Juden in Subsahara-Afrika: Fallstudien aus Südafrika, Nigeria, DR Kongo und Äthiopien
Abstract
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Full text
Kohnert, Dirk Preprint Juden in Subsahara-Afrika: Fallstudien aus Südafrika, Nigeria, DR Kongo und Äthiopien Suggested Citation: Kohnert, Dirk (2024) : Juden in Subsahara-Afrika: Fallstudien aus Südafrika, Nigeria, DR Kongo und Äthiopien, Zenodo, Genève, https://doi.org/10.5281/zenodo.10903684 , https://zenodo.org/records/10903684 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/300877 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
1 Juden in Subsahara-Afrika: Fallstudien aus Südafrika, Nigeria, DR Kongo und Äthiopien Dirk Kohnert 1 „Die netten Neger“ Doppelte rassistische Vorurteile gegenüber Afrikanern und Juden 2 Source: © De Weyer, 2015; Europe Comics, 5 Juli 2020 Zusammenfassung Juden in Afrika haben eine lange Geschichte. Afrikaner sind jüdischen Mythen und Traditionen in unterschiedlichen Formen und Situationen begegnet, was zur Entwicklung einer neuen jüdischen Identität geführt hat, die mit der der Diaspora verknüpft ist. Verschiedene Gruppen schwarzer Juden aus West-, Zentral-, Ost- und Südafrika nutzten und imaginierten ihre mündlichen Überlieferungen und traditionellen Praktiken, um eine eindeutige jüdische Identität aufzubauen. Afrikaner und Afroamerikaner übernahmen das Judentum als eine Form der persönlichen Emanzipation von der kolonialen Unterdrückung und den Auswirkungen des Neokolonialismus. Die Übernahme des Judentums durch Schwarzafrikaner war eine Form der Befreiung von der anglo-christlichen Autorität. Schwarze und Juden sind in der westlichen Kultur die beiden marginalisierten und stigmatisierten Minderheiten. Die Igbo von Nigeria beispielsweise standen an der Spitze einer normativen jüdischen Bewegung, die auch mehrere andere ethnische Gruppen umfasste. Die Holocaust-Rhetorik, Zionismus und die äußeren Merkmale des Judentums wurden von biafranischen Neo-Sezessionisten instrumentalisiert. Außerdem gab es, von der ersten Erwähnung von Afrikanern in der hebräischen Bibel bis zu den zeitgenössischen Forderungen der Black Lives Matter-Bewegung, Unterstützung für den „palästinensischen Widerstand“, aber fast nichts, was eine Konfrontation zwischen Schwarzen und Juden hätte provozieren können. Die meisten afrikanischen Juden leben in Südafrika. Allerdings sind die meisten von ihnen weiß. Der Anspruch jüdischer Personen auf südafrikanische Zugehörigkeit ist jedoch umstritten. Die südafrikanischen Aufnahmegesellschaft unterscheidet zwischen der jüdischen Diaspora und südafrikanische Zugehörigkeit. In Nigeria hat sich seit Anfang der 1990er Jahre die zweitgrößte jüdische Gemeinde in Subsahara Afrika entwickelt, die zuvor auf keiner Landkarte der jüdischen Welt auftauchte. Neun von zehn nigerianischen Juden sind Igbo. Schätzungen zählen 3.000 bis 30.000 Juden. Israel weigert sich allerdings, sie als jüdische Bevölkerung anzuerkennen. In der DR Kongo nimmt eine kleine jüdische Gemeinde seit der Kolonialzeit eine besondere Stellung ein. Viele Juden gehörten zu den engen Beratern Leopolds II. und den Agenten seines Freistaats Kongo (1885–1908). Juden spielten im 20. Jahrhundert auch eine wichtige Rolle in der Katanga- Provinz, seitdem dort die ersten Minen eröffnet und eine Eisenbahnlinie nach Südafrika gebaut wurde. Allerdings zwangen Mobutus Zairisierung (1973) und die Plünderungen im Jahr 1991 die meisten jüdischen Unternehmer, das Land zu verlassen. Äthiopien könnte als Wiege des Judentums betrachtet werden, einschließlich des alten Königreichs Saba, das in der hebräischen Bibel und im Koran erwähnt wird, ebenso wie Beta Israel. Heute jedoch offenbart die harte Realität, mit der äthiopisch-jüdische Einwanderer in Israel konfrontiert sind, den Rassismus, der tief in der israelischen Gesellschaft verwurzelt ist. Schlüsselwörter: Judentum, jüdische Mythologie, Schwarze Hebräer, Judentum in Afrika, jüdische Diaspora, Geschichte der Juden in Südafrika, äthiopische Juden, Lemba-Volk, Igbo-Juden, Subsahara- Afrika, Südafrika, Nigeria, DR Kongo, Äthiopien JEL-Code: F35, F52, F54, K37, N17, N37, N97, O15, O55, Z12, Z13 1 Dirk Kohnert, associated expert, GIGA-Institute for African Affairs, Hamburg. Entwurf: 31 März 2024 2 Karikatur des belgischen Comiczeichners Hergé über Tim im Kongo. Afrikaner wurden auch oft als Kannibalen dargestellt, zum Beispiel in Tibet’s "Chick Bill" (© Le Lombard, 1954).
2 1. Einleitung Juden blicken auf eine lange Geschichte in Subsahara-Afrika (SSA) zurück. Neben den schwarzen äthiopischen Juden, den Beta-Israel, die jahrhundertelang im antiken Königreich Aksum und im Kaiserreich Abessinien lebten (Loudermilk, 2023), wanderten historische Gemeinschaften wie die Juden des Bilad el-Sudan als Kaufleute und Handlungsreisende bereits vor der Einführung des Islam im 14. Jahrhundert in das Songhai Sultanat aus; sie verschwanden allerdings später als Folge ihrer Assimilation in der Gastgesellschaft. Graph 1: Anteil der jüdischen Bevölkerung in Afrika (2005) Source: © Faigl.Ladislav; History of the Jews in Africa, en. Wikipedia Bereits lange vor der Gründung Israels förderte der Vater des modernen politischen Zionismus, der Österreicher Theodor Herzl (1860-1904), die jüdische Einwanderung nach Palästina, um einen jüdischen Staat zu schaffen (1897). Davon abgesehen, vertrat er die Ansicht, dass Juden und Schwarzafrikaner gemeinsam unter Verfolgung und Unterdrückung litten. Im Jahr 1903 schlug der britische Kolonialminister Joseph Chamberlain vor, durch das britische Uganda-Programm ein jüdisches Heimatland in einem Teil Britisch-Ostafrikas zu schaffen. Der Vorschlag basierte auf Visionen von Herzl und wurde 1903 auf dem Sechsten Zionistischen Weltkongress in Basel als vorübergehender Zufluchtsort für Juden vor dem zunehmenden Antisemitismus in Europa präsentiert. Der Vorschlag scheiterte allerdings wegen des Widerstands sowohl seitens der zionistischen Bewegung als auch Großbritanniens (Mitchell, 2013). Viele Afrikaner, die damals noch unter Kolonialherrschaft standen, sahen in Israel ein Vorbild, dem es zu folgen galt. Doch nach der Gründung des jüdischen Staates (1948) setzte der arabisch-israelische Konflikt im Kontext des Kalten Krieges Herzl‘s illusorischer Vision menschlicher Solidarität auf Kosten der strategischen Interessen nationalistischer Staaten ein Ende (Nouhou, 2003). Für die meisten Afrikaner, die in den ärmsten Entwicklungsländern der Welt leben, konnten die Siege Israels über die Araber nicht das Werk eines Dritte-Welt-Landes sein. Stattdessen galt Israel als eine der Regionalmächte oder sogar als Kolonialmacht. In dem Maße, in dem die Afrikaner die Seite wechselten, richtete sich der Blick auf die Palästinenser als Bezugspunkt und Inbegriff des Leidens aus (Nouhou, 2003). Allerdings wurden und werden Juden, insbesondere schwarze Juden, von der Gesellschaft, in der sie lebten und arbeiteten, nicht immer respektiert. Die meisten von ihnen fristeten ihr Auskommen am unteren Ende der sozialen Hierarchie, unterworfen durch doppelten Rassismus: den allgemeinen Vorurteilen der Weißen gegenüber den Schwarzen, wie sie
