Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels. Bericht über die erste Mitgliederversammlung des Vereins für Socialpolitik
Abstract
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Full text
Albrecht, Gerhard (Ed.); Arndt, Helmut (Ed.) Book Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels. Bericht über die erste Mitgliederversammlung des Vereins für Socialpolitik Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 1 Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Albrecht, Gerhard (Ed.); Arndt, Helmut (Ed.) (1949) : Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels. Bericht über die erste Mitgliederversammlung des Vereins für Socialpolitik, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 1, ISBN 978-3-428-41187-0, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285423 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de
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Schriften des Vereins für Sozialpolitik Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Neue Folge Band 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
SCHRIFTEN DES VEREINS FUR SOZIALPOLITIK Gesellsdlaft für Wirtsdlafts- und Sozialwissensdlaften Neue Folge Band 1 Verhandlungen auf der Tagung der Volks- und Betriebswirte in Marburg /Lahn 15. und 16. September 1948 Herausgegeben von Prof. Dr. Gerhard Albredlt und Dr. Helmut Arndt VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT BERLIN UND MUNCHEN 1949 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Verhandlungen auf der Tagung der Volks- und Betriebswirte in MarburgjL. 1948 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels Bericht über die erste Mi tglieder -V ersamml ung des Vereins Berufsausbildung und Berufsaussichten der Wirtschaftswissenschaftler VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT BERLIN UND MUNCHEN 1949 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Alle Rechte vorbehalten Eukerdruck KG., Marburg/Lahn OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Inhaltsverzeichnis Vorwort ........ . Erster Tag Seite 7 Eröffnung und Begrüßung • 11 Ansprache von Adolf Weber • . • . . . . 17 Referat von Fritz W. Meyer: Volkswirtsmaftllme Probleme des deutsmen Außenhandels. 25 Aussprache . . . . . . . 46 Zweiter Tag Mitgliederversammlung Konstitulerung des Vereins für Sozialpolitik -Gesellsmaft für Wirtsmafts- und Sozialwissensmaften . . . . . . . . . . . ., 83 Referat von Hermann Ellinghaus: Berufsausbildung und Berufsaussimten der Wirtsmaftswissensmaftler 86 Abschluß der Tagung . . • . . . . . . . . 101 Anhang I. Zur Vorgeschichte der Gründung des "Vereins für Sozialpolitik -Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften" Die Rothenburger Tagung der Volkswirte 1947. • • • . 105 Ansprache von OUo von Zwiedinem-Südenhorst. • • . 110 Fortse4ung des Berichtes von der Rothenburger Tagung 118 II. Sanierung der deutschen Wirtschaft. Grundsätze eines wirtschaftspolitischen Sofortprogrammes • . . • • • • . 125 III. Liste der Teilnehmer an der Abendsitzung des 27. September 1947 in Rothenburg ob der Tauber. . • . • . • • • • • 133 IV. Satzung des Vereins für Sozialpolitik -Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissensmaften . • . . • • . • • 134 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
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Die lange, stolze Reihe der Schriften des Vereins für Sozialpolitik, der ein 1873 erschienener Bericht über die Verhandlungen der "Eisenacher Versammlung zur Besprechung der sozialen Frage" am 6. und 7. Oktober 1872 vorangegangen war, hatte im Jahre 1939 mit dem 188. Bande ihren Abschluß gefunden. Er enthält die "Geschichte des Vereins für Sozialpolitik" von Franz Boese, der ein Vierteljahrhundert in hingebender Treue des Schriftführeramtes des Vereins gewaltet hatte. Sie hatte durch die in der Mitgliederversammlung vom 25. April 1936 in Berlin beschlossene und in einer letzten Vereinszusammenkunft daselbst am 19. Dezember bestätigte und hiernach vollzogene Auflösung des Vereins für Sozialpolitik den Charakter einer Abschieds- und Erinnerungsschrift erhalten. Fast genau 75 Jahre nach der Eisenacher Zusammenkunft, dem "Vorspiel für die Entstehung einer durch viele Jahrzehnte dauernden Organisation" (Boese, S.6), gegen Ende September 1947, wurde auf der ersten Zusammenkunft der volks- und betriebswirtschaftlichen Hochschullehrer nach dem für das deutsche Schicksal so verhängnisvollen zweiten Weltkrieg in Rothenburg ob der Tauber die Neugründung des Vereins für Sozialpolitik beschlossen und dann auf der ersten Mitgliederversammlung in Marburg/Lahn am 16. September 1948 unter dem Namen "Verein für Sozialpolitik -Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften" vollzogen. Daß die wieder erstandene fachwissenschaftliche Vereinigung der Vertreter und Freunde der Wirtschaftswissenschaften die Tradition des alten Vereins für Sozialpolitik aufzunehmen und fortzuführen gesonnen ist, kommt in der Wahl ihres Namens zum Ausdruck, der als Doppelname freilich zugleich darauf hindeutet, daß, wie schon längst OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
14 Eröffnung und Begrüßung aufgedrückt. Mit ihm ist viel zu früh ein hoch befähigter und immer vorwärtsdrängender Kollege, ein lauterer und menschlich wertvoller Kämpfer für die Wahrheit von uns gegangen. Er ist eines verehrungsvollen und freundschaftlichen Gedenkens in unseren Reihen sicher. Meine Damen und HeI'1ren! Im Mittelpunkte der Rothenburger Tagung im vorigen Jahre hatte als das damals brennendste Problem der deutlichen Wirtschaft die Währungsfrage gestanden. Nach recht temperamentvollen Auseinandersetzungen ist es damals gelungen, die bei allen Meinungsverschiedenheiten doch oder gerade deshalb sehr fruchtbare Aussprache in der Abfassung eines Memorandums 2) über die Sanierung der deutschen Wirtschaft auszuwerten, das von 48 Kollegen unterzeichnet wurde. Wir können heute feststellen, daß die wirtschaftspolitischen Maßnahmen dieses Sommers, ganz besonders diejenigen, die der Währungsbereinigung gefolgt sind und eine grundlegende Wendung des Gesamtkurses der deutschen Wirtschaftsführung eingeleitet haben, im wesentlichen den Grundgedanken jenes Memorandums entsprechen. Wie vor einem Jahre bildet auch auf der gegenwärtigen Tagung unser Verhandlungsthema die Frage, die, wie damals die ungelöste Währungsfrage, heute das brennendste, bisher im Zuge der wirtschaftlichen Neuorientierung ungelöst gebliebene Problem darstellt, dessen, und zwar möglichst unverzügliche Lösung nach meiner Auffassung von vitaler, ja entscheidender Bedeutung für den endgültigen Erfolg der in Angriff genommenen deutschen Wiederaufbaupolitik ist, das außenwirtschaftliche Problem. Ich gebe dem Wunsche Ausdruck, daß unsere Bemühungen um seine Klärung auf unserer Tagung dieser den Stempel einer für unsere Wirtschaft und damit für unser Vaterland nützlichen und erfolgreichen Veranstaltung aufprägen mögen. Dr. MIKSCH (Frankfurt), Vertreter der Bizonalen Verwaltung für Wirtschaft: Meine Damen und Herren! Es ist nicht meine Absicht, Ihnen irgend ein Referat zu halten, aber da Herr Professor Dr. Albrecht mich als Ve'rtreter der Verwaltung für Wirtschaft angesprochen hat, möchte ich Ihnen einige Worte sagen. Sie haben ja alle beobachtet, was sich in den letzten Monaten abgespielt hat. Wir haben versucht, eine völlig neue wirtschaftspolitische Linie einzuschlagen. Ich glaube, man kann sagen, daß es im großen und ganzen ein außerordentlicher Erfolg gewesen ist, ein Er- 2) Siehe Anhang, 11. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Dr. Miksch (Frankfurt> 15 folg, der um so größer erscheint, wenn man ihn mit den Prognosen vergleicht, die vor der Umstellung zu hören waren. Daß trotzdem keine rechte Zufriedenheit eingetreten ist, liegt daran, daß die Zeichen der Not . nun in ihrer vollen Schärfe in Erscheinung treten. Es ist selbstverständlich, daß der Lebensstandard ein sehr tiefer sein muß und daß die Löhne entweder niedriger oder die Preise sehr viel höher sein müssen als vor dem Kriege. Das ändert aber nichts daran, daß der eigentliche Effekt erzielt worden ist: eine Steigerung der Kaufkraft und Steigerung der Lebens~räfte gerade bei der arbeitenden Bevölkerung und infolgedessen auch eine wesentliche Steigerung der Arbeitsleistung und Produktion. Auch auf sozialem Gebiet hat die Reform einen günstigen Erfolg gehabt. Die sozialen Ungerechtigkeiten, die vor der WährungsIreform bestanden, waren ganz unglaublich. Der Besitzer der Ware hatte alles, während der von der Ware Abgeschnittene nichts hatte. Wir hofften, daß durch die Gesundung des Geldes die Verteilung sozial gerechter werden würde. Das ist auch eingetreten. Was wir allerdings nicht berücksichtigt haben, ist, daß die soziale Ungerechtigkeit vor der Währungsreform nicht sichtbar war. Heute ist die Ungleichheit wieder sichtbllir. Darüber erregt man sich, während man den viel schlimmeren Zustand früher widerstandslos hinnahm. Dazu kommt, daß die Preissteigerung seit der Reform bei weitem überschätzt wird. Die P,reise sind schon seit 1938 ununterbrochen gestiegen, und die Steigerung vor der Reform verhält sich zu der, die seitdem eingetreten ist, wie 8: 2. Das wird bewiesen durch die Normalpreise, die wir veröffentlichen, die keine Höchstpreise sind, sondern die nur sagen, was heute ein Schuh usw. kosten darf. Sie zeigen, daß die angenommenen Preise gar nicht so weit von den effektiven Preisen der Gegenwart entfernt sind, woraus hervorgeht, daß das gegenwäJrtige Preisniveau keineswegs so überhöht ist, wie vielfach behauptet wird. Das eigentliche Problem der ganzen Sache ist ein anderes. Wir waren uns von vornherein darüber im klaren, daß der Versuch einer marktwirtschaftlichen Umstellung auf große Schwierigkeiten stoßen würde, weil keine ausreichende Elastizität vorhanden war, vor allem nicht im Außenhandel. Aber wir müssen dazu beitragen, die Voraussetzungen selbst zu schaffen. Es war 1945 ein schwerer Fehler, abzuwarten und erst die Voraussetzungen für eine Währungsreform schaffen zu wollen, und es wäre der gleiche Fehler, heute zu warten, bis der Außenhandel frei ist. Wir müssen versuchen, vor~reifend selbst den Zustand herbeizuführen, den wir wünschen. Und dabei bin ich bei dem Problem, über das Herr Dr. Meyer referieren wird. Wenn die Frage der Rohstoffimporte gelöst ist, so werden sich auch die Probleme der Preisbildung leichter lösen lassen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
16 Eröffnung und Begrüßung Bürgermeister GASSMANN (Marburg), Vertreter der Stadt Marburg: Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich habe die große Ehre, Ihnen aus Anlaß der heute beginnenden Tagung die Grüße des Magistrats zu übet"mitteln, Sie in den Mauern der Universitätsstadt Marburg willkommen zu heißen und Ihrer Veranstaltung einen guten Verlauf zu wünschen. Marburg ist eine Stadt - was besonders der auswärtige Besucher, der aus einer bombenzerstörten Gegend kommt, als seltene Wohltat empfindet -, die voller landschaftlicher Reize und Schönheiten steckt und gerade als Tagungsort einen besonders würdigen äußeren Rahmen abgibt. Marburg bildet einen kulturellen Mittelpunkt im Lande Hessen, von dem reges geistiges Leben nach alIen Seiten hin ausstrahlt. Marburg hat aber auch eine andere Seite, die dem Außenstehenden kaum ins Auge fälIt. Dadurch, daß unsere Stadt von äußeren Kriegsereignissen nahezu verschont geblieben ist, hat sich ein ungeheurer Strom von Evakuierten und Flüchtlingen hierher ergossen, der es mit sich brachte, daß unsere Bevölkerung um mehr als 60 Pmz. gegenüber 1939 angestiegen ist. Und darin liegt auch die Ursache begründet, daß sich hinter den unzerstört gebliebenen Häusermauern ein ungeheures Maß von sozialem Elend verbirgt. Malrburg, bisher ohne nennenswerte Industrie, ist heute die Stadt Hessens mit der relativ größten Arbeitslosigkeit und mit dem höchsten Prozentsatz an Wohlfahrtsunterstützungsempfängern. AlIein die Zahl der hilfsbedürftigen Arbeitsunfähigen beläuft sich auf über 8 Proz. der gesamten Bevölkerung und ist in Auswirkung der Währungsreform noch weiter im Ansteigen begriffen. Diese knappen Andeutungen, verehrte Anwesende, mögen dazu dienen, um deutlich zu machen, welche schwere soziale Hypothek auf der landschaftHch so herrlich gelegenen Stadt Marburg lastet, eine Tatsache, die zum Zwecke der Abrundung des Gesamtbildes in einem Kreise wie dem Ihrigen nicht unerwähnt bleiben kann. Ich darf meine kurzen Grußworte beenden mit dem Wunsche, daß Sie neben Ihrer Tagungsarbeit auch etliche Stunden der Erholung und Entspannung finden, die so angenehm verlaufen mögen, daß noch vor Ihrer Abreise in Ihnen der Entschlußreift, so bald und so oft wie möglich unser schönes und zu jeder Gastfreundschaft bereites Marburg durch weitere Besuche beehren zu wolIen. Professor Dr. Albrecht (Marburg/Lahn): Ich danke den Herren Vorrednern für die freundlichen Worte, die sie zur Begrüßung an uns gerichtet haben, und bitte nunmehr Herrn Geheimrat Weber, die Verhandlungsleitung zu übernehmen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Ansprache Geheimrat Professor Dr. Adolf Weber (München) 17 Geheimrat Professor Dr. AnoLP WEBER (München), das Präsidium übernehmend: Meine Damen und Herren! Zunächst möchte ich in unserer aller Namen unserem verehrten Herrn Kollegen Albrecht recht herzlich dafür danken, daß er nun zum zweiten Male unter schwierigen äußeren Umständen die Vorbereitungen für eine Tagung übernommen hat, die den Grundstein legen soll für den organisierten Aufbau unserer Zusammenarbeit. Wenn ich dem Wunsche, einige Bemerkungen zu unseren Verhandlungen vorauszuschicken, folge, so möchte ich zunächst Ihre Aufmerksamkeit auf eine Tagung lenken, die vor genau 24 Jahren in Stuttgart den Verein für Sozialpolitik und die Vereinigung wirtschaftswissenschaftlicher Hochschullehrer zusammenführte. Das Thema der Verhandlung war damals das gleiche wie heute, und wie heute hatten wir auch damals das Gefühl, mit genauer Not einer wirtschaftlichen Katastrophe entronnen zu sein, die die Folge der Geldunordnung war. Damals, im September 1924, waren wir allerdings schon etwas weiter als heute. Es war nicht nur die neue Reichsmark endgültig stabilisiert, sondem sie war auch im internationalen Zahlungsverkehr mit dem Dollar und dem Pfund Sterling auf gleiche Stufe gestellt worden. Das hatten wir nicht irgendwelchen Paragraphen, auch nicht der Rentenmark, die nur ein vorläufiges Brett über den Sumpf war, zu verdanken, sondern einer folgerichtigen rücksichtslos durchgeführten Kredit- und Finanzpolitik. Wir haben es vergessen, daß im Dezember 1923 die Gehälter in den oberen Stufen auf ein Viertel und diejenigen in den mittleren Gehaltsstufen auf ein Drittel der Friedenssätze heruntergesetzt wurden, daß in der ersten Hälfte des Jahres 1924 der Zins am offenen Geldmarkt auf 100 Proz. und mehr anstieg und daß im Kontokorrentverkehr 80 Proz. Zinsen gezahlt werden mußten. Wenn wir nun auch in der zweiten Hälfte des Jahres 1924 eine wirkliche Geldordnung el'1reichten, so war es doch selbstverständlich, daß unser Wirtschaftsleben noch die größten Schwierigkeiten zu überwinden hatte. Durch den Ausverkauf und dadurch, daß wir in der technischen Entwicklung hinter dem Ausland als Folge der Inflation zurückgeblieben waren, hatte unsere Wirtschaft große Mühe, sich der Auslandskonkurrenz zu erwehren. Dennoch haben wir damals in Stuttgart mit einer fast an Einstimmigkeit heranreichenden Mehrheit eine Resolution angenommen, die sich für wirtschaftliche Solidarität und für Eingliederung der deutschen Volkswirtschaft in die internationale Arbeitsteilung unter Verzicht auf Protektionismus aussprach. Wir hielten das damals für so wichtig, daß wir zum ersten Male in der Geschichte unserer Organisation z OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
18 Etöffnung und Begrüßung und bisher das einzige Mal eine diesbezügliche Resolution faßten und. der Öffentlichkeit unterbreiteten. Als Leiter der Verhandlungen und als Vorsitzender der Vereinigung wirtschaftswissenschaftlicher Hochschullehrer erhielt ich den Auftrag, diese Entschließung auch denjenigen Kollegen vorzulegen, die an unseren Verhandlungen nicht teilgenommen hatten. Insgesamt bekannten sich mehr als 90 Proz. der wirtschaftswissenschaftlichen Lehrer an den deutschen Hochschulen zu der Stuttgarter Resolution. Zwei Jahre danach wurde derselbe Gedanke auf der Tagung des Vereins für Sozialpolitik in Wien erneut unterstrichen, Bernhard Harms schloß unter allgemeiner Zustimmung sein Referat, indem er der Hoffnung Ausdruck gab, die Zeit, die vor uns liege, möge eine Epoche der wiedererwachenden weltwirtschaftlichen Vernunft sein. Kurze Zeit später, im Oktober 1926, veröffentlichten eUiropäische Wirtschaftsführer eine gemeinsame Erklärung, in der es hieß: "Keine Erholung kann eintreten, bis die Politiker in allen Ländern, in den alten und in den neuen, sich darüber klar geworden sind, daß Handel kein Krieg ist, sondern ein Austauschprozeß, daß in Zeiten des Friedens unsere Nachbarn unsere Kunden sind und daß ihr Wohlstand eine Vorbedingung für unser eigenes Wohlergehen ist." Wir hofften, daß die politischen Parteien und die Staatsmänner, die aus den politischen Parteien hervorzugehen pflegen, auf diese Mahnungen hören würden. Aber wir hofften vergeblich. Es wurde faktisch von den Siegerstaaten der Krieg mit anderen Mitteln fortgesetzt. In den Vereinigten Staaten blieb man bei einer Isolierungspolitik, man glaubte sich leisten zu können, Gläubigerland mit Schuldnerlandmentalität zu sein. Großbritannien hatte vergessen, daß es Anker geworfen hatte vor Europa, es glaubte, in einem Weltreich, das sich auf seine überseeischen Einflußgebiete stützte, sein Zukunftsheil erblicken zu können. Frankreich war stolz drurauf, daß es als Musterland der Autarkie galt und daß es zuerst die Einfuhrkontingentierung als handelspolitische Abwehrmaßnahme eingeführt hatte. Sowjetrußland hielt auch in der Zeit des Nep-Systems am Außenhandelsmonopol fest, es hat in der ganzen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen im Durchschnitt der einzelnen Jahre nicht einmal die Quote am Welthandel erreicht, die sich das kleine Dänemark zu sichern vermochte. Was das weltwirtschaftlich bedeutet, wird klar, wenn man weiß, daß Rußland in der zaristischen Zeit soviel Getreide exportierte wie USA, Argentinien und Kanada zusammengenommeri. Eine Prophezeihung, die Schmoller im Jahre 1900 ausgesprochen hatte, schien Wirklichheit geworden zu sein, es würden sich riesenhafte Reiche bilden, "die mit ihrer expansiven Kraft alle anderen Staaten herabdrücken, ja sie vernichten, wirtschaftlich einschnüren, ihnen das Lebenslicht aus- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Ansprache Geheimrat Professor Dr. Adolf Weber (München) 19 zublasen drohen". In der Abkehr von der weltwirtschaftIichen Arbeitsteilung der Siegerstaaten nach 1918 liegt ein Hauptgrund, vielleicht der Hauptgrund für das Furchtbare, das wir und die ganze Welt in dem letzten halben Menschenalter durchzumachen hatten. Aus der GesamteinsteIlung erklärt sich auch die durch und durch mißglückte Reparationspolitik. Ich glaube, daß der Wilhelm Röpke vom Jahre 1931 der Wahrheit viel näher gekommen ist, wenn er damals meinte, die Reparationen seien "in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht Dynamit", als der Röpke vom Jahre 1946, der Lord Keynes vorwarf, am zweiten Weltkrieg mit schuld zu tragen, weil er nach 1918 für Mäßigung hinsichtlich der Reparationslasten eingetreten sei. Wir haben jedenfalls allen Anlaß, Keynes auch dafür zu danken, daß er frühzeitig unbefangen die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge richtig sah und für Deutschland Verständnis zeigte, als das, unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg, Mut erforderte.· Leider hatten auch maßgebende deutsche Wirtschaftspolitiker den Sinn unserer Kundgebungen von Stuttgart und Wien nicht begriffen. Insbesondere auch nicht lIjalmar Schacht. Er hat sich ohne Zweifel dadurch große Verdienste erworben, daß unter seiner Führung das deutsche Volk seine Währung stabilisierte, und zwar aus eigener Kraft; der Da wes plan trat erst Ende 1924 in Kraft. In der Folgezeit hat er dann aber die eigene Kraft der deutschen Wirtschaft überschätzt, die Abhängigkeit vom Ausland und die Notwendigkeit ausländischer Kredithilfe unterschätzt. Die Folge war, daß sich bei ihm eine Art Idiosynkrasie gegen Devisen einstellte, daß er mehr Devisen transferierte, als nach dem Wortlaut und dem Sinne des Dawesplanes nötig war, und schließlich einen blindwütigen Kampf gegen langfristige Kredite führte. Soweit sich dieser Kampf gegen unzweckmäßige Verwendung der Auslandskredite und dagegen richtete, daß derartige Kredite ohne genügend sorgfältige kaufmännische Kalkulation von öffentlichen Körperschaften an öffentliche Körperschaften bewilligt wurden, ist gegen sein Verhalten nichts einzuwenden. Aber bedenklich war, daß er sich gegen die langfristigen Kredite als solche wandte mit der Folge, daß nun um so mehr kurzfristige Kredite nach Deutschland flossen, das angesichts seiner großen Kapitalarmut hohe Zinsen bewilligen mußte und dem unter dem Druck der Umstände kaum etwas übrig blieb, als die kurzfristigen Kredite langfristig zu investieren, was sich um so verhängnisvoller auswirken mußte, als die Banken nicht für genügende valutarische Reserven gesorgt hatten. Die deutsche Volkswirtschaftslehre hat auf die mit dieser Geld- und Kreditpolitik verbundenen Gefahren rechtzeitig und mit größtem Nachdruck aufmerksam gemacht. Sie schwieg auch nicht, als die welt- und volkswirtschaftlichen Fehler nach Ausbruch der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
20 Eröffnung und Begrüßung Weltwirtschaftskrisis durch deflationistische Maßnahmen korrigiert werden sollten. Als nach dem Zusammenbruch der Danatbank Reichskanzler Brüning eine Konferenz von Sachverständigen einberief, um die zu ergreifenden Maßnahmen zu klären, legten wir diesen Sachverständigen ein Memorandum vor, in dem auf das Bedenkliche der erzwungenen Preis- und Zinssenkungen hingewiesen wurde. Gleichzeitig machten wir aber auch darauf aufmerksam, daß die 40 proz. im Notenbankgesetz vorgesehene Gold- und Devisendeckung bei der gegebenen Sachlage jeden Sinn verloren habe. Einige Zeit später hat man eingesehen, daß wir mit unseren Einwänden recht hatten, aber es war zu spät. Die nationalsozialistischen Demagogen machten sich die Folgen der begangenen wirtschaftspolitischen Fehler zunutze. Rein wirtschaftspolitisch war es nach der "Machtübernahme" ein Glück, daß HitIer nicht nur nichts von wirtschaftlichen Dingen verstand, sondern daß er es auch selbst wußte und ebensowenig von Gottfried Feder erwartete, der vordem tonangebend für wirtschafts- Dolitische Fragen im nationalsozialistischen Lager war. Die Führung der Wirtschaftspolitik wurde zunächst wirklichen Sachkennern überlassen; außer Schacht Männern wie Posse, Papitz, Trendelenburg, Gördeler. Offenbar walren die ersten programmatischen Erklärungen Hitlers bemüht, einer relativen wirtschaftspolitischen Vernunft den Weg zu bahnen. Der Marktpreispolitik und der privaten Initiative wurde das Wort gegeben, die Autarkiebestrebungen wurden im Gegensatz zu dem, Was kurz vordem Feder verkündet hatte, mit aller Bestimmtheit abgelehnt. Freilich ließen sich die vor 1933 gemachten Fehler nicht im Handumdrehen beseitigen, das gilt insbesondere von der Devisenpolitik. Dazu kam, daß sich die Wirtschaftspolitik VOll der nationalsozialistischen Weltanschauung nicht abtrennen ließ. Wir hatten als Wissenschaftler die Pflicht, dem gefähr1!ichen Unsinn, den die Nationalsozialisten ihre Weltanschauung nannten, insbesondere dem Rassenwahn und Zäsarenwahn mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten und dies nicht nur hinter verschlossenen Türen und in streng vertraulichen Denkschriften; aber wir wären uns als Wissenschaftler untreu geworden, wenn wir uns zu einer These bekannt hätten, die einzelne unserer emigrierten Kollegen vertraten und die Frieda ~'(Iunderlich so formulierte: "Der Nationalsozialismus kann nicht nach den Auffassungen einer zivilisierten Welt des Westens untersucht werden, er ist mit einem objektiven leidenschaftslosen Urteil unvereinbar." Die hier geforderte Schwarz-Weiß-Malerei würde auch rein politisch das Gegenteil von Klugheit gewesen sein. Die relative wirtschaftliche Vernunft, die sich für ein paar Jahre nach der Machtübernahme durchsetzte, hielt nicht lange an. Als in Nürnberg der "Parteitag der Freiheit" die wahren außenpolitischen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Ansprache Geheimrat Professor Dr. Adolf Weber (München) 21 Ziele des Nationalsozialismus enthüllte, mußte es uns klar sein, daß an die Stelle der Wirtschaft eine Verwirtschaftung trat, die mit den Grundsätzen einer Marktpreisbildung unvereinbar war. Trotz der damit verbundenen Schwierigkeit und Gefahr haben wir mit Kritik nicht zurückgehalten; ich glaube sagen zu dürfen, daß wir eher als die ausländischen Fachvertretelf die besonderen Gefahren der verdeckten Inflation erkannt haben und aus unserer theoretischen Erkenntnis praktische Schlußfolgerungen zu ziehen bemüht waren. An die Stelle der Spi1rale einer gesteigerten Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes, wie sie für die offene Inflation charakteristisch ist, setzt sich bei der verdeckten Inflation, je länger je mehr, die Spirale einer zunehmenden Arbeitsunlust und verminderter Brgiebigkeit des Arbeitsprozesses durch. In einer autoritär geführten Wirtschaft kann das bis zu einem gewissen Grade wettgemacht werden durch rücksichtslosen Arbeitszwang. Nach dem Zusammenbruch fehlte dieser Lückenbüßer, er mußte ersetzt werden dUJrch die Milliarden-Almosen des Auslandes, die aber die Katastrophe nur hinausschieben, nicht zu verhindern in der Lage waren. Auf der Grundlage von vorbereitenden Arbeiten, die während des Krieges durchgeführt wurden, hat bereits im Mai und Juni 1945 ein kleiner Kreis von wirtschaftswissenschaftlichen Hochschullehrern, unterstützt von einigen Praktikern, zwei Gesetzentwürfe über dia Neuordnung des Geldwesens und über den Lastenausgleich ausgearbeitet. Wir hielten die Gefahren, die von der Geldunordnung ausgingen, für so groß, daß wir glaubten, es müsse unverzüglich Remedur geschaffen werden. Bereits Anfang Juli haben wir unsere Gesetzentwürfe mit einer ausführlichen Begründung im Frankfurter Hauptquartier des Generals Eisenhower überreicht. Wir haben nicht einmal eine Antwort erhalten. Damals wunderten wir uns darüber, da wir annahmen, daß die Mitarbeit deutscher Sachkundiger an dem Wiederaufbau unserer Volkswirtschaft schon im Interesse der Wiedergutmachung dringend erwünscht sei. Heute wissen wir, daß der Mo r gen t hau plan, der einmal in der Geschichte der wirtschaftspolitischen Wahnideen einen hervorragenden Platz einnehmen wird, selbst Männer wie Präsident Roosevelt und General Eisenhower entscheidend beeinflußte. Dem Tribunal in Nürnberg wurde aus Anlaß der Prozesse um die Wilhelmstraße die Photokopie eines von Morgenthau verfaßten Memorandums vorgelegt, das Roosevelt als Unterlage für die historisch so bedeutsamen Verhandlungen in Quebeck benutzte. In diesem Memorandum wird hinsichtlich des Ruhrgebiets, das auch Rheinland und das gesamte Gebiet nördlich des Kaiser- Wilhelm-Kanals umfassen sollte, folgendes wörtlich verlangt: "Binnen einer kurzen Frist, möglichst sechs Monate nach Beendigung der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
