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Vulnerabilität und Resilienz im Kontext multilokaler Lebensführung

Duchêne-Lacroix, Cédric

Abstract

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Duchêne-Lacroix, Cédric Book Part Vulnerabilität und Resilienz im Kontext multilokaler Lebensführung Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Duchêne-Lacroix, Cédric (2020) : Vulnerabilität und Resilienz im Kontext multilokaler Lebensführung, In: Danielzyk, Rainer Dittrich-Wesbuer, Andrea Hilti, Nicola Tippel, Cornelia (Ed.): Multilokale Lebensführungen und räumliche Entwicklungen: ein Kompendium, ISBN 978-3-88838-097-6, Verlag der ARL - Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover, pp. 216-221, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-0976305 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/218786 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/ Duchêne-Lacroix, Cédric: Vulnerabilität und Resilienz im Kontext multilokaler Lebensführung URN: urn:nbn:de:0156-0976305 CC-Lizenz: BY-ND 3.0 Deutschland S. 216 bis 221 In: Danielzyk, Rainer; Dittrich-Wesbuer, Andrea; Hilti, Nicola; Tippel, Cornelia (Hrsg.) (2020): Multilokale Lebensführungen und räumliche Entwicklungen: ein Kompendium. Hannover = Forschungsberichte der ARL 13 216 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen Cédric Duchêne-Lacroix VuLnerabiLität unD resiLienz im Kontext muLtiLoKaLer Lebensführung Gliederung 1 Multilokales Wohnen in kausale Zusammenhang gestellt 2 Multilokale Lebensführung als Risiko und Vulnerabilitätsfaktor 3 Multilokale Lebensführung als Chance und als Resilienzfaktor Literatur Kurzfassung Das multilokale Leben ist einerseits eine Situation mit sozialen, ökonomischen und politischen Auswirkungen und als solche ein Vulnerabilitäts-, Verstärkungs- bzw. Präventionsfaktor gegenüber Risiken für die betroffenen Wohnenden sowie die Lebensorte. Vulnerabilität liegt je nach Situation in der Qualität bzw. Häufigkeit folgender Aspekte: 1) Reisen zwischen den Wohnorten, 2) Örtliche Handlungen und Präsenz und 3) Ressourcen. Andererseits ist das multilokale Leben eine Konsequenz besonderer Situationen und Handlungen und so wirkt es als passende, Wohlstands- bzw. Zwangslösung unter denselben Aspekten: z.  B. raumzeitliche Autonomisierung der Aktivitäten und Wohnenden, lokales Engagement und Zugang zu lokaldifferenzierten ökonomischen, sozialen, kulturellen und symbolischen Kapitalien sowie Verstreuung der lokalen Gefahren und ökonomische Transfers. Schlüsselwörter Vulnerabilität – Resilienz – Risiko – Ressource – Vulnerabilitätsprozess Vulnerability and resilience in the context of multilocal ways of life Abstract Multilocal life is, on the one hand, a situation with social, economic and political effects and as such a factor in vulnerability, reinforcement and prevention of risks for the affected inhabitants and the places where they live. Depending on the situation, vulnerability is found in the quality or frequency of the following aspects: 1) travel between places of residence; 2) local actions and presence; 3) resources. On the other hand, multilocal life is a consequence of specific situations and actions, and thus it acts as a suitable solution, whether fuelled by prosperity or need, under the same aspects, e.g. spatiotemporal autonomisation of activities and residents, local commitment and access to locally differentiated economic, social, cultural and symbolic capital, and the dissipation of local risks and economic transfers. Keywords Vulnerability – Resilience – Risk – Resource – Vulnerability process 217Vulnerabilität und resilienz im Kontext multiloKaler lebensführung 1 Multilokale Lebensführung in kausale Zusammenhang gestellt Die Konsequenz von Situationen und Handlungen bzw. besonderen Situationen mit sozialen, ökonomischen und politischen Auswirkungen – die multilokale Lebensführung kann je nach Umständen als Risiko oder Chance, als