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Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen im Saarland: Eine empirische Untersuchung

Miehe-Nordmeyer, Gesa,Holzmann, Robert,Hervé, Yves

Abstract

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Full text

Miehe-Nordmeyer, Gesa; Holzmann, Robert; Hervé, Yves Article Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen im Saarland: Eine empirische Untersuchung Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Miehe-Nordmeyer, Gesa; Holzmann, Robert; Hervé, Yves (1998) : Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen im Saarland: Eine empirische Untersuchung, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 118, Iss. 4, pp. 537-571, https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291920 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Sozialwissenschaften (ZWS) 118 (1998), S. 537 - 571 Duncker & Humblot, Berlin Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen im Saarland: Eine empirische Untersuchung* Von Gesa Miehe-Nordmeyer**, Robert Holzmann und Yves Hervé*** 1. Einleitung Die wirtschaftliche Entwicklung des Saarlandes ist seit den 60er Jahren durch einen langfristigen Produktionsund Beschäftigungsrückgang in seinen traditionellen Industrien - Steinkohle, Stahl und Stahlprodukte - maßgeblich gekennzeichnet. Im Vergleich zur Restbundesrepublik ist das Saarland negativen asymmetrischen Schocks ausgesetzt gewesen. Der Abschluß der GATT-Verhandlungen und die Europa-Abkommen mit den Reformländern Mittelund Osteuropas legen nahe, daß sich die internationale Konkurrenz für die sensitiven Produkte Kohle und Stahl weiter verschärfen wird (Winters, 1994). Diese Perspektive erfordert eine Bewertung der bisherigen Anpassungsstrategie. Dies ist das Hauptanliegen dieser Arbeit. Eine gewählte Strategie (d. h. der gewählte Mix von Anpassungsreaktionen) als Antwort auf negative asymmetrische Schocks ist als erfolgreich einzustufen, wenn • sie die unerwünschten Folgen der Schocks, nämlich einen relativen Rückgang der Wirtschaftsleistung und der Beschäftigung zur Restbundesrepublik, verhindert bzw. rückgängig macht. • sie permanent aufrechterhaltbar ist. Aus der gewählten Fragestellung folgt, daß für die Untersuchung des ersten Punktes in der empirischen Untersuchung der Vergleich mit den Bundeswerten die Bewertungsgrundlage liefert.1 Säkulare Trends und symmetrische konjunkturelle Effekte werden somit unberücksichtigt gelassen. Der * Verantwortlicher Herausgeber / editor in Charge: B. F. ** Korrespondenz-Autorin * * * Wir danken Frau Katarzyna Zukowska-Gagelmann vom Europa-Institut, Universität des Saarlandes, und zwei anonymen Gutachtern für wertvolle Verbesserungsvorschläge. Für verbleibende Fehler tragen wir die alleinige Verantwortung. 1 Für die Untersuchung werden die Zahlen der alten Bundesrepublik (West) herangezogen. ZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 538 Gesa Miehe-Nordmeyer, Robert Holzmann und Yves Hervé Teil der Arbeitslosigkeit im Saarland, der auf Bundestrends zurückzuführen ist, ist folglich nicht Gegenstand der Analyse. Die Arbeit ist in drei Hauptabschnitte unterteilt. Im folgenden Abschnitt werden zunächst Struktur und Umfang der asymmetrischen Schocks für das Saarland dargestellt. Als maßgebliche Ursache der saarländischen Wirtschaftsentwicklung läßt sich eine durch Veränderungen auf den Weltmärkten ausgelöste Folge von negativen Nachfrageschocks identifizieren. Im Anschluß wird die Wirtschaftsentwicklung des Saarlandes in Relation zur restlichen Bundesrepublik seit Auftreten dieser Schocks erläutert. Abschnitt 3 analysiert in einem einfachen theoretischen Rahmen die ökonomische Wirkungsweise von möglichen Anpassungsmechanismen an exogene Schocks. Anschließend folgt in Abschnitt 4 eine empirische Analyse der möglichen Anpassungsstrategien. Der empirische Befund legt die Schlußfolgerung nahe, daß auf die externen Schocks im wesentlichen nicht durch Reallohnanpassung und Faktorwanderung reagiert wurde. Direkte Subventionen sowie ungebundene Transfers waren und sind die dominanten, jedoch ungeeigneten Instrumente der Anpassung. Die Arbeit schließt mit wirtschaftspolitischen Schlußfolgerungen. 2. Exogener Schock für das Saarland: Diagnose und regionale Auswirkungen 2.1 Diagnose der asymmetrischen Schocks für das Saarland Das zentrale Moment für die Wirtschaftsentwicklung des Saarlandes in den letzten 30 Jahren ist ein trendmäßiger Rückgang der Weltmarktpreise für Kohleund Stahlprodukte, der in den Abbildungen 1 und 2 dokumentiert ist. Diesem Rückgang der Weltmarktpreise liegen folgende Entwicklungen zugrunde: • Angebotsseitig ist durch das Hinzutreten neuer Wettbewerber eine starke Ausweitung des Weltangebots zu verzeichnen. So stiegen z. B. die australischen Kohleexporte von jährlich 2 Millionen Tonnen Kohle-Äquivalenten (MTKE) in den Jahren 1960 - 64 auf 106 MTKE in den Jahren 1990 - 92 (IEA, 1994). Das Weltstahlangebot stieg ebenfalls an, u. a. bedingt durch den Export der Stahltechnologie aus Westeuropa: So nahm die Welt-Rohstahlerzeugung von 334,8 Mio. t 1960 auf 749,6 Mio. t 1995 zu (Wirtschaftsvereinigung Stahl, 1996). • Nachfrageseitig ist ein langfristiger Rückgang der Nachfrage nach Kohleund Stahlprodukten in den großen Industrienationen zu verzeichnen, der die Zunahme der Nachfrage in den Entwicklungsländern übertrifft. So sank z. B. trotz steigendem BIP der durchschnittliche jährliche KohleZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen 539 konsum in Westeuropa von 469 MTKE in den Jahren 1960-64 auf 408 MTKE in den Jahren 1990 - 92 (IEA, 1994). Dies ist zum einen das Ergebnis von Änderungen in den Produktionstechnologien und in den relativen Rohstoffpreisen, zum anderen resultiert der Nachfragerückgang aus Verschiebungen in der Wirtschaftsstruktur von Industrieproduktion hin zu Dienstleistungen.2 -Einfuhrpreise für Steinkohe und Steinkohlekoks -Erzeugerpreise für Kohlebergbau, ab 76 für Steinkohle und Steinkohlebriketts Quelle: Statistisches Bundesamt, Eachserie 17, Reihe 8. Abbildung 1: Realpreisentwicklung der Steinkohle Der durch diese Entwicklungen ausgelöste Preisverfall wurde vor allem bei Kohle durch die beiden Ölpreisschocks für kurze Zeit unterbrochen. Dies ist auf die Substitutionseigenschaft der Kohle als Energieinput im Vergleich zu Erdöl oder Erdgas zurückführen. Im Vergleich dazu war die Trendunterbrechung für Eisen und Stahl wesentlich schwächer. Zwar wurde der benötigte Input „Steinkohle" wesentlich teurer, dagegen standen jedoch andere Effekte: Die Energieverteuerung führte zu einer Reduktion des Inputs „Stahl" in der Industrieproduktion (z. B. im Autobau); ferner ist ein genereller Trend eines stagnierenden Stahlverbrauchs bei steigendem BIP zu beobachten (vgl. Wienert, 1995). 