22 Eröffnung und Begrüßung Feindseligkeiten, sind sämtliche Industriewerke nebst Einrichtungen vollständig zu demontieren und zur Wiedergutmachung nach den allüerten Nationen zu schaffen. Aus den Bergwerken sind sämtliche Einrichtungen zu entfernen und die Schächte zu schließen." Wenn man dieses Programm wirklich durchgeführt hätte, wäre heute Deutschland und Europa dem Untergang preisgegeben, und die Vereinigten Staaten ständen im hoffnungslosen Kampf gegen den Kommunismus, den man nicht mit schönen Worten und Konferenzen bekämpfen kann, sondern nur dadurch, daß man es auf wirtschaftspolitischem Gebiete besser macht als etwa Sowjet-Rußland. Nur allmählich machten sich die maßgebenden Staatsmänner von den unheilvollen Morgenthauschen Gedanken frei. Im Laufe des Jahres 1946 wurden sachkundige Amerikaner, darunter unser ehemaliger Kollege Gerhard Colm, nach Deutschland geschickt, um die Neuordnung des Geldwesens in die Wege zu leiten, sie nahmen mit uns Fühlung, und in eingehenden Aussprachen konnten wir feststellen, daß hinsichtlich der theoretischen Fundamentierung der Reformpläne weitgehende übereinstimmung bestand. Auch darin waren wir einig, daß die Neuordnung des Geldwesens so rasch wie möglich herbeigeführt werden müsse. Dennoch ,geschah im Jahre 1946 und auch im Jahre 1947 nichts im Sinne der gemachten Vorschläge., Man ließ sich Zeit bis zum Juni 1948. Es ist eher zu niedrig als zu hoch geschätzt, wenn man annimmt, daß als damnum emergens und als lticrum cessans der deutschen Volkswirtschaft durch die unnötige Hinausschiebung der Geldordnung ein Schaden von mindestens 10 Milliarden Dollar entstand, das ist das Doppelte dessen, das nach dem M a rs hall plan insgesamt Westeuropa zur Verfügung gestellt werden soll. Als wir dann den Wortlaut der Anordnung kennen lernten, durch die die Siegerstaaten die Verantwortung für dde allzu späte Neuordnung des Geldwesens übernommen haben, konnten wir zwar feststellen, daß die Grundgedanken unseres Vorschlages vom Sommer 1945 angenommen worden waren, daß aber die praktische Ausgestaltung so erhebliche Mängel aufwies, daß es sich nur um eine oberflächliche Kopie der deutschen Vorschläge handelte. Wir waren der Meinung, daß von vorneherein auch sozialpolitische Gesichtspunkte berücksichtigt werden könnten und müßten, wir glaubten ferner, daß angesichts unserer erschreckenden Kapitalarmut der Sparwille sorgsam berücksichtigt werden müsse, wir waren weiter der Ansicht, daß es angesichts der knappen Gütervorräte schon eine hohe Leistung sein würde, wenn zunächst lediglich die laufenden Geldeinkommen in den Güterumlauf eingeordnet werden könnten, daß man infolgedessen eine auf jeden Fall bescheidene Quote des alten Geldes erst aus- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Ansprache Geheimrat Professor Dr. Adolf Weber (München) Z3 schütten dürfe, wenn man mit Sicherheit würde annehmen können~ daß die neue Ordnung auch wirklich gelungen sei. Wir waren weiter der Meinung, daß die notwendige Bereinigung des Kapitalmarktes nicht so summarisch zu erfolgen brauche, wie es jetzt geschehen ist. und daß daher eine Blockierung der Annullierung vorzuziehen sei, während andererseits sofort Klarheit darüber bestehen müßte, nach welchen Grundsätzen sich der Lastenausgleich zu vollziehen habe. Wir hatten auch nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß die Geldordnung kein Ding für sich, sondern ein Spiegelbild der Wirt· schaftsordnung sei und daß Bewirtschaftung mit Preisstop und Ra. tionierung und wirkliche Geldordnung ein Widerspruch in sich sei. Auch ist die Volkswirtschaft nicht etwas, das sich auf die Innenwirt· schaft beschränkt, es geht nicht an, daß man das eine Bein gesund macht -das Bein der innerwirtschaftlichen Geld- und Preisbewe· gung -und dann das andere Bein durch eine schlecht angebrachte und mangelhaft konstruierte Prothese ersetzt, die bei uns den Namen JEIA führt. Wer den Sinn des Marshallplanes erfaßt hat, kann nicht dringend genug wünschen, daß sobald wie möglich das Handels· monopol der JEIA durch die private Initiative und die sorgfältige Kalkulation des mit eigenem Risiko arbeitenden Kaufmanns ersetzt wird. Ich möchte nun nicht den Eindruck aufkommen lassen, als wenn zwischen den wirtschaftspolitischen Grundansichten, wie sie derzeit von den westeuropäischen Ländern und den Amerikanern vertreten werden, und der deutschen Volkswirtschaftslehre wesentliche Unter· schiede beständen. Wir wollen auch dankbar anerkennen, daß man uns in sehr wertvoller Weise geholfen hat und weiter helfen will, große Übergangsschwierigkeiten zu überwinden. Auch moralisch können wir ein gutes Stück mit den Siegermächten zusammengehen. Wenn auch das Gerede von der Kollektivschuld des deutschen Volkes barer Unsinn ist, so haben wir doch die Folge davon zu tragen, daß wir jahrelang die Regierung einelr Clique von Narren und Ver· brechern geduldet haben. Wir sind bereit, nach besten Kräften wieder· gutzumachen, aber wir möchten im Interesse des Wiederaufbaues der Weltw~rtschaft nicht, daß Wiedergutmachung mit Vergeltung und Retten mit Rächen verwechselt wird. Wir sind der Meinung, daß schon die Reparationspolitik nach 1918 ein volks- und weltwirtschaftlicher Unfug war, und müssen nun feststellen, daß diese un· kluge Wirtschaftspolitik nach dem zweiten Weltkriege noch überboten wird, indem man uns unentbehrliche Arbeitsinstrumente, die der Friedenswirtschaft dienen sollen, aus der Hand nimmt, sie demoliert und die Reste da einsetzt, wo sie volks- und weltwirtschaftlich welliger Gutes zu leisten vermögen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
30 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels Merkmale eines Veredelungsverkehrs. Bei der Einfuhr waren dominierend die Rohstoffe und Halbwaren (1936: 61,6 Proz.), während die Fertigwaren nur einen geringen Anteil hatten (1936: 12,5 Proz.). Bei der Ausfuhr dagegen waren festzustellen: überragender Anteil der Fertigwaren (1936: 82,8 Proz.), dagegen kaum Rohstoffe und Halbwaren (1936: 15,7 Proz.). -Nach den strukturellen Veränderungen der deutschen Wirtschaft seit dem Ende des Krieges müßte jetzt eigentlich der Charakter des Veredelungsverkehrs noch ausgeprägter werden. Denn nach der Abtrennung der Ostgebiete mit Oberschlesien. nach der Lostrennung des Saarlandes und den zahlreichen Produktionsverboten des Industrieplans, welche die heimische synthetische Rohstofferzeugung verhindern, sind wir im Rohstoffbezug abhängiger denn je, während die Verdichtung der Bevölkerung den Export VOll Waren mit möglichst hohem Arbeitsanteil an den Produktionskosten fordert. In schärfstem Gegensatz zu diesem Soll zeigt die Ausfuhrstatistik der Doppelzone für 1947, daß die Fertigwaren nur noch ] 6,4 Proz. ausmachen, während die Rohstoffe Kohle und Holz allein mit mehr als zwei Dritteln der Ausfuhr vollkommen im Vordergrund stehen. Wir sind also scheinbar -gewissermaßen über Nacht -ein Rohstoffland geworden. Und bei der Einfuhr ist es auffallend, daß sie jetzt in weit größerem Umfang als früher aus Fertigwaren besteht, während zugleich eigene Verarbeitungskapazitäten aus Rohstoffmangel nicht voll ausgenutzt sind. Außerdem entspricht die Einfuhr in zahlreichen Hinsichten nicht der Dringlichkeitsskala unseres Bedarfs. Die geschilderten Tatbestände, die Unzulänglichkeiten unseres Außenhandels in quantitativer und qualitativer Hinsicht, geben Anlaß zu zwei zentralen Fragen: Welches sind die Ursachen der kümmerlichen Ergebnisse? Wie könnte Abhilfe geschaffen werden? Unter den Ursachen der Unzulänglichkeiten in beiderlei Hinsicht, die ich zunächst behandeln will, steht die geltende Außenhandelsordnung an erster Stelle. In Gestalt der "lEIA" (Joint Export Import Agency) in Verbindung mit einer Devisenkasse (Joint Foreign Exchange Agency) und des "Officomex" (Office du Commerce Exterieur) haben die westlichen Besatzungsmächte sogenannte Kontrollorgane für den Außenhandel ihrer Zone eingerichtet. Die Bezeichnung Kontrollorgan ist allerdings ein Euphemismus, denn es handelt sich bei der Tätigkeit dieser Institutionen keineswegs um Kontrollen, welche etwa die Einhaltung der Bestimmungen des Industrieplans sicherstellen. Sondern "lEIA" und "Officomex" dienen der zentralen Lenkung des Außenhandels und des internationalen Zahlungsverkehrs ihrer Zonen. Es OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
R.eferat Dozent Dr. fritz W. Meyer (Bonn/Kiel) 31 sind also Systeme der Devisenhewirtschaftung. Und zwar ist die "JElA" ein System jenes unvollkommenen Typus, den wir in Deutsch~ land von 1932 bis zur Einführung des neUen Plans im Jahre 1935 praktiziert haben. Sie erfaßt die anfallenden Ausfuhrerlöse und be~ zahlt aus dem verfügbaren Devisenfonds die genehmigten oder selbst durchgeführten Einfuhren. Dieses Verfahren ist in jedem Fall, auch wenn die Außenhandelslenkung in deutschen Händen gelegen hätte, deswegen unvollkommen und einer Entfaltung des Außenhandels feindlich, weil es stets bei einem zugunsten der Reichsmark und der D-MaJrk überhöhten Wechsel- oder Verrechnungskurs vor sich gegangen ist. Und ferner ist es unvollkommen, weil man sich beim Aus~ gleich der Zahlungsbilanz in der Doppelzone nur mit der Verteilung, nicht aber mit der Erzielung eines hinreichenden Devisenanfalls be~ faßt hat. Unter diesen heiden Bedingungen müssen die folgenden all~ gemeinen Wirkungen auftreten: Bei überhöhtem Wechselkurs fallen Devisenangebot und Devisennachfrage auseinander. Je nach dem Grad der überhöhung lohnt sich der Export nur in mehr oder minder begrenztem Umfang. Industrien, die nicht für den BinnenmaJrkt produzieren und sich nur schwer auf ihn umstellen können, oder solche, dIe aus Weitblick die Pflege des Exportgeschäfts betreiben, werden freiwillig exportieren. Im übrigen wird der Absatz auf dem Binnenmarkt lohnender sein. Der freiwillige Export bei überhöhtem Wechselkacs wird aus diesem Grund geringfügig sein, ebenso die Einfuhr, die aus den Devisenerlösen des gerin~ gen Exports bezahlt wird. Die Einfuhr ist zwar billig, aber eben des~ halb so knapp, daß ihre Verteilung unter Ausschluß des Marktes er~ folgt. An sich hat also der überhöhte Wechselkurs stets die Tendenz, den Außenhandelsumsatz klein zu halten oder klein zu machen. Die Leiter der Devisenbewirtschaftung stehen, wenn sie die Zusammen~ hänge erkennen (was z. B. in Deutschland nach 1933 sehr lange ge~ dauert hat!), vor der Wahl, ob sie mit anderen Mitteln dem Export den Stimulus geben sollen, der infolge des überhöhten Wechselkurses fehlt. Das einzige sicher wirkende Mittel zum Zweck in einer Wirt~ schaft, in der die zurückgestaute Inflation erheblichen Druck ausübt, ist der Zwang. Oder die Leiter der Devisenbewirtschaftung haben die Wahl, ob sie es einfach beim geringen Devisenanfall bewenden lassen, worauf sich die Einfuhrmöglichkeit einseitig an der Exportgröße aus~ richtet. Im ersten Fall kann man das System der Devisenbewirtschaftung als vollständig bezeichnen, weil es die Funktionen des verhinder~ ten Wechselkurs-oder Geldmengenmechanismus wenigstens quantitativ völlig ersetzen kann. Es wird nicht nur verteilt, sondern auch dafür gesorgt, daß etwas zum verteilen da ist. Das zweite, unvollständige System rekonstruiert mit der Verteilung des Devisenanfalls OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
32 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels nur den halben Ausgleichsmechanismus. Es führt deshalb notwendigerweise je nach den Umständen zu relativer Stagnation oder sogar zum Niedergang des Außenhandels. Die jEIA hat bisher zweifellos den zuletzt genannten Typus einer Devisenbewirtschaftung verwirklicht. Auf den ersten Blick könnte es zwar scheinen, als ob sie mit den Exportauflagen für Kohle, Strom, Schrott usw. und dem Devisenbonus-Verfahren Exportförderung betrieben hätte. Das ist kaum der Fall gewesen. OIe Exportauflagen gingen nicht von der jEIA aus. Sie sind in gewissem Umfang als Reparationsleistungen zu betrachten, was aus den lange Zeit hindurch dafür bezahlten Unterpreisen hervorgeht. Diese Exporte lagen auch nicht im Interesse der deutschen Wirtschaft, wenigstens nicht in dem Umfang, in dem sie durchgeführt werden mußten. Und der Devisenbonus (ab 11. 8.1947) war in der ursprünglichen Höhe von 5 Proz. für den Betrieb und nach den Umständen, unter denen er bezahlt wurde, ein völlig unzulänglicher Ersatz für den verhinderten Gleichgewichtswechselkurs. Das beweisen die Ausfuhrergebnisse. Im ersten Halbjahr 1948 bestanden immer noch 60 Proz. der Exporte aus Kohle, Holz und Strom. Und die Steigerung der Ausfuhr von 1947 auf 1948 beruht ganz überwiegend auf den gesteigerten Erlösen für Kohle, die im ersten HaUahr 1948 mit 120 MilJ. Dol1. schon soviel erbrachten wie im ganzen jahr 1947. -Der Devisenbonus B (5 Proz. für die Belegschaften), der jetzt weggefallen ist, war eine soziale Ungerechtigkeit größten Stils. Der Bonus A jedoch (5 Proz. bzw. 40 Proz. für den Betrieb) ist nur dann Ersatz für einen höheren Exporterlös, wenn mit den darauf importierten Waren Schwarzmarktgeschäfte gemacht werden. Das Bewirtschaftungssystem des "Officomex", über das die Nachrichten unklar und widerspruchsvol1 sind, hat im Gegensatz zur "jElA" in weit stärkerem Umfang mit Exportauflagen gearbeitet. Da aber auch Zwangslieferungen auf die Dauer nur zu kostendeckenden Preisen erfolgen können, gewährte man -nach einer unlängst in de,r Presse erschienenen Mitteilung -dem Exporteur 4,16 Mark für den 0011., während in der Einfuhr die Mark mit 3,33 niedriger bewertet war. Eine Differenz von 175 Millionen Mark für den Außenhandel vom August 1945 bis Ende 1947, also eine Subvention von 25 Proz., mußten die Länder der französischen Zone an die Exporteure zahlen. Ob die Einfuhren zu dem günstigen Einfuhr-Kurs von 3,33 abgegeben worden sind, weiß ich nicht. Die Subvention für die Ausfuhr bedeutet sicher eine Annäherung an das System einer vollständigen Devisenbewirtschaftung, die dem g:rößten Interesse Frankreichs an der vollen Bezahlung aller Einfuhren aus Exporterlösen entspricht. Um ihre Auswirkung zutreffend beurteilen zu können, müßte man al1erdings OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Referat Dozent Dr. fritz W. Meyer (Bonn/Kiel) 33 wissen, ob der bessere Wechselkurs für die Exporteure nicht durch niedrigere Übernahmepreise als in der Bizone erforderlich war. Die Länder der französischen Zone haben schätzungsweise die Hälfte bis zwei Drittel ihres Vorkriegsexports bei einemindexmäßig wesentlich geringeren industriellen Produktionsstand und bei dezimiertem Produktionsapparat neben ungeheuren Aufwendungen für die Besatzungsmacht aufgebracht. Danach kann man annehmen, daß durch die Kombination von Zwang, Subventionen und einem Kollektiv- Bonus die Exportkapazität dieser Zone nicht nur voll ausgeschöpft, sondern daß das Optimum der Ausfuhrgröße unter den bestehenden Bedingungen zu Lasten der Lebenshaltung der Bevölkerung weit überschritten ist. Eine Steigerung der Exportleistungen dieser Zone kann in Zukunft nur dann erwartet werden -gleichgültig, welche Mittel zur Anwendung kommen -, wenn die weitere Ausschlachtung des Produktionsapp~rates jetzt beendet und eine grundlegende Revision der Anforderungen der Besatzungsmacht durchgeführt wird. Die Quantitative Unzulänglichkeit der westdeutschen Exporte in der Zeit vor der Währungsreform kann man zusammenfassend wohl so erklären: Im Bereich der "JElA" war es nur in geringem Umfang eine objektive Unmöglichkeit, zu größeren ExportJeistungen zu kommen. Die wichtigste Ursache war vielmehr die völlige Zerrüttung der inneren Wirtschaftsordnung und die Politik der JEIA, in der sich erst im Laufe der Zeit ein langsam zunehmendes Interesse an der Steigerung der regulären Exporte gezeigt hat. Aber auch danach war der Devisenbonus ein unzulängliches Mittel, um die Hortungspsychose zu durchbrechen. In der französischen Zone dagegen sind die der Zentralverwaltungswirtschaft adäquaten Mittel des Zwanges in Kombination mit geringfügigen Anreizen konsequent angewendet worden mit dem geschilderten Quantitativen Ergebnis. Die wahre Größe der qualitativen Unzulänglichkeit unseres Außenhandels kommt in der Außenhandelsstatistik und bei unmittelbarer Beobachtung der Tatsachen nicht ausreichend zum Ausdruck. Die Tatsachen an sich bieten nämlich nur in ganz groben Fällen Anhaltspunkte dafür, ob Aus- und Einfuhr in irgendeiner Hinsicht -nach Art, Umfang, Richtung, Preisen usw. -von der volkswirtschaftlich nützlichsten, optimalen Zusammensetzung abweichen. Wir erkennen zwar, daß z. B. das Optimum der Kohlenausfuhr sicher überschritten ist, wenn infolge des unzureichenden Inlandsanteils an der Produktion die Hausbrandversorgung zum Teil durch Plünderung der Kohlenzüge erfolgt und in deutschen Großstädten Menschen erfrieren. Aber in alIen Fällen, in denen die Abweichungen vom Optimum der Außenhandelsgestaltung nicht sehr kraß sind, erkennen wir sie einfach des- J OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
34 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels halb nicht, weil wir unter den Bedingungen der Devisenbewirtschaftung keinen zulänglichen Maßstab für die Feststellung derartiger Abweichungen haben. Wir haben ihn nicht -und auch die Leiter der Devisenbewirtschaftung haben ihn nicht. Woher sollten sie z. B. wissen, ob und inwieweit die Einfuhr von Leder wichtiger ist als von Phosphaten oder von Raffinadekupfer? Alle Kalorienrechnungen oder sonstigen technischen Kriterien, Dringlichkeitsstufen usw., die in de,r Praxis der zentralen Außenhandelslenkung verwendet werden, sind plumpe Behelfe, die in keiner Hinsicht eine richtige Wirtschaftsrechnung ersetzen können. Das Verfahren unserer Landeswirtschaftsämter, nur solche Anträge auf Rohstoffeinfuhren zu Veredelungszwecken befürwortend weiterzuleiten, bei denen der Reexport mindestens den dreifachen Devisenerlös erbringt, ist bezeichnend für die rührende Hilflosigkeit, in der man dem Problem einer volkswirtschaftlich richtigen Lenkung des Außenhandels gegenübersteht. Wie sinnlos erscheint angesichts dieser Faustregel die Einfuhr von Lebensmitteln, die doch gar keinen unmittelbaren Reexport erbringt. Diese Beispiele mögen genügen. Aus der theoretischen überlegung geht hervor, daß die Außenhandelslenkung im Rahmen der Devisenbewirtschaftung nicht imstande ist, den Außenhandelsverkehr auf sein volkswirtschaftliches Optimum ein zusteuern. Sie weiß weder im einzelnen noch im ganzen mit Sicherheit zu sagen, ob der Nutzenentgang durch Ausfuhr dem Nutzenzugang durch Einfuhr entspricht. Es ist also ein Außenhandel im Dunkeln, der da getrieben wird. Aus der Tatsache, daß der zentral geleitete Außenhandel unter keinen Umständen imstande ist, die unter den gegebenen Bedingungen richtigen Gegenstände und dazu auch noch das richtige Ausmaß der internationalen Arbeitsteilung zu finden, ergibt sich ein wichtiges Resultat für die Therapie, das ich zunächst nur andeuten will. Es zeigt sich nämlich, daß die Devisenbewirtschaftung auch unter deutscher Leitung nicht imstande gewesen wäre, den Außenhandel richtig zu lenken. Die vielfach in der Diskussion der Ursachen unseres unzulänglichen Außenhandels geäußerte Ansicht, wonach alle Mängel mit der Lenkung durch die Alliierten zusammenhängen, ist nicht zutreffend. Richtig ist allerdings, daß die erkennbar gewordenen und die mehr oder minder unsichtbaren Abweichungen vom Optimum weit über das hinausgehen, was wir selbst auch nicht hätten vermeiden können. Die weitgehende Behinderung der Nachrichtenverbindung mit dem Ausland, das Fehlen des Marken- und Patentschutzes, die Dollarklausel und außerdem unzählige Einzelheiten aus der Außenhandelspraxis, die in der in- und ausländischen Presse bekannt geworden sind, lassen keinen Zweifel daran, daß es lange Zeit hindurch gar nicht in der Absicht der Besatzungsmächte der Doppelzone lag, un- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Referat Dozent Dr. fritz W. Meyer (Bonn/Kiel) 35 seren Außenhandel anlaufen zu lassen. Sie haben die Möglichkeiten, die ihnen die Devisenbewirtschaftung gibt, als Bremse und zugleich zu einer starken Herabminderung unseres volkswirtschaftlichen Nutzens aus dem Außenhandel benutzt. Dieser Auffassung könnte vielleicht durch den Hinweis darauf widersprochen werden, daß jeder Dollar, den die "jElA" für deutsche Exporte eingenommen hat, zur Bezahlung von Importen Verwendung gefunden hat. Das mag durchaus zutreffen, aber dieser Einwand wäre kein Gegenbeweis. Es kommt auf die Dollars an, die nicht eingenommen worden sind, weil die Exportkapazität gerade bei den Fertigwaren nicht ausgeschöpft wurde. Und auf diejenigen, die man besser nicht eingenommen hätte, weil sie aus der übertriebenen Ausfuhr von Rohstoffen stammten. Bei der Einfuhr ist ebenso -gemessen an den Bedürfnissen der Konsumenten -in einigen Hinsichten zu viel, in anderen wieder zu wenig ausgegeben worden. Der beste Beweis dafür ist der enorme Umfang des illegalen Imports, bei dem wir zu unglaublichen naturalen Austauschbedingungen seit jahren die Waren bezogen haben, die in der regulären Einfuhr aus irgendwelchen Gründen nicht enthalten waren. Und wir haben bezahlt mit solchen Waren -Gold, juwelen, Kunstgegenständen usw. -, die auch in der regulären Ausfuhr ausländische Käufer zu ganz erheblich besseren Preisen gefunden hätten. Die geschilderten, aus der Außenhandelsordnung herrührenden Ursachen der Stagnation lassen sich durch Anwendung der Theorie de'r Marktformen auf einen einfacheren, zusammenfassenden Ausdruck bringen. Zentrale Außenhandelslenkung durch Devisenbewirtschaftung bedeutet grundsätzlich im Vergleich mit einer verkehrswirtschaftlichen Außenhandelsordnung eine Konzentration von wirtschaftlichelr Macht in der Nachfrage nach und im Angebot von Importgütern und in Nachfrage und Angebot von Exportgütern. Die inländische Nachfrage nach Importgütern kann gebündelt werden, woraus sich gegenüber der individuellen, freien Nachfrageentfaltung am Weltmarkt eine durchschnittliche Verlagerung der Positionen an den vielen Einzelmärkten in Richtung auf das Monopol ergibt. Die Möglichkeiten der Machtentfaltung nach außen sind allerdings dadurch begrenzt, daß in der Regel die Inlandsnachfrage nur einen kleinen Bruchteil der Gesamtnachfrage an jedem Markt ausmacht. Ebenso ist -abgesehen von Einzelfällen -im Angebot von Exportgütern am Weltmarkt durch zentrale Lenkung des Außenhandels keine sehr wesentliche und dauerhafte Machtposition zu gewinnen. Die Geschichte der Valorisationen beweist das. J. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