Vulnerabilitäts-, Verstärkungs-, Präventions- bzw. Resilienzfaktor für Multilokale, ihre soziale Umwelt bzw. ihre Lebensorte wahrgenommen werden. Diese und weitere Faktoren wie Fragilität, Gefährdung, Kapital, „Capabilities“, Anpassungskapazität, prekärer Zustand, Exklusion etc. bilden ein weites Begriffsfeld. Sie werden seit den 1990ern in den Sozial- und Geisteswissenschaften je nach Fächern und Denkschulen innerhalb der Fächer mit – wenn überhaupt – diversen Definitionen häufig benutzt (Aven 2011). Sie sind dennoch unabdingbar, um das Interesse, den mehr oder weniger zwanghaften bzw. gewollten Handlungsprozess, die Nachhaltigkeit und die Effizienz der multilokalen Lebensführung im Vergleich zu anderen Lebensweisen genauer zu hinterfragen. Deshalb werden in diesem Artikel die Termini Vulnerabilität und Resilienz anhand des multilokalen Wohnens erläutert und in dem Risiko-Resilienz-Prozess (siehe Abb. 1) situiert. Im Folgenden wird zuerst auf die Vulnerabilität von Personen und Orten eingegangen und darauffolgend deren Resilienz dargestellt und diskutiert. 2 Multilokale Lebensführung als Risiko und Vulnerabilitätsfaktor Es existieren diverse Definitionen von Vulnerabilität: Beispielsweise im „Glossar Klimawandel und Raumentwicklung“ der ARL umfasst „Vulnerabilität […] physische, soziale, ökonomische, umweltbezogene und institutionelle Strukturen und Prozesse, die die Anfälligkeit sowie die Bewältigungs- und Anpassungskapazitäten eines Systems oder Objekts hinsichtlich des Umgangs mit Gefahren – wie z.  B. Klimawandeleinflüssen – bedingen“ (Birkmann/Böhm/Buchholz et al. 2011). In der Armuts- und Exklusionsforschung heißt Vulnerabilität „[…] a condition in which people face a high risk of experiencing forms of deprivation that threaten their well-being or even survival. Security, in contrast, is a condition in which this risk is low” (Van Dillen 2002). Drei Aspekte sollen berücksichtigt werden: 1) Wer oder was ist vulnerabel? Ein Individuum, eine Gruppe von Personen, ein Territorium, ein Objekt, eine Organisation bzw. ein System kann (gleichzeitig) vulnerabel werden. 2) Was ist das Risiko und wie tritt es hervor? Es ist das Resultat eines (Kräfte-)Verhältnisses zwischen einem Individuum oder einer Gruppe von Individuen und dessen/deren sozialer, gebauter und natürlicher Umwelt. 3) Was sind die Treibkräfte und die Verkettung der „Verwundbarmachung“? Vulnerabilität ist also nicht nur die Eigenschaft einer Person etc.; sie kann z.  B. durch eine simple Veränderung der Umwelt entstehen oder verschwinden, stärker oder schwächer werden. Im Hinblick auf die vorherigen Bemerkungen kann Vulnerabilität als die Potenzialität definiert werden, innerhalb welcher in einem bestimmten Kontext das Eintreten eines bestimmten Ereignisses oder das Fortdauern einer Situation negative Auswirkungen 218 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen auf eine Person, eine Gruppe von Personen oder ein Territorium hat, ohne dass die genannten Entitäten dieses Ereignis vor seinem Eintreten eindämmen oder die negativen Auswirkungen neutralisieren können. Damages Risk Vulnerability to this risk Realization of the risk Vulnerability to the consequences of the risk Resilience Recovery/Rebound Abb. 1: Vereinfachter Vulnerabilitätsprozess vom Risiko zur Erholung / Quelle: Eigene Abbildung Im Kontext des multilokalen Wohnens sind die Risiken in ihrer Intensität und Wahrscheinlichkeit so unterschiedlich wie in anderen Kontexten. Die Situation bringt jedoch spezifische soziale, ökonomische, gesundheitliche oder technische Vulnerabilitäten mit sich. Die spezifischen Vulnerabilitäten der multilokal Wohnenden liegen je nach Situation in der Qualität, Größenordnung bzw. Häufigkeit folgender Aspekte: 1 Mobilität zwischen den Wohnorten (Distanz, Erreichbarkeit, Zuverlässigkeit des Transits etc.); z.  B. ergeben sich aufgrund eines Vulkanausbruchs in Island Flugausfälle zwischen zwei europäischen Städten und daraus wiederum erhebliche Probleme für fernpendelnde multilokal Wohnende (Dick/Duchêne-Lacroix 2016). 