2 Das Preisdifferential zwischen heimischer Kohle und Importkohle betrug 1970 nominal DM 11,- t/SKE (Tonne/Steinkohleäquivalent), 1995 kostete die heimische Steinkohle DM 291t/SKE, Importkohle DM 76,- t/SKE, d. h. der Abstand stieg auf DM 215,- pro Tonne! Zum Vergleich: Eine Tonne/SKE schweres Heizöl kostete 1995 DM 149,-, eine Tonne/SKE Erdgas DM 233,- (Quellen: Verein Deutscher Kohleimporteure/Verband Deutsche Elektrizitätswirtschaft, vers. Jg.) ZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 540 Gesa Miehe-Nordmeyer, Robert Holzmann und Yves Hervé - Einfuhrpreisindex - Erzeugerpreisindex CO s C0<0<OCO<0COCOCOCO<O 05"VI-N|-VIODODODCDCOCO <OfOCnCD-*.U->IOG30> Quelle: Statistisches Bundesamt, Eachserie 17, Reihe 2. Abbildung 2: Realpreisentwicklung für Eisenund Stahl Auf das Saarland wirken positive Weltangebotsund negative Weltnachfrageschocks gleichermaßen als Folge von negativen Nachfrageschocks (vgl. Holzmann, 1996). Die Wettbewerbsbedingungen für die betroffene Industrie verschärfen sich. Den Abbildungen 1 und 2 ist zu entnehmen, daß die heimischen Erzeugerpreise nicht in gleichem Ausmaß gefallen sind, wie (gegeben die relativ hohe Homogenität der betroffenen Produktpaletten) durch die Entwicklung der Weltmarktpreise zu vermuten wäre.3 Wie später erläutert wird, ist dies auf die Art der Schockanpassung zurückzuführen. Die Erzeugerpreise, die einen guten Indikator für die sektorale Kostenentwicklung darstellen, haben sich spätestens seit Beginn der 80er Jahre völlig von der Entwicklung der Weltmarktpreise abgekoppelt: Der Weltmarktpreisverfall konnte folglich nicht durch einen Rückgang der heimischen Stückkosten aufgefangen werden. 2.2 Die realwirtschaftliche Entwicklung des Saarlandes Die realwirtschaftliche Entwicklung des Saarlandes in den letzten 30 Jahren ist die Konsequenz der gerade beschriebenen Schocks sowie der dadurch ausgelösten Anpassungsreaktionen. Zur Beschreibung der realwirtschaftlichen Entwicklung ziehen wir drei Größen heran, die wir nacheinander analysieren: (1) das Ausmaß des sektoralen Strukturwandels, (2) die Outputentwicklung und (3) die Entwicklung der Beschäftigung. 3 Zur Bestimmung realer Preise wurden die nominalen Weltmarktpreise mit dem BIP-Deflator bereinigt. ZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen 541 2.2.1 Ausmaß des sektoralen Strukturwandels Zur Bewertung der Auswirkung der Schocks wird die Veränderung der Wertschöpfung in den einzelnen Sektoren herangezogen. In der langfristigen Betrachtung weist das Saarland eine ähnliche Entwicklung auf wie die Bundesrepublik insgesamt (Tabelle 1): Die Anteile des Agrarsektors, des Baugewerbes, des Handels und Verkehrs und vor allem des Produzierenden Gewerbes sinken, jene der Dienstleistungsunternehmen nehmen zu. Der Rückgang des Produzierenden Gewerbes ist im Saarland auf den Rückgang in der Wertschöpfung der Sektoren Kohlebergbau und Eisenund Nichteisen-Metallerzeugung und -Verarbeitung zurückzuführen: Der Wertschöpfungsanteil beider Sektoren sank zwischen 1960 und 1994 um rund 20 Prozentpunkte (gegenüber 5,5 Prozentpunkten im gesamten Bund).4 Dies stützt die These, daß das Saarland negativen asymmetrischen Schocks im Bereich der Kohleund Stahlprodukte ausgesetzt gewesen ist. Tabelle 1 Strukturwandel im Bund und im Saarland Veränderung der Wertschöpfungsanteile (in % des BIP) Bund Saarland Bund Saarland 1960 - 1995 1960 - 1995 1975 - 1995 1975-1995 Landu. Forstwirtschaft, Fischerei -5,68 -1,91 -2,79 -0,57 Produzierendes Gewerbe -16,50 -24,23 -11,17 -13,40 Baugewerbe -2,05 -8,18 -1,05 -5,89 Handel und Verkehr -3,26 -2,89 -1,14 -0,98 Teilsumme -27,49 -37,21 -16,15 -20,85 Dienstleistungsunternehmen 22,12 21,06 14,25 14,39 Anteile an der Wertschöpfung (in % des BIP) 1960 1970 1980 1994 Bergbau Bund 2,55 1,22 0,83 0,38 Eisen- / Nicht-Eisenmetall-5,01 3,70 2,59 1,63 erzeugung/ -bearbeitung Bund Summe 7,56 4,92 3,42 2,01 Bergbau Saar 10,75 6,72 5,10 2,98 Eisen- / Nicht-Eisenmetallerzeugu-16,74 11,36 7,99 4,59 ng / -bearbeitung Saar Summe 27,49 18,08 13,09 7,57 Quellen: Statistisches Bundesamt, Statistisches Landesamt, eigene Berechnungen 4 Bei der Entwicklung der Wertschöpfungsanteile des Kohlesektors gilt es noch zu berücksichtigen, daß durch die subventionierten Abnahmepreise der Stromproduzenten die Anteile nach oben verzerrt sind und damit den Umfang der Schocks unterschätzen. ZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 542 Gesa Miehe-Nordmeyer, Robert Holzmann und Yves Hervé 2.2.2 Outputentwicklung Bei symmetrischen realen makroökonomischen Schocks und identischen Anpassungsreaktionen sollte die Outputentwicklung pro Kopf des Saarlandes und der BRD im wesentlichen parallel verlaufen. Die relative Outputposition des Saarlandes, gemessen als reales BIP pro Einwohner im Saarland im Verhältnis zum entsprechenden Bundeswert, ist durch große Schwankungen gekennzeichnet (Abbildung 3). Ausgehend von einer Outputposition nahe dem Wert 1 im Jahr 1960 verschlechterte sich diese stetig bis 1969 um fast 15 Prozentpunkte. Danach trat mit einigen Schwankungen eine Verbesserung bis 1981 ein, die etwa die Hälfte des