Das Reallabor als Forschungsprozess und -infrastruktur für nachhaltige Entwicklung: Konzepte, Herausforderungen und Empfehlungen
Abstract
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Full text
Rose, Michael et al. Working Paper Das Reallabor als Forschungsprozess und - infrastruktur für nachhaltige Entwicklung: Konzepte, Herausforderungen und Empfehlungen Wuppertal Papers, No. 196 Provided in Cooperation with: Wuppertal Institute for Climate, Environment and Energy Suggested Citation: Rose, Michael et al. (2019) : Das Reallabor als Forschungsprozess und - infrastruktur für nachhaltige Entwicklung: Konzepte, Herausforderungen und Empfehlungen, Wuppertal Papers, No. 196, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, Wuppertal, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:wup4-opus-74333 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/209627 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/
196_Wuppertal Paper | Dezember 2019 Das Reallabor als Forschungsprozess und -infrastruktur für nachhaltige Entwicklung Konzepte, Herausforderungen und Empfehlungen 2. aktualisierte und erweiterte Auflage Michael Rose Matthias Wanner Annaliesa Hilger unter Mitwirkung von Jutta Deffner Martin Führ Silke Kleinhauer Julian Schenten
196_Wuppertal Paper Impressum i | Wuppertal Institut Herausgeber: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH Döppersberg 19 42103 Wuppertal www.wupperinst.org Erstauflage 2018 erschienen als „NaWiKo Synthese Working Paper No. 1“, herausgegeben von Rainer Walz und Matthias Gotsch (Fraunhofer ISI) https://nachhaltigeswirtschaften-soef.de/synthese-reallabore Autorinnen und Autoren: Dr. Michael Rose, Institut für Nachhaltigkeitssteuerung, Leuphana Universität Lüneburg, E-Mail: [email protected] Matthias Wanner, Abteilung Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH & Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit, Bergische Universität Wuppertal, E-Mail: matthias.wa[email protected] Annaliesa Hilger, Institut für Geographie und Sachunterricht & Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit, Bergische Universität Wuppertal, E-Mail: [email protected] Unter Mitwirkung von: Dr. Jutta Deffner, Projekt „Innovative Wohnformen und Mobilitätsdienstleistungen (WohnMobil)“, Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) Prof. Dr. Martin Führ, Sonderforschungsgruppe Institutionenanalyse – sofia, Projekt „Konsumverhalten und Innovation zur nachhaltigen Chemie. Am Beispiel von Produkten mit problematischen Inhaltsstoffen (KInChem)“, Hochschule Darmstadt Dr. Silke Kleinhauer, sofia – s.o. Dr. Julian Schenten, sofia – s.o. „Wuppertal Papers“ sind Diskussionspapiere. Sie sollen frühzeitig mit bestimmten Aspekten der Arbeit des Instituts vertraut machen und zu kritischer Diskussion einladen. Das Wuppertal Institut achtet auf ihre wissenschaftliche Qualität, identifiziert sich aber nicht notwendigerweise mit ihrem Inhalt. Wuppertal, Dezember 2019 ISSN 0949-5266 Dieses Werk steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 4.0 International. Die Lizenz ist abrufbar unter: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/
196_Wuppertal Paper Inhalts-, Abbildungs- und Tabellenverzeichnis Wuppertal Institut | ii Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis ii Abbildungsverzeichnis ii Tabellenverzeichnis ii Abkürzungsverzeichnis iii Zusammenfassung iv Executive Summary v 1. Einleitung 1 1.1. Aufbau der Studie 1 1.2. Reallabore im Diskurs 3 2. Die Forschungspraxis anhand des Reallabor-Prozesses 6 2.1. Reallabor-Ablaufschema 6 2.2. Leitfaden für den Reallaborprozess mit Schlüsselerfahrungen 8 2.3. Rollen von Forschenden im Reallabor 14 3. Das Reallabor als Forschungsinfrastruktur 17 4. Empfehlungen für den Aufbau und die Umsetzung neuer Reallabore 21 Danksagung 27 Literaturverzeichnis 28 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1 Zyklisches Konzept für die Reallabore in Wuppertal 7 Tabellenverzeichnis Tabelle 1 Reallabor-Schlüsselkomponenten sowie deren Vorkommen in den untersuchten Projekten 5 Tabelle 2 Schlüsselerfahrungen im Reallaborprozess 9 Tabelle 3 Schlüsselerfahrungen mit den Rollen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Reallaboren 16 Tabelle 4 Schlüsselerfahrungen mit der Reallaborstruktur 19
196_Wuppertal Paper Abkürzungsverzeichnis iii | Wuppertal Institut Abkürzungsverzeichnis BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung BMWi Bundesministerium für Wirtschaft und Energie NaWi Fördermaßnahme „Nachhaltiges Wirtschaften“ KInChem Projekt „Konsumverhalten und Innovation zur nachhaltigen Chemie“ TD Transdisziplinarität/transdisziplinär WBGU Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen WM Projekt „WohnMobil – Innovative Wohnformen und Mobilitätsdienstleistungen“ WTW Projekt „Wohlstands-Transformation Wuppertal“
196_Wuppertal Paper Zusammenfassung Wuppertal Institut | iv Zusammenfassung Die große Transformation zur Nachhaltigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, für deren Bewältigung auch die Wissenschaft gefordert ist. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat daher u. a. die Fördermaßnahme „Nachhaltiges Wirtschaften“ (NaWi) ins Leben gerufen, um Wissenschaft und Praxis in ihrer Begegnung dieser Herausforderung zu unterstützen. Ein neues Format, um diese Wissenschafts-Praxis-Kooperation als Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung zu gestalten, ist das sogenannte Reallabor. Dort kommen Akteure aus Wissenschaft und Praxis zusammen, um gemeinsam Lösungen für ein realweltliches Nachhaltigkeitsproblem zu erarbeiten und auszuprobieren. Ausgehend von der konzeptionellen und empirischen Reallaborforschung des NaWi-Projekts „Wohlstands- Transformation Wuppertal“ (WTW) wurden die Erfahrungen und Erkenntnisse aus den NaWi-Projekten WTW, KInChem und WohnMobil sowie die aktuelle wissenschaftliche Literatur zu Reallaboren synthetisiert. Die hieraus entstandene vorliegende Studie bietet den Leserinnen und Lesern einen umfassenden Überblick über den Aufbau und die Umsetzung von Reallaboren. Zunächst werden bisherige Reallaborverständnisse reflektiert und acht Schlüsselkomponenten von Reallaboren präsentiert. Anschließend wird das Reallabor in seiner Prozess- und seiner Strukturdimension näher beleuchtet. Ein ausführlicher Prozess-Leitfaden zeigt Schritt für Schritt auf, wie ein Reallabor-Prozess gestaltet werden sollte. Auch die teils neuen Rollen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Reallaboren werden analysiert. Schließlich werden die strukturierenden Elemente eines Reallabors vorgestellt und – wie bereits die Prozessschritte und Rollen – auf die drei NaWi-Projekte angewendet. Die Studie resultiert in einem detaillierten Katalog von Faktoren, die bei dem Aufbau und der Umsetzung von Reallaboren unterstützen und die Qualität von Reallaboren erhöhen möchten. Dazu gehören n die Orientierung am Reallabor-Ablaufschema und den strukturierenden Elementen; n die Sicherung der Prozess- und Wissensqualität; n der Aufbau geeigneter Kommunikations- und Partizipationsstrukturen und -formate; n die gezielte Auswahl und Qualifikation des Personals; n die frühe Klärung und durchgängige Reflexion der Ziele, Interessen, Verantwortlichkeiten und Rollen und die Vorbeugung von Konflikten; n das Management möglicher Ressourcenengpässe im Vorfeld und n das Adressieren der reallaborimmanenten Zielkonflikte.
