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Wie verhält es sich eigentlich mit der Einkommenssituation der westdeutschen Landwirtschaft?

Schmitt, Günther

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Schmitt, Günther Article Wie verhält es sich eigentlich mit der Einkommenssituation der westdeutschen Landwirtschaft? Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Schmitt, Günther (1994) : Wie verhält es sich eigentlich mit der Einkommenssituation der westdeutschen Landwirtschaft?, Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 114, Iss. 1, pp. 41-62, https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291812 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Sozialwissenschaften (ZWS) 114 (1994), S. 41-62 Duncker & Humblot, Berlin Wie verhält es sich eigentlich mit der Einkommenssituation der westdeutschen Landwirtschaft? Eine empirische Analyse und eine theoretische Erklärung Von Günther Schmitt Der „Agrarbericht" der Bundesregierung verweigert eine Aussage über die „soziale Lage der in der Landwirtschaft Tätigen" auch im Verhältnis zu „vergleichbaren Berufsgruppen". In diesem Beitrag werden die Einkommen der Landwirtschaft betreibenden Privathaushalte in Westdeutschland auf der Grundlage von statistischen Informationen geschätzt, die das Statistische Bundesamt und der Agrarbericht liefern. Danach kann von einer „Einkommensdisparität" nicht gesprochen werden, vor allem weil die landwirtschaftlichen Haushalte über stark ansteigende nicht-land- wirtschaftliche Einkommen verfügen. Eine Erklärung in Form der Theorie des landwirtschaftlichen Haushaltes wird vorgetragen. 1. Einleitung Das Landwirtschaftsgesetz (LwG) von 1955 verpflichtet die Bundesregierung, jährlich einen „Bericht über die Lage der Landwirtschaft" vorzulegen. Dieser „Agrarbericht" (AB) enthält umfangreiche und detaillierte Angaben über die wirtschaftliche Situation der landwirtschaftlichen Betriebe in Erfüllung der Forderungen des § 2 LwG, der Auskunft über deren „Ertrag und Aufwand" erheischt. Aber auch mit Blick auf die in § 4 geforderte „Vergleichsrechnung" werden Berechnungen vorgelegt, die darüber informieren sollen, inwieweit in „Betrieben mit durchschnittlichen Produktionsbedingungen, die bei ordnungsgemäßer Führung die wirtschaftliche Existenz einer bäuerlichen Familie nachhaltig gewährleisten", eine Entlohnung der Produktionsfaktoren erreicht wird, wie sie außerhalb der Landwirtschaft erzielt wird1. Der AB 1992, 57, räumt indes ein, daß „wegen methodischer 1 Als solche Betriebe werden seit geraumer Zeit die sog. „Vollerwerbsbetriebe" {AB 1992, 159) verstanden, auf die noch zurückzukommen sein wird. Da in den die Landbewirtschaftung fast ausnahmslos organisierenden Familienwirtschaften die Höhe der Entlohnung der Familienarbeitskräfte, des Eigenkapitals und des im Eigentum befindlichen und bewirtschafteten Bodens nicht ausgewiesen wird, wird in der „Vergleichsrechnung" eine fiktive „paritätische" Entlohnung nach Maßgabe der Löhne von Lohnarbeitskräften, einer geschätzten Kapitalverzinsung und einem gegriffenen „Unternehmerzuschlag" errechnet und mit dem entsprechend bereinigten sog. „Vergleichsgewinn" verglichen, um anhand der als „Abstand" bezeichneten Differenz die „Einkommensdisparität" zu errechnen. Ausführlicher dazu die Erläuterungen im AB 1992, 56ff.; MB, 176. ZWS 114 (1994) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 | Generated on 2023-04-04 12:18:51 42 Günther Schmitt Unzulänglichkeiten die Vergleichsrechnung heute nur noch begrenzt aussagefähig ist". Damit wird zum Ausdruck gebracht, daß die „Vergleichsrechnung" keine Aussage darüber zuläßt, ob und in welchem Ausmaß ein intersektoraler „Einkommensabstand" der Landwirtschaft besteht, der doch die Begründung für die massive staatliche Alimentation der Landwirtschaft bildet. § 1 LwG verlangt nämlich, „die soziale Lage der in der Landwirtschaft tätigen Menschen gleichzeitig ... mit den Mitteln der allgemeinen Wirtschafts- und Agrarpolitik ... an die vergleichbarer Berufsgruppen" anzugleichen. In Erkenntnis des Tatbestandes, daß in vielen landwirtschaftlichen Betrieben die Inhaberfamilie noch über andere als nur landwirtschaftliche Einkommen verfügt, weist der AB noch das sog. „Gesamteinkommen" bzw. das entsprechende „verfügbare Einkommen" aus, freilich nur für das „Betriebsinhaberehepaar"2. Ein Vergleich mit, in nicht-landwirtschaftli- chen Haushalten erzielten Einkommen ist allein schon wegen dieser willkürlichen Einschränkung nicht möglich. Seit 1985 verweist der AB auch auf die vom Statistischen Bundesamt seit 1972 vorgenommenen und jüngst von Spies u.a. 1992 revidierten Schätzungen des (verfügbaren) Einkommens der verschiedenen privaten Haushaltsgruppen, darunter auch die der Selbständigen in der Landwirtschaft. Es handelt sich um die Haushalte, in denen die jeweilige Bezugsperson durch ihre aus landwirtschaftlicher Unternehmertätigkeit erzielten Einkommen am stärksten zum gesamten Haushaltseinkommen beiträgt3, also im wesentlichen um die Haushalte, die die Betriebe bewirtschaften, die laut AB als „Vollerwerbsbetrieb" definiert werden4. Deshalb wären gerade diese Haushalte für den geforderten intersektoralen Einkommensvergleich geeignet. Der AB 1992, 59, beschränkt sich indes vornehmlich auf eine Reihe meist irrelevanter Einwände, die einen solchen Vergleich angeblich „erschweren"5. 