vorherigen Rückgangs kompensierte. Seither ist ein stetiger, wenngleich geringerer Rückgang feststellbar. Das Ausmaß des Strukturwandels läßt sich am permanenten Rückgang der Wertschöpfungsanteile der Sektoren Kohle und Stahl ablesen.5 Bergbau E/NE-Metallerz. Outputposition | Quellen: Statistisches Landesamt des Saarlandes, Statistisches Bundesamt Abbildung 3: Relative Outputposition des Saarlandes Inwiefern ein Zusammenhang zwischen der Entwicklung der relativen Outputposition und dem Ausmaß des Strukturwandels besteht, läßt sich durch eine einfache Regression überprüfen. Dabei dienen die Veränderungen der Differenz der saarländischen und bundesdeutschen Wertschöp5 Die beobachteten Werte spiegeln zudem exogene Effekte wie die beiden Ölpreisschocks sowie politische Entscheidungen wider. Hier sind vor allem die Gründung der Ruhrkohle AG 1968, der Hüttenvertrag 1969 und der Jahrhundertvertrag 1980 zu nennen. ZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen 543 fungsanteile in den Sektoren Bergbau, Stahl und Dienstleistungsgewerbe als erklärende Variablen der relativen Outputposition des Saarlandes. A (Saar-BIP/Bund BIP)= 0,002 + 1,02B + 0,615 - 0,28DL + 0,31B_i + 0,70S_i - 0,84DL_i (0,81) (2,27) (2,05) (-0,55) (0,72) (2,18) (-1,69) mit B = A (WA(B)SAAR - WA(ß)BRD), S = A (WÄ(S)SAAR - WA(S)BRD) und DL = A (WA(DL)SAAR - WA{DL)BRD R2 = 0,50; DW= 1,82; OLS Schätzung für die Jahre 1960 -1994 (t-Werte in Klammern)6 Da sich für die beiden Krisensektoren signifikante Werte ergeben, wird ein solcher Zusammenhang bestätigt: Über den gesamten Zeitraum hinweg führte der Niedergang der Sektoren Kohle und Stahl, welcher für das Land von größerer Bedeutung war als für den Bund, zu einer Verschlechterung der relativen Outputposition. Der insignifikante Wert für die Dienstleistungsbranche läßt die Interpretation zu, daß dieser Wachstumssektor den Einfluß der Krisensektoren auf die Outputposition nicht hat kompensieren können. 2.2.3 Entwicklung der Beschäftigung Entscheidend für die Beurteilung der vom Land ergriffenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen ist die Auswirkung der genannten Schocks auf die Beschäftigungssituation im Saarland. Hier zeigt ein Vergleich mit dem Bund, daß das Saarland zwar im wesentlichen dem Bundestrend folgt, die Arbeitslosenquote sowie die Dauer der Arbeitslosigkeit jedoch auf einem höheren Niveau verharren (Tabelle 2). Dies ist ein klarer Indikator dafür, daß die asymmetrischen Schocks vom Arbeitsmarkt nicht hinreichend absorbiert wurden. Ein Blick auf die sektorale Beschäftigungsstruktur zeigt deutlich den höheren Anteil des Saarlandes im Produzierenden Gewerbe, hier insbesondere in den beiden Krisensektoren. Um einen Zusammenhang zwischen Beschäftigungsveränderung und sektoraler Entwicklung festzustellen, haben wir eine Shift-Share Analyse durchgeführt. Bei dieser Technik errechnet man eine hypothetische Anzahl der beschäftigten Arbeitnehmer im Saarland unter der Annahme, die Zahl der Arbeitsplätze in der Region verändere sich entsprechend den sektoralen Wachstumsraten in der übrigen Bundesrepublik. Für den Zeitraum 1970 - 1994 beträgt der Unterschied zwischen der Entwicklung des Saarlandes im Vergleich zur übrigen Bundesrepublik (der sogenannte Regionaleffekt) 13,35 Prozentpunkte, d. h. ohne regionale differierende Entwicklung hätte 6 Die Werte für die Variablen B und S sind negativ, für die Variable DL positiv. ZWS 118 (1998) 4 35 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 544 Gesa Miehe-Nordmeyer, Robert Holzmann und Yves Hervé die Zahl der Arbeitsplätze im Saarland um 13,35 Prozentpunkte höher gelegen. Dabei lassen sich etwa 2/3 des Effekts auf die ungünstige Branchenstruktur im Saarland zurückführen (sogenannter Struktureffekt); die übrige Differenz in der Arbeitsmarktbilanz findet ihre Erklärung in regionalspezifischen Erklärungsfaktoren innerhalb der Sektoren (sogenannter Standorteffekt). Tabelle 2 Arbeitsmarkt 1970 1975 1980 1985 1990 1995 Arbeitslosenquoten Saarland 1,1 6,1 6,5 13,4 9,7 11,7 Bund 0,7 4,7 3,8 9,3 7,2 9,3 Dauer der Arbeitslosigkeit in Monaten Saarland n.v. 6,4 10,6 12,7 16,9 16,5 Bund n.v. 6,0 7,6 11,1 13,3 13,5 Beschäftigte Arbeitnehmer nach Sektoren (Anteile) Saarland Beschäftigung (1970 = 100) 100 101,32 104,98 95,66 105,09 98,04 Produzierendes Gewerbe 58,54 53,01 50,95 47,70 45,27 40,11 Bergbau 7,83 6,25 6,28 6,78 5,65 5,04 Eisen-, Metallerzeugung 14,39 13,69 10,78 8,42 7,27 n.v. Dienstleistungen 7,95 10,05 11,63 12,97 14,83 18,71 Bund Beschäftigung (1970=100) 100 101,08 106,44 98,48 108,52 99,72 Produzierendes Gewerbe 55,22 49,08 46,81 43,79 42,33 37,69 Bergbau 1,40 1,12 0,97 0,93 0,71 0,54 Eisen-, Metallerzeugung 4,09 3,61 3,22 2,82 2,59 n.v. Dienstleistungen 9,74 11,96 13,54 15,11 16,89 20,44 Quellen: Bundesanstalt für Arbeit, Landesarbeitsamt Rheinland / Pfalz-Saarland, Strukturanalyse, versch. Jg. 3. Negative Schocks und mögliche Anpassungsreaktionen: eine theoretische Analyse Bevor die Schockanpassungsstrategie des Saarlandes einer empirischen Analyse unterzogen wird, ist es sinnvoll, mögliche Anpassungsreaktionen aufzuzeigen und in ihren ökonomischen Wirkungsmechanismen zu analyZWS 118(1998)4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen 551 CS] CO O 00 ^ i—I 00 o 00 o o co co CO 00 Oì 00 tjh trio OS XI tí PQ io co Oì rV CO Oi a> csi co cs) O - u co CO co CD co" s s P P ss P P s Q P p p s § p p IO a> OS CTI IO CT> CT5 CT> o Oi CTi CT> 5 CJ ¿tí s t/1 Xi 0 1 Q) I I :CÜ IO OS CD CTi IO _ CTî CT) Oì •S I 1 :C0 0 M 1 CU •e cu <u Ü co -s Ö CU rP g CO tí tí Q) co w T3 tí I i-H ptí CO S CO $ 0> PQ 3 cu tí co S •a s N ti 3 PQ 3 O ZWS 118(1998)4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 552 Gesa Miehe-Nordmeyer, Robert Holzmann und Yves Hervé 4. Eine empirische Untersuchung der Anpassungsreaktionen im Saarland Im folgenden wird unter Verwendung verschiedener empirischer Methoden untersucht, welche der erläuterten möglichen Anpassungsreaktionen im Saarland stattgefunden haben, und es wird eine Abschätzung ihrer quantitativen Bedeutung vorgenommen. 