Erwerbsarmut in Österreich aus Geschlechterperspektive
Abstract
EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.
Full text
Siegert, Christina Article Erwerbsarmut in Österreich aus Geschlechterperspektive Wirtschaft und Gesellschaft (WuG) Provided in Cooperation with: Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien Suggested Citation: Siegert, Christina (2021) : Erwerbsarmut in Österreich aus Geschlechterperspektive, Wirtschaft und Gesellschaft (WuG), ISSN 0378-5130, Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, Wien, Vol. 47, Iss. 4, pp. 511-535, https://doi.org/10.59288/wug474.88 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/333087 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0
Erwerbsarmut in Österreich aus Geschlechterperspektive Christina Siegert 1. Einleitung Erwerbsarmut bedeutet, dass jemand trotz Erwerbstätigkeit armutsgefährdet ist. Betroffene werden als erwerbsarmutsgefährdet oder working poor bezeichnet. Das Phänomen zeigt, dass Erwerbsarbeit nicht immer vor Armut schützt. Denn in Europa verliert Erwerbsarbeit aufgrund der Umbrüche am Arbeitsmarkt, etwa des wachsenden Niedriglohnsektors und der Verbreitung atypischer Beschäftigungsverhältnisse, zunehmend den armutsvermeidenden Charakter, der ihr im Zuge des Fordismus zugeschrieben wurde (Filandri und Struffolino 2019; Verwiebe und Fritsch 2011; Bardone und Guio 2005). Nicht alle Erwerbstätigen haben die gleichen Arbeitsmarktchancen, und viele Jobs sind unsicher, schlecht bezahlt und bieten begrenzte Aufstiegsmöglichkeiten. Während sich Frauen seit jeher in einer benachteiligten Arbeitsmarktsituation befinden, sind mittlerweile zunehmend auch Männer von Prekarisierungstendenzen am Arbeitsmarkt betroffen (Dörre 2007). Erwerbsarmut wird seit der Jahrtausendwende zusehends als Problem anerkannt und wurde in Folge ein Ausgangspunkt für die europäische Beschäftigungsstrategie sowie als „Inwork poverty“-Indikator (im Folgenden: Eurostat-Indikator) in die europäische Sozialberichterstattung aufgenommen (Bardone und Guio 2005). Laut Eurostat-Indikator sind working poor 18- bis 64-jährige Erwerbstätige, die in armutsgefährdeten Haushalten leben. Dabei gilt als erwerbstätig, wer im Vorjahr mindestens sieben Monate einer Beschäftigung nachgegangen ist, und als armutsgefährdet, wessen äquivalisiertes Netto- Jahreshaushaltseinkommen1unter der nationalen Armutsschwelle liegt (Fink 2019). Da die Armutsgefährdung auf Basis des äquivalisierten Haus- 511 47. Jahrgang (2021), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 1Äquivalisiertes Haushaltseinkommen wird anhand der Zusammensetzung des Haushalts gewichtet, um die unterschiedlichen Konsumstrategien der Haushalte abzubilden. Denn ausgehend von der Annahme, dass Haushaltsmitglieder ihr Einkommen miteinander teilen, ergeben sich in Mehrpersonenhaushalten Kostenersparnisse (z.B. bei Wohnkosten). Eine erwachsene Person (≥14 Jahre) hat dabei den Gewichtungsfaktor 1,0, jede weitere den Faktor 0,5. Jedes Kind (≤14 Jahren) hat den Faktor 0,3 (Mack und Lange 2015).
haltseinkommens erfasst wird, werden in Mehrpersonenhaushalten individuelle Armutsrisiken auf Basis des Personeneinkommens nicht abgebildet. Wird der Eurostat-Indikator verwendet, zeigen sich oftmals keine Zusammenhänge zwischen Erwerbsarmutsgefährdung und Geschlecht (z.B. bei Fritsch und Verwiebe 2018; Goerne 2011), was seit jeher als dessen analytischer Mangel diskutiert wird (international z.B. von Filandri und Struffolino 2019; Gautié und Ponthieux 2017; Peña-Casas und Ghailani 2011; in Österreich von Knittler 2015, 2010; Heitzmann 2001). Auch laut der österreichischen Erhebung der europäischen Gemeinschaftsstatistiken zu Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC) des Jahres 2018 zeigt sich insgesamt kein Geschlechterunterschied in der Erwerbsarmutsgefährdung. Demnach leben insgesamt ebenso viele erwerbstätige Männer wie Frauen (je 8%) in armutsgefährdeten Haushalten (Statistik Austria 2019). In Österreich beziehen Frauen jedoch grosso modo niedrigere Löhne, gehen häufiger einer Teilzeitbeschäftigung nach und unterbrechen ihre Karriere öfter als Männer, insbesondere im Kontext von Mutterschaft (Fritsch 2018). Um dem Rechnung zu tragen, soll dieser Beitrag erstmals eine inferenzstatistische Analyse zu Armut, Beschäftigung und Geschlecht in Österreich liefern und dabei Erwerbsarmutsgefährdung auf Basis des Personeneinkommens abbilden. Das ermöglicht der Erwerbsarmut-Indikator von Knittler und Heuberger (2018), der individuelle Erwerbsarmutsgefährdung im Haushaltskontext erfasst und dazu ein gestaffeltes Einkommenskonzept verwendet. Der Indikator erlaubt, geschlechtsspezifische Erwerbsarmutsrisiken zu identifizieren, nach Haushaltstyp variierende Einkommensbedarfe abzubilden und aufzuzeigen, dass Einkommenskomponenten für Männer und Frauen je nach Haushaltstyp unterschiedlich relevant sind, um Erwerbsarmut zu vermeiden. Anhand österreichischer EU-SILC-Daten 2017–2019 für Single-, Ein-El- tern- und verschiedengeschlechtliche Paarhaushalte (ohne/mit Kind) und des Indikators von Knittler und Heuberger (2018) widmet sich der Beitrag der Frage, ob und wie sich unselbständig beschäftigte Frauen und Männer hinsichtlich ihres Erwerbsarmutsrisikos unterscheiden. Dabei wird auf Geschlechterunterschiede in der Beschäftigungssituation fokussiert, insbesondere auf die von Frauen dominierte Teilzeit- und Niedriglohnbeschäftigung sowie auf den Haushaltskontext, also auf verschiedene Haushaltstypen und, soweit es die Datenlage zulässt, deren geschlechtsspezifische Verdienststrukturen. Das Ziel ist, Erwerbsarmutsgefährdung anhand des Geschlechts darzustellen und dabei die Bedeutung des Haushaltskontextes zu unterstreichen. Der vorliegende Beitrag geht somit über den Beitrag von Knittler und Heuberger (2018) hinaus, indem er einerseits Niedriglohnbeschäftigung in die Analyse integriert und andererseits Erwerbsarmutsrisiken nicht nur deskriptiv, sondern inferenzstatistisch mit Hilfe binär-logistischer Regressionsmodelle untersucht. 512 Wirtschaft und Gesellschaft 47. Jahrgang (2021), Heft 4
2. Erwerbsarmut und Geschlecht: Empirische Trends und theoretische Überlegungen 2.1 Armut, Beschäftigung und Geschlecht im Haushaltskontext In den sozialpolitischen Debatten Europas dominierte lange Zeit Arbeitslosigkeit als zentrales Problem und wachsende Beschäftigung als dessen Lösung. Armut galt als Risikofaktor für temporär oder dauerhaft Erwerbslose und Erwerbsarbeit als bestes Werkzeug, um ihr zu entfliehen (Gautié und Ponthieux 2017). Aber nicht nur ob jemand erwerbstätig ist, entscheidet über dessen Armutsrisiko, sondern auch die Beschäftigungsqualität. So waren im Jahr 2018 9% der Erwerbstätigen in der EU armutsgefährdet (Eurostat 2021). Obschon Frauen im Zuge der Bildungsexpansion das Bildungsniveau der Männer erreicht und teilweise überholt haben, besteht weiterhin eine horizontale und vertikale Geschlechterungleichheit auf europäischen Arbeitsmärkten (Aisa et al. 2019). Frauen sind häufiger teilzeit- und niedriglohnbeschäftigt als Männer (Horemans 2016; Maître et al. 2012). Dabei geht Teilzeitbeschäftigung oft mit Niedriglohnbeschäftigung einher, nicht nur aufgrund geringer Arbeitszeit, sondern auch aufgrund ihrer tendenziell niedrigeren Bruttostundenlöhne gegenüber Vollzeitbeschäftigten (Russo und Hassink 2008; Tijdens 2002). Horemans (2016) und Maître et al. (2012) zeigen, dass Teilzeit- und Niedriglohnbeschäftigte auf Basis des äquivalisierten Haushaltseinkommens in ganz Europa einem erhöhten Erwerbsarmutsrisiko ausgesetzt