2 Die o.a. Einkommen des Betriebsinhaberehepaares werden jeweils für Voll-, Zu- und Nebenerwerbsbetriebe ermittelt und nach Maßgabe des sog. „Standardbetriebseinkommens" (StBE) für mehrere Betriebsgrößenklassen differenziert. Dabei gelten als Vollerwerbsbetriebe die Betriebe, „in denen der Anteil des außerbetrieblichen Erwerbseinkommens des Betriebsinhaberehepaares am Erwerbseinkommen insgesamt weniger als 10 % beträgt", als Zuerwerbsbetriebe solche, bei denen dieser Anteil „mindestens 10 %, aber weniger als 50 % beträgt", und als Nebenerwerbsbetriebe solche, wo dieser Anteil „mindestens 50 % beträgt" {AB 1992; MB, 171). Beim StBE handelt es sich um ein je Betrieb durchschnittlich als erzielbar angesehenes Betriebseinkommen (Wertschöpfung) aufgrund der jeweiligen betriebsindividuellen Faktorausstattung und regionaler Ertrags- und Kostenverhältnisse. 3 Ausführlicher dazu Schüler 1988. 4 Vgl. dazu Übersicht 1 und bezüglich der wirtschaftlichen Bedeutung der Voll-, Zu- und Nebenerwerbsbetriebe Übersicht 3. 1991 galten laut Aß 1992, 12, 49% aller landwirtschaftlichen Betriebe ab 1ha LF als Voll-, 8,6% als Zu- und 42,4% als Nebenerwerbsbetriebe. 5 Kritisch zu diesen Einwänden Schmitt 1992 e. ZWS 114 (1994) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 | Generated on 2023-04-04 12:18:51 Die Einkommenssituation der westdeutschen Landwirtschaft 43 Im folgenden soll versucht werden, ein zutreffendes Bild der Einkommenslage der Landwirtschaft zu zeichnen. Dabei werden zunächst im Abschnitt 2.1 die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Schätzungen präsentiert und sowohl im Lichte der in nicht-landwirtschaftlichen Haushalten erzielten Einkommen als auch der Einkommensschätzungen diskutiert, die der AB für die landwirtschaftlichen Haushalte (Betriebsinhaberehepaar) präsentiert. Da sich insoweit auf die Vollerwerbsbetriebe bzw. Landwirte-Haushalte beschränkt werden muß, soll im Abschnitt 2.2 der Versuch gemacht werden, auch das in den Zu- und Nebenerwerbsbetrieben erwirtschaftete Haushaltseinkommen zu schätzen. Da diese Betriebe aber von Haushalten bewirtschaftet werden, in denen die jeweilige Bezugsperson ein das landwirtschaftliche Einkommen übersteigendes nicht-landwirt- schaftliches Einkommen erzielt, werden diese Haushalte den nicht-land- wirtschaftlichen Haushaltsgruppen vom Bundesamt zugeordnet. Ein spezifischer Ausweis solcher, auch über landwirtschaftliche Einkommen verfügender Haushalte erfolgt deshalb bisher nicht. Mit dieser Schätzung soll die Frage beantwortet werden, ob es sich bei den Zu- und Nebenerwerbsbetrieben um jenen Bereich der Landwirtschaft handelt6, der hauptsächlich für die häufig, auch vom AB 1992, 68, mit dem Hinweis auf die „strukturellen Nachteile" der deutschen Landwirtschaft „gegenüber den anderen nördlichen Mitgliedsstaaten der EG" betonten, „relativ niedrigen Einkommen" der deutschen Landwirtschaft verantwortlich zu machen ist. In Abschnitt 3 soll dann ein Bild der sich in den verschiedenen landwirtschaftlichen Haushaltsgruppen vollzogenen Veränderung der „Querverteilung" der erzielten Einkommen entworfen werden. Damit kann aus mehr dynamischer Sicht gezeigt werden, daß und wie stark sich diese Haushalte an die Veränderungen der agrar- und gesamtwirtschaftlicher Rahmenbedingungen angepaßt haben. Darauf aufbauend wird eine Hochrechnung der in der „Landwirtschaft" erzielten Haushaltseinkommen vorgenommen, um die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der landwirtschaftlichen bzw. nichtlandwirtschaftlichen Einkommen der Haushalte mit landwirtschaftlicher Unternehmertätigkeit zu verdeutlichen. Im letzten Abschnitt soll dann eine einfache theoretische Erklärung der empirisch zuvor ermittelten Erkenntnis vorgetragen werden, warum von einer nachhaltigen Einkommensdisparität der Landwirtschaft im Gegensatz zu der auch unter Agrarökonomen weit verbreiteten Vorstellung, die Landwirtschaft sei ein im Wirtschaftswachstum aus vielerlei Gründen „benachteiligter" Sektor, nicht gesprochen werden kann7. 6 Hinweise und Kritik an solchen Behauptungen über die angebliche Ineffizienz und geringe Rentabilität der im Nebenerwerb bewirtschafteten Betriebe finden sich in Schmitt 1992 a. 7 In einem jüngst im „Journal of Economic Literature" erschienenen Aufsatz kommt Gardner 1992 zu der Auffassung, daß mit dem für die USA seit etwa 1960 ZWS 114 (1994) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 | Generated on 2023-04-04 12:18:51 44 Günther Schmitt 2. Die Haushaltseinkommen in der Landwirtschaft im Vergleich 2.1 Einkommen der Selbständigen-Haushalte In Tabelle 1 sind für die Zeit 1972 bis 1991 die verfügbaren Einkommen im Durchschnitt aller Privathaushalte (Sp. 1) aller Arbeitnehmerhaushalte (Sp. 2) und der Selbständigen-Haushalte in der Landwirtschaft (Sp. 3) aufgeführt. Bei den zuletzt genannten Haushalten handelt es sich, wie bereits erwähnt, im