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[Rezension] Hybridität und Ökonomie

Hellmann, Kai-Uwe

Abstract

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Hellmann, Kai-Uwe Book Review — Published Version [Rezension] Hybridität und Ökonomie KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Hellmann, Kai-Uwe (2023) : [Rezension] Hybridität und Ökonomie, KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, ISSN 1861-891X, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, Vol. 75, Iss. 3, pp. 379-383, https://doi.org/10.1007/s11577-023-00913-3 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/309800 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Oktober 2023 © The Author(s) 2023 Piorkowsky, Michael-Burkhard: Hybride ökonomische Akteure und Organisationen. Anomalien, Normalität oder Artefakte – eine Annäherung. Wiesbaden: Springer: Gabler 2023. 241 Seiten. ISBN: 978-3-658-40302-7. Preis: C39,99. So wie jüngst über ChatGPT und Künstliche Intelligenz allerorts gesprochen und gestritten wird, gibt es weitere Schlagwörter, die in der jüngeren Vergangenheit große Aufmerksamkeit erfahren haben. Hierzu gehört zweifelsohne Hybridität. Allzu vertraut, wenn etwa vom Hybridantrieb eines Prius von Toyota die Rede war. Selbst in den Sozialwissenschaften hat dieses Wort, welches ursprünglich der Biologie entstammt, längst Einzug gehalten und macht hier fächerübergreifend Furore. So findet diese Bezeichnung, ob als Adjektiv „hybrid“ oder Substantivsilbe „Hybrid“ zum Einsatz kommend, in den Wirtschaftswissenschaften sowohl für die Produktionsals auch für die Konsumtionsseite rege Verwendung. Gleichwohl ist die Bedeutung nicht immer ganz eindeutig und eine systematische Analyse der Wortverwendungen lag für diese Fächer bislang nicht vor. Dies zu ändern war die schon länger gehegte Absicht von Michael-Burkhard Piorkowsky, der sich als Haushaltsökonom rund dreißig Jahre mit dem hybriden Phänomen der „Haushalts-Unternehmens-Komplexe“ beschäftigt hat, und mit seinem neuen Buch „Hybride ökonomische Akteure und Organisationen“ hat er dieses Vorhaben jetzt weitestgehend eingelöst. Denn Haushalte bieten sich als Prototyp zur Veranschaulichung von Hybridität geradezu an, weil jeder Haushalt, historisch betrachtet ohnehin, man denke nur an „Das ganze Haus“ von Otto Brunner, von einer grundlegenden Zirkularität zwischen Produktion und Konsumtion geprägt ist. K.-U. Hellmann Institut für Soziologie, TU Berlin Fraunhoferstr. 33, 10587 Berlin, Deutschland E-Mail: [email protected] K 380 K.-U. Hellmann Insbesondere vormoderne Haushalte, in denen vorwiegend konsumiert wird, was durch eigener Hände Arbeit selbst produziert wurde, zeichnen sich, dank dieser Hybridität, häufig durch nahezu vollständige wirtschaftliche Autarkie aus. Nicht zuletzt deshalb stellen sie gegenwärtig auch ein Urmodell für eine gelungene Subsistenzund Kreislaufwirtschaft dar. Piorkowsky geht in seiner aktuellen Analyse in drei Schritten vor. Nach einer Einleitung, die der Bedeutung und Geschichte des Wortes „Hybridität“ nachspürt, wendet er sich im zweiten Schritt „Hybriden Akteuren in, zwischen und neben den ökonomischen Funktionsrollen als Konsumenten und Erwerbstätigen“ zu, während im dritten und letzten Kapitel „Hybride Organisationen in und zwischen den ökonomischen Sektoren Haushalte, Unternehmen, Verbände und Staat“ problemgleich untersucht werden. Jeder einzelne Abschnitt ist nochmals in einen Dreierschritt unterteilt, indem zuerst „begriffliche und theoretische