Innovationsatlas Handwerk - ein neuer Blick auf die regionalökonomische Funktion der Handwerkswirtschaft
Abstract
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Full text
Runst, Petrik; Thomä, Jörg Research Report Innovationsatlas Handwerk - ein neuer Blick auf die regionalökonomische Funktion der Handwerkswirtschaft ifh Forschungsbericht, No. 25 Provided in Cooperation with: Volkswirtschaftliches Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh) Suggested Citation: Runst, Petrik; Thomä, Jörg (2024) : Innovationsatlas Handwerk - ein neuer Blick auf die regionalökonomische Funktion der Handwerkswirtschaft, ifh Forschungsbericht, No. 25, Volkswirtschaftliches Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh), Göttingen, https://doi.org/10.47952/gro-publ-225 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/304297 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/
www.ifh-goettingen.de ifh Forschungsbericht 25 Petrik Runst, Jörg Thomä Innovationsatlas Handwerk – ein neuer Blick auf die regionalökonomische Funktion der Handwerkswirtschaft 2024
Veröffentlichung des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen Forschungsinstitut im Deutschen Handwerksinstitut e.V. ISSN 2751-2215 DOI-URL: https://doi.org/10.47952/gro-publ-225 Alle Rechte vorbehalten ifh Göttingen | Heinrich-Düker-Weg 6 | 37073 Göttingen Tel.: +49 551 39 34882 E-Mail: [email protected]-goettingen.de Internet: www.ifh-goettingen.de GÖTTINGEN | 2024 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Zusammenfassung: Aus früheren Untersuchungen ist bekannt, dass das Handwerk in vielerlei Hinsicht eine stabilisierende Funktion für ländlich-periphere, strukturschwächere Regionen hat. In der Fläche außerhalb der Ballungszentren ist das Handwerk damit ein wichtiger Faktor für den Abbau regionaler Disparitäten – ein zentrales Ziel der regionalen Wirtschaftsund Strukturpolitik in Deutschland. Die vorliegende Studie fügt diesem Bild der regionalökonomischen Bedeutung des Handwerks ein weiteres Puzzleteil hinzu, indem darin erstmals die Innovationsfunktion des Handwerks in räumlicher Perspektive beleuchtet wird. In der Gesamtschau wird die Rolle des Handwerks bei der Erschließung der Innovationsund Wachstumspotenziale von ländlich-peripheren, strukturschwächeren Regionen deutlich. Handwerksunternehmen können somit auch unter Innovationsgesichtspunkten einen wirksamen Beitrag zum Abbau regionaler Disparitäten leisten. Im Einzelnen stellen sich die Ergebnisse wie folgt dar: • Absolut gemessen konzentrieren sich erwartungsgemäß sowohl innovierende als auch nichtinnovationsaktive Handwerksunternehmen in den Agglomerationszentren. • Aber: Das Handwerk ist relativ gesehen stärker in Regionen außerhalb der urbanen Zentren vertreten. Dies gilt auch für die Gruppe der innovationsaktiven Handwerksunternehmen. • Gerade in ländlich-peripheren, strukturschwächeren Räumen ist das Handwerk ein wichtiger Innovationsträger. Dies ist sowohl für die Generierung wirtschaftlichen Wachstums in diesen Regionen als auch für den regionalwirtschaftlich wichtigen Prozess der Technologiediffusion von Bedeutung. • Dieser regionale Innovationsbeitrag der Handwerkswirtschaft gilt auch für die Teilgruppe der F&Eaktiven Innovatoren im Handwerk. • Die flächendeckende Innovationsfunktion des Handwerks gilt im Großen und Ganzen über alle Handwerksbereiche hinweg, d.h. der dynamisierende Beitrag der Handwerksunternehmen zur wirtschaftlichen Entwicklung der genannten Regionen gilt für die gesamte Breite und Vielfalt des Handwerks. Aus strukturund regionalpolitischer Sicht gehört das Handwerk damit zu den möglichen innovativen Impulsgebern, wenn es darum geht, Wege und Lösungen zu finden, um ländlich-periphere, strukturschwächere Regionen wirtschaftlich voranzubringen und regionales Wachstum zu generieren. Entsprechend sollte das Handwerk mit seinen Organisationen bei der Formulierung und Umsetzung regionaler Gründungsund Innovationsstrategien für benachteiligte Räume mitgedacht und als relevanter Akteur in regionale GovernanceProzesse eingebunden werden. Dazu gehört, dass das Handwerk mit seinen spezifischen Lernformen und Wissensumgebungen als integraler Bestandteil der jeweiligen regionalen Innovationssysteme verstanden wird. Insofern gilt es zu gewährleisten, dass das Handwerk in den genannten Regionen die nötigen infrastrukturellen Angebote erhält, die es für seine wirtschaftliche Entwicklung benötigt. Ein Beispiel hierfür ist die Verfügbarkeit von Breitband-Internetanschlüssen mit entsprechenden Leistungskapazitäten auch an Standorten in ländlich-peripheren Räumen. Denn gerade die digitalen Vorreiter im Bereich Handwerk 4.0 haben ihren Unternehmenssitz häufig im ländlichen Raum – und sind daher in besonderem Maße auf eine gute digitale Infrastruktur angewiesen. Ein anderes Beispiel ist die Sicherstellung einer modernen und ausreichend ausgestatteten Berufsbildungsinfrastruktur – ein Thema, das aufgrund eines erheblichen Sanierungs-, Modernisierungsund Neubaubedarfs im Bereich der handwerklichen Berufsbildungszentren erst in jüngster Zeit auf die Tagesordnung gerückt ist. Die Ergebnisse des vorliegenden Forschungsberichts machen in diesem Zusammenhang deutlich, wie wichtig die breite räumliche Verteilung der Berufsbildungsstätten des Handwerks ist, um eine notwendige Rahmenbedingung für die Innovationsfähigkeit von Handwerksunternehmen auch in ländlichperipheren, strukturschwächeren Regionen zu sichern. Diese und weitere wirtschaftspolitische Implikationen werden am Ende des Forschungsberichts behandelt. Innovationsatlas Handwerk – ein neuer Blick auf die regionalökonomische Funktion der Handwerkswirtschaft