wesentlichen um die Haushalte, die die im AB ausgewiesenen Vollerwerbsbetriebe bewirtschaften8. Deshalb sind in Spalte 6 die im AB geschätzten verfügbaren Einkommen der Betriebsinhaberehepaare aufgeführt, soweit diese Vollerwerbsbetriebe bewirtschaften. In Spalte 9 sind weiter die von den Haushalten selbständiger Landwirte erzielten Bruttoeinkommen insgesamt und die aus landwirtschaftlicher Unternehmertätigkeit erzielten Bruttoeinkommen (Sp. 10) ausgewiesen sowie zum Vergleich die im AB geschätzten Gesamteinkommen (Sp. 12) und „Gewinne"9 der Vollerwerbsbetriebe bewirtschaftenden Betriebsinhaberehepaare (Sp. 13) genannt10. Tabelle 1 läßt folgende Interpretationen zu: 1. Die Einkommen der Landwirte-Haushalte lagen durchweg über den im Durchschnitt aller Privathaushalte erreichten (Sp. 4), auch über dem verfügbaren Einkommen aller Arbeitnehmerhaushalte (Sp. 5), wenn auch mit wenigen Ausnahmen, die durch die starken preis- und mengenbedingten Erlös- und Kostenschwankungen in der Landwirtschaft verursacht waren. Innerhalb der Gruppe der Arbeitnehmerhaushalte war der Abstand zu den Landwirte-Haushalten naturgemäß am stärksten bei den Arbeiter- und geringer bei den Angestelltenhaushalten ausgeprägt11. Von der immer wienachgewiesenen Nichtvorhandensein der von Agrarökonomen so intensiv nach ihren Ursachen untersuchten „Einkommensdisparität" auch die dabei vorgetragenen zahlreichen und im übrigen inkonsistenten Erklärungsversuche gründlich widerlegt wurden. Ausführlicher dazu Schmitt 1992b. Zum Problem der aus dieser angeblichen Disparität abgeleiteten ordnungspolitischen Sonderstellung der Landwirtschaft siehe Schmitt 1990 c. 8 Vgl. dazu die entsprechenden Angaben in Übersicht 3. 9 Als „Gewinn" gilt die „Differenz zwischen Unternehmensertrag und Unternehmensaufwand", umfaßt also „das Entgelt für die nicht entlohnte Arbeit des Landwirts und seiner mitarbeitenden Familie, das eingesetzte Eigenkapital und die unternehmerische Tätigkeit" laut AB 1992; MB, 173. Im Gegensatz zum Bruttoeinkommen aus Unternehmertätigkeit, wie es vom Statistischen Bundesamt geschätzt wird, werden beim „Gewinn" die Abschreibungen zu Anschaffungspreisen und nicht zu Wiederbeschaffungswerten berechnet. Ausführlicher zum Begriff und Aussagewert des „Gewinns" Schmitt 1990 d. 10 Die in Spalte 6 aufgeführten „verfügbaren Einkommen" des Betriebsinhaberehepaares werden erst seit 1986 vom AB ausgewiesen. Deshalb wurden sie für die früheren Jahre nach Maßgabe des Verhältnisses der Bruttoeinkommen (Sp. 10) zu den verfügbaren Einkommen in den Jahren vor 1986 grob geschätzt. 11 Der Abstand des verfügbaren Einkommens der Landwirte-Haushalte betrug gegenüber den Arbeiterhaushalten +30,5%, den Angestelltenhaushalten +6,9% und den Beamtenhaushalten -13,3 %. In diesem Zusammenhang erhebt sich die Frage, mit ZWS 114 (1994) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 | Generated on 2023-04-04 12:18:51 Die Einkommenssituation der westdeutschen Landwirtschaft 45 § £ I * 11« ^ 4 - .s § s £ £ •§ .sa m - 1 £ o E ü QO toco £ I <D ¿j J5 £ S £ c ö S l- <D <D I! 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Allerdings hat sich dieser positive Einkommensabstand der landwirtschaftlichen gegenüber den nicht-landwirtschaftlichen Haushalten kontinuierlich verringert. Dieser Rückgang ist jedoch auf die veränderte Struktur der Privathaushalte und insbesondere der Arbeitnehmerhaushalte zurückzuführen. Der Anteil der Arbeiterhaushalte mit vergleichsweise geringen Einkommen ist zugunsten der mehr verdienenden Angestellten- und Beamtenhaushalte stark zurückgegangen12. Zum anderen hat die durchschnittliche Größe der Landwirte-Haushalte und damit ihre Erwerbs- und Einkommenskapazität stärker abgenommen als die der nicht-landwirtschaftlichen Haushalte (unterer Teil von Tabelle 1). Schließlich und auch in Verbindung mit dem zuerst genannten Hinweis gilt, daß die Investitionen in Humankapital in der Landwirtschaft geringer zugenommen haben als in den anderen Wirtschaftsbereichen13. 3. Daß die im AB ausgewiesenen „Vollerwerbsbetriebe" weitgehend identisch sind mit den vom Stat. Bundesamt ausgewiesenen Landwirte-Haus- halte zeigt sich daran, daß der in Spalte 12 aufgeführte „Gewinn" der Vollerwerbsbetriebe im langfristigen Vergleich mit 32 000 DM fast die gleiche Höhe erreicht wie das Bruttoeinkommen aus landwirtschaftlicher Unternehmertätigkeit der Landwirte-Haushalte (Sp. 10). Daraus ist die weiterführende Schlußfolgerung abzuleiten, wonach die vom AB genannten Gesamt- und verfügbaren Einkommen des Betriebsinhaberehepaares die vom jeweiligen Haushalt erzielten Brutto- bzw. verfügbaren Einkommen erheblich unterschreiten, die tatsächlich erzielten Einkommen der Landwirte-Haushalte die in den Spalten 3 bzw. 9 wiedergegebenen Größen erreichen. 