross, Industrial..., a.a.O., S. 372; Dasgupta, P., und J. Stiglitz, Leaming-by Doing, Marke! Structure and Industrial and Trade Policies, in: OEP 40 (1988), S. 247 ff. 132 der verschiedenen Variationen des Basisdesigns steigt der Nettonutzen der Nachfrager, die die im Rahmen eines TP angebotenen Güter erwerben. Kompatibilität wird durch die Einführung von technischen Standards erreicht. Technische Standards sind durch gesetzliche Regelung, Gewohnheit oder allgemeinen Konsens etablierte Festlegungen über das Design, das Material, die Handhabung und die Eigenschaften von Gegenständen und Technologien.58 In einem weiteren Sinn kann man unter dem Begriff Standard auch kodifiziertes menschliches Verhalten fassen.59 Die technischen Standards erhöhen zum einen die Kompatibilität zwischen den verschiedenen technologischen Inputs, die der einzelne Anbieter im Rahmen des für ihn relevanten TPs erwerben und/oder produzieren muß. Zum anderen erhöhen sie die Kompatibilität zwischen den verschiedenen im Rahmen eines TPs angebotenen Variationen des Basisdesigns. Will man technische Standards konkreter erfassen, so lassen sich folgende drei Kategorien unterscheiden:60 (1) Standards fungieren als Referenzmaßstab und erlauben es, Güter einfach zu kategorisieren. Hierunter fallen Maße, Gewichte, Währungen, Güteklassen u.a.m. (2) Eine weitere Gruppe von Standards zeichnet sich durch präzise festgelegte Dichotomien aus. Sie vermitteln Sicherheits- und Qualitätsinformationen, da sie die durch quantifizierbare Mindest- oder Höchstgrenzen gewünschten Sicherheits- und Qualitätseigenschaften von einzelnen Technologien oder Technologiesystemen gewährleisten. (3) Eine dritte Standardkategorie soll die Kompatibilität zwischen Technologien, zwischen Technologie und Mensch und zwischen Menschen bei der Produktion und Benutzung von Technologien verbessern bzw. erst ermöglichen. Es handelt sich hierbei um Standards, die die physischen Eigenschaften von Technologien oder Technologiekomponenten festlegen. 58 Vgl. zum Prozeß der Standardfestlegung ausführlich Besen, S.M., und G. Saloner, The Economics of Telecommunications Standards, in: Crandall, R.W., und K. Flamm (Hrsg.), Changing the Rules: Technological Change, International Competition, and Regulation in Communications, Washington, D.C. 1989, s. 178 ff. 59 Vgl. David, P.A., Some New Standards for the Economics of Standardization in the Information Age, in: Dasgupta, P., und P. Stoneman (Hrsg.), Economic Policy and Technological Performance, Cambridge u.a. 1987, s. 211. 60 Vgl. David, P.A., Some New ... , a.a.O., S. 214 ff. 133 Standards der ersten Kategorie reduzieren die Komplexität von Technologien und vereinfachen so den Informationsaustausch und die Vertragsfixierung. Die zweite Kategorie führt zu Einsparungen von Durchsetzungs- und Kontrollkosten bei Transaktionen. Insbesondere bei bestimmten Erfahrungsgütern ergeben sich aufgrund von Qualitätsunsicherheiten "moral-hazard"- und "adverse selection"-Probleme, die wegen prohibitiv hoher Transaktionskosten ohne qualitätssichernde Standards zu Marktversagen führen würden. Beide Kategorien verringern die erforderliche Kommunikationsintensität für marktliche Transaktionen, da die Einigung der Transaktionspartner über den Transaktionsgegenstand und seine Qualitäten durch diese Standards erleichtert wird.61 Obwohl der Nutzen beider Formen von Standards mit zunehmender Verbreitung zunimmt - es treten also IRTA auf-, sind sie für die Erklärung der Stabilität von TP nur von untergeordneter Bedeutung; denn nur in seltenen Fällen ist die Nutzung eines Standards mit der Verwendung einer bestimmten Technologie verknüpft. Eines der wenigen Beispiele hierfür nennt Andersen:62 "Until the 1950s the specifications of buildings in Denmark were formulated in terms of specific materials (e.g. bricks) and methods of construction. In this way a major wall in a house was defined to be 1 1/2 brick thick, even if it was not necessarily a brick wall. Later the public control changed its specification rules to be made in functional terms ... which relatively early opened up for widespread use of concrete and other materials, and in general opened a wider area of innovation within the building-industrial complex." Von größerer Bedeutung für die Stabilität technologischer Paradigmen ist die dritte Standardkategorie. Zunächst erhöhen diese Standards die Kompatibilität der Inputs, die ein Unternehmen für sein Angebot benötigt. Durch die Standardisierung des Basisdesigns wird sowohl die Vielfalt der Inputs reduziert als auch die des eigenen Angebotes. Infolgedessen kann das Unternehmen von "economies of scale" der Zulieferer profitieren und Massenproduktionsvorteile in der eigenen Produktion realisieren.63 Darüber hinaus führt diese Standardisierung aufgrund der geringeren Variationsmöglichkeiten zu weniger Informationser- 61 Vgl. Kindleberger, C.P., Standards as Public, Collective and Private Goods, in: Kyklos 36 (1983), S. 377 ff.; David, P.A., Some New ... , a.a.O., S. 214 f.; Streit, M.E., und G. Wegner, Wissensmangel, Wissenserwerb und Wettbewerbsfolgen -Transaktionskosten aus evolutorischer Sicht, in: ORDO 40 (1989), S. 191 f. Vgl. auch Berg, S.V., The Production of Compatibility: Technical Standards as Collective Goods, in: Kyklos 42 (1989), S. 361. 62 Andersen, E.S., Techno-Economic ... , a.a.O., S. 133 Fn 10. Vgl. auch Carlton, D., und J. Klamer, The Need for Coordination among Firms, with Special Reference to Network Industries, in: UCLR 50 (1983), s. 448. 63 Selbstverständlich ermöglicht die Standardisierung in der Produktion auch, Lerneffekte schneller zu verwirklichen. 134 fordernissen und damit zu Transaktionskostenersparnissen. Werden die Variationen des Basisdesigns ähnlicher, d.h., nähern sich die Standards der Unternehmen einer Industrie untereinander an, können die Inputs unter Umständen noch kostengünstiger bezogen werden, oder verschiedene Anbieter produzieren bestimmte Komponenten gemeinsam. 64 Ein veranschaulichendes Beispiel für diese Überlegungen ist das Modell T von Ford, dessen relativ günstiger Preis letzlich auf die Standardisierung verschiedener Einzelteile zurückzuführen war, die die Fließbandfertigung ermöglichte. Die anderen Automobilhersteller folgten Ford in ihrer Produktionsgestaltung. Dabei näherten sich die Standards bestimmter Komponenten -wie beispielsweise Reifen -so einander an, daß die Produzenten dieser Technologie weitere "economies of scale" realisieren konnten. Deutlich wird, daß zunehmende Adaption und Standardisierung im Produktionsbereich in einem sich gegenseitig bedingenden Prozeß zu IRT A führen und zwar in Form geringerer Produktionskosten und -bei funktionsfähigem Wettbewerb -in Form sinkender Preise. Die mit zunehmender Adaption sinkenden Preise geben dem herrschenden TP einen Vorteil gegenüber einer neuen Technologie, die zur Zeit ihrer Markteinführung kaum standardisiert ist. Der Nutzen eines TP für die Nachfrager steigt im Laufe der Zeit mit zunehmender Adaption nicht nur aufgrund sinkender Produktionskosten, sondern auch, weil ein mit jeder Adaption wachsendes Benutzernetzwerk ökonomische Vorteile bringt. Voraussetzung hierfür sind bestimmte kompatible Charakteristika der im Rahmen eines TP angebotenen Variationen des Basisdesigns:65 (1) Am bekanntesten sind direkte Netzwerkvorteile, wie sie insbesondere bei Kommunikationstechnologien auftreten. Der Nutzen eines Telefonanschlusses ist primär davon abhängig, wieviele der potentiellen Anwender sich zuvor für diese Technologie entschieden haben. Eine solche Technologie kann erst sinnvoll genutzt werden, wenn eine kritische 64 Dabei wird ein bereits bei der Chamberlinschen monopolistischen Konkurrenz enthaltenes Problem wieder deutlich. Zwischen der Vielfalt des Angebots innerhalb eines TP und der Realisierung von "economies of scale" besteht ein Spannungsverhältnis, das den Vorteilen der technologischen Standardisierung Grenzen setzt. Vgl. hierzu Braunstein, Y.M., und L.J. White, Setting Technical Compatibility Standards: An Economic Analysis, in: AB (1985), S. 341 ff. 65 Unternehmen versuchen im Innovationswettbewerb im Rahmen eines TP aus wettbewerbsstrategiscben Gründen, die Kompatibilität mit ihren Konkurrenten unter Umständen zu verringern. Auf diese Problematik wird im folgenden Kapitel eingegangen. 135 Masse erreicht wurde. 