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Auswirkungen eines Erdgasembargos auf die gesamtwirtschaftliche Produktion in Deutschland

Krebs, Tom

Abstract

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Krebs, Tom Research Report Auswirkungen eines Erdgasembargos auf die gesamtwirtschaftliche Produktion in Deutschland IMK Study, No. 79 Provided in Cooperation with: Macroeconomic Policy Institute (IMK) at the Hans Boeckler Foundation Suggested Citation: Krebs, Tom (2022) : Auswirkungen eines Erdgasembargos auf die gesamtwirtschaftliche Produktion in Deutschland, IMK Study, No. 79, Hans-Böckler-Stiftung, Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Düsseldorf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/264312 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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In einem Basisszenario führt ein sofortiges Gasembargo zu einem kurzfristigen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 3,2 Prozent bis 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Sollte sich die Erdgasverfügbarkeit nach dem Embargo sehr günstig entwickeln (alternatives Szenario), dann wäre mit einem kurzfristigen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion zwischen 1,2 Prozent und 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu rechnen. Neben den angebotsseitigen Effekten sind die nachfrageseitigen Effekte eines Embargos zu berücksichtigen; gemäß aktueller Studien verringern die nachfrageseitigen Effekte eines Energieembargos (Kohle, Erdöl, Erdgas) das Bruttoinlandsprodukt kurzfristig zwischen 2 Prozent und 4 Prozent. Schließlich würde ein sofortiges Erdgasembargo auch dauerhafte wirtschaftliche Schäden verursachen, weil es Produktionspotenziale reduziert und Wachstumskräfte schwächt. Die Berechnungen der wirtschaftlichen Folgen eines Erdgasembargos sind mit großer Unsicherheit verbunden, die über das normale Maß an Unsicherheit ökonomischer Studien hinausgeht. ————————— 1 Universität Mannheim, Fachbereich Volkswirtschaftslehre: [email protected] 1 Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung Auswirkungen eines Erdgasembargos auf die gesamtwirtschaftliche Produktion in Deutschland Tom Krebs1 9. Mai 2022 Zusammenfassung Die vorliegende Studie untersucht die Auswirkungen eines sofortigen Lieferstopps russischen Erdgases auf die gesamtwirtschaftliche Produktion in Deutschland. Dieser Lieferstopp kann entweder die Folge eines Importembargos der Europäischen Union oder einer Entscheidung Russlands (Exportembargo) sein. Der Fokus der Analyse liegt auf den angebotsseitigen Effekten, die aufgrund einer Verknappung des Erdgasangebots im industriellen Sektor entstehen und entlang der Wertschöpfungsketten auf die Gesamtwirtschaft ausstrahlen. In einem Basisszenario führt ein sofortiges Gasembargo zu einem kurzfristigen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 3,2 Prozent bis 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Sollte sich die Erdgasverfügbarkeit nach dem Embargo sehr günstig entwickeln (alternatives Szenario), dann wäre mit einem kurzfristigen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion zwischen 1,2 Prozent und 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu rechnen. Neben den angebotsseitigen Effekten sind die nachfrageseitigen Effekte eines Embargos zu berücksichtigen; gemäß aktueller Studien verringern die nachfrageseitigen Effekte eines Energieembargos (Kohle, Erdöl, Erdgas) das Bruttoinlandsprodukt kurzfristig zwischen 2 Prozent und 4 Prozent. Schließlich würde ein sofortiges Erdgasembargo auch dauerhafte wirtschaftliche Schäden verursachen, weil es Produktionspotenziale reduziert und Wachstumskräfte schwächt. Die Berechnungen der wirtschaftlichen Folgen eines Erdgasembargos sind mit großer Unsicherheit verbunden, die über das normale Maß an Unsicherheit ökonomischer Studien hinausgeht. 1 Universität Mannheim, Fachbereich Volkswirtschaftslehre: [email protected] 2 Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung 2. Erdgasverfügbarkeit 2.1 Der ursprüngliche Erdgasschock 2.2 Erdgasverfügbarkeit nach dem Embargo 2.3 Erdgasverfügbarkeit nach dem Embargo im Industriesektor 2.4 Erdgasverfügbarkeit im alternativen Szenario 3. Produktionsrückgang in der erdgasintensiven Industrie 3.1 Die erdgasintensiven Industriezweige 3.2 Substitutionsmöglichkeiten der erdgasintensiven Industrie 3.3 Produktionsrückgang in der erdgasintensiven Industrie 3.4 Produktionsrückgang in der erdgasintensiven Industrie im alternativen Szenario 4. Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Produktion 4.1 Methodik 4.2 Ergebnisse 4.3 Dauerhafte Schäden und soziale Folgen 5. Einordnung der Ergebnisse 5.1 Ökonomische Literatur zu angebotsseitigen Effekten 5.2 Simulationsanalysen zu nachfrageseitigen Effekten 5.3 Simulationsanalysen der Bundesbank (2022) und im Rahmen der Gemeinschaftsdiagnose (GD, 2022a,b) 5.4 Studie von Bachmann et al. (2022) 5.5. Übersicht der Ergebnisse aktueller Studien 3 1. Einleitung Die Ukrainekrise hat die Schwächen der deutschen Energiepolitik der letzten zwei Dekaden aufgezeigt: Die Erdgasversorgung hängt zur Hälfte von russischen Importen ab. In dieser Studie soll die Frage untersucht werden, welche Auswirkungen ein mögliches Erdgasembargo auf die gesamtwirtschaftliche Produktion in Deutschland haben könnte. Dazu wird ein hypothetischer Stopp russischer Erdgasimporte nach Deutschland betrachtet, der Anfang Mai 2022 in Kraft tritt und mindestens ein Jahr gilt. Dieser Lieferstopp kann entweder die Folge eines Importembargos der Europäischen Union oder einer Entscheidung Russlands (Exportembargo) sein. Die Analyse der Auswirkungen eines Gasembargos im Zeitraum Mai 2022 bis April 2023 erfolgt in vier Schritten. In einem ersten Schritt wird der zu erwartende Rückgang des Erdgasangebots in Deutschland berechnet. Im Basisszenario führt der Stopp russischer Gasimporte zu einem Verlust von 430 TWh Erdgas, von dem 140 TWh kurzfristig durch zusätzliche Importe aus dem nicht-russischen Ausland ersetzt werden können. Es verbleibt also ein Nettorückgang des kurzfristig unelastischen Erdgasangebots von 290 TWh oder 32 Prozent des gesamten Verbrauchs in 2021. Dies definiert den negativen Erdgasschock, der Deutschland im Falle eines Erdgasembargos treffen würde. Das Basisszenario setzt voraus, dass Deutschland und die EU ihre Pläne für den Ersatz russischen Erdgases erfüllen. In einem alternativen Szenario wird die Annahme getroffen, dass diese Pläne übererfüllt werden. Konkret können im Alternativszenario kurzfristig 190 TWh statt 140 TWh Erdgas aus dem nicht-russischen importiert werden, so dass das effektive Erdgasangebot in Deutschland um 240 TWh oder 27 Prozent des Verbrauchs in 2021 zurückgehen würde. In einem zweiten Schritt der Analyse wird abgeschätzt, wie sich der negative Erdgasschock auf die verschiedenen Bereiche der deutschen Volkswirtschaft verteilt. Nach aktuellen Berechnungen kann die Energiewirtschaft kurzfristig bis zu 105 TWh Erdgas einsparen bzw. ersetzen, ohne die Energieversorgung zu gefährden. Zudem kann der Erdgasverbrauch im Gebäudebereich