Ausblick auf weiterführende Diskurse
Abstract
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Full text
Baumgart, Sabine; Priebs, Axel Book Part Ausblick auf weiterführende Diskurse Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Baumgart, Sabine; Priebs, Axel (2020) : Ausblick auf weiterführende Diskurse, In: Baumgart, Sabine (Ed.): Raumforschung zwischen Nationalsozialismus und Demokratie: Das schwierige Erbe der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, ISBN 978-3-88838-427-1, Verlag der ARL - Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover, pp. 98-100, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-4271089 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/227083 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/
Baumgart, Sabine; Priebs, Axel: Ausblick auf weiterführende Diskurse URN: urn:nbn:de:0156-4271089 CC-Lizenz: BY-ND 3.0 Deutschland S. 98 bis 100 In: Baumgart, Sabine (Hrsg.) (2020): Raumforschung zwischen Nationalsozialismus und Demokratie – das schwierige Erbe der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung. Hannover = Arbeitsberichte der ARL 29
98 29 _ RaumfoRschung zwischen nationalsozialismus und demokRatie Sabine Baumgart, Axel Priebs AuSBlick Auf weiterführende diSkurSe Mit der Veröffentlichung der Vorträge des Kolloquiums „Von der RAG zur ARL: Personelle, institutionelle, konzeptionelle und raumplanerische (Dis-)Kontinuitäten“ vom 7. November 2019 ist die ARL bei der Aufarbeitung ihrer Geschichte einen wesentlichen Schritt vorangekommen. Durch die publizierten Beiträge wird deutlich, wie stark sich die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG), die Vorläuferinstitution der ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung, dem nationalsozialistischen Regime angedient hatte und wie deutlich die personellen Kontinuitäten bis weit in die Nachkriegszeiten bestanden. Belegt werden auch die teilweise stark ausgeprägten regionalen Netzwerke der frühen Raumforschung und die damals entstandenen, häufig über Jahrzehnte stabilen und über reine Arbeitsbeziehungen hinausgehenden persönlichen Verbindungen. Gleichzeitig zeigen die Beiträge aber auch, wo es individuelle Unterschiede im Verhalten gab und wo sich neben Kontinuitäten auch Brüche ergaben. Präsidium und Mitgliedschaft der ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (so der neue Name der ARL seit 2020) warten nun gespannt auf die Fertigstellung des Forschungsprojektes von Oliver Werner. Wenngleich er einige wesentliche Aspekte seiner Forschungsarbeit bereits auf Veranstaltungen vorgetragen und in diesem Band veröffentlicht hat, lässt die Veröffentlichung doch wichtige Vertiefungen und wesentliche neue Aspekte erwarten. Mit diesem Forschungsauftrag hat die ARL den entscheidenden Impuls zur Aufarbeitung ihrer Vergangenheit gegeben. Nach der Veröffentlichung seiner Ergebnisse dürfte die Fachöffentlichkeit der Gegenwart noch einmal deutlich vertiefte Einblicke in die Denkweisen, Strukturen und Netzwerke der frühen Raumforschung bekommen. Gleichzeitig dürften auch individuelle Haltungen und Strategien der in Raumforschung und Raumordnung Tätigen in der Zeit des Nationalsozialismus sowie in den ersten Nachkriegsjahrzehnten besser erkennbar werden. Raumforschung und ihre Konzepte als Wegbereiter für die ideologisch motivierte, rücksichtslose Überplanung der besetzten bzw. annektierten östlichen Nachbarstaaten und die Vertreibung der dortigen Bevölkerung ist eine schwere Bürde. Diese gilt es im kollektiven Gedächtnis der Raumplanung zu erhalten – auch deswegen, weil inzwischen die Zeitzeugen aus der nationalsozialistischen Ära kaum noch leben. Rückblicke und Perspektiven sowie die Reflexion des Fachwissens und der eigenen Haltung der in dieser Zeit aktiv an der Raumforschung und Raumplanung Beteiligten dürften weitere Facetten hinzufügen. Über diese spezifischen Erkenntnisse aus der NS-Zeit hinaus ermöglichen die vorgelegten Ergebnisse auch einen generellen Blick auf Funktion und Arbeitsweise von Raumforschung und Raumordnung unter den Bedingungen eines totalitären Regimes. Sie zeigen, dass wissenschaftliche, analytische Zugänge und entsprechende kartographische Darstellungsformen sowie Konzepte zur Planung und Gestaltung des Raumes eminent politische Fragen sind. Dies gilt aber nicht nur, wie die Beiträge dieses Bandes
99Ausblick Auf weiterführende diskurse zeigen, wenn sie von einem Regime für ihre ideologischen und imperialistischen Zwecke benutzt werden, sondern es gilt auch für die Raumplanung in der Demokratie. Denn die Gestaltung des Raumes ist auch im besten Sinne eine politische Frage – in dem Sinne nämlich, dass in einer Demokratie über die räumliche Entwicklung von Gemeinden, Regionen und staatlichen Territorien nicht nach Ideologien und mit der Macht des Stärkeren entschieden wird. Hier sind es in der Regel intensive Diskurse und breite Partizipationsmöglichkeiten, die zu Entscheidungen mittels qualifizierter und transparenter Abwägungs-, Aushandlungs- und Beschlussprozesse führen. Dieser Bezug zur Gegenwart zeigt, dass die Aufarbeitung der Geschichte von Raumforschung und Raumordnung kein Selbstzweck oder gar ein einmaliger pflichtschuldiger