Beschreibung einer neuen deutschen Fledermaus
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98^ Besclireibuiig: einer neuen deutschen Fledermaus. Von JT. H« Blasius , Professor in Braunschweig. Im vergangenen Sommer erhielt ich vom Niederrhein aus der Gegend von Köln zwei Exemplare einer Fledermaus, die ich nach den sorgfältigsten Vergleichungen für eine neue Art der Gattung Vespertilio, am nächsten verwandt der Vespertilio Nattereri Kühl, halten muss. Zur bestimmteren Unterscheidung will ich die Arten dieser Gattung nach ihrer natürlichen Gruppirung im Zusammenhange charakterisiren. a. Langöhrige Fledermäuse. Das Öhr hat 9oder 10 Querfalten, ist gegen die Mitte des Aussenrandes nicht eingebuchtet ,und ragt angedrückt über die Schnauzenspilze hinaus. Die Schwanzspilze steht, frei aus der Flughaut vor. Schwanzflughaut ungewimpert. 1. V. murinus: Das Ohr überragt die Schnauzenspitze um ein Viertel seiner Länge. Der Ohrdeckel ragt fast bis zur Mitte der Ohrhöhe vor, ist grade, und vom Wurzeldrittel an verschmälert. Die Flughaut ist bis zur Mitte der Fusssohle angewachsen. Flugweite 14". 2. F. Bechsteinii: Das Ohr überragt die Schnauzenspilze um die Hälfte seiner Länge. Der Ohrdeckel ragt bis zur Mitte der Ohrhöhe vor, ist in der Endhälfte sichelförmig nach aussen gebogen, und von der Wurzel an verschmälert.
Blasius: Beschreibung einer »etffen deutsch. Fledermaus. 287 Die Flughaut ist bis zur Zehenwurzel angewachsen. Flugweile 10". b. Wimperhäutige Fledermäuse. Das Ohr hat 5oder 6Querfalten ,ist gegen die Mitle des Aussenrandes eingebuchtet ,und ragt angedrückt über die Schnauzenspilze hinaus. Der Schwanz wird von der Flughaut ganz Umschlossen. Die Schwanzflughaut ist amHinterrandc dicht gewimpert. 3. V. Gattereri: Das Ohr ragt um ein Viertel seiner Länge über die Schnauzenspilze hinaus, und ist etwas über der Mitte des Aussenrandes schwach und gleichmässig eingebuchtet. Der Ohrdeckel ragt über die Mitte des Ohrs, bis zur Höhe der Einbucht am Aussenrande hinauf, und ist der ganzen Länge nach verschmälert und sichelförmig nach aussen gebogen. Die Flughaut ist bis etwas über die Mitte der Fusssohle angewachsen. Die Schwanzflughaut hinten mit starren, abwä"rtsgekrümmten Wimpern dicht besetzt. Flugweite 9'//^ 4. V. ciliatus nov. spec. :Das Ohr ragt fast um ein Viertel seiner Länge über die Schnauzenspitze hinaus, und ist über der Mitte des Aussenrandes sehr stark, fast rechtwinkelig, efngebuöhtet. Der Ohrdeckel ragt bis fast zur Mitte der Ohrhöhe hinauf, ohne die Höhe der Einbucht am Aussenrande zu erreichen, und ist der ganzen Länge nach verschmälert und sichelförmig nach aussen gebogen. Die Schwanzflughaut hinten mit graden, weichen Haaren gewimpert. Die Flughaut ist bis zur Z^henwurzel angewachsen. Flugweite 9"' c. Was serfledermäuse. Das Ohr hat 4Querfalten, ist gegen die Mitte des Aussenrandes mehr oder weniger eingebuchtet, und ragt angedrückt bis fast zur Schnauzenspilze vor. Die Schwanzspitze steht frei aus der Schwanzflughaut vor. Die Schwanzflughaut ist am Hinterrande nicht gewimpert. 5. F. mystacinus: Das Ohr erreicht angedrückt ungefähr die Schnauzenspitze, und ist über derMitte des Aussenrandes sehr stark eingebuchtet. Der Ohrdeckel ragt über