sind.2Dabei sind Männer gegenüber Frauen häufiger working poor, sowie Erwerbstätige in Haushalten mit einem Erwerbseinkommen gegenüber Erwerbstätigen in Haushalten mit mehreren Erwerbseinkommen. Gardiner und Millar (2006) stellen für Großbritannien fest, dass sich auf Basis des äquivalisierten Haushaltseinkommens die Erwerbsarmutsquoten niedriglohnbeschäftigter Männer und Frauen in Single-Haushalten nicht unterscheiden, während in Paarhaushalten (mit und ohne Kind) zwei- bis dreimal mehr niedriglohnbeschäftigte Männer als Frauen working poor sind. Mehr als zwei 513 47. Jahrgang (2021), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 2Laut Horemans (2016) wird Teilzeitbeschäftigung entweder anhand einer Stundengrenze (OECD) oder anhand der Selbsteinordnung von Befragten (Eurostat) definiert. Er quantifiziert Teilzeit- (≤30 h) und Vollzeitbeschäftigte (≥30 h) anhand einer Wochenarbeitsstundengrenze. Niedriglohnbeschäftigung wird in der Regel dadurch definiert, dass der Lohn einer Person weniger als zwei Drittel des nationalen Medianlohns beträgt (Niedriglohngrenze). Die Lohngrundlage kann dabei variieren, so beziehen sich Maître et al. (2012) etwa auf die Jahreslöhne ganzjährig Vollzeitbeschäftigter, Gardiner und Millar (2006) auf Bruttostundenlöhne. Niedriglohnbeschäftigte können Erwerbsarmut mitunter durch ein hohes Arbeitspensum vermeiden. Diese Möglichkeit besteht überwiegend für jene, die abseits der Erwerbsarbeit keine Betreuungspflichten haben oder wenn diese von anderen Haushaltsmitgliedern übernommen werden, und somit überwiegend für Männer (Gardiner und Millar 2006).
Drittel der niedriglohnbeschäftigten Frauen vermeiden Erwerbsarmut da- bei nur mit Hilfe des Partnereinkommens. Niedriglohnbeschäftigte Alleinerzieherinnen3sind verstärkt auf Sozialleistungen, Steuerbegünstigungen und Einkommen anderer angewiesen, um Erwerbsarmut zu vermeiden. Nur 4% von ihnen sind mit Hilfe des eigenen Erwerbseinkommens vor Armut geschützt (Gardiner und Millar 2006). Die referierten Studien signalisieren, dass auf Basis des äquivalisierten Haushaltseinkommens nicht nur die individuelle Beschäftigungssituation, sondern auch der Haushaltstyp und dessen Verdienststrukturen bzw. im Falle von Alleinerzieherinnen Sozialleistungen und Interhaushaltstransfers das Erwerbsarmutsrisiko einer Person beeinflussen. Das Erwerbsarmutsrisiko einer Person ist umso höher, je mehr Haushaltsmitglieder von ihrem Einkommen abhängig sind (Goerne 2011). Das bezieht sich sowohl auf erwachsene Haushaltsmitglieder mit fehlendem oder unzureichendem Einkommen als auch auf Kinder. Je mehr Kinder in einem Haushalt leben, desto höher ist das Erwerbsarmutsrisiko auf Basis des äquivalisierten Haushaltseinkommens (Filandri und Struffolino 2019; Goerne 2011), obschon der Effekt, den Kinder auf das Erwerbsarmutsrisiko auf Basis des äquivalisierten Haushaltseinkommens haben, auch vom nationalen Kontext und dort geltenden Ansprüchen auf Sozialleistungen und Steuerbegünstigungen abhängig ist und nicht nur vom Erwerbseinkommen der Eltern (Nieuwenhuis und Maldonado 2018; Goerne 2011). Kinder beeinflussen insbesondere die ökonomische Situation der Frauen, deren Arbeitsmarktposition durch familiäre Verpflichtungen stärker beeinflusst wird als die männliche (Peña-Casas und Ghailani 2011). Kinder bedeuten für sie nicht nur einen erhöhten finanziellen Bedarf, sondern in der Regel auch Erwerbsunterbrechungen sowie reduzierte Beschäftigung und somit niedrigeres Einkommen (Peña- Casas und Latta 2004). Da das persönliche Erwerbseinkommen Frauen in Europa nicht immer ausreichend absichert, sind sie oftmals auf Partnereinkommen oder Transferleistungen angewiesen, um Armut zu vermeiden. Diese Strategie ist Frauen in stabilen Paarhaushalten vorbehalten. Alleinerzieherinnen können weder Einkommen mit anderen Haushaltsmitgliedern bündeln noch Haus- und Sorgearbeit mit diesen teilen (Thiede et al. 2018). Sie weisen sowohl gegenüber Müttern in Paarhaushalten als auch gegenüber Alleinerziehern ein erhöhtes Erwerbsarmutsrisiko auf (Geisler und Kreyenfeld 2019; Nieuwenhuis und Maldonado 2018). Zusammenfassend zeigt sich, dass Frauen häufiger niedriglohn- und teilzeitbeschäftigt sind als Männer und öfter über ein unzureichendes Personeneinkommen verfügen, um Armut zu vermeiden. Deshalb sind sie häufig auf Einkommen anderer und Transferleistungen angewiesen, um Armut 514 Wirtschaft und Gesellschaft 47. Jahrgang (2021), Heft 4 3Bei Gardiner und Millar (2006) sind Alleinerzieher aufgrund geringer Fallzahlen nicht Teil der Analyse.
zu vermeiden. Gleichzeitig kann ihr Erwerbseinkommen das Haushaltseinkommen als Zuverdienst ergänzen und damit auf Basis des äquivalisierten Haushaltseinkommens sowohl ihr eigenes Erwerbsarmutsrisiko als auch jenes ihrer Haushaltsmitglieder reduzieren (Filandri und Struffolino 2019; Corsi et al. 2016). Männer verfügen tendenziell über ausreichend Personeneinkommen, um Armut zu vermeiden und erhöhen ihr Erwerbsarmutsrisiko auf Basis des äquivalisierten Haushaltseinkommens durch das Teilen des Einkommens mit anderen Haushaltsmitgliedern: Stünde Beschäftigten in Europa lediglich ihr Personeneinkommen zur Verfügung, wären insgesamt deutlich mehr Frauen erwerbsarmutsgefährdet als auf Basis des äquivalisierten Haushaltseinkommens (17% gegenüber 8%). Der Anteil der erwerbsarmutsgefährdeten Männer würde sich kaum verändern bzw. sich sogar geringfügig reduzieren (8% gegenüber 9%) (Peña- Casas und Ghailani 2011; ähnliche Ergebnisse bei Filandri und Struffolino 2019).4 2.2 Finanzielle Abhängigkeit vom Partner und darüber hinaus Verfügen Frauen in verschiedengeschlechtlichen Paarhaushalten über kein oder ein unzureichendes Einkommen und vermeiden Armut lediglich mit Hilfe des Partnereinkommens, sind diese nur a husband away from poverty (Orloff 1993). Peña-Casas und Ghailani (2011) sprechen von latenter Armut, Meulders und O’Dorchai (2010) sowie Corsi et al. (2016) von finanzieller Abhängigkeit vom Partner. In Europa hat der Anteil der Paarhaushalte mit zwei Erwerbseinkommen (Doppelverdiensthaushalte) seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zugenommen (Manchester et al. 2019; Rusconi und Solga 2008). Dieser Anstieg ist mitunter eine Reaktion darauf, dass Haushalte mit einem Erwerbseinkommen immer öfter mit Prekarität konfrontiert sind (Thiede et al. 2018). Die finanzielle Abhängigkeit von Frauen in Paarhaushalten setzt sich dabei fort, da der relative Anteil, den Frauen und insbesondere Mütter zum Haushaltseinkommen beitragen, in ganz Europa nur langsam wächst (Dotti Sani 2015; Stier und Mandel 2009). Laut Beckers Spezialisierungsthese (1991), die auf der ge- 515 47. Jahrgang (2021), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 4Peña-Casas und Ghailani (2011) operationalisieren individuelle Armutsgefährdung in Anlehnung an Meulders und O’Dorchai (2010) anhand deutlich zuordenbarer Personeneinkommen und anteiliger Haushaltseinkommen. Kinder werden nicht anhand des Einkommensbedarfs, sondern lediglich mittels Einkommenskomponenten (Familienleistungen) berücksichtigt. Dadurch unterschätzt der Indikator das Erwerbsarmutsrisiko von (insbesondere alleinerziehenden) Eltern tendenziell. Bei Filandri und Struffolino (2019) gilt jemand als erwerbsarmutsgefährdet, dessen Jahreserwerbseinkommen weniger als 60% des nationalen Medianjahreserwerbseinkommens beträgt. Beschäftigungsverhältnisse werden auf Mikroebene lediglich anhand der Branchenzugehörigkeit berücksichtigt, auf Makroebene anhand der Frauenerwerbsquote und der unfreiwilligen Teilzeitquote.
