IAB-Prognose 2025/2026: Fiskalpolitik stützt Konjunktur und Arbeitsmarkt
Abstract
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Full text
Gartner, Hermann et al. Research Report IAB-Prognose 2025/2026: Fiskalpolitik stützt Konjunktur und Arbeitsmarkt IAB-Kurzbericht, No. 19/2025 Provided in Cooperation with: Institute for Employment Research (IAB) Suggested Citation: Gartner, Hermann et al. (2025) : IAB-Prognose 2025/2026: Fiskalpolitik stützt Konjunktur und Arbeitsmarkt, IAB-Kurzbericht, No. 19/2025, Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB), Nürnberg, https://doi.org/10.48720/IAB.KB.2519 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/330571 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
IAB-KURZBERICHT Aktuelle Analysen aus dem Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung In aller Kürze ●Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer länger anhaltenden rezessiven Phase. Die Fiskalpakete werden die Konjunktur aber beleben. Das Bruttoinlandsprodukt wird im Jahr 2025 um 0,2 Prozent und im Jahr 2026 um 1,1 Prozent steigen. ●Der Arbeitsmarkt wurde durch die schwache Konjunktur und die Transformationskrise beeinträchtigt. Eine wirtschaftliche Belebung wird die Entwicklung allerdings verbessern. ●Im Jahresdurchschnitt 2025 steigt die Zahl der Erwerbstätigen um 10.000, im Jahr 2026 sinkt sie wegen der Arbeitskräfteverknappung um 20.000 Personen: Das Erwerbspersonenpotenzial wächst in diesem Jahr noch um rund 60.000 Personen, sinkt allerdings im kommenden Jahr um etwa 40.000 Personen. ●Die Zahl der Arbeitslosen nimmt dieses Jahr um 160.000 zu, im nächsten Jahr gibt es trotz sinkenden Verlaufs fast keine Änderung im Jahresdurchschnitt. ●Die meisten zusätzlichen Stellen wird es im Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit geben. Für das Produzierende Gewerbe ohne Baugewerbe erwarten wir im Prognosezeitraum einen Rückgang der Beschäftigtenzahl. ●Trotz eines kräftigen Anstiegs der Teilzeitquote nimmt die Arbeitszeit je Erwerbstätigen in beiden Prognosejahren wieder zu. Im Jahr 2026 ist der Anstieg vor allem auf einen positiven Kalendereffekt sowie auf höhere wöchentliche Arbeitszeiten bei Teilzeitbeschäftigten zurückzuführen. 19 | 2025 Die deutsche Wirtschaft und der Arbeitsmarkt entwickeln sich seit drei Jahren schwach. Die Fiskalpakete werden die Konjunktur zwar beleben, die Beschäftigungsentwicklung stößt aber an Grenzen. Der Kurzbericht gibt einen Ausblick auf die Jahre 2025 und 2026. Impulse von der Wirtschaftspolitik Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer länger anhaltenden rezessiven Phase. Im vergangenen Jahr schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,5 Prozent. Wenngleich sich zu Jahresbeginn 2025 noch eine Besserung abzeichnete und das BIP preis-, saisonund kalenderbereinigt im ersten Quartal um 0,3 Prozent wuchs, sank es im zweiten Quartal wieder um 0,3 Prozent. Inzwischen verbessern sich aber mehrere Vorlaufindikatoren. Wir erwarten für dieses Jahr ein Wachstum des BIP um 0,2 Prozent und mit einer anziehenden Konjunktur im nächsten Jahr ein Wachstum von 1,1 Prozent. Die Weltwirtschaft ist weiter geprägt durch die Handelskonflikte mit den USA sowie durch verschiedene geopolitische Konflikte (Naher Osten, Ukraine). Dennoch gab es auch positive Impulse, da von vielen Zentralbanken wegen der niedrigeren Inflation die Leitzinsen gesenkt worden sind. Das Wirtschaftswachstum der USA nahm im zweiten Quartal mit 0,8 Prozent wieder Fahrt auf. Allerdings befinden sich die Konjunkturerwartungen für die USA im negativen Bereich. In China wuchs das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um 1,1 Prozent und die Indikatoren zur Einschätzung der Konjunkturaussichten stagnierten im leicht positiven Bereich. In der Eurozone entwickelte sich die Wirtschaft im zweiten Quartal mit 0,1 Prozent schwächer als noch im Vorquartal (+0,6 %). Hier mussten die aktuellen Erwartungen für IAB-Prognose 2025/2026 Fiskalpolitik stützt Konjunktur und Arbeitsmarkt von Hermann Gartner, Timon Hellwagner, Markus Hummel, Christian Hutter, Benjamin Lochner, Susanne Wanger, Enzo Weber und Gerd Zika