66 Eine neue, konkurrierende Kommunikationstechnologie, die nicht mit dem Telefon kompatibel ist, hat es daher sehr schwer, sich im Technologiewettbewerb durchzusetzen. (2) Mit einem wachsenden Benutzernetz werden komplementäre Technologien für die Anwendung einer bestimmten Technologie preisgünstiger, vielfältiger und leichter erhältlich. Die VHS-Technologie hat sich bei Videorecordern durchgesetzt. Mit steigender Anzahl an Adaptionen werden Videofilme für diese Technologie zu sinkenden Preisen in einem vielfältigeren Angebot von allen Videotheken angeboten. Konkurrierende Videotechnologien werden es zunehmend schwer haben, sich gegen VHS durchzusetzen, da das Angebot der notwendigen, komplementären Videofilme bei einer Markteinführung noch nicht in einem mit VHS vergleichbarem Ausmaß zur Verfügung stehen kann. Voraussetzung für die IRTA des VHS-Systems ist die Standardisierung der Verknüpfungspunkte komplementärer Technologien. Im genannten Beispiel müssen Kassettenlaufwerke und Videokassetten der im Rahmen der VHS-Technologie anbietenden Unternehmen kompatibel sein. 67 Ein ähnlicher Fall, der in der Literatur große Aufmerksamkeit gefunden hat, ist die herkömmliche, nach der amerikanischen Buchstabenfolge benannte Schreibmaschinentastatur QWERTY.68 Sie wurde entwickelt, um ein Verhaken der Typen bei hohen Schreibgeschwindigkeiten zu vermeiden. Obwohl dieses technische Problem durch die Kugelkopf- oder Typenradtechnologie schon seit langem behoben ist, konnte sich das eine wesentlich höhere Schreibgeschwindigkeit garantierende sog. "Dvorak simplified keyboard" bis heute nicht durchsetzen, weil einerseits auf die Käufer einer Schreibmaschine mit einer solchen Tastatur höhere Benutzungskosten zukommen -die komplementären Fähigkeiten relativ zu QWERTY sind schwieriger zu erwerben -, andererseits für diejenigen, die Schreibmaschinenkenntnisse erwerben wollen, sich keine Anwendungsmöglichkeiten finden, da hierfür notwendige Tastaturen nicht produziert werden. Allgemein kann gesagt werden, daß für Dvorak die komplementären Technologien bzw. Fähigkeiten nicht vorhanden sind. Gegenwärtige Benutzer werden daher früheren Nachfragern folgen und QWERTY wählen. Die Vorteile von Dvorak würden erst zu einem späteren Zeitpunkt zum tragen kommen. 66 Vgl. Allen, D., New Telecommunications Services: Network Extemalities and Critical Mass, in: TPol 12 (1988), S. 257 ff.; Oren, S., und A. Smith, Critical Mass and Tariff Structure in Electronic Communication Markets, in: BJE 12 (1981), S. 467 ff. 67 Vgl. Katz, M.L., und C. Sbapiro, Network Extemalities, Competition, and Compatibility, in: AER 75 (1985), S. 424; dies., Technology Adoption in the Presence of Network Extemalities, in: JPE 94 (1986), S. 822 f.; Farrell, J., und G. Saloner, Standardization, Compatibility, Innovation, in: RJE 16 (1985), S. 70 f.; Carlsson, B., und R. Stankiewicz, On the Nature ... , a.a.O., S. 97; Tirole, J., The Theory of Industrial Organization, Cambridge, Mass. 1989, S. 405. 68 Vgl. David, P.A., CLJO and the Economics of QWERTY, in: AER 75 (1985), S. 332 ff. Vgl. hierzu kritisch Liebowitz, S.J., und S.E. Margolis, The Fable of the Keys, in: JLE 33 (1990), S. 1 ff. 136 (3) Die zunehmende Verwendung einer Technologie stiftet schon insofern zusätzlichen Nutzen, als Nachfrager versuchen, die Unsicherheit durch Erfahrungsaustausch mit anderen Nachfragern zu reduzieren, von denen sie glauben, daß sie kompetent sind und ähnliche Präferenzen haben wie sie selbst. Gegenwärtige Nachfrager werden daher versuchen, sich Erfahrungen früherer Nachfrager nutzbar zu machen. Die Kosten eines solchen Informationsaustausches bezüglich einer bestimmten Technologie sind umso geringer, je mehr Nachfrager sich bereits für diese Technologie entschieden haben. 69 Eine etablierte Technologie hat daher gegenüber einer neuen den Vorteil, daß sie für risikoaverse Nachfrager einfacher einzuschätzen ist. Diese Form der IRTA setzt voraus, daß das Angebot innerhalb eines TPs nicht zu breit ist, da sonst die Erfahrungen der früheren Nachfrager primär untemehmensspezisch aber nicht technologiespezifisch sind.7° Es ist wichtig, hier anzumerken, daß die paradigmastabilisierende Wirkung von Netzwerkvorteilen nur auftritt, wenn eine neue Technologie Zeit benötigt, um für sich ein Netzwerk aufzubauen, so daß frühe Nachfrager Nachteile hinnehmen müssen. Daher muß von einem sukzessiven Auftreten der Nachfrager ausgegangen werden. Eine solche Annahme ist gerechtfertigt, wenn man Unsicherheit über die neue Technologie unterstellt, so daß unterschiedliche Risikopräferenzen zum Tragen kommen. Aber auch bei vollkommener Information kann nicht davon ausgegangen werden, daß alle potentiellen Nachfrager gleichzeitig die Möglichkeit haben, eine neue Technologie zu adaptieren, da die versunkenen Kosten bei ihnen unterschiedlich sind. Netzwerkvorteile stabilisieren ein TP nicht nur, weil sie für neue Nachfrager einen Anreiz darstellen, ihren Vorgängern zu folgen. Wenn nicht sukzessive neue Nachfrager auf den Markt kommen, sondern sich eine begrenzte Zahl an Nachfragern abwechselt, tritt der sog. Pinguineffekt auf. 71 Pinguine zögern, in ein neues, ihnen unbekanntes Gewässer zu gehen, da jeder hofft, ein anderer würde vorausgehen und mögliche Gefahren aufdecken. Eine ähnliche Situation läßt sich auch im Technologiewettbewerb vorstellen. Ein Nachfrager, der sich für eine neu am Markt eingeführte Technologie entscheidet, hat nicht nur IRT A für diese Technologie induziert, sondern auch das Benutzernetz des TP verringert und damit 69 Vgl. Erdmann, G., Über den Unterschied zwischen neoklassischer und evolutionärer Ökonomik, Diskussionspapier der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, Zürich 1989, S. 8. 70 Vgl. Arthur, W.B., Competing ... , a.a.O., S. 591. 71 Vgl. Farren, J., und G. Saloner, Installed Base and Compatibility: Innovation, Product Preannouncements, and Predation, in: AER 76 (1986), S. 943 u. 951 ff.; dies., Competition, Compatibility and Standards: Tue Economics of Horses, Penguins and Lemmings, in: Gabel, H.L. (Hrsg.), Product Standardimtion and Competitive Strategy, Amsterdam u.a. 1987, S. 13 f. 239 ten Betriebsangehörigen zu schützen. Letztere haben folglich kein Interesse, diese zu verändern, um Innovationsanreize zu verstärken. 135 Es ist nun möglich, auf die Frage zurückzukommen, wie sich eine wachsende Unternehmensgröße auf die Möglichkeiten auswirkt, das "moral hazard"-Problem zu begrenzen. Da erfolgsabhängige Verträge mit F&E-Angestellten nur sehr begrenzt zur Vermeidung von "moral hazard" geeignet sind -Innovationen sind nur möglich, wenn auch Mißerfolge toleriert werden -, müssen andere Maßnahmen ergriffen werden. Als Alternativen wurden "monitoring" und opportunitätskostensenkende Regeln dargestellt. Bei "monitoring" ergeben sich wachsende Schwierigkeiten, je größer das Unternehmen ist, da dies mit einer wachsenden Anzahl an Hierarchiestufen zwischen Prinzipal und Agent verbunden ist. Eine zunehmende Anzahl an "supervisors" führt zu einer Intensivierung der innerbetrieblichen Kollusion und der Beeinflussungsaktivitäten. Die Unternehmensführung reagiert hierauf mit einer teilweisen Abkopplung ihrer Entscheidungen von den Informationen der "supervisors". Hierdurch gehen wichtige Informationen verloren. Gleichzeitig fordert sie objektive und meßbare Kriterien, die häufig im Innovationsbereich nicht gegeben sind. Die "supervisors" behelfen sich dann häufig mit Kriterien, die zwar von der Unternehmensführung leicht zu interpretieren sind, deren Korrelation mit erfolgreichem Innovationsverhalten jedoch äußerst gering ist. Da mit steigender Unternehmensgröße die Distanz zwischen dem Tätigkeitsfeld des Agenten und dem des Prinzipals wächst und folglich von einem abnehmenden Fachwissen der Entscheidungsträger ausgegangen werden kann, wird es für die "supervisors" zunehmend schwierig, Kriterien zu finden, die sowohl von der Unternehmensführung interpretiert werden können als auch in einer angemessenen Korrelation mit den innovativen Aktivitäten der Agenten stehen. Die Einführung regelgebundenen Verhaltens zur Senkung der Opportunitätskosten kommt ebenfalls nur sehr begrenzt in Frage. Mit wachsender Unternehmensgröße nimmt die Gefahr zu, daß die eingeführten Regeln starr werden oder primär zur Sicherung innerbetrieblicher Pfründe dienen. Beides behindert innovatives Verhalten. Es kann gefolgert werden, daß die traditionellen Maßnahmen von Großorganisationen zur Senkung der durch innerbetriebliche Kollusion und Beeinflussungsaktivitäten verursachten 135 Vgl. Holmstrom, B., Agency ... , a.a.O., S. 323; Sah, R.K., und J.E. Stiglitz, The