Inhalt Regionen stärken: Die Rolle des Handwerks ............................................................................................... 1 Handwerkliche Innovationstätigkeit: eine Frage des Raums? .................................................................. 2 Erfassung und Methode .................................................................................................................................. 4 3.1 Datensatz .......................................................................................................................................... 4 3.2 Betrachtete Regionstypen ................................................................................................................. 6 Ergebnisse ...................................................................................................................................................... 11 4.1 Unternehmensverteilung: absolut vs. relativ .................................................................................... 11 4.2 Regionen außerhalb der Ballungsräume .......................................................................................... 13 4.3 Ländlicher Raum ............................................................................................................................. 14 4.4 Strukturschwache Regionen ............................................................................................................ 15 4.5 Innovationstätigkeit mit und ohne F&E ............................................................................................ 16 4.6 Unterscheidung nach Handwerksbereichen ..................................................................................... 18 Fazit ................................................................................................................................................................ 20 Literatur ......................................................................................................................................................... 22 Anhang ............................................................................................................................................................ 24
Abbildungen Abb. 1: Jungunternehmen aus dem Handwerk und Nicht-Handwerk, nach Innovatorentyp ...................... 5 Abb. 2: Der erste Regionstyp – Handwerksregionen ...................................................................................... 6 Abb. 3: Der zweite Regionstyp – Räumliche Lage ........................................................................................... 7 Abb. 4: Der dritte Regionstyp – Ländlicher Raum ........................................................................................... 8 Abb. 5: Der vierte Regionstyp – Strukturschwache Regionen ........................................................................ 9 Abb. 6: Der fünfte Regionstyp – Regionale Patentstärke ............................................................................. 10 Abb. 7: Absolute räumliche Verteilung von Handwerksunternehmen mit und ohne Innovationstätigkeit (Heatmap-Darstellung) ..................................................................................................................... 12 Abb. 8: Relative räumliche Verteilung von innovationsaktiven Handwerksunternehmen (Heatmap-Darstellung) ..................................................................................................................... 13 Abb. 9: Jungunternehmen aus dem Handwerk, nach Innovationstätigkeit und räumlicher Lage ............. 14 Abb. 10: Jungunternehmen aus dem Handwerk, nach Innovationstätigkeit und Zugehörigkeit zum ländlichen Raum ....................................................................................................................... 15 Abb. 11: Jungunternehmen aus dem Handwerk, nach Innovationstätigkeit und Strukturstärke der eigenen Region ........................................................................................................................... 16 Abb. 12: Innovatorentypen von Jungunternehmen, nach Handwerkseigenschaft und regionaler Patentstärke .................................................................................................................... 17 Abb. 13: Innovatorentypen von Jungunternehmen, nach Handwerkseigenschaft und räumlicher Lage ... 18 Abb. 14: Innovationsaktive Jungunternehmen aus dem Handwerk, nach Wirtschaftsabschnitt und räumlicher Lage ......................................................................................................................... 19 Tabellen Tabelle 1: Unternehmensgrößenverteilung im Datensatz, nach Handwerkseigenschaft und Innovatorentyp ......................................................................................................................... 5 Tabellen im Anhang Tabelle A 1: Jungunternehmen insgesamt nach Innovationsaktivität und Regionstyp des Standorts (Kreisebene) ................................................................................................................................ 24 Tabelle A 2: Jungunternehmen aus dem Handwerk nach Innovationsaktivität und Regionstyp des Standorts (Kreisebene) ......................................................................................................... 25