meinsamen Nutzenmaximierung des Haushalts und dem viktorianischen Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie aufbaut, spezialisieren sich PartnerInnen auf bestimmte Aufgabenbereiche, Frauen traditionellerweise auf private Haus- und Sorgearbeit, Männer auf Erwerbsarbeit. Spezialisierungsentscheidungen basieren entweder auf den gemeinsamen Interessen der PartnerInnen oder der Entscheidung des traditionellerweise männlichen Familienoberhaupts. Beide PartnerInnen verfügen dabei, unabhängig von ihrem geleisteten Beitrag oder bestehenden Einkommensunterschieden, über den gleichen Lebensstandard und den gleichen Zugang zum gesamten Haushaltseinkommen. FeministInnen kritisieren diesen Ansatz seit jeher, da auf dessen Basis sozialpolitische Rahmenbedingungen, Einkommensunterschiede und Machtverhältnisse innerhalb des Paarhaushalts nicht identifizierbar sind (Ponthieux 2015; Agarwal 1997; Katz 1997; Orloff 1993). Selbst wenn Paarhaushalte im Sinne der Spezialisierungsthese gemeinsame Erwerbs- und Konsumstrategien verfolgen, hat dies für Männer und Frauen ungleiche Konsequenzen. Internationale Studien verweisen darauf, dass sich bis heute überwiegend Frauen auf private Haus- und Sorgearbeit spezialisieren und deshalb keiner oder reduzierter Beschäftigung nachgehen, wodurch sich ihre Arbeitsmarktchancen verschlechtern (Dieckhoff et al. 2020; Dotti Sani 2015; Killewald und Gough 2013), was sich wiederum negativ auf die Höhe von Sozial-, Alters- und Ersatzleistungen auswirkt, da sich diese nach der Erwerbskarriere bemessen (Mayrhuber 2020; Möhring 2018; Rutledge et al. 2017). Erwirtschaftet die Frau einen geringeren Teil des Haushaltseinkommens als ihr Partner, reduziert das zudem ihre Verhandlungsmacht innerhalb des Haushalts (Mader und Schneebaum 2013). Die teils massiven Einkommensverluste und erhöhten Armutsrisiken, die Frauen und insbesondere Mütter nach einer Scheidung oder Trennung tragen, verdeutlichen die Gefahren finanzieller Abhängigkeit (Cooke et al. 2013; Andreß et al. 2006), welche häufig auch nach Auflösung des Haushalts fortbesteht und sich lediglich zu einem Abhängigkeitsverhältnis zwischen Haushalten, etwa bei der Auszahlung von Interhaushaltstransfers (z.B. Kindesunterhalt), oder zu einer Abhängigkeit von Sozialleistungen verschiebt (Fraser 2011). Während Beckers Spezialisierungsthese auf einem „long-term commitment between a man and a woman“ (1991, 31) beruht, ist die bürgerliche Kleinfamilie heutzutage keine stabile Einheit mehr. Somit ist auch der Schutz, den sie vor Armut bietet, fragil, unabhängig davon, ob und wie intensiv Ressourcen auf Haushaltsebene geteilt werden (Corsi et al. 2016; Hobson 1990). Deshalb bedarf es Analysen des Erwerbsarmutsrisikos auf Basis des Personeneinkommens, um latente Armut bzw. finanzielle Abhängigkeit sichtbar zu machen und Geschlechterunterschiede in der Erwerbsarmutsgefährdung in unterschiedlichen Haushaltstypen abzubilden. 516 Wirtschaft und Gesellschaft 47. Jahrgang (2021), Heft 4
3. Österreichischer Kontext, Forschungsfrage und Hypothesen Wie in der Einleitung als europäischer Trend diskutiert, spiegelt sich auch in Österreich die Deregulierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes in den Beschäftigungsverhältnissen wider und führte zu einer Zunahme der Niedriglohn- und Teilzeitbeschäftigung (Fritsch et al. 2019; Geisberger 2013). Frauen waren 2018 doppelt so häufig niedriglohnbeschäftigt und viermal so häufig teilzeitbeschäftigt wie Männer, obschon auch die männlichen Niedriglohn- und Teilzeitquoten in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen sind (Statistik Austria 2021; Fritsch et al. 2019). Erwerbsarmutsforschung gewinnt in Österreich seit der Jahrtausendwende an Aufmerksamkeit (z.B. Knittler und Heuberger 2018; Fritsch und Verwiebe 2018; Knittler 2015, 2010; Verwiebe und Fritsch 2011; Heitzmann 2001). Fink (2019) kritisiert, dass im Vergleich zu den verfügbaren Daten bisher jedoch nur wenige, primär deskriptive und kaum vertiefende Analysen zu working poor in Österreich existieren. Lediglich Verwiebe und Fritsch (2011) sowie Fritsch und Verwiebe (2018) liefern inferenzstatistische Analysen und verwenden dabei zwei unterschiedliche Indikatoren, um Erwerbsarmutsrisiken zu quantifizieren. Fritsch und Verwiebe (2018) greifen in ihrer Analyse zu Erwerbsarmut unselbständig Beschäftigter in den DACH-Ländern auf den bereits erwähnten Eurostat-Indi- kator zurück. Dabei stellen die AutorInnen fest, dass sich auch in Österreich Frauen zwar in einer benachteiligten Arbeitsmarktposition befinden, aber auf Basis des äquivalisierten Haushaltseinkommens gegenüber Männern weder 1996 noch 2013 ein erhöhtes Erwerbsarmutsrisiko aufwiesen. Verwiebe und Fritsch (2011) quantifizieren Erwerbsarmut anhand ganzjähriger unselbständiger Vollzeitbeschäftigung (working) und anhand des aktuellen Bruttomonatslohns unter 60% des Median-Brutto- monatslohns (poor). Demnach war das Risiko, trotz ganzjähriger Vollzeitbeschäftigung armutsgefährdet zu sein, im Jahr 2008 für Frauen doppelt so hoch wie für Männer. Die AutorInnen bilden das erhöhte individuelle Erwerbsarmutsrisiko ganzjährig vollzeitbeschäftigter Frauen in Österreich ab, zeichnen aber kein umfassendes Bild von Armut, Beschäftigung und Geschlecht. Einerseits sind Einkommen abseits des Lohns kein Teil der Analyse. Andererseits wird durch den Fokus auf Vollzeitbeschäftigung die Lebensrealität vieler Frauen nicht abgebildet. Zwar waren 2008 93% der Männer und 58% der Frauen vollzeitbeschäftigt, unter den 25- bis 49-jähri- gen Müttern allerdings nur jede Dritte (gegenüber 96% der 25- bis 49-jähri- gen Väter, vgl. Statistik Austria 2021). Das in Österreich erhöhte individuelle Armutsrisiko teilzeitbeschäftigter Frauen wird in den deskriptiven Auswertungen von Knittler und Heuberger (2018) beschrieben und zeigt zudem die Rolle teilzeitbeschäftigter Frauen als Zuverdienerinnen. So 517 47. Jahrgang (2021), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
