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Reurbanisierung als stadtpolitische Herausforderung: Positionspapier zum Umgang mit dem Trend in der Stadt

Fricke, Axel

Abstract

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Fricke, Axel Book Part Reurbanisierung als stadtpolitische Herausforderung: Positionspapier zum Umgang mit dem Trend in der Stadt Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Fricke, Axel (2015) : Reurbanisierung als stadtpolitische Herausforderung: Positionspapier zum Umgang mit dem Trend in der Stadt, In: Fricke, Axel Siedentop, Stefan Zakrzewski, Philipp (Ed.): Reurbanisierung in baden-württembergischen Stadtregionen, ISBN 978-3-88838-397-7, Verlag der ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, pp. 171-186, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-3977087 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/147267 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/ Axel Fricke Reurbanisierung als stadtpolitische Herausforderung. Positionspapier zum Umgang mit dem Trend in die Stadt URN: urn:nbn:de:0156-3977087 CC-Lizenz: BY-ND 3.0 Deutschland S. 171 bis 186 Aus: Axel Fricke, Stefan Siedentop, Philipp Zakrzewski (Hrsg.) Reurbanisierung in baden-württembergischen Stadtregionen Arbeitsberichte der ARL 14 Hannover 2015 Stadtpolitische Herausforderung 171 Axel Fricke Reurbanisierung als stadtpolitische Herausforderung . Positionspapier zum Umgang mit dem Trend in die Stadt Gliederung: 1 Einführung 2 Entwicklungsbedingungen der beteiligten Großstädte 3 Kommunalpolitisch bedeutsame Konflikte 4 Schlüsselthemen der Reurbanisierung 4.1 Flächensparstrategien und Kostenbewusstsein in der Innenentwicklung 4.2 Fortsetzung der Stadterneuerung 4.3 Flächenproduktivität und Qualitätssicherung 4.4 Stadtverträglicher Verkehr 4.5 Gesellschaftliche Akzeptanz 5 Überlegungen zu einer gestaltenden Politik der Reurbanisierung Literatur Kurzfassung Der Trend, wieder in der Stadt zu wohnen, birgt Chancen und Risiken für die Städte. Der Rückzug in die Stadt muss stadtverträglich gestaltet werden, bedarf einer regionalplanerischen Einbettung und einer abgestimmten Unterstützung aller Politikebenen. Das Positionspapier der drei beteiligten und mit verschiedenen Entwicklungsvoraussetzungen ausgestatteten Städte Stuttgart, Mannheim und Freiburg im Breisgau soll, unter vertiefender Betrachtung von fünf Schlüsselthemen, einen Beitrag leisten, um Anforderungen an adäquate raumordnungs- und stadtentwicklungspolitische sowie fachgesetzliche Rahmenbedingungen zu formulieren. Schlüsselwörter Stadtentwicklungspolitik – Stadterneuerung – Innenentwicklung – Bauplanungsrecht – Urbanitätsgewinne – Urbane Konflikte – Urban Governance Re-Urbanization as an Urban Policy Challenge: Position Paper on Dealing with the Trend Ro relocate into the City Abstract The trend to relocate into the city includes both opportunities and risks for the cities. It has to be compatible with sustained urban development, requires a regional planning and embedding of a concerted support of all policy levels. The position paper of the three cities of Stuttgart, Mannheim and Freiburg im Breisgau (all located in Baden- Stadtpolitische Herausforderung 172 Württemberg), each equipped with various developmental prerequisites, focuses on indepth consideration of five key issues. It intends to contribute towards the formulation of requirements for adequate regional planning, urban development policy and specialized legal framework conditions. Keywords Urban development policy – Urban renewal – Brownfield development – Building regulations – Uains in urbanity – urban conflicts – urban governance 1 Einführung Das 21. Jahrhundert ist weltweit bereits zum urbanen Zeitalter ausgerufen worden, das