Leben in Grenzregionen: "Wo kämen wir denn da hin?"
Abstract
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Full text
Spellerberg, Annette; Schönwald, Antje; Engelhardt, Katharina; Weber, Florian Book Part Leben in Grenzregionen: "Wo kämen wir denn da hin?" Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Spellerberg, Annette; Schönwald, Antje; Engelhardt, Katharina; Weber, Florian (2018) : Leben in Grenzregionen: "Wo kämen wir denn da hin?", In: Pallagst, Karina M. Hartz, Andrea Caesar, Beate (Ed.): Border Futures - Zukunft Grenze - Avenir Frontière: Zukunftsfähigkeit grenzüberschreitender Zusammenarbeit, ISBN 978-3-88838-409-7, Verlag der ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, pp. 143-167, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-4097105 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/177863 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/
Annette Spellerberg, Antje Schönwald, Katharina Engelhardt, Florian Weber Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ URN: urn:nbn:de:0156-4097105 CC-Lizenz: BY-ND 3.0 Deutschland S. 143 bis 167 Aus: Karina Pallagst, Andrea Hartz, Beate Caesar (Hrsg.): Border Futures – Zukunft Grenze – Avenir frontière: Zukunftsfähigkeit grenzüberschreitender Zusammenarbeit Arbeitsberichte der ARL 20 Hannover 2018 www.arl-net.de
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 143 Annette Spellerberg, Antje Schönwald, Katharina Engelhardt, Florian Weber Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ Gliederung 1 Einleitung: Wahrnehmung der Grenze in „Zwillingsdörfern“ 2 Methode 2.1 Durchführung der schriftlichen Befragung 2.2 Qualitative Interviews 3 Ergebnisse 3.1 Sozialstruktureller Hintergrund der Befragten 3.2 Die Besonderheit des Wohnortes 3.3 Grenzüberschreitende Zusammenarbeit 3.4 Vorund Nachteile der Grenzregion 3.5 Aktivitäten in der Grenzregion 3.6 Heimat und regionale Identität 4 Fazit Literatur Kurzfassung Wie lebt es sich in einer Grenzregion? Dieser Artikel möchte eine Antwort darauf geben und stützt sich auf eine empirische Erhebung in vier Zwillingsorten der „Großregion“. Die Ergebnisse, basierend auf einer postalischen Befragung in den Zwillingsgemeinden sowie auf Face-to-Face-Interviews, zeigen, dass aufgrund der Grenzlage verschiedene finanzielle und praktische Vorteile auf beiden Seiten gesehen werden. Die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden wird vorwiegend als recht positiv beschrieben. Hinsichtlich identifikatorischer Prozesse besteht sowohl ein Zugehörigkeitsgefühl zum Nationalstaat als auch zur (grenzüberschreitenden) Region, wobei sich Unterschiede zwischen den Befragten in den einzelnen Ländern zeigen. Geht es um die Bedeutung der Grenze, so ist der allgemeine Konsens, dass sie kaum mehr wahrnehmbar und das Leben seit ihrem Wegfall komfortabler geworden ist und Vorteile bietet. Gleichzeitig werden verschiedene Herausforderungen gesehen – Aufgaben für die kommenden Jahre. Schlüsselwörter Grenzregion – Zwillingsgemeinden – grenzüberschreitende Kooperation – Heimat – quantitative und qualitative Forschung
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 144 Life in border regions – “Where would we end up?” Abstract What is life in a border region like? This article aims to answer this question, drawing on empirical research in four twin-villages of the Greater Region. The findings, based on a postal survey in the twin municipalities and face-to-face interviews, show that both sides see the border situation as bringing financial and practical advantages. The cooperation between the municipalities is mostly described very positively. In terms of identityrelated processes, feelings of belonging to both the nation state and the (cross-border) region exist, although there are differences here between those surveyed in the different countries. In terms of the importance of the border, there is general agreement that it is scarcely noticed anymore, and that since its disappearance life has become more convenient and has benefited. Various challenges are also seen – tasks for the coming years. Keywords Border region – twin municipalities – cross-border cooperation – home – quantitative and qualitative research 1 Einleitung: Wahrnehmung der Grenze in „Zwillingsdörfern“ Die Grenzregion zwischen Luxemburg, Frankreich und Deutschland sowie den benachbarten Staaten (siehe Beitrag Hartz/Caesar in diesem Band) ist durch historisch wechselnde Grenzverläufe gekennzeichnet, was zur Folge hatte, dass die Bevölkerung in diesem Raum je nach geschichtlicher Epoche unterschiedlichen Nationen angehörte. Dieser Beitrag greift Fragen nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden hinsichtlich der regionalen Bindungen, des Heimatbewusstseins sowie regionalen Identitäten in der grenzüberschreitenden Kooperation auf (zum theorieorientierten Hintergrund siehe Beitrag Schönwald/Spellerberg/Weber in diesem Band). Hierzu wurden in vier „Zwillingsorten“ – also direkt einander gegenüberliegenden Gemeinden diesund jenseits nationalstaatlicher Grenzen – an den Grenzen Saarland/Lorraine und Rheinland-Pfalz/Luxemburg Befragungen zum Thema „Heimat und Wahrnehmung der Grenzlage“ durchgeführt. Neben einer teilstandardisierten Vollerhebung in den ausgewählten Orten kamen mündliche Interviews zum Einsatz. In diesem empirisch orientierten Beitrag greifen wir die in der Einführung zu diesem Kapitel (siehe Beitrag Schönwald/Spellerberg/Weber in diesem Band) aufgeworfenen Fragestellungen, die sich auf die Zukunftsfähigkeit von Grenzregionen im Hinblick auf tagtägliche Grenzziehungen, Heimatgefühl und Identifikation beziehen, auf. Die Äußerung „Wo kämen wir denn da hin?“ ist ein Zitat einer Frau an der deutsch-französischen Grenze aus dem Jahr 1982 – als Antwort auf die Frage, was sich ändern würde, wenn Europa als ein Gebiet ohne Grenzkontrollen käme (vgl. Schilling, o. J.). Der Film „Grenzfall Leidingen“ von Alfred Gulden aus dem Jahr 1983, dem dieses Zitat entstammt, ging einer Studie im saarländisch-lothringischen Grenzraum aus dem Jahr 1984 (ebenda) voraus. Damals – vor etwa 30 Jahren – wurden verschiedene Aspekte der Alltagswelt im Grenzgebiet untersucht. Der Ausspruch „Wo kämen wir denn da hin?“ spiegelt die Zukunftsangst vor einem zusammenwachsenden Europa und einer Schwächung der innereuropäischen Grenze wider. Dieses Zitat wurde in unserer Erhebung aufgegriffen und gefragt, wo wir denn hingekommen sind, wie sich die Alltagswelt im Grenzraum heute gestaltet und welche Zukunftsvorstellungen (Wünsche und Sorgen) Mitte der 2010er Jahre für die
