Die Entstehung der Fabrik
Abstract
EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.
Full text
Jahn, Georg Article Die Entstehung der Fabrik Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Jahn, Georg (1949) : Die Entstehung der Fabrik, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 69, Iss. 1, pp. 89-116, https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290662 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
89] 89 Die Entstehung der Fabrik Von Georg Jahn, Berlin Inhaltsverzeichnis: 1. Der Begriff der Fabrik S. 89 — 2. Die Arten der Fabrikentstehung: a) Die Entstehung der Fabrik aus der mechanischen Werkstatt S. 94 — b) Die Entstehung der Fabrik aus dem arbeitsteiligen Verlagsgewerbe S. 101 — c) Die Entstehung der Fabrik aus dem Handwerksbetrieb — 3. Die Prinzipien der Fabrikorganisation und die Fortbildung der Fabrik. 1. Der Begriff der Fabrik Was unter einer Fabrik zu verstehen ist, kann heute nicht zweifelhaft sein. Sie ist eine geschlossene Werkstatt, die sich von jedem anderen Gewerbebetrieb weniger durch die Zahl der mitwirkenden Arbeitskräfte als durch eine bestimmte Ordnung des Produktionsprozesses unterscheidet. Dieser beginnt mit der Konstruktion eines Modells, nach dem gearbeitet wird, und einem Arbeitsplane, durch den die Arbeitsausführung, d. h. die Aufteilung der zu verrichtenden Operationen und deren Zuweisung an bestimmte Arbeitskräfte festgelegt wird; er endet stets mit der Vereinigung der einzeln ausgeführten Teile zum gebrauchsfertigen Stück in der Montage. Der Prozeß ist also in drei Stufen gegliedert: die Vorbereitung der Produktion, die Herstellung und Bearbeitung der Teile, die Montage. Auf jeder dieser Stufen ist eine weitgehende Arbeitszerlegung durchgeführt, d. h. jeder Produktionsabschnitt ist in seine einfachsten Elemente aufgelöst und jedes dieser Elemente zur Herstellung oder Bearbeitung je einem besonderen Arbeiter übertragen. Der Vollzug der damit verbundenen Operationen erfolgt jedoch nicht von Hand, sondern in aller Regel durch mechanisierte Werkzeuge, Arbeitsmaschinen also, die ihrerseits wieder von einem Motor, einer Kraftmaschine angetrieben werden. Arbeitszerlegung, Mechanisierung und Motorisierung sind somit die wesentlichen Merkmale der Fabrik, durch die sie sich besonders vom Handwerksbetrieb abhebt, der weder die Arbeitszerlegung noch die Mechanisierung kennt, in dem vielmehr der ganze Produktionsprozeß vom Entwurf des herzustellenden Gegenstandes bis zu seiner Vollendung durch die Hand eines Arbeiters mit wechselndem Werkzeug, wenn auch oft mit Unterstützung durch Maschinen vollzogen wird. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
90 Georg Jahn [90 So eindeutig war das Wirtschaftsgebilde, das wir heute übereinstimmend als Fabrik bezeichnen, in seiner Entstehungszeit freilich noch nicht zu bestimmen. Wenn man im 17. und 18. Jahrhundert von der Industrie eines Landes im Gegensatz zum zünftigen Handwerk sprach, so verwendete man dafür in der Regel den Doppelnamen „Manufakturen und Fabriken", ohne einen scharfen Unterschied zwischen beiden Ausdrücken zu machen. Das gilt auch für den amtlichen Sprachgebrauch, z. B. in den deutschen „Landesordnungen", die die Gewerbegesetzgebung der Zeit enthalten. Dennoch bestand ein Unterschied, der sich schon aus dem Ursprung der beiden Wörter ergeben müßte. Manufaktur stammt von lat. manu factum = mit der Hand gemacht, konnte also sinnvoller Weise nur eine Werkstatt bezeichnen, aus der Handwerkserzeugnisse hervorgingen; Fabrik (fabrica) dagegen ist von lat. faber = Schmied abgeleitet, bedeutet also ursprünglich die Schmiede oder allgemein die Werkstatt, in der Schmiede- und Metallarbeiten ausgeführt wurden, und ist in dieser weiteren Bedeutung erst im 18. Jhrh. aus dem Französischen ins Deutsche eingedrungen. In der Tat ist es unverkennbar, daß der Manufakturbegriff festere Gestalt zuerst in der verlagsmäßig organisierten Industrie gewann, in deren Verlagsarbeiterwerkstätten ja wirklich nur Handarbeit mit den überkommenen Werkzeugen des Handwerkers geleistet wurde. Zuweilen wurde sogar der Verleger selbst Manufakturist oder Manufacturier und seine Lagerwerkstatt (officina) Manufaktur genannt. Als dann Teile der Verlagsindustrie im Laufe des 18. Jhrh. in Fabriken heutigen Sinnes übergeführt wurden, blieb der Ausdruck Manufaktur an diesen Betrieben haften und wurde auch auf die Fabriken anderer, neu entstandenei Industriezweige (z. B. der Porzellan-, Spiegel-, Tapeten-, Tabakindustrie) angewandt. Allerdings ist der Ausdruck Manufaktur nicht einmal im Textilgewerbe ausschließlich verwendet worden, obwohl er sich hier am längsten erhalten hat. Begegnet uns doch im 18. Jhrh. neben der Tuch-, Baumwoll-, Seiden-, Gobelin- und Teppichmanufaktur auch schon die Woll-, Tuch- und Teppich f a b r i k, sogar in den Namen einzelner bedeutender Firmen wie etwa der „Kaiserlichen Wollenfabrik in Li»«" oder der Tuchfabrik des Grafen Waldstein in Oberleutensdorf i. B. Der Ausdruck Fabrik ist dagegen zuerst in der Metall verarbeitenden Industrie heimisch geworden. So sprach man z. B. schon frühzeitig von der Solinger „Schwertfabrik", obwohl diese Industrie noch ganznderlagsmäßig organisiert war, also aus vielen kleinen Verlagsarbeiterwerkstätten bestand und erst nach der Mitte des 19. Jhrh. die fabrikmäßige Form angenommen hat. Allmählich erweiterte sich sein Inhalt immer mehr, so daß man gegen Ende des 18. Jhrh. nicht nur jede Werkstatt, in der „mit Feuer und Hammer" gearbeitet wurde, als Fabrik bezeichnete, sondern den Ausdruck auch in In- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