3 beispielsweise im Apartheidregime Südafrikas zum Ausdruck kamen, und die zusätzlichen Vorurteile ihrer Glaubensbrüder, auf Grund der biblischen Geschichte über den Fluch von Ham im Buch Genesis 3 , der seit über tausend Jahren zur Rechtfertigung von Unterwerfung und Erniedrigung verwendet wird (Garang, 2023). In der westlichen Kultur sind Schwarze und Juden die beiden archetypischen marginalisierten, stigmatisierten und manchmal sogar in einen Topf geworfenen Minderheiten. Seit der Antike pflegen sie ein komplexes Verhältnis von Identifikation, Kooperation und Rivalität (Bruder, 2023). In der jüngeren Geschichte wurden in den 1970er und 1990er Jahren Tausende äthiopischer Juden, die Beta Israel, nach Israel evakuiert, was Parallelen zu einer modernen Exodus-Geschichte nahe legt. Die meisten der fast 58.000 äthiopischen Juden in Israel wurden in zwei international Aufsehen erregenden Luftbrücken aus Äthiopien evakuiert: der Operation Moses (1984–85) während des Zweiten Sudanesischen Bürgerkriegs und der darauffolgenden Hungersnot, und der Operation Solomon 1991, nach der Destabilisierung des Mengistu-Regimes durch eritreische und tigrayanische Rebellen. Bei ihrer Ankunft in Israel erfuhren die äthiopischen Juden einen Kulturschock sowie Rassismus, aber auch die Entwicklung einzigartiger religiöser Praktiken (Weil, 1996; Loudermilk, 2023). Graph 2: Jüdische Bevölkerung in 24 ausgewählten Ländern und HDI, 1980–2000 Quelle: DellaPergola, Sergio & Uzi Rebhun & Mark Tolts (2005) In den letzten Jahrzehnten erlebten schwarze jüdische Gemeinden in Subsahara-Afrika eine erstaunliche Wiedergeburt, die oft mit der jüdischen Diasporas in Übersee verbunden war und mit alten mythologischen Bestandteilen sowohl afroamerikanischer als auch afrikanischer 3 Offiziell wurde der Zusammenhang des Ham-Fluchs mit ‚schwarzer Haut‘ erstmals im 15. Jahrhundert von jüdischen Interpreten der mündlichen Überlieferung der jüdischen Geschichte postuliert (Garang, 2023). Die Verfluchung von Ham‘s Sohn Kanaans wurde zur Rechtfertigung der Versklavung der afrikanischen Bevölkerung durch Europäer herangezogen (Haynes, 2002).
4 Visionen von Juden interagierte. Das Judentum wurde als eine Form der Emanzipation von kolonialer Unterdrückung durch die Christianisierung und den Auswirkungen des Neokolonialismus gesehen (Bruder, 2008; Glasgow, 2009). Die Publikationen der französischen Ethnologin Edith Bruder und Anderer darüber, wie sich Afrikaner ethnisch oder religiös mit Juden identifizierten, haben gängige westliche Vorstellungen, was jüdische Identität und ethnische Zugehörigkeit ausmacht, in Frage gestellt (Glasgow, 2009). Zumindest bei kamerunischen Juden, zum Beispiel, stellte die Konvertierung kein Problem dar. Sie glaubten, dass sie bereits eine jüdische Seele hatten, und machten sich keine Gedanken darüber, die Standards Anderer erfüllen zu müssen (Fox, 2016). Andere afrikanische ‚Juden im Grenzbereich‘ (um einen von Berezin & Levin, 2023 in einem anderen Kontext verwendeten Begriff zu übernehmen) streben auf der einen oder anderen Ebene nach Anerkennung ihrer jüdischen Identität. Dennoch haben die israelischen Rabbinerbehörden keine der Gruppen als jüdisch im Sinne der Halakha oder des jüdischen Gesetzes anerkannt (Bassist, 2012). Die größten jüdischen Gemeinden der SSA gibt es in Südafrika und Äthiopien. Andererseits schrumpften die weißen jüdischen Gemeinden in Subsahara Afrika. Im Jahr 2010 wurde die Zahl der weißen Juden in SSA auf etwa 100.000 geschätzt, um bis zum Jahr 2050 auf 70.000 zu schrumpfen. Diese negative Wachstumsrate von 29 % steht in krassem Gegensatz zum Wachstum der Bevölkerung in SSA insgesamt, die in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich um 131 % wachsen wird (PRC, 2015). Das Zentrum des Judentums verlagerte sich von den seit langem etablierten südafrikanischen (geschätzt zwischen 52.000 und 88.000 Juden) und äthiopischen Gemeinden, bekannt als Beta Israel, aus dem Gebiet des ehemaligen Königreichs Aksum und des Äthiopischen Reiches mit einer geschätzten Zahl von 8.000 Juden im Jahr 2019 ( Dolsten, 2019), hin zu aufstrebenden jüdischen Gemeinden in West- und Zentralafrika. Ein äußerer Kreis umfasst afrikanische ethnische Gruppen, die eine alte hebräische Abstammung für sich reklamierten, aber dennoch dem institutionalisierten Christentum (protestantisch oder katholisch), indigenen afrikanischen Glaubenssystemen oder einer Kombination von Beiden angehörten. Ein mittlerer Kreis umfasst Gruppen, die ihre Praktiken und Überzeugungen so veränderten, dass sie der jüdischen oder israelitischen Religion ähnelten, jedoch meist in nicht-jüdischer Weise, beispielsweise indem sie priesterliche Opfer praktizierten oder Jesus Christus als messianisches Kriterium beibehielten. Der Innere Kreis repräsentiert jene afrikanischen Gemeinschaften, die das normative Judentum übernehmen, wenn auch mit afrikanisierten Bestandteilen (Miles, 2019). Graph 3: Jüdisches Bevölkerungswachstum in SSA im Vergleich zum Gesamtwachstum der Weltregionen von 2010 bis 2050 (% Wachstum der Bevölkerungsgröße) Quelle: Die Zukunft der Weltreligionen: Bevölkerungswachstum-Vorhersagen, 2010-2050 PRC, 2015
5 Im Folgenden werden die Geschichte und das zeitgenössische Leben der Juden in Subsahara- Afrika (SSA) auf der Grundlage verfügbarer Literatur und Online-Quellen nachgezeichnet. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt auf schwarzafrikanischen Juden im Vergleich zu ihren weißen Brüdern, wie anhand von Fallstudien aus den vermutlich größten jüdischen Gemeinden in SSA, und zwar in Südafrika, Nigeria, der DR Kongo und Äthiopien aufgezeigt wird. 2. Fallstudien aus Subsahara-Afrika: Südafrika, Nigeria, DR Kongo und Äthiopien Karikatur 2: ‚Die schwere Bürde, ein schwarzer jüdischer Konvertit zu sein‘ Quelle: © Foye, 2019 Da der Schwerpunkt dieser Studie auf afrikanisch-jüdischen Gemeinden in Subsahara-Afrika (SSA) liegt, umfasst sie nicht nordafrikanische Juden, die einen großen Anteil der afrikanischen Juden ausmachen, wie z. B. die sephardischen und Mizrahi-Juden, die hauptsächlich im Maghreb leben, und die Berberjuden. Die meisten in SSA lebenden Juden sind weiß und, im Vergleich zu ihren schwarzen Glaubensbrüdern, in vielerlei Hinsicht privilegiert, wie im Folgenden gezeigt wird. Graph 4: Karte der Verteilung afrikanischen Juden südlich der Sahara (außerhalb Südafrikas) Source: BBEG, 2024
