Schichtarbeit gesund und sozialverträglich gestalten
Abstract
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Full text
Arlinghaus, Anna; Lott, Yvonne Research Report Schichtarbeit gesund und sozialverträglich gestalten Forschungsförderung Report, No. 3 Provided in Cooperation with: The Hans Böckler Foundation Suggested Citation: Arlinghaus, Anna; Lott, Yvonne (2018) : Schichtarbeit gesund und sozialverträglich gestalten, Forschungsförderung Report, No. 3, Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/233577 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
REPORT Nr. 3, Forschungsförderung Report SCHICHTARBEIT GESUND UND SOZIALVERTRÄGLICH GESTALTEN Anna Arlinghaus, Yvonne Lott EINLEITUNG Schichtarbeit kann die Gesundheit und das Sozialleben stark beeinträchtigen. Nicht nur die Nachtarbeit ist belastend, sondern je nach Lebenslage auch die Frühund Spätschicht sowie der ständige Wechsel der Arbeitszeiten. Gravierende gesundheitliche Probleme und eine schlechte Work-Life-Balance mindern die Lebensqualität von Beschäftigten und führen zu ( längeren ) Erwerbsunterbrechungen bzw. kürzeren Erwerbsverläufen. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund brisant, dass Schichtarbeit in den letzten 20 Jahren zugenommen hat. Immer mehr Beschäftigte arbeiten am Abend und in der Nacht ( siehe Abbildung 1 ). 20 Prozent der abhängig Beschäftigten in Deutschland gaben im Jahr 2015 an, regelmäßig außerhalb des Zeitraums von 7 bis 19 Uhr zu arbeiten, darunter 8 Prozent mit versetzten Arbeitszeiten ( z. B. feste Frühoder Spätschicht ), 7 Prozent in Wechselschicht mit Nachtarbeit bzw. Dauernachtarbeit und 5 Prozent in Wechselschicht ohne Nachtarbeit ( BAuA 2016b ). Schichtarbeit führt jedoch nicht zwangsläufig und bei allen Beschäftigten zu schweren gesundheitlichen Problemen und sozialer Isolation, denn die konkrete Ausgestaltung der Arbeitszeitmodelle hat sehr unterschiedliche Auswirkungen. Unter welchen Bedingungen beeinträchtigt Schichtarbeit die Gesundheit und das Sozialleben? Wie können Schichtsysteme gesund und sozialverträglich gestaltet werden? Antworten auf diese Fragen liefert der vorliegende Report. Dabei sind nicht nur ergonomische Aspekte relevant, sondern auch die Fragen nach Zeitsouveränität und der Art der Kompensation von Schichtarbeit und ungünstigen Arbeitszeiten. 1995 2005 2010 2015 insgesamt Männer Frauen Quelle: Langhoff / Satzer 2017a 14 % 12 % 10 % 8 % 6 % 4 % 2 % 0 % Abbildung 1 Anteil der abhängig Beschäftigten mit Nachtarbeit in Deutschland ( nach Geschlecht, 1995–2015 )
INHALT Einleitung 1 Schichtarbeit im Konflikt mit biologischen 3 und sozialen Rhythmen Biologische Probleme der Nachtarbeit 3 Der soziale Rhythmus der Abendund Wochenendgesellschaft 5 Schichtarbeit bei älteren Beschäftigten 6 Schichtarbeit im Erwerbsverlauf 7 Dauernachtarbeit – ungesund, aber beliebt? 7 Schichtarbeit gesund und sozialverträglich gestalten 8 Arbeitsorganisatorische Maßnahmen 8 Abfolge der Schichten 10 Zeitsouveränität 12 Arbeitswissenschaftliche Empfehlungen 15 zur Gestaltung von Schichtund Nachtarbeit Nichtmonetäre Kompensation belastender Arbeitszeiten 16 Welche Kompensation für belastende Arbeitszeit 17 ist angemessen? Was ist bei der Einführung 18 neuer Schichtmodelle zu beachten? Fazit 21 Literatur 22
Nr. 3, Forschungsförderung Report · März 2018 · Seite 3 SCHICHTARBEIT IM KONFLIKT MIT BIOLOGISCHEN UND SOZIALEN RHYTHMEN Biologische Probleme der Nachtarbeit Die Master Clock und unsere innere Uhr Der Zirkadianrhythmus wird im Gehirn durch den Nucleus suprachias-maticus gesteuert, der auch als »Master Clock« bezeichnet wird und weitere »innere Uhren« im Körper steuert. So laufen diverse Körperfunktionen wie etwa der Hormonspiegel, die Immunfunktion oder der Stoffwechsel durch die Master Clock rhythmisch ab, aber auch körper liche Aktivität und Leistungsfähigkeit werden beeinflusst. Oft dient das Hormon Melatonin als Kennzeichen ( Marker ) des inneren Rhythmus, da seine Konzentration im Normalfall im 24-Stunden-Rhythmus schwankt ( tagsüber niedrig, nachts hoch ). Eine Veränderung des Tag-Nacht-Rhythmus z. B. durch Nachtarbeit führt zu einer De synchronisierung der äußeren und inneren Uhren. Dies lässt sich z. B. daran erkennen, dass der Melatoninspiegel nachts weniger hoch ist oder einen verschobenen Rhythmus aufweist. Dabei scheint das Licht, dem die betreffende Person ausgesetzt ist, eine wichtige Einflussgröße für den Melatoninspiegel zu sein, so dass dieser bei Licht in der Nacht besonders stark gesenkt bzw. die Melatoninproduktion unterdrückt wird ( Stevens et al. 2011 ). Der Mensch ist durch den zirkadianen1 Rhythmus auf einen etwa 24-stündigen Schlaf-wach-Rhythmus ausgelegt. Arbeit zu Zeiten, die biologisch auf den Schlaf ausgerichtet sind, stört diesen Biorhythmus, unsere sogenannte innere Uhr. Die Störung der inneren Uhr kann zu Beeinträchtigungen des Schlafes und der Leistungsfähigkeit und langfristig auch zu gesundheitlichen Problemen führen ( vgl. z. B. Arendt 2010; Knauth / Hornberger 1997 ). Einige der Wirkmechanismen sind recht gut erforscht, beispielsweise die dem Biorhythmus entgegenlaufende Schlafzeit und die damit verbundene Verringerung der Schlafdauer nach Nachtschichten, aus der eine Kumulation des Schlafdefizits entstehen kann. Die Folgen sind Müdigkeit, Schläfrigkeit sowie eingeschränkte geistige Leistungsund Reaktionsfähigkeit. Diese Folgen wiederum können das Risiko für Fehlhandlungen und Unfälle erhöhen ( Williamson et al. 2011 ), mit telfristig können insbesondere Schlafprobleme und mangelnde Erholung der Gesundheit schaden ( Geurts / Sonnentag 2006 ). Andere Mechanismen zur Entstehung von Krankheiten aufgrund von Schichtarbeit sind noch nicht vollständig erforscht. So besteht z. B. ein Zusammenhang zwischen Schichtarbeit und Diabetes, HerzKreislauf-Erkrankungen und Krebs. Bisher weiß man wenig über die konkreten Wirkungen, doch es gibt Hinweise darauf, dass die Störung und Verschiebung biologischer Rhythmen durch Nachtarbeit ( z. B. bei Hormonen oder dem Stoffwechsel ) eine ursächliche Rolle spielen ( Langhoff / Satzer 2017b ). 1 zirkadian: Kunstwort aus lateinisch circa ( »ungefähr« ) und dies ( »Tag« ) Nobelpreisverdächtig: die innere Uhr Der Medizin-Nobelpreis 2017 ging an die drei US-Forscher Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young für die Erforschung der inneren Uhr. Diese hilft nicht nur Menschen, sondern auch Tieren und Pflanzen, ihr Leben auf der Erde zu steuern.
