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Die Zeitschrift "Raumforschung und Raumordnung" (RuR) von 1936 bis 1944 als Medium akademischer Forschung im "Dritten Reich"

Werner, Oliver

Abstract

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Werner, Oliver Article Die Zeitschrift "Raumforschung und Raumordnung" (RuR) von 1936 bis 1944 als Medium akademischer Forschung im "Dritten Reich" Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning Provided in Cooperation with: Leibniz-Forschungsnetzwerk "R – Räumliches Wissen für Gesellschaft und Umwelt | Spatial Knowledge for Society and Environment" Suggested Citation: Werner, Oliver (2023) : Die Zeitschrift "Raumforschung und Raumordnung" (RuR) von 1936 bis 1944 als Medium akademischer Forschung im "Dritten Reich", Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning, ISSN 1869-4179, oekom verlag, München, Vol. 81, Iss. 1, pp. 5-19, https://doi.org/10.14512/rur.148 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/272182 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Mit ihren thematischenSchwerpunktsetzungen entsprechendder territorialenExpansion des „Dritten Reiches“und durch eine enge Orientierung der Artikelauswahl an den Erfordernissen der nationalsozialistischen Eroberungsund Besatzungspolitik erfüllte die Zeitschrift eine wesentliche Anleitungsfunktion, die über die Publikation in die universitäre Forschungspraxis zurückwirkte. Dieser Beitrag thematisiert die Bedeutung der Zeitschrift für die Mobilisierung und Selbstmobilisierung akademischer Akteure sowie die Rolle von „Raumforschung und Raumordnung“ als Sprachrohr rassistischer, antisemitischer und kulturell abwertender Anschauungen, die eine wichtige Grundlage für den Völkermord an den europäischen Juden und die Zerstörung Ostmittelund Osteuropas im Zweiten Weltkriegbildeten. Dr. Oliver Werner, Böhmerstraße 2, 30173 Hannover, Deutschland [email protected] © 2022 by the author(s); licensee oekom. This Open Access article is published under a Creative Commons Attribution 4.0 International Licence (CC BY). Schlüsselwörter: Verhältnis von Wissenschaftund Politik im Nationalsozialismus Reichsarbeitsgemeinschaftfür Raumforschung Zeitschrift „Raumforschung und Raumordnung“ mediale Wissensvermittlung  kriegsbezogene Hochschulforschung The journal “Raumforschung und Raumordnung” (RuR) (1936 to 1944) as a medium for academic research in the Third Reich Abstract As journal of the “Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung”(Reich WorkingGroup for SpaceResearch), “RaumforschungundRaumordnung”communicatedpoliticalspecifications and academic guidelines of National Socialist science policy from 1936 onwards. The magazine regularly presented projects and research that had been carried out in the newly founded “Working Groups for Spatial Research” at the universities and colleges of the German Reich. With its thematic priorities corresponding to the territorial expansion of the “Third Reich” and through a close orientation in its selection of articles to the requirements of the National Socialist conquest and occupation policy, the journal fulfilled a relevant instructional function, which had a repercussing impact on university research practice. This paper addresses the importanceof thejournalfor the mobilization andself-mobilization of academic personnel as well as the role as a mouthpiece for racist, antisemitic, and culturally derogatory views, which were an important basis for the genocide of European Jews and the destruction of Central and Eastern Europeand Eastern Europe during the Second World War. Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2023) 81/1: 5–19 5 O. Werner Keywords: Science and politics in National Socialism  Reichsarbeitsgemeinschaftfür Raumforschung Journal “Raumforschung und Raumordnung” Medial transfer of knowledge War-related university research 1Einführung Das Verständnis von wissenschaftlicher Arbeit im Nationalsozialismus hat sich in den vergangenen 20 Jahren grundlegend gewandelt. Die bis dahin vorherrschende einfache Gegenüberstellung von „Wissenschaft“ und „Politik“ in getrennten Sphären war nicht zuletzt von den Rechtfertigungsmustern vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach 1945 geprägt worden, die den politischen Charakter ihrer Arbeit im „Dritten Reich“ pauschal als von außen kommende Fremdeinwirkungen beschrieben. Diese akademische Selbstentlastung ist allerdings schon früh als fadenscheinig erkannt worden. So warf die Physikerin Lise Meitner ihrem früheren Kollegen Otto Hahn im Juni 1945 vor, er und seine Kollegen hätten „auch alle für Nazi-Deutschland gearbeitet und [...] nie nur einen passiven Widerstand zu machen versucht“ (Deichmann 1995: 372). Aber die Vorstellung, eine an sich ,unpolitische‘ wissenschaftliche Arbeit sei nur durch Zwang mit dem nationalsozialistischen Regime ,verstrickt‘ gewesen, charakterisierte sehr lange das Bild von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im „Dritten Reich“. Zwei um die Jahrtausendwende begonnene wissenschaftsgeschichtliche Projektverbünde zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) und zur Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im nationalsozialistischen Deutschland haben ein neues Verständnis des Wechselverhältnisses von Wissenschaft und Politik befördert (Wagner 2021: 16–17). Der wissenschaftshistorische „Perspektivenwechsel“ rückte „Ressourcenkonstellationen“ ins Blickfeld, die grundsätzlich „ausgehandelt und nicht einseitig von ,der Politik‘ diktiert“ (Hachtmann 2008: 541) wurden. Mitchell Ash fasst in einem wegweisenden Aufsatz „Wissenschaft und Politik als Ressourcen füreinander“ und plädiert dafür, „wissenschaftliche Kontinuität und Wissenschaftswandel [...] als Fortsetzung bzw. als Umoder Neugestaltung von Ressourcenensembles zu begreifen“ (Ash 2002: 32). Damit erweiterte sich auch das Interpretationsspektrum für die Motive wissenschaftlichen Arbeitens im nationalsozialistischen Deutschland: Nicht allein die Anpassung an äußeren Druck, sondern stärker noch die Bereitschaft vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur „Selbstmobilisierung“ (Dinçkal/Dipper/Mares 2010)sowiedieWege und Dynamiken akademischer „Ressourcenmobilisierung“ (Flachowsky/Hachtmann/Schmaltz 2016) prägten aus heutiger Sicht die Verschränkung wissenschaftlicher Inhalte, akademischer Karrieren und politischer Einflüsse in der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik. Dieser Perspektivenwechsel lenkt den analytischen Fokus der Wissenschaftsgeschichte deutlicher als bisher auf die akademische und wissenschaftspolitische Kommunikation. Fachzeitschriften werden in den Ressourcenbeziehungen als Foren wissenschaftlicher Interessenpolitik verstanden. Sie „präsentieren und transportieren sowohl Hierarchien als auch Kommunikationsformen und tragen so zur Formierung professioneller und sozialer Strukturen und Öffentlichkeiten bei“ (Stöckel 2009: 10). Diese Prozesse werden „nicht ausschließlich durch wissenschaftliche Kriterien bestimmt, sondern durch soziale Gegebenheiten, Präferenzen und professionelle Hierarchien oder politische Konstellationen“ (Stöckel 2009: 10). Am Beispiel des seit 1931 zunächst unter anderem Namen erschienenen „Archivs für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik“ hat Sonja Schnitzler die Faktoren herausgearbeitet, die den politischen Einfluss und die kommunikativen Wechselwirkungen wissenschaftlicher Zeitschriften im Nationalsozialismus begünstigen konnten (Schnitzler 2012: 105–156). Grundsätzlich waren hier drei Faktoren von wesentlicher Bedeutung: ein inhaltlicher und methodischer Anschluss der wissenschaftlichen Arbeit an vom Regime favorisierte Perspektiven und Forschungsansätze, eine mindestens sprachliche Identifizierung mit den politischen Zielen des Regimes sowie die Kopplung der jeweiligen Zeitschrift an eine politisch protegierte Wissenschaftsorganisation. Vor diesem Hintergrund ist die 1936 erstmals erschienene Zeitschrift „Raumforschung und Raumordnung“ (RuR) geradezu ein Paradebeispiel für die wissenschaftliche und wissenschaftspublizistische Dynamik