sind laut EU-SILC 2015 11% der Teilzeitbeschäftigten (gegenüber 6% der Vollzeitbeschäftigten) auf Basis des äquivalisierten Haushaltseinkommens armutsgefährdet (24% der Männer, 8% der Frauen). Auf Basis des Personeneinkommens sind 27% der Teilzeitbeschäftigten (gegenüber 7% der Vollzeitbeschäftigten) armutsgefährdet (26% der Männer, 27% der Frauen). Horemans (2016) konstatiert in seiner Analyse auf EU-Ebene, dass auch in Österreich auf Basis des äquivalisierten Haushaltseinkommens kein erhöhtes Teilzeit-Armutsrisiko festzustellen ist, da die Erwerbseinkommen anderer Haushaltsmitglieder mögliche Lohneinbußen ausgleichen. Eine Sonderauswertung der Statistik Austria (2020a) zeigt, dass die Armutsgefährdung von Haushalten umso höher ist, je mehr Kinder darin leben, die Erwerbstätigkeit von Frauen diese jedoch drastisch (um bis zu 20 Prozentpunkte) reduziert. In österreichischen Paarhaushalten dominiert ein Doppelverdienstmodell, in dem der Mann voll- und die Frau teilzeitbeschäftigt ist (Berghammer und Verwiebe 2015). Durch das unzureichende öffentliche Kinderbetreuungssystem bietet Teilzeitbeschäftigung für Mütter in Österreich oftmals die einzige Möglichkeit, einer Beschäftigung nachzugehen (Pernicka und Stadler 2006). Zusätzlich befördern politische Maßnahmen und die in Österreich vorherrschenden traditionellen Geschlechterrollenbilder die Teilzeitbeschäftigung von Frauen (Riederer und Berghammer 2020). Ausgehend von dieser Situation beschäftigt sich die folgende Analyse mit Erwerbsarmut in Österreich. Wie unterscheiden sich auf Basis des Personeneinkommens die Erwerbsarmutsrisiken von Frauen und Männern in Österreich? Insgesamt ist davon auszugehen, dass Niedriglohn- (Hypothese 1) und Teilzeitbeschäftigung (Hypothese 2) das Erwerbsarmutsrisiko geschlechtsunabhängig erhöhen. Aufgrund der im Vergleich zu Männern erhöhten Niedriglohn- und Teilzeitquoten der Frauen ist jedoch zu erwarten, dass Frauen auf Basis ihres Personeneinkommens ein höheres Erwerbsarmutsrisiko aufweisen als Männer (Hypothese 3). In Haushalten mit Kindern ist der Einkommensbedarf erhöht, weshalb Mütter und Väter vermutlich ein höheres Erwerbsarmutsrisiko aufweisen als Kinderlose (Hypothese 4a). Die Beschäftigungssituation von Frauen wird durch Elternschaft jedoch stärker beeinflusst als bei Männern, so sind Frauen in Österreich insbesondere im Kontext von Mutterschaft teilzeitbeschäftigt. Durch die häufige Kombination von Teilzeitbeschäftigung (geringe Erwerbsintensität und niedriger Lohn) und Elternschaft (erhöhter Einkommensbedarf) wird erwartet, dass sich das Erwerbsarmutsrisiko bei Präsenz von Kindern insbesondere für Mütter erhöht, einerseits im Vergleich zu kinderlosen Frauen (Hypothese 4b), andererseits im Vergleich zu Vätern (Hypothese 4c). 518 Wirtschaft und Gesellschaft 47. Jahrgang (2021), Heft 4
zwischen Verdienststruktur und geschlechtsspezifischem Erwerbsarmutsrisiko bestehen, kann aufgrund teilweise geringer Fallzahlen in den Zellen (n< 20) weder auf Basis des PE noch auf Basis des ÄHE überprüft werden. Tabelle 3: Erwerbsarmutsquoten nach Geschlecht und Verdienststruktur bei Paaren unselbständig Beschäftigte in Paarhaushalten mit/ohne Kind davon working poor (PE) davon working poor (ÄHE) Frauen Männer Frauen Männer Frauen Männer Alleinverdienst 7 27 (3) (3) (11) 15 Hauptverdienst 21 59 (4) (1) 10 2 Zuverdienst 72 15 26 17 2 10 N1.092 1.333 202 46 46 71 Quelle: EU-SILC 2017–2019. Anmerkung: Gewichtete Anteile in Prozent. PE = Personeneinkommen. ÄHE = Äquivalisiertes Haushaltseinkommen. Werte, die auf geringen Fallzahlen in der Randverteilung (< 50) oder in der Zelle (< 20) beruhen, werden geklammert. Im weiteren Verlauf konzentriert sich die Analyse ausschließlich auf Erwerbsarmutsgefährdung auf Basis des PE. Wie bereits anhand der Gegenüberstellung der Erwerbsarmutsquoten auf Basis des PE und auf Basis des ÄHE angedeutet, sind Männer seltener als Frauen auf Einkommenskomponenten abseits des Erwerbseinkommens angewiesen, um Erwerbsarmut zu vermeiden, wobei sich auch hier Unterschiede zwischen den Haushaltstypen feststellen lassen (Tabelle 4). Der Rückgang der männlichen Erwerbsarmutsquote in Single-Haushalten lässt sich insbesondere durch den Erhalt von Arbeitslosenleistungen erklären [working poor (1) →working poor (2)]. Diese sind neben dem Erwerbseinkommen auf Personenebene für Frauen und Männer insgesamt die wichtigste Einkommenskomponente, um Armut zu vermeiden.10 Anteilige Haushaltseinkommen reduzieren vor allem die Erwerbsarmutsquoten in Haushalten mit Kindern und dabei insbesondere jene der Mütter, was maßgeblich auf den Effekt erhaltener Familienleistungen zurückzuführen ist [working poor (2) →working poor (3)]. In Ein-Eltern-Haus- halten vermeiden Mütter Erwerbsarmut zudem häufig durch erhaltene Interhaushaltstransfers (siehe auch Fraser 2011). Könnten Mütter nur auf ihr Erwerbseinkommen oder andere Personeneinkommen zurückgreifen, wäre mindestens jede Zweite von ihnen working poor. 525 47. Jahrgang (2021), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 10 Eine detaillierte Aufschlüsselung geschlechtsspezifischer Erwerbsarmutsquoten anhand einzelner Einkommenskomponenten geht über das Ziel dieses Beitrags hinaus. Entsprechende Auswertungen sind auf Anfrage bei der Autorin verfügbar.