Nr. 3, Forschungsförderung Report · März 2018 · Seite 4 Schichtarbeitende im O-Ton Alle Zitate stammen aus Interviews, die im Rahmen des Forschungsprojekts »Arbeitszeitoptionen im Lebensverlauf ( AZOLA )« des Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Instituts ( WSI ) geführt wurden. Das Forschungsprojekt untersucht die Nutzung von Optionen wie Teilzeit oder Elternzeit im Schichtdienst bei der Polizei, in der Industrie und in Krankenhäusern. Insgesamt 96 Beschäftigte wurden nach ihrer Arbeit und ihren Arbeitszeiten befragt. Dabei ging das Projektteam der Frage nach: Können Beschäftigte Arbeitszeitoptionen ungehindert nutzen – und wird die Nutzung durch Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen unterstützt? Ein Überblick über das Projekt und eine Zusammenfassung der Ergebnisse findet sich hier: https://www.boeckler.de / pdf / p_wsi_studies_4_2016.pdf DER NACHTEIL SIND DIE NACHTSCHICHTEN. DAS IST EIN WACHHALTEN, EIN VEGETIEREN UND EIN AGGRESSIVITÄT-UNTERDRÜCKEN — UND VIEL KAFFEE. Verursacht Schichtarbeit Krankheiten? Die Mechanismen sind nur teilweise geklärt Ob und inwieweit eine Desynchronisierung der äußeren und inneren Rhythmen Krankheiten auslöst, ist noch umstritten. Eine Hypothese, die nicht von allen Forscher / innen geteilt wird, besagt, dass die unterdrückte nächtliche Melatoninproduktion mit einem erhöhten Krebsrisiko zusammenhängt ( insbesondere Prostatakrebs bei Männern und Brustkrebs bei Frauen ). Zudem werden andere Mechanismen vermutet und erforscht – etwa Schlafstörungen und Abschwächung bzw. allgemeine Desynchronisierung des Zirkadianrhythmus durch Schichtarbeit –, die eine große Anzahl physiologischer und verhaltensbedingter Prozesse beeinträchtigen und dadurch Krankheiten verursachen können ( Moreno et al., in Vorbereitung ). Zugleich kann ein hohes Schlafdefizit die Immunabwehr schwächen, was wiederum die Entstehung von Krankheiten begünstigt ( Costa et al. 2010 ). Auch nächtliche Schichtarbeit erhöht das Krebsrisiko in demselben Maße wie etwa der Verzehr von rotem Fleisch. Unklar ist jedoch noch, in welcher Dosierung Nachtarbeit schädlich ist, d. h. wie viele Nachtschichten und über welchen Zeitraum ( Tage, Monate, Jahre ) das Krebsrisiko erhöhen. Zudem besteht eine klare Multikausalität in der Krebsentstehung, so dass meist keine eindeutige Ursache benannt werden kann. Nachtarbeit – so ungesund wie rotes Fleisch 2007 wurde nächtliche Schichtarbeit von der Internationalen Krebsforschungsagentur IARC als »wahrscheinlich krebs - erregend« eingestuft ( Stufe 2A, d. h. begrenzte Evidenzlage als Karzinogen ). Damit gilt sie als weniger gefährlich als z. B. Zigarettenrauch oder Asbest und steht auf derselben Stufe wie z. B. Insektizide ohne Arsen oder der Verzehr von rotem Fleisch.
