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Partizipative Forschung und Gestaltung als Antwort auf empirische und forschungspolitische Herausforderungen der Arbeitsforschung?

Sauer, Stefan

Abstract

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Full text

Sauer, Stefan Article Partizipative Forschung und Gestaltung als Antwort auf empirische und forschungspolitische Herausforderungen der Arbeitsforschung? Industrielle Beziehungen Provided in Cooperation with: Verlag Barbara Budrich Suggested Citation: Sauer, Stefan (2017) : Partizipative Forschung und Gestaltung als Antwort auf empirische und forschungspolitische Herausforderungen der Arbeitsforschung?, Industrielle Beziehungen, ISSN 1862-0035, Verlag Barbara Budrich, Leverkusen, Vol. 24, Iss. 3, pp. 253-270, https://doi.org/10.3224/indbez.v24i3.01 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/207649 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Hierfür werden wesentlich erscheinende Grundgedanken partizipativer Forschung skizziert, auf inhaltliche wie konzeptionelle Passung zur Fallstudienforschung überprüft und exemplarische Beispiele für eine Umsetzung vorgestellt, die der pragmatischen Vorgehenslogik der Fallstudienforschung entspricht. Participatory research and intervention as an answer to challenges of empirical research and research policy? Abstract In the light of current challenges both in the empirical field and in the research activities of the sociology of work, this paper makes a case for the integration of participatory and intervention-oriented elements into the heterogeneous case study research of this subdiscipline. Basic ideas of participatory research will be outlined and the potential conceptual fit between them and case study research will be examined. Finally, empirical examples for an implementation of participatory elements in case study research are given. Key words: Participatory research; case study research; sociology of work JEL: J83, M54 * Dr. Stefan Sauer, Wissenschaftler am ISF München e.V., Jakob-Klar-Straße 9, D-80796 München. E-Mail: [email protected], ** Artikel eingegangen: 8.4.2016; revidierte Fassung nach doppelt-blindem Begutachtungsverfahren akzeptiert: 1.4.2017. 254 Stefan Sauer 1. Aktuelle Herausforderungen arbeits- und industriesoziologischer Forschung Die Themenstellungen der Arbeits- und Industriesoziologie werden zumeist nicht in ‚geschlossenen‘ Theoriediskursen generiert, sondern in der Auseinandersetzung mit konkreten gesellschaftlichen und betrieblichen Problemstellungen (Frege, 2008; Huchler, 2008), für Impulse und Veränderungen des empirischen Feldes ist die Arbeitssoziologie daher explizit ‚anfällig‘. Es lässt sich eine ‚Empiriesensibilität‘ arbeitssoziologischer Methodologie postulieren. Insbesondere die Fallstudienforschung, eine sehr häufig in eher pragmatischer Weise praktizierte Methode, steht für ein gegenstandsbezogenes Vorgehen dieser soziologischen Subdisziplin (Pflüger, Pongratz & Trinczek, 2010a; Pongratz & Trinczek, 2010). Methodologisch wird dieses Vorgehen jedoch relativ wenig thematisiert; „die Veränderungen in den Arbeitsinhalten und Arbeitsweisen von jenen, die die Arbeitswelt erforschen“ (Pflüger, 2013, S. 95), werden kaum zum Thema. Von der Empiriesensibilität arbeitssoziologischer Methodologie ausgehend, umreiße ich im Folgenden zunächst ausschnitthaft einige Veränderungstendenzen im empirischen Feld der Arbeits- und Industriesoziologie und ergänze sie durch Veränderungen im forschungspolitischen Feld. In der Folge gebe ich eine kurze, nicht zuletzt selbstreflexive Skizze der Methode der Fallstudienforschung in der Arbeits- und Industriesoziologie und argumentiere, dass sich bestimmte partizipative Forschungsansätze, wie sie in der Literatur herausgearbeitet werden, als weitere Ergänzung dieser Methodik anbieten. Schließlich zeige ich an zwei empirischen Fallbeispielen, welches Vorgehen hier praktiziert werden kann und welchen Ertrag es bringen kann, und reflektiere die Möglichkeiten und Grenzen dieses Ansatzes. 