Städtewachstum wird dabei ein Leittrend bleiben. Die historischen Leitbilder und Leitfunktionen der Großstädte, die Agglomerations- und Attraktivitätsvorteile der dazugehörigen Stadtregionen und die globale Wissens- und Wachstumskonzentration, von der vor allem die urbanen Zentren profitieren, sind vielfach beschrieben (u.a. Brake/Herfert 2012). Großstädte sind komplexe und hochspezialisierte Gemeinwesen, Verkehrsdrehscheiben und Umschlagplätze von Waren und Kapital, Hauptsitze von lenkenden Institutionen, Zielorte der Migration und Ausgangspunkte von Innovationen. Sie bieten Versorgungssicherheit, ein kulturell ansprechendes Umfeld und eine Vielfalt an Formen des Zusammenlebens. Sie gelten als „Labore“ der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung und sind noch immer die „Motoren“ der Landesentwicklung. Das seit der Jahrtausendwende auch hierzulande feststellbare Wachstum der Großstadt(regionen) ist zuletzt deutlich von der Zuwanderung aus dem europäischen Ausland überzeichnet, Städte profitieren als erste von dieser zusätzlichen Arbeitsmarktressource. Die Zuwanderung ist aber auch ein innergesellschaftlicher, zunächst demographisch vorteilhafter Trend. Denn die größeren Städte werden aufgrund ihrer Bildungs- und Arbeitsplatzangebote, ihrer sozialen Offenheit und ihrer Integrationsleistung vor allem von der jüngeren (häufig studierenden) Generation aus dem Inland als attraktiv wahrgenommen (Geppert/Gornig 2010). Ein erlebbares urbanes Ambiente ist bei aller vorauszusetzender Stresstoleranz der städtischen Bewohner ein Zuzugsgrund. Aktuelle Trendanalysen des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg (vgl. Brachat-Schwarz/Schmidt in diesem Band; Brachat-Schwarz 2008; Schmidt 2010) belegen, dass auch größere südwestdeutsche Städte Gewinner des inter- und intraregionalen Wanderungsgeschehens sind. Das Ausmaß des weiteren Erfolges hängt jedoch von verschiedenen örtlichen Voraussetzungen ab, aber auch von der Fähigkeit und dem Willen, mit diesem Sog umzugehen. Der verstärkte Wettbewerb und neue Markttendenzen erfordern zumindest das Bemühen, den Wanderungs- und Kapitalzustrom durch gezieltes und koordiniertes Handeln und eine erhöhte Anpassungsbereitschaft für nachhaltige Urbanitätsgewinne zu nutzen. Der Trend wird zunächst ermöglicht durch die Dynamik des Strukturwandels in vor allem industriegewerblich und entsprechend infrastrukturell geprägten Städten und er ist nicht zuletzt Folge jahrzehntelanger Bemühungen insbesondere der Städtebauförderung um eine angemessene Reparatur und Attraktivierung der zuvor durch Kriegszerstörung und Wiederaufbau gezeichneten Innenstädte. Führende Stadtforscher haben im Hinblick auf die beginnenden Aufwertungs- und Gentrifizierungsprozesse schon Ende der Stadtpolitische Herausforderung 173 1980er-Jahre auf Veränderungen der städtischen Lebensweise und der urbanen Kultur verwiesen (vgl. Häußermann/Siebel 1987; Prigge 1987). Dieser Trend ist aber kein Selbstläufer und er ist durchaus kein gleichgerichteter Prozess. Er überlagert sich, wie insbesondere durch die statistischen Untersuchungen von Schmitz-Veltin (ebenfalls in diesem Band) zur Region Stuttgart nachgewiesen wurde, mit der anhaltenden Verdichtung des unmittelbaren Umlands und einer Regionalisierung urbanen Lebensgefühls. Die planungsräumlich auf die eigenen Verwaltungsgrenzen fixierte, für die Menschen bezugsräumlich aber zu eng gefasste Stadtpolitik erscheint anachronistisch. So drängt sich weiterhin eine Diskussion auf, bei der es unweigerlich auch um stadtregionale Politikhorizonte und Handlungskompetenzen geht. 2 Entwicklungsbedingungen der beteiligten Großstädte Der Gesichtspunkt gewinnt dann an Dramatik, insofern die Städte – und das lässt sich an Stuttgart, Mannheim und Freiburg in