Nr. 3, Forschungsförderung Report · März 2018 · Seite 5 Uneinheitlich sind auch die Befunde zum Zusammenhang zwischen Schichtarbeit und psychischer Gesundheit ( Amlinger-Chatterjee 2016 ), da die konkreten Auswirkungen von der jeweiligen Ausgestaltung der Schichtarbeit abhängen. Nach aktueller Evidenzlage ist Nachtarbeit besonders mit Erschöpfung und einem erhöhten Burn-out-Risiko verbunden. Der soziale Rhythmus der Abendund Wochenendgesellschaft Neben dem biologischen Rhythmus unterliegt der Mensch auch einem sozialen Rhythmus, der normativ durch die Gesellschaft vorgegeben ist. In unserer westlichen Gesellschaftsform ist dies die Abendund Wochenendgesellschaft, in der die Zeit am Abend und am Wochenende ( insbesondere sonntags ) als sozial besonders wertvoll eingeschätzt werden ( Hinnenberg et al. 2009; Wedderburn 1981 ). Arbeit zu diesen sozial wertvollen Zeiten – z. B. viele aufeinanderfolgende Spätschichten oder wenige freie Wochenenden – stört das Sozialund Familienleben und beeinträchtigt die soziale Teilhabe ( Arlinghaus / Nachreiner 2016 ). Bei häufig wechselnden Arbeitszeiten ist zudem die Teilnahme an festen Terminen, z. B. beim Sport oder in Vereinen, oft nicht möglich. Dadurch leidet auch das gesellschaftliche Engagement beispielsweise in Form von ehrenamtlichen Tätigkeiten. Diese Nachteile zeigen sich unter anderem in der Zufriedenheit mit der Arbeitszeit: Mehr als ein Viertel der Beschäftigten mit Schichtarbeit ist nur zum Teil zufrieden mit den momentanen Arbeitszeiten und 17 Prozent sind eher nicht oder nicht zufrieden ( Abbildung 2 ). Eine schlechte Work-Life-Balance kann wiederum negative Folgen für die Gesundheit haben. Ein Ungleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben zugunsten der Arbeit ist häufig mit Stress, Burn-out und Depression verbunden ( Allen et al. 2000; Eden 2001 ). Eine dauerhaft schlechte Work-Life-Balance kann die psychische Gesundheit nachhaltig schädigen ( Schiemann 2006 ) und ist mit ungesundem Verhalten wie z. B. erhöhtem Alkoholkonsum verbunden ( Frone et al. 1998 ). 60 % 50 % 40 % 30 % 20 % 10 % 0 % Schichtarbeit keine Schichtarbeit stimme eher nicht zu / stimme nicht zu stimme zu teils / teilsstimme eher zu Quelle: IG Metall-Beschäftigtenbefragung 2017 ( Paul / Kuhlmann 2017 ) Abbildung 2 Zufriedenheit mit den momentanen Arbeitszeiten ALLE GEBURTSTAGE, FEIERN, VEREINSSACHEN, SCHÜTZENFEST, ANDERE SACHEN, EGAL WAS ES IST, DAS IST IMMER ABENDS, AM WOCHENENDE. MAN MUSS ENTWEDER SEHR VIEL URLAUB FREINEHMEN ODER MAN KANN NICHT TEILNEHMEN.
Nr. 3, Forschungsförderung Report · März 2018 · Seite 6 DA MUSS MAN AUCH SEHEN, DASS DIE BEAMTEN, DIE IM WACHUND WECHSELDIENST SIND, DIE JETZT ALSO MIT 62 AUS DEM STREIFENWAGEN HERAUS PENSIONIERT WERDEN, AUCH ERHEBLICHE GESUNDHEITLICHE BELASTUNGEN DURCH DEN SCHICHTDIENST HABEN. SCHICHTARBEIT BEI ÄLTEREN BESCHÄFTIGTEN Darüber hinaus verändert sich die Leistungsfähigkeit im Verlauf des Arbeitslebens. Untersuchungen zeigen, dass z. B. die mittels »Work Ability Index« ( WAI ) selbst eingeschätzte Arbeitsfähigkeit mit zunehmendem Alter tendenziell abnimmt ( BAuA 2013, S. 69 ), dabei aber eine starke Bandbrei te aufweist. Das heißt, dass sich ältere Beschäftigte gegenüber jüngeren im Mittel als weniger arbeitsfähig wahrnehmen, dass es aber einen nicht unerheblichen Anteil von älteren Personen sowohl mit hoher also auch mit niedriger Arbeitsfähigkeit gibt. Die individuellen Unterschiede nehmen also mit dem Alter zu. 2 Schlafapnoe: Atemstörungen während des Schlafes mit kurzzeitigen Atemstillständen Mit zunehmendem Alter verändern sich Schlafdauer und -rhythmus, wobei die Schlafdauer tendenziell abnimmt und der Schlaf-wach-Rhythmus weniger stark ausgeprägt ist. Dies hat zur Folge, dass viele ältere Beschäftigte den häufigen Wechsel von Schlafund Aufstehzeiten als besonders belastend erleben und die Anpassung an neue Zeiten länger dauert. Ab etwa 40 Jahren besteht zudem ein erhöhtes Risiko für Schlafstörungen wie z. B. Schlafapnoe2; auch der Anteil der Tiefschlafphasen sinkt mit steigendem Alter. ICH LESE SEHR, SEHR GERNE UND SEHR, SEHR VIEL. DAS NIMMT VIEL ZEIT IN ANSPRUCH. ICH MACHE GERNE SPORT, GEHE GERNE LAUFEN. UND DAS KANN ICH NATÜRLICH AN DEN FREIEN VORMITTAGEN MACHEN. DA KOMMT DIE ARBEITSZEIT GESTALTUNG MIR SEHR ENTGEGEN. Wechselnde Arbeitszeiten können aber auch hilfreich sein, etwa bei der Gestaltung des Familienlebens. Zum Beispiel haben Beschäftigte vor Spätschichten mehr Zeit während des Vormittags zur Verfügung, was besonders für Familien mit sehr kleinen Kindern vorteilhaft ist. Nach Frühschichten hat man mehr Zeit am frühen Nachmittag z. B. für die Kinderbetreuung nach der Schule oder dem Kindergarten ( La Valle et al. 2002; Lenzing / Nachreiner 2000; Volger et al. 1988 ). Einige Studien berichten von einer gleichmäßigeren Verteilung der häuslichen Pflichten und der Kinderbetreuung zwischen Partner / innen, wenn die Väter Schichtarbeit leisten. Insgesamt überwiegen aber die familiären Nachteile der Schichtarbeit deren Vorteile ( Presser 2005 ).