1.1 Veränderungstendenzen des empirischen Feldes Eine empirisch gut dokumentierte Tendenz in (und zwischen) Betrieben ist die Zunahme von Unsicherheit und Unwägbarkeiten (Böhle, 2013a; Böhle, Pfeiffer & Sevsay-Tegethoff, 2004). Diese Zunahme kann teilweise als nicht-intendierte Nebenfolge beispielsweise von Globalisierungsprozessen oder erweiterten und heterogenen Wertschöpfungsketten verstanden werden, in anderen Fällen ist sie konstitutiv für das jeweilige Feld, beispielsweise bei Innovationsprozessen: Je innovativer Arbeitsprozesse sind oder sein sollen, desto mehr sind sie tendenziell von Unwägbarkeiten geprägt (Böhle, 2017). Mit der Zunahme von Unsicherheiten gehen steigende Anforderungen an Beschäftigte einher (Böhle, 2014), die (nicht nur) in der Arbeitssoziologie zumeist unter den Labeln der Subjektivierung (Kleemann, 2012; Lohr, 2003; Lohr & Nickel, 2009; Moldaschl & Voß, 2003) und Entgrenzung von Arbeit (Gottschall & Voß, 2005; Jurczyk, Szymenderski, Lange & Voß, 2009; Kratzer, 2003) gefasst werden. Es wird von Beschäftigten verlangt, vormals nicht beachtete oder gar negierte Subjektpotenziale in Arbeitsprozesse einbringen, um beispielsweise unternehmerisch zu handeln, kreativ zu sein und sich – nicht zuletzt teambasiert – selbst zu organisieren. Diese erweiterten bzw. neuen Anforderungen an Beschäftigte sind durch eine dreifache Unschärfe gekennzeichnet: Zum einen sind die Anforderungen selbst zumeist alles andere als eindeutig. ‚Auf Knopfdruck‘ kreativ zu sein ist – zumal als Appell – nicht intuitiv plau- Partizipative Forschung und Gestaltung als Antwort auf Herausforderungen der Arbeitsforschung 255 sibel (Bröckling, 2007, S. 152ff.). Zum zweiten ist der Status dieser Anforderungen in der betrieblichen Realität stets ein prekärer, sie werden nicht genuin unterstützt, sondern häufig von kontraproduktiven Rahmenbedingungen und Rahmungen begleitet. Beispielsweise wird die Forderung beinahe grenzenloser Flexibilität von engmaschigen Kontrollstrukturen und Dokumentationsanforderungen im Zusammenhang mit der ‚indirekten Steuerung‘ (Kratzer, Menz & Nies, 2010) und dem damit einhergehenden Zwang zur Selbstobjektivierung (Böhle, Pfeiffer, Porschen-Hueck & Sevsay-Tegethoff, 2011) unterminiert. Die Forderung nach Selbstorganisation ist selbst eine genuin fremdorganisierte und widersprüchliche Forderung (Pongratz & Voß, 1997), Selbstorganisation wird nicht per se wertgeschätzt und durch notwendige Handlungsspielräume und Ressourcenverfügung unterstützt (Sauer, 2017; Stadelbacher & Böhle, 2016). Drittens ist der Umgang der Beschäftigten mit erweiterten und neuen Anforderungen nicht eindeutig (messbar). Die normative Subjektivierung, verstanden als Forderung von Seiten der Beschäftigten (Baethge, 1991), ist durch unscharfe Anforderungen von Seiten der Betriebe, die Emanzipationspotenziale ebenso umfassen wie erweiterte einseitige Vernutzungsversuche, ergänzt und teilweise diskursiv abgelöst worden. Eine solche Gemengelage im empirischen Feld jenseits ‚fordistischer Eindeutigkeiten‘ bildet den Ausgangspunkt für die im Folgenden entwickelte These: Partizipative Elemente in der arbeits- und industriesoziologischen Forschung sind zunehmend notwendige Ergänzungen, die verstärkt berücksichtigt werden können. Die Ausgangslagen in unwägbaren Prozessen sind nicht nur zu komplex, um per quantitativer (Fragebogen-) Erhebung erfasst werden zu können, auch eine stringente Zweiteilung in Forschende und Beforschte erscheint nicht durchgehend sinnvoll. Auch forschungspolitische Rahmungen sprechen für die (partielle) Aufhebung dieser Zweiteilung. 