INNOVATIONSATLAS HANDWERK EIN NEUER BLICK AUF DIE REGIONALÖKONOMISCHE FUNKTION DER HANDWERKSWIRTSCHAFT 1 Regionen stärken: Die Rolle des Handwerks Die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse in Deutschland durch den Abbau regionaler Disparitäten, z.B. hinsichtlich der Wirtschaftskraft, der Beschäftigungsund Einkommensmöglichkeiten, der demografischen Entwicklung und der Lebensbedingungen vor Ort, gehört zu den aktuellen Zielen der Bundesregierung (BMWK 2024). Dem Mittelstand wird dabei eine besondere Bedeutung beigemessen, da dieser aufgrund der breiten räumlichen Streuung seiner Unternehmen eine stabilisierende Funktion gerade für ländlich-periphere, strukturschwächere Regionen hat (Welter et al. 2016; Pahnke & Welter 2019; BMWK 2024). Nicht zuletzt dem kleinbetrieblich geprägten Handwerk kommt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle zu (Thomä 2016a, 2016b). Dies lässt sich bereits daran ablesen, dass die Unternehmenslandschaft in den angesprochenen Räumen überdurchschnittlich stark durch die Handwerkswirtschaft bestimmt ist. So ist der Anteil des Handwerks an allen Beschäftigten in ländlichen Gegenden deutlich höher als in urbanen Zentren, so dass es regelrechte „Handwerksregionen“ auf dem Land gibt (Runst & Haverkamp 2016). Nach Kornhardt & Rudolph (1994) und Rudolph (1997) gibt es darüber hinaus eine Reihe von qualitativen Punkten, die auf eine besondere regionalpolitische Bedeutung des Handwerks hinweisen. Dazu zählt beispielsweise der Beitrag des Handwerks zur Sicherung einer flächendeckenden und ausreichenden Versorgung privater, gewerblicher und öffentlicher Kunden mit Gütern und Dienstleistungen, wodurch eine wichtige Grundlage für die regionale Lebensund Standortqualität geschaffen wird. Darüber hinaus birgt die stark lokalregionale Ausrichtung der Handwerkswirtschaft ein mögliches Potenzial für die eigenständige Entwicklung von Regionen (z.B. im Hinblick auf das Funktionieren intraregionaler Wirtschaftskreisläufe und die regionale Einkommensbildung). Weitere Beispiele sind die Rolle des Handwerks für die regionale Humankapitalbildung im Bereich der beruflichen Bildung und sein Beitrag zur Stabilität regionaler Arbeitsmärkte – beides wichtige Voraussetzungen für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe der Menschen in allen Regionen Deutschlands. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang auch das breite gesellschaftliche Engagement der Handwerksbetriebe und der in ihnen tätigen Personen, wodurch das Handwerk außerhalb der Ballungsräume häufig zu einem wichtigen Träger der Zivilgesellschaft wird und regionalen Identitäten mitprägt. In diesem Zusammenhang ist die dynamisierende Einbindung des Handwerks in die Innovationssysteme ländlich-peripherer, strukturschwächerer Regionen bislang kaum untersucht worden. Aus früheren Untersuchungen ist zwar bekannt, dass das Handwerk in der Regel ohne Rückgriff auf institutionalisierte Forschungsund Entwicklungsprozesse in einer ihm eigenen Weise lernt und innoviert und damit im volkswirtschaftlichen Innovationsgeschehen sowohl als Träger der Technologiediffusion, als Impulsgeber und Problemlöser, aber auch selbst als originärer Innovator auftritt (Thomä 2018; Runst & Thomä 2022; 2023). Insofern kann vermutet werden, dass der Beitrag des Handwerks zum Abbau regionaler Disparitäten auch im Hinblick auf die Hebung von Innovationspotenzialen und den daraus resultierenden Wachstumseffekten von Bedeutung ist. Im vorliegenden Forschungsbericht wird erstmals das Innovationsverhalten des Handwerks räumlich verortet. Die empirische Auswertung eines repräsentativen Datensatzes zu jungen Unternehmen in Deutschland gibt Aufschluss über die räumliche Verortung der Innovatoren im Handwerk. Insbesondere wird untersucht, in welchen Regionstypen (z.B. differenziert nach Bevölkerungsdichte, Strukturstärke, Patentstärke oder Lage) innovationsaktive Handwerksunternehmen im Vergleich zu ihren nicht-handwerklichen Pendants besonders verortet sind. Die diesbezüglichen Ergebnisse vermitteln einen neuen Blick auf die regionalökonomische Funktion der Handwerkswirtschaft. Daraus ergeben sich verschiedene Implikationen für die Politik, da der Stärkung des regionalen Innovationsgeschehens in der aktuellen Gleichwertigkeitspolitik des Bundes ein hoher Stellenwert beigemessen wird (BMWK 2024).
INNOVATIONSATLAS HANDWERK EIN NEUER BLICK AUF DIE REGIONALÖKONOMISCHE FUNKTION DER HANDWERKSWIRTSCHAFT 2 Handwerkliche Innovationstätigkeit: eine Frage des Raums? Die meist anwendungsnah gelagerten Innovationsprozesse im Handwerk sind in hohem Maße durch „Learning by Doing, Using, Interacting (DUI)“ bestimmt (Jensen et al. 2007). Die Erklärungsschablone des DUI-Innovationsmodus macht damit verständlich, wie es Handwerksunternehmen auch ohne eigene Forschungsund Entwicklungsabteilung (F&E) gelingt, neue oder merklich verbesserte Produkte, Verfahren und Dienstleistungen hervorzubringen. Denn vor allem im Handwerk kommt es immer wieder vor, dass ausgehend von den Fähigkeiten und dem Erfahrungswissen Einzelner eine konkrete Problemstellung im operativen Betriebsalltag und in enger Interaktion mit Kunden, Lieferanten oder anderen Partnern gelöst wird. Im Ergebnis stehen häufig schrittweise Verbesserungen, Weiterentwicklungen und individuelle Modifikationen – so genannte inkrementelle Innovationen. Soweit es für das Finden einer innovativen Lösung erforderlich ist, greifen Handwerksbetriebe dabei stets auch auf neue Technologien zurück – wie aktuell im Bereich der Digitalisierung zu beobachten ist. DUI-Innovationstätigkeit im geografisch breit gestreuten Handwerk hat damit neben ihrer unmittelbaren Innovationsfunktion auch eine volkswirtschaftlich wichtige Rolle bei der räumlichen Verbreitung neuer Technologien (Technologiediffusion). Die im handwerklichen Innovationsmodus verankerte Kombination von erfahrungsbasiertem Können und lösungsspezifischem Technologieeinsatz macht verständlich, warum sich Tradition und Innovation gerade im Handwerk nicht gegenseitig