Nr. 3, Forschungsförderung Report · März 2018 · Seite 7 WENN MAN MIT ÄLTEREN KOLLEGEN SPRICHT, SAGEN DIE: »MAN MERKT DEN UNREGELMÄSSIGEN SCHLAF. MAN HAT PROBLEME. ICH SCHLAFE NICHT MEHR SO EIN WIE MIT ZWANZIG. ICH SCHLAFE NUR NOCH DREI, VIER STUNDEN DIE NACHT.« SCHICHTARBEIT IM ERWERBSVERLAUF Die Verweildauer in belastenden Arbeitsbedingungen übt grundsätzlich einen wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit im späteren Arbeitsleben aus. So konnten verschiedene Studien zeigen, dass das Risiko für die Entwicklung gesundheitlicher Beeinträchtigungen – neben anderen Faktoren wie der körperlichen Belastung durch die Tätigkeit – im Schichtdienst mit der Zeit steigt. Dabei lassen sich unterschiedliche Phasen identifizieren ( Gärtner et al. 2008 ): Anpassungsphase ( die ersten 5 Jahre in Schichtarbeit ): Hier stellt sich heraus, ob die Person überhaupt mit Schichtarbeit zurechtkommt. Dementsprechend ist die Aussteigerquote anfangs recht hoch, und es verbleiben zunächst diejenigen in der Schichtarbeit, die zumindest einigermaßen gut damit zurechtkommen. Sensibilisierungsphase ( zwischen dem 2.– 6. und dem 15.–20. Jahr in Schichtarbeit ): Hier kommt es zu einer scheinbaren Stabilität mit subjektiver Gewöhnung an die Schichtarbeit. Dennoch manifestieren sich unter Umständen bereits erste leichtere Störungen ( z. B. Schlafstörungen ) sowie ungünstige Verhaltensweisen ( z. B. Einnahme von Schlafmitteln ). Akkumulationsphase ( nach etwa 15 –25 Jahren ): Das Beeinträchtigungsrisiko steigt überproportional an und äußert sich z. B. in höheren Ausfallraten oder Dienstunfähigkeit ( Gärtner et al. 2008 ). Besonders häufig sind dann Magen-Darm-Erkrankungen ( chronische Gastritis, Zwölffingerdarm geschwür ), Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Probleme. Selbstselektion erschwert die Untersuchung von Schichtarbeit Bei Schichtarbeitenden insbesondere in Dauernachtarbeit ist mit starken Selektionseffekten zu rechnen. Diejenigen, die nicht gut damit zurechtkommen, steigen bereits früh wieder aus, so dass unter den älteren Dauernachtarbeitenden fast nur Personen zu finden sind, die diese Schichtform zumindest einigermaßen gut vertragen. Daher geben in Befragungen oft viele an, dass sie keine stärkeren Beeinträc htigungen durch Schichtarbeit empfinden. DAUERNACHTARBEIT — UNGESUND, ABER BELIEBT? Unter Dauernachtarbeit oder Dauernachtschicht wird die Arbeit ausschließlich oder zu sehr hohen Teilen in der Nacht verstanden. Typische Fälle sind die Nachtwache im Krankenhaus oder Sicherheitsdienste, aber auch in einigen anderen Branchen ist die Dauernachtarbeit z. B. in der Produktion vorzufinden. Viele der entsprechenden Betriebe geben an, dass Probleme bei der Besetzung der Nachtschicht durch eine alternde und in zunehmendem Maße nicht mehr nachtschichttaugliche Belegschaft zu einer Einführung oder Ausweitung dieser Form der Schichtarbeit geführt haben. Meist wird die Dauernachtarbeit entweder zusätzlich zur Wechselschicht mit Nachtschicht oder als Ersatz für den Dreischichtbetrieb ( ein Teil der Belegschaft arbeitet nur nachts, der Rest in Frühund Spätschicht ) eingesetzt ( Arlinghaus et al. 2016 ). In anderen Betrieben war die Dauernachtarbeit der Wunsch der Beschäftigten, häufig aus finanziellen Erwägungen, aber gelegent-
Nr. 3, Forschungsförderung Report · März 2018 · Seite 8 lich auch wegen der oft ruhigeren und stressfreieren Arbeit in der Nacht oder der Vereinbarkeit dieser Schichtform mit der Kinderbetreuung, z. B. die Partnerin / der Partner tagsüber arbeitet – dies kann jedoch zu einer erheblichen Doppelbelastung sowie starken Beeinträchtigungen der Partnerschaft führen ( Arlinghaus et al. 2016 ). Eine biologische, d. h. physiologische Anpassung an die Dauernachtarbeit kann jedoch praktisch nicht erfolgen. Grund hierfür ist, dass die Umwelt sowohl durch biologische Zeitgeber ( Licht ) als auch durch das soziale Umfeld ( alle anderen »leben« weiterhin tagsüber ) den normalen Tagesrhythmus beibehält, so dass sich der Biorhythmus bei der Mehrheit der Nachtschichtarbeitenden nie völlig umstellt. Spätestens am arbeitsfreien Tag geht die Anpassung – soweit sie erfolgt ist – teilweise wieder verloren. Eine wirkliche Anpassung würde erfordern, auch an freien Tagen nachts zu »leben«. In Ausnahmefällen ohne den Einfluss äußerer Zeitgeber und familiärer oder sonstiger Verpflichtungen, z. B. auf Offshore-Ölplattformen, kann eine weitgehende physiologische Adaptation erfolgen, jedoch dauert die Rückumstellung während der arbeitsfreien Zeit in diesen Fällen sehr lang ( Bjorvatn et al. 2006 ). Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht wird Dauernachtarbeit daher grundsätzlich abgelehnt. Da ein recht großer Teil der Beschäftigten in Dauernachtarbeit jedoch nach eigenen Angaben meist gut damit zurechtkommt, stellt sich die Frage, ob Dauernachtarbeit unter bestimmten Bedingungen verträglich gestaltet werden kann. Die Vorschläge reichen von einer Begrenzung der Dauernachtarbeit auf ein oder wenige Jahre über die Reduktion der Arbeitszeit als Belastungsausgleich bis hin zu einer engmaschigen arbeitsmedizinischen Begleitung ( Arlinghaus et al. 2016 ). Zu diesen Gestaltungsformen liegen jedoch noch keine gesicherten Erkenntnisse vor. SCHICHTARBEIT GESUND UND SOZIALVERTRÄGLICH GESTALTEN Schichtarbeit kann negative Folgen für die Gesundheit und das Sozialleben haben. Die Lösung für dieses Problem liegt auf der Hand: die Abschaffung der Schichtund Nachtarbeit. Aber kann eine Gesellschaft gänzlich ohne Schichtund Nachtarbeit auskommen? Leider liegt die Antwort auf diese Frage ebenso auf der Hand: nein. Denn in einigen Branchen, z. B. im Gesundheitswesen und bei manchen Dienstleistungen und Produktionsarten, ist die Verfügbarkeit rund um die Uhr an sieben Tagen pro Woche unumgänglich und wird es weiterhin bleiben. Daher gilt es, die Schichtarbeit so gesund und sozialverträglich wie möglich zu gestalten. Wie lassen sich die Beeinträchtigungen durch Schichtund Nachtarbeit für die Beschäftigten minimieren, so dass gesundheitlichen und sozialen Problemen vorgebeugt werden kann? Im Folgenden werden zentrale Ansatzpunkte für eine gesunde und sozialverträgliche Schichtarbeitsgestaltung beleuchtet: arbeitsorganisatorische Maßnahmen zur Entlastung von Nachtschichten, eine gesundheitsförderlichere Abfolge der Schichten, die Förderung von Zeitsouveränität und eine nichtmonetäre Kompensation von Schichtarbeit. Zudem gibt es eine Reihe arbeitswissenschaftlicher Empfehlungen zur Schichtund Nachtarbeitsgestaltung. Arbeitsorganisatorische Maßnahmen Um die gesundheitliche und soziale Beeinträchtigung durch Schichtarbeit zu verringern, kann die Arbeitsorganisation z. B. mittels geeigneter Produktionsplanung angepasst werden. In vielen Fällen wird zwar rund um die Uhr gearbeitet, jedoch müssen nicht alle Zeiten gleich stark abgedeckt sein. Dieser Umstand kann einen Gestaltungsspielraum eröffnen, indem leichtere oder einfachere Tätigkeiten in die Nacht gelegt werden, um die Belastung für die Nachtarbeiter / innen zu senken. Umgekehrt können Tätigkeiten aus belastenden Zeiten ( nachts ) in weniger belastende Zeiten wie die Frühund Spätschicht verlegt werden. Dies bietet sich insbesondere für nicht zeitkritische Tätigkeiten an, also solche, die nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt werden müssen, z. B. Wartung, Reinigung, Arbeit an Berichten und Dokumentationen, Recherchen oder Arbeitsgruppen. Dadurch wird der Nachtanteil entweder für alle gesenkt oder entfällt für eine Gruppe von nicht mehr Nachtschichttauglichen sogar ganz.
Nr. 3, Forschungsförderung Report · März 2018 · Seite 15 Arbeitswissenschaftliche Empfehlungen zur Gestaltung von Schichtund Nachtarbeit Bei der Gestaltung von Schichtund Nachtarbeit in Deutschland müssen laut Gesetz arbeitswissenschaftliche Empfehlungen berücksichtigt werden ( § 6 ArbZG ). Diese enthalten im Hinblick auf Schichtarbeit unter anderem folgende Gestaltungshinweise ( Beermann 2005; Langhoff / Satzer 2017b; Rothe et al. 2017 ): So wenig Nachtarbeit wie möglich, dabei maximal 2–3 Nachtschichten in Folge. Die Rotationsrichtung sollte vorwärts sein, d. h. von Frühzu Spätzu Nachtschicht. Kurz rotierte Schichtpläne, d. h. maximal 3 gleiche Schichtarten hintereinander. Nach einem Nachtschichtblock sollte ausreichend Zeit für Erholung und Re-Synchronisation gewährt werden. Empfohlen werden mindestens 48 Stunden frei, stellenweise auch pro Nachtschichtblock von über 2 Tagen in Folge ein freier Tag zusätzlich ( d. h. bei 3 Nachtschichten anschließend 3 freie Tage ). Arbeitszeiten mit durchschnittlich über 40 Wochenstunden vermeiden. Arbeitszeitlänge an die Belastung anpassen, z. B. bei belastenden Tätigkeiten Arbeitszeiten über 8 Stunden pro Tag vermeiden. Ergonomische Pausengestaltung, ggf. Möglichkeiten zum »Napping« in der Nacht schaffen. Wochenendarbeit möglichst vermeiden, zusammenhängende Freizeit am Wochenende planen. Frühschicht nicht vor 6 Uhr starten – ein früherer Beginn wirkt aufgrund der frühen Aufstehzeit wie eine Nachtschicht. Den Beschäftigten Gestaltungsspielräume eröffnen. Möglichst planbare und vorhersehbare Arbeitszeiten, kurzfristige Änderungen vermeiden. Unterstützende Maßnahmen wie z. B. die Bereitstellung einer gesunden warmen Mahlzeit während der Nachtschicht und Schulungen zum Thema Schlaf und Ernährung bei Schichtarbeit. Schichtarbeit und Gefährdungsbeurteilung Die vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung muss eine Beurteilung der Arbeitszeit enthalten. In der Praxis wird dies allerdings noch zu selten umgesetzt. So führten im Jahr 2016 nur 51 Prozent aller Betriebe eine Gefährdungsbeurteilung durch, und nur 48 Prozent davon gingen auf das Thema Arbeitszeit ein. In rund drei Vierteln aller Betriebe wird also die Arbeitszeit bei der Gefährdungsbeurteilung nicht berücksichtigt ( BAuA 2016a ). Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung Das HBS-Forschungsprojekt »Gestaltung von Schichtarbeit in der Produktion« ( Langhoff / Satzer 2017a ) fasst Erfahrungen aus betrieblichen Fallstudien zu einer für Praktiker geeigneten Einstiegsstrategie zur Gestaltung von Schichtarbeit zusammen. https://www.boeckler.de/pdf_fof/99168.pdf
