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Vermittlung von Wissen oder Popularisierung von Einsichten: Erklärungstiefe in Beispielen von Online-Gesundheitskommunikation

Engberg, Jan

Abstract

A central characteristic of the internet as a communicative channel is to offer the opportunity for individual users with the same interests to get into contact and discuss these interests in an easy and direct way. One such example is online patient fora. In this contribution I will analyze two interactions in such a forum with a view to the strategies applied when co-constructing disease-related knowledge. My focus is on the complexity of causal explanations offered in the posts and in a second step on characterizing the posts concerning how the senders of the posts work with the knowledge asymmetry they signal through their use of causal explanations.

Full text

250 Vermittlung von Wissen oder Popularisierung von Einsichten – Erklärungstiefe in Beispielen von Online-Gesundheitskommunikation Jan Engberg Zusammenfassung: Eine wesentliche Eigenschaft des Internets als Kommunikationskanal ist, dass hier die Möglichkeit geboten wird, dass sich Individuen mit ähnlichen Interessen einfach und direkt zusammenschließen können, um die gemeinsamen Interessen zu besprechen. Ein Beispiel solcher Zusammenschlüsse sind Patienten-Patienten-Foren. In diesem Beitrag werden Teile von zwei Interaktionen auf einem solchen Forum daraufhin analysiert, mit welchen Strategien der gemeinsame Wissensaufbau durchgeführt wird. Dabei stehen im Mittelpunkt die Komplexität angebotener kausaler Erklärungen und darauf aufbauend eine Charakterisierung der Beiträge dazu, wie die Sender der Posts die durch die Erklärungen signalisierte Wissensasymmetrie bearbeiten. Schlagwörter: Patienten-Patienten-Kommunikation, Wissensasymmetrie, Erklärungstiefe, Vermittlung, Popularisierung Abstract: A central characteristic of the internet as a communicative channel is to offer the opportunity for individual users with the same interests to get into contact and discuss these interests in an easy and direct way. One such example is online patient fora. In this contribution I will analyze two interactions in such a forum with a view to the strategies applied when co-constructing disease-related knowledge. My focus is on the complexity of causal explanations offered in the posts and in a second step on characterizing the posts concerning how the senders of the posts work with the knowledge asymmetry they signal through their use of causal explanations. Keywords: Patient-patient communication, knowledge asymmetry, explanatory depth, dissemination, popularization Zitiervorschlag: Engberg, Jan (2025): «Vermittlung von Wissen oder Popularisierung von Einsichten: Erklärungstiefe in Beispielen von Online-Gesundheitskommunikation», in: Johnen, Thomas/ Rink-Neave, Thomas/ Wetzel, Emilia (eds.): . Zwickau: Westsächsische Hochschule Zwickau, Fakultät Angewandte Sprachen und Interkulturelle Kommunikation (ZwIKSprache; 8), 250-269. ISBN: 978-3-946409-12-0; DOI: https://doi.org/10.34806/9783946409120-h 251 1 Einführung In der modernen Gesellschaft ist es ein zentrales Merkmal, dass der Zugang zur öffentlichen Kommunikation deutlich leichter und damit auch deutlich unkontrollierter geworden ist. So ging z.B. in früheren Jahren der Weg zum öffentlichen Meinungsausdruck oft primär über Leserbriefe in Zeitungen, bei denen Angestellte der Zeitung eine redigierende und damit auch potenziell zensierende Funktion ausübten. Dagegen hat die Schaffung von Web 2.0-Programmen wie die sozialen Medien (z.B. Facebook oder X) durch ihren interaktiven und recht unkontrollierten Charakter