36 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels Nach innen dagegen ist die Macht der zentralen Atißenhandelslenkung gewaltig. Gegenüber reinen Exportindustrien hat sie ein volles Nachfragemonopol. Und in allen anderen Fällen, in denen zugleich für den Export und den Inlandsmarkt produziert wird, hat sie zwar eine schwächere Stellung, die sie aber jederzeit durch Andienungszwang usw. ausbauen kann. Entsprechendes gilt für ihre Stellung als alleiniger Anbieter ausländischer Waren. -Die Leitung der Devisenbewirtschaftung kann also das gesamte Leben der Volkswirtschaft nachhaltig beeinflussen, in den FäHen, in denen diese Wirtschaft in hohem Maße auslandsabhängig ist, sogar beherrschen. Die Anwendung der Theorie kann nicht exakt zeigen, welcher Gebrauch von der Macht unter gegebenen Bedingungen gemacht wird. Sie kann nur den bestehenden Spielraum de,r möglichen Machtausübung erkennbar machen. Jedoch erscheint eins sicher: Eine nationale Außenhandelslenkung wird ihre Macht jedenfalls nicht absichtlich zum Nachteil der eigenen Volkswirtschaft ausnützen. Sondern allenfalls durch ihre Unfähigkeit, richtig zu steuern, werden Nachteile gegenüber dem freien Außenhandel zustandekommen. Nach außen dagegen wird sie bestrebt sein, von ihrer Macht vollen Gebrauch zu machen. Genau umgekehrt ist es bei fremdgelenktem Außenhandel. Hier wird sich die Ausnützung der Macht sicher nicht nach außen richten, sondern allenfalls nach innen gegen die beherrschte Volkswirtschaft, wo- bei wiederum ein sehr breiter Spielraum besteht. Und zwar von der Politik einer rücksichtslosen Durchsetzung fl~emder Interessen bis zu der des redlichen Vormundes. Im Laufe der letzten Zeit hat sich zweifellos in der Außenhandelspolitik gegenüber der Doppelzone eine gewisse Verschiebung in der Richtung auf die Politik des redlichen Vormundes vollzogen. Das ist erfreulich, aber nicht sehr wesentlich. Denn für die unzulänglichen Ergebnisse des Außenhandels ist ja nicht nur die faktisch geübte Politik der "JElA" von Bedeutung gewesen, sondern die Existenz dieses fremdgesteuerten Systems hat eine lähmende Wirkung gehabt und wird sie auch in Zukunft haben. Welcher Unternehmer kann zum Aufbau einer auf den Auslandsabsatz zugeschnittenen Broduktion größere Mittel wagen, solange der Genehmigungszwang für größere Exportkontrakte ihn mit einem unerträglichen Risiko belastet? In dieser Frage zeigt sich schon der Zusammenhang der Außenhandelsordnung als Ursache der Stagnation mit den in der Veränderung unserer Wirtschaftsstruktur begründeten Hemmnissen. Es ist in verschiedenen statistischen Darstellungen von deutscher Seite schon nachgewiesen worden, daß auch noch die Bestimmungen des revidierten Industrieplans die Produktion bevorzugt in den Bereichen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Referat Dozent Dr. fritz W. Meyer (Bonn/Kiel) 37 beschränken, in denen sie für den Export wichtig wäre. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob dies geschah, um den deutschen Export zu treffen, dem Sicherheitsbedürfnis Rechnung zu tragen, oder, um aus dem Abbau der die Quoten übersteigenden Kapazitäten Reparationsleistungen zu gewinnen. Sicher ist jedenfalls, daß diese Maßnahmen die Exportmöglichkeiten stark herabgemindert haben. Ebenso die Auslieferung der deutschen Patente und die laufende überwachung der Industrieforschung. Strukturelle Maßnahmen in Verbindung mit der uns auferlegten Ordnung der Außenwirtschaft sind die beiden Ursachengruppen, die bisher einen Wiederaufbau des Außenhandels verhindert haben. Während mit der Strukturpolitik ein guter Teil unserer Exportkraft gleichsam an der Wurzel ausgerottet worden ist, stellt die Außenhandelsordnung ein System von VentiJen dar, durch das sich nicht nur der Außenhandel, sondern über den Außenhandel fast die gesamte Wirtschaft Westdeutschlands indirekt lenken läßt. Soviel zur Frage der Ursachen der unzulänglichen Entwicklung des westdeutschen Außenhandels. Ich zweifle nicht daran, daß diese Erklärung sehr lückenhaft und unvollkommen ist. Es kam mir jedoch nur darauf an, die Punkte in der Erklärung einigermaßen herauszuheben, die für die Therapie, für die Behandlung der Probleme einer konstruktiven Außenhandelspolitik, wichtig sind. Was müßte geschehen, um zu einem gesunden Außenhandel zu kommen'? Die Diskussion dieser Frage ist insbesondere seit der Durchführung der Währungsreform in Gang gekommen. Sie steht neben oder in Verbindung mit den Erörterungen über die Demontage durchaus im Vordergrund der Interessen. Der Zusammenhang des Außenhandelsproblems mit der Währungsreform ist einleuchtend. Gemessen am bisherigen offiziellen Preisstand war die Ausgabe von D-Ma1rk zu reichlich dosiert, insbesondere nachdem jetzt auch noch der zweite Teil der Kopfquote ausgeschüttet ist. Infolge der Quantität der Ausgabe und der einseitigen Einschleusung auf der Seite des Konsums zeigen sich im teilweise befreiten Preissystem erhebliche Spannungen. Der partiell sehr erhebliche Preisauftrieb hat Unzufriedenheit ausgelöst. In erheblichem Umfang ist der Preisauftrieb aber auch zur Auslösung einer Unzufriedenheit mißbraucht worden, indem man der verbreiteten Vorstellung nicht entgegengetreten ist, der Bei..; behaltung der bisherigen Löhne müßte auch die Beibehaltung der bis,:, herigen Preise entsprechen. Wie dem auch sei: Die Preis -Lohn- Schraube droht in Gang zu kommen, und zur Abwehr dieser Gefahr wird nach Abhilfemöglichkeiten Ausschau gehalten, die dem Ansteigen gerade der für den Massenkonsum wichtigen Preise Einhalt gebieten können. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
38 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels Dabei richtet sich der Blick selbstverständlich in erster Linie auf die Einfuhr. Sie ist normalerweise das Mittel, um bei partiellen Steigerungen der Nachfrage den zuwachsenden Bedarf mindestens vorübergehend, bis zum Anlaufen einer wachsenden eigenen Produktion, zu decken. Die Bewältigung dieser Anforderungen setzt eine elastische, auf Preisänderungen schnell reagierende Organisation der Einfuhr und des Außenhandels überhaupt voraus, denn es korrunt darauf an, daß nicht nur die Einfuhr, sondern -zur Erzielung der notwendigen Gegenleistungen -auch die Ausfuhr schnell reagiert. Die bestehende Organisation unseres Außenhandels im System einer fremdgesteuerten Devisenbewirtschaftung kann diesen Anforderungen unmöglich genügen. Auch die Einfuhren der Kategorie A und aus dem Marshall-Programm können die aufgetretenen Probleme nicht lösen, weil die Verwendung dieser Mittel teils auf lange Sicht festgelegt ist, vor allem aber, weil wir über die Art der Verwendung dieser Mittel nicht zu bestimmen haben. Man hofft jetzt, wie die Nachrichten der letzten Wochen zeigen, durch Umbau und Lockerungen in der bisherigen Außenhandelsordnung eine Organisation zu schaffen, die anpassungsfähiger ist und eine Ausdehnung des Außenhandels zuläßt. Die Aufhebung der Dollarklausel ist von den Eesatzungsmächten in Aussicht gestellt, während zugleich ein europäisches Zentralclearing zwischen den Marshallplan-Ländern geplant ist, das unter Umständen schon am 1. Oktober die Arbeit aufnehmen soll. Der Ausschuß für Außenhandel im Länderrat hat sich für eine Erhöhung des Exportbonus A von 5 auf 20 Proz. ausgesprochen. Die deutschen Stellen sind bestrebt, in Verhandlungen mit den Besatzungsmächten eine Vereinfachung des Außenhandelsverfahrens durch Beschränkung der JEIA-Kontrollen zu erreichen. Diese Vorschläge und Bestrebungen sind zweifellos gut gemeint, wenn man von dem Europa-Clearing absieht, dessen zu erwartende~ Dollar-Defizit nach den Planungen in Paris durch Verminderung der ERP-Hilfe für Westdeutschland abgedeckt werden soll. Aber sie berühren in keiner Weise die entscheidenden Ursachen der Unzulänglichkeit unseres Außenhandels, die ich in der Analyse herauszustellen versuchte. Als vordringlichste Maßnahme einer wirksamen Therapie ist vielmehr die Herstellung eines Gleichgewichtswechselkurses anzusehen. Durch diesen Wechselkurs würde nämlich ein Gleichgewicht der internationalen Nachfrage hergestellt, das die Devisenbewirtschaftung überflüssig macht. Gegen diesen Vorschlag, den ich vertrete, sind schon zahlreiche Bedenken vorgetragen worden. Vor aUen Dingen steht er im Gegensatz zu den Auffassungen des Internationalen Währungsfonds, die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Referat Dozent Dr. fritz W. Meyer (Bann/Kiel) 39 von dessen Direktor, dem Belgier Ca mille Gutt, bei verschiedenen Gelegenheiten geäußert worden sind. Er ist der Ansicht, daß Länder, deren Versorgung mit Waren noch nicht genügend ist, die deshalb einen ungeheuren Warenhunger haben und zugleich für eine Ankurbelung des Exports noch nicht genügend gerüstet sind, einen Gleichgewichtswechselkurs nicht haben sollten, sondern einen überhöhten Kurs, der ihnen eine billige Einfuhr erlaubt. Gutt begründet seinen Standpunkt, der besonders auf die deutschen Verhältnisse zugeschnitten ist, damit, daß der Gleichgewichtswechselkurs in den Wiederaufbauländern sehr tief liegen müßte. Das Gleichgewicht am Devisenmarkt käme also diesen Ländern sehr teuer zu stehen. - Man kann das Argument von Gutt auch so fassen: Er nimmt an, daß in den Ländern, deren Produktion sich noch nicht wieder hinreichend erholt hat, die Nachfrage nach Importgütern sehr unelastisch ist, ebenso das Angebot von Exportgütern. Wenn es so ist, müßte daraus in der Tat ein sehr erheblicher Rückgang des Wechselkurses erwachsen, der die Einfuhrgüter sehr teuer und, vom Ausland her gesehen, die Ausfuhrgüter sehr billig macht. Die na turalen Austauschrelationen, die barter terms 01 trade, würden sich dabei unter Umständen so weitgehend verschlechtern, daß für eine wesentlich erhöhte Menge von Exportgütern doch nur eine unveränderte Menge von Importgütern gekauft werden könnte. Das Argument von Gutt erscheint auf den ersten Blick sehr einleuchtend. Sicher ist es besser, billig einzukaufen und teuer zu verkaufen, als umgekehrt. Und vom deutschen Standpunkt aus könnte man noch ergänzend hinzufügen: Also bleiben wir am besten solange irgend möglich beim überhöhten Verrechnungskurs von 30 Dollar-Cents. Dann bleibt zwar unsere Ausfuhr bescheiden. Aber solange aus den überbrückungskrediten der Kategorie A und aus der Marshall- Hilfe unsere lebensnotwendige Einfuhr zu drei Viertel bezahlt wird, ist die Steigerung unserer Ausfuhr gar nicht so wichtig. Und es ist immer noch früh genug, den Kurs der D-Mark dann herabzusetzen, wenn de'r Internationale Währungsfonds diese Forderung stellt oder wenn die Besatzungsmächte zum Zweck der Verminderung ihrer Kredite einen schlechteren Markkurs festlegen, der den Export anregen soll. Trotzdem der Gedankengang sehr einleuchtend erscheint, sollten wir -so glaube ich -ihm nicht zustimmen. Einerseits trägt er den besonderen Bedingungen unserer Lage nicht Rechnung. Vor allen Dingen hat aber das Argument eine erstaunliche Ähnlichkeit und Verwandtschaft mit der großen Verirrung im ökonomischen Denken, welche die Welt immer wieder heimgesucht und besonders in der Gegenwart verheerende Wirkungen gehabt hat. Diese Irrlehre lautet, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
46 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels gen wegen offenkundiger inflationistischer Bewegungen. Die Forderung des leider nur sehr kurzfristigen französischen Finanzministers Reynaud, der Dollarpreis für Gold müßte hinaufgesetzt werden, hatte einen sehr guten Sinn. Besonders interessant waren die Auseinandersetzungen des Referenten mit Camille Gutt. Dabei hatten wir wohl alle das Gefühl, daß neben dem Durchdenken der Probleme auf lange Sicht die Betrachtung auf kurze Sicht nicht außer Acht gelassen werden darf. Auch sind wir gezwungen, zuzugeben, daß politische Gesichtspunkte z. Z. eine besondere Rolle spielen müssen, weil Deutschland derzeit nicht einmal in der Lage ist, auch nur das physiologische Existenzminimum sicherzustellen; das ist ja nicht bloß eine Kalorienfrage, es handelt sich dabei auch um die Bereitstellung der erforderlichen Mittel für Kleidung und Wohnung. Nachmittagssi~ung am 15. September 1948 Der Verhandlungsleiter Geheimrat Professor Dr. Adolf Weber eröffnet die Aussprache und gibt das Wort an Professor Dr. earl Brinkmann: Professor Dr. eARL BRINKMANN (Tübingen): Es ist nicht ganz leicht. zu diesem schönen und klugen Referat Stellung zu nehmen. Für mein Gefühl ist es in zwei ganz verschiedene Elemente zerfallen. Das eine ist -worüber kein Deutscher mit einem Landsmann streiten wird -die Zurückweisung der fremden Ingerenz in unserer Wirtschaft, durch die sich unsere arbeitswirtschaftliche Wiedereingliederung verfahren hat. Es kann nicht früh genug der freien Entfaltung deutscher Initiative Platz gemacht werden, um weiteren Schaden zu verhüten, der weit über das hinausgeht, was man beim Morgenthau-Plan als unser Verderben angesehen hat. Das andere Element, das bestritten werden könnte, ist die Annahme, daß jetzt der Augenblick nicht nur einer Befreiung von ausländischer Ingerenz, sondern auch zum Übergang von der gelenkten Wirtschaft zur freien da ist, oder daß die heutige Zeit in ihrer Not -inländischer und ausländischer -überhaupt geeignet wäre, zur freien Wirtschaft überzugehen. Wenn wir die Binnenwirtschaft ansehen, so sind bei der Währungsreform genau die Schäden eingetreten, die wir vorausgesagt haben. Es sind schwere Nachteile entstanden, und die Frivolität, mit der in Frankfurt gesagt wird, die Sache sei "überraschend" geglückt, erinnert an bekannte Äußerungen nationalsozialistischer Machthaber. Man darf solche Dinge nicht unwidersprochen hinnehmen. Bei der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Aussprache: Professor Dr. Brinkmann (Tübingen) 47 Währungsreform ist nicht überlegt worden, daß es hinter dem Gelde die Kreditfrage gibt. Probleme tauchen auf, die den Herren über den Kopf zu wachsen drohen. Daß z. B. ein von der Länderbank gelenktes privates Bankwesen die letzte Entscheidung über die Produktion der angekurbelten Unternehmen treffen könne, halte ich für eine Illusion. Deutschland muß in den Welthandel wieder eingeschaltet werden. Aber Ausdrücke wie "gleichgewichtige Wechselkursbildung" scheinen mir vorläufig problematisch, die Realität der Sache ist noch nicht klar. Selbst wenn behauptet wird, daß nur durch Befreiung eine Steigerung der Außenhandelskapazität möglich ist, so steht dies nicht im Einklang mit der internationalen Theorie. überall, z. B. in England, Skandinavien, ist man überzeugt, daß es noch lange dauern wird, bis wir uns eine freie Wechselkursbildung gestatten können. Im Referat wird davon gesprochen, daß aIle Nachfragen im Import unmöglich von einer ZentralsteIle aus übersehen werden können. Aber die Entscheidungen, die getroffen werden müssen, brauchen nicht "bürokratische" zu sein, sie können durch das "Abfragen" hauptsächlicher Bedürfnisse, ex ante, gerechtfertigt sein. Die Entwicklung muß dann freilich für einen bestimmten Zeitraum festgelegt werden. Die andere Möglichkeit ist, daß Einzelunternehmen aus vorhandenen Konsumwaren anbieten und aus Importnachfrage Erfahrungen sammeln. Statt dessen findet in Wirklichkeit eine wachsende Zusammenfassung der Importe und Exporte auch in den privaten Unternehmungen statt. Gerade nach der Währungsreform werden die kleinen Unternehmen zunehmend ausgeschaltet, der Handel wird nicht mit Unrecht als "funktionsunfähig" bezeichnet, und damit nähern wir uns von der umgekehrten Seite einer sehr zentralen Bewirtschaftung. Ich möchte daher schon hier vor "konkurrenzwirtschaftlichen" Experimenten warnen, da ein zu großer Schritt nach vorwärts viele kleine Schritte nach rückwärts mit sich bringen kann. Interessant war, was über die Außenbeziehungen der Länder in dem Referat gesagt wurde. Die sogenannte Marktformenlehre wurde dabei als bewiesen angenommen. Es wurde aber zugestanden, daß private Monopole im Außenhandel grundsätzlich den staatlichen unterlegen sind und daß ein Gesamtangebot von Ausfuhr und eine Gesamtnachfrage nach Einfuhr gewisse Vorteile gegenüber einer zersplitterten Aus- und Einfuhr habe. Es wurde aber dabei zu Unrecht unterstellt, etwa daß beim Größenvergleich der Gesamtangebote die Bedeutung auch des mächtigsten Export-Importlandes so klein sei, daß Effekte dadurch nicht erzielt werden können. Gerade ein Land, das seine Binnenwirtschaft aufbaut und seine Exportkraft entwickeln muß, muß und kann lenkungswirtschaftlich für reichen Außenwirtschaftsumsatz sorgen. Es kann so sein, daß hinter uns eine große Periode liegt, in OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
48 Volkswirt6chaftliche Probleme des deutschen Außenhandels der es anders war, nur habe ich begründete Zweifel, ob es im 20. Jahrhundert ilöerhaupt, besonders in einer so außerordentlich abnormen Wirtschaft wie der gegenwärtigen deutschen, anders als so sein kann. Schon Adolf Weber hat den entscheidenden Unterschied zwischen kurz- und langfristiger Betrachtung hervorgehoben. Auf lange Skht kann eine Marktbefreiung vielleicht mehr leisten als eine wohl erwogene Lenkung, nicht aber heute auf kurze Sicht. Gefühlsmäßig würden alle auf der Seite der Befreier stehen, wie Woldemar Koch neulich gesagt hat: Eine gewisse platonische Sympathie ist dem sicher, der für Wirtschaftsbefreiung eintritt. Man darf aber nicht auf Grund von Gefühlen Theorie treiben, sondern muß gerade solche Gefühle als Warnungstafel betrachten. Der Wunsch spielt vielen einen Streich, er hat es bei der Geldreform getan und wird es noch tun. Man muß auch einen Unterschied machen zwischen unserer anomalen Situation und der normalen Situation der Konkurrenzwirtschaft. Man darf aber die Theorie nicht verlassen. Es ist nichts falscher, als gewisse Gedankenbahnen sich festfahren zu lassen und jede andere theoretische Analyse der Erscheinungen zu verbieten. Die ausländischen Befürworter des überhöhten Dollarkurses der Mark haben gewiß andere als deutsche Interessen, aber wir als Deutsche müssen die Gefährlichkeit der Einfuhrverteuerung bei Kurssenkung zugeben. Wir wissen, Wirkungen gehen aus von Wechselkursen auf Preise und von Preisen auf Wechselkurse. Sehr wahrscheinlich geht die Wechselkurswirkung auch praktisch immer im Kreise herum. Allgemein aber ist das Referat so glänzend gewesen, daß es uns fördert, auch wo es zum Widerspruch reizt. Professor Or. WALTHER HOFFMANN (Münster): Herr Kollege Meyer ist von der These ausgegangen,daß derWechselkurs überhöht ist und von 30 auf 25-20 Dollar-Cents gesenkt werden müßte. Woher wissen wir aber, daß der Kurs überhöht ist? Diese Quantitative Frage muß noch geklärt werden. Nachdem durch die Geldreform die Diskussion um den künftigen Wechselkurs für die Trizone in Gang gekommen ist, zeigt sich ein sehr unterschiedliches Bild in der Beurteilung der möglichen Wechselkursfestsetzung. Das ist picht zu verwundern, denn einmal spiegelt sich darin die allgemeine Unsicherheit der Bewertung wirtschaftlicher Größen wieder, die bei der Preisbildung im Inland zu größten Abweichungen führt, zum anderen fehlen nahezu alle Orientierungsmöglichkeiten statistischer Art. Schließlich kommen in den Diskussionen deutlich Interessentenstandpunkte zum Ausdruck, da in der Regel jeder als den richtigen nur den für sein Unternehmen günstigsten Wechselkurs ansieht. Dementsprechend wird die Kursfestsetzung von 30 Cents OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Aussprache: Professor Dr. Hoffmann (Münster) 49 = 1 DM viel kritisiert im Sinne einer Über- und Unterbewertung der Mark. Das Schwergewicht der Einwände liegt freilich in Richtung auf eine Heraufsetzung des DM -Preises, wobei im allgemeinen die prozentuale Steigerung einfach roh gegriffen wird. Am weitesten geht die Neue Züricher Zeitung, die interessanterweise auf Grund eingehender Untersuchungen eine Abwertung der Mark um ein Drittel auf 20 cts/DM für zweckmäßig hält. Wie könnte man überhaupt zu dem "richtigen" Wechselkurs gelangen, und welches sind die tatsächlichen Möglichkeiten der Berechnung auf Grund der gegebenen Bedingungen? Die übliche Methode im Sinne der Kaufkraft-Paritätentheorie besteht in dem Vergleich der Preisveränderungen in zwei Ländern an Hand von entsprechenden Preisindizes, wobei der Quotient aus den Veränderungen z\\<ischen beiden Zeitpunkten mit der Parität des Basisjahres multipliziert wird. Gegen dieses Verfahren erheben Slich jedoch für den konkreten. Fall Bedenken. Zunächst interessieren überhaupt nur diejenigen Güter, die international gehandelt werden. Viele Konsumgüter, ebenso Wohnung und Dienstleistung kommen nur auf den binnenländischen Markt und scheiden damit aus dem internationalen Vergleich aus. Denn es gilt ja, die Auslandskaufkraft der DM festzustellen, und das heißt nichts anderes, als die Beantwortung der F,rage, bei welchem Kurs sich ein Ausgleich der Zahlungsbilanz ergibt, wobei nur die Resteinfuhr ohne Auslandskredite berücksichtigt werden kann. Welche Waren des deutschen Außenhandels könnte man nun überhaupt in Betracht ziehen? Hierbei wird bereits deutlich, daß diese wichtige Voraussetzung für die Abschätzung der Kostenrelation und damit eines angemessenen Wechselkurses kaum gegeben ist. Denn zwar treten in der Einfuhr, von der überhaupt nur ein Teil von deutschen Stellen bezahlt wird, wie in der Ausfuhr Stapelwaren des Welthandels auf, die rein technisch gesehen zwischen In- und Ausland vergleichbar sind, wenn man bei der Einfuhr etwa an Agrarprodukte und industrielle Rohstoffe und bei der Ausfuhr an Kohle, Holz und Schrott denkt. Gerade weil die deutsche Ausfuhr überwiegend Roh- und Kraftstoffe umfaßt, wäre an sich eine leichtere Vergleichbarkeit international gegeben. Man kann aber nicht von international gehandeltenWaren im echten Sinne sprechen, da in der Ausfuhr Waren enthalten sind"die keineswegs der Exportstruktur eines modernen Industrielandes entsprechen. Unter normalen Bedingungen kommt demgegenüber der Kostenvergleich von Maschinen, Elektro-Artikeln und Chemikalien in Betracht. Diese Tatsache hängt damit zusammen, daß auch die zweite Voraussetzung nicht gegeben ist, nämlich ein freier Austausch von Gütern und Leistungen. Erst dadurch kann überhaupt die Bedingung 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
50 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels erfüllt werden, daß nur Waren eingeführt werden, die nach Preis und Menge sich den heimischen Marktbedingungen anpassen unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Tatsache, daß eingeführte Rohstoffe durch ihre Preishöhe die Exportmöglichkeiten garantieren müssen. Es braucht nun kaum wiederholt zu werden, daß weder die Einfuhr noch die Ausfuhr der Trizone der Produktions- und Einkommensstruktur der deutschen Wi>rtschaft voll entsprechen, sondern weitgehend außerökonomisch bestimmt sind. Das bedeutet, daß ein Vergleich der möglichen Preisveränderungen gegenüber dem Ausland nur mit größten Bedenken durchgeführt werden kann, da sich die Waren zwischen den Ländern doch nicht frei bewegen können. Selbst wenn man die genannten Schwierigkeiten in Kauf nimmt, bleibt in der gegenwärtigen Lage noch eine Reihe von Bedenken übrig. Um den Wechselkurs so sinnvoll berechnen zu können, daß ein Ausgleich der Zahlungsbilanz schließlich erreicht wird, muß man davon ausgehen, daß auf die Dauer die Kostenveränderungen maßgebend sind. Für ihren Verlauf kommt ein Vergleich der Lohnveränderungen in Betracht. Da die Löhne aber durch die Lebenshaltungskosten mitbestimmt werden, soll zunächst der Index der Lebenshaltungskosten als repräsentativ angesehen werden. Nimmt man als Vergleichsland die Vereinigten Staaten und als Basisjahr 1938 mit einem Markkurs von 40 cts, so würde bei einer Steigerung des amerikanischen Index der Lebenshaltungskosten auf 169 im ersten Halbjahr 1948 eine Zunahme der deutschen Lebenshaltungskosten bis auf 127 möglich sein, wenn man die Pa,rität von 1 DM = 30 Cts als Datum nimmt. Tatsächlich sind aber die Lebenshaltungskosten bis Juli 1948 in der britischen Zone um 38 Proz., in Hessen um 42 Proz. und in Bayern um 36 Proz. gestiegen, d. h. die auf dieser Basis (Britische Zone) errechnete Parität würde einen Markkurs von 32 cts ergeben, der also noch höher ist als der tatsächlich angesetzte Kurs. Da im August (1948) die Lebenshaltungskosten weiter gestiegen sind, würde nunmehr der Kurs sich immer mehr von der festen Parität entfernen und die Ausfuhr erschweren. Auf die Bedenken gegenüber diesem Index der Lebenshaltungskosten kann hier nur kurz hingewiesen werden. Jeder weiß, daß bei diesem Vergleich zwischen amerikanischen und deutschen Lebenshaltungskosten gegen das oberste Gesetz der Statistik verstoßen wird, wonach nur Vergleichbares in eine de1mrtige Gegenüberstellung einbezogen werden darf. Denn was besagt es für die deutschen Lebenshaltungskosten, wenn die Mietausgaben scheinbar konstant geblieben sind, in Wirklichkeit aber für viele durch die zwangsweise Untervermietung von Räumen gesunken, für manche andere aber durch die Qualitätsverschlechterung wesentlich gestiegen sind? Dieser Einwand der qualitätsmäßigen Unvergleichbarkeit gegenüber 1938 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Aussprache: Professor Dr. tioffmann (Münster) 51 einerseits und gegenüber den Vereinigten Staaten andererseits gilt ganz besonders für alle anderen Güter der Haushaltsausgaben, wie Nahrungs- und Genußmittel, Bekleidung und Hausrat. Wollte man dem Tatbestand der im Durchschnitt minderen Qualität der heutigen Konsumgüter in Deutschland gerecht werden, so müßte man die Lebenshaltungskosten entsprechend höher ansetzen, d. h. den Dollar höher bewerten, als es dem gegenwärtigen Kurs entspricht. Angesichts der Unzulänglichkeit dieses Vergleichs liegt es nahe, direkt auf die Entwicklung der Löhne als wichtigsten Kostenfaktor zurückzugreifen. Damit ergibt sich aber die noch größere Schwierigkeit, daß die für die Berechnung zugrundezulegenden Lohnsätze als gebundene Löhne in den einzelnen Branchen keineswegs den tatsächlichen Knappheitsverhältnissen entsprechen, wenn man den Lohn nicht übe-r- haupt als primär sozial bestimmten Faktor, sondern unter diesen Kostengesichtspunkten sehen will. Da außerdem die Lohnsatzveränderungen in jüngster Zeit sehr unterschiedlich vorgenommen worden sind und von der Möglichkeit der 15 proz. Erhöhung nur teilweise Gebrauch gemacht worden ist, wäre ein gewogener Lohnindex erforderlich, um überhaupt einen Anhaltspunkt zu gewinnen. Dafür fehlen aber die Unterlagen. Aber noch aus einem anderen Grunde wird die Aufgabe der Wechselkursbestimmung durch Rückgriff auf die Löhne nicht leichter. Denn denkt man etwa an einen Vergleich der Lohnentwicklung zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland von 1938 bis zur Gegenw<lirt, so besagt die Veränderung der Nominal-Lohnsätze wenig für die vergleichsweise Entwicklung der R_ealkosten. Entscheidend ist die Frage, welche Menge der international gehandelten Güter mit einem bestimmten Lohn produziert wird, d. h. je niedriger die Technik in einem Lande ist, um so niedriger müssen die Löhne sein, wenn internationale Konkurrenzfähigkeit angestrebt werden soll. Die deutschen Nominallöhne sind im Vergleich mit 1938 gegenwärtig höher. Die Stundenlöhne in der amerikanischen Industrie sind bis zum ersten Halbjahr 1948 um 106 Proz. gestiegen. Während aber in dem gleichen Zeitraum die Effizienz des amerikanischen Industriearbeiters grob gerechnet um 45 Proz. zugenommen hat -für den Durchschnitt der gesamten Industrie eine große Leistung, wenn man bedenkt, daß in England von 1891-1931 die physische Produktivität des Arbeiters nur wenig mehr gestiegen ist -, liegt in Deutschland gegenwärtig die Leistung um etwa 40 Proz. niedriger als damals. Wenn man überhaupt 1938 als Vergleichsbasis anerkennen will, hat man sich also zu fragen, was es denn besagt, wenn man unter der Annahme einer vielleicht 20 proz. Lohnsteigerung in Deutschland gegenüber 1938 und einem Markkurs von 40 cts im Basisjahr rein rechnerisch dazu kommt, daß dem OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