um rund 55 TWh reduziert werden, indem private Haushalte ihr Verhalten ändern (z.B. Absenkung der Raumtemperatur), die Betriebseinstellungen verbessert werden (z.B. wassersparende Armaturen) und investive Maßnahmen getätigt werden (z.B. Einbau von Wärmepumpen). Damit verbleibt ein „Defizit“ von 130 TWh im Basisszenario bzw. 80 TWh im alternativen Szenario, das durch eine Reduktion des Erdgasverbrauchs in der Industrie ausgeglichen werden muss. Dies definiert den negativen Erdgasschock, der die Industrie treffen würde. Dieser Erdgasschock beträgt 41 Prozent des industriellen Erdgasverbrauchs im Basisszenario und 16 Prozent des Erdgasverbrauchs im alternativen Szenario. In einem dritten Schritt wird der kurzfristige Produktionsrückgang in der erdgasgasintensiven Industrie berechnet, der als Folge der Verknappung des Erdgasangebots zu erwarten ist. In der deutschen Industrie wird Erdgas hauptsächlich in sechs erdgasintensiven Industriezweigen genutzt. Für diese Industriezweige ist Erdgas ein essenzieller und schwer ersetzbarer Inputfaktor im Produktionsprozess. Im Basisszenario führt ein Lieferstopp russischen Erdgases zu einem Produktionsverlust in der erdgasintensiven Industrie, der einem Rückgang der Bruttowertschöpfung um 1,6 Prozent des BIPs entspricht. Im 4 alternativen Szenario ergibt sich ein Verlust der Bruttowertschöpfung von 0,6 Prozent des BIPs in den erdgasintensiven Industriezweigen. Dies definiert den ökonomischen Erstrundeneffekt eines Erdgasembargos in der vorliegenden Studie. In einem vierten und letzten Schritt werden die gesamtwirtschaftlichen Folgen eines sofortigen Stopps russischer Gasimporte berechnet. In diesem Schritt wird abgeschätzt, inwieweit sich ein kurzfristiger Produktionsrückgang in den erdgasintensiven Industriezweigen (Erstrundeneffekt) über Produktionsverflechtungen ausbreitet und verstärkt (Zweitrundeneffekt). Die erdgasintensive Industrie in Deutschland steht größtenteils am Anfang einer komplexen Wertschöpfungskette und produziert spezialisierte Vorprodukte, die kurzfristig nicht einfach zu ersetzen sind. Ein abrupter Produktionsrückgang bzw. Stillstand in der Grundstoff- oder Metallindustrie würde über sogenannte Netzwerk- bzw. Kaskadeneffekte zu Unterbrechungen in den nachgelagerten Produktionsketten führen und so auf die gesamte Wirtschaft ausstrahlen. Auf Basis der vorhandenen, jedoch limitierten Evidenz wird in der vorliegenden Studie angenommen, dass sich der ursprüngliche Produktionsrückgang in der erdgasintensiven Industrie über die Unterbrechung von Wertschöpfungsketten kurzfristig mindestens verdoppelt und höchstens auf das fünffache verstärkt. Damit ergibt sich für das Basisszenario ein Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 3,2 bis 8 Prozent des BIPs und im alternativen Szenario um 1,2 bis 3 Prozent des BIPs im Zeitraum Mai 2022 bis April 2023. Der Fokus der vorliegenden Analyse liegt auf der Frage, inwieweit ein Erdgasembargo über einen angebotsseitigen Wirkungskanal die gesamtwirtschaftliche Produktion reduziert. Ein Embargo beeinflusst jedoch auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage aufgrund steigender Energiepreise und steigender Unsicherheit. Simulationsanalysen auf Basis makroökonomischer Modelle ergeben einen Produktionsrückgang von 2 bis 4 Prozent des BIPs aufgrund dieser nachfrageseitigen Effekte (Bundesbank, 2022, IMK, 2022, SVR, 2022a). Der Gesamteffekt eines Energieembargos (Kohle, Öl und Erdgas) ergibt sich approximativ aus der Summe der Nachfrage- und Angebotseffekte (Bundesbank, 2022, SVR, 2022a), wobei die Qualität dieser Approximation von verschiedenen, unsicheren Faktoren abhängt. Im Basisszenario ist also mit einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion zwischen 5,2 und 12 Prozent zu rechnen, während im alternativen Szenario ein Rückgang von 3,2 bis 7 Prozent des BIPs zu erwarten ist. Die Spannbreite dieser Zahlen verdeutlicht, wie groß die Unsicherheit hinsichtlich der wirtschaftlichen Folgen eines Erdgasembargos ist. Die Ergebnisse dieser Studie können wie folgt zusammengefasst werden. Ein sofortiger und vollständiger Stopp russischer Erdgasimporte würde, in Kombination mit dem bereits beschlossenen Kohleembargo und dem anstehenden Ölembargo, wahrscheinlich zu einem Wirtschaftseinbruch führen, der vergleichbar mit dem BIP-Rückgang in der Finanzkrise 2009 oder der Corona-Krise 2020 ist. Im besten Fall könnte es „nur“ zu einer spürbaren Rezession in Deutschland kommen, aber im ungünstigsten Fall würde ein sofortiges Embargo eine Wirtschaftskrise verursachen, wie sie (West)Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt hat. Darüber hinaus wären die sozialen Folgen mit hoher Wahrscheinlichkeit gravierender als in den vorherigen zwei Krisen. Dies hat zwei Gründe. 5 Zum Ersten wäre bei einem vollständigen Energieembargo mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit zu rechnen, der nicht einfach mit einer weiteren Ausweitung des Kurzarbeitergelds aufgefangen werden könnte. Große Teile der deutschen Industrie sind nach zwei Jahren Corona-Krise, globalen Lieferkettenproblemen und klimapolitischen Transformationsdruck geschwächt, so dass eine energiepolitische Schocktherapie dazu führen könnte, dass auch Unternehmen mit an sich tragfähigem Geschäftsmodell in die Insolvenz gehen oder ihre Produktion ins (nicht-europäische) Ausland verlegen würden. Allgemein haben Wirtschaftskrisen in der Vergangenheit immer wieder dauerhafte Schäden verursacht – dies ist der sogenannte Hysterese-Effekt von Rezessionen. Die schnelle Erholung der deutschen Wirtschaft nach der globalen Finanzkrise 2008/2009 ist also nicht die Regel und es spricht vieles dafür, dass eine energiebedingte Wirtschaftskrise weniger kurzlebig wäre als die Finanzkrise in Deutschland. Zum Zweiten würde eine Wirtschaftskrise in den Jahren 2022 und 2023 vor dem Hintergrund hoher Inflationsraten stattfinden. Ein Gasembargo ist ein negativer Angebotsschock und könnte die derzeit hohen Preissteigerungsraten noch weiter in die Höhe treiben – zweistellige Inflationsraten wären sicherlich möglich. Doch Inflation trifft überwiegend die unteren und mittleren Einkommen, so dass soziale Spannungen verschärft werden. Darüber hinaus verengt ein sofortiges Gasembargo den bereits sehr engen Spielraum der Geldpolitik. Schließlich müsste auch die Fiskalpolitik vorsichtiger agieren als in der Corona-Krise, um die Inflation nicht weiter anzuheizen. Aus wirtschaftspolitischer Sicht sind negative Angebotsschocks immer eine komplexe Herausforderung, für die es keine wirklich befriedigende wirtschaftspolitische Lösung gibt. In diesem Sinne sind negative Angebotsschocks, die eine schwere Wirtschaftskrise verursachen, eine wirtschaftspolitische Katastrophe. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie sind mit großer Unsicherheit verbunden, die über das normale Maß an Unsicherheit ökonomischer Studien hinausgeht. Die aktuell zur Verfügung stehenden makroökonomischen Konjunkturmodelle sind nicht entwickelt worden, um den hier erörterten, angebotsseitigen Wirkungskanal abzubilden. Darüber hinaus treten während Wirtschaftskrisen häufig neue Wirkungsmechanismen und verstärkende Effekte auf, die in den gängigen Konjunkturmodellen keine große Rolle spielen. Schließlich gibt es derzeit nur begrenzte empirische Evidenz hinsichtlich möglicher Kaskadeneffekte, die bei einer abrupten Unterbrechung von Produktionsketten zu erwarten sind. In diesem Sinne befinden sich die Wirtschaftswissenschaften derzeit in einer Lage ähnlich wie vor der Finanzkrise 2008/2009, in der die meisten Ökonomen und alle zur Verfügung stehenden Konjunkturmodelle die realwirtschaftlichen Auswirkungen der Insolvenz von Lehman Brothers unterschätzten. Ein Erdgasembargo hätte nicht nur wirtschaftliche Kosten für Deutschland und Europa, sondern auch einen Nutzen; beispielsweise könnte ein solches Embargo den Ukrainekrieg verkürzen. Die Frage nach dem möglichen Nutzen eines Embargos hat nicht nur eine ökonomische Dimension (Effekt auf russische Wirtschaft), sondern berührt auch machtpolitische Aspekte (Effekt auf Putins Entscheidungen). Eine solche Nutzenanalyse würde den Rahmen der vorliegenden Studie sprengen und wird daher nicht durchgeführt. 6 2. Erdgasverfügbarkeit 2.1 Der ursprüngliche Erdgasschock Es soll das folgende Szenario betrachtet werden. Anfang Mai 2022 wird ein sofortiger und vollständiger Lieferstopp russischer Erdgasimporte nach Deutschland und anderen europäischen Staaten umgesetzt, der mindestens ein Jahr, also bis Ende April 2023, Bestand hat. Dieser Lieferstopp kann entweder die Folge eines Importembargos der Europäischen Union oder einer Entscheidung Russland (Exportembargo) sein. Die Zeitschiene bis April 2023 definiert die kurze Frist in der vorliegenden Studie. Im Vergleich zu Öl und Kohle ist Erdgas der Energieträger, der kurzfristig am schwierigsten zu ersetzen ist. Deutschland und die EU-Mitgliedsstaaten haben kurzfristig kaum zusätzliche Produktionskapazitäten und können Erdgas nicht unbegrenzt auf dem „Weltmarkt“ einkaufen, weil kurzfristig die Transportmöglichkeiten durch das bestehende Leitungsnetz und das Angebot an Flüssigerdgas (LNG) begrenzt sind. Es gibt also beim Erdgas kurzfristig physikalische Restriktionen, die eine ökonomische Analyse beachten muss. Zudem ist das Leitungsnetz für Erdgas ein europäisches Netz, so dass die Frage eines Gasembargos immer auf europäischer Ebene entschieden werden sollte.2 Im Jahr 2021 wurden in Deutschland circa 912 Terawattstunden (TWh) Erdgas verbraucht, wovon knapp die Hälfte (430 TWh) aus Russland importiert wurde (Agora, 2022).3 Im Falle eines sofortigen Lieferstopps könnte ein Teil dieser 430 TWh ersetzt werden durch alternative Importe. Basierend auf den Plänen der EU-Kommission (EU, 2022) und den Analysen der Internationalen Energieagentur (2022) schätzt die Studie von Agora (2022), dass die EU-Mitgliedsstaaten kurzfristig circa 500 TWh Erdgas zusätzlich importieren und produzieren können, wovon Deutschland ca. 140 TWh (15% des deutschen Jahresverbrauchs in 2021) erhalten würde. Dieses Szenario ist das Basisszenario in der vorliegenden Analyse. Es setzt voraus, dass die EU ihre Pläne für zusätzliche Erdgasimporte vollständig umsetzt und Deutschland circa ein Drittel der zusätzlichen Importe im europäischen Verhandlungsprozess zugesprochen bekommt. Das erscheint ambitioniert, aber im Prinzip möglich. Zudem muss die zusätzliche Menge über das bestehende Leitungsnetz nach Deutschland transportiert werden; dies ist nach aktuellen Berechnungen möglich (DIW, 2022). Im Basisszenario führt ein sofortiges Gasembargo zu einem Verlust russischer Gasimporte von 430 TWh, der durch den Importersatz von 140 TWh abgefedert wird. Es verbleibt also ein „Defizit“ von ca. 290 TWh Erdgas oder 32 % des Verbrauchs in 2021. Aus ökonomischer Sicht ist die kurzfristige Angebotsfunktion für Erdgas in Deutschland unelastisch bzw. sie wird unelastisch in dem ökonomisch relevanten Bereich. Ein sofortiger Stopp russischer Erdgasimporte würde diese unelastische Angebotsfunktion „netto“ um circa 290 TWh 2 Beispielsweise wird knapp die Hälfte des Erdgases, das Deutschland aus Russland bezieht, an andere europäische Länder weitergeleitet. Insofern ist es nicht überraschend, dass die Europäische Union Anfang April ein Kohleembargo (mit viermonatiger Umsetzungsfrist) beschlossen hat und aktuell ein Ölembargo intensiv diskutiert, doch ein Erdgasembargo von mehreren EU-Staaten sehr kritisch gesehen wird. 3 Die Angaben beziehen sich immer auf TWh Hu. 7 (knapp ein Drittel) nach links verschieben. Anders gesagt: Es gibt kurzfristige Kapazitätsgrenzen, die bindend sind und deshalb nicht ignoriert werden können.4 Die begrenzten Möglichkeiten, Erdgasimporte aus Russland im ersten Jahr durch alternative Importe zu ersetzen, widerspricht nicht den Plänen der Bundesregierung, sich bis 2024 weitgehend aus der Abhängigkeit von russischen Erdgasimporte zu befreien (BMWK, 2022a). Wenn es um Erdgas geht, besteht ein erheblicher Unterschied zwischen einem Anpassungszeitraum von maximal einem Jahr und einem dreijährigen Anpassungszeitraum. Dies gilt sowohl hinsichtlich der Möglichkeiten, russische Erdgasimporte durch Importe aus anderen Ländern zu ersetzen, als auch hinsichtlich der Möglichkeiten, in der Produktion Erdgas durch alternative Energieträger (Öl, Kohle, Strom) zu ersetzen. Im Gegensatz dazu ist ein schneller Ausstieg aus russischen Kohle- und Ölimporten zwar kostspielig, aber handhabbar. Deshalb hat die Bundesregierung bereits im März 2022 das Ende russischer Kohle- und Ölimporte bis Ende des Jahres 2022 angekündigt, aber beim Erdgas erst 2024 als mögliches Enddatum genannt (BMWK, 2022a). 2.2 Erdgasverfügbarkeit nach dem Embargo Im Basisszenario würden nach einem Gasembargo rund 290 TWh bzw. 32% des Erdgasverbrauchs 2021 fehlen. Dies definiert die erwartete Erdgasverfügbarkeit bzw. die Versorgungslücke nach einem Erdgasembargo unter der Annahme, dass sich ohne ein Embargo der erwartete Verbrauch im Zeitraum April 2022 bis April 2023 auf 912 TWh belaufen würde. Diese 290 TWh müssen also im Falle eines Erdgasembargos eingespart werden. Erdgas wird in Deutschland hauptsächlich in drei Bereichen verwendet (Agora, 2022): Gebäude (340 TWh), Energiewirtschaft inklusive Umwandlungssektor (278 TWh) und Industrie (245 TWh). Im Falle eines Stopps russischer Erdgasimporte würde wahrscheinlich der Notfallplan für die Erdgasversorgung (BMWi, 2019) sofort in Kraft treten und auch im Sommer nicht aufgehoben werden. Das bedeutet eine Art „Kriegswirtschaft“ mit teilweise zentral geplanter Gasverteilung nach dem Embargo. Der Notfallplan müsste auch im Sommer 2022 aktiv sein, obwohl in den Sommermonaten das Erdgasangebot auch ohne russische Importe die gesamte Energienachfrage in den drei genannten Bereichen wahrscheinlich (knapp) bedienen könnte.5 Dies hat zwei Gründe. Erstens ist eine regionale Erdgasversorgung keineswegs gesichert, auch wenn im Aggregat das Angebot ausreicht. Denn Erdgas wird über Leitungsnetze zu den Verbrauchern transportiert, in denen Erdgas aus Norwegen oder den Niederlanden nicht sofort das fehlende Erdgas aus Russland, das hauptsächlich im Osten und Süden Deutschlands genutzt 4 Die Existenz kurzfristiger Kapazitätsgrenzen für das Erdgasangebot ist zudem ein Grund, warum Berechnungen auf Basis von vereinfachten Formeln, in denen der Marktwert der Erdgasimporte und die Veränderung dieses Marktwertes die bestimmenden Faktoren sind, mathematisch korrekte, aber ökonomisch irreführende Ergebnisse erzeugen – siehe Kapitel 5 für Details. 