Tabelle 4: Working poor (PE) nach Einkommenskomponenten und Geschlecht Haushaltstyp Single-Haushalt Ein-Eltern- Haushalt Paarhaushalt ohne Kind Paarhaushalt mit Kind Frauen Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen Männer working poor (1) 151163–126489 working poor (2) 12 761– 95467 working poor (3) 9 724–104335 Quelle: EU-SILC 2017–2019. Anmerkung: Gewichtete Anteile in Prozent. Erwerbsarmutsgefährdung auf Basis des persönlichen Erwerbseinkommens [working poor (1)], plus weiterer Personeneinkommen [working poor (2)], plus anteiliger Haushaltseinkommen [working poor (3)]. Für Männer in Ein-Eltern-Haushalten werden Anteile aufgrund niedriger Fallzahlen (N< 30) nicht ausgewiesen. 5.2 Regressionsanalyse In Tabelle 511 sind die Ergebnisse der binär-logistischen Regressionsanalyse ausgewiesen. Diese zeigt, dass die untersuchten Einflussgrößen und ihre Wechselwirkungen mit Geschlecht zum Teil eine wichtige Rolle für die Erklärung des Erwerbsarmutsrisikos auf Basis des Personeneinkommens spielen. Die einzelnen Einflussgrößen werden in der Annahme, dass die übrigen Einflussgrößen jeweils konstant gehalten werden, interpretiert. Laut dem ersten Modell sind Frauen einem höheren Erwerbsarmutsrisiko ausgesetzt als Männer, und das Erwerbsarmutsrisiko ist in Haushalten mit einem Kind bzw. mit zwei oder mehr Kindern etwa zwei- bis dreimal höher als in kinderlosen Haushalten. Im zweiten Modell werden zusätzlich Interaktionsterme zwischen den erklärenden Variablen und der Geschlechtszugehörigkeit in das Modell integriert, um zu überprüfen, ob sich die Erwerbsarmutsrisiken der Frauen und Männer anhand des Geschlechts unterscheiden. Die Analyse macht deutlich, dass weder das Geschlecht einer Person noch die Anzahl der Kinder im Haushalt das allge- 526 Wirtschaft und Gesellschaft 47. Jahrgang (2021), Heft 4 11 Interpretationsbeispiel: Laut Modell 1 ist das Risiko, auf Basis des Personeneinkommens erwerbsarmutsgefährdet zu sein, für Teilzeitbeschäftigte etwa fünfmal so hoch (Odds-Ratio = 5,1, p< 0,01) wie für Vollzeitbeschäftigte. In Modell 2 wird mittels Interaktionseffekt zwischen Beschäftigungsausmaß und Geschlecht überprüft, ob das Beschäftigungsausmaß das Erwerbsarmutsrisiko der Frauen anders beeinflusst als jenes der Männer. Der allgemeine Effekt des Beschäftigungsausmaßes ist erneut signifikant und zeigt, dass Teilzeitbeschäftigte gegenüber Vollzeitbeschäftigten ein etwa viermal höheres Erwerbsarmutsrisiko aufweisen (OR = 3,9, p< 0,01), wenn man den potenziellen Geschlechtereffekt im Modell berücksichtigt. Der Interaktionseffekt zwischen Beschäftigungsausmaß und Geschlecht ist dabei nicht signifikant (OR = 1,2, p> 0,05). Das heißt, das Erwerbsarmutsrisiko der Teilzeitbeschäftigten ist geschlechtsunabhängig erhöht.
Tabelle 5: Multivariate Regressionsanalyse des Erwerbsarmutsrisikos (PE) Modell 1 Modell 2 OR SE OR SE Geschlecht (Referenz: Mann) Frau 1,6** 0,2 0,7** 0,3 Anzahl der Kinder (Ref.: kein Kind) 1 Kind 2 oder mehr Kinder 1,7** 2,7** 0,2 0,3 1,4** 1,3** 0,3 0,3 in Paarhaushalt (Ref.: kein Paarhaushalt) Paarhaushalt 0,7** 0,1 0,5** 0,1 Lohnhöhe (Ref.: mittel/hoch) niedrig 3,4** 0,3 3,0** 0,6 Beschäftigungsausmaß (Ref.: Vollzeit) Teilzeit 5,1** 0,5 3,9** 0,7 StaatsbürgerInnenschaft (Ref.: Österreich) EU Nicht-EU 2,0** 2,4** 0,2 0,4 2,1** 3,0** 0,4 0,7 Bildungsstand (Ref.: hoch) niedrig mittel 1,9** 1,2** 0,3 0,1 1,2** 0,8** 0,3 0,1 Wohnort (Ref.: groß) klein mittelgroß 1,0** 0,9** 0,1 0,1 0,6** 0,6* 0,1 0,1 Branche (Ref.: Agrar, Bau, Industrie) öffentliche Verwaltung, Bildung, Gesundheit Handel, Dienstleistung, Sonstiges 0,7** 1,0** 0,1 0,1 0,5** 1,0** 0,1 0,2 Betriebsgröße (Ref.: groß) klein mittel 2,9** 1,6** 0,3 0,2 2,5** 1,4** 0,4 0,2 Erwerbsjahre (metrisch) Erwerbsjahre2(metrisch) 0,9** 1,0** 0,0 0,0 1,0** 1,0** 0,0 0,0 Erhebungsjahr (Ref.: 2019) 2017 2018 1,1** 1,2** 0,1 0,1 1,3** 1,4** 0,2 0,3 Interaktion mit Geschlecht Frau*1 Kind Frau*2 oder mehr Kinder 1,5** 0,4 0,7 Frau*Paarhaushalt 1,6**0,3 Frau*Niedriglohn 1,2** 0,3 Frau*Teilzeitjob 1,2** 0,3 Frau*EU Frau*Nicht-EU 1,0** 0,7** 0,3 0,2 Frau*niedriger Bildungsstand Frau*mittlerer Bildungsstand 2,0** 1,8** 0,7 0,4 Frau*kleiner Wohnort Frau*mittelgroßer Wohnort 2,2** 1,8** 0,5 0,4 Frau*Branche: öffentliche Verwaltung, … Frau*Branche: Handel, … 1,5** 1,0** 0,4 0,2 Frau*kleiner Betrieb Frau*mittlerer Betrieb 1,3** 1,3** 0,3 0,3 Frau*Erwerbsjahre Frau*Erwerbsjahre2 0,9** 1,0** 0,0 0,0 Frau*2018 Frau*2019 1,0** 1,2** 0,2 0,3 Nagelkerkes R227,2** 28,6** Quelle: EU-SILC 2017–2019. Anmerkung: N= 10.289; ungewichtete Analyse. OR = Odds-Ratio; SE = Standardfehler; * p< 0,05; ** p< 0,01. Abhängige Variable: Erwerbsarmutsgefährdung auf Basis des Personeneinkommens (Ref.: nicht erwerbsarmutsgefährdet). 527 47. Jahrgang (2021), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
meine Erwerbsarmutsrisiko beeinflussen. Nicht alle Frauen weisen ein erhöhtes Erwerbsarmutsrisiko auf – vielmehr verschärft Mutterschaft bzw. das Zusammenleben von Frauen mit zwei oder mehr Kindern das Erwerbsarmutsrisiko. Ihr Armutsrisiko ist etwa dreimal höher als das kinderloser Männer, während sich das Erwerbsarmutsrisiko von Müttern mit einem Kind nicht signifikant von dem kinderloser Männer unterscheidet. Personen, die in Paarhaushalten leben, weisen unabhängig von ihrem Geschlecht ein niedrigeres Erwerbsarmutsrisiko auf als Alleinlebende. Das könnte mitunter auf den armutsreduzierenden Effekt geteilter Haushaltseinkommen zurückzuführen sein [siehe Tabelle 4, working poor (2) → working poor (3)]. Gleichzeitig weisen Frauen in Paarhaushalten ein höheres Erwerbsarmutsrisiko auf als allein lebende Männer. Die Verdienststruktur in Paarhaushalten konnte aufgrund teils unzureichender Fallzahlen nicht in die Regressionsanalyse inkludiert werden, der Effekt könnte allerdings mitunter darauf zurückzuführen sein, dass Frauen in Paarhaushalten, insbesondere im Kontext von Mutterschaft, häufig nur einen Zuverdienst zum Haushaltseinkommen leisten. Obschon mehr Frauen als Männer teilzeit- und niedriglohnbeschäftigt sind, erhöhen beide Faktoren das Erwerbsarmutsrisiko geschlechtsunabhängig. Es arbeiten zwar mehr Frauen als Männer in beiden Beschäftigungsformen und erzielen somit durchschnittlich geringere Erwerbseinkommen als Männer, aber auch der geringe Anteil der teilzeit- und niedriglohnbeschäftigten Männer ist aufgrund ihrer Beschäftigungsform einem erhöhten Erwerbsarmutsrisiko ausgesetzt. Teilzeitbeschäftigte haben demnach ein viermal höheres Erwerbsarmutsrisiko als Vollzeitbeschäftigte, Niedriglohnbeschäftigte ein zweimal höheres als Beschäftigte mit einem normalen oder hohen Lohn. Während Personen in kleinen und mittelgroßen Wohnorten prinzipiell ein niedrigeres Erwerbsarmutsrisiko aufweisen als Personen in städtischen Wohnorten, haben Frauen am Land ein etwa doppelt so hohes Erwerbsarmutsrisiko wie Männer in der Stadt. Das ist vermutlich auf die unterschiedlichen Stadt-Land-Erwerbsmuster von Frauen zurückzuführen (Knittler 2015). Während Bildung per se keinen Einfluss auf das Erwerbsarmutsrisiko hat, haben Frauen mit niedrigem oder mittlerem Bildungsabschluss ein etwa doppelt so hohes Erwerbsarmutsrisiko wie Männer mit hohem Bildungsabschluss. StaatsbürgerInnenschaft, Branchenzugehörigkeit und Betriebsgröße wirken sich geschlechtsunabhängig auf das Erwerbsarmutsrisiko aus. Das weist erstens auf die Diskriminierung nicht österreichischer StaatsbürgerInnen am österreichischen Arbeitsmarkt hin, zweitens auf die teils prekären Beschäftigungs- und Einkommensverhältnisse in den Agrar-, Bau- und Industriebranchen bzw. in Handels-, Dienstleistungs- und sonstigen Branchen sowie auf das erhöhte Erwerbsarmutsrisiko von Beschäftigten in Kleinbetrieben gegenüber jenen in Mittel- und Großbetrieben (siehe auch Verwiebe und Fritsch 2011). 528 Wirtschaft und Gesellschaft 47. Jahrgang (2021), Heft 4