2 Handlungen an den Orten und Interaktionen mit Individuen und Gruppen (z.  B. De-Sozialisierung, Abschwächung der sozialen Rolle in Familie, Betrieb, Freundeskreis etc. aufgrund der lokalen Abwesenheit der Multilokalen, auch Abschwächung von Wohnungsschutz, -pflege etc.). 3 Ressourcen (Zeit, Geld, Wohn- und Transportmöglichkeiten, Kompetenzen wie die Organisationsfähigkeit, psychische Energie, Gesundheit etc.). 219Vulnerabilität und resilienz im Kontext multiloKaler lebensführung Auf der Ebene der multilokal Wohnenden und deren Haushalten ergeben sich Auswirkungen wie beispielsweise der partielle oder komplette Verlust der sozialen Rollen und der Position von Ego im sozialen Raum oder sogar der Wegfall gesellschaftlichem Zusammenhalts am Arbeitsort oder im Familienhaushalt, z.  B. wenn man paradoxerweise zeitlich rigide wöchentliche Mobilität zwischen Arbeitsort und Wohnort hat bzw. ‚zu häufig‘ oder ‚zu selten‘ bei der Arbeit, in der Familie oder bei Freundinnen und Freunden ist. Weitere Risikoquellen der multilokalen Lebensführung liegen in den vielen Reisen, auf der Belastung für die materielle und gesundheitliche Lebensqualität oder in einem Überschuss an verorteten Aufgaben sowie sozialen und beruflichen Verantwortungen. Risiken bestehen auch auf der Seite der eventuell mangelhaften persönlichen multilokalitätsbezogenen Kapabilitäten (Lindbom/Tehler/Eriksson et al. 2015): virtuelle (emotionale) Kommunikationsfähigkeit, Organisationsfähigkeit, Motilität (Kaufmann/Bergman/Joye 2004), Kenntnisse über den lokalen rechtlichen, sozialen, kulturellen Kontext und anderes. Diesbezüglich können sich die Risiken im Laufe der Zeit kumulieren, z.  B. zwischen zeitlicher Ressourcenknappheit aufgrund des Pendelns und der lokalen Teilzeitsesshaftigkeit, Müdigkeit, Engagement im Familienhaushalt, lokalem Sozialleben usw. Die Risiken der multilokalen Lebensführung auf der Ebene der Territorien sind: 1 Die Zweitwohnungen führen zum Druck auf die Wohnungsmärkte und damit die Immobilienpreise (s. Dittrich-Wesbuer/Hilti zu Wohnungsmärkte in diesem Band), was weiter mitunter zur Konkurrenz zwischen permanent Ansässigen und multilokal Wohnenden bei der Wohnungssuche beiträgt. 2 Die sogenannten „kalten Betten“, also Wohnungen, welche die meiste Zeit leerstehen, können in Ortschaften bzw. in Tourismusgebieten die soziale Kohäsion und die „präsenzielle Ökonomie“ (Roca 2013; Guex/Crevoisier 2015) beeinträchtigen, wenn sie eine kritische Anzahl erreicht haben. Zudem muss eine überdimensionierte Infrastruktur bereitgestellt werden, was sich in einer finanziellen Belastung für die Gemeinden niederschlägt (s. Sturm/Dittrich-Wesbuer zu Steuern und Abgaben in diesem Band). 3 Die Nachfrage und eine lokale liberale Baugenehmigungspolitik können die Urbanisierung von ländlichen Regionen zur Folge haben (s. Perlik zu Freizeitmobilität in diesem Band). 4 Wie auch die Mobilität verschärft die residentielle Multilokalität die Konkurrenz zwischen regionalen Gebietskörperschaften (Gemeinden, Städten, Kreise etc.). 3 Multilokale Lebensführung als Chance und als Resilienzfaktor Neben diesen sozialen Risiken kann das multilokale Wohnen aber auch Chancen bieten wie zum Beispiel: 1 Bezogen auf die raumzeitliche Trennung von privatem und beruflichem Leben und auf die Möglichkeit für Haushaltsmitglieder. In einer bewussten gemeinsamen Zeit 220 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen ein zeitweise autonomes Sololeben führen zu können, stellt für einige Profile von Wohnmultilokalen eine optimale Lebensführung dar (Studierende, LATs). 2 Lokales Engagement (das Erhalten bzw. die Entwicklung davon). 3 Es lassen sich die Ressourcen steigern, wenn die multilokale Lebensführung Zugang zu mehr ökonomischen, sozialen, kulturellen und symbolischen Kapitalien ermöglicht. 4 Die Multilokalen können von Standortofferten an mehreren Orten profitieren (hier die Arbeit, dort die Freizeit, hier günstige Steuererträge, dort gewählte Dienstleistungen etc.) (Weichhart 2009). 