5 In den Monaten Juni, Juli und August fällt der monatliche Erdgasverbrauch üblicherweise stark ab. Nach einer Reduktion des jährlichen Erdgasangebots um 290 TWh beläuft sich das zu erwartenden durchschnittliche monatliche Angebot auf gut 52 TWh. Wenn für die ersten Monate nach dem Embargo jedoch eine Reduktion von 430 TWh zugrunde gelegt wird, weil die in Kapitel 1 diskutierten Ersatzmöglichkeiten Zeit benötigen, dann wäre das anfängliche Erdgasangebot nur 40 TWh pro Monat. 14 Die bisherigen Überlegungen berücksichtigen kurzfristige Substitutionspotenziale, aber sie vernachlässigen, dass die notwendige Reduktion des Erdgasverbrauchs nicht gleichmäßig über die verbleibenden Produktionsprozesse verteilt werden muss. Im Prinzip können die Einsparungen von insgesamt 81 TWh dort erfolgen, wo die Bruttowertschöpfung am niedrigsten ist. Das bedeutet, dass der resultierende Produktionsverlust im Industriebereich durch eine zielgenaue Allokation der Energieeinsparungen verkleinert werden kann. Dies widerspricht nicht der Annahme einer Leontief-Produktionsfunktion auf Unternehmensebene. Die einzelnen Produktionsprozesse werden zwar durch eine Leontief- Produktionsfunktion beschrieben, aber diese haben unterschiedliche Produktivitäten und diese Heterogenität kann ein Allokationsmechanismus ausnutzen, um den industrieweiten Produktionsverlust verursacht durch einen Rückgang des Erdgasangebots zu minimieren. Allgemein gesprochen kann die Allokation des Erdgases dezentral über „den Markt“ oder zentral über „den Staat“ erfolgen. Die Allokation über den Marktmechanismus (z.B. Auktionen durchgeführt durch die Bundesnetzagentur) hätte den prinzipiellen Vorteil, dass unter Idealbedingungen eine effiziente Allokation gewährleistet werden kann. Doch diese Idealbedingungen wären im Falle eines Erdgasembargos nicht annähernd erfüllt. Anders gesagt: Der Preismechanismus würde in diesem Fall weder eine effiziente Allokation im engeren Sinne (i.e. BIP-maximierende) noch eine gesamtgesellschaftlich wünschenswerte (i.e. wohlfahrtsmaximierend) Allokation gewährleisten. Die Effizienz im engeren Sinne ist aufgrund von nicht-kompetitiven Verhalten (Marktmacht) und Finanzfriktionen nicht gewährleistet, die besonders ausgeprägt sind in einer Wirtschaftskrise, wie sie nach dem Gaslieferstopp zu erwarten ist.14 Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht müssen zusätzliche Kriterien wie Versorgungssicherheit berücksichtigt werden (siehe Kapitel 2). Sollen zuerst die Betriebe in der Grundstoffindustrie, die die Vorprodukte für eine komplexe Wertschöpfungskette produziert, mit Erdgas versorgt werden, oder doch die Betriebe in der Ernährungsindustrie, die den Dünger für die Landwirtschaft herstellen? Dies alles bedeutet nicht, dass der Preismechanismus im Falle eines Erdgasembargos vollständig ausgesetzt werden sollte. Doch es zeigt, dass der Entwurf eines gesamtgesellschaftlich wünschenswerten Allokationsmechanismus ein komplexes, multidimensionales Problem ist und ein Mischsystem aus staatlicher Kontrolle und marktwirtschaftlichen Elementen optimal ist. Es gibt zurzeit keine verlässlichen Schätzungen, inwieweit eine zielgenaue Allokation des verbleibenden Erdgasangebots die ökonomischen Auswirkungen eines Lieferstopps abfedern kann. Deshalb wird in der vorliegenden Studie keine Anpassung vorgenommen, die eine Effizienzsteigerung durch eine verbesserte Allokation berücksichtigt. Dieser Ansatz wird auch in GD (2022a) verfolgt. 3.4 Produktionsrückgang in der erdgasintensiven Industrie im alternativen Szenario Im alternativen Szenario muss der Industriesektor seinen Erdgasverbrauch um 80 TWh reduzieren (siehe Tabelle 1). In den Produktionsbereichen der erdgasintensiven Industrie mit 14 Zudem können Netzwerkeffekte zu ineffizienten Allokationen führen (Fadinger et al., 2018). Die ökonomische Literatur hat jedoch überwiegend Netzwerk-Modelle betrachtet, in denen das Marktergebnis zu einer effizienten Allokation führt. 15 kurzfristiger Substitutionsmöglichkeit könnte – wie im oben beschriebenen Basisszenario – weiterhin 49 TWh Erdgas ohne nennenswerten Produktionsrückgang eingespart werden, so dass ein Defizit von 80 – 49 = 31 TWh verbleibt. Damit ergibt sich ein notwendiger Rückgang des Erdgasverbrauchs um 31/196 = 0,16 bzw. 16 % für die erdgasintensive Industrie ohne kurzfristige Substitutionsmöglichkeit. Dieses Defizit kann nur eingespart werden, indem die Produktion entsprechend heruntergefahren wird. Die Produktionsprozesse der erdgasintensiven Industrie, die Erdgas als essenziellen Inputfaktor nutzen und für die kurzfristig keine Substitutionsmöglichkeit besteht, haben in 2021 rund 4 % des BIPs erwirtschaftet. Bei einer Reduktion des Erdgasverbrauchs um 16 % ergibt sich somit ein Produktionsverlust von 0,6 % Prozent des BIPs in den sechs erdgasintensiven Industriezweigen. Dieser Rückgang der industriellen Wertschöpfung im Zeitraum 1. April 2022 bis 31. März 2023 ist der Erstrundeneffekt im alternativen Szenario. 4. Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Produktion Ein sofortiger und vollständiger Stopp russischer Gasimporte würde in der erdgasintensiven Industrie zu einem Produktionsrückgang von rund 1,6 % des BIPs im Basisszenario und 0,8 % im alternativen Szenario führen. Dabei sind zu großen Teilen Unternehmen aus Wirtschaftssektoren wie der Grundstoffchemie betroffen, die ganz am Anfang einer komplexen Wertschöpfungskette stehen. Ein plötzlicher Rückgang der Produktion in diesen Sektoren würde sich durch die gesamte Wirtschaft fortpflanzen und hätte entlang der Wertschöpfungskette einen verstärkenden negativen Effekt auf die gesamtwirtschaftliche Produktion. Dies sind die Zweitrundeneffekte eines Erdgasembargos aufgrund von Produktionsketten und wirtschaftlichen Verflechtungen in einer modernen, arbeitsteiligen Volkswirtschaft. Im Folgenden soll die Frage beantwortet werden, inwieweit ein solcher „Produktionsschock“ in der erdgasintensiven Industrie auf andere Wirtschaftssektoren ausstrahlt und sich über sogenannte Netzwerk- bzw. Kaskadeneffekte verstärkt. Dabei ist immer die Zeitschiene zu beachten: Bei einem abrupten Erdgasembargo liegt der Fokus auf der kurzen Frist und der Frage, inwieweit die Wertschöpfung der nachgelagerten Industrie und der nachgelagerten Dienstleistungsunternehmen kurzfristig beeinträchtigt wird.15 Darüber hinaus werden in Abschnitt 5.3 die dauerhaften Schäden und sozialen Folgen von Rezessionen bzw. Wirtschaftskrisen erörtert. 