4.1 Lohnreaktionen Im Hinblick auf die sektorale Lohnanpassung zur Bewältigung der asymmetrischen Schocks ist festzustellen, daß eine solche nicht stattgefunden hat (s. Tabelle 3a,b).12 Paque (1991) kommt auf Basis eines Fehler-Korrektur-Modells zu dem Schluß, daß die sektorale Entwicklung der Löhne in Deutschland massiv von der gesamtwirtschaftlichen Lohnentwicklung dominiert wird. Veränderungen in den sektoralen Lohnrelationen treten kaum auf. Dies ist nicht verwunderlich, da in der Vergangenheit Tarifabschlüsse in einem Sektor in ihren wesentlichen Aspekten für die Tarifverhandlungen in anderen Sektoren Vorbildcharakter gehabt haben. Lohnreaktionen als Antwort auf sektorspezifische Beschäftigungsoder Produktionsschocks fallen äußerst gering aus, in vielen Fällen weisen sie nicht einmal das theoretisch erwartete Vorzeichen auf. Eine dauerhafte regionale Lohnabsenkung ist ebenfalls nicht zu beobachten. Im Gegenteil: Die Bruttoverdienste sind in den meisten Sektoren im Saarland schneller angestiegen als im Bund. Eine regional langsamere Preisentwicklung13 hat zusätzlich dazu beigetragen, daß das Reallohnniveau der Industriearbeiter im Saarland, das sich Anfang der 60er Jahre noch unter dem bundesdeutschen Niveau bewegte, seit Anfang der 70er Jahre stetig darüber liegt (s. Abbildung 5).14 12 Datenprobleme verzerren allerdings das Bild ein wenig. So werden z. B. die Löhne für den Sektor Bergbau im Saarland nicht bzw. nur mit einigen Jahren Verzögerung ausgewiesen. 13 Gemessen am Preisindex für die Lebenshaltung privater Haushalte (Arbeiterkammer des Saarlandes, 1996). 14 Gegen die obige Darstellung wird oftmals der Einwand erhoben, daß aus Durchschnittslöhnen und -gehältern nicht zwingend Rückschlüsse auf die lohnbedingte Arbeitskostenentwicklung zu ziehen sind. Eine von Sievert u. a. (1991) durchgeführte Analyse zeigte, daß unter Berücksichtigung der Strukturveränderungen innerhalb der Arbeiterschaft die saarländischen Durchschnittslöhne unter das Niveau der BRD absinken. Ob eine solche Berücksichtigung allerdings das Gesamtbild der saarländischen Lohnentwicklung nachhaltig verändert, ist zu bezweifeln. So wurden im Saarland in den vergangenen 35 Jahren relativ viele Frauen in den offiziellen Arbeitsmarkt integriert, deren Bezahlung im allgemeinen unterdurchschnittlich ausfällt. Ein im Vergleich zum Bund geringerer Anstieg der saarländischen Durchschnittslöhne wäre folglich zu erwarten gewesen. Ferner ist der Einfluß von Veränderungen der ZWS 118(1998)4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen 553 20 -, 15 - 10 - -20 J •Löhne Gehälter Quelle: Arbeiterkammer des Saarlandes, eigene Berechnungen Abbildung 5: Entwicklung der Reallöhne: Differenz zwischen dem Saarland und dem Bund Um Aufschlüsse über eine mögliche regionale Lohnanpassung auf den asymmetrischen Schock zu erhalten, schätzen wir in Anlehnung an das Vorgehen von Blanchard/Katz (1992) ein vektor-autoregressives System für die Saarwirtschaft, welches dazu dient, die Folgen eines Beschäftigungsschocks auf die Lohnentwicklung zu analysieren. Wir betrachten dabei den Zusammenhang zwischen dem relativen Wachstum der Beschäftigung an der Saar (bt, definiert als erste Differenz der logarithmierten Werte der Beschäftigung an der Saar abzüglich der entsprechenden Differenz für den Bund für das Jahr t) und dem relativen Durchschnittslohn zwischen dem Saarland und dem Bund (wt, definiert als logarithmierte Werte der durchschnittlichen Bruttostundenlöhne der Industriearbeiter im Saarland abzüglich der entsprechenden Werte für den Bund für das Jahr t). Dabei wird unterstellt, daß Veränderungen in der Beschäftigung unmittelbar eine Lohnanpassung zur Folge haben, während umgekehrt Lohnveränderungen erst mit einer Periode Verzögerung auf die Beschäftigungsentwicklung Einfluß nehmen. Da die zur Verfügung stehenden Zeitreihen 1960 beginnen, die Zahl der Beobachtungen für eine Zeitreihenuntersuchung also begrenzt ist, führen wir die Schätzung unter Verwendung von lediglich zwei Lags für die unabhängigen Variablen durch.15 Die Schätzergebnisse lauten: Beschäftigungsstruktur auf das Wachstum der regionalen Durchschnittslöhne bei jährlicher Betrachtung als gering einzuschätzen, da Strukturveränderungen in der Regel langsam vonstatten gehen (Jakoby, 1990). 15 Alternative Schätzungen des VAR-Modells mit längeren Lags führten nach den einschlägigen Kriterien (Akaike Informations-Kriterium, Schwartz-Kriterium) zu keiner Verbesserung der Qualität der Schätzung. ZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 554 Gesa Miehe-Nordmeyer, Robert Holzmann und Yves Hervé bt = -0,00335 — 0,31768òt_i — 0,230405f_ 2 + 0,064391iüt-i - 0,31722i*?t-2 (-0,835) (-1,742) (-1,251) (0,227) (-1,243) wt = 0,001395 -0,43584òt + 0,089658òt_i + 0, 63781tt?t-i + 0,043325iüt-2 (0,394) (- 0,666) (0,404) (2,852) (0,179) Aus dem Gleichungssystem läßt sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen den relativen Löhnen und der Beschäftigung herleiten, d.h die relativen Löhne üben demnach keinen Einfluß auf die relative Beschäftigungsentwicklung im Saarland aus. Da die geschätzten Koeffizienten nicht signifikant von null verschieden sind, erübrigt sich eine Impulse-Response Darstellung, welche die dynamische Anpassung der Löhne an einen Beschäftigungsschock darstellen würde. Unsere Hypothese, daß ein Beschäftigungsschock keine deutliche Lohnanpassung im Saarland zur Folge hat, wird damit untermauert.16 4.2 Wanderungen und Änderung der Erwerbstätigenzahl Wanderungsverhalten und Erwerbsbeteiligung unterscheiden sich im internationalen Vergleich stark. Jüngere Untersuchungen geben klare Hinweise darauf, daß Migration in den US-amerikanischen Regionen die typische Form der Anpassung an asymmetrische Schocks ist (Blanchard/Katz, 1992). Eine analoge Untersuchung für europäische Regionen