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 145 Grenzregion bestehen. Neben diesen Fragen zu Alltag und Zukunftsvorstellungen im Grenzraum wurden auch einige eher allgemeine Fragen zu Identitätsund Heimatkonstruktionen in den Fragebogen aufgenommen, um die Ergebnisse mit früheren Studien vergleichen zu können. Die Studie ist damit in den Kontext von sozialwissenschaftlichen Arbeiten zu räumlichen Identitäten einzuordnen (Sievers 2014; Weichhart/Weiske/ Werlen 2006), die sich teilweise auch auf den hier betrachteten Raum beziehen (Kühne/Spellerberg 2010; Schönwald 2012, 2015; Wille 2012; siehe Beitrag Wille/Roos in diesem Band). Die empirischen Erhebungen fanden vor den großen Wanderungsbewegungen von Flüchtlingen – bzw. parallel dazu – im März/April 2015 statt, die ein paar Monate später zur teilweisen Wiedereinführung von Grenzkontrollen führten. Die Grenze dürfte zwischenzeitlich stärker in das Bewusstsein gerückt sein als dies zum Befragungszeitpunkt der Fall war (siehe auch Beitrag Pallagst/Caesar in diesem Band). Im Vordergrund der Untersuchung standen folgende Forschungsfragen: Welche Rolle spielen nationalstaatliche Grenzen im Alltag? Welchen räumlichen Umgriff nennen die Befragten im Hinblick auf Heimat und regionale Identifikation? Unterscheiden sich wahrgenommene Zugehörigkeiten in den Zwillingsorten? Schafft das Leben in einer Grenzregion neue Formen einer regionalen Identität? Nutzen die Einwohner(innen) der Zwillingsgemeinden die Infrastruktur und Angebote der jeweiligen anderen Gemeinde oder gibt es eine symbolische Grenze? Führt ein starkes Heimatgefühl dazu, die Gemeinde bzw. Region auf der anderen Grenzseite auszugrenzen? Ist die Grenzregion ein besonderer Ort für soziales Handeln und soziale Bindungen? Die Erhebung fand in folgenden Zwillingsdörfern statt: Wasserbillig (Luxemburg) und Langsur (Rheinland-Pfalz) sowie Heining-lès-Bouzonville (Lothringen) und Leidingen (Saarland) (vgl. Abb. 1). Grund für die Auswahl dieser Untersuchungsorte war auch die Unterschiedlichkeit der beiden Grenzräume: Mit Wasserbillig und Langsur wurden zwei gegenüberliegende Orte gewählt, die in einer prosperierenden Region liegen, Heininglès-Bouzonville und Leidingen sind stärker von Schrumpfung und Bevölkerungsalterung betroffen. Wasserbillig/Langsur erschien auch deshalb ein geeigneter Untersuchungsraum zu sein, weil in einer vorangegangenen Studie (Schönwald 2012) ein Akteur aus Langsur von aktuellen Spannungen und Chancen der Kooperation zwischen Wasserbillig und Langsur berichtete. Heining-lès-Bouzonville/Leidingen zeichnet sich durch die Besonderheit aus, dass der kleine Ort Leidingen selbst ein eigener Grenzort ist: ein Teil liegt auf französischem, ein Teil auf deutschem Staatsgebiet. Wasserbillig ist ein Ort in Luxemburg mit ca. 2.300 Einwohner(inne)n. Der Ort verfügt über einen Anschluss an den Bahnverkehr. Zudem gibt es mehrere Supermärkte und Discounter sowie Boutiquen und andere Dienstleistungen des täglichen Bedarfs. Wasserbillig liegt an der Mosel sowie der Sauer (franz. Sûre), durch die der Ort auch von seinem in Deutschland liegenden Nachbarort Langsur getrennt ist (Commune de Mertert 2015). Langsur hat ca. 1.635 Einwohner(innen) und verfügt nur über wenige Geschäfte für den täglichen Bedarf. Zur Gemeinde Langsur gehören auch die Ortsteile Metzdorf und Mesenich. Einen Bahnhof hat Langsur nicht (Ortsgemeinde Langsur 2015). Heining-lèsBouzonville liegt in Frankreich und hat etwa 500 Einwohner(innen), Leidingen liegt teil-
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 146 weise auf deutschem, teilweise auf französischem Boden. Der kleine Ort hat knapp 200 Einwohner(innen). Beide Orte grenzen direkt an die Staatsgrenze an. In Leidingen gibt es keinen Lebensmittelmarkt oder Bäcker. Heining-lès-Bouzonville ist fußläufig von Leidingen aus zu erreichen. Abb.1: Geographische Lage der Erhebungsorte Quelle: Darstellung des Fachgebietes Stadtsoziologie (Tim Weber) auf Basis des Jahresberichtes der Universität der Großregion (Juni 2014 bis Mai 2015) 2 Methode Die Durchführung der Untersuchung in den beiden Zwillingsdörfern erfolgte mit einem Methodenmix aus quantitativen und qualitativen Methoden der empirischen Sozialforschung. Die quantitative Studie erfolgte in einem ersten Schritt. In einem zweiten Schritt wurden qualitative Interviews mit einzelnen Teilnehmer(inne)n der standardisierten Umfrage geführt, auch mit dem Ziel, auffällige Ergebnisse der quantitativen Befragung vertiefen und diskutieren zu können. 2.1 Durchführung der schriftlichen Befragung Zehn Tage vor Beginn der Umfrage im März 2015 wurden die Ortsvorsteher der jeweiligen Gemeinde in einem persönlichen Anschreiben über die Erhebung informiert und gebeten, die beigefügten Aushänge mit Informationen über die anstehende Umfrage zur
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 147 Kenntnisnahme für die Bürger(innen) im Ort auszuhängen. Die Haushalte erhielten neben dem siebenseitigen Fragebogen ein Anschreiben, ein Kontaktformular mit Einverständniserklärung für eine weiterführende mündliche Befragung (bei Zustimmung mit der Bitte um Rücksendung mit Kontaktdaten) sowie einen frankierten Rückumschlag. Die Verteilung der Fragebögen fand auf zwei Wegen statt. In drei von vier Orten (Leidingen, Heining-lès-Bouzonville, Wasserbillig) verteilte eine studentische Hilfskraft die Fragebögen direkt an alle Haushalte, die einen namentlich beschrifteten Briefkasten hatten. In Briefkästen mit Firmennamen wurden keine Fragebögen eingeworfen. Außerdem wurden Aushänge im Einzelhandel (sofern vorhanden) vor Ort angebracht. In Langsur wurden die Fragebögen als Beilage des „Trierischen Volksfreundes“ verteilt. Bei Nichtabonnenten der Zeitung wurden die Fragebögen separat durch den Zusteller eingeworfen. Auf diese Weise wurde versucht, eine Vollerhebung zu realisieren. Die Fragebögen wurden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen verteilt: In Wasserbillig am 10. März 2015 an 1.060 Haushalte, am 11. März 2015 an 85 Haushalte in Leidingen sowie an 129 Haushalte in Heining-lès-Bouzonville. Am selben Tag erhielten die 640 Haushalte in Langsur die Fragebögen als Beilage des Trierischen Volksfreundes. Insgesamt wurden 1.914 Fragebögen verteilt. Nach drei Wochen wurden die Gemeindebewohner(innen) nochmals über Aushänge im Ort an die Umfrage erinnert und um Teilnahme gebeten. Auf Initiative einer Journalistin erschien in der Erhebungsphase zudem ein kleiner Artikel über die Umfrage im Lokalteil der Tageszeitung „Luxemburger Wort“. In einem Zeitraum von sieben Wochen wurde ein Rücklauf von im Durchschnitt leider nur 13 % (n=253) erzielt, der nach Orten wie folgt differiert: Den höchsten Rücklauf gab es in Langsur (n=123, 19 %) und in Leidingen (n=15, 18 %). Der Rücklauf in den nichtdeutschen Orten Wasserbillig (n=105, 10 %) und Heining-lès-Bouzonville (n=10, 8 %) lag noch darunter. Dort war offensichtlich die Bereitschaft zur Teilnahme an einer deutschen Studie nicht sehr stark ausgeprägt. Möglicherweise hätte eine mündliche Ansprache, z. B. auf einem Fest oder bei einer anderen Zusammenkunft der Dorfbewohner(innen) zu einem besseren Resultat geführt. 