196_Wuppertal Paper Executive Summary v | Wuppertal Institut Executive Summary The Great Transformation towards sustainability is a challenge for society as a whole, and science is also required to address it. For this reason, the German Federal Ministry of Education and Research (BMBF) has launched the "Sustainable Economy" (NaWi) funding programme to support science and practice in meeting this challenge. A new format for designing this cooperation between science and practice as a contribution to sustainable development is the so-called real-world laboratory. This is where actors from science and practice come together to jointly develop and test solutions for a real-world sustainability problem. Based on the conceptual and empirical real-world laboratory research of the NaWi project "Well-Being Transformation Wuppertal" (WTW), the experiences and findings from the NaWi projects WTW, KInChem and WohnMobil as well as the latest scientific literature on real-world laboratories were synthesised. The resulting study at hand offers readers a comprehensive overview of the design and implementation of real-world laboratories. First, existing real-world laboratory concepts are reflected and eight key components of real-world laboratories are presented. The real-world laboratory will then be examined in more detail in terms of its process and structural dimensions. A detailed process guide shows step by step how a realworld laboratory process should be designed. The new roles of scientists in this will also be analysed. Finally, the structuring elements of a real-world laboratory are presented and – like the process steps and roles – applied to the three NaWi projects. The study results in a detailed catalogue of factors that help to set up, implement and improve real-world laboratories. These include n orientation towards the real-world laboratory flowchart and the structuring elements; n securing of process and knowledge quality; n development of proper communication and participation structures and formats; n targeted selection and qualification of personnel; n early clarification and continuous reflection of goals, interests, responsibilities and roles and the prevention of conflicts; n management of possible resource shortages in advance; and n addressing the conflicts of objectives immanent in real-world laboratories.
196_Wuppertal Paper Einleitung Wuppertal Institut | 1 1. Einleitung Nachhaltige Entwicklung ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, der sich auch die Wissenschaft stellt. Folglich wurden in den letzten Jahrzehnten neue Forschungsformate entwickelt, um der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden und auf eine neue Art und Weise wissenschaftlich Optionen und Lösungen für realweltliche Nachhaltigkeitsprobleme zu erarbeiten. In diesen Formaten (für einen Überblick siehe z. B. Schäpke, Stelzer, et al., 2018; Scholz, 2017; Wanner, Hilger, Westerkowski, et al., 2018) verlassen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den „Elfenbeinturm“ ihrer Forschungseinrichtungen und arbeiten mit Praxisakteuren zusammen, um deren Anliegen, Wissen und Kompetenzen in den Forschungsprozess zu integrieren. Ausgehend von einem gemeinsamen Problemverständnis entwickeln und erproben sie gemeinsam neue Konzepte, um zu sowohl wissenschaftlich als auch sozial robusten Orientierungen zu gelangen und dadurch konkrete Lösungen anzustoßen. Reallabore sind eine junge Ausdrucksform dieser Entwicklung. Wie der Name schon sagt, findet Forschung hier nicht (nur) in klassischen abgeschirmten und kontrollierten Laboren statt. Vielmehr wird die Forschung in die realen Stadtquartiere, zivilgesellschaftlichen Projekte, Unternehmen oder städtischen und ländlichen Räume getragen. Diese werden zu Erprobungs- und Experimentierräumen, in denen die „natürlichen Bewohnerinnen und Bewohner“ mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an Lösungsmöglichkeiten für Nachhaltigkeitsprobleme arbeiten und so über Prozesse und Strukturen gemeinsam das Reallabor erschaffen und aufrechterhalten. 1.1. Aufbau der Studie Es liegt in der Natur eines so jungen Forschungsansatzes, dass noch kein verbindlicher Konsens darüber herrscht, was genau ein solches Reallabor ausmacht. Trotz gewisser Konvergenzen ist der Reallaboransatz dynamisch und wird in Theorie und Praxis stetig weiterentwickelt. Nach einem kurzen Überblick über bisherige Reallaborverständnisse stellen wir unsere acht Schlüsselkomponenten eines Reallabors vor. Anschließend wird der Reallaboransatz anhand zweier Hauptdimensionen systematisch aufgefaltet: Prozess und Struktur. Hinsichtlich des Prozesses bietet die Studie eine konkrete Orientierung für die Forschungspraxis mit einzelnen Prozessschritten und Leitlinien eines Reallabors sowie Verantwortlichkeiten und Rollen von Wissenschaft und Praxis. Hinsichtlich der Struktur werden einerseits strukturierende Elemente wie Institutionen, Normen und Ressourcen thematisiert. Andererseits wird die im WBGU-Städtegutachten aufscheinende Vision vom Reallabor als dauerhaft angelegtem Forschungs- und Transformationsraum für reflexives Lernen adressiert (WBGU, 2016). Dieser wird u. a. durch Interventionen (auch: Realexperimente) und enge, langfristige Kooperationen zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Praxispartnerinnen und -partnern charakterisiert. Die Herausforderungen beider Dimensionen – Prozess und Struktur – werden praxisnah reflektiert.
196_Wuppertal Paper 2 | Wuppertal Institut Einleitung Kasten 1 Projekt „Wohlstands-Transformation Wuppertal“ (2015–2018) Problemstellung und Projektziele „Nachhaltiges Wirtschaften“ bedeutet, Wohlstand bei geringem Umweltverbrauch zu erzeugen (erste Entkopplung). Eine Steigerung ökologischer Effizienz reicht allerdings nicht aus, um die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung zu erreichen. Vielmehr sollten zusätzlich Faktoren jenseits ökonomischen Wachstums in den Blick genommen werden, die das Ziel des individuellen und gesellschaftlichen Wohlstands auf eine nachhaltige Basis stellen (Suffizienz; zweite Entkopplung). Ziel von WTW war es daher, forschend einen ressourcenleichten Wohlstand zu fördern, der ökonomische, ökologische und soziale Wohlstandsaspekte in ihren Wechsel- und Langfristwirkungen ganzheitlich integriert. Methodik & Vorgehen In WTW haben die Forschenden transdisziplinär und transformativ mit den Bürgerinnen und Bürgern Wuppertals sowie zivilgesellschaftlichen und städtischen Praxisakteuren zusammengearbeitet. Mithilfe eines partizipativen Prozesses und einer Befragung der Bürgerinnen und Bürger (Zufallsstichprobe) wurde der Better-Life-Index der OECD auf die Stadt Wuppertal angepasst. Dies diente dazu, ein erweitertes nachhaltigkeitsorientiertes Wohlstandskonzept zu entwickeln und Bewusstsein für dieses zu schaffen. In sog. „Reallaboren“ wurden Systemanalysen durchgeführt und gemeinsam mit Praxispartnerinnen und -partnern Interventionen (sog. „Realexperimente“) zur Transformation des lokalen Wohlstandsverständnisses und -niveaus initiiert und wissenschaftlich begleitet. Projektergebnisse Folgende zwölf Dimensionen des Guten Lebens sind aus dem Partizipationsprozess hervorgegangen: Gemeinschaft, Freizeit und Kultur, Infrastruktur, Arbeit, Gesundheit, Einkommen, Umwelt, Zufriedenheit, Engagement, Sicherheit, Wohnen und Bildung. Aufbauend auf diesen Dimensionen wurde ein Wohlstandsindikatorensystem für Wuppertal entwickelt. Die Dimensionen wurden bereits als Bewertungsrahmen im städtischen Bürgerbudgetprozess sowie in der Stadtentwicklungsstrategie Wuppertal 2025 genutzt. Auch kamen sie in einer Kartierung von Initiativen nachhaltigen Wirtschaftens zum Einsatz und werden mit dieser in das GeoPortal des Wuppertaler BMBF-Folge- Projekts „Transformationsstadt – BürgerInnen forschen für ein Gutes Leben“ integriert. Zudem wurden in Wissenschafts-Praxis-Workshops die Beiträge der Reallabore zu den Dimensionen des Guten Lebens abgeschätzt. Im Ergebnis wurden alle Dimensionen adressiert, der Schwerpunkt der Wohlstandsbeiträge lag hierbei in den Bereichen Engagement, Gemeinschaft, Bildung und Lebenszufriedenheit. Als Teil der Transformation wurde im Reallabor "Essbarer Arrenberg" ein Leitbild lokaler nachhaltiger Ernährung entwickelt und ein entsprechender Strategieprozess aufgesetzt. Im Reallabor "Quartier Mirke" wurden Formate der partizipativen Quartiersentwicklung gefördert und eine Coforschungsgruppe gegründet. Im Reallabor "Wichlinghausen & Oberbarmen" wurde ein Konzept zur Leerstandsreduktion erarbeitet und erprobt und ein bürgerschaftliches Gremium gegründet und verstetigt. Mit dem Realexperiment zur Sperrung der Bundesstraße 7 konnte gezeigt werden, dass eine Push- und Pull-Strategie Verkehrsteilnehmende zum Umstieg auf den ÖPNV bewegen kann. Im Arbeitspaket „Willkommen im Quartier“ wurden die Bedarfe Geflüchteter in Wuppertal erhoben und gemeinsam mit der Stadtverwaltung und ehrenamtlich Engagierten das Wup-Portal für integrative Hilfsangebote aufgebaut. Reallaborübergreifend wurden Rahmenbedingungen, Prozesse und Rollen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysiert und wissenschaftliche Beiträge zur Weiterentwicklung und Reflexion transformativer Forschung geleistet. Die Verknüpfung partizipativer Indikatorenentwicklung mit Reallaboren erwies sich als wichtiger Treiber der Wohlstandstransformation in Wuppertal.