ausschließen (Hemme & Thomä 2016; Thomä 2018). Entscheidend ist dabei u.a. die für das Handwerk typische Prägung durch den beruflich-betrieblichen Bildungstyp. Die im Berufsbildungssystem erworbenen Qualifikationen und Handlungskompetenzen bilden eine zentrale Voraussetzung für die Fähigkeit der Handwerksbetriebe und der in ihnen tätigen Personen, neues Wissen und neue Technologien in ihrem Umfeld zu identifizieren, in den Betrieb zu holen und dort wirksam in die internen DUI-Prozesse zu integrieren (Thomä & Zimmermann 2020; Alhusen & Bennat 2021). Gerade in solchen regionalen Innovationssystemen, die stark durch DUI-nahe Lernund Wissensformen geprägt sind, gehören Einrichtungen der beruflichen Bildung, wie z.B. überbetriebliche Berufsbildungsstätten, zu den zentralen Säulen der innovationsrelevanten Bildungsinfrastruktur (Asheim et. al. 2005; Porto Gómez et al. 2018; Lund & Karlsen 2020). Hinweise auf die mit dem handwerklichen Innovationsmodus verbundenen (regionalen) Wachstumspotenziale liefert die Untersuchung von Runst & Thomä (2023) auf Basis des IAB/ZEW-Gründungspanels, dem Datensatz, der auch in der vorliegenden Studie verwendet wird. Ihre Ergebnisse bestätigen zunächst, dass junge Unternehmen, die primär im DUI-Modus innovieren, überdurchschnittlich häufig aus dem Handwerk kommen. Wie vermutet, basieren deren Lernund Innovationsquellen statt auf F&E vor allem auf Qualifikationen aus der beruflichen Bildung, der aktiven Einbindung der eigenen Mitarbeiter*innen in Innovationsprozesse und dem interaktiven Lernen entlang der Wertschöpfungskette mit Kunden, Lieferanten etc. Die weiteren Ergebnisse der Studie zeigen, dass der DUI-Modus mit einer positiveren Wachstumsperformance verbunden ist als wir sie in nicht-innovativen Unternehmen vorfinden. Es gibt also für junge Unternehmen auch jenseits von risikoreichen F&E-Innovationsaktivitäten die Möglichkeit, wirtschaftlich erfolgreich zu sein: Die Attraktivität DUInaher Innovationsund Wachstumspfade liegt dabei darin, dass die Kostenund Risikobelastung der Innovationsaktivitäten überschaubar ist und dennoch ein tragfähiges wirtschaftliches Ergebnis erzielt werden kann, wenngleich dieses im Vergleich zu risikoreicheren F&EGründungen oft weniger stark ausfällt. Dementsprechend ist die Output-Seite im Vergleich zu F&E-orientierten Gründungen durch ein begrenztes Risiko und eine geringere, aber dennoch positive Wachstumsperformance gekennzeichnet. Mit Ausnahme des sehr dynamischen oberen Wachstumssegments fallen die Wachstumseffekte DUI-orientierter Gründungen also kaum nach unten ab. Nach Isaksen und Trippl (2017) unterscheiden sich die räumlichen Muster des Lernens und des Wissensaustauschs, die unterschiedlichen Innovationsweisen zugrunde liegen, zwischen verschiedenen Regionstypen erheblich. Ein Beispiel hierfür ist die in einem regionalen Innovationssystem dominierende Wissensbasis. Grundsätzlich kann auf regionaler Ebene zwischen einer analytischen und einer synthetischen Wissensbasis unterschieden werden. Erstere dominiert in Räumen, in denen die Unternehmensund Branchenstrukturen so beschaffen sind, dass Wissensstrukturen und -prozesse stark formal organisiert sind (z.B. in F&E-Abteilungen oder im Rahmen von Kooperationen mit Universitäten oder anderen externen Forschungseinrichtungen) und der Dokumentation, dem Transfer und dem Austausch
INNOVATIONSATLAS HANDWERK EIN NEUER BLICK AUF DIE REGIONALÖKONOMISCHE FUNKTION DER HANDWERKSWIRTSCHAFT 3 von kodifiziertem wissenschaftlich-technischem Wissen in Form von Publikationen oder Patentdokumenten eine große Bedeutung zukommt. Dies geht häufig mit einem hohen globalen Neuheitsgrad einher, weshalb radikale Innovationen eher in diesen räumlichen Umfeldern mit einem hohen technologischen Wissensspillover entstehen. In regionalen Innovationssystemen mit einer synthetischen Wissensbasis entstehen Innovationen dagegen eher durch die Anwendung oder Neukombination vorhandenen Wissens, weshalb ihr Neuheitsgrad als eher inkrementell zu bezeichnen ist. Hier spielt das interaktive Lernen mit Kunden und Lieferanten im Rahmen anwendungsnaher Problemlösungsprozesse eine wichtige Rolle. Dementsprechend sind die Lernund Wissensprozesse eher informell organisiert und auf praktische, erfahrungsbasierte Kompetenzen ausgerichtet (Asheim et. al. 2005; Asheim & Cohen 2005). In Regionen mit einer stark synthetischen Wissensbasis sind die Lernund Innovationsprozesse von Unternehmen daher naturgemäß eng mit dem DUI-Modus verknüpft (Hädrich et al. 2024). Aus zwei Gründen kann daher vermutet werden, dass die Innovationstätigkeit des Handwerks gerade für die Entwicklung ländlich-peripherer, strukturschwächerer Regionen von Bedeutung ist. Zum einen ist aus früheren ifh-Studien bekannt, dass das relative wirtschaftliche Gewicht der Handwerkswirtschaft gerade in diesen Räumen hoch ist, woraus sich, wie eingangs erwähnt, verschiedene weitere regionalökonomische Funktionen in den Bereichen Beschäftigung, Einkommen, Qualifikation und Versorgung ableiten (Rudolph 1997; Runst & Haverkamp 2016; Thomä 2016a; 2016b). Zum anderen ist aus der Innovationsforschung bekannt, dass kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die aufgrund einer geringen F&E-Intensität nah am DUI-Modus orientiert sind, ein zentraler Träger des Innovationsgeschehens in ländlich-peripheren, strukturschwächeren Regionen sind (z.B. Alecke et al. 2021; Hervás-Oliver et al. 2021; Reher et al. 2024). In diesen Räumen sind daher gerade von der Handwerkswirtschaft wichtige Innovationsund Wachstumseffekte zu erwarten. Vor diesem Hintergrund wird im Folgenden das Innovationsverhalten des Handwerks aus räumlicher Perspektive analysiert.