2.2 Qualitative Interviews Zu einer weiterführenden, vertiefenden Befragung in Form eines persönlichen Interviews haben sich 57 Personen (23 % des Rücklaufs) bereit erklärt. In Langsur und Wasserbillig wurden im September 2015 jeweils vier Interviews realisiert. Von den zwei Frauen und sechs Männern ist eine Person berufstätig, die restlichen Teilnehmer(innen) sind Rentner(innen). Bezüglich der Staatsbürgerschaft sind vier Deutsche und vier Luxemburger(innen) vertreten (Interviewpartner sind mit dem Anfangsbuchstaben des Nachnamens im Ergebnisteil gekennzeichnet). In Leidingen und Heining wurden im Juni 2015 jeweils zwei Personen qualitativ interviewt. Es handelte sich dabei im deutschen Leidingen um eine Französin (Frau B), die schon immer in dieser Grenzregion lebt, wenn auch früher auf französischer Seite, und eine Deutsche (Frau A), die als Erwachsene aus einem anderen saarländischen Ort in die Grenzregion gezogen ist. Im französischen Heining war die Auswahl ähnlich: ein Interviewpartner, ein Deutscher (Herr D), war als Erwachsener in die Grenzregion gezogen, der andere Interviewpartner (Herr C) stammt aus dem Grenzdorf. Es wurde ein Leitfaden mit biographischen Elementen entwickelt, bei dem den Interviewpartner(inne)n ausreichend Möglichkeit für freies Erzählen gegeben wurde (Küh-
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 148 ne/Schönwald 2015). Der Leitfaden umfasste folgende Themen: Biographie der Person, Bedeutung der Grenze im Zeitverlauf bis in die Zukunft, das Leben in der Grenzregion im Zeitverlauf bis heute, Bedeutung von Heimat sowie die Bewertung der Großregion. Die Interviews wurden aufgezeichnet, sodass sie vollständig transkribiert werden konnten. Die Auswertung folgte der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring, nach der einer inhaltsanalytischen Zusammenfassung eine Codierung und eine Kategorienbildung folgt. Die Vorgehensweise ist demnach als induktiv zu bezeichnen, da die Kategorien direkt aus dem Material entstehen. Um passende Kategorien hinsichtlich des Forschungsinteresses zu finden, war es vorab nötig, Selektionskriterien anhand der Themen des Leitfadens zu definieren. Dieser Vorgehensbestandteil ist damit eher deduktiv. Als keine neuen Kategorien mehr gefunden werden konnten, war eine Sättigung erreicht und der Auswertungsprozess begann (Mayring 1996: 91 ff.). 3 Ergebnisse Bei der Darstellung der Ergebnisse aus der quantitativen Befragung werden aufgrund des geringen Rücklaufes und der sich daraus ergebenden Fallzahl von insgesamt nur 25 ausgefüllten Fragebögen in den Orten Leidingen und Heining-lès-Bouzonville lediglich die beiden Zwillingsorte Wasserbillig (n=105) und Langsur (n=123) berücksichtigt. Passagen und Erläuterungen aus den geführten Interviews ergänzen die Ergebnisse beziehungsweise kontrastieren diese. 3.1 Sozialstruktureller Hintergrund der Befragten In den beiden Orten Wasserbillig und Langsur nahmen 108 Frauen und 118 Männer an der Befragung teil, wobei der Frauenanteil im deutschen Langsur mit 55 % höher liegt als im luxemburgischen Wasserbillig (40 %). Das Alter der Befragten aus den Orten reicht von 18 bis 84 Jahren mit einem Durchschnittswert von 55 Jahren. Mit nur neun Prozent in Wasserbillig und zwei Prozent in Langsur waren die Befragten unter 30 Jahren in beiden Orten unterrepräsentiert. Entsprechend lang ist die Wohndauer im Ort: Mehr als ein Viertel der Befragten lebt seit der Geburt (27 % in Wasserbillig, 30 % in Langsur) und ein weiterer erheblicher Anteil seit der Geburt mit Unterbrechungen im Ort (17 % in Wasserbillig, 12 % in Langsur). Die übrigen Befragten wohnen seit mehr als 20 Jahren in den Zwillingsdörfern (20 Jahre in Wasserbillig und 23 Jahre in Langsur). Die lange Ansässigen, die Erfahrungen mit der Situation vor und nach der Grenzöffnung haben, zeigten somit besonderes Interesse an der Umfrage. Die Befragten beider Orte unterscheiden sich deutlich in ihrem Bildungsabschluss, was aber den unterschiedlichen Bildungssystemen geschuldet sein dürfte (21 % „Sonstige“ in Wasserbillig). Bei den Hochschulabsolventen sind die Anteile gleich hoch (22 % und 23 %) (vgl. Tab. 1). Tab. 1: Sozialstruktur der Befragten Alter Geschlecht* Bildung** Mittel weiblich Max. Hauptsch. Mittlere Reife (Fach-) Abitur Hochschule Sonstiges Langsur 55 55 % 32 % 30 % 15 % 22 1 Wasserbillig 55 40 % 15 % 11 % 30 % 23 21 N=206-219, Cramer’s V, *: p: <0,05, **: p: <0,01 Quelle: Eigene Erhebung, März 2015
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 149 Mehr als vier von zehn der Befragten in Langsur leben in einem Haushalt mit drei oder mehr Personen, in Wasserbillig sind es immerhin 37 %. In beiden Orten überwiegen Partnerund Familienhaushalte, der geringere Anteil der Befragten lebt allein. Aufgrund der Grenzsituation wurde auch nach der Nationalität der Interviewpartner gefragt. In Langsur haben demnach 94 % der Befragten die deutsche Staatsbürgerschaft, drei Prozent die luxemburgische und die übrigen eine andere. In Wasserbillig haben 90 % der Teilnehmer(innen) die luxemburgische und immerhin acht Prozent die deutsche Staatsbürgerschaft (nicht tabellarisch ausgewiesen). 3.2 Die Besonderheit des Wohnortes Die Situation der beiden Orte Wasserbillig und Langsur ist aufgrund ihrer Grenzlage etwas Besonderes, da deren nationale Zugehörigkeit durch den Fluss Sauer/Sûre getrennt wird. Für die Umfrage war es daher von Interesse herauszufinden, welche Rolle die Nationalstaatsgrenze im Bewusstsein und im Alltagshandeln spielt. Im Ergebnis zeigt sich, dass durch die nationale Staatsgrenze kaum negative, sondern eher gleichgültige bis positive Assoziationen hervorgerufen werden. Für mehr als die Hälfte der Befragten aus beiden Teilen der Zwillingsdörfer hat die Grenze keine Bedeutung (59 % und 55 %; vgl. Tab. 2). Ein signifikanter Unterschied besteht bei der Zustimmung zur Aussage: „Die Grenze verbindet uns mit unseren Nachbarn“, dem knapp sechs von zehn aus dem deutschen, jedoch nur vier von zehn aus dem luxemburgischen Ort zustimmen. Ein Drittel bzw. mehr als ein Viertel der Befragten aus beiden Dörfern stimmt zu, dass die Grenze ihren Ort zu etwas Besonderem mache. Im luxemburgischen Ort wird die Grenze als deutlich nachteiliger empfunden als im deutschen, immerhin ein Viertel sieht wirtschaftliche Nachteile durch die Grenzlage. Bei den deutschen Befragten überwiegen eher die positiven Aspekte der Nationalstaatsgrenze. Tab. 2: Die Rolle der Nationalstaatsgrenze zum Nachbarland Aus Liste ausgewählt (Mehrfachnennungen möglich) Langsur Wasserbillig in % Die Grenze hat keine Bedeutung für mich. 59 55 Die Grenze verbindet uns mit unseren Nachbarn.