1.2 Veränderungstendenzen des forschungspolitischen Feldes Eine Konstante des forschungspolitischen Feldes ist das Selbstverständnis der Arbeits- und Industriesoziologie als einer praxisnahen, oft auch dezidiert arbeiter/innen- und arbeitnehmer/innenorientierten Forschung jenseits des ‚Elfenbeinturms‘ (Frege, 2008). Dies impliziert die Arbeit in und mit Betrieben. Im Fokus des Managements bzw. der Geschäftsführung der Betriebe liegen allerdings nicht partizipative Elemente und Verbesserungen für Beschäftigte als Werte sui generis, sondern Effizienzsteigerungen (Fricke & Pfeiffer, 2015, S. 10). In dieser Gemengelage muss sich die Arbeits- und Industriesoziologie zurechtfinden, sie muss ihren kritischen Anspruch unter Bedingungen teilweise widersprüchlicher Interessenlagen bestimmen. Trotz der Interessenwidersprüche in der kapitalistisch organisierten Ökonomie kann dabei häufig auf betrieblichen Prozessen der Konsensfindung aufgebaut werden (Trinczek, 2010). Neben der Zusammenarbeit mit Betrieben wird die Forschungsarbeit zunehmend von der Logik der Drittmittelforschung geprägt, in der häufig unmittelbar praktisch nützliche und verwertbare Ergebnisse gefordert werden (Stuth, 2016). Das Kritikpotenzial der Subdisziplin muss sich daher verstärkt in praxisgängigen Problemskizzen und Lösungsvorschlägen für identifizierte Problemstellungen bewähren. Gleichzeitig wird die Forschungsarbeit nicht zuletzt von der Zeitknappheit der Praxispartner herausgefordert: Das Management will ‚schnelle Lösungen‘, bei Beschäftigten steht die Zeit für Interviews und forschungsprojektspezifische Arbeit häufig in Konkurrenz mit der Zeit für ihre ‚eigentliche Arbeitstätigkeit‘ (Pfeiffer, Schütt & Wühr, 2011). Gestaltungsan- 256 Stefan Sauer forderungen und Zeitknappheit können einseitig als (zusätzliche) Erschwernisse der Forschungsarbeit verstanden werden – sie können jedoch auch als Symptome der gesellschaftlichen wie betrieblichen Realitäten begriffen werden, die es (mit) zu untersuchen gilt, und als zusätzliche Gelegenheit, diese untersuchen zu können. Für die zweite Alternative plädiert dieser Artikel. Neben die inhaltlichen Gründe für eine Einbindung partizipativer und gestaltungsorientierter Elemente in den Forschungsprozess treten somit forschungspragmatische: Partizipative Forschung, in der Beschäftigten die Rolle der Co-Forschung und aktiven (Mit-)Gestaltung zukommt, kann als methodologische Umsetzung arbeitnehmernaher Forschung verstanden werden. Die ‚Nützlichkeit‘ der eigenen Forschungsarbeit ist für kritische Forschung, deren Kritikpotenzial sich nicht in disziplininternen und selbstreferenziellen Diskursen erschöpfen soll, nicht per se nachteilig: Soll der eigene kritische Anspruch jenseits ausschließlich theoretischer Überlegungen sozial wirkmächtig werden, ist eine gewisse ‚praktische Anschlussfähigkeit‘ an den jeweiligen Untersuchungskontext sogar essenziell. Die entscheidende kritische Frage an dieser Stelle ist daher nicht die nach ‚Nützlichkeit‘ an sich, sondern die nach dem Adressatenkreis