Grundlagen“ erörtert, dann „empirische Anhaltspunkte, Hinweise und Befunde“ aufgezeigt und schließlich eine „Würdigung der Argumente und empirischen Erkenntnisse“ vorgenommen werden – eine didaktisch allemal hilfreiche Vorgehensweise, weil sie die Vergleichbarkeit fördert. Da echte Expertise des Rezensenten allenfalls bei der Behandlung der Funktionsrollen des Verbrauchers liegt, wird hier, ähnlich wie Lucia A. Reisch es in ihrer sehr wohlwollenden Besprechung von Piorkowskys Buch im Journal of Consumer Policy vor kurzem getan hat, nur auf das mittlere Kapitel Bezug genommen, zumal das Muster der Behandlung von Hybridphänomenen für beide Hauptteile von Piorkowsky konsequent durchgehalten wird. Für die Analyse von Verbrauchern und Verbraucherverhalten, welche in der laufenden Verbrauchsund Verbraucherforschung als hybrid bezeichnet werden, unterscheidet Piorkowsky zunächst fünf Typen. Den Anfang macht der Typus des „Verbraucher-Vagabunden“, auch als „hybrider Käufer“ oder „Smart Shopper“ bezeichnet, der entgegen älteren Lehrmeinungen zwischen Grundbedarf und Luxuskonsum, zwei im Prinzip unterschiedliche Kaufund Konsumrationalitäten, für die auch unterschiedlichen Ressourcen, zumindest unterschiedliche Einkommen und Geschmäcker benötigt werden, nicht mehr strikt trennt, sondern beides gleichermaßen schätzt und bei Aldi ebenso einkaufen geht wie im KADEWE. Der zweite Typus ist der „Verbraucher-Produzent“, wofür sich inzwischen die Prosumentenforschung im Sinne von Alvin Toffler profiliert hat, welcher sich dadurch auszeichnet, dass er sich nicht mit reinem Konsum begnügt, sondern aktiv an der Produktion entsprechender Sachwie Dienstleistungen mitwirkt, wofür es im Prinzip ebenfalls unterschiedlicher Kompetenzen und Rationalitäten bedarf. Damit verwandt ist der dritte Typus des „Verbraucher-Mitarbeiters“, auch „Mitarbeitender Kunde“ genannt, wie von Günter G. Voß und Kerstin Rieder 2005 eingeführt, der regelrecht Arbeit verrichtet, um das dadurch Mit-Produzierte anschließend selber konsumieren zu können. Der vierte Typus des „Verbraucher-Bürgers“, in der internationalen Verbrauchsund Verbraucherforschung unter dem Label „citizen-consumer“ oder „consumer-citizen“ bekannt geworden, erscheint insofern hybrid, als sich hier die ökonomische Konsumlogik mit der politischen Bürgerlogik zu paaren scheint, quasi Eigennutz mit Gemeinwohl einen Handel eingehen, was mitnichten auf der Hand liegt und ohne weiteres glatt läuft. Und der fünfte Typus des „Verbraucher-UnK Hybridität und Ökonomie 381 ternehmers“, von Piorkowsky auch als „Conpreneur“ bezeichnet, von ihm selbst entwickelt, kommt vor allem bei der Erforschung von Plattformökonomien, Stichwort „ebay“, zur Geltung. Ergänzt werden diese fünf Typen durch Piorkowsky um zwei weitere, nämlich „Portfolio-Erwerbstätige“, sogenannte „Hybride Selbstständige“, und „Selbstständige Arbeitnehmer“, Stichwort „Arbeitskraftunternehmer“, eine Sozialfigur, wie sie von Voß und Hans J. Pongratz 1998 zur Diskussion gestellt wurde. Begleitet man Piorkowskys bisweilen etwas deskriptiv gehaltenen, mitunter einer Inventarisierung gleichenden Klärungsund Nachweisprozess nun peu à peu, wird man nicht völlig davon überrascht sein, wenn im Resümee (S. 121ff.) dieses Wettbewerbs kaum einer der ersten fünf Typen, die in der bisherigen Verbrauchsund Verbraucherforschung wiederholt als Hybride beschrieben wurden, nach Piorkowskys Bewertung tatsächlich auch als Hybride noch ins Ziel kommen, zumindest nicht in einem starken Sinne. Höchstens