196_Wuppertal Paper Die Forschungspraxis anhand des Reallabor-Prozesses Wuppertal Institut | 9 Tabelle 2 Schlüsselerfahrungen im Reallaborprozess Schritt/Element Erläuterung Schlüsselerfahrungen & Ausprägungen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung als normativer Rahmen § Wissenschaft und Praxis artikulieren und diskutieren die Ausrichtung ihrer Zusammenarbeit an nachhaltiger Entwicklung. § Funktioniert, wenn Praxisakteure darin eine Chance sehen (KInChem). § Hilfreich: (normativer) Druck aus dem Umfeld (KInChem). § Variiert mit Praxispartnerin und -partner: Normative Vorstellungen bei manchen fast deckungsgleich, bei anderen in der Priorität dem konkreten praktischen Erfolg als Selbstzweck nachgeordnet (WTW). Co-Design Bildung eines transdisziplinären (TD) Teams § Auswahl und Bildung eines Wissenschafts- Praxis-Teams auf Augenhöhe. § Co-Leitung und gemeinsame Verantwortlichkeit für das Reallabor. § Klärung der jeweiligen (unterschiedlichen) Rollen und Interessen. § Team bildet sich, wenn die Erreichung eines gemeinsamen Ziels als wahrscheinlich wahrgenommen wird (KInChem). § TD-Teams: 2 Wissenschaftsakteure + 1 Praxis-Akteur (WM). § TD-Teams: 1 Wissenschaftsakteur + 1-2 Kern-Praxisakteure (WTW). § Einbindung der Praxisakteure in die Personalauswahl der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler/Promovierenden (WTW). § Co-Leitung und Arbeiten auf Augenhöhe (WTW). § Unterschiedliche Verantwortlichkeiten: Wissenschaft für Projektziel, Praxis für positiven praktischen Nutzen der Lösungen (KInChem). § Wichtiger als Rollen- und Interessenklärung sind gemeinsame Lösungen für gemeinsames Ziel (KInChem). § Im Falle personeller Diskontinuitäten bei den Hauptakteuren aus Wissenschaft und Praxis wurde die Rollen- und Interessenklärung im ersten Co-Design behindert (WTW). Gemeinsame Problemdefinition und -repräsent- ation; thematische und räumliche Eingrenzung § Erarbeitung eines gemeinsamen, eingegrenzten Problemverständnisses und übergeordneten Ziels, basierend auf einem realweltlichen Nachhaltigkeitsproblem. § Formulierung eigener Unterziele und Forschungsfragen für Wissenschaft und Praxis. § Ggf. Anpassung des Problemverständnisses und der Ziele im Prozess. § Gemeinsamer Szenario- und Visionsentwicklungsprozess führte zu eingegrenztem gemeinsamen Problemverständnis (KInChem). § Getrennte Unterziele können zu ungewünschter Eigendynamik führen (KInChem). § Entwicklung wissenschaftlicher Ziele ist mit Praxisakteuren schwierig (WM). § Problem- und Zielentwicklung waren mitunter Teil eines längerfristigen Prozesses und stand nicht (nur) am Anfang (WTW). § Die Ziele wurden anfangs z. T. zu diffus formuliert und liefen in einem der Reallabore anfangs zwischen Wissenschaft und Praxis auseinander (WTW). § Anpassung des Problemverständnisses mit Szenarioprozess und Backcasting (KInChem).
196_Wuppertal Paper 10 | Wuppertal Institut Die Forschungspraxis anhand des Reallabor-Prozesses Schritt/Element Erläuterung Schlüsselerfahrungen & Ausprägungen Systemanalyse § Erarbeitung eines gemeinsamen Systemverständnisses/-wissens mithilfe einer Systemanalyse (qualitativ phänomenologische Explorationen, Akteurs-, Netzwerk- oder Konstellationsanalysen oder (quantifizierende) Systemmodelle). § Nutzung der transdisziplinären Delta-Analyse (KInChem, https://www.sofiadarmstadt.de/wir-ueber-uns/delta-analyse). § Nicht alle Akteure ließen sich auf die Analyse ein, sie blieben in ihrer Kernrolle. Analytisch erfahrenere Expertinnen und Experten waren offener (KInChem). § Workshop im Rahmen einer Master-Lehrveranstaltung war hilfreich, da Praxispartnerinnen und -partner dort bemüht waren, gegenüber den Studierenden Offenheit zu zeigen (KIn- Chem). § Umfeldanalyse durch die Wissenschaft (vor und zu Projektbeginn), Besprechung der Rollen und Akteursbeziehungen mit Praxispartnerinnen und -partnern, empirische Erhebung der Ist-Situation und Bedarfe der Bewohnerinnen und Bewohner (WM). § Anfangs: statistische Sekundärdaten & Interviews, später Konstellationsanalysen (WTW). Ideen für Interventionen generieren § Generierung von Ideen für Interventionen, die z. B. in der Systemanalyse identifizierte Hebelpunkte adressieren und konkrete Problemlösungskonzepte entwickeln und erproben. § Ggf. basierend auf einer „Theory of Change“. § Intervention war voraussetzungsvoll und benötigte die aktive Unterstützung aller Akteure. Sie wurde daher von Praxispartnerinnen und -partnern in Zweifel gezogen, da sie zwar den Handlungsdruck spürten, aber nicht als erste vorangehen wollten (KInChem). § Praxispartnerinnen und -partner sollten selbst Zukunftsbild formulieren, dies erleichtert dann das Backcasting (KInChem). § Entwicklung der Hebelpunkte in Co-Kreations-Workshops nah an den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner und den Kapazitäten (WM). § Ideengenerierung je nach Reallabor in unterschiedlichen Phasen, vor oder nach Systemanalysen; z. T. ergebnissoffen und systematisch am Rahmen der Wohlstandstransformation und den Bedarfen vor Ort orientiert, z. T. eher an konkretem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse orientiert (WTW). § Theorielose Ideengenerierung (WM). Co-Produktion Entscheidung für und Umsetzung von Idee(n) § Anwendung von Entscheidungskriterien. § Experimentelle Umsetzung ausgewählter Interventionsideen mit realweltlichen Handlungen, häufig unter Bedingungen geringer Kontrollierbarkeit („Realexperimente“). § Die Umsetzung und Nachsteuerung erfolgt i. d. R. durch Praxisakteure. § Möglichkeiten der Umsetzung wurden diskutiert, insb. bezüglich Interventionstiefe, Ressourcen, Verantwortlichkeiten (WM). § Unterschiedliche Entscheidungskriterien pro Reallabor, teilweise anhand der WTW- Wohlstandsdimensionen (WTW). § Wissenschaftsakteure sorgten für Perspektivenerweiterung und Empowerment, Praxisakteure, die als Change Agents fungieren wollten, vernetzten sich und entwickelten die Ideen weiter (KInChem). § Nach Herausbildung eines sektorenübergreifenden Common Sense moderiert das Team