Architecture of Economic Systems: Hierarchiesand Polyarchies, in: AER 76 (1986), S. 716 ff. 240 Organisationskosten auf innovatives Verhalten abschreckend wirken und daher das "moral hazard"-Problem auf diese Weise nicht befriedigend gelöst werden kann. Bleibt als einzige bisher nicht diskutierte Möglichkeit die Dezentralisierung der Entscheidungsfindung, um dadurch die Hierarchiestufen zwischen Prinzipal und Agent zu verringern.136 Hierzu bieten sich zwei Möglichkeiten. Zum einen die divisionale Organisationsstruktur, in der F&E-Entscheidungen nicht mehr von der Unternehmensführung getroffen werden. Zum anderen sog. "spinn-offs" oder der Verzicht auf Unternehmensintegration. Die Wirkungen der Divisionalisierung werden von Milgrom und Roberts an einem Beispiel veranschaulicht: 137 "The policy long followed at Hewlett-Packard, of allowing divisions to pursue essentially any reasonable research and development projects they wish, but requiring them to finance their projects out of funds they generate themselves, is also understandable as a response to influence costs. The policy prevents the divisions to persuade central management to draw resources from other divisions. This saves in terms of both the costs of these efforts and the costs of other divisions' defending against them, but it limits the opportunity to undertake worthwhile projects." Neben dem Problem, daß durch die Divisionalisierung lohnende Projekte nicht ausgeführt werden, ist die Bildung von untemehmensinternen Transferpreisen im Zusammenhang mit Innovationen mit massiven Problemen behaftet. Ähnlich wie auf Märkten ergeben sich Probleme, da die Divisionen versuchen werden, Informationsasymmetrien bei der Festlegung der Preise strategisch zu nutzen. Sie versuchen, Monopolpreise als Transferpreise unternehmensintern durchzusetzen. Wird dies von der Unternehmensführung untersagt, bilden sich wiederum Möglichkeiten für Beeinflussungsaktivitäten. l38 Die zweite Möglichkeit der Dezentralisierung von Entscheidungen -Verzicht auf Unternehmensintegration -führt jedoch wieder zurück zum "hold-up"-Problem, falls transakti- 136 Vgl. hierzu ausführlich Williamson, O.E., Markets ... , a.a.O., S. 132 ff. 137 Milgrom, P., und J. Roberts, Economics ... , a.a.O., S. 276 f. 138 Zudem werden untemehmensinteme positive "spill-over"- Effekte nicht berücksichtigt, und die Anpassungsflexibilität bezüglich transaktionsspezifischer Ressourcen geht verloren, bzw. das "hold-up"-Problem entsteht untemehmensintem. 'Given that companies sei up profit centers in order to decentralize information and control, it is quite obvious that the contractual difficulties between separately owned companies will arise between commonly owned companies." Evans, D.S., und S. Grossman, Integration, in: Evans, D.S. (Hrsg.), Breaking up Bell: Essays on lndustrial Organi:ration and Regulation, New York u.a., 1983, S. 119. Vgl. auch Tisdell, C., Market Transaction Costs and Transfer Pricing: Consequences for the Firm and for Technical Change, in: RldSEC 37 (1990), S. 203 ff. Für eine ausführliche Darstellung der Managementprobleme multidivisionaler Firmen vgl. Milgrom, P., und J. Roberts, Economics ... , a.a.O., S. 546 ff. 241 onsspezifische Investitionen notwendig sind. Eine Antwort auf dieses Dilemma können die sog. hybriden Organisationsformen darstellen. Sie resultieren aus Kontrakten, die zwischen den Polen des klassischen Marktkontraktes auf der einen und der "unified governance" des Unternehmens auf der anderen Seite anzusiedeln sind. Im Innovationswettbewerb können F&E-Kooperationen als solche hybriden Organisationsformen betrachtet werden. c) Koordination durch hybride Organisationsformen Hybride Organisationsformen basieren auf sog. neoklassischen Kontrakten. Sie finden Anwendung bei langfristigen Transaktionsbeziehungen, in denen es nicht möglich ist, vollkommene Verträge abzuschließen. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß den Transaktionspartnern das "residual right of control" und damit letztlich ihre Autonomie belassen wird. Gleichzeitig werden aber vertragliche Vereinbarungen über das Verhalten der Partner in vertraglich unspezifizierten Situationen getroffen, die Anpassungen des Vertragsverhältnisses erfordern. Als ein typisches Beispiel für den neoklassischen Vertragstyp zitiert Williamson einen Vertrag über die langfristige Lieferung von Kohle durch die Nonhwest Trading Company an die Nevada Power Company: 139 " ... In the event an inequitable condition occurs which adversely affects one Party, it shall then be the joint and equal responsibility of both Parties to act promptly and in good faith to determine the action required to eure or adjust for the inequity and effectively to implement such action. Upon written claim of inequity served by one Party upon the other, the Parties shall act jointly to reach an aggreement concerning the claimed inequity within sixty (60) days of the date of such written claim. An adjusted base coal price that differs from market price more than ten percent (10%) shall constitute a hardship. The Party claiming inequity shall include in its claim such information and data as may be reasonably necessary to substantiate the claim and shall freely and without delay furnish such other information as the other Party reasonably may deem relevant and necessary. lf the Parties cannot reach an aggreement within sixty (60) days the matter shall be submitted to arbitration." Deutlich wird, daß dieser neoklassische Vertrag von unvorhersehbaren Ereignissen ausgeht, die eine ex post-Anpassung notwendig machen. Um die Kosten von ex post-Verhandlungen zu begrenzen, wurde eine Toleranzschwelle vertraglich fixiert. Wird diese überschritten, kann das Unternehmen, das sich benachteiligt fühlt, eine ex post-Anpassung des Transaktionsverhältnisses fordern. Dafür ist die Offenlegung von Informationen erforderlich. Kann keine Einigung über die Anpassung erzielt werden, soll eine dritte Instanz als Schlichter hinzugezogen werden. Dies kann im Extremfall ein Gericht sein. 139 Williamson, O.E., Comparative ... , a.a.O., S. 272. 242 Die neoklassischen Kontrakte haben gegenüber den klassischen Marktkontrakten den Vorteil, daß sie langfristige Transaktionsbeziehungen ermöglichen, wenn ein vollständiger kontingenter Vertrag oder sequentielle kurzfristige Kontrakte aufgrund begrenzter Informationsverarbeitungskapazitäten nicht abgeschlossen werden können. Ihr Nachteil ist, daß aufgrund der Einschränkung der Autonomie -das Vertragsverhältnis kann nicht ohne weiteres beendet werden - in begrenztem Rahmen ineffizientes Verhalten möglich wird. Gegenüber der unternehmensinternen Organisation weist es den Vorteil auf, daß die Organisationsstrukturen der Unternehmen nicht berührt werden und dadurch die Effizienz der Transaktionspartner in anderen Bereichen unberührt bleibt. Auf der anderen Seite ist die Anpassungsflexibilität beim Eintritt von nicht vertraglich antizipierten Ereignissen begrenzt, weil Verhandlungen bzw. die Inanspruchnahme eines Schlichters kostenintensiver sind als die Anpassung durch Anordnung und Ereignisse eintreten können, die für einen der Transaktionspartner attraktive "outside opportunities" mit einem höheren Gegenwartswert bringen als die Aufrechterhaltung des Transaktionsverhältnisses. Dieser wird dann versuchen, Anpassungsverhandlungen scheitern zu lassen. Ein solches Verhalten bei Vertragslücken ist möglich, da die "residual rights of control" über die transaktionsrelevanten Ressourcen durch einen neoklassischen Vertrag nur eingeschränkt werden, jedoch nicht in eine Hand übergehen.140 Es stellt sich nun die Frage, ob sich neoklassische Kontrakte eignen, Transaktionsprobleme bei Innovationsprozessen durch "hold-up" und Informationsasymmetrien zu begrenzen. aa) Probleme durch "hold-up" Die bisherigen Ausführungen haben schon deutlich gemacht, daß neoklassische Kontrakte durchaus geeignet sind, dem "hold-up"-Problem Rechnung zu tragen. Dies gilt zumindest dann, wenn im Vertrag nicht spezifizierte Ereignisse selten auftreten und außerdem nicht von so grundsätzlicher Natur sind, daß dadurch für mindestens einen der Transaktionspartner das Vertragsverhältnis unattraktiv wird. Solche Ereignisse sind bei grundlegenden paradigmenwechselnden Innovationen denkbar, bei Innovationen im Rahmen eines TP jedoch eher die Ausnahme. Deutlich wird dies daran, daß Unternehmen häufig dann im Zusammenhang mit Innovationen fusionieren, wenn grundsätzliche technologische Veränderungen