unterschiedlicher, aber doch exemplarischer Weise studieren – selbst räumliche Entwicklungshemmnisse aufweisen, erst recht aber, wenn sie mit Entwicklungsaufgaben konfrontiert sind, die dem lokalen Marktgeschehen kaum entsprechen können. Konversionsprojekte von übergeordneter Bedeutung infolge frei werdender Militär- oder Bahnflächen können den Städten zwar langfristig Entwicklungsspielräume verschaffen, sie können sie in der Entscheidungsphase jedoch auch überfordern. In Mannheim ist die Balance eines eher von schwacher Dynamik geprägten Wohnungsmarktes im Kreis der Anrainerkommunen der Metropolregion Rhein-Neckar zu sichern, die ihre Attraktivität durch eine Cityentwicklung (zum Beispiel Rhein-Galerie und City West Ludwigshafen) oder neue Stadtteilprojekte (zum Beispiel Bahnstadt Heidelberg) zu steigern versuchen. Während das stagnierende Mannheim fast unerwartet auf unverhältnismäßig große Flächenzuwächse aus aufgegebenen und von der Stadt übernommenen militärischen Liegenschaften (Kasernenareale) setzen kann – und hier mit der Bundesgartenschau 2023 dezentral wichtige Impulse für die Stadtentwicklung erwartet –, stehen solche Flächenoptionen in Freiburg, wo bereits in den 1990er-Jahren nach dem Abzug der französischen Streitkräfte das Quartier Vauban entwickelt werden konnte, heute nicht mehr zur Verfügung. Freiburg schickt sich daher mit umfangreichen, derzeit laufenden Voruntersuchungen an, dem akuten Wohnungsmangel mit der Entwicklung eines neuen Stadtteils im Außenbereich zu begegnen. Dieses ist in einer ohnehin sehr siedlungsexpansiven Region Südlicher Oberrhein im Hinblick auf die Eindämmung des Flächenverbrauchs auch eine Entscheidung von politischer Symbolik. Stuttgart hat unter Einbindung verschiedener Verwaltungsebenen Mitspracherechte übergeordneter Aufgabenträger hinzunehmen (Neuordnung des Bahnknotens), die das eigene hoheitliche Handeln zwar entscheidend beeinflussen, der Stadt aber bei der Beantwortung der aktuell drängendsten stadtentwicklungs- und wohnbaupolitischen Fragen nicht beiseitestehen (Verzögerung des Städtebauprojektes). An Stuttgart zeigt sich, dass Städte angesichts langjähriger Konsolidierungsbemühungen, das heißt mit einem Verzicht auf Außenentwicklung und einem systematischen Ausbau der Flächenkreislaufwirtschaft, den Flächensparbemühungen des Landes entsprechen können. Aber auch sie stoßen bei unzureichenden Planungsspielräumen unter plötzlich veränderten Wachstumsbedingungen an „innere Grenzen“. Sie können angesichts eines wachsenden Aufwertungsdrucks auf noch bezahlbare Wohnungsbestände oder auch bei zentralen Entwicklungsprojekten mit hohem Investitionsdruck (und in der Folge mit neuen gesellschaftlichen Konflikten und mitunter politischen Verwerfungen) konfrontiert Stadtpolitische Herausforderung 174 sein, ohne dass sie – ihrer gewohnten kommunalpolitischen Grundlinie folgend – adäquat darauf reagieren können. 3 Kommunalpolitisch bedeutsame Konflikte Kommunalpolitische Entscheidungen, ob sie von baulandpolitischer Tragweite sind oder große Investitionsprojekte betreffen und damit das Selbstverständnis der Stadt berühren, können nicht mehr nur als administrativ vorbereiteter, rationaler Willensakt angesehen werden, sie sind in einen stadtöffentlichen, nicht immer ideologie- und emotionsfreien Diskurs einzubetten. Werden sie es nicht, erhalten sie auch eine Konfliktdimension. So ist das Bekenntnis für eine planungspolitisch vorteilhaft erscheinende Mannheimer Bundesgartenschau 2023 in der öffentlichen Debatte nicht unumstritten und hat im Vorfeld des knappen Bürgerentscheids vom 22. September 2013 zu heftigen Kontroversen geführt.1 Dagegen ist Ende des Jahres 2012 im Freiburger Gemeinderat der Beschluss zum neuen Stadtteil trotz des dafür notwendigen