196_Wuppertal Paper Die Forschungspraxis anhand des Reallabor-Prozesses Wuppertal Institut | 11 Schritt/Element Erläuterung Schlüsselerfahrungen & Ausprägungen die Entwicklung eines institutionellen Designs durch globale Frontrunner (KInChem). § Experimentelle Umsetzung und Nachsteuerung erfolgte i. d. R. durch die Praxisakteure, in einem Reallabor aber wissenschaftsgetrieben aufgrund unzureichender Ressourcen beim Praxispartner (WTW). Reflexion und Nachsteuerung der in der Umsetzung befindlichen Idee(n) § Wissenschaftliche, reflektierende Begleitung des Trial-and-Error-Umsetzungsprozesses, der Zwischenergebnisse und der Nachsteuerung. § Z. B. Nutzung von Methoden der formativen Evaluation. § Konstante Kommunikation und Feedbackschleifen zwischen Wissenschafts- und Praxisakteuren. § Rückzug auf Basiselemente, um Hemmnisse, die aus überfordernden Zielvorstellungen resultieren, hintenanzustellen; dafür Verbreiterung des Prozesses (KInChem). § Konstante Kommunikation durch bilaterale Telefonate und internationale Tagungen (KIn- Chem). § Regelmäßige Sitzungen der Steuerungsgruppen sowie mehrere Workshops zur Nachsteuerung (WTW). § Empfehlung: Nachsteuerung via Gremien o. ä. institutionalisieren (WTW). Ggf. unmittelbare Anwendung von Zwischenergebnissen in der Praxis § Z. B. neue Plattformen, Prototypen, Dienstleistungen, Aktionen, Strukturen, Ressourcen, Narrative oder Bewusstseinsveränderungen, die häufig kontextspezifisch sind. § Durchgängig unmittelbare (angehende) Anwendung/Nutzung (KInChem). § Prototypen von Dienstleistungen (WM). § Lernprozesse, neue Alltagspraktiken und Nutzungsmuster (WM). § Zahlreiche unmittelbare Anwendungen in den Reallaboren (WTW). Co-Evaluation Erfassung konkreter Ergebnisse § Dokumentation während des gesamten Reallaborprozesses (z. B. Protokolle, Fragebögen, Interviews, Forschungstagebücher). § Beachtung verschiedener Ergebniskategorien (z. B. materielle Ergebnisse, Lerneffekte, Prozessgüte, Sichtweisen, Standards). § Bereitstellung des Evaluierungsschemas durch die Wissenschaft (z. B. lineare Wirkungsketten von Input bis Impact oder nichtlineare Ansätze wie produktive Interaktionen). § Ausführliche Protokolle basierend auf Audio- und Fotodokumentationen (KInChem). § Forschungstagebücher, Sitzungsprotokolle, Wirkungsabschätzungsworkshops, Storywall- Workshop (WTW). § Evaluierung durch breit angelegte Befragungen, Sichtbarkeit in der Praxis und mithilfe von Indikatoren in zwei Folgeprojekten (KInChem). § Vorher: Befragung der Bewohnerinnen und Bewohner, während: Memos, Abschluss: Nutzungsbefragung, Prozessbewertung mit Praxispartnerinnen und –partnern und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern (WM). § Zwischenevaluation mittels strukturierter Interviews (WTW). § Ergebnisaufbereitung in verschiedenen Kategorien mittels Master-Arbeiten (KInChem). § Die größten Lerneffekte gab es auf der Prozessebene (WTW).
196_Wuppertal Paper 12 | Wuppertal Institut Die Forschungspraxis anhand des Reallabor-Prozesses Schritt/Element Erläuterung Schlüsselerfahrungen & Ausprägungen Co-Interpretation § Gemeinsame Identifizierung, Reflexion und Bewertung von Prozessen und materiellen Ergebnissen, ggf. anhand von entsprechenden Leitfäden. § Follow-up mit den Beteiligten in Veranstaltungen der Praxispartnerinnen und -partner, internationalen Konferenzen und mehreren Folgevorhaben (KInChem). § Entwicklung von Leitfäden (WTW). § Integrationsworkshops zur Diskussion und Bewertung der (Zwischen-)Ergebnisse (WM). § Interne Evaluationsworkshops in den Reallaboren und gemeinsame Formulierung der Kernergebnisse (WTW). Transfer in Wissenschaft und Praxis § Vorsichtige Generalisierung und ggf. Veröffentlichung der Ergebnisse und Erfahrungen, bspw. in Form von Richtlinien, Handlungsempfehlungen, Handbüchern, Dos and Don’ts, Blogbeiträgen, Medienberichten, neu- en Praktiken oder längerfristigen Projekten. § Wissenschaftliche Interpretation der Forschungsergebnisse vor dem Hintergrund von Forschungsfrage, Systemanalysen, Theorien, Konzepten und Modellen. § Einbettung der Ergebnisse in die theoretischen und methodischen Debatten und Forschungsstände. § Verbreitung der wissenschaftlichen Ergebnisse auf Konferenzen und in Publikationen (Zeitschriftenaufsätze, Buchbeiträge, Bücher,…). § Angestoßenes Momentum mit (z. T. neu hinzugewonnenen) Praxispartnerinnen und - partnern weiter vorantreiben (KInChem). § Transferworkshops: Diskussion der Erfahrungen mit internen und externen Praxisakteuren mit anschließenden Strategie- und Handlungsempfehlungen sowie Fact Sheets (WM). § Wissenschaftliche Beiträge geplant (WM). § Sowohl wissenschaftliche Publikationen (überwiegend in international peer-reviewed journals) als auch graue Literatur mit höherem Praxisbezug wie Berichte und Leitfäden. Zahlreiche Konferenzbeiträge (WTW, https://transzent.uniwuppertal.de/de/forschung/wtw0/output.html). Quelle: Eigene Darstellung.
