Zahlt sich systemrelevante Arbeit aus? Eine empirische Untersuchung des materiellen und symbolischen Wertes von Berufen in Deutschland
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Full text
Stache, Katrin; Ebner, Christian; Rohrbach-Schmidt, Daniela; Holzhauser, Nicole Article Zahlt sich systemrelevante Arbeit aus? Eine empirische Untersuchung des materiellen und symbolischen Wertes von Berufen in Deutschland Arbeit Provided in Cooperation with: De Gruyter Brill Suggested Citation: Stache, Katrin; Ebner, Christian; Rohrbach-Schmidt, Daniela; Holzhauser, Nicole (2024) : Zahlt sich systemrelevante Arbeit aus? Eine empirische Untersuchung des materiellen und symbolischen Wertes von Berufen in Deutschland, Arbeit, ISSN 2365-984X, De Gruyter, Berlin, Vol. 33, Iss. 4, pp. 163-186, https://doi.org/10.1515/arbeit-2024-0013 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/331841 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/
ARBEIT 2024; 33(4): 163–185 Open Access. © 2024 Autor:innen, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung ‒ Nicht-Kommerziell ‒ Keine Bearbeitung 4.0 Lizenz. Katrin Stache, Christian Ebner, Daniela Rohrbach-Schmidt, Nicole Holzhauser Zahlt sich systemrelevante Arbeit aus? Eine empirische Untersuchung des materiellen und symbolischen Wertes von Berufen in Deutschland https://doi.org/10.1515/arbeit-2024-0013 Zusammenfassung: Mit der Corona-Pandemie ist ein neuer Diskurs über die Anerkennung von beruflichen Tätigkeiten, die der gesellschaftlichen Grundversorgung dienen, entstanden. Ziel dieser Studie ist es dahingehend, Berufe in Deutschland anhand ihres monetären Wertes (Entlohnung) sowie ihrer symbolischen Wertschätzung (Ansehen) als zentrale Dimensionen sozialer Ungleichheit näher zu untersuchen. Zunächst erfolgt ein Vergleich des durchschnittlichen Einkommens und Ansehens der sogenannten systemrelevanten Berufe mit den übrigen Berufen. Da in beiden Gruppen vielfältige Tätigkeiten mit unterschiedlichen Komplexitätsund Qualifikationsanforderungen zu finden sind, wird anschließend eine detailliertere Analyse unter Berücksichtigung des Anforderungsniveaus der Berufe durchgeführt. Die empirischen Befunde auf Grundlage umfassender Befragungsdaten weisen darauf hin, dass systemrelevante Berufe im Durchschnitt nicht signifikant höher entlohnt werden als nicht-systemrelevante Berufe, aber tendenziell ein höheres gesellschaftliches Ansehen genießen. Vor allem systemrelevante Helferund Anlerntätigkeiten sowie fachlich ausgerichtete Tätigkeiten gehen mit besonderer symbolischer Anerkennung einher. Diese Ergebnisse ergänzen bisherige Überlegungen zur Entstehung von Berufsprestige und werfen weiterführende Fragen zur (Neu-)Bewertung gesellschaftlich notwendiger Arbeit auf. Schlüsselwörter: Systemrelevante Berufe, Ansehen, Prestige, Berufsprestige, Entlohnung || Katrin Stache, Prof. Dr. Christian Ebner, Dr. Nicole Holzhauser, Technische Universität Braunschweig, Institut für Soziologie, Bienroder Weg 97, 38106 Braunschweig, Deutschland; Dr. Daniela Rohrbach-Schmidt, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Arbeitsbereich 1.5, Forschungsdatenzentrum, Postfach 201264, 53142 Bonn, Deutschland. E-Mail: [email protected]
164 | Stache, Ebner, Rohrbach-Schmidt, Holzhauser Does systemically relevant work pay off? An empirical study of the material and symbolic value of occupations in Germany Abstract: The coronavirus pandemic has given rise to a new discourse on the recognition of occupational activities that ensure basic social services. The aim of this study is to examine occupations in Germany more closely in terms of their monetary value (remuneration) and their symbolic appreciation (prestige) as central dimensions of social inequality. The first step is to compare the average income and prestige of the so-called system-relevant occupations with the other occupations. As both groups include a variety of activities with different complexity and qualification requirements, a more detailed analysis is then carried out, taking into account the requirement level of the occupations. The empirical findings based on broad survey data indicate that, on average, systemically relevant occupations are