6 Schwarze Juden teilen nicht das Privileg, das weiße aschkenasische Juden gegenüber farbigen Juden und wohl auch anderen farbigen Menschen haben. Das Vorurteil, dass schwarze Juden keine ‚wahren‘ Juden sein können, hat aufgrund der dadurch ausgelösten rassistischen Spannungen und Spaltungen in der jüdischen Gemeinschaft viele Debatten und Feindseligkeiten hervorgerufen (Foye, 2019). Sowohl Nichtjuden als auch weiße Juden fordern Konvertiten oft auf, ihr Judentum unter Beweis zu stellen, auch wenn das jüdische Gesetz davon abrät, Menschen zu fragen, ob sie Konvertiten sind. Viele weiße Juden fragen schwarze Juden jedoch nicht nur, ob sie Konvertiten sind, sondern möchten darüber hinaus wissen, warum sie konvertierten (Foye, 2019). In ihren Augen sehen Juden auf eine bestimmte Art und Weise aus, und schwarze Juden in jüdischen Räumen zu sehen widerspricht dem, was ihnen beigebracht wurde. Manchmal gehen Nichtjuden sogar so weit zu behaupten, dass jemand der konvertiert ist, nicht von Antisemitismus betroffen sein könne (Foye, 2019). 2.1 Zur Geschichte der Juden in Südafrika 2.11 Weiße südafrikanische Juden Karikatur 3: „Eine ‚Miss South Africa‘-Karikatur zeigt das hässliche Gesicht des Antisemitismus“ 4 Quelle: © Feinberg, 2021 Die Geschichte der Juden in Südafrika begann in der Zeit der portugiesischen Welterkundung im späten 15. Jahrhundert. Eine dauerhafte Präsenz konnte jedoch erst mit Beginn der niederländischen Kolonisierung in der Region im Jahr 1652 nachgewiesen werden. Während der Zeit der britischen Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert wuchs die jüdische Gemeinde in Südafrika stark an, auch dank der Förderung seitens Großbritanniens (JVL, 2024). 4 Motiviert durch die heftigen Reaktion der südafrikanischen Regierung und der Medien auf die Entscheidung der ‚Miss South Africa 2021‘, an der Wahl zur ‚Miss Universe‘ in Israel teilzunehmen, ging eine von der Wochenzeitung Daily Maverick veröffentlichte Karikatur mit der Kritik einen Schritt zu weit, indem sie auf klassische antisemitische Vorurteile zurückgriff (Feinberg, 2021). Die Karikatur zeigt die ‚Miss Universe‘, den israelischen Premierminister Naftali Bennett, und einen Mann, der die „zionistische Lobby“ vertritt, die an dem Schönheitswettbewerb teilnehmen. In der Karikatur wird der Organisation der ‚Miss Universe‘ die Auszeichnung „Miss Anthropic“ (menschenfeindlich) verliehen, was nahelegt, dass die Organisation „Menschen hasst“, weil sie den Wettbewerb in Israel abhält. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu wird zur „Miss Appropriate“ (missappropriation = Veruntreuung) gekrönt. Die antisemitischen Untertöne wurden dadurch verstärkt, dass Bennett eine opulente juwelenbesetzte Krone und eine übergroße Hakennase bekam. Die „Zionistische Lobby“ trägt stolz eine Schärpe, die ihn als „Miss Information“ (misinformation = Falschinformation) auszeichnet. Der Daily Maverick entfernte die Karikatur später von seiner Website (Feinberg, 2021).
7 Graph 5: Karte der größten jüdischen Gemeinden Südafrikas Quelle: Maltz, 2019 Die ersten organisierten jüdischen Gemeinden auf dem Gebiet der heutigen Republik Südafrika wurden in der Kapkolonie gegründet, zunächst in Kapstadt und anderen Orten entlang der Küste und später auf den Kimberley-Diamantenfeldern (BIPA, 1978). Die einst periphere jüdische Bevölkerung wurde zum zentralen Architekten eines neuen globalen Diamantenhandels, der afrikanische Quellen, europäische Produktionszentren, amerikanische Einzelhändler und westliche Verbraucher miteinander verband. In jeder Phase der Reise des Diamanten durch das Britische Empire und darüber hinaus, von Kapstadt bis London, von Amsterdam bis New York City, wurden die Edelsteine hauptsächlich von Juden gehandelt, bewertet, hergestellt und verkauft (Coenen Snyder, 2022). Neben den Briten und Buren waren Juden die prominenteste weiße an diesem Handel beteiligte ethnische Gruppe. Wie in den Vereinigten Staaten, gelang weißen jüdischen Einwanderern in Südafrika eine schneller sozialer Aufstieg, da sie sich erfolgreich in das wirtschaftliche, kulturelle und politische Gefüge der Aufnahmegesellschaft integrierten (Shimoni, 1996). In den 1930er und 1940er Jahren kam jedoch in Südafrika ein erheblicher Antisemitismus auf, der größtenteils auf die Übernahme von Nazi-Propaganda zurückgeführt wurde. Dies in einer Zeit sozialer und wirtschaftlicher Spannungen und erhöhter nationalistischer Frustration und Durchsetzungskraft der Afrikaaner (Buren). Ganz abgesehen vom grundsätzlichen Rassismus des Apartheid-Systems, wurden diese innerweißen rassistischen Vorurteile in den südafrikanischen Kontext integriert. Insbesondere osteuropäische Einwanderer (gleichgestellt mit ‚Juden‘) wurden beschuldigt, eine Bedrohung des nordischen Charakters der (weißen) südafrikanischen Gesellschaft darzustellen (Shain, 1994; Shimoni, 1996). Dennoch war Antisemitismus schon lange vor 1930 ein wichtiger Bestandteil der südafrikanischen Gesellschaft. Selbst die Wahrnehmung der ersten jüdischen Einwanderer durch die Buren war von negativen Bildern geprägt. Diese südafrikanischen Vorurteile wurden während des Ersten Weltkriegs weiter verschärft, zunächst durch den Vorwurf, Juden würden sich dem Militärdienst entziehen, später durch die Assoziation mit subversivem Bolschewismus (Shain, 1994; Shimoni, 1996). In der südafrikanischen jüdischen Gemeinschaft herrschte ein Gefühl des Unbehagens, das mit dem vergleichsweise höheren Zusammengehörigkeitsgefühl und den besonderen ethnokulturellen und religiösen Formen des Engagements zusammenfiel. Das führte zu der Mutmaßung, dass Glaube ein Gegenmittel gegen Angst sei (Bankier-Karp, 2023). Wie in Europa wurden die Juden von dem Imperium, an dessen Aufbau sie beteiligt waren, nicht vollständig akzeptiert. Sie waren „weiß, aber nicht ganz“. Sie waren keine Kolonisatoren, aber sie waren auch nicht die Kolonisierten (Shor, 2023). Der Anspruch des jüdischen Individuums auf südafrikanische Zugehörigkeit wurde oft bestritten, oder die Zugehörigkeit zur jüdischen Diaspora und die südafrikanische Staatszugehörigkeit wurden von der
8 Aufnahmegesellschaft gegeneinander ausgespielt (Denk, 2023b). Wohltätige Aktionen wohlhabender südafrikanischer Juden waren sowohl Ausdruck von Ungleichheit als auch Ausdruck des Wunsches des spendenden Einzelnen, diese zu lindern. Sie waren nach Klasse, Rasse, Wirtschaft und Post-Apartheid-Politik strukturiert. Gleichzeitig war es jedoch deren individuelle Organisation, die Ungleichheiten reproduzierte und die Ambiguität gemeinnütziger Interaktion verstärkte (Denk, 2023b). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebte noch mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung der neun Provinzen Südafrikas in Kapstadt. Mit dem Witwatersrand-Goldrausch gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die weiße Bevölkerung der Transvaal-Kolonie im Vergleich zu der des Kap-, Natal-Kolonien und dem Oranje-Freistaats rasch an (BIPA, 1978). Dieser Trend war bei der jüdischen Bevölkerung noch ausgeprägter, da sich der Großteil der Einwanderung zu dieser Zeit auf die Goldminenzentren konzentrierte. Im Jahr 1911, ein Jahr nachdem die beiden britischen Kolonien und die beiden Burenrepubliken zu den vier Provinzen der Südafrikanischen Union wurden, lebten über 55 % der jüdischen Bevölkerung in Transvaal und fast 36 % in der Kapprovinz (BIPA, 1978). In den nächsten sechzig Jahren wuchs die jüdische und die gesamte weiße Bevölkerung Transvaals weiter auf Kosten der anderen Provinzen, genau wie Johannesburg auf Kosten anderer Städte wuchs. 