Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation
Abstract
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Full text
Hein, Eckhard Article Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation Intervention. Zeitschrift fuer Ökonomie / Journal of Economics Provided in Cooperation with: Edward Elgar Publishing Suggested Citation: Hein, Eckhard (2004) : Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation, Intervention. Zeitschrift fuer Ökonomie / Journal of Economics, ISSN 2195-3376, Metropolis-Verlag, Marburg, Vol. 01, Iss. 1, pp. 43-66, https://doi.org/10.4337/ejeep.2004.01.07 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/277015 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation Eckhard Hein* In this paper the New Keynesian long run equilibrium view of a non-accel- erating-inflation-rate-of-unemployment (NAIRU) determined by structural characteristics of the labour market, wage bargaining institutions and social benefit systems is challenged by a Post-Keynesian view. In a Post-Keynesian model the NAIRU can only be interpreted as a short run barrier to employment arising from inflation fuelled by distribution conflict, which is enforced by monetary policies. In the long run, the development of the NAIRU follows actual unemployment and hence effective demand. Different adjustment channels are identified. It is also shown that effective coordination of wage bargaining is a better means to stabilise inflation rates and employment than monetary policies. . Einführung Das Konzept einer inflationsstabilen Arbeitslosenquote, einer Non-Accelerating Inflation Rate of Unemployment (NAIRU), gehört mittlerweile zum allgemein akzeptierten Kern des in den USA dominierenden neu-keynesianischen makroökonomischen Mainstreams (vgl. Ball / Mankiw , Mankiw , Stiglitz ). Auch den neu-keynesia- * Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut in der Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf. Ich danke Achim Truger, orsten Schulten, Jan Priewe, Torsten Niechoj, Hansjörg Herr, Arne Heise und Trevor Evans für klärende Diskussionen, Barbara Schnieders für die Durchsicht des Manuskriptes sowie zwei anonymen GutachterInnen für hilfreiche Kommentare. Verbliebene Irrtümer gehen selbstverständlich zu meinen Lasten. Korrespondenzanschrift: Dr. Eckhard Hein, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut in der Hans-Böckler-Stif- tung, Hans-Böckler-Str. , Düsseldorf, E-mail: [email protected] Ersteinreichung des Artikels am 13.6.2003, endgültig akzeptiert am 12.8.2003 © I. Zeitschrift für Ökonomie, Jg. 1 (2004), H. 1, S. 43–66
44 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 45 nisch inspirierten neuen »Konsensmodellen« für die Analyse der makroökonomischen Wirkungen der Geldpolitik liegt implizit das Konzept einer NAIRU zugrunde (vgl. Arestis /Sawyer , Clarida /Gali /Gertler , Meyer ). Aufgrund der nun, im Gegensatz zur Neoklassischen Synthese, »mikrofundierten« nominalen Rigiditäten wird in diesem neuen Mainstream wieder die Gültigkeit der Phillips-Kurve und damit des Trade-off von Inflation und Arbeitslosigkeit für die kurze Frist akzeptiert, die von den Protagonisten der in den er-Jahren dominierenden neu-klassischen Makroökonomie noch verworfen worden war (vgl. Heine / Herr ). Von der Geldpolitik beeinflusste nominale Variablen haben daher in den neu-keynesianischen Modellen, genauso wie in den alten Modellen der Neoklassischen Synthese und des Monetarismus, kurzfristig auch reale Wirkungen auf Produktion und Beschäftigung, weil Preise und Nominallöhne nicht unmittelbar auf exogene Schocks reagieren. Eine aktive und interventionistische Geld- und Fiskalpolitik ist in der kurzen Frist daher immer dann angezeigt, wenn die Ökonomie in eine Rezession zu gleiten droht, da die Marktanpassungsprozesse an das langfristige Gleichgewicht aufgrund von Preisrigiditäten nur sehr langsam funktionieren. In der langen Frist wird die Arbeitslosenquote jedoch in den neu-keynesianischen Modellen durch die NAIRU bestimmt, die selbst wiederum von Strukturfaktoren des Arbeitsmarktes, der Lohnverhandlungen und der sozialen Sicherungssysteme abhängt. Die NAIRU ist dabei nicht mit Markträumung auf dem Arbeitsmarkt gleichzusetzen. Sie beschreibt vielmehr die Arbeitslosenquote, bei der die Verteilungsansprüche von ArbeiterInnen und Unternehmen auf imperfekten Arbeits- und Gütermärkten keine Veränderung der Inflationsrate nach oben oder nach unten auslösen. Zur theoretischen Bestimmung dieser Arbeitslosenquote sind verschiedene Modelle präsentiert worden: Lohnverhandlungsmodelle, in denen Reallohnhöhe und Beschäftigung von der Verhandlungsstärke von Gewerkschaften und Unternehmen abhängen, Effizienzlohnmodelle, in denen Reallöhne einen positiven Einfluss auf die Arbeitsproduktivität ausüben (Shirking- oder Fairness-Modelle), oder Modelle, in denen der durch Lohnersatzleistungen mitbestimmte Reservationslohn den minimalen Reallohn bestimmt (vgl. Blanchard / Katz ). Die NAIRU ist in diesen Modellen im Zeitverlauf nicht notwendig konstant, Diese Modelle bestehen in ihrer einfachsten Form aus drei Gleichungen: einer aggregierten Nachfragefunktion, die aus den Optimierungskalkülen von Haushalten und Unternehmen abgeleitet wird und das Output-gap – die Differenz zwischen Produktionskapazität und tatsächlichem Output – als inverse Funktion des Realzinses darstellt, einer Phillips-Kurve, in der die Inflationsrate positiv vom Output-gap abhängt, und einer Reaktionsfunktion der Zentralbank, die den von ihr gesetzten Nominalzinssatz vom gleichgewichtigen Realzinssatz, vom Output-gap und von der Abweichung der Inflationsrate vom Inflationsziel abhängig macht (Taylor-Regel). In dem Modell spielen Erwartungen eine explizite Rolle. Das Modell weist kurzfristige Preisrigiditäten auf, langfristig hingegen sind die Preise vollkommen flexibel. Als Ursachen für Preisrigiditäten werden hierbei häufig die Vermeidung von »Menükosten« einer Preisänderung auf unvollständigen Gütermärkten, als Gründe für Nominallohnrigiditäten entsprechend die Vermeidung von Verhandlungs- und Informationskosten durch längerfristige Lohnkontrakte auf Arbeitsmärkten angeführt. Vgl. z. B. Snowdon / Vane / Wynarczyk (: ff.) zu einem Überblick über neu-keynesianische Modelle.