52 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels heutigen Lohnverhältnis ein Markkurs von 23,5 Cents entsprechen würde, wenn man nicht gleichzeitig die gewaltige Verschiebung in den Produktivitätsverhältnissen berücksichtigt. Der Einwand, daß die Steigerungsprozente deswegen nichts besagen, weil man hinsichtlich der Produktivität der Arbeit von ganz verschiedenem Niveau ausgegangen ist, kann ja nur insofern Geltung beanspruchen, als schon 1938 im Durchschnitt -keineswegs in einzelnen Branchen oder gar Unternehmungen -die amerikanische Industrie eine mindestens zweimal höhere Effizienz aufwies als die deutsche Industrie. Die Steigerung hat also den Unterschied noch weiter vergrößert. Unter diesen Umständen ist es nicht zu verwundern, daß das Realeinkommen des amerikanischen Industriearbeiters wesentlich mehr gestiegen ist als das eines deutschen Arbeiters. Man könnte noch einwenden, daß die deutschen Nominallöhne das wirkliche Einkommen der Arbeiterschaft nicht wiedergeben auf Grund der bis zur Währungsreform üblichen Geldzuschläge, Deputate, Naturallieferungen jeder Art usw. Da ja aber für diesen Vergleich nicht die Zwischenz·eit interessiert, sondern nur der gegenwärtige Zustand maßgebend ist, seit der Währungsreform diese Zuschläge aber nahezu allgemein abgebaut worden sind, dürften die Nominal-Lohnsätze im Durchschnitt der gesamten Industrie auch das tatsächliche Einkommen annähernd wiedergeben. Dagegen ist noch eine andere überlegung zu berücksichtigen. Im internationalen Handel kommt es bekanntlich auf die realen Austauschbedingungen an. Infolgedessen müßte vom deutschen Standpunkt aus der Wechselkurs so gewählt werden, daß die Realkauikraft des deutschen Exports möglichst hoch liegt, d. h. daß die Vorteile des ausländischen Fortschritts zum mindesten allmählich auch den deutschen Konsumenten zugute kommen, selbst auf die Gefahr hin, daß sich für die in Konkurrenz stehenden deutschen Unternehmungen erhebliche Umstellungsschwierigkeiten ergeben. Es würde damit auf die Dauer eine Angleichung an das Niveau der ausländischen Effizienz vollzogen, die auf jeden Fall erforderlich ist. Bei welchen Gütern die überlegenheit z. B. der amerikanischen Industrie besonders groß ist und wie der Wechselkurs angesetzt werden müßte, um sie zur Geltung kommen zu lassen, bedarf eingehender Untersuchung. Im übrigen würde sich dies bald abschätzen lassen, wenn überhaupt ein freier Außenhandel auf beiden Seiten gegeben wäre. Es soll hier nur noch darauf hingewiesen werden, daß in Kanada und anderen überseeischen Ländern, wie etwa auch in Südafrika, in dem letzten Jahrzehnt ein ansehnlicher technischer Fortschritt erzielt worden ist, dem man angesichts der großen Abhängigkeit gerade der deutschen Exportindustrie von der Rohstoff- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Aussprache: Professor Dr. lioffmann (Münster) 53 einfuhr nicht einfach durch einen den Export allgemein begünstigenden Wechselkurs begegnen kann. So ergibt sich also, daß die Maßstäbe für die Ermittlung des angemessenen Wechselkurses für Deutschland denkbar fragwürdig sind unter statistisch-formalen, wie aber auch unter sachlichen Gesichtspunkten. Nachdem mit der Geldreform das System der Marktwirtschaft grundsätzlich bejaht worden ist, bleibt unter diesen Umständen nur die Konsequenz, diesem System auch zur vollen Wirksamkeit zu verhelfen, d. h. alles zu tun, damit sich die eingangs erwähnten sachlichen Voraussetzungen für eine Beurteilung des richtigen Wechselkurses überhaupt herausbilden können. Da allerdings auch im Auslande nUlr bedingt diese Voraussetzungen gegeben sind, hängt es von der weiteren handelspolitischen Entwicklung ab, inwieweit sich marktgemäße statt festgesetzte Wechselkurse zu bilden vermögen. Solange jedenfalls auf deutscher Seite die wirklichen Kostenrelationen sich noch nicht stärker herauskristallisiert haben, spricht vieles dafür, die jetzige KUlrsrelation als Datum zu setzen. Dieser Ausweg ist allerdings kein Freibrief dafür, alle Preise im Inland unter Zugrunde- Iegung dieses Wechselkurses auf die Höhe der Weltmarktpreise hinaufzutreiben. Denn einmal kommen für einen derartigen Vergleich überhaupt nur, wie wir sahen, die international gehandelten Waren, wie z. B. NE-Metalle, in Betracht, und zum anderen sind ja die komparativen Kostenunterschiede neben den absoluten Kostenunterschieden bestimmend für den Güteraustausch schlechthin. Im übrigen wird die Politik des Abtastens an Hand der gegebenen Daten auch aus dem Grunde für zweckmäßig gehalten, weil eine Herabsetzung des Dollarpreises der Mark die Einfuhr an Rohstoffen und Nahrungsmitteln verteuert -wobei auch an dieser Stelle von den GARIOA- und Marshall-Importen abgesehen wird -und den Exportindustrien zu früh die Chancen gewisser Konkurrenzbedingungen geben würde, die sich auf die Dauer doch als trügerisch erweisen dürften. Demgegenüber ist der harte Zwang zu einem Höchstmaß an Rationalisierung in der Exportindustrie mit der Folge der Kostensenkung wahrscheinlich eher angetan, die Austauschbedingungen auf die Dauer zu verbessern. Schließlich besteht die Wahrscheinlichkeit, daß die Liquidation des Krieges auch im Auslande zu Kursveränderungen zwingt, die zweckmäßigerweise bei einer späteren Festsetzung der Paritäten unter Beachtung der internationalen Währungsabkommen beTÜcksichtig werden 1). 1) Das "Gutachten über die Kaufkraftparität der Deutschen Mark" des Bremer Ausschusses für Wirtschaftsforschung (Bearbeiter Dr. Al/red Jacobs) kommt zu einem wesentlich späteren Zeitpunkte (November 1948) und auf Grund viel eingehenderer Untersuchungen zu dem Vorschlag einer Kurssenkung auch nur auf 27 Cents = 1 DM. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
54 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels Professor Dr. RUDOLP STUCKEN (Erlangen): Zunächst etwas Tat säe h I ich e s zur Frage der Wechselkurshöhe. Sie wissen, daß Nürnberg eine hochentwickelte Fertigwarenindustrie besitzt, die früher stark exportiert hat. In einem Kreise führender Nürnberger Industrieller warf ich die Frage auf, welche Industrie bei einem Wechselkurs von 3,30 DM für einen Dollar mit Erfolg am Weltmarkt auftreten könne. Als exportfähig erschienen nur die Elektroindustrie und die Industrie hochwertiger Meßapparate. Die anderen Gruppen verneinten die Exportfähigkeit. Und dabei walren in jenem Augenblick die Rohstoffpreise noch keineswegs dem genannten Wechselkurs angepaßt. Ich bitte, diese Feststellung nicht als Interessentenäußerung abzutun; andererseits besteht wohl in einer Reihe von Zweigen noch die Möglichkeit, in die Exportfähigkeit hineinzuwachsen; aber das ist Zukunftshoffnung und noch nicht Realität. Wir sprechen hier so einfach und selbstverständlich von einem einh ei t] ichen Wech seI kurs, der sowohl für die ganze Ausfuhr als auch für die ganze Einfuhr gelten soll. Wir sollten uns aber doch dessen erinnern, daß wir seit 16 Jahren keine einheitlichen Wechselkurse gehabt -haben. Das durch viele Jahre gepflegte Zusatzausfuhrverfahren verfälschte den Wechselkurs. Ab 1945 hatten wir für jedes Ausfuhrgeschäft einen individuellen Wechselkurs, denn in jedem Falle wurde der Reichsmarkbetrag für den ExporteUJr besonders berechnet, gewöhnlich im Anschluß an die inländischen Stopp reise. Ich sehe nur die eine Möglichkeit, aus den lähmenden Fesseln der gegenwärtigen Ausfuhrregelung herauszukommen, wenn die ganze Ausfuhr über einen einheitlichen Wechselkurs vollzogen wird. Denn mit dem Zusatzausfuhrverfahren haben wir die Welt so verärgert, daß man uns dieses sicherlich nicht in der Zukunft zur eigenen Handhabung überiäßt. Und das System der individuellen Wechselkurse ist ja nur im falle staatlicher Lenkung des Exportes möglich. Also Freiheit des Ausfuhrhandels nur bei einheitlichem Wechselkurs; diese Freiheit aber brauchen wir ja, um die Fertigwarenindustrie mit ihren relativ kleinen Geschäftsabschlüssen bei der Ausfuhr zum Zuge kommen zu lassen. Soweit die Einfuhr in Frage kommt, kann der einheitliche Wechselkurs durch Subventionen außer Kraft gesetzt werden, wobei dann das Ziel verfolgt wird, wichtigen Massenkonsumgütern einen niedrigeren Preis zu geben, als sich auf Grund des Weltmarktpreises und der Wechselkurse ergeben würde. Ich möchte es dahingestellt sein Jassen, ob diese Abweichung vom einheitlichen Wechselkurs nicht doch bei einigen Waren angebracht ist. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Aussprache: Professor Dr. Stucken (Erlangen), Dr. Kruse (München) 55 Soll man den zukünftigen Wechselkurs sich einpendeln las sen, d. h. soll man es dem Angebot und der Nachfrage auf dem Devisenmarkt überlassen, auf welcher Höhe der Wechselkurs zu stehen kommt? Ich glaube, daß es doch noch verfrüht ist, dem Markt die Bestimmung der Wechselkurshöhe allein zu überlassen, sondern daß es noch einer gewissen Devisenbewirtschaftung bedarf. Es ist schon auf die Fluchtgelder hingewiesen worden, die eine erhebliche zusätzliche Nachfrage am Devisenmarkt bedeuten können. Aber wir müssen auch an Erscheinungen denken, die mit jedem Wiederaufbau übermäßig geschrumpfter Vorräte verbunden sind; bei jedem Konjunkturaufstieg erlebten wir in Deutschland ja eine Tendenz zur Passivierung der Devisenbilanz, weil erst einmal mit der Wiederansammlung von Vorräten bei den Produktionsbetrieben und beim Handel eine verschärfte Nachfrage nach ausländischen Rohstoffen auftrat. Dazu haben wir an die Möglichkeit spekulativer Wareneinfuhr zu denken. Ich halte es nicht für richtig, den Wechselkurs zunächst auf die Höhe kommen zu lassen, die sich aus solchen zeitlich begrenzt wirkenden Ursachen ergibt; denn wahrscheinlich bleiben dann auch die Löhne von der sich so ergebenden Wechselkurshöhe nicht unberührt. Ich halte es vielmehr für richtig, einen Wechselkurs zu suchen, der cl la longue durchgehalten werden kann, den zeitlich begrenzten Schwierigkeiten aber mit Maßnahmen der Devisenzwangswirtschaft zu begegnen. Aber selbstverständlich sehne auch ich den Tag herbei, an dem sich diese Zwangsmaßnahmen als überflüssig erweisen. Dr. ALFRED KRUSE (München): Wenn man die Außenhandelslage Europas und die der Vereinigten Staaten mit einem Satze charakterisieren wollte, so könnte man sagen: Europas Zahlungsbilanz ist hoffnungslos passiv, die der USA hoffnungslos aktiv. Die Beseitigung dieser Unausgeglichenheit kann auf weite Sicht nicht durch Kredite erfolgen, sondern nur durch eine Änderung der Wechselkurse, Herabsetzung des Kurses der europäischen Währungen oder Hinaufsetzung des Dollarkurses. Für Deutschland erhebt sich in der Gegenwart die F1rage, ob der uns durch die Besatzungsmächte auferlegte Umrechnungskurs von 30 Dollarcents für eine Deutsche Mark, der noch kein echter Wechselkurs ist, für die deutschen Verhältnisse angemessen ist oder nicht. Vorweg möchte ich betonen, daß ich Herrn Prof. Hoffmann beistimme, wenn er sagt, daß wir heute noch völlig im unklaren darüber sind, ob der Kurs von 30 Cents zu hoch oder zu niedrig ist. Bedenken wir doch, daß noch bis zum Mai dieses Jahres spezielle Umrechnungs- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
62 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels Professor Dr. GüNTER SCHMÖLDERS (Köln): Bei der Erörterung der Problematik des deutschen Außenhandels wird in der Regel übersehen, daß aller Streit um die Festsetzung der Wechselkurse nicht über die Verzerrungen hinweghilft, die im Preis- und Kostengefüge der deutschen Wirtschaft durch die zwangswirtschaftliehe Entwicklung der letzten fünfzehn Jahre entstanden sind. Besonders kraß tritt diese Verzerrung des Preis- und Kostengefüges zutage, wenn man die Wandlungen der Besteuerung ins Auge faßt, in denen zu einem guten Teil die Ursache dieser Erscheinung zu erblicken ist. Die Besteuerung hat sich im autoritären Deutschland unvermerkt immer mehr dem direkten Zugriff auf die B e tri e b s g e w i n n e und B e tr i e b s ver m ö gen anstelle der früher vorherrschenden Steueraufbringung durch Verbrauchs- und Verkehrssteuern und Zölle zugewandt. Welches Ausmaß diese Wandlungen der Besteuerung erreicht haben, geht daraus hervor, daß allein die Körperschaftssteuer ihr Aufkommen schon 1938 gegenüber 1932 mehr als verzwanzigfacht hatte. Der prozentuale Anteil der Einkommensteuer und Kö,rperschaftssteuer am gesamten Reichssteueraufkommen hatte sich schon um diese Zeit auf Kosten der Verbrauchssteuern und Zölle fast verdreifacht. Diese Entwicklung ist während des Krieges weitergegangen und hat zu einer Struktur der Besteuerung geführt, die sich überwiegend des bequemen Zugriffs auf die gewerblichen Gewinne und Einkommen bedient; die Folge ist, daß das Preis- und Kostengefüge der deutschen Wirtschaft durch zusätzliche, lediglich aus der Besteuerung stammende Kostenfaktoren gegenüber der früheren Zeit und gegenüber den Wettbewerbsländern weitgehend verändert worden ist. Die Hauptrolle spielt hier- bei die bisher viel zu wenig beachtete Tatsache, daß die sogenannten Ge w i n n s t e u e rn (Einkommen- und Körperschaftssteuer) der Gewerbebetriebe infolge der steuerrechtlichen Entwicklung unter dem Einfluß fiskalischer Gedankengänge mehr und mehr an 0 b j e k t i v e Me r km ale anknüpfen und den Charakter echter "Oberschußsteuern" längst verloren haben; die weitere Folge daraus ist es, daß in allen Preisen unter der Wirkung der Steuerüberwälzung kumulativ auf gel auf e n e S t e u e r a n t eil e enthalten sind, die bis zu 50 Proz. und mehr des Ladenpreises ausmachen können. Dieser Vorgang liegt bei der Umsatzsteuer auf der Hand; eine in allen Wirtschafts stufen von neuem erhowne Umsatzsteuer von 3 v. H. führt zu einer Belastung des Verkaufspreises von 10 bis 15 v. H. je nach der Anzahl der durchlaufenen Stufen. Weniger sichtbar, im Ergebnis aber mindestens ebenso bedeutsam ist die Oberwälzung der verschiedenen steuerlichen Betriebsbelastungen, angefangen bei der Grund- und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Aussprache: Prof. Schmälders (Köln), Prof. Rittershausen (frankfurt) 63 Gewerbesteuer über die Vermögenssteuer, Körperschafts- und Einkommensteuer bis hin zur Dividendenabgabe und Aufsichtsratsteuer ; unter der Wirkung des Kaufkraftüberhangs hatten in der Vergangenheit praktisch aIIe Märkte ihre Elastizität im Sinne der Preistheorie soweit eingebüßt, daß die Oberwälzung dieser Steuerbeträge im Preis auf aIIen Stufen möglich wurde. Dadurch ist eine kumulative Aufblähung des gesamten Preis- und Kostengefüges entstanden, die im Wettbewerb mit dem Ausland zu einem selbstverschuldeten Hindernis wird, dessen Beseitigung sich die künftige Steuerrefonn angelegen sein lassen sollte. Eine Steuerrückgewähr bei der Ausfuhr, wie sie für die letzte Stufe der Umsatzsteuer vielleicht noch durchführbar ist, erscheint angesichts der Höhe der kumulativen Endbelastungen aus allen erwähnten Steuern indiskutabel; sie würde vom Ausland sogleich als Versuch des Dumpings zurückgewiesen werden. Es bleibt uns daher keine Wahl, wenn wir am zwischenstaatlichen Wettbewerb wieder mit Erfolg teilnehmen wollen, als auch von dem Gesichtspunkt des Außenhandels aus mit allem Nachdruck auf eine Re f 0 r m der Be tri e b sbe s t e u e run g zu drängen. Ein theoretisch interessantes Problem, auf das hier nur am Rande einmal hingewiesen werden soII, ist die Frage, wieweit auch die sogenannte Loh n s t e u er, der Lohnabzug vom Arbeitslohn, in den Tarifverhandlungen und Lohnabkommen der letzten 25 Jahre bereits in das Lohnkonto übergegangen, d. h. auf den Arbeitgeber überwälzt worden ist; in dem Maße, in dem dies geschehen sein soIIte, nimmt auch die Lohnsteuer an der geschilderten Vorbelastung des deutschen Preis- und Kostengefüges teil. Untersuchungen über die Inzidenz der Lohnsteuer, der Körperschaftssteuer und einer Reihe weiterer Betriebssteuern werden z. Z. in Köln durchgeführt. Professor Dr. HEINRICH RITTERSHAUSEN (Frankfurt): Zunächst möchte ich auf Herrn Brinkmanns Ausführungen eingehen. Ich bin vor vielen Jahren stark beeindruckt worden von seiner These, daß der Außenhandel sich immer mehr von seinem natürlichen Zustande hinweg in eine rationale Ordnung begibt. Aber gerade, wenn .die Spielregeln des Außenhandels durch internationaloe Verträge staatlich gesetzt werden, wenn man also Brinkmanns These anerkennt, kann und muß man bewegliche Wechselkurse fordern. Auch Herrn Hoffmanns Argumentation hinsichtlich des 3D-Cents- kurses scheint mir sehr beachtlich. Es ist nicht unmöglich, daß sich ein Gleichgewichts-Wechselkurs unter bestimmten Voraussetzungen sogar auf der Höhe von 3D Cts halten würde. Dieser 3D-Cts-Kurs ist OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
64 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels nicht in erster Linie durch eine überteuerung der deutschen Preise und Löhne gefährdet, sondern nur durch den Mangel einer übergangsperiode bei unvermittelt plötzlichem übergang zur freien Kursbildung. Bei klassischen Stabilisierungen, die nach damaligen Vorstellungen den übergang zu Gleichgewichtskursen einschlossen, z. B. im Jahre 1924 in Deutschland, hat man so große Auslandskredite hereingenommen, daß jahrelang das Defizit der Handelsbilanz mit Kredit bezahlt werden konnte. Diesem Zwecke dienen ja heute die Marshall-Kredite, wenn sie auch wahrscheinlich für eine kommerzielle Stabilisierung zu klein sind. Bei einem derartigen planmäßigen Vorgehen unter Kredithilfe des Auslandes könnte sich durchaus der 30-Cts-Kurs rechtfertigen lassen, wenn auch die Preissteigerungen der letzten Wochen bedenklich stimmen. Wir müssen erst die vollen Wirkungen der Währungsreform und der Marshall- Hilfe insbesondere auf Ernährung und Arbeitsleistung abwarten. In den bisherigen Reichsmark-Preisen steckte noch im Durchschnitt wohl der doppelte Lohnansatz, weil von den unterernährten Arbeitern durchschnittlich in zwei Stundel' so viel geleistet wurde, wie normal in einer Stunde. Dieses falsch kalkulierte Preisniveau wird gegenwärtig durch eine Kopfgeld- und Krr.ditkonjunktur geradezu künstlich erhalten und weiter überhöht. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß infolge der geltenden JEIA-Bestin'mungen große Gruppen der für uns wichtigsten Exporte bisher nicht zustande kommen konnten. Zum Beispiel wurden bedeutende phannazeutische und chemische Exporte bisher nicht zugelassen, und der Export von Einzelanfertigungen auf dem Gebiete des Maschinen- und Apparatebaus ist wegen Mangels deutscher Ingenieurvertretungen im Auslande nicht möglich. Der Stundenlohn des deutschen gelernten Arbeiters ist 1 DM oder 30 Cts; in den Vereinigten Staaten aber Doll. 2,50. Infolgedessen sind die Verdienstaussichten der Exporteure auf solchen Gebieten so ungewöhnlich, daß man dort nirgends eine Klage über den 30-Cts- Kurs hört. Es ist bekanntlich gar nicht die Aufgabe des Kurses, all e Inlandswaren im Preise unter das Niveau der Auslandsangebote zu senken; vielmehr sind immer ein Teil der Waren im Inlande teurer und ein Teil billiger, und nur die letzten kommen für den Export in Frage. Darunter werden sich im allgemeinen solche Erzeugnisse nicht befinden, die kapitalintensiv und in Großserien hergestellt werden. In diesen Zweigen haben wir meist gegen die amerikanische Konkurrenz keinerlei Aussichten. Aber gerade auf solche Erzeugnisse und Rohstoffe war bisher die deutsche Ausfuhr konzentriert, denn nur mit standardisierten Massengütern vennag ein bürokratischer Apparat bis zu einem gewissen Grade fertig zu werden. Die eigentliche Ausfuhr, auf die wir unsere ganze Hoffnung setzen, ist OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Aussprache: Professor Dr. Rittershausen (Frankfurt) 65 überhaupt noch nicht da, und die eigentlichen Exporteure konnten sich noch gar nicht äußern, weil sie bei den bisherigen Vorschriften überhaupt noch nicht exportiert haben. Erst wenn wir deren Erfahrungen und Preisstellungen kennen, wird es möglich sein, ein Urteil über den 3D-Cts-Kurs zu fällen. Leichte Bedenken möchte ich gegen Herrn Wesseis These anmelden, ein solcher übergang zu Gleichgewichtskursen müsse von allen Ländern gleichzeitig erfolgen. Die Beispiele der Freihandelsplätze Hongkong und Tanger zeigen, daß man unter Gleichgewichtskursen und freien Warenpreisen handels- und sozialpolitisch in eine sehr günstige Position kommen kann. Bei Betrachtung dieser Einzelfälle kann man nicht zu dem Schluß kommen, daß die Politik der Gleichgewichtskurse für ein La nd unrentabel sei. Den Optimismus von Herrn Kruse hinsichtlich der Leistungen des neuen Europa-Clearings kann ich leider nicht ganz teilen. Der Referent, Herr Meyer, hat die Frage des Devisenkurses allein vom Standpunkt der d e u t s ehe n Wirtschaft aus behandelt. Ich möchte in Kürze die Fragestellung erweitern und die Rolle der Devisenkurse in der zwischen-europäischen Wirtschaft untersuchen. Es scheint mir, daß sich von diesem größeren Problem aus starke zusätzliche Argumente zugunsten der Ergebnisse von Herrn Meyer finden lassen, die ich im übrigen in jeder Weise für richtig halte. Allerdings ist der Übergang zu Gleichgewichtskursen eine notwendige Ergänzung zu der am 8. Juli des Jahres erfolgten Freigabe der Warenpreise. Diese war nur ein erster Schritt. Weitere müssen folgen, da sonst die Gefahr der Unhaltbarkeit der freien Warenmärkte im Innern und des Wiedervordringens der Zentralverwaltungswirtschaft besteht. Nach drei Monaten stabiler Währung mußten wir alle die Schwäche der Argumente erkennen, die von der Preisfreigabe eine Katastrophe befürchteten. Es ist nun wieder erstaunlich, zu sehen, daß wörtlich dieselben Argumente gegenüber der Freigabe der Devisenkurse vorgebracht werden, während doch leicht zu erkennen ist, daß am Tage danach alles sehr gut, aber sogar viel Wirtschaftlicher weitergehen würde. Aber darüber hinaus ist es sehr wesentlich, zu erkennen, daß der übergang zu gleichgewichtigen Devisenkursen das einzige Mittel wäre, die e u;r 0 P ä i sc h e Zahlungskrise wirksam und endgültig zu überwinden. Das bisherige europäische Verrechnungssystem ist vollständig eingefroren; der europäische Außenhandel, d. h. der Handel der europäischen Länder untereinander, ist fast zum Stillstand gekommen und wird eigentlich nur durch atavistisch anmutende Natural-Tauschgeschäfte aufrechterhalten, die von Regierung zu Regierung abgeschlossen werden. Von 762 Millionen Dollar eingefrore- 5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