Landschaftsverbrauchs und Problemen des Hochwasserschutzes letztlich in einem breiten Konsens gefasst worden, auch gegen etablierte Überzeugungen in der zu diesem Zeitpunkt gerade zur nachhaltigsten Großstadt Deutschlands gekürten Stadt. Aus Stuttgarter Sicht betrachtet wäre dieses durchaus nicht erwartbar gewesen. Denn hier gab es langjährig sowohl Proteste gegen neue Stadterweiterungen „auf der grünen Wiese“ als auch gegen den absehbaren Stadtumbau infolge des politisch aufgeladenen Bahnprojekts „Stuttgart 21“, und damit einen Jahrzehnte währenden Baustellenbetrieb inmitten der zunehmend als Wohnstandort begehrten inneren Stadt. Und diese Proteste haben die ebenfalls stark wachsende Landeshauptstadt nicht nur ins baulandpolitische Dilemma geführt, sie können bei einem kommunalpolitisch ambivalenten Verhältnis zu den Chancen von Urbanität gar den Ausgang von Wahlen entscheiden. Konflikte können zum einen aus dem Prozess der Stadtentwicklung entstehen. Stadtentwicklung vollzieht sich zuweilen in kraftvollen Schüben, die mit groß angelegten Planungsvorhaben verbunden sind, und impliziert sich verändernde lokale Selbstverständnisse und lebensweltliche Zusammenhänge. Dabei gibt es mitunter konfliktreiche Übergänge, die auch Anlass für kommunalpolitische Auseinandersetzungen (wie beispielsweise beim NeckarPark in Bad Cannstatt) wie auch für Modernisierungskritik aus der Mitte der Gesellschaft sind. Die Frage stellt sich, wie der Trend in die Stadt nicht nur mit einer die eigene Attraktivität steigernden, sondern auch mit einer authentischen, damit akzeptierbaren, vor allem bürgerschaftlich getragenen urbanen Entwicklung korrespondieren kann und wie sich Spannungen kommunalpolitisch austarieren lassen. Zunehmende soziale Disparitäten auch in prosperierenden Städten führen ohnehin zu einer Ungleichverteilung gesellschaftlicher Chancen und Rechte. Sie schüren das Misstrauen benachteiligter Gruppen gegenüber Investitionsabsichten, zumal wenn sie über Immobilienfonds vom Kapitalmarkt bestimmt werden oder von global agierenden Akteuren, die zunächst wenig Interessenübereinstimmung mit dem eigenwilligen kommunalpolitischen Mikrokosmos zeigen. 1 Am 24.05.2013 erteilte die Deutsche Bundesgartenschaugesellschaft der Stadt Mannheim den Zuschlag für die Ausrichtung der Bundesgartenschau 2023. Bei relativ hohen einer Bürgerbeteiligung von insgesamt 59,5 Prozent fiel der Bürgerentscheid am 22.09.2013 mit 50,7 Prozent Ja-Stimmen positiv aus (sogar 62,7 Prozent in der Innenstadt). Kritik kam von der Bürgerinitiative Mannheim 23, die in ihrem „Schwarzbuch“ (entsprechend dem „Weißbuch“ der Stadt Mannheim; Stadt Mannheim 2012) insbesondere auf die Intransparenz der Kostenplanung und Probleme beim Landschaftsschutz verweist. Stadtpolitische Herausforderung 175 Konflikte können aber auch aufgrund von Politikversagen entstehen. Neben latenten Konflikten, die sich aus den inneren Widersprüchen der Stadtentwicklung ergeben, stehen mitunter offene Konflikte, die aus den Verwerfungen des politischen Prozesses selbst erwachsen. Politikversagen einerseits und Politikverdrossenheit andererseits haben ihre Wurzeln im vielfach beklagten Übersehen veränderter Wertvorstellungen und Anspruchshaltungen einer mobilen und zugleich medial gut vernetzten (aufgeklärten) Stadtgesellschaft. Kontraproduktive Sachzwänge aufgrund einer überkommenen Handlungslogik der Politik, ja der Rückgriff auf alte ‚Rezepte’, sind ebenso häufig Ursachen für neue Verständigungs- und Akzeptanzprobleme. Allzu oft bilden sich dann von technokratischer Hand, politischem Machtwillen und privatwirtschaftlichen Interessen geleitete Entscheidungsketten mit immer größerer Ferne zur öffentlichen Meinung und zu Vorstellungen maßgeblicher gesellschaftlicher Kräfte, die