die nächsten Monate einen Dämpfer hinnehmen, verbleiben jedoch deutlich im positiven Bereich. Die Weltwirtschaft dürfte auch im kommenden Jahr weiter expandieren. Der konjunkturelle Rückschlag für die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal ist vor allem auf den Außenhandel zurückzuführen. Waren die Exporte im ersten Quartal 2025 preis-, saisonund kalenderbereinigt noch um 2,5 Prozent gestiegen, gingen sie im zweiten Quartal um 0,1 Prozent zurück. Diese Entwicklung war vom Zollkonflikt mit den USA geprägt: Zunächst wurde ein Teil der Exporte angesichts drohender Zölle vorgezogen, diese fehlten dann im zweiten Quartal (Bhakdi et al. 2025). Die Importe dagegen legten in den beiden Quartalen des ersten Halbjahres deutlich um jeweils 1,6 Prozent zu. Die Exporterwartungen im Verarbeitenden Gewerbe haben sich zuletzt wieder etwas eingetrübt. Der erratische Außenhandel zeigt sich auch im Produzierenden Gewerbe: Dort stieg die Produktion im ersten Quartal 2025 noch an, hat zwischenzeitlich deutlich nachgelassen, aber zuletzt wieder angezogen. Die Auftragseingänge aus dem Ausland für das Verarbeitende Gewerbe gaben zuletzt wieder nach, nachdem sie in der ersten Jahreshälfte noch angestiegen waren. Insgesamt dürfte der Außenhandel in diesem Jahr weiterhin nur wenig vom Wachstum der wichtigen Handelspartner profitieren. Sofern die vereinbarte Zolleinigung bestehen bleibt und die Handelspolitik damit zuverlässiger wird, ist für das nächste Jahr zu erwarten, dass die Exporte wieder mehr zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung beitragen. Firmen, die von den Zöllen betroffen sind, passen sich zum Teil an und versuchen andere Absatzmärkte zu nutzen. Die Investitionen waren im zweiten Quartal 2025 mit einem Anstieg um 0,9 Prozent eine Konjunkturstütze – im ersten Quartal waren sie noch um 1,7 Prozent gesunken. Zum Anstieg beigetragen haben vermehrte Investitionen in sonstige Anlagen (+1,2 %) sowie positive Vorratsveränderungen (+0,5 %), wohingegen sowohl die Investitionen in Bauten (–2,1 %) als auch in Ausrüstungen (–1,9 %) deutlich sanken. Die Finanzierungsbedingungen für Investitionen haben sich aufgrund der Leitzinssenkungen wieder etwas verbessert. Doch Unsicherheit über die weitere Transformationsund Klimapolitik sowie die Zollpolitik haben die Investitionsneigung belastet. Das Geschäftsklima der Investitionsgüterhersteller ist nach wie vor schwach, verbesserte sich im August aber deutlich. Auch die Baukonjunktur, die während der Phase hoher Inflation und Zinsen starke Nachfrageeinbrüche zu verzeichnen hatte, bleibt schwach. Die Produktion im Bauhauptgewerbe hat jedoch zuletzt wieder etwas angezogen. Die Auftragseingänge haben hier zwar im August gegenüber dem Vormonat wieder nachgegeben, sind aber weiter über dem Vorjahres niveau. Die Baugenehmigungen sind nach einem mehrjährigen Rückgang dieses Jahr wieder gewachsen, wenngleich das Geschäftsklima im Bauhauptgewerbe noch im Minus bleibt. Für dieses Jahr gehen wir davon aus, dass die Investitionen sich nur wenig erholen. Die wirtschaftspolitischen Impulse – vor allem durch das Sondervermögen und die gelockerte Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben – werden im kommenden Jahr zunehmend wirksam. Insbesondere die verbesserten Abschreibungsmöglichkeiten und die Senkung der Energiekosten dürften die Investitionen beleben. Die Konsumausgaben stiegen im zweiten Quartal um 0,3 Prozent und haben damit die Konjunktur wie schon in den Vorquartalen gestützt. Einen großen Anteil daran hatten die Konsumausgaben des Staates, welche um 0,8 Prozent zulegten. Der private Konsum dagegen wuchs nur um 0,1 Prozent. Die Sparneigung bleibt hoch, sodass die Konsumnachfrage nur schwach von Einkommenssteigerungen profitiert. Dennoch stieg der reale Umsatz im Einzelhandel und befindet sich mittlerweile auf dem