91] Die Entstehung der Fabrik 91 dustrien verwandte, deren geschlossene Großbetriebe bisher vorzugsweise als Manufakturen bezeichnet worden waren. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jhrh. wurde schließlich der Begriff so weit ausgedehnt, daß er auf alle Werkstättenbetriebe mit arbeitsteiligem Produktionsprozeß und stehendem Kapital angewandt werden konnte, ihm also ein Inhalt gegeben, der sich mit dem heutigen Fabrikbegriff im wesentlichen deckt. Diese Entwicklung und Wandlung der Begriffe Manufaktur und Fabrik spiegelt sich natürlich auch in der kameralistischen Literatur des 17. und 18. Jhrh. Wenn z. B. J. J. Becher in seinem „Politischen Diskurs" (1668) für die Begünstigung und Förderung der Woll-, Leinen- und Seidenmanufakturen eintritt, so meint er damit noch nicht ein bestimmtes, neuartiges Betriebssystem, sondern in Übereinstimmung mit dem damaligen Sprachgebrauch einfach die „industrielle" Tätigkeit in diesen Gewerbezweigen. Im gleichen Sinne wird das Wort Manufaktur vom Freiherrn von Schröder gebraucht, wenn er in seiner „Fürstlichen Schatz- und Rentkammer" (1686) die Fragen untersucht, „ob die Manufaktur einem Lande nötig und nützlich sei" und „was für Manufakturen ein Fürst propagieren solle". Und selbst in den ersten Jahrzehnten des 18. Jhrh. begegnen wir bei manchen Kameralisten noch der gleichen Auffassung, obgleich inzwischen die tatsächliche Entwicklung der Betriebssysteme gewisse Fortschritte gemacht hatte. Diesen hatte übrigens schon der eben genannte Freiherr von Schröder Rechnung getragen, als er in seiner Schrift „Entdeckte Goldgrube in der Accise" (1685) dem die Manufakturen, d. h. die Industrie beherrschenden Verlagssystem das Fabriksystem gegenüberstellte, bei dem „die Fabrikanten mit großen Kosten gantze große Häuser bauen, darinnen sie die Wollen-Scheider, Wollen-Kämmer, die Spinnerin, die Weber, die Presser und wohl auch gar die Ferber beysammen unterhalten". Eine ähnliche Gegenüberstellung von Manufaktur und Fabrik findet sich noch im „Allgemeinen Oekonomischen Lexikon" (1731), in dem es heißt: „Manufaktur ... bestehet eigentlich in der Anordnung, wie aus ein und anderen Materialien diese und jene Ware auf eine nützliche Art könne verfertiget und zum nöthigen Gebrauch zugerichtet werden"; Fabrik dagegen werde „bei den Kaufleuten eine angerichtete Manufaktur genannt". Diese Äußerung entstammt einer Zeit, in der hier und da bereits Teile der Verlagsindustrie in geschlossenen Betrieben zusammengefaßt wurden, an denen dann der Name Manufaktur haften blieb. Daß aber diese Art von Manufaktur nicht als etwas von der Fabrik wesentlich Verschiedenes betrachtet wurde, geht schon daraus hervor, daß nicht wenige Kameralisten der Zeit beide Ausdrücke für Synonyma erklären. So nennt Adrian Beyer in seinem „Allgemeinen Handlungslexikon" (1722) „Fabric, officina, manufacture ... eine Werkstätte, da eine ge- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
92 Georg Jahn [92 wisse Art von allerhand Waren verfertigt wird"; J. J. Moser erklärt in den „Schwäbischen Nachrichten von Oekonomie-, Cameraletc. Sachen" (1757) „Fabriquen und Manufacturen als gleichgiltige Wörter"; und noch J. H. L. Bergius sagt in seinem neunbändigen „Policey- und Cameral-Magazin" (1768-74), „daß beyde - Manufaktur und Fabrik — gemeiniglich als gleichbedeutende Begriffe angesehen werden". Da.- gegen wandte sich allerdings eine Anzahl von Gelehrten, die beide Begriffe scharf voneinader trennen wollten. Voran J. H. G. von Justi, der in seinem zweibändigen Werke „Vollständige Abhandlung von den Manufakturen und Fabriken" (1758—61) sagt: „Unter Manufakturen verstehet man eigentlich diejenigen Bearbeitungen, die bloß mit der Hand ohne Feuer und Hammer geschehen. Fabriken aber heißen diejenigen Arbeiten, zu welchen Feuer und Hammer oder ähnliche Werkzeuge angewendet werden." Und an einer anderen Stelle des gleichen Buches heißt es, Fabrik sei „eine zusammenhängende wichtige Anstalt verschiedener Arten von Arbeiten, wodurch die Metalle und mineralische Produkte vermittelst Feuer und Hammer oder andere ähnliche Werkzeuge zu vollkommenen Waren gemacht werden." Demgemäß fordert er, daß man im Gegensatz zur Wirtschaftspraxis, die z. B. auch von einer Tuch-, Camelott-, Kammertuch-Fabrik spräche, „welche doch bloß den Namen einer MaHiifaktur erhalten sollte", in Zukunft alle Handwerker, so in Feuer arbeiten, als „Fabricateurs" und jeden Handwerksmann, der in Wolle, Leinen, Seide und Baumwolle arbeite, 'als „Manufacturier" bezeichnen solle. Übereinstimmend damit definiert u. a. C. G. Ludovici in § 499*6eines „Grundriß eines vollständigen Kaufmanns-Systems" (2. Aufl. 1768): „Ein Manufakturist oder Manufacturier heißt der, welcher aus seinem Beutel und auf seine Gefahr entweder eine ganz neue Manufactur aus Wolle, Seide, Garn etc. einführen oder fremde nachmachen will und zu dem Ende, nach erhaltener Freyheit und Zulassung der hohen Obrigkeit, gewisse Arbeiter oder Handwerker in die Arbeit setzet; ein Fabrikant oder Fabrikateur wird derjenige genennet, der aus Eisen, Stahl, Messing und dergleichen hart zu verarbeitende Materialien allerhand Werke verfertigen läßt". Indessen hat dieser Scheidungsversudh1 nicht verhindern können, daß beide Ausdrücke auch weiterhin synonym verwendet wurden und man schließlich zu einer allgemeinen, Fabrik und Manufaktur umfassenden Definition kam. In Lamprechts „Kameralwissenschaft" (1797) z. B. heißt es, daß die Fabriken „die Verarbeittitig der rohen Materialien mehr im Großen betreiben* die einzelnen zur Zubereitung der Kunstwaren erforderlichen Arbeiten unter mehrere beständig bei einerlei Arbeit bleibende Arbeiter verteilen, oft künstliche Maschinen und Hilfsmittel der Verarbeitung anwenden und den Vertrieb der Waren mit kaufmännischer Kenntnis und Klugheit bewirken". In S. F. Hermbstädt's „Grundriß der Techno- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
93] Die Entstehung der Fabrik 93 logie (1814) dagegen lautet sie: „Fabriken und Manufakturen werden die größeren Gewerbsanstalten oder Kunstgewerbsinstitute genannt, welche von den gewöhnlichen Handwerken dadurch unterschieden sind: I. daß sie ihre Fabrikate nur im großen anfertigen; 2. daß ihre Produkte, bevor sie ihre Vollendung erreicht haben; durch die Hände verschiedener Arbeiter gehen, von denen jeder einzelne nur einen Teil der dazu bestimmten Verarbeitung versteht; 3. daß ihre Unternehmer keiner Zunft oder Innung verpflichtet sind; 4. daß sie eine nicht beschränkte Anzahl Arbeiter beschäftigen; 5. daß bei ihnen weder eine Aufdingung noch Wanderung noch Lossprechung, noch Anfertigung eines Meisterstückes erforderlich sind." Besonders bemerkenswert an diesen Definitionen ist, daß der Kameralist wie der Technologe übereinstimmend als die wichtigsten Merkmale der Fabrik die Massenproduktion und die Arbeitsteilung bezeichnen, auf die Maschinenverwendung dagegen kein entscheidendes Gewicht legen und damit das Wesen dieses Betriebssystems bereits richtig bestimmt haben. • f 2. Die Arten der Fabrikentstehung Schon die vorstehende Skizze der Begriffsentwicklung läßt erkennen, daß die auf K. Marx zurückgehende Auffassung, das Gewerbe habe auf seinem Wege vom Handwerk