in ihrer Industrie anstehen. Wollen jedoch beispielsweise zwei Automobilfirmen einen neuen Leichtlastkraftwagen gemeinsam entwickeln, um Komplementaritäten ihrer 140 Vgl. Williamson, O.E., Comparative ... , a.a.O., S. 273 u. 280 f. 243 unternehmensspezifischen Fähigkeiten zu nutzen, reicht hierzu eine auf einem neoklassischen Vertrag basierende F&E-Kooperation aus. In der vertraglichen Vereinbarung werden die kooperierenden Unternehmen festlegen, welche Aufgaben jedem Unternehmen zukommen und auf welche Weise Konflikte im Zuge des Innovationsprozesses gelöst werden sollen. Hierdurch erhalten beide Unternehmen einen Anreiz, transaktionsspezifisch zu investieren, ohne befürchten zu müssen, ex post mit dem "hold-up"-Problem konfrontiert zu werden. Da die Zusammenarbeit nur den F&E-Bereich betrifft, ist es nicht notwendig, große organisationsstrukturelle Veränderungen innerhalb der Unternehmen vorzunehmen, wie dies im Zuge einer Fusion notwendig wäre. Unternehmensinterne "moral hazard"-Probleme bei zukünftigen Innovationen, wie sie im vorangegangenen Abschnitt besprochen wurden, werden so vermieden. Die ex ante-Kooperation im F&E-Bereich kann als eine Organisationsform aufgefaßt werden, die transaktionsspezifische Investitionen bei Innovationsprozessen ermöglicht, ohne die einer Unternehmensfusion eigenen Bürokratieprobleme nach sich zu ziehen. Sie erlaubt Unternehmen, ihre jeweilige bewährte Organisationsform beizubehalten und gleichzeitig die Komplementaritäten zwischen ihren Ressourcen bei der Ausschöpfung der technologischen Möglichkeiten zu nutzen. Besonders anschaulich wird diese These, wenn ein kleines innovatives Unternehmen mit einem großen Unternehmen eine F&E-Kooperation bildet. In vielen TPs kann sich eine Innovation nur dann erfolgreich am Markt durchsetzen, wenn die neue Technologie auch effizient produziert wird. Dies ist häufig mit kapitalintensiven Massenproduktionsverfahren verbunden. Forschung und Entwicklung auf der einen Seite und Massenproduktion auf der anderen erfordern jedoch unterschiedliche Organisationsstrukturen. Während -wie im vorhergehenden Abschnitt schon ausführlich dargelegt wurde - im F&E-Bereich aufgrund des hier erforderlichen spezifischen Humankapitals eher kleine Einheiten, die das "moral hazard"-Problem begrenzen, Vorteile aufweisen, eignen sich für die Massenproduktion eher große, hierarchisch strukturierte Kapitalgesellschaften. Letzteres soll im folgenden begründet werden. Die Massenproduktion basiert auf einer vertikalen Arbeitsteilung, die mit einer starken Mechanisierung des Arbeitsprozesses verbunden ist. Der Einsatz von hoch spezialisierten, genau aufeinander abgestimmten Produktionsanlagen in der Massenproduktion impliziert transaktionsspezifische Investitionen in physisches Kapital und läßt die Anforderungen an das Humankapital sinken. Transaktionsspezifische Fähigkeiten seitens der Arbeitskräfte 244 werden nur in vergleichsweise geringem Umfang benötigt. Gleichzeitig ist der Arbeitsprozeß relativ leicht kontrollierbar, und wo dies nicht der Fall ist, können Akkordlöhne eingesetzt werden, um eine Erfüllung der Arbeitsverträge sicherzustellen. Diese Charakteristika bestimmen die ideale Organisationsform für Massenproduktion. Denkbar wäre, daß die Arbeitnehmer die für eine Fließbandfertigung erforderlichen Maschinen von den Eigentümern mieten. Eine solche Organisation würde aber keine Massenproduktion erlauben, da die Kapitalbesitzer keine Spezialmaschinen bereitstellen werden. Sie müßten befürchten, daß die Transaktionsbeziehung beim Eintreten von Vertragslücken beendet wird und sie keine alternativen Einsatzmöglichkeiten für ihre spezifischen Anlagen mehr besitzen. Vermietet werden daher allenfalls Mehrzweckmaschinen. Eine Alternative wäre, daß die Kapitalbesitzer die Arbeitsleistungen zu Stundensätzen erwerben. Die Arbeitskräfte würden sich auf eine solche Regelung einlassen, solange durch den Lohnsatz ihre Opportunitätskosten abgedeckt sind. Einen Anteil an der Quasi-Rente könnten sie nicht einfordern, da Fließbandarbeiter nicht über transaktionsspezifisches Humankapital verfügen und daher jederzeit substituiert werden können. 141 Doch bei einer Massenproduktion sind die Spezialmaschinen nicht nur von den Arbeitskräften, sondern auch voneinander abhängig. Wenn bei einer Fließbandfertigung der Besitz der Produktionsanlagen auf verschiedene Personen aufgeteilt ist, könnten im Falle von Vertragslücken einzelne Maschinenbesitzer versucht sein, ihren Anteil an der Quasi-Rente zu erhöhen, indem sie drohen, ansonsten auszuscheiden. Um dieses "hold-up"-Problem zu vermeiden, werden sich die einzelnen Kapitalbesitzer darauf einigen, daß jeder öffentlich handelbare Anteile entsprechend dem Wert der eingebrachten Anlagen erhält, so daß mit seinem Ausscheiden keine für die Produktion essentielle Anlage verlorengeht. 142 Deutlich wird, daß für eine Massenproduktion eine vollkommen andere Organisationsstruktur erforderlich ist als für Innovationsprozesse. Bei der Massenproduktion dominiert das "hold-up"-Problem für physisches Kapital. Es muß eine Organisationsstruktur gefunden werden, die flexible Anpassungen des transaktionsspezifischen Kapitals zuläßt, wie es z.B. in einer hierachisch strukturierten Kapitalgesellschaft gegeben ist. 141 Diese Situation ändert sich, sobald man Gewerkschaften mitberücksichtigt. Diese können dafür sorgen, daß die Arbeitskräfte bei Auftreten von Vertragslücken -Beendigung des Tarifvertrages -kollektiv handeln. Als Kollektiv sind jedoch auch die Fähigkeiten der Fließbandarbeiter eine transalctionsspezifische Ressource. 142 Vgl. Leijonhufvud, A., Capitalism and the Factory System, in: Langlois, R.N. (Hrsg.), Economics as a Process: Essays in the New Institutional Economics, Cambridge u.a. 1986, S. 216 ff. 245 Beschränken sich innovative Kleinunternehmen und Massenproduzenten auf eine Kooperation, können sie auf strukturelle unternehmensinterne Veränderungen verzichten. Die auf einem neoklassischen Vertrag basierende F&E-Kooperation dient dann dem Informationstransfer, der transaktionsspezifische Investitionen erfordert und für die Nutzung der Produktionserfahrungen für zukünftige Innovationen sowie die optimale Abstimmung der Massenproduktion auf das neue Produkt notwendig ist.143 Die transaktionskostentheoretische Begründung für F&E-Kooperationen zwischen Groß- und Kleinunternehmen kann noch einmal kurz zusammengefaßt werden. Das kleine Unternehmen verfügt über spezifische Fähigkeiten im F&E-Bereich, das Großunternehmen besitzt Vorteile bei Produktion und Absatz. Daher können sich die jeweiligen spezifischen Fähigkeiten der Unternehmen im Innovationswettbewerb ergänzen. Dies erfordert jedoch eine Koordination der Aktivitäten der kooperierenden Unternehmen. Insbesondere für den wichtigen Informationstransfer müssen transaktionsspezifische Kosten versenkt werden, so daß ein "hold-up"-Problem entsteht. Dieses Problem kann durch einen Unternehmenszusammenschluß oder durch eine auf einem neoklassischen Kontrakt beruhende Kooperation gelöst werden. Gegen die Fusion sprechen die vollkommen unterschiedlichen Organisationsstrukturen des kleinen und des großen Unternehmens. Während die Organisation des Kleinunternehmens darauf abgestellt ist, innovativen Personen Anreize zu geben, ihr Humankapital für das Unternehmen einzusetzen bzw. "moral hazard"-Probleme zu beseitigen, hat die Organisationsstruktur des Großunternehmens das Ziel, "hold-up"-Probleme bei einer kapitalintensiven Massenproduktion zu vermeiden. Bei einer Kooperation ergibt sich dagegen keine Notwendigkeit, von den bewährten Organisationsstrukturen Abstriche zu machen. Diese Folgerungen resultieren letztlich aus der Unvereinbarkeit von innovativem Verhalten und Routineverhalten innerhalb einer Organisation. Werden jedoch beide benötigt, um im Innovationswettbewerb im Rahmen eines TP bestehen zu können, kommt es zur unternehmensindividuellen Spezialisierung. Die Folge ist die in verschiedenen Industrien zu beobachtende Arbeitsteilung zwischen kleinen und großen Unternehmen im Innovationsprozeß. 