höchsten Stand seit über drei Jahren. Der Konsumklimaindex hatte sich seit seinem Tief im Jahr 2022 langsam erholt, gab allerdings zuletzt wieder etwas nach. Die Gewerkschaften konnten in den vergangenen Tarifverhandlungen oft kräftige Nominallohnerhöhungen durchsetzen, wodurch die Realeinkommen entsprechend angestiegen sind. Gleichwohl liegen die Reallöhne immer noch unter Vor-Corona-Niveau. Aktuell scheint ein nachzuholender Inflationsausgleich bei den Lohnverhandlungen kaum mehr eine Rolle zu spielen. Da zudem die Arbeitslosigkeit gewachsen ist, dürften die Nominallöhne nun wieder weniger steigen, sodass kräftige Anstiege der Kaufkraft nicht mehr zu erwarten sind. Daher gehen wir für das kommende Jahr trotz der erwarteten fiskalpolitischen 2IAB-Kurzbericht 19|2025
Entwicklungstendenzen von Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Arbeitsmarkt in Deutschland 2019 bis 2026 BIP in Mrd. Euro (preis-, saisonund kalenderbereinigte Quartalswerte) Erwerbstätige und Arbeitslose in 1.000 (saisonbereinigte Monatswerte) A1 Veränderung der Ursprungswerte gegenüber Vorjahr Ist-Entwicklung Modellprognose Prognoseintervall Jahresdurchschnitte Erwerbstätige ArbeitsloseBIP + / – % 1) Prüfaktivitäten zum Arbeitsvermittlungsstatus von Arbeitslosengeld-II-Berechtigten wirkten sich im zweiten Quartal 2019 erhöhend auf die Arbeitslosenzahlen aus. Anmerkung zu den Prognoseintervallen: Zu jedem Zeitpunkt wird der realisierte Wert mit einer Wahrscheinlichkeit von 2/3 innerhalb des Bandes liegen. Also wird beispielsweise die Erwerbstätigkeit im Juni 2026 mit einer Wahrscheinlichkeit von 2/3 zwischen 45,76 Mio. und 46,20 Mio. Personen liegen. Quelle: Destatis, Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Berechnungen des IAB; Stand September 2025. 2025 20262019 2020 2021 2022 20242023 III III IV III III IV III III IV III III IV III III IV III III IV III III IV III III IV 2025 20262019 2020 2021 2022 20242023 Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. 3.200 3.000 2.800 2.600 2.400 2.000 2.200 880 860 900 920 930 940 800 810 820 910 890 870 830 840 850 3.200 3.000 2.800 2.600 2.400 2.000 2.200 46.400 46.200 47.000 46.800 47.200 44.000 44.200 44.400 44.600 44.800 45.000 45.200 45.400 45.600 45.800 46.000 2025 20262019 2020 2021 2022 20242023 46.400 46.200 46.800 47.000 47.200 44.000 44.200 44.400 44.600 44.800 45.000 45.200 45.400 45.600 45.800 46.000 Erwerbstätige BIP + 1,1 % + 0,2 %+ 1,0 % – 4,1 % + 3,9 % + 1,8 % – 0,9 % – 0,5 % Arbeitslose1) 46.60046.600 880 860 900 920 930 940 800 810 820 910 890 870 830 840 850 3IAB-Kurzbericht 19|2025
Maßnahmen von nur schwachen Impulsen vom Konsum aus. Angesichts der Ausgangslage ist bis zum Ende dieses Jahres lediglich von einer leichten Verbesserung der Konjunktur auszugehen. 2026 dürfte das deutsche BIP wieder etwas stärker steigen, auch wenn aufgrund der strukturellen transformationsbedingten Belastungen kräftige Impulse ausbleiben. Insgesamt erwarten wir für 2025 einen An stieg des realen BIP um 0,2 Prozent (Prognoseintervall ±0,2 %-Punkte; Kalendereffekt –0,1 %-Punkte). Für 2026 prognostizieren wir eine Zunahme der Wirtschaftsleistung um 1,1 Prozent (Prognoseintervall ±1,2 %-Punkte; Kalendereffekt 0,3 %-Punkte). Die Entwicklung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt seit 2019 und die Prognosewerte sind in Abbildung A1 dargestellt und in Tabelle T1 zusammengefasst. Wirtschaftsprognosen weisen grundsätzlich beträchtliche Unsicherheiten auf, die durch die Prognoseintervalle verdeutlicht werden. Eine erneute Eskalation von Handelskonflikten oder weitere geopolitische Spannungen stellen für Deutschland aufgrund der starken ExportAbweichungen zu den Summen kommen durch Rundung zustande. Aktualisierung der Zeitreihen ab 1991 aufgrund der VGR-Generalrevision 2024. 