des „Dritten Reiches“. Die Zeitschrift bildete „das Organ der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung“ (RAG), die „mit ihren örtlichen Gliederungen an den deutschen Hochschulen die amtliche organisatorische Stelle für wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiete der Planungswissenschaft und Raumforschung“ (Vowinckel 1936) verkörperte. Im Folgenden wird die inhaltliche Entwicklung der Zeitschrift bis zum Sommer 1944 nachgezeichnet sowie deren Bedeutung für die von der RAG beanspruchte Forschungslenkung untersucht. Da keine Unterlagen der redaktionellen Arbeit erhalten sind und auch die Geschäftsakten der RAG den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden haben, stützt sich der Aufsatz hauptsächlich auf die vorliegenden Hefte der Zeitschrift aus den Jahren 1936 bis 1944 sowie auf einige Parallelüberlieferungen, die sich in Universitätsarchiven erhalten haben. Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Verhältnis zwischen den postulierten Zielen der Zeitschrift und der wissenschaftlichen und publizistischen Praxis. Zu diesen Zielen gehörten in erster Linie eine inhalt6Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2023) 81/1: 5–19 Die Zeitschrift„Raumforschung und Raumordnung“ (RuR) von 1936 bis 1944 als Medium akademischer ... Reichsstelle für Raumordnung (RfR) ↑Rechenschaft ↑↓ Kontrolle und Vorgaben ↓ Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG) ↑Projektanträge ↑↓ ↓ Mittelbewilligung und inhaltliche Anleitung 40 Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung (HAG) (1936) ↓ Bearbeitung raumwissenschaftlicher Projekte mit regionalem Bezug und politischer Nutzbarkeit an den einzelnen Hochschulen Abbildung1 SchematischerAufbauderOrganisationderakademischenRaumwissenschaften1935/1936 liche Steuerung der akademischen Raumforschung sowie die Nutzbarmachung wissenschaftlicher Ergebnisse für die „Raumordnung“, also die praktische Landesplanung. Insofern sollte schon der Titel der Zeitschrift – „Raumforschung und Raumordnung“ – durchaus programmatisch verstanden werden. 2 Die Ad-hoc-Etablierung einer Forschungsorganisation 1935/1936 Innerhalb von nur neun Monaten, vom Sommer 1935 bis zum Februar 1936, richtete das NS-Regime einen neuen institutionellen Rahmen für die akademische Raumforschung und die staatliche Landesplanung ein, der sich rasch einspielte und als Beispiel effektiver nationalsozialistischer Wissenschaftsorganisation gelten kann (Rössler 1990: 134–144). Im Umfeld raumpolitischer Rivalitäten und einer „sich bekämpfende[n] Wissenschaft“ (Wagner 2021: 166) gelang es erstaunlich schnell, „Auseinandersetzungen im Sinne zentraler Vorgaben zu instrumentalisieren und die Eigeninitiative energischer Akteure zu lenken“ (Werner 2022: 116–117). Der Erfolg erklärt sich zum Teil aus der großzügigen Ausstattung der neuen Institutionen mit finanziellen Ressourcen, die mit der engen personellen Anbindung an das Reichswissenschaftsministerium einherging (Leendertz 2008: 108–126). Zugleich zielte die Einrichtung auf die Raumund Siedlungspolitik, die „zu den höchsten politischen Werten nationalsozialistischer Politik“ (Mai 2002: 1) gehörte. Protagonist dieser Entwicklung war von Anfang an der Agrarwissenschaftler Konrad Meyer, der als zuverlässiger Nationalsozialist und bestens vernetzter Wissenschaftsfunktionär die politische Anleitung der Raumwissenschaftler verantwortete. Meyer, seit 1932 Mitglied der NSDAP und ein Jahr später auch Mitglied der SS, akkumulierte eine Vielzahl akademischer und wissenschaftspolitischer Funktionen im NS-Staat (Heinemann 2006: 48–50) und mit dem 1934 von ihm eingerichteten „landbaulichen Forschungsdienst“ verfügte er über eine erprobte Vorlage für die Bündelung und Lenkung wissenschaftlicher Hochschulforschung (Oberkrome 2009: 115–126), die sich unkompliziert auf die Raumforschung übertragen ließ. Während die im Juni 1935 eingerichtete „Reichsstelle für Raumordnung“ (RfR) die Aufsicht über die staatlichen Planungsinstanzen – insbesondere die neu eingerichteten Landesplanungsgemeinschaften – erhielt (Leendertz 2008: 111), sollte die RAG laut Erlass vom Dezember 1935 „die gesamte Raumforschung zusammenfassen“ und „in engster Zusammenarbeit und ständiger Fühlungnahme“ mit der RfR „die Wissenschaft für die Aufgaben der Raumordnung planvoll einsetzen“. Dafür wurde Mitte Februar 1936 vom „Reichswissenschaftsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung“ (REM) die Bildung örtlicher „Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung“ (HAG) angeordnet, die den Anspruch einer „einheitlichen Ausrichtung aller sich mit Raumforschung und Landesplanung befassenden Kräfte und Einrichtungen“1an jeder einzelnen Hochschule umsetzen sollten. Die HAG waren über Arbeitskreise mit den Landesplanungsgemeinschaften verbunden, um die Forschungsarbeiten an die jeweiligen regionalen Erfordernisse zu binden (Leendertz 2008: 117). Finanziert wurden die Forschungsarbeiten der HAG auf der Basis von bewilligten Forschungsanträgen (vgl. Abbildung 1). Die Berliner Geschäftsstelle der RAG beschäftigte nicht mehr als zehn hauptamtliche Mitarbeiter (Kornrumpf 1995: 81; Gutberger 2017: 98–99). Dieser kleine Stab verwaltete umfangreiche Finanzmittel und nahm über persönliche Beziehungen und akademische Netzwerke direkten Einfluss auf die Forschung. In der täglichen Praxis beriet die Geschäftsstelle Antragsteller zumeist schriftlich, schlug Verbesserungen bei abgelehnten Projekten vor, organisierte Arbeitstreffen von Wissenschaftlern verschiedener Hochschulen, die an ähnlichen Themen arbeiteten, und forderte schließlich die Ergebnisse ein. Die RAG erhielt als eigenes „Organ“ die Zeitschrift 1Vgl. „Die Bildung der örtlichen Arbeitsgemeinschaften“, Erlass des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung,Rust, vom15.Februar 1936.In: Raumforschung undRaumordnung 1, 1, 51. Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2023) 81/1: 5–19 7 O. Werner „Raumforschung und Raumordnung“, die „wesentlich dazu beitragen“ sollte, eine „ständige feste Verbindung zwischen Arbeitsgemeinschaften der Hochschulen, der Leitung der Reichsarbeitsgemeinschaft und der Planungspraxis zu vertiefen“. Das Fachorgan sollte „mithelfen, die wissenschaftlichen Kräfte in einer Weise zu mobilisieren, wie das bei der Dringlichkeit der Probleme erforderlich“ sei, und „damit die Wissenschaft in den Dienst der praktischen Aufgaben der Neuordnung von Volk und Raum“ stellen (Lehmann 1936: 22). Diese Zielsetzungen wurden auch durch die Entscheidung unterstrichen, „Raumforschung und Raumordnung“ im Kurt Vowinckel Verlag zu veröffentlichen, der bereits mit Publikationen wie der „Zeitschrift für Geopolitik“ und dem „Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik“ unter Beweis gestellt hatte, dass er die raumpolitischen Schwerpunktsetzungen des Regimes zu bedienen wusste. Kurt Vowinckel, Jahrgang 1895, hatte sich seit den 1920er-Jahren mit einschlägigen Veröffentlichungen im rechtsnationalen Lager einen Namen gemacht und profitierte nach der Machtergreifung publizistisch und persönlich von den neuen Machtverhältnissen, auch wenn er erst 1937 in die NSDAP eintrat (Schnitzler 2012: 180–185). Bereits das erste RuR-Heft, im Oktober 1936 veröffentlicht und als Werbung kostenlos an viele potenzielle Interessenten versandt, setzte in mehrfacher Hinsicht die Maßstäbe, nach denen in den folgenden Jahren akademische Raumforschung in der Zeitschrift repräsentiert werden sollte. Der Aufbau eines Heftes war einfach: Den Hauptteil bildeten „Aufsätze“, die wissenschaftliche Ergebnisse präsentierten oder politische Leitlinien formulierten. Dem folgten eine allgemeine Kurzberichte bietende „Umschau“, die konkrete Arbeit der RAG betreffende „Mitteilungen“, eine – in den ersten Heften detaillierte und dann nur noch kursorische – Darlegung rechtlicher Bestimmungen in „Recht und Verwaltung“ sowie schließlich die Rubrik „Schrifttum“, die „einen systematischen Überblick über die Neuerscheinungen des die Raumforschung und Planungswissenschaft interessierenden Schrifttums in Form von kritischen Besprechungen“2bieten sollte. Die Rubriken „Umschau“ und „Mitteilungen“ wurden in den kommenden Jahrgängen den Erfordernissen entsprechend ausdifferenziert: Die Umschau erhielt ab Heft 2/1939 die Unterrubrik „Aus der Forschung“, in der Forschungsarbeiten skizziert wurden, und in den „Mitteilungen“ wurde die Rubrik „Ausland“ von den Berichten aus dem Deutschen Reich abgetrennt. 