INNOVATIONSATLAS HANDWERK EIN NEUER BLICK AUF DIE REGIONALÖKONOMISCHE FUNKTION DER HANDWERKSWIRTSCHAFT 10 Die in Abb. 5 dargestellten Ergebnisse zeigen, dass sich in Deutschland unter Innovationsgesichtspunkten drei grundlegende Regionstypen unterscheiden lassen: Zum einen gibt es strukturstarke, häufig urbane Regionen, die im F&E-intensiven Innovationsbereich klar vorne liegen. Auf der anderen Seite stehen eine Reihe strukturschwacher Regionen, die bei allen verwendeten Messgrößen mit Ausnahme der DUI-nahen Innovationsindikatoren zurückfallen und häufig ländlich bzw. peripher gelegen sind. Die dritte Gruppe von Regionen liegt zwischen diesen beiden Extremen. Der fünfte Regionstyp (vgl. Abb. 6) schließlich erfasst die Patentstärke einer Region. 1 Damit kann der in Kapitel 2 diskutierte Zusammenhang zwischen dem Innovatorentyp von Unternehmen und der entsprechenden regionalen Wissensbasis näherungsweise untersucht werden. Der Rückgriff auf die absolute Zahl der Patente einer Region steht dabei für die verfügbare Gesamtmenge an wissenschaftlich-analytischem Wissen in einem abgegrenzten räumlichen Gebiet. Entsprechend lässt sich damit die technologische Innovationskraft einer Region messen. Gleichzeitig liefert eine geringere Patentstärke einen Hinweis auf das Vorhandensein einer stärker synthetisch geprägten Wissensbasis in den entsprechenden regionalen Innovationssystemen, die in engem Zusammenhang mit DUI-nahen Lernund Innovationsformen steht (vgl. Kapitel 2). Abb. 6: Der fünfte Regionstyp – Regionale Patentstärke Quelle: Europäisches Patentamt 1 Die regionale Patentstärke ist wie folgt definiert: Mehr als 75 Patente pro Kreis (Median) im Jahr 2014 oder die Region liegt in einem Umkreis von 30 km zu einer patentstarken Region.
INNOVATIONSATLAS HANDWERK EIN NEUER BLICK AUF DIE REGIONALÖKONOMISCHE FUNKTION DER HANDWERKSWIRTSCHAFT 11 Ergebnisse 4.1 Unternehmensverteilung: absolut vs. relativ Abb. 7 stellt zunächst die absolute räumliche Verteilung der Handwerksunternehmen ohne Innovationstätigkeit denjenigen mit Innovationsaktivitäten gegenüber. Dabei kommt eine Heatmap-Interpolation zum Einsatz. Ziel ist es, die regionale Handwerksdichte (innerhalb eines 50-km-Radius) aus Basis des verwendeten Datensatzes zu visualisieren. Aufgrund der begrenzten Anzahl an Beobachtungen zum Handwerk im IAB/ZEW-Gründungspanel ist dies nicht flächendeckend für alle Regionen möglich. Daher werden nur Unternehmen in die Analyse einbezogen, für deren Landkreis eine ausreichend hohe Anzahl an Beobachtungen vorliegt. Kreise mit zu wenigen Beobachtungen werden entsprechend weiß dargestellt. Trotz dieser Einschränkung zeigt die vorgenommene Visualisierung zunächst erwartungsgemäß, dass sich absolut gesehen sowohl die innovationsaktiven als auch die nicht-innovationsaktiven Handwerksunternehmen zahlenmäßig in den Ballungsräumen konzentrieren (vgl. Abb. 7). Der oben dargestellte erste Regionstyp (siehe Abb. 2) zeigt bereits, dass es eine Reihe von Regionen gibt, in denen der lokale Arbeitsmarkt stark handwerklich geprägt ist. In diesen Handwerksregionen ist das relative Gewicht des Handwerks also ganz grundsätzlich als hoch einzustufen. Entscheidend ist an dieser Stelle nun, dass diese relative Betrachtung auch für die Teilgruppe der innovationsaktiven Handwerksunternehmen gilt, wie die erneute Heatmap-Darstellung in Abb. 8 verdeutlicht. Die Karte zeigt den Anteil der innovierenden Handwerksunternehmen an allen Unternehmen der Handwerkswirtschaft. Demnach haben innovationsaktive Handwerksunternehmen in der Fläche ein höheres relatives Gewicht als in den urbanen Zentren. Deutlich wird dies z.B. im Umland von München, Hannover und Hamburg oder in den Regionen nördlich und südlich von Berlin, die sich alle durch einen höheren Anteil innovierender Handwerksunternehmen auszeichnen.