4. Die wesentlich stärkere Zunahme des verfügbaren und Bruttoeinkommens der Landwirte-Haushalte gegenüber der im gleichen Zeitraum erfolgweichen nicht-landwirtschaftlichen Haushaltsgruppen die o.a. Selbständigen-Haus- halte der Landwirte eigentlich zu vergleichen sind. Diese Frage kann nach Maßgabe der Berufs- und damit Haushaltsgruppen beantwortet werden, die (bisherige) Landwirte im Falle eines Berufswechsels wählen, genauer noch humankapitaltheoretisch, etwa nach Maßgabe der Ausbildungsabschlüsse, die von Landwirten und von entsprechend vergleichbaren nicht-landwirtschaftlichen Berufsgruppen zur späteren Berufsausübung erworben werden (vgl. dazu Weersink 1992, und die dort angeführte Literatur). So verfügten 1970 40% der Beamten, 14% der Angestellten, 0,4% der Arbeiter und 0,5% aller landwirtschaftlichen Betriebsinhaber über einen Fachhoch- oder Hochschulabschluß. Auch bei den hier im Vordergrund stehenden Vollerwerbsbetrieben lag dieser Anteil bei etwa 1%. Diese Indikatoren sprechen dafür, vornehmlich Arbeiter- und, in geringerem Maße, Angestelltenhaushalte als mit den Landwirte- Haushalten vergleichbar anzusehen. Ausführlicher dazu Schmitt 1993. 12 So fiel der Anteil der Arbeiterhaushalte an den Arbeitnehmerhaushalten (allen Privathaushalten) von 55,4 (31,3)% 1972 auf 43,6 (22,7)% 1991. 13 Vgl. dazu Fußnote 11. ZWS 114 (1994) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 | Generated on 2023-04-04 12:18:51 Die Einkommenssituation der westdeutschen Landwirtschaft 47 ten Zunahme des Bruttoeinkommens aus landwirtschaftlicher Unternehmertätigkeit bzw. des damit weitgehend identischen „Gewinns" bzw. des Gesamt- und verfügbaren Einkommens des Betriebsinhaberehepaares bedeutet zugleich, daß die nicht-landwirtschaftlichen Einkommen der Landwirte-Haushalte besonders stark angestiegen sind. Anfang der 70er Jahre lag der Einkommensanteil aus der Unternehmertätigkeit bei über 60%, während er um die 90er Jahre auf unter 50% gefallen ist (Sp. 11). Dagegen ist eine Veränderung des Anteils des Gewinns am Einkommen des Betriebsinhaberehepaares (Sp. 14) nicht zu beobachten. Die zuvor angesprochene Veränderung in der Querverteilung der Einkommen deutet auf die Fähigkeit der landwirtschaftlichen Haushalte hin, sich veränderten agrar- und gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen flexibel anzupassen14. 2.2 Einkommen der Haushalte mit landwirtschaftlichem Zu- und Nebenerwerb Wie bereits erwähnt, erfaßt das Bundesamt als „landwirtschaftliche" Haushalte nur solche, die größere Betriebe im sog. Vollerwerb bewirtschaften15. Kleinere, vornehmlich im „Nebenerwerb" geführte Betriebe gelten als von nicht-landwirtschaftlichen Haushalten bewirtschaftete Betriebe (vorwiegend Arbeitnehmerhaushalte)16. Da das Bundesamt die nicht-landwirtschaftlichen Haushalte nicht danach gruppiert, ob und in welcher Höhe sie Bruttoeinkommen aus landwirtschaftlicher Unternehmertätigkeit beziehen, ist es (noch) nicht möglich, das Einkommen dieser „landwirtschaftlichen" Haushalte analog zu dem der Selbständigen-Haushalte in der Landwirtschaft auszuweisen, wie in Tabelle 1 geschehen. Um dennoch das Einkommen dieser Haushalte zu schätzen, wurde folgendermaßen vorgegangen: In Tabelle 1 waren bereits die verfügbaren und Bruttoeinkommen der landwirtschaftlichen Selbständigen-Haushalte mit den im AB geschätzten verfügbaren und Gesamteinkommen der Vollerwerbsbetriebe bewirtschaftenden Betriebsinhaberehepaare verglichen worden. Dabei zeigte sich, daß das „Gesamteinkommen" des Betriebsinhaberehepaares nur durchschnittlich 56% des Bruttoeinkommens der genannten Landwirte-Haushalte erreicht, während der Abstand bei den verfügbaren Einkommen 41 % beträgt. 14 Ausführlicher dazu im nachfolgenden 3. Abschnitt. 15 1991 betrug laut AB 1992; MB, 18, die durchschnittliche Größe aller landwirtschaftlichen Betriebe über einem ha LF 19,6 ha, die der im Vollerwerb bewirtschafteten 31,36, der Zuerwerbsbetriebe 19,08 und die der Nebenerwerbsbetriebe 6,11 ha LF. 16 Bezogen auf das verfügbare Haushaltseinkommen machte das landwirtschaftliche Unternehmereinkommen (einschl. nicht entnommener Gewinne von Unternehmen ohne eigene Rechtspersönlichkeit) im Jahr 1990 aus: Alle Privathaushalte 1,0% (510 DM); Arbeitnehmerhaushalte 0,1% (67 DM); darunter Haushalte von Beamten 42 DM (0,06%), von Angestellten 31 DM (0,05%) und von Arbeitern 110 DM (0,2%) sowie in allen Nicht-Erwerbstätigenhaushalten 32 DM (0,09%). ZWS 114 (1994) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 | Generated on 2023-04-04 12:18:51 48 Günther Schmitt In Tabelle 2 sind diese Angaben ergänzt worden um die vom Betriebsinhaberehepaar von Zu- und Nebenerwerbsbetrieben durchschnittlich erzielten „Gesamteinkommen" (Sp. 11 u. 18), verfügbaren Einkommen, soweit sie im AB ausgewiesen (Sp. 8 u. 15) wurden, und Gewinne (Sp. 13 u. 20), allerdings beschränkt auf die Jahre 1975 bis 1986, für die vergleichbare Daten vorliegen. Aus dieser Tabelle können folgende Einsichten gewonnen werden, nämlich: 1. Das im AB seit 1986 ausgewiesene verfügbare Einkommen des Betriebsinhaberehepaares von Vollerwerbsbetrieben erreichte im Durchschnitt 66% der verfügbaren Einkommen der Landwirte-Haushalte und 76% der von den Arbeitnehmerhaushalten. Die entsprechenden Prozentsätze betrugen bei den Nebenerwerbsbetrieben 68 bzw. 78 %, bei den Zuerwerbsbetrieben dagegen 78 bzw. 91 %. 