144 143 Vgl. auch Jorde, T.M., und D.J. Teece, Innovation ... , a.a.O., S. 77 f. u. 80 f.; Mowery, D.C., The Relationship between lntrafirm and Contractual Forrns of lndustrial Research in American Manufacturing, 1900-1940, in: EEcH 20 (1983), S. 351 ff. 144 Vgl. Pavitt, K., Sectoral Patterns of Technical Change: Towards a Taxonomy and a Theory, in: RPol 13 (1984), s. 353 ff. 246 F&E-Kooperationen sind häufig Gemeinschaftsunternehmen, die nicht nur die gemeinsame Entwicklung einer neuen Technologie zum Gegenstand haben, sondern auch Produktion und Absatz dieser Technologie zusammen durchführen. Solche Gemeinschaftsunternehmen können aus institutionenökonomischer Sicht sinnvoll sein, wenn ein intensiver Informationsaustausch zwischen F&E-, Produktions- und Absatzbereich für eine erfolgreiche Innovation über längere Zeiträume notwendig ist. Beide Muttergesellschaften bringen Kapital sowie spezifische Ressourcen ein und erhalten hierfür Anteile an dem Gemeinschaftsunternehmen. Alle notwendigen transaktionsspezifischen Investitionen werden vom Gemeinschaftsunternehmen durchgeführt, so daß in diesem Fall kein "hold-up"-Problem besteht. Die einzelnen Gründergesellschaften können sich nur noch durch Verkauf ihrer Anteile zurückziehen, gefährden aber dadurch die transaktionsspezifischen Ressourcen nicht. Ist das Gemeinschaftsunternehmen in Relation zu den Muttergesellschaften klein, werden gleichzeitig die organisationsstrukturellen Probleme einer Fusion vermieden. Wiederum wird deutlich, daß neoklassische Kontrakte - in diesem Fall konstituieren sie ein Gemeinschaftsunternehmen -geeignet sind, "hold-up"-Probleme bei Innovationsprozessen zu beseitigen, ohne daß gleichzeitig die Anreize für innovatives Verhalten verloren gehen. Im folgenden ist noch darauf einzugehen, wie neoklassische Verträge gestaltet werden müssen, um Transaktionskosten durch Informationsasymmetrien zu vermeiden. bb) Probleme durch Informationsasymmetrien Bereits in Abschnitt 11.2.a) bb) dieses Kapitels wurde das "adverse selection"-Problem anhand einer Situation beschrieben, in der ein innovierendes Unternehmen für die Entwicklung einer Teilkomponente ein anderes hierfür spezialisiertes Unternehmen sucht, ex ante aber nicht beurteilen kann, welche der sich anbietenden Firmen wirklich leistungsfähig ist und welche eventuell nur daran interessiert ist, durch eine solche Zusammenarbeit an das Wissen des Innovators zu gelangen. Umgekehrt besteht auch für den Komponentenentwickler das Risiko, das Innovationsprojekt ex ante nicht einschätzen zu können. In der Literatur werden als Lösungsmöglichkeiten für die Probleme der ex ante-lnformationsa- symmetrie die miteinander verwandten Mechanismen des "signalling" und "screening" diskutiert. Beim "signalling" macht der über einen Informationsvorsprung verfügende Transaktionspartner einen ersten Zug, der dem schlechter informierten Transaktionspartner relevante In- 247 formationen enthüllt, so daß ein Scheitern des Vertrages aufgrund des "adverse selection"- Problems vermieden wird. Klassisches Beispiel ist die Ausbildung, mit der produktive Arbeitskräfte dem Arbeitgeber ihre Leistungsfähigkeit signalisieren. Geben die Arbeiter kein Qualitätssignal, bietet ein Arbeitgeber nur Arbeitsverträge an, in denen der Lohn der durchschnittlichen Produktivität entspricht. Produktive Arbeiter haben daher ein Interesse, vom Arbeitgeber als solche erkannt zu werden. 145 Damit eine Handlung vom Prinzipal als ein informatives Signal interpretiert werden kann, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein. Zunächst muß das Aussenden des Signals nur für den Agenten rentabel bzw. möglich sein, der an einer Informationsenthüllung interessiert ist. Als zweite Bedingung muß die Unfähigkeit, ein Signal auszusenden, einen eindeutigen und informativen Schluß für den Prinzipal erlauben. Ausbildung - um im obigen Beispiel zu bleiben -erfüllt diese Eigenschaften. Eine Ausbildung ist i.d.R. mit Kosten und Mühe verbunden. Geht man davon aus, daß es einem nicht leistungsfähigen Arbeiter schwerer fällt, ein bestimmtes Ausbildungsniveau zu erreichen als einem produktivem, so werden Leistungsfähigere mehr in ihr Humankapital investieren. Für einen unproduktiven Arbeiter werden die Kosten und die Mühe einer höheren Ausbildung durch den dadurch erzielbaren höheren Lohn nicht kompensiert. Von einer mangelnden Ausbildung kann unter diesen Annahmen eindeutig auf Leistungsunfähigkeit zurückgeschlossen werden. Ausbildung führt -wenn die genannten Bedingungen erfüllt sind -zu einer sog. "self-selection". Das bedeutet, daß der Prinzipal durch sie automatisch in die Lage versetzt wird, zwischen produktiven und unproduktiven Arbeitskräften zu unterscheiden. Ausbildung ist folglich ein glaubhaftes Signal; eine einfache Mitteilung eines Arbeiters, daß er produktiv ist, wäre es hingegen nicht. 146 Eng verknüpft mit dem "signalling" ist das sog. "screening". Während beim "signalling" der Transaktionspartner mit dem Informationsvorsprung den erstc.n Schritt unternimmt, ist es beim "screening" der schlechter Informierte. Bemüht man wiederum den Arbeitsvertrag als Beispiel, ist es diesmal der Arbeitgeber, von dem die Inititative ausgeht. Bietet er beispielsweise zwei Arten von Arbeitsverträgen an -einen an der durchschnittlichen Leistungsfähigkeit orientierten Festlohnvertrag und einen erfolgsabhängigen Vertrag - so werden die Arbeiter bei einer Bewerbung durch ihre Präferenz für den einen oder anderen Vertrag ihre Leistungsfähigkeit offenbaren. Die produktiveren Arbeitskräfte werden den 145 Vgl. Spence, A.M., Job Market Signalling, QJE 87 (1973), S. 355 ff. 146 Vgl. Rasmusen, E., Games ... , a.a.O., S. 134 u. 205 ff.; Milgrom, P., und J. Roberts, Economics ... , a.a.O., S. 154 f.; Kreps, D.M., A Course ... , a.a.0., S. 625 ff. Vgl. im Zusammenhang mit Qualitätsunsicherheit auch Klein, B., und K. Leffler, The Role of Market Forces in Assuring Contractual Performance, in: JPE 89 (1981), S. 615 ff. 248 leistungsabhängigen Vertrag wählen, mit dem sie selbst Einfluß auf ihre Gehaltshöhe nehmen und damit sicherstellen können, daß der Lohn ihren Fähigkeiten entspricht. Die unterdurchschnittlichen Arbeitskräfte wünschen hingegen einen outputunabhängigen Arbeitsvertrag. Sie können von einem festen Lohn, welcher der durchschnittlichen Produktivität entspricht, nur profitieren.147 Auch bei Innovationsprozessen, in denen Firmen Transaktionen auf der Basis von neoklassischen Verträgen durchführen, spielt "signalling" und "screening" eine Rolle. Investitionen in F&E oder Innovationserfolge vergangener Zeit können als glaubhafte Signale interpretiert werden, sofern sie für den jeweiligen Vertragspartner beobachtbar sind. Ein Unternehmen, das an einer F&E-Kooperation nur interessiert ist, um von der Wissensbasis des Partners zu profitieren, wird ex ante weniger bereit sein, in F&E zu investieren, als ein Unternehmen, das wirklich eine erfolgreiche Kooperation wünscht. Vergangene Innovationserfolge sind als Signal etwas problematischer. Bei einem TP, in dem die Innovationen sehr stark aufeinander aufbauen, sind die vergangenen Innovationserfolge ein glaubhaftes Signal; denn ein Unternehmen, das nicht schon seit längerem im Innovationsbereich aktiv war, kann nicht über die Erfahrungen verfügen, um den nächsten Schritt entlang des relevanten technologischen Pfades zu tun. Sein Interesse an einer Kooperation kann folglich nur als ein Versuch interpretiert werden, einseitig von den Erfahrungen des Partners zu profitieren. Ist der technische Fortschritt jedoch im Rahmen eines TP nur schwach kumulativ, sagt die individuelle Unternehmensgeschichte im Innovationsbereich wenig über seine Fähigkeiten aus. Auch ein "Newcomer" kann in diesem Fall durchaus ein fähiger Innovationspartner sein. Gegenseitige Vertragsangebote, in denen die Aufteilung der erwarteten Innovationserträge abhängig von F&E-Investitionen vor Vertragsabschluß und von vergangenen Innovationserfolgen gemacht werden, können als "signalling" und "screening" zur Reduktion des "adverse selection"-Problems interpretiert werden. Neben ex ante-Informationsasymmetrien ist auch das ex post-Problem des "moral hazard" zu berücksichtigen. Zwei Unternehmen, die im Zuge eines Innovationsprozesses auf der Basis eines neoklassischen Kontraktes zusammenarbeiten, können nicht sicher sein, ob nicht der jeweils andere die Nicht-Beobachtbarkeit seines Verhaltens zur Verfolgung eigener Ziele auf Kosten des anderen nutzt. 147 Vgl. Rasmusen, E., Games ... , a.a.O., S. 134 u. 212; Milgrom, P., und J. Roberts, Economics ... , a.a.O., S. 157 f.; Kreps, D.M., A Course ... , a.a.O., S. 633. 