des anvisierten Nutzens. Anders formuliert: Damit ‚Nützlichkeit‘ der Forschungsergebnisse in der Praxis nicht zu affirmativer Managementberatung wird oder die Ansprüche an Forschungsarbeit in nicht einlösbare Dimensionen (Forscher/innen als Gestaltungsverantwortliche) vordringen, ist es notwendig, die einzelnen Interessenlagen zu sondieren und einseitige Vereinnahmungen beispielsweise durch Managementinteressen zu verhindern. Zusätzlich kann die Orientierung an unterstützenden Leitbildern wie dem ‚Guter Arbeit‘ hilfreich sein. Zu beachten ist meinem Dafürhalten nach, dass die Gefahr falsch verstandener oder überfordernder ‚Nützlichkeit‘ nicht final auszuschließen ist, sondern stets mitreflektiert werden muss. Zusätzlich ist zu eruieren, inwieweit die konkreten Erwartungen repräsentativ für das zu untersuchende empirische Feld stehen können. Statt einer Ablehnung der Veränderungstendenzen des forschungspolitischen Feldes scheint mir somit vielmehr der Kampf um eine zielführende kritische Ausgestaltung von Forschungsarbeit vor dem Hintergrund tendenziell steigender Anforderungen bei tendenziell sinkenden Ressourcen (Stuth, 2016) angebracht zu sein. Die Integration partizipativer Elemente in die Forschungsarbeit der Arbeits- und Industriesoziologie steht daher nachfolgend im Fokus. 2. Mögliche methodologische Antwort: Integration partizipativer Forschung Die Überlegungen zu Veränderungstendenzen des empirischen (1.1) sowie des forschungspolitischen Feldes (1.2) ergeben sowohl empirische als auch pragmatische Gründe für eine stärkere Partizipationsorientierung der Forschung. Um die Möglichkeit der Integration partizipativer und gestaltungsorientierter Elemente in die Forschungsarbeit der Arbeits- und Industriesoziologie darzustellen, gehe ich zunächst schlaglichtartig auf den Status quo der Fallstudienforschung ein. Partizipative Forschung und Gestaltung als Antwort auf Herausforderungen der Arbeitsforschung 257 2.1 Industriesoziologische Fallstudienforschung als (wenig thematisierter) Status quo Die Fallstudienforschung in der deutschsprachigen Arbeits- und Industriesoziologie weist ein bemerkenswertes Paradox auf (Pongratz & Trinczek, 2010, S. 8f.): Ihrer Allgegenwärtigkeit im empirischen Feld steht ein eigentümliches methodologisches Schweigen gegenüber. Dagegen gibt es vor allem im englischen Sprachraum eine ausgeprägte Methodendiskussion, die sich in der Case Study Methodology und der Case Study Research widerspiegelt (Creswell, 2013; Merriam, 2009; Ridder, 2016; Stake, 1995; Yin, 2003). Die Fallstudienforschung scheint im deutschen Sprachraum gerade durch ihre Erfolge zu einer Art unhinterfragter Selbstverständlichkeit geworden zu sein, eine methodologische Begründung oder Hinterfragung findet daher oft nicht statt (Pflüger, Pongratz & Trinsczek, 2010b, S. 38f.). Neben der Popularität kann für dieses Missverhältnis die Heterogenität des Ansatzes angeführt werden: Da vielfältige Anwendungsmöglichkeiten und -felder sowie die Offenheit gegenüber verschiedenen Erhebungs- und Auswertungsmethoden einen geschätzten Vorteil der Methodik darstellen, sind methodologische Einengungen mutmaßlich wenig zielführend (ebd., S. 57). Fallstudienforschung kann daher weniger als (einheitlicher) Ansatz als vielmehr als (heterogene) Strategie zur Kombination von (vielfältigen) Erhebungs- und Auswertungsmethoden gelten (ebd.). Daher stehen auch in der vorhandenen methodologischen Literatur weniger Definitionen als vielmehr Good-practice-Beispiele, die vorhandene Erfahrungen bündeln, weitergeben und zum Nachmachen