196_Wuppertal Paper Wuppertal Institut | 13 Die Forschungspraxis anhand des Reallabor-Prozesses Insbesondere bei WTW ist die Problem- und Zielentwicklung mitunter Teil eines längerfristigen Prozesses gewesen und stand nicht (nur) am Anfang des Projekts. Spätere Anpassungen des Problemverständnisses sind bei KInChem mit einem Szenarioprozess und Backcasting erfolgt, nachdem es zu Projektbeginn zunächst mit einem gemeinsamen Szenario- und Visionsentwicklungsprozess eingegrenzt wurde. Zur Systemanalyse nutzte KInChem eine transdisziplinärverhaltenswissenschaftliche Delta-Analyse. Jedoch verblieben manche der Akteure dabei in ihrer Kernrolle und ließen sich nicht auf die Analyse ein. Insbesondere analytisch erfahrene Expertinnen und Experten zeigten sich aber offen. Auch die Verortung eines Workshops in eine Master- Lehrveranstaltung erwies sich als hilfreich, da die Praxisakteure dort bemüht waren, gegenüber den Studierenden Offenheit zu zeigen. Für die Systemanalyse wurden im WohnMobil-Projekt eine Umfeldanalyse durchgeführt, Rollen- und Akteursbeziehungen mit Praxisakteuren besprochen und die Ist-Situation und Bedarfe der relevanten Bevölkerungsgruppe empirisch erhoben. Im WTW-Projekt ist zu Projektbeginn auf Sekundärdaten zurückgegriffen worden und es wurden Interviews geführt; im weiteren Projektverlauf wurden in transdisziplinären Workshops Konstellationsanalysen durchgeführt (Wanner & Reinkenhoff, 2017; Hilger, 2018). Das letzte Element der Co-Design-Phase ist die Generierung von Ideen für Interventionen. Im Falle von KInChem war die Intervention voraussetzungsvoll und hätte die aktive Unterstützung aller relevanten Akteure der Branche benötigt. Trotz des spürbaren Handlungsdrucks zögerten die Projektpartnerinnen und -partner daher, voranzugehen. KInChem empfiehlt für die Ideengenerierung, dass die Praxispartnerinnen und -partner selbst ein Zukunftsbild formulieren sollten, um das Backcasting zu erleichtern. Im WohnMobil-Projekt wurden die Hebelpunkte ohne theoretischen Unterbau in Co-Kreations-Workshops nah an den Bedürfnissen der Zielgruppe und der Kapazitäten entwickelt. Im WTW-Projekt fand die Ideengenerierung je nach Reallabor in unterschiedlichen Phasen statt. Sie war entweder ergebnisoffen und systematisch am Rahmen der Wohlstandstransformation orientiert oder eher an einem ganz konkreten wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse oder einer praktischen Herausforderung. In der folgenden Phase der Co-Produktion werden die Interventionsideen ausgewählt und umgesetzt. Im WTW-Projekt kam eine Vielzahl an unterschiedlichen Entscheidungskriterien zum Einsatz, teilweise wurden die erwarteten Beiträge zu den WTW-Wohlstandsdimensionen zu Rate gezogen. Im Projekt WohnMobil wurden die Möglichkeiten zur Umsetzung anhand von Interventionstiefe, Ressourcen und Verantwortlichkeiten diskutiert. Die Umsetzung erfolgte bei allen Projekten primär durch die Praxispartnerinnen und -partner und wurde i. d. R. seitens der Wissenschaft begleitet. Die Reflexion und Nachsteuerung der sich in der Umsetzung befindlichen Ideen erfolgte v.a. durch Telefonate und Tagungen (KInChem) sowie regelmäßige Steuerungsgruppensitzungen und Workshops (WTW). WTW
196_Wuppertal Paper Die Forschungspraxis anhand des Reallabor-Prozesses 14 | Wuppertal Institut empfiehlt, die Reflexion und Nachsteuerung in Gremien o. ä. zu institutionalisieren. In allen Projekten wurden Zwischenergebnisse unmittelbar in der Praxis angewendet. So entstanden etwa Lernprozesse, neue Alltagspraktiken und Nutzungsmuster sowie Prototypen für Dienstleistungen (WM). Für die Co-Evaluation wurden unterschiedlichste Methoden zur Erfassung konkreter Ergebnisse eingesetzt. Dazu zählen Protokollierungen auf Basis von Audio- und Foto-Dokumentationen (KInChem) sowie Forschungstagebücher, Sitzungsprotokolle und Wirkungsabschätzungsworkshops (WTW; Rose & Schleicher, 2017). Speziell für die Evaluierung der Reallabore waren Befragungen der Nutzerinnen und Nutzer (KInChem), der Zielgruppe (WM) bzw. der unmittelbaren Projektbeteiligten (WTW) das Mittel der Wahl. Teilweise erfolgte die differenzierte Ergebnisaufbereitung durch Masterarbeiten (KInChem). Im WTW-Projekt wurden die größten Lerneffekte auf der Prozessebene beobachtet. Die Co-Interpretation der Prozesse und Ergebnisse erfolgte durchweg in Wissenschafts-Praxis-Workshops und war teilweise leitfadenbasiert (Wanner, Hilger, Spiker & Westerkowski, 2018). Um die Ergebnisse in die Wissenschaft und Praxis zu transferieren, nutzen die Projekte Workshops, Konferenzbeiträge, Handlungsempfehlungen sowie Publikationen sowohl in Form von internationalen referieren Zeitschriftenartikeln als auch Berichten und Leitfäden. 2.3. Rollen von Forschenden im Reallabor Wie in den Schlüsselkomponenten und dem Prozessablauf bereits angesprochen, nehmen die verschiedenen, teils neuen Rollen für die Forschenden in Reallaborprozessen eine wichtige und weiter auszudifferenzierende Position ein. In der transdisziplinären Literatur wurde bereits auf diese Veränderungen in den Rollen von Forschenden hingewiesen. So übernehmen Forschende in transformativen Forschungsprozessen die Aufgabe der Moderation, teilweise auch der Mediation oder Organisation des Prozesses (Pohl, Rist, Zimmermann et al., 2010; Stoecker, 1999; Wittmayer & Schäpke, 2014). Auch in Reallaboren variieren die Aktivitäten der Forschenden von Beobachtung über Beratung bis hin zur Umsetzung der Intervention (Schäpke, Stelzer, Bergmann & Lang, 2016; Wagner & Grunwald, 2015). Naheliegender Weise begünstigt die derzeitige Struktur von Reallaborprozessen – insbesondere bedingt durch die herkömmliche Forschungsförderung, die sich primär an wissenschaftliche Einrichtungen wendet – dass Forschende häufig als Initiierende und Verantwortliche im Reallaborprozess fungieren. Zur Gewährleistung eines ausgewogenen Reallaborprozesses übernehmen Forschende daher häufig unterschiedliche Rollen. Sie sind somit auch diejenigen, die auf Herausforderungen innerhalb des Prozesses wie Machtasymmetrien, Integration oder Nachhaltigkeit eingehen können, wie es Pohl, Rist, Zimmermann et al. (2010) im Kontext transdisziplinärer