2. Die Gesamteinkommen der Voll-, Zu- bzw. Nebenerwerbsbetriebe bewirtschaftenden Betriebsinhaberehepaare erreichen im Durchschnitt der Jahre 1975 bis 1990 bzw. seit 1980 (Zuerwerbsbetriebe)17 55, 61 bzw. 63 Prozent des Bruttoeinkommens der Selbständigen-Haushalte in der Landwirtschaft. Dagegen erreichten die in diesen Betriebskategorien durchschnittlich erzielten Gewinne 103% der Bruttoeinkommen aus Unternehmertätigkeit der Selbständigen-Haushalte, soweit es sich um Vollerwerbsbetriebe handelt, dagegen nur 68% bei den Zuerwerbs- und 20% bei den Nebenerwerbsbetrieben. 3. Vor allem aufgrund der zuvor genannten und übereinstimmenden Relationen des verfügbaren bzw. des Gesamteinkommens in den Vollwie den Nebenerwerbsbetrieben zum verfügbaren bzw. Bruttoeinkommen der Haushalte von selbständigen Landwirten kann nun geschlossen werden, daß das verfügbare und das Bruttoeinkommen der „landwirtschaftlichen" Nebenerwerbs-Haushalte ebenso hoch ist wie in den Selbständigen-Haus- halten. Die entsprechenden Einkommen der Haushalte der Zuerwerbsbetriebe dürften sogar diejenigen der Selbständigen-Haushalte überschreiten18. Weder die landwirtschaftliche Betriebe im Vollnoch die Betriebe im Zu- oder Nebenerwerb bewirtschaftenden Haushalte bestätigen demnach das weitverbreitete Vorurteil, wonach die Landwirtschaft oder auch nur Teilbereiche im Windschatten der volkswirtschaftlichen Entwicklung verharren und dementsprechend nur über vergleichsweise geringe Einkommen verfügen. 17 Seit 1979/90 werden die Einkommen der Zuerwerbsbetriebe laut AB 1982, 25 neu berechnet, weshalb die Angaben vor 1980 nicht vergleichbar sind und bei der Berechnung der Durchschnittswerte nicht berücksichtigt wurden. 18 Darauf deuten die in Übersicht 2 aufgezeigten Gesamt- und verfügbaren Einkommen des Betriebsinhaberehepaares der Zugegenüber den Voll- und Nebenerwerbsbetrieben hin. ZWS 114 (1994) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 | Generated on 2023-04-04 12:18:51 Die Einkommenssituation der westdeutschen Landwirtschaft 55 Übersicht 4: Strukturmerkmale der Haushalte von Selbständigen in der Landwirtschaft, 1975 - 1990 Haushaltsgruppen 1975 1980 1985 1990 Haushalte von Selbständigen in der Landwirtschaft Anzahl Personen je Haushalt zum Vergleich: alle Privathaushalte Verfügbares Einkommen Ldw. DM Bruttoeinkommen aus ldw. Unternehmertätigk. DN^ dav.: Einpersonenhaushalte Anzahl 1000 %3) Verfügbares Einkommen DM Bruttoeinkommen aus ldw. Unternehmertätigk. DM^ Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit DM^ Zweipersonenhaushalte Anzahl Verfügbares Einkommen Bruttoeinkommen aus ldw. Unternehmertätigk. Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit Dreipersonenhaushalte Anzahl Verfügbares Einkommen Bruttoeinkommen aus ldw. Unternehmertätigk. Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit Vierpersonenhaushalte Anzahl Verfügbares Einkommen Bruttoeinkommen aus ldw. Unternehmertätigk. Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit Haushalte mit 5 und mehr Personen Anzahl Verfügbares Einkommen Bruttoeinkommen aus ldw. Unternehmertätigk. Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit "Sb %3) DM % % "SL %3) DM % % %3) DM % %3) DM % % 441 377 345 289 1,87 1,53 1,33 1,04 4,48 4,33 4,12 3,86 2,57 2,46 2,32 2,25 39 062 38 119 44 973 63 431 31039 24 781 29 562 44 051 79,5 65,0 65,7 69,4 12 12 15 18 0,2 0,2 0,2 0,2 2,8 3,2 4,5 6,2 14 664 13 125 18 755 29 004 16 759 14 852 21 579 32 766 114,3 113,2 115,0 113,0 450 1020 1757 2 090 3,1 7,7 9,4 7,2 52 48 48 45 0,8 0,7 0,6 0,5 11,3 12,2 13,7 15,6 22 632 22 679 29 072 42 991 20 331 17 289 22 692 34 623 89,8 76,2 78,1 80,5 2 607 4 756 5 751 9 336 11,5 20,9 19,8 21,7 75 66 65 58 1,8 1,6 1,6 1,2 16,4 16,9 18,1 20,0 32 998 31799 37 459 54 696 28 242 23 318 27 581 41809 85,6 73,3 73,6 76,4 7 322 13 089 18 085 23 850 22,1 41,2 48,2 43,6 94 86 81 70 42,7 2,4 2,4 2,0 21,3 22,8 23,5 24,2 39 362 36 726 45 457 67 321 32 603 25 949 31 961 48 226 82,8 70,7 70,2 71,6 8 630 14 695 20 482 29 122 21,9 40,1 45,1 43,2 208 165 135 98 8,6 7,9 84 6,9 47,2 43,8 39,1 33,9 46 658 47 643 57 037 81 793 34 858 27 637 32 499 48 898 74,7 58,0 57,0 59,8 11511 21 882 28 882 34 433 24,7 45,9 60,6 47,0 !) Prozentanteil an allen Privathaushalten (der gleichen Größe). - 2> In % des verfügbaren Einkommens. - :1> Prozentanteil an allen landwirtschaftlichen Haushalten. - 4> Prozentanteil am verfügbaren Einkommen. Quellen: Agrarbericht der Bundesregierung, versch. Jg. Eigene Berechnungen. - Spies und Mitarbeiter (1992). - ZWS 114 (1994) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 | Generated on 2023-04-04 12:18:51 56 Günther Schmitt 1. Die durchschnittliche Größe der Selbständigen-Haushalte in der Landwirtschaft geht zwar ständig und sogar noch stärker zurück als diejenige aller Privathaushalte, ist aber noch immer um etwa 1,5 Personen größer. Diese überdurchschnittliche Größe der landwirtschaftlichen Haushalte ist zurückzuführen auf einen relativ großen Anteil von Mehrpersonenhaushalten. So waren 1975 (1990) 47,2 (33,9)% aller Selbständigen-Haushalte fünf und mehr Personen stark und erreichten deshalb 9,0 (9,3) % aller gleich großen Privathaushalte, obwohl der Anteil aller Landwirte-Haushalte nur 1,9 (1,0)% betrug. 