zum industriellen Großbetrieb regelmäßig und nacheinander die Stufen des Verlagssystems (der hausindustriellen Organisation), der Manufaktur (des arbeitsteiligen, maschinenlosen Betriebes) und der Fabrik (des arbeitsteiligeij^mechanisierten und motorisierten Betriebes) durchschritten, unhaltbar ist, obwohl noch Fr. v. Gottl-Ottlilienfeld wenigstens grundsatzlich an dieser Stufenfolge festhält1. Vielmehr zeigt sie, daß der geschlossene Industriebetrieb des 18. Jhrh. zum mindesten zwei Wurzeln gehabt hat: er ist als „Manufaktur" aus dem arbeitsteiligen Verlagsgew^r;^e, als „Fabrik" dagegen aus der bereits mit mechanisierten Werkzeugen und Motoren arbeitenden mechanischen Werkstatt hervorgegangen. Dazu kommt jedoch als dritte, Form die Entstehung unmittelbar aus dem Handwerksbetrieb, die zwar im 18. Jhrh. durch die Zunftbeschränkungen noch stark behindert worden ist, eine um so größere Rolle aber in der ersten Hälfte des 19. Jhrh. gespielt hat. Eine Durchmusterung des ziemlich zerstreuten, nicht sehr umfangreichen, aber doch genügenden industriegeschichtlichen Materials bestätigt diese Auffassung durcha^, zeigt also, daß die Fabrik heutigen Sinnes in Wirklichkeit eine dreifache Wurzel hat: die mechanische Werkstatt des Spätmittelalters, dip arbeitsteilige Organisation 1 Vgl. Fr. v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik (GdS. II. Abt. II. Teil), 2. Aufl. Tübingen 1923. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
94 Georg Jahn [94 des Verlagsgewerbes, den Handwerksbetrieb. Es ist die Aufgabe der folgenden Untersuchung, diese drei Formen der Entstehung der Fabrik im einzelnen darzutun und durch charakteristische Beispiele zu belegen. a) Die Entstehung der Fabrik aus der mechanischen Werkstatt Daß es bereits im Mittelalter mechanische Werkstätten gab, ist unbestritten. Es gehören hierher natürlich in erster Linie Mühlen jeder Art, also die Getreidemühle, deren Arbeitsmaschine, der Mahlgang oder Mahlstuhl, von Wasser- oder Windkraft angetrieben wurde, die Ölmühle mit ihren Ölpressen, die Sägemühle, deren Sägegatter regelmäßig Wasserradantrieb hatten, sowie die Walkmühlen, deren Dreh- und Schlagwerke durch Pferdegöpel oder Wasserräder bewegt wurden. Obgleich es sich bei der Eisenausschmelzung um einen chemischen Prozeß handelt, ist doch auch die Eisenhütte dazu zu rechnen, da sie für die Zerkleinerung der Erze Pochhämmer (meist Stempelpochwerke) mit Wasserradantrieb gebrauchte und für die Erzeugung des Gebläsewindes Blasebälge benutzte, die durch Tretrad, Pferdegöpel oder Wasserkraft bedient wurden. Mechanische Werkstätten im vollen Sinne des Wortes waren weiter die Hammerwerke, von denen die Zain- oder Raffinierhämmer und die Reck- oder Platinenhämmer sog. Aufwurf- oder Schwanzhämmer, die Blechhämmer Breit-, Plätsch- oder Schichthämmer benutzten und durchweg mit Wasserradantrieb arbeiteten, allerdings meist recht kleine Ausmaße besaßen. Dagegen waren die Gießereien (namentlich die Geschützgießereien) schon im 15. und 16. Jhrh. verhältnismäßig große Betriebe. Auch sie gehören zu den mechanischen Werkstätten, insofern sie für die Bearbeitung der Gußstücke Bohrmaschinen und Drehbänke benutzten, deren Motor vielfach ebenfalls schon das Wasserrad war. Von diesen Werkstätten des späteren Mittelalters interessieren in diesem Zusammenhange weniger die Mühlen, da sie bis tief in das 19. Jhrh. hinein Kleinbetriebe geblieben sind, als die Eisenhütten, die Hammer- und Walzwerke sowie die Geschützgießereien,. die sich im Laufe zweier Jahrhunderte nach und nach zu Industriebetrieben modernen Stils entwickelten. Die Eisenhütte1 war im 16. Jhrh. schon ein Betrieb mit arbeitsteiligem Prozeß, der folgendermaßen gegliedert war: 1. das Probieren der Erze (in der Tiegelprobe) durch den Probierer, 2. das Auswaschen der Erze (von Ton und erdigen Bestandteilen) durch Erzwäscher, 3. das Scheiden der Erze durch den Scheider, 4. das Ausklauben der Erze (das 1 Vgl. zum Folgenden L. Beck, Die Geschichte des Eisens in technischer und kulturgeschichtlicher Beziehung, 2. Abt. (16. u. 17. Jhrh.), S.Abt. (18. Jhrh.), Braunschweig 1893/95, 1897. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
951 Die Entstehung der Fabrik 95 Auslesen des toten Gesteins) durch die Kläuber, 5. das Zerkleinern der Erze mit Hilfe von Trocken- oder Naßpochwerken durch besondere Arbeiter, 6. das Rösten der Erze (zwecks Ausscheidung von Schwefel und anderen schädlichen Bestandteilen) auf Gliihfeuern oder in Röst- bzw. Schachtöfen durch den Röstmeister, 7. die Gewinnung von Holzkohlen in Meilern durch die Köhler, 8. das Ausschmelzen der Erze im Rennfeuer (Luppenschmiede) oder im Stiickofen zu schmiedbarem Eisen, im Floß- bzw. Hochofen zu Roheisen durch den Schmelzmeister, der mit Knecht und Schlackenläufer als Gehilfen arbeitete. Daran schloß sich meist unmittelbar an entweder 9. die Schmiedeeisenbereitung im Frischfeuer und das Ausschweißen der erhaltenen Masseln durch die Frischer und Schweißer, die von Gehilfen unterstützt wurden, oder aber 10. die Stahlbereitung (d. h. die Umwandlung des Roheisens in Stahl durch Entkohlen und Härten) durch besondere Meister. Den Abschluß des ganzen Prozesses bildete endlich 11. die Eisengießerei (die aber vielfach auch gesondert betrieben wurde), deren Prozeß schon gegliedert war in die Herstellung des Modells oder der Schablonen aus Holz oder Lehm, die Herstellung der Formen aus Lehm, Ton oder Formsand, das Ausgießen der Stücke und die Bearbeitung der Gußstücke (Putzen, Abdrehen, Ausbohren), genau so wie noch heute jede Eisengießerei in Modelltischlerei, Formerei, Gießerei, Put^erei und Bearbeitungswerkstätte zerfällt. Die Ausmaße eines solchen arbeitsteiligen Hüttenbetriebes waren allerdings noch sehr klein. Eine erste, wenn auch bescheidene Vergrößerung vollzog sich im 16. Jhrh., als das bis (jahin vorherrschende Rennfeuer mehr und mehr durch den aus dem Mittelalter überkommenen Stückofen verdrängt wurde und bald auch d$r Hochofen mit kontinuierlichem Betrieb sich durchzusetzen begann. Dieser war zwar schon in der ersten Hälfte des 15. Jhrh. erfunden worden, war aber zu Anfang des 16. Jhrh. noch ganz auf Westdeutschland und Ostfrankreich beschränkt, wurde um die Mitte des 16. Jhrh. in England, gegen Ende des gleichen Jahrhunderts auch in Schweden eingeführt und verbreitete sich im 17. Jhrh. rascher, nachdem die Vergrößerung und Verstärkung des Gebläses durch die Konstruktion von Holzblasebälgen (an Stelle der Lederblasebälge) gelungen war. Die Folge war, daß in England noch im 17. Jhrh. bereits Hochöfen von 28 bis 30 Fuß Höhe und 24 Fuß im Quadrat gebaut wurden und in den ersten Jahrzehnten des 18. Jhrh. die Hochöfen nicht nur in England durchschnittlich 7—8 m hoch waren und Tagesleistungen von 1500—2000 kg Roheisen, in Ausnahmefällen auch von 3000 kg erzielten. Eine weitere Vergrößerung des Hochofens und des ganzen Betriebes ermöglichte der Ersatz der nur in begrenzten Mengen zur Verfügung stehenden Holzkohle durch den Steinkohlenkoks. Das Verfahren selbst war bereits 1619 durch Dud Dudley erfun- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