zeigt eine stärkere Bedeutung der Änderung der Erwerbsbeteiligung (durch Vorruhestandsprogramme, Arbeitsunfähigkeitsrenten, Rückgang der Frauenerwerbsbeteiligung, etc.) im Vergleich zur Anpassung durch Migration (Decressin/Fätäs, 1995). Die Wanderungsbilanz des Saarlandes ist über Jahre hinweg negativ gewesen, d. h. die Region hat mehr Einwohner durch Abwanderung verloren, als durch Zuwanderung gewonnen wurde.17 Jedoch ist daraus nicht zu schließen, daß die Abwanderung im Saarland stärker als andernorts als Anpassungsmechanismus gewirkt hat. Eine Normierung der Wanderungssalden auf die Bevölkerungszahl ergibt höhere Werte als im Bundesdurchschnitt. Hierbei ist zu beachten, daß aufgrund der geringen Größe des Landes Abwanderungen aus dem Saarland in anderen Bundesländern als landesinterne Wanderung registriert würden. Ein Blick auf Tabelle 4 zeigt, daß andere altindustrielle Regionen regelmäßig mehr Einwoh16 Eine alternative Schätzung, bei der Änderungen in der Beschäftigung nicht sofort, sondern ebenfalls erst mit einer einperiodischen Verzögerung auf die Lohnanpassung wirken, liefert ähnliche Ergebnisse. 17 Dieser Befund gilt nicht mehr seit 1989. Dies ist allerdings kaum auf eine gestiegene Attraktivität der Region zurückzuführen; vielmehr ist zu vermuten, daß hier die Zuwanderung der Aussiedler durchwirkt, die von politischer Seite determiniert wird. ZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen 555 ner bzw. Erwerbstätige durch Abwanderung verloren haben. Als bedenklich ist die überdurchschnittliche Abwanderung der Jüngeren anzusehen. Damit besteht die Gefahr eines Verlustes von potentiell besser qualifiziertem Humankapital, der den wirtschaftlichen Aufholprozeß langfristig blockiert.18 Tabelle 4 Binnenwanderungssalden Saarland Durchschnitt der altindustriellen Regionen in % der Einwohner 1980 - 1982 - insgesamt -1,06 -1,67 Altersgruppe 18-25 -4,56 -1,43 Altersgruppe 25 und älter -0,58 -1,71 19881989-insgesamt -0,30 -1,90 Altersgruppe 18-25 -0,90 -2,40 Altersgruppe 25-30 -1,50 -3,40 Altersgruppe 30-50 -0,40 -1,90 Altersgruppe 50-65 0,10 -1,00 in % der Erwerbspersonen 1980 - 1985 - insgesamt -1,57 -2,06 Quelle: Bundesanstalt für Landeskunde und Raumforschung, Laufende Raumbeobachtung 1995. Diese Aussagen werden durch eine empirische Untersuchung der saarländischen Migrationsströme bekräftigt. Die Nettowanderung aus dem Saarland (normiert mit der Bevölkerungszahl) ist dabei die abhängige Variable. Erklärende Variablen sind die Löhne und die Arbeitslosenquoten im Saarland relativ zum Bund (jeweils in logarithmierter Form und mit einem Jahr Verzögerung) sowie die Nettowanderung aus der Vorperiode (quasi als Trendvariable). Eine OLS-Schätzung ergibt: Wanderungssaldo = 1,48 - 107,56 Hw)^ + 3,95A In(ALQ)_X + 0,57 Wanderungssaldo_i (1,69) (-2,38) (0,59) (3,73) R2 = 0,66; Durbin's h = 0,29, t-Werte in der Klammer; OLS für die Periode 1970 - 94. 18 Einen Überblick zur Diskussion von Konvergenz oder Divergenz regionaler Entwicklungen z. B. aufgrund von Technologiediffusion oder der Abwanderung von Humankapital liefern Taylor/Arida (1988). ZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 556 Gesa Miehe-Nordmeyer, Robert Holzmann und Yves Hervé Diese Schätzung untermauert die These, daß bei einem Anstieg der saarländischen Löhne relativ zur Bundesrepublik die Abwanderung aus dem Saarland gebremst bzw. sogar umgekehrt wird. Dagegen übt die Entwicklung der Arbeitslosenquoten keinen signifikanten Einfluß auf das Wanderungsverhalten aus. Daraus folgt, daß Migration im Falle des Saarlandes kein Instrument zur Anpassung an die asymmetrischen Schocks gewesen ist. Eine zweite Möglichkeit der Anpassung des Arbeitsangebots zur Absorption der Schocks liegt in der Verringerung der Erwerbsbeteiligung. Wie Tabelle 5 zu entnehmen ist, ist diese in der Region im Verlauf der letzten Jahrzehnte jedoch gestiegen. Während die Erwerbsbeteiligung der Männer nur geringfügig sank, stieg die der Frauen in den letzten 20 Jahren mit 15,1 Prozentpunkten deutlich an. Der Grund dafür liegt ohne Zweifel im geringen Ausgangsniveau der Frauenerwerbstätigkeit und ist bedingt durch die schwerindustrielle Vergangenheit des Saarlandes. Per Saldo gilt im Vergleich mit dem Bundesdurchschnitt, daß die Erwerbsbeteiligung im Saarland stärker zunahm. Auch aus dieser Entwicklung der Erwerbsquoten kann kein Beitrag zur Bewältigung der negativen Schocks abgeleitet werden. Tabelle 5 Erwerbsquoten (in % der Erwerbstätigen in der Altersklasse 15 - 64) Jahr 1975 1980 1982 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1995 Saarland Männer Frauen 79,7 33,9 79,2 36,7 79,9 36,7 76,5 37,3 79,4 41,7 78,6 43,6 79,3 47,8 77,7 48,0 77,4 48,6 75,6 49,0 BRD Männer Frauen 86,0 48,2 84,4 50,2 83,0 51,0 81,4 51,7 82,0 53,4 82,5 55,0 82,7 58,5 82,2 59,4 81,8 60,0 81,3 59,9 Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 1, Reihe 4.1.1, versch. Jg. 4.3 Angebotspolitische Maßnahmen des Staates Wie in Abschnitt 3 erläutert, kann staatliche Angebotspolitik sowohl in Form von Subventionierung der Krisensektoren den Strukturwandel verlangsamen als auch durch die Förderung der Ansiedlung neuer Branchen den Wandel beschleunigen. Beides findet in der Praxis statt, doch der überwiegende Anteil staatlicher finanzieller Fördermaßnahmen dient offensichtlich der Strukturkonservierung. ZWS 118 (1998)4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen 557 4.3.1 Subventionierung der Krisensektoren Um die sektorspezifischen Outputund Beschäftigungseffekte in den Krisensektoren zu mildern, wurden von regionaler und bundesstaatlicher Ebene eine Reihe von Subventionsmaßnahmen ergriffen. Hauptabnehmer für Kohle sind die Kraftwerke, deren Anteil am Steinkohleabsatz von 1960 bis 1995 von 15% auf 66% gestiegen ist, und die Stahlindustrie, die durchgehend rund ein Viertel der Steinkohle abnimmt (Gesamtverband des deutschen Steinkohlebergbaus, 1996). Schon Mitte der sechziger Jahre wurden diese