44 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 45 sondern steigt immer dann, wenn z. B. die Flexibilität des Arbeitsmarktes abnimmt, die Verhandlungsstärke der Gewerkschaften zunimmt oder die Höhe von Lohnersatzleistungen oder des Minimum-Lohns ansteigt. Wird für die kurze Frist noch ein Einfluss der effektiven Nachfrage auf Produktion und Beschäftigung zugestanden, so wird ein solcher Einfluss auf die langfristig gültige NAIRU in der Mehrzahl der Modelle negiert (vgl. Sawyer ). Langfristig ist daher die Geldpolitik in diesen neu-keynesianischen Modellen wieder neutral (vgl. Hein ). Damit sich die durch die effektive Güternachfrage bestimmte Arbeitslosenquote an die durch die Angebotsbedingungen gegebene NAIRU anpasst, muss implizit oder explizit entweder die langfristige Wirksamkeit von Realkasseneffekten (Keynes- und /oder Pigou- Effekt) unterstellt werden, wie z. B. bei Carlin /Soskice (), oder aber es muss von symmetrischen Eingriffen und Wirkungen der Geldpolitik zwecks Verhinderung von akzelerierender Inflation oder Disinflation bzw. Deflation ausgegangen werden, wie in den eingangs erwähnten jüngeren Modellen der neu-keynesianischen Makroökonomik und den neuen »Konsensmodellen«. Erfolgt bei dauerhafter Unterbeschäftigung und trägen Preisreaktionen, die damit die Realkasseneffekte verzögern bzw. verhindern, kein stabilisierender Eingriff der Geldpolitik (oder der Fiskalpolitik), so gestehen jedoch einige neu-keynesianische AutorInnen, insbesondere bei der Analyse der seit Beginn der er-Jahre langfristig gestiegenen Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union, durchaus zu, dass die effektive Güternachfrage auch einen langfristigen Einfluss auf die NAIRU haben kann, indem ein Nachfrageschock das Hysterese-Phänomen begünstigt (vgl. Carlin /Soskice : ff., Blanchard / Katz , Layard / Nickell / Jackman : ff., Mankiw ). Die NAIRU kann demnach vom Entwicklungspfad der tatsächlichen Arbeitslosigkeit abhängen, wenn z. B. Teile der Arbeitslosen bei steigender Arbeitslosigkeit und zunehmender Langzeitarbeitslosigkeit wesentliche Qualifikationen verlieren, ihre Suchaktivitäten einschränken, von den Unternehmen nicht mehr als ernsthafte BewerberInnen um einen Arbeitsplatz angesehen werden, damit keine effektive Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt mehr darstellen, das Insider-Outsider-Problem verstärken und die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften erhöhen. Obwohl in einigen neu-keynesianischen Ansätzen eine langfristige Verschiebung der NAIRU durch die Entwicklung der tatsächlichen, durch die effektive Nachfrage auf Gütermärkten bestimmten Arbeitslosigkeit durchaus zugestanden wird, bleibt die Behebung struktureller Verwerfungen am Arbeitsmarkt im Rahmen dieses Ansatzes doch das zentrale Instrument zur Bekämpfung hoher Arbeitslosigkeit (vgl. z. B. Snowdon / Vane / Wynarczyk : ff., Franz , Jerger ). Dies bedeutet zum einen, die Macht von Gewerkschaften und Insidern (»ArbeitsplatzbesitzerInnen«) zu reduzieren. Hierzu Carlin /Soskice (: ff.) z. B. bestimmen den tatsächlichen, durch die Güternachfrage bestimmten Beschäftigungsgrad in ihrem NAIRU-Modell durch einen IS-LM-Teil, in dem eine exogen gesetzte nominale Geldmenge die Anpassung der tatsächlichen Arbeitslosenquote an die NAIRU über den sog. »Keynes-Effekt« ermöglicht.
46 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 47 zählen politische Maßnahmen zum Abbau von Kündigungsschutz, um Einstellungs- und Entlassungskosten zu reduzieren, sowie zur Einschränkung der Arbeitskampfmöglichkeiten. Zum anderen sollen die »Marktchancen« der Outsider erhöht werden, indem deren Humankapital durch Qualifizierungsmaßnahmen aufgewertet und die Mobilität von Arbeitskräften gefördert wird. Die Orientierung von Lohnersatzleistungen an der Arbeitsbereitschaft und -fähigkeit soll zudem den Arbeitsangebotsdruck erhöhen. Höhere Lohnflexibilitäten durch Bindung von Lohnbestandteilen an die Unternehmensgewinne sollen eine höhere Reallohnflexibilität ermöglichen. Diese hier knapp skizzierte neu-keynesianische NAIRU-Konzeption ist allerdings mit erheblichen Problemen verbunden. So ist für die NAIRU als Orientierungsgröße der Wirtschaftspolitik erforderlich, dass diese Größe empirisch präzise gemessen werden kann und dass sie im Zeitverlauf hinreichend stabil ist bzw. ihre Veränderung eindeutig erklärt werden kann. Dieses ist aber offensichtlich nicht der Fall. Staiger /Stock / Watson () ermitteln z. B. für ihre Schätzung der US-NAIRU in der Mitte der er-Jahre ein - Konfidenzintervall von , bis , . Ball / Mankiw (), Blanchard / Katz (), Gordon (), Jerger (), Franz () und Stiglitz () stellen in ihren Arbeiten fest, dass die NAIRU sich sowohl in den USA als auch in Europa und Deutschland im Zeitverlauf verändert hat, ohne dass jedoch Übereinstimmung über die entscheidenden Determinanten dieser Veränderungen besteht. Blanchard / Katz (: ) konstatieren daher leicht resignierend: »Economists are a long way from having a good quantitative understanding of the determinants of the natural rate, either across time or across countries.« Auf die empirischen Fragen soll im vorliegenden Beitrag jedoch nicht weiter eingegangen werden, da hinter den Problemen der eindeutigen Messung der NAIRU und der Identifikation von Veränderungsdeterminanten ein sehr viel grundlegenderes theoretisches Problem vermutet werden kann. Dieses besteht darin, dass die Rolle der effektiven Nachfrage für die Arbeitslosigkeit in den neu-keynesianischen Modellen nur auf die kurze Frist beschränkt bleibt, ohne dass jedoch ein überzeugender Anpassungsmechanismus der durch die effektive Güternachfrage bestimmten tatsächlichen Arbeitslosenquote der kurzen Frist an die durch die Angebotsbedingungen bestimmte NAIRU der langen Frist benannt werden kann. Der in einigen älteren neu-keynesianischen Modellen angenommene Realkasseneffekt kann nämlich für eine Geldwirtschaft mit endogenem, über Gläubiger-Schuldner-Verhältnisse entstehenden Geld und unsicheren nominalen Profiterwartungen als Triebkraft von Produktion und Investition genauso wenig überzeugen wie die Unterstellung einer symmetrischen Wirkung der Geldpolitik in den jüngeren Ansätzen und den neuen »Konsensmodellen« (vgl. Sawyer ). In einer Geldwirtschaft erscheint daher die Rolle der Geldpolitik und der Lohnverhandlungssysteme in einem anderen Licht als in den neu-keynesianischen Modellen mit der dort vorherrschenden langfristigen Gültigkeit von Sayschem Gesetz und klassischer Dichotomie von nominaler und realer Sphäre. Diese Anforderung wird dann etwas eingeschränkt, wenn wirtschaftspolitisch verursachte Abweichungen von der NAIRU mit geringen Kosten revidiert werden können (vgl. Stiglitz ).