96 Georg Jahn [96 den worden, hatte jedoch ein Jahrhundert lang keine Anwendung erfahren, bis in den ersten Jahrzehnten des 18. Jhrh. Abraham Darby in seiner Hütte zu Coalbrookdale gelungene Versuche damit gemacht hatte und um die Mitte des 18. Jhrh. im sog. Bienenkorbofen ein geeignetes Instrument zur Verkokung der Steinkohle geschaffen worden war. Aber auch dann noch ging die Einführung und Verbreitung des neuen Verfahrens sehr langsam vonstatten, da seine Anwendung größere Gebläse als die bisher üblichen Holzblasebälge voraussetzte. Diese Voraussetzung wurde erst erfüllt, als um 1760 in England das Zylindergebläse aufkam, das zunächst Wasserradantrieb hatte, bald aber in der Dampfmaschine von James Watt (1776) einen bedeutend leistungsfähigeren Motor erhielt. Das Zylindergebläse verbreitete sich so rasch in England, daß es dort Ende des 18. Jhrh. bereits allgemein angewandt worden ist, wurde bald aber auch auf den Kontinent (Frankreich, Deutschland) verpflanzt, auf dem freilich das doppelte Holzbalggebläse mit Wasserradantrieb noch Jahrzehnte lang die Vorherrschaft behielt. Es bedurfte somit der Erfüllung einer ganzen Anzahl von Voraussetzungen, bis aus der Eisenhütte des 16. und 17. Jhrh. der Industriebetrieb modernen Stils werden konnte. Das erste Beispiel dafür ist wohl die Eisenhütte zu Coalbrookdale, die ihr Gründer Abraham Darby bereits mit Verkokungsanlagen, Kokshochöfen und starken Holzbalggebläsen ausgestattet hatte. Sein Sohn und Nachfolger, der jüngere Darby, dehnte das Werk immer mehr aus, baute nach und nach sieben Hochöfen und stellte 1750 die erste Feuermaschine auf, eine Newcomensche Dampfmaschine, die zwar noch nicht zum direkten Antrieb des Gebläses diente, mit deren Hilfe aber so große Wassermengen in den Spannteich des Wasserrades gepumpt werden konnten, daß durch den verstärkten Wasseraufschlag Wasserräder von 24 Fuß Durchmesser bewegt und durch diese wieder die stärksten Holzblasebälge angetrieben werden konnten, die bis dahin gebaut worden waren. 1784 hatte Coalbrookdale nicht weniger als 8 Hochöfen, zahlreiche Flammöfen, 9 Hämmer sowie Walzwerke und Gießereien und benutzte 16 Dampfmaschinen zum Antrieb der Bälge, Hämmer und Walzen. Es war also bereits eine richtige Eisenfabrik und in seiner Art der größte Betrieb Englands und wahrscheinlich der Welt. Am nächsten kam ihm die Hütte zu Carron in Schottland, die 1760 von Dr. Roebuck gegründet und mit 2 Kokshochöfen von 9,15 m Höhe und 2,4 m Durchmesser sowie zwei sehr großen, einfachen Blasebälgen ausgestattet wurde. Sie hatte 1792 schon 5 Hochöfen, 16 Flammöfen, 3 Kupolöfen und eine Pumpmaschine und erzielte Tagesproduktionen von 4500 kg je Hochofen, die größte Produktion, die bis dahin erreicht worden war. Mit diesen beiden ersten Großbetrieben der englischen Eisenindustrie kann auf dem Kontinent höchstens Le Creusot in Frankreich verglichen wer- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
103] Die Entstehung der Fabrik 103 portierten hier die Wolle, ließen sie in eigener Werkstatt schlagen und kämmen, gaben sie dann zum Verspinnen aufs Land, ließen aus dem Garn von den Webern Tuche von bestimmter Qualität und Musterung herstellen und diese schließlich im Lohn ausrüsten und färben. Sie waren also in Wirklichkeit Leiter von verlagsmäßig organisierten Produktionsunternehmungen, in denen der Produktionsprozeß in dezentralisierter Form durchgeführt wurde und in den die Spinner, die Weber, die Walker, die Scherer, die Färber usw. als Teilarbeiter eingegliedert waren. Aber auch in anderen Gebieten mit entwickeltem Wollgewerbe war die Arbeitsgliederung und also die zwischenbetriebliche Arbeitsteilung bereits im 15. Jhrh. weit fortgeschritten, z. B. in Westdeutschland. Zieht man aus K. Büchers Frankfurter Berufswörterbuch1 sämtliche Berufsbezeichnungen heraus, die sich im Frankfurter Wollgewerbe des 15. Jhrh. finden, und ordnet man sie dem Gange der Wollverarbeitung entsprechend, so erhält man folgendes Bild der Arbeitsgliederung: I. Vorbereitungsarbeiten: 1. Wollsortiererinnen (wollenlesersen), 2. Wollschläger (wollensleger); II. Wollkämmerei: 3. Wollkämmer (kemmer, kemmerse); III. Wollspinnerei: 4. Radspinnerinnen (radspinnersen = Spinnerinnen am Spinnrad), 5. Spinnerinnen (spinnersen = Spinnerinnen am Spinnrocken?); IV. Wollweberei: 6. Spuler (duchspuler = Garnspuler?), 7. Wfcber (wollweber, weber, wober), spezialisiert nach der Produktart in Tuchmacher, Weber halbwollener Zeuge, Deckenmacher usw., 8. Webergehilfen (wobknecht); V. Appretur: 9. Walker (walgmöller, welker), 10. Tuchrauher, Kardierer (karter, kerter, spensetzer), 11. Nopperinnen (noppersen, nuppersen, wollbesneyder), 12. Tuchscherer (duchscherer, gewantscherer, duchheffter), 13. Planierer (planirer, planerer, duchplanerer), 14. Schlichter (duchslichter, slichter, sluchter, duchbereiter), 15. Tuchfalter (duchfelder); VI. Wäscherei und Färberei: 16. Aufseher im Wasch- und Färbehaus (kumpnersmeister), 17. Wäscher und Wäscherinnen (wescher), 18. Färber (spezialisiert in roitferber, swarzferber usw.), 19. Färbergehilfen (kumper, kumpersknecht). In der langen Liste fehlt eigentlich nur die Wollwäsche, die aber damals zumeist noch auf dem Lande vorgenommen wurde, also noch nicht Gegenstand einer besonderen Berufstätigkeit war. Wie viele von diesen Spezialberufcn noch in voller handwerklicher Selbständigkeit ausgeübt 1 K. B ü c h e r , Die Berufe der Stadt Frankfurt a. M. im Mittelalter, Leipzig 1914. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