Abnehmer durch eine „Vorrang für die Kohle"- Politik zum Einsatz dieses Energieträgers gezwungen. Die Finanzierung der Abnahmeverpflichtung in der Elektrizitätswirtschaft erfolgte über den Strompreis, der jahrelang eine Abgabe in Form des sogenannten „Kohlepfennigs" enthielt. Dieser stellte faktisch nichts anderes als eine direkte Besteuerung der Stromverbraucher dar. Der durch den „Kohlepfennig" gespeiste Ausgleichsfonds reichte zur Abdeckung der Preisdifferenz zu alternativen Energieträgern nicht aus - dieser sogenannte Selbstbehalt der Elektrizitätsversorgungsunternehmen wurde über die Strompreise ebenfalls an die Kunden weitergegeben und ist somit auch als Subvention der deutscher Steinkohle zu werten (Wachendorf, 1994).19 Mit der Stahlindustrie wurde 1968 im sogenannten Hüttenvertrag vereinbart, daß der Bedarf an Steinkohle von heimischen Anbietern gedeckt wird. Die Differenz zu den Weltmarktpreisen finanzierte eine staatliche direkte Subvention, die sogenannte Kokskohlenbeihilfe. Entsprechend dem Preisdifferential zur Importkohle errechnet sich derzeit ein Subventionsbedarf von 200 DM/t. Nachdem der Kohlepfennig 1996 abgeschafft wurde, fungieren stattdessen aus Bundesmitteln finanzierte Plafonds als Unterstützung, die sich 1996 auf 7,5 Mrd. DM beliefen; schrittweise ist eine Reduzierung der Beihilfen bis zum Jahr 2005 auf 3,8 Mrd. DM vorgesehen (Kohlekompromiß vom März 1997). Bis zu diesem Jahr werden dann seit 1970 insgesamt rund 230 Mrd. DM an Subventionsgeldern in den deutschen Steinkohlebergbau geflossen sein. Wie aus Abbildung 6 ersichtlich wird, konnte trotz der massiven Subventionierung der Beschäftigungsabbau im Bergbau allenfalls verlangsamt werden. Eine Aufrechterhaltung der Beschäftigung hätte ein Vielfaches an Subventionen verlangt. Das Ausmaß der Ineffizienz dieser Politik spiegelt sich in dem Niveau des Subventionsvolumens pro Beschäftigten wider: 1995 wurde jeder der rund 20.000 saarländischen Arbeitsplätze mit über DM 71.000 subventioniert.20 19 Angesichts dieser Preisverzerrungen ist es nicht erstaunlich, daß sich der Abbau der Subventionen in einer spürbaren Verbilligung des Strompreises niederschlagen würde: Newbery (1995) errechnete eine Preissenkung um 10 Prozent. 20 Dabei wurde ein Zufluß an Subventionen entsprechend der Fördermenge des Saarlandes unterstellt. In der Berechnung sind Absatzhilfen (wie KokskohlenbeiZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 558 Gesa Miehe-Nordmeyer, Robert Holzmann und Yves Hervé Die an die saarländische Stahlindustrie geflossenen finanziellen Mittel sind schwer zu quantifizieren.21 Einen Ansatzpunkt vermitteln die zwischen 1980 und 1991 an die deutsche Stahlindustrie gezahlten EU-Beihilfen in Höhe von 3981 Mio. ECU (Rosenstock, 1994) - bei einem Produktionsanteil der saarländischen Hütten von 11% (Wirtschaftsvereinigung Stahl, 1996) ergibt sich daraus ein Subventionsvolumen von 437,9 Mio. ECU innerhalb des angegebenen Zeitraums. SubVBesch. Beschäftigte OIO-^0>a>OI\)£o>ODOI\>-Ct Quelle: Statistisches Landesamt des Saarlandes, VDK, vers. Jahrgänge; eigene Berechnungen Abbildung 6: Anteil der finanziellen Hilfen der öffentlichen Hand und Beschäftigte im saarländischen Bergbau 4.3.2 Angebotspolitik zur Förderung des Strukturwandels Alle Bundesländer betreiben Angebotspolitik zur Unterstützung des Strukturwandels - das Saarland bildet da keine Ausnahme (vgl. Störmer, 1996). Die gesamtökonomischen Effekte einer staatlichen Angebotspolitik hilfe) und der Ausgleichsfonds für die Verstromung enthalten (Quellen: Statistisches Landesamt, Gesamtverband der deutschen Steinkohlebergbaus, VDK). Zahlungen des Bundes zur Knappschaftsversicherung sind nicht berücksichtigt. 21 Die verfügbaren Daten geben jedoch einen Eindruck über die Größenordnung: Laut Geschäftsbericht der in Konkurs gegangenen Saarstahl AG belaufen sich die Verbindlichkeiten gegenüber der öffentlichen Hand auf 4 Mrd. DM, von denen jeweils die Hälfte auf den Bund und das Saarland entfällt (vgl. auch Weigel, 1994). Allein im Zeitraum 1978 bis 1983 erhielt Arbed-Saarstahl 2,5 Mrd DM an direkten öffentlichen Zahlungen (Märzen, 1994). Nach Krivet (1989) hat die bundesdeutsche Stahlindustrie allein zwischen 1980 und 1985 rund 6,8 Mrd. DM an Beihilfen erhalten. Davon sei „fast die Hälfte" an Saarstahl gegangen. ZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen 559 sind jedoch kaum zu messen. Die negativen Schocks und die Priorität der Unterstützung der heimischen Krisensektoren haben die Finanzlage des Landes offenbar trotz der Finanzzuweisungen des Bundes derart strapaziert, daß eine den Strukturwandel fördernde Angebotspolitik, welche die asymmetrischen Schocks hätte auffangen können, kaum realisierbar war. Dies ist zum Beispiel erkennbar an der nicht ausreichenden Anzahl geschaffener Ersatzarbeitsplätze. Im Vergleich der öffentlichen Investitionsausgaben pro Einwohner liegt das Saarland (mit Ausnahme der späten 80er Jahre) regelmäßig auf einem der hinteren bzw. dem letzten Platz der westdeutschen Länder.22 Andere bedeutsame Angebotsparameter werden von der Bundesrepublik zentral bestimmt. Steuerliche Diskriminierung zwischen den Regionen ist beispielsweise nur in einigen wenigen Ausnahmefällen (z. B. neue Bundesländer) vorgesehen.23 Von Seiten der EU erfährt das Saarland allerdings eine positive Diskriminierung. Als altindustrielle Region fällt es unter die von den europäischen Strukturfonds geförderten Ziel-2-Gebiete, aus dem die EU Investitionsprojekte kofinanziert, die eindeutig die Förderung des Strukturwandels zum Ziel haben.24 Relativ zu den makroökonomischen Schocks, denen das Saarland ausgesetzt ist, sind diese Mittel allerdings gering. Hinzu kommt, daß deren ökonomische Wirkungen durch multiple Probleme, z. B. hinsichtlich der Anreiz Wirkungen von Transfers, abgeschwächt werden können (vgl. Hervé/ Holzmann, 1998). 