5 Das Risiko lokaler Gefahren verteilt sich auf mehrere Orte. Auf der Seite der Gebietskörperschaften kann das multilokale Wohnen ökonomischen Austausch befördern, das Engagement von neuen Teilzeitzugezogenen sowie von früheren Vollzeiteinwohnenden ermöglichen und sogar in manchen Fällen die Existenz des Standortes ökonomisch und sozial gewährleisten. Die oben genannten Chancen des multilokalen Wohnens können, wie dies im folgenden Beispiel veranschaulicht wird, auch eine vorhandene Vulnerabilität verringern, z.  B. wenn die Firma eines Angestellten umzieht: Er nimmt, um seine berufliche Situation zu verbessern oder abzusichern, eine kleine Wohnung am Arbeitsort, behält aber mit seiner Familie das noch nicht abbezahlte Familienhaus. An diesem Ort lebt auch seine Familie – die Frau arbeitet dort und die Kinder gehen dort zur Schule. Der Multilokale wird durch die Familie emotional bekräftigt, weshalb er jedes Wochenende dorthin zurückkehrt. Dieses Arrangement ermöglicht das Fortbestehen des privaten und beruflichen Lebens, selbst wenn dieser Angestellte ab und zu das Gefühl hat, wöchentlich in einen Spagat zu springen. Andersherum kommt häufig vor, dass Unternehmen oder zumindest einzelne Unternehmensstandorte aufgelöst werden und im Rahmen der Sozialpläne den bisherigen Beschäftigten Ersatzangebote gemacht werden, häufig schwer und nur im Rahmen von multilokalen Wohnarrangements erreichbar, mit finanziellen Einbußen verbunden, neuen Hackordnungen – also wachsende Unsicherheit. In einem solchen Fall ist es, wie auch in vielen anderen, schwierig auszumachen, inwieweit die Entscheidung zur Multilokalität, welche als (die einzige) Chance für die Akteure bzw. von den Akteuren betrachtet werden kann, einem Wunsch oder Zwängen entspringt. Nachdem die multilokale Person ein Risiko eingegangen ist, kann ein multilokales Wohnarrangement auch zu deren Resilienz beitragen. Wie die Vulnerabilität wurde die Resilienz in vielen Disziplinen genutzt und definiert (Aven 2011). Ich schlage eine vereinfachte Definition von Resilienz vor: Sozial betrachtet ist die Resilienz die eingesetzte Kapazität einer Person, einer Gruppe von Personen oder einer Gebietskörperschaft, die negativen Auswirkungen eines Phänomens bewältigen bzw. den vorherigen Zustand wiederherstellen zu können („recovery“ in Abb. 1). Im Kontext des multiloka- 221Vulnerabilität und resilienz im Kontext multiloKaler lebensführung len Wohnens sind die Arten von Resilienz zu unterscheiden: Darunter lassen sich wohlstandbezogene Resilienz (z.  B. die Nutzung einer Zweitwohnung zur Erholung vom Alltagsleben am ersten Wohnort) und existenzielle Resilienz (z.  B. sich während der Dürre im globalen Süden und der damit verbundenen Nahrungsmittelknappheit auf dem Lande in der Stadt aufzuhalten, um würdig leben zu können (Hyo-Chung/Guénard 2013) subsumieren. In manchen Fällen ist die multilokale Lebensführung für eine lokale Gebietskörperschaft (z.  B. eine Gemeinde) resilienzfördernd: Multilokal Wohnende tragen z.  B. zum Erhalt der Bausubstanz eines Ortes bei, der verfällt und ansonsten weiter verfallen würde; sie können auch beitragen, einen Wohnort sozial und ökonomisch zu revitalisieren. Literatur aven, t. (2011): On Some Recent Definitions and Analysis Frameworks for Risk, Vulnerability and Resilience. In: Risk Analysis 31 (4), 515-522. birkmann, J.; böhm, h. r.; buchholz, f.; büscher, D.; Daschkeit, a.; ebert, s.; fleischhauer, m.; frommer, b.; Köhler, s.; Kufeld, W.; Lenz, s.; overbeck, g.; schanze, J.; schlipf, s.; sommerfeldt, P.; stock, m.; Vollmer, m.; Walkenhorst, o. (2011): Glossar Klimawandel und Raumentwicklung. Hannover. = E-Paper der ARL 10. Dick, e.; Duchêne-Lacroix, C. (2016): Multi-local living in the Global South and the Global North: differences, convergences and universalities of an underestimated phenomenon. 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