einladen, im Mittelpunkt (Pongratz & Trinczek, 2010, S. 8). Bei der arbeits- und industriesoziologischen Fallstudienforschung handelt es sich somit um einen methodologisch zwar vergleichsweise wenig reflektierten, dafür jedoch um so häufiger praktisch bewährten Ansatz zur forschungsgegenstandsgetriebenen Kombination heterogener Erhebungs- und Auswertungsansätze. Der Ansatz folgt auf diese Weise dem Credo der Offenheit qualitativer Forschung, integriert jedoch auch quantitative Verfahren. Positiv verstanden, kann dies als wirksames Mittel gegen die Gefahr der Standardisierung qualitativer Forschung (Knoblauch, 2013) und arbeits- und industriesoziologischer Forschung (Pflüger, 2013) interpretiert werden. Die heterogene Ausgestaltung arbeits- und industriesoziologischer Fallstudienforschung lässt sich mit Pflüger et al. (2010b, S. 43f.) durch die Kriterien des angestrebten Erkenntnisgewinns, des Theoriebezugs, des Forschungsdesigns sowie der Anwendungsorientierung in verschiedene Fallstudientypen einordnen. Die so ermittelten Typen legen ihren Fokus auf Anwendung, Vertiefung, Vielfalt oder Verallgemeinerung (ebd., S. 44). Mit dem Plädoyer für die Integration partizipativer Elemente in die Fallstudienforschung schließt dieser Artikel an den anwendungsorientierten Typus der interventionsorientierten Fallstudienforschung an (ebd., S. 46f.). Kennzeichnend für diesen Typus ist der explizite Fokus auf Interventionen von Seiten der Wissenschaftler/innen, die von Sensibilisierungsmaßnahmen bis hin zu konkreten Maßnahmenvorschlägen auf Grundlage von Forschungsbefunden reichen (ebd.). Ein solches Verfahren wird als dialogisch und von laufendem Austausch zwischen Praktiker/innen und Wissenschaftler/innen geprägt beschrieben. Allerdings wird öfter angegeben, dass dieser Typus bislang nicht weit verbreitet ist (vgl. aber bspw. Fricke, Fricke, Schönwälder & Stiegler, 1981; Becke, 2002; Howaldt, Klatt & Kopp, 2004; Weltz, 2010) und dass „theoretisch erwünschte Einsichten (…) erwünschte Nebeneffekte“ (Pflüger et al., 2010b, S. 46) der Analysen darstellen. Diese Interpretation scheint von notwendigen Abstrichen bei der Wissenschaftlichkeit zu 258 Stefan Sauer Gunsten praktischer Intervention auszugehen, was ich nicht zuletzt mit Bezug auf die als Beispiel präsentierten Studien (s.o.) kritisch sehe. Im Folgenden wird dafür plädiert, partizipati- ve und gestaltungsorientierte Elemente als ‚Forschungselemente‘ in die Fallstudienforschung zu integrieren. 2.2 Partizipative Forschung als methodische Ergänzung Da partizipative Forschung und Gestaltung in diesem Artikel als Ergänzung arbeits- und industriesoziologischer Fallstudienforschung aufgefasst wird und teils bereits verwendet wird, ist keine strikte Abgrenzung von gängigen Vorgehensweisen dieser Forschungspraxis notwendig. Da partizipative Forschung jedoch mit wesentlichen Annahmen grundlagenorientierter Forschungsarbeit bricht, soll sie zunächst in Abgrenzung von dieser herausgearbeitet werden, ehe schlaglichtartig ihre methodischen Verzweigungen und wesentlichen Ankerpunkte skizziert werden. Die Integration partizipativer Elemente in den Forschungsprozess stellt eine doppelte Abkehr von der Orientierung von Wissenschaftlichkeit am Leitbild naturwissenschaftlicher Grundlagenforschung dar (Böhle, 2013b). Zum einen wird – in Übereinstimmung mit qualitativen Methoden, die in arbeits- und industriesoziologischer Fallstudien einen gewichtigen Anteil haben (Pflüger, 2013) – mit dem Versuch, einseitig die Prinzipien Allgemeingültigkeit, Objektivität und Ausdifferenzierung