46 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 47 Anders als in Galbraith () wird in der vorliegenden Arbeit aus den empirischen und theoretischen Unzulänglichkeiten jedoch nicht geschlossen, dass das Konzept einer NAIRU komplett verworfen werden sollte. In den folgenden Abschnitten wird vielmehr der Versuch unternommen, eine Neu-Interpretation der NAIRU aus post-keynesiani- scher Perspektive zu liefern. Es wird sich zeigen, dass dabei durchaus an das bereits in einigen neu-keynesianischen Modellen thematisierte Hysterese-Phänomen angeknüpft werden kann. Im zweiten Abschnitt werden kurz die Grundlagen eines post-keynesia- nischen Modells für eine Geldwirtschaft rekapituliert. Im dritten Abschnitt wird dann die Interaktion von Geld- und Lohnpolitik bei gesamtwirtschaftlich unkoordinierten Lohnverhandlungen analysiert und es wird eine post-keynesianische Interpretation der NAIRU als geldpolitisch erzwungene, nur kurzfristig wirksame Inflationsbarriere für einen Abbau von Arbeitslosigkeit präsentiert, die jedoch nicht als Gravitationszentrum für die tatsächliche Arbeitslosenquote wirkt, sondern dieser vielmehr langfristig folgt. Im vierten Abschnitt wird dann auf den Einfluss der Lohnverhandlungssysteme auf die NAIRU eingegangen und es wird argumentiert, dass gesamtwirtschaftlich effektiv koordinierte Lohnbildungssysteme in der Lage sind, die NAIRU zu reduzieren und die effektive Nachfrage und Beschäftigung zu stabilisieren. Die wesentlichen Ergebnisse der hier angestellten Überlegungen werden im fünften Abschnitt kurz zusammengefasst. . Grundlagen eines post-keynesianischen Modells Bevor eine Diskussion der Interaktion von Geld- und Lohnpolitik möglich ist, sollen hier kurz die Grundlagen eines einfachen, im folgenden verwendeten post-keynesiani- schen Modells skizziert werden. In einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne staatliche Aktivität wird das Beschäftigungsvolumen (L) bei gegebener Arbeitsproduktivität (y) durch die vom Unternehmenssektor erwartete effektive Nachfrage bestimmt, die die Höhe der Produktion (Y) determiniert: (1) Die effektive Nachfrage setzt sich aus der Nachfrage nach Investitionsgütern (I) und der Nachfrage nach Konsumgütern (C) zusammen: (2) LY y =. Y C I= + . Übersichten über den post-keynesianischen Ansatz finden sich z. B. bei Arestis () und Lavoie ().
48 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 49 Die Konsumnachfrage ist abhängig von der funktionalen Einkommensverteilung und von der Sparquote aus Löhnen (sw) und aus Profiten (sΠ). Bezeichnet man den Konsum aus Profiten mit C�, den Konsum aus Löhnen mit Cw, die Profitsumme mit ∏ , die Lohnsumme mit W und die Profitquote, den Anteil der Profite an der Produktion, mit h, so ergibt sich folgende Konsumfunktion: (3) Bei gegebenen Sparquoten und gegebener Einkommensverteilung sind die privaten Investitionen die wesentliche Determinante der effektiven Nachfrage und daher der Beschäftigung, wie durch Einsetzen der Gleichungen und in Gleichung und entsprechendes Auflösen deutlich wird: (4) Die Investitionen hängen positiv von der erwarteten Profitrate (re) sowie negativ vom monetären Zins (i) ab. Der Zins ist in einer Geldökonomie für den Einkommensbildungsprozess exogen und wird durch die Zinspolitik der Zentralbank wesentlich beeinflusst, wohingegen sich Geld- und Kreditvolumen endogen durch die teils kreditfinanzierte effektive Nachfrage ergeben. Die Geldmenge wird also nicht exogen durch die Zentralbank vorgegeben, sondern Geld entsteht in einem zweistufigen Bankensystem dadurch, dass Geschäftsbanken die kreditwürdige Kreditnachfrage des Privatsektors, insbesondere der Unternehmen, zu einem gegebenen Zinssatz befriedigen, hierdurch Buchgeld »aus dem Nichts« schaffen, und die Zentralbank die notwendigen Reserven zu dem von ihr gesetzten Leitzinssatz akkommodiert, sofern die Geschäftsbanken nicht über hinreichend freie Reserven verfügen. Die Zentralbank gibt also den Leitzinssatz vor, und die Marktzinssätze bilden sich nach Laufzeit und Risiko von Krediten durch Aufschläge der Geschäftsbanken auf den Leitzinssatz. Bleiben die Aufschlagsätze bei Ausdehnung des Kreditvolumens langfristig konstant, so kann die Zentralbank mit ihrer auf den kurzfristigen Zins am Geldmarkt zielenden Politik in der Tendenz ebenfalls den langfristigen Zins am Kapitalmarkt steuern (vgl. Smithin : ff.), der für die Investitionsentscheidungen von zentraler Bedeutung ist. Sind die technischen Produktionsbedingungen gegeben, so hängt die von den Unternehmen erwartete Profitrate – als zweite Determinante der privaten Investitionen – nur noch von der Profitquote und dem Auslastungsgrad der Produktionskapazitäten C C C s s W s hY s h Y W W W = + = - + - = - + - - P P P P( ) ( ) ( ) ( )( ) .1 1 1 1 1 LI r i s h s h y e W =+ - × ( , ) ( ) . P1 1 Hierbei wird unterstellt, dass die Sparquote aus Profiten größer ist als die Sparquote aus Löhnen. Zur Geldmengenendogenität in der post-keynesianischen eorie vgl. auch Lavoie (: ff., ), Hewitson (), Moore () und Smithin (: ff.).