1) Das Erwerbspersonenpotenzial setzt sich zusammen aus Erwerbstätigen, Erwerbslosen nach ILO und Stiller Reserve (inkl. arbeitsuchender Nichterwerbspersonen). Quelle: Destatis, Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Berechnungen des IAB; Stand September 2025. © IAB Entwicklung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt 2019 bis 2026 T1 2019 2020 2021 2022 2023 2024 Prognose 2025 Prognose 2026 A. Die Nachfrage nach Arbeitskräften Bruttoinlandsprodukt preisbereinigt Veränderung gegenüber Vorjahr in % + 1,0 – 4,1 + 3,9 + 1,8 – 0,9 – 0,5 + 0,2 + 1,1 Stundenproduktivität Veränderung gegenüber Vorjahr in % + 0,7 + 0,9 + 1,6 + 0,3 – 1,2 – 0,3 + 0,1 + 0,7 Arbeitsvolumen Veränderung gegenüber Vorjahr in % + 0,3 – 4,9 + 2,3 + 1,5 + 0,3 – 0,2 + 0,0 + 0,5 Durchschnittliche Jahresarbeitszeit Veränderung gegenüber Vorjahr in % – 0,6 – 4,3 + 2,1 + 0,2 – 0,3 – 0,3 + 0,0 + 0,5 Erwerbstätige Veränderung gegenüber Vorjahr in % + 0,9 – 0,7 + 0,2 + 1,3 + 0,7 + 0,1 + 0,0 – 0,0 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 + 413 – 325 + 75 + 588 + 306 + 52 + 5 – 18 Jahresdurchschnitte in 1.000 45.291 44.966 45.041 45.629 45.935 45.987 45.992 45.974 davon: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in 1.000 33.518 33.579 33.897 34.507 34.790 34.934 34.977 35.020 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 + 554 + 61 + 318 + 610 + 283 + 144 + 42 + 43 Veränderung gegenüber Vorjahr in % + 1,7 + 0,2 + 0,9 + 1,8 + 0,8 + 0,4 + 0,1 + 0,1 B. Das Angebot an Arbeitskräften Erwerbspersonenpotenzial1) Jahresdurchschnitte in 1.000 47.521 47.461 47.583 47.976 48.364 48.579 48.634 48.599 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 + 223 – 60 + 122 + 393 + 388 + 215 + 55 – 35 C. Die Arbeitsmarktbilanz Arbeitslose Jahresdurchschnitte in 1.000 2.267 2.695 2.613 2.418 2.609 2.787 2.946 2.943 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 – 73 + 429 – 82 – 195 + 191 + 178 + 159 – 3 Arbeitslosenquoten (in % aller zivilen Erwerbspersonen) 5,0 5,9 5,7 5,3 5,7 6,0 6,3 6,3 davon: SGB III in 1.000 827 1.137 999 808 875 980 1.099 1.074 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 + 25 + 310 – 138 – 191 + 66 + 105 + 119 – 25 SGB II in 1.000 1.440 1.559 1.615 1.610 1.734 1.807 1.847 1.869 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 – 98 + 119 + 56 – 5 + 124 + 73 + 40 + 22 Anteil SGB II in % 63,5 57,8 61,8 66,6 66,5 64,8 62,7 63,5 Veränderung gegenüber Vorjahr in %-Punkten – 2,2 – 5,7 + 4,0 + 4,8 – 0,1 – 1,6 – 2,1 + 0,8 Stille Reserve Jahresdurchschnitte in 1.000 980 983 1.025 992 1.087 1.102 1.026 1.026 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 – 99 + 3 + 42 – 33 + 95 + 15 – 76 + 0 davon: Stille Reserve im engeren Sinn 196 311 387 335 351 406 427 483 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 – 80 + 116 + 75 – 52 + 16 + 55 + 21 + 56 Stille Reserve in Maßnahmen 784 672 638 657 735 695 599 543 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 – 19 – 112 – 34 + 19 + 78 – 40 – 96 – 56 4IAB-Kurzbericht 19|2025
abhängigkeit Risiken dar. Auch steigende Zinsen aufgrund der zunehmenden Staatsverschuldung vieler Länder können stärkere Wirkung zeigen. Dann wäre ein Ergebnis im unteren Band des BIP denkbar. Chancen ergeben sich bei einer schnelleren Belebung des Konsums oder der Investitionen oder bei einer dynamischeren Erholung des Außen handels, wodurch eine Entwicklung im oberen Band möglich wäre. Arbeitsmarkt stößt an Grenzen Der zähe Wirtschaftsabschwung hat die Arbeitsmarktentwicklung gedämpft. Seit Mitte 2022 nimmt die Arbeitslosigkeit zu (Statistik der Bundesagentur für Arbeit 2025), die Beschäftigung steigt kaum noch; sie hält sich gemessen an der negativen Konjunktur insgesamt dennoch vergleichsweise gut. In der Tat reagiert die Erwerbstätigkeit in Deutschland seit der Weltfinanzkrise im Jahr 2009 wesentlich robuster auf konjunkturelle Schwankungen als in den Zeiten davor (Klinger/Weber 2020). Angesichts von Arbeitskräfteknappheit versuchen viele Betriebe, ihre Beschäftigten selbst in konjunkturellen Schwächephasen zu halten. Dies wird aber in Frage gestellt, wenn Zukunftsperspektiven wie in vielen Teilen der Industrie unklar sind. Seit dem Frühjahr 2022 