255 Sehr große Bedeutung haben F&E-Kooperationen als Hybride der Organisationsformen Markt und Unternehmung für Transaktionen im Zusammenhang mit Innovationsprozessen. Sie weisen den großen Vorteil auf, die Nachteile von marktlichen und unternehmensinternen Transaktionen gleichzeitig abzumildern. Sie sind zwar nicht so anreizintensiv wie Marktkontrakte und nicht so flexibel bei der Anpassung transaktionsspezifischer Ressourcen an unvorhergesehene Ereignisse wie die unternehmensinterne Organisation, aber da bei Innovationen "hold-up"-Problem und Informationsasymmetrien gleichzeitig auftreten, sind sie häufig ein effizienter Kompromiß für die Organisation von Innovationsprozessen. 15 7 Nebenabreden über F&E-Aktivitäten außerhalb der F&E-Kooperation sowie über Produktion und Absatz beinhalten zwar potentielle Wettbewerbsbeschränkungen im F&E-Bereich und auf den Gütermärkten, müssen jedoch jeweils im Einzelfall vor dem Hintergrund der besprochenen Transaktionsprobleme bei Innovationsprozessen geprüft werden. Auf jeden Fall sollte eine Wettbewerbspolitik, die zum Ziel hat, den technischen Fortschritt zu fördern, sicherstellen, daß Konzentrationsstrategien keine privilegierte Behandlung gegenüber Verhaltensstrategien genießen. m. Zusammenfassung Ein Unternehmen ist dann im Innovationswettbewerb erfolgreich, wenn es ihm gelingt, die Möglichkeiten zur Innovation des betreffenden TP der Industrie effizient zu nutzen und den Nutzen, den seine Innovationen für andere stiften, zu internalisieren. Die technologischen Möglichkeiten hängen vom TP an sich und seiner Entwicklungsphase ab. Hierauf hat das einzelne Unternehmen kurz- und mittelfristig keinen Einfluß. Jedoch kann es die Kosten einer Innovation und damit die Möglichkeiten zur Innovation bei gegebener Nachfragestruktur selbst beeinflussen. Jedes Unternehmen verfügt über spezifische Erfahrungen und Fähigkeiten. Der Erfolg einer Innovation hängt wesentlich davon ab, ob ein Unternehmen seine eigene Wissensbasis um Informationen und Erfahrungen anderer Unternehmen -Zulieferer, Nachfrager oder auch Produktmarktkonkurrenten -durch entsprechende Transaktionen ergänzen kann. Damit stellt sich die Frage nach der transaktionskostensparendsten Organisationsform. 157 Vgl. auch Jacquemin, A., Cooperative ... , a.a.O., S. 551 f. 256 Auch eine genauere Betrachtung der Aneignungsproblematik führt zu organisationsstrukturellen Fragen. Grundsätzlich stellt sich im Zusammenhang mit der Aneignungsproblematik das problem eines Spannungsverhältnisses zwischen optimalem Anreiz zur Erzeugung von neuem technologischen Wissen und seiner effizienten Verbreitung. Ein Unternehmen wird eine Innovation nur vornehmen, wenn es Aussicht hat, ex post eine Innovationsrente zu realisieren. Da dies jedoch nur möglich ist, wenn der Innovator die Nutzung des technologischen Wissens auch ex post kontrollieren kann, wird eine effiziente Diffusion verhindert; denn eine effiziente Verbreitung bedeutet, daß jeder, der die relevanten technologischen Informationen nachfragt, sie zu dem Preis erhält, der den Kosten der Übermittlung entspricht. Da ein solcher Preis häufig keinesfalls die Innovationskosten abdeckt -ein einmal bekanntes Wissen muß zur Verbreitung nicht erneut erschlossen werden - geschweige denn eine Innovationsrente sicherstellt, würden die Anreize zur Innovation verlorengehen. Neben gesetzlichen Regelungen zum Schutze geistigen Eigentums versuchen die Unternehmen durch verschiedene strategische Maßnahmen, sich eine zumindest temporäre Monopolstellung zu sichern, um auf diese Weise Innovationsrenten zu realisieren. Hierzu zählen eine möglichst schnelle Nutzung von Lerneffekten, Monopolisierung komplementärer Ressourcen und Geheimhaltung. Diese Mechanismen haben den Nachteil, daß sie ungewollte technologische "spill-overs" zu anderen Unternehmen häufig nicht vollkommen verhindern können, Nutzensteigerungen für die Nachfrager nicht vollkommen internalisieren können und -wie bereits erwähnt -durch Monopolisierung die Verbreitung des technologischen Wissens beschränken. Um ihre Aneignungssituation zu verbessern, vereinbaren Unternehmen F&E-Kooperationen oder schließen sich gar zusammen. Dies hat zweierlei Konsequenzen. Die kooperierenden Unternehmen berücksichtigen untereinander technologische und kompetitive "spill-overs", was unter bestimmten Umständen die Innovationsanreize fördert. Erhalten alle an der Kooperation beteiligten Unternehmen das gemeinsam erschlossene neue Wissen, ist zumindest seine Verbreitung innerhalb der Kooperation sichergestellt. Dieser zweite Aspekt wird zwar nicht von den Unternehmen beabsichtigt, ist aber dennoch gesamtwirtschaftlich erwünscht. Sowohl die Nutzung von technologischen Möglichkeiten als auch die unternehmensindividuelle Verbesserung der Aneignungsbedingungen eines TP hat organisationsstrukturelle Konsequenzen. Diese stellten den Mittelpunkt dieses Kapitels dar. 257 Zunächst wurde untersucht, wie sich eine F&E-Kooperation zum Zwecke der Internalisierung von "spill-overs" auf die Innovationsanreize der beteiligten Unternehmen auswirkt. Die Analyse ergab einige wichtige Hinweise, die auch für die Wettbewerbspolitik relevant sind. Als wichtig wurden verschiedene Faktoren aufgezeigt: (1) das kompetitive Verhältnis der kooperierenden Unternehmen im F&E-Bereich und auf den betreffenden Gütermärkten, (2) die Wirksamkeit der Aneignungsbedingungen des TP, (3) das Gewicht der kooperierenden Unternehmen in Relation zu ihren Konkurrenten im F&E-Bereich und auf den Gütermärkten sowie (4) Nebenabreden über das Verhalten auf den durch die Innovation betroffenen Gütermärkten. Die Verbreitung von neuem technologischen Wissen wird durch F&E-Kooperationen in Relation zu isoliert handelnden Innovatoren verringert. Anders verhält es sich nur, wenn Ausmaß und Umfang der F&E-Kooperation sehr groß sind, die Nutzung der F&E-Er- gebnisse für jeden Kooperationsteilnehmer vertraglich sichergestellt ist und diese davon auch Gebrauch machen oder wenn die an der F&E-Kooperation beteiligten Unternehmen nicht auf den durch die Innovation betroffenen Gütermärkten als Anbieter vertreten sind. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Frage, welche organisatorischen Probleme sich ergeben, wenn die Ressourcen zweier Unternehmen sich so ergänzen, daß eine Zusammenarbeit Effizienzvorteile bei der Nutzung der technologischen Möglichkeiten eines TP verspricht. Eine solche Zusammenarbeit kann theoretisch durch den Markt, durch unternehmensinterne Organisation oder hybride Organisationsformen koordiniert werden. Die Diskussion zeigte, daß einer rein marktlichen Koordination sowohl das "hold-up"-Problem als auch Schwierigkeiten, die aus Informationsasymmetrien resultieren, entgegenstehen. Eine unternehmensinterne Organisation weist vor allem Anreizprobleme auf, die unter dem Stichwort "moral hazard" diskutiert wurden. Hybride Organisationsformen -als welche F&E-Kooperationen verstanden werden können -werden den organisatorischen Anforderungen bei Innovationsprozessen am ehesten gerecht. Dieses aus wettbewerbspolitischer Sicht an sich positive Ergebnis ist allerdings immer den negativen Wirkungen kollusiven Verhaltens, die im Zusammenhang mit den "spill-overs" dargestellt wurden, gegenüberzustellen. 258 Betrachtet man die Ergebnisse im Hinblick auf die Aneignungsproblematik und die Nutzung technologischer Möglichkeiten, so ergeben sich allgemein zwei wichtige Schlußfolgerungen für die Wettbewerbspolitik. F&E-Kooperationen und Unternehmenszusammenschlüsse, die mit der Förderung des technischen Fortschritts begründet werden, sollten nicht mit Hilfeeiner "per se"-rule beurteilt werden, sondern bedürfen einer Einzelfallüberprüfung. Es gibt keinen Anlaß für ein Fusionsprivileg, vielmehr sollten F&E-Kooperationen weniger kritisch beurteilt werden als Unternehmenszusammenschlüsse. Die dargestellten organisationsstrukturellen Konsequenzen sind auf die mittelfristig stabilen Aneignungsbedingungen und technologischen Möglichkeiten eines TP zurückzuführen. Die Unternehmen prägen durch ihre individuellen organisatorischen Anpassungen an diese Faktoren die Industriestruktur. Dieses Ergebnis deckt sich mit den empirischen Resultaten zu den NSHs, die im zweiten Kapitel zusammengefaßt wurden. Unternehmensgrößen und - konzentration tragen nur wenig zur Erklärung von intra- und interindustriellen Varianzen im Innovationsverhalten bei. Sie sind nur Resultat des Innovationswettbewerbs, der von den Unternehmen permanent organisatorische Anpassungen fordert. Langfristig wirken die Innovationsaktivitäten selbstverständlich zurück auf die technologischen Möglichkeiten und die Aneignungsbedingungen, so daß jede Industrie einem evolutorischen Prozeß unterworfen ist, in dem die Innovationsintensität und die Unternehmens- sowie Industriestruktur sich ständig verändern. 