4.1 Methodik Eine übliche Methode zur Berechnung der Zweitrundeneffekte ist die Simulationsanalyse auf Basis eines empirisch und theoretisch fundierten Modells der Volkswirtschaft. Dabei hängen 15 Anders gesagt: Die langfristigen Anpassungs- und Substitutionsmöglichkeiten für Unternehmen sind wesentlich größer als die kurzfristigen Möglichkeiten, so dass der kurzfristige Verstärkungseffekt wesentlich ausgeprägter ist als der langfristige. Das bedeutet unter anderem, dass zur Analyse der kurzfristigen wirtschaftlichen Folgen eines abrupten Erdgasembargos nur empirische Evidenz mit einem Zeitrahmen bis maximal einem Jahr verwendet werden sollte. Dieses Kriterium wird von den empirischen Arbeiten erfüllt, die in diesem Kapitel diskutiert werden. 16 Modellwahl und die Bedeutung von „empirisch und theoretisch fundiert“ immer von dem Kontext und der Fragestellung ab. Dieser Ansatz ist grob vergleichbar mit den Analysen von Epidemiologen, die durch eine modellgestützte Simulationsanalyse die Auswirkungen eines Lockdowns auf das Infektionsgeschehen untersuchen. Im Fall eines abrupten Stopps russischer Erdgasimporte ist es naheliegend, zur theoretischen Fundierung ein Modell aus der Klasse der Netzwerkmodelle heranzuziehen, wie sie zum Beispiel in Acemoglu et al. (2012b) entwickelt werden.16 Zur empirischen Fundierung dienen die Input-Output-Tabellen der VGR als Grundlage und die verwendete Modellversion sollte die Produktionsverflechtungen der sechs erdgasintensiven Industriezweige realistisch abbilden. Diese empirische Fundierung des Netzwerkmodells ist eine notwenige Bedingung dafür, mögliche Kaskadeneffekte eines Erdgasembargos auf Basis einer Simulationsanalyse korrekt zu berechnen. Doch es ist keine hinreichende Bedingung, da die Input-Output- Tabellen ohne zusätzliche Annahmen keine Information darüber enthalten, inwieweit die nachgelagerten Produktionsstätten den Ausfall von Lieferungen im Fall eines Embargos kompensieren können.17 Verlässliche Ergebnisse können im Prinzip nur berechnet werden, wenn das zugrundeliegende Simulationsmodell durch empirische Evidenz für einen ähnlich gelagerten Fall validiert wurde. Solche empirische Evidenz existiert nicht für Deutschland, aber für einen ähnlich gelagerten Fall in Japan. Konkret haben Carvalho et al. (2020) in einer vielbeachteten Studie die wirtschaftlichen Folgen des Erdbebens in Japan in 2011, das auch zum Fukushima- Unfall geführt hat, aufgrund von Netzwerk- bzw. Kaskadeneffekten empirisch geschätzt.18 Das Ergebnis ihrer Analyse ist, dass die vom Unfall direkt betroffene Region zwar nur einen wirtschaftlichen Verlust von 0,1 Prozent des BIPs erlitten hat, aber sich dieser ursprüngliche Schock durch die Produktionsverflechtungen der Sektoren zu einem gesamtwirtschaftlichen Verlust von 0,47 Prozent des BIPs verstärkt haben. Netzwerkeffekte im Produktionsbereich haben also einen kurzfristigen Verstärkungsfaktor bzw. „Produktionsmultiplikator“ von knapp 5 erzeugt.19 16 Die zugrundeliegende Idee und Analysemethoden diese Modelle können auf die Arbeiten von Leontief zurückgeführt werden (Leontief, 1941). Siehe Carvalho und Tahbaz-Salehi (2019) für eine Zusammenfassung der Literatur. 17 Die Erfahrung mit fehlenden Halbleiterchips (Wollmershäuser et al. 2021) und Kabelbäumen (Tyborski, 2022) in der Autoindustrie hat gezeigt, wie stark die Produktion kurzfristig unter dem Mangel an Vorprodukten leiden kann. 18 Es handelt sich hier um eine strukturelle (modellbasierte) Schätzung, um die Netzwerkeffekte von anderen Effekten zu differenzieren. In der Analyse von Carvalho et al. (2020) wird der Fukushima-Unfall als negativer Produktivitätsschock bzw. negativer Kapitalschock abgebildet. In der vorliegenden Analyse entspricht der Produktionsrückgang in den direkt betroffenen, erdgasintensiven Industriezweigen diesem Produktivitätsschock (Erstrundeneffekt). Der erwähnte Multiplikator- bzw. Verstärkungseffekt bestimmt dann die Stärke der Zweitrundeneffekte. 19 Barrot und Sauvagnat (2016) untersuchen die ökonomischen Auswirkungen von Naturkatastrophen in den USA und finden, dass ein katastrophenbedingter Umsatzrückgang um 1 Dollar in einem Unternehmen, das Vorprodukte herstellt, zu einem Umsatzrückgang von 2,4 Dollar bei den (direkten und indirekten) Kunden des Unternehmens führen. Dieses Ergebnis unterstreicht die starke Komplementarität der Wertschöpfungskette in der kurzen Frist. Die empirische Analyse erfasst jedoch nicht vollständig den gesamtwirtschaftlichen Verstärkungseffekt und die Ergebnisse können daher nicht zur Abschätzung des Produktionsmultiplikators genutzt werden. 17 Bundesbank (2022) führt eine Modellrechnung der BIP-Verluste eines Energieembargos (Kohle, Öl, Gas) auf Basis von Input-Output-Tabellen durch, wobei auch die Energiewirtschaft mit betrachtet wird. Das Ergebnis ist ein Produktionsmultiplikator von etwas mehr als 2; also erheblich kleiner als der in Carvalho et al. (2020) geschätzte Verstärkungseffekt von knapp 5. Die in Bundesbank (2022) verwendete Methode unterschätzt jedoch den wahren Verstärkungseffekt – insbesondere beim Erdgas – teilweise erheblich, denn die Auswirkungen auf die nachgelagerten Produktionsbereiche werden proportional zum wertmäßigen Anteil der Vorleistungen bestimmt. Dieser Ansatz würde zum Beispiel den Produktionsausfall aufgrund von Lieferengpässen bei Halbleitern und anderen Vorprodukten im Frühjahr 2021, der in Wollmershäuser et al., 2021 auf über ein Prozent des BIPs geschätzt wird, stark unterschätzen, weil der „Marktwert“ der nicht gelieferten Vorprodukte in diesem Fall nicht nennenswert war.20 Die sehr begrenzte verfügbare empirische Evidenz impliziert einen kurzfristigen Verstärkungseffekt entlang der gesamten Wertschöpfungskette, die einem Produktionsmultiplikator von knapp 5 entspricht (Carvalho et al., 2020).21 Eine konservative Abschätzung der Bundesbank (2022) auf Basis von Input-Output-Tabellen ergibt einen Produktionsmultiplikator von rund 2. Es steht außer Frage, dass eine Abschätzung des kurzfristigen Produktionsmultiplikators im Falle eines Erdgasembargos mit sehr großer Unsicherheit verbunden ist. In der vorliegenden Studie wird daher zu Berechnung der gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen eines Erdgasembargos eine Spannbreite angegeben, deren Obergrenze durch den Multiplikator 5 und deren Untergrenze durch den Multiplikator 2 definiert wird. 4.2 Ergebnisse Im Basisszenario führt ein Erdgasembargo zu einem Produktionsrückgang von 1,6 % des BIPs in den erdgasintensiven Industriezweigen (Erstrundeneffekt). Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen über Netzwerkeffekte summieren sich bei einem Multiplikator von 5 zu einem Produktionsverlust von 8 % des BIPs (Erst- und Zweitrundeneffekte). Dies ist der geschätzte Produktionsrückgang, wenn die Evidenz aus dem Papier von Carvalho et al. (2022) als Grundlage der Berechnungen von Zweitrundeneffekte im Falle eines Gasembargos für Deutschland genutzt wird. Bei einem Multiplikator von 2, wie er in Bundesbank (2022) auf Basis von Input-Output-Tabellen berechnet wird, summieren sich die gesamtwirtschaftlichen Produktionsverluste auf 3,2% des BIPs. Dies stellt sicherlich eine untere Grenze für den Produktionsrückgang im Basisszenario dar. Der angenommene Verstärkungseffekt von 5 wird hier als Obergrenze für die Zweitrundeneffekte verwendet, aber im Fall eines Gasembargos könnte der Verstärkungseffekt sogar größer sein. Denn es wäre hauptsächlich die Produktion von Vorprodukten betroffen, die am Anfang einer langen Wertschöpfungskette stehen, während das Erdbeben in Japan in 2011 Betriebe mit durchschnittlicher Stellung in der 20 Dieser Punkt wird ausdrücklich in Bundesbank (2022) erwähnt und thematisiert – siehe insbesondere Fußnote 40. 