2Vgl. Raumforschung und Raumordnung 1, 1, 52. 3 Personelle und inhaltliche Beziehungen zwischen der Reichsarbeitsgemeinschaft und ihrem Fachorgan „Raumforschung und Raumordnung“ Chefredakteur – in der Sprache der Zeit „Hauptschriftleiter“ – wurde Frank Glatzel. 1892 geboren, war er in der Jugendbewegung aktiv gewesen und wurde nach dem Ersten Weltkrieg zunächst Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), bevor er von 1930 bis 1932 für die Deutsche Volkspartei (DVP) im Reichstag saß. 1937 trat er der NSDAP bei. Als RuR-Hauptschriftleiter übte er nicht nur durch die Auswahl der Beiträge, sondern auch durch unzählige Berichte etwa über die Arbeitstagungen der RAG einen sehr großen Einfluss auf die inhaltliche Schwerpunktsetzung der Zeitschrift aus. Glatzels Einfluss kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, da er eng mit der Geschäftsführung der RAG zusammenarbeitete und über die redaktionelle Korrespondenz faktisch mit allen deutschen Raumforschern im Austausch stand (Werner 2022: 121). Die beiden leitenden Funktionäre der RAG, ihr erster „Obmann“ Konrad Meyer und ihr Geschäftsführer Friedrich Bülow, spielten für die Entwicklung der Zeitschrift ebenfalls eine maßgebliche Rolle. Konrad Meyer, Jahrgang 1901, wurde 1934 Professor in Berlin und veröffentlichte bis 1944 in RuR insgesamt 15 Beiträge, neben Geleitworten zumeist grundsätzliche Erörterungen etwa zur „Raumforschung im Dienste der deutschen Lebensordnung“ (Meyer 1938b) oder über „Planung und Ostaufbau“ (Meyer 1941). Friedrich Bülow, Jahrgang 1890 und NSDAP-Mitglied seit 1933, nutzte als Volkswirtschaftler die Möglichkeiten, um seine „volksorganische Standortslehre“, die er als antiliberale Gemengelage scharf von Alfred Webers volkswirtschaftlicher Standorttheorie abgrenzte, in unterschiedlichen Zusammenhängen zu propagieren und damit die theoretische Debatte zu dominieren (Rieter 2014: 298–305). Bülow behauptete, seine Darlegungen „auf die Lebensgesetze von Volk und Raum zu verpflichten“ (Bülow 1937: 387), und brachte damit auch den hohen Stellenwert einer politisierten SpracheinseinenTextenzumAusdruck. Konrad Meyer setzte bereits mit dem ersten Aufsatz im ersten RuR-Heft den Ton und die ideologischen Leitplanken der unter seiner Ägide stattfindenden wissenschaftlichen Arbeit. „Politik, Kultur und Wirtschaft“ stünden „als völkische Lebensäußerungen im Dienst des Gesamtvolkes“, und die Wissenschaft werde „getragen von Männern, die zur Blutsgemeinschaft des Volkes“ gehörten. Man strebe „über Enge und Hemmung der Fachdisziplinen und Institutsinteressen“ hinaus mit „einer wirklich von gegenseitigem Vertrauen getragenen und einander ergänzenden Gemeinschaftsarbeit, 8Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2023) 81/1: 5–19 Die Zeitschrift„Raumforschung und Raumordnung“ (RuR) von 1936 bis 1944 als Medium akademischer ... Tabelle1 Die Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung und deren „Obmänner“ 1936 bis 1942 Hochschularbeitsgemeinschaft (HAG) Obmänner Oktober1936 (Hensen 1936)Obmänner 1938 (Meyer1938a) Obmänner 1942a 1 TH Aachen Gruber Geisler Wentzel 2 Universität Berlin von Niedermeyer Jeserich Jeserich 3 TH Berlin Feder Feder Jobst 4 Wirtschaftshochschule Berlin Dr. Wollenweber Jecht Jecht 5 Universität Bonn Spiethoff Rößle Rauch 6 TH Braunschweig Kritzler Kritzler Kritzler 7 Universität Breslau Schmölders Schmölders Seraphim 8 TH Breslau Hartleb Jänecke Jänecke 9 TH Brünn -/- -/- Worliczek 10 Bergakademie Clausthal-Zellerfeld ohne Leiter erwähnt Buschendorf Buschendorf 11 TH Danzig -/- -/- Flörke 12 TH Darmstadt Tiedemann Muss Muss 13 TH Dresden Muesmann Muesmann Muesmann 14 Forstliche Hochschule Eberswalde Lemmel Lemmel Lemmel 15 Universität Erlangen ohne Leiter