ein Interesse am öffentlichen Leben in der Stadt haben und stärker beteiligt werden möchten. Beteiligung ist nach den Planungsgesetzen aber ein oft zeitlich begrenzter formaler Akt, auf einen Aspekt reduziert oder in der praktischen Handhabung des Beteiligens an alternativlosen Planungen oft reiner Selbstzweck, der tiefgreifenden und breitenwirksamen (über sämtliche Parteiengrenzen hinweg mobilisierenden) „urbanen Konflikten“ in keiner Weise gerecht werden kann. Was sind notwendige Schlussfolgerungen? Die Stadtpolitik selbst ist zunächst gehalten, eigene Haltungen und Positionen wie auch das Verhältnis zur Öffentlichkeit, dazu Verfahren und Techniken der Kommunikation beständig zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren, um Erkenntnisse über gesellschaftliche Bedürfnisse schneller gewinnen, Spannungen adäquat moderieren und, demokratisch ermächtigt, auch korrigierend intervenieren zu können. Die Suche nach einem strategischen, jenseits knapper und damit harter politischer Mehrheitsentscheidungen auch bürgerschaftlich abgesicherten Konsens setzt hier den Willen zur perspektivischen Neuorientierung von Stadtentwicklung voraus. Dabei ist der Spagat zwischen lokalen Interessen und regionalpolitischen Lösungen zu bewältigen, indem bürgerschaftlichen Initiativen Raum gegeben wird und notfalls Lösungen für Stadtentwicklungsprobleme auch in einem erweiterten Horizont jenseits der eigenen Verwaltungsgrenzen gesucht werden. Nur so lässt sich Stadtentwicklung in einem dem Reurbanisierungstrend adäquaten Kontext erklären respektive verstehen und städtische Dynamik widerspruchsfreier planen. 4 Schlüsselthemen der Reurbanisierung Die skizzierten, sich überlagernden Entwicklungen innerhalb der Stadtregionen und die inneren und äußeren (nur bedingt beeinflussbaren) Herausforderungen, mit denen die Städte konfrontiert sind, legen es nahe, den Reurbanisierungsbegriff nicht nur in einer phänomenologischen Dimension („Rückbesinnung auf die Städte“) zu diskutieren, sondern den Kontext auch um eine planungspolitische Dimension zu erweitern, die nicht zuletzt auch von landespolitischer Bedeutung ist. Der Reurbanisierungstrend birgt Risiken und muss daher von den Städten selbst ausreichend gestaltbar sein. Darüber hinaus erscheint es erforderlich, Städte angesichts der Risiken bzw. bei der Bewältigung der Folgen der Reurbanisierung zu unterstützen, sei es durch eine ausreichende regionalplanerische „Rückversicherung“ (zum Beispiel durch Lastenteilung bei der Wohnraumbereitstellung oder gemeinsame Infrastrukturprojekte), sei es durch eine entsprechend angepasste staatliche Ausgleichspolitik beim Finanzausgleich oder der Investitionsförderung (ARL/DASL 2004). Stadtpolitische Herausforderung 176 Dabei kristallisieren sich in verschiedenen Politikfeldern strategische und operative Handlungsmöglichkeiten heraus, die verantwortlich nicht allein von den Städten verfolgt werden können. Dazu gehören eine nachhaltige Erneuerungs-, Flächen- und Dichtepolitik, eine städtebaulich wirksame Klima(anpassungs)politik, eine stadtverträgliche Mobilitätspolitik und nicht zuletzt eine nachfragegerechte und sozial ausgewogene Wohnungspolitik. Vor dem Erfahrungshintergrund der hier beispielgebenden Städte werden dazu folgende Einzelpositionen bezogen: 4.1 Flächensparstrategien und Kostenbewusstsein in der Innenentwicklung Konsequente Innenentwicklung bringt Urbanisierungseffekte und die preiswerten, weil überalterten Siedlungsbestände unter Druck. Prosperierende Städte müssen bauland-, bodenmarkt- und sozialpolitisch Balance halten. Wachstumsorientierte Baulandpolitik hat Grenzen. Der Schutz des Naturraums und der Widerstand von Bürgern gegen die Inanspruchnahme neuer Bauflächen erzwingen die Flächenhaushaltung. Das bisherige