21 Ein Multiplikator von 1 entspricht einer Situation, in der es keine Ausbreitung des Erdgasschocks in der Wirtschaft gibt und der gesamtwirtschaftliche Produktionsrückgang dem Produktionsrückgang in der erdgasintensiven Industrie entspricht. 18 Wertschöpfungskette getroffen hat. Darüber hinaus wäre der ursprüngliche Angebotsschock im Fall eines Erdgasembargos größer als beim japanischen Erdbeben in 2011, so dass nichtlineare, verstärkende Zweitrundeneffekte wahrscheinlicher werden. Häufig wird argumentiert, dass Zweitrundeneffekte durch Importe von Vorprodukten kompensiert werden können. Dies verändert nicht die Erstrundeneffekten, aber die Ausstrahlung auf die Gesamtwirtschaft kann dadurch abgefedert und somit die Zweitrundeneffekte gedämpft werden; Importe ersetzen die inländischen Vorprodukte für die nachgelagerten Produktionssektoren. Diese Substitutionsmöglichkeiten sind jedoch häufig in der kurzen Frist begrenzt, wie eine empirische Arbeit von Boehm und Oberfield (2019) zeigt. Darüber hinaus ist zu beachten, dass die Schätzung des Produktions- Multiplikators von Carvalho et al. (2020) bereits solche Substitutionsmöglichkeiten berücksichtigt, denn auch die japanische Volkswirtschaft ist eine offene Volkswirtschaft. Im alternativen Szenario entspricht der Erstrundeneffekt eines Gasembargos nur einem Produktionsverlust von 0,6 % des BIPs. Wenn die Stärke des Zweitrundeneffekts unverändert bleibt, dann ergibt sich ein gesamtwirtschaftlicher Produktionsrückgang im alternativen Szenario von 1,2% bei einem Produktionsmultiplikator von 2 und von 3% bei einem Produktionsmultiplikator von 5. Die wesentlichen Ergebnisse der Analyse sind in Tabelle 2 dargestellt. Tabelle 2. Erdgasverfügbarkeit und Produktionsverluste Erdgasschock Industrie Erdgasschock Industrie inkl. Substitution BIP-Verlust erdgasintensive Industrie BIP-Verlust Gesamtwirtschaft Basisszenario 130 TWh [53%] 81 TWh [41%] 57 Mrd [1,6%] 114 Mrd - 286 Mrd [3,2% - 8%] Alternativszenario 80 TWh [33%] 31 TWh [16%] 21 Mrd [0,6%] 43 Mrd - 107 Mrd [1,2% - 3%] Anmerkung: Der BIP-Verlust in der dritten und vierten Spalte bezieht sich auf den Rückgang der Bruttowertschöpfung im Zeitraum von einem Jahr nach Beginn des Lieferstopps (Anfang Mai 2022 bis Ende April 2023) relativ zu einer Situation ohne Lieferunterbrechungen. Euro-Angaben sind inflationsbereinigte Veränderungen relativ zu einem Bruttoinlandsprodukt von 3.571 Milliarden Euro (Wert in 2021). Prozentzahlen in der ersten und zweiten Spalte beziehen sich auf den Verbrauch der Industrie von 245 TWh in 2021. 4.3 Dauerhafte Schäden (Hysterese) und soziale Folgen Rezessionen erzeugen wirtschaftliche und gesellschaftliche Kosten, weil das Wirtschaftswachstum kurzfristig einbricht und die Beschäftigung zurückgeht bzw. die Arbeitslosigkeit steigt. Doch Rezessionen führen nicht nur zu einem kurzfristigen Einbruch der wirtschaftlichen Aktivitäten, sondern können Wirtschaft und Gesellschaft auch dauerhaften Schaden zufügen. Diese dauerhaften Schäden stellen zusätzliche Kosten einer Krise dar, die auch nach der Erholung noch zu spüren sind. In der einschlägigen Literatur ist 19 dieser Effekt als Hysterese-Effekt von Rezessionen bekannt (Blanchard und Summers, 1986) und durch zahlreiche empirische Studien belegt. Zum Beispiel zeigen Ball (2014) sowie Cerra und Saxena (2008) anhand von makroökonomischen Zeitreihenanalysen, dass Rezessionen einen dauerhaften, negativen Effekt auf die gesamtwirtschaftliche Produktion haben. Anders gesagt: Kurzfristige Fluktuationen in der gesamtwirtschaftlichen Aktivität beeinflussen den Potenzialoutput. Darüber hinaus haben empirische Studien einen engen Zusammenhang zwischen konjunktureller Fiskalpolitik und Potenzialoutput gefunden (siehe z. B. Fatas und Summers 2018 sowie Gechert et al. 2019). Es gibt verschiedene Wirkungskanäle, die den Zusammenhang zwischen Rezessionen und Potenzialoutput prinzipiell erklären können. In einer durch ein Gasembargo verursachten Wirtschaftskrise wären die folgenden zwei Effekte besonders ausgeprägt. Zum Ersten der Humankapitaleffekt: Arbeitslosigkeit ist häufig mit dem Verlust von unternehmens- oder sektor- bzw. berufsspezifischen Humankapital verbunden, und in einer Rezession steigt die Wahrscheinlichkeit und Verweildauer der Arbeitslosigkeit. Dieser Erklärungsansatz ist nicht nur theoretisch gut begründet, sondern auch empirisch belegt. Zum Beispiel zeigen empirische Studien, dass Jobverlust zu permanenten Einkommensverlusten führt und diese permanenten Einkommensverluste besonders groß sind für die Erwerbspersonen, die ihren Job während einer Rezession verloren haben (Davis und Wachter 2011). Zum Zweiten werden in der Krise Teile des physischen Kapitalstocks vernichtet und der Aufbau neuer Produktionsstrukturen nach der Krise benötigt Zeit und Investitionen.22 Das Ausmaß des Hysterese-Effekts ist nicht für alle Rezessionen und Länder gleich. Er hängt im Wesentlichen von drei Faktoren ab: erstens von den strukturellen Schwächen bzw. Stärken der Wirtschaft vor der Krise, die wiederum von vergangenen wirtschaftspolitischen Entscheidungen abhängen; zweitens von den wirtschaftspolitischen Entscheidungen, die während der Krise getroffen werden – der Qualität der Konjunkturpolitik der Regierung des jeweiligen Landes; drittens von der Art und Größe des exogenen Schocks, der zur Krise geführt hat. Der Effekt dieser Einflussfaktoren wird deutlich, wenn die Entwicklungen in Deutschland und den USA in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 verglichen werden. Die deutsche Wirtschaft und speziell der Arbeitsmarkt haben sich sehr schnell von der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 erholt, während in den USA noch nach zehn Jahren Spuren der Krise erkennbar sind (Ball 2014). Diese Unterschiede können auf drei Faktoren zurückgeführt werden. Erstens sind in Deutschland Wirtschaft und Arbeitsmarkt gut aufgestellt in die Krise gegangen, während in den USA der Arbeitsmarkt bereits vor der Krise erhebliche Schwächen zeigte. Zweitens gibt es in den USA im Gegensatz zu Deutschland nur einen schwachen Sozialstaat, und es fehlen daher die automatischen Stabilisatoren. Zudem hat die deutsche Politik mit der Ausweitung des Kurzarbeitergeldes eine konjunkturpolitische Antwort gegeben, die in ihrer konjunkturellen Wirkung die in den USA ergriffenen Konjunkturmaßnahmen weit übertrifft. Drittens war der exogene Schock in den USA größer und dauerhafter als in Deutschland, denn die Finanzkrise hatte ihren Ursprung in den USA und hat den Kern der US-Wirtschaft – den Finanzsektor -- getroffen. Im Gegensatz 22 Benigno und Fornaro (2018) diskutieren einen weiteren Wirkungskanal: Die langfristigen Produktionsverluste durch einen krisenbedingten Rückgang der privaten Investitionen in neue Technologien. 