104 Georg Jahn [104 wurden und welchen Anteil an der Ausbildung einer so starken Spezialisation dem Verleger zuzuschreiben ist, läßt sich nicht sagen, ist aber auch von untergeordneter Bedeutung. Genug, daß eine solche reiche Arbeitsgliederung vorhanden war. Nimmt man an, daß um die gleiche Zeit auch in anderen Städten und Ländern Westeuropas die Spezialisation im Wollgewerbe den gleichen Grad wie in Frankfurt a. M. bereits erreicht hatte oder doch im Laufe des nächsten Jahrhunderts erreichte, so ergibt sich, daß die Gründer der ersten Wollmanufakturen oder -fabriken eigentlich nichts anderes zu, tun hatten, als die vorhandenen Spezialarbeiter in gleicher Gliederung und Anordnung zu einem arbeitsteiligen Produktionsorganismus zu vereinigen. Dies scheint zuerst in England geschehen zu sein, dessen Wollindustrie vom Ende des 14. Jhrh. ab einen beachtlichen Aufschwung nahm und sich im Laufe des 15. Jhrh. zum Exportgewerbe entwickelte. „Tuchmacher" (clothiers, clothmakers), die zumeist aus den Reihen der Wollhändler oder der Tuchhändler stammten und über das nötige Kapital verfügten, nahmen die Wollhandwerker in Verlag und konzentrierten so den Produktionsprozeß in ihren Händen. Im Anfange des 16. Jhrh. scheint die englische Tuchmacherei bereits in ähnlicher Weise als Verlagsindustrie mit zwischenbetrieblicher Arbeitsteilung organisiert gewesen zu sein wie ein Jahrhundert früher die niederländische, so daß auch hier die Verleger die Leiter der Produktion waren. Einzelne von diesen Unternehmern nun zogen schon in der ersten Hälfte des 16. Jhrh. eine größere Anzahl von Arbeitskräften in ihren eigenen Werkstätten zusammen, um sie dort nach bestimmten Regeln arbeiten zu lassen und das Herstellungsverfahren besser überwachen zu können, als das bei dezentralisiertem Betriebe möglich war. Jedenfalls wissen wir, daß John Winchcombe1, ein Tuchmacher, der einer wohlhabenden Londoner Tuchhändlerfamilie entstammte und von dem ein Testament aus dem Jahre 1519 erhalten ist, in Newbury einen solchen Werkstättenbetrieb unterhielt, der von seinem Sohne fortgeführt wurde und dessen Erzeugnisse europäischen Ruf erlangten. In einem Volksbuche des 17. Jhrh. wird berichtet, daß in dem Betriebe von Winchcombe an die hundert Webstühle aufgestellt gewesen seien, und in einem Gedicht, das unter dem Titel „Pleasant History of John Winchcombe, in his younger years, called Jack of Newbury" vermutlich zuerst 1597 gedruckt wurde, wird sogar von 150 wollzupfenden Kindern, 100 krempelnden Frauen, 200 spinnenden Mädchen, 200 Webern, 200 spulenden 1 Vgl. über ihn W. J. A s h 1 e y , Englische Wirtschaftsgeschichte, dtsch. Ausgabe Leipzig 1896, Bd. II, S. 241 f., 269 f., wo auch die Quellen angegeben sind, aus denen die Nachrichten über John Winchcombe stammen. Alle späteren Darstellungen, wie die von L. Brentano, Eine Gesichte der wirtschaftlichen Entwicklung Englands, Bd. II, S. 65—68, gehen auf Ashley zurück. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
105] Die Entstehung der Fabrik 105 Knaben, 20 Walkern, 80 Tuchrauhern, 50 Tuchscherern und 40 Färbern gesprochen, die dieser Unternehmer in seinen Werkstätten beschäftigt haben soll. Daß aus solchen verdächtig abgerundeten Ziffern kein Schluß auf die wirkliche Größe und die Struktur des Betriebes gezogen werden kann, ist selbstverständlich; man kann ihnen höchstens entnehmen, daß Winchcombe eine Wollmanufaktur beträchtlichen Ausmaßes besaß, die in der damaligen Zeit einzigartig war und deshalb die Phantasie des Volkes beschäftigte. Ähnlich ungenau sind die Angaben über den Tuchmacher Stump, der nach der Säkularisation der englischen Klöster im Jahre 1536 die Abtei Malmesbury kaufte und darin eine Weberei einrichtete, in Cirencester eine ansehnliche Walkmühle erbaute und um das Jahr 1546 wegen Pachtung der Abtei Osney bei Oxford in Unterhandlungen stand, um diese ebenfalls als Werkstätte zu benutzen. Doch ist so viel sicher, daß auch er in seinen Betrieben eine größere Anzahl bisher verlegter Handwerker vereinigte, die fortan unter einheitlichem Kommando standen und deren Arbeit nunmehr von der Wolle bis zum gebrauchsfertigen Tuche genau überwacht werden konnte. Von dauerndem Bestände waren solche Betriebe wie die von Winchcombe und Stump allerdings nicht, da der König auf Betreiben der Zunfthandwerker im Jahre 1555 jede derartige Konzentration verbot. Erst für das Jahr 1738 ist wiederum eine derartige Wollmanufaktur in England bezeugt, die kraft kgl. Patentes errichtet worden war und zum ersten Male eine neu erfunden^, von Wasserkraft bewegte Maschine zum gleichzeitigen Betriebe von 100 Spulen benutzte. Doch ist über die Struktur dieser „Fabrik" nichts näheres bekannt. Das gleiche gilt von den ersten Tuchfabriken in Holland. Man weiß zwar, daß in der Leidener Tuchindustrie die ersten Fabriken als Gesellschaftsunternehmungen mehrerer Verleger etwa um die Mitte des 17. Jhrh. entstanden sind und im Jahre 1682 auch in Amsterdam eine Weberei mit 110 Webstühlen als geschlossener Großbetrieb gegründet wurde, urkundliches Material, das einen Einblick in die Struktur dieser Befriebe gewähren könnte, ist jedoch nicht vorhanden1. Dagegen sind wir über eine holländische Gründung in Frankreich, die Wollmanufaktur der Gebr. van Robais in St. Maur b. Abbeville, durch die Forschungen von Levasseur genau unterrichtet2. Es handelt sich dabei um das größte Unternehmen séiner Art zu Ende des 17. Jhrh. und zugleich den ersten Fabrikbetrieb in der Wollindustrie, von dessen Aufbau und Arbeitsorganisation wir uns eine hinreichend klare Vorstellung machen können. Ordnet man nämlich die von Levasseur angeführten Arbeitsoperationen und deren Besetzung mit Arbeitskräften dem Gange der 1 Vgl. E. Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte, Jena 1927, S. 87. 2 Vgl. E. Levasseur, Histoire des classes ouvrières en France, 2. éd. Paris 1900 ff., S. 421 ff., wo auch die entscheidenden Urkunden abgedruckt sind. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