4.4 Abschätzung der Einkommenstransfers an das Saarland Einkommenstransfers von der Restbundesrepublik an das Saarland waren und sind ein wesentliches Instrument der Schockbekämpfung. Ziel dieses Abschnittes ist es, das Ausmaß dieser Einkommenstransfers zu quantifizieren. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß die Subventionierung der Krisensektoren zwar per se eine Angebotspolitik darstellt, jedoch auch einen nachfragewirksamen Einkommenseffekt zur Folge hat. 22 1 9 9 5 betrug der Anteil der Investitionsausgaben an den Gesamtausgaben 10,0% gegenüber 13,1% im Bund (Statistisches Landesamt, 1996). Der Anteil des Staatskonsums am BIP im Saarland liegt dagegen permanent mit ca. 2 Prozentpunkten über dem des Bundes. 23 Hierbei sein angemerkt, daß eine der wichtigsten Lokalsteuern zusätzlich belastend für das Saarland wirkt: Die Gewerbesteuerhebesätze in der Landeshauptstadt Saarbrücken gehören zur deutschen Spitzenklasse und liegen direkt hinter München (Arbeiterkammer des Saarlandes, 1996). 24 Zwischen 1994 und 1996 investierte das Saarland auf diesem Wege insgesamt 52,465 Mio. ECU, wobei 44,1% auf die Forschungsund Technologielandschaft und Infrastruktur und 27,8% auf die Förderung von Beschäftigungswachstum und Stabilität zielten (Europäische Union, 1995). ZWS 118 (1998) 4 36 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 560 Gesa Miehe-Nordmeyer, Robert Holzmann und Yves Hervé 4.4.1 Ungebundene Finanztransfers an das Saarland Ungebundene Finanztransfers sind Transfers der öffentlichen Hand an das Saarland, deren Verwendungszweck de facto nicht .vorgeschrieben ist. In diese Kategorie fallen • Finanzmittel aus dem Länderfinanzausgleich und Bundesergänzungszuweisungen • Sonderzuweisungen des Bundes zur Teilentschuldung • Nettotransfers aus dem bundesdeutschen Sozialversicherungssystem. Der Länderfinanzausgleich und die Bundesergänzungszuweisungen dienen dem Ausgleich der Lebensstandards zwischen den Regionen und sind demnach Transfers der restlichen Bundesländer bzw. des Bundes an das Saarland. Diese Zahlungen stiegen laufend an und erreichten 1995 ein Niveau von 904,7 Mio. DM (Tabelle 6). Tabelle 6 Zahlungen aus dem Finanzausgleich an das Saarland Jahr Horizontaler Länderfinanzausgleich BundesergänzungsZuweisungen** Summe 1961 127,9 0,0 127,9 1970* 142,8 6,0 148,8 1975 178,9 47,0 225,9 1980 287,3 79,0 366,3 1985 359,2 158,5 517,7 1990 366,2 365,3 731,5 1991 380,8 403,2 784,0 1992 428,1 465,0 893,1 1993 421,1 483,6 904,7 1994 434,1 1952,4 2386,5 1995 180,0 2032,0 2212,0 * Änderung des Berechnungsmodus ab 1970 ** Ab 1994 inkl. Sonder-Bundesergänzgungszuweisungen in Höhe von 1,6 Mrd DM Quelle: Bundesministerium der Finanzen: Finanzberichte, verschiedene Jahrgänge Gleichzeitig fließen seit 1994 fünf Jahre lang jährlich 1,6 Mrd. DM sogenannter Sonder-Bundesergänzungszuweisungen (Krajewski, 1995) im Rahmen der Übernahme fälliger und verzinsbarer Landesschuld in die Region. Diese Mittel sind zwar gebunden, faktisch allerdings entlasten sie den saarländischen Landeshaushalt und erhöhen den Ausgabenspielraum für sonZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen 567 keit der bisherigen Strategie immer dringlicher. Wie gezeigt wurde, geht der notwendige Beschäftigungsabbau in den Krisensektoren derart langsam vonstatten, daß das Subventionsvolumen pro beschäftigten Arbeitnehmer im Bergbau geradezu groteske Züge angenommen hat. Die Finanzbelastung des Bundes infolge der deutschen Wiedervereinigung, die langfristigen Unvereinbarkeit dieser Strategie mit dem europäischen Binnenmarkt,33 schließlich das Interesse an einem raschen wirtschaftlichen Aufholprozeß der Reformstaaten Mittelund Osteuropas (die komparative Vorteile im Bereich der Montanindustrie aufweisen) lassen eine schnelle Abkehr von der gewählten Anpassungsstrategie als absolut notwendig erscheinen. Vor diesem Hintergrund kann der neue Kohlekompromiß von Anfang 1997, der im wesentlichen den Status quo für 10 weitere Jahre zementiert, nur als wirtschaftspolitisches Versagen bezeichnet werden. Der Hinweis der Bundesregierung auf die augenblickliche politische Konstellation („Bundesratsblockade") wirkt wenig glaubhaft angesichts derselben über die 80er Jahre hinweg betriebenen Politik, in der die Regierungsparteien in beiden Kammern über deutliche Mehrheiten verfügten. Die Haltung der saarländischen Landesregierung erklärt sich ökonomisch aus einer Trittbrettfahrerproblematik: Die Finanzbelastung für den Bund wird aufgrund der geringen Größe des Landes kaum wahrgenommen. Zudem hat die über Jahrzehnte gewachsene finanzielle Abhängigkeit vom Bund quasi eine Subventionsempfänger-Mentalität entstehen lassen, in dem der Status quo als selbstverständlich und intangibel angesehen wird. Wo liegen die Ursachen dieser Entwicklung? Die Politik der Subventionierung wurde mit der Begründung eingeleitet und lange dadurch gerechtfertigt, daß eine als strategisch angesehene Branche vor vorübergehenden Weltmarktpreissenkungen zu schützen ist (Argument der Energiesicherheit). Die durch die Protektion einsetzende Abkoppelung der heimischen Produktionskosten von den Weltmarktpreisen war so lange unproblematisch, wie die Finanzaufwendungen für den Staat begrenzt blieben. Spätestens seit den 80er Jahren ist jedoch klar, daß die Weltmarktentwicklungen tatsächlich permanent und nicht transitorisch sind (vielmehr waren die kurzfristigen Preisauftriebe infolge der Ölschocks vorübergehend). Eine weitere Subventionierung ist ökonomisch nicht zu rechtfertigen. Die Beibehaltung dieser Politik weist jedoch auf einen politökonomischen Teufelskreis hin. Die Arbeitnehmer im Bergbau haben ein starkes Interesse an der Aufrechterhaltung ihrer Arbeitsplätze: Gründe liegen sowohl in ihrer mangelnden Qualifikation für andere Berufszweige, in ihrer geographischen Im33 Der Abbau von Kohlesubventionen in Belgien zu Beginn der 90er Jahre und die geplante Beendigung der Subventionen in Großbritannien im Jahre 1998 werden den Druck auf die Abschaffung protektionistischen