dafür gesorgt, dass heute für Bürger ein ungefilterter Zugang zur Öffentlichkeit besteht. Darüber hinaus ist es möglich geworden, direkt auf Meinungsäußerungen zu reagieren. Wie viele andere auch hat diese Entwicklung sowohl ihre Sonnenwie ihre Schattenseiten. Zum Positiven zählt die Möglichkeit der Teilnahme an der öffentlichen Meinungsbildung sowie die Möglichkeit persönliche Erfahrungen anderen zugänglich zu machen und somit sowohl anderen als auch sich selber die Möglichkeit zu geben, durch gemeinsame Wissenskonstruktion das gemeinsame Wissen auszuweiten. Eher zur Schattenseite gehört, dass sich das Kommentieren jedenfalls in größeren und deshalb anonymeren Foren häufig mehr zur Polemik denn zum gemeinsamen Lernen entwickelt (vgl. z.B. Bucher 2020 oder Engberg/Maier 2024). Es liegt aber nicht inhärent in der Natur solcher interaktiven Foren mit niedriger Zugangsschwelle, dass sie zur Polemik ausufern. So haben wir in der Arbeit von Jaki/Engberg (2024) gefunden, dass z.B. in Handwerkerforen eine weitaus harmonischere Atmosphäre 252 herrscht, die von respektvollem Erfahrungsaustausch, Darlegung von Problemen und Versuchen der Problemlösung geprägt sind. Ein fachlicher Kommunikationsbereich, der stark von dem leichteren Zugang und der Möglichkeiten der Interaktion Nutzen gezogen hat, ist die der Medizin. Und wenn wir diesen Bereich erwähnen, kommt mir unmittelbar der Name der Wissenschaftlerin in den Sinn, die wir mit dieser Festschrift feiern. Ich habe sie im Rahmen unseres gemeinsamen Forschungsweges als die primäre Expertin für die textsortenbezogene Fachkommunikation auf dem Gebiet der Medizin kennenund schätzengelernt. Dabei hat sie schon früh in der Entwicklung der Fachtextsortenforschung sowohl auf dem Gebiet der fachinternen Expertenkommunikation (z.B. Busch-Lauer 1995a) als auch der fachexternen Vermittlungskommunikation (z.B. Busch-Lauer 1995b) publiziert. Somit liegt es auf der Hand, dass ich diesen für mich ersten Einstieg in die Untersuchung medizinischer Kommunikation im Rahmen der hiesigen Festschrift stelle. Wie schon Ines Busch-Lauer festgestellt hat (z.B. Busch-Lauer 2011), ist einer der Bereiche innerhalb der medizinischen Kommunikation, für deren Entwicklung die Interaktivität und die leichte Zugänglichkeit zum Austausch fachlicher Informationen durch Web 2.0-Anwendungen eine zentrale Rolle gespielt hat, der der Kommunikation zwischen PatientInnen. Diese Art der fachlichen Kommunikation reiht sich in den übergeordneten Bereich der medizinischen Kommunikation ein (vgl. Fig. 1): 253 Fig. 1: Gesundheitskommunikation zwischen ExpertInnen und PatientInnen (BuschLauer 2011: 275). Unser Fokus soll hier auf die ‚Patients-Patients‘-Kommunikation innerhalb des Bereichs der ‚Popularization Level of Medicine & Healthcare‘ liegen. Dabei spielt wie aus dem Modell ersichtlich die wissensbezogene Asymmetrie eine zentrale Rolle, womit hier wohl primär Unterschiede in der formalen Ausbildung zwischen Experten unterschiedlicher Ebenen und den Laien gemeint ist. Die Art der medizinischen Kommunikation, die hier im Mittelpunkt stehen soll, unterscheidet sich nach dem Modell von diesem Merkmal. Es handelt sich um die Kommunikation unter PatientInnen in Online-Foren und Blogs zur gegenseitigen Unterstützung, die am untersten Ende des Modells angesiedelt ist. In meinem Beitrag möchte ich den Ausgangspunkt in dem Modell nehmen, jedoch anhand der folgenden Analyse einiger Beispiele zwei Modifikationen dazu vorschlagen. Erstens möchte ich zeigen, dass auch in dieser Konstellation kommunikativ u.a. durch Arten der Komplexität des 254 dargebotenen Wissens Asymmetrien konstruiert werden1. Zweitens möchte ich im Anschluss