259 Schlußbemerkungen Ziel dieser Arbeit war es, das Verhalten von Unternehmen im Innovationswettbewerb zu untersuchen und darzustellen. Voraussetzung hierfür ist die Kenntnis der Charakteristika von Innovationsprozessen. Im ersten Kapitel wurde daher eine begriffliche und inhaltliche Klärung dieses Prozesses vorgenommen. Zunächst erfolgte eine Erläuterung der in der Literatur häufig anzutreffenden Phaseneinteilung des Innovationsprozesses in eine Inventions-, Innovations- und Diffusionsphase. Kritisch war dabei hervorzuheben, daß eine klare inhaltliche Unterscheidung der Aktivitäten in den verschiedenen Phasen nicht eindeutig möglich ist. Außerdem vermittelt eine solche Phaseneinteilung des Innovationsprozesses den Eindruck einer eindeutigen Kausalitätsrichtung, die so in der Realität nicht gegeben ist; vielmehr werden Rückkopplungseffekte zwischen den Phasen und Interdependenzen zwischen unterschiedlichen Innovationsprozessen vernachlässigt. Einen zweiten Schwerpunkt bildeten die Eigenschaften von Innovationsaktivitäten, die für die ökonomische Analyse des Unternehmensverhaltens im Innovationswettbewerb wichtig sind: (1) Innovationsaktivitäten sind grundsätzlich mit Risiko bzw. Unsicherheit behaftet. Insbesondere bei grundsätzlichen Innovationen können Entscheidungssituationen auftreten, in denen das Unternehmen aufgrund seiner Unwissenheit nicht in der Lage ist, die mit der Innovation verbundene Unsicherheit zu quantifizieren. (2) "Spill-over"-Effekte sind dafür verantwortlich, daß die Ergebnisse innovatorischen Handelns häufig den Charakter eines öffentlichen Gutes haben und für gewinnorientierte Unternehmen daher nur ein geringer Anreiz besteht, Innovationsaktivitäten vorzunehmen. Oft kann aber das bei Innovationsprozessen gewonnene Wissen nur vom innovierenden Unternehmen selbst oder nur von Unternehmen, welche die gleiche Technologie verwenden, genutzt werden. Die Innovationsergebnisse sind dann unternehmens- bzw. technologiespezifisch. Diese Spezifitäten führen dazu, daß zum einen die verschiedenen Unternehmen in einer Industrie über unterschiedliche spezifische Kenntnisse und Erfahrungen verfügen und zum anderen Innovationen aufeinander aufbauen. Letzteres impliziert, daß eine Entscheidung für eine bestimmte technologische Entwicklungsrichtung nicht ohne weiteres reversibel ist. Eine ökonomische Analyse der technologischen Entwicklung in einer Industrie bedarf daher nicht nur einer dynamischen Betrachtung, sondern auch einer Betrachtung in historischer Zeit, d.h. die Berücksichtigung tatsächlicher historischer Ereignisse. Das zweite Kapitel gab einen Überblick über die Diskussion um die Determinanten des technischen Fortschritts. Die unzulängliche Behandlung des technischen Fortschritts in den 260 wachstumstheoretischen Modellen der 50er und 60er Jahren macht deutlich, daß ein Verständnis des technischen Fortschritts einer mikroökonomischen Analyse bedarf. Die anschließende mikroökonomische Diskussion konzentrierte sich zunächst auf die Frage nach der relativen Bedeutung nachfrage- und angebotsseitiger Faktoren. Die von Schmookler eingeführte "demand-pull"-Hypothese betonte Marktgröße, -wachstum und Nachfrageelastizitäten als Determinanten für die Intensität der Innovationsaktivitäten in einer Industrie. Dagegen wurde in der sog. "technology-push"-Hypothese die technologische und institutionelle Entwicklung einer Industrie allein auf die zugrundeliegende wissenschaftliche Basis zurückgeführt; ökonomischen Größen wurde keine größere Bedeutung eingeräumt. Eine ökonomisch orientierte angebotsseitige Erklärung der Innovationsaktivitäten in einer Industrie stellen die Neo-Schumpeter-Hypothesen (NSH) dar. Danach sind zum einen große Unternehmen innovativer als kleine, zum anderen ist die Innovationsintensität in Industrien mit einer hohen Unternehmenskonzentration höher als in eher polypolistisch strukturierten Industrien. Die NSHs werden jedoch von den zahlreichen empirischen Untersuchungen, die in diesem Zusammenhang durchgeführt wurden, nicht gestützt. In diesen Studien wird vielmehr die Bedeutung der Nachfragefaktoren bestätigt und zudem die hohe Erklärungskraft der in einer Industrie gegebenen technologischen Möglichkeiten und Aneignungsbedingungen hervorgehoben. Unternehmensgröße und -konzentration besitzen hingegen nur eine geringe Erklärungskraft für die unterschiedlichen Innovationsintensitäten von Unternehmen bzw. für die interindustriellen Innovationsvarianzen. Hieraus wurde gefolgert, daß Unternehmensgröße und -konzentration Größen sind, die aus einem Innovationswettbewerb, der durch mittelfristige stabile Nachfragebedingungen, technologische Möglichkeiten und Aneignungsbedingungen geprägt ist, resultieren. Abschließend wurden verschiedene neoklassische und evolutorische Modellansätze für die Darstellung des Innovationswettbewerbs vorgestellt. Es zeigte sich, daß die genannten empirischen Ergebnisse bereits Eingang in die theoretische Literatur gefunden haben. Gleichzeitig wurde aber auch auf verschiedene Schwächen dieser modelltheoretischen Literatur hingewiesen. Der Innovationswettbewerb ist in einem so hohen Maße stilisiert, daß diese Ansätze noch nicht als eine theoretische Grundlage für wirtschaftspolitische Maßnahmen dienen können. Zudem bleiben organisationstheoretische Implikationen von Innovationsprozessen außer Betracht. 261 Das dritte Kapitel setzte sich mit der Stabilität der technologischen Entwicklung in Industrien auseinander. Als Grundlage für die Analyse wurde ein Ansatz von Dosi gewählt. Technologische Paradigmen bestimmen danach den Pfad der technologischen Entwicklung. Ihnen liegen bestimmte Basistechnologien, Methoden und Heuristika zugrunde, welche die technologischen Möglichkeiten und Aneignungsbedingungen bestimmen sowie einen Rahmen setzen, in dem die anbietenden Unternehmen im Informationsaustausch mit den Nachfragern die genaue technologische Entwicklung festlegen. Doch warum sind die technologischen Paradigmen und mit ihnen die Strukturdeterminanten stabil? Einen ersten Erklärungsansatz stellen versunkene Kosten dar. Die Unternehmen in einer Industrie tätigen im Laufe des Innovationswettbewerbs technologiespezifische Investitionen, die sie daran hindern, das technologische Paradigma zu wechseln. Als zweiter Erklärungsansatz wurde auf die mit Innovationsprozessen verbundene Unsicherheit zurückgegriffen. Behavioristische Ansätze zeigen, daß es in einer Wettbewerbssituation für ein Unternehmen durchaus sinnvoll sein kann, an bekannten Handlungen festzuhalten, wenn es nicht in der Lage ist, die Konsequenzen einer Handlungsänderung abzuschätzen. Entsprechend werden Unternehmen an etablierten technologischen Paradigmen auch bei einer sich wandelnden Umwelt relativ lange festhalten, bevor sie sich auf einen Paradigmenwechsel einlassen, der einen Großteil der bisherigen technologischen Kenntnisse und Erfahrungen entwertet und damit in seinen Konsequenzen kaum kalkulierbar ist. Eine dritte Erklärungsmöglichkeit für die Stabilität eines technologischen Paradigmas bilden die sog. "increasing returns to adaption". Darunter versteht man einen mit der Anzahl der Adaptionen steigenden Nettonutzen einer Technologie für zukünftige und gegenwärtige Anwender. Es handelt sich hierbei um eine Art dynamische Skaleneffekte auf der Nachfrageseite. Sie basieren auf Lerneffekten, die mit zunehmender Adaption an Bedeutung gewinnen und damit einer etablierten Technologie bei F&E, Produktion und Anwendung gegenüber einer neuen Technologie einen Vorteil verschaffen. Überdies geht mit einer zunehmenden Verbreitung einer Technologie eine steigende Standardisierung ihrer Komponenten einher. Dies erlaubt Senkungen der Produktions- und Transaktionskosten, die bei einer neuen Technologie mit geringer Adaptionszahl noch nicht verwirklicht werden können. Zudem sorgen bei vielen Technologien sog. Netzwerkvorteile dafür, daß mit steigender Adaptionszahl sowohl der Nettonutzen der gegenwärtigen als auch der zukünftigen Anwender zunimmt. Als klassisches Beispiel hierfür können Kommunikationstechnologien angegeben werden. Netzwerkvorteile sind jedoch auch bei anderen Technologien denkbar. Bei einer 262 Kommunikationstechnologie -beispielsweise dem Telefon -bewirkt jeder weitere Anwender mit seiner Adaptionsentscheidung positive externe Effekte, da sich das Anwendernetz vergrößert hat und sich damit für die gegenwärtigen und zukünftigen Nachfrager eine