Flächensparziel des Landes Baden-Württemberg wurde auch von der neuen grün-roten Landesregierung übernommen. Dieses setzt eine bedarfsgerechte und dennoch konsequentere Flächenverknappung in der Außenentwicklung sowie eine systematisches Handeln in der Innenentwicklung mit Zielvereinbarungen voraus (Bodenschutzkonzept, aktives Bauland- und Baulückenmanagement, flächenschonende Bauweise etc.). Im Rahmen der aktuellen Baurechts-Novelle wurde der „Vorrang der Innenentwicklung“ auch in die Planungsleitlinie des § 1 Abs. 5 BauGB aufgenommen. Eine vorrangige oder gar ausschließliche Innenentwicklung ist in Schrumpfungsräumen gerechtfertigt. Sie führt zu einer planerisch gewünschten Investitionslenkung auf die inneren Lagen der Stadt und kann Erneuerungsbemühungen unterstützen. In Wachstumsräumen, in denen Bauflächen – zumal unter topographisch schwierigen Bedingungen – schon intensiv und effizient genutzt werden, erscheint eine zu strikte Beschränkung auf die Innenentwicklung riskant (Pahl-Weber 2012). So gibt es auch hier Zielkonflikte beim Umweltschutz, wenn die Klimawirksamkeit der Nachverdichtung und der Verlust an Freiraum außer Acht gelassen werden. Hinzu kommen eine Verteuerung von Bauland infolge Verknappung, eine Überhitzung lokaler Wohnungsteilmärkte und ein erhöhter Druck auf bislang preisgünstige Wohnungsbestände (forcierter Ersatzwohnungsbau). Schließlich kann eine deutlich erhöhte Nutzungskonkurrenz zu einem ‚Flächenkannibalismus’ gegenüber weniger rentierlichen Nutzungen und nachfolgenden Problemen bei der Flächen- und Daseinsvorsorge auf der Stadtteilebene (zum Beispiel fehlende kleinteilige Gewerbe- oder Gemeinbedarfsflächen) führen und tendenziell die Funktionsordnung der Stadt gefährden. Nicht zuletzt sind die finanziellen Aufwendungen einer verstärkten Innenentwicklung angesichts erschwerter Bedingungen bei Standortsicherungs- und Neuordnungsmaßnahmen immens: Komplizierte Grundstücksverhältnisse, Gebäudeabbruch und Altlastenbeseitigung, Lärmschutz und (nachträglicher) Stellplatznachweis sind bei vielen Vorhaben unrentierliche Kosten. Dagegen lohnt sich nach der kommunalen Grundstücksbewertung das Flächensparen für Städte zu wenig, da in der Innenentwicklung bei hohen Anfangswerten Bodenwertsteigerungen nicht vorhanden oder zu gering sind und daher anteilig keine Planungswertzuwächse für öffentliche Investitions- und Förderprogramme verwendet werden können. Dadurch wird der Stadthaushalt übermäßig belastet. Städte mit Außenentwicklung dagegen refinanzieren ihre Aufwendungen, Städte mit Innenentwicklung ‚legen drauf’. Hinzu kommt, dass in der Außenentwicklung Planungswertzu- Stadtpolitische Herausforderung 177 wächse weitgehend privatisiert, für sanierungsbedingte Wertzuwächse in der Innenentwicklung aber Ausgleichsbeträge erhoben werden. Daher gibt es aus Expertensicht die Forderung nach einer Aufhebung des „Doppelten Bodenrechts“ (Dransfeld 2013). 4.2 Fortsetzung der Stadterneuerung Die Sicherung lebendiger und qualitätsvoller Stadtteile bleibt als Daueraufgabe bestehen. Mit dem klimawirksamen und sozial gerechten Stadtumbau gibt es eine größere Herausforderung als bislang angenommen. Die Nachhaltigkeit der Reurbanisierung hängt vom weiteren Erfolg der Erneuerungsbemühungen der Städte ab. Diese haben zu veränderten Lagebewertungen innerhalb des Stadtgefüges geführt. Vor allem Wohnen wird wieder zu einer Leitfunktion der Cityentwicklung und ist dort auch bei einkommensstärkeren Bevölkerungsgruppen gefragt. Die Aufgabe der Stadterneuerung bleibt, die Programmkulisse wird erweitert: Innenentwicklung geht einher mit Stadtreparatur und Stadtumbau. Wo die Stadtplanung am innovativsten wirken kann, beim Neu- und Umbauprogramm in den zwar noch gut erreichbaren, aber planerisch unzureichend