48 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 49 ab. Letzterer wird von der Entwicklung der effektiven Nachfrage beeinflusst. Die Profitquote (h) wird bei Vernachlässigung von Materialkosten, output-unabhängiger Beschäftigung und Abschreibungen auf den Kapitalstock durch die unternehmerische Preissetzung (p) auf imperfekten Gütermärkten bestimmt, indem die Unternehmen einen Mark-up (m) auf die Lohnstückkosten – als Quotient aus Nominallohnsatz (w) und Arbeitsproduktivität – schlagen: (5) (6) Der Mark-up wird insbesondere von der Konkurrenzintensität auf den Gütermärkten bestimmt. Da der Mark-up die kalkulatorischen oder tatsächlichen Zinszahlungen decken muss, wird der minimal erforderliche Mark-up langfristig durch den Zinssatz beeinflusst, da dieser die langfristig minimal erforderliche Profitrate einer Realinvestition festlegt. In der kurzen Frist haben Zinssatzvariationen jedoch keinen Einfluss auf die Höhe des Mark-up, sondern einen inversen Einfluss auf die Höhe der Investitionen und der Beschäftigung. Hierbei ist von einer asymmetrischen Wirkung der Geldpolitik auf die Investitionen auszugehen. Durch drastische Zinssatzerhöhungen vermag die Zentralbank zwar letztlich jeden Investitionsboom zu brechen und damit den Beschäftigungsgrad zu reduzieren. Eine noch so deutliche Zinssatzsenkung ist jedoch alleine keineswegs hinreichend, um eine höhere Investitionstätigkeit auszulösen und die Beschäftigung zu erhöhen, wenn sie in Phasen geringer oder sinkender Absatzerwartungen erfolgt und die Unternehmen nicht davon ausgehen, eine über dem Zinssatz liegende Profitrate auch tatsächlich realisieren zu können. Setzt die Geldpolitik eine dauerhafte Veränderung des Zinssatzes durch, so können hiermit langfristig gleichgerichtete Veränderungen des Mark-up und der Profitquote p m w ym= + >( ) , ,1 0 hY m m = = + P 1. Die Profitrate (r) als Quotient aus Profitsumme (∏) und Kapitalstock (K) lässt sich schreiben als: r = ∏ / K = (∏ / Y)(Y / Yv)(Yv / K)=hu( / v), wobei Yv für den Vollauslastungsoutput, u für den Auslastungsgrad und v für den Kapitalkoeffizienten steht. Für eine offene Volkswirtschaft ist die Höhe des Mark-up in den der internationalen Konkurrenz ausgesetzten Sektoren zudem durch das ausländische Preisniveau sowie den Devisenkurs begrenzt. Wie in Hein () gezeigt wird, ist ein inverser Einfluss des Zinssatzes auf die ökonomische Aktivität in post-keynesianischen Wachstums- und Verteilungsmodellen mit variabler Kapazitätsauslastung jedoch nur dann gegeben, wenn die Sparquote aus Zinseinkommen sehr hohe Werte annimmt und die Investitionen deutlich invers auf Zinssatzänderungen reagieren. Empirisch ist Ersteres in entwickelten OECD-Ländern (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, USA) gegeben, Letzteres findet man zumindest in einem Teil der untersuchten Länder (Deutschland, Frankreich) (vgl. Hein /Ochsen ).
50 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 51 verbunden sein, da langfristig nur die Produktionsprozesse aufrechterhalten werden, die eine durch den Zinssatz vorgegebene Minimalverzinsung des eingesetzten Kapitals ermöglichen. Kommt es aufgrund einer Veränderung dieser oder anderer Determinanten des Mark-up zu einer Verschiebung in der funktionalen Einkommensverteilung, so sind die Wirkungen auf Investitionen, Output und Beschäftigungsniveau jedoch nicht eindeutig. Der Gesamteffekt einer Verteilungsänderung auf Produktion, Beschäftigung und Investitionstätigkeit hängt von den Konsumquoten aus Löhnen und aus verteilten Profiten, sowie von den Elastizitäten der Investitionsentscheidungen im Hinblick auf Zinssätze, Stückkostenentwicklung und Auslastungsgrad ab. Hier sind auch in einem post-keyne- sianischen Modell verschiedene Regime möglich. . Inflation, Beschäftigung und Geldpolitik bei unkoordinierten Lohnverhandlungen . Die NAIRU als kurzfristige Inflationsbarriere Nachdem soweit die Determinanten von Verteilung und effektiver Nachfrage in dem hier zugrunde gelegten post-keynesianischen Modell skizziert worden sind, kann nun die Interaktion von Geld- und Lohnpolitik analysiert und eine post-keynesianische Interpretation der NAIRU präsentiert werden. In Abbildung wird hierzu ein Conflicting Claims-Modell von Inflation, Beschäftigung und NAIRU bei konstanter Arbeitsproduktivität dargestellt, das an die neu-keynesianische Arbeit von Carlin /Soskice (: ff.) anschließt. Obwohl Gegenstand der Lohnverhandlungen zwischen Unternehmen und Da in post-keynesianischen Wachstums- und Verteilungsmodellen Profitrate und monetärer Zinssatz sich nicht entsprechen müssen, kann eine dauerhafte Zinssatzerhöhung auch zu Lasten der einbehaltenen Unternehmensgewinne gehen (vgl. Hein ). Geht man jedoch von differenzierten Mark-ups aus, die sich innerhalb eines Produktionszweigs bei einheitlichen Preisen und Löhnen aber unterschiedlichen Arbeitsproduktivitäten zwangsläufig ergeben, so kommt es auch bei Nicht-Weitergabe von Zinssatzerhöhungen an die Preise zu einem Anstieg des durchschnittlichen Mark-up, wenn die produktivitätsschwachen Grenzunternehmen ausscheiden, in denen der Mark-up nicht mehr ausreicht, um die nun gestiegenen Zinskosten zu decken. Die empirische Evidenz für die aggregierte Verteilungswirkung einer Zinssatzänderung ist jedoch nicht eindeutig (vgl. Argitis / Pitelis , Hein /Ochsen ). Dies ist von Bhaduri / Marglin () für den Zusammenhang von funktionaler Einkommensverteilung und Investitionen sowie von Hein () und Hein /Ochsen () für die Einflüsse des Zinssatzes auf Verteilung und Investitionen gezeigt worden. Es wird hier also mehr an die europäische Variante des Neu-Keynesianismus angeknüpft, in der Verteilungsauseinandersetzungen auf unvollständigen Märkten im Mittelpunkt stehen, als an die US-Variante, die ein stärkeres Gewicht auf Preisrigiditäten auf Gütermärkten und Inflationserwartungen legt. Ähnliche Ansätze wie der hier zugrunde gelegte finden sich auch bei Lavoie (: ff.), Layard / Nickell / Jackman (: ff.) und Rowthorn ().