Akt ist. Vielmehr zeigen die aktuellen Entwicklungen überall auf der Welt, aber auch das Erstarken populistischer und nationalistischer Bewegungen in Deutschland deutlich, dass Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Toleranz keine Selbstverständlichkeit sind. Sie müssen täglich verteidigt, offensiv kommuniziert und überzeugend gelebt werden. Das gilt in diesem Kontext natürlich auch für die Raumplanung. Es muss zumindest nachdenklich machen, wenn sich viele Menschen in einigen Teilräumen unseres Landes „abgehängt“ fühlen oder den Eindruck haben, keinen Einfluss auf die Entwicklung ihres heimatlichen Umfeldes zu haben. Natürlich muss man bei solchen Klagen stets genau hinschauen, weil Demokratie und Beteiligung keinesfalls eine einseitige Bringschuld gewählter Persönlichkeiten und öffentlicher Einrichtungen bedeuten. Aber diese Entwicklungen zeigen auf jeden Fall, dass alle in der Raumplanung Tätigen noch stärker gefordert sind, auf Fakten basiert über Problemlagen sowie fachlich ausgewogen über Planungen und Projekte zu informieren, auf breiter Basis die Menschen zu konsultieren und damit für transparente demokratische Entscheidungsprozesse zu sorgen. Alle wesentlichen Entscheidungen über die Entwicklung unserer Kommunen, Regionen und Länder werden in demokratisch gewählten und legitimierten Gremien getroffen, über deren Arbeit die Medien berichten und deren Sitzungen in der Regel öffentlich sind. So kommt es auch darauf an, fundiert und verständlich über solche Prozesse zu informieren und individuelle Mitwirkungsmöglichkeiten sowohl zu eröffnen, zur Mitwirkung zu motivieren als auch sie zu kommunizieren. Die Austragung von Konflikten, intensive Debatten und ein hartes Ringen um nachhaltig tragfähige Entscheidungen sind ein wesentlicher und notwendiger Teil der Beratungs-, Abwägungs- und Entscheidungsprozesse in der repräsentativen Demokratie. Nicht zuletzt die Form, wie insbesondere vor Ort der Umgang miteinander gepflegt wird, prägt die Sichtweisen und beeinflusst die Werthaltungen der Bevölkerung. Gerade bei einem so normativ angelegten wissenschaftlichen Zugang wie in der Raumforschung bedarf es eines permanenten kritischen Blicks auf den Umgang mit historischen Fakten und auch problematisch konnotierten Begriffen. Das historisch belastete Verständnis und Konzept von Heimat wird aktuell in vielen Zusammenhängen neu konstruiert und untersetzt und die Deutungshoheit damit nicht den populistischen Stimmungsmachern überlassen. Auch gilt es, aktuelle Forschungsfelder zu gestalten und sich kritisch im Hinblick auf die unterstützende Rolle von Planungswissenschaft und -praxis in der Demokratie für eine zukunftsorientierte Politikberatung einzusetzen.
100 29 _ RaumfoRschung zwischen nationalsozialismus und demokRatie Hier schließt sich der Kreis zum Kernthema des Buches. Denn der Nationalsozialismus war nur möglich, weil im Vorfeld der Machtergreifung die demokratischen Institutionen angegriffen, verächtlich gemacht und ausgehöhlt wurden. Schnelle Entscheidungen von oben, durch welche einzelne Bevölkerungsgruppen kategorisiert, ausgegrenzt und ihre Rechte und Belange mit Füßen getreten wurden, sollten die Stärke des Regimes belegen. Dies wurde als Gegenmodell zu den oft langwierigen, dafür auf Vermittlung und Ausgleich angelegten demokratischen Entscheidungen propagiert. Glücklicherweise ist die Demokratie der heutigen Bundesrepublik wesentlich gefestigter als die der jungen Weimarer Republik, die schon unter erheblichem innen- und außenpolitischem Druck stand, bevor sie sich richtig stabilisieren konnte. Aber auch heute geht es darum, die verfassungsmäßige Rollenverteilung in den Planungs- und Beteiligungsprozessen ernst zu nehmen und den gewählten Gremien und Amtspersonen den nötigen Respekt zu zollen. Dies gilt ganz besonders für die ehrenamtlichen Kommunalpolitiker und -politikerinnen, die sich aktuell damit konfrontiert sehen, in unglaublicher Weise beschimpft, bedroht und angegriffen zu werden. Die ARL hat aus ihrer Geschichte gelernt und will die Erkenntnisse der von ihr initiierten Forschungsprojekte und wissenschaftlichen Diskussionen einer breiten Fachöffentlichkeit und darüber hinaus allen Interessierten zur Verfügung stellen. Die Debatte wird mit den Ergebnissen des hier dokumentierten Kolloquiums sowie des in Kürze abgeschlossenen Forschungsprojekts von Oliver Werner künftig auf einer erheblich breiteren und stabileren Basis stehen. Ebenfalls kurz vor dem Abschluss steht ein weiteres Projekt, das vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur finanziert und von Detlef Schmiechen-Ackermann (ebenfalls Institut für Didaktik der Demokratie (IDD), Leibniz Universität Hannover) geleitet wird, nämlich das Forschungsprojekt „Kontinuitäten und Neuorientierungen. Personelle Netzwerke niedersächsischer Raumwissenschaftler nach 1945“, das inhaltlich eng mit dem von Oliver Werner verzahnt ist. Auch die Ergebnisse dieses Projekts sollen zeitnah der Fachöffentlichkeit präsentiert werden. Die Diskussion über die Vergangenheit der ARL und die Geschichte von Raumforschung und Raumordnung insgesamt ist also nicht abgeschlossen, sondern beginnt erst. Wir laden dazu ein.