hochzuhalten, gebrochen (Böhle, 2013b). Diese drei Prinzipien implizieren idealtypisch einen hohen Grad an Abstraktion, ein ausschließlich formal-logisches Vorgehen und eine strikte Abgrenzung gegenüber jeder Form ‚praktischen Handelns‘ (ebd.). Damit schließen sie Kontextsensibilität, Subjektgebundenheit, Reflexion und die Einbindung von Handlungspraxen explizit aus (Huchler & Sauer, 2015). Zum anderen brechen partizipative Vorgehensweisen mit der gängigen Vorstellung, dass Praxis der wissenschaftlichen Tätigkeit nachgelagert sei und allenfalls als praktischer Vollzug wissenschaftlicher Erkenntnisse oder als ‚Testfall‘ im Sinne einer Anwendung und Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnis zu verstehen sei (Böhle, 2017). Mit den naturwissenschaftlich geprägten Sichtweisen, die durch die Idee der Partizipation in Frage gestellt werden, gehen zwei erhebliche Verkürzungen einher: Zum einen wird eine auf wissenschaftlicher Forschung basierende ex-ante-Planbarkeit sozialer Wirklichkeit angenommen. Wissenschaftliche Ergebnisse sind demnach – sofern sie nicht ohne (expliziten) Bezug auf nichtwissenschaftliche Praxis generiert werden – handlungsleitend für die Praxis, diese wiederum soll sich an der Umsetzung und dem Vollzug dieser Ergebnisse orientieren. Arbeitssoziologisch könnte an dieser Stelle eine Analogie zur Annahme genuiner Planbarkeit betrieblicher Prozesse hergestellt werden. In Bezug auf komplexe Prozesse, Unsicherheit und Unwägbarkeiten kann der Erfolg dieser Annahme jedoch bezweifelt werden. Zum anderen impliziert dieses Vorgehen die Vorstellung, dass aus praktischen Prozessen selbst keine (für den Forschungsprozess wesentlichen) Erkenntnisse generiert werden können. Die Praxis selbst, verstanden als ‚Vollzug‘, hält demnach keine relevanten neuen Erkenntnisse bereit. Im empirischen Feld der Arbeits- und Industriesoziologie wären insbesondere der Umgang mit Unsicherheit und Unwägbarkeiten oder auch die Relevanz impliziten Wissens zu nennen, die eine solche Sichtweise fraglich erscheinen lassen. Die Wahrnehmung von Praktiker/innen als Expert/innen ihrer Praxis, das Credo der Offenheit (aber nicht Beliebigkeit) qualitativer Forschung und die Berücksichtigung der im Betrieb erkann- Partizipative Forschung und Gestaltung als Antwort auf Herausforderungen der Arbeitsforschung 259 ten Unsicherheiten und Unwägbarkeiten scheinen so nicht oder lediglich eingeschränkt möglich. Partizipative und gestaltungsorientierte Forschung bedeutet dagegen den Einbezug der Praxis in den Forschungsprozess und das Zulassen von in und durch Praxis generierten Erkenntnissen (Böhle, 2017). Neben die Partizipation von Praktiker/innen im Forschungsprozess tritt bei der gestaltungsorientierten Forschung die Partizipation von Forscher/innen in Prozessen der Praxis, also – im Rahmen arbeits- und industriesoziologischer Forschung – zumeist in betrieblichen Prozessen. An die Stelle rein abstrakter wissenschaftlicher Praxis tritt damit die Orientierung an der Nützlichkeit wissenschaftlichen Wissens beispielsweise für die Gestaltung ‚Guter Arbeit‘ (ebd.). Die Absage an eine einseitige Betonung der drei Prinzipien Allgemeingültigkeit, Objektivität und Ausdifferenzierung muss (und soll) jedoch nicht zu einer – ebenso einseitigen – Betonung alternativer Kriterien führen. Vielmehr wird die Perspektive für eine Aushandlung wissenschaftlicher Kriterien im Spannungsfeld heterogener Ansprüche und Anforderungen erweitert (Böhle, 2013b). Als Prinzipien, die dieses Spannungsfeld aufspannen, können empirische Fundierung, also