66 Volkswirtschaitliche Probleme des deutschen Außenhandels ner Spitzen konnten im Januar 1948 durch die BIZ in Basel nur 1,7 Millionen Dollar durch Saldierung beseitigt werden. Se h r bedenklich scheint mir der neue Plan der multilateralen Verrechnung der "Organisation für Europäische Zusam m e n a rb e i t" in Par i s. Hiernach sollen durch statistische Schätzungen die zukünftigen Zahlungsbilanzen aller beteiligten Länder für das kommende Jahr entworfen werden. Um eine solche Zahlungsbilanz schätzen zu können, müssen die Ausfuhren und Einfuhren sämtlicher Gewerbezweige auf Jahre im voraus prognostiziert werden. Ich erinnere daran, daß ich eben dargelegt hatte, wie sehr der eigentliche gewinnbringende deutsche Export noch fehlt, so daß niemand wissen kann, wo er überhaupt zutage treten wird, wenn erst die erwartete Änderung der JEIA -Bestimmungen kommt. Es muß jedes in den nächsten Jahren sich entwickelnde Außenhandelsgeschäft bereits vorgedacht und geplant werden. So erhält man die planmäßigen zukünftigen Aktiv- und Passivsaiden sämtlicher Marshall-Länder. Ob ein Land aktiv sein wird, hängt von Mehrheitsbeschlüssen der statistischen Sachverständigen, von einem bloßen Federstrich ab. Weiter sollen die Marshall-Verträge dahin geändert werden, daß "aktive" Länder verpflichtet werden, die geschenkweise erhaltenen Marshall-Dollars an die passiven Länder weiter zu ver s ehe n k e n. Das scheint mir dal1auf hinauszulaufen, daß die passiven Länder und die Sc h u I d n e r prä m i i e r t werden, während die gut e n Wir t e eine S t r a f z a h I u n g entrichten müssen. Ich befürchte, daß diese Zwangs -Unterstützungsmethode zu einer Verschwendung von Marshall-Geldern für die Erhaltung schlechter Positionen führen könnte. Es wird oft darüber geklagt, daß wir an die D 0 I I a r - K lau sei gebunden seien. Obwohl diese Angelegenheit mehrdeutig ist, möchte ich darauf hinweisen, daß ein Hartwährungsland, wenn es eine darauf eingestellte Handels- und besonders Einkaufspolitik betreibt, eine sehr starke Position hat, wie der Fall der Schweiz beweist. Wir sollten nicht kritiklos in der Ideologie der Weichwährungsländer verbleiben, die wir leider mitgeschaffen haben, die aber nicht allzuviel absolute Wahrheiten enthält. Es ist zu befürchten, daß das Pariser Verfahren die gut wirtschaftenden Länder stark überlastet, bis alle Währungen Europas gleich weich geworden sind, während wir das Gegenteil brauchen. Was heißt überhaupt "Ein fri e ren von Ver rech n un g s s al den?" Die Beträge sind nicht eingefroren, weil die schuldnerische Bank zahlungsunfähig geworden wäre, sondern weil die dahinter stehende Regierung bei der Abgabe dieser Devisen einen so übe rh ö h t e n D e v i sen kur s verlangt, daß diese Devise von keinem beteiligten OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Aussprache: Professor Dr. Rittershausen (frankfurt) 67 Lande mit Nutzen mehr zu Importen zu verwenden ist. Der Zustand des "Eingefrorenseins" ist also nur die Kehrseite des falschen Devisenkurses. Natürlich läßt sich dabei ganz gut weiterleben, wenn man Kredite oder Subventionen hineinpumpt, wie das zuerst durch die Schweiz und England und jetzt durch Amerika geschieht. Bei Aufhören dieser Subventionen aber steht man genau da, wo man angefangen hatte. Es ist von keiner Seite eine ernsthafte Dauerlösung vorgeschlagen worden, obwohl das Schicksal unseres besiegten Landes ebensosehr wie das ganz Europas an der Lösung dieser Frage hängt. Diese Lösung ist nur durch den Gleichgewichtskurs zwanglos und auf die Dauer möglich. We Ich e s ist nun das M 0 t i v der R e g i e run gen für das starre Verbleiben bei künstlich niedrig gehaltenen Devisenkursen, ausgedrückt in der eigenen Währung? Welches sind also die Ursachen für diese Politik des Einfrierens? Es sind einmal die Programme großer öffentlicher Ausgaben, dabei das aus der Autarkie-Zeit übriggebliebene Bestreben, sich kostspielige eigene Rohstoffindustrien zuzulegen. Es handelt sich weiter um die künstliche Verbilligung von Lebensmitteln, zum Teil unter die Hälfte ihres Preises, um die Berechnung von unterschiedlichen Devisenkursen, wodurch wieder gewissen Industrien oder Konsumenten versteckte Staatssubventionen gegeben werden, es handelt sich schließlich um die gesamte Politik des dauernden Staatsdefizits und des zum Prinzip erhobenen Geldüberhanges. Es handelt sich aber auch um die auf diesem Gerüst errichtete Plan- und Lenkungswirtschaft durch direkte Maßnahmen, auf die man nicht verzichten will. Denn diese direkte Bewirtschaftungs- und Lenkungspolitik würde sich am Tage des Beginns der Gleichgewichtskurse von selbst auflös e n, weil dann wieder die private Kalkulation des einzelnen und des Unternehmers über Kauf und Verkauf einer Ware entscheiden würde. Wir kennen hier in Deutschland die ch ronisch e Zahl ung sschwäche planwirtschaftlicher Länder, da die Planung seit Hitler nur deswegen funktionierte, soweit sie das tat, weil infolge des falschen Kurses die Waren zu billig erschienen und daher den Planungsbehörden pünktlich abgenommen wurden. Wir wissen leider aus Erfahrung, daß diese künstliche Verbilligung sich zu einer Saugpumpe für Importe entwickelt. Nachdem wir erst vor wenigen Monaten von einem großen Teil der Planungswirtschaft und des Preiszwanges befreit worden sind, befürchten wir natürlich, im Wege jener Europa-Planung in eine riesige europäische Planw'ir t sc haft mit ihren Planfehlern eingespannt zu werden. Unsere neue Wettbewerbswirtschaft ist abhängig von der europäischen S' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
68 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels Wirtschaftsverfassung. Sollen Wir glauben, daß diese für dauernd eine direkt gelenkte sein wird? Das würde mit unternehmerischer Wirtschaft nichts mehr zu tun haben. Melchior Palyi' hat auf die herrschende Verwirrung der Geister hingewiesen. Er sagt, Bretton Woods (mit seinem Festkurs-System) und ähnliche Projekte können der amerikanischen Öffentlichkeit nur unter Zuhilfenahme des sprachlichen Pathos eines Adam Smith aufgedrängt werden. Allein das zugrunde liegende Ethos stamme von Vladimir IWtsch UIjanow (alias 'Lenin), daß nämlich diejendgen, die besitzen, mit den Nichtbesitzenden ohne Rücksicht auf die Sicherheit des Kapitals, noch weniger der Gewinne. teilen sollen. Hinter der Idee der festen Paritäten steckt nicht nur eine unangebrachte Erinnerung an eine ganz anders gelagerte Goldwährungsepoche, sondern auch die I deologie der "Dollalrknappheit", die Harl'od eine der albernsten Phrasen genannt hat, die je geprägt wurden. Wenn in der Diskussion gesagt wurde, daß man im Auslande einheitlich für das Festhalten der alten Paritäten sei, so muß dem überhaupt widersprochen werden; es sei dabei für die Schweiz nur an Boßhardt und' Küng erinnert. Sehr gut waren die Ausführungen des Referenten über die Irrlehre, daß auch billig sein solle, was knapp ist. Im Gegenteil, wir dürfen keine Angst vor Preis- und Kurssteigerungen von knappen Waren und Devisen haben. Sie sind nicht mehr knapp, wenn der Preis erst gestiegen ist. Ich möchte daher von der internationalen Sicht aus die Forderung des Referenten in Richtung auf Gleichgewichtskurse für besonders be re c h t i g t erklären. Sie bedeutet im Grunde die Wie'derherstellung der Ehrlichkeit und Preiswahrheit auf den Devisenmärkten. Sie be sei t i g t eine Unmenge von unsozialen Extra -Profiten, die heute ohne Arbeit durch Handeln zwischen den vielfachen Kursen überall in der Welt verdient werden und die von den schwerarbeitenden Völkern wie eine Aus b eu tun g s ren t e bezahlt werden müssen. Eine solche Kurspolitik würde zugleich in wirksamer Weise die Kompensation und den Hauptteil der DevisenzwangsWirtschaft im internationalen Verkehr beseitigen. Als Schuldner Amerikas müssen wir uns darüber klar sein, daß ohne GleichgeWichtskurse an einen Abbau der HandeIshemmnisse und an unseren friedlichen Einbau in die Weltwirtschaft nicht gedacht werden kann. Dasselbe gilt für die übrigen europäischen Länder. Dr. HELMUT MEINHOLD (Frankfurt): 1. Herr Meyer ist davon ausgegangen, daß unsere Ausfuhren und damit die selbst bezahlten Einfuhren 500 Mill. Doll. im laufenden Jahr OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Aussprache: Dr. Meinhold (frankfurt) 69 betragen würden. Dazu dürften folgende Bemerkungen interessant sein: Die Ausfuhr mag sogar 600 Mill. Doll. betragen. Die dem gegenüberstehende Einfuhr wird jedoch beträchtlich niedriger liegen, da die JEIA Einfuhrkontrakte erst abschließt, wenn das Geld für die Ausfuhren herein ist. Die Einfuhr erfolgt also später und, bei aufsteigendem Trend, jeweils in geringerer Summe als die Ausfuhr. 2. Die Dollarklausel wird allgemein nur als negativ angesehen. Sie hat aber auch Vorteile. Dadurch, daß wir nur gegen Dollar ausführten, waren wnr in der Lage, einen multilateralen Zahlungsbilanzausgleich herbeizuführen. Wenn wir jetzt europäische Devisen einnehmen, müssen wir Europabilanz und Dollarbilanz in sich ausgleichen. Bei dem traditionellen Europaüberschuß und überseeunterschuß des deutschen Außenhandels ergibt sich daraus ein Außenhandelsproblem der deutschen Wirtschaft, das an praktischem Gewicht die meisten übrigen überschattet. Konsequenz für das Thema Wechselkurs: Der Ausgleich würde erfolgen durch einen niedrigen Kurs der europäischen Währung und einen hohen Kurs des Dollars. Das wäre volkswirtschaftlich richtig. Da aber die USA an der Ausfuhr nach Deutschland interessiert sind, werden sie ihrerseits durch ständige Anleihen den Dollarkurs drücken. Die Folge ist regelmäßige Einstellung der deutschen Einfuhren auf derartige Anleihen. Fallen sie einmal aus, was wenigstens so lange immer möglich ist, als die Anleihen staatlich gegeben werden, würde die Auswirkung auf unsere dollarabhängige Ernährungseinfuhr katastrophal sein. Amerika wird also bemüht sein, durch Anleihegebung die von Professor Rittershausen in der Grundlinie richtig, wenn auch in Einzeldingen nicht zutreffend geschilderte Autarkisierungswirkung der Pariser Marshallplan-Praxis zu unterbrechen. 3. Dr.Miksch hat zu Beginn für die Währungsreform das Voranstellen zu vieler Voraussetzungen, die praktisch nur verzögernd gewirkt haben, kritisiert. Ein gleicher Fehler darf bezüglich des Wechselkurses nicht wiederholt werden. Dennoch ist zwar nicht langfristig, aber für die Gegenwart folgende güterwirtschaftliche Problematik wichtig: Der Gleichgewichtswechselkurs würde sofortigen starken Exportreiz bedeuten. Die Wirkung auf die Produktion, die durch entsprechend gesteigerte Rohstoffimporte zu erzielen wäre, würde mit beträchtlichem Zeitabstand erfolgen, da die Einfuhr und die Verarbeitung Zeit benötigen. Die Folge wäre im Moment eine Verminderung des für inländischen Gebrauch verfügbaren Gütervolllmens, damit gleichzeitig eine Stärkung vorhandener inflationistischer Tendenzen. Es bedarf hier also einer überbrückungslösung. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
70 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels Dr. LEONHARD MIKSCH (Frankfurt/Main): Ich möchte an die Ausführungen Professor Egners anknüpfen, von der historischen Situation ausgehen, aber einen anderen Schluß daraus ziehen. Wir haben seit 1914 schwere Kriege in Europa gehabt. Sie haben bewirkt, daß die Planwirtschaft eingeführt und im Zusammenhang damit eine einst blühende Wirtschaft gründlich ruiniert worden ist. Wie es weitergeht, wissen wir nicht genau. Wir dürfen uns jedenfalls nicht wundern, wenn wir noch zwei bis drei Jahrzehnte warten müssen, bis wir zu einer gesunden Wirtschaft zurückkehren können. Aber wir müssen trotzdem alles Erdenkliche tun, um zu einer vernünftigen Wirtschaft zu kommen. Ich sehe nicht ein, warum Rumpfdeutschland sich eines Tages nicht selbständig ernähren sollte. Die Grenzen Deutschlands waren stets ein historischer Zufall, warum soll sich die Wirtschaft nicht neuen Grenzen angleichen? Es wäre möglich, wenn eine richtige Wirtschaftspolitik betrieben würde. Vor dem Juni war das Bewirtschaftungssystem so verrottet, daß damit nichts mehr anzufangen war. Also wurde der Markt eingeschaltet. Viele sagten, das ginge nicht, dieser Weg würde zur Katastrophe führen. Es gab keine Katastrophe. Die Elastizitätsmängel im Außenhandel waren einkalkuliert. Man hoffte allerdings, daß die Leute einige Wochen lang sehr knapp mit Kaufkraft ausgestattet sein und die Konsumenten von der Vorstellung, daß das Geld nichts wert sei, geheilt werden würden. Aber dafür war die Geldversorgung zu reichlich. Die Konsumenten kauften sofort, und die Unternehmer hielten die Ware wieder zurück. Wenn die Geldmenge jetzt konstant gehalten wird, so wird die Preisentwicklung sich konsolidieren. Die überschüssigen Geldmengen verbreiten sich über die Wirtschaft, das Konsumentengeld wird Geschäftsguthaben und ist dann in den üblichen Zyklus eingeschaltet. Jedenfalls steht einwandfrei fest, daß die sozialen Verhältnisse sich in jeder Hinsicht gebessert haben. Die Kinder in den Schulen haben neue Schuhe, die soziale Verteilung ist gerechter, die arbeitende Bevölkerung steht wieder im Vordergrund. Durch Befragungen des Bielefelder Institutes Emnid ist festgestellt worden, daß vor der Reform der Bauer und Fabrikant besser lebten, heute aber der Arbeiter und Angestellte. Die Preisfreigabe hat übrigens nur bestimmte Preisbestimmungen suspendiert. Man könnte den Preisstop wieder einführen und wäre deshalb nicht inkonsequent. Aber es wäre töricht. Bis jetzt hat es genügt, Normalpreise zu veröffentlichen, was nicht im Widerspruch zur Marktwirtschaft steht. Es ist eine reine Publizitätsmaßnahme, die die Marktübersicht erhöht. Und wenn man den Wettbewerb fördert, etwa durch Ausschreibung der Rohstoffzuteilung, so daß der Billigste den Zuschlag erhält, so ist auch das eine rein markt- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Aussprache: Dr. Miksch (frankfurt), Prof. Dr. Gabriel (Wiesbaden) 71 wirtschaftliche Maßnahme. Daß c abei der Staat auftritt, ist völlig gleichgültig. Von einer "freien Wirtschaft" war nie die Rede. Zum Referatsproblem sei gesagt, daß hier die gleiche Situation vorliegt. Wir müssen von uns aus versuchen, wieder zum Gleichgewichtspreis zurückzukommen. Im Augenblick ist es für die Durchführung noch etwas früh, weil die Herabsetzung des Währungskurses die Rohstoffe verteuern und das innere Preisniveau erneut erschüttern würde. Aber man muß das Ziel schon jetzt ins Auge fassen. Es handelt sich hier um die gleiche Aufgabe, wie sie vor der Währungsreform im Inneren bestanden hat. Man hat wieder dieselben Gegenargumente zur Hand, aber über den Gleichgewichtspreis führt der einzige Weg, auf dem man aus den Schwierigkeiten herauskommen kann. Professor Dr. S. L. GABRIEL (Wiesbaden): Die bisherige Diskussion konnte den Anschein erwecken, als ob die Herstellung eines Gleichgewichtswechselkurses zur Zeit möglich sei. Ich halte das für ganz ausgeschlossen. Es gibt natürlich immer ein Kursniveau, bei dem die Zahlungsbilanz ausgeglichen ist. Aber es kann ebensowenig bezweifelt werden, daß dieser Kurs unter den gegenwärtigen Voraussetzungen die lebenswichtige Einfuhr prohibitiv verteuern würde. Man könnte aIlerdings einwenden, daß der Charakter der "Lebenswichtigkeit" einer Einfuhr nicht genügend exakt bestimmbar sei und daß wir uns eben entsprechend einzuschränken hätten. Aber es gibt doch ein Minimum an Einfuhrvolumen, das nicht unterschritten werden darf, wenn nicht wiederum unsere Exportfähigkeit leiden soll. Dies gilt nicht nur für den Bezug von Erzen, Rohöl, Metallen, Textilrohstoffen usw., sondern ebenso zwingend auch für die Versorgung mit Nahrungsmitteln, soweit sie zur Sicherung der Arbeitsfähigkeit der Bevölkerung eingeführt werden müssen. Ein Wechselkurs, der theoretisch den zur Erzielung eines bestimmten Ausfuhrvolumens erforderlichen Kostenvorsprung bieten würde, kann daher eben diese Ausfuhrsteigerung dadurch verhindern, daß er den Bezug der notwendigen Vorprodukte und Lebensmittel durch deren Verteuerung unterbindet. In diesem Zusammenhang dürfen wir nicht vergessen, daß unsere Lebensmitteleinfuhren schon jetzt nur zum geringsten Teil zum 30-Centskurs, zu über 90 Proz. jedoch zu Kursen abgewickelt werden, die weit darüber liegen. So würde z. B. Importweizen, der heute für 206 Mark im Inland abgegeben wird -- was einem Kurs von 51 entspricht -schon bei einem Kurs von 30 Cents rund 357 Mark kosten. Bei einem Kurs von 25 Cents, wie er verschiedentlich genannt wUlde, würde er jedoch 428 Mark, bei einem Kurs von 20 Cents sogar 535 Mark kosten! Schon heute muß OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
78 Volkswirtschaftliche Probleme des deutschen Außenhandels gen, zu exportieren. Der Absatz auf dem Binnenmarkt ist lohnender. Dieser Zustand ist nicht haltbar. -Wir sollten also nicht fragen, ob wir bei billigen Importen bleiben oder teuerer importieren wollen, sondern fragen, ob wir mehr oder weniger exportieren wollen. Und dann will ich noch kurz auf die Frage eingehen, die Herr Kollege Hof/mann angeschnitten hat. Er hat eingewendet, es sei fraglich, ob unser Wechselkurs überhaupt überhöht sei. -Ich glaube, daß diese Tatsache keines Beweises durch Vergleich von Preisindices bedarf. Es genügt schon, zu erkennen, daß der Import im Verhältnis zur Nachfrage nach Importgütern außerordentlich stark regulie,rt werden muß und daß zum Export nicht entfernt soviel angeboten wird. wie nötig wäre, um den Importbedarf zu befriedigen. Diese Tatsache beweist die überhöhung des Wechselkurses. Wenn zugunsten einer Normalisierung des Kurses, die allerdings nur im Rahmen eines freien Außenhandels Sinn hat, nichts unternommen wird, werden wir uns bald vor einer sehr ernsten Situation befinden. Schlußwort des Verhandlungsleiters Geheimen Regierungsrats Professors Dr. Ao. WEBER (München): Meine Damen und Herren! Vor jahrzehnten hat Gustav Schmoller das Wesen des Vereins für Sozialpolitik dahingehend charakterisiert, es handle sich bei ihm darum, wissenschaftliche Grundlagen für praktische Ziele zu beschaffen. Wir haben den wissenschaftlichen Charakter unseres Vereins immer sehr ernst genommen. Als in Mannheim bei einer sehr hitzigen Debatte um sozialpolitische Probleme parteipolitische und interessenpolitische Erwägungen zu stark betont wurden, trat eine Reihe jüngerer Kollegen aus dem Verein aus; wir machten erst jahre später unsereu Entschluß rückgängig, nachdem Garantien dafür geboten waren, daß an den wissenschaftlichen Grundlagen des Vereins nicht gerüttelt werde. Im Rahmen unserer wissenschaftlichen Bestrebungen ist weitgehende Meinungsfreiheit selbstverständlich. Damit diese Meinungsfreiheit mit qllen Konsequenzen gewahrt bleibt, ist es seit jahrzehnten als gute Sitte respektiert worden, daß der Vorsitzende am Schiuß einer Verhandlung nicht den Versuch macht, die Ergebnisse der Beratungen zusammenzufassen, weil dabei die persönliche Meinung des Vorsitzenden, wenn auch ungewollt, zu starke Geltung bekommen könnte. Daher verzichte ich auch diesmal darauf, Ergebnisse der heutigen Verhandlungen festzustellen. Immerhin ist es nicht uninteressant, darauf aufmerksam zu machen, wie das vorhin Herr Kollege Stucken in einer privaten Unterredung tat, daß bei OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Schlußwort: Geheimrat Professor Dr. Weber (München) 79 unseren heutigen handelspolitischen Erörterungen von keiner Seite auch nur das Wort "ZoII" Erwähnung fand; in den früheren handelspolitischen Debatten wäre aas schlechtweg undenkbar gewesen. Das mag ein Beweis dafür sein, daß wir immer wieder bemüht sind, unbefangen den Zeitumständen Rechnung zu tragen. Auch kann ich ganz aIIgemein feststeHen, daß wir trotz aIIen Meinungsverschiedenheiten dennoch in den Grundgedanken weit mehr einig sind, als das bei den parteipolitischen Erörterungen der Fall ist. Wie vor 24 Jahren ist auch heute wieder unser gemeinsames Ziel, der volkswirtschaftlichen Vernunft den Weg zu bahnen. Was das praktisch bedeutet, wurde in vortreffliche- Weise durch den amerikanischen Herter-Ausschuß formuliert, dessen Vorschläge von der Absicht getragen sind: Deutschland auf die Füße zu stellen, den Steuerzahler der Vereinigten Staaten von den immensen Besatzungskosten zu befreien, die großen Fähigkeiten des deutschen Volkes für die Stabilität der Welt und für den europäischen Wiederaufbau nutzbar zu machen und die freien Staaten Europas als ein BoIIwerk des Weltfriedens und menschlicher und politischer Freiheit zu errichten. -Dem haben wir nichts hinzuzufügen, das ist auch unser Ziel. Ich schließe mit nochmaligem herzlichen Dank an den Herrn Referenten, aber auch an aIIe Diskussionsredner, die mitgeholfen haben, daß unsere Verhandlungen sich auf hohem wissenschaftlichen Niveau bewegten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
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Zweiter Tag 6 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
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Zweiter Tag Donnerstag, den 16. September 1948 Mitgliederversammlung Unter dem Präsidium von Professor Carl Brinkmann wird am Vormittag des zweiten Tages gegen 10 Uhr die erste Mitgliederversammlung eröffnet, die der Konstituierung der bereits in Rothenburg beschlossenen 1) Gründung einer wirtschaftswissenschaftlichen Vereinigung gewidmet ist. Auf Vorschlag des Verhandlungsleiters wird zunächst die Satzung an Hand der auf einer Ausschußtagung in Schönberg bei Frankfurt am 8. April 1948 ausgearbeiteten und von dem dortselbst ergänzten vorläufigen Vorstand vorgelegten Entwurfes, der den Tagungsteilnehmern mit der Einladung zugeleitet worden war, beraten. Es herrscht Einigkeit darüber, daß die Vereinigung sowohl die volkswirtschaftlichen und die betriebswirtschaftlichen Hochschullehrer als auch an der wissenschaftlichen Erörterung wirtschaftlicher und sozialer Fragen interessierte Praktiker umfassen soll. Nach kurzer Beratung wird festgelegt, daß sich die wissenschaftlichen Aufgaben der Vereinigung auf "wirtschafts- und sozialwissenschaftIiche sowie wirtschafts- und sozialpolitische Probleme" erstrecken. Ferner wird beschlossen, daß der Verein außer der Klärung von Fach- und Studienfragen der Volks- und Betriebswirtschaftslehre auch die Berufsvertretung ihrer Hochschullehrer als weitere Aufgabe übernimmt. Den Wünschen der Betriebswirte entsprechend wird außerdem vorgesehen, daß ein besonderer betriebswirtschaftlicher Ausschuß gebildet wird, dem es freisteht, Sondertagungen durchzuführen. Einstimmigkeit besteht darüber, daß sich der Verein auch die Pflege der Beziehungen zur Fachwissenschaft des Auslandes zum Ziele setzt. Auch im iibrigen wird die zur Annahme vorgelegte Satzung mit geringfügigen Abweichungen von der Versammlung gebilligt. Dei der sich anschließenden Diskussion über die Namensgebung erweist sich, daß die überwiegende Zahl der Anwesenden aus Gründen der Tradition für die Beibehaltung des alten Namens eintritt. Von einer nicht geringen Minderheit werden indessen neue Formulierungen vorgeschlagen. Insbesondere wird geltend gemacht, daß sich das Anliegen der Vereinigung seit Gründung des Vereins für Sozialpolitik im Jahr 1872 nicht unerheblich gewandelt hat und der alte Name in., folgedessen sachlich nicht mehr zutrifft. Auch werden von den Betriehswirten Bedenken geäußert, ob die Vertreter ihres Faches ge ... neigt sein würden, einer Vereinigung, die den früheren Namen weiter- 1) Siehe Anhang, I. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
84 Mitgliederversammlung führt, beizutreten. Es wird daher der Vorschlag gemacht, den alten Namen zwar beizubehalten, aber durch einen klä1renden Untertitel zu ergänzen. Da vor allem auch die Betriebswirte sich mit dieser Lösung einverstanden erklären, wird der Antrag, der Vereinigung den Namen Verein für Sozialpolitik Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zu geben, mit überwältigender Mehrheit angenommen. Die zum Beschluß erhobene Satzung ist im Anhang abgedruckt 2). Bei den sich anschließenden Vorstandswahlen wird Professor Gerhard Albrecht, Marburg, dem bereits in Rothenburg der vorläufige Vorsitz übertragen worden war, einstimmig zum ersten Vorsitzenden gewählt. Zum stellvertretenden Vorsitzenden und zugleich als Vertreter der Betriebswirte im engeren Vorstand wird Professor Erich Gutenberg, Frankfurt, zum Schatzmeister Geheimer Regierungsrat Professor Christian Eckert, Worms, und zum Schriftführer Dr. Helmut Arndt, Marburg, von der Versammlung berufen. In den weiteren Vorstand werden die Professoren earl Brinkmann, Tübingen, Wilhelm Gerloff, Frankfurt, Georg Max lahn, Berlin, Walther Hoffmann, Münster, Anton Felix Napp-Zinn, Mainz, Brzmo Rogowsky, Berlin, Rudolf Stucken, Erlangen, Adolf Weber, München, und Theodor Wesseis, Köln, durch Zuruf gewählt. Die Umbildung des Vorstandes unter Berücksichtigung des künftigen Mitgliederbestandes derart, daß auch Vertreter der Praxis Sitz und Stimme in ihm erhalten, soll sobald wie möglich erfolgen. Schon in Rothenburg war ein Ausschuß für soziale Gestaltung der Wirtschaftsordnung unter dem Vorsitz von Professor Walter Weddigen ins Leben gerufen worden, dessen Zusammensetzung entsprechenu den Vorschlägen seines Vorsitzenden ergänzt wird. Ihm gehören hiernach an Professor Carl Brinkmann, Tübingen, Professor Gerlzard Mackenroth, Kiel, Dr. Fritz W. Meyer, Kiel, Dr. Leonhard Miksch, Frankfurt, Professor Alfred Müller -Armack, Münster i. W., Dr. HallS Dietrich Ortlieb, Hamburg, Dr. Fritz Reuter, München, Professor Gisbert Rittig, Göttingen, Professor Hans Ritschl, Hamburg, Dr. Fritz Voigt, Erlangen, Professor Walter Weddigen, Nürnberg, und Professor Theodor Wesseis, Köln. Ferner wird beschlossen, Ausschüsse für Wirtschaftstheorie und theoretische Statistik, Wirtschaftspolitik, Betriebswirtschaftslehre, Finanzwissenschaft, Wirtschaftsgeschichte und Sozialpolitik zu bilden. Als Vorläufer des Ausschusses für Sozialpolitik ist der vorerwähnte Ausschuß unter dem Vorsitz von Professor Walter Weddigen anzusehen, der die Heraus- ') Siehe Anhang, IV. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Neukonstituierung des Vereins 85 gabe einer Untersuchung unter dem Titel "Soziale Gestaltung der Wirtschaftsordnung" vorbereitet. Einvernehmen besteht darüber, daß sich die Ausschüsse hinsichtlich der in ihnen mitarbeitenden Mitglieder selbst ergänzen können und daß eine gleichzeitige Zugehörig;- keit zu mehreren Ausschüssen möglich ist. Es wird ferner beschlossen, die seit Rothenburg laufenden Untersuchungen über Berechtigungen und berufliche Möglichkeiten für Diplomvolkswirte und über den Stand der volkswirtschaftlichen Diplomprüfungsbedingungen fortzusetzen. Das Arbeitsprogramm der Ausschüsse wird in einer am Nachmittag im Anschluß an die Mitgliederversammlung stattfindenden Sondersitzung besprochen. Vorbehaltlich weiterer und abweichender Anregungen wird sich hiernach der Ausschuß für Wirtschaftstheorie und theoretische Statistik, dessen vorläufigen Vorsitz Professor Erich Schneider, Kiel, übernimmt, mit dem Zeitmoment in der modernen Produktion, der Keynesschen ,Revolution' in der Wirtschafts theorie und der Theorie und Politik der Vollbeschäftigung befassen. Der Ausschuß für Wirtschaftspolitik unter dem vorläufigen Vorsitz von Professor Heinrich Rittershausen, Frankfurt, Wird sich mit Außenhandels- und internationalen Zahlungsproblemen, der Ausschuß für Finanzwissenschaft unter dem vorläufigen Vorsitz von Professor Herbert Sultan, Heidelberg, mit dem Verhältnis von reiner Theorie und soziologischer Betrachtung in der Finanzwissenschaft, sowie den strukturellen Vergleichsmöglichkeiten der Finanzwissenschaft verschiedener Staaten und der Ausschuß für Betriebswirtschaft unter dem vorläufigen Vorsitz von Professor Walter Le Coutre, Heidelberg, mit dem betrieblichen Elastizitätsproblem und den Formen der praktischen Preisbildung im Betriebe beschäftigen; der Ausschuß für WiItschaftsgeschichte unter dem vorläufigen Vorsitz von Professor Horst Jecht, Heidelberg, wird die Frage des Wirtschaftssystems in der Wirtschaftsgeschichte untersuchen. Die endgültige Wahl der Vorsitzenden wie die genaue Festlegung der zu untersuchenden Themen bleibt satzungsgemäß den Ausschüssen überlassen. In der Nachmittagssitzung, in der zeitweilig Professor Wilhelm Gerloff, Frankfurt, das Präsidium übernimmt, wi'rd als weiterer Punkt der Tagesordnung die Beitragszahlung behandelt. Der Mitgliedsbeitrag wird von der Versammlung auf 20 DM im Jahr festgesetzt. Für nichtbeamtete Professoren, Dozenten und Hochschulassistenten ermäßigt er sich auf die Hälfte. Für das Geschäftsjahr 1948/49 wird der Mitgliedsbeitrag in voller Höhe erhoben, jedoch ist von denen, die den Tagungsbeitrag für die Marburger Tagung gezahlt haben, nur der halbe Betrag zu entrichten. Im übrigen wird auf die Ermächtigung des Vorstandes verwiesen, in besonderen Einzelfällen Mit- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