20 zu den USA war für Deutschland die globale Finanzkrise hauptsächlich ein kurzfristiger Nachfrageschock, der sehr schnell durch die ansteigende Exportnachfrage aus China kompensiert wurde. Diese Überlegungen sprechen dafür, dass eine durch ein Gasembargo verursachte Wirtschaftskrise einen starken Hysterese-Effekt erzeugen würde, der wesentlich ausgeprägter wäre als der Hysterese-Effekt der Finanzkrise 2008/2009 oder der Corona-Krise 2020. Denn dieser Energieschock würde direkt den Kern der deutschen Industrie treffen und das Produktionspotenzial würde stark schwächen. Zudem sind große Teile der deutschen Industrie sind nach zwei Jahren Corona-Krise, globalen Lieferkettenproblemen und klimapolitischen Transformationsdruck geschwächt, so dass eine energiepolitische Schocktherapie dazu führen könnte, dass auch Unternehmen mit an sich tragfähigem Geschäftsmodell in die Insolvenz gehen oder ihre Produktion ins (nicht-europäische) Ausland verlegen würden. Schließlich sind der Geldpolitik aufgrund hoher Inflationsraten die Hände gebunden und auch die Fiskalpolitik würde sehr schnell an ihre Grenzen stoßen. Rezessionen führen nicht nur zu BIP-Verlusten, sondern sie haben auch negative soziale Folgen. Konkret ist die Verteilung der krisenbedingten Einkommensverluste relevant. Anders gesagt: Wer verliert wie viel in einer Wirtschaftskrise? Die verfügbare Evidenz legt die folgenden Schlussfolgerungen nahe. Erstens sind Krisen Ereignisse, in denen nicht nur das durchschnittliche Einkommen sinkt, sondern auch viele Menschen ganz viel verlieren. Anders gesagt: Die Evidenz zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit und das Ausmaß dauerhafter Einkommensverluste – persönliche Desaster also – in der Krise stark ansteigt (Guvenen et al. 2014). Das bedeutet unter anderem, dass die negativen Auswirkungen von Krisen auf das Wohlergehen der Menschen wesentlich größer sind, als eine einfache BIP-Betrachtung vermuten lässt. Diese These wird durch empirische Arbeiten bestätigt, die die langfristigen Auswirkungen von betriebsbedingten Kündigungen (job displacement) auf das Erwerbseinkommen untersuchen. Ein Arbeitsplatzverlust aufgrund einer betriebsbedingten Kündigung ist häufig mit dauerhaften Einkommensverlusten verbunden, und diese dauerhaften Einkommensverluste sind besonders hoch für die Erwerbspersonen, die in der Krise ihre Arbeit verloren haben (vgl. Schmieder et al. 2010 für Deutschland und Davis/Wachter 2011 für die USA). Ähnlich ergeht es den Schulabgänger_innen: Wer seinen ersten Job in der Krise suchen muss, hat es nicht nur kurzfristig schwerer, sondern hat im Durchschnitt noch nach vielen Jahren ein Erwerbseinkommen, das unter dem der Erwerbspersonen liegt, die ihren ersten Job in einer wirtschaftlichen Boom-Phase gesucht haben (Oreopoulos et al. 2012). Zweitens sind es besonders die Erwerbstätigen mit niedrigerem Einkommen, die prozentual die größten Einkommensverluste erleiden. Da viele dieser Erwerbstätigen nah am Existenzminimum leben und keine Ersparnisse haben, trifft die Krise diese Gruppe besonders hart. In diesem Sinne verlieren die ökonomisch schlechter gestellten Personen besonders viel in der Krise. Erste wissenschaftliche Erhebungen zur Corona-Krise zeigen zum Beispiel, dass Selbstständige aufgrund wegbrechender Aufträge deutlich stärker ihre Arbeitszeiten reduzieren als Angestellte (Bünning et al. 2020). Unter den Angestellten dagegen können vor allem Erwerbstätige mit höherem Einkommen und höherer Bildung die Möglichkeit nutzen, 21 im Homeoffice weiter zu arbeiten, während Menschen mit geringer Bildung viel häufiger in Kurzarbeit sind. Gerade diese Menschen arbeiten aber häufig in Berufen mit niedrigen Einkommen und sind somit größeren finanziellen Schwierigkeiten durch Kurzarbeit ausgesetzt. 5. Einordnung der Ergebnisse Dieses Kapitel bietet eine Einordnung der Ergebnisse. Dazu wird zuerst die ökonomische Literatur zu den angebotsseitigen Effekten zusammengefasst und dann die Simulationsanalysen der nachfrageseitigen Effekte erörtert. Zudem werden die aktuelle Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsinstitute (GD, 2022a,b) und eine aktuelle Studie der Bundesbank (2022) diskutiert, die sowohl angebotsals auch nachfrageseitigen Wirkungskanäle analysieren. Schließlich wird die Studie Bachmann et al. (2022) kurz besprochen. 5.1 Ökonomische Literatur zu angebotsseitigen Effekten Die Substituierbarkeit von Produktionsfaktoren ist ein klassisches Thema in den Wirtschaftswissenschaften und spielte auch in der berühmten Cambridge-Cambridge- Kontroverse eine wichtige Rolle. Die ökonomische Theorie des Wirtschaftswachstums hat üblicherweise Substituierbarkeit vorausgesetzt und häufig eine Cobb-Douglas- Produktionsfunktion mit Faktoren Kapital und Arbeit (Substitutionselastizität von 1) verwendet. Darüber hinaus werden CES-Funktionen genutzt, um verschiedene Arten des Humankapitals zu aggregieren (Acemoglu, 2009). Die makroökonomische Literatur zur optimalen Klimapolitik, in der die Substituierbarkeit verschiedener Energieträger eine zentrale Rolle spielt, hat in der Tradition des Nordhaus-Modells gewöhnlich erhebliche Substitutionsmöglichkeiten angenommen (Golosov et al., 2012), doch es gibt auch alternative Ansätze in der einschlägigen Literatur (Acemoglu et al, 2012b). Die Substitutionsmöglichkeiten sind allgemein begrenzter in der kurzen Frist als in der langen Frist, wobei die Definition von „kurzfristig“ immer kontextabhängig ist. Es ist daher nicht überraschend, dass die Leontief-Produktionsfunktion (Putty-Clay-Ansatz) besonders zur Beschreibung kurzfristiger Phänomene, wie den Konjunkturbewegungen (Atkeson und Kehoe, 1999, und Gilchrist und Williams, 2000), verwendet wurde. Die moderne makroökonomische Literatur hat also die Problematik der begrenzten Substitutionsmöglichkeiten nicht gänzlich unter den Teppich gekehrt, auch wenn in Anwendungen eine Tendenz bestimmt, die kurzfristigen Substitutionsmöglichkeiten zu überschätzen. Eine moderne Literatur zu Netzwerkeffekten (Acemoglu et al., 2012) hat sich mit der Frage beschäftigt, wie ein Produktionsrückgang (Produktionsschock) in einem Wirtschaftssektor sich über die Unterbrechung von Wertschöpfungs- bzw. Lieferketten in der gesamten Wirtschaft ausbreitet und verstärkt. Die grundlegenden Ideen gehen auf die Arbeiten von Leontief zu Input-Output-Tabellen zurück und finden auch ihren Widerhall in den Anfängen der Konjunkturtheorie, die die Auswirkungen von Produktivitätsschocks untersucht (King und Plosser, 1983). Die neuere Literatur hat bisher den Fokus auf theoretische Analysen und 22 quantitative Beispiele gelegt, doch in einer wichtigen empirischen Arbeit haben Carvalho et al. (2020) anhand der Erfahrung mit dem japanischen Erdbeben in 2011 einen großen Multiplikator-Effekt durch Produktionsverflechtungen belegt. Ein Überblick über die Literatur wird in Carvalho und Tahbaz-Salehi (2019) präsentiert. 