Nr. 3, Forschungsförderung Report · März 2018 · Seite 16 NICHTMONETÄRE KOMPENSATION BELASTENDER ARBEITSZEITEN Trotz zahlreicher Erkenntnisse, dass manche Formen der Schichtgestaltung – wie lange Dienste, häufige Arbeit an Abenden und Wochenenden und vor allem Dauernachtschichten – schädlich für die Gesundheit und das Sozialleben sind, berichten Beschäftigte oftmals, mit diesen Schichten gut zurechtzukommen. Vor allem jüngere Beschäftigte fühlen sich weniger belastet, da sie die Schichtarbeit körperlich besser »wegstecken« können oder sich in der Sensibilisierungsphase befinden, in der sie sich an die Schichtarbeit gewöhnen und ihr Privatleben darauf abstimmen.6 Aber auch die rasche Gewöhnung an ein höheres Einkommen aufgrund von Nachtzulagen bedeutet einen hohen Anreiz für eine ungesunde Schichtgestaltung und dürfte den Ausstieg aus diesen Formen der Schichtarbeit deutlich erschweren. Arbeit an Sonnund Feiertagen sowie in der Nacht wird in der Regel mit finanziellen Zuschlägen versehen, die per Gesetz, Tarifvertrag, Betriebsvereinbarung oder Arbeitsvertrag geregelt sein können. Diese Zuschläge werden zudem durch das Steuerund Sozialversicherungsrecht begünstigt und machen dadurch belastende Arbeitszeiten besonders attraktiv für die Beschäftigten ( Gärtner et al. 2014 ). Die monetäre Kompensation belastender Arbeitszeiten ist aus ergonomischer Sicht in hohem Maße problematisch, da erstens die Belastung nur durch Erholung – möglichst direkt im Anschluss an die Belastung – kompensiert werden kann und zweitens die finanziellen Anreize dazu führen, dass die Beschäftigten freiwillig oder aus finanziellen Zwängen ungesunde Arbeitszeiten und Überstunden befürworten. Wie kann also die erhöhte Belastung durch Schichtarbeit aus ergonomischer und sozialer Sicht angemessen kompensiert werden? Der Zeitausgleich ( z. B. Faktorisierung von Zeitzuschlägen, Reduktion der Wochenarbeitszeit bei belastenden Arbeitszeiten ) anstelle des finanziellen Ausgleichs würde sowohl Zeit zur Erholung als auch für soziale Aktivitäten ermöglichen. In verschiedenen Feldstudien konnten positive Effekte einer Arbeitszeitverkürzung nachgewiesen werden: In einer österreichischen Stahlproduktion senkte sich der Krankenstand nach einer Arbeitszeitreduktion von 38,5 auf 34,4 Wochenstunden mit teilweisem Lohnausgleich deutlich ( Pfeil et al. 2014 ). Auch eine schwedische Studie zeigte nach einer Reduktion auf 75 Prozent der wöchentlichen Arbeitszeit signifikante Verbesserungen von Schlaf, Stressempfinden und Müdigkeit ( Schiller et al. 2017 ). Dass diese Effekte langfristig wirksam waren, zeigen die positiven Ergebnisse über Zeiträume von 18 Monaten ( Schiller et al. 2017 ) bis zu 6 Jahren nach der Intervention ( Pfeil et al. 2014 ). Der in der Praxis schon teilweise genutzte Ansatz der Faktorisierung von Zeitzuschlägen ( Zuschläge und Zulagen werden nicht in Geld, sondern in Zeit gutgeschrieben ) kann z. B. in kürzeren Wochenarbeitszeiten oder in Plusstunden resultieren, die dann zeitnah zur Belastung abgebaut werden können. In Tabelle 1 ist eine beispielhafte Simulationsrechnung dargestellt, die ausgehend von der wöchentlichen Normalarbeitszeit von 38,5 Stunden zeigt, wie die Anrechnung der Zulagen für Spätschicht, Nachtarbeit, Schmutz, Erschwernis und Gefahren zur Arbeitszeitverkürzung aussehen könnte. Bei reiner Nachtarbeit von Montag bis Freitag ergibt sich bei einem Stundensatz von 16 Euro und einer Berücksichtigung der Zulagen für Schmutz, Erschwernis und Gefahren ( in Österreich ) eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von 31,66 Stunden; am Wochenende könnte die Arbeitszeit noch weiter verkürzt werden. Statt einer Auszahlung der Schichtund sonstigen Zulagen würde also Teilzeit bei einer Entlohnung für Vollzeitarbeit stattfinden. 6 Zur Sensibilisierungsphase siehe das Kapitel »Schichtarbeit im Erwerbsverlauf« ( S. 7 ).
Nr. 3, Forschungsförderung Report · März 2018 · Seite 17 Auf diesem Ansatz aufbauend entwickelten Gärtner et al. ( 2017 ) den »Time Compensation Calculator 1.0«, der die Berechnung einer zeitlichen Kompensation anhand von eingegebenen tatsächlichen Arbeitszeiten ermöglicht. Zur Abschätzung der Risiken bestimmter Arbeitszeitmuster wurden bestehende Risikorechner wie der »Fatigue and Risk Index«7 ( Spencer et al. 2006 ), das Tool »Arbeitszeiten online bewerten«8 der »Initiative Neue Qualität der Arbeit« ( INQA; Dittmar et al. 2010) und der soziale Rhythmus wertvoller Freizeit nach Hinnenberg et al. 2009 integriert. Der »Time Compensation Calculator« befindet sich noch in der Entwicklung, erlaubt aber bereits die Eingabe bzw. den Import tatsächlicher Arbeitszeiten ( z. B. aus der Anwesenheitserfassung ) und die darauf basierende Risikoberechnung für Unfallrisiko, Schlafstörungen und Magen-Darm-Probleme sowie soziale Beeinträchtigungen. Durch den Vergleich mit dem Beeinträchtigungsniveau der Referenzgruppe in Tagarbeit unter der Woche lässt sich die notwendige Arbeitszeitreduktion ermitteln. Dabei wird vom höchsten Risikowert ausgegangen – wenn z. B. ein Arbeitszeitmuster hohe Werte bezüglich gesundheitlicher Risiken und weniger hohe Werte bezüglich Unfallund sozialen Risikos erzielt, wird die Arbeitszeitreduktion basierend auf dem gesundheitlichen Risiko berechnet. 