** 58 40 Die Grenze macht meinen Ort zu etwas Besonderem. 33 27 Die Grenze bildet eine wirtschaftliche Barriere.** 11 24 Die Grenze bildet eine sprachliche Barriere. 7 13 Die Grenze bildet eine kulturelle Barriere. 6 11 L: n=123, W: n=103, Cramer‘s V, p: **: p: < 0,01 Quelle: Eigene Erhebung, März 2015 Auch bei der Frage danach, welchen Einfluss der Wegfall der Grenzkontrollen (seit dem Schengen-Abkommen 1992) auf das Alltagsleben der Bewohner(innen) hat, ist ein differenziertes Ergebnis zu erkennen, das sich allerdings in beiden Orten kaum voneinander unterscheidet. Jeweils mehr als drei Viertel aller Befragten gibt an, dass sich ihr
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 156 „Ja, Kooperationen, ich denke, letztendlich wird das auch notwendig werden. Weil wir zu wenig sind. Auf allen Seiten. Wie auch immer man sich die vorstellen kann. Im Kleinen kann man viel machen, man hat ja hier schon viel gemacht. Das wir die gleichen, ich sag mal, dass die beiden Bürgermeister geguckt haben, dass wir vernünftige Regelungen finden mit Abwasser oder mit Straßenbeleuchtung. Dass da nicht jeder anfängt, zu buddeln und seins macht.“ (Frau A, S. 9) Die Strukturprobleme werden von den beiden französischen Interviewpartner(inne)n (Frau B, wohnhaft auf saarländischer Seite, Herr C, wohnhaft auf lothringischer Seite) für die französische Seite als gravierender beschrieben. Frau B berichtet beispielsweise von Lothringerinnen im saarländischen Turnverein. Einen solchen Austausch kenne sie nicht in umgekehrter Richtung, vom Saarland nach Lothringen. Herr C nutzt ebenfalls gerne die benachbarte saarländische Infrastruktur: „Also für uns Grenzgänger ist das schon ein Vorteil, wir gehen nach Deutschland auch zum Arzt, weil sind ja auch der deutschen Sprache mächtig und wir gehen auch dann krankenhausmäßig dann, wenn es sein muss. Meine Frau, die hat die vier Kinder in Deutschland zur Welt gebracht.“ (Herr C, S. 3) Kooperation, so lässt sich festhalten, wird von den Interviewpartner(inne)n nicht nur als persönlich erstrebenswert, sondern als wichtig für die Zukunft der Grenzregion erachtet. Als Gefahr für die Kooperation bezeichnet Herr C insbesondere den veränderten Regionszuschnitt in Frankreich über Elsass und Lothringen hinaus. Durch diese neue Gebietsaufteilung befürchtet er eine Vernachlässigung der Grenzregion. Immer wieder wird die Sprachkompetenz als wichtiger Faktor der zukünftigen Entwicklung der Grenzregion genannt: „[…] die große Chance für unsere Region wäre, wenn wir nochmal zweisprachig wären. Weil wir haben hier in Frankreich, Lothringen, Moselle, 20 % Jugendarbeitslosigkeit. Und für die Jugend unterzubringen: wir haben keine Industrie mehr. Wir haben nichts mehr. Also große, ist nichts mehr da. Und das wäre dann die Chance, wo man sagen könnte, kannst jetzt rüber arbeiten gehen.“ (Herr C, S. 4). 3.5 Aktivitäten in der Grenzregion Die Befragten aus Langsur gehen häufiger Aktivitäten in Luxemburg nach als umgekehrt die Befragten aus Wasserbillig in Deutschland. Der Einkauf des täglichen Bedarfs findet immerhin zu jeweils 67 % auch im anderen Land statt, was auf die jeweiligen Angebotsstrukturen verweist. Auch der nicht-tägliche Bedarf, wie beispielsweise Kleidung, wird häufig in Deutschland befriedigt, umgekehrt jedoch selten in Luxemburg. Die Verteilungen beim Tanken waren zu erwarten, ebenso wie bei der Erwerbsarbeit (38 % der Befragten aus Langsur haben ihren Arbeitsplatz in Luxemburg, 1 % aus Wasserbillig in Deutschland). Bei der Aktivität in Vereinen und dem Besuch von Ärzten zeigt sich, dass immerhin fast ein Drittel der Bewohner(innen) aus Langsur diese in Luxemburg unternimmt und auch jedes 11. Kind aus Langsur dort in die Schule geht, während die Wasserbilliger seltener das Land wechseln. Die Familien (42 %) und Freunde (52 %) der Teilnehmer(innen) aus Wasserbillig scheinen häufig in Deutschland zu leben. Kulturelle Veranstaltungen werden etwas häufiger von den Einwohnern von Langsur (66 %) in Luxemburg besucht, verglichen mit 56% der Befragten aus Wasserbillig. Ausflüge werden zu fast zwei Dritteln von den Teilnehmer(inne)n beider Orte im jeweils anderen Land gemacht, und zu etwas mehr als einem Drittel erfolgt im angrenzenden Ausland eine sportliche Betätigung (vgl. Tab. 5). So überqueren neun von zehn Befragten aus Langsur und sechs von zehn Befrag-
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 157 ten aus Wasserbillig mindestens einmal pro Woche die Grenze (nicht tabellarisch ausgewiesen). Bei vielen alltäglichen Aktivitäten rückt die nationalstaatliche Grenze damit in den Hintergrund. Die in Tabelle 5 aufgeführten Aktivitäten demonstrieren den lebhaften alltäglichen Austausch in der Grenzregion (siehe auch Wille/Roos in diesem Band). In den nicht eingefärbten Spalten sind die Prozentwerte für Tätigkeiten angegeben, die im eigenen Land ausgeübt werden. Tab. 5: Aktivitäten im Ausland Wo üben Sie folgende Tätigkeiten aus? Angaben in % Langsur (D) Wasserbillig (L) Deutschland Luxemburg Deutschland Luxemburg Tanken** (D), n. s. (L) 11 95 1 96 Ausflüge** (D), *(L) 92 79 70 89 Einkaufen (täglicher Bedarf)** 98 67 67 90 Kulturelle Veranstaltungen besuchen** (D), * (L) 91 66 56 80 Ausgehen (Essen, Trinken, Kino)** 95 64 72 92 Freunde besuchen** 92 61 52 96 Arbeiten** 59 38 1 84 Sport treiben** 83 35 34 77 Familie besuchen** 97 29 42 86 Arztbesuche** 94 25 12 99 Einkaufen (z. B. Kleidung)** 99 21 91 57 Vereinsleben** 81 21 5 81 Schule/Kindergarten besuchen** 61 9 1 54 L: n=180-220, W: 96-101; n= Cramer‘s V, p: * < 0,05, ** < 0,01; sind nur einmal Sterne angeführt, gelten sie für beide Länder Quelle: Eigene Erhebung, März 2015 Die Interviewpartner(innen) der deutsch-französischen Grenze erzählen ebenfalls von täglichen Grenzübertritten aus unterschiedlichen Motiven. Insbesondere die größere Auswahl, die die Grenzregion bietet, etwa beim Lebensmitteleinkauf, wird dabei geschätzt.