not paid significantly higher than non-systemically relevant occupations, but attain a higher social prestige. Systemically relevant unskilled and semi-skilled jobs in particular, as well as specialist jobs, are associated with special symbolic recognition. These results complement previous considerations on the emergence of occupational prestige and raise further questions on the (re)evaluation of socially necessary work. Keywords: Systemically relevant occupations, reputation, occupational prestige, remuneration 1 Einleitung Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sind in Deutschland berufliche Tätigkeiten in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, die schon seit längerem Gegenstand gesellschaftspolitischer Diskussionen über problematische Arbeitsbedingungen und einen sich verschärfenden Arbeitskräftemangel in Branchen wie der Pflege sind. Bereits im März 2020 sprach die damalige Bundeskanzlerin, Angela Merkel, allen Beschäftigten im Bereich der medizinischen Versorgung ihren Dank aus und wandte sich im weiteren Verlauf ihrer Rede auch an das Personal in Supermärkten. Sie betonte die große gesellschaftliche Bedeutung und die besonderen Herausforderungen dieser Tätigkeiten bei gleichzeitiger mangelnder Aner-
Zahlt sich systemrelevante Arbeit aus? | 165 kennung1 (Presseund Informationsamt der Bundesregierung 2020a). Unter gestiegener medialer Aufmerksamkeit äußerte sich die Wertschätzung für die „Helden und Heldinnen des Alltags“ (Presseund Informationsamt der Bundesregierung 2020b) bald vielerorts in Aktionen wie gemeinschaftlichem Applaudieren. Betroffene Arbeitnehmer*innen reagierten jedoch mitunter kritisch und beklagten, dass das Beifallklatschen nicht dazu beitrage, schlechte Arbeitsbedingungen und eine zu geringe Bezahlung nachhaltig zu verbessern.2 Aus arbeitssoziologischer Sicht ist das geschilderte Phänomen bemerkenswert, da mit der Hervorhebung einzelner Branchen und Berufe von staatlicher Seite die Grundannahme einhergeht, dass es unterschiedliche Beitragsgrade zur Funktionalität des Gesellschaftssystems gibt. Dabei wurden auch Beschäftigtengruppen adressiert, denen bislang wenig Bedeutung für die Aufrechterhaltung des Systems zugeschrieben wurde (z. B. Kassierer*innen, Logistiker*innen). In der Wirtschaftssphäre und auch der öffentlichen Wahrnehmung wird die Wertigkeit von Berufen häufig materiell in Form von Entlohnung dargestellt. Die Krisensituation hat jedoch eine weitere Facette gesellschaftlicher Anerkennung offenbart: das Ansehen oder Prestige eines Berufs, welches für Individuen und Berufsgruppen eine wertvolle Ressource darstellen und Einfluss als „symbolische Macht“ verleihen kann (Bourdieu 1992; Goldthorpe/Hope 1972, 19). Entlang dieser beiden bedeutsamen Ungleichheitsdimensionen werden im vorliegenden Beitrag die als systemrelevant deklarierten Berufe mit den übrigen Berufen in Deutschland verglichen und sozialstrukturell eingeordnet. Konkret sollen zwei Forschungsfragen beantwortet werden: 1. Wie hoch sind Einkommen (als materieller Wert) und Ansehen (als symbolischer Wert) in systemrelevanten Berufen und nicht-systemrelevanten Berufen? Die Gegenüberstellung dieser beiden Gruppen von Berufen soll Hinweise darauf geben, ob der zuerkannte höhere Nutzen von systemrelevanten Tätigkeiten mo- || 1 Genauer Wortlaut in der Fernsehansprache vom 18. März 2020: „Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit zu allererst an alle wenden, die als Ärzte oder Ärztinnen, im Pflegedienst oder in einer sonstigen Funktion in unseren Krankenhäusern und überhaupt im Gesundheitswesen arbeiten. […] Und lassen Sie mich auch hier Dank aussprechen an Menschen, denen zu selten gedankt wird. Wer in diesen Tagen an einer Supermarktkasse sitzt oder Regale befüllt, der macht einen der schwersten Jobs, die es zurzeit gibt.“ Am Tag der Arbeit 2021 dankte Merkel erneut den Beschäftigten im Einzelhandel, der Logistikbranche und allen, die „das Land am Laufen gehalten“ haben (Presseund Informationsamt der Bundesregierung 2021). 2 Große Aufmerksamkeit erlangte beispielsweise ein Facebook-Post der Pflegekraft Nina Magdalena Böhmer („Euer Klatschen könnt ihr euch sonst wo hinstecken“) vom 23. März 2020.