5.2. Simulationsanalysen zu nachfrageseitigen Effekten Der Fokus der vorliegenden Analyse liegt auf dem angebotsseitigen Wirkungskanal, doch ein Gasembargo beeinflusst auch die Nachfrageseite. Eine Reihe von Studien berechnet die Auswirkungen eines sofortigen Energieembargos auf Basis der zur Verfügung stehenden makroökonomischen Modelle zur Konjunkturanalyse. Simulationsanalysen auf Basis makroökonomischer Modelle ergeben einen Produktionsrückgang von 2 bis 4 Prozent des BIPs aufgrund der nachfrageseitigen Effekte steigender Energiepreise, auch wenn es keine Mengenbeschränkung geben würde (Bundesbank, 2022, IMK, 2022, SVR, 2022a). Die genannten Modelle sind sehr gut geeignet, die nachfragegetriebenen Effekte steigender Energiepreise und die realwirtschaftlichen Effekte möglicher Finanzmarkturbulenzen zu untersuchen, doch sie beschreiben nicht die hier besprochenen Produktivitätseffekte. Insofern sind diese Analysen als komplementäre Analysen zu verstehen, welche verschiedene Wirkmechanismen abbilden, die in der Realität in Falle eines Energieembargos gleichzeitig wirken. Um eine Abschätzung des Gesamteffekts eines sofortigen Energieembargos zu erhalten, sollten also die einzelnen Effekte addiert werden. Der Gesamteffekt eines Energieembargos (Kohle, Öl und Erdgas) ergibt sich somit approximativ aus der Summe der Nachfrage- und Angebotseffekte (Bundesbank, 2022, SVR, 2022a). Im Basisszenario der vorliegenden Studie wäre also mit einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion zwischen 5,2 Prozent und 12 Prozent zu rechnen, während gemäß dem alternativen Szenario ein Rückgang von 3,2 bis 7 Prozent des BIPs zu erwarten wäre. Die Unterteilung in angebotsseitige und nachfrageseitige Wirkungskanäle ist sinnvoll, um die Ergebnisse der verschiedenen Studien einzuordnen (siehe auch Abschnitt 5.5), auch wenn die Grenze nicht immer ganz trennscharf gezogen werden kann. Beispielsweise verwenden Bundesbank (2022) und IMK (2022) das NiGEM-Modell, um die nachfragegetriebenen Effekte zu berechnen. Dabei wirkt ein Anstieg der Energiepreise zum einen auf die Konsumneigung der privaten Haushalte und zum anderen über die Faktornachfrage der Unternehmen, die über die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion dann das Bruttoinlandsprodukt beeinflusst – letzteres eine eher angebotsseitige Betrachtungsweise. Darüber hinaus ist die einfache Additivität der einzelnen Effekte bzw. Wirkungskanäle immer nur annähernd gültig und die Approximation kann eventuell irreführenden Ergebnisse führen. Zum Beispiel haben allgemeine Gleichgewichtseffekte in der Regel eine dämpfende Wirkung, während Komplementaritäten, die besonders in Krisenzeiten wichtig sein sollten, zur Verstärkung der einzelnen Effekte beitragen. All dies sollte bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden. 23 5.3 Simulationsanalysen der Bundesbank (2022) und im Rahmen der Gemeinschaftsdiagnose (GD, 2022a,b) In der aktuellen Gemeinschaftsdiagnose analysieren die fünf Wirtschaftsinstitute DIW, IfW, Ifo, IWH und RWE unter anderem die wirtschaftlichen Folgen eines abrupten Stopps russischer Gasimporte (GD, 2022a). In den Modellsimulationen werden sowohl nachfragegetriebene als auch angebotsgetriebene Effekte eines Energieembargos (Erdgas plus Erdöl) berücksichtigt. Dabei wird die Erdgasverfügbarkeit für die Industrie nach einem Embargo mit einem ökonometrischen Nachfrage-Angebots-Modell simuliert. Darüber hinaus werden die Produktionseffekte einer Verknappung des Erdgasangebots mit Input-Output- Tabellen explizit modelliert und in die Simulationsanalyse auf Basis des Konjunkturmodelles integriert, um den Angebotseffekts eines Embargos zu berücksichtigen. Die Simulationsanalyse ergibt einen BIP-Verlust von 5,3 % in 2023 (GD, 2022a, Tabelle 2.19), wenn der Medianwert der Erdgasverfügbarkeit zugrunde gelegt wird. Die Studie der Institute (GD, 2022a) erfüllt die hier beschriebenen methodischen Kriterien, um den negativen Angebotseffekt eines Erdgasembargos angemessen zu analysieren. Die angenommene Erdgasverfügbarkeit im „Medianszenario“ entspricht in etwa der Erdgasverfügbarkeit im alternativen Szenario der vorliegenden Studie. Das Ergebnis der vorliegenden Studie steht also im Einklang mit dem Ergebnis von GD (2022a): Inklusive Nachfrageeffekt ergib sich gemäß der vorliegenden Studie eine BIP-Verlust von 3,2 bis 7 Prozent, während GD (2022a) einen BIP-Verlust von 5,3 % berechnet, wenn Angebots- und Nachfrageeffekte berücksichtigt werden. Darüber hinaus bestätigen Ergebnisse in GD (2022b) die These der vorliegenden Studie (Tabelle 2), dass die berechneten Produktionsausfälle sehr stark von der ermittelten Erdgasverfügbarkeit abhängen. Beispielsweise kann in einem worst-case Szenario der Wertschöpfungsverlust allein im produzierenden Gewerbe 17 % des BIPs für die fünf Monate Januar 2023 bis Mai 2023 betragen (GD, 2022b, Abbildung 4). Unterschiedliche Annahmen hinsichtlich der Erdgasverfügbarkeit führen also zu drastischen Unterschieden in den prognostizierten Produktionsverlusten. Während die vorliegende Studie im Basisszenario in Anlehnung an die Studien von Agora (2022) und IEA (2022) von einem Rückgang der Erdgasverfügbarkeit um rund 32 % nach einem Erdgasembargo ausgeht, nehmen GD (2022a) in ihrem „Basisszenario“ in Anlehnung an Holz (2022) einen geringeren Rückgang der Erdgasverfügbarkeit an (GD 2022b). Der Vergleich der Ergebnisse für zwei Szenarien in Tabelle 2 verdeutlicht, dass relativ moderate Verschiebungen in der Erdgasverfügbarkeit dramatische Konsequenzen für die ökonomischen Schlussfolgerungen haben können. Neben der Erdgasverfügbarkeit sind zwei weitere Annahmen, die in GD (2022a,b) getroffen werden, erwähnenswert. Zum Ersten wird vorausgesetzt, dass die Bundesnetzagentur die Gasspeicher bis zum Herbst nicht wie geplant auffüllen wird. Daher erfolgt die Rationierung der Industrie erst in den vier Monaten Januar bis April 2023 und die entsprechenden wirtschaftlichen Folgen setzen erst in Q1 2023 ein. Es ist unwahrscheinlich, dass die Bundesnetzagentur bzw. die Bundesregierung diese Strategie verfolgen würde, weil sie – im Einklang mit den Simulationsanalysen zur Erdgasverfügbarkeit in GD (2022b) – im Winter Impressum Herausgeber Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, Georg-Glock-Str. 18, 40474 Düsseldorf, Telefon +49 211 7778-312, Mail [email protected] Die Reihe „IMK Studies“ ist als unregelmäßig erscheinende Online-Publikation erhältlich über: https://www.boeckler.de/imk_5023.htm Die in diesem Papier geäußerten Standpunkte stimmen nicht unbedingt mit denen des IMK oder der Hans-Böckler-Stiftung überein. ISSN 1861-2180 Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Lizenz: Namensnennung 4.0 International (CC BY). Diese Lizenz erlaubt unter Voraussetzung der Namensnennung des Urhebers die Bearbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung des Materials in jedem Format oder Medium für beliebige Zwecke, auch kommerziell. Den vollständigen Lizenztext finden Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de Die Bedingungen der Creative Commons Lizenz gelten nur für Originalmaterial. Die Wiederverwendung von Material aus anderen Quellen (gekennzeichnet mit Quellenangabe) wie z. B. von Abbildungen, Tabellen, Fotos und Textauszügen erfordert ggf. weitere Nutzungsgenehmigungen durch den jeweiligen Rechteinhaber.