6. Diskussion Der Beitrag liefert anhand österreichischer EU-SILC-Querschnittsdaten für 2017–2019 Befunde über Erwerbsarmut in Österreich aus Geschlechterperspektive. Wie unterscheiden sich auf Basis des Personeneinkommens die Erwerbsarmutsrisiken von Frauen und Männern in Österreich? Die Ergebnisse unterstützen die einleitende Aussage, dass Erwerbsarbeit nicht immer vor Armut schützt. Geschlecht ist ein entscheidender Faktor in der Erklärung von Erwerbsarmutsbetroffenheit, dabei aber nicht die einzig relevante Einflussgröße. Eine Betrachtung der Erwerbsarmutsquoten für unterschiedliche Haushaltstypen zeigt, dass sich die Erwerbsarmutsquoten der Frauen und Männer auf Basis des äquivalisierten Haushaltseinkommens (ÄHE) lediglich in Paarhaushalten nicht unterscheiden, in Single- Haushalten sind hingegen mehr Frauen als Männer erwerbsarmutsgefährdet. Auf Basis des Personeneinkommens (PE) sind in allen Haushaltstypen mehr Frauen als Männer working poor. Während das PE von Frauen oftmals nicht ausreicht, um Armut zu vermeiden, stocken sie durch ihren Zuverdienst das Haushaltseinkommen auf und reduzieren damit tendenziell auf Basis des ÄHE ihr eigenes Erwerbsarmutsrisiko sowie jenes ihrer Haushaltsmitglieder (siehe auch Filandri und Struffolino 2019; Corsi et al. 2016). Die Erwerbsarmutsgefährdungsquote der Männer unterscheidet sich auf Basis des PE und auf Basis des ÄHE kaum, in Paarhaushalten ist sie auf Basis des ÄHE tendenziell sogar höher als auf Basis des PE. Männer in Paarhaushalten sind häufig die Allein- oder Hauptverdiener des Haushalts. Während ihr PE oftmals ausreichen würde, um sich finanziell abzusichern, erhöht das Teilen des Einkommens auf Haushaltsebene ihr Erwerbsarmutsrisiko auf Basis des ÄHE in Paarhaushalten (siehe auch Corsi et al. 2016). Frauen sind zwar häufiger teilzeit- und niedriglohnbeschäftigt als Männer, beide Beschäftigungsformen erhöhen das Erwerbsarmutsrisiko jedoch geschlechtsunabhängig (Hypothesen 1 und 2). Es besteht kein genereller Geschlechterunterschied hinsichtlich des Erwerbsarmutsrisikos (Hypothese 3) und kein generell erhöhtes Erwerbsarmutsrisiko in Haushalten mit Kindern (Hypothese 4a). Es sind Mütter, die einem erhöhten Erwerbsarmutsrisiko ausgesetzt sind, sowohl gegenüber kinderlosen Frau- en (Hypothese 4b) als auch gegenüber Vätern (Hypothese 4c). Das Erwerbsarmutsrisiko ist umso höher, je mehr Kinder im Haushalt leben. So bedeutet Mutterschaft nicht nur einen erhöhten Einkommensbedarf (Goerne 2011), sondern wirkt sich auch auf die Erwerbsbiografie der Frauen aus (Peña-Casas und Latta 2004). Bemerkenswert dabei ist, dass Mütter in Paarhaushalten auf Basis des PE ein höheres Erwerbsarmutsrisiko aufweisen als Alleinerzieherinnen, was mitunter auf ihre erhöhte Teilzeitquote zurückzuführen ist. 529 47. Jahrgang (2021), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
Der Haushaltskontext als Schutz vor Armut ist ambivalent. Einerseits hilft er lediglich Frauen in Paarhaushalten, Erwerbsarmut mit Hilfe des Partnereinkommens zu vermeiden, und erhöht damit tendenziell durch Teilen des Einkommens das Erwerbsarmutsrisiko des männlichen Partners. Andererseits ist dieser Schutz vor Armut risikobehaftet und gilt nur so lange, wie die Stabilität des Haushalts gegeben ist. Löst sich der Haushalt auf, finden sich Frauen häufig in einer prekären Situation wieder. Die Abhängigkeit alleinerziehender Mütter von Interhaushaltstransfers verdeutlicht, dass finanzielle Abhängigkeit über Haushaltsgrenzen hinweg besteht. Während weibliche Emanzipation mit der Möglichkeit der eigenen Existenzsicherung verknüpft ist (Orloff 1993), werden durch Erwerbsarmutsmessung auf Basis des ÄHE Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb des Haushalts impliziert und deren genauere Analyse verhindert. Letztendlich zeigt die Analyse, dass der Diskurs über feminisierte Armut nicht ausschließlich auf Basis haushaltsbasierter Daten geführt werden kann. Die Erkenntnisse dieses Beitrags basieren auf Querschnittsdaten. Es besteht weiterhin Bedarf, Erwerbsarmut auf Basis (registerbasierter) Längsschnittdaten zu untersuchen, um die Entstehung und die Auswirkungen von Erwerbsarmut eingehend verstehen zu können. Insbesondere Erwerbsarmutsrisiken im Erwerbs- und Lebensverlauf anhand bestimmter Ereignisse zu betrachten, etwa die Geburt des ersten Kindes (Kleven et al. 2020, 2019), Scheidung/Trennung (Cooke et al. 2013; Andreß et al. 2006) oder der Übertritt in die Pension (Möhring 2018), könnte wichtige Erkenntnisse liefern. Obwohl die Analyse auf einem gepoolten Datensatz dreier Erhebungsjahre beruht, konnten aufgrund niedriger Fallzahlen weder alleinerziehende Väter noch Zusammenhänge zwischen Verdienststrukturen in Paarhaushalten und geschlechtsspezifischen Erwerbsarmutsrisiken statistisch überprüft werden. Der Zusammenhang zwischen Erwerbsarmutsrisiko und Beschäftigungsausmaß konnte aufgrund niedriger Fallzahlen teilzeitbeschäftigter Männer lediglich anhand der Kategorien Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigung untersucht werden, nicht aber anhand geleisteter Arbeitsstunden. Single-Haushalte wurden als homogene Gruppe behandelt, obschon internationale Forschung darauf verweist, dass der Personenstand das Erwerbsarmutsrisiko beeinflusst (Corsi et al. 2016), und auch mögliche Unterschiede im Erwerbsarmutsrisiko verschiedener Altersgruppen wurden in der Analyse nicht berücksichtigt. Zukünftige Studien sollten sich den aufgezeigten Forschungsdesideraten widmen. Literatur Agarwal, Bina (1997). „Bargaining“ and Gender Relations: Within and Beyond the Household. Feminist Economics 3 (1), 1–51. Aisa, Rosa/Larramona, Gemma/Pueyo, Fernando (2019). Poverty in Europe by gender: The role of education and labour status. Economic Analysis and Policy (63), 24–34. 530 Wirtschaft und Gesellschaft 47. Jahrgang (2021), Heft 4