INNOVATIONSATLAS HANDWERK EIN NEUER BLICK AUF DIE REGIONALÖKONOMISCHE FUNKTION DER HANDWERKSWIRTSCHAFT 12 Abb. 7: Absolute räumliche Verteilung von Handwerksunternehmen mit und ohne Innovationstätigkeit (Heatmap-Darstellung) Quelle: IAB/ZEW Gründungspanel Hinweis: Die Karten zeigen die Handwerksdichte innerhalb eines 50-km-Radius auf Basis der verwendeten Stichprobe. Landkreise mit zu geringer Fallzahl (N < 20) sind nicht dargestellt (weiß eingefärbt). Anzahl nicht-innovativer Handwerksunternehmen Anzahl innovativer Handwerksunternehmen
INNOVATIONSATLAS HANDWERK EIN NEUER BLICK AUF DIE REGIONALÖKONOMISCHE FUNKTION DER HANDWERKSWIRTSCHAFT 13 Abb. 8: Relative räumliche Verteilung von innovationsaktiven Handwerksunternehmen (Heatmap-Darstellung) Quelle: IAB/ZEW Gründungspanel Hinweis: Die Karte zeigt den Anteil der innovierenden Handwerksunternehmen an allen Handwerksunternehmen innerhalb eines 50-kmRadius, basierend auf der verwendeten Stichprobe. Kreise mit zu geringer Fallzahl (N < 20) sind nicht dargestellt (weiß eingefärbt). 4.2 Regionen außerhalb der Ballungsräume Wie oben dargestellt gibt der zweite Regionstyp (siehe Abb. 3) einen deutschlandweiten Überblick über die räumliche Zuordnung zu vier verschiedenen Lagetypen („sehr zentral“, „zentral“, „peripher“ und „sehr peripher“ gelegene Räume). Ergänzend dazu wird in Abb. 9 an dieser Stelle ein gestapeltes Säulendiagramm (jeweils auf 100 % addiert) dargestellt. Auf Basis der Daten des IAB/ZEW-Gründungspanels ermöglicht dies einen Vergleich der Gruppe der jungen Unternehmen außerhalb des Handwerks mit den Gruppen der handwerklichen Innovatoren und NichtInnovatoren in Bezug auf den zweiten Regionstyp. Aus dem Vergleich der Anteilswerte lassen sich Rückschlüsse auf die Rolle der räumlichen Lage im Zusammenhang mit der Handwerkszugehörigkeit und der Innovationstätigkeit ziehen. Anteil innovativer Handwerksunternehmen (an allen Handwerksunternehmen, in %)
INNOVATIONSATLAS HANDWERK EIN NEUER BLICK AUF DIE REGIONALÖKONOMISCHE FUNKTION DER HANDWERKSWIRTSCHAFT 14 Abb. 9: Jungunternehmen aus dem Handwerk, nach Innovationstätigkeit und räumlicher Lage Quelle: IAB/ZEW Gründungspanel Hinweis: Siehe ergänzend dazu Abb. 3. Die Ergebnisse bestätigen und vertiefen das im vorangegangenen Kapitel gewonnene Bild: Nicht-handwerkliche Unternehmen siedeln sich mit einem Anteil von 52,9 % häufig in den sehr zentral gelegenen Räumen an, während im Handwerk sowohl Innovatoren als auch Nicht-Innovatoren relativ stärker in den zentralen, peripheren und sehr peripheren Räumen vertreten sind. Dass die Einwohnerdichte mit durchschnittlich nur 655 Einwohner*innen je km² in den Standortregionen des Handwerks deutlich niedriger ist als bei jungen Unternehmen außerhalb des Handwerks (siehe hierzu Tabelle A 2 im Anhang) ist ein weiteres Indiz für die relativ stärkere Verortung des Handwerks in entlegenen Regionen. Die Innovatoren des Handwerks sind dabei etwas stärker in den zentral gelegenen Räumen vertreten und die nicht-innovativen Handwerksunternehmen etwas mehr in den peripher gelegenen Räumen. Insgesamt bestätigt der Vergleich mit dem Nicht-Handwerk jedoch die Vermutung, dass das Handwerk gerade in den Gebieten außerhalb der urbanen Ballungszentren ein wichtiger Träger des Innovationsgeschehens ist. So befinden sich beispielweise 25,4 % der innovativen Handwerksunternehmen in peripheren und sehr peripheren Kreisen, aber nur 18,9 % der nicht-handwerklichen Unternehmen. 4.3 Ländlicher Raum Die Ergebnisse zum dritten Regionstyp (siehe Abb. 4) bestätigen die Vermutung, dass Handwerksunternehmen grundsätzlich, aber auch speziell die Innovatoren aus dem Handwerk in ländlichen Räumen stark überrepräsentiert sind (vgl. Abb. 10). Dementsprechend sind die Anteile der Handwerksunternehmen, die in nicht-ländlichen (d.h. städtischen) Gebieten angesiedelt sind, mit 33,0 % bzw. 35,3 % deutlich geringer als bei den Nicht-Handwerksunternehmen (48,1 %). Noch relevanter ist in diesem Zusammenhang jedoch die Differenzierung des ländlichen Raums nach soziökonomischer Stärke. Das innovationsaktive Handwerk (und auch der nicht-innovierende Teil der Handwerkswirtschaft) ist relativ gesehen besonders stark in den ländlichen Räumen mit weniger guter sozioökonomischer Lage vertreten, während die Handwerkswirtschaft in den ländlichen Gebieten mit guter sozioökonomischer Lage allenfalls leicht überrepräsentiert ist (vgl. Abb. 10). Innovatoren aus dem Handwerk entfalten ihre positiven Impulse für die Regionalentwicklung also nicht nur allgemein im ländlichen Raum, sondern insbesondere in den strukturschwächeren ländlichen Gebieten. Handwerksunternehmen gehören daher in strukturschwächeren Regionen zu den potenziell innovativen Impulsgebern, auf deren Basis regionale Wachstumseffekte zum Abbau regionaler Disparitäten entstehen können.
INNOVATIONSATLAS HANDWERK EIN NEUER BLICK AUF DIE REGIONALÖKONOMISCHE FUNKTION DER HANDWERKSWIRTSCHAFT 15 Abb. 10: Jungunternehmen aus dem Handwerk, nach Innovationstätigkeit und Zugehörigkeit zum ländlichen Raum Quelle: IAB/ZEW Gründungspanel Hinweis: Siehe ergänzend dazu Abb. 4. 4.4 Strukturschwache Regionen Die Ergebnisse der Studie von Reher et al. (2024) auf Basis des vierten Regionstyps (siehe Abb. 5) sprechen bereits für die Gültigkeit der in Kapitel 2 diskutierten Hypothese, dass die Innovationskraft strukturschwacher Regionen – zumindest relativ gesehen – stark durch den DUI-Innovationsmodus beeinflusst wird. Damit wird deutlich, dass innovationsbasierter Wandel unter bestimmten Bedingungen auch in strukturschwachen Regionen gelingen kann. Am Beispiel des Handwerks differenzieren die in Abb. 11 dargestellten Ergebnisse dieses Bild weiter aus. Denn nach den Ergebnissen des gezeigten Säulendiagramms sind die Innovatoren des Handwerks überdurchschnittlich häufig in strukturschwachen und mittelstarken Regionen zu finden, während ihr relatives Gewicht (ähnlich wie bei den Handwerksunternehmen ohne Innovationsaktivitäten) in den strukturstarken Regionen geringer ist: 36 % der nicht-handwerklichen Jungunternehmen sind in strukturstarken Regionen zu finden, während der entsprechende Anteil bei den handwerklichen Innovatoren nur 26,5 % beträgt. Handwerksunternehmen leisten also gerade in strukturschwachen Regionen einen wichtigen Beitrag zum Innovationsgeschehen und spielen damit eine potenzielle Rolle bei der Initiierung eines innovationsgetriebenen Strukturwandels in den jeweiligen Regionen.