1970 lebten etwa 65 % der jüdischen Bevölkerung in Transvaal und etwa 28 % in der Kapprovinz (BIPA, 1978). Über 80 % der südafrikanischen Juden können ihre Vorfahren auf das ländliche Litauen zurückführen, und abgesehen von einer kleinen Anzahl von Einwanderern, die 1936 aus Mitteleuropa ankamen, gab es seit 1930 keine groß angelegte Einwanderung mehr. Das von D. F. Malan 1930 eingeführte Quotengesetz schränkte die jüdische Einwanderung wirksam ein (Beider & Fachler, 2023). Soziale Homogenität gepaart mit der Betonung der Ethnizität als Organisationsprinzip der jüdischen Gemeinschaft führte zu dichten sozialen Netzwerken innerhalb der Gemeinschaft, die wiederum die Verbreitung neuer Ideen und Trends erleichterten (Beider & Fachler, 2023). Heute gilt die jüdische Bevölkerung Südafrikas mit etwa 51.000 Mitgliedern als die elftgrößte jüdische Gemeinde der Welt (JVL, 2024). In den letzten Jahrzehnten wanderten südafrikanische Juden in vier großen Wellen aus, hauptsächlich nach Israel, aber auch in andere Länder im englischsprachigen Raum, wie die Vereinigten Staaten, Kanada, das Vereinigte Königreich, Australien und Neuseeland (Wright, 1977; Maltz, 2019). Die erste Auswanderungswelle ereignete sich nach dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 mit über 2.100 Ankünften in Israel zwischen 1969 und 1971. Die zweite ereignete sich während des Soweto-Aufstands im Juni 1976, der sowohl 1977 als auch 1978 über 1.000 Einwanderer in Israel zur Folge hatte (Raijman, 2024). Die dritte Welle folgte auf den Ausnahmezustand in Südafrika im Juli 1985. Infolgedessen gab es zwischen 1986 und 1988 etwa 1.800 Einwanderer in Israel. Schließlich kam es bei den südafrikanischen Wahlen Anfang der 1990er Jahre zu einer weiteren großen Einwanderungswelle, nachdem Nelson Mandela die Wahlen 1994 gewonnen hatte (Raijman, 2024). Bis dahin hatten die meisten südafrikanischen Juden vom Apartheidsystem profitiert, darunter auch jüdische Frauen, die in ihrem Haushalt von den Privilegien des Weißseins profitierten, indem sie sich bei der Haus- und Küchenarbeit auf die ‚unsichtbare‘ Arbeit schwarzer Hausangestellten verließen (Beinart- Smollan, 2023).
15 später um öffentliche Stellen im nördlichen Transvaal und Venda, ein Kampf, der nach der Ankunft weißer Kolonisten und Missionare im späten 19. Jahrhundert begann und unter dem nationalistischen Regime Südafrikas mit der Gründung des Venda-homeland fortgesetzt wurde. Dennoch verdienten viele Lemba ihren Lebensunterhalt eher durch Wanderhandel und Hausieren als durch Subsistenzlandwirtschaft. Sie handelten mit Diamanten, Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Ton und Baumwolle und waren erfahrene Bootsbauer. Außerdem verfügten sie über besondere Fähigkeiten in der medizinischen Versorgung, im Töpferhandwerk und in der Metallurgie, z.B. bei der Herstellung von Kupferdraht für Armbänder und Schmuck. Ethnische Identifikation und Mobilisierung waren damals Strategien, um gemeinsam zu erreichen, was individuell nicht erreicht werden konnte. Die wachsende Nachfrage nach Land im nördlichen Transvaal verschärfte die Konflikte zwischen weißen Bauern und schwarzen Landbesitzern. Die Lemba Cultural Association wurde als direkte Reaktion auf den europäischen Eingriff in afrikanische Ressourcen interpretiert. Die Forderung der Lembas nach einem eigenen Lemba-homeland stieß auf heftigen Widerstand der Venda-Regierung, weshalb die Lemba selbst in den 1980er Jahren darauf achteten, nicht offiziell zuzugeben, dass sie Lemba waren (Buijs, 1998). Während die Lemba vor der Kolonisierung stolz auf ihr ausgeprägtes kulturelles Erbe waren, wurde der Aufbau eines zeitgenössischen jüdischen Erbes mithilfe der LCA erst angestrebt, als eine eigene ethnische Identität im Apartheidregime wichtig wurde. Das Hauptziel der Vereinigung scheint darin bestanden zu haben, den wirtschaftlichen Erfolg der Lemba in Südafrika zu fördern, indem sie sich auf eine ferne nicht-afrikanische Vergangenheit beriefen, die mit anderen besonders erfolgreichen weißen Gemeinschaften in Südafrika gleichgesetzt werden konnte. Das Ziel war ebenfalls damit verbunden, den Widerstand gegen die Apartheid auszudrücken (Buijs, 1998). 2.2 Zur Geschichte der Juden in Nigeria Karikatur 10: ‚Juden in Nigeria haben den Holocaust überlebt, so wie afrikanische Sklaven die Herrschaft der Sklavenhalter überlebten‘ Source: © User, 2019 Das Christentum und insbesondere der Islam sind in Nigeria, dem größten Land des subsaharischen Afrika, seit Jahrhunderten vorherrschend. Das Judentum kann hier nicht auf eine so bedeutende Geschichte oder Erbe zurückgreifen. Im Jahr 2011 hatte Nigeria die größte christliche Bevölkerung aller afrikanischen Länder, wobei mehr als 80 Millionen Menschen (knapp 50 % der Bevölkerung (PRC, 2011)) verschiedenen Kirchen angehörten, sowie die größte muslimische Bevölkerung mit wohl mehr als 50 %. Volkszählungen, inklusive die Erfassung der Glaubensrichtung in Nigeria, waren schon immer sehr umstritten und unzuverlässig. Dies gilt umso mehr, als der tief verwurzelte Glaube an traditionelle
16 afrikanische Religionen, darunter Vodun und okkulte Überzeugungen wie Hexerei, es in den Augen der Gläubigen oft ratsam macht, mehr als einer Religion anzugehören (Kohnert, 2007). Vor den 1990er Jahren tauchte Nigeria auf keiner Landkarte der jüdischen Welt auch nur am Rande auf (Subramanian, 2022). Es gibt keinen überlieferten Text, der die jüdische Abstammung der Nigerianer belegt, wie es im Kebra Negest, dem Epos aus dem 14. Jahrhundert, für die Könige Äthiopiens behauptet wird. Keine sephardischen Juden wanderten aus Spanien und Portugal hierher ein, wie dies im 15. Jahrhundert in Nordafrika der Fall war. Es wanderten auch keine jüdischen Gemeinden während des Kolonialismus ein und blieben nach seinem Ende, wie in Südafrika. Seit den 1990er Jahren sind jedoch zahlreiche Menschen im Süden und Osten Nigerias praktizierende Juden geworden. Sie importierten in erheblichem Umfang die Riten dieses bis dahin unbekannten Glaubens und seiner fremden Sprache. Möglicherweise war diese Wende spontan (Subramanian, 2022). Aber es gibt Hinweise, dass auch andere nichtreligiöse Gründe diese Entwicklung ausgelöst haben könnten, wie weiter unten gezeigt wird. Die messianischen Juden, Mitglieder einer Bewegung, die sich in den 1970er Jahren in den USA aus Juden für Jesus entwickelte, gehörten zu den ersten. Die Bewegung wurde durch das Wachstum der afrikanischen Pfingstkirchen seit den frühen 1960er Jahren gefördert, unterstützt von ihren gut finanzierten amerikanischen Sponsoren. Die pfingstkirchliche Ideologie wurde zu einem Faktor des gesellschaftlichen Wandels, mit neuen Vorstellungen über Erlösung und geistiges Heil, die eng mit afrikanischen okkulten Glaubenssystemen verbunden war, insbesondere über die Bedeutung von Magie und Hexerei als Erklärung für persönliches Unglück, sowie mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Blockaden, auf Grund des Verdachts des Okkultismus sozialer Akteure, Eliten und des postkolonialen Staates (Demart, 2017; Mokoko Gampiot, 2019; Kohnert, 2007). Graph 9: Vorkoloniales Igbo-Königreich und Handelsrouten Source: Juifs igbos, fr.wikipédia Messianische Juden in Nigeria betrachten sich selbst als eine jüdische Gemeinschaft, die dennoch Jesus als den Messias verherrlicht. Tatsächlich sind sie eher Teil der christlichen Bewegung des Evangelikalismus (Subramanian, 2022). Auf jeden Fall gab es keine formelle