daran vorschlagen, zwischen zwei Strategien der kommunikativen Konstruktion von Asymmetrien zu unterscheiden, und zwar zwischen der und der . Ich schlage also eine Spezifizierung der Bedeutung von ‚Popularization‘ vor, wie der Terminus in dem Modell verwendet wird. Die Struktur des Beitrags wird die sein, dass ich erst die theoretischen Grundlagen für eine wissenskommunikative Untersuchung der Beispiele insbesondere aus der Sicht ihrer Komplexität (also mit Bezug auf die erstgenannte angestrebte Modifikation) vorstelle (2.). Danach folgt in 3. die Beispielanalyse. In 4. sollen dann die Ergebnisse der Beispielanalyse aus der Sicht der Unterscheidung zwischen den Strategien der Vermittlung und der Popularisierung interpretiert werden (mit Bezug auf die zweite Modifikation). Aus vermittlungstechnischen Gründen (!) habe ich damit den etwas unkonventionellen Aufbau gewählt, die theoretischen Hintergründe für die beiden Modifikationen jeweils vor und nach der empirischen Analyse zu platzieren, bevor dann in 5. abschließende Überlegungen zu kommunikativer Symmetrie und Asymmetrie in der PatientInnen-PatientInnen-Kommunikation vorgestellt werden. 2 Wissenskommunikative Grundlage: Wissensasymmetrien als Konstrukte Grundlage für die folgende Beispielanalyse ist der Ansatz der Erforschung von Fachkommunikation als Wissenskommunikation (Engberg/Fage1Vgl. hierzu auch Rentel (2017), die sich aus der Perspektive der Schaffung einer sozialen Identität als ExpertIn mit ähnlichen Online-Beiträgen beschäftigt. 255 Butler/Kastberg 2024). Dabei handelt es sich um Untersuchungen, bei denen die Wissensbasierung fachlicher Kommunikation in den Mittelpunkt gestellt wird: The study of Knowledge Communication aims at investigating the intentional and decision-based communication of specialised knowledge in professional settings (among experts as well as between experts and nonexperts) with a focus on […] the coping with knowledge asymmetries, i.e., the communicative consequences of differences between individual knowledge in depth as well as breadth (Engberg 2016: 37; meine Hervorhebung, JE). Zentral für diesen Beitrag ist also der Aspekt der Wissensasymmetrie. Hiermit ist gemeint, dass sich die persönlichen Wissensbasen, auf deren Grundlage sich die Kommunizierenden verstehen, in einer oder mehreren Dimensionen unterscheiden, die kommunikativ als salient gestellt werden (vgl. Kastberg 2011: 145). Eine solche Art, Wissensasymmetrien salient zu stellen, ist dabei das Erklären. Denn Erklärungen zeigen, dass Kommunizierende über Wissen einer Tiefe verfügen, das über die bloße Kenntnis eines Begriffs oder Gegenstandes hinausgeht. Erklärungen müssen zwar nicht unbedingt der Konstruktion einer Asymmetrie dienen. Sie können dann eher einen Versuch ausgleichen, kommunikativ eine Asymmetrie zu konstruieren, wenn Kommunizierende durch die Erklärung zeigen möchten, dass sie über ein komplexes Wissen verfügen und somit das Kommunikationsthema gut mitverfolgen können. Oft werden Erklärungen mit dieser Funktion als Reaktion auf vorherige Versuche der Mitkommunizierenden eingesetzt, durch eine Erklärung eine Wissensasymmetrie zu konstruieren. Ein Beispiel wäre, wenn ein Vater sein Teenage-Kind erklären möchte, wie der Motor des Mopeds vom Kind funktioniert und dabei auf einem Komplexitätsniveau anfängt, das weniger komplex als dies auf der Grundlage der Einsichten des Kindes 256 notwendig ist. Die Reaktion des Kindes kann dabei oft sein, schnell durch eine komplexere Erklärung zu zeigen, dass die Wissensasymmetrie entweder nicht besteht oder dass sie jedenfalls nicht so umfangreich wie von dem Vater kommunikativ vorgeschlagen ist. Wenn sie in der