erwähnt Zimmermann Stucken 16 Universität Frankfurt am Main Platzhoff Egner Egner 17 Bergakademie Freiberg (Sachsen) -/- Hoffmann Hoffmann 18 Universität Freiburg Metz Metz Metz 19 Universität Gießen Bechtel Klute Klute 20 Universität Göttingen Schürmann Schürmann Schürmann 21 Universität Graz -/- -/- Dadieu 22 Universität Greifswald Lautensach Lautensach Lautensach 23 Universität Halle Woermann Woermann Wolff 24 Universität Hamburg Schulz-Kiesow Schulz-Kiesow Schulz-Kiesow 25 TH Hannover Blum ohne Leiter erwähnt Blum 26 Tierärztliche Hochschule Hannover Butz Butz Butz 27 Forstliche Hochschule HannoverschMünden Köstler Köstler -/- 28 Universität Heidelberg Schuster Schuster Schuster 29 Landwirtschaftliche Hochschule Hohenheim Jung Jung Jung 30 Universität Innsbruck -/- -/- Kintzl 31 Universität Jena Weddigen Weddigen Schultze 32 TH Karlsruhe Heiligenthal Heiligenthal Heiligenthal 33 Universität Kiel Bente Fick Predöhl 34 Universität Köln Kuske Kuske Kuske 35 Universität Königsberg von Grünberg von Grünberg von Grünberg 36 Handelshochschule Königsberg Hummel Hummel Scheu 37 Universität Leipzig Wilmanns (Vertreter Oppikofer) Wilmanns Dittrich 38 Handelshochschule Leipzig Thalheim Thalheim Thalheim 39 Universität Marburg Baur Martin Martin 40 Universität München Machatscheck ohne Leiter erwähnt Carell 41 TH München Pistor Pistor Pistor 42 Universität Münster Dörries Dörries Müller 43 Hindenburg-Hochschule Nürnberg -/- -/- Seiler 44 „Reichsuniversität“ Posen -/- -/- Geisler 45 Hochschulen Prag -/- -/- Saure 46 Universität Rostock Weigmann Preiser Niehaus 47 TH Stuttgart Pirath Pirath Pirath Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2023) 81/1: 5–19 9 O. Werner Tabelle 1 (Fortsetzung) Hochschularbeitsgemeinschaft (HAG) Obmänner Oktober 1936 (Hensen1936)Obmänner 1938 (Meyer1938a) Obmänner 1942a 48 „Reichsuniversität“ Straßburg -/- -/- Mackenroth 49 Forstliche Hochschule Tharandt -/- -/- Mantel 50 Universität Tübingen Bebermeyer Bebermeyer Bebermeyer 51 Hochschulen Wien -/- -/- Hassinger 52 Universität Würzburg Brenneisen Brenneisen Schenk avgl. Raumforschung und Raumordnung 6, 6/7, 231. die angesichts unserer arbeitsteilig so vorgetriebenen Forschung der Kräfte nicht mehr zersplittert, sondern verbindet“. Dadurch, dass die Führung „bei allen Gliederungen der Reichsarbeitsgemeinschaft in den Händen von Hochschullehrern“ liege, erscheine ihm „die Freiheit und Selbstführung der Wissenschaft am besten gewährleistet“. Eine „weitgehende Selbstverwaltung und Selbstführung der Wissenschaft“ sei „ein Gebot der Erhaltung ihrer lebendigen Einheit und inneren Vielgestaltigkeit“. „Selbstverständlich“ aber sei Meyer als Obmann der RAG „dem Reichserziehungsminister verantwortlich dafür, dass sich die Arbeit im Sinne nationalsozialistischer Wissenschaftsgestaltung“ vollziehe. Das entspreche „auch durchaus dem Primat der Politik und der inneren gewissensmäßigen Bindung, die der nationalsozialistische Staat von dem heutigen Gelehrten und seiner Arbeit fordern“ müsse (Meyer 1936:4). Die „Freiheit“ wissenschaftlicher Arbeit war auf diese Weise nur für Wissenschaftler einer „Blutsgemeinschaft“ möglich, die an den Nationalsozialismus „gewissensmäßig“ gebunden waren. Damit war der Rahmen der deutschen Raumforschung im „Dritten Reich“ unmissverständlich festgelegt. 4 Die Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung (HAG) Die ab Februar 1936 eingerichteten HAG erwiesen sich als die eigentlichen Triebkräfte für die schnelle Etablierung einer politischen Koordination der deutschen Raumwissenschaften. Im ersten RuR-Heft wurden schon annähernd 40 HAG als voll arbeitsfähige und gut vernetzte Hochschuleinrichtungen präsentiert, die sich „nach Überwindung anfänglicher Schwierigkeiten [...] bereitwillig in den Dienst der großen Aufgabe gestellt“ hätten (Hensen 1936: 16). Bis 1942 entstanden insgesamt 52 HAG, davon acht außerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs von 1937 (vgl. Tabelle 1). Die Ausrichtung der einzelnen HAG auf Forschungen im regionalen Umfeld der jeweiligen Hochschule wurde