beim „Verbraucher-Bürger“ gesteht Piorkowsky schwach ausgeprägte Hybridität zu, ebenso für den „Verbraucher-Unternehmer“, weil in beiden Fällen echte „Mischungen von Rationalität und Ressourcen“ (S. 124) aus unterschiedlichen Sektoren vorliegen würden, während „VerbraucherVagabunden“, „Verbraucher-Produzenten“ und „Verbraucher-Mitarbeiter“, die ja allesamt Haushalten entspringen, welche per definitionem durch eine fast primordial geartete (hybride) Interdependenz von Produktion und Konsumtion gekennzeichnet seien, im Prinzip nichts Neues tun, insofern sie nicht wirklich hybrid seien, weil es für Haushalte per se normal wäre, wie Hybride zu funktionieren. Deswegen falle es nicht weiter ins Gewicht und könne sozusagen vernachlässigt werden. Dieser Argumentation kann man durchaus zuneigen. Denn in der Tat lässt sich kein Haushalt denken, der völlig auf (passive) Konsumtion reduziert werden kann, selbst wenn nur Fertigprodukte verzehrt werden sollten. Denn auch diese müssen eingekauft, ausgepackt und aufgewärmt oder anderweitig zubereitet werden, um verzehrt oder anderweitig verwendet werden zu können. Insofern werden Verbrauchsakte, deren Stammort der Haushalt zweifelsohne ist, immerzu von irgendeiner Art von Aktivität begleitet und zeigen damit durchweg Charakterzüge des Produktiven. Allein, wenn doch jeder Haushalt schon von sich aus ein hybrides Konstrukt darstellt, weil Produktion wie Konsumtion in ihm gleichermaßen praktiziert werden (die jeweiligen Proportionen mal außen vorgelassen): Weshalb erscheint dieser Hybriditätsgrad dann kaum mehr der Rede wert? Schlicht weil dieser Umstand zu normal geworden ist? Hier setzt eine grundsätzliche Kritik an. Wenn von Hybridität die Rede ist, dann geht es, wie Piorkowsky eingangs feststellt, um Mischungen unterschiedlicher Ressourcen und Rationalitätsformen aus unterschiedlichen Sektoren (S. VI). Deren Unterschiedlichkeiten leiten sich somit aus der Unterschiedlichkeit solcher Sektoren ab. Offen bleibt dabei, wie eine eindeutige Identifikation und Qualifikation solcher Unterschiedlichkeiten gelingen kann, um dann von unterschiedlichen Rationalitäten und Ressourcen in relevantem Umfang sprechen zu können. Vorstellbar ist ja, dass solche Unterschiedlichkeiten größer oder kleiner ausfallen können, man denke nur an unterschiedliche, aber verwandte Dialekte im Deutschen oder die radikale Andersartigkeit zwischen Deutsch und Chinesisch. Auch sei sogleich zugestanden, dass von der Reinheit einer Struktur heutzutage generell kaum mehr gesprochen werden kann. Ausnahmen wären etwa die ungewöhnliche genetische Reinheit der Isländer, K 382 K.-U. Hellmann eine Art von Aoder Vorhybriditätszustand, der andernorts kaum mehr anzutreffen ist. Im Grunde hat man es generell nur noch mit „Bastarden“, d.h. mit biologischen oder kulturellen Mischungen zu tun, mehr oder weniger, je nachdem, was als Vergleichsmaßstab zugrunde gelegt wird, abhängig davon, wie sensibel man auch kleinste Unterschiede noch zu registrieren bereit und imstande ist. Insofern scheint Hybridität längst so normal geworden zu sein, dass man oft gar nicht mehr darüber spricht. Das aber wirft die weitere Frage auf: Wie lange dauert es, bis Hybridität, als Mutation evolutionär erstmals auftretend, nicht mehr zum Thema wird? Ab wann hat man sich so sehr daran gewöhnt, bis es einem kaum mehr auffällt? Selbst wenn die Hybridität erhalten bleibt. Anders formuliert: Ab wann wird man unempfindlich für Unterschiede, die trotzdem noch da sind? Ab wann darf