106 Georg Jahn [106 Produktion gemäß an, so ergibt sich folgendes Bild der Arbeitsgliederung: I. Vorbereitungsarbeiten: V. Appretur: Arbeitskr. Arbeitskr. 12. Walker (einschl. Hilfs- 1. Wollwäscher 10 kräfte f. Fuhrbetrieb) 13 2. Wollreiniger 79 13. Tuchrauher (u. Gehilfen) 68 3. Wollsortierer u. -Schläger 40 14. Nopper u. Nopperinnen 82 II. Wollkämmerei: 15- Tuchscherer (einschl. 4. Wollkämmer 53 Schleifer) 62 16. Planierer u. Dekatierer 8 III. Wollspinnerei: 17 Plätterinnen 81 5. Meister u. Meisterinnen 18 18# Arbeiterinn. a. d. Mangel 14 6. Radspinnerinnen 804 19 Sticker 4 7. Saumspinnerinnen 20 2o! Presser und Falter 8 8. Seiler (einschl. Meister) 21 IV. Wollweberei: VL Färberei: 9. Spuler • 69 21. Färbermeister 1 10. Zettler 5 22. Färbergesellen 3 11. Weber 200 23. Hilfsarbeiter 2 Dazu kamen noch 27 verschiedene Handwerker (wie Glaser, Dachdecker, Maurer, Tischler), die mit Reparaturarbeiten u. dgl. im Betriebe beschäftigt wurden. Das waren insgesamt nicht weniger als 1692 Arbeitskräfte, von denen aber wohl die Spinnerinnen noch auf dem Lande, also außerhalb der Fabrik im Verlag arbeiteten. Wie man sieht, war die Arbeitsgliederung in dieser großen Wollmanufaktur am Ende des 17. Jhrh. noch etwas feiner durchgebildet als im Verlagssystem des 16. Jhrh., wozu wohl auch die Notwendigkeit der Abstimmung des Umfangs der einzelnen Abschnitte des in geschlossener Werkstatt organisierten Produktionsprozesses die Veranlassung gegeben hatte. Die Technik jedoch war die gleiche wie in der Verlagsindustrie, da außer Spinnrad (vielleicht mit dem 1530 erfundenen Trittrad) und Handwebstuhl, Walkmühle und Mangel, also den alten Requisiten des Handwerksbetriebes, keine neuen mechanischenHilfsmittel verwendet wurden. Man sollte meinen, daß es nach solcher Ausgliederung, Vereinfachung und Isolierung der einzelnen Arbeitsoperationen leicht hätte sein müssen, für ihre Durchführung Maschinen zu bauen und so den ganzen Betrieb zu mechanisieren; aber es hat trotzdem noch mehr als ein Jahrhundert gedauert, bis die Einfügung der 1741 erfundenen Spinnmaschine, des durch den mechanisch bewegten Schnellschützen verbesserten Handwebstuhls (John Kay 1733), des mechanischen Webstuhls (Cartwright 1787), der Tuchrauh- und Tuchschermaschinen der zweiten Hälfte des 18. Jhrh. und so vieler anderer Maschinen in den Produktionsprozeß die Manufaktur des 17. Jhrh. über viele Versuche und mühsam erklommene Stufen hinweg allmählich in die mechanische Fabrik des 19. Jhrh. verwandelte. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
107] Die Entstehung der Fabrik 107 Nicht entfernt so gut wie über die Wollmanufaktur der Gebr. van Robais sind wir über die ersten deutschen Wollfabriken unterrichtet, zu denen die Tuchfabrik in Oberleutensdorf in Böhmen gehört. Eine Beschreibung dieses frühen Großbetriebes fehlt leider; einen gewissen Ersatz dafür bietet aber ein Kupferstichwerk, das 1728 auf Veranlassung des Grafen Joseph von Waldstein (des Besitzers) hergestellt worden ist1. Die Fabrik war danach in einem großen Gebäudeviereck untergebracht, das einen Hof umschloß, und enthielt folgende Werkstätten: 1. die Wollwäscherei auf dem Hofe, 2. den Wollreinigungssaal, in dem die Wolle gelockert und gereinigt wurde, 3. das Wollmagazin, wo das Abwiegen und Sortieren der gereinigten Wolle vor sich ging, 4. die Melirer-Stube, in der die Wolle gemischt, gestrichen und gekämmt wurde, 5. die Spinnstube, in der Radspinnerinnen arbeiteten, 6. den Spulsaal, der dem Spulen und Schweifen des Garns diente, 7. denKammsetzersaal, in dem in arbeitsteiliger Organisation die Kämme angefertigt wurden, 8. die Wirk- und Webstube, die nur mit männlichen Webern und deren Gehilfen besetzt war, 9. die Walkmühle, wo die Tuche gewaschen und gewalkt wurden, 10. die Tuchrauherei, 11. die Nopperei, 12. die Tuchschererei, 13. die Presserei, 14. die Färberei. Der Betrieb bewältigte also den ganzen Produktionsprozeß von der Wollwäsche bis zum gefärbten und ausgerüsteten Tuch. Nur die Spinnerei wurde, wie überall in der damaligen Zeit, durch Hausspinnerei auf dem Lande ergänzt. Es war somit eine wirkliche Fabrik, deren vornehmstes Kennzeichen die aus der Verlagsindustrie übernommene, gut durchgebildete Arbeitsteilung war. Natürlich ist einer bildlichen Darstellung nicht zu entnehmen, mit wieviel männlichen und weiblichen Arbeitskräften jede der genannten Werkstätten besetzt war; doch können wir uns eine gewisse Vorstellung von der Größe der Fabrik machen, wenn wir erfahren, daß im Jahre 1736 darin 144 Spinnräder, 18 Scherbeibänke (Schärbänke) und 39 Webstühle vorhanden waren. Bedeutend umfangreicher als dieser Betrieb war die allerdings wesentlich jüngere „Kaiserliche Wollenfabrik in Linz", über die sich einige Zahlenangaben in Schlözers „Briefwechsel"2 finden. Danach sollen Ende der 70er Jahre des 18. Jhrh. in diesem großen Unternehmen außer den Aufsichtsbeamten folgende Arbeitskräfte beschäftigt gewesen sein: 10 Woll- und Garnwäscher, 14 Wollschläger, 80 Wollklauber (Sortierer), 10 Kartätschenmacher, 400 Känvner, 1Ö46 Spuler, Dublierer und Seidenwinderinnen, 130 Zwirner, Sortierer und Schweifer, 857 Webermeister und -gesellen, 900 Spuler, 12 Stückwäscher und 1 Vgl. W. Sombart, Mod. Kapitalismus 112, S. 770 f.; L. Schlesinger, Mitt. d. Ver. f. d. Gesch. d. Deutschen in Böhmen 3, S. 137 ff. 2 A. L. v. S c h 1 ö z e r , Briefwechsel 10 (1782), S. 201 ff.; W. S o m b a r t, Mod. Kapitalismus II 2, S. 834. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
108 Georg Jahn [108 Walker, 57 Färbereigehilfen un,d 68 Presser. Da aber von diesen Arbeitskräften die 1046 Spuler, Dublierer und Seidenwinderinnen sowie 745 Weber und Spuler außerhalb des Betriebes in und um Linz als Hausarbeiter tätig waren und die Spinnerei noch ganz auf dem Lande in Oberösterreich, Böhmen und Mähren im Hausfleiß betrieben wurde, so waren in Wirklichkeit nur die Vorbereitungsarbeiten, die Wollkämmerei, ein Teil der Weberei sowie die Färberei und die Appretur im geschlossenen Großbetriebe zusammengefaßt und dieser zugleich das Kernstück einer ausgebreiteten Verlagsindustrie, in der damals mit den ständigen Fabrikarbeitern insgesamt 26—27 000 Arbeitskräfte Beschäftigung und Brot fanden. Auch in der Seidenindustrie hat sich das Verlagssystem mit zwischenbetrieblicher Arbeitsteilung frühzeitig durchgesetzt, zuerst in Italien, wo Venedig bereits im 14. Jhrh. den Seidenverleger kannte, während in Genua und in den übrigen Zentren der italienischen Seidenindustrie (wie Lucca, Florenz, Mailand) die Verlagsorganisation sich während des 15. Jhrh. entfaltete. Die stärkste Durchbildung erfuhr sie in der Genueser Seidenindustrie, deren Unternehmer die Rohseide einkauften, sie durch alle Stadien der Verabeitung — das Abhaspeln der Cocons, das Spinnen und Zwirnen, das Weben, das Färben — in ihrem Eigentum behielten und sie nacheinander den Hasplern, Spinnern und Webern in Verlag gaben, welche gegen Stücklohn für sie arbeiteten. Nur die Färber waren nicht ausschließlich an sie gebunden, sondern