INNOVATIONSATLAS HANDWERK EIN NEUER BLICK AUF DIE REGIONALÖKONOMISCHE FUNKTION DER HANDWERKSWIRTSCHAFT 16 Abb. 11: Jungunternehmen aus dem Handwerk, nach Innovationstätigkeit und Strukturstärke der eigenen Region Quelle: IAB/ZEW Gründungspanel Hinweis: Siehe ergänzend dazu Abb. 5. 4.5 Innovationstätigkeit mit und ohne F&E Aufbauend auf den bisherigen Ergebnissen erlaubt eine Differenzierung nach Innovatorentypen einen weiteren Einblick in den vorliegenden Untersuchungsgegenstand (vgl. Tabelle A 1 und Tabelle A 2 im Anhang). Sowohl im Handwerk als auch im Nicht-Handwerk gibt es junge Unternehmen, die im Rahmen ihrer Innovationsaktivitäten entweder auf eigene F&E setzen oder sich stattdessen für die Hervorbringung von neuen oder merklichen verbesserten Produkten, Prozessen oder Dienstleistungen auf andere Lernquellen stützen – wobei im Handwerk, wie oben gezeigt, Letzteres klar dominiert (vgl. Kapitel 3). Um den Zusammenhang zwischen dem Innovatorentyp junger Unternehmen und der Wissensbasis einer Region zu untersuchen, greifen wir auf den fünften Regionstyp – die regionale Patentstärke – zurück (siehe Abb. 6). Das absolute Patentniveau einer Region gibt einen Hinweis auf die Bedeutung einer analytisch geprägten Wissensbasis im jeweiligen regionalen Innovationssystem. Betrachtet man alle innovationsaktiven Unternehmen im Datensatz zusammen, so zeigt sich der vermutete klar positive Zusammenhang zwischen F&E-Innovationsaktivitäten auf Unternehmensebene und der Patentstärke einer Region (vgl. Abb. 12). Für die Innovatoren ohne F&E zeigt sich genau dieser Zusammenhang erwartungsgemäß nicht, sie sind also im Hinblick auf den fünften Regionstyp deutlich gleichmäßiger im Raum verteilt als die F&E-aktiven Jungunternehmen. Interessant ist nun, dass genau diese zu vermutende räumliche Sensitivität von F&E in Abhängigkeit vom regionalen Patentniveau offenbar nicht für die Innovatoren im Handwerk gilt. Sowohl für die handwerklichen Innovatoren insgesamt als auch für die Teilgruppe der F&E-aktiven Innovatoren aus dem Handwerk ist die Wahrscheinlichkeit geringer, in einer patentstarken Region vertreten zu sein (vgl. Abb. 12). Dies verdeutlicht noch einmal, dass die Handwerkswirtschaft gerade in den patentschwächeren bzw. innovationsbenachteiligten Räumen ein wichtiger Innovationsträger ist.
INNOVATIONSATLAS HANDWERK EIN NEUER BLICK AUF DIE REGIONALÖKONOMISCHE FUNKTION DER HANDWERKSWIRTSCHAFT 17 Abb. 12: Innovatorentypen von Jungunternehmen, nach Handwerkseigenschaft und regionaler Patentstärke Darstellung Balkendiagramm: jeweils der Unterschied zu allen Unternehmen der Stichprobe in Prozent Hinweis: Siehe ergänzend dazu Abb. 6. Ein weiteres Beispiel für die Abhängigkeit des Innovatorentyps von der Art der Regionsabgrenzung ist die Zentrum-Peripherie-Dichotomie nach dem zweiten Regionstyp (siehe Abb. 3). Vereinfachend wird in der Literatur häufig davon ausgegangen, dass sich periphere Räume aus Innovationsperspektive grundlegend von zentral gelegenen Regionen unterschieden: Erstens sind sie weniger in der Lage, ein innovatives Umfeld mit positiven F&E-Externalitäten zu schaffen, dass Menschen, Institutionen und Unternehmen in lernförderlicher räumlicher Nähe zusammenbringt. Zweitens bieten sie nur begrenzten Zugang zu kollektiv verfügbarem Wissen und zu anderen F&E-Akteuren, was die Verbreitung von neuem Wissen und neuen Technologien unter den Unternehmen der Region beschränkt. Drittens verfügen sie über eine weniger reichhaltige Infrastruktur, eine geringere Unternehmensund Branchenvielfalt sowie weniger dichte Wissensnetzwerke und unterstützende Institutionen. Viertens sind sie als Arbeitsund Lebensort für kreative und forschende Menschen weniger attraktiv. Fünftens weisen sie in der Summe dieser Faktoren eine geringere Innovationsrate auf und bringen kaum radikale Innovationen hervor (Doloreux & Shearmur 2023). Erst in jüngster Zeit wird in der Literatur begonnen, dieses traditionelle Bild der Zentrum-PeripherieDichotomie der Innovationstätigkeit, das auf der impliziten Annahme beruht, dass in peripheren Regionen keine oder kaum Innovation stattfindet, anzupassen und die Charakteristika, Besonderheiten und Chancen der Innovationstätigkeit in peripheren Regionen stärker in den Blick zu nehmen (Edler 2019; Glückler et al. 2023). Die in Abb. 13 dargestellten Ergebnisse ergänzen dieses Bild. Über alle jungen Unternehmen im Datensatz hinweg zeigt sich dabei zunächst erwartungsgemäß, dass F&E-Innovatoren eher in sehr zentralen und kaum in peripheren oder sehr