Hybridität ignoriert werden, selbst wenn sie in Spurenelementen immer noch nachweisbar wäre? Zwei Aspekte sind von daher mindestens zu klären, wenn es um die Bewertung der Relevanz oder Irrelevanz omnipräsenter Hybriditäten geht: Art und Grad der Unterschiedlichkeit der Ausgangskomponenten (Sektoren) und die Dauer der Vermischung und Gewöhnung (eine ähnliche Problematik zeigt sich übrigens bei der Identifikation sozialer Innovationen). Im Falle von Haushalten stellt sich demnach die nächste Frage: Wie unterschiedlich sind die Rationalitäten und Ressourcen von Konsumtion einerseits und Produktion andererseits einzuschätzen? Und wenn sich abzeichnen sollte, dass sich eine zunehmende Vermischung von Konsumtion und Produktion einstellt: Ist es allein diese Zunahme nicht gerade wert, dass man einen genaueren Vergleich von vorher und nachher anstrengt, um danach erst zu bewerten, ob das Neue noch immer so normal ist wie das Alte, als Neues somit keine weitere Beachtung verdient? Außerdem wäre zu berücksichtigen, wie sich Hybridität und Emergenz zueinander verhalten: Während die Rede von Hybridität immerhin noch eine Differenz markiert und als solche sichtbar hält, sollte diese auch als irrelevant behandelt werden, taucht mit der Rede von Emergenz doch ein Effekt auf, der auf Differenz, auf heterogenes Bezug nimmt und dieses sogar zwingend voraussetzt, aber definitiv darüber hinaus geht und auf Einheit setzt. Denn bezeichnet Emergenz eine Form der Vermischung, die so viel Neues schafft, dass diese neue, plötzlich auftauchende Ordnung durch keinen Reduktionismus allein mehr erklärt werden kann und ihre Ausgangskomponenten (Sektorenprovenienz) tendenziell, als eine ,Realität sui generis‘ (Émile Durkheim) im Sinne der Aristotelischen Formal: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, sogar überlagert und verbirgt. Für diesen Fall sollte wohl nicht mehr von Hybridität, sondern von Singularität gesprochen werden. Aber das hatte Piorkowsky wohl kaum im Sinn. Bezogen auf die inzwischen erstaunliche Häufigkeit der Identifikation neuer Hybridisierungen ist es sicher heilsam, wenn man gegenüber diesem Trend einen Schritt zurücktritt und dieser Mode mit gehöriger Distanz kritisch begegnet. Dies ist Piorkowsky in seinem neuen Buch vorzüglich gelungen: einen Sinn für mehr Skepsis und Vorwie Rücksicht zu wecken. Zugleich bleibt zu klären, nach welchen Kriterien eine Einordnung von Hybridität als Normalität, die mithin keiner weiteren Beachtung mehr wert ist, oder als Anomalie, bei der man nochmals genauer hinschauen sollte, methodisch-theoretisch kontrolliert vorzunehmen ist. Hier bleibt noch einiges zu tun. K Hybridität und Ökonomie 383 Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/ licenses/by/4.0/deed.de. Kai-Uwe Hellmann Dr., apl. Professor für Konsumund Wirtschaftssoziologie an der TU Berlin. Forschungsschwerpunkte: Konsumund Wirtschaftssoziologie, Militärund Organisationssoziologie, Gesellschaftsund Systemtheorie. Aktuelle Publikationen: Marke, Nachhaltigkeit und Verbraucherpolitik. Die Gewährleistungsmarke im Spannungsfeld zwischen Unternehmen, Konsumenten und Regierung. BadenBaden 2022 (mit D.-M. Boltz, M. Bruhn und A. Gröppel-Klein); Hygge, Hedonismus und solche Sachen. Zur Konstruktion moderner Konsumtion. In: Konsumvergnügen. Die populäre Kultur und der Konsum, Hrsg. D. Hohnsträter und S. Krankenhagen. Berlin 2022; Ästhetik des Krieges? (Konsum-) Soziologische Anmerkungen. In : Philosophie des Krieges, Hrsg. M. Elbe. Wiesbaden 2022. K