17 Anleitung seitens Israels, das sich weigert, sie als Juden anzuerkennen. Die Bandbreite der unzuverlässigen Schätzungen der jüdischen Bevölkerung in Nigeria liegt zwischen 3.000 und 30.000. Aber selbst die niedrigere Schätzung würde zahlenmäßig die andere große Gruppe in Schwarzafrika übertreffen, die im letzten Jahrhundert das Judentum angenommen hat, die Abayudaya im Osten Ugandas (Subramanian, 2022). Die Jewish Fellowship Initiative, ein jüdischer Dachverband in Nigeria, listet etwa 80 nigerianische Synagogen auf, beispielsweise die Gihon Hebrew Synagogue in der Hauptstadt Abuja, die von drei jüdischen messianischen Familien gegründet wurde, sowie weitere Synagogen in Lagos, Port Harcourt, Aba und Owerri. Die meisten dieser Synagogen sind klein, aber manchmal gibt es drei oder mehr in einer Stadt, wobei die Zahl der Gemeinden von einer kleinen einstelligen Zahl bis hin zu beeindruckenden ein paar Dutzend reicht. Die meisten befinden sich im Igboland, wo Angehörige der drittgrößten ethnischen Gruppe Nigerias, der Igbo, leben. Neun von zehn nigerianischen Juden sind Igbo (Subramanian, 2022). Die Praktizierung des Judentums in Nigeria war von Kontroversen über die Legitimität der Behauptung einer angestammten Verbindungen zwischen den Igbo und den Juden geprägt. Ein Hauptstreitpunkt war die rassische versus religiöse Konzeptualisierung des Judentums angesichts der Ansprüche nicht-ethnischer Juden auf jüdische Legitimität (Olayoku, 2024). Es gibt drei allgemeine Indikatoren für die jüdische Identität: jüdische Religion, jüdischer Staat und jüdische Kultur. Die ultraorthodoxen Haredi-Juden beispielsweise akzeptieren weder das messianische Judentum, wie es von einigen Igbo praktiziert wird, noch die Gründung eines jüdischen Staates durch Zionisten oder Biafraner. Die säkulare jüdische Diaspora akzeptiert jedoch eher andere jüdische Beziehungen aufgrund gemeinsamer historischer Erfahrungen und kultureller Bindungen. Sie war daher eher bereit, nigerianische Juden aufzunehmen (Olayoku, 2024). Der vielleicht früheste dokumentierte Hinweis auf die kulturellen Ähnlichkeiten zwischen den Igbo und den Juden stammt aus der Kolonialzeit des 18. Jahrhunderts (Olayoku, 2024). Der im Igboland geborene Abolitionist Olaudah Equiano (1745–1797) zog Vergleiche zwischen den kulturellen und religiösen Praktiken der Igbo und denen der Juden. Ihm zufolge spiegelten bestimmte Bräuche wie Beschneidung, Namensgebung und Reinigungsriten bei den Igbo die Erfahrungen jüdischer Vorfahren wider, wie sie im Buch der Genesis beschrieben sind. Equiano nutzte diese Ähnlichkeiten, um sich für eine bessere Behandlung der Afrikaner durch die Europäer in einer Zeit einzusetzen, die von Rassismus und der Entmenschlichung der Afrikaner durch Sklaverei und Kolonialismus geprägt war (Olayoku, 2024). Die geografische Kategorisierung des Strebens der nigerianischen Juden nach Freiheit wurde durch die unterschiedlichen Konzeptualisierungen von Zionismus und Territorialismus beeinflusst. Während die Zionisten behaupteten, dass die Rückkehr in ihr Heimatland für die Neuansiedlung der Juden von zentraler Bedeutung sei, schlugen die Territorialisten die Schaffung jüdischer Siedlungen an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt vor. Die letztgenannte Position passt zu bestimmten Thesen über die Notwendigkeit, traditionelle religiöse Praktiken der Igbo aufrechtzuerhalten. Bei letzteren geht es um jüdische Bräuche, die von im Exil lebenden jüdischen Vorfahren unter dem Symbol des Davidsterns in den Biafra-Staat gebracht wurden, während es andere Igbo-Juden gibt, die als ethnische Juden akzeptiert werden möchten, um ihre Rückkehr nach Israel zu erleichtern (Olayoku, 2024). Ungeachtet dieser Kontroversen war die Ausübung des Judentums unter den Igbo keineswegs unvereinbar mit dem gleichzeitigen Bekenntnis zum Christentum (Olayoku, 2024). Zumindest nicht aus der Sicht der nigerianischen Juden, eine Sichtweise, die nicht unbedingt von Igbo- Christen geteilt wird. Insbesondere nicht von denjenigen Christen, die von den militanten
18 Aktivitäten der Separatistengruppe Indigenous People of Biafra (IPOB) desillusioniert sind, die auf die Wiederherstellung der untergegangenen Republik Biafra abzielen. Die IPOB instrumentalisierte die biblischen Kriegssiege des alten Israels und seine Wahrnehmung von göttlicher (Elohim‘s) Unterstützung für bewaffnete Aufstände, Kriegsgewinne und nichtzuletzt, politischer Unabhängigkeit. Dieser Diskurs zeigte auch, wie religiöse Überzeugungen den Kampf für politische Unabhängigkeit im postkolonialen Umfeld durch den bewaffneten Kampf der IPOB gegen den nigerianischen Staat und ihren Einsatz für die Unabhängigkeit Biafra‘s legitimierten (Agbo, 2024). Während einige Anhänger des nigerianischen Judentums behaupten, dass die Juden zu den zehn verlorenen Stämmen Israels gehören, was sich u. a. in der Behauptung zeigt, dass etwa 80 % der kulturellen Praktiken der Igbo in der Thora verankert seien, vertreten andere die Auffassung, dass sich das Judentum von Nordafrika nach Nigeria und in andere westafrikanische Länder ausgebreitet habe. Zu den häufig erwähnten Ähnlichkeiten ritueller Praktiken zählen die männliche Beschneidung, die siebentägige Trauer um die Toten, das Neumondfest und Hochzeitsrituale (Olayoku, 2024). Seit Equianos Behauptungen im 18. Jahrhundert (siehe oben) gab es weitere wissenschaftliche Versuche nationalistischer und akademischer Eliten der Igbo, ihre jüdische Herkunft weiter zu beweisen, einschließlich DNA-Tests. Obwohl gezeigt wurde, dass das E1B1a-Gen alte Ägypter mit Afrikanern südlich der Sahara verbindet, ist dieses Gen jedoch nicht auf diejenigen Afrikaner der Igbo-Herkunft beschränkt (Olayoku, 2024). Die rassische Kategorisierung des Schwarzseins mit dem biblischen Fluch von Ham (siehe oben) wurde im babylonischen Talmud dokumentiert. Sie passte daher gut zur kolonialen Vision des Judentums, insoweit sie zur Rechtfertigung von Sklaverei und Kolonialismus herangezogen wurde. Das Christentum trug ebenfalls zur Verinnerlichung der hamitischen Hypothesen unter den Igbo-Juden bei, mit der gemeinsamen Annahme, dass sie die neuen Juden seien, die in dem von nördlichen Muslimen kontrollierten nigerianischen Staat angegriffen würden. Dies steht jedoch im Gegensatz zu der Behauptung anderer Gelehrter, dass die jüdische Identität der Igbo ein Konstrukt des Igbo-Nationalismus sei, um die Position von „Gottes auserwähltem Volk“ einzunehmen und zu versuchen, Macht-, Legitimitäts- und Prestigeverhältnisse in einem vielfältigen ethnisch-religiösen nationalen Kontext zu rechtfertigen (Olayoku, 2024). Seit dem Biafra-Krieg (1967-1970) gab es unter den Igbo vermehrt Bestrebungen, das Christentum zugunsten des Judentums aufzugeben. Dazu gehört das Erlernen des Hebräischen, der Erwerb jüdischer Gebetbücher und das Studium der jüdischen Geschichte. Die traumatische Erfahrung des Bürgerkriegs wurde auch als Hauptgrund für die Vorherrschaft der Igbo unter den Juden Nigeria‘s angeführt. Es kam sogar zu kontroversen Holocaust-Vergleichen, die unter den Igbos aufgrund der Massenmorde im Vorfeld und insbesondere während des Biafra-Krieges aufkamen. Holocaust-Rhetorik, Zionismus und äußere Merkmale des Judentums wurden auch von biafranischen Neo-Sezessionisten instrumentalisiert, die nicht unbedingt Teil der jüdischen Gemeinschaft Nigerias sind (Miles, 2023).