peripheren Räumen angesiedelt sind. Für die Innovatoren ohne F&E bestätigt sich erneut, dass sie relativ gleichmäßig über die Fläche verteilt sind und somit die Frage, ob das betreffende Unternehmen im Zentrum oder in der Peripherie angesiedelt ist, in diesem Fall offenbar kaum eine Rolle spielt. Gleichzeitig zeigt sich erneut das bereits oben für die innovationsaktiven Unternehmen des Handwerks identifizierte Muster: Nicht nur die Handwerksinnovatoren insgesamt, sondern insbesondere auch die Untergruppe der F&E-aktiven Unternehmen aus dem Handwerk sind seltener in den sehr zentralen Räumen zu finden, sondern häufiger in zentralen und noch häufiger in peripheren oder sehr peripheren Lagen. Dieses Ergebnis fügt sich schlüssig in das bisher gewonnene Bild ein: Gerade in der Peripherie ist das Handwerk ein relevanter Innovationsakteur. -40,0% -30,0% -20,0% -10,0% 0,0% 10,0% 20,0% 30,0% Kein Innovator insgesamt Innovator insgesamt ohne F&E Innovator insgesamt mit F&E Innovator Handwerk insgesamt Innovator Handwerk mit F&E Patentstark Patentschwach
INNOVATIONSATLAS HANDWERK EIN NEUER BLICK AUF DIE REGIONALÖKONOMISCHE FUNKTION DER HANDWERKSWIRTSCHAFT 18 Abb. 13: Innovatorentypen von Jungunternehmen, nach Handwerkseigenschaft und räumlicher Lage Quelle: IAB/ZEW Gründungspanel Darstellung Balkendiagramm: jeweils der Unterschied zu allen Unternehmen der Stichprobe in Prozent Hinweis: Siehe ergänzend dazu Abb. 3. 4.6 Unterscheidung nach Handwerksbereichen Eine weitere Möglichkeit, die Innovatoren des Handwerks zu untergliedern, ist die Differenzierung nach verschiedenen Bereichen der Handwerkswirtschaft. Ideal wäre hier eine Unterteilung nach den sieben Gewerbegruppen des Handwerks. Aus früheren Untersuchungen ist bekannt, dass es diesbezüglich deutliche Unterschiede in den räumlichen Verteilungsmustern innerhalb des Handwerks gibt (siehe z.B. Thomä 2016a). Aufgrund der Beschaffenheit der in dieser Analyse verwendeten Daten ist dies jedoch nicht machbar. Möglich ist hingegen eine an der allgemeinen Klassifikation der Wirtschaftszweige orientierte Zuordnung, die eine grobe Abgrenzung nach Branchenschnitten und damit Gewerbegruppenbereichen erlaubt. Demnach lassen sich die handwerklichen Innovatoren in der Stichprobe in die Bereiche „Verarbeitendes Gewerbe“ (vor allem produzierendes Handwerk für den gewerblichen Bedarf, Lebensmittelgewerbe), „Bau/Ausbau“ (Bauhauptund Ausbaugewerbe), „Handel/Kfz“ (vor allem Kraftfahrzeuggewerbe) und „Dienstleistungen“ (vor allem Handwerke für den privaten Bedarf, Gesundheitsgewerbe, Dienstleistungen für den gewerblichen Bedarf) differenzieren. -50,0% -40,0% -30,0% -20,0% -10,0% 0,0% 10,0% 20,0% 30,0% 40,0% 50,0% Kein Innovator insgesamt Innovator insgesamt ohne F&E Innovator insgesamt mit F&E Innovator Handwerk insgesamt Innovator Handwerk mit F&E sehr peripher peripher zentral sehr zentral
INNOVATIONSATLAS HANDWERK EIN NEUER BLICK AUF DIE REGIONALÖKONOMISCHE FUNKTION DER HANDWERKSWIRTSCHAFT 19 Abb. 14: Innovationsaktive Jungunternehmen aus dem Handwerk, nach Wirtschaftsabschnitt und räumlicher Lage Quelle: IAB/ZEW Gründungspanel Darstellung Balkendiagramm: jeweils der Unterschied zu allen Unternehmen der Stichprobe in Prozent Hinweis: Siehe ergänzend dazu Abb. 3. Die Ergebnisse der entsprechenden Auswertung für den zweiten Regionstyp bestätigen, dass die deutlich gewordene Innovationsfunktion des Handwerks in Regionen außerhalb der urbanen Zentren im Großen und Ganzen über alle Handwerksbereiche hinweg gilt (vgl. Abb. 14): Für alle betrachteten Branchenabschnitte gilt, dass Innovatoren des Handwerks seltener in den sehr zentralen Räumen zu finden sind. Leichte Abweichungen zeigen sich nur in den Bereichen „Dienstleistungen“ (seltener in sehr peripheren, relativ gesehen häufiger in sehr zentralen Lagen) und „Handel/Kfz“ (seltener in sehr peripheren, häufiger in zentralen Lagen). Beides dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die Betriebe dieser beiden Handwerksbereiche in ihren Märkten auf die räumliche Nähe zu einer möglichst großen Zahl von Privatkunden angewiesen sind und sich deshalb geschäftlich tendenziell eher in Richtung Zentrum orientieren. Dies ändert jedoch nichts an dem Gesamtbefund, dass das Handwerk in seiner ganzen Vielfalt und Breite einen wirksamen Beitrag zum Innovationsgeschehen in ländlichperipheren, strukturschwächeren Regionen leistet. -60,0% -40,0% -20,0% 0,0% 20,0% 40,0% 60,0% 80,0% Dienstleistungen Handel/Kfz Bau/Ausbau Verarbeitendes Gewerbe sehr peripher peripher zentral sehr zentral