flachte die Beschäftigungsentwicklung immer weiter ab. Der Grund dafür liegt in dem lang anhaltenden Wirtschaftsabschwung nach Beginn der Energiekrise und in der Transformationskrise der Industrie. Tatsächlich haben nach Einschätzung der Arbeitsagenturen zunehmend strukturelle Ursachen für die Arbeitsmarktentwicklung an Bedeutung gewonnen und betroffen sind vor allem kleinere Betriebe (Hutter/Weber 2025). Für den Beschäftigungsaufschwung seit Mitte der 2000er Jahre waren Faktoren wie ein steigendes Arbeitskräfteangebot, eine höhere Matchingeffizienz und eine höhere Bereitschaft, Stellen zu schaffen, relevant, die neben der Konjunktur den Arbeitsmarkt beeinflussten (Hutter et al. 2022). Mehrere dieser arbeitsmarktspezifischen Faktoren haben sich zuletzt abgeschwächt. So nimmt das Erwerbspersonenpotenzial im Jahr 2026 erstmalig ab, was die Möglichkeiten für einen Beschäftigungsaufbau im Vergleich zu früheren Rekordsteigerungen stark begrenzt. Auch wenn im Bestand noch vergleichsweise viele Stellen offen sind, melden die Unternehmen historisch wenige neue Stellen. Zudem haben sich die Jobchancen von Arbeits losen nicht wieder verbessert, nachdem sie mit Pandemiebeginn 2020 und im Jahr 2022 eingeknickt waren. Entsprechend liegt die Langzeitarbeits losigkeit deutlich über dem Vor-Corona-Niveau, hier zeigen sich Verfestigungstendenzen. Dies spiegelt sich vor allem in der Arbeitslosigkeit von Geringqualifizierten, die ebenfalls deutlich über dem Stand von 2019 liegt. Der Mismatch zwischen den Qualifikationsniveaus der Arbeitslosen und den Anforderungsniveaus der Stellen hat seit Corona zugenommen. Das Entlassungsrisiko ist im langjährigen Vergleich noch immer niedrig, zum Beispiel auch geringer als vor der Corona-Krise. Über den Wirtschaftsabschwung hinweg hat sich die Zahl der Beschäftigten, die arbeitslos werden, dennoch klar erhöht. Die Beschäftigungsentwicklung zeigt sich zweigeteilt: einerseits schrumpfende Beschäftigung in Branchen wie Industrie, Bau und Zeitarbeit, andererseits wachsende Beschäftigung in Branchen wie Pflege, Gesundheit und Erziehung. Aufgrund dieser gegenläufigen Trends, der erwarteten Stabilisierung der Konjunktur und der Begrenzung durch das Erwerbspersonenpotenzial gehen wir davon aus, dass sich für die Erwerbstätigkeit eine flache Entwicklung ergibt (vgl. Abbildung A1). Laut IABArbeitsmarktbarometer hat sich der zuvor stark pessimistische Ausblick für die Entwicklung der Arbeitslosigkeit deutlich verbessert. Dennoch deutet es kurzfristig auf keine wesentlichen Beschäftigungssteigerungen hin. Für den Jahresdurchschnitt 2025 rechnen wir damit, dass die Zahl der Erwerbstätigen um 10.000 Per sonen zunehmen wird (Prognosein tervall ±30.000). Im nächsten Jahr erwarten wir wegen der Arbeitskräfteverknappung einen Rückgang um 20.000 Personen (Prognoseintervall ±220.000). Die Zahl der Arbeitslosen steigt 2025 um 160.000 Per sonen (Prognoseintervall ±20.000). Im Jahresverlauf 2026 gibt es der Prognose zufolge dann erstmals wieder Rückgänge. Im Jahresdurchschnitt ergibt sich im Vergleich zum Vorjahr aber fast keine Änderung (Prognoseintervall ±140.000); zum Jahresende 2026 wird ungefähr der Stand vom Jahres beginn 2025 erreicht. 5IAB-Kurzbericht 19|2025
Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wächst nur noch schwach Im Jahr 2024 waren 34,93 Millionen Personen beziehungsweise 76 Prozent der Erwerbstätigen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die schwache Konjunktur der vergangenen drei Jahre hinterlässt deutliche Spuren. Die regelmäßig kräftigen Zuwächse des vorigen Jahrzehnts werden aktuell nicht mehr erreicht: Für dieses und kommendes Jahr prognostizieren wir vergleichsweise schwache Anstiege um jeweils 40.000 auf 34,98 Millionen beziehungsweise 35,02 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Trotz der erwarteten konjunkturellen Verbesserung sind 2026 aufgrund des begrenzten Arbeitsangebots keine größeren Sprünge möglich. Dennoch markiert die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung damit im Prognosezeitraum neue Höchststände. Die Anstiege beruhen in beiden Prognosejahren allein auf der sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigung, wohingegen die sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung sinkt. 