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 158 3.6 Heimat und regionale Identität Während der Wohnort mehrheitlich ein Heimatgefühl auslöst (56 % in Langsur, 61 % in Wasserbillig), ist dies bei der Antwortvorgabe „Vertraute Landschaft“ in beiden Orten unterschiedlich. 40 % der Befragten aus Langsur spüren eine Bindung, während es nur 15 % der Personen aus Wasserbillig sind. Beim Überschreiten der Grenze ist es umgekehrt: die Antwortenden aus Luxemburg empfinden dies deutlich häufiger als die deutschen Befragten (vgl. Tab. 6). Tab. 6: Ursachen für ein Heimatgefühl Wo haben Sie am ehesten ein Gefühl von Heimat?** Angaben in % (Spalten) Langsur Wasserbillig Wohnort 56 61 Vertraute Landschaft 40 15 Grenzübertritt 2 16 Sonstiges 1 8 100 100 L: n=94; W: n= 69, Cramer’s V, p: **: <0.01 Quelle: Eigene Erhebung, März 2015 Bei der Frage danach, ob die angrenzende ausländische Region als Heimat infrage käme, zeigt sich, dass bei 18 % der Teilnehmer(innen) aus Langsur und 16 % der Befragten aus Wasserbillig die ausländische Nachbarregion bereits als Heimat gesehen wird. Als mögliche Heimat kommt die Nachbarregion für die Hälfte der Befragten aus Langsur infrage, jedoch nur für 20 % der Personen aus Wasserbillig. Eine stärkere Ablehnung seitens der Befragten aus Wasserbillig zeigt sich auch bei der Aussage, dass die Nachbarregion eher nicht (31 %) oder gar nicht (25 %) als Heimat in Betracht kommt. Bei den Personen aus Langsur geben 19 % an, dass die angrenzende Region eher keine mögliche Heimat sei und neun Prozent geben an, dass sie definitiv nicht als Heimat gesehen werde (nicht tabellarisch ausgewiesen). Gründe für die Wohnortwahl lassen sich in den biographischen Erzählungen der qualitativ Befragten finden. Der jetzige Wohnstandort wurde vorwiegend aufgrund sozialer Gründe getroffen. Die Familie nimmt dabei die wichtigste Rolle ein. Sei es, dass die Kinder eine schöne und sichere Umgebung zum Großwerden haben sollen, die eigene Familie wie Bruder oder Schwester in der Nähe wohnt oder sich um ein Familienmitglied gekümmert werden muss. Als weiterer Grund für die Wohnortwahl wird die ländliche Gegend genannt. „Haben wir dann was gesucht, was Ländliches, wo die Kinder auch ein bisschen rumlaufen können.“ (Herr S., Z. 5) Die Mehrheit der Befragten fühlt sich in der Region verwurzelt. Dem Ort, aber auch der Region, in der man geboren und aufgewachsen ist, wird eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Oftmals wurde im Geburtsort oder im nahen Umkreis ein Eigenheim gebaut.
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 159 „Aber ich hab vom Anfang an hier gewohnt in dritter Generation. [..] Ich habe mein, fast meine ganze Karriere hier in Wasserbillig an der Schule verbracht und wir haben in Mertert, hatten wir ein Haus gebaut und haben dort gewohnt.“ (Frau L., Z. 4, 6) Heimatbewusstsein In Form einer offenen Frage wurden die Teilnehmer(innen) der quantitativen Umfrage gebeten, typische Stichworte zu ihrer Heimat zu nennen (vgl. Tab. 7). Drei Hauptmerkmale treffen nach Angaben der Befragten auf beide Regionen zu, wobei sich die Häufigkeiten der Nennungen sehr stark unterscheiden. Auf Platz eins rangiert die als „schön“ bezeichnete Landschaft mit den beiden Flüssen Mosel und Sauer. Zu Wein bzw. Weinanbau gab es aus Langsur 32 Nennungen und 12 aus Wasserbillig. Sprache, womit in diesem Fall mehrheitlich der Dialekt gemeint ist, folgt auf Platz drei. Die Anzahl dieser Nennungen weicht hier nicht so stark voneinander ab. Langsurer sehen darüber hinaus häufiger eine große Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung und bei den Nachbarn (es war nicht ersichtlich, ob es sich um Grenznachbarn handelt) und heben die Freundlichkeit der Menschen hervor. Vonseiten der Befragten aus Wasserbillig wird am zweithäufigsten das regionale Essen als typisch für ihre Heimat bezeichnet. In Wasserbillig werden darüber hinaus Dinge genannt, die in Langsur nicht erwähnt wurden. Aufgrund der vielen in Luxemburg arbeitenden und lebenden Personen verschiedener Nationalitäten ist es nicht überraschend, dass achtmal Multikulturalität als Merkmal für die Heimat genannt wurde. Zudem kennzeichnen die Befragten Heimat durch die Herkunft, die Sprachvielfalt, den Tanktourismus sowie den Dorfcharakter, wo jeder jeden kennt (vgl. Tab. 7). Neben diesen Merkmalen, die auf die Verwobenheit von globalen und lokalen Einflüssen hinweisen, ist die insgesamt seltenere Nennung von Merkmalen auffällig. Auch in den qualitativen Interviews an der deutsch-französischen Grenze wurde danach gefragt, was unter Heimat verstanden wird. Auch hier, wie in früheren Studien zum Thema (Kühne/Spellerberg 2010), wird die große Bedeutung des Sozialen für Heimat deutlich. Die Interviewten lokalisieren ihre Heimat dort, wo sie das Gefühl haben, „dass ich die Leute hier verstehe und die mich […], dass hier die Leute denken wie ich und ich wie sie“ (Frau A, S. 11-12). Der Sprache bzw. dem Dialekt kommt dabei auch eine große Bedeutung zu, wie etwa Herr C in Bezug auf das Moselfränkische verdeutlicht: „Also das ist einmal diese Sprache. Das macht diese ganze Heimat“ (Herr C, S. 11). Neben diesen sozialen Aspekten kommen auch physisch-räumliche Faktoren hinzu, die jedoch bei genauerer Betrachtung ebenfalls soziale Bezüge aufweisen: „[…] ich sag jetzt mal für mich ist Leidingen Heimat, hier möchte ich möglichst bleiben, ja, man weiß nie, was im Leben passiert, aber ich gehe davon aus, dass ich bleibe. […] wegen den Menschen, wegen dem kleinen Ort, wegen der Grenznähe, wegen der Stille, die meist herrscht. Und weil ich denke, dass ich die Leute hier verstehe.