Andreß, Hans-Jürgen/Borgloh, Barbara/Brockel, Miriam/Giesselmann, Marco/Hummelsheim, Dina (2006). The Economic Consequences of Partnership Dissolution: A Comparative Analysis of Panel Studies from Belgium, Germany, Great Britain, Italy, and Sweden. European Sociological Review 22 (5), 533–560. Angel, Stefan/Disslbacher, Franziska/Humer, Stefan/Schnetzer, Matthias (2019). What did you really earn last year? Explaining measurement error in survey income data. Journal of the Royal Statistical Society 182 (4), 1.411–1.437. Bardone, Laura/Guio, Anne-Catherine (2005). In-work poverty: New Commonly Agreed Indicators at the EU-Level. No. 5. Luxemburg, Eurostat. Becker, Gary (1991). A treatise on the family. Überarbeitete Auflage. Cambridge, Harvard University Press. Berghammer, Caroline/Verwiebe, Roland (2015). Die Verbreitung des Doppelernährer- und Doppelbetreuermodells in fünf Ländern Europas. WSI-Mitteilungen 68 (2), 116–124. Cooke, Lynn Price/Erola, Jani/Evertsson, Marie/Gähler, Michael/Harkonen, Juho/Hewitt, Belinda/Jalovaara, Marika/Kan,Man-Yee/Lyngstad, Torkild Hovde/Mencarini, Letizia/ Mignot, Jean-Francois/Mortelmans, Dimitri/Poortman, Anne-Rigt/Schmitt, Christian/ Trappe, Heike (2013). Labour and Love: Wives’ Employment and Divorce Risk in its Socio-Political Context. Social Politics 20 (4), 482–509. Corsi, Marcella/Botti, Fabrizio/D’Ippoliti, Carlo (2016). The Gendered Nature of Poverty in the EU: Individualized versus Collective Poverty Measures. Feminist Economics 22 (4), 82–100. Dieckhoff, Martina/Gash, Vanessa/Mertens, Antje/Romeu Gordo, Laura (2020). Partnered women’s contribution to household labour income: Persistent inequalities among couples and their determinants. Social Science Research 85. Dörre, Klaus (2007). Prekarisierung und Geschlecht. Ein Versuch über unsichere Beschäftigung und männliche Herrschaft in nachfordistischen Arbeitsgesellschaften. In: Brigitte Aulenbacher/Maria Funder/Heike Jacobsen/Susanne Völker (Hg.). Arbeit und Geschlecht im Umbruch der modernen Gesellschaft: Forschung im Dialog. Wiesbaden, VS, 285–302. Dotti Sani, Giulia Maria (2015). Within-Couple Inequality in Earnings and the Relative Motherhood Penalty: A Cross-National Study of European Countries. European Sociological Review 31 (6), 667–682. Eurostat (2021). In-work at-risk-of-poverty rate by age and sex [ilc_iw01]. Online verfügbar unter https://bit.ly/3AB7bUX (abgerufen am 16.6.2021). Filandri, Marianna/Struffolino, Emanuela (2019). Individual and household in-work poverty in Europe: understanding the role of labour market characteristics. European Societies 21 (1), 130–157. Fink, Marcel (2019). In-work-poverty in Austria: ESPN Thematic Report on In-work poverty: Austria 2019. Brüssel, European Commission. Fraser, Neil (2011). United Kingdom: Tackling Poverty in a Flexible Labour Market. In: Neil Fraser/Rodolfo Gutiérrez/Ramón Peña-Casas (Hg.). Working Poverty in Europe. London, Palgrave Macmillan, 73–92. Fritsch, Nina-Sophie (2018). Arbeitsmarkt, Berufe und Geschlecht in Österreich. SWS- Rundschau 58 (4), 307–327. Fritsch, Nina-Sophie/Verwiebe, Roland (2018). Labour market flexibilization and in-work poverty: a comparative analysis of Germany, Austria and Switzerland. In: Henning Lohmann/Ive Marx (Hg.). Handbook on in-work poverty. Cheltenham, Edward Elgar, 297–311. Fritsch, Nina-Sophie/Verwiebe, Roland/Liedl, Bernd (2019). Declining Gender Differences in Low-Wage Employment in Germany, Austria and Switzerland. Comparative Sociology 18 (4), 449–488. 531 47. Jahrgang (2021), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
Gardiner, Karen/Millar, Jane (2006). How Low-Paid Employees Avoid Poverty: An Analysis by Family Type and Household Structure. Journal of Social Policy 35 (3), 351–369. Gautié, Jerome/Ponthieux, Sophie (2017). Employment and the Working Poor. In: David Brady/Linda M. Burton (Hg.). The Oxford Handbook of the Social Science of Poverty. Oxford, University Press. Geisberger, Tamara (2013). Niedriglohnbeschäftigung in Österreich 2010. Statistische Nachrichten (7), 554–558. Geisler, Esther/Kreyenfeld, Michaela (2019). Why Do Lone Mothers Fare Worse than Lone Fathers? Lone Parenthood & Welfare Benefit Receipt in Germany. Comparative Population Studies 44. Goerne, Alexander (2011). A comparative analysis of in-work poverty in the European Union. In: Neil Fraser/Rodolfo Gutiérrez/Ramón Peña-Casas (Hg.). Working poverty in Europe. A comparative approach. Basingstoke, Palgrave Macmillan, 15–45. Heitzmann, Karin (2001). Armut ist weiblich! Ist Armut weiblich? Gedanken zur ökonomischen Armutsforschung aus feministischer Sicht. In: Karin Heitzmann/Angelika Schmidt (Hg.). Frauenarmut: Hintergründe, Facetten, Perspektiven. Frankfurt am Main, P. Lang, 121–136. Hinz, Thomas/Abraham, Martin (2018). Theorien des Arbeitsmarktes. In: Martin Abraham/ Thomas Hinz (Hg.). Arbeitsmarktsoziologie. Wiesbaden, Springer, 9–76. Hobson, Barbara (1990). No Exit, No Voice: Women’s Economic Dependency and the Welfare State. Acta Sociologica 33 (3), 235–250. Horemans, Jeroen (2016). Half a job, twice as poor: Empirical investigations into the role of earnings, family composition, and institutions as factors underlying the poverty risk of part-timers across Europe. Dissertation. Antwerpen, University of Antwerp. Katz, Elizabeth (1997). The Intra-Household Economics of Voice and Exit. Feminist Economics 3 (3), 25–46. Killewald, Alexandra/Gough, Margaret (2013). Does Specialization Explain Marriage Penalties and Premiums? American Sociological Review 78 (3), 477–502. Kleven, Henrik/Landais, Camille/Posch, Johanna/Steinhauer, Andreas/Zweimüller, Josef (2020). Do Family Policies Reduce Gender Inequality? Evidence from 60 Years of Policy Experimentation. National Bureau of Economic Research. Cambridge, MA. NBER Working Paper Series 28082. Kleven, Henrik/Landais Camille/Søgaard, Jakob E. (2019). Children and Gender Inequality: Evidence from Denmark. American Economic Journal: Applied Economics 11 (4), 181–209. Knittler, Käthe (2010). Prekarisierung, Frauen und working poor & prekäre Statistik. In: Alexandra Weiss/Verena Simetzberger (Hg.). Frauen im 21. Jahrhundert: Situationen, Herausforderungen, Perspektiven. Gesellschafts- und sozialpolitische Aspekte. Innsbruck, Universitätsverlag, 97–112. Knittler, Käthe (2015). „Working Poor“ und geschlechtsspezifische Einkommensunterschiede – eine Annäherung in Zahlen für Österreich und Wien. Wirtschaft und Gesellschaft 2, 235–256. Knittler, Käthe/Heuberger, Richard (2018). Armut und Erwerbsarbeit – ein neuer Indikator. Statistische Nachrichten 3, 226–241. Kühnel, Steffen M. (1996). Gruppenvergleiche in linearen und logistischen Regressionsmodellen. ZA-Information/Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung 39, 130–160. Lucifora, Claudio/Salverda, Wiemer (2011). Low Pay. In: Brian Nolan/Wiemer Salverda/ Timothy M. Smeeding (Hg.). The Oxford Handbook of Economic Inequality. Oxford, University Press. Maître, Bertrand/Nolan, Brian/Whelan, Christopher T. (2012). Low pay, in-work poverty and economic vulnerability: A comparative analysis using EU-SILC. The Manchester School 80 (1), 99–116. 532 Wirtschaft und Gesellschaft 47. Jahrgang (2021), Heft 4