56 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 57 eine restriktive Geldpolitik wieder das Inflationsproblem hervorrufen, das sie in der kurzen Frist durch Senkung der Beschäftigung von L auf L (Abbildung ) erfolgreich bekämpft hat. Die Berücksichtigung der Effekte einer restriktiven Geldpolitik auf Kapitalstock- und Produktivitätswachstum – sowie auf den Wechselkurs bei Betrachtung einer offenen Volkswirtschaft – verschärft dieses Problem noch. Hierbei wird jeweils unterstellt, dass die Zielreallohnsatzkurve der Gewerkschaften durch die Zinssatzerhöhung und deren Wirkungen nicht verändert wird. Abbildung : Langfristige Wirkung einer Zinssatzerhöhung Quelle: Eigene Darstellung Der Anstieg der Arbeitslosigkeit, der durch die kurzfristigen Wirkungen einer restriktiven Geldpolitik auf Investitionen, effektive Nachfrage und Produktion erzeugt wurde, kann also nicht hinreichend für eine langfristige Stabilisierung der Inflationsrate sein. Eine restriktive Geldpolitik verursacht dann vielmehr das Problem der Stagflation. Eine Reduktion der Inflationsrate kann so eine weitere Restriktion der Geldpolitik und damit einen weiteren Anstieg der NAIRU erfordern, mit allerdings auch wieder nur kurzfristig 1 w r p, w r b, y y w r p1 w r b LLF L2L N 1 L N 2 w r p2 Hierbei bleiben die Wirkungen unberücksichtigt, die sich aus den gleichgerichteten Effekten höherer Zinssätze auf den Mark-up für die effektive Nachfrage und damit für die tatsächliche Beschäftigung ergeben. Eine Überwälzung der höheren Zinskosten bewirkt letztlich eine Einkommensumverteilung zu Lasten der Löhne. Die Gesamtwirkung von Zinssatzerhöhung und Umverteilung auf Investitionen und effektive Nachfrage sind nun theoretisch unbestimmt (vgl. Hein ). Es kann sich sowohl ein erneuter Anstieg von Investitionen und Beschäftigung ergeben als auch ein weiterer Rückgang. Dadurch würden die hier diskutierten Probleme entweder weiter verschärft oder aber entschärft, jedoch nicht beseitigt.
58 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 59 retardierenden Wirkungen auf die Inflationsrate. Diese Abwärtsspirale aus Inflation, restriktiver Geldpolitik und steigender NAIRU zeigt, dass der Versuch, Inflationsraten durch restriktive Geldpolitik zu stabilisieren, sich nicht nur negativ auf Produktion und Beschäftigung auswirkt, sondern langfristig auch das eigentliche Ziel der Inflationsstabilisierung verfehlen kann. Aus dem oben skizzierten endogenen Charakter der NAIRU folgt jedoch ebenfalls, dass sich das bei einem gütermarktbestimmten Rückgang der Arbeitslosenquote unter die NAIRU einstellende Inflationspotential nach einer gewissen Zeit endogen wieder abschwächt. Vormals marginalisierte Gruppen werden in den Arbeitsmarkt integriert und entwickeln sich zu einer lohnmoderierenden effektiven Arbeitsangebotskonkurrenz. Hohe Investitionen und starkes Kapitalstockwachstum steigern das Produktivitätswachstum und erhöhen so den Verteilungsspielraum. Hohes inländisches Wachstum kann zu einer Aufwertung der inländischen Währung auf internationalen Finanzmärkten führen, Importpreise senken und so zu einem Rückgang der NAIRU beitragen. Wird der Rückgang der Arbeitslosigkeit unter die NAIRU durch eine expansive Geldpolitik unterstützt, so ermöglichen sinkende Zinssätze einen Rückgang des Mark-up und damit eine Senkung der NAIRU. Allerdings erfordert eine Senkung der NAIRU durch eine Steigerung der effektiven Güternachfrage, dass die Zentralbank bereit sein muss, steigende Inflationsraten zumindest zeitlich begrenzt zuzulassen. Zudem dürfen die mit steigender Inflation zunehmenden Volatilitäten der Inflationsrate und der damit verbundene Anstieg an Unsicherheit nicht so groß werden, dass die Bereitschaft der VermögensbesitzerInnen und der Geschäftsbanken, Produktionsprozesse zu finanzieren, abnimmt, und sie zur Flucht aus dem betrachteten Währungsraum veranlasst werden. Es stellt sich daher die Frage, ob nicht geeignete Arbeitsmarktinstitutionen und Lohnverhandlungssysteme besser als die Geldpolitik in der Lage sind, einerseits den bei steigender Beschäftigung eskalierenden Verteilungskonflikt zu moderieren und so eine akzelerierende Inflation zu verhindern, andererseits aber auch bei fallender gütermarktbestimmter Beschäftigung das Abgleiten des Systems in Disinflation und Deflation mit den oben skizzierten negativen makroökonomischen Wirkungen zu erschweren. . Der Einfluss der Arbeitsmarktinstitutionen und der Lohnverhandlungssysteme auf Inflation und Beschäftigung Der Einfluss von Arbeitsmarktinstitutionen und Lohnverhandlungssystemen auf die makroökonomische Performance ist insbesondere seit der vielzitierten Arbeit von Calmfors / Driffill () in einer Reihe von Untersuchungen thematisiert worden. Hierbei wurden die strategischen Interaktionen von Lohnverhandlungen und Geldpolitik jedoch erst in neueren Studien berücksichtigt. Calmfors / Driffill () stellen bekanntlich die Hypothese auf, dass die Beziehung zwischen dem Zentralisationsgrad der allgemeinen