19 2.3 Zur Geschichte der Juden in der DR Kongo Karikatur 11: ‚Die netten Neger‘ Doppelte rassistische Vorurteile gegenüber Afrikanern und Juden 9 Quelle: © De Weyer, 2015; Europe Comics, 5 Juli 2020 Während der Kolonialzeit nahm die kleine jüdische Gemeinde des Kongo eine besondere Stellung bei der Kolonisierung des ‘Heart of Darkness’ ein. Letztere hat Joseph Conrad in seinem bahnbrechendem Roman über die Auswüchse von Imperialismus und Rassismus beschrieben, eine Kolonisierung, die kaum Unterschiede zwischen ‚zivilisierten Europäern‘ und ‚wilden Afrikanern‘ erkennen ließ. Viele Juden gehörten zu den engen Beratern des belgischen Kaisers Leopold II., Gründer und alleiniger Eigentümer des Kongo-Freistaats von 1885 bis 1908, und der europäischen Repräsentanten seines kongolesischen Reiches. Im Zusammenhang mit den Anfängen dieses Kolonialunternehmens spielten Juden im 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle in der kongolesischen Geschichte (Baumann, 2010). Ein herausragendes Beispiel ist Katanga, wo die Eröffnung der ersten Uran- und Kupfer- Minen, die Gründung von Elisabethville (heute Lubumbashi) im Jahr 1910, und die Schaffung einer Eisenbahnverbindung nach Südafrika jüdische Einwanderer magisch anzog (Benatar & Pimienta-Benatar, 2002). Zunächst osteuropäische Aschkenasen und dann hauptsächlich aus Spanien in den Maghreb vertriebene Sepharden. Eine weitere kleinere Gemeinde existierte auch in Luluabourg (Kananga) in Kasaï-Central. Zu dieser Zeit lebten bis zu 3.000 Juden in der Kolonie. Die Ersten waren osteuropäische Einwanderer aus Rumänien und Polen. Anschließend kamen weitere jüdische Einwanderer aus Südafrika (Baumann, 2010). Im Jahr 1911 ließen sich sephardische Juden von der Insel Rhodos, die damals zum Osmanischen Reich gehörte, im Kongo nieder. Die Einweihung der Elisabethville-Synagoge (1930) und die Ankunft von Rabbi Moïse Levy (1937), der später zum Oberrabbiner von Belgisch-Kongo, Ruanda-Urundi und Nordrhodesien ernannt wurde, markierten den Aufstieg einer wohlhabenden jüdischen Gemeinde in Zentralafrika (Baumann, 2010). Diese Einwanderer stammten oft aus Rhodos, wie Rabbi Levy, und bildeten eine soziale Gruppe, die für die Kolonialwirtschaft von wesentlicher Bedeutung war. Viele von ihnen waren Handelsreisende. Sie verkauften lokale Produkte, Kunsthandwerk sowie Groß- und Einzelhandelswaren. Auf diese Weise trugen jüdische Kaufleute aus kolonialer Sichtweise auch zur ‚Emanzipation‘ der ‚Eingeborenen‘ bei, indem sie sie an Industrieprodukte heranführten und sie zu Vollkonsumenten machten. Die Geschäftspraktiken der Juden und ihre täglichen Beziehungen zu den Kolonisierten unterschieden sie jedoch von anderen 9 Karikatur des belgischen Comiczeichners Hergé über Tim im Kongo. Afrikaner wurden auch oft als Kannibalen dargestellt, zum Beispiel in Tibet’s "Chick Bill" (© Le Lombard, 1954).
20 Weißen. Daher haben die Kongolesen selbst die Juden nie mit den Belgiern gleichgesetzt. Allerdings waren gesellschaftliche Beziehungen zwischen Schwarzen und Europäern auf Augenhöhe vor der Unabhängigkeit undenkbar (Baumann, 2010). Dennoch waren Verbindungen zwischen einem einzelnen ‚Kolonialisten‘, der allein mitten im Busch lebte, und einer afrikanischen ‚Hausfrau‘ die ihm zur Hand ging, Teil der kolonialen Realität. Juden, die in den 1920er und 1930er Jahren mit einer Afrikanerin ein Kind gezeugt hatten, erkannten es in der Regel an, gaben ihm ihren Namen und bezahlten seine Ausbildung (Baumann, 2010). Graph 10: Lokalisierung der drei historischen Gemeinschaften der Kongo-Juden 10 Source: n.a.; fr.wikipédia Mit den Unruhen nach der Unabhängigkeitserklärung und der Abspaltung Katangas von Kongo-Léopoldville am 11. Juli 1960 unter Moise Tshombe, flohen die Juden von Elisabethville, wie die meisten Weißen. Viele kehrten nie zurück oder ließen sich in Léopoldville (Kinshasa) nieder, wo sich nach 1960 die jüdische Gemeinde im Kongo entwickelte. Im Jahr 1962 zwangen die Authentizitätskampagne der Zairisierung von Mobutu (1973) und die Plünderungen von 1991 jedoch die meisten jüdischen Unternehmer, das Land zu verlassen. Noch heute lebt eine kleine jüdische Gemeinde in der Hauptstadt Kinshasa. Die Beit-Yaacov-Synagoge ist die einzige funktionierende israelische Kultstätte im Herzen Afrikas (Baumann, 2010). 10 Aus : Histoire des Juifs en république démocratique du Congo, fr.wikipédia
21 2.4 Zur Geschichte der Juden in Äthiopien Graph 12: Illustrationen zum Kebra Negest, 1920er Jahre 11 Quelle: © unbekannter äthiopischer Künstler; Kebra Nagast, en.wikipedia Es gibt keinen schriftlichen Nachweis für die Existenz von Juden in Äthiopien vor dem 13. Jahrhundert. Seitdem wurden verschiedene Hypothesen über ihre Entstehung aufgestellt, ohne dass eine historische Gewissheit erzielt werden konnte (Zonszain, 2019). Die bisher vorherrschende Hypothese, die auch von der äthiopischen christlichen Kirche geteilt wird, besagt, dass die Juden von den Israeliten abstammen, die den legendären ersten Kaiser Äthiopiens, Prinz Menelik I., begleiteten, als er im 10. Jahrhundert v. Chr. die Bundeslade nach Äthiopien brachte. Menelik war laut der hebräischen Bibel und dem Alten Testament der Sohn der Königin von Saba und König Salomo (970 bis 931 v. Chr.), dem Monarchen des alten Israel und Sohn von König David. Die Juden Äthiopiens selbst, Beta Israel („Haus Israel“) genannt, behaupten, Nachkommen des verlorenen Stammes Dan zu sein, einem der zwölf Stämme Israels, laut der Tora, die im 8. Jahrhundert v. Chr von den Assyrern verbannt wurden. Diese Theorie ist am weitesten verbreitet, da sie seit 1973 vom Oberrabbinat Israels unterstützt wird (Duplaquet, 