166 | Stache, Ebner, Rohrbach-Schmidt, Holzhauser netär und/oder symbolisch honoriert wird. Zur Veranschaulichung der Ergebnisse werden über den Gruppenvergleich hinaus auch einzelne Berufe und deren Verortung im Einkommens-Ansehens-Gefüge exemplarisch hervorgehoben. Ausgehend von der Annahme, dass Berufe auf sehr unterschiedlichen formalen Anforderungsniveaus verortet sind und dieser Faktor eine zentrale Rolle bei der Einkommensund Prestigehöhe spielt, wird weiterhin folgender Frage nachgegangen: 2. Zeigen sich unter Berücksichtigung des Anforderungsniveaus Unterschiede im Einkommen und Ansehen zwischen systemrelevanten und nicht-systemrelevanten Berufen? Eine aktuelle Untersuchung der gesellschaftlichen Bewertung von Berufstätigkeiten ist nicht nur als Erkenntnis im Zusammenhang mit Ungleichheitsund Anerkennungstheorien (Honneth 1992, 2011) sowie vor dem Hintergrund der beschriebenen Ereignisse gesellschaftspolitisch relevant, sondern konkret auch, weil Prestigeund Einkommenserwartungen als wichtige Indikatoren für die Berufswahl dienen (vgl. Matthes 2019). Angesichts eines sich abzeichnenden Fachkräftemangels ist die Rekrutierung von Nachwuchskräften in Bereichen der Kritischen Infrastruktur eine der zentralen Herausforderungen der nächsten Jahre (vgl. Helmrich u.a. 2020; Burstedde u.a. 2020). Die herangezogenen Datensätze, die Erwerbstätigenbefragungen 2012 und 2018 des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BauA) sowie eine Zusatzerhebung des BIBB aus dem Jahr 2018, liefern, im Vergleich zu früheren Prestigeerhebungen (z.B. Wegener 1985, 1988), ein aktuelleres und umfassenderes Abbild der Berufsstruktur Deutschlands, einschließlich zahlreicher neuer Dienstleistungsberufe. Darüber hinaus kann retrospektiv eine Aussage darüber getroffen werden, inwieweit eine besondere Wertschätzung systemrelevanter Berufstätigkeiten bereits vor der Corona-Pandemie und damit außerhalb von Krisenzeiten bestand. 2 Systemrelevante Berufe und soziale Ungleichheit 2.1 Systemrelevanz und funktionale Differenzierung „Systemrelevanz beschreibt die Bedeutung von Systembestandteilen zur Aufrechterhaltung von Systemen“ (BBK 2021, 1). Der zunächst etwas abstrakt klingende Begriff erlangte bereits während der globalen Finanzkrise 2007/2008 Auf-
Zahlt sich systemrelevante Arbeit aus? | 167 merksamkeit in Deutschland. Er verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass der Ausfall einzelner, stark vernetzter Finanzinstitute das gesamte System gefährden kann (vgl. Kaldewey 2022, 9). Um die Finanzmarktstabilität zu sichern, wurden für besonders wichtig erachtete Banken durch staatliche Rettungsaktionen gestützt (vgl. Bundesministerium der Finanzen 2022). Überlegungen ähnlicher Art sind in den Sozialwissenschaften bereits im frühen funktionalistischen Theorieansatz bei Emile Durkheim (1893/1992) auffindbar. Durkheim betrachtete die arbeitsteilige Funktionsweise der Gesellschaft ähnlich wie einen lebendigen Organismus, bestehend aus einzelnen Organen wie Herz, Niere, Leber, die nicht nur für sich genommen eine wichtige Funktion erfüllen, sondern auch auf die Lebenserhaltung des Gesamtsystems ausgerichtet sind (vgl. Schimank 2007, 31). Dieser Analogie zufolge ist die Gesellschaft also auf unersetzliche Bestandteile angewiesen, um fortzubestehen. Später griff Talcott Parsons diese Ideen in seinem strukturfunktionalistischen Ansatz der 1950er Jahre mit dem berühmten AGIL-Schema auf (2023, 17 ff.; vgl. Joas/Knöbl 2017, 118 ff.). Damit legte er den Grundstein für die moderne Systemtheorie, prominent vertreten durch Niklas Luhmann. Nach Luhmanns Prinzip der funktionalen Differenzierung gliedert sich das Gesellschaftssystem in einzelne Teilsysteme (Recht, Wirtschaft, Politik usw.), von denen jedes eine spezifische Funktion erfüllt, die kein anderes übernehmen kann (vgl. Luhmann 1998, 609 ff.). In der jüngsten Diskussion um die Systemrelevanz von Berufen wurden aus politischer Sicht wiederum nicht alle Teilsysteme (Sektoren) als gleichermaßen wichtig bzw. existenziell versorgungsrelevant erachtet. Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK 2021) eine Übersicht „Kritischer Dienstleistungen“ herausgegeben, die hauptsächlich in den neun Sektoren der Kritischen Infrastruktur (KRITIS) erbracht werden (Energie, Informationstechnik und Telekommunikation, Transport und Verkehr, Gesundheit, Wasser, Ernährung, Finanzund Versicherungswesen, Staat und Verwaltung, Medien und Kultur; ergänzt durch „Sonstige“). Systemrelevante Einrichtungen innerhalb dieser Sektoren sollen „die Funktionsfähigkeit des Gesamtsystems Kritischer Infrastrukturen oder Teile davon aufrechterhalten und damit unmittelbar oder mittelbar zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit wichtigen, teils lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen beitragen“ (BBK 2021, 1). Für die genaue Festlegung, welche Organisationen letztlich als Betreiber Kritischer Infrastrukturen gelten, bzw. für die Eingrenzung von Tätigkeiten mit Systemrelevanz waren die einzelnen Bundesländer zuständig, um Kindernotbetreuung für die betroffenen Beschäftigtengruppen zu gewährleisten (vgl. Burstedde u.a. 2020, 6).
