scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs

Mangold, Gerhard

Abstract

EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.

Full text

Mangold, Gerhard Article Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Mangold, Gerhard (1953) : Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 73, Iss. 1, pp. 27-72, https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290766 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ 27] 27 Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs Ein Beitrag zur Dogmengeschichte der Kreislauftheorie Von Gerhard Mangold -Berlin Inhaltsverzeichnis: I. Wesen und Inhalt der Theorie des wirtschaftlichen Kreislaufs: 1. Der Begriff des wirtschaftlichen Kreislaufs und das wirtschaftliche Gleichgewicht. — 2. Partielles und totales Gleichgewicht. — 3. Die zentrale Stellung des Einkommens innerhalb der Kreislaufanalyse. — 4. Mögliche Typen der Kreislaufanalyse. — II. Strukturlehren des Wirtschaftskreislaufs: 1. Das makroökonomische System Quesnays. — 2. Karl Marx' Analyse des gesamtwirtschaftlichen Prozesses. — 3. Böhm- Bawerks Theorie der Stufenordnung. — 4. Die Analyse des Reproduktionsprozesses durch Wilhelm Lexis. — 5. Über einige weitere Untersuchungen zur strukturellen Kreislauferklärung. — 6. Leontiefs System zwischenindustrieller Beziehungen. — 7. Hans Peters Strukturlehre de9 wirtschaftlichen Kreislaufs. — 8. Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung als Strukturanalyse des Reproduktionsprozesses. — III. Ausblick. I. Wesen und Inhalt der Theorie des Wirtschaftskreislaufs 1. Der Begriff des wi r ts ch a f 11 i c h e n Kreislaufs und das wirtschaftliche Gleichgewicht Die Vorstellungen, die man teilweise mit dem Begriff des wirtschaftlichen Kreislaufs verbindet, sind so vieldeutig und verschwommen, daß seine wissenschaftliche Verwendung umstritten ist. Vergegenwärtigen wir uns aber die wirtschaftlichen Erscheinungen, die die Theorie heute sinnvollerweise darunter zusammenfassen muß, so läßt sich kaum ein kürzerer und treffenderer Ausdruck finden, vorausgesetzt, daß eine klare Abgrenzung von Inhalt und Umfang des Begriffes möglich ist. Eine flüchtige Überlegung ergibt schon die Unzweckmäßigkeit einer Nominaldefinition. Leider wurde das nicht immer und überall eingesehen, und die Polemik gegen die Kreislaufbetrachtung entnahm ihre Argumente meist einer Worterklärung des Begriffes „Kreislauf", den man als typisch naturwissenschaftlich aus der Wirtschaftswissenschaft- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 28 Gerhard Mangold [28 liehen Diskussion verbannen müsse, wobei dann zugleich mit dem Wort auch die kreislauftheoretische Betrachtungsweise über Bord geworfen wurde. Eine andere Frage wäre, ob die Verwendung des Wortes Kreislauf für unseren Untersuchungsgegenstand zweckmäßig ist. Man könnte statt dessen vom „gesamtwirtschaftlichen Prozeß" sprechen. Aber abgesehen von der Kürze des Wortes Kreislauf bezeichnen im deutschen Sprachgebraudi: Blut kreislauf, Wasser kreislau f, Wirtschafts kreis- 1 a u f eine bestimmte, immer wiederkehrende Form eines Reproduktionsprozesses, so daß auch daraus eine logische Berechtigung zur Verwendung des Wortes „Kreislauf" abgeleitet werden kann. Wenden wir uns also der Realdefinition unseres Begriffes zu. Sagoroff1 kennzeichnet den „Wirtschaftskreislauf... (als) Inbegriff der Ströme, die den Austausch von Produktionsfaktorleistungen und Einkommen (...), von Gütern und Einkommen sowie von Gütern und Gütern zwischen den Elementen der Volkswirtschaft in einer Zeiteinheit darstellen". Diese Definition faßt den Begriff „Wirtschaftskreislauf" zwar schon wesentlich exakter, sie faßt ihn aber im Hinblick auf die Probleme, die der gesamte Wirtschaftsprozeß der Theorie stellt, immer noch zu eng. Die Schwierigkeit einer verständlichen, klaren Begriffserklärung hat andere Autoren daher veranlaßt, von einer Definition abzusehen.2 Allgemein herrscht aber Übereinstimmung insoweit, als man unter dem Titel „wirtschaftlicher Kreislauf" den gesamten wirtschaftlichen Prozeß innerhalb einer Volkswirtschaft zu beschreiben und zu analysieren sucht. Man betrachtet die Totalität des volkswirtschaftlichen Geschehens unter dem Gesichtspunkt optimaler Entsprechung der relevanten Variablen im Zeitablauf. Die Kreislauftheorie befaßt sich also mit dem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht, indem sie einmal die Struktur des Gleichgewfchtssystems analysiert und zum anderen die Bedingungen aufzeigt, die die Erhaltung des Gesamtgleichgewichts gewährleisten. Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht ist nun recht komplexer Natur, so daß wir uns zunächst mit einer verhältnismäßig neutralen Fassung dieses Begriffes begnügen müssen: Eine Volkswirtschaft befindet sich bei gegebener Datenkonstellation im Gleichgewicht, wenn 1 Sagoroff, Slawtscho: „Wirtschaftsstatistik, Theorie der Interpretation", I. Teil. Bern 1950. S. 59. 2 So haben weder L e x i s („Allgemeine Volkswirtschaftslehre" Berlin 1913), W i 1 k e n („Der Kreislauf -der Wirtschaft", Jena 1928), Fohl („Geldschöpfung und Wirtschaftskreislauf", München-Leipzig 1937) noch Schneider („Einführung in die Wirtschaftstheorie, I.Teil: Theorie des Wirtschaftskreislaufs", Tübingen 1949), um einige Autoren zu nennen, die das Wort „Wirtschaftskreislauf" wesentlich in unserem Sinne verwenden, eine Definition versucht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 29] Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislauls 29 keine kreislaufendogenen Kräfte die Verhältnismäßigkeit der Beziehungen zwischen den Kreislaufgrößen zu verändern trachten, da alle (endogenen) Kräfte im Gleichgewicht sind. Die Volkswirtschaft kann dabei durch exogene Einflüsse (z. B. Bevölkerungsvermehrung3) wohl verändert werden, wenn nur diese Veränderung die Verhältnismäßigkeit der Beziehungen zwischen den Kreislaufgrößen unangetastet läßt, sich also ohne Störung des Gleichgewichts vollzieht. Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht ist also nicht nur im Gleichgewichtszustand" (stationäres Gleichgewicht), sondern auch bei Verschiebungen des Gleichgewichtsniveaus (kinetisches Gleichgewicht4) gewahrt. Um etwas genauer zu sein, könnten wir in Anlehnung an Erich Schneider über den Gleichgewichtszustand folgendes aussagen:5 Besteht in einer Wirtschaftsperiode Übereinstimmung (Kongruenz) zwischen den individuellen Wirtschaftsplänen aller Wirtschaftssubjekte einer Volkswirtschaft und den aus ihnen resultierenden Dispositionen, so befindet sich das verkehrswirtschaftliche System im Gleichgewicht. Besteht keine Kongruenz zwischen den Wirtschaftsplänen, so erleben einzelne oder alle Wirtschaftssubjekte am Ende der Periode Überraschungen. Das verkehrswirtschaftliche System befindet sich im Ungleichgewicht. Die Abweichungen zwischen Erwartungen und Tatsachen veranlassen die Wirtschaftssubjekte, ihre Dispositionen zu ändern. Die Bedeutung dieses gesamtökonomischen Gleichgewichts oder Kreislaufgleichgewichts, wie wir es auch nennen können, ,, liegt (also) darin, daß . .. von den volkswirtschaftlichen Gesamtgrößen kein Anstoß ausgeht, welcher Haushalte und Unternehmungen zu einer Änderung ihrer Dispositionen veranlassen würde."6 Konkret ausgedrückt verlangt das gesamtökonomische Gleichgewicht: „daß alle Arbeiter des Landes einen Arbeitsplatz gefunden haben, daß also kein Arbeitslosenheer besteht, daß der Apparat der dauerhaften Produktionsmittel optimal ausgenutzt wird und der Strom der verbrauchlichen Produktionsmittel und Konsumgüter ohne Stauung dahinfließt."7 Die Bestimmung dieses gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts- 3 Die Bevölkerungsvermehrung ist als Datenänderung kreislaufexogen. Vergl. auch Schumpeters Auffassung der Bevölkerungsvermehrung als mit der „statischen" Wirtschaft (wie er sie nennt) vereinbar. Schumpeter, Joseph: „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung", München-Leipzig 1926. S. 76. 4 Es empfiehlt sich, hier nicht vom „dynamischen" Gleichgewicht, wie es meist bezeichnet wird, zu sprechen, da heute das Wort „dynamisch" zur Kennzeichnung einer besonderen Betrachtungsweise verwandt wird. Darüber S. 40 ff. 5 Schneider, Erich: „Einführung in die Wirtschaftstheorie", II. Teil, Tübingen 1949. S. 196. a Böhler, Eugen: „Grundlehren der Nationalökonomie", Bern 1948. S. 95. 7 Eucken, Walter: „Kapitaltheoretische Untersuchungen", Jena 1934. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 30 Gerhard Mangold [30 systems, die Analyse seiner Struktur und die Erklärung der Gleichgewichtsbedingungen ist Aufgabe der Kreislauftheorie.8 Welches sind nun die Ansatzpunkte zu einer Analyse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts? In der einfachen Wirtschaft, der „Eigenbedarfswirtschaft", ist Übereinstimmung von Erzeugung und Verbrauch — so können wir die Gleichgewichtsbedingung zunächst einmal formulieren — eine Frage der Planung der Wirtschaftssubjekte innerhalb ihres eigenen Haushalts mit dem Ziel, die Arbeitsmenge zu bestimmen, die bei gegebenem Stand der Technik und mit der verfügbaren Kapitalausstattung eine Befriedigung der Bedürfnisse in der Weise ermöglicht, daß die Arbeitsmühe dem Nutzen der Produktion gleich ist. Eine Kreislaufbetrachtung ist ohne Sinn. Erst die Marktwirtschaft mit ihrer organisatorischen Trennung von Erzeugung und Verbrauch (Unternehmen und Haushalte) stellt das Kreislaufproblem, und zwar weil jetzt infolge des umfassenden Netzes der Tauschbeziehungen das Gleichgewicht nicht nur in den einzelnen Zellen der Wirtschaft, sondern auch in der Gesamtwirtschaft zwischen Erzeugung und Verbrauch aufrecht erhalten werden muß. Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht zeigt sich uns dabei unter zwei Aspekten: Als horizontales Gleichgewicht verlangt es Übereinstimmung zwischen Erzeugung und Verbrauch sowohl auf dem Markt der Konsumgüter als auch auf dem Markt der Produktionsmittel und auf allen höheren Stufen der Produktion. Als vertikales Gleichgewicht verlangt es Übereinstimmung der Erzeugung von Investitionsgütern9 durch die Produktionsmittelabteilung mit der Ersparnis (und dem Verbrauch von Investitionsgütern durch die eigentlichen Investoren). 2. Partielles und totales Gleichgewicht Die Klassiker glaubten das Gleichgewicht in der Gesamtwirtschaft verwirklicht, wenn auf jedem der Teilmärkte der Volkswirtschaft Gleichgewicht herrscht, wenn auf jedem Partialmarkt einer Ware Erzeugung und Verbrauch so übereinstimmen, daß kein Wirtschaftssubjekt Ver- 8 Daraus erklärt sich auch das Auftaudien kreislauftheoretischer Untersuchungen in Zeiten krisenhaften Ungleichgewichts der Gesamtwirtschaft: Quesnays System entstand unter dem Eindruck der Finanzkrise Frankreichs im 18. Jahrhundert, Marx* Analyse als Protest gegen die Auswüchse der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, Keynes* Werk auf Grund der Erfahrungen in der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre. 9 Unter Investition verstehen wir im Rahmen dieser Abhandlung die Neuerrichtung von Produktionsanlagen sowie den Zugang an Lagerbeständen von Konsumunid Produktionsgütern (Neuinvestition), kurz: den Vermögenszuwachs einer Volkswirtschaft innerhalb einer Wirtschaftsperiode. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 31] Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs 31 anlassung hat, seine Dispositionen zu ändern. Dieser Zustand wird nach klassischer Auffassung zumindest auf lange Sicht hin deshalb erreicht, weil „die Quantität jeder zu Markt gebrachten Ware sich natürlich von selbst nach der wirksamen Nachfrage richtet."10 Die in der Wirklichkeit zu beobachtenden und auch nicht zu übersehenden Abweichungen von diesem Gleichgewicht werden auf Friktionen (wie Preisabreden, Preisvorschriften, Monopolstellungen usw.) zurückgeführt. Das Anliegen der klassischen Schule war daher auch auf die Preistheorie, auf das partielle Gleichgewicht des jeweiligen Einzelmarktes gerichtet. Eine Totalanalyse wurde für überflüssig gehalten, da eine solche ja — implicite — in der Preistheorie enthalten zu sein schien, deren Preismechanismus wie durch eine „unsichtbare Hand" das Gesamtgeschehen im Gleichgewicht hielt. Die Preistheorie bestimmte daher auch lange Zeit das Gesicht der Wirtschaftstheorie. Man untersuchte den Preisbildungsvorgang auf dem Teilmarkt eines Gutes, unter der Voraussetzung, daß die nicht zu diesem Teilmarkt gehörenden Variablen unverändert bleiben (ceteris-paribus Bedingung). Angebot und Nachfrage wurden lediglich als vom Preis des betreffenden Gutes determiniert angesehen. Unter der Voraussetzung vollständiger Konkurrenz ist dann ein Preis denkbar, bei dem die nachgefragte Menge dem Angebot gleicht, so daß die Wirtschaftssubjekte auf dem Teilmarkt keine Veranlassung haben, ihre Dispositionen zu ändern. Es ist nun leicht einzusehen, daß Erzeugung und Verbrauch auf einem Teilmarkt keineswegs nur von den Variablen dieses Marktes, sondern auch von anderen Variablen der Gesamtwirtschaft abhängig sind. So wird die Nachfrage nach einem Konsumgut nicht nur von dem Preis dieses Gutes, sondern auch von den Preisen aller Konsumgüter, die in den Interessenbereich des betreffenden Käufers fallen, und von seinem Einkommen bestimmt. Das durch die Partialanalyse ermittelte Gleichgewicht auf den Teilmärkten garantiert keineswegs, daß alle Variablen innerhalb der Gesamtwirtschaft aufeinander abgestimmt sind und kein Wirtschaftssubjekt Veranlassung hat, seine Dispositionen zu ändern, das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht also gewahrt ist. Es muß zumindest der Zusammenhang zwischen den Preisbildungsprozessen auf den Partialmärkten aufgezeigt werden. Von diesem Gedanken ausgehend, hat die neoklassische Schule durch Walras und Pareto und später durch Gustav Cassel das Problem des totalen gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts aufgerollt und der Lösung zugeführt. Ohne auf die Darstellung der Walrasianischen und Casselschen Theorie näher einzugehen, können wir die totale, mikroökonomisch auf- 10 Smith, Adam: „Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes", Bd. I, Jena 1923, S. 73. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 32 Gerhard Mangold [32 gebaute Kreislaufanalyse durch nachstehende Überlegungen charakterisieren: In der stationären Wirtschaft, in der das gesamte Einkommen von den Einkommensempfängern für Konsumzwecke verausgabt wird, ist das Gesamtgleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch vom horizontalen Gleichgewicht auf jeder Stufe der Produktion abhängig. Die Einkommensempfänger (Konsumenten) bestimmen ihre Nachfrage nach Konsumgütern derart, daß bei gegebenen Preisen die gewogenen Grenznutzen der verschiedenen Konsumgüter einander gleich werden. Das Angebot an Konsumgütern wird von den Produzenten so bestimmt, daß bei gegebenen Preisen die Grenzkosten mit dem Preis des Produktes übereinstimmen. Es ist dann für jedes Gut ein Preis denkbar, bei dem die Nachfrage dem laufenden Angebot gleicht. Das Gesamtsystem kommt zur Ruhe, wenn auf allen Teilmärkten dieses Gleichgewicht herrscht. Beim Gleichgewichtspreis wird nicht nur die zu diesem Preis angebotswillige Produktion restlos abgesetzt, sondern dieser Preis sichert auch den Produzenten vollen Ersatz ihrer Kosten. Das gilt auch für die Güter auf den höheren Produktionsstufen. Die Produzenten bestimmen die Nachfrage nach Produktionsmitteln so, daß bei gegebenen Preisen die Mengen der nachgefragten Produktionsmittel sich wie die Preise verhalten und die gewogenen Grenzerträge für alle Produktionsmittel einander gleich sind, währerid sich das Angebot an Produktionsmitteln für diese Stufe wieder in der Weise bestimmt, daß bei gegebenen Preisen die Grenzkosten mit dem Preis des Produktes übereinstimmen. Bei vollständiger Konkurrenz ist somit ein horizontales Gleichgewicht denkbar, bei dem für alle Güterarten auf allen Produktionsstufen die Erzeugung dem Verbrauch gleicht. Bei fortschreitender Wirtschaft, in der ein Teil des Einkommens für Investitionen bereitgestellt wird, setzt das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht neben dem horizontalen Gleichgewicht auf allen Produktionsstufen ein vertikales Gleichgewicht zwischen Investitionsgütererzeugung und Ersparnis voraus. Mit anderen Worten: das Einkommen, das für Investitionen zur Verfügung gestellt wird, muß den Kosten der Investitionen gleich sein. Und wie geschieht das? Das Angebot an Geldkapital für Investitionen (die Ersparnis) ist abhängig von der Höhe des Zinsfußes, und zwar in der Weise, daß die Ersparnis auf Änderungen des Zinsfußes normal reagiert: zunehmendes Angebot bei steigendem Zins, abnehmendes Angebot bei fallendem Zins. Die Investition (Nachfrage nach Geldkapital) ist abhängig von den Kosten der Realinvestition und vom Ertrag, der aus dieser neuen Realinvestition fließt. Dabei wird der Ertrag (nach dem Ertragsgesetz) mit zunehmender Investition fallen (die Kapitaldienste nehmen zu), während die Kosten der Realinvestition bei zunehmender Investition steigen (steigende Grenzkosten, Ertrags- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 33] Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs 33 gesetz). Die Unternehmer werden also so lange investieren, bis die Kosten des letzten investierten Kapitalteilchens dem Ertrag gleich werden, der aus der Verwendung dieses Kapitalteilchens im Produktionsprozeß zu erzielen