“ (Frau A, S. 12) Auch landschaftliche Aspekte werden zur Definition von Heimat hinzugezogen, etwa die „offene Landschaft“ (Frau A, S. 13), die „schöne Landschaft“ (Herr D, S. 8). Aber auch finanzielle und alltagspraktische Dinge spielen eine Rolle, wie „relativ kurze Wege“ und bezahlbare Grundstücksund Immobilienpreise. Eine weitere genannte Assoziation mit Heimat ist die Geschichte, und eng verbunden damit auch die Grenzlage: „Unsere Heimat identifiziert sich durch diese Grenze, die hat ja ihre Geschichte durch die Grenze. Wenn man jetzt 75 Jahre zurückgeht, wo genau vor 75 Jahren hier keiner mehr war und die waren alle evakuiert und Leute hier ihr Leben verloren haben und dann jetzt vor 70
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 160 Jahren noch mal gucken mussten, wie sie zusammenkommen. Ist doch eine sehr trächtige Gegend mit Geschichte und das ist auch ein Teil der Heimat.“ (Herr C, S. 10) Tab. 7: Assoziationen mit eigener Heimat Assoziationen mit eigener Heimat Langsur Wasserbillig Landschaft (Flussregion) 53 27 Wein(anbau) 32 12 Sprache (Dialekt) 15 12 Hilfsbereitschaft 11 3 Freundliche Menschen 10 3 Familie und Freunde 10 6 (Regionales) Essen 8 13 Grenznähe 8 2 Dorfidylle 7 2 Wohlgefühl/Geborgenheit 6 6 Feste 5 3 Geschichte 4 1 Multikulturalität 1 8 Herkunft 0 5 Sprachvielfalt 0 4 Tanktourismus 0 4 Jeder kennt jeden 0 4 L: n=170; W: n=115 Quelle: Eigene Erhebung, März 2015 Die Befragten möchten sich verständigen können (in doppeltem Sinne: Sie möchten die gleiche Sprache sprechen wie die Bewohner(innen) ihrer Heimat und sie möchten sich von ihnen verstanden fühlen in ihrer Denkweise), sie wollen eine „schöne Landschaft“, wobei die Definition einer schönen Landschaft, bzw. einer Wohlfühllandschaft offenbar stark biographisch geprägt ist (vgl. heimatliche Normallandschaft bei Kühne 2006) und sie möchten ein soziales Netz um sich wissen. Eine französische Übersetzung für den deutschen Begriff „Heimat“ erweist sich als kompliziert. Keinem der beiden befragten Franzosen fiel sofort ein französisches Pendant zum deutschen Konzept ein. Herr C sah für sich am ehesten eine Entsprechung in dem Ausdruck „mon pays“ (mein Land), Frau B nannte „patrie“ (Vaterland) als mögliche Übersetzung. Im Luxemburgischen wird das Wort „Heemecht“ gewählt.
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 161 Ortsverbundenheit, Identifikation mit dem Wohnort und der Grenzregion Die Antworten auf die Frage nach dem Zugehörigkeitsgefühl zeigen, dass sich die Mehrheit ihrem Wohnort zugehörig fühlt, gefolgt von der Region auf ihrer Seite der Grenze. Von den Bewohner(inne)n aus Langsur wird zu 32 % auch die direkte ausländische Grenzregion hinzugerechnet, ebenso die Region diesseits und jenseits der Grenze (30 %), im Vergleich zu einem deutlich geringeren Teil der Befragten in Wasserbillig (13 % und 19 %). Der größte Unterschied findet sich in der Zugehörigkeit zur „Großregion“, da der Anteil der Personen aus Langsur, die eine Zugehörigkeit benennen, dreimal so hoch ist wie der Anteil der Befragten aus Wasserbillig. Bei der Staatsangehörigkeit ergibt sich bei den Wasserbilligern ein höherer Anteil als bei den Langsurern. Die Bewohner(innen) Langsurs fühlen sich mehr zur Großregion und direkt anliegenden ausländischen Grenzregion zugehörig als die Bewohner(innen) in Wasserbillig, die eine starke Identifikation mit Luxemburg und ihrem Wohnort betonen (vgl. Tab. 8). Tab. 8: Zugehörigkeitsgefühl Ich fühle mich zugehörig… (5er Skala, „Ja“-Angaben) Angaben in % Langsur Wasserbillig zu dem Ort, in dem ich wohne. 70 65 zur Region, auf dieser Seite der Grenze. 62 60 zur direkten ausländischen Grenzregion.* 32 13 zur Region diesseits und jenseits der Grenze. 30 19 zur Großregion SaarLorLux+RLP.** 33 10 zu dem Staat, in dem ich wohne. 62 74 zu einem anderen Staat. 3 1 L: n=117, W: n=96, Cramer’s V, *: p: < 0.05, **: p: <0,01 Quelle: Eigene Erhebung, März 2015 Dass die Großregion keine deutliche Verbundenheit hervorruft, begründen die qualitativ Befragten in Wasserbillig und Langsur mit deren unüberschaubarer Größe. Die Regionen des politischen Verbundes wurden, so die Überzeugung der Befragten, nach wirtschaftlichen Interessen ausgewählt, nicht nach kulturellen Gemeinsamkeiten der Bewohner(innen). „Ich denke, die Großregion gibt es zwar als Landschaft, aber ich denke so vom Zusammenleben, Zusammenarbeit und so, da sind die noch ganz am Anfang. [..] Aber die Großregion, das ist obendrüber so und das ist so vielleicht auch, weil‘s so groß ist, so anonym, so abstrakt.“ (Herr S., Z. 184, 240) Auch bei der Frage danach, was die Teilnehmer(innen) als Heimat bezeichnen würden, ergeben sich deutliche Unterschiede bei den Befragten aus beiden Orten. Die eigene Region bezeichnen 63 % der Teilnehmer(innen) aus Langsur als ihre Heimat, hingegen nur 18 % aus Wasserbillig. Die Grenzregion ist für 42 % der Befragten aus Langsur Heimat (nur für 20 % aus Wasserbillig). Den Sprachraum hingegen empfinden 42 % der Teilnehmer(innen) aus Wasserbillig als ihre Heimat (25 % aus Langsur). Das eigene Dorf ist für die Mehrheit Heimat, wohingegen die eigene Wohnung seltener genannt wird.