168 | Stache, Ebner, Rohrbach-Schmidt, Holzhauser Im Vergleich zur allgemeinen Daseinsvorsorge, die dauerhafte staatliche Leistungen im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereich beinhaltet (vgl. Maurer/Waldhoff 2020, 7), bezieht sich der Begriff Systemrelevanz und die Absicht hinter seiner Verwendung somit auf Krisensituationen als vorübergehende Notlagen und ist in Deutschland stark mit den Kritischen Infrastrukturen verbunden. Über die unmittelbar existenzsichernde Funktion hinaus spielen mittelfristig wiederum Einrichtungen, „ohne die eine Aufrechterhaltung kritischer Dienstleistungen nicht möglich ist“ (BBK 2021, 1), eine größere Rolle (z.B. Zulieferer, Kinderbetreuung) und der Zeitfaktor wird entscheidender (wie lange kann ein System aufrechterhalten werden?). So werden mit zunehmender Dauer einer Krise immer mehr (Rand-)Bereiche involviert. Längerfristig sind womöglich ganze Wertschöpfungsketten versorgungsrelevanter Güter und Dienstleistungen von Bedeutung (vgl. Burstedde u.a. 2020, 5). Über die sozialwissenschaftliche und die praktisch-politische Dimension hinaus ist es aber auch eine gesellschaftlichnormative Frage, welche Bereiche wie lange aufrechterhalten bzw. eingeschränkt werden sollten und welchen Wert sie für die Individuen besitzen. Beispielsweise kann der Wegfall von kulturellen Angeboten oder auch die Einschränkung der wirtschaftlichen Gesamtaktivität das Wohlbefinden der Menschen beeinträchtigen (vgl. Kaldewey 2022). Insofern kann nicht als selbstverständlich angenommen werden, dass Systemrelevanz eine allgemeine gesellschaftliche Relevanz bzw. Wertschätzung von Tätigkeiten beschreibt. 2.2 Materieller Wert von Berufen Damit in Wirtschaftssektoren Güter produziert oder Dienstleistungen erbracht werden können, müssen Individuen auf der Mikroebene Arbeitstätigkeiten verrichten, die sich wiederum zu Berufen bündeln lassen. Der Beruf an sich dient als wichtiger Indikator zur Einordnung von Personen in die Gesellschaftshierarchie (vgl. Hatt 1950; Blau/Duncan 1967) und geht u.a. mit bestimmten Einkommenserwartungen einher. Woran sich die tatsächliche Lohnhöhe bemisst, lässt sich theoretisch beispielsweise auf Grundlage des Humankapitalansatzes erklären (z.B. Becker 1975). Häufig wird jedoch kritisiert, dass die monetäre Vergütung von Arbeitstätigkeiten ihren tatsächlichen gesellschaftlichen Nutzen nicht widerspiegelt, sondern diesen überoder unterbewertet (vgl. Sandel 2021). Die Annahme, dass der funktionale Beitrag grundsätzlich nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, lässt sich anhand ökonomisch-rationaler Überlegungen aber nicht stützen. Aufgrund der Notwendigkeit, den Personalbedarf im Bereich der Kritischen Infrastruktur zu decken, wäre hier – ungeachtet des zur Verfügung stehenden
Zahlt sich systemrelevante Arbeit aus? | 169 Arbeitskräfteangebots und tarifvertraglicher Absprachen – zumindest kein grundsätzlich niedrigeres Lohnniveau zu erwarten. Aus ersten Untersuchungen in Deutschland geht zwar hervor, dass die Mehrheit der als systemrelevant definierten Berufe außerhalb von Krisenzeiten eine unterdurchschnittliche Bezahlung aufweist (Koebe u.a. 2020; vgl. Öz 2020; Tolios 2021), hier also eine „Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Unverzichtbarkeit und tatsächlicher Entlohnung“ besteht (Koebe u.a. 2020, 1). Lübker/Zucco (2020, 482) zeigen jedoch, „dass es – entgegen einem verbreiteten öffentlichen Eindruck – gemessen am Lohnniveau der übrigen Wirtschaftszweige keine pauschale Unterbezahlung von systemrelevanten Tätigkeiten gibt“. Dies sei auf die heterogene Zusammensetzung der Kritischen Infrastruktur zurückzuführen, die sehr unterschiedliche Tätigkeitsfelder und Anforderungsniveaus umfasst. Hier findet sich nicht nur strukturell unterbezahlte Beschäftigung in Bereichen wie dem Einzelhandel, der Ernährungswirtschaft, der Logistik oder der Pflege, sondern auch Berufe mit vergleichsweise hohen, meist tariflich abgesicherten Löhnen, etwa im Finanzund Versicherungswesen oder der Energieund Wasserversorgung (vgl. Lübker/Zucco 2020, 482). Vorausgesetzt, dass sich die betrachteten Gruppen von Berufen grundsätzlich nicht hinsichtlich ihrer benötigten Bildungsvoraussetzungen und Anforderungsniveaus unterscheiden, dürften systemrelevante Berufe im Durchschnitt also einen ähnlich hohen monetären Wert aufweisen wie nicht-systemrelevante Berufe. Daraus leiten wir Hypothese 1 ab: H1: Das durchschnittliche Einkommen in den systemrelevanten Berufen ist etwa gleich hoch wie das durchschnittliche Einkommen in den nicht-systemrelevanten Berufen. 