7 http://www.hse.gov.uk/research/rrhtm/rr446.htm 8 http://inqa.gawo-ev.de/cms/index.php?page= gefaehrdungsbeurteilung ( Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Reports war das Tool nicht verfügbar. ) Zuschlag pro Stunde Was wird angerechnet? Spätschicht im Wechseldienst 0,45 Euro 2,8 % × × Nacht 1,91 Euro 11,9 % × × Schmutz 0,52 Euro 3,2 % × × Erschwernis 0,52 Euro 3,2 % × × Gefahren 0,52 Euro 3,2 % × × Die tatsächliche Wochenarbeitszeit ließe sich bei Anrechnung der entsprechenden Zuschläge in Zeit reduzieren auf: 37,44 h 34,33 h 34,40 h 31,66 h Quelle: eigene Berechnung Tabelle 1 Umrechnung von Zulagen in Zeit ( Simulationsrechnung am Beispiel des österreichischen Rahmenkollektivvertrages für die eisenund metallerzeugende und -verarbeitende Industrie; Nacht als Dauernacht gerechnet; Vollzeit 38,5 Stunden ) Stundensatz: 16 Euro Welche Kompensation für belastende Arbeitszeit ist angemessen? Die Frage, wie viel Zeit für welche belastenden Arbeitszeiten als angemessene Kompensation gelten kann, ist schwer zu beantworten und unterliegt in der Praxis Aushandlungsprozessen. Ein arbeitswissenschaftlicher Ansatz von Arlinghaus und Nachreiner ( 2017 ) ist ein anhand von Befragungsdaten aus Europa erstelltes Rechenmodell, das eine Abschätzung liefert, wie stark die wöchentliche Arbeitszeit bei regelmäßiger Abendund Wochenendarbeit reduziert werden müsste, um ein Beeinträchtigungsniveau zu erreichen, das dem ohne Abendund Wochenendarbeit vergleichbar ist. Dazu wurde bei Personen mit und ohne regelmäßige Abendund Wochenendarbeit die Häufigkeit der berichteten arbeitsbezogenen Beeinträchtigungen verglichen und zusätzlich per Simulation berechnet, auf welchem Level der wöchentlichen Arbeitszeit beide Gruppen mit gleicher Häufigkeit Beeinträchtigungen angaben. In Abbildung 6 ist dargestellt, dass 60 Prozent der Personen mit Abendund Wochenendarbeit bei knapp 23 Wochenstunden keine Beeinträchtigungen berichten, während Personen ohne Abendund Wochenendarbeit beim gleichen Beeinträchtigungsniveau durchschnittlich 40 Wochenstunden arbeiten. Der Unterschied liegt hier also bei ca. 17 Wochenstunden, wobei bereits eine Reihe von Tätigkeitsund Arbeitszeitmerkmalen sowie individuelle Unterschiede ( z. B. Alter, Geschlecht ) berücksichtigt wurden.
Nr. 3, Forschungsförderung Report · März 2018 · Seite 18 WAS IST BEI DER EINFÜHRUNG NEUER SCHICHTMODELLE ZU BEACHTEN? sehen? Eine Gefährdungsbeurteilung kann dabei helfen, die Risiken zu ermitteln und zu beurteilen. Außerdem gibt es verschiedene Screening-Tools, die problematische Aspekte bei Arbeitszeiten aufzeigen können, z. B. den Arbeitszeit-TÜV der IG Metall ( https://w w w.gesunde-arbeitszeiten.de ). Im Zuge eines gemeinsamen Vorgehens ( z. B. Planungsworkshops mit Leitung, Personalvertretung, Schichtarbeitenden, Administration u. a. ) können dann Schichtmodelle entwickelt werden, die hinsichtlich der Ergonomie, des betrieblichen Bedarfs und der Interessen der Mitarbeiter/innen optimiert werden ( Abbildung 7 ). Eine wichtige Bedingung für das Gelingen ist dabei die gute und gezielte betriebliche Kommunikation über das Vorgehen und entwickelte Alternativen. Zur Erhöhung der Akzeptanz hat sich zudem ein Pilotbetrieb bewährt ( z. B. beschränkt auf ein Jahr und / oder eine freiwilligen Abteilung / einen Bereich ), in dessen Nachgang Pro und Kontra des neuen Schichtplans evaluiert und ggf. noch einmal Anpassungen vorgenommen werden können. Eine Umstellung von Schichtplänen oder Arbeitszeitmodellen ist fast immer mit anfänglichen Widerständen seitens der Belegschaft verbunden. Einerseits greift eine Veränderung der Arbeitszeitgestaltung tief in das Privatleben der Beschäftigten ein; zudem besteht bei einer Veränderung das – befürchtete oder tatsächliche – Risiko von künftigen Nachteilen hinsichtlich höherer Komplexität, schwieriger Administration oder auch des individuellen Verlusts von Kontrolle oder Einfluss ( Gärtner et al. 2008 ). Andererseits sind viele Schichtarbeitende auch in arbeitswissenschaftlich als ungünstig beurteilten Systemen der Meinung, ganz gut damit zurechtzukommen. Die Veränderung von Arbeitszeitmodellen sollte daher als Change-Management-Prozess betrachtet werden, bei dem Information und Einbezug der Betroffenen von Anfang an sehr wichtig sind. Einen guten Einstieg kann eine Analyse der Ausgangssituation bieten: Passen die Arbeitszeiten zum betrieblichen Bedarf? Wo werden Vorund Nachteile des aktuellen Schichtplans für alle Beteiligten ge- < 15 15–19 20–24 25–29 30–34 35–39 40–44 45–49 Quelle: Arlinghaus / Nachreiner 2017 Wochenarbeitszeit (Stunden) keine Abendund Wochenendarbeit Abendund Wochenendarbeit 50–54 55–59 60–64 >64 Abbildung 6 Häufigkeit von gesundheitlichen Beeinträchtigungen in Abhängigkeit von Abendund Wochenendarbeit sowie der wöchentlichen Arbeitszeit 90 % 80 % 70 % 60 % 50 % 40 % 30 % 20 % 10 % 0 % Beeinträchtigungsfreiheit ca. 17 Stunden
Nr. 3, Forschungsförderung Report · März 2018 · Seite 19 WENN SIE JEMANDEN FRAGEN, DANN GIBT ES IMMER NUR DAS SCHICHTDIENSTMODELL, WAS ER GERADE MACHT, DAS IST DAS NONPLUSULTRA. ALLES ANDERE TAUGT NICHTS. SIE KÖNNEN JETZT HIER JEMANDEM SAGEN: »DU MUSST IM DRITTELDIENST ARBEITEN.« ICH KANN IHNEN SAGEN, DA BRICHT MORGEN DIE WELT ZUSAMMEN! WENN PERSONALABTEILUNG UND BETRIEBSRAT SAGEN: »WIR HABEN SO EINEN RIESEN-KNACKPUNKT IN DER EINSCHICHTUNG«, DANN MUSS MAN EIN BISSCHEN ROTIEREN, TAUSCHEN, WEIL … DIE MITARBEITER HABEN JA AUCH ALLE IHRE RECHTE UND HABEN FAHRGEMEINSCHAFTEN UND WOLLEN DAS VIELLEICHT AUCH GAR NICHT, WEIL SIE SICH WOHLFÜHLEN.