Interaktion als Antwort auf eine Frage (wie in den nachher analysierten Beispielen) vorkommen, ist es aber häufig relevant, Erklärungen als mögliche Anzeichen einer kommunikativen Strategie der Konstruktion von Wissensasymmetrien zu interpretieren. Dabei spielt der inhaltliche Komplexitätsgrad der Erklärung eine Rolle. Um diese Eigenschaft kommunikativer Beiträge zu erfassen, habe ich in früheren Arbeiten den Analysebegriff der Erklärungstiefe vorgeschlagen, der sich auf kausale Erklärungen beschränkt.2Analysiert wird, wie komplex die Erklärungen zu Begriffen sind, die in der Kommunikation eingeführt werden: Je mehr Informationen über die Natur der kausalen Zusammenhänge hinter dem Begriff aus dem Kommunikationsbeitrag herausgeholt werden kann, je komplexer ist die Erklärungstiefe. Für die Zwecke der Beispielanalyse ist die Unterscheidung zwischen zwei Ebenen wesentlich, die ich in einer früheren Arbeit erarbeitet habe (Engberg 2022: 144): : Bei dieser erklärenden Beziehung weiß der Inhaber des jeweiligen Wissens nicht nur, dass es eine Art funktionale Beziehung zwischen zwei Merkmalen gibt, sondern auch, welche Rolle das eine Merkmal für das andere hat. „I know that magnets have the ability to exert an attractive force on various metals but may know little about magnetism and the reasons that some metals make good magnets while others do not. We can think of this level as the first level at which distinct causal roles are attributed to properties.“ (Keil 2003: 678). […] 2Grundlage ist der aus der Psychologie stammende Begriff der (Rozenblit/Keil 2002). 257 : Bei diesem Beziehungstyp hat die Wissensstruktur Systemcharakter …, [bestehend] aus Haupteinheiten und deren funktionalen Beziehungen. […]. „For many people, their mental representations of the causal relations for cars may largely be confined to knowing that they convey people from place to place on roads, that they are propelled by an engine whose output is increased by pressing on an accelerator, and that they are slowed down by brakes.” (Keil 2003: 679). Hier wird die funktionale Rolle des Autos als Teil des Verkehrssystems und der physikalischen Regeln und Gesetzmäßigkeiten, die der Funktionsweise des Autos zugrunde liegen, dargestellt. Das Wissen erreicht somit durch den Systembezug eine noch tiefere Erklärungsebene. Für unsere Zwecke ist dabei wesentlich, dass durch die Erreichung der Komplexitätsstufe des kausalen Systems dargestellt wird, nicht nur welche Elemente beim Begriff in welcher Weise kausal zusammenwirken, sondern auch auf welche systemischen Hintergründe das kausale Zusammenwirken beruht. Wenn EmpfängerInnen solche Texte prozessieren können, erreichen sie ein tieferes Verstehensniveau, das über ein eher instrumentelles Verständnis hinausgeht. Im Folgenden (3.) werde ich einige Beispiele von Interaktionen eines PatientInnen-Forums aus der vorgestellten Perspektive analysieren. Nachfolgend (in 4.) möchte ich dann eine Interpretation davon vorschlagen, welche Schlüsse über die Strategien zur Konstruktion von Wissensasymmetrien auf dieser Grundlage gezogen werden können. 3 Beispielanalysen Die Beispiele, die ich hier analysieren werde, stammen von der Website des privaten amerikanischen Unternehmens MedHelp. Dieses Unternehmen bietet sogenannte als DiskussionsForen an, in denen sich User mit eigenen PatientInnen-Erfahrungen über Krankheiten austauschen können, die sie interessieren. Bei den Usern 258 handelt es sich damit typisch um Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und Interessen, die mit diesen Erfahrungen zusammenpassen. Eher als um eine , bei der die Mitglieder durch gemeinsames Lernen und Praktizieren auf der Grundlage