bewahrten sich eine gewisse Selbständigkeit, so viel sie auch Lohnarbeit für die Verleger verrichteten. Dieses Verlagssystem ist ein Jahrhundert später nach Frankreich verpflanzt worden, als dort um die Mitte des 16. Jhrh. in Lyon die Seidenindustrie von kaufmännischen Unternehmern eingeführt wurde, die sie von Anfang an verlagsmäßig organisierten und leiteten. Ebenso drang es im 16. Jhrh. in die Schweiz (Zürich, Basel) ein und wurde im 17. Jhrh. die Organisationsform der Seidenindustrie auch in Deutschland, Holland und England. Trotz dieser frühen Entfaltung des arbeitsteiligen Verlagssystems ist der Schritt zum geschlossenen Fabrikbetrieb in der Seidenindustrie ziemlich spät (erst im 19. Jhrh.) vollzogen worden. Allerdings nur in der Garnverarbeitung, also in der Seiden- und Sammetweberei wie in der Band- und Strumpfwirkerei, während die Fabrik die Anfangsstadien der Produktion sogar sehr früh an sich zog. Das hing aufs engste mit der Erfindung der Seidenhaspel- und Zwirnmaschine zusammen, deren früheste Form bis in die erste Hälfte des 14. Jhrh. zurückreichen soll1, da die Stadt Bologna nachweislich im Jahre 1341 1 Vgl. hierzu die ausführliche Darstellung von W. Sombart, Luxus und Kapi* talismue, S. 180 ff., Mod. Kapitalismus II 2, S. 735 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
109] Die Entstehung der Fabrik 109 die Anlage einer von Wasserkraft angetriebenen Seidenfilande genehmigt hat, in der angeblich eine einzige Maschine die Arbeit von 4000 Spinnerinnen verrichtete. Mag das nun übertrieben sein oder nicht, jedenfalls entwickelte sich die maschinelle Seidenspinnerei während der folgenden Jahrhunderte in Italien, blieb aber auf dieses Land beschränkt, da die Seidenhaspel- und Zwirnmaschine von den Italienern sorgfältig als Geheimnis gehütet wurde, vor allem nicht ins Ausland gebracht werden durfte. Dennoch ist sie im 17. Jhrh. auch in Deutschland nachgeahmt worden, wo sie J. J. Becher die Anregung zur Konstruktion einer eigenen, einfachen Maschine (ohne Wasserradantrieb) gab. Diese Maschine wurde nach der Angabe von Becher selbst, der 1676 in die Niederlande ging, zum ersten Male in einer Seidenspinnerei angewandt, die um diese Zeit von der Stadt Haarlem gebaut wurde. Möglicherweise fand sie aber auch Eingang in die Seidenmühle und Seidenfabrik, die der Amsterdamer van Mollen 1681 in Utrecht errichtete und die vielleicht die erste kombinierte Seidenspinnerei und -weberei war, von der wir Kenntnis haben. In der Folgezeit verbreitete sich die maschinelle Seidenspinnerei verhältnismäßig rasch weiter. In England wurde die erste Fabrik, die sich nachweisen läßt, im Jahre 1719 am Darwent bei Derby errichtet. Die darin aufgestellte Maschine, die nach italienischem Muster gebaut war und von Wasserkraft angetrieben wurde, hatte 26 586 Räder und 97 746 Gehwerke und spann mit jeder Umdrehung des Wasserrades 73 726 Yards Seidenfaden, bei drei Umdrehungen je Minute also 221178 in der Minute und 13 270 680 in der Stunde. Im weiteren Verlaufe des 18. Jhrh. begegnen wir mechanischen Seidenspinnereien auch in der Schweiz (Zürich) sowie in Frankreich, wo es gegen Ende des ancien régime bereits eine ganze Reihe von Fabrikbetrieben im Dauphiné, in der Provence, im Languedoc und vor allem im Vivarais gab, während die Seidenweberei in Lyon noch ganz verlagsmäßig betrieben wurde1. In der Baumwollindustrie hat sich die Uberführung der Verlagsorganisation in die Fabrik am frühesten in England vollzogen. Die Industrie selbst war als Barchentindustrie auf dem Kontinent wesentlich älter als in England und wurde dorthin erst im 17. Jhrh. verpflanzt. Doch scheint sie von Anfang an verlagsmäßig organisiert gewesen, d. h. von Verlegern geleitet worden zu sein, die die Baumwolle selbst importierten oder von Importeuren kauften und sie in arbeitsteiligem Prozeß von verlegten Handwerkern zu Garn verspinnen, nach bestimmten Mustern oder Typen verweben und dieses Baumwollzeug ausrüsten und färben ließen. Jedoch hatte die Baumwollindustrie in England zunächst erhebliche Schwierigkeiten zu über- 1 H. S é e , Französische Wirtschaftsgeschichte I, S. 336. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
110 Georg Jahn [110 winden, da die Wollindustriellen ihre Macht benutzten, um Einschränkungen und Verbote der Halbleinen- und Baumwollzeugproduktion durchzusetzen. Erst durch die sog. Manchesterakte vom Jahre 1736 wurde die Herstellung wieder gestattet. Aber nun wurde die Entwicklung erneut dadurch gehemmt, daß zwar der Webstuhl vergrößert und durch den Schnellschützen von John Kay (1733) sowie die Webmaschine von Paul und Wyatt (1738) verbessert worden, das Spinnrad aber auf mittelalterlichem Niveau stehen geblieben war und deshalb die für die Beschäftigung der Webstühle erforderliche Menge von Garn nicht gesponnen werden konnte. Diese Diskrepanz wurde durch eine Reihe wesentlicher Erfindungen beseitigt, deren erste das 1764 von James Hargreaves erfundene vervollkommnete Spinnrad, die sog. Jenny, war, die zuerst von Hand, dann durch Pferdegöpel und endlich durch Wasserkraft angetrieben wurde, so daß es 1784 bereits Jennys mit 80 Spindeln gab, während anfangs nur 7 Spindeln auf einmal bewegt werden konnten. 1767 folgte die Erfindung der Spinning Throstle (des Kettenstuhls) durch Richard Arkwright, die sogleich mit mechanischem Antrieb ausgestattet war. 1785 gelang Crompton die Vereinigung von Jenny und Spinning Throstle zur Mule- Maschine (Mule-Jenny) und im gleichen Jahre wurde wahrscheinlich auch die Kardier- und Vorspinnmaschine zur Vorbereitung der Baumwolle für die Spindel erfunden. Um dieselbe Zeit konnte auch die Dampfmaschine von James Watt zum ersten Male für den Antrieb von Spinnmaschinen verwendet werden. Damit waren alle wesentlichen Vorbedingungen für die mechanische Baumwollspinnerei erfüllt, so daß nunmehr in rascher Folge Fabriken errichtet werden konnten. Durch diese ersten mechanischen Betriebe, die wir im einzelnen nicht kennen, wurde die Leistungsfähigkeit der englischen Baumwollspinnereien in einer Weise gesteigert, daß sie vorübergehend die Verarbeitungsfähigkeit der Weberei beträchtlich übertraf. Diese neue Diskrepanz wurde durch den mechanischen Webstuhl überwunden, dessen erste Konstruktion dem Landpfarrer Dr. Cartwright zwar bereits 1787 gelungen war, der aber erst 1804 als betriebsfertig und konkurrenzfähig betrachtet werden konnte. Dann aber kam es auch zur Gründung von Fabriken für die Baumwollweberei. Es waren dies zuerst sog. public mills, in denen die Weber auf den dort aufgestellten Maschinen gegen Mietzahlung ihr Garn verarbeiten konnten. Öald aber wurden Fabriken auch durch Verleger oder reich gewordene Weber errichtet, die selbständige Handwerksmeister in ihre Dienste nahmen und sie als Lohnarbeiter an den Maschinen beschäftigten1. Von England wurde die mechanische Baumwollspinnerei nach Frankreich gebracht. Der englische Jakobiter Holker, der in Rouen eine 1 L. Brentano, Gesch. cL wirtsch. Entwicklung Englands II, S. 384. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