196_Wuppertal Paper Wuppertal Institut | 15 Die Forschungspraxis anhand des Reallabor-Prozesses Prozesse beschreiben. Dies mag sich in Zukunft durch eine Reallabor- Förderung durch wissenschaftsfernerer Institutionen wie etwa die Kunstförderung, den Städtebau oder die wirtschaftliche Energieforschung ändern. Rollen können beschrieben werden als „eine Reihe von erkennbaren Aktivitäten und Einstellungen, die von einem Akteur verwendet werden, um wiederkehrende Situationen zu adressieren“ (Wittmayer, Avelino, van Steenbergen & Loorbach, 2017, S. 49, eigene Übersetzung). Darüber hinaus lassen sich Rollen wie folgt charakterisieren (Pohl, Rist, Zimmermann et al., 2010, S. 278; Scholz & Steiner, 2015, S. 666; Stoecker, 1999; Wittmayer, Avelino, van Steenbergen & Loorbach, 2017, S. 49–51; Wittmayer & Schäpke, 2014, S. 492): n Rollen sind sozial konstruiert, gezielt übernommen, werden ausgehandelt und können sich somit im Laufe der Zeit verändern. n Eine Person kann mehrere Rollen übernehmen, verschiedene Akteure können eine identische Rolle haben. n Rollen überlappen und variieren je nach individueller Performanz. In einer Analyse transdisziplinärer Fallstudien identifizierten Pohl, Rist, Zimmermann et al. (2010) vier Rollen von Forschenden; hierauf aufbauend beschreiben Wittmayer und Schäpke (2014) fünf Rollen. Für Reallabore haben sich folgende vier Rollen als relevant herausgestellt (Hilger, Rose & Wanner, 2018): Reflektierende Forschende, Facilitators, Change Agents und (selbst-)reflexive Forschende. Reflektierende Forschende üben primär klassische Forschungsaktivitäten aus, wie die Generierung von Wissen entsprechend disziplinärer Standards. Außerdem bringen Forschende in dieser Rolle anwendungsbezogenes Wissen in den Reallaborprozess ein, beobachten und analysieren die Akteure im Prozess und reflektieren unter Rückgriff auf bestehende Wissensbestände die Entwicklungen im Reallabor. Die Integration verschiedener Wissensbestände unterstützen Forschende in der Rolle als Facilitators. So initiieren Forschende beispielsweise Prozesse oder ermöglichen, moderieren und unterstützen Treffen und Veranstaltungen. Als Facilitators vermitteln Forschende zudem zwischen verschiedenen Interessen, Akteuren und Perspektiven (Jahn, Bergmann & Keil, 2012; Mauser, Klepper, Rice et al., 2013; Pohl, Rist, Zimmermann et al., 2010; Scholz, 2011, S. 378–385). Im Sinne der Entlastung der Forschenden von Tätigkeiten, welche weniger klassischer Forschungsaktivität entsprechen, wird in der Literatur vorgeschlagen, diese Rolle an einen externen dritten Akteur auszulagern (Schauppenlehner-Kloyber & Penker, 2015; Wiek, 2007). Die Rolle des Change Agents hat ihren Ursprung in der (partizipativen) Aktionsforschung, entsprechend ist hier das Empowerment interner und externer Akteure – insbesondere auch durch das im Prozess generierte Wissen – zentral (Ozanne & Saatcioglu, 2008). In dieser Rolle initiieren Forschende den Prozess sowie die Intervention, nehmen aktiv daran teil und
196_Wuppertal Paper Die Forschungspraxis anhand des Reallabor-Prozesses 16 | Wuppertal Institut etablieren Arbeitsstrukturen. Die Motivation und Befähigung der Teilnehmenden ist ebenfalls zentraler Bestandteil dieser Rolle (Wittmayer & Schäpke, 2014). Tabelle 3 Schlüsselerfahrungen mit den Rollen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Reallaboren Rollen Erläuterung/Aktivitäten Eingenommen ja/nein? ggf. Schlüsselerfahrungen Reflektierende Forschende § Akteure und Aktivitäten im Reallabor beobachten, analysieren, reflektieren. § Unterschiedliche Wissensbestände analysieren, reflektieren und auf Reallaborprozesse anwenden. § Ja (KInChem, WM, WTW). Facilitators § Prozesse initiieren, ermöglichen, unterstützen und moderieren. § Vermittlung zwischen verschiedenen Interessen, Akteuren und Perspektiven. § Ja (KInChem, WM, WTW). § Für Vermittlung ist gemeinsame Vision entscheidend (KInChem). § Kann und sollte auch von Praxisakteuren eingenommen werden (WM). Change Agents § Netzwerken; Akteure motivieren, befähigen und praxisbezogen beraten. § Initiierung von und aktive Teilnahme an Prozessen und Interventionen; Arbeitsstrukturen etablieren. § Ja (KInChem, WM, WTW). § Kann und sollte auch von Praxisakteuren eingenommen werden (WM). § Externer Handlungsdruck, Praxispartnerinnen und -partner mit weniger Ressourcen und das Fehlen einer funktionalen Projektgruppe führen in Kombination zur Übernahme der Change Agent Rolle. Hat man situationsadäquates Wissen und wenig externen Handlungsdruck, nimmt man die Rolle nicht ein (WTW, s. Hilger, Rose & Wanner, 2018). (Selbst-)reflexive Forschende § Reflexion der eigenen normativen Haltung sowie interner und externer Machtstrukturen. § Beobachtungsprotokolle und Forschungstagebücher verfassen und auswerten. § Ja (KInChem, WM, WTW) § Aufbau einer persönlichen Vertrauensbasis mit Praxispartnerinnen und -partnern (KInChem). § Audio-Mitschnitte und Protokolle der Szenario- Workshops (KInChem). § Die Rolle wurde in ca. 80 % aller Situationen eingenommen und diente z. T. als Rückzugsrolle (WTW, s. Hilger, Rose & Wanner, 2018). Quelle: Hilger, Rose, & Wanner, 2018, S. 143 (Spalten 1 & 2, eigene Übersetzung und Zusammenfassung); eigene (Spalte 3). Angesichts der aktiven Rolle von Forschenden im Reallaborprozess sowie des normativen Unterfangens von Reallaboren, einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung zu leisten, sind (Selbst-)Reflexionen im Reallaborprozess unabdingbar. So reflektieren die Forschenden z. B. anhand von Beobachtungsprotokollen und Forschungstagebüchern, inwiefern ihre Persönlichkeit und normative Haltung den Prozess beeinflussen (Wittmayer & Schäpke, 2014). Außerdem beinhaltet die Rolle der (selbst-)reflexiven Forschenden die Reflexion über interne und externe Machtstrukturen.
196_Wuppertal Paper Wuppertal Institut | 17 Die Forschungspraxis anhand des Reallabor-Prozesses Diese vier skizzierten Rollen stellen eine besondere Herausforderung im Forschungsalltag dar: So sind für bestimmte Rollen andere Fähigkeiten, Kompetenzen und Erfahrungen gefordert als für klassische Forschungsaktivitäten. Hinzu kommt, dass gewisse Rollen sehr ressourcenintensiv sind, was insbesondere in einer wissenschaftlichen Qualifizierungsphase virulent ist. Insgesamt zeigt sich, dass das Wissen über die verschiedenen, potenziell erforderlichen Rollen von Forschenden bei der Konzipierung oder Modifikation von Reallaboren hilfreich sein kann, konkret beispielsweise bei der Planung von Ressourcen oder der Besetzung von Stellen. In Tabelle 3 werden die Rollen erläutert und mit Erfahrungen der NaWi-Projekte ergänzt. Die Rolle der reflektierenden Forschenden wurde in allen Reallaboren eingenommen. Dies gilt auch für die Rolle der Facilitators. Um in dieser Rolle die Vermittlung zwischen unterschiedlichen Interessen zu fördern, empfiehlt KInChem die Entwicklung einer gemeinsamen Vision. Das Projekt WohnMobil betont, dass diese Rolle auch von Praxisakteuren eingenommen werden könne und solle. Die Change-Agent-Rolle war in allen Reallaboren ebenfalls sehr präsent. Auch hier weist WohnMobil erneut darauf hin, dass diese Rolle auch von Praxisakteuren eingenommen werden kann. Eigene Forschungen im WTW- Projekt haben ergeben, dass externer Handlungsdruck, Praxispartnerinnen und -partner mit weniger Ressourcen und das Fehlen einer funktionalen Projektgruppe in Kombination zur Übernahme der Change Agent Rolle führen. Hat man sowohl situationsadäquate Expertise (Wissen, Kompetenzen und Fähigkeiten) als auch wenig externen Handlungsdruck, nimmt man die Rolle hingegen nicht ein (Hilger, Rose & Wanner, 2018). Die Rolle der (selbst)reflexiven Forschenden wurde ebenfalls in allen Reallaboren eingenommen. Für KInChem ist für die adäquate Ausführung dieser Rolle der Aufbau einer persönlichen Vertrauensbasis mit den Praxispartnerinnen und -partner wichtig. Im WTW-Projekt wurde die Rolle (häufig als eine von mehreren) in 80 Prozent der Situationen eingenommen und diente mitunter als Rückzugsrolle (Hilger, Rose & Wanner, 2018). 