die Verbindung von Theorie und Empirie, die praktische Nützlichkeit, also ein konkreter, praxisrelevanter Anwendungsbezug, sowie Universalität, also die Offenheit des Gegenstandsbereichs auch für Unwägbarkeiten und unerwartete Erkenntnisse, gelten (ebd.). Diese drei Prinzipien betonen mithin Kontextbezug, Praxisnähe und das subjektive Erleben der Beforschten wie Co-Forscher/innen. Damit weiten sie auch den Blick für konkrete gesellschaftliche Praxen an Stelle von Meinungen der Beforschten, auf die sich viele Forschungsaktivitäten einseitig richten (Diekmann, Petendra, Sauer, Schilcher & Ziegler, 2010). Die skizzierten Konnotationen von Wissenschaftlichkeit und das Spannungsfeld verschiedener Prinzipien und Gütekriterien der Forschungsarbeit rücken – neben qualitativen Methoden – insbesondere partizipative Forschung in den Fokus, die im Folgenden näher beschrieben wird. Hierbei ist die arbeits- und industriesoziologische Fallstudienforschung dreifach von Bedeutung. Erstens generieren sich meine praktischen Erfahrungen nicht zuletzt aus der Fallstudienforschung. Zweitens argumentiert der vorliegende Artikel für eine verstärkte Integration von Elementen partizipativer und gestaltungsorientierter Elemente in die Fallstudienforschung, bei der auf bereits existierende Ansätze aufgebaut werden kann. Drittens schließlich wende ich in der weiteren Argumentation selbst die Vorgehenslogik der Methodologie arbeits- und industriesoziologischer Fallstudienforschung an. Wie oben bereits angemerkt, steht dabei nicht die Abgrenzung der Methodik oder eine Definition eines one-best-way-Vorgehens im Fokus, sondern das Aufzeigen von Möglichkeiten der Anwendung, wobei vor allem die Heterogenität der Methodik als Erfolgsgarant verstanden werden kann. In diesem Sinne geht es mir nicht darum, die partizipative Forschung in Gänze oder im Sinne einer abstrakten Methodik aufzuzeigen, sondern Elemente und Aspekte dieser ‚Methodenfamilie‘ (Bradbury-Huang, 2010), die mir besonders relevant erscheinen, näher zu beleuchten. Partizipative Forschung kann als Oberbegriff für Forschungsansätze in der Tradition der Aktionsforschung angesehen (von Unger, 2014) und ihre paradigmatische Ausrichtung kann wie folgt umschrieben werden: „In der partizipativen Forschung stehen die Menschen, die an ihr teilhaben, im Mittelpunkt – ihre Perspektiven, ihre Lernprozesse und ihre individuelle und kollektive (Selbst-) Befähigung. Partizipative Forschung ist damit nie 260 Stefan Sauer ein rein akademisches Unterfangen, sondern immer ein Gemeinschaftsprojekt mit nichtwissenschaftlichen, gesellschaftlichen Akteuren.“ (von Unger, 2014, S. 2) Der Begriff der Aktionsforschung bzw. Action Research geht auf Lewin (1946) zurück und steht für den Versuch, sozialwissenschaftliche Forschung für emanzipatorische Zwecke zu nutzen. Im deutschsprachigen Raum wurde er seit Ende der 1960er Jahre verstärkt rezipiert und der Forschungsansatz der Action Research wurde mittels verschiedener Begrifflichkeiten wie beispielsweise Handlungsforschung, Tatforschung, aktivierende Sozialforschung und Aktionsforschung aufgenommen (Cremer, 1980). Trotz aller Herausforderungen durch traditionelle Ansätze (Kalliola, 2009, S. 316) hat insbesondere im anglo-amerikanischen Raum empirische Forschung, die im Umkreis der Methodologien der Aktionsforschung zu verorten ist, in den letzten Jahren zugenommen, einen Überblick bieten beispielsweise Reason und Bradbury (2008a). Bei aller Differenz gibt es hierbei eine verbindende gemeinsame Zielstellung: „Action research is a participatory