86 Berufsausbildung und Berufsaussichten der Wirtschaftswissenschaftler gliedsbeiträge zu ermäßigen oder zu erlassen. Die Festlegung des Beitrages fiir Körperschaften wird der Beschlußfassung des Vorstandes anheimgestellt. Im Anschluß hieran nahm Professor Ellinghaus zu dem nachfolgenden Vortrag das Wort. Professor Dr. ELLINOHAUS (Stuttgart): Berufsausbildung und Berufsaussichten der Wirtschaftswissenschaftler I. Um den Zukunftsbedarf an Volkswirten und Betriebswirten zu ermitteln, hat das Wirtschaftswissenschaftliche Seminar der Technischen Hochschule Stuttgart im Auftrage des Vereins fiir Sozialpolitik bei der Praxis eine Umfrage im Winter 1947 und im Frühjahr 1948 veranstalteP). Die von der Währungsreform erwartete Wirkung auf den Besuch der deutschen Hochschulen ist bis jetzt noch nicht eingetroffen. überall sind die Anmeldungen genau so stark wie vorher. Auch für das Hochschulproblem der näheren Zukunft scheinen deshalb überfüllte Hörsäle, Institute, Seminare, Bibliotheken kennzeichnend zu sein. Von den 135000 Studierenden und Gasthörern im Wintersemester 1947/48 an den deutschen Hochschulen waren etwa 10000 Volkswkte und Betriebswirte und 14000 Juristen. Da in der Statistik bei einigen Hochschulen die Volkswirte in der Zahl der Juristen enthalten sind, mußten wir uns für diese Hochschulen mit einer Schätzung für die Wirtschaftswissenschaftler begnügen. Nach der von Frau Professor Lorenz') für die Jahre 1932 bis 1941 bearbeiteten Statistik der deutschen Hochschulen und der Abschlußprüfungen kann man auch mit einem bestimmten Erfolg des Hochschulbesuches rechnen. In den nächsten Jahren dürften etwa 3000 Diplom -Volkswirte, Diplom -Kaufleute und Diplom -Handels- lehrer sowie 4000 Justizreferendare die Hochschule verlassen. Daß bei diesen hohen Zahlen häufig Zweifel über die Zukunft der akademischen Berufe auftauchen, ist leicht verständlich. Ob noch ein Einklang zwischen Berufsausbildung und Berufsbedarf, selbst angesichts der Lücken und der überalterung, zu erwarten ist, kann bei manchen Studienzweigen fraglich erscheinen. Droht nicht die Gefahr langer Stellenlosigkeit und eines akademischen Proletariats? Das Absinken in das Proletariat ist zweifellos für Akademiker mit nur fachlicher Ausbildung in den naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen eher zu befürchten als für die Geisteswissent) Zusammengestellt von Diplom-Volkswirt Stephan Lüben. 2) Charlotte Lorenz: ,,10-Jahres-Statistik des Hochschulbesuches und der Abschlußprüfungen", Berlin 1943, Verlag für Sozialpolitik, Wirtschaft und Statistik. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Referat: Professor Dr. Ellinghaus (Stuttgart) 87 schaftIer, bei denen Persönlichkeitsschulung und Allgemeinbildung weit stärker betont werden. Persönlichkeitswerte und Lebensstandard haben nichts miteinander zu tun. Das zeigt das geistige Deutschland der letzten Jahre. Wohl aber kann ein neuer politischer Radikalismus wie zu Anfang der 30er Jahre aus den Spannungen zwischen den Inhabern angemessener Berufsstellungen und den Nichtinhabern herauswachsen. Die Demokratie muß deshalb mit diesem soziologischen Problem fertig werden. Vor der Notwendigkeit einer Ausbildungs- und Berufs p I an u n g kann sich niemand verschließen. Wenn man die deutsche Hochschulstatistik von 1938 bis 1948 miteinander vergleicht, so ergibt sich eine dur c h s c h ni t t I ich e Steigerung der Besucherzahl um das 2,5fache, nämlich von etwa 55000 auf 135000. Im einzelnen sah es folgendermaßen aus: 1938 1948 I Steigerung Philologen 2647 20253 1 :7,6 Lehrer • • 797 2106 1 : 2,6 Theologen 4711 6639 1: 1 4 Juristen . 4462 14197 1 :3.2 Volkswirte. 4515 10074 1:2,2 Mediziner 16980 2.3753 1: 1,4 Zahnärzte . 1802 3267 1: 18 Veterinäre • 1336 1686 1: 1.3 Mathematiker und Naturwissensch. 5850 18141 1:3,1 Architekten und Bauingenieure •. 2775 10355 1 :3,7 Maschinen- und Elektro-Ingenieure 4892 6151 1: 1,25 Bergbau • • • • • • • . • 425 742 1: 1,5 Land- und Forstwirtschaft . . .• 1887 3253 1: 1,7 Kunst und Musik. • . • . • . •. 1303 5430 1:4,1 In dem Anwachsen und in der Strukturveränderung des Hochschulbesuches drückt sich zweifellos das Zusammendrängen der 2-3fachen Zahl von Geburteniahrgängen auf der Hochschule gegenüber der Vorkriegszeit aus. 1938 studierten die Jahrgänge 1914 bis 1918, 1948 aber die Jahrgänge 1916 bis 1928. Außerdem war 1938 der Hochschulbesuch auf einem Tiefstand angelangt. Von 1924 bis 1930 war die Zahl der Studenten von etwa 90000 auf 112000 gestiegen. Sie nahm dann 1931 und 1932 trotz Krise und Depression noch weiter zu. Der Höhepunkt war im Wintersemester 1932/33 mit 120000 erreicht. Die 4- bis 5jährige Dauer der Hochschulausbildung scheint eine Gegenbewegung zum allgemeinen Konjunkturverlauf zu bewirken. Die Unmöglichkeit, in der Depression in den kaufmännischen und technischen Berufen oder in der Verwaltung ein Unterkommen zu finden, und die Hoffnung auf eine Verbesserung der Berufsaussichten ver- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
94 Berufsausbildung und Berufsaussichten der Wirtschaftswissenschaftler Das Ergebnis unserer Untersuchung kann in Quantitativer Hinsicht nur als ein vorläufiges bezeichnet werden. Es wäre dringend erwünscht, wenn namentlich auch in der britischen und französischen Zone die Verhältnisse näher geklärt werden könnten. Die Frage nach dem Anteil der Wirtschaftswissenschaftler an der Gesamtzahl der Beamten und Angestellten wurde von den Ministerien und den befragten Landratsämtern nicht beantwortet. Bei den übrigen Dienststellen war das zahlenmäßige Verhältnis der Wirtschaftswissenschaftler zu den sonstigen Beamten und Angestellten folgendermaßen: 1. Bei den Städten 69 Volkswirte von einer Gesamtzahl von 30400 Beamten und Angestellten insgesamt. Bei den Kammern (Handwerks-, Industrie- und Handelskammern) 142 von 1536 = 9 Proz., bei den Wirtschaftsverbänden 195 von 48.3 = 40 Proz. Aus der Privatwirtschaft lagen Meldungen aus der Industrie, aus dem Bank- und Versicherungswesen vor. Im Vergleich zur Masse der kaufmännischen und technischen Angestellten ist hier der Anteil der Akademiker natürlich sehr gering. Die Statistischen Ämter beschäftigen unter 553 Beamten und Angestellten 44 Volkswirte =6 Proz. 2. Wirtschaftswissenschaftler und Juristen. Wenn man die derzeitige Zusammensetzung der deutschen Ministerialbürokratie mit derjenigen vor dem ersten Weltkrieg vergleichen könnte, so würde sich sicher eine erhebliche Verschiebung zugunsten der Wirtschaftswissenschaftler ergeben. Das Assessorenmonopol ist zweifellos heute an vielen Stellen durchlöchert. wenn es auch -wie vorher erwähnt -bei der Eisenbahn und vielleicht auch bei manchen Innenministerien noch aufrechterhalten wird. In der Verwaltungspraxis gleichen sich auch die Aufgaben der Akademiker immer mehr an. Die Juristen müssen sich in die wirtschaftlichen Tatsachen und Tatsachenzusammenhänge wohl oder übel hineinfinden, während die Volkswirte auf wirtschaftsrechtlichem Gebiet sich natürlich auch im Laufe der Zeit die nötige Routine aneignen. Das Verhältnis von Volkswirten zu Juristen war: bei den Landratsämtern . 8: 11 bei den Städten. • • • • • . 69: 127 bei den Kammern. . . .• . 142: 78 bel den Wirtschaftsverbänden .• 201: 19 In der Privatwirtschaft ••••• 50: 14 bei den Statistischen Ämtern .• 44 Volksw., aber keine Juristen. Im ganzen waren von 663 gemeldeten Wirtschaftswissenschaftlern OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Referat: Professor Dr. EIlinghaus (Stuttgart) 95 412 im öffentlichen Dienst (einschließlich Kammern) und 251 in der Privatwirtschaft, bei Wirtschaftsverbänden und in freien Berufen tätig. Das Verhältnis "Öffentlicher Dienst: Privatwirtschaft" ist nach den Antworten wie 4: 2,5. In dieser Hinsicht ist wahrscheinlich in der Zwischenzeit schon eine Verschiebung erfolgt, da der Übergang zur Marktwirtschaft auch für die Akademiker mit größerer Erfahrung, Aktivität und Initiative bessere Möglichkeiten des Fortkommens bot als der öffentliche Dienst. 3. Art der Tätigkeit. Insgesamt wurden etwa 20 verschiedene Dienstbezeichnungen gemeldet. In den ZentralstelIen : Abteilungsleiter, Abteilungsdirektoren ; in der Kommunalverwaltung: Landräte, Oberbürgermeister, stellvertretende Bürgermeister, Stadtdirektoren, Stadtkämmerer, Stadtpfleger usw.; bei den Kammern: Syndici, Geschäftsführer; bei den Wirtschaftsverbänden und in der Privatwirtschaft ebenso. 4. Von den gemeldeten Wirtschaftswissenschaftlern befanden sich nur 80 im Beamtenverhältnis gegenüber 570 Angestellten, bei 57 wurden keine näheren Angaben gemacht. 5. Besoldungsverhältnisse. Von den Beamten waren etwa fünfzig in den Gehaltsgruppen A 1a bis A 2 d, sechs in der Gruppe A 3 abis A 4 C 2, neun bezogen feste Gehälter nach der Besoldungsgruppe B 7 a bzw. B 7 b, während für den Rest keine bestimmten Angaben gemacht wurden. Für die 580 Wirtschaftswissenschaftler im Angestelltenverhältnis lag die sogenannte "Freie Vereinbarung" bei etwa 380 vor, während die restlichen 200 sich folgendermaßen verteilten: T. o. A. I. = 7 T. O. A. T. O. A. 11. = 27 T O. A. T. O. A. III. = 17 T. O. A. v. = 12 VI = 5 VII. = 8 T- O. A. IV. = 22 T. O. A. I.-VI - 74 Aus der Privatwirtschaft wurde in der Regel "Freie Vereinbarung" gemeldet. Nur in einem Falle erhielten wir genauere Angaben über die Bezüge der wirtschaftswissenschaftlichen Angestellten, nämlich I~M bzw. DM 600 im Minimum und 1400 im Maximum. 6. Altersgliederung. Für die Ermittlung des Na c h w u c h s be dar f s ist natürlich die Altersgliederung innerhalb eines jeden Berufes maßgebend. Angaben über den Altersaufbau sind in neun Zehntel der Antworten enthalten. Der Altersaufbau ist natürlich bei den verschiedenen Verwaltungszweigen nicht ganz einheitlich, aber es ist klar, daß sich die Tatsache eines an sich noch jungen Berufes in der Alterspyramide widerspiegeln muß. Siebzigjährige Volkswirte wird es heute kaum geben, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
96 Berufsausbildung und Berufsaussichten der Wirtschaftswissenschaftler während Richter, Anwälte und Ärzte in diesem Alter noch in beachtlicher Zahl berufstätig sind. Insgesamt stellte sich der Altersaufbau folgendermaßen dar: Altersaufbau: Alters~ruppe Zahl Proz. Anteil 20-30 Jahre 37 6,5 % 30-40 Jahre 147 24,0 % 40-50 Jahre 267 44.0 % 50-60 Jahre 112 18.0 % über 60 Jahre 42 7,0% I 605 I 100 % Wenn man die etwa 100 Wirtschaftswissenschaftler, bei denen die AItersangaben ungenau sind oder gänzlich fehlen, der höchsten Altersgruppe zurechnet, so ist das Bild zwar etwas günstiger, aber auch dann entfallen immer noch drei Viertel der Gesamtzahl der von uns ermittelten Berufstätigen auf die leistungsfähigsten Altersgruppen zwischen 30 und 50 Jahren. VI. Die Vorschläge von Wirtschaft und Verwaltung hinsichtlich der praktischen und theoretischen Berufsausbildung bezogen sich auf die Dauer und die Art der praktischen Tätigkeit, auf die verschiedenen Fachrichtungen, Volkswirte, Betriebswirte, Wirtschaftsrechtier, Wirtschaftsingenieure usw. und schließlich auf die Vorlesungen und Übungen, die innerhalb der theoretischen Ausbildung für besonders wichtig gehalten wurden. 1. Hinsichtlich der zu fordernden Dauer der Praktikantenzeit begnügen sich nur zwei Antworten mit den bis jetzt bei der Diplomprüfung nachzuweisenden 6 Monaten. Siebzehn fordern 1 Jahr, vier 1-2 Jahre, fünfzehn 2 Jahre, fünf 2 bis 3 Jahre und drei sogar 3 Jahre Praxis. Diese letzteren Vorschläge halten auch eine abgeschlossene Lehre in einem Bank- oder Industriebetrieb für die beste Form der praktischen Tätigkeit. Der Sinn der Praktikantentätigkeit wird indessen weniger darin gesehen, dem Studierenden der Wirtschaftswissenschaften den Erwerb bürotechnischer Fertigkeiten in der aktenmäßigen Behandlung der Verwaltungsvorgänge im öffentlichen Dienst und in der Wirtschaft zu vermitteln. Zum Erwerb einer gewissen Verwaltungsroutine gehört natürlich eine lange Zeit. Der erzieherische Wert der Praxis besteht in erster Linie in der Den k schulung am Objekt. Durch bloßes Anschauen einer Sache bei Besichtigungen kann natürlich niemals dasselbe erreicht werden, als wenn dem Anfänger schon ein be- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Referat: Professor Dr. EIlinghaus (Stuttgart) 97 stimmter, natürlich zunächst eng umgrenzter Verantwortungsbereich in der gesamten Verwaltungs- oder Betriebsorganisation zugewiesen wird. Auf diese Weise lernt er vielleicht das Wesen einer Sache früher begreifen als durch theoretisches Studium. Betriebe und Behörden kann man ja auch nicht im Hörsaal auf dem Experimentiertisch aufbauen. Wir t s c h a f t s in 0 delI e in Form graphischer Darstellungen, wie z. B. Organisationspläne von Verwaltungszweigen, Behörden und Betrieben, ferner Kontenrahmen, Betriebsabrechnungsbogen, Kalkulationsschemata usw., sind nur Hilfsmittel im wirtschafts .. wissenschaftlichen Unterricht. Ihr pädagogischer Wirkungsgrad wird immer von dem visuellen Vorstellungsvermögen des Studierenden abhängen. Wirtschaft im Sinne einer rein geistigen Tätigkeit bedeutet ja schade Beobachtung der zur Erreichung bestimmter Zwecke geeigneten Mittel, Erwägung und Auswahl unter verschiedenen Mitteln. Richtiges Disponieren setzt immer sorgfältiges Abwägen von Kosten und Nutzen, von Aufwand un<;l Ertrag voraus. Hier- bei wird in der Unternehmung z. B. die Rentabilität, in der öffentlichen Verwaltung dagegen der volkswirtschaftliche Nutzen und der soziale Ausgleich unter Beachtung gewisser oberster Rechtsgrundsätze ausschlaggebend sein. Alles das kann der Praktikant schon in der Praxis "erleben"; den "Pulsschlag" der Wirtschaft, das Auf und Ab der Konjunkturen und der Strukturwandlungen einzelner Teile oder der Gesamtwirtschaft spürt er schon in der Einkaufs- und Verkaufsabteilung, in der Lohn- und Materialbuchhaltung und in der Betriebsabrechnung bei der Erfassung und Verteilung der Gemeinkosten unmittelbar. Das Verständnis für die Elemente der Wirtschaft wird also durch eine gute Unterweisung in der Praxis sehr erleichtert. Dazu gehören freilich pädagogisch befähigte Lehrherren und interessierte Praktikanten. Auf der Hochschule kann der Dozent die sozialökonomischen Zusammenhänge, das Eingreifen des Staates in die Wirtschaft, den Einfluß von Gewerkschaften und Unternehmerverbänden auf die Betriebe usw. viel leichter verständlich machen. wenn der Hörer mit den erörterten Begriffen schon bestimmte Vorstellungen verbindet, die aus eigenem Erleben stammen. FÜlr den Erfolg des jungen Akademikers in der Praxis ist weiter das persönliche Verhältnis zu den Angestellten und Arbeitern von der größten Bedeutung. Autorität kann man nicht mit dem Besitz vererben, sie wird nur durch Leistung erworben. Das ganze modeme Schulwesen, das besonders den Kindern des Mittelstandes und der allerdings sehr dünn gewordenen wohlhabenderen Schichten zugute kommt, bringt die Gefahr der Entwicklung eines geWissen geistigen Hochmutes mit sich. Daraus entsteht dann die Abwehr der anderen und manchmal eine schwierige Lage für die Leitung. Das ist wohl 7 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
98 Berufsausbildung und Berufsaussichten der Wirtschaftswissenschaftler auch der Hauptgrund, weshalb von manchen Praktikern eine regelrechte kaufmännische Lehre, auch für Abiturienten, gefordert wird. Für die Einführung eines in den 20er Jahren viel erörterten Wirtschaftsreferendariats nach dem Diplomexamen hat sich keine der von uns befragten Stellen ausgesprochen. Es scheint sich die Praktikantenzeit vor oder während des Studiums am meisten bewährt zu haben. 2. Diplom-Volkswirt oder Diplom-Kaufmann. Die Unterschiede in der Ausbildung der beiden Hauptrichtungen der Wirtschaftswissenschaft scheinen sich im späteren Beruf mehr und mehr zu verwischen. In dreizehn Fällen wurde gefordert, daß die volkswirtschaftliche und die betriebswirtschaftliehe Ausbildung von der Hochschule gleich stalrk betont werden solle. In zwölf Fällen wurde Volkswirtschaft als Hauptfach vorgeschlagen, dagegen nur in vier Fällen sollte der Schwerpunkt bei der Betriebswirtschaftslehre liegen. Für Volkswirtschaft mit Recht sprachen sich sechs, für Betriebswirtschaft und Recht fünf Antworten aus. 3. Vorlesungen und übungen. Aus den in den Studienplänen enthaltenen Vorlesungen und übungen wurden Vorschläge über die besonders zu empfehlenden Gebiete erbeten. Hinsichtlich der Wirtschaftswissenschaften wurde fast von allen Seiten die Notwendigkeit einer Synthese von Nationalökonomie und Betriebswirtschaftslehre betont. Moderne Wirtschaftstheorie sei ohne Einbau der betriebswirtschaftlichen Forschungsergebnisse, vor allem in der Erfolgsrechnung und in der Kostenrechnung, unmöglich. Die Lehre von den Marktformen und die Preistheorie setzt die Darstellung der Kostenstruktur der Betriebe voraus. Umgekehrt weisen z. B. die dynamische und die organische Bilanztheorie auf die Eingliederung der Betriebe in die Marktwirtschaft hin. Im einzelnen hatten wir bei unserer Umfrage nach vier Hauptgebieten : Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, Recht und Ergänzungsfächern unterschieden. Dabei wurden 55 verschiedene Vorlesungen und übungen genannt. Aus der Zahl der Nennungen der als wichtig bezeichneten Vorlesungsthemen kann man auf eine Wer tun g der verschiedenen Gebiete durch die Praxis schließen. Natürlich wurden die sogenannten Hauptvorlesungen am meisten genannt. In der Volkswirtschaftslehre: Theorie, Geld und Kredit, praktische Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft. Bei diesen vier Gebieten kommt es aber darauf an, den inneren Zusammenhang, z. B. Marktwirtschaft als Gegenstand der Wirtschaftstheorie und Gemeinwirtschaft als Gegenstand der Finanzwissenschaft, klar herauszuarbeiten. In der praktischen Volkswirtschaftslehre sollte nicht nur eine Darstellung der historischen Entwicklung und Beschreibung der gegen- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Referat: Professor Dr. Ellinghaus (Stuttgart) 99 wärtigen wirtschaftspolitischen Systeme geboten werden, sondern sie sollte vor allem angewandte Wirtschaftstheorie sein, Landwirtschaft, Handwerk, Industrie, Handel, Verkehr usw. im Lichte der Markt- und Preistheorie und der Geldtheorie. Genau so werden in der Betriebswirtschaftslehre die theoretischen Vorlesungen von der Praxis für wichtiger gehalten als die Spezial gebiete, weil ein tieferes Eindringen und ein wirkliches Verständnis nur von einer soliden theoretischen Grundlage erreicht werden kann. Im einzelnen ergab sich bei der Wertung der Vorlesungen und übungen folgende übersicht: A. Volkswtrtsmaft: Anzahl der Nennungen 1. Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen • 18 2. Theoretische Volkswirtschaftslehre. 35 3. Soziologie . • • . • . . . . . • • • 19 4. Sozialismus und soziale Bewegung . 17 5. Geld und Kredit • . • . . • . • . . 43 6. Praktische Volkswirtschaftslehre (Wirtschaftspolitik) 40 7. Sozialpolitik . . • . . . . • . 25 8. Agrarpolitik . . . . . . . • . 16 9. Gewerbe- und Industriepolitik 33 10. Handelspolitik . . • 25 11. Verkehrspolitik .• 23 12. Finanzwissenschaft 40 13. Statistik .•••• 34 14. Wirtschaftsgeschichte 15 15. Wirtschaftsgeographie 19 16. Technologie . . . . • . . 13 B. Betne bswirtsmaft : 415 1. Allgemeine Betriebswirtschaftslehre 38 2. Buchhaltung • • • • . • . . . . 28 3. Kaufmännisches Rechnen. . . • 17 4. Bilanztheorie und Bilanzpraxis . 37 5. Revisions- und Treuhandwesen 24 6. Finanzierungen .•.••. . . 26 7. Betriebswirtschaftslehre der Industrie 22 8. Fabrikbetrieb • • • • • • • • . • 17 9. Industrielles Rechnungswesen • • • . 23 10. Kostenrechnung und Preisbildung •. 34 11. Betriebsorganisation und Betriebsabrechnung . 34 12. Bankbetriebslehre • . . • • • • • • . • • • • 9 13. Kredit- und Zahlungsverkehr .•.•. . . • 22 14. Betriebswirtschaftslehre des Groß- und Einzelhandels 14 15. Exportorganisation und Exporttechnik •.. 23 16. Welthandelslehre ..•...••....•• 19 17. Betriebswirtschaftslehre der Versicherungen •• 6 393 7· OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
100 Berufsausbildung und Berufsaussichten der Wirtschaftswissenschaftler C. Jurisprudenz: 1. Einführung in die Rechtswissenschaft 2. Einführung in das BGB. 3. Staatsrecht . . . 4. Verwaltungsrecht • . . 5. Völkerrecht • • • . . • 6. Recht der Schuldverhältnisse 7. Handelsrecht .•••• 8. Gesellschaftsrecht . . • 9. Recht der Wertpapiere 10. Steuerrecht . 11. Arbeitsrecht 12. Patentrecht • 13. Gebrauchsmusterrecht D. Ergänzungsfämer: 1. Rechts- und Staatsphilosophie 2. Wirtschaftsphilosoohle • . • • 3. Politische Geschichte • • • . 4. Eisenbahn- und Verkehrswesen 5. Energiewirtschaft . . • . • • • 6. Städtebau und Siedlungswesen 7. Mechanische Technologie 8. Chemische Technologie 9. Textiltechnik •• . . . • VII. Anzahl der Nennungen 32 38 18 37 12 35 42 33 17 35 36 16 • . 15 366 17 16 11 16 13 12 10 6 .• 3 104 Die Berufsaussichten unserer Studenten können nur für diejenigen abgeschätzt werden, die in eine Beamtenlaufbahn hineinwollen, z. B. Handelslehrer. Aber für die Gesamtheit läßt sich angesichts der gezeigten Berufsdynamik und der vielseitigen Verwendungsmöglichkeit nur sagen: je besser die Ausbildung und je höher die Leistung, desto mehr wird sich auch der Wirtschaftler mit akademischem Studium durchsetzen. Ähnlich ist ja auch die Lage bei den Diplom -In- genieuren und Diplomlandwirten. Sie sind ebenso in keiner Weise auf Deutschland beschränkt. Gute Exportkaufleute und Exportingenieure werden auch unserer WiedereingIiederung in die WeItwilrtschaft nützen. In der Masse der Beamten und Angestellten der öffentlichen Verwaltung und der Privatwirtschaft schlagen die Diplomvolkswirte und Diplomkaufleute nicht zu Buch. Das GehaItskonto eines Betriebes mit 20 Angestellten weist bei einem Durchschnittsgehalt von monatlich 300 DM je Angestellten Gehaltskosten von 6000 DM auf. Bekommt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Abschluß der Tagung: SchluBwort Professor Dr. Hesse (Speyer) 101 der junge Diplomvolkswirt 20 Proz. Obertarif, also 60 DM mehr, so macht das eine Mehrbelastung von 1 Proz. aus. Nur praktische Versuche können zeigen, ob solche Mehraufwendungen durch die höheren Leistungen der Wirtschaftswissenschaftler gerechtfertigt sind oder nicht. Die Abneigung mancher Praktiker gegen die Akademiker beruht entweder auf einem tatsächlichen Versagen der Akademiker oder darauf, daß sie in größeren Betrieben als gefährliche Konkurrenten angesehen werden. Die Unternehmer, die für ihre Söhne und Nachfolger ein akademisches Studium wünschen, versprechen sich von der Persönlichkeitsschulung, der geistigen Entwicklung auf der Hochschule und von den erworbenen Kenntnissen eben doch jene Selbständigkeit des Denkens und Urteilens, die verbunden mit einem gesunden Sinn für die Bedingungen der Wirklichkeit die beste Voraussetzung jedes da u er haft e n Erfolges ist. Nach kurzer Diskussion über den Vortrag von Herrn Ellinghaus berichtete auf eine aus der Mitte der Anwesenden geäußerte Anfrage Professor ALBERT HESSE (Speyer) über Aufbau und Lehrplan der neugegründeten Staatlichen Verwaltungsakadernie in Speyer. Einer alten Tradition im Verein für Sozialpolitik gemäß schloß er als der Senior der Anwesenden an seine Ausführungen den Dank der Tagungsteilnehmer an den Vorstand und alle diejenigen an, in deren Hand die Vorbereitungen für das Zustandekommen der ersten Tagung der neuen wirtschaftswissenschaftlichen Vereinigung gelegen haben. Darauf schloß der Vorsitzende mit einem Dankeswort an alle Anwesenden und besonders diejenigen, die als Referenten, Verhandlungsleiter und durch Diskussionsbeiträge zum Gelingen beigetragen haben, die Tagung. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
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Anhang OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