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 162 Auch hier zeigen die Ergebnisse, dass die Bewohner(innen) aus Langsur anscheinend mehr Verbundenheit zu ihrer (Grenz-)Region haben, wohingegen für die Personen aus Wasserbillig der Wohnort und der Sprachraum wichtig für ein Heimatgefühl sind (vgl. Tab. 9). Tab. 9: Bezeichnung von Heimat Was würden Sie als Ihre Heimat bezeichnen? (Mehrfachnennungen) Angaben in % Langsur Wasserbillig Meine Region** 63 18 Meinen Wohnort 61 54 Die Grenzregion** 42 20 Meine Wohnung 39 46 Europa 32 30 Meinen Sprachraum** 25 42 Nichts 3 2 L: 122, W: 105, Cramer’s V, p: **< 0.01 Quelle: Eigene Erhebung, März 2015 Bei der Frage danach, wodurch die Heimat festzulegen sei, wird immer zunächst die Familie genannt. Eine verortete Heimat lässt sich hinsichtlich der Verwurzelung der Befragten feststellen. Dort, wo die Befragten geboren und aufgewachsen sind, ist (auch) Heimat. Auch das eigene Zuhause und der Wohnort werden als Heimat beschrieben. „Ich bin dadurch, dass ich ja so viel rumgereist bin, schon viel woanders gelebt gehabt, habe ich immer meinen Lebensmittelpunkt, wo ich mich wohlgefühlt hab, wo mein Zuhause war, wo halt meine Lieben waren.“ (Frau B, Z. 87) Gründe dafür, auf der anderen Seite der Grenze zu leben, liegen in beiden Orten zu fast gleichen Teilen in steuerlichen und wirtschaftlichen Vorteilen, wobei sich die Befragten aus Wasserbillig insgesamt seltener vorstellen können, auf der deutschen Seite der Grenze zu leben. Dimensionen von Heimat Die Ergebnisse haben gezeigt, dass Heimat unterschiedlich konnotiert ist, z. B. als Ort der Familie, Geburtsort, über Naturbezüge oder vertraute Bräuche und Sitten. Die größte Zustimmung bei der Frage: „Heimat ist da, wo ….“ fand das Merkmal „ich mich geborgen fühle“ (77 % in Langsur, 81 % in Wasserbillig), gefolgt von „meine Familie lebt“ (70 % und 66 %), „ich wohne“ (69 % und 67 %), „mein Haus steht“ (59 % und 66 %) und „ich geboren wurde“ (50 % und 53 %). Bei den Items mit geringerer Zustimmung finden sich zugleich größere Unterschiede: „ich wohnen möchte“ (42 % zu 34 %), „Natur erlebe“ (39 % zu 31 %), „Dialekt gesprochen wird“ (31 % zu 38 %) „vertraute Bräuche gelten“ (29 % zu 42 %) oder „die Grenze ist“ (22 % zu 16 %). Familie und Freunde verweisen auf stabile, verlässliche soziale Beziehungen, während das eigene Haus stärker auf die eigene Biographie und Leistung hindeutet. Mithilfe von Faktorenanalysen wurde in einem nächsten Schritt
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 163 ermittelt, ob in beiden Orten den Einzelmerkmalen gleiche Strukturierungen unterliegen (vgl. Tab. 10). Tab. 10: Bedeutung von Heimat – Faktorladungen der einbezogenen Variablen Heimat ist da, wo... Langsur Wasserbillig Tradition Ideelle Heimat Familiensitz Geborgenheit Alteingesessen Ideelle Heimat mein Dialekt gesprochen wird. ,87 ,40 ,61 ich geboren wurde. ,80 ,62 vertraute Bräuche gelten. ,73 ,31 ,33 ,82 meine Freunde leben. ,57 ,43 ,42 ,41 ein idealer Ort ist. ,83 ,82 ich wohnen möchte. ,70 ,43 ,69 ich Natur erleben kann. ,45 ,63 ,54 ,34 die Grenze ist. ,58 ,44 ,67 mein Haus steht. ,82 ,80 ich wohne. ,79 ,63 ich mich sicher fühle. ,61 ,64 meine Familie lebt. ,43 ,55 ,31 L: KMO: ,79,/Bartl. P: ,00/Kumul. V.: ,58 W: KMO: ,69,/Bartl. P: ,00/ Kumul. V.: ,55 Quelle: Eigene Erhebung, März 2015 In beiden Orten werden drei Dimensionen bei den 12 Einzelmerkmalen identifiziert. In Langsur können sie als Tradition, ideelle Heimat und Familiensitz bezeichnet werden. Der erste Faktor wird durch folgende Variablen gebildet: Dialekt, Geburtsort, vertraute Bräuche und Ort, an dem die Freunde leben. Auch das Item „Natur erleben“ korreliert
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 164 mit Faktor 1, dieses Merkmal zählt jedoch zur zweiten Dimension ideelle Heimat, in der ein idealer Ort, Wunschort, und Grenze zusammengefasst werden. Faktor 3 bezieht sich auf den Familiensitz mit den Merkmalen Haus, derzeitiger Wohnort, Geborgenheit und Familie. In Wasserbillig bilden sechs der zwölf Merkmale zwei Faktoren, d. h. dass die Lösung deutlich unklarer ist als in Langsur und die einzelnen Faktoren zugleich schwieriger zu interpretieren sind. Die erste Dimension umfasst vertraute Bräuche, Sicherheitsgefühl, Geburtsort, Familie und Naturempfinden, der Faktor ist somit auf Geborgenheit ausgerichtet. Der zweite Faktor kann als Alteingesessen interpretiert werden, denn er umfasst das Wohnen im eigenen Haus und den gesprochenen Dialekt. Der dritte Faktor entspricht weitgehend dem zweiten in Langsur identifizierten: die ideelle Heimat. Obwohl im luxemburgischen und im deutschen Grenzort ganz unterschiedliche Muster bei den Dimensionen von Heimat zu erkennen sind, zeigen sich im Hinblick auf ihre sozialstrukturelle Differenzierung in beiden Ländern keine Unterschiede. Männer unterscheiden sich bei der Bewertung der Einzelmerkmale nicht signifikant von Frauen, Jüngere nicht von Älteren und finanziell gut gestellte Bürger nicht von denjenigen mit weniger Ressourcen. Einzig vor dem Hintergrund des Bildungsabschlusses der Befragten differieren in beiden Ländern die Angaben dahingehend, dass höher Qualifizierte weniger starke Ausprägungen bei den Einzelmerkmalen aufweisen, d. h. Heimat insgesamt als weniger bedeutsam erachten. 