des Gelernten verbunden sind (vgl. z.B. Rentel 2017, 24), handelt es sich nach meiner Auffassung hierbei vielmehr um eine . Hiervon spricht man, wenn von einer Gemeinschaft die Rede ist, bei der das gemeinsame Interesse Anlass zu Wissensaustausch, zur Beantwortung gemeinsamer Fragen und zum gemeinsamen Wissensausbau bezüglich des Interessensgegenstandes besteht.3 Für unsere Zwecke relevant bei solchen Interessensgemeinschaften ist, dass der Fokus auf das gemeinsame erfahrungsbezogene Interesse potenziell eine symmetrische Relation zwischen den Mitgliedern bewirkt, wie das ja auch im Modell in Fig. 1 angelegt ist: Die Beteiligten an der Kommunikation werden dadurch zur Gemeinschaft, dass sie alle an derselben Krankheit leiden und daraus Erfahrungen geschöpft haben, ohne Rücksicht auf ihre sonstige Bildung und Position. Wegen ihres Fokus sind typischerweise solche Foren auch auf die persönlichen Erfahrungen und Gefühle der Beteiligten und nicht vorwiegend auf diagnostische Fragen etc. ausgerichtet: An online forum is not only an arena for gathering, verifying or commenting on information but is also a locus where the co-construction of knowledge takes place and where the popularization of biomedical information assumes new contours, being determined not by dyadic communication but rather by a multi-source network of exchanges (Anesa/Fage-Butler 2015: 124). 3Zu diesen und ähnlichen Gemeinschaftsbegriffen und ihrer Relevanz für die wissenskommunikative Untersuchung asymmetrischer Fachkommunikation, vgl. Anesa (2024), insbesondere S. 235-239. 265 der Antwortenden charakterisiert werden kann, und zwar die Unterscheidung zwischen Vermittlung und Popularisierung. Dabei arbeiten wir mit einer skalaren Unterscheidung und vier Merkmalen (vgl. Engberg 2018: XII): : Anhand als relevant gesetzter Wissensasymmetrie. : Absicht, Verstehen bei NichtFachleuten zu erzielen. : Absicht, Fachwissen in Kontexten begreifbar zu machen, die über die Fachkontexte hinausgehen. : Absicht, durch das Schaffen von Verständnis eine (positive) emotionale Relation zur Fachlichkeit und seinen Ausübern zu schaffen. Die Argumentation hinter der Begriffsunterscheidung ist, dass eine kommunikativ geschaffene Wissensasymmetrie dann eher wieder ausgeglichen werden kann, wenn nicht nur Ratschläge gegeben oder Erklärungen anhand kausaler Kräfte geboten werden, sondern die Ratschläge und Erklärungen durch Systemerklärungen ergänzt werden. Die Systemerklärung hat nämlich ein höheres Potenzial zur Schaffung von komplexem Verständnis als die Erklärung auf der Ebene der kausalen Kräfte. Durch das Anbieten einer solchen potenziell nachvollziehbaren Systemerklärung kann ein höherer Grad an Kooperation und Verständigungsabsicht bei AutorIn angenommen werden. Diese Unterscheidung ist stark von der Distinktion bei Habermas zwischen strategischem (= erfolgsorientiertem) und kommunikativem (= verständnisorientiertem) Handeln inspiriert: Ich möchte mit ‚strategisch’ und ‚kommunikativ’ nicht nur zwei analytische Aspekte bezeichnen, unter denen sich dieselbe Handlung einmal als die wechselseitige Beeinflussung von zweckrational handelnden Gegenspielern, und zum anderen als Prozess der Verständigung zwischen Angehörigen einer Lebenswelt beschreiben lassen. Vielmehr lassen sich soziale Handlungen danach unterscheiden, ob die Beteiligten entweder eine erfolgsoder eine 266 verständigungsorientierte Einstellung einnehmen; und zwar sollen sich diese Einstellungen unter geeigneten Umständen anhand des intuitiven Wissens der Beteiligten selbst identifizieren lassen (Habermas 1981: 348-349). Sehen wir uns auf der Grundlage dieser Ausführungen nochmal die oben behandelten Beispiele