llO Anhang I unter denen leider diejenigen aus der russischen Besatzungszone, die zunächst zugesagt hatten, im letzten Augenblick aber am Erscheinen verhindert waren, u. a. die Herren Regierungspräsident Dr. Schregle, Ansbach, Präsident Wagner, Regierungsdirektor Lange-Lütke, Staatsrat Meinzholt, München, Bürgermeister Dr. Wünsch, Rothenburg, Direktor Strebe, Rothenburg, als Gäste begrüßen. Es zieme sich, so fuhr v. Zwiedineck fort, daß wir bei diesem ersten Zusammentreffen deutscher Volkswirte auch jener gedenken, die seit dem letzten Zusammensein einer größeren Zahl von Nationalökonomen, als das wohl die Tagung des Vereins für Sozialpolitik in Dresden 1932 gelten darf, der Tod aus unseren Reihen gerissen hat. So vor allem jener alten, deren Wirksamkeit bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, Diehl, Lotz, Sering, Sieveking und Sombart, wir gedenken aber auch weiter der Jüngeren, die von uns gegangen sind: Bruck, Drescher, Feiler, v. Keller, Lederer, Mombert, Schmittmann, v. Stackelberg, Vleugels, Weigmann, ganz besonders aber jener beiden, die als Opfer politischen Hasses gefallen sind: Eulenburg und Jessen. Ihrer grundsätzlichen Bedeutung wegen sollen die w e i t e ren Ausführungen v. Zwiedinecks im Wortlaute wiedergegeben werden: Professor Dr. v. ZWIEDINECK-SODENHORST (München): "Die Einladung und das Programm unserer Tagung hat Ihnen, werte Kollegen, die Entstehung unserer Zusammenkunft erläutert. Auch der Z w eck ist aus dem Programm einigermaßen zu erkennen. Es geht um drei Dinge: 1. Die Stellungnahme der Wissenschaft zu einem der vordringlichsten Probleme des wirklichen Lebens von heute, in der jetzigen unheimlich zerrütteten, undurchsichtig gewordenen deutschen, ja trotz der Zerrissenheit deutschen Volkswirtschaft: es geht um die W i ssen s c haft als F 0 r s eh u n g. 2. Die Stellungnahme zu einigen Fragen des Unterrichts. Insoweit gilt unsere Tagung der Wissenschaft als Lehre. 3. Eine berufspolitische Stellungnahme, in der es um die soziale oder mindestens kameradschaftliche Frage geht: ob und wenn ja, wie wir eine Berufsvereinigung ins Leben rufen sollen und wollen: es geht um die Wissenschaft als Beruf. Als Ältester der Anwesenden, vielleicht nicht an Semesterzahl, da ich zwar seit Anfang 1895 im 53. Dienstjahre, doch, nur seit 1901 als akademischer Lehrer, erst im 93. Lehrsemester stehe, als Ältester darf ich mir wohl eine Rückschau erlauben und daran erinnern, daß fast auf den Tag genau 75 Jahre seit dem Gründungsakt des Ver- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Ansprache Professor Dr. v. Zwiedineck-Südenhorst 111 ein s für So z i alp 0 I i t i k (VfS) verstrichen sind. Wenn ich daran erinnere, so denke ich selbstverständlich nicht unser heutiges Zusammentreffen mit jenem Geschehen in Eisenach am 8. Oktober 1872 ohne weiteres auf eine Linie zu stellen. Wohl ist, als vor drei Monaten während der Reichsbahnstudienkonferenz hier in Rothenburg etwa ein Dutzend von uns zusammentraten, in einem unverbindlichen Gespräch das Wort gefallen: sollten wir nicht den VfS. wieder ins Leben rufen, um Fühlung untereinander zu gewinnen? -Der Gedanke, eine Beziehung zu dem Wirken des Vereins herzustellen, ist also lebendig. Aber der Verein ist bei seiner Gründung eine in erster Linie politisch gedachte Vereinigung gewesen, in der die Professoren nur die Träger der Idee und die Organisatoren waren, vor allem Schmoller und Brentano, wie ihr Briefwechsel beweist, dann aber auch namentlich Knapp, Held und Nasse. Im Verein versammelten sich bei seiner Gründung 158 Teilnehmer, unter ihnen aber nur 24 Hochschullehrer. Und der propagandistische Zweck jener Tagung und Gründung ist wiederholt ausdrücklich formuliert worden. Zweck unseres Zusammentretens ist, wie ich sehe, nichts dergleichen. Wenn es also (namentlich zunächst ohne rechtliche Grundlage) nicht in Parallele zur Eisenacher Versammlung von 1872 gestellt werden kann, so ist das Erinnern an jenen Akt doch insoweit gerechtfertigt, als der VfS. als die erste Kollektiverscheinung unter den deutschen Volkswirtschaftslehrern gelten darf und auch wir wieder eine solche darstellen. Dazu kommt aber doch ein noch viel schwerer wiegendes Argument: der politische Ziele verfolgende Verein hat von allem Anfang an gedacht, seine nach außen strebende Arbeit wissenschaftlich zu unterbauen. Galt es damals, der Öffentlichkeit klarzumachen, daß der Staat wirklich nicht ein Klassenstaat im Sinne von Marx, ein Staat ausschließlich zugunsten der Besitzenden sei, so galt es ebenso, ein größeres Ausmaß an positiver Staatsintervention aus einer Reaktion gegen das Bastiatsche laissez faire überhaupt, aber ganz besonders für Fragen der Sozialpolitik als berechtigt und notwendig zu erweisen. Die Wissenschaftsvertreter sahen sich in übereinstimmung mit hervorragenden Politikern, wie es damals hieß, in einer "Auffassung des Staates, die gleich weit von der naturrechtlichen Verherrlichung des Individuums und seiner Willkür, wie von der absolutistischen Theorie einer alles verschlingenden Staatsgewalt entfernt war." Es war also eine mit tl er e Li nie in dem ganzen dem Staat gegenüberstehenden Wollen bei der Gründung der VfS. klar formuliert, aber auch ausdrücklich als selbstverständliche Folge ehrlicher Wissenschaftlichkeit ebenso nach 25 Jahren auf der Kölner Generalversammlung 1897 wieder anerkannt und festgehalten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
112 Anhang I "Mittlere Linie" ist aber noch keine Einheit. Sie war schon unter den Hochschullehrern bei der Gründung, abgesehen von der positiven Haltung zur Sozialpolitik, keineswegs vorhanden, sie war es auch später nie. Und 1922 bei der 50jährigen JubiIäumstagung in Eisenach hat es Herkner besonders betont, daß die Wissenschaft ja auch in politisch verschiedenen Lagern stehe. In unserer deutschen Wissenschaft dokumentiert sich leider auch ein Stück allgemeiner deutscher Eigenart! Wenn man überlegt, wie unvergleichlich einheitlicher die englische und bis vor nicht langer Zeit auch die französische Nationalökonomie geblieben war, so ist die deutsche Wissenschaft hinsichtlich Richtung und Methode recht mannigfaltig. Deshalb wohl sind auch gerade aus den Reihen der akademischen Mitglieder des Vereins immer wieder Gedanken zu einer Umgestaltung aufgekommen. Sie erfolgte nicht. Aber einigend ist die Tatsachenforschung, für alle Richtungen wertvoll, in den Vordergrund getreten, und diese Aufgabe des VfS. ist schließlich auch von jenen anerkannt worden, die die Überzeugung von der Existenz natürlicher Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftslebens, über die sich die Staatsgewalt ni c h t hinwegsetzen dürfe, festgehaIten worden. Aber es ist immerhin zu erinnern: die scharfe historisch-realistische, konkretisierende Reaktion gegen die klassische Naturrechtsschule hat der deutschen Nationalökonomie erst das Gepräge einer besonderen Schule gegeben, so daß kein geringerer als der Franzose Gitle -und darin ist die Bedeutung des VfS. für die Wissenschaftsgeltung gerade im Ausland auch zu sehen -sagen konnte: erst seit dem Eisenacher Kongreß 1872 könne man von einer besonderen deutschen Schule sprechen. Wenn so der VfS. über sein ursprünglich überwiegend politisches Wollen hinaus- und ins Wissenschaftliche immer mehr hineingewachsen ist, so geschah das keineswegs immer unter allgemeiner Zustimmung. So hat Brentano in der Einbeziehung anderer als sozialpolitischer Fragen in die Vereinstätigkeit stets eine Verzerrung und Entartung seines Programms erblickt. Hat er damit recht gehabt? -Ist nicht die Gewissenhaftigkeit der im Verein wirkenden Männer das Ausschlaggebende gewesen für die Bedeutung, die der VfS. gewonnen hat, und auch das treibende Element, so daß der Verein bald ein Institut zur sorgfältigen wissenschaftlichen Vorbereitung gediegener Politik wurde, ein Ins tit u t fü r di e p h ä n om en 0- logische Fundamentie1rung aber nicht nur der wirtschaftspolitischen Stellungnahme zu aktuellen Problemen, sondern auch für die systematische DarstelIung vieler Gebiete der speziellen Volks·· wirtschaftslehre: der Gewerbe- und Agrarverfassung, der Währungs-, Steuer-, Kredit-, der Wanderungspolitik, des Kartellwesens ; OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Ansprache Professor Dr. v. Zwiedineck-Südenhorst 113 und das alles außer den spezifisch sozialpolitischen Problemen wie Koalitionsrecht, Wohlfahrtseinrichtungen, Landarbeiter- und Hausindustriefragen, Sozialversicherung usw.? Sie wissen ja auch, wie tief in die Wirtschaftstheorie die Fragestellungen der Vereinsarbeiten eingedrungen sind mit den Untersuchungen über die Krisen und jenen soziologischen Arbeiten über Auslese und Anpassung, deren wissenschaftlich sauberen Ergebnisse auch heute noch eine Grundlage für die Darstellung im allgemeinen Teil der Volkswirtschaftslehre sind, jedenfalls sein können. So ist der VfS. ein Publikationsinstitut für volkswirtschaftliche Tatsachenforschung geworden. Die so sehr perhorreszierte Verbindung von Politik mit Wissenschaft hat, wie man wohl sagen darf, im VfS. sowohl der Wissenschaft als auch der Politik Nutzen gebracht, und die warnende Haltung M ax Webers gegen eine politisch -wissenschaftliche Vereinigung, indem er Wissenschaft als Beruf und Politik als Beruf in Gegensatz stellte, hat dem VfS. nur sehr cum grano salis gegolten. Nun darf man f,reilich bei einer Parallelisierung nicht außer acht lassen: es haben sich die Verhältnisse für die Wir ku n g s m ö g I ich - keit der Wissenschaft auf die Politik im Laufe der Zeit erheblich geändert. 1872 konnten die Gründer des Vereins glauben, daß die Regierung Deutschlands in der Hauptsache durch ein wissenschaftlich hochgebildetes Beamtenturn, das über den Parteien und Klasseninteressen stand, möglich sei, und sie konnten damit rechnen, daß ein politischwissenschaftlicher Verein eine wichtige Stütze für die Staatsführung sein würde. Die damaligen Liberalen (das waren die Gründer) wollten von parlamentarischer Regierungsweise überhaupt wenig wissen und glaubten fest an die Kraft wissenschaftlicher Weisung. Aber schon 1890 hat Schmoller bei übernahme des Vereinsvorsitzes die Lage als verändert gekennzeichnet. Und bei der Jubiläumstagung 1897 konnte mit solcher Einflußmöglichkeit der Wissenschaft nur noch einigermaßen gerechnet werden, ganz und gar nicht aber 1922, 50 Jahre nach der Gründung. Denn damals wa,r an die Stelle der alten starken staatlichen Beamtenbürokratie eine Bürokratie der bewußt klassenmäßig orientierten Verbände getreten und hatte eine Herr. schafts stellung gewonnen, die wenig geneigt war, wissenschaftlichen Rat einzuholen, und das, obwohl der Gang der Wirklichkeit gezeigt hatte, daß die Professoren nicht nur bei der Gründung des VfS., sondern namentlich auch in der großen Reaktion der 90er Jahre gegen die SOZialpolitik die richtigen Wege gewiesen und den Gang der Entwicklung richtiger beurteilt haben als die Unternehmer und die Arbeiter, die aus ihrer radikalen Orientierung heraus gegen die Wissenschaft gewettert haben, weil die Professoren ihnen nicht nur nicht I OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
114 Anhanir I geschmeichelt, sondern auch unangenehme Wahrheiten gesagt haben und mit Recht die Reaktion ge gen die Sozialpolitik als eine der vor .. übergehenden Wellenbewegungen bewertet haben, wie sie in dem geschichtlichen Ablauf immer auftreten. Es war gewiß nicht ganz glücklich, wenn man die Vertreter der Wissenschaft als die ehrlichen Makler zwischen Unternehmer und Arbeiter bezeichnet hat, weil zu makelndem Verhandeln mit beiden Parteien kaum Möglichkeiten gegeben waren. Aber eine mittlere Linie ist es immer gewesen, die die Wissenschaft im wesentlichen gewiesen hat, soweit sie politisch wirkte, und das konnte kaum anders sein, denn die nüchterne Prüfung und Abwägung der Tatsachen, die von Vorurteilen freie Beurteilung der Kräfte, die in Wirklichkeit zu sehen sind, werden eben wohl immer in der Mitte zwischen den Radikalismen stehen müssen, sie werden kaum jemals in ein radikales Fahrwasser weisen, und wenn ich gesagt habe, die Professoren haben recht behalten, so meine ich damit, daß wir heute sowohl vor der Tatsache einer merklichen Wandlung des kapitalistischen Systemes stehen, als auch vo,r einer Revision der Programmatik der Gegner dieses Systems. Nur bei .. spielsweise sei erinnert: es hat sich einerseits das Gewinnstreben des Kapitalismus als unzulänglicher Antrieb für die große Menschlich .. keitspflicht zur Hungerbekämpfung in der Oikumene erwiesen, und es hat andererseits eine wesentlich bedachte re Stellungnahme der Links-Programme zur Sozialisierung die Oberhand gewonnen. Diese Erfahrung, daß die Professoren re c h t be haI t e n hab e n, soll und darf freilich nicht etwa zum Orgelpunkt unserer Arbeit werden. Daß die Professoren recht behalten und soweit sie es getan haben, war ein Erfolg ihres ehrlichen Bemühens, das große Kräftepolygon der gesellschaftlichen Wirtschaft mit all ihren Komponenten genauer kennenzulemen und zu theoretisieren, d. h. bis zu einer gewissen Allgemeingültigkeit der Erkenntnisse zu führen. Wie es ein Fehler des Liberalismus war, das Anwachsen so vieler Größen ins Massenhafte unbeachtet zu lassen, die Wirkung der Quantitätsänderung auf die Qualitäten und ins Psychische gering zu schätzen, so war es anderer .. seits eine wichtige Leistung der wissenschaftlichen Arbeit, daß sie, indem sie solchen Wandlungen Bedeutung beimaß und sie studierte, auch die Machtverschiebungen rechtzeitig durchschaute, die aus ihnen erwachsen sind. Wendet man ein, die Wissenschaft habe doch so vielfach Erkenntnisse preisgeben müssen, habe doch auch in so manchem unrecht gehabt, so ist das ohne weiteres zuzugeben. Aber es ist kein Argument gegen die Wissenschaft, da sich gar nicht feststellen läßt, wieweit die Gewinnung richtiger Erkenntnisse auf die Anregung durch unrichtige Theorien zurückzuführen war und ist. Das ist eben nicht nUr im Bereich der exaktesten Naturwissenschaft, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Ansprache Professor Dr. v. Zwiedineck-Südenhorst 115 der Physik, reichlich genug der Fall gewesen, auch in den Kultur .. wissenschaften läßt sich dieser Zusammenhang erweisen. Was an richtigen Erkenntnissen wäre nie h t gewonnen worden, wenn die klassische Schule nie h t die apriorische Harmonietheorie aufgestellt hätte, die ein gewaltiger Irrtum war! Es gibt eine große Zahl von Einrichtungen der gesellschaftlichen Wirtschaft. über deren grundsätzliche Zweckmäßigkeit und Gestaltung in de~ Wissenschaft weitgehende übereinstimmung besteht. Es ist also durchaus nicht bedenklich, von einer wissenschaftlichen M ein u n g zu sprechen, und man darf allgemein sagen: über die Ätiologie der Erscheinungen und über Kausalitäten bestehen jedenfalls viel weniger Meinungsverschiedenheiten als über die Beurteilung der Daten, von deren Einschätzung die theoretische Stellungnahme abhängt. Hat der Wissenschaftler die Daten unrichtig gewertet, was eben mit menschlichen Schwächen zusammenhängt, so wird das zu einem Argument für die Abwertung der Wissenschaft ohne jede Berechtigung ausgenützt. Die breitere Öffentlichkeit freilich wird nur sehr selten die objektive Richtigkeit einer Lehre von dem Fehler ihrer Anwendung infolge subjektiv kriger Wertung der Tatsachen ausein .. der zu halten vermögen. Ohne der heutigen Verhandlung vorgreifen zu wollen, möchte ich das Gesagte damit illustrieren, daß die Einstellung zur Frage der Zeitgemäßheit der Geldreform davon beeinflußt sein wird, welche Vorräte man durch die Valutamisere zurückgehalten vermutet. Die Gefahr des Zusammenwerfens der objektiven Richtigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse mit der Treffsicherheit des wissenschaftlichen Subjektes ist dann und deshalb groß, wenn und weil die Absicht deutlich wird, die Wissenschaft überhaupt zu verdächtigen und zu diskreditieren. Wenn man es erleben muß, daß von einem hochangesehenen Rundfunk wie dem Londoner ein einstiger Fachkollege als Sprecher die deutschen Professoren in Bausch und Bogen als reaktionär schlechthin brandmarkt, so ist wohl auch zu erkennen, wie ungünstig die Voraussetzungen für das Vertrauen breiter Kreise zu einem Urteil der Wissenschaft einem bestimmten Problem des Alltags gegenüber liegen. Und damit allein schon, mit der Ungunst der Voraussetzungen für unsere Lage, ist die Notwendigkeit unseres Zu. sammentretens begründet, ja gerechtfertigt. Viele von uns hier Anwesenden haben den Beweis für ihren Mut, ihre Zivilcourage erbracht, so daß erwartet werden darf, daß es an ehr .. Iichem wissenschaftlichen Bekennermut nicht fehlen wird, auch wenn die Meinungen nicht konform gehen. Die Lage unserer Wissenschaft ist in vielen Beziehungen denkbar schwierig. Das Verständnis für wirkliche Wissenschaftlich· OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
116 Anhang I keit, für jenes selbstlose Wahrheitsuchen der Wissenschaft ist augenblicklich nicht größer als vor 15 Jabren. Das ist begreiflich genug, wenn man die große Zahl von Beamteten mit völlig unzulänglicher Denkschulung bedenkt. Und andererseits ist unsere Wissenschaft durch das deutsche Schicksal zwischen West und Ost vor eine so zutiefst problematische Sachlage gestellt, die uns lehrt, wie zurückhaltend man mit der Anwendung sogenannter ewiger Naturgesetz- Iichkeiten sein muß. Man überlege nur auch, daß wenigstens heute die Verteilung des Sozialprodukts nicht so sehr in den Vordergrund gestellt ist wie bei den Klassikern, sondern daß die Frage vordringlich ist nach jenem Wirtschaftssystem, mit dem man das Sozialprodukt so hoch wie möglich gestalten kann. Die Tatsache der Umwertung alter Werte, die Änderung der Wertrelationen, die wir Tag für Tag immer irgendwo neu entdecken, drängt uns das Gebot auf: die Anwendbarkeit unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Zeit vor der großen Katastrophe (die freilich nicht erst vom Kriegsbeginn zu datieren ist) sorgfältigst zu prüfen und in ihnen nicht mehr wissenschaftliche rochers de bronze sehen zu wollen. Die Losung: los vom individuellen Merkantilismus! Vorwärts zu USE (United States of Europe!) umreißt die Größe der heute zu leistenden wissenschaftlichen Denkaufgaben. Wie durchsichtig, wie spiegelklar und eben floß den Menschen, auch den Professoren zur Zeit der Eisenacher Tagung 1872, das zephyrleichte Leben dahin, als es noch um die Frage ging, ob die Naturgesetzlichkeit der Lohnhöhe der Sozialpolitik im Bereich des Lohnes eherne Schranken setzt. Wie wirklich unabhängig schienen so viele variable Daten für die theoretischen Untersuchungen! Was bedeutet es doch allen, daß das Rechtsempfinden und andere moralische Grundlagen erschüttert sind! Wenn ich manchem unter Ihnen zuviel vom VfS. geredet haben sollte, so schreiben Sie es, bitte, der Tatsache zur Last, daß ein alter Mensch all das, was ihm zur Erweiterung seines Wissens, seines Blickfeldes geholfen, was ihn bereichert hat, bedeutsam auch für andere vermutet. Für wirklich gerechtfertigt aber halte ich heute das Erinnern an den VfS., weil an seiner Geschichte, seinem Wandel und Werden zwei Generationen deutscher volkswirtschaftlicher Hochschullehrer ohne Unterschied der Richtung -trotz des Gegen- 5atzes zu Schmoller waren die Gelehrten der Grenznutzenschule, Böhm-Bawerk, v. Wieser, Zuckerkandl, v. Philippovich, Meier, Mitglieder des VfS. -so intensiv beteiligt waren, daß sich in der Geschiclde des Vereins eben auch ein so großer Teil des Werdens deutscher Wissenschaft unseres Faches spiegelt. Auch der Untergang OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Ansprache Professor Dr. v. Zwiedineck-Südenhorst t 17 des Vereins 1936 ist im Zusammenhang mit der Wissenschaftstreue der damals mit der Leitung betrauten Persönlichkeiten zu sehen. Sie hatten noch die Mehrheit der alten Mitglieder gegen jene für sich, die den Verein dem Nationalsozialismus dienstbar machen wollten. Wie sehr unsere Wissenschaft unter der schicksalsschweren nationalsozialistischen Episode gelitten hat -man denke an das Bemühen, eine NS-Ökonomie zum Entstehen zu bringen -, wissen Sie alle. Obgleich diese Episode abgeschlossen ist, die Nachwehen sind immer noch schwer zu fühlen. Und so dünkt es mir möglich und deshalb notwendig, daß die Träger unserer Wissenschaft in einer Gemeinschaft zur Verteidigung der Bürde, der Freiheit und der Würde unserer Arbeit zusammenhalten, um gegen die Schwierigkeiten, ja Gefahren, die für sie nicht zu verkennen sind, wirksam zu werden: Schwierigkeiten intra et extra muros, wenn sie auch nicht gerade ein peccare bedeuten. Zu den Schwierigkeiten gehört gewiß auch die Verschiedenheit der Meinungen, die aber nach meinem Gefühl in der heutigen schwierigen Lage wie in der Politik so auch in der Wissenschaft auf ein kluges Mindestmaß eingeschränkt werden kann und soll, wie es dem Kampf der Geister Pflicht ist. Eine weitere Schwierigkeit ist gewiß auch der Verlust an Einfluß auf die wirtschaftlich maßgebenden Kräfte, weil der Einblick in die wichtigsten Zusammenhänge des volkswirtschaftlichen Geschehens breiteren Kreisen nur sehr schwer vermittelt werden kann. Endlich im Zusammenhang damit steht die nicht zu übersehende Tatsache, daß alle ehrliche wissenschaftliche Kritik, die nicht der Massen -Mentalität entspricht, als reaktionär gebrandmarkt wird. Und deshalb, meine werten Kollegen, ist Wissenschaftstreue auch heute ohne Mut nicht möglich. Ich habe aber die überzeugung, daß wir an beides glauben, auf beides vertrauen können, wenn wir nicht vergessen, daß auch unsere Wissenschaft aus einem höheren Streben heraus entstanden ist. Aus dem Nachdenken über den großen Zusammenhang des Universums, dem Ursprung der Philosophie, ist wie jede so auch unsere Wissenschaft geboren, in deren Mittelpunkt der Mensch steht. Wenn auch die heute vielleicht zentrale Problemstellung unserer Wissenschaft: erforschen, wie das Sozialprodukt gefördert werden kann, materialistisch klingt, so treten doch gerade bei dieser Problembehandlung seelische Dinge stark und deutlich genug in unser Blickfeld. Ich selbst bekenne, nicht von der Philosophie, sondern von der Jurisprudenz her zu unserer Wissenschaft gekommen zu sein. Aber in jeder Wissenschaft führt der Weg, wenn man sie nur in ihren letzten Aufgaben ganz und zu tiefst erfaßt, zur Frage nach dem Sinn alles Geschehens, alles Seins. Mich dünkt, je näher eine Wissen- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
118 Anhang I schaft diesen Fragestellungen bleibt, um so mehr wird sie universalen Charakter behalten oder gewinnen, um so höher steht sie auch in der Rangordnung der Wissenschaftlichkeit. Ich habe es für meinen Teil immer als besonders wichtig empfunden, gerade durch das, was ich meinen Schülern zu geben habe, solche Universalität des Schauens und Denkens der jungen Generation nahezubringen und damit fortzusetzen. Werte Kollegen! All unser sorgendes Nachdenken, Prüfen, Kritisieren, all unser Raten für Taten -wir wissen es nUir zu gut! - hat wenig Chance, ein maßgebender Bestimmungsgrund der wirtschaftlichen Entwicklung zu sein, wenn das Rad der Politik vernichtend über alles wegrollt, wie ja auch schlechte Politik die Währungen zumeist in den Abgrund gestürzt hat. Aber wir wollen uns an die Symptome für Hoffnung und Zuversicht halten. Sollte es denn nicht auch ein in diesem Sinn positives Symptom sein, daß heute weit nach links hinein der Beg,riff Vaterland auch im deutschen Volk wieder Kraft gewonnen hat gegen das einstige Bekenntnis zur Vaterlandslosigkeit? Wie immer aber auch die politischen Dinge sich weiter gestalten mögen, es soll uns auch kein neuer Schicksalsschlag mürbe finden und niemals davon abhalten, all unsere ehrliche Arbeit dem in tjefster Not befindlichen und -je tiefer die Not, nur um so heißer -ge- liebten Vaterland zu weihen." '" * Das Thema der hierauf folgenden wissenschaftlichen Aussprache bildete die Fra g e der d e u t s c h e n W ä h run g sn eu 0 r d nun g als Gebot der durch Deutschlands politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch und seine Folgen hervorgerufenen Diskrepanz von Güterangebot (Produktionsleistung) und Geldüberfülle. Als Grundlage dienten auf den Vorarbeiten des sogenannten Beckerathausschusses (eines Arbeitskreises: der skh seit 1942 mit der Brarbeitung von Grundsätzen und Richtlinien für die deutsche Wirtschaftsführung nach Kriegsende beschäftigt und seine Zusammenkünfte meist in Freiburg i. Br. abgehalten hatte) beruhende Materialien, die von Herrn Lampe redigiert und den meisten Tagungsteilnehmern zugänglich gemacht worden waren. Die sehr lebhafte Diskussion wurde durch ein Kurzreferat von Herrn Albrecht eingeleitet und nahm unter dessen Vorsitz in der Vormittagssitzung und unter Leitung von Herrn lahn in der Nachmittagssitzung den ersten Verhandlungstag voll in Anspruch. An der Diskussion beteiligten sich, soweit die vorlieienden Aufzeichnungen erkennen lassen -eine stenographische OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Die Rothenburger Tagung 1947 119 Aufnahme der Verhandlungen war leider nicht möglich -die Herren Albrecht, Brinkmann, Carell, Egner, Ellinghaus, Fricke, Hoffmann, Kromphardt, Lampe, Miksch, Müller-Armack, Neuling, Nöll von der Nahmer, Pfister, Ritschl, Rittershausen, Rittig, Sauermann, Schiller, Selzmitt, Schneider, Sultan, Weddigen, Weippert, Weiter, Wesseis, v. Zwiedineck. In den Erörterungen rückte immer stärker der Zusammenhang von Währungs- und allgemeiner Wirtschaftsordnung in den Vordergrund, und es ergaben sich recht tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten zwischen den Anhängern der Auffassung, daß nur eine mit dem entschlossenen übergange zur Marktwirtschaft gekoppelte Geldneuordnung den erstrebten Erfolg einer allseitigen Wirtschaftsbelebung zu gewährleisten vermöge, und denen, die in einer maßvoll, vornehmlich unter sozialen Gesichtspunkten staatlich gelenkten Wirtschaft die einzige Möglichkeit der künftigen Wirtschaftsgestaltung erblicken. Wer diese erste wissenschaftliche Aussprache in größerem Kreise von Fachvertretern der Wirtschaftswissenschaft nach Jahren weitgehender gegenseitiger Abschließung mit erlebt hat, wird sich ihrer gewiß als eines hier und da vielleicht allzu temperamentvoll geführten Kampfes der Geister um die Erkenntnis der Wahrheit erinnern, der nicht nur bewies, wie nachteilig sich eine langjährige geistige Isolierung wissenschaftlicher Forschungsarbeit für das gegenseitige Verständnis auswirken muß - wie notwendig es also ist, auf mit einer gewissen Regelmäßigkeit veranstalteten fachwissenschaftlichen Tagungen Gelegenheit zur gegenseitigen Mitteilung der Forschungsziele und -ergebnisse der verschiedenen Schulen und Fachrichtungen und zur überprüfung der im Stillen geleisteten Arbeit aller ehrlich um die Erkenntnis der Wahrheit Ringenden zu geben -, sondern auch mit ermutigender Deutlichkeit zeigte, weIch lebendiger und tatenfroher Geist sich auch in den Jahren weitgehender gegenseitiger Abspeflrung in den Reihen der nationalökonomischen Forschung Deutschlands erhalten hat. Das Ergebnis dieser Diskussion konnte in einer noch in den letzten Stunden der Rothenburger Zusammenkunft in einem kleineren Kollegenkreis unter der anfeuernden Leitung Herrn Lampes vorbereiteten und von diesem in den darauffolgenden Wochen in ständigem Gedankenaustausch mit einer Reihe von Kollegen, besonders Herrn Albrecht, endgültig redigierten Formulierung von Thesen zur "Sanierung der deutschen Wirtschaft" fruchtbar gemacht werden, die mit 48 Unterschriften versehen an alle in Deutschland politisch und wirtschaftlich verantwortlichen Stellen versandt worden ist. Die Thesen sind diesem Bericht unter 11 angefügt. Am Abend des ersten Verhandlungstages vereinigte sich ein Teil der Tagungsteilnehmer nach Anhören eines Orgelkonzertes noch einmal OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