3. Das Reallabor als Forschungsinfrastruktur Reallabore werden zurzeit mit einem starken Fokus auf die konstituierenden Charakteristika (Parodi, Albiez, Beecroft, et al., 2016; Schäpke, Stelzer, Caniglia, et al., 2018; Wanner, Hilger, Westerkowski, et al., 2018) sowie die angewandten Methoden, die Forschungspraxis sowie Lern- und Austauschprozesse diskutiert und eingerichtet (vgl. Jahn & Keil, 2016; Meyer-Soylu, Parodi, Trenks & Seebacher, 2016; Singer-Brodowski, Beecroft & Parodi, 2018; Ukowitz, 2017) bzw. kritisiert (Jaeger-Erben, Nagy, Schäfer, et al., 2018; Rogga, Zscheischler & Gaasch, 2018). Dadurch wird die Bedeutung einer guten Projekt- und Prozesssteuerung in transdisziplinären und transformativen Settings unterstrichen. Diese Prozessperspektive ist wertvoll und erhöht die Qualität und Reflexivität von Reallaboren. Sie hat daher auch die Entwicklung der oben vorgestellten Schlüsselkomponenten von
196_Wuppertal Paper Das Reallabor als Forschungsinfrastruktur 18 | Wuppertal Institut Reallaboren angeleitet. Gleichwohl sollten Reallabore auch auf ihre strukturellen Wirkungen und Bedingungen hin untersucht und gestaltet werden. Reallabore sind im Idealfall lang angelegte Forschungs- und Transformationsinfrastrukturen und stellen verschiedene Ressourcen und Regeln bereit (Parodi, Beecroft, et al., 2016, S. 11–13). Unter Rückgriff auf Giddens (1984) weisen Schneidewind, Augenstein, Stelzer & Wanner (2018) auf vier Modalitäten hin, die für die Etablierung und den Erfolg von Reallaboren relevant sind: interpretative Schemata wie geteilte Begrifflichkeiten oder Ortsidentität, Normen wie beispielsweise die Legitimität der Interventionen oder die Glaubwürdigkeit der Akteure sowie allokative Ressourcen in Form von Zeit und Geld und autoritative Ressourcen in Form von politischer und organisationaler Macht. Zusätzlich zu diesen Modalitäten, die Reallabore strukturell stabilisieren, wurden noch weitere Bedingungen untersucht, die Erfolg und Wirkung von Reallaboren beeinflussen. Neben basalen Dimensionen wie einem thematischen Zuschnitt, einer räumlichen Abgrenzung und der Laufzeit des Reallabors (vgl. Rose, Schleicher & Maibaum, 2017) wurden auch der Organisationsgrad und die Existenz einer Projektgruppe auf der Seite der Praxispartnerin oder des Praxispartners, die grundsätzlichen sozioökonomischen Rahmenbedingungen im Reallabor-Forschungsraum sowie vorhandene Erfahrungs- und Wissensbestände (vgl. Hilger, Rose & Wanner, 2018) als ausschlaggebende Merkmale beschrieben und analysiert (siehe Tabelle 4). Der thematische Fokus der Reallabore ist je Reallabor sehr unterschiedlich. Räumlich sind die Reallabore bei WTW (Stadtquartier) und WohnMobil (Nachbarschaft) eng begrenzt, im Falle von KInChem jedoch ohne klare räumliche Zuordnung. Die Reallabore hatten eine Laufzeit von zwei bis drei Jahren und werden teilweise in Folgeprojekten weitergeführt, teils ohne dezidierte wissenschaftliche Begleitung. Im Prozess wurden gemeinsam Narrative entwickelt, die mitunter eine motivationale Wirkung entfalten konnten (WTW, KInChem). Bestimmte Begriffe und Konzepte dienten inhaltlich und kommunikativ als übergreifender Bezugsrahmen für verschiedene Reallabore (WTW). Im WohnMobil- Projekt wurden interpretative Schemata nicht reflektiert. Die Glaubwürdigkeit und der gute Ruf der Reallabor-Forschenden bzw. der dahinterstehenden wissenschaftlichen Institutionen erwies sich in der praktischen Reallaborarbeit als hilfreich (KInChem, WTW). Vereinzelt äußerten Praxispartnerinnen und -partner Stolz darüber, dass ihre Projekte von wissenschaftlichen Institutionen analysiert werden (WTW). Der Ressourcenbedarf, insbesondere auch der Personalbedarf wurde bei WohnMobil und WTW unterschätzt. Im WTW-Projekt wirkte sich nachteilig aus, dass der Praxisseite keine eigenen Drittmittel für ihre Aktivitäten in den Reallaboren zur Verfügung standen. Dies wurde seitens der Praxispartnerinnen und -partner wiederholt kritisiert. In allen Reallaboren erlaubte ein guter Zugang zu den relevanten Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern die Nutzung autoritativer Ressourcen.
196_Wuppertal Paper Wuppertal Institut | 25 Empfehlungen n Affinität der Praxispartnerinnen und -partner zu Wissenschaft und Nachhaltigkeit fördern bzw. bei Auswahl der Praxispartnerinnen und -partner berücksichtigen (Hessels, de Jong & Brouwer, 2018; Rose, Schleicher & Maibaum, 2017). n Frühe Generierung von greifbaren Zwischenergebnissen (Rose, Schleicher & Maibaum, 2017). n Einbindung von wissenschaftlichem Personal mit hoher Fachkompetenz, welches zugleich in politisch-regulatorische Prozesse eingebunden ist, schafft seitens der Praxisakteure die Erwartung, nicht nur zusätzliches Wissen zu erwerben, sondern auch die Chance zu bekommen, über die Mitwirkung am Reallabor diese Prozesse zu beeinflussen. Dies motiviert zur Mitwirkung (KInChem). n Erfolg ist abhängig von einer gemeinsamen Fragestellung und der Eigen- Motivation der Akteure. Diese sind allerdings durch das Alltagsgeschäft und hergebrachte Denkmuster und Routinen nicht selten verschüttet und bedürfen daher der Freilegung beispielsweise durch aktivierende Workshops (KInChem). Ressourcenknappheit vorbeugen und managen n Planung und ggf. Einwerbung der Ressourcenausstattung (auch) der Praxispartnerinnen und -partner (WTW; WM; Parodi, Ley, et al., 2018). n Im Falle weniger Ressourcen ggf. auf bereits vorhandene Prozesse/Projekte „aufspringen “ („bandwaggoning“) und diese zu Reallaboren ausbauen. Hier ist das Katalysieren von Transformationen ggf. effizienter als das Initiieren und Aufbauen von Transformationsprojekten von Grund auf (Rose, Schleicher & Maibaum, 2017). n Bei wenig Personal und Ressourcen bleibt beim häufigen Übernehmen der Change-Agent-Rolle seitens der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ggf. wenig Zeit für konventionelle Forschung. Sollte diese essenziell sein (bzw. für Qualifikationsarbeiten) empfiehlt es sich, bewusst Settings ohne externen Handlungsdruck und mit situationsadäquatem Wissen auf Forschendenseite zu schaffen (WTW; Hilger, Rose & Wanner, 2018). Reallaborimmanente Zielkonflikte adressieren n Zielkonflikt zwischen dem Katalysieren praktischer Outcomes und dem Ziel wissenschaftlicher Qualität ausbalancieren (Hilger et al., 2018; Newig, Jahn, Lang, Kahle & Bergmann, 2019; Rose, Schleicher & Maibaum, 2017; Rose & Maibaum, under review; Schäpke, Stelzer, et al., 2018). n Sicherung der institutionellen und ideellen Unterstützung der transdisziplinären Reallabor-Forschung, auch angesichts wissenschaftstheoretischer und -politischer Konflikte bezüglich dieses Forschungsmodus (Mauser, Klepper, Rice, et al., 2013; Rose, Schleicher & Maibaum, 2017; Scholz & Steiner, 2015).