breitere Anwendungsbasis bietet. Diese Effekte gewährleisten, daß Nachfrager in bestimmten Grenzen den Technologieentscheidungen früherer Nachfrager folgen und damit das einmal etablierte Paradigma stabilisieren. Einen zweiten Schwerpunkt des dritten Kapitels bildete eine Analyse des Wettbewerbs zwischen verschiedenen Technologien um den Status als technologisches Paradigma. Unter der Annahme von "increasing returns to adaption" (IRTA) wurde zunächst der Wettbewerb zwischen zwei Technologien bei heterogenen Nachfragerpräferenzen und bei gleichzeitiger Vernachlässigung strategischer Maßnahmen der anbietenden Unternehmen beschrieben. Es zeigte sich, daß historischen Ereignissen eine entscheidende Bedeutung bei der Selektion zwischen den konkurrierenden Technologien zukommt. Treten wegen gewisser Ereignisse für einen begrenzten Zeitraum nur Nachfrager mit einer Präferenz für eine bestimmte Technologie auf, kann die von ihnen adaptierte Technologie unter Umständen einen so großen Vorsprung aufgrund von IRTA realisieren, daß konkurrierende Technologien keine Chance mehr besitzen, sich durchzusetzen. Es ist dann ein sog. "lock-in" eingetreten, d.h., ein Technologiewechsel kann unter den gemachten Annahmen nicht mehr eintreten. Die auf diese Weise als Paradigma selektierte Technologie muß nicht unbedingt die effizienteste der im Technologiewettbewerb konkurrierenden sein. In einem weiteren Schritt wurde dieses Ergebnis unter Berücksichtigung strategischer Maßnahmen seitens der anbietenden Unternehmen untersucht. Dabei waren zur Vereinfachung der Darstellung homogene Nachfragerpräferenzen unterstellt worden. Zunächst wurden Produktankündigungen als Strategie im Technologiewettbewerb untersucht. Hierunter versteht man, daß ein Unternehmen eine grundsätzliche Innovation im voraus ankündigt, um zu vermeiden, daß eine schon am Markt angebotene konkurrierende Technologie sich als Paradigma etablieren kann. Verfügt das ankündigende Unternehmen über einen hohen Bekanntheitsgrad und ein gutes Renommee, werden Nachfrager ihre Adaption verschieben, bis die angekündigte Technologie angeboten wird. Den konkurrierenden Technologien wird dadurch die Chance genommen, bis zur Markteinführung der angekündigten Technologie IRTA zu realisieren. Es kann gezeigt werden, daß eine eindeutige wohlfahrtstheoretische Beurteilung von Produktankündigungen nicht möglich ist. Sie können sowohl effizienten als auch ineffizienten Technologien zum Durchbruch als technologisches Paradigma verhelfen. 263 Zum gleichen Ergebnis kam auch die Analyse des sog. "Technologiesponsoring". Hierunter versteht man, daß Unternehmen durch Preissenkungen versuchen, die Technologieentscheidung der Nachfrager zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Wenn es im Technologiewettbewerb zur Selektion ineffizienter technologischer Paradigmen (TP) kommen kann, stellt sich automatisch die Frage nach korrigierenden staatlichen Eingriffen. Die Auseinandersetzung mit dieser Frage beschränkte sich auf die Wettbewerbspolitik. Will eine wettbewerbspolitische Instanz korrigierend in den Technologiewettbewerb eingreifen, muß sie in der Lage sein, potentiell wettbewerbschädigendes Verhalten zu diagnostizieren. Es wurde in diesem Zusammenhang gezeigt, daß insbesondere beim Technologiesponsoring Diagnoseprobleme auftreten. Die Kriterien, die zur Erkennung von "predatory pricing" in der industrieökonomischen Literatur entwickelt wurden, sind hierfür ungeeignet. Aber selbst wenn man von Diagnoseproblemen absieht, ergeben sich wegen der Schwierigkeit, das technologische Entwicklungspotential konkurrierender Technologien ex ante zu prognostizieren, Probleme bei der Bewertung der genannten Unternehmensstrategien. Eine mögliche Lösung wäre, den Technologiewettbewerb möglichst lange offen zu halten, bis genügend Wissen über die konkurrierenden Technologien gesammelt wurde, und dann zugunsten der langfristig überlegeneren Technologie zu intervenieren. Eine solche Politik ist jedoch mit dem Instrumentarium der traditionellen Wettbewerbspolitik nicht möglich, da dieses nur eine künstliche Verkürzung des Technologiewettbewerbs verhindern, nicht jedoch eine künstliche Verlängerung gewährleisten kann. Zudem hat eine solche Politik distributive Konsequenzen, die ihre politische Durchsetzbarkeit in Frage stellen können. Im zweiten Kapitel wurde deutlich, daß die Unternehmensgröße und -konzentration aus dem Innovationswettbewerb resultieren anstatt ihn zu determinieren, d.l,., sie sind Reflex auf die bereits genannten mittelfristig stabilen Strukturdeterminanten. Daher konzentrierte sich die Analyse des vierten Kapitels, das dem Innovationswettbewerb im Rahmen eines TP galt, auf die Untersuchung, inwieweit Unternehmenskooperationen und -fusionen als organisatorische Anpassungsprozesse an die durch das TP gegebenen Aneignungsbedingungen und technologischen Möglichkeiten aufgefaßt werden können bzw. inwieweit Innovationswettbewerb im Rahmen eines TP auch Organisationswettbewerb ist. Die Aneignungsbedingungen eines TPs hängen davon ab, wie unternehmensspezifisch das innovationsrelevante Wissen ist, welche Rolle unternehmensspezifische Lerneffekte spielen und ob es möglich ist, für den Erfolg einer Innovation entscheidende Ressourcen zu mono- 264 polisieren bzw. innovatives Wissen geheimzuhalten oder zu patentieren. Die genannten Aneignungsbedingungen ermöglichen jedoch i.d.R. keine vollkommene Internalisierung der mit einer Innovation verbundenen Wohlfahrtssteigerung. Zudem beschränken sie die Diffusion neuer Technologien. Insbesondere der erste Aspekt bildet für Unternehmen einen Anreiz, die individuellen Aneignungsbedingungen durch organisatorische Anpassungen zu verbessern. F&E-Kooperationen und Unternehmenszusammenschlüsse können - so wurde gezeigt -als Strategien verstanden werden, "spill-over"-Effekte zu internalisieren. Daraus kann jedoch nicht gefolgert werden, daß sie generell zu einer Steigerung der unternehmensindividuellen Innovationsaktivitäten führen; denn kooperierende oder fusionierende Unternehmen berücksichtigen auch die zwischen ihnen auftretenden negativen kompetitiven "spill-overs" ihrer Innovationsaktivitäten. Unter bestimmten Bedingungen kann es infolgedessen zu einer Abschwächung des Innovationswettbewerbs kommen. Daher ist eine "rule of reason"-Betrachtung bei F&E-Kooperationen und Unternehmenszusammenschlüssen, die mit der Förderung des technischen Fortschritts begründet werden, aus wettbewerbspolitischer Sicht angebracht. Die Nutzung von technologischen Möglichkeiten eines TPs erfordert von einem Unternehmen in erster Linie eine effiziente Erschließung von innovationsrelevanten Informationsquellen. Die unternehmensindividuelle Wissensbasis umfaßt in aller Regel nicht alle Informationen, die ein Unternehmen benötigt, um eine Innovation erfolgreich durchzuführen. Theoretisch könnte ein Unternehmen durch eigene Innovationsaktivitäten das gesamte benötigte Wissen selbst erschließen. Es würde in diesem Fall jedoch ignorieren, daß auch bei Innovationsprozessen Effizienzgewinne durch Arbeitsteilung erzielt werden können. Das bedeutet aber, daß ein innovierendes Unternehmen Informationen mit zahlreichen anderen Unternehmen austauschen muß. Hierbei kann es sich um Nachfrager, Zulieferer oder Konkurrenten im F&E-Bereich bzw. auf dem Gütermarkt handeln. Der Transfer von Wissen, Fähigkeiten und Informationen zwischen Unternehmen wirft jedoch spezifische Probleme auf. Daher wurden verschiedene Organisationsformen auf ihre Eignung für die Koordination von Innovationsprozessen überprüft. Eine Reihe von Ursachen ist dafür verantwortlich, daß der klassische Marktkontrakt ungeignet ist, Wissens- und Erfahrungstransaktionen im Zuge von Innovationsprozessen transaktionskosteneffizient zu koordinieren. Es sind transaktionspezifische Investitionen notwendig, innovationsbedingte Unsicherheit ist zu berücksichtigen, und es liegen zwischen den 271 Berg, S. V., The Production of Compatibility: Technical Standards as Collective Goods, in: Kyklos 42 (1989), S. 361 ff. Besen, S.M., und L.L. Johnson, Compatibility Standards, Competition, and Innovation in the Broadcasting Industry, Santa Monica, Ca. 1986. Besen, S.M., und G. Saloner, The Economics of Telecommunications Standards, in: Crandall, R.W., und K. Flamm (Hrsg.), Changing the Rules: Technological Change, International Competition, amd Regulation in Communications, Washington, D.C. 1989, S. 177 ff. 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