an. Besonders in Beispiel (3) liegt der Fokus auf die (ungefragte) Beratung, die durch eine Erklärung auf der Ebene der kausalen Kräfte unterstützt wird. Mit dem Beitrag soll primär eine Handlung des Fragenden durch die übergeordnete Erklärung induziert und kein tieferes Verständnis erzielt werden, weshalb die Handlung eher als strategisch einzustufen ist. Dagegen handelt es sich insbesondere bei Beispiel (5) darum, durch die Systemerklärung des Hintergrundes für die anderen Erklärungen diese zu unterstützen. Beim Empfänger soll eine Verständigung auf der Grundlage des spezifischeren und in seinen systemischen Merkmalen dargestellten Wissens des Senders erzielt werden, weshalb die Handlung eher als verständigungsorientiert einzustufen ist. In Beispiel (2) spielt die kausale Erklärung keine zentrale Rolle für den Beitrag, weshalb eher weder von begriffsinhaltlicher Vermittlung noch von Popularisierung die Rede ist (zumal durch den Erfahrungsbericht keine inhaltliche Wissensasymmetrie aufgebaut wird). Schließlich ist Beispiel 6 schon auf Beratung ausgerichtet (was in Richtung strategischen Handelns zeigt), die die Beratung unterstützenden Erklärungen auf der Ebene kausaler Kräfte werden aber durch Systemerklärungen ergänzt und damit die Möglichkeit für EmpfängerInnen geschaffen, eine komplexe Wissensstruktur aufzubauen. Wegen dieser Verteilung kann auch hier das Handeln als dominant verständigungsorientiert eingestuft werden. 267 5 Abschließende Überlegungen Ausgangspunkt für die hiesigen Überlegungen war es, uns mit der traditionellen Einstufung von medizinischer Kommunikation unter PatientInnen als symmetrisch auf der Grundlage der ähnlichen Position als Laien wegen fehlender fachlicher Ausbildung auseinanderzusetzen. Für die Zwecke einer übergeordneten Typologisierung wie sie von BuschLauer (2011) vorgeschlagen wird (vgl. oben Fig. 1) ist eine solche Einordnung relevant und kann auch insbesondere etwas darüber aussagen, z.B. welche Terminologieverwendung generell bei solchen Texten anzunehmen ist. Wie hier empirisch anhand einiger Beispiele gezeigt, ist das Wissensniveau der Teilnehmer an PatientInnen-Foren aber schon heterogen, was auch die Möglichkeit eröffnet, dass Wissensasymmetrien kommunikativ aufgebaut werden können. Die Mechanismen der Experten-Laien-Kommunikation finden sich also auch hier wieder, wenn auch natürlich auf einem niedrigeren Expertenniveau. Um diese Mechanismen auch auf der Ebene der Kommunikation unter PatientInnen beschreiben zu können, habe ich in diesem Beitrag die skalare Unterscheidung zwischen eher strategisch orientierter Vermittlung und eher verständigungsorientierter Popularisierung vorgeschlagen, die sich insbesondere auf die Komplexität des zur Konstruktion durch EmpfängerInnen angebotene Wissen bezieht. Weitere Analysen werden zeigen, welche Modifikationen bei dieser Begrifflichkeit notwendig sein werden, damit sie eine größtmögliche Effizienz für die Erfassung kommunikativ entstehender Profilierungen von Kommunizierenden auf dem Gebiet ihres Fachwissens erhalten können. 268 Bibliographie Anesa, Patrizia (2024): "Language and law in the post-disciplinary landscape. A knowledge communication perspective", in: Engberg, Jan/ Fage-Butler, Antoinette/ Kastberg, Peter (eds.): . Oxon: Routledge, 232-248. 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Zwickauer Forum Interkulturelle Kommunikation und Sprache: Nr. 8 Theoretische und praktische Zugänge zur Wissenschaftsund Fachkommunikation und innovative Ansätze zur Fremdsprachendidaktik Festschrift für Ines-Andrea Busch-Lauer zum 65. Geburtstag Thomas Johnen Thomas Rink-Neave Emilia Wetzel (eds.) Zwickau Westsächsische Hochschule Zwickau, Fakultät Angewandte Sprachen und Interkulturelle Kommunikation 2025 ISBN: 978-3-946409-12-0 DOI: 10.34806/9783946409120 4 Inhaltsverzeichnis …………………..