4 Fazit Abschließend werden zentrale Ergebnisse zusammengefasst und die zu Beginn vorgestellten Forschungsfragen beantwortet. Zunächst wurde sichtbar, dass die Grenze als nationalstaatlich kontrollierte Grenze heute als wenig bedeutsam eingeschätzt wird. Das Ende der Grenzkontrollen infolge des Schengener Abkommens wird in Langsur und Wasserbillig positiv bewertet – vorher wurden die Grenzkontrollen als erschwerend für den Alltag empfunden. Gleichzeitig fallen Bezugnahmen auf den eigenen Nationalstaat nicht weg beziehungsweise Unterscheidungen zwischen dem eigenen und dem Nachbarland sind weiterhin relevant. Bei den deutschen Befragten zeigt sich tendenziell eine größere Offenheit gegenüber ihrem Nachbarland Luxemburg. Die Befragten aus Wasserbillig hingegen zeigen eine stärkere lokale Verwurzelung. Für sie sind der Dialekt sowie vertraute Bräuche sehr wichtig, um sich heimisch zu fühlen. Ihre starke Verbundenheit zur luxemburgischen Nation manifestiert sich auch darin, dass sich nur sehr wenige Befragte vorstellen können, in Deutschland zu wohnen. Die Befragten an der deutsch-luxemburgischen Grenze wiesen ein recht weitgefasstes Heimatverständnis auf. Zwar sprachen viele davon, dass der Wohnort ihre Heimat sei, bei weiteren Ausführungen wurde jedoch deutlich, dass Heimat auch mit verschiedenen, insbesondere sozial definierten Faktoren zusammenhängt, wie Geborgenheit, Familie, Dialekt oder der „spezifischen Landschaft“ (das Letztgenannte insbesondere in Langsur). Zugleich ist festzustellen, dass sich die Befragten aus Wasserbillig mehrheitlich in ihrem Land heimisch fühlen, auch weil ein vertrauter Sprachraum wichtig für sie ist. Die Teilnehmer(innen) aus Langsur hingegen geben häufiger die beiderseitige (Grenz-) Region an. Die Frage, ob das Leben in einer Grenzregion neue Formen einer örtlichen Identität schafft, kann nicht eindeutig beantwortet werden, denn eine Wertschätzung des besonderen Raums, der sicherlich die Identifikation beeinflusst, ist gegeben, eine spezifische place identity betrifft aber nur eine Minderheit der Befragten.
Leben in Grenzregionen – „Wo kämen wir denn da hin?“ 165 Dass Luxemburg und Deutschland eine wirtschaftliche Zusammenarbeit pflegen, wird von allen Befragten sehr positiv bewertet. Etwa ein Drittel der Befragten aus Langsur arbeitet zudem in Luxemburg, sie profitieren von steuerlichen Vorteilen und dem Lohnniveau. Die Wasserbilliger(innen) gehen vorwiegend in Deutschland einkaufen und die Langsurer(innen) tanken in Luxemburg. Die Grenzlage bietet für die Befragten auf beiden Seiten der Grenze ökonomische Vorteile. Negativ betrachtet wird jedoch das hohe Verkehrsaufkommen und die damit verbundene Luftverschmutzung sowie zusätzlich bei den Luxemburger(inne)n der Tanktourismus seitens der Ausländer(innen). Eine gute Beziehung zu den Nachbar(inne)n auf der anderen Grenzseite ist, wie in der Befragung von Vogelsang (2011), auch bei den Teilnehmer(inne)n dieser Umfrage zu erkennen. Jedoch wird deutlich, dass sich Befragte aus Langsur vereinzelt eine bessere Nachbarschaft durch mehr Toleranz seitens ihrer Nachbar(inne)n in Wasserbillig wünschen. Freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen bestehen dennoch auch jenseits der eigenen Landesgrenze. Anders als bei der Studie zu den Grenzgängern von Christian Wille et al. (2014) ist bei den Teilnehmer(inne)n dieser Erhebung ein großes Interesse an den Geschehnissen im Nachbarland gegeben. Mehr als die Hälfte der Bewohner(innen) beider Orte informiert sich regelmäßig über das Tagesgeschehen im anderen Land. Ein Grund hierfür ist sicherlich die direkte Grenzlage der beiden Gemeinden, durch die die Bewohner(innen) einen regelmäßigen und vielfältigen Austausch pflegen, beispielsweise beruflich, bei Ausflügen oder privat in Vereinen. Bezüglich der Annahme, dass eine örtliche Identität Einfluss auf tägliche Aktivitäten nimmt, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass dies nicht der Fall ist. Tägliche Aktivitäten finden regelmäßig und pragmatisch im angrenzenden Ausland statt, was sich besonders im Einkaufsund Tankverhalten zeigt. Im deutsch-französischen Untersuchungsgebiet entstand daher zunächst der Eindruck, die Grenze sei auch symbolisch nicht mehr vorhanden. Jedoch gestaltet sich offenbar die Sprachbarriere zunehmend als schwierige Grenze. Neben dieser Barriere und den unterschiedlichen Regelungen, die auch die Kooperation behindern, gibt es aber auch eine positive Seite einer in Teilen weiterhin bestehenden symbolischen Grenze: das verbleibende „Andere“ auf der anderen Seite wird durchaus geschätzt, etwa bei Ausflügen. Die Teilnehmer(innen) aus beiden Dörfern geben in der schriftlichen Befragung an, die Multikulturalität in der Grenzregion als großen Vorteil zu sehen. Zugleich ist eine größere Affinität zur Grenzund Großregion bei den Befragten aus Langsur zu erkennen. Kulturelle Unterschiede werden von den Befragten aus Wasserbillig stärker betont als von denjenigen aus Langsur. Überwiegend lassen sich jedoch in den beiden Zwillingsorten ähnliche Ergebnisse feststellen. Die Grenzlage der Gemeinden wird vorwiegend positiv gesehen und das Gefühl von Heimat kommt zunächst im privaten Nahund Wohnraum auf. Die Ergebnisse der quantitativen Befragung und der qualitativen Interviews decken sich mehrheitlich mit den Ergebnissen aus bisherigen Studien. Wie in der Studie von Wille und Hesse (2014) wurde auch in dieser empirischen Untersuchung deutlich, dass die räumliche Zugehörigkeit nicht primär durch die Grenzlage geprägt ist. Abschließend soll noch einmal die Ausgangsfrage – „Wo kämen wir denn da hin?“ beziehungsweise angepasst „Wo sind wir hingekommen?“ – im Titel des Beitrags aufgegriffen werden: Geht es um die Bedeutung der Grenze, so ist der allgemeine Konsens, dass sie kaum mehr wahrnehmbar ist und das Leben seit ihrem Wegfall komfortabler geworden ist sowie besondere Vorteile bietet. Gleichzeitig werden Herausforderungen, gerade für grenzüberschreitende Kooperationen, gesehen, beispielsweise in Bezug auf Kriminalitätspräventi-