2. Wie im Durchschnitt aller Privathaushalte und dem der einzelnen nicht-landwirtschaftlichen Haushaltsgruppen ist auch das Bruttoeinkommen und das verfügbare Einkommen der Landwirte-Haushalte um so größer, je größer der Haushalt ist, wenn es auch hier wie dort bezogen auf das einzelne Haushaltsmitglied mit wachsender Haushaltsgröße sinkt. So lag 1990 das verfügbare Einkommen im landwirtschaftlichen Einpersonenhaushalt mit 29 000 DM um 54% unter dem Durchschnitt aller Landwirte- Haushalte, während es in den größten, fünf und mehr Personen umfassenden Haushalten mit 81800 DM 29 % größer war, je Mitglied dieser 5,68 Personen umfassenden Haushalte jedoch nur 14400 DM erreichte. Je größer der Haushalt, um so größer ist in der Regel die „Erwerbskapazität" des Haushaltes kraft einer größeren Zahl von erwerbsfähigen Haushaltsmitgliedern. Deutlich größer ist aber auch in der Regel die Zahl der noch nicht oder nicht mehr erwerbstätigen Angehörigen. 3. Größere Haushalte bewirtschaften i.d.R. auch größere Betriebe, wenn deren Größe anhand der dort erzielten Bruttoeinkommen aus landwirtschaftlicher Unternehmertätigkeit gemessen wird. Tabelle 4 weist aus, daß die Einpersonenhaushalte 1990 durchschnittlich 33000 DM, die Vierpersonenhaushalte ebenso wie die noch größeren Haushalte über 48 000 DM an landwirtschaftlichem Bruttoeinkommen erzielt haben. Sowohl im Querschnitts- als auch im Zeitvergleich zeigt sich aber, daß sich mit „wachsender" Haushaltsgröße die Querverteilung der Haushaltseinkommen zugunsten vor allem des Einkommens aus unselbständiger Arbeit und zu Lasten des Einkommens aus landwirtschaftlicher Unternehmertätigkeit systematisch verändert: Während 1990 bezogen auf das verfügbare Einkommen in den Einpersonenhaushalten 113% auf solche Unternehmereinkommen entfallen, sind es in den Zweipersonenhaushalten 80,5 %, in den Dreipersonenhaushalten 76,4%, den Vierpersonenhaushalten 71,6% und in den größten Haushalten nur noch 59,8%. In allen Haushaltsgrößen sind diese Prozentsätze im Zeitablauf gesunken und wiederum um so stärker, je größer der Haushalt ist. Der größere Haushalt in der Landwirtschaft erlaubt zwar die Bewirtschaftung eines vergleichsweise größeren Betriebes22, aber offenbar sinken die durch eine Betriebsvergrößerung ermöglichten Zunahmen des ZWS 114 (1994) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 | Generated on 2023-04-04 12:18:51 Die Einkommenssituation der westdeutschen Landwirtschaft 57 landwirtschaftlichen Einkommens im Vergleich zu den Opportunitätskosten in Form der realisierbaren Einkommen aus nicht-landwirtschaft- licher Erwerbstätigkeit. Deshalb „steigen" sowohl im Zeitablauf aufgrund des Anstiegs des Lohnniveaus als auch im Querschnittsvergleich von größeren Betrieben bewirtschaftenden größeren gegenüber kleineren Haushalten die Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit stärker als die aus der landwirtschaftlichen Unternehmertätigkeit erzielten. 4. Der Rückgang der Durchschnittsgröße der landwirtschaftlichen Haushalte spiegelt sich in einem wachsenden Anteil der Ein- bis Vierpersonenhaushalte an allen Haushalten. Die Zahl der noch größeren Haushalte hat besonders stark abgenommen. Im Zusammenhang mit der geringen Einkommenskapazität der von Ein- und Zweipersonenhaushalten bewirtschafteten kleineren Betrieb kann geschlossen werden, daß es sich meist um auslaufende Betriebe handelt, die von älteren Personen als Betriebsinhaber allein (Einpersonenhaushalte) oder zusammen mit dessen Ehegatten (Zweipersonenhaushalte) noch bewirtschaftet werden, über keinen Hofnachfolger verfügen und deshalb im sog. Generationswechsel aufgegeben oder nur noch als Nebenerwerbsbetriebe weitergeführt werden. Darauf deuten deren geringe, unter dem Durchschnitt der landwirtschaftlichen Haushalte, aber auch unter dem Durchschnitt der gleich großen Arbeitnehmerhaushalte liegenden Brutto- und verfügbaren Haushaltseinkommen hin23. Diese Einsichten können dahingehend zusammengefaßt werden, daß größere Betriebe von größeren Haushalten bewirtschaftet werden, diese Haushalte aber relativ und absolut größere nicht-landwirtschaftliche Einkommen beziehen als kleinere Landwirte-Haushalte. Die größeren Haushalte erhöhen im Zeitablauf die Einkommenskapazität ihrer Betriebe, indes in geringerem Maße als ihre nicht-landwirtschaftliche Erwerbstätigkeit und die dadurch erzielten nicht-landwirtschaftlichen Erwerbseinkommen. Kleinere Betriebe bewirtschaftende Haushalte reagieren stärker durch ein Ausscheiden von Haushaltsangehörigen (Verkleinerung der Haushalte) und eine entsprechende Verminderung ihrer Arbeits- und Beschäftigungskapazität, die im Zeitablauf zur Aufgabe des Betriebes oder zum Übergang zur nebenberuflichen Landbewirtschaftung führt. Deshalb gilt, daß ein Vergleich der Einkommenssituation der verschiedenen landwirtschaftlichen „Betriebe" nur im Lichte der jeweiligen Haushaltsgröße sinnvoll ist. 22 Die bisher offene Frage nach Ursache und Wirkung der beobachteten Zusammenhänge zwischen Haushalts- und Betriebsgröße in der Landwirtschaft, die erstmals von Tschajanow 1923, 10ff., aufgeworfen und im