ist. Sie werden auch ihre Nachfrage nach Geldkapital so bemessen, daß der Zinssatz dem Ertragswert (bezogen auf 100 Währungseinheiten investierten Kapitals) gleich ist. Im Gleichgewicht entspricht dann das Angebot an Geldkapital der Nachfrage an Geldkapital, und beide entsprechen sowohl dem Ertragswert des investierten Kapitals als auch den Kosten des investierten Realkapitals. Unter diesen Bedingungen ist auch das vertikale Gleichgewicht gewahrt. Auf der Basis dieses horizontalen und vertikalen Gleichgewichts, das durch die rationalen Entscheidungen des Wirtschaftssubjekts in allen Bereichen der Wirtschaft herbeigeführt wird, konzipiert Walras11 und nach ihm Cassel12 ein totales System der gesamtwirtschaftlichen Beziehungen. Die Nachfrage und (da im Gleichgewicht wirksame Nachfrage = tatsächlichem Angebot) das Angebot auf dem Markt eines jeden Gutes werden als Funktion aller Preise angeschrieben. Der Preis jedes Gutes selbst kann bei bekannten Produktionsmittelpreisen mit Hilfe der Produktionskoeffizienten13 als Funktion der Produktionskosten ausgedrückt werden, da im Gleichgewicht der Unternehmergewinn nach null tendiert und der Wert der produzierten Güter dem Wert der Faktorleistungen äquivalent ist. So lassen sich die 1... n unbekannten Preise aus den 1... n Gleichungen ausrechnen. Im Gleichgewicht werden aber auch die vorhandenen Produktionsmittel restlos ausgenutzt, so daß die benötigten Produktionsmittelmengen mit Hilfe der Produktionskoeffizienten direkt als Funktionen der angebotenen Gütermengen angeschrieben werden können. Da das Angebot eine Funktion der Güterpreise ist, die Güterpreise eine Funktion der Produktionsmittelpreise, gibt es auch einen funktionellen Zusammenhang zwischen dem Güterangebot und den Produktionsmittelpreisen. Wir gewinnen damit ein zweites Gleichungssystem, in dem die Produktionsmittelmengen als Funktionen der 1... r unbekannten Produktionsmittelpreise ausgedrückt werden. Bei bekannten Produktionsmittelmengen lassen sich die 1... r unbekannten Produktionsmittelpreise mit den 1... r Gleichungen ausrechnen. Damit ist das Problem gelöst: Das (horizontale und vertikale) Gleichgewicht wird durch die 11 Wal ras, Leon: „ Eléments d'économie politique pure", Ed. definitive, Paris, 1952, S. 208—230. 12 Cassel, Gustav: „Theoretische Sozialökonomik'4, Leipzig 1932. S. 121 ff. 13 Die Produktionskoeffizienten bestimmen den Anteil eines Produktionsmittels an einer Einheit des Endproduktes des betrachteten Gutes. Schmollen Jahrbuch LXXm, 1 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 34 Gerhard Mangold [34 Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte selbsttätig verwirklicht. Mengen und Preise lassen sich durch das besprochene Gleichungssystem errechnen, wenn gewisse volkswirtschaftliche Daten (Produktionskoeffizienten, Produktionsmittelbestand) gegeben sind. Gegen diese formale Lösung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichtsproblems sind eine Anzahl von Bedenken zu äußern, die den Wert dieser exakten und in ihrer Art einmaligen Darstellung des Kreislaufproblems in Frage stellen. Der erste Einwand betrifft die Darstellung des stationären und des gleichmäßig fortschreitenden Gleichgewichtssystems durch eine praktisch nicht faßbare Anzahl von Gleichungen. Das Walras-Paretianische und auch das Casselsche System sind statistisch nicht verifizierbar, denn sie sind mikroökonomisch fundiert, d. h. sie nehmen die einzelne Unternehmung, den einzelnen Haushalt, die individuellen Preise und Mengen in ihre Analyse auf. Damit wird zwar die Interdependenz aller volkswirtschaftlichen Vorgänge glanzvoll vorgeführt, zur Bewältigung kreislauftheoretischer Probleme und vor allem für deren praktische Anwendung ist eine Zusammenfassung der individuellen Größen zu Gesamtheiten jedoch unerläßlich. Ein zweiter Einwand muß uns zu demselben Ergebnis führen: die Systeme der totalen mikroökonomischen Kreislauferfassung setzen auf jedem Einzelmarkt vollständige Konkurrenz voraus, d. h. es handelt sich um Märkte homogener Güter, und auf keiner der sich jeweils gegenüberstehenden Marktseiten bestehen Präferenzen persönlicher oder räumlicher Art bezüglich einzelner Marktteilnehmer der Gegenseite. Das Angebot bzw. die Nachfrage jedes Wirtschaftssubjekts wird von der Marktgegenseite als indifferent angesehen. Die Kritik durch die moderne Theorie hat jedoch zur Genüge gezeigt, daß die Voraussetzung der vollständigen Konkurrenz in den seltensten Fällen verwirklicht ist. Sie hat darüber hinaus gezeigt, daß „es zweifelhaft ist, ob die Frage nach der einer bestimmten Datenkonstellation entsprechenden Gleichgewichtslage hier überhaupt noch einen Sinn hat."14 Unter Berücksichtigung dieser Einwände bietet sich nur ein Ausweg: Beschreibung des totalai Gleichgewichtssystems durch eine „Handvoll Variabler". Makroanalyse an Stelle von Mikroanalyse, da nur dadurch der Gleichgewichtsbegriff wieder einen Sinn erhält und das sich daraus ergebende System verifizierbar ist. Das Verfahren, Gesamtgrößen an Stelle konkret erfaßbarer individueller Größen zu verwenden, ist jedoch nicht ganz frei von Bedenken. Da makroökonomische Größen in der Wirklichkeit nicht rein vorgefunden werden, muß man sich mit Gesamt- 14 Schneider, Erich: „Einführung in die Wirtschaftstheorie II", Tübingen 1949, S. 260, der sich hier auch auf: Sweezy, P.M.: „Demand under Conditions of Oligopoly" (Journal of political Economy, Bd. 47, 1939) bezieht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 41] Die Strukturanalyse de9 wirtschaftlichen Kreislaufs 41 Gleichungen ein, welche gleichzeitig verschiedene dieser Größen umfassen, die zu verschiedenen Zeitpunkten gehören."27 Von einer statischen Theorie werden wir dann sprechen, wenn „bei der Analyse ausschließlich solche Relationen zwischen den relevanten Variablen (benutzt werden), in denen sich die Werte der Variablen auf den gleichen Zeitpunkt oder auf die gleiche Zeitperiode beziehen."28 Daraus ergibt sich, daß eine Theorie dadurch nicht dynamisch wird, daß man Datenänderungen einführt und sie erklärt. Die Daten werden vielmehr für jede Wirtschaftsperiode neu angenommen, und die statische Theorie untersucht die Anpassung an diese Daten in derselben Periode. Audi die sogenannte komparative (vergleichende) Statik, die die Gleichgewichte in verschiedenen Perioden miteinander vergleicht, ist keine dynamische Theorie. Denn sie vergleicht und beschreibt nur für eine Änderung das Gleichgewicht am Ziel, am künftigen Zeitpunkt, aber sie untersucht nicht den Übergangsprozeß. Sie vergleicht nur und verbindet nicht die Größen der Ausgangssituation mit den Größen der Endsituation.29 Die wirklichkeitsnähere, geldwirtschaftliche Kreislauftheorie, die zwangsläufig die Aufmerksamkeit auf kurzfristige Veränderungen lenken muß, die Aufhebung „der Simultanität zwischen Einkommens- (bzw. Kaufkraft-) Erwerb und Einkommens verwendun g"30 und die dadurch hervorgerufenen zeitlichen Differenzen31 (time lags) machen eine dynamische Theorie notwendig. Das bedeutet nicht, daß alle Beiträge zur geldwirtschaftlichen Kreislauftheorie „dynamisch" sein müssen; ein großer Teil dieser Untersuchungen ist statisch oder bestenfalls komparativ-statisch, d. h. sie betrachten lediglich zwei aufeinanderfolgende Gleichgewichtszustände. Wir können daher im Hinblick auf die oben getroffenen Feststellungen folgende Typen der Kreislauftheorie unterscheiden: 1. die Strukturlehre32 des wirtschaftlichen Kreislaufs, die 'güterwirtschaftliche Theorie; 27 Frisch, Ragnar: „Propagation and Impuls Problems" in „Economic Essays in Honour of Gustav Cassel", London 1933. S. 171, zitiert nach: Haberler, Gottfried: „Prosperität und Depression", Bern 1948. S. 239. 28 Schneider, Erich: 1. c. Bd. II, S. 188. 29 Haberler, Gottfried: 1. c. S. 239. 30 K o o p m a n s, J. G.: 1. c. S. 265. 31 Koopmans, J. G.: I.e. S. 265 schreibt dazu als Anmerkung: „Es handelt sich... (in der Gütertauschwirtschaft G. M.) nur um die Eliminierung der.. . speziellen Kategorie der Zeitintervalle, keineswegs aber um eine vollständige Ausschaltung des ,Zeitmomentes4 in dem Wirtschaftsablauf überhaupt." 