Mack, Alexander/Lange, Barbara (2015). Harmonization of Income Data in EU-SILC. GESIS Papers (18). Mader, Katharina/Schneebaum, Alyssa (2013). Zur geschlechtsspezifischen Intrahaushaltsverteilung von Entscheidungsmacht in Europa. Wirtschaft und Gesellschaft 39 (3), 361–403. Manchester, Colleen F./Leslie, Lisa M./Dahm, Patricia C. (2019). Bringing home the Bacon: The Relationships among Breadwinner Role, Performance, Pay. Industrial Relations 58 (1), 46–85. Mayrhuber, Christine (2020). Geschlechtsspezifische Pensionslücke in Österreich. Wirtschaft und Gesellschaft 46 (4), 501–514. Meulders, Danièle/O’Dorchai, Síle (2010). Revisiting poverty measures towards individualisation. ULB-Dulbea Working Papers. Möhring, Katja (2018). Is there a motherhood penalty in retirement income in Europe? The role of life-course and institutional characteristics. Ageing and Society 38 (12), 2.560–2.589. Nieuwenhuis, Rense/Maldonado, Laurie C. (2018). Single-parent families and in-work poverty. In: Henning Lohmann/Ive Marx (Hg.). Handbook on in-work poverty. Cheltenham, Edward Elgar, 171–192. Orloff, Ann Shola (1993). Gender and the social rights of citizenship: the comparative analysis of gender relations and welfare states. American Sociological Review 58 (3), 303–328. Peña-Casas, Ramón/Ghailani, Dalila (2011). Towards Individualizing Gender In-Work Poverty Risks. In: Neil Fraser/Rodolfo Gutiérrez/Ramón Peña-Casas (Hg.). Working Poverty in Europe: A comparative Approach. New York, Palgrave Macmillan, 202–232. Peña-Casas, Ramón/Latta, Mia (2004). Working poor in the European Union. Luxemburg, Office for Official Publications of the European Communities. Pernicka, Susanne/Stadler, Bettina (2006). Atypische Beschäftigung: Frauensache? Formen, Verbreitung, Bestimmungsfaktoren flexibler Arbeit. Österreichische Zeitschrift für Soziologie 31 (3), 3–21. Ponthieux, Sophie (2015). Intra-household sharing of resources: A tentative „modified“ equivalised income. Conference Paper (24th IAFFE annual conference), Berlin. Online verfügbar unter https://bit.ly/3m2LEkh (aufgerufen am 12.8.2021). Riederer, Bernhard/Berghammer, Caroline (2020). The Part-Time Revolution: Changes in the Parenthood Effect on Women’s Employment in Austria across the Birth Cohorts from 1940 to 1979. European Sociological Review 36 (2), 284–302. Rusconi, Alessandra/Solga, Heike (2008). A Systematic Reflection Upon Dual Career Couples. SSRN Electronic Journal. Russo, Giovanni/Hassink, Wolter (2008). The Part-Time Wage Gap: A Career Perspective. De Economist 156 (2), 145–174. Rutledge, Matthew S./Zulkarnain, Alice/King, Sara Ellen (2017). How Much Does Motherhood Cost Women in Social Security Benefits? SSRN Electronic Journal. Schönpflug, Karin/Klapeer, Christine M./Hofmann, Roswitha/Müllbacher, Sandra (2018). If Queers were Counted: An Inquiry into European Socioeconomic Data on LGB(TI)QS. Feminist Economics 24 (4), 1–30. Statistik Austria (2019). Tabellenband EU-SILC 2018 – Einkommen, Armut und Lebensbedingungen. Wien, Statistik Austria. Statistik Austria (2020a). Erwerbstätigkeit von Frauen und Armutsgefährdung in Familien. Online verfügbar unter https://bit.ly/37DYpJm (abgerufen am 4.5.2021). Statistik Austria (2020b). Standard-Dokumentation Metainformationen (Definitionen, Erläuterungen, Methoden, Qualität) zu EU-SILC 2018. Wien, Statistik Austria. Statistik Austria (2021). Entwicklung der aktiven Erwerbstätigen- und Teilzeitquoten (ILO) 533 47. Jahrgang (2021), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
der 25–49-Jährigen nach Familientyp und Geschlecht, 1994–2020. Online verfügbar unter https://bit.ly/3m1KDbZ (abgerufen am 15.07.2021). Stier, Haya/Mandel, Hadas (2009). Inequality in the family: The institutional aspects of women’s earning contribution. Social Science Research 38 (3), 594–608. Thiede, Brian/Sanders, Scott/Lichter, Daniel (2018). Demographic drivers of in-work- poverty. In: Henning Lohmann/Ive Marx (Hg.). Handbook on in-work poverty. Cheltenham, Edward Elgar, 109–123. Tijdens, Kea G. (2002). Gender Roles and Labor Use Strategies: Women’s Part-Time Work in the European Union. Feminist Economics 8 (1), 71–99. Verwiebe, Roland/Fritsch, Nina-Sophie (2011). Working poor: Trotz Einkommen kein Auskommen – Trend- und Strukturanalysen für Österreich im europäischen Kontext. SWS- Rundschau 51 (1), 5–23. Zusammenfassung Der Beitrag widmet sich anhand österreichischer EU-SILC-Querschnittsdaten (2017 bis 2019) der Frage, ob und wie sich unselbständig beschäftigte Frauen und Männer hinsichtlich ihres Erwerbsarmutsrisikos auf Basis des Personeneinkommens unterscheiden. Dazu werden auf Basis der individuellen Beschäftigungssituation, des gestaffelten Personeneinkommens (Erwerbseinkommen, andere Personeneinkommen, anteilige Haushaltseinkommen) und haushaltsspezifischer Armutsschwellen Erwerbsarmutsquoten für Frauen und Männer ausgewiesen. Ausgehend von Überlegungen zur Arbeitsmarktbenachteiligung und finanziellen Abhängigkeit von Frauen stehen geschlechts- und haushaltsspezifische Beschäftigungsstrategien, erfasst durch Beschäftigungsausmaß und Lohnhöhe, und deren Konsequenzen für das individuelle Erwerbsarmutsrisiko im Zentrum der Analyse. Potenzielle Zusammenhänge werden mit Hilfe von Kontingenz- und logistischen Regressionsanalysen überprüft, womit dieser Beitrag neue Erkenntnisse über die haushalts- und geschlechterspezifische Situation unselbständig beschäftigter working poor in Österreich liefert. Die Resultate weisen darauf hin, dass Frauen häufiger teilzeit- und niedriglohnbeschäftigt sind und in Paarhaushalten mehrheitlich nur einen Zuverdienst zum Haushaltseinkommen leisten, während Männer überwiegend Allein- oder Hauptverdiener sind. Frauen sind stärker als Männer auf Einkommenskomponenten jenseits des eigenen Erwerbseinkommens angewiesen, um Erwerbsarmut zu vermeiden. Aber nicht Frauen per se, sondern ausschließlich (die überwiegend teilzeitbeschäftigten) Mütter sind gegenüber Männern einem erhöhten Erwerbsarmutsrisiko ausgesetzt. Könnten Mütter nur auf ihr Erwerbseinkommen oder andere Personeneinkommen zurückgreifen, wäre mindestens jede Zweite von ihnen working poor. Abstract This paper addresses the question of whether and how employed women and men differ in their in-work poverty risk based on personal income, using Austrian EU-SILC cross-sec- tional data (2017–2019). To this end, in-work poverty rates for women and men are shown based on their individual employment situation, their personal income (earned income, other personal income, pro-rata household income) and household-specific poverty thresholds. Considering the labour market disadvantages and financial dependency of women, the analysis focuses on gender- and household-specific employment strategies, captured by working hours and wage levels, and their consequences for the individual inwork poverty risk. Potential associations are tested using contingency and logistic regression analyses, thereby providing new insights into the household- and gender-specific situ- 534 Wirtschaft und Gesellschaft 47. Jahrgang (2021), Heft 4