explizit eingefordert und bot den wichtigsten Anknüpfungspunkt für die Flexibilität und Adaptionsfähigkeit der neuen Institution. Die inhaltliche Anschlussfähigkeit an regionale Erfordernisse und an langfristige Konzepte offerierte Wissenschaftlern je nach der Ausrichtung ihrer Arbeiten und ihren persönlichen Ambitionen die Einbeziehung überkommener Vorstellungen ebenso wie die Erweiterung ökonomischer und soziologischer Perspektiven und Methoden (Gutberger 2017: 111–128). So korrespondierte der Aufbau der HAG an der Universität in Frankfurt am Main mit kommunalen Initiativen, die seit Anfang 1934 den Aufbau eines „Instituts für Landesplanung, Siedlung und Wohnungswesen“ betrieben, und mit der Entwicklung innovativer sozialwissenschaftlicher Forschungsmethoden (Klingemann 2009: 306–310). Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die politische Adaptionsfähigkeit der raumwissenschaftlichen Institutionen ist der unmittelbar nach der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich im Frühjahr 1938 initiierte Aufbau der HAG an den Hochschulen in Wien. Bereits im April 1938 sandte der Wiener Geograph Hugo Hassinger eine Liste mit den Namen österreichischer Wissenschaftler an die RAG, „die für die Stadtund Landesplanung der Ostmark einen Beitrag liefern konnten“ (Svatek 2020: 27). Er stützte sich auf eigene Forschungen sowie österreichische Netzwerke und stieg in den folgenden Jahren zu einer Schlüsselfigur der auf Südosteuropa bezogenen Raumund Siedlungsforschung auf (Werner 2020: 52–53). Die Bereitschaft von Wissenschaftlern, die HAG an ihre vorhandenen Kooperationsnetzwerke anzukoppeln und die eigenen Ambitionen mit den politischen Zielen des NS-Regimes zu verbinden, arbeitete der politischen Beeinflussung und Disziplinierung des akademischen Personals durch die Geschäftsstelle der RAG entgegen. Politische Mobilisierungsanstrengungen des Regimes und die Bereitschaft vieler Universitätsangehöriger zur Selbstmobilisierung gingen Hand in Hand. Die Rolle der RAG als „wissenschaftliche Selbstverwaltungskörperschaft“ (Bülow 1938: 312–313) war nur durch die ungebrochene Identität wissenschaftlicher Ansprüche mit den Zielen des NS-Regimes möglich. Auf diese Weise definierten die Geistesund Sozialwissen10 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2023) 81/1: 5–19 Die Zeitschrift„Raumforschung und Raumordnung“ (RuR) von 1936 bis 1944 als Medium akademischer ... schaftler die Grundlinien nationalsozialistischer Raumund Bevölkerungspolitik maßgeblich mit, und ihre wissenschaftliche Tätigkeit war oft genug kein „Ausfluss einer Affinität zum NS, sondern [...] der wirkliche Nationalsozialismus“ (Mommsen 1999: 271). Einige Standorte entwickelten sich bald zu dominanten raumwissenschaftlichen Zentren des Deutschen Reiches. Das lag zum Teil an Synergien durch die Konzentration von Forschungskapazität wie in Berlin und Leipzig oder an der Besetzung von Schlüsselthemen wie der Verkehrspolitik durch Carl Pirath in Stuttgart und Paul SchulzKiesow in Hamburg. Hinzu kamen aber auch persönliche Ambitionen gut vernetzter Akademiker, etwa Hans Weigmann (zunächst in Rostock, dann an der Universität Berlin) oder Walter Weddigen (Jena, dann Dresden und anschließend an der Wirtschaftshochschule Berlin), die das neue Instrumentarium zu nutzen verstanden. Schließlich wurden einige Regionen wie das Emsland oder die Rhön als „Notstandsgebiete“ zu Objekten einer „inneren Kolonisation“ des NS-Regimes. Hier entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit zwischen Parteistellen, staatlichen Akteuren und beflissenen Raumwissenschaftlern, und die jeweilige Region wurde zum Vorbild nationalsozialistischer Raumund Bevölkerungspolitik stilisiert (Hohmann 1992). Dabei gehörte die begriffliche Verschmelzung von „Rasse und Raum“ zu den Grundkonstanten der deutschen Raumforschung. So führten Raumwissenschaftler der Universität Würzburg „rassekundliche“ Erhebungen in der Rhön durch, denen in den folgenden Jahren „im Rahmen der großen Umsiedlungsaktionen und dem strukturellen Umbau der Notstandsgebiete“ eine „besondere Wichtigkeit“ (Meyer 1938a: 559) zugeschrieben wurde. Auf diese Weise sollte die „Auslese, jene Vorbedingung des Aufsteigens eines Volkes, [...] wieder in ihr Recht gesetzt“ (Schmidt-Kehl 1938: 74) werden. Die finanzielle Ausstattung der einzelnen Hochschulstandorte mit Forschungsgeldern der RAG spiegelte die regionale Schwerpunktbildung der deutschen Raumforschung wider (vgl. Tabelle 2). Grundsätzlich versprach die Einrichtung einer HAG zusätzliche Forschungsmittel, sodass an einigen Universitäten, die zunächst keine Raumforschungsinstitute etabliert hatten, die Rektoren oder Vertreter der Universitätsverwaltung als Leiter der Hochschularbeitsgemeinschaft auftraten, um die potenziellen Finanzquellen offenzuhalten. Ein Viertel der ersten HAG-Obmänner war unmittelbar mit der Leitung der jeweiligen Hochschule verbunden (vgl. Tabelle 1;Hensen1936). In dieser Übersicht fällt die Dominanz Berlins als eng vernetztes Wissenschaftszentrum ebenso ins Auge wie Würzburg für den politisch geförderten „Rhön-Plan“ sowie für die erfolgreiche Selbstmobilisierung der agrarwissenschaftlichen Forschungsstandorte im Südwesten des DeutTabelle2 Die Verteilung der Forschungsgelder der Reichsarbeitsgemeinschaft auf die Standorte der Hochschularbeitsgemeinschaften im Zeitraum 1936 bis 1939 (inReichsmark) Hochschularbeitsgemeinschaft(en) Reichsmark 1 Berlin 376.665 2 Stuttgart 125.938 3 Würzburg 63.723 4 Münster 56.557 5 Jena 53.970 6 Göttingen 52.030 7 Heidelberg 50.433 8 Rostock 41.686 9 München 39.099 10 Hohenheim 38.480 11 Gießen 37.320 12 Leipzig 36.795 13 Kiel 34.240 14 Breslau 34.240 15 DASL Berlina27.000 16 Marburg 25.470 18 Bonn 23.389 19 Freiburg 22.880 20 Dresden 22.380 21 Königsberg 21.387 22 Hannover 20.485 23 Essen 20.455 24 Tübingen 20.265 25 Frankfurt am Main 19.765 a = Die „Deutsche Akademie für Städtebau, Reichsund Landesplanung“ (DASL) in Berlin erhielt gesondert ausgewiesene Forschungsgelder. schen Reiches. Bei der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim ging die Höhe der eingeworbenen RAG-Mittel allein auf die Anstrengungen des Agrarwissenschaftlers Paul Hesse zurück (Hirte 2019: 705–706). Über die Praxis universitärer Raumforschung sagte die Höhe der Forschungsgelder nicht immer etwas aus. Manche HAG waren von personeller Kontinuität geprägt, etwa Braunschweig, Dresden, Freiburg oder Köln (vgl. Tabelle 1), allesamt Empfänger verhältnismäßig niedriger Summen, und konnten so eine stetige Forschungsarbeit vorweisen. An anderen Standorten wie Breslau – mit 34.240 Reichsmark im oberen Förderbereich angesiedelt – blieb die HAG aufgrund personeller oder organisatorischer Hindernisse „zunächst noch in erster Linie auf die Zusammenfassung der in den einzelnen Fakultäten geleisteten Forschungsarbeiten im Sinne der Raumforschung ausgerichtet“.3Manche HAG-Leitungspositionen erwiesen 3Vgl. Raumforschung und Raumordnung 1, 3, 134. Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2023) 81/1: 5–19 11 O. Werner sich als ,heiße Stühle‘, sei es aufgrund hochschulinterner Konflikte oder weil sich bald in Ostmitteleuropa neue Arbeitsmöglichkeiten für ambitionierte Raumwissenschaftler auftaten. Es überrascht vor diesem Hintergrund nicht, dass die von der RAG unaufhörlich propagierte „Gemeinschaftsarbeit“ an den Standorten der HAG häufig genug nur als Worthülse verwendet wurde. Der Geograph Martin Kornrumpf (Jahrgang 1909), vom Frühjahr 1938 bis zum Frühjahr 1940 „Hauptsachbearbeiter“ in der RAG, war für den Atlas „Bayerische Ostmark“ sowie für die Kontakte zu den Hochschularbeitsgemeinschaften verantwortlich. Bei Antritt seiner Stelle fand er „eine kritische Situation“ vor, da sich die vorgeschriebene „Gemeinschaftsarbeit“ – von wenigen Ausnahmen abgesehen – an den Universitäten kaum durchgesetzt habe (Kornrumpf 1995: 82). 5 Flankierung und Nachvollzug der außenpolitischen Expansion des „Dritten Reiches“ in „Raumforschung und Raumordnung“ Diese „kritische Situation“ wirkte sich auch auf die Wahrnehmung der Zeitschrift RuR durch die zuständigen Stellen aus. RuR blieb offenbar als