2015). Die Beta-Israel lehnen den amharischen Begriff „Falacha“, den die äthiopische Kirche verwendet, um sie zu beschreiben, als erniedrigend ab, weil er nicht nur „im Exil“ bedeutet, sondern auch „wandernd, landlos“. (Zonszain, 2019). Die Beta Israel sind hauptsächlich im Norden Äthiopiens ansässig. Sie respektieren den Schabbat, praktizieren die Beschneidung neugeborener Männer am achten Tag und beachten Regeln der Lebensmittelreinheit wie das Verbot von Schweinefleisch. Ihre liturgische Sprache ist Ge’ez, die alte liturgische südsemitische Sprache, die auch von der äthiopischen Kirche verwendet wird, da sie weder Hebräisch noch irgendeine nachbiblische Schrift beherrschen. Das Hauptfest ihrer Liturgie, Sigd, wurde 2008 in den israelisch-hebräischen Kalender integriert. Es wird 50 Tage nach Jom Kippur gefeiert (Zonszain, 2019). Die Beta-Israel entwickelte sich mehrere Jahrhunderte lang im Norden Äthiopiens, hauptsächlich in der Provinz Gondar und in geringerem Maße in der Provinz Tigray, wo sie von kleinen unabhängigen Staaten profitierte. Im 17. Jahrhundert wurden diese Gebiete von der äthiopischen christlichen Armee erobert und die Beta Israel im neuen äthiopischen Staat allgemein abgewertet. Alle Juden von Gondar verloren ihr Land, obwohl eine kleine 11 . Es wird angenommen, dass der Kebra Negest die Genealogie der salomonischen Dynastie enthält, die die Nachfolge der äthiopisch-orthodoxen Kirche antrat. Das Manuskript endet mit einer letzten Prophezeiung, dass die Macht Roms von der Macht Äthiopiens in den Schatten gestellt wird, und beschreibt, wie König Kaleb von Axum die in Najran lebenden Juden unterwerfen wird (Kebra Nagast, en.wikipedia).
22 Mittelschicht überleben konnte. Vom 18. bis 19. Jahrhundert zerfiel der zentraläthiopische Staat und wurde von verschiedenen Kriegsherren regiert. Die Beta-Israel-Gemeinschaft wurde weitgehend marginalisiert und zog sich in sich selbst zurück in ihnen zugeteilte Dörfer (Duplaquet, 2015). Heutzutage leben die Beta-Israel im Norden und Nordwesten Äthiopiens in etwa 500 kleinen Dörfern, die über ein weites Gebiet verteilt sind, zusammen mit überwiegend christlichen und muslimischen Bevölkerungsgruppen (Weil, 2012). Graph 13: Königreich Saba: Karte von Aksum und Südarabien, ca. 230 n. Chr Quelle: © Yom, Karte von Sheba, en. Wikipedia Graph 14: Karte der Gebiete, in denen die Beta Israel in der Neuzeit leben 12 Quelle: © Christophe cagé, Juifs éthiopiens, fr.wikipédia, 28 September 2006 Die jüdischen Gemeinden Europas wurden erst 1859 auf Beta Israel aufmerksam, als sie mit protestantischen Missionaren der „London Society for the Promotion of Christianity among the Jews“ (heute Church's Ministry Among Jewish People (CMJ)) in Kontakt kamen. Mehrere Rabbiner proklamierten daraufhin schnell die jüdische Herkunft der „Falashas“, und die 12 Spätestens vom 10. Jahrhundert bis zum 17. Jahrhundert war die Region die Machtbasis des Königreichs Simien, auch bekannt als Königreich Beta Israel.
23 Alliance Israelite Universelle organisierte unter der Leitung von Joseph Halévy eine Mission. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde eine weitere Mission in Nordäthiopien von Jacques Faitlovitch, einem Schüler Halévys, geleitet, der in verschiedenen westjüdischen Institutionen an der Ausbildung einer „Falasha“-Elite arbeitete. Ab 1921 wurde ihr Judentum von Rav Kook, Oberrabbiner der aschkenasischen Gemeinschaft des britischen Mandatsgebiets Palästina, offiziell anerkannt (Duplaquet, 2015). Im Jahr 1938, ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Italienisch-Äthiopischen Kolonialkrieges, in dem Hunderttausende äthiopische Zivilisten unter anderem durch den Einsatz von Senfgas durch die italienischen Truppen starben, versuchte Benito Mussolini, den äthiopischen Kaiser Haile Selassie davon zu überzeugen, einen Platz für die aus Italien vertriebenen Juden in Äthiopien zu finden. Es gab Parallelen zu Hitlers späterem Madagaskar-Plan von 1940 und der früheren britischen Uganda-Plan-Initiative von 1903. Karikatur 12: Mussolini versucht, Haile Selassie zu überzeugen, in Äthiopien einen Platz für die aus Italien vertriebenen Juden zu finden 13 Quelle: © Punch Magazine, 1938 Als jedoch Israel 1948 gegründet wurde, beschloss das Oberrabbinat, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, das Jüdische der Beta-Israel nicht anzuerkennen und daher ihre Einwanderung in den neuen jüdischen Staat nicht zu genehmigen. Die Mehrheit der von der Jewish Agency finanzierten äthiopischen jüdischen Schulen wurden nach und nach geschlossen, und amerikanisch-jüdische Institutionen, die Beta Israel finanziell unterstützten, stellten ihre Aktivitäten ein. In den 1950er Jahren gab es in Israel nur etwa zwanzig äthiopische Juden, und alle kehrten nach Erhalt ihres Diploms nach Äthiopien zurück. Es wurde jedoch schnell ein kleines Einwanderungsnetzwerk aufgebaut. Es war hauptsächlich die Arbeit gebildeter äthiopischer Juden, die mit einem Touristenvisum nach Israel kamen und sich dann illegal dort aufhielten (Duplaquet, 2015). Beim äthiopischen Staatsstreich 1974 stürzte eine Gruppe prokommunistischer Soldaten mit antireligiösen Positionen, die auch die Beta Israel verachteten, das Regime von Haile Selassie. 13 Imaginäre Gespräche. „Negus, mein Herz ist weich geworden. Ich habe beschlossen, Ihr Land mit unseren eigenen großartigen Juden neu zu bevölkern.“ [Es wird gesagt, dass Signor Mussolini beabsichtigt, in Äthiopien einen Platz für die aus Italien vertriebenen Juden zu finden.] Punch Magazine, 1938. Es gibt Parallelen zu Hitlers Madagaskar-Plan von 1940 und der britischen Uganda-Plan-Initiative von 1903.
