scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Wartende Jugend: Erwachsenwerden und Migration im afrikanischen Kontext

Stier, Julia

Abstract

EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.

Full text

Stier, Julia Article Wartende Jugend: Erwachsenwerden und Migration im afrikanischen Kontext WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Stier, Julia (2022) : Wartende Jugend: Erwachsenwerden und Migration im afrikanischen Kontext, WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung, ISSN 2943-6613, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin, Iss. 177 (3/22), pp. 36-38, https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2022/f-25010.pdf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/327775 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Wartende Jugend Erwachsenwerden und Migration im afrikanischen Kontext Volljährig sind sie. Doch die klassischen Merkmale des Erwachsenseins – ökonomische Unabhängigkeit, Familie, ein eigener Haushalt – sind für junge Afrikaner*innen oft unerreichbar. Auch ein Grund für viele, vor allem junge Männer, den Kontinent zu verlassen und ihre Autonomie in Europa zu suchen. Julia Stier Jugend ist eine spezifische Phase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter. Wer genau zur Jugend gezählt wird, ist allerdings keineswegs statisch – die Definition ist kontextabhängig und zeitlich wie örtlich verschieden. In der African Youth Charter bezeichnet die Afrikanische Union 15- bis 35-Jährige als „Jugend“ oder „junge Menschen“. Diese Definition umfasst eine größere Altersspanne als die der Vereinten Nationen, die nur 15- bis 24-Jährige als „Jugend“ bezeichnen. Sicher ist, dass junge Menschen demografisch gesehen eine überaus wichtige Rolle auf dem afrikanischen Kontinent spielen. Im Senegal etwa sind über 60 Prozent der Bevölkerung jünger als 24 Jahre, das Durchschnittsalter liegt bei 19,4 Jahren. Jugend ist keine biologische Kategorie, die sich auf eine bestimmte Altersspanne beziehen lässt. „Jugend“ ist vielmehr eine sozial konstruierte Kategorie. In der Forschung wurde die afrikanische Jugend lange als paradox und ambivalent beschrieben: Einerseits gelten die jungen Leute als Akteur*innen für einen positiven gesellschaftlichen Wandel, andererseits als destruktive Kräfte, die, beispielsweise durch gewaltvolle Jugendrevolten, in der Gesellschaft Schaden anrichten können. Besonders in der Zeit direkt nach der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten wurde die Jugend als Hoffnung für die Zukunft konstruiert. Im Laufe der Zeit allerdings wurde die Jugend auch als potenziell gewaltvoller Unruhefaktor für die Gesellschaft und die politischen Systeme gesehen. Diese binäre Sichtweise von Jugend wurde inzwischen von einem diverseren Bild abgelöst. Wie die Jugend weltweit ist auch die Jugend auf dem afrikanischen Kontinent von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen durch den Kapitalismus und die Globalisierung besonders betroffen. Globale Entwicklungen wirken sich direkt auf junge Menschen und ihre Handlungsspielräume aus und damit auch auf ihre Position in der Gesellschaft. Weltweit verlängert sich die Phase der Jugend auch aufgrund von Bildungsmöglichkeiten für junge Menschen: Der Start ins Berufsleben und die Familiengründung geschehen später im Lebensverlauf. Im afrikanischen Kontext kommt es aufgrund schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse zudem häufig zu einer Verzögerung „Weltweit verlängert sich die Phase der Jugend auch aufgrund von Bildungsmöglichkeiten für junge Menschen“ 36  | Mitteilungen Heft 177 September 2022 beim Erreichen des Erwachsenenstatus und somit zu einer Verlängerung der Jugend. Für dieses Phänomen ist der Begriff „waithood“ entstanden, ein Kofferwort aus „wait“ („warten“) und „adulthood“ („Erwachsenenalter“). Die Ethnologin Alcinda Holwana erklärt den Begriff folgendermaßen: Waithood ist „dieser verlängerte Zwischenzustand, wenn junge Menschen keinen Zugang zum sozialen Erwachsenenalter erhalten. Ihr chronologisches Alter mag sie als erwachsen definieren, aber es fehlen die sozialen Merkmale: Sie können nicht für ihren Lebensunterhalt sorgen, sind nicht unabhängig, gründen keine Familie, versorgen keine Kinder oder andere Angehörigen, sind keine Steuerzahler. Sie stecken in einem Übergang fest – sie sind weder abhängige Kinder noch selbstständige Erwachsene“. Waithood wird so zum Zustand verlängerter oder gar dauerhafter Jugendlichkeit. Diese Phase wird im Leben vieler junger Afrikaner*innen immer länger, sie ersetzt langsam das Erwachsenenalter, da viele den Status der ökonomischen Unabhängigkeit nie erreichen. Die Dauer der waithood ist je nach Schicht, Bildung und Geschlecht unterschiedlich. Menschen mit einer finanziellen Absicherung durch die Familie befinden sich eher kürzer in dieser Phase, während sie bei Hochgebildeten aufgrund der langen Ausbildungszeiten länger andauert. Das Erreichen des Erwachsenenalters von Frauen ist häufig vom Ende der waithood von Männern abhängig, da die Familiengründung nur mit einem „erwachsenen“, also finanziell unabhängigen Mann geschehen kann. Frauen