2.3 Symbolischer Wert von Berufen Über die Entlohnung hinaus werden Berufe mit einem bestimmten Ansehen in der Gesellschaft verknüpft, welches einen eher symbolischen Charakter besitzt, jedoch eine wichtige Dimension sozialer Ungleichheit darstellt (vgl. Hradil 2001, 275; Goldthorpe/Hope 1972). Daher existiert bereits eine lange Reihe an (internationaler) Forschungsliteratur zu beruflichem Prestige sowie daraus resultierende Skalen.3 Zwar werden – in Anlehnung an die differenzierungstheoretische Per- || 3 Zu den bekanntesten Reputationsskalen zählt die Standard International Occupational Prestige Scale (SIOPS) von Treiman (1977) bzw. Ganzeboom/Treiman (1996). In Deutschland hat sich die Magnitude-Prestige-Skala (MPS) (Wegener 1985, 1988) etabliert, welche auf Erhebungen
170 | Stache, Ebner, Rohrbach-Schmidt, Holzhauser spektive – die Berufsinhaber*innen als Träger ihrer beruflichen Rolle verstanden (vgl. Schimank 2007) bzw. soziale Positionen und nicht etwa individuelle Merkmale zur Bewertung herangezogen (vgl. Hradil 2001, 275). Die Höhe des gesellschaftlichen Ansehens kann aber direkte Auswirkungen auf die Lebenswelt der Menschen haben, etwa zu Voroder Nachteilen in alltäglichen Interaktionen und Austauschsituationen führen, zu gesellschaftlichem Einfluss verhelfen und das Selbstbild prägen (vgl. Homans 1968; MacKinnon/Langford 1994; Hradil 2001, 32 f.; Kreckel 1992, 89 f.). Anders als bei objektiv messbaren Statuskomponenten wie Einkommen und Ausbildungsabschluss stellt die Erfassung von (Berufs-) Prestige allerdings eine besondere Herausforderung dar. Es handelt sich hierbei gewissermaßen um eine „subjektive und objektive Variable zugleich“ (Wegener 1985, 209). Denn Prestigeskalen basieren in der Regel auf direkten Ausgangsbewertungen von Befragten (vgl. Wegener 1983, 5). Die persönlichen Einschätzungen zum Ansehen von Berufen sind jedoch geprägt von gesellschaftlich anerkannten Wertorientierungen, Leitbildern, normativen Erwartungen und Ähnlichem, die das Ergebnis von „symbolischen Kämpfe[n] um die Macht zur Produktion und Durchsetzung der legitimen Weltsicht“ sind (Bourdieu 1992, 147). Prestige als Erscheinungsform symbolischen Kapitals und Quelle symbolischer Macht erhält demzufolge durch soziale Anerkennung Legitimation (vgl. Bourdieu 1992, 140; Neckel/Sutterlüty 2005, 413). Durch diesen Mechanismus wird eine objektivierte, im öffentlichen Diskurs reproduzierte, „institutionalisierte Prestigeordnung [konstruiert], die weitgehend für die Handelnden verbindlich ist und ihre Situation definiert“ (Kreckel 1992, 88). Inwiefern ein Beruf als prestigeträchtig gilt, hängt auch von der Kapitalausstattung der Berufsrollenträger*innen ab. In Bourdieus dynamischem Konzept des sozialen Raums (1983, 183; 1987) bestimmt die jeweilige Höhe des ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals über die Position eines Individuums. In Erweiterung dazu stellt das symbolische Kapital gewissermaßen eine übergeordnete Kapitalsorte dar, die aus dem geschickten Einsatz von Kapitalressourcen resultiert bzw. mit diesen in einem Austauschverhältnis steht und zu einer einflussreichen, privilegierten Positionierung verhelfen kann (vgl. Bourdieu 1992, 140). Empirisch am häufigsten belegt wurden bereits Zusammenhänge zwischen beruflichem Prestige und Einkommen sowie Bildung (z.B. Duncan 1961; Hauser/ Warren 1997; MacKinnon/Langford 1994). Auch die mit dem Beruf einhergehenden Entscheidungsbefugnisse (Zhou 2005), die moralische Bewertung des Berufs || des gesellschaftlichen Ansehens von Berufen in den alten Bundesländern aus den Jahren 1979 und 1980 basiert. Eine neue Variante stellt die berufliche Ansehensskala (BAS) von Ebner/Rohrbach-Schmidt (2021) dar.