58 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 59 Lohnverhandlungen und der Arbeitslosigkeit im zwischenstaatlichen Vergleich humpshaped sei. Sowohl hochgradig dezentralisierte Systeme, in denen die Lohnfindung auf Betriebs- bzw. Unternehmensebene angesiedelt ist, als auch hochgradig zentralisierte Systeme, in denen die Löhne zentral für die gesamte Ökonomie ausgehandelt werden, weisen ihrer Argumentation zufolge ein geringeres Niveau an Arbeitslosigkeit auf als intermediäre Systeme, in denen die Lohnverhandlungen auf Branchenebene stattfinden. Dieser Zusammenhang wird von Calmfors (), ausgehend von einem inversen Zusammenhang zwischen Reallohnhöhe und Beschäftigung, durch die unterschiedliche Fähigkeit dieser Systeme zur Reallohnmoderation erklärt. Soskice () zeigt hingegen, dass weniger der Zentralisationsgrad der Tarifverhandlungen einen Einfluss auf die Arbeitslosigkeit hat, sondern dass vielmehr der formelle und informelle Koordinationsgrad der Lohnverhandlungen (z. B. durch Lohnführerschaft bestimmter Gewerkschaften oder Sektoren) sowie der »lokale Lohndruck«, der von der Stärke der Gewerkschaften auf den unteren Ebenen sowie deren Orientierung an kurzfristiger Reallohnmaximierung abhängt, von Bedeutung sind. Hierbei wird dann im Gegensatz zur Hump-shaped-Hypo- these ein eindeutig linear-inverser Zusammenhang zwischen Koordinationsgrad und Arbeitslosigkeit sowie ein linear-positiver Zusammenhang zwischen »lokalem Lohndruck« und Unterbeschäftigung abgeleitet. Traxler () stellt ebenfalls den Koordinationsgrad der Tarifverhandlungen als wesentliche positive Einflussgröße auf die Beschäftigungsentwicklung heraus und macht dabei eine hilfreiche Unterscheidung zwischen der horizontalen und der vertikalen Koordination. Bei funktionierender horizontaler Koordination zwischen den Branchen, z. B. durch Lohnführerschaft, staatliche, inter-verbandliche und intra-verbandliche Koordination oder dreiseitige Abkommen zwischen Tarifparteien und Regierung, gewährleistet erst ein hohes Maß an vertikaler Koordination innerhalb der Branche, z. B. durch einen hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad, einen weiten Geltungsbereich der Kollektivverträge und Friedenspflichten, dass die Ergebnisse der Koordination auch umgesetzt werden. Eine effektive horizontale Koordination der Lohnverhandlungen zwischen den Branchen ermöglicht es, die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Lohnbildung, insbesondere im Hinblick auf die Inflationsrate, zu berücksichtigen. Inflationsinkremente zur Absicherung der Branchenverhandlungsergebnisse gegen unvorhergesehene Inflationssteigerungen, die durch Verhandlungsergebnisse in anderen Branchen ausgelöst werden, können damit weitgehend entfallen. Eine effektive vertikale Koordination trägt zur Lösung des Implementierungsproblems der gesamtwirtschaftlich koordinierten Tarifpolitik bei und reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass es auf der Unternehmensebene bei hoher Beschäftigung zu positiver Lohndrift oder bei geringer Beschäftigung zum Lohndumping kommt. Vgl. Calmfors (), Flanagan () und OECD () für einen umfassenden Überblick über Arbeiten zu Lohnverhandlungssystemen und Arbeitslosigkeit bzw. Inflation sowie zu den konzeptionellen und empirischen Problemen bei der Erfassung der Einflüsse der Arbeitsmarktinstitutionen auf die Makroökonomie.
60 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 61 Die Bedeutung einer funktionsfähigen horizontalen und vertikalen Koordination der Tarifpolitik für die Internalisierung negativer Lohn-Externalitäten ist dann jüngst auch in einigen Untersuchungen zur strategischen Interaktion zwischen unabhängigen Zentralbanken und Lohnverhandlungen betont worden. So haben Hall / Franzese () den Einfluss eines Indexes für die Zentralbank-Unabhängigkeit und eines Indexes für den Koordinationsgrad der Lohnverhandlungen auf die jahresdurchschnittliche Inflationsrate sowie auf den durchschnittlichen Misery Index als Summe aus Inflationsrate und Arbeitslosenquote untersucht. Ein höherer Unabhängigkeitsgrad der Zentralbanken ist dabei mit einer geringeren Inflationsrate assoziiert. Vergleicht man dann Länder mit einem ungefähr ähnlichen Unabhängigkeitsgrad der Zentralbanken, so stellt man fest, dass ein höherer Koordinationsgrad der Lohnverhandlungen mit einem geringeren Misery Index verbunden ist. Hieraus folgt, dass in Ökonomien mit einem hohen Koordinationsgrad der Lohnverhandlungen die Inflationsrate durch unabhängige Zentralbanken mit geringeren Beschäftigungsverlusten reduziert werden kann als in Ländern mit einem geringen Koordinationsgrad. In Erweiterung der zitierten Untersuchung hat Franzese () gezeigt, dass die erfolgreiche Internalisierung von Lohnexternalitäten nicht nur vom Koordinationsgrad der Tarifverhandlungen abhängt, sondern auch von der Dominanz des privaten gegenüber dem öffentlichen Sektor und von einem deutlichen Gewicht der Verhandlungen in den Exportindustrien. Die Resultate von Kittel / Traxler () zeigen zudem, dass die erfolgreiche Antizipation einer restriktiven Geldpolitik entscheidend von einer funktionsfähigen vertikalen Koordination abhängt, die damit das oben bereits angesprochene Implementierungsproblem koordinierter Lohnpolitik zu lösen imstande ist. Die hier angeführten Arbeiten beschränken sich jedoch darauf, nach institutionellen Bedingungen für Nominallohnmoderation zu suchen, die es ermöglichen, hohe Beschäftigung und geringe Inflation zu kombinieren und damit restriktive Geldpolitiken unabhängiger Zentralbanken zu vermeiden. Es werden weder die makroökonomischen Risiken fallender Nominallöhne oder fallender Lohnstückkosten in Phasen hoher und ansteigender Arbeitslosigkeit noch die langfristigen Einflüsse der effektiven Nachfrage auf den inflationsstabilen Beschäftigungsgrad thematisiert. So kann z. B. die Lohnführerschaft der Exportwirtschaft bei national hochgradig koordinierten Lohnverhandlungen zum Versuch der lohnpolitischen Unterbietung internationaler Konkurrenten führen. Dies kann zwar in kleinen offenen Volkswirtschaften über den Exportkanal durchaus positiv auf Produktion und Beschäftigung wirken. In großen, eher geschlossenen Ökonomien sind bei Verfolgung dieser Strategie jedoch eher die makroökonomisch schädlichen Wirkungen von Disinflation und Deflation zu befürchten. Die Nichtberücksichtigung dieser beiden Aspekte ist in den hier genannten Studien jedoch nur gerechtfertigt, wenn man davon ausgeht, dass die tatsächliche Arbeitslosenquote sich langfristig immer der von ihr unabhängigen NAIRU annähert. Eine solche Übersichten über Arbeiten zu unabhängigen Zentralbanken und Lohnverhandlungssystemen finden sich bei Franzese (, a).