32 Diesen Ausdruck verwendet: Peter, Hans: „Strukturlehre des Wirtschaftskreislaufs", Berlin 19 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 42 Gerhard Mangold [42 2. die eigentliche Theorie des wirtschaftlidien Kreislaufs, die geldwirtschaftliche Theorie, die statisch oder dynamisch sein kann. Diese Unterscheidung darf nicht zu der Ansicht verleiten, als würde die güterwirtschaftliche Kreislauftheorie vom Geld ganz abstrahieren. Das Geld spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle, und wir sprechen von güterwirtschaftlicher Kreislauftheorie, „wenn sämtliche Vorgänge in der Geldwirtschaft dem Idealtypus einer reinen Tauschwirtschaft... entsprechen"33, das Geld also neutral ist. Unter dieser Voraussetzung ist bei den durch das Walrasianische und Casselsche Gleichungssystem gegebenen Preisen und Mengen das totale Gleichgewicht tatsächlich bestimmt. Beide Modelle stellen Systeme relativer Tauschwerte dar, die für praktische Probleme, da nicht verifizierbar, allerdings unbrauchbar sind. In gleicher Weise gehen aber alle unter dem Begriff „Strukturlehren des wirtschaftlichen Kreislaufs" zusammengefaßten Modelle von der Neutralität des Geldes aus. Teilweise setzen sie dabei die Verwirklichung des Kreislaufgleichgewichts voraus oder, wie die späteren, scheiden sie diese Frage als unbeachtlich für ihre Zwecke aus. Sie betrachten damit nur eine Seite der Wirtschaft und können auch als Strukturmodelle des Reproduktionsprozesses bezeichnet werden. Bei näherer Betrachtung der Strukturlehren zeichnen sich deutlich drei Gruppen ab: Die erste, die physiokratische Lehre Quesnays, glaubt das Gesamtgleichgewicht durch freie Konkurrenz verwirklicht, wenn im Erzeugungs- und Verteilungsprozeß gewisse Prinzipien beachtet werden, die der natürlichen Ordnung entsprechen: wenn die landwirtschaftliche Erzeugung als allein produktive gefördert wird und die monetäre Nachfrage sich in bestimmter Weise auf landwirtschaftliche und gewerbliche Produkte verteilt. Entscheidend hierfür sind die Grundbesitzer, die allein Entscheidungsfreiheit bei der Verwendung ihres Einkommens haben. Der natürlichen Ordnung entspricht, daß sie es je zur Hälfte für landwirtschaftliche und gewerbliche Erzeugnisse ausgeben. Die zweite Gruppe sah, beeinflußt von den ökonomischen Klassikern, im Kreislaufgleichgewicht kein eigenes Problem. Sie war daher lediglich bemüht, den systematischen Zusammenhang und die Gesetzmäßigkeiten im Reproduktionsprozeß zu klären. Ihr Ziel war ein Modell der Kreislaufstruktur. Hierzu gehören sowohl die Beiträge der Klassiker als auch die Konzeptionen von Marx, Böhm-Bawerk, Lexis, Burchardt u. a. Ausgangspunkt für diese Untersuchungen war die Feststellung Adam Smith's, daß „der Preis aller Waren ... das gesamte Jahresprodukt... entweder 83 Koopmans, J. G.: I.e. S. 228; dazu Forstmann, Albrecht: „Zur monetären Gleichgewichtsproblematik" in „Schmollers Jahrbuch44, 67. Bd., 1943, und die dort angegebene Literatur. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 43] Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs 43 als Lohn, ... als Profit ... oder als Rente aufgeteilt"34 wird, und „in jeder Gesellschaft ... am Ende der Preis sämtlicher (von mir gesperrt, G. M.) Waren ... in ... diesen drei Teilen auf(geht)."35 Say hat dieselbe Ansicht vertreten, wenn er schreibt, daß „der Werth aller zerstörten Dienste durch den Werth der producierten Sa dien aufgewogen" werden muß, auch dann, „wenn... (man) sich alle Prodücenten in der Person des Industrie-Unternehmers"36, d. h. des Gesamtunternehmers, vorstellt. Die produktiven Dienste sind „Arbeitslohn" und „Capitalertrag", so daß also „der Gesamtwerth aller Produkte dasselbe wie die Summe der reinen Gewinnste37 aller Prodücenten"38 und der „Rohertrag der Gesellschaft dasselbe ist wie ihr Reiner t r a g."39 Hieran anknüpfend betrachtet eine Reihe von Theoretikern die Struktur des Reproduktionsprozesses und kritisiert entweder die von Smith und Say postulierte Identität vom Rohertrag und Reinertrag (Gesamtwarenpreis und Gesamteinkommen) oder ist bemüht, durch verfeinerte Analyse ihre Gültigkeit nachzuweisen (Böhm-Bawerk). Die dritte Gruppe beschreibt einen konkreten wirtschaftlichen Kreislauf quantitativ, „ohne eine Erklärung zu versuchen, warum dieser Kreislauf gerade die vorgefundene Struktur hat."40 Ein Kreislaufgleichgewicht wird dabei entweder vorausgesetzt (Hans Peter) oder der Kreislauf wird lediglich als strukturelle Spezifizierung der Stromgrößen angeschrieben, ohne Berücksichtigung der Entsprechung im Sinne eines Gesamtgleichgewichts (Leontief). In gleicher Weise ist das Wertbilanzsystem konzipiert, das Ungleichheiten durch Ausgleichsposten auf anderen Konten beseitigt, ohne auf die Frage der optimalen Entsprechung der Kreislaufgrößen einzugehen. Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung registriert nur die tatsächlichen Gegebenheiten. So ist die Strukturlehre des wirtschaftlichen Kreislaufs eigentlich keine Theorie im Sinne einer Analyse des Prozeßablaufs und seiner Zurückführung auf Gesetzmäßigkeiten. Sie ist eine Strukturlehre, die anfänglich eine natürliche Ordnung erkennbar machen soll, später die systematische Ordnung des Kreislaufs aufzeigt und schließlich einen 34 Smith, Adam „Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes", Bd. I, Jena 1923, S. 66. Da Smith vom gesamten Jahresprodukt der Arbeit spricht, könnte man vielleicht unterstellen, daß er darunter nur das Nettoprodukt versteht; aus dem Zusammenhang muß man aber entnehmen, daß er das Bruttoprodukt meint, bzw. daß ihm der Unterschied gar nicht klar ist. 35 Smith, Adam: I.e. S. 63. 38 Say, Joh. Bapt.: I.e. Bd. 1, S. 150. 37 gemeint sind alle Einkommen. 38 S a y, Joh. Bapt.: I.e. Bd. 3, S. 17. 39 S a y, Joh. Bapt.: 1. c. Bd. 3, S. 17. 40 Peter, Hans: „Strukturlehre des Wirtsdiaftskreislaufs", Berlin 1943. S. 22. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 44 Gerhard Mangold [44 Aufriß des wirtschaftlichen Prozesses bietet, der die statistische Verifizierung zum Ziel hat. Sie konnte deshalb auch nur eine statische Theorie sein, die sich weder bemüht, „eine bestimmte Struktur... (als) einzig mögliche oder ökonomisch beste"41 nachzuweisen, noch Schritte unternahm, um bei gegebenen Daten das Gleichgewicht abzuleiten, oder gar den notwendigen Ablauf vorauszusagen.42 In der Folge soll nun eine Reihe von Strukturlehren des wirtschaftlichen Kreislaufs betrachtet werden, wobei weniger Nachdruck auf Vollständigkeit als auf die unterschiedliche Methodik in der Behandlung dieses Problems gelegt wird. Es entspricht der Situation der deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken, insbesondere der Berlins, daß auch im sechsten Nachkriegsjahr noch kein vollständiger Überblick über die entsprechende ausländische Literatur möglich ist. II. Strukturlehren des Wirtschaftskreislaufs 1. Das makroökonomische System François Quesnays Seit dem Anfang der Welt, schreibt Mirabeau in seiner „Philosophie rurale", seien drei Entdeckungen gemacht worden, die den politischen Wissenschaften ihre Hauptstärke gegeben haben: Die Erfindung der Schreibkunst, die des Geldes und als Resultat der beiden, das „tableau économique", die graphische Darstellung der volkswirtschaftlichen Verhältnisse, „die unter allen hervorragende Erfindung ..., deren Früchte die Nachwelt pflücken wird."1 Es wird zu prüfen sein, ob diese Feststellung gerechtfertigt war. Das aktive Element in Quesnays Wirtschaftsprozeß ist die „classe productive" (oder „productice"), die Pächter, die als Unternehmer („entrepreneurs") auf gepachtetem, also fremdem Grund und Boden, aber mit eigenen Betriebsmitteln (richesses d'exploitation") — von Quesnay2 auch „avances des dépenses" (Kostenvorschüsse) genannt — arbeiten. Sie setzen sich aus den „avances primitives", dem beweglichen Anlagekapital (Vieh, Maschinen) und den „avances annuelles" (Saatgut, Arbeitslöhne) zusammen. Diese Unternehmervorschüsse sollen sich mit 10% verzinsen, die Abschreibungsquote für die Maschinen eingeschlossen. 41 Peter, Hans: „Strukturlehre ..I.e. S. 23. 42 Peter, Hans: „Strukturlehre .. .M, I.e. S. 22. 1 Mirabeau, V. R.: „Landwirtschaftsphilosophie44 (philosophie rurale, dtsch. v. Ch. A. Wichmann), Liegnitz 1797,1, S. 47. 2 Quesnay selbst spricht in der Analyse von: „dépenses des travaux44. Gemeint ist jedenfalls: Betriebskapital + bewegliches Anlagekapital. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 45] Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs 45 Grund und Boden einschließlich der Gebäude3 werden von der „classe propriétaire", manchmal auch „classe disponible" genannt, zur Verfügung gestellt. Zu ihr gehören die Landesfürsten und die anderen weltlichen und kirchlichen Grundbesitzer. Den Grundbesitzern gebührt der Reinertrag (produit net) des Bodens. Sie haben das Land urbar gemacht und durch Wege, Kanäle und Entwässerung aufgeschlossen. Durch diese Grundauslagen (dépenses foncières) ist der Grundbesitzer zum Empfang der Pachtrente berechtigt. Er erhält also den Reinertrag abzüglich eines Unternehmergewinns für die Pächter. Die Pachtrente selbst enthält die Zinsen und die Abschreibung auf die „dépenses foncières" und den von der Natur gespendeten Überschuß (surcroît). Diese „richesses disponibles" werden zu Konsumtionszwecken an die Pächter (Einkauf von Nahrungsmitteln) und an das Gewerbe bzw. den Handel (Einkauf von gewerblichen Produkten) weitergegeben. Die Gewerbetreibenden und die Handelsleute bilden die „classe stérile", sie sind unproduktiv, weil sie keine Werte neu schaffen; durch Stoff Umwandlung und durch Artveränderung wird der Wert der Güter zwar vermehrt, aber nur um den Betrag, der dem durch die Arbeit bedingten Nahrungsverbrauch äquivalent ist. Das Gewerbe ist „stérile", weil hier nur eine Addition von Reichtum stattfindet, nicht wie beim Agrikulturbetrieb eine „multiplication."4 Die unproduktive Klasse hat daher nur Anspruch auf ihren Unterhalt, auf die Arbeitsvergütung (gage salairie); macht sie darüber hinaus Gewinne, so geschieht dies auf Kosten der anderen Bevölkerungsschichten, und zwar gewöhnlich dann, wenn an Stelle der freien Konkurrenz vom Staat Monopole, Privilegien und Prohibitionen zugunsten des Handels und der Manufaktur eingeführt werden.5 Die arbeitende Bevölkerung, der vierte Stand, „le dernier classe des citoyens" wird in das „tableau" nicht aufgenommen.6 Er stellt keine Unternehmer, die durch selbständiges Handeln für den Wirtschaftsablauf in Betracht kommen. Seine Interessen sind die der übrigen Klassen, in die er durch seine Arbeitsleistung eingegliedert ist. Die ökonomische Bedeutung des vierten Standes als Verbraucher ist für die Physiokraten noch uninteressant. Er lebt von seinem fixen Arbeitslohn7, den er im übrigen voll verbraucht. In den meisten Darstellungen der physiokratischen Lehre spielt die Darstellung des „tableau", so wie sie uns von Mirabeau überliefert 3 bei Quesnay nicht ausdrücklich erwähnt. 4 Oncken, August: „Geschichte der Nationalökonomie", 1. Teil: Die Zeit vor Adam Smith. Leipzig 1902. S. 363. 6 Oncken, August : 1. c. S. 363. 0 Oncken, August: I.e. S. 379. 7 Oncken, August: I.e. S. 365. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 46 Gerhard Mangold [46 wurde, eine beachtliche Rolle. Man kann jedoch nicht behaupten, daß das „Sphinxrätsel"8 dadurch an Klarheit gewonnen habe. Wir wollen daher versuchen, durch eine erweiterte Darstellung des „tableau" den Ablauf und die Struktur des Systems aufzuzeigen. Ausgangspunkt ist ein Pachtbetrag von 2000 Pfund („revenu annuel"), der den Grundbesitzern von der produktiven Klasse für das vergangene Jahr übertragen wurde. Von dieser Summe werden nun: 1000 Pfund an die produktive Klasse als „dépenses productives" für die Lieferung von Lebensmitteln im laufenden Jahr abgegeben und 1000 Pfund an die Industriellen und Kaufleute als „dépenses stériles" für entsprechende andere Lieferungen weitergeleitet. Die Pächterklasse verfügt jetzt über 1000 Pfund. Diese „dépenses productives" werden zur Produktion verwandt, werden reproduziert, und da die Landwirtschaft über produktive (Boden-) Kräfte verfügt, erhöht sich die Summe auf 2000 Pfund; davon gehen 1000 Pfund an die Grundbesitzer als Pachtzins, 500 Pfund an die Gewerbetreibenden zum Kauf von Werkzeugen und Waren, 500 Pfund sind Eigenverbrauch. Die Gewerbetreibenden (classe stérile) haben auch 1000 Pfund erhalten, die sich aber bei der Reproduktion nicht vermehren. Es gehen daher: 500 Pfund an die Pächterklasse zum Kauf von Lebensmitteln, 500 Pfund sind als Eigenverbrauch anzusetzen. Der Erzeugungs- und Verteilungsprozeß beginnt nun mit den 500 Pfund, die die Pächter von den Gewerbetreibenden erhalten haben, und den 500 Pfund, die die Gewerbetreibenden von den Pächtern erhielten, von neuem. Dadurch daß die Pächter immer das Doppelle ihres Einsatzes als Ertrag erzielen, und dadurch daß die Hälfte der „dépenses productives" an die Gewerbetreibenden fließt und daß, von diesen reproduziert, wieder die Hälfte an die Pächter fließt, ergibt sich eine Reihe immer kleinerer Beträge, die sich am Ende des innerhalb eines Jahres gedachten Prozesses zu den relevanten Gesamtgrößen addieren. Die Analyse der „formule arithmétique", die uns Quesnay selbst hinterlassen hat, zeichnet sich durch größere Klarheit aus.9 8 wie Friedrich Engels die ökonomische Tabelle bezeichnet („Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft", Vorrede zur III. Aufl. von 1894). 9 Quesnay, François: „Analyse Du Tableau Economique", Ed. Oncken, abgedruckt in „Ausgewählte Lesestücke z. Studium d. polit. Ökonomie" (Diehl-Mombert), 3. Bd. Von der Grundrente, Karlsruhe 1922. S. 21 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 47] Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs 47 Die Pächter produzieren mit einem fixen Kapital (avances primitives) von 10 Miard. Pfund10; ihre Verzinsung bztv. Amortisation geht in die „formule" mit 10 % des Kapitalwertes = 1 Miard. Pfund ein. Zu Beginn des Jahres zahlen die Pächter ihre Pacht in Höhe von 2 Miard. Pfund. Die Pächter haben ferner Vorräte im Werte von 2 Miard. Pfund in Form von Nahrungsmitteln, Saatgut und Gewerbeprodukten und Vorschüsse im Werte von 1 Miard. Pfund zur Verzinsung ihres fixen Kapitals (avances primitives). Mit diesen Gütern im Werte von 3 Miard. Pfund produzieren die Landwirte Agrarprodukte im Werte von 5 Miard. Pfund. Davon werden verkauft: Lebensmittel an die Grundbesitzer (Wert 1 Miard. Pfund), Rohstoffe und Lebensmittel an die Gewerbetreibenden (Wert 2 Miard. Pfund). Produkte im Werte von 2 Miard.Pfund werden als „avances, annuelles" für das kommende Jahr aufgehoben. Der Erlös von 3 Miard. Pfund geht mit 1 Miard. Pfund an das Gewerbe und kauft dessen Güter. 2 Miard. gehen zu Beginn des nächsten Jahres als Pacht an die Grundbesitzer. Die Grundbesitzer verpachten also für 2 Miard. Pfund ihre Grundstücke an die Pächter und kaufen mit diesem „revenu" Waren für ihren persönlichen Verbrauch (1 Miard. Pfund für gewerbliche Güter, 1 Miard. Pfund für Lebensmittel). Das Gewerbe verfügt über Geldvorschüsse von 1 Miard. Pfund und kauft damit Rohstoffe und Lebensmittel bei den Pächtern im Werte von 1 Miard. Pfund. Damit produziert es Güter im gleichen Wert und verkauft sie den Grundbesitzern, kauft mit dem Erlös nochmals Rohstoffe und Lebensmittel (Wert 1 Miard. Pfund) und verkauft das Produkt an die Pächter. Der Erlös von 1 Miard. Pfund dient als Vorschuß für das kommende Jahr. Um den Zusammenhang mit der Kreislauftheorie herzustellen, wollen wir hier noch ein Kontensystem des physiokratischen Systems betrachten, das uns die summierten Werte der Gesamtgrößen und ihre Struktur am Ende der Reproduktionsperiode veranschaulicht. Wir müssen dazu beide Erklärungen heranziehen, sowohl die Beschreibung des wirtschaftlichen Ablaufs im physiokratischen Kreislaufmodell wie sie Mirabeau im „tableau" bietet, als auch Quesnays „formule", die das theoretische System der Zirkulation enthält, das im „tableau" stillschweigend mit einbegriffen ist.11 10 Die Investitionen der Grundbesitzer (avances foncières) werden nicht in der „formule" berücksichtigt. 11 ?oog, Henri: „The Tableau Economique of François Quesnay". Bern 1950. S. 72. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 48 Gerhard Mangold [48 Zu Beginn des landwirtschaftlichen Jahres übergibt die Pächterklasse den Grundbesitzern den Pachtzins von 2000 Geldeinheiten. Davon gehen 1000 Geldeinheiten zurück an die Pächter für Lebensmittel und 1000 Geldeinheiten an das Gewerbe für andere Güter. Die Pächter erhalten außer den 1000 Geldeinheiten von den Grundeigentümern zweimal 1000 Geldeinheiten von dem Gewerbe für Rohstoffe und Lebensmittel. Die Pächter haben an das Gewerbe 1000 Geldeinheiten für industrielle Güter zu zahlen, verbleiben also 2000 Geldeinheiten Pachtzinsen. Das Gewerbe erhält von Grundbesitzern und Pächtern je 1000 Geldeinheiten und zahlt selbst an die Pächter 2000 Geldeinheiten. Kontenmäßig würde der Geldbereich sich dann wie folgt darstellen: 1. Grundbesitzer Pacht 2000 G.e.12 für gewerbL Produktion 1000 G.e. für Lebensmittel 1000 G.e. 2000 G.e. 2000 G.e. 2. Pächter vom Grundbesitz . . . 1000 G.e. vom Gewerbe 2000 G.e. 3000 G.e. für gewerbl* Produktion 1000 G.e. Pacht 2000 G.e. 3000 G.e. 3. Gewerbe vom Grundbesitz . . . 1000 G.e. für Rohstoffe und von Pächtern 1000 G.e. Lebensmittel 2000 G.e. 2000 G.e. 2000 G.e. In der landwirtschaftlichen Produktion werden an Kosten für gewerbliche Güter 1000 Geldeinheiten, für Arbeitsleistung der Pächter (und ihres Gesindes) 1000 Geldeinheiten, für Bodenleistungen (Grundrente)13 2000 Geldeinheiten eingesetzt. In der gewerblichen Produktion werden an Kosten für landwirtschaftliche Produkte 1000 Geldeinheiten und für Arbeitsleistung der 12 Geldeinheiten (G. e.). 13 Der von den Physiokraten vielgerühmte „produit net" ist selbstverständlich nichts anderes als das, was die Wirtschaftstheorie nach ihnen Grundrente nannte. Vergl. dagegen Schumpeters Einwand in „Epochen der Dogmen» und Methodengeschichte" (GdS I. Abt.), Tübingen 1914. S. 47. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 49] Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs 49 Gewerbetreibenden und ihrer Angestellten 1000 Geldeinheiten eingesetzt. Die Produktionskosten haben dann folgende Struktur: Landwirtschaftliche Produktion avances annuelles . . . . 2000 G.e. Produkte 6000 G.e. Gewerbl. Güter . . . . . . 1000 G.e. Arbeit . . . 1000 G.e. Boden . . . 2000 G.e. 6000 G.e. 6000 G.e. Gewerbliche Produktion avances annuelles . , , . . 1000 G.e. Güter 3000 G.e. Landw. Produkte . . . . 1000 G.e. Arbeit , . . 1000 G.e. 3000 G.e. 3000 G.e. Die Warenkonten der Grundbesitzer, Pächter und Gewerbetreibenden lassen sich wie folgt darstellen: Grundbesitzer Landw. Produkte . . Gewerbl. Güter .. 1000 G.e. . . 1000 G.e. Verbrauch . . 2000 G.e. 2000 G.e. 2000 G.e. Pächter Produkte . , 4000 G.e. an Grundbesitzer . . an Gewerbe Verbrauch . . 1000 G.e. 2000 G.e. . . . 1000 G.e. 4000 G.e. 4000 G.e. Gewerbe Güter 2000 G.e. an Grundbesitzer , . . 1000 G.e. an Pächter . . 1000 G.e. 2000 G.e. 2000 G.e. Schmollers Jahrbuch LXXIII, 1 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 50 Gerhard Mangold [50 Wir können aus unserer Kontendarstellung dann folgende Gesamtgrößen entnehmen: Landwirtschaftliche Produktion .... 6000 G.e. Gewerbliche Produktion 3000 G.e. Bruttoproduktion 9000 G.e. davon: avances für die kommende Periode —3000 G.e. Bruttoproduktion der Periode .... 6000 G.e. davon: Zwischenprodukte —2000 G.e. Nettoproduktion der Periode 4000 G.e. Das Einkommen: der Pächter 1000 G.e. des Gewerbes 1000 G.e. der Grundbesitzer 2000 G.e. Gesamteinkommen 4000 G.e. Wir haben damit eine Darstellung des physiokratischen Systems gewonnen, die das „tableau" von Mirabeau und Quesnays „formule" zu einem einheitlichen Ganzen verbindet. Die Nettoproduktion einer Einkommensperiode ist gleich dem durch diese Produktion entstandenen Einkommen. Das Einkommen wird voll für die Nettoproduktion verausgabt (Einkommenserwerb gleich Einkommensverwendung) und die Stabilität des Gesamtprozesses wird als vom Konsum abhängig gedacht, und zwar in der Weise, daß in der gesunden Volkswirtschaft das Einkommen der Grundbesitzer je zur Hälfte für landwirtschaftliche Güter und für gewerbliche Güter ausgegeben werden darf. Das Gleichgewicht wird gestört, wenn die Grundbesitzer mehr als die Hälfte ihres Einkommens für gewerbliche Güter ausgeben (wenn Luxus herrscht!); der Reinertrag verschwindet dann.14 Das „tableau" betrachtet ferner eine stationäre Wirtschaft. Das Einkommen einer Periode tritt ohne Abzug in den Kreislauf wieder ein, die sachliche Ausstattung (avances primitives) wird auf derselben Höhe gehalten, die Abnutzung voll ersetzt. Es ist natürlich, daß man im Anschluß an die Erklärung der ökonomischen Tabelle auch nach deren Sinn fragt. Quesnay hat sich darüber in zwei Aufsätzen15 geäußert, aus denen hervorgeht, daß in der „Analyse du tableau économique" die ökonomisch-sozialen Verhältnisse 14 Das läßt sich bei der Anlage des „tableau" und den Bedingungen seines Ablaufs mathematisch eindeutig beweisen. Siehe Bilimovic, Alexander: „Das allgemeine Schema des wirtschaftlichen Kreislaufs", Zeitsdlr. f. Nat. Ökonomie, Bd. 10 (1942). S. 201/202. 15 „Problèmes économiques" (von Dupont im „Journal -de l'Agriculture, du Commerce et des Finances" 1766 veröffentlicht.) Vergl. Oncken I.e. S. 332/333. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 57] Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs 57 und das Einkommen: Y = Iv + IIv um den in der Konsumgüterproduktion erzielten Gewinn Ilm anwächst.15 Y' = Iv+IIv = IV + II y + Ilm. Wenn der Einkommenszuwachs (Y'—Y) wieder als Nachfrage nach Konsumgütern zur Verfügung steht, so wiederholt sich der Vorgang noch einmal, das Einkommen wächst um Im + Ilm auf Y" = Iv" + IIv = + IIv + Im + Ilm.16 Das Einkommen — nicht unbedingt die Produkt menge — würde um denselben Betrag anwachsen, wenn die Unternehmer den Gewinn Im und Ilm nicht akkumulieren, sondern verbrauchen würden — Keynes: „Krug der Witwe".17 Das ist der Inhalt der Marxschen makroökonomischen Theorie der Abteilungsgliederung, wenn wir von dem — für Marx allerdings bedeutungsvollen — Unterschied von Arbeiter- und Kapitalisteneinkommen absehen.18 Bei dieser Interpretation der Marxschen Schemata zeigt sich auch, daß es den „Warenrest", der bei erweiterter Produktion unabsetzbar sein soll19, nicht zu geben braucht. Die Austauschordnung allein gibt nun die Verhältnisse der Reproduktion nur sehr unvollkommen und nicht vollständig wieder. Zum Gesamtprodukt zählen auch die Zwischenprodukte beider Abteilungen, die zwischen den Unternehmungen einer Abteilung ausgetauscht werden. 15 In Wirklichkeit wird ja wohl der Gewinn II m nicht ganz an die Abt. I weitergegeben, sondern auch zur Erweiterung der Beschäftigung in der Abt. II verwendet werden; das Gesamteinkommen wächst aber doch um den in der ersten Periode angefallenen Gewinn II m. 18 Wieder unter der Voraussetzung, daß in der Konsumgüterindustrie nur rationalisiert wird und in der Abt. I -die Beschäftigung erhöht wird. 17 Keynes, John Maynard: „Vom Gelde" München-Leipzig 1932. S. 113. 18 Vergl. auch: Behrens, Fritz: „Bemerkungen zur Theorie des Volkseinkommens und der Akkumulation", Finanzarchiv, Bd. 12 (1950). 19 Vergl. hierzu: Luxemburg, Rosa: „Die Akkumulation des Kapitals". Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus. Berlin 1913. — Sternberg, F.: „Reservearmee, Lohn und Krise im Imperialismus". Archiv f. SozialWissenschaft u. Sozialpolitik. Tübingen LIX 1928. — Caspary, Adolf: „Zum Problem des ,tableau économique* der kapitalistischen Wirtschaft". Weltwirtschaftl. Archiv, 30. Bd. (1929). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 58 Gerhard Mangold [58 Marx untersucht dieses Problem in seinen „Theorien über den Mehrwert."20 Nachdem er zunächst feststellt, daß es sich um „gleichzeitigein) Produktionsprozesse(n)" handelt, bei denen „jeder derselben eine höhere Phase des Produkts darstellt"21, kommt er später auf sein Hauptanliegen, „die Auflösung des Preises in Arbeitslohn" und in die übrigen Einkommensbestandteile zu sprechen, vor allem um die Frage zu lösen, „wer arbeitet, um das Äquivalent des konstanten, bereits in der Produktion verwandten Kapitals zu ersetzen?"22 Angenommen das Produkt A bestehe aus: 2 Einheiten konstantem Kapital 1 Einheit variablem Kapital23 = 3 Produkteinheiten. Eine Einheit des Produktes A kaufen Unternehmer und Arbeiter der Stufe A — direkt oder indirekt — mit ihrem Einkommen. Wer kauft aber die restlichen zwei Einheiten? Da der Produktionswert sich ganz in Einkommen auflösen soll24, können sie nur durch Einkommen gekauft werden. Werden sie durch das Einkommen in zwei anderen Branchen (B 1 und B 2) gekauft, so sind von deren 2X3 = 6 Produkteinheiten alle von 6 anderen Branchen zu kaufen usw. „Der schöne Prozeß in infinitum, auf den wir kommen, wenn alle Produkte sich in Arbeitslohn und Profit, neuzugesetzte Arbeit auflösen und nicht nur die einer Ware zugesetzte Arbeit, sondern auch ihr konstantes Kapital von der in einer anderen Produktionssphäre neuzugesetzten Arbeit bezahlt werden muß."25 „Das Rätsel wäre aber nur gelöst, (wenn)26 ein Teil des konstanten Kapitals sich selbst ersetzt (sich also nicht auflöst in Arbeitslohn und Profit)."27 In dieser Weise läßt sich das Problem also nicht lösen. Überdies — so bekennt er einige Zeilen später — wurde eine fundamentale Eigenschaft der Reproduktion übersehen: „die in jeder Produktionssphäre ... zugesetzte Arbeit... (ist) nur versetzbar in den Produkten der Industriezweige ,die unmittelbar für die individuelle Konsumtion 20 Aus dem nachgelassenen Manuskript: „Zur Kritik der politischen Ökonomie" von Karl Marx, hrsg. von Karl Kautsky, Bd. I, S. 179—252. 21 Marx, Karl: „Theorien..I, I.e. S. 187. 22 M a r x, Karl: „Theorien..I, 1. c. S. 181. 23 Arbeitslohn und Unternehmerlohn. 24 Wie die Klassiker behaupteten. "Marx, Karl: „Theorien ..I, 1. c. S. 193. 26 Im Original steht „weil". "Marx, Karl: „Theorien ..I, 1. c. S. 195. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 59] Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs 59 arbeiten. Die Produkte aller anderen Industriezweige können nur als Kapital verzehrt werden und in die industrielle Konsumtion eingehen."28 Wir müssen also ein Stufenschema der aufeinanderfolgenden Produktionszweige aufstellen, um festzustellen, wie das in der Konsumgüterstufe vorhandene Endprodukt, sagen wir Leinwand, dem Einkommen äquivalent ist, d. h. der Arbeit entspricht, die in den Vorstufen zur Erstellung dieses Endproduktes erforderlich war. Endprodukt sind 12 Einheiten Leinwand:29 Stufen Stufenprodukt = Rohstoffe + Abschreibung + Löhne Weber 12 Leinwand = 6 Garn + 2 + 4 Spinner 6 Garn = 3 Flachs + 1 + 2 Flachsbauer 3 Flachs 1 + 2 21 = 9 + 4 + 8 Wie leicht einzusehen ist, entfallen die Zwischenprodukte. Das Abteilungsprodukt II besteht dann aus 12 Einheiten Leinwand, davon werden 8 durch die Abteilung II gekauft und 4 stehen zum Austausch mit der Abteilung I30 bereit. Das Schema für die Abteilung I würde dann wie folgt aussehen:3; Stufen Stufenprodukt = Rohstoffe + Abschreibung + Löhne Maschinenbau 5V3 Maschinen = 2 Eisen u. ^r Holz + 2/s + 22/332 Eisen- u. Holzprodu- 2 Eisen und = — 2/s + IV» zenten Holz | 7Vs • =2 + IV« + 4 28 M a r x, Karl: „Theorien ..I, 1. c. S. 208. 29 M a r x , Karl: „Theorien .. 1. c. I S. 209 ff. 30 Das Abteilungsschema kennt Marx hier noch nicht ausdrücklich, da dieser Teil der „Theorien" vor dem „Kapital", II, ausgearbeitet wurde. Vergl. auch B u r - c h a r d t : „Die Schemata des stationären Kreislaufs bei Böhm-Bawerk und Marx", II, Weltw. Archiv. 32. Bd., S. 165. 81 Marx, Karl: „Theorien..I, 1. c. S. 209 ff. Diese Schemata sind denen von Burchardt angelehnt, der sie nach den Angaben von Marx aufgebaut hat. B u r - c h a r d t 1. c. S. 166. 82 Marx löst 4/s dieser 8/s durch Aufgliederung der Maschinerie des Maschinen- und Eisenproduzenten weiter auf, was nach Marx' Prinzipien eigentlich nicht statthaft ist, wie Burchardt nachweist. Burchardt 1. c. S. 164, Anmerk. 2. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 60 Gerhard Mangold [60 Davon entfallen wieder die Zwischenprodukte. Wir haben also ein Abteilungsprodukt von 5V3 Einheiten. 4 Einheiten werden gegen Konsumgüter der Abteilung II getauscht, sie entsprechen den gezahlten Löhnen in der Abteilung I, die restlichen IV3 werden in der Abteilung I als Ersatz für Maschinenverschleiß verwandt, sie entsprechen den Abschreibungen der Abteilung I. Es werden also 28V3 Einheiten insgesamt an Zwischengütern und Fertigprodukten hergestellt (Bruttoproduktion). Die Zwischenprodukte abgezogen, ergeben sich 17V3 Einheiten des Endprodukts der Abteilungen I und II. Davon werden die Abschreibungen mit 5V3 abgezogen^ so daß sich 12 Einheiten konsumables Produkt ergeben. Marx hat damit seine Frage, wie es komme, daß der „Konsument das konstante Kapital nicht zahlt und dennoch das Produkt kauft"33 gelöst. Wie ersetzt sich also das konstante Kapital? „Teils durch eigene (vegetative oder animalische) Reproduktion, wie in der ganzen Agrikultur und Viehwirtschaft. Teils durch Austausch in natura der Teile des einen konstanten Kapitals, indem das Produkt der einen Sphäre als Rohstoff oder Produktionsmittel in die andere eingeht und vice versa."34 Mit anderen Worten ausgedrückt: Wenn wir vom Selbstverbrauch35 absehen, wird das umgesetzte konstante Kapital in der Abteilung I durch die Abschreibungssummen dieser Abteilung aus dem Produkt der eigenen Abteilung zurückgekauft; in der Abteilung II werden die Abschreibungssummen gegen Fertigprodukte der Abteilung I (Produktionsmittel) ausgetauscht. Diese sind werta;Ieich den Konsumgütern, die die Abteilung I von der Abteilung II bezieht. Die Marxsche Theorie des Wirtschaftskreislaufs hat somit der Wissenschaft, wie wir gesehen haben, einige grundsätzliche Einsichten geschenkt, die auch für die weitere Entwicklung von großer Bedeutung sind. Da ist zunächst einmal die Zurückweisung der klassischen Resultate, daß der Preis der Gesamtproduktion sich in Einkommen auflösen müsse; das Einkommen ist nur dem Konsumgüterprodukt äquivalent (in der stationären Wirtschaft) bzw. dem Konsumgüterprodukt plus dem akkumulierten Kapital in der evolutorischen Wirtschaft. Das makroökono- 33 M a r x , Karl: „Theorien .. I, 1. c. S. 220. 84 M a r x , Karl: „Theorien ..I, 1. c. S. 250. 35 Selbstverbrauch wird von Marx in diesem Zusammenhang nicht berücksichtigt, da sein Hauptaugenmerk in den „Theorien" auf Zirkulations- und Verteilungsprobleme gerichtet ist. Vergl. B'iirchardt I.e. S. 165. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 61] Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs 61 mische Gleichgewicht der Reproduktion verlangt nicht nur, daß die Gesamterzeugung dem gesamten Verbrauch gleich ist, sondern auch, daß das Abteilungsgleichgewicht: Konsumgüterproduktion = Einkommen und Produktionsmittelproduktion = Ersatzinvestition bzw. in der evolutorischen Wirtschaft: Konsumgüterproduktion = Verbrauchseinkommen und Produktionsmittelproduktion = Ersatzinvestition + Neuinvestition verwirklicht ist. Bedeutsam ist ferner seine Gruppenbildung im Abteilungsschema, dem in der nichtmarxistischen Wirtschaftstheorie eigentlich viel zu wenig Beachtung geschenkt wird, obwohl es für die Analyse des Reproduktionsprozesses grundlegend ist. Das Gleiche gilt auch für die Ansätze zu einer Stufenordnung des Produktionsprozesses, die von Marx zwar nur in Umrissen angedeutet wird, die aber schon das Wesentlichste der späteren Entwicklung vorausnahm. Es ist in vieler Hinsicht bedauerlich, daß Marx als Nationalökonom so wenig Beachtung fand; für die Theorie des gesamtwirtschaftlichen Prozesses bedeutet diese Nichtachtung einen radikalen Abbruch des Gedankenganges. Audi die marxistischen Theoretiker haben die Kreislauftheorie ihres Meisters eigentlich nie wieder aufgenommen.36 3. Böhm-Bawerks Theorie der Stufenordnung Böhm-Bawerks kreislauftheoretische Überlegungen sind ein Beweis dafür, wie wenig die Untersuchungen von Karl Marx in wirtschaftstheoretischer Hinsicht auf seine Mitwelt gewirkt haben. Adam Smith's Auflösung des Warenpreises in Einkommen erlebt eine neue Renaissance in Böhms Vorstellung von der Reifeordnung des Kapitalstocks. 8Ö) Im deutschen und angelsächsischen Schrifttum liegt meines Wissens nach keine geschlossene Abhandlung darüber vor. Die Untersuchung Burchardts: „Die Schemata ..ist fast unbemerkt geblieben, hat aber zumindest keine Fortsetzung gefunden. Die Arbeiten von: Peter, Hans: „Randbemerkungen zum Akkumulationsproblem", Finanzarchiv, Bd. XII (1950); Peter, Hans: „Dynamische Theorie bei Marx und Keynes", Jahrb. f. Nat. ök. u. Statistik, Bd. 162 (1950); und Behrens, Fritz: „Bemerkungen zur Theorie des Volkseinkommens und der Akkumulation", Finanzarchiv, Bd. 12 (1950) streifen das Problem des gesamtwirtschaftlichen Prozesses nur nebenbei. Beide sehen auch von der sicherlich wichtigen Stufengliederung beider Abteilungen ab. Die Abteilung II hat dort nur eine Stufe: Fertigprodukte. Es scheint mir wesentlich zu sein, daß auch in der Konsumgüterabteilung Zwischenprodukte weitergegeben werden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 62 Gerhard Mangold [62 Grundlage der Böhm-Bawerkschen Theorie des Reproduktionsprozesses ist sein Zeitbegriff, der Begriff der Konsumferne, oder auf den Produktionsprozeß übertragen: die Umwegproduktion. Um aus Arbeit und Bodennutzungen, „den originären Produktivkräften", Genußgüter herzustellen, bieten sich zwei Wege an: einmal die direkte Kombination der Produktivkräfte untereinander oder mit „Leistungen der freien Naturkräfte", zum anderen die indirekte Produktion vermittels Werkzeugen oder Zwischenprodukten. Diese „kapitalistische Produktionsmethode" hat den Vorteil, „daß (sich) mit gleichem Aufwand an originären Produktionskräften ... mehr oder bessere Güter erzeugen" lassen. Ihr Nachteil „liegt in einem Opfer an Zeit."1 Die bei der Umwegproduktion anfallenden Zwischenprodukte2 sind „das sozialwissenschaftliche Kapital". Die Struktur dieses Kapitalstocks gilt es näher zu betrachten. Böhm-Bawerk gliedert die gesamte Kapitalmasse „mit Rücksicht auf die verschiedene Entfernung von der Genußreife ... in eine Anzahl von Reife- und Jahresklassen, die sich überaus zutreffend unter dem Bilde konzentrischer Jahresringe vorstellen lassen."3 Im äußersten Ring stehen die Kapitalteile, die innerhalb der nächsten Periode in fertige Genußgüter — Konsumgüter — „ausreifen", im nächsten Ring die Kapitalgüter, die erst in der darauffolgenden — der zweiten — Periode „ausreifen", im dritten Ring die Kapitalien, die in der dritten Periode ausreifen usw. Jeder Ring enthält die Güter, die im gleichen Zeitpunkt genußreif werden. Wie die Abbildung bei Böhm-Bawerk4 zeigt, sind die äußeren Ringe flächenmäßig größer als die inneren, und das aus zwei Gründen: Die einzelnen Konsumgüter durchlaufen nicht die gleiche Anzahl von Zwischenstadien. Während die einen in zwei Produktionsgängen erstellt werden, benötigen andere vier oder acht. In jeder Reifeklasse werden nun Produktionsprozesse — mit Hilfe von Arbeit und Boden5 — begonnen, die zu den bisher schon laufenden hinzutreten. Die Reifegrade der einzelnen Produkte einer Reifeklasse sind recht verschieden; während ein Gut schon sechs Bearbeitungsgänge erfahren hat, wird der 1 Alle Zitate: Böhm-Bawerk, Eugen: „Kapital und Kapitalzins". Zweite Abt.: „Positive Theorie des Kapital«", I.Band, Jena 1921, S. 110/111. 