Zahlt sich systemrelevante Arbeit aus? | 177 Abb. 1: Ansehen nach Stundenlohn in nicht-systemrelevanten und systemrelevanten Berufen. Quelle: Datensatz der nicht-systemrelevanten (n=143) und systemrelevanten Berufe (n=137)
178 | Stache, Ebner, Rohrbach-Schmidt, Holzhauser Die höchsten Prestigewerte weisen in der Gruppe systemrelevanter Berufe Chefärzte (8,65), Zahnärzte (8,15) und Feuerwehrleute (8,02) auf, die niedrigsten Werte entfallen auf Textilreiniger (3,82), Lagerarbeiter (3,72) und Imbissverkäufer (3,18). In der Gruppe nicht-systemrelevanter Berufe sind drei Ingenieursberufe am höchsten angesehen (Ingenieure in Forschung und Entwicklung: 8,32; Wirtschaftsingenieure: 8,14; Ingenieure für Fahrzeugtechnik: 8,12). Das niedrigste Ansehen kommt hier Verkaufshilfen (3,58), Call-Center-Agenten (3,38) und Telefonisten (3,12) zu. Im Allgemeinen fällt das gesellschaftliche Ansehen in Berufen mit hoher Entlohnung höher aus, in gering entlohnten Berufen eher niedriger. Dies gilt sowohl für die systemrelevanten als auch für die nicht-systemrelevanten Tätigkeiten. Zwar ist der Zusammenhang bei letztgenannter Gruppe etwas stärker (siehe die Regressionsgeraden in Abbildung 1), allerdings unterscheiden sich die Regressionskoeffizienten nicht signifikant voneinander. Bei der Betrachtung der Gruppe systemrelevanter Berufe fällt auf, dass einige überdurchschnittlich angesehen, aber unterdurchschnittlich entlohnt sind (oberes linkes Feld). Darunter fallen beispielsweise die Feuerwehrleute mit einem mittleren Stundenlohn von 14,96 Euro (Ansehen: 8,02), Rettungssanitäter (12,97 €; 7,78) sowie Bäcker (11,78 €; 6,95). Systemrelevant und hoch entlohnt, aber vergleichsweise niedrig angesehen sind dagegen zum Beispiel Amtsleiter (33,35 €; 5,68), Vermögensberater (31,59 €; 5,71), Vertriebsleiter (29,05 €; 5,49) und Verwaltungswirte (28,36 €; 5,48). Ein weit unterdurchschnittliches Ansehen kommt Aktienhändlern (26,21 €; 4,35) und Versicherungsmaklern (25,77 €; 4,17) zu (unteres rechtes Feld). 4.2 Befunde nach Anforderungsniveau Sowohl hinter den systemrelevanten Berufen als auch hinter den nicht-systemrelevanten Berufen verbergen sich Tätigkeiten auf unterschiedlichen Anforderungsniveaus (vgl. 3.2). Bei Betrachtung der Berufseinkommen zeigt sich zunächst erwartungsgemäß, dass die mittleren Löhne in beiden Gruppen umso höher sind, je höher das Anforderungsniveau der Berufe ist (vgl. Tabelle A4, Online-Anhang). Vergleicht man nun die Durchschnittseinkommen jeweils nur bei Berufen mit gleichem Anforderungsniveau, ergibt sich für das AN 3 (komplexe Spezialistentätigkeiten) die größte Differenz zugunsten der Gruppe systemrelevanter Berufe, wo der geschätzte Stundenlohn im Durchschnitt um 2,17 Euro höher ist (22,61 € gegenüber 20,44 €). Dieser Unterschied ist auf dem 10-Prozent-Niveau statistisch signifikant (p = 0,090). Neben den besonders hoch entlohnten Piloten werden Programmierer (30,76 €) auf dem AN 3 vergleichsweise gut bezahlt. Für das AN 4 ergibt der zweiseitige Test keinen statistisch signifikanten Mittelwertunterschied
Zahlt sich systemrelevante Arbeit aus? | 179 (26,27 € gegenüber 24,48 €; p = 0,186).8 Unter den hoch komplexen Tätigkeiten finden sich neben den Ärzten am oberen Ende auch einige systemrelevante Berufe, die eine vergleichsweise geringe Bezahlung aufweisen, darunter Lagerund Versandleiter (16,54 €) und Küchenchefs (16,35 €). Bei den AN 1 und 2 sind die Unterschiede deutlich geringer ausgeprägt und statistisch nicht signifikant. Die Mittelwerte des Ansehens nach Anforderungsniveau sind jeweils für nicht-systemrelevante und systemrelevante Berufe in Tabelle A5 (Online-Anhang) dargestellt. Auch hier steigen die Werte in beiden Gruppen tendenziell mit der Höhe des Anforderungsniveaus. Substanzielle Unterschiede lassen sich aber vor allem bei Berufen auf Helferund Anlernniveau sowie auf Fachkräfteniveau (AN 1 und 2) erkennen: Im systemrelevanten Bereich liegt das durchschnittliche Ansehen jeweils etwa einen halben Skalenpunkt über dem jeweiligen Durchschnitt im nicht-systemrelevanten Bereich (AN 1: 4,73 gegenüber 4,15; AN 2: 5,78 gegenüber 5,35). Diese Mittelwertdifferenzen sind auf dem 10-Prozent-Niveau (p = 0,056) beim AN 1 bzw. 1-Prozent-Niveau (p = 0,006) beim AN 2 statistisch signifikant. Bei den systemrelevanten Berufen liegen innerhalb des AN 1 Krankenpflegehelfer (6,18) sowie Heilerziehungspflegehelfer (5,90) und Kindergartenhelfer/Tagesmütter/Tagesväter (5,89) an der Spitze. Beim AN 2 erreichen – im Gegensatz zu den nicht-systemrelevanten Berufen – gleich mehrere einen relativ hohen Ansehenswert, darunter die Feuerwehrleute, Rettungssanitäter und ITElektroniker (7,78). Auf den AN 3 und 4 werden insgesamt geringere und statistisch nicht signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen geschätzt. Alles in allem lässt sich eine Tendenz erkennen, dass Tätigkeiten auf höherem Anforderungsniveau im systemrelevanten Bereich etwas besser entlohnt werden. Dagegen weisen Berufe auf niedrigerem Anforderungsniveau in dieser Gruppe höhere Ansehenswerte auf. Einige Berufe weichen in beiden Gruppen von dem Schema ab, dass ein höheres Anforderungsniveau generell zu höherem Einkommen und Ansehen führt. 5 Zusammenfassung, Diskussion und Ausblick Vor dem Hintergrund der jüngsten Debatten über die Wertigkeit gesellschaftlich notwendiger Arbeit hatte der vorliegende Beitrag zum Ziel, auf Grundlage neue- || 8 Ein einseitiger Test zur Prüfung der Hypothese, dass der Mittelwert der systemrelevanten Berufe höher ist als der Mittelwert der nicht-systemrelevanten Berufe, weist allerdings einen p-Wert von 0,092 auf.