60 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 61 Sicht muss jedoch in dem post-keynesianischen Modell aus den oben dargelegten Gründen verworfen werden. Trotzdem können einige Erkenntnisse der hier skizzierten Studien in das post-keynesianische Modell integriert werden. Die Wirkungen einer effektiven Koordination der Tarifverhandlungen, d.h. einer funktionsfähigen horizontalen und vertikalen Koordination im Sinne Traxlers (), lassen sich dabei graphisch wie in Abbildung darstellen. Abbildung : Beschäftigung, Verteilungskonflikt und Inflation bei koordinierten Lohnverhandlungen Quelle: Eigene Darstellung 1 wr p wr b wr p, wr b, y L LF L N 2 y L N 1 L N 1 L N 2 !p
62 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 63 Liegt eine effektive Koordination der Lohnverhandlungen vor, so verändert sich der Zielreallohnsatz der Gewerkschaften im Vergleich zu unkoordinierten Tarifverhandlungen. Innerhalb eines Bereiches von LN bis LN sind die Tarifparteien in der Lage, den durch den Mark-up in der unternehmerischen Preissetzung gegebenen Verteilungsspielraum anzuerkennen und im Rahmen einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik unter Berücksichtigung des Inflationsziels der Zentralbank auszuschöpfen. Fällt die Beschäftigung jedoch unter LN , so ist die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften soweit geschwächt, dass sie den Verteilungsspielraum nicht mehr auszunutzen vermögen. Steigt die gütermarktbestimmte Beschäftigung über LN , so zwingt der Druck der Mitglieder und die Furcht vor positiver Lohndrift die Gewerkschaften dazu, eine Erhöhung des Reallohnsatzes bzw. eine Umverteilung zu Gunsten der Lohneinkommen anzustreben, wodurch ceteris paribus dann die Inflationsrate akzeleriert und ein preisniveaustabilisierender Eingriff der Zentralbank erzwungen wird. Durch effektive Koordination der Tarifverhandlungen ist eine konstante Inflationsrate also mit sehr vielen, durch den Gütermarkt vorgegebenen Beschäftigungsniveaus verträglich und die NAIRU ist nicht mehr eindeutig. Je höher der Koordinationsgrad, desto höher die Beschäftigung, von der keine inflationsbeschleunigenden Wirkungen ausgehen und desto geringer die minimale NAIRU. Hierdurch eröffnen sich auch für eine ausschließlich an Preisniveaustabilität orientierte Zentralbank erweiterte Möglichkeiten, einen hohen Beschäftigungsstand zu tolerieren. Eine Senkung der NAIRU ist also durch Organisation des Arbeitsmarktes und der Verhandlungspartner möglich und erfordert nicht den Abbau von Rigiditäten durch Dezentralisierung und Fragmentarisierung von Tarifverhandlungen sowie den Abbau von ArbeitnehmerInnenrechten und sozialen Sicherungssystemen. Ein hoher Koordinationsgrad der Tarifverhandlungen verhindert darüber hinaus bei rückläufiger gütermarktbestimmter Beschäftigung, dass es unmittelbar zu Disinflations- und Deflationsprozessen mit negativen Rückwirkungen auf die effekti- ve Nachfrage und auf die Beschäftigungshöhe kommt. Die effektive Koordinierung von Lohnverhandlungen ist daher nicht nur eine der restriktiven Geldpolitik überlegene Methode, wenn es um die Eindämmung von Inflation im ökonomischen Aufschwung geht. Die effektive Koordinierung der Tarifpolitik erlaubt auch, die Ökonomie im Abschwung zu stabilisieren. . Fazit Dem neu-keynesianischen langfristigen Gleichgewichtskonzept einer durch Strukturfaktoren des Arbeitsmarktes, der Lohnverhandlungen und der sozialen Sicherungssysteme bestimmten inflationsstabilen Arbeitslosenquote (NAIRU) ist in diesem Beitrag eine postkeynesianische Interpretation der NAIRU gegenübergestellt worden. Die neu-keynesia- nischen Modelle lassen zwar einen kurzfristigen Einfluss der effektiven Güternachfrage und der Geldpolitik auf die Arbeitslosigkeit und damit eine Abweichung der tatsächlichen
62 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 63 Arbeitslosenquote von der NAIRU zu, gehen jedoch langfristig davon aus, dass sich die Güternachfrage an das mit der NAIRU kompatible Niveau anpasst. Hierfür muss entweder die Wirksamkeit von Realkasseneffekten gegeben sein oder es müssen symmetrische Reaktionen und Wirkungen der Geldpolitik unterstellt werden. Beide Annahmen sind für eine Geldwirtschaft unhaltbar, in der Geld über Gläubiger-Schuldner-Kontrakte entsteht und in der von Zinssatz und Profiterwartungen gesteuerte Investitionen die wesentliche Determinante von Produktion und Beschäftigung sind. In einem post-keynesianischen Modell, das diese wesentlichen Eigenschaften einer Geldwirtschaft im Kern berücksichtigt, kann die NAIRU daher nicht als durch Angebotsfaktoren bestimmte Gleichgewichtsarbeitslosigkeit interpretiert werden. Im Rahmen eines post-keynesianischen Modells stellt die NAIRU lediglich eine kurzfristige Beschäftigungsgrenze oder Inflationsbarriere dar, die durch inkompatible und damit inflationsauslösende Verteilungsansprüche gegeben ist und durch die Geldpolitik erzwungen wird. Anpassungstendenzen der tatsächlichen, durch die effektive Güternachfrage bestimmten Arbeitslosenquote an diese NAIRU existieren nicht. Wegen der Dominanz von Real Debt- und