24 Letzteres galt als Mitglied der salomonischen Dynastie, die ihre Abstammung auf Kaiser Menelik I. zurückzuführt. Äthiopien geriet in einen Bürgerkrieg zwischen Regierungstruppen und linken Rebellen. Das Land war bald mit einer Hungersnot konfrontiert, die die Bevölkerung im Norden des Landes, einschließlich Beta Israel, dauerhaft mittellos zurückließ (Duplaquet, 2015). Tausende Äthiopier waren damals auf der Flucht vor Krieg und Hungersnot in die Nachbarländer. Etwa zur gleichen Zeit wurden in Israel Debatten über das Jüdischsein der „Falashas“ wiederbelebt. Der sephardische Oberrabbiner Israels, Ovadia Yossef, erkannte im Februar 1973 ihr Judentum an, basierend auf einer ägyptischen Rabbinerentscheidung aus dem 16. Jahrhundert. Im folgenden Jahr stimmte der aschkenasische Oberrabbiner dieser Entscheidung zu. Auf Regierungsebene erkannte Premierminister Yitzhak Rabin erst 1975 den jüdischen Charakter von Beta-Israel an und gewährte ihnen somit den Vorteil des Rückkehrgesetzes. Von diesem Moment an kam es zu mehreren Massenauswanderungen, obwohl die äthiopische Regierung ihren jüdischen Bürgern die Auswanderung nach Israel verboten hatte. Die israelische Regierung organisierte daraufhin mehrere massive Transfermissionen äthiopischer Juden. Besonderes internationales Aufsehen erregten die Operation Moses in den Jahren 1984–85 während des Zweiten Sudanesischen Bürgerkriegs und der darauffolgenden Hungersnot, sowie die Operation Solomon im Jahr 1991, bei der 16.000 bzw. 14.000 „Falashas“ nach Israel gebracht wurden (Duplaquet, 2015). Karikatur 13: ‚Reise nach Äthiopien auf den Spuren von Beta Israel‘ Quelle: © Turetsky & Turetsky, 2020 Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert konvertierten viele Beta-Israel zum Christentum, größtenteils als Folge der westlichen Missionierung. Sie wurden Falash Mura (Bard, 2019) genannt. Während die meisten freiwillig konvertierten, wurden einige zwangsweise konvertiert oder fühlten sich aufgrund wirtschaftlicher Not und sozialer Ausgrenzung in einer mehrheitlich christlichen Bevölkerung zum Konvertieren gezwungen. Viele haben es nach Israel geschafft, aber im Jahr 2010 warteten immer noch rund 12.000 Mitglieder der Beta- Israel-Gemeinschaften in Addis Abeba und Gondar darauf, Aliyah zu leisten, also nach Israel auszuwandern (Bard, 2019).
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33 Résumé : [Juifs en Afrique subsaharienne : Le cas de l’Afrique du Sud, du Nigeria, de la RD Congo et de l’Éthiopie] – Les Juifs d’Afrique ont une longue histoire. Les Africains ont rencontré les mythes et traditions juives sous différentes formes et situations, conduisant au développement d’une nouvelle identité juive liée à celle de la diaspora. Divers groupes de Juifs noirs d’Afrique occidentale, centrale, orientale et australe ont utilisé et imaginé leurs traditions orales et leurs pratiques traditionnelles pour construire une identité juive distincte. À partir du début du XXe siècle, deux diasporas distinctes ont fusionné dans un espace entièrement nouveau. Les Africains et les Afro-Américains ont adopté le judaïsme comme une forme d’émancipation personnelle face à l’oppression coloniale et aux effets du néocolonialisme. L’adoption du judaïsme par les Africains noirs était une forme de libération de l’autorité anglo-chrétienne. Les Noirs et les Juifs sont les deux minorités marginalisées et stigmatisées de la culture occidentale. Depuis l’Antiquité, ils entretiennent une relation complexe entre identification, coopération et rivalité. Les Igbo du Nigeria, par exemple, étaient à l’avant-garde d’un mouvement juif normatif qui comprenait également plusieurs autres groupes ethniques. La rhétorique de l’Holocauste, le sionisme et les caractéristiques externes du judaïsme ont été exploités par les néo-sécessionnistes du Biafra. De plus, depuis la première mention des Africains dans la Bible hébraïque jusqu’aux revendications contemporaines du mouvement Black Lives Matter, il y a eu un soutien à la « résistance palestinienne », mais presque rien qui aurait pu provoquer une confrontation entre noirs et juifs. La plupart des Juifs africains vivent en Afrique du Sud. Cependant, la plupart d’entre eux sont blancs. La communauté juive sud-africaine comptait plus de 120 000 membres au milieu des années 1970. Après plusieurs grandes vagues d’émigration à la fin du régime de l’apartheid, ce nombre est tombé à un peu plus de 50 000 personnes. Cependant, l’affirmation du peuple juif comme étant sudafricain est controversée. La société d’accueil sud-africaine fait une distinction entre la diaspora juive et l’appartenance sud-africaine. Depuis le début des années 1990, la deuxième plus grande communauté juive d’Afrique subsaharienne s’est développée au Nigeria, qui n’apparaissait auparavant sur aucune carte du monde juif. Neuf Juifs nigérians sur dix sont des Igbo. On estime qu'il y aurait entre 3 000 et 30 000 Juifs. Cependant, Israël refuse de les reconnaître comme population juive. En République démocratique du Congo, une petite communauté juive occupe une position particulière depuis l’époque coloniale. De nombreux Juifs figuraient parmi les proches conseillers et agents de Léopold II de son État indépendant du Congo (1885-1908). Les Juifs ont également joué un rôle important dans la province du Katanga au XXe siècle, puisque les premières mines y ont été ouvertes et qu'une ligne de chemin de fer vers l'Afrique du Sud a été construite. Cependant, la Zaïrisation de Mobutu (1973) et les pillages de 1991 ont contraint la plupart des entrepreneurs juifs à quitter le pays. L'Éthiopie pourrait être considérée comme le berceau du judaïsme, avec notamment l'ancien royaume de Saba, mentionné dans la Bible hébraïque et le Coran, ainsi que Beta Israel. Aujourd’hui, cependant, la dure réalité à laquelle sont confrontés les immigrants juifs éthiopiens en Israël révèle le racisme profondément enraciné dans la société israélienne. Abstract: [Jews in Sub-Saharan Africa: The case of South Africa, Nigeria, DR Congo and Ethiopia] - Jews in Africa have a long history. Africans have encountered Jewish myths and traditions in different forms and situations, leading to the development of a new Jewish identity linked to that of the Diaspora. Different groups of black Jews from western, central, eastern and southern Africa used and imagined their oral traditions and traditional practices to construct a distinct Jewish identity. In the early 20th century, two separate diasporas merged into an entirely new arena. Africans and African Americans adopted Judaism as a form of personal emancipation from colonial oppression and the effects of neo-colonialism. The adoption of Judaism by black Africans was a form of liberation from Anglo-Christian authority. Blacks and Jews are the two marginalised and stigmatised minorities in Western culture. Since ancient times they have maintained a complex relationship of identification, cooperation and rivalry. The Igbo of Nigeria, for example, were at the forefront of a normative Jewish movement that included several other ethnic groups. The rhetoric of the Holocaust, Zionism and the external features of Judaism were exploited by the Biafran neo-secessionists for their own ends. Furthermore, from the first mention of Africans in the Hebrew Bible to the contemporary demands of the Black Lives Matter movement, there has been support for the 'Palestinian resistance' but almost nothing that could have provoked a confrontation between blacks and Jews. The majority of African Jews live in South Africa. However, most of them are white. The South African Jewish community numbered more than 120,000 in the mid-1970s. After several large waves of emigration at the end of the apartheid regime, the number fell to just over 50,000. However, the Jewish claim to South African citizenship is controversial. The South African host society distinguishes between the Jewish diaspora and South African citizenship. Since the early 1990s, the second-largest Jewish community in sub-Saharan Africa has developed in Nigeria, which previously did not appear on any map of the Jewish world. Nine out of ten Nigerian Jews are Igbo. Estimates range from 3,000 to 30,000 Jews. Israel, however, refuses to recognise them as a Jewish population. In the DR Congo, a small Jewish community has held a special position since colonial times. Many Jews were among Leopold II's close advisers and agents in his Congo Free State (1885-1908). Jews also played an important role in Katanga Province in the 20th century, when the first mines were opened there and a railway line to South Africa was built. However, Mobutu's Zairisation (1973) and the looting of 1991 forced most Jewish entrepreneurs to leave the country. Ethiopia could be considered the cradle of Judaism, including the ancient kingdom of Sheba, mentioned in the Hebrew Bible and the Koran, and Beta Israel. Today, however, the harsh reality faced by Ethiopian Jewish immigrants in Israel reveals the racism that is deeply rooted in Israeli society.