……………………………………………… 4 Tabula Gratulatoria …………………………….…………………………………. 7 Fachkommunikation und (Fach-)Sprachendidaktik dans tous les sens: eine Auswahlbibliographie der Publikationen von Ines-Andrea Busch-Lauer Kompilation: Thomas Johnen ………………………………………………………………………. 13 Ein akademisches Leben für die Exzellenz und internationale Vernetzung der WHZ: Ein Wort vorab zur Festschrift für InesAndrea Busch-Lauer Thomas Johnen, Thomas Rink-Neave, Emilia Wetzel .……..…………….. 38 Hommage Nadine Rentel ………………………………………………………..…………………… 49 Teil 1: Fachsprachen und Fachkommunikation Ines und die Eisenbahn Martin Bauch ……………………………………………………………..………………………………. 52 Eisenbahn-Lektionen: Ein Streiflicht auf 6 Jahre Kooperation zwischen der Westsächsischen Hochschule und der Länderbahn GmbH, Neumark (2019 – 2025) Thomas Edeling / Michaela Rusch ………………………………………………………………… 55 5 Fachsprache im Kontext – Fallstudie einer DeutschFranzösischen Eheschließung Doris Fetscher …………………………………………………………………………………………. 76 „ ” – Formelhaftigkeit und Kreativität in Square-Dance-Calls Sabine Fiedler ………………………………………………………………………………………… 117 : Zur Terminologisierung eines nicht-fachsprachlichen Neologismus in der theologischen Fachsprache des 21. Jahrhunderts und die Problematik seiner Übersetzung am Beispiel von und Thomas Johnen ……………………………………………………………………………………… 133 Teil 2: Wissenschaftsund Wirtschaftskommunikation und : Kommunikation über Wissen und Wissenschaft zwischen Frankreich, England und Deutschland im 18. Jahrhundert am Beispiel von Mscr.Dresd.k.276.g. Ralf Christoph ………………………………………………………………………………………… 226 Vermittlung von Wissen oder Popularisierung von Einsichten – Erklärungstiefe in Beispielen von OnlineGesundheitskommunikation Jan Engberg …………………………………………………………………………………………….. 250 6 Die Kundenkommunikation von Fluggesellschaften in den sozialen Medien im interkulturellen Vergleich: Das Beispiel der Facebookseiten von Air France und Austrian Airlines Nadine Rentel ……………………………………………………………………………………….. 270 Teil 3: Innovative Ansätze zur Fremdsprachendidaktik Handlungsorientierte Fremdsprachendidaktik: Überlegungen zu Inhaltsverzeichnissen in DaF-Lehrwerken Liliia Bezugla ……………………………………………………………………………………….. 305 Empirische Studien in studentischen Abschlussarbeiten im Studienfach DaF/Z – Exemplarische Analyse typischer Fehler und (hochschul-)didaktische Empfehlungen Almut Ketzer-Nöltge / Dorothea Spaniel-Weise ………………………………………. 327 Der DaF-Unterricht in der Ukraine: Probleme und Perspektiven Alla Paslawska …………………………………………………………………………………… 357 Innovative Learning Partners: Using an AI chatbot for French Language Acquisition in Business Administration Thomas Tinnefeld ………………………………………………………………………………. 370 Zu den Autorinnen und Autoren dieses Bandes ……….……. 406 Zwickauer Forum Interkulturelle Kommunikation und Sprache (ISSN 2700-5968) http://www.fh-zwickau.de/zwiksprache Nr. 1: Sabine Dieng-Weiß (2019): ISBN: 978-3-946409-03-8; DOI: https://doi.og/10.34806/q7yr-7c44 https://d-nb.info/1210446189/34 Resumen en español. Nr. 2: Julia Gelinski (2019): . ISBN: 978-3-946409-01-4; DOI: https://doi.org/10.34806/rfv9-b177 http://d-nb.info/1216496854/34 Resumen en español. Nr. 3: Thomas Johnen (2019): . ISBN: 978-3-946409-02-1; DOI: https://doi.org/10.34806/19wq-t276 https://d-nb.info/1210449269/34 Resumo em português. Nr. 4 Bao Trang Ngo (2021): ISBN: 978-3-946409-05-02; DOI: https://doi.org/10.34806/x4gd-gm78 https://d-nb.info/123599273X/34 Nr. 5 Thomas Johnen/ Christopher Mattern/ Jasmin Wunderlich (red.) (2023):