126 Anhang 11 schaftsverwaltung war die unvermeidliche Folge. Es findet seinen Ausdruck in einer zunehmenden Ausdehnung der schwarzen Märkte und des Naturaltausches sowie in einer unübersehbaren Komplizierllng der ständig an Wirksamkeit verlierenden bürokratischen Lenkungsmethoden. Die bei alledem sich ergebende Schrumpfung des legalen Güterangebotes hat die Leistungsfähigkeit weiter Bevölkerungsschichten in besorgniserregender Weise herabgemindert. Dadurch ist ein Prozeß fortschreitender Wirtschaftsauszehrung eingeleitet worden, an dessen schon absehbar gewordenem furchtbaren Ende der Hungertod von zahllosen Menschen steht. 3. Unter diesen Umständen sieht sich ein großer Teil der deutschen Familienväter vor die Alternative gestellt, entweder dem Untergang ihrer Angehörigen untätig zuzusehen, oder aber den notwendigen Unterhalt außerhalb jener geltenden Gesetze zu suchen, die dem einzelnen die Erfüllung seiner natürlichen Pflichten durch Selbsthilfe verbieten. 4. Die deutschen Behörden haben kaum noch Möglichkeiten, die Bevölkerung zur Beachtung eines widersinnigen Wirtschaftsrechtes zu zwingen. Das riesige Heer der Beamten und Angestellten, dessen sich die bestehende Befehlswirtschaft wohl oder übel bedienen muß, ist selbst so sehr in die große allgemeine Not einbezogen, daß es - dem Druck unerhörter Versuchungen zur Begünstigung illegalen Wirtschaftens ausgesetzt -je länger desto weniger fähig ist, seinen Obliegenheiten gerecht zu werden. Das Ergebnis ist ein Zustand, der in höchstem Maße unsozial ist und den Namen einer Wirtschaftsordnung überhaupt nicht mehr verdient. Seine bloße Preisgabe ohne durchgreifende Neuordnung des Wirtschaftsablaufes wiederum würde nicht weniger bedeuten, als die Kapitulation des Staates vor dem Wirtschafts chaos. 5. Wenn man an den derzeitigen Methoden einer sogenannten Wirtschaftslenkung festhält, kann an die Wiederaufrichtung eines geordneten Wirtschaftslebens überhaupt nicht mehr gedacht werden. Aus eigener Klraft der deutschen Wirtschaft allein wird ein Ausweg nicht mehr zu erschließen sein. Selbst die großzügigsten charitativen Hilfeleistungen des Auslandes könnten, so dankenswert sie auch sind, bei Fortdauer einer die eigenen Leistungen der deutschen Wirtschaft hemmenden Politik, den schlimmen Lauf der Dinge nicht mehr abwenden. Die im Rahmen des Marshall-Planes vorgesehenen, dringend benötigten Dollarkredite können erst nach durchgreifender Neuordnung der Wirtschaft in geeigneten Formen angeboten und verwendet werden. Erst dann wird die deutsche Wirtschaft nach einer gewissen Übergangszeit instandgesetzt sein, die als Aufbauhilfe vom Ausland gelieferten Güter und Dienstleistungen durch eigene OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Wirtschaftspolitisches Sofortprogramm 127 Exporte zu bezahlen. Würde man aus allgemeinen politischen Erwägungen heraus verkennen, daß die Erhaltung der europäischen Wirtschaft die alsbaldige Wiederbelebung der bereits in Agonie verfallenden deutschen Wirtschaft zur Voraussetzung hat, so würden letzte Gelegenheiten zur Abwendung unerhörter allgemeiner Not endgültig verpaßt sein. Der Wille der deutschen Bevölkerung zur friedlichen Eingliederung in eine europäische Völkerfamilie und ihre Bereitschaft zur Leistung von besonderen Beiträgen zum Wiederaufbau Europas auf Kosten eigener Lebenshaltungsmöglichkeiten wird um so besser gewährleistet sein, je eher anerkannt wird, daß man auch hier leben lassen muß, um selbst leben zu können. 11. 0 r d nun g der Wir t s c h a f t 1. Die Verfechter zentraler Wirtschaftslenkung denken wie die Befürworter einer Wettbewerbs ordnung -jenseits aller strittigen Probleme sozialen Gesellschaftsaufbaues -an die bestmögliche Entfaltung eingesetzter Wirtschaftskräfte zu höchstem gesamtwirtschaftlichen Ertrag. Die Not der Stunde gebietet darum die Zurückstellung eines unfruchtbaren Dogmenstreites hinter der Frage nach einer neuartigen Verbindung von Wettbewerbsordnung und staatlicher Lenkung. 2. An eine Rückkehr zur staatsfreien Wirtschaft des 19. Jahrhunderts ist keinesfalls zu denken. Sie hat den angestrebten Leistungswettbewerb nicht zu erhalten und eine befriedigende Sozialordnung nicht zu verwirklichen vermocht, vielmehr hat sie auf zahlreichen Gebieten zur Entstehung wirtschaftlicher und sozialer Machtpositionen geführt. Es steht demnach außer Zweifel, daß es mannigfacher Ordnungsrnaßnahmen bedarf, die von einer zentralen, allen Wirtschaftsinteressenten gegenüber unabhängigen Stelle aus geplant und durchgeführt werden müssen. Notwendig ist indessen eine Rücksichtnahme auf die Tatsache, daß an eine Wiederbelebung und Erhaltung privater Wi1rtschaftsinitiative, ohne die ein wirklicher Wiederaufbau nicht gelingen kann, nur zu denken ist, wenn ihr ein klar abgegrenzter Bewegungsspielraum belassen und ihr die Möglichkeit geboten wird, sich in diesen ihr freigegebenen Bezirken an marktlich gebildeten Preis-Kosten-Relationen auszurichten. Die heute herrschende Wirtschafts unordnung ist in erster Linie auf die Verkennung und Vernachlässigung dieser Zusammenhänge, auf ein Verfälschen des Kompasses der privaten -zugleich geforderten und verhinderten - Wirtschaftsdispositionen zurückzuführen. Innerhalb desjenigen Wirtschaftsbereiches, der einem marktliehen Ablauf überlassen ist, müssen die von der zentralen Stelle angewendeten Steuerungsmethoden marktgemäß sein. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
128 Anhanlt 11 3. Aus dieser Grundbedingung sind insonderheit folgende Konse- Quenzen zu ziehen: a) In den marktgemäß zu ordnenden Wirtschaftsausschnitten muß volle Rechtssicherheit bestehen, vOir allem ist die eindeutige Bestimmung der Verfügungsrechte des Eigentümers auch gegenüber nichtdeutschen Stellen unerläßlich. Dabei ist sowohl an die Verfügung des Menschen über seine Arbeitsleistung wie an die Verfügung über Besitz und Einkommen zu denken. b) Die gesamtwirtschaftliche Ausrichtung de,r einzelwirtschaftlichen Leistungen ist nicht durch Befehle anzustreben, die dem Einzelinteresse bei bestehenden Marktbedingungen zuwiderlaufen, vielmehr gilt es, diese Marktbedingungen so zu beeinflussen, daß die Wirtschaftssubjekte in Verfolgung eigenbestimmter Ziele das gesamtheitlich Gewollte tun. Diesem Verfahren der Wirtschaftslenkung sind Realisierungsmöglichkeiten geboten. e) Die notwendige Erhaltung des Leistungswillens setzt weiter voraus, daß das Wirtschaftsrecht jedem Wirtschaftssubjekt jenes Maß von Bewegungsfreiheit zubilligt, dessen es bedarf, um die im Rahmen der Wirtschaftsordnung von ihm zu fällenden Entscheidungen in eigener Verantwortung treffen zu können. Die unerläßliche Sicherung sozialer Ansprüche der Arbeiterschaft muß und kann mit diesem Grundsatz vereinbart werden. d) Da der Wiederaufbau äußerste Anspannung aller persönlichen Kräfte verlangt, muß das Interesse an Mehrleistung in jeder erdenklichen Situation dadurch gefördert werden, daß die Erzielung entsprechender Mehrerträge ermöglicht wird. Diesem Erfordernis kann in erster Linie durch eine umfassende Finanz- und Steuerrefo,rm Rechnung getragen werden. e) Die nun schon über ein Jahrzehnt erstreckte fortschreitende Zerstörung der Grundlagen marktlieher Wirtschaftsordnung macht ihren Neubau vom Fundament aus notwendig. Er ist nur in sehr begrenztem Umfang mit dem Festhalten an zwangswirtschaftlichen Bindungen vereinbar, verlangt indessen in manchen Wirtschaftsausschnitten eine planmäßige Organisation von Märkten, die sich "von selbst" zu langsam oder unzureichend bilden würden. f) Der erste Schritt auf dem Wege zu geordneten Marktbedingungen ist in der Wiederherstellung no r mal er Währungsverhältnisse durch Abschöpfung des sogenannten Geldüberhanges zu sehen. Nachhaltigen Erfolg wird eine solche Neuordnung der Währung selbst bei Anwendung bester Verfahrensweisen nur haben, wenn eine systematische - an den hIer entwickelten Grundsätzen ausgerichtete - Umgestaltung der gesamten Wirtschaftspolitik mit ihr verbunden OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Wirtschaftspolitisches Sofortprogramm 129 wird. Diese wiederum kann nur aus zentraler und eigenverantwortlicher deutscher Wirtschaftsführung erwachsen. III. Die dringendsten Maßnahmen 1. Die Währungssanierung wird die heute noch durch den Währungszerfall verschleierte Verarmung der deutschen Wirtschaft in vollem Ausmaße aufdecken und aus mancherlei Gründen sehr schwierige Situationen entstehen lassen. In erster Linie gilt es, der Auslösung neuerlicher Tendenzen zur Geldwertänderung (Inflation wie Deflation) vorzubeugen. Diese Aufgabe wird außerordentlich dadurch erschwert, daß jeder zuverlässige Maßstab für die richtige Festsetzung des notwendigen Abschöpfungsgrades fehlt. Da eine ausgesprochene Geldkrise unter allen Umständen verhindert werden muß, bleibt keine andere Wahl als die, sich entweder auf eine sicher zu laxe Abschöpfung zu beschränken, die einen noch zuverlässig begrenzbaren Preisauftrieb bei notwendig stark aufgelockerter Wirtschaftsbindung nach sich zieht, oder aber bei Entscheidung für scharfe Geldzusammenlegung sogleich anschließend eine sinnvol geordnete Wiederauffüllung des Zahlungsmittelumlaufes stattfinden zu lassen. Die Entscheidung dieser Alternative verlangt subtile wirtschafts- und sozialpolitische Erwägungen, die in den einstweilen bekannt gewordenen Währungsplänen zu vermissen sind. Auf die zentrale Bedeutung der hier angeschnittenen Probleme soll deshalb mit besonderem Nachdruck aufmerksam gemacht werden. 2. Umstellungen der Wirtschaft sind in gewissem Umfang eine unvermeidliche Folge von Währungssanierungen. Diese Störungen des Wirtschaftsablaufes müssen angesichts der außerordentlichen Schwächung der deutschen Wirtschaftskraft in engstmöglichen Grenzen gehalten werden, da sonst neue Existenzgefährdungen heraufbeschworen werden würden. Die heiklen Probleme dieser Wirtschaftsumstellungen werden -ohne daß eine Vertagung ihrer Lösung auch nur erwogen we·rden dürfte -durch außergewöhnliche Ungunst natürlicher Wirtschaftsbedingungen noch weiter erschwert. Die Dürre dieses Jahres wird die Ablieferungen der deutschen Landwirtschaft, selbst nach voller Wiederherstellung ihrer Ablieferungsbereitschaft, unzulänglich werden lassen, während gleichzeitig die Deckung des Ernährungsdefizites, soweit sie mit der englischen Zahlungsbilanz verkoppelt ist, in Frage gestellt erscheint. Die Abschöpfung des Geldüberhanges kann an sich nur den jetzt weithin fehlenden Leistungswillen durch Leistungszwang neu herausfordern. Die ebenso wichtige Erhöhung der individuellen Leistungsfähigkeit setzt die Sicherung wenigstens des notwendigsten Lebensunterhaltes und die schnelle Hebung des Lebensstandards auf ein ausreichendes Niveau voraus. 9 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
130 Anhan~ 11 3. Da die Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge entscheidend von der erhöhten Bereitstellung landwirtschaftlicher Produktionsmittel abhängig ist, wird die gesonderte Zufuhr ausländischen K'redits für diese Zwecke -noch vör dem Ingangkommen der entsprechenden deutschen Industrien -durch geeignete Maßnahmen anzubahnen sein. Das ist um so notwendiger, weil die Landwirtschaft -bei Durchführung der Währungssanierung na c h der Ernteablieferung -in besonders empfindlicher Weise von der mit einer Geldabschöpfung zwangsläufig verbundenen Dezimierung ihrer liquiden Betriebsmittel getroffen werden wird. 4. Die an dieser Stelle sehr deutlich hervorgetretene Notwendigkeit einer Wiedereingliederung der deutschen Wirtschaft in die Weltwirtschaft ist ganz allgemein als eine der allerwichtigsten Voraussetzungen des wirtschaftlichen Wiederaufbaues anzuerkennen. Die innere Währungsordnung wird deshalb unbedingt mit einer gleichzeitigen Wiederanbahnung marktwirtschaftlicher Außenhandels- und Auslandskreditbeziehungen verbunden werden müssen. Das kann nur geschehen, wenn auch hier durch geeignete marktorganisatorische Maßnahmen schnellstens die Wiederanknüpfung privater internationaler Wirtschaftsbeziehungen ermöglicht wird. Dabei müssen insbesondere auch dem Ausland s tab i I e Rechnungsgrundlagen für kaufmännische Dispositionen gegeben werden. Das kann dadurch geschehen, daß die Einspielung von festen Valutarelationen durch vorübergehende Zwischenschaltung eines Systems von Einfuhrscheinen auf den Binnenmarkt '\terlegt wird. 5. Im industriellen Sektor wird das Aufkommen von Massenarbeitslosigkeit mit allen geeigneten Mitteln hintanzuhalten sein. Die nach der großen Krise von 1931 bestehenden leichten Möglichkeiten der W:iederbelebung des W'rtschaftsproiesses durch Kreditschöpfung werden bei den heute gegebenen um vieles ungünstigeren Bedingungen nur in beschränktem Umfange geboten sein. Eine Anpassung des Gesamtgeldeinkommens der Wirtschaftler an das im Vergleich zum Stichjahr des Lohnstops stark verkleinerte Sozialprodukt ist die aus dieser Sachlage notwendig zu ziehende Konsequenz. Ihre Verkennung würde neues und verschlimmertes Elend in die Reihen gerade auch der breiten Massen der Bevölkerung hineintragen. Es ist deshalb zu überlegen, mit welchen Mitteln der Arbeiterschaft der höchstmögliche Anteil am Sozialprodukt zugeführt werden kann, ohne daß es zu einer Wiederholung jener chronischen Massennot kommt, die seinerzeit dem Nationalsozialismus den Weg zur politischen Macht geebnet hat. 6. Optimaler Arbeitseinsatz verlangt entsprechende Bereitstellung von Geldkapitalien, die bei zunächst nur begrenzten Kreditschöp- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Wirtschaftspolitisches Sofortprogramm 131 fungsmöglichkeiten im wesentlichen aus der Bildung von AmortisationsQuoten und aus Ersparnissen erfolgen muß. Der vielberufene, zu Unrecht meist als Aktivposten künftiger Wirtschaftsentwicklung angesehene, sogenannte aufgestaute Bedarf wird die Sparbereitschaft nur sehr gering sein lassen. Es wird deshalb auf geeignete Vorkehrungen zur Förderung der Sparkapitalbildung Bedacht zu nehmen sein. Ob dabei auf irgendwelche Formen des Zwangssparens zurückgegriffen werden muß, ist eine im voraus schwer zu beurteilende Tatfrage. Wesentliches zur Erhöhung der Sparmöglichkeiten wird durch Steuer,reformen, insbesondere durch einen auch aus anderen Gründen unerläßlichen Abbau der Einkommensteuerprogression zu bewirken sein. 7. Die in jedem Falle sehr große Geldkapitalnot würde nach der Geldabschöpfung alsbald zur übermäßigen Mobilisierung langfristiger Einlagen bei den Kreditinstituten herausfordern mit dem Ergebnis der Auslösung einer unkontrollierbaren Erhöhung des Geldumlaufes. Ihr muß durch rigorose Sperrung aller Kreditoren gesteuert werden. Nur dort, wo sonst unabweisbare, den öffentlichen Kassen zur Last fallende soziale Nothilfen erforderlich werden würden, die auf keine Weise aus regulären Steuereinnahmen gedeckt werden können, werden Ausnahmen von der Regel der Guthabensperrung gemacht werden dürfen. 8. Mit der Guthabensperre ist das zur Sicherung des Erfolgs der Geldabschöpfung Notwendige getan. Erst wenn eine Konsolidierung der durch die Währungssanierung erzwungenen Wertverschiebungen erfolgt ist, kann an eine Bereinigung der langfristigen Schuldverhältnisse herangetreten werden. Sie muß erfolgen, nachdem ein großer Teil der bei ihrer Begründung erworbenen oder mit ihrer Hilfe geschaffenen realen Vermögenswerte durch direkte und indirekte K,riegseinwirkungen vernichtet worden ist. Bei ihrem unter amtliche Kontrolle zu stellenden Vollzug muß die individuelle Wirtschaftslage der Kreditinstitute und Versicherungsgesellschaften wie auch aller privater Schuldner berücksicht werden, wenn man unnötige Zusammenbrüche von Unternehmungen, die ein schematisches Vorgehen mit sich brächte, hintanhalten will. Alle Schulden politischer Körperschaften, deren wirtschaftlicher Gegenposten in unwirtschaftlicher Rüstungsproduktion bestand, müssen annulliert werden. 9. Erst nach Abschluß dieser Bereinigung der Schuldverhältnisse wird mit einiger Aussicht auf Erfolg an die bereits im Zusammenhang mit der Währungssanierung gesetzlich zu fixierende Regelung des sogenannten "Lastenausgleiches" oder "Kriegsschädenaus- 'deiches" herangetreten werden können. Die durch die Geldabschöp- 9" OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
132 Anhan~ III fung und die Bereinigung der Schuldverhältnisse entstehenden -ge- nauer gesagt: endgültig verteilten Verluste müssen in ihn einbezogen werden. Der moralische Anspruch der einseitig von Kriegseinwirkungen Betroffenen auf Entschädigungen zu Lasten der vergleichsweise Begünstigten kann unmöglich bestritten werden. Es wäre aber verantwortungslos, wollte man verhehlen, daß die Meisterung der damit gestellten gewaltigen Aufgaben auch bei ernstestem Bemühen nur unvollkommen möglich sein wird: einmal weil die Feststellung der tatsächlich erlittenen Verluste nur in beschränktem Umfange gelingen kann, sodann, weil es sich um eine Vermögensumschichtung g1rößten Ausmaßes handelt, die selbst bei Aufgebot bestdurchdachter Mittel nicht ohne empfindliche Neubelastung und Gefährdung des Wirtschaftsprozesses zu vollziehen ist. Die unterzeichneten Hochschullehrer sind davon überzeugt, daß eine in der hier gewiesenen Richtung geführte Wirtschaftspolitik den drohenden Zusammenbruch der Wirtschaft abzuwenden vermag. Ihre weitere gedankliche Vorbereitung erfordert enge Zusammenarbeit berufener Wirtschaftspolitiker mit Vertretern wirklichkeitsnaher Wirtschaftstheorie in sachdienlich abgegrenzten kleineren Arbeitsgemeinschaften. Albrecht/Marburg, Anderson/München, Andreae/Gießen, Arndt/Marburg, Auler/Gießen, Bauer/Freiburg i. Br., v. Beckerath/Bonn, Berkenkopf/Köln, Beste/Köln, Böhm/Frankfurt, Brinkmann/Tübingen, Deite/Berlin, v. Dietze/Freiburg i. Br., v. Eckardt/Heidelberg, Ellinghalls/Stuttgart, Eucken, Freiburg i. Br., Gehlhoff/Braunschweig, Herzog/z. Z. Eschau, Hoffmann/Münster, lahn/Berlin, lungfer/Nürnberg, Kromphardt/Hannover, Kruse/München, Lampe/Freiburg i. Br., Laum, Marburg, Liefmann-KeillFreiburg i. Br., Lütge/München, K. F. Maier, Freiburg 1. Br., Meinhold/München, Fr. Meyer/Kiel, MikschlF'rankfurt. Müller-Armack/MÜllster i. W., Napp-Zinn/Mainz, Pfister/Hamburg, Preiser/Heidelberg, Rittershausen/Frankfurt-Minden, Schachtschabel/Marburg, Schmitt/Münster, Schneider/Kiel, Seraphim/Münster, Schmölders/Köln, Teschemacher/Tübingen, Weber/München, Weddigen/Nürnoorg, Wessels/Köln, v. Wiese/Köln, Zimmermann/ Hamburg, v. Zwiedineck/München. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Teilnehmer an der Gründerversammlung III. Liste der Teilnehmer an der Abendsi~ung des 27. September 1947 in Rothenburg ob der Tauber 1) 133 Abel, Univ. Göttingen, Albrecht, Univ. Marburg/Lahn, Anderson, Univ. München, Arndt, Univ. Marburg/Lahn, Brinkmann, Univ. Tübingen, Carell, Univ. Würzburg, Eckert, Univ. Köln-Mainz, Egner, Univ. Göttingen, Ellinghaus, Techn. Hochsch. Stuttgart, Fricke, Techn. Hochsch. Karlsruhe, Herzog, Univ. Frankfurt, Hoffmann, Univ. Münster, Jahn, Techn. Univ. Berlin, Kühn, Techn. Univ. Berlin, Kromphardt, Techn. Hochsch. Hannover, Kruse, Univ. München, Lenschow, Ul1iv. Kiel, Charlotte Lorenz, Univ. Göttingen, Lütge, Univ. München, Mackenroth, Univ. Kiel, Meinhold, Univ. München, Meinzolt, Kultusministerium München, Miksch, Verwaltung für Wirtschaft, Minden, Montaner, Univ. Mainz, Müller-Armack, Univ. Münster, Napp-Zinn, Univ. TAainz, Neuling, Univ. Hamburg, Ortlieb, Univ. Hamburg, Preiser, Uni\'. Heidelberg, Reigrotzki, Marburg/Lahn, Ritschl, Univ. Hamburg, Rittershausen, Verwaltung für Wirtschaft, Minden, Rittig, Univ. Göttingen, Röper, Univ. Hamburg, Sauermann, Univ. Frankfurt, Schachtschabei, Univ. Marburg/Lahn, Schiller, Univ. Hamburg, Schmitt, Univ. Münster, Schneider, Univ. Kiel, Siefkes, ReichsbankleitsteUe Hamburg, v. Sivers, Techn. Hochsch. Stuttgart, Sultan, Univ. Heidelberg, Taeuber, Univ. Würzburg, Voigt, Univ. Erlangen, Waffenschmidt, Univ. Heidelberg- Mannheim, Weddigen, Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Nürnberg, Welter, Univ. Frankfurt, Wesseis, Univ. Köln, v. Zwiedineck-Südenhorst, Univ. München. 1) Siehe zu dieser Liste. die erst am folgenden Tage durch Ilersönliche Eintragung der in ihr Aufgeführten zustande kam. die im Text S. 120 zu ihr gemachten Bemerkungen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
134 Anhang IV IV. Sa13ung des Vereins für Sozialpolitik -Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften § 1. Der Verein bezweckt die wissenschaftliche Erörterung wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher sowie wirtschafts- und sozialpolitischer Probleme in Wort und Schrift, ferner die Klärung von Fach- und Studienfragen der Volks- und Betriebswirtschaftslehre und die Berufsvertretung ihrer Hochschullehrer. Er setzt sich ferner die Pflege der Beziehungen zur Fachwissenschaft des Auslandes zum Ziele. § 2. Der Sitz des Vereins ist am Ort der Geschäftsführung. § 3. Das Geschäftsjahr läuft vom 1. April jedes Jahres bis zum 31. März des darauf folgenden. § 4. Die Mitgliedschaft steht jedem wirtschafts- und sozialwissenschaftliehen Hochschullehrer offen. Der Beitritt erfolgt durch Mitteilung an den Vorstand unter Verpflichtung zur Zahlung des Mitgliedsbeitrages. Ober die Aufnahme anderer Einzelpersonen und von Körperschaften, die zur Mitarbeit an den Aufgaben des Vereins gewillt und berufen sind, entscheidet der Vorstand. § 5. Die Haftung der Mitglieder für Vereillsschulden beschränkt sich auf das Vereinsvermögen. Der Vorstand muß bei Eingehen von Verpflichtungen für den Verein die Haftung der Mitglieder auf das Vermögen des Vereins beschränken. § 6. Die Organe des Vereins sind: 1. Die MitgIiederversammlung, 2. der Vorstand, 3. die Ausschüsse. § 7. Die Mitgliederversammlung besteht aus den Mitgliedern. Jedes Mitglied (einschließlich der korporativen) hat in ihr eine Stimme. Sie tritt in der Regel alle zwei Jahre zusammen und ist von dem Vorsitzenden unter Übersendung einer Tagesordnung möglichst mit einer Frist von vier Wochen einzuberufen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11
Satzung 135 Der Beschlußfassung der Mitgliederversammlung unterliegen die Wahl des Vorstandes, die Festsetzung des Mitgliedsbeitrages, die Genehmigung des Geschäftsberichtes, die Entlastung des Schatzmeisters, Satzungsänderungen und die Auflösung des Vereins. Für Beschlüsse der Mitgliederversammlung ist erforderlich, daß mehr als die Hälfte der erschif'nenen Mitglieder zustimmt. Erhält bei Vorstandswahlen kein Wahlvorschlag die Mehrheit der Stimmen, so ist eine zweite Wahl vorzunehmen; bei ihr ist gewählt, wer die meisten der von den erschienenen Mitgliedern abgegebenen Stimmen erhält. § 8. Den alle zwei Jahre zu wählenden engeren Vorstand bilden der Vorsitzende, sein Stellvertreter, der Schriftführer und der Schatzmeister. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter müssen Hochschullehrer sein. Der erweiterte Vorstand besteht aus dem engeren Vorstand, neun Mitgliedern und den Vorsitzenden der jeweils bestehenden Ausschüsse. Von den neun weiteren Mitgliedern ist jeweils ein Drittel in der ordentlichen Mitgliederversammlung neu zu wählen. § 9. Der engere Vorstand leitet den Verein nach den Beschlüssen der Mitgliederversammlung. Der Schatzmeister hat nach Schluß jedes Geschäftsjahres dem erweiterten Vorstand einen Kassenabschluß vorzulegen. Die Kasse und der Rechnungsabschluß sind durch zwei von der Mitgliederversammlung auf zwei Jahre gewählte Mitglieder zu prüfen. Der erweiterte Vorstand beschließt über a) Ort und Zeit der Mitgliederversammlungen und Veranstaltungen, b) die Bestimmung der auf den Tagungen zur Erörterung kommenden Fragen, c) die Veranstaltung von Untersuchungen und ihre Veröffentlichung, d) die Leitung der wissenschaftlichen Tagungen, e) alle weiteren Angelegenheiten, die durch Beschluß des engeren Vorstandes an ihn verwiesen werden. § 10. Zur Vertretung des Vereins bei Abgabe von Willenserklärungen und in Prozessen ist die Mitwirkung des Vorsitzenden oder seines Stellvertreters und eines zweiter Vorstandsmitgliedes erforderlich und ausreichend. § 11. Für die Durchführung besonderer Arbeiten oder die dauernde Pflege besonderer wissenschaftlicher Gebiete kann der Vorstand Aus- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41187-0 | Generated on 2023-01-16 13:08:11