Verhaltens innerhalb der EU noch verstärken (Anderson, 1995). ZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 568 Gesa Miehe-Nordmeyer, Robert Holzmann und Yves Hervé mobilität und vor allem in ihrer überdurchschnittlichen Entlohnung. Kapitalbesitzer haben gleichfalls ein Interesse an einer Perpetuierung des bisherigen Systems, da es ihnen bedeutende ökonomische Renten sichert. Sie haben kein Interesse an einem Produktionsrückgang, da ihr Kapital in diesem Sektor versunken ist (Grossman/Helpman, 1996). Durch die Prophezeiung von schwerwiegenden Hysterese-Effekten im Falle staatlichen Nichteingreifens (welche die Gefahr in sich birgt, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu werden), wird der Staat von Interessengruppen zu langfristigen finanziellen Versprechen erpreßt. Einmal an diese Versprechen gebunden, kann die jeweilige Regierungspartei aus Gründen des Machterhalts kaum noch wagen, von ihnen abzurücken. Angesichts der Tatsache, daß sich die saarländische Erfahrung in den neuen Bundesländern in noch größerem Ausmaße wiederholt bzw. zu wiederholen droht, scheinen gravierende wirtschaftspolitische Kehrtwendungen notwendig. Die saarländische Erfahrung lehrt zweierlei: (1) Im Falle permanenter sektoraler Schocks ist eine schnelle relative Lohnanpassung das beste Anpassungsinstrument. Finanztransfers sind denkbar ungeeignet, strukturelle Regionalprobleme im ökonomischen Sinne erfolgreich zu bewältigen. Die Tarifpartner sollten nicht durch bundesstaatliche Instrumente von ihrer beschäftigungspolitischen Verantwortung entbunden werden. (2) In der politischen Praxis der Bundesrepublik ist ein Nichteingreifen des Staates im Falle von schweren Schocks kaum vorstellbar, auch wenn es Bestandteil einer ökonomischen first-best-Strategie wäre. Entscheidet sich der Staat für Eingriffe, könnte man durch folgende institutionelle Vorsichtsmaßnahmen eine second-best-Lösung erreichen, die es erlaubt, dem oben angesprochenen Teufelskreis zu entgehen: • Keinem Sektor ist eine „strategische" Rolle zuzuerkennen, denn in einer immer stärker integrierten Welt ist diese Bezeichnung mehr als unzeitgemäß. Wirtschaftspolitisch dient sie als Vorwand, um ökonomische Renten abschöpfen zu können. Sozialpolitisch impliziert sie eine fragwürdige Diskriminierung aller nicht in diesem Sektor Beschäftigten und ihre de facto-Ausbeutung als Steuerzahler. • Hohe Transparenz hinsichtlich der Vergünstigungen des Staates ist zwingend notwendig. Steuerzahler und Wähler sollten klar erkennen können, welche Kosten derartige Maßnahmen verursachen. • Auch für Subventionen aus primär sozialpolitischen Erwägungen muß es klare Vorgaben geben, sowohl in Bezug auf den zeitlichen Rahmen als auch hinsichtlich der institutionellen Ausgestaltung. Eine zeitlich degressive Gestaltung der finanziellen Zuwendungen oder eine regelmäßige ZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 Asymmetrische Schocks und makroökonomische Anpassungsreaktionen 569 Neuabstimmung über die Fortführung der Subvention erhöht die Kosten der Lobbyisten und verbessert somit die Chancen auf einen rascheren Abbau der Protektion. Kapital ist grundsätzlich nicht in schrumpfenden Branchen zu subventionieren, da eine weitere Kapitalakkumulation in aussterbenden Wirtschaftszweigen aus gesamtstaatlicher Sicht eine sich perpetuierende Kapitalverschwendung darstellt. Der Staat sollte arbeitsplatzsichernde Finanzzusagen nur gewähren, wenn die Arbeitnehmer im Gegenzug signifikante Lohnabschläge hinnehmen. Dies schafft Anreize zur Arbeitssuche in anderen Wirtschaftszweigen. Literatur Anderson, K. 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ZWS 118 (1998) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20 570 Gesa Miehe-Nordmeyer, Robert Holzmann und Yves Hervé IE A (1994): Energy Prices and Taxes, Paris (OECD's International Energy Agency). Jakoby, H. (1990): Regionale Lohnstrukturen - Eine theoretische und empirische Analyse regionaler Lohnunterschiede, Frankfurt / Main. Krajewski, C. (1995): Teilentschuldung - Sprengstoff oder Stärkung der föderalen Ordnung, Europa-Institut, Universität des Saarlandes, Vorträge, Reden und Berichte No. 40, Oktober. Krivet, H. (1989): Die deutsche Stahlindustrie zwischen Krise und Anpassung, in B. Röper (Hrsg.): Wettbewerb und Anpassung in der Stahlindustrie, Berlin. Landesarbeitsamt Rheinland-Pfalz / Saarland: Strukturanalyse, verschiedene Jahrgänge Märzen, W.(1994): Die saarländische Eisenund Stahlindustrie 1830 - 1993, Saarbrücken. Newbery, D. 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Zunächst werden Ausmaß und realwirtschaftliche Konsequenzen der Schocks abgeschätzt. Danach erfolgt eine theoretische Erläuterung der Wirkungsweise möglicher Schockanpassungsreaktionen. Anschließend wird festgestellt, welche Anpassungsinstrumente tatsächlich zum Tragen gekommen sind. Direkte Subventionierung der Krisensektoren und ungebundene Einkommenstransfers von der Restbundesrepublik sind die dominanten Anpassungsinstrumente. Die Arbeit schließt mit einer wirtschaftspolitischen Bewertung der gewählten Anpassungsstrategie. Abstract This empirical work analyses the adjustment strategy of the German region of Saarland in response to negative asymmetric shocks relative to total Germany, shocks that have lead to a decline of the coal and steel industries. First, we assess the scope of the shocks and their macroeconomic consequences. In the following, we discuss theoretically possible shock adjustment reactions. We then determine which have been the adjustment instruments used in practice. Direct subsidies to the crisis sectors and unconditional fiscal grants from the central government are the main adjustment instruments. The paper closes with a critical assessment of the chosen adjustment strategy. JEL-Klassifikation: H 70, O 18, R 11, R 58 ZWS 118(1998)4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.118.4.537 | Generated on 2023-04-04 12:25:20