180 | Stache, Ebner, Rohrbach-Schmidt, Holzhauser rer Befragungsdaten eine Deskription des tatsächlichen materiellen und symbolischen Werts von Berufen in Deutschland zu liefern. Der Vergleich zwischen systemrelevanten und nicht-systemrelevanten Berufen ergab Folgendes: In Bezug auf die Löhne zeigen sich über alle Berufe hinweg keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Systemrelevante Tätigkeiten weisen also weder eine höhere noch eine geringere durchschnittliche Entlohnung auf, womit sich Hypothese 1 auf Basis der Ergebnisse bestätigt. Anders fällt der Vergleich im Hinblick auf die symbolische Wertschätzung aus: Das durchschnittliche gesellschaftliche Ansehen der Berufe mit Systemrelevanz ist signifikant höher als das der übrigen Berufe. Hypothese 2 kann somit ebenfalls aufrechterhalten werden. Unsere Ergebnisse decken sich nur teilweise mit bisherigen Untersuchungen zu systemrelevanter Arbeit in Deutschland (vgl. 2.2, 2.3). Gründe dafür könnten sein, dass in der vorliegenden Analyse aktuellere Daten zum beruflichen Ansehen (im Gegensatz zu Wegener 1985, 1988) verwendet wurden und das Anforderungsniveau der Tätigkeiten mitberücksichtigt wurde. Für die zweite Ausgangsfrage ergibt sich folgende Erkenntnis: Hinsichtlich der Entlohnung kommt der Faktor Systemrelevanz tendenziell den Berufen auf höherem Anforderungsniveau (3 und 4) zugute. Dagegen erhält systemrelevante Arbeit vor allem auf den niedrigeren Anforderungsniveaus (1 und 2) besondere Anerkennung aus der Bevölkerung. Helferberufe in der Pflege und Kindererziehung beispielsweise weisen relativ hohe Ansehenswerte auf, die es im nicht-systemrelevanten Bereich auf dem AN 1 so nicht gibt. Gerade hier könnten sich der „moralische Wert“ der Tätigkeiten (vgl. MacKinnon/Langford 1994) oder die wahrgenommene Nützlichkeit als „Ansehensbonus“ äußern. Diese Feststellung an sich ist im Zusammenhang mit der Konstitution von Berufsprestige bedeutend, weil sie eine Komponente offenbart, die zusätzlich oder als Ersatz zu Einkommen und Ausbildungsniveau einbezogen werden muss (vgl. 2.3). Bei einigen Berufen wie zum Beispiel dem Vermögensberater, Aktienhändler und Versicherungsmakler aus dem Bereich der Finanzwirtschaft oder dem Amtsleiter, Verwaltungswirt und Vertriebsleiter aus dem Verwaltungsbereich können sowohl die Systemrelevanz als auch die recht hohe Entlohnung das offenbar schlechte Image nicht kompensieren. Hier schließt sich zum einen die Vermutung an, dass dass den zuerst genannten Berufen gemeinhin ein geringer Nutzen attestiert werden könnte (vgl. Walo 2023; Graeber 2013 zu „Bullshit-Jobs“), und zum anderen die Vermutung, dass Systemrelevanz nicht grundsätzlich mit gesellschaftlicher Wertschätzung einhergeht, sondern der soziale Beitrag im Ansehen mehr zum Tragen kommt. In der Gruppe nicht-systemrelevanter Berufe fallen außerdem Marktforscher, Gewerkschafter, Pfarrer und Arbeitsvermittler ins Auge, die zwar auf dem höchs-
Zahlt sich systemrelevante Arbeit aus? | 181 ten Anforderungsniveau liegen, denen aber nur relativ geringe Ansehenswerte zugeschrieben werden. Womöglich spielen hier neben der fehlenden (System-) Relevanz auch andere, berufsspezifische Assoziationen eine Rolle.9 Bei Feuerwehrleuten, Rettungssanitätern, Polizisten oder auch Pflegekräften10 – Berufen, die in hohem Maß mit dem menschlichen Wohl verbunden werden – ist der Verdienst, trotz ihres überdurchschnittlichen Ansehens und ihrer Systemrelevanz, unterdurchschnittlich. Hier könnte ein Ansatz liegen, die Notwendigkeit dieser Tätigkeiten auch „materiell“ darzustellen, um ihre Attraktivität zu steigern. Denn systemrelevante Arbeit zahlt sich für viele offenbar (nur) im Hinblick auf die symbolische Wertschätzung aus. So wird dem „Wunsch nach sozialer Anerkennung durch eine gesellschaftlich wertgeschätzte Arbeit“ (Honneth 2011, 43) zwar entsprochen. Ob ein Gefühl der Sinnstiftung oder das Wissen um die besondere Bedeutung der eigenen Leistung für das Funktionieren der Gesellschaft zu Zufriedenheit bei den Betroffenen führt, bleibt jedoch fraglich. Hinsichtlich des zukünftigen Arbeitskräftebedarfs in den Kritischen Dienstleistungen sollte sich die Wertschätzung auch in Bezug auf Löhne und Arbeitsbedingungen äußern.11 Andersherum sollte der reine Marktwert eines Berufs nicht