^88 -iTi.vM,! . ,. Blasiu8t^^tfi:^^^^i«l^^w die Mitte der Ohrhöhe, über die Höhe der Einbucht am Aussenrande hinaus, ist fast ganz grade, nur mit der äussersten Spitze schwach nach aussen gebogen ,und von der Wurzel an verschmälert. Die Flughaut ist bis zur Zehenwurzel angewachsen. Flugweite 8". 6. V. Dauhentonii :Das Ohr erreicht angedrückt fast die Schnauzenspitze, und ist dicht über der Milte des Aussenrandes flach eingebuchtet. Der Ohrdeckel erreicht ungegefähr die Mitte der Ohrhöhe ,und die Höhe der Einbucht am Aussenrande, ist der ganzen Länge nach grade, und nur in der Endhälfte verschmälert. Die Flughaut ist bis ungefähr zur Mitte der Fusssohlo angewachsen. Flugweite 9". 7. V. dasycneme: Das Ohr erreicht angedrückt fast die Schnauzenspilze, und ist etwas unter der Mitte des Aussenrandes schwach eingebuchtet. Der Ohrdeckel erreicht die Mitte der Ohrhöhe nicht, ragt ungefähr bis zur Höhe der flachen Einbucht am Aussenrande vor, ist fast ganz grade, mit der Spitze schwach nach innen gebogen ,und bloss im Enddriltel wenig verschmälert. Die Flughaut ist nur bis zur Ferse angewachsen. Flugweite 11". Beschreibung von Vespertilio ciliatus. Diese neue Art hat 38 Zähne, oben 4,unten 6Vorderzähne, und in jedem Kiefer oben und unten lEckzahn und 6Backenzähne. Die Zahnformel ist daher 4.2 12-2 12.4 „Q „.., 4—2-1 r•T• 274 =^8 Zahne. Die Schneiden der untern Vorderzähne stehen in der Richtung des Kiefers. Der dritte untere Vorderzahn ist im Querschnitt oval, etwas länger als breit, und kaum halb so stark wie der Eckzahn, während er bei V. Nattereri fast so dick ist wie der Eckzahn. Von den zwei einspitzigen oberen Lückenzähnen ist der zweite der kleinste, ungefähr von der Höhe der Kronränder der beiden anliegenden Zähne, und von aussen kaum mit der Spitze sichtbar, während dieser Zahn bei V. Nattereri deutlich über die anliegenden Kronränder aufsteigt. Auch der zweite Lückenzahn im Unterkie-
Besclireibung einer neuen deutschen Fledermaus. 289 fer ist weit schwächer als der erste. Das länglich ovale Ohr ragt angedrückt fast mit dem Endvlertcl über dieSchnauzenspitze hinaus und hat 6deutliche Querfalten. Der Aussenrand des Ohrs endet unter der innern Basis des Ohrdekkels in gleicher Höhe mit der Mundspalte, und verläuft bis über die Mitte hinauf in einen flachen, gleichmässig convexen Bogen. Etwas über der Mitte ist eine plötzlich abgesetzte, fast rechtwinkelig abgerundete Einbuchl, die in jeder Richtung des Ohrs scharf hervortritt, während diese Einbucht bei V. Naltereri ganz flach, kaum merklich ist. Von dieser Einbucht verläuft der Aussenrand des Ohrs fast gradlinig bis zur abgerundeten Ohrspitze. Der Innenrand springt an der Basis vom Kiel ab winkelig vor, und verläuft der ganzen Länge nach in einen gleichmässigeh flachen Bogen. Der Ohrdeckel ragt fast bis zurMilte des Ohrs hinauf, ohne die Einbucht am Aussenrande zu erreichen, während er bei V. Naltereri über die Mitte der Ohrhöhe hinauf, bis zur Tiefe der Einbucht vorragt. Er ist der ganzen Länge nach sichelförmig nach aussen gebogen, und von der Basis, oberhalb des Zahns an, gleichmässig verschmälert, und sehr schlank zugespitzt. Die Flughaut ist breit: die Wurzelglieder des 3ten bis 5ten Fingers sind wenig von einander verschieden; die Flughaut fast zwei und ein halb mal so lang wie breit. Der angedrückte Unterarm ragt bis zur Mitte der Mundspalte vor. Die Flughaut ist bis zur Zehenwurzel angewachsen. Die Fusssohle an der Basis querrunzelig, in der Endhälfte unregelmässig längsrunzelig. Das Spornbein an der Ferse trägt keinen seitlichen Hautlappen. Der Schwanz wird ganz von der Flughaut umschlossen, so dass nur die rudimentäre Knorpelspitze des letzten Schwanzgliedes, kaum merklich, sichtbar ist. Die Flughäute sind nur unmittelbar um den Körper herum noch ziemlich dicht behaart. Die Schwanzflughaut ist hinten mit graden, weichen Haaren ziemlich dicht gewimperl, während die Wimperhaare bei V. Naltereri starr und abwärts gekrümmt sind. Diese weichen Wimperhaare beginnen einzeln schon am Fuss und am Spornbein, und stehen dichter und in zwei übereinander liegenden Reihen zwischen dem Spornbein und der Schwanzspitze. Die Flughäute und Ohren sind dünnhäutig und durchscheinend ,lichlbraungrau. Der Archiv f. NRturgesch. XIX. Jahrg. 1. ^d. 19