Sinne einer Ursache beantwortet wurde, wird ausführlich diskutiert in Schmitt 1992 e. 23 Eine ausführliche Analyse dieser Zusammenhänge erfolgte in Schmitt 1992 e. Dort konnte nachgewiesen werden, daß die „kleineren Vollerwerbsbetriebe" mit einem StBE von unter 40 000 DM {AB 1992; MB, 76) ausnahmslos von nur ein bis drei Personen umfassenden Haushalten bewirtschaftet werden. ZWS 114 (1994) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 | Generated on 2023-04-04 12:18:51 58 Günther Schmitt 5. Warum ist die Einkommenssituation der Haushalte in der Landwirtschaft vergleichsweise so günstig? Eine einfache theoretische Erklärung Die voranstehenden Ausführungen konnten zeigen, daß von einer nachhaltigen „Einkommensdisparität" der Landwirtschaft gegenüber anderen Bereichen der westdeutschen Volkswirtschaft nicht gesprochen werden kann. Vielmehr ist es den die landwirtschaftlichen Betriebe bewirtschaftenden Haushalten gelungen, Einkommen zu erzielen, die über dem aller Privathaushalte, sogar über dem aller Arbeitnehmerhaushalte liegen. Diesen positiven Abstand konnten diese Haushalte auch trotz der Verschlechterung der agrarwirtschaftlichen Rahmenbedingungen insbesondere seit den 80er Jahren aufrechterhalten. Dies ist einerseits durch eine Vergrößerung der Einkommenskapazität der meist größeren Betriebe im Zuge des strukturellen Anpassungsprozesses gelungen, besonders aber durch die Realisierung außerbetrieblicher Erwerbs- und anderer Einkommensmöglichkeiten von Seiten der Haushaltsangehörigen. Diese Einsichten bestätigen eine erstaunliche Anpassungsflexibilität landwirtschaftlicher Haushalte, die mit den traditionellen Vorstellungen über „die" Landwirtschaft und deren Einkommenssituation nicht vereinbar ist. Diese tradierte Auffassung von einem systematischen Einkommensrückstand der Landwirtschaft ist darauf zurückzuführen, daß deren Einkommenslage bisher nur an den erzielten Einkommen aus der landwirtschaftlichen Unternehmertätigkeit festgemacht wurde. Diese Sichtweise, der auch der AB folgt, folgt aus der in der Agrarökonomie durchweg vertretenen einzelwirtschaftlichen Theorie, derzufolge es sich bei den landwirtschaftlichen Betrieben um allein auf die Agrarproduktion spezialisierte Unternehmen handelt, nicht aber um Unternehmer-Haushalte, die nur soweit Agrarproduktion betreiben, soweit die dazu eingesetzten Produktionsfaktoren eine (marginale) Entlohnung erzielen, die auch in konkurrierender Verwendung erreicht wird. Mikroökonomisch ist demnach die (effiziente) Ressourcenallokation in der Landwirtschaft nur durch die Theorie des landwirtschaftlichen Haushaltes, nicht aber durch die Theorie des Unternehmens zu erklären. Empirisch ist die Relevanz dieser Haushaltstheorie daran festzumachen, daß in den westlichen Industrie- und Entwicklungsländern der „Familienbetrieb", also die institutionelle Einheit von Haushalt und Betrieb, die dominierende und persistente Organisationsform in Landbewirtschaftung darstellt24. 24 Ausführlicher dazu Schmitt 1990b und die dort angeführten Belege. Eine ausführliche Darstellung und Diskussion der Theorie des landwirtschaftlichen Haushaltes findet sich in Schmitt 1989b, 1990a und b, und dort angeführte weitere Arbeiten des Verfassers. ZWS 114 (1994) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 | Generated on 2023-04-04 12:18:51 Die Einkommenssituation der westdeutschen Landwirtschaft 59 Die zuvor angesprochene Theorie des landwirtschaftlichen Haushaltes unterscheidet sich von der von Becker 1965 begründeten Theorie des nichtlandwirtschaftlichen Haushaltes25 allein dadurch, daß dem landwirtschaftlichen Haushalt zur Verfügung stehende Ressourcen (Arbeitszeit) auch zur Produktion von Agrargütern verwendet werden, allerdings nur in dem Maße, wie dabei eine Grenzverwertung erzielt wird, die derjenigen entspricht, die innerhalb des Haushalts (Haushaltsproduktion) und bei der Verwendung außerhalb von Haushalt und Betrieb auf dem Arbeitsmarkt (nichtlandwirtschaftliche Erwerbstätigkeit) erzielt werden kann. Letztere stellen demnach die Opportunitätskosten der „Haushaltsproduktion" landwirtschaftlicher Güter dar. Sinkt aufgrund sich verschlechternder landwirtschaftlicher Preis-Kostenverhältnisse oder in Folge steigender Opportunitätskosten die Grenzverwertung in der landwirtschaftlichen Produktion gegenüber derjenigen in nicht-landwirtschaftlicher Verwendung, so erfolgt eine entsprechende Reallokation zugunsten ihrer außerlandwirtschaftlichen Verwendung, eine Reallokation, wie sie anhand der voranstehenden statistischen Informationen nachdrücklich bestätigt werden konnte. Deshalb ist auch kein ökonomisch relevanter Unterschied des landwirtschaftlichen gegenüber dem nicht-landwirtschaftlichen Haushalt zu erkennen, woraus wiederum folgt, daß weder theoretisch noch aufgrund der hier vorgeführten empirischen Belege Anlaß zu der Annahme der überkommenen These besteht, die Landwirtschaft sei ein Bereich permanenter Ineffizienz der dort sich vollziehenden Faktorverwertung und deshalb durch dauerhafte Disparität der Faktoreinkommen ausgezeichnet26. Zu einem solchen „Ergebnis" führt nur die irrtümlicherweise