sind zum Zeitpunkt der Eheschließung häufig jünger als die Männer, da Frauen heiraten können, ohne zuvor finanziell unabhängig geworden zu sein, Männer sich hingegen diese Unabhängigkeit erst erarbeiten müssen. Frauen werden also tendenziell eher jünger „erwachsen“. Im Senegal ist Jugend wie überall sonst auf der Welt ein relationales Konzept. Traditionell existiert eine gerontokratische Gesellschaftsordnung, in der ältere Menschen mehr Einfluss haben als jüngere. Das bedeutet, dass auch junge Menschen, die wirtschaftlich unabhängig und verheiratet sind, in bestimmten Situationen immer noch zur Jugend gezählt werden können; ein politisches Mitspracherecht beispielsweise kann ihnen abgesprochen werden, wenn Ältere dieses für sich beanspruchen. Dennoch ist finanzielle Unabhängigkeit für das Erwachsensein zentral. Alcinda Holwana erklärt: „Liggey, das Wort für ‚Arbeit‘ in der senegalesischen Sprache Wolof, wird als zentrales Merkmal für Erwachsensein gefeiert. Die Fähigkeit, zu arbeiten und für sich und andere zu sorgen, definiert den Selbstwert einer Person und ihre Stellung in der Familie und der Gesellschaft. Doch die meisten jungen Menschen im Senegal und anderen afrikanischen Ländern sind nicht in der Lage, die Würde zu erlangen, die mit liggey verbunden ist.“ So versucht die senegalesische Jugend, sich mit kleinen und unregelmäßigen Jobs durch zuschlagen, um über die Runden zu kommen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. In diesem Kontext erhält die Option, das Land zu verlassen, eine zusätzliche Bedeutung. Viele junge Menschen sehen Migration als eine Möglichkeit, ökonomische Unabhängigkeit und den damit verbundenen sozialen Status des Erwachsenseins zu erreichen. In einer Umfrage des TRANSMIT-Projekts (Transnational Perspectives on Migration and Integration), die 2021 im Julia Stier ist Doktorandin im TRANSMIT-Projekt der Abteilung Migration, Integration und Transnationalisierung. Sie forscht zu westafrikanischer Migration, besonders zu senegalesischen und gambischen Migrant*innen in den Herkunfts- und Aufnahmeländern. j[email protected] Foto: © WZB/Martina Sander, alle Rechte vorbehalten. „Viele junge Menschen sehen Migration als eine Möglichkeit, den sozialen Status des Erwachsenseins zu erreichen“ Titelthema 37 Senegal durchgeführt wurde, wurden junge Menschen zwischen 15 und 35 Jahren nach ihren Migrationswünschen gefragt. Über 50 Prozent der Befragten äußern starke Migrationswünsche, während nur etwa ein Viertel keinen Wunsch zur Emigration äußert. Diese Antworten bedeuten nicht, dass die Befragten tatsächlich emigrieren werden oder Schritte hierfür unternehmen – 84 Prozent der Befragten beantworten die Frage nach konkreten Migrationsplänen negativ. Die Migrationswünsche sind dennoch hoch. Migration ist für viele junge Menschen erstrebenswert, weil sie sich erhoffen, dadurch den sozialen Erwartungen der Gesellschaft gerecht zu werden. Gerade von jungen Männern wird erwartet, dass sie ihre Herkunftsfamilien und besonders die Eltern im Alter finanziell unterstützen. Viele junge Männer haben aufgrund der wirtschaftlichen Verhältnisse aber große Schwierigkeiten, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Die finanzielle Unabhängigkeit vom Elternhaus wird auch als Voraussetzung für die Heirat gesehen, da traditionell die Männer für den Unterhalt der Ehefrau und der Kinder verantwortlich sind. Migrant*innen im sozialen Umfeld der jungen Männer dienen als Vorbilder. Viele von ihnen schicken Geld an ihre Familien, bauen ein neues Haus und posten in den sozialen Medien schöne Bilder von ihrem Leben im Ausland. Circa 60 Prozent der Befragten aus dem Senegal geben an, dass sie bereits Migrant*innen bewundert haben. Durch Migration verändert sich der soziale Status der Einzelnen in der senegalesischen Gesellschaft: Vor der Migration waren sie nur junge Männer, doch durch die Migration und ihre verbesserte finanzielle Situation werden sie zu vollwertigen erwachsenen Mitgliedern der Gesellschaft. Migration bringt also nicht nur ökonomische Vorteile, sie hat auch entscheidenden Einfluss auf die gesellschaftliche Position. Kein Wunder, dass gerade junge Männer so viel Hoffnung ins Auswandern setzen. Migration kann der Weg sein, der prekären Situation im Senegal zu entfliehen und vielleicht sogar selbst als Vorbild zu gelten. Literatur Honwana, Alcinda: Youth, Waithood, and Protest Movements in Africa. Lugard Lecture. Lissabon: International African Institute 2013. Ifekwunigwe, Jayne O.: „‚Voting with Their Feet‘: Senegalese Youth, Clandestine Boat Migration, and the Gendered Politics of Protest“. In: African and Black Diaspora: An International Journal, 2013, Jg. 6, H. 2, S. 218-235. Prothmann, Sebastian: „Migration, Masculinity and Social Class: Insights from Pikine, Senegal“. In: International Migration, 2018, Jg. 56, H. 4, S. 96-108. DOI: 10.1111/imig.12385. Willems, Roos: „Local Realities and Global Possibilities: Deconstructing the Imaginations of Aspiring Migrants in Senegal.“ In: Identities, 2014, Jg. 21, H. 3, S. 320-335. Der Text ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ 38  | Mitteilungen Heft 177 September 2022