290 ßlasiug: 'TT!. 1" 1" Pelz ist oben hellbräunlichgrau, unten weisslich. Das einrzelne Haar ist zweifarbig, im Grunde dunkelbraunschwarz, oben mit fahl bräunlichgrauer, unten mit weisser Spitze. ^,,,.j Flugweile ..... 9" — Totallänge 3" ! >. Kopflänge ..... Schwanzlänge .... Grösste Ohrlänge «in Aussenrande Ohrlänge am Innenrande , Ohrdeckel längs dem Aussenrande Ohrdeckel längs dem Innenrande Oberarm Unterarm . Ddlter Finger, Isles Glied iti,*im^i>^uw ^teß Glied •^ j, 3tes Glied „„Endglied Vierter Finger, Istes Glied „^2les Glied „„3tes Glied „„Endglied Fünfter Finger, Islps Glied .1' „„2tes Glied „„3tes Glied „„Endglied . Schenkel .... Schienbein ..., Fuss Frei vorstehende Schwanzspitze Ich habe diese Fledermaus zuerst im Jahr 1847 in Turin gesehen. Obwohl ich die Ueberzeugung gewann, dass diese Form nicht wohl mit einer der mir bekannten Arten zu vereinigen sei, so reichten doch die ausgestopften Bälge des Museums, an denen die Geslalt der Ohren, der Ohrdekkel und der Zähne nicht mit Sicherheit zu beurlheilen war, nicht hin, um eine gründhche Vorstellung der Art zu gewinnen. Erst in vergangenem Sommer erhielt ich das Thier in zwei frischen Exemplaren in Alkohol. Ich muss gestehen, iias^ es mir aufTallend war, nachdem mir mehr als tausend 0,5"' . 7,6"' ö,5"' 5,5'^' 3,8'" 3,1'" 10,1'" 4,1'" 1,4'" 5,2'" 4,3'" 3'" 0,8'" 4,3'" 3,9'" 0,5'" 1,2'" 4,2'" 3'" 0,6'" 6,5'" 7,8'" 4"' 0,2'"
Beschreibung einer neuen deutschen Fledermaus. Q91 Europäische Fledermäuse durch die Hände gegangen waren, noch eine Form zu finden ,die ich mit den mir persönlicii bekannten Arten nicht vereinigen konnte. Es machte mich dies um so misstrauischer, und ich suchte jeden Ausweg auf, um einer neuen Art zu entgehen. Der einzige, der noch anfangs annehmbar schien, war der, eine junge V. Nattereri vor mir zu haben, obwohl dies der Jahreszeit nach nicht wohl möglich war. Doch auch diese Idee musste ich fahren lassen. Ich besitze V. NaCtereri von halberwachsenem Zustande an ;aber kein einziges Individuum verläugnet die augenfälligen Arlcharaktere. So kann ich denn nicht mehr anstehen, diese Form für ganz verschieden von allen bis jetzt in Deutschland gefundenen Fledermäusen zu erklären. Eine andere Frage war die, ob sie nicht in den Nachbarländern, in Frankreich oder Italien ,gefunden ,und als Art beschrieben sei. Zur Beantwortung dieser Frage habe ich mir nicht verhehlt, dass in dieser Gegend der Gattung Vesperlilio die von Geoffroy beschriebene V. emarginatus ,wie ein Gespenst, umherwnndelt, ohne mit Sicherheit festgehalten werden zu können. In der Beschreibung von Geoffroy sind keine Anhaltspunkte für eine sichere Unterscheidung. Wenn man die Originalexemplare nicht In Händen hat, ist man fast ganz allein auf die Abbildung in den Annales du Mus. d'hist. nat. VMl. p. 198. n. 7angewiesen. Doch diese Abbildung passt mehr mit V. Nattereri oder Daubenlonii , als mit der vorliegenden Form. Graf Keyserling schrieb mir vor mehreren Jahren über diese Originalexemplare aus Paris Folgendes: „Die Exemplare von V. emarginatus scheinen mir identisch mit V. Nattereri. Die Fransen an der Schwanzflughaut sind nicht so straff, aber angedeutet. Alle Charaktere von V. Nattereri, Ohren, Ohrlänge, Tragus, Fusswurzel, stimmen mit dem Originalexemplare von V. emarginatus. Das Exemplar von Abbe ville hat folgende Dimensionen : Flugweite ... 9" 2'" Totallänge ... 3" 3'" Ohr .... —6,8'" Tragus .... —3,5"' '''^' Dritter Finger, Istes Glied 1" 4,2'"