196_Wuppertal Paper Empfehlungen 26 | Wuppertal Institut n Bei Promovierenden und Habilitierenden: Frühzeitige Absprache der Art der Qualifizierungsarbeit und des Forschungsdesigns mit potenziellen Betreuenden, da transdisziplinär-transformative Forschung klassischdisziplinären Forschungslogiken, wie sie i. d. R. in Dissertationen und Habilitationen gefordert sind, teilweise zuwiderläuft. Für die Qualifizierungsarbeit muss außerdem zusätzliche Zeit eingeplant werden, da die praktischen Reallaborarbeit oft sehr einnehmend ist (WTW; Parodi, Ley, et al., 2018; Rose, Schleicher & Maibaum, 2017; Ruppert-Winkel, C., Arlinghaus, R., Deppisch, et al., 2015). n Im Management und Design der Reallabore sind folgende weitere Zielkonflikte zu berücksichtigen: n Offenheit vs. Geschlossenheit der Projektgruppe (à Partizipation); n Exploration von Innovationen vs. ökonomische Verwertungsinteressen; n Generalisierungs- und Transfermöglichkeiten vs. idiosynkratrische Erkenntnisse (Engels & Rogge, 2018). Reallabore sind, wie der Begriff impliziert, Experimentierräume mit flexiblen, ergebnisoffenen Prozessen. Ein Erfolg, wie auch immer im Einzelfall definiert, kann daher durch diese erfahrungs- und literaturbasierten Empfehlungen und Erfolgsfaktoren nicht garantiert werden. Nichtsdestotrotz können die genannten Faktoren helfen, von den Erfahrungen der NaWi- Reallabore zu lernen und mögliche Fallstricke bei der Realisierung neuer Reallabore zu vermeiden. Das Potenzial, das in Reallaboren für die Transformation zur Nachhaltigkeit steckt, ist längst noch nicht ausgeschöpft.
196_Wuppertal Paper Wuppertal Institut | 27 Danksagung Danksagung Wir danken Prof. Dr. Martin Führ, Dr. Silke Kleinhauer, Dr. Julian Schenten (alle KInChem) und Dr. Jutta Deffner (WM) für die ausführliche Beantwortung und Kommentierung unseres Fragebogens, Dr. Ben Best und Dr. Franziska Stelzer für ihre wertvollen Hinweise im Begutachtungsverfahren, der WTW-Projektleiterin Prof. Dr. Maria Behrens und dem WTW- Projektleiter Prof. Dr. Uwe Schneidewind sowie dem gesamten WTW-Team für ihre Unterstützung, Prof. Dr. Rainer Walz und Dr. Matthias Gotsch für die Herausgeberschaft der ersten Auflage dieser Studie als NaWiKo Synthese Working Paper No. 1, Annika Rehm und dem gesamten Wuppertal- Institut-Team für die Herausgeberschaft dieser zweiten, aktualisierten und erweiterten Auflage als Wuppertal Paper 196, und dem BMBF für die Förderung des WTW-Projekts unter dem Förderkennzeichen 01UT1412A im Rahmen des Förderschwerpunkts „Sozial-ökologische Forschung“ in der Fördermaßnahme „Nachhaltiges Wirtschaften“. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Studie liegt allein bei den Autorinnen und Autoren.
196_Wuppertal Paper 28 | Wuppertal Institut Literaturverzeichnis Literaturverzeichnis Behrens, M. & Keil, A. (2019). Wuppertal - städtische Transformation auf der Maßstabsebene des Quartiers. In O. Schnur, M. Drilling & O. Niermann (Hrsg.), Ökonomie im Quartier: Von der sozialräumlichen Intervention zur Post-Wachstumsgesellschaft (S. 191–215). Wiesbaden: Springer VS. BMWi. (2019). Freiräume für Innovationen. Das Handbuch für Reallabore. (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Hrsg.). Verfügbar unter: https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Digitale-Welt/handbuch-fuer- reallabore.pdf?__blob=publicationFile&v=11 Defila, R. & Di Giulio, A. (2018). What Is It Good For? Reflecting and Systematizing Accompanying Research to Research Programs. GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society, 27(S1), 97–104. https://doi.org/10.14512/gaia.27.S1.17 Eckart, J., Ley, A., Häußler, E. & Erl, T. (2018). Leitfragen für die Gestaltung von Partizipationsprozessen in Reallaboren. In A. Di Giulio & R. Defila (Hrsg.), Transdisziplinär und Transformativ Forschen (S. 105–135). Wiesbaden: Springer VS. Engels, A. & Walz, K. (2018). Dealing with Multi-Perspectivity in Real-World Laboratories: Experiences from the Transdisciplinary Research Project Urban Transformation Laboratories. GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society, 27(S1), 39–45. https://doi.org/10.14512/gaia.27.S1.10 Engels, F. & Rogge, J.-C. (2018). Tensions and Trade-offs in Real-World Laboratories - The Participants’ Perspective. GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society, 27(S1), 28–31. https://doi.org/10.14512/gaia.27.S1.8 Giddens, A. (1984). The Constitution of Society: Outline of the Theory of Structuration. Berkeley: University of California Press. Haake, H., Hilger, A., Maibaum, K., Mathiaszyk, L., Rose, M., Schleicher, K., Spiker, O., de Stena, U., & Wanner, M. (2018). Wohlstands-Transformation Wuppertal. Wuppertal: Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit. Verfügbar unter: https://transzent.uni-wuppertal.de/ fileadmin/transzent/WTW- Output/WTW_Brosch%C3%BCre_Einzelseiten_2018.pdf Heiskanen, E., Laakso, S., Matschoss, K., Backhaus, J., Goggins, G. & Vadovics, E. (2018). Designing Real-World Laboratories for the Reduction of Residential Energy Use: Articulating Theories of Change. GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society, 27(S1), 60–67. https://doi.org/10.14512/gaia.27.S1.13 Herrero, P., Dedeurwaerdere, T. & Osinski, A. (2019). Design Features for Social Learning in Transformative Transdisciplinary Research. Sustainability Science, 14(3), 751–769. https://doi.org/10.1007/s11625-018-0641-7 Hessels, L., de Jong, S. & Brouwer, S. (2018). Collaboration between Heterogeneous Practitioners in Sustainability Research: A Comparative Analysis of Three Transdisciplinary Programmes. Sustainability, 10(12), 4760. https://doi.org/10.3390/su10124760 Hilger, A. (2018). Einflüsse auf den Wohnungsleerstand. Wuppertal: Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit. Verfügbar unter: https://www.transzent.uniwuppertal.de/fileadmin/transzent/WTW-Output/Konstellationsanalyse_zu_Wohnungs leerstand_Hilger.pdf Hilger, A., Rose, M. & Wanner, M. (2018). Changing Faces - Factors Influencing the Roles of Researchers in Real-World Laboratories. GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society, 27(1), 138–145. https://doi.org/10.14512/gaia.27.1.9 Jaeger-Erben, M., Nagy, E., Schäfer, M., Süßbauer, E. & Zscheischler, J. (2018). Von der Programmatik zur Praxis: Plädoyer für eine Grounded Theory transformationsorientierter Forschung. GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society, 27(1), 117–121. https://doi.org/10.14512/gaia.27.1.5 Jahn, T., Bergmann, M. & Keil, F. (2012). Transdisciplinarity: between mainstreaming and marginalization. Ecological Economics, 79, 1–10. https://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2012.04.017
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