Gesund ist mehr als nicht krank: Corona als globale Krise zeigt die Verflechtung von Gesellschaft und Medizin
Abstract
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Full text
Karaivanova, Mariya Article Gesund ist mehr als nicht krank: Corona als globale Krise zeigt die Verflechtung von Gesellschaft und Medizin WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Karaivanova, Mariya (2022) : Gesund ist mehr als nicht krank: Corona als globale Krise zeigt die Verflechtung von Gesellschaft und Medizin, WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung, ISSN 2943-6613, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin, Iss. 175 (1/22), pp. 10-11, https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2022/f-24604.pdf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/327725 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Gesund ist mehr als nicht krank Corona als globale Krise zeigt die Verflechtung von Gesellschaft und Medizin Die Erkenntnis ist nicht neu: Gesundheit ist ein medizinisches, aber auch ein soziales, historisches und psychologisches Phänomen. Vor 30 Jahren beschrieb der Anthropologe Merrill Singer das mit dem Begriff der „Syndemie“, und auch die gegenwärtig herrschende Pandemie zeigt: Jede Krise der öffentlichen Gesundheit in der vernetzten Welt hat gesellschaftliche Ursachen – und Auswirkungen. Mariya Karaivanova Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert in ihrer Verfassung von 1948 Gesundheit als einen „Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens, und nicht nur die Abwesenheit einer Krankheit oder Behinderung“. Die Ereignisse in den letzten zwei Jahren im Zusammenhang mit der Pandemie haben uns klar gezeigt, dass Gesundheit von vielen Faktoren abhängt, die weit über die biologischen hinausgehen. Jede Krise der öffentlichen Gesundheit in unserer vernetzten Welt hat Ursachen in und Auswirkungen auf alle Bereiche der Gesellschaft. Die Lösung der Krisen, die die öffentliche Gesundheit gefährden, muss also integrativ angelegt werden, da für ihre Entstehung sowohl medizinische als auch soziale und psychologische Faktoren eine Rolle spielen. Gesundheit muss als ein System betrachtet werden, das mit den anderen Systemen in der Gesellschaft dauerhaft und vielfach zusammenwirkt. Die Idee, Gesundheit und Krankheit als eine Gesamtheit zu betrachten, ist nicht neu. Der amerikanische medizinische Anthropologe Merrill Singer entwickelte den Begriff der „Syndemie“ in den 1990er-Jahren. Eine Erkrankung als Syndemie zu begreifen, bedeutet, die Interaktion zwischen biologischen und sozialen Faktoren für ihr Auftreten, für Behandlung und Prognose in Betracht zu ziehen. Die globale Gesundheitskrise in den letzten zwei Jahren ist hierfür ein eindrückliches Beispiel. Covid-19 wirkt zusammen mit und vertieft die sozialen, wirtschaftlichen und gesundheilichen Ungleichheiten auf globaler und lokaler Ebene. So wurden die negativen Auswirkungen sozialer Faktoren wie etwa wirtschaftlicher Armut auf die Gesundheit mehr als deutlich. Für zukünftige gesundheitliche Krisen ist daraus zu lernen, dass Lösungen nicht nur einen biomedizinischen Charakter haben dürfen, sondern einem syndemischen, integrativen Ansatz folgen müssen. Auf individuellem Niveau ist der integrative Ansatz im Blick auf die psychische Gesundheit seit Langem nichts Neues. Dass Gesundheit und Krankheit von vielen Dimensionen abhängen, hat etwa George L. Engel in den 1970er-Jahren in seinem „biopsychosozialen Modell“ als Reak- 10 | Mitteilungen
tion auf die klassische biomedizinische Ansicht von Krankheit beschrieben. Die heutige Psychotherapie geht davon aus, dass ein einzelner wissenschaftlicher Ansatz – wie zum Beispiel der psychodynamische oder der kognitive Verhaltensansatz – nicht ausreicht für ein umfassendes Verständnis der psychischen oder verhaltensmäßigen Probleme eines Individuums und für eine erfolgreiche Behandlung. In Bulgarien – woher ich komme – sind Anfang des Jahres 2022 immer noch weniger als 30 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal gegen Corona geimpft. Dieser Misserfolg der Impfkampagne, der in einigen Ländern Osteuropas zu beobachten ist, ist letztlich darauf zurückzuführen, dass die Behörden von Anfang an versäumt haben, soziale und psychologische Faktoren miteinzubeziehen. Die psychologischen Effekte der öffentlichen Kommunikation über das Aufkommen einer Pandemie und die bevorstehende gesundheitliche Krise im Frühling 2020 wurden in Bulgarien unterschätzt. So fehlte auch bei der Impfkampagne das notwendige Vertrauen der Bevölkerung. Ein anderer Faktor, der zum Widerwillen gegen die Impfkampagne in Bulgarien beitrug, ist die Tatsache, dass dank der Leistungen der Medizin mehrere Generationen im 20. Jahrhundert mit gutem Schutz gegen Viren aufgewachsen sind (was natürlich für alle Gesellschaften des globalen Nordens gilt). Sie erinnern sich an keine ernsthafte gesundheitliche Krise, die die ganze Gesellschaft betroffen und das Gesundheitssystem gefährdet hätte. Die Ursachen für die außergewöhnlich niedrige Impfquote liegen also im Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Auf dem Feld der öffentlichen Gesundheit spielen biologische, soziale, historische und psychologische Prozesse zusammen. Die Lösung von Krisen erfordert immer kompliziertere Mechanismen. Immer häufi ger wird in diesem Zusammenhang über Gesundheitsförderung gesprochen. Dieses Konzept umfasst vielfältige Ansätze zur Steigerung von individueller und öffentlicher Gesundheit und Wohlbefi nden: der Abbau von Risikofaktoren, die Förderung der Gesundheit der Bevölkerung durch gesundheitliche, soziale und ökologische Maßnahmen, der Einsatz von Expertinnen und Experten in der Gesundheitserziehung. Gesundheitsförderung muss immer auch die Prävention im Blick haben. Es muss alles darangesetzt werden, die Balance zwischen den Kapazitäten des Gesundheitswesens und den medizinischen Bedürfnissen der Bevölkerung, die durch die Pandemie empfi ndlich gestört wurde, wiederherzustellen. Literatur Engel, George L.: „The Need for a New Medical Model: A Challenge for Biomedicine“. In: Science, 1977, Jg. 196, H. 4286, S. 129-136. Horton, Richard: „Offl ine: COVID-19 Is Not a Pandemic“. In: The Lancet, 2020, Jg. 396, H. 10255, S. 874. DOI: 10.1016/S0140- 6736(20)32000-6. Karaivanova, Mariya/Tomov, Petar: „Cultural Differences in the Communication Style of Offi - cials to Society During Global Public Health Crisis.“ In: Academic Journal Management and Education, 2020, Jg. 16, H. 6. S. 129-133. Singer, Merril: Introduction to Syndemics: A Critical Systems Approach to Public and Community Health. Hoboken: Wiley 2009. Der Text ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Mariya Karaivanova ist Gastwissenschaftlerin in der Forschungsgruppe der Präsidentin und Assistenz-Professorin für Psychologie in der Abteilung für Verwaltung der Gesundheitspfl ege an der Medizinischen Universität-Plovdiv in Bulgarien. mariya.karaivano[email protected] [Foto: privat] Titelthema 11