DriUef Finger, 2tes Glied.wi^--" 6,3'^ h „„3les Glied -—4,9'" nV-^i^m^iif^^fi' iEndglied r^iirinW' t3,Sf ri VierterFinger, Istes Glied 1" 3,8'" hs(^ „„2les Glied ~4,5'". .rngb „9, 3tes GliediMii'^ 44^i^»3i^<V<,tiiosÖ MiaTe^^^^j;„j, Endglied ?—t^r^U r -4it!9fM?tn fönfter Finger, Istes Glied V3,mi^m hmu „„3tes Glied ~3,8"' >M mß^^ „„Endglied, ,,,.?.— ^ü^ii^f^^js -¥6v^1^ Schienbein ^»Ilj<^7«ifir;»itetet^di«t*>^'^"jt2i?(l «an FuSS ....—4,4'" :>ba3g0i( Die beiden anden von Ch?Lr\emoül.md MMz^jm^^ chen wenig von diesen Maassen ab." läituci^ .TssbüsiO Diese Maasse stimmen ganz mit denen von V.Nattereri überein, von welcher Art ich die Originalexemplare von Kühl habe vergleichen können. Wenn ich noch nicht ganz mit der Ansicht des Grafen Keys erlin geinstimme; so berücksichtige ich vorzugsweise den tiefen Einschnitt am Aussenrande des Ohrs, den Geoffroy erwähnt und abbildet, und das ausdrückliche ürlheil von Kühl. Die tiefe Einbucht am Aussenrande des Ohrs, von der Keyserling nicht bestimmte Meldung macht, stimmt mehr mit der oben beschriebenen Art überein. Aber in der Abbildung von Geoffroy ragt der Ohrdeckel entschieden über die Mitte des Ohrs, und über die Einbucht am Aussenrande hinaus, und die Flughaut scheint am Hinlerfusse entschieden nicht bis zur Zehenwurzel angewachsen zu sein. So wenig ich also über die Art von Geoffroy noch im Klaren bin, so wenig kann ich sie nach den bestimmten Angaben mit der vorliegenden identifiziren wollen. Es konnte sich dann nur noch darum handeln, ob V. emarginatus von Bonaparte von der Art von Geoffroy abweichend, und mit der vorliegenden vielleicht identisch sei. Bon aparte führt aber in seiner Iconografia della fauna ilalica fasc. XX. ausdrücklich an, dass bei seiner V. emarginatus die Ohren von Kopfeslänge seien, und der pfriemenförmige Tragus ungefähr zwei Drittel der Ohrhöhe erreiche, was
Beschreibung einer neuen deutschen Fledermaus. 293 auf die vorliegende Form unter keinen Umständen anzuwenden ist. AuchTemminck will eine V. emarginalus in den Niederlanden gefunden haben. Doch ist aus seinen Angaben in den Monogr. de Mamm. nichts zu entnehmen ,da sie aus Geoffroy entlehnt sind. Ueber die Thiere \on Geoffroy und Bonaparte kann endgültig nur eine sorgfältige Untersuchung authentischer Originalexemplare entscheiden. Dass sie nach den ganz bestimmten Angaben beider Zoologen von der vorliegenden Form abweichen, glaube ich nicht bezweifeln zu können. Dass aber die beiden erwähnten Thiere mit der vorliegenden Art zu ein und derselben natürlichen Gruppe gehören, steht auch wohl fest. Die der vorliegenden Beschreibung dieser neuen Art zu Grunde liegenden Thiere sind in einem hohlen Baume an einem Holzrande in der Nähe von Köln am Rhein gefunden worden. Da diese Art auch in Piemont vorkommt, so ist sie offenbar nicht ausschliesslich an den Norden oder Süden von Europa gebunden. Es ist die einzige Fledermausart, die icli bisher wissentlich nicht lebendig beobachtet habe. Mit dieser neuen Art ist die Zahl der in Deutschland bis zu dem südlichen Fusse der. Alpjen. vx>ckoflamenden Arten auf 23 gestiegen. jixJWTift^^m Math jfiiiB Braunschweig, im Dezember 1853. »ihIÄ in?