4,85 Millionen Personen beziehungsweise fast 11 Prozent der Erwerbstätigen gehörten 2024 zur Gruppe der marginal Beschäftigten.1 Tendenziell ist nach dem Ende der Corona-Krise die Zahl dieser Beschäftigten leicht gestiegen. Allerdings gibt es nun wieder Anzeichen, dass die Entwicklung an den jahrelang sinkenden Vor-Corona-Trend anknüpft. Wir erwarten für 2025 einen Rückgang um 20.000 auf 4,83 Millionen marginal Beschäf tigte. 2026 sinkt ihre Zahl voraussichtlich um weitere 30.000 auf dann 4,81 Millionen Personen. Mit 3,70 Millionen Personen waren im Jahr 2024 8 Prozent der Erwerbstätigen Selbstständige oder mithelfende Familienangehörige. Ihre Zahl ist seit 13 Jahren rückläufig. Der Trend dürfte zum Teil demo grafisch zu erklären sein, die Selbstständigkeit scheint aber generell an Attraktivität einzubüßen. Zudem sind sowohl die Einschätzungen der Geschäftslage als auch die Geschäftserwar tungen für Selbstständige aktuell nicht gut. Für den Jahresschnitt 2025 und 2026 erwarten wir Rückgänge um jeweils 40.000 auf 3,66 beziehungsweise 3,62 Millio nen Personen. Damit wird der tiefste Stand seit 1992 erreicht. Knapp 5 Prozent der Erwerbstätigen waren im Jahr 2024 Beamtinnen oder Beamte. Seit dem Tiefstand von 2016 steigt ihre Zahl wieder langsam an. Aufgrund der politischen Prioritäten für die äußeQuelle: Destatis, eigene Berechnungen; Stand September 2025. Zahl der Beschäftigten nach Wirtschaftsbereichen 2021 bis 2026 Jahresdurchschnittlicher Bestand 2021; Veränderungen gegenüber dem Vorjahr absolut und in Prozent T2 2021 2022 2023 2024 Prognose 2025 Prognose 2026 Bestand Differenz zum Vorjahr Differenz zum Vorjahr Differenz zum Vorjahr Differenz zum Vorjahr Differenz zum Vorjahr in 1.000 in 1.000 in % in 1.000 in % in 1.000 in % in 1.000 in % in 1.000 in % Landund Forstwirtschaft, Fischerei 359 1 0,35 – 4 – 1,25 – 1 – 0,21 – 2 – 0,54 – 2 – 0,43 Produzierendes Gewerbe ohne Baugewerbe 7.838 28 0,36 34 0,44 – 49 – 0,62 – 132 – 1,68 – 74 – 0,96 Baugewerbe 2.160 31 1,45 15 0,67 – 23 – 1,03 – 12 – 0,57 3 0,12 Handel, Verkehr, Gastgewerbe 9.084 171 1,88 65 0,71 14 0,15 – 13 – 0,13 – 14 – 0,15 Information und Kommunikation 1.312 83 6,33 48 3,42 7 0,50 0 0,01 3 0,20 Erbringung von Finanzund Versicherungsleistungen 959 – 11 – 1,12 0 – 0,05 12 1,27 17 1,75 3 0,30 Grundstücksund Wohnungswesen 429 12 2,80 5 1,08 2 0,50 4 0,98 4 0,83 Unternehmensdienstleister 5.307 135 2,54 75 1,37 – 12 – 0,21 – 47 – 0,86 – 37 – 0,68 Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit 11.076 189 1,71 112 0,99 163 1,43 210 1,82 129 1,10 Sonstige Dienstleister 2575 30 1,16 33 1,27 21 0,79 24 0,89 8 0,29 Gesamt 41.097 670 1,63 381 0,91 135 0,32 49 0,12 23 0,05 1 Ausschließlich geringfügig entlohnte Beschäftigte, ausschließlich kurzfristig Beschäftigte und Beschäftigte in Arbeitsgelegenheiten (sog. 1-Euro-Jobs) werden in der Erwerbstätigenrechnung der VGR unter den marginal Beschäftigten zusammengefasst. Die Zeitreihe wurde im Zuge der VGR-Generalrevision 2024 aktualisiert (Wanger et al. 2024). 6IAB-Kurzbericht 19|2025
tigungsabbau bei der Arbeitnehmerüberlassung weitergehen wird und die anderen wirtschaftlichen Unternehmensdienstleister lediglich wenig Beschäftigung aufbauen werden. Dadurch ergeben sich Beschäftigungsrückgänge in Höhe von –50.000 (2025) und –40.000 Personen (2026). Der von der Corona-Krise stark betroffene Wirtschaftsbereich Handel, Verkehr, Gastgewerbe befand sich zuletzt noch in einem Aufholprozess. Dieser scheint nun weitgehend abgeschlossen zu sein. Seit Mitte 2024 sinkt die Beschäftigung aufgrund der Konsumschwäche wieder moderat. Auch für 2025 und 2026 rechnen wir daher mit weiteren leichten Beschäftigungsrückgängen (jeweils –10.000 Personen). Dagegen steigt