Erwartungseffekten sowie der asymmetrischen Wirkung der Geldpolitik ist bei Unterschreitung der NAIRU kurzfristig vielmehr mit kumulativ divergierenden Prozessen von tatsächlicher Arbeitslosenquote und NAIRU zu rechnen. Langfristig folgt die NAIRU jedoch der tatsächlichen Arbeitslosenquote und wird damit durch die Entwicklung der effektiven Nachfrage bestimmt. Neben dem bereits in einigen neu-keynesianischen Modellen thematisierten Hysterese-Phänomen, nach dem bei dauerhafter Arbeitslosigkeit ein Teil der Arbeitslosen durch Dequalifizierung und Stigmatisierung keine effektive Arbeitsmarktkonkurrenz mehr darstellt, den Zielreallohnsatz der Gewerkschaften nicht mehr beschränkt und dadurch die NAIRU erhöht, sind hier drei weitere Kanäle identifiziert worden. Diese wirken über die Reduktion des Verteilungsspielraums und des durch die Mark-up-Preissetzung möglichen Reallohnsatzes bei geringer effektiver Nachfrage und hoher Arbeitslosigkeit negativ auf die NAIRU. So wirkt sich eine geringe Investitionstätigkeit nicht nur negativ auf die Beschäftigung aus, sondern auch auf das Kapitalstock- und damit auf das Produktivitätswachstum. Geringes inländisches Wachstum kann aufgrund von Erwartungseffekten auf internationalen Finanzmärkten zudem zu einer Abwertung der inländischen Währung führen, die Importe verteuern und damit den inländischen Verteilungsspielraum einschränken. Sind hohe Arbeitslosigkeit und geringe effektive Nachfrage durch steigende Zinssätze verursacht worden, die dann höhere Mark-ups in der Preissetzung nach sich ziehen, so ist hiermit ebenfalls eine Reduktion des Verteilungsspielraums und eine Erhöhung der NAIRU verbunden. Aus dem zuletzt genannten Zusammenhang folgt auch, dass eine restriktive Geldpolitik nur kurzfristig in der Lage ist, einen kumulativen Inflationsprozess zu brechen, ihn langfristig jedoch wieder anschiebt, so dass sich eine Abwärtsspirale aus Inflation, restriktiver Geldpolitik und steigender NAIRU einstellen kann. Der Versuch, Inflationsraten durch restriktive Geldpolitik zu stabilisieren, wirkt sich daher nicht nur negativ auf Produktion und Beschäftigung aus, sondern kann auch langfristig das eigentliche Ziel, die Inflationsstabilisierung, verfehlen.
64 I. Zeitschrift für Ökonomie Eckhard Hein: Die NAIRU – eine post-keynesianische Interpretation 65 Durch die Einbeziehung von Forschungsergebnissen zum Zusammenhang von Lohnverhandlungssystemen, Geldpolitik und makroökonomischer Performance in das post-keynesianische Modell wurde zuletzt gezeigt, dass effektiv koordinierte Lohnverhandlungssysteme sehr viel besser als restriktive Geldpolitiken in der Lage sind, die Inflationsrate bei hoher Beschäftigung zu stabilisieren. Horizontal und vertikal koordinierte Lohnverhandlungen vermögen, die makroökonomischen Externalitäten der Nominallohnsetzung zu internalisieren. Dadurch kann die NAIRU beträchtlich reduziert werden, wodurch auch eine ausschließlich an Preisniveaustabilisierung orientierte Zentralbank in die Lage versetzt wird, einen hohen Beschäftigungsgrad zu tolerieren. Eine Senkung der NAIRU erfordert daher die Organisation des Arbeitsmarktes sowie der Tarifverhandlungssysteme und nicht die weitere Deregulierung oder die Dezentralisierung von Lohnverhandlungen. Effektiv koordinierte Tarifverhandlungssysteme haben zudem den großen Vorteil, dass sie eine Stabilisierung der nominalen Lohnstückkosten und der Inflationsrate auch bei sinkender Beschäftigung ermöglichen und so ein unmittelbares Abgleiten der Ökonomie in makroökonomisch schädliche Deflationsprozesse verhindern können. Literatur Arestis, P. (): Post Keynesian economics: towards coherence, in: Cambridge Journal of Economics, Vol. , S. – Arestis, P., Sawyer, M. (): »New consensus«, New Keynesianism and the economics of the »third way«, in: Hein, E., Heise, A., Truger, A. (Hg.), Neu-Keynesianismus – der neue wirtschaftspolitische Mainstream?, Marburg, S. – Argitis, G., Pitelis, C. (): Monetary policy and distribution of income: evidence for the United States and the United Kingdom, in: Journal of Post Keynesian Economics, Vol. , S. – Ball, L., Mankiw, N.G. (): e NAIRU in theory and practice, in: Journal of Economic Perspectives, Vol. (), S. – Bhaduri, A., Marglin, S. (): Unemployment and the real wage: the economic basis for contesting political ideologies, in: Cambridge Journal of Economics, Vol. , S. – Bibow, J. (): e monetary policies of the European Central Bank and the Euro’s (mal)- performance: a stability-oriented assessment, in: International Review of Applied Economics, Vol. , S. – Bibow, J. (a): e market versus the ECB, and the euro’s plunge, in: Eastern Economic Journal, Vol. , S. – Blanchard, O., Katz, L.F. (): What we know and do not know about the natural rate of unemployment, in: Journal of Economic Perspectives, Vol. (), S. – Calmfors, L. (): Centralisation of wage bargaining and macroeconomic performance – a survey, in: OECD Economic Studies, No. , S. – Calmfors, L., Driffill, J. (): Centralization of wage bargaining, in: Economic Policy, Vol. , S. –
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