process concerned wirh developing practical knowledge in the pursuit of worthwhile human purposes. It seeks to bring together action and reflection, theory and practice, in participation with others, in the pursuit of practical solutions to issues of pressing concern to people.” (Reason & Bradbury, 2008b) In Bezug auf diese Zielstellung können die sechs vom Fachbereich Sozialpädagogik der Hochschule Berlin bereits 1972 formulierten Postulate als leitend für (die meisten) partizipativen Ansätze skizziert werden: Demnach sollen (i) für die Problemauswahl konkrete gesellschaftliche Bedürfnisse handlungsleitend sein. Die Zielstellung der Forschung besteht (ii) nicht ausschließlich in der Überprüfung und Beantwortung eigener Aussagen und Fragestellungen, sondern ebenso im Eingriff in soziale Prozesse. Die im Forschungsprozess generierten Daten werden (iii) nicht isoliert betrachtet, sondern „als Momente eines prozeßhaften Ablaufs interpretiert; sie gewinnen ihren Sinn auf der theoretischen Ebene dadurch, dass sie stets mit dem realen Prozess als Gesamtheit zusammengedacht werden, und erhalten ihre Relevanz auf der praktischen Ebene als konstitutive Momente weiterer Prozessabläufe“ (von Unger, 2014, S. 15). Damit einher geht (iv) die Betrachtung des empirischen Feldes als eine Gesamtheit, in der nicht nach ausschließlich forschungspolitischen Überlegungen Variablen isoliert werden können. Schließlich sollen (v) Forscher/innen ihre lediglich forschende Rolle zu Gunsten des Versuchs bewusster Einflussnahme und einer entsprechenden Haltung zum Feld aufgeben und die Beforschten sollen (vi) zu Partizipierenden im Gesamtprozess werden. Die arbeits- und industriesoziologische Fallstudienforschung scheint diese Postulate sinnvoll aufnehmen und erfüllen zu können. So gilt, wie oben angesprochen, auch für die Arbeits- und Industriesoziologie ein ‚institutionalisiertes Desinteresse‘ für ausschließlich den ‚akademischen Elfenbeinturm‘ tangierende Fragestellungen (Frege, 2008), die Subdisziplin verdankt nicht zuletzt diesem Einbezug gesellschaftlicher und insbesondere betrieblicher Praxis ihren (nicht ungefährdeten) Status (Huchler, 2008). Damit einher geht auch in der Arbeits- und Industriesoziologie die (allgegenwärtige) Frage nach der betriebswie gesellschaftspolitischen Relevanz eigener Forschungsarbeit insbesondere in Bezug auf die Durchsetzung von Arbeitnehmer/inneninteressen, das Handeln der betrieblichen Interessenvertretung und die Orientierung auf Gute Arbeit. Das dritte Postulat, stets betriebliche Gesamtprozesse statt lediglich isolierte Daten in den Blick zu nehmen, wird insbesondere in der qualitativ orientierten Fallstudienforschung durch die Partizipative Forschung und Gestaltung als Antwort auf Herausforderungen der Arbeitsforschung 267 Sabina, E.-M., & A. Dröge (Hrsg.), Exploring Uncertainty (S. 281-293). Wiesbaden: Springer Gabler. Böhle, F. (2013b). Was ist Wissenschaft? Anregungen zu einer (Re-)Definition der Wissenschaftlichkeit anwendungsorientierter Bildungsforschung. In E. Severing, & R. Weiß (Hrsg.): Qualitätsentwicklung in der Berufsbildungsforschung. Berichte zur Beruflichen Bildung, 12 (S. 49-59). Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag. Böhle, F. (2014). Von der formellen Organisation zum informellen Organisieren. Zum Wandel des Informellen aus einer arbeitssoziologischen Perspektive. In V. von Groddeck, & S. M. Wilz (Hrsg.): Formalität und Informalität in Organisationen (S. 93-121). Wiesbaden: Springer VS. Böhle, F. 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