111] Die Entstehung der Fabrik 111 Baumwollsammetfabrik betrieb, führte dort die Jenny, die Engländer Milne, die Werkstätten in La Muette besaßen, die Mule-Maschine ein. Doch kam es erst nach 1780, besonders nach dem Abschluß des englisch-französischen Handelsvertrages von 1786 zur Gründung von Fabriken, von denen es nach dem Bericht des Handelsintendanten Tolozan 1790 erst 8 mit ungefähr 900 Jennys gab, während um die gleiche Zeit in England bereits etwa 20 000 Jennys und 7000 bis 8000 Spinning-Throstles liefen. Unter ihnen befanden sich die 1786 errichtete Spinnerei in Boive, die vier Gebäude umfaßte und 100 000 L. gekostet hatte, die von Brisout de Barneville erbaute Fabrik in Rouen, deren Gebäude und Maschinen in dem Aufruhr vom 20. Juli 1789 vernichtet wurden, der 1789 errichtete Betrieb von Martin & Flosselles in Amiens und eine große Fabrikanlage in Louviers1. Doch fehlen genauere Angaben über diese Betriebe, so daß wir uns leider kein hinreichendes Bild von ihrer Struktur machen können. Älter als in der Baumwollspinnerei und -weberei ist der Fabrikbetrieb in der Herstellung bedruckter Baumwollstoffe, der sog. Kattun- oder Zeugdruckerei. In Holland, wo sie sich zuerst entwickelte, wurde sie schon während des 17. Jhrh. als Hausindustrie betrieben, während sie in Frankreich, in der Schweiz und in Deutschland, wohin sie um die Mitte des 18. Jhrh. wanderte, gleich von Anfang an die Fabrikform gehabt zu haben scheint. Die erste, in Europa nachweisbare fabrikmäßige Kattundruckerei wurde 1678 von Jakob ter Gouw in Amsterdam gegründet. Ihr folgten bald weitere, so daß es um 1700 in dieser Stadt bereits eine ganze Anzahl von Betrieben gab, und auch in Rotterdam wurde die dortige Verlagsindustrie Anfang des 18. Jhrh. in die Fabrikform übergeführt2. Doch ging die holländische Zeugdruckerei unter dem Drucke der billiger arbeitenden ausländischen Konkurrenz im Laufe des 18. Jhrh. stark zurück. Dagegen entwickelte sie sich um so kräftiger in Frankreich. In Mülhausen i. E. legten 1746 Samuel Köchlin, Joh. Jakob Schmalzer und J. Heinr. Dollfus mit der Errichtung einer Fabrik für bunte Baumwollgewebe, d. h. einer Zeugdruckerei, den Grund zu der dortigen bedeutenden Baumwollindustrie. 1752 wurde eine Zeugdruckerei auch in Angers errichtet und 1761 folgte ihr die von Jacques de Mainville in Orleans gegründete „Manufacture d'Orleans", die 1779 bereits an die 200 Arbeiter beschäftigte und jährlich 15 000 bis 16 000 Stück Baumwollzeug im Werte von 100 000 ecus bedruckte3. Am stärksten blühte der Industriezweig im Elsaß auf, wo es im Jahre 1786 nach einer statistischen Zusammenstellung bereits 23 Druckerfirmen gab, die ihren Sitz in Mülhausen und 1 H. See, Französische Wirtschaftsgeschichte I, S. 335 ff. 2 E. B a a s c h , Holländische Wirtschaftsgeschichte, S. 100. 3 H. S e e , Französische Wirtschaftsgeschichte I, S. 336 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09
112 Georg Jahn [112 Umgebung hatten1. Sie beschäftigten etwa 3500 Arbeitskräfte, besaßen zusammen 1174 Drucktische und bedruckten in jenem Jahre insgesamt 208 273 Stück Baumwollzeug im Verkaufswerte von 8,6 Mill. L. Davon kamen allein auf die Firma Dollfus, die ihre Fabriken in Weeserling und Thann hatte, 800 bis 900 Arbeiter, 286 Drucktische und 47 389 Stück Zeug zum Preise von 2,5 Mill. L. Die Durchschnittsgröße des einzelnen Betriebes berechnet sich auf etwa 150 Beschäftigte, 50 Drucktische und 9000 Stück Zeug, woraus hervorgeht, daß wir es in dieser Industrie gegen Ende des 18. Jhrh. wirklich schon mit Großbetrieben zu tun haben. Auch in der Schweiz, wo sich die Zeugdruckerei in Basel, Genf, Neuenburg und Glarus ansiedelte, gab es einige Betriebe, die wie die Firma Rehiner in Basel mit 48 Drucktischen und 150 Arbeitern (1765) die Durchschnittsgröße der Mülhäuser Fabriken erreichten oder sie wie die Firma Pasquin & Pourtales mit angeblich 600 bis 700 Drucktischen und annähernd 2000 Beschäftigten (1788) sogar gewaltig übertrafen. Das gleiche gilt für Deutschland, wo die wahrscheinlich erste Zeugdruckerei 1745 in Lörrach i. Baden errichtet wurde und bi3 zu 200 Arbeitern anwuchs. Stärker noch entfaltete sich die Industrie in Chemnitz, wo es in der zweiten Hälfte des 18. Jhrh. 10 Firmen mit insgesamt 1437 Arbeitskräften gab, von denen die größten 250 und mehr Menschen beschäftigten. Aber nicht nur äußerlich erreichten die Zeugdruckereien die Ausniaße des Großbetriebes, auch ihre innere Struktur war die der Fabrik! Zu einer Zeugdruckerei gehörten regelmäßig folgende Werkstätten: die Tischler- und Formstecherwerkstatt, die Farbküche (mit kupfernem Farbkessel), die Druckerei (mit den Drucktischen), der Bleichplatz, das Trockenhaus und die Mangel. In ihnen herrschte eine ausgeprägte Arbeitsteilung, die durch die Kategorien der beschäftigten Arbeiter wenigstens angedeutet wird. Es waren dies: Schreiner und Formstecher, Koleuristen, Vordrucker und andere gelernte Drucker, Streichjungen, Schildermädchen und Ausmaler, Bleicher, Glätter sowie ungelernte Handlanger. Dagegen wurden, von der Mangel abgesehen, Maschinen noch nicht verwendet, da fast alles individuelle Handarbeit war, bis die Einführung des Walzendruckes auch hierin einen Wandel brachte. Besser noch als an den Hauptzweigen des Textilgewerbes läßt sich der allmähliche Übergang vom Verlagsystem zur mechanischen Fabrik an solchen Zweigen der Metall verarbeitenden Industrie verfolgen, die als Exportgewerbe frühzeitig verlagsmäßig organisiert waren und die zwischenbetriebliche Arbeitsteilung in hohem Grade ausgebildet hatten. 1 Vgl. hierzu wie auch zum Folgenden die Materialzusammenstellung bei W.Somhart. Mod. Kapitalismus II 2, S. 762 ff., 834 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.1.89 | Generated on 2023-04-04 11:03:09