2 Zu diesen Zwischenprodukten gehören für Böhm-Bawerk auch die „fertigen" Maschinen, Werkzeuge und sonstigen Geräte, mit denen die von Stufe zu Stufe gehenden Halbfabrikate, die eigentlichen Zwischenprodukte, bearbeitet werden. 3 Böhm-Bawerk: 1. c. S. 141. 4 Böhm-Bawerk: 1. c. S. 143. 6 ... und Kapital (?) Böhm-Bawerk nimmt das vermutlich an, um so merkwürdiger, daß er bei der letzten Stufe, die er ausdrücklich nur durch Arbeit und Naturleistungen zustandegekommen annimmt, davon absieht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 63] Die Strukturanalyse des wirtschaftlichen Kreislaufs 63 Prozeß eines anderen mit Hilfe von Arbeit, Boden (und Kapital) gerade begonnen. Die Reifeklassen sind also reine Zeitklassen, sie haben mit dem technischen Reifegrad der Konsumgüter nichts zu tun. Die Reifeklasse eins enthält immer Güter, die jetzt — am Zeitpunkt der Betrachtung — in der letzten Periode vor ihrer endgültigen Ausreifung zu Genußgütern stehen.6 Die äußeren Ringe sind nicht nur deshalb größer, weil Zwischenprodukte von Ring zu Ring weitergegeben werden und immer neue hinzutreten, sondern auch, weil den weitergegebenen Produkten in jedem Ring Arbeit7 zugesetzt wird. Die äußeren, „die niederen Reifeklassen", werden nicht nur von mehr Produktionszweigen, „sondern sie werden überdies mit verhältnismäßig größeren Kapitalbeträgen gespeist."8 Beim Einsatz von dauerhaften Produktionsmitteln — fixem Kapital im Marxschen Sinne — sind in jeder Reifeklasse natürlich nur ihre in dieser Klasse für ein Produkt abgegebenen Leistungen anzusetzen: die Abschreibungsquoten. Sie „gehören ... mit verschiedenen Teilen ihres Nutzinhaltes bzw. mit den verschiedenen Jahresringen ihrer Nutzleistungen gleichzeitig verschiedenen Reifeklassen an."9 Schematisch läßt sich das bisher Gesagte etwa wie folgt darstellen:10 Es seien: Rl9 R2, R3 ... Reifeklassen 1, 2, 3 ... und A A A 1 g ' g2' g3 " *" I die technischen Reifegrade des Produktes 29 3 • • • | kzw Amortisationsordnung Für Böhms Reifeordnung ergibt sich dann: R4 RX R2 R3 Produkt A A! Produkt B B2 B* Produkt C c3 C2 CI Produkt D D2 Produkt E E4 E3 E2 Et 6 Burchardt: „Die Schemata ..I, 1. c. S. 550, bemerkt hierzu: „Aber diese Zeitterminologie verhindert die Klärung wichtiger Bedingungen der Kreislaufordnung. Böhm wirft alle Zwischenprodukte in einen Topf, reduziert ihre sachlichtechnische Verschiedenheit auf formale Zeitunterschiede und bringt sie auf einen — Vergleich und Addition ermöglichenden — Nenner durch Darstellung aller Produkte in Mengen von Arbeitsstunden." 7 Böhm-Bawerk: 1. c. S. 144. 8 Eigentlich wird ihnen auch fixes Kapital zugesetzt, aber das hat Böhm-Bawerk ja in „Zwischengüter4' aufgelöst. 9 Böhm-Bawerk: 1. c. S. 144. Anmerk. 1. 10 In Anlehnung an Burchardt: „Die Schemata ..I, 1. c. S. 533. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 64 Gerhard Mangold [64 Schon aus den Ausführungen Böhm-Bawerks über den zunehmenden Flächeninhalt der äußeren Ringe, erst recht aus seinen numerischen Beispielen — auch wenn sie in Arbeitseinheiten ausgeführt sind — ergibt sich, daß er mit dem Ausreifen von Periode zu Periode die in der Reifeklasse erfolgende Werthinzusetzung versteht. Diese Verteilung der Werthinzusetzung auf die Reifeklassen, ausgedrückt in Arbeitsjahren11, veranschaulicht er an folgendem Beispiel:12 Eine Volkswirtschaft arbeitet mit einem Kapitalbestand von 30 Millionen Arbeitsjahren, der sich auf 10 Reifeklassen verteilt. Zehn Millionen Arbeitsjahre werden der Volkswirtschaft jährlich hinzugefügt. Die Verteilung der Arbeitsjahre sei wie folgt: Zwischenprodukte13 zugesetzte Arbeit Reifeklassen in Millionen in Millionen Arbeitsjahren Arbeitsjahren 1. 6,0 4,0 2. 5,0 1,0 3. 4,0 1,0 4. 3,5 0,5 5. 3,0 0,5 6. 2,5 0,5 7. 2,0 0,5 8. 1,7 0,3 9. 1,3 0,4 10. 1,0 0,3 „Die vollständige Neuschaffung der zehnten Klasse ... erfordert eine Arbeitsinvestierung" von 1,0 30,0 10,0 11 Von Bodennutzungen sieht Böhm der Einfachheit halber ab. „Positive Theorie", S. 118,. 144. 12 Böhm-Bawerk: „Positive ..I, 1. c. S. 144/45. 13 Der Begriff Zwischenprodukt hat hier eigentlich keinen rechten Sinn. Im allgemeinen versteht man darunter Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, da« zirkulierende Kapital also, nicht aber die Abschreibungsquoten der dauerhaften Produktionsmittel. Wir sehen die Verwirrung, die sich ergibt, wenn wir nicht zwischen Kapitalteilen, die im technischen Sinne in das Produkt der nächsten Stufe eingehen (Rohstoffen) und Kapitalteilen, die nur wertmäßig in die Kosten des Produktes der nächsten Stufe eingehen, unterscheiden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 65] Die Strukturanalyse de9 wirtschaftlichen Kreislaufs 65 Um am Ende der 1. Reifeklasse ein verfügbares Konsumprodukt von 10 Mill. Arbeitsjahren zu haben, muß die Volkswirtschaft 4 Mill. Arbeitsjahre zur Konsumgüterproduktion verwenden.14 Daß dieses Ringschema die Struktur des Produktionsprozesses nicht richtig wiedergibt und damit auch die fiktive Annahme einer „vollständigen Neuschaffung" von Kapital aus Arbeit und Boden unrichtig ist, läßt sich leicht nachweisen. Zunächst nehmen wir wieder an, was ja ein Blick in die Wirklichkeit zeigt und uns Marx' Analyse trefflich klarmacht, daß es nicht nur Konsumgüterfertigprodukte gibt, sondern auch Produktionsmittelfertigprodukte, die als Ganzes bei der Produktion von Konsumgütern verwendet werden, also nur sukzessiv in die Kosten dieser Güter eingehen. Es seien also:15 f Ij, f I2 ... die Abschreibungsquoten (Verschleißmassen) des fixen Kapitals des 1. Ringes (Konsumfertiggüter), f Iii, fII2... die Verschleißmassen des fixen Kapitals des 2. Ringes (Konsumhalbfabrikate), z I, z II, z III das jeweilig zirkulierende Kapital einer Stufe, v das variable Kapital, die zugesetzte Arbeit, — bezeichnet die Größen, die in der jeweiligen Stufe (Reifeklasse) verbraucht werden. Bei fixem Kapital: Amortisationsrate eins. Amortisationsrate 2 (3, 4) wächst im folgenden Zeitabschnitt in das Verschleißstadium. Abteilung I 1. Ring Konsumfertiggüter v + z I + f Ix 2. Ring Konsumhalbfabrikate v + z II + f I2 + f 3. Ring Konsumhalbzeug v + z III + f I3 + f II2 + fll^ 4. Ring Konsumgutrohstoffe v + z IV + £ I4 + f II, + f III2 + {IYt + fII4 + fIII3 + fIV2 + fIII4 + fIV3 +fIV4 14 Böhm-Bawerk: „Positive ..." 1. c. S. 144/145. Wir haben bisher an Stelle von Böhms Begriff Gegenwartsprodukt Konsumgüterprodukt geschrieben. Daß es sich (in Böhms stationärer Wirtschaft) beim Gegenwartsprodukt nicht um Fertigprodukte an Konsumgütern und Produktionsmitteln handelt, ergibt sich aus dieser Gleichung: Gegenwartsprodukt = zugesetzte Arbeit in Mill. Arbeits jähren. 15 Burchardt: „Die Schemata ..I, 1. c. S. 537. Schmollers Jahrbuch LXXIII, 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09 66 Gerhard Mangold [66 Wo wird aber nun das fixe Kapital der Abteilung I reproduziert? Da diese Reproduktion auch mit fixem, zirkulierendem und variablem Kapital erfolgt, so können wir für das fixe Kapital der Abteilung I ein gleiches Schema aufstellen. Abteilung II 1. Ring Prod.mittelfertiggüter v + z I + f lx 2. Ring Prod.mittelhalbfabrikate v + zll + f I2 + fllt 3. Ring Prod.mittelhalbzeug v + zIII + f I3 + f II2 + flllj 4. Ring Produktionsmittelrohstoffe v + z IV + f I4 + f II3 + f III2 + flVt + fII4 + fIII3 + fIV2 + f III4 + f IV3 + fiv4 Damit wäre das fixe Kapital der Abteilung II aber noch nicht reproduziert, und wir müßten im Sinne der Böhmschen Auflösung unser Schema in einer III., IV. usw. Abteilung fortsetzen, ohne jemals zu einem Abschluß zu kommen. Die fiktive zeitliche Auflösung des Kapitalstocks führt also in dieser Form zu keinem befriedigenden Ergebnis. Das trifft noch in weit stärkerem Maße für Böhms Theorie der durchschnittlichen Produktionsperiode zu, die den historischen Zeitraum — nicht den fiktiven des Ringschemas — betrachtet, „der durchschnittlich zwischen dem Aufwand der sukzessive in ein Werk verwendeten originären Produktivkräfte Arbeit und Bodennutzungen und der Fertigstellung der schließlichen Genußgüter vergeht."16 Es wird also gefragt, vor welcher Zeit wurde jeder in dem Konsumgut enthaltene Arbeitstag aufgewendet. So sind von 100 in einem Konsumgut enthaltenen Arbeitstagen: 90 unmittelbar zuvor 1 vor 1 Jahr 1 vor 2 Jahren 1 vor 9 Jahren 1 vor 10 Jahren aufgewandt worden; 16 Böhm-Bawerk: „Positive Theorie ..1. c. S. 118. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.73.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:09:09