Nr. 3, Forschungsförderung Report · März 2018 · Seite 20 Um diese Schritte mit der notwendigen Diskussion zu bewältigen, ist viel Zeit erforderlich. Eine zu schnelle Planung kann vorzeitig zu Ablehnung interessanter Alternativen führen oder aufgrund unzureichender Diskussionsmöglichkeiten große Widerstände produzieren. Darüber hinaus sollte ein neues Schichtmodell für mindestens sechs bis zwölf Monate ausprobiert werden, da Umstellung und Gewöhnung viel Zeit in Anspruch nehmen und positive Effekte hinsichtlich Gesundheit und Sozialleben oft erst nach einem längeren Zeitraum auftreten bzw. wahrgenommen werden. Abbildung 7 Von der Analyse zu konkreten Dienstplänen – Schema des Kreislaufs einer bedarfsorientierten Personalplanung Quelle: eigene Darstellung Personalbedarf bestimmen Wie viele Personen benötigen wir zu jedem Zeitpunkt? Analyse und Forecast 1 Dienste modellieren Gestaltung von Diensten zur Abdeckung des Personalbedarfs. Reservebedarf 2 Dienstpläne entwickeln Verteilung der in Schritt 2 erarbeiteten Dienste auf Beschäftigte. Rahmen und BVs 3 Laufend steuern & optimieren automatisiertes Monitoring und zeitnahe Reaktion auf Veränderungen 4
Nr. 3, Forschungsförderung Report · März 2018 · Seite 21 FAZIT Weder gibt es den optimalen Schichtplan für alle Menschen noch sind Schichtsysteme per se stark be ein trächtigend. Vielmehr können Beeinträchtigungen durch eine gesunde und sozialverträgliche Arbeitszeitgestaltung minimiert und Gestaltungsspielräume auch für die Beschäftigten geschaffen werden. Wichtige Stellschrauben sind dabei: die Berücksichtigung arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse, d. h. schnell vorwärts rotierende Schichtpläne mit nicht zu hoher und der Belastung angemessener Dauer der Arbeitszeit, Minimierung von Nachtarbeit, eine gute Pausengestaltung, genügend Ruhezeit, planbare und vorhersehbare Arbeitszeiten; die Anpassung von Produktionsabläufen und Arbeitsorganisation, um Nachtarbeitende zu entlasten oder belastende Schichten zu vermeiden; die Ermöglichung von Zeitsouveränität, z. B. Wahl zwischen verschiedenen Schichtplänen, Gleitzeit, Reduktion oder Erhöhung von Arbeitszeit; Kompensation der Belastung in Zeit statt in Geld; ein kontinuierlicher Prozess der Evaluation und Anpassung der Schichtmodelle sowohl im Hinblick auf betriebliche Erfordernisse als auch auf die Gesundheit und Interessen der Beschäftigten. Bei der Gestaltung ergonomischer Schichtpläne können spezielle Software-Tools für die Schichtund Rahmenplanung helfen. Diese können unter anderem eine hohe Komplexität in der Planung berücksichtigen, die Einhaltung arbeitswissenschaftlicher Empfehlungen ( z. B. maximal drei Nachtschichten in Folge ) sowie rechtlicher Bedingungen ( z. B. Ruhezeiten, Höchstgrenzen für die Arbeitszeitdauer ) prüfen, mittels Algorithmen Vorschläge für günstige Schichtfolgen erstellen und die partizipative Entwicklung in Arbeitsgruppen unterstützen. Schichtarbeit im Mitbestimmungsportal der Hans-Böckler-Stiftung Hinweise für die Gestaltung von Schichtarbeitund Durchführung von Gefährdungsbeurteilungen finden sich auch auf dem HBS-Mit bestimmungsportal. https://www.mitbestimmung.de/html/wasempfiehlt-die-wissenschaft-3655.html Vorankündigung Im März 2018 plant die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e. V. ( DGAUM ) die Veröffentlichung einer neuen Leitlinie zur Schichtarbeit. Software-Tools Software-Tools zur Erstellung von Schichtund Rahmenplänen sind z. B. – XIMES SPA (Shift Plan Assistant, www.ximes.com ) – BASS 5 www.gawo-ev.de – D&S Schichtund Personalplaner www.online-arbeitszeitberatung.de
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IMPRESSUM Herausgeber © Hans-Böckler-Stiftung Hans-Böckler-Straße 39 40476 Düsseldorf www.boeckler.de Lektorat Jürgen Hahnemann • sprach-bild.de Satz Manja Hellpap, Berlin Düsseldorf, März 2018 ISSN 2511-6177 »Schichtarbeit gesund und sozialverträglich gestalten« von Anna Arlinghaus und Yvonne Lott ist lizenziert unter Creative Commons Attribution 4.0 ( BY ). Diese Lizenz erlaubt unter Voraussetzung der Namensnennung des Urhebers die Bearbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung des Materials in jedem Format oder Medium für beliebige Zwecke, auch kommerziell. ( Lizenztext: https://creativecommons. org/licenses/by/4.0/de/legalcode ) Die Bedingungen der CreativeCommonsLizenz gelten nur für Originalmaterial. Die Wieder verwendung von Material aus anderen Quellen ( gekennzeichnet mit Quellenangabe ) wie z. B. von Schaubildern, Abbildungen, Fotos und Textauszügen erfordert ggf. weitere Nutzungsgeneh migungen durch den jeweiligen Rechteinhaber. Schichtarbeit kann Gesundheit und Sozialleben der Beschäftigten beeinträchtigen und so die Lebensqualität mindern und zu Erwerbsunterbrechungen sowie kürzeren Erwerbsverläufen führen. Schichtarbeit ist aber nicht gleich Schichtarbeit, denn sie führt nicht bei allen Beschäftigten zu gesundheitlichen Problemen und sozialer Isolation. Unter welchen Bedingungen beeinträchtigt Schichtarbeit Gesundheit und Sozialleben? Wie können Schichtsysteme gesund und sozialverträglich gestaltet werden? Antworten auf diese Fragen liefert der vorliegende Report. WWW.BOECKLER.DE