auf den landwirtschaftlichen Betrieb angewandte Unternehmenstheorie, die dann notwendigerweise den zugehörigen Haushalt und dessen Fähigkeiten und Möglichkeiten zur effizienten Allokation der ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht nur im Betrieb, sondern auch im Haushalt und außerhalb völlig außer Acht läßt. 25 Vgl. dazu vor allem Seel 1991. In noch ausgeprägterer Übereinstimmung mit der allgemeinen Theorie des Haushaltes kann die von landwirtschaftlichen Haushalten durchgeführte Agrarproduktion auch als (erweiterte) Haushaltsproduktion interpretiert werden, die sich in vielen nicht-landwirtschaftlichen Haushalten auf eine eigentliche Haushaltsproduktion beschränkt, in landwirtschaftlichen Haushalten zur marktmäßigen Produktion erweitert wurde. 26 Das oben wiederholt angesprochene Ergebnis, wonach landwirtschaftliche Haushalte offensichtlich über ein höheres Bruttoeinkommen als Haushalte „vergleichbarer Berufsgruppen" (Arbeiter- und Angestelltenhaushalte) verfügen, ist auf die Zugangsbarrieren zurückzuführen, die nicht-landwirtschaftlichen Haushalten die Aufnahme der Agrarproduktion verwehren. Zu nennen sind hier institutionelle Schranken, die den Erwerb oder die Pacht landwirtschaftlich nutzbaren Bodens erschweren (Grundstücksverkehrsgesetz), vor allem aber ein vergleichsweise hoher Bedarf an Humankapital: Das Erlernen (Ausbildung) landwirtschaftlicher Erwerbsfähigkeit erfolgt im landwirtschaftlichen Haushalt durch „learning by doing", also quasi als externer Effekt, der im nicht-landwirtschaftlichen Haushalt nicht auftritt. ZWS 114 (1994) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 | Generated on 2023-04-04 12:18:51 60 Günther Schmitt Erstaunlich ist nur, daß es offenbar erst der vom Statistischen Bundesamt ausgewiesenen Daten über die vergleichsweise Einkommenslage landwirtschaftlicher Haushalte bedurfte, um die Logik und Relevanz der Theorie des landwirtschaftlichen Haushaltes27 anhand der Tatsache deutlich zu machen, daß die von Landwirten erzielten Haushaltseinkommen eine ähnliche Höhe erreichen wie in nicht-landwirtschaftlichen Haushalten. Allerdings sind selbst diese seit 1972 nachgewiesenen Tatbestände bisher weder von den Agrarökonomen oder gar den Agrarpolitikern bisher zur Kenntnis genommen worden. Sie müssen wohl noch die Erfahrung machen, die Gardner 1992, 97, für die USA so beschrieben hat: „The apparent lesson of research in ... agricultural economics is: When the accumulation of data becomes sufficient, economists are swayed regardless of theory and cast aside any theory obviously inconsistent with the data, but to be powerful data must be sufficient to tell their own story." Zusammenfassung Der jährlich von der Bundesregierung vorzulegende „AB" gibt keine Auskunft über die Einkommenslage der Landwirtschaft betreibenden Haushalte noch darüber, inwieweit diese Einkommen den von „anderen Berufsgruppen" erzielten entsprechen, wozu das Landwirtschaftsgesetz verpflichtet. In diesem Beitrag werden die Einkommen der Landwirtschaft betreibenden Haushalte auf der Grundlage entsprechender Informationen des Statistischen Bundesamtes und des Agrarberichtes geschätzt und für Westdeutschland hochgerechnet. Eine „Einkommensdisparität" konnte nicht nachgewiesen werden, weil die landwirtschaftlichen Haushalte vor allem stark steigende Einkommen aus außerlandwirtschaftlicher Erwerbstätigkeit bezogen haben. Eine Erklärung in Form der Theorie des landwirtschaftlichen Haushaltes wird vorgetragen, durch entsprechende empirische Daten belegt und in ihren agrarwirtschaftlichen Implikationen diskutiert. Summary The "Agricultural Report" of the German government does not provide exact data concerning income achieved by farm households. Therefore, no information is given whether and to what degree farm family income keeps up with non-farm family income although farm policy is directed toward parity income of agriculture. In this article, farm household income is estimated based on relevant statistics provided by the Central Statistical Office and the Agricultural Report. Disparity of farm versus nonfarm income can not be supported statistically. Farm households have increased income by nonfarm employment of farm household members. The theory of farm households only provides a sound explanation. 27 Die Theorie des landwirtschaftlichen Haushaltes wurde im Kern bereits von dem russischen Agrarökonomen Alexander Tschajanow 1923 entwickelt, konnte sich jedoch gegenüber der von Albrecht Thaer 1810 entwickelten Theorie des landwirtschaftlichen Betriebes nicht durchsetzen. Ausführlicher dazu Schmitt 1992 f. ZWS 114 (1994) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.114.1.41 | Generated on 2023-04-04 12:18:51 Die Einkommenssituation der westdeutschen Landwirtschaft 61 Literaturverzeichnis Agrarberichte der Bundesregierung. Bonn. Becker, G. S. (1965), A Theory of the Allocation of Time. Economic Journal 75, 493 - 517. Gardner, B. (1992), Changing Economic Perspectives on the Farm Problem. Journal of Economic Literature 30, 62 - 101. Scheele, M. 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