über dessen gesellschaftliche Relevanz entscheiden. Denn zum einen spiegelt die Entlohnung allein den Beitrag zum Gemeinwohl nicht wider (vgl. Sandel 2021), und zum anderen dürften verhältnismäßig hohe Löhne ohne entsprechende Anerkennung auf wenig Akzeptanz in der Bevölkerung stoßen, wie unsere Ergebnisse andeuten. Im vorliegenden Beitrag wurde ein Vergleich auf Berufsebene vorgenommen, der zwar eine Bandbreite stark besetzter Berufe in Deutschland enthält, aber nicht das gesamte Spektrum abdecken kann. Neben der Frage, ob alle Tätigkeiten, die sich hinter systemrelevanten Branchen bzw. Berufsgruppen verbergen, auch wirklich als unmittelbar versorgungsrelevant anzusehen sind, wird Gegenstand zukünftiger Diskussionen bleiben, inwiefern die krisenbedingte Sys- || 9 Im Fall des Pfarrers könnten ebenso die negativen Schlagzeilen im Zusammenhang mit den Missbrauchsvorwürfen innerhalb der Kirchen oder die generell abnehmende Bedeutung der Kirche mitverantwortlich sein. Bei Gewerkschaftern, Politikern u.Ä. fallen womöglich die politische Ausrichtung oder allgemein ein Vertrauensverlust in die Politik ins Gewicht. 10 Fachkräfte in der Krankenpflege liegen in der verwendeten Erhebung bei einem durchschnittlichen Verdienst von rund 17 Euro/Std., in der Altenpflege bei rund 14 Euro/Std.; mittlerweile wurde jedoch die Erhöhung der Pflegemindestlöhne beschlossen, teilweise bereits umgesetzt (vgl. Presseund Informationsamt der Bundesregierung 2024). 11 Bei den genannten Berufen des öffentlichen Dienstes mehren sich in letzter Zeit die Meldungen über Gewaltangriffe im Dienst (vgl. Bundesministerium des Innern und für Heimat 2022) – eine auf den ersten Blick gegensätzliche Äußerung zu Wertschätzung, die ein weiteres Handlungsfeld darstellt.
182 | Stache, Ebner, Rohrbach-Schmidt, Holzhauser temrelevanz mit allgemeiner gesellschaftlicher Wertigkeit gleichgestellt werden kann und sollte. Zukünftiger Untersuchungsbedarf besteht auch im Hinblick auf weitere Merkmale wie etwa Branche oder Geschlecht (vgl. auch Kupfer/Stutz 2022), die auf Basis multivariater Analysen die Einkommensund Ansehensschätzungen in Berufen beeinflussen könnten, hier aber nicht mitberücksichtigt wurden. Unter der Annahme, dass sich in der gegenwärtigen Gesellschaft vorherrschende Werte und Anforderungen nicht grundlegend gewandelt haben, läge außerdem die Hypothese auf der Hand, dass sich die Berufehierarchie während der Corona-Pandemie verschoben haben könnte. Einige Tätigkeiten im systemrelevanten Bereich könnten heute an Ansehen gewonnen haben, während Tätigkeiten im nicht-systemrelevanten Bereich womöglich an Ansehen eingebüßt haben. Denn in Krisensituationen scheint dem Faktor des wahrgenommenen gesellschaftlichen Nutzens von Leistungen eine besonders hohe Bedeutung zuzukommen. Zwar erweisen sich Prestigeordnungen als relativ stabil (vgl. Blau/ Duncan 1967; Treiman 1977; Hodge u.a. 1964). Aufgrund der Tatsache, dass das System symbolischer Ordnung gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen unterliegt, sind Veränderungen in der Bewertungshierarchie aber grundsätzlich wahrscheinlich.12Die insgesamt höheren Prestigewerte der systemrelevanten Berufe spiegeln – entgegen der Annahme einer allgemeinen „Anerkennungskrise“ (vgl. 2.3) – die gesellschaftliche Wertschätzung ihrer unverzichtbaren Beiträge schon vor der Corona-Krise wider. Inwieweit sich dies in langfristigen strukturellen Verbesserungen niederschlägt, bleibt abzuwarten. Anmerkung: Die Online-Version dieses Artikels enthält den im Text angesprochenen Online-Anhang als zusätzliches Material, siehe https://doi.org/10.1515/arbeit-2024-0013 || 12 Gründe dafür könnten sich wandelnde Werteinstellungen, die Veränderung der Berufsstruktur, das Aufkommen neuer Berufe und „Aussterben“ traditioneller Berufe sein. So hat hoch qualifizierte Wissensarbeit in den letzten Jahrzehnten mit dem Wandel von der Industriezur Dienstleistungsund Wissensgesellschaft an Bedeutung gewonnen, während schwere körperliche Arbeit auf niedrigem Qualifikationsniveau einen Ansehensverlust erlitten hat (vgl. Neckel/ Sutterlüty 2005, 419). Die mediale Berichterstattung über „Heldengeschichten“ oder Skandale führt dagegen oft zu plötzlichen Verschiebungen.
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