im ebenfalls stark von der Corona-Krise betroffenen Wirtschaftsbereich Sonstige Dienstleistungen seit 2022 die Beschäftigung kontinuierlich, weshalb wir hier mit +20.000 (2025) und +10.000 Personen (2026) einen weiteren Beschäftigungsaufbau erwarten. Mit einem jährlichen Beschäftigungszuwachs von +210.000 Personen in diesem und +130.000 Personen im kommenden Jahr ergeben sich für den Wirtschaftsbereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit weit überproportionale Zuwächse – was hauptsächlich am Ausbau der Kindertagesbetreuung und an der Alterung der Gesellschaft liegt. Die Finanzund Versicherungsbranche baute im Zuge der Digitalisierung und aufgrund von Konsolidierungsmaßnahmen im Bankensektor seit 2015 fast durchweg Beschäftigung ab. Seit Ende 2023 ist dieser Trend gestoppt und die Beschäftigtenzahlen steigen wieder. Für 2025 rechnen wir mit einer weiteren moderaten Zunahme um +20.000 und für 2026 mit einer positiven Null. Seit 2015 erzielte der Bereich Information und Kommunikation die prozentual höchsten Beschäftigungsgewinne. Seit Beginn des Jahres 2023 wächst dieser Bereich jedoch allenfalls moderat. Offensichtlich schreitet nun auch hier die Automation voran, beispielsweise durch Künstliche Intelligenz, und dominiert den Trend, Produktionsund Dienstleistungsprozesse stärker zu vernetzen und zu digitalisieren. Zudem ist dieser Bereich von Fachkräfteengpässen gekennzeichnet. Daher rechnen wir für beide Prognosejahre nur noch mit einer Stagnation. re und innere Sicherheit rechnen wir mit einem Stellenaufbau im Bereich der Verteidigung und des Grenzschutzes. Für 2025 und 2026 prognostizieren wir jeweils weitere Zuwächse um 10.000 Beamtinnen und Beamte. Produzierendes Gewerbe weiterhin unter Druck Die Entwicklung über die Wirtschaftsbereiche ist heterogen. So baut einerseits vor allem das Produzierende Gewerbe Beschäftigung ab, andererseits baut hauptsächlich der Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit Beschäftigung auf (vgl. Tabelle T2). Die wirtschaftlichen Umbrüche infolge der Zeitenund Energiewende in Verbindung mit einem schwachen Außenhandel aufgrund der US-amerikanischen Zollpolitik setzen das Produzierende Gewerbe ohne Baugewerbe unter Druck und führen zu einer sinkenden Beschäftigung. Für 2025 erwarten wir im Produzierenden Gewerbe ohne Baugewerbe einen starken Rückgang von –130.000 Beschäftigten. Die Lockerung der Schuldenbremse ermöglicht nun zwar steigende Verteidigungsausgaben, diese kommen jedoch allein der Rüstungsindustrie und deren Zulieferbranchen zugute. Daher rechnen wir für 2026 weiterhin mit einem Beschäftigungsrückgang, der jedoch mit –70.000 Personen etwa halb so hoch wie 2025 ausfällt. Das Baugewerbe, das Teil des Produzierenden Ge werbes ist, profitiert vom Sondervermögen, das steigende Ausgaben für die Infrastruktur ermöglicht. Hinzu kommt, dass weiterhin eine hohe Nachfrage nach Wohnraum besteht. Daher rechnen wir hier nach einem Minus von 10.000 Beschäftigten im Jahr 2025 für 2026 mit einer Erholung und im Jahresverlauf leicht steigender Beschäftigung. Aufgrund des statistischen Unterhangs ergibt sich für den Jahresdurchschnitt 2026 trotzdem nur eine positive Null. Die Unternehmensdienstleister entwickelten sich uneinheitlich: Zwar nahm die Beschäftigung bei den Arbeitnehmerüberlassungen ab, die anderen wirtschaftlichen Unternehmensdienst leister bauten jedoch Beschäftigung auf, sodass 2024 in diesem Wirtschaftsbereich die Beschäftigung insgesamt nur leicht sank. Für dieses und das kommende Jahr erwarten wir, dass der Beschäf7IAB-Kurzbericht 19|2025
Erholung der SGB-III-Arbeitslosigkeit in Sicht Im Rechtskreis SGB III, dem Versicherungssystem, sind vor allem Personen erfasst, die ihre Beschäftigung erst kürzlich verloren haben. Im Allgemeinen sind SGB-III-Arbeitslose formal besser qualifiziert und stehen dem ersten Arbeitsmarkt näher als SGB-II-Arbeitslose. Dem Rechtskreis SGB II, der Grundsicherung, gehören oft Personen an, die durchschnittlich schon länger ohne Beschäftigung sind. Zudem befinden sich dort Personen, die zum Beispiel wegen zu kurzer Beschäftigungszeiten keine Ansprüche an die Versicherung erworben haben. Für den Jahresdurchschnitt 2025 erwarten wir, dass die Zahl der SGB-III-Arbeitslosen 1,10 Millionen beträgt – etwa 120.000 mehr als im Vorjahr (vgl. Tabelle T1). Rund die Hälfte dieses Anstiegs ist auf einen statistischen Überhang aus 2024 zurückzuführen. Für das letzte Quartal 2025 erwarten wir, dass die Zahl der SGB-III-Arbeitslosen zu sinken beginnt. Mit der Konjunkturbelebung dürfte sich dieser Rückgang 2026 deutlicher fortsetzen. Insgesamt prognostizieren wir für 2026 ein Minus von etwa 30.000 auf dann im Jahresdurchschnitt rund 1,07 Millionen Personen. Für den SGB-II-Bereich erwarten wir, dass die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 2025 um rund 40.000 Personen auf 1,85 Millionen ansteigt. Dieser im Vergleich zum SGB-III-Bereich geringere Anstieg ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Zahl der SGB-II-Arbeitslosen oft schwächer auf konjunkturelle Entwicklungen reagiert, da die SGB-II-Arbeitslosen dem Arbeitsmarkt weniger nahestehen. Dies gilt dann im umgekehrten Sinne auch für die Entwicklung 2026: Trotz konjunktureller Erholung erwarten wir, dass die SGB-II-Arbeitslosigkeit um weitere 20.000 Personen zunimmt. Zwar sorgt die konjunkturelle Verbesserung für eine Entlastung. Demgegenüber steht jedoch ein starker Rückgang von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen im SGB-II-Bereich. Teilnehmende an solchen Maßnahmen gelten nicht als arbeitslos, sondern werden der Stillen Reserve oder teils den Erwerbstätigen zugerechnet. Die Folge ist, dass die SGB-II-Arbeitslosigkeit statistisch weniger entlastet wird. Ein aktueller Referentenentwurf sieht vor, dass ab April 2025 eingereiste ukrainische Geflüchtete nicht mehr dem SGB II, sondern dem Asylbewerberleistungsgesetz zugeordnet werden. Arbeitslose aus dieser Gruppe werden künftig in die SGB-III-Statistik fallen. Dieses Jahr gab es bis April monatlich rund 6.600 Zugänge von ukrainischen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten. Etwa 40 Prozent der gesamten Gruppe waren arbeitslos. Durch die Neuregelung dürfte sich im Jahresdurchschnitt 2026 eine Umschichtung vom SGB-IIin den SGB-III-Rechtskreis im niedrigen Zehntausenderbereich ergeben. Stille Reserve im engeren Sinn nimmt zu Zur Stillen Reserve im engeren Sinn zählen insbesondere Personen, die im Moment nicht aktiv nach einer Arbeitsstelle suchen, aber bei besserer Arbeitsmarktlage oder unter geeigneteren persönlichen Umständen wie einer passenden Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen eine Arbeit aufnehmen würden. Entmutigte oder dem Arbeitsmarkt aus Altersgründen schon fernstehende Personen sehen bei der derzeitigen Lage nur geringe Chancen auf eine Beschäftigungsmöglichkeit. Wir rechnen für das laufende Jahr mit einem Anstieg der Stillen Reserve im engeren Sinn um durchschnittlich 20.000 und für 2026 um 60.000 Personen. Die Stille Reserve in Maßnahmen umfasst Teil nehmende an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, die aber nicht – wie beispielsweise Beschäf tigte mit Ein-Euro-Jobs oder im sozialen Arbeitsmarkt – erwerbstätig sind. Bei Maßnahmen zur Förderung der beruflichen Weiterbildung erwarten wir einen moderaten Anstieg im Prognosezeitraum. Die Zahl der Personen über 58 Jahre, die aufgrund des § 53a Abs. 2 SGB II nicht zu den registrierten Arbeitslosen zählen, weil sie seit mehr als einem Jahr kein Angebot auf dem ersten Arbeitsmarkt erhalten haben, sinkt kontinuierlich, da diese Sonderregelung zum Jahresende 2022 ausge laufen ist. Auch die Teilnahme von Geflüchteten an Sprachund Integrationskursen ist im Prognose zeitraum rückläufig. In der Summe gehen wir davon aus, dass die Stille Reserve in Maßnahmen im Jahresdurchschnitt 2025 um 100.000 und im Folgejahr um weitere 60.000 abnimmt. Sie beträgt dann durchschnittlich 540.000 Personen. 8IAB-Kurzbericht 19|2025