integrierten Lagen der Stadt, sollte die Förderung gebündelt werden, auch um die Investitionslenkung auf die am Wohnungsmarkt schwer zu positionierenden Standorte effektiver zu unterstützen. Wohnungsbauschwerpunkte entlasten hier nicht nur den Wohnungsmarkt, sie sind hier auch Impulsgeber für angrenzende Stadtteile. Wohnungsbeständen gehört die Zukunft.2 Die Sicherung der Wohnfunktion in den großen Stadterweiterungsprojekten der Zwischen- und Nachkriegszeit ist ein fortgesetztes Planungsanliegen. Insbesondere in den als benachteiligt eingestuften Stadtteilen des Bund-Länder-Programms „Die Soziale Stadt“ gibt es weiterhin Revitalisierungserfordernisse und es handelt sich aufgrund ihrer konzeptionellen Ausgestaltung ganz elementar auch um urbane Defizitgebiete. Eine Revitalisierung setzt weitere Investitionen voraus, die der Wohnumfeldverbesserung zugutekommen, und darüber hinaus gehend die Möglichkeiten einer behutsamen Weiterentwicklung der Bestände nutzen. Dabei sind eine Untersuchung milieuspezifischer Verhältnisse zur Gewinnung neuer Zielgruppen und die Akzeptanzfindung durch Bürgerbeteiligung unabdingbar. Klimaschutz und Klimaanpassung sind mit die größten Herausforderungen der Städte (vgl. Deutscher Städtetag 2012). Städte sind die Verursacher und Leidtragenden eines Klimawandels und tragen daher eine große Verantwortung und die Kosten durch erforderliche Anpassungsmaßnahmen. Bei insbesondere nachteiligem Geländerelief ist in verdichteten Siedlungsgebieten ein unvermeidbarer Temperaturanstieg mit negativen gesundheitlichen Auswirkungen zu erwarten. Urbanes Wohnen wird ohne wirksame Ventilation in Verbindung mit Maßnahmen der Luftreinhaltung zur Belastung; neue Konzepte für öffentliche Räume und Stadtquartiere sind dringend erforderlich. Die „Doppelte Innenentwicklung“ bedeutet weniger eine Beschränkung als eine mit Auflagen verbundene städtebauliche Nachverdichtung und einen erhöhten Aufwand durch Begrünung und Grünvernetzung, verbunden mit einem verbesserten Zugang zu Grünräumen, und damit ein anderes Verständnis von Bodenbewirtschaftung und städtebaulicher Steuerung (Selle 2000). Zur Erreichung der im Rahmen der nationalen Klimaschutzinitiative der Bundesregierung formulierten Klimaschutzziele (Reduzierung der CO2- 2 Der Wohnungsneubau in der aus verschiedenen Gründen zu beschränkenden Außenentwicklung läuft aus. Angesichts des demographischen Wandels, der erforderlichen Bestandsanpassung und des Investitionsstaus stehen die Wohnungsbestände künftig stärker im Fokus der Planungspolitik. Stadtpolitische Herausforderung 184 für die dazugehörigen Stadtregionen, denn sie gewinnen angesichts der Flächenengpässe der zumeist ausentwickelten Kernstädte weiter an Bedeutung. Sie sollten aber mit ausreichenden Handlungskompetenzen ausgestattet werden und nicht nur regulierend, sondern auch gestaltend tätig werden können. Der Allgemeinwohlgedanke gebietet hier gemeinsame und koordinierte Anstrengungen aller Ebenen der Planungspolitik. Literatur ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung; DASL – Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (Hrsg.) 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Seit 1992 berufstätig in Stuttgart, überwiegend tätig als Inhaber des Büros PLANzeit netzwerk in Baden-Württemberg, 2001-2005 zusätzlich tätig als Mitarbeiter am Städtebau-Institut der Fakultät Architektur und Stadtplanung, Universität Stuttgart in Forschung und Lehre; seit 2005 tätig als Mitarbeiter beim Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung der Landeshauptstadt Stuttgart, seit 2008 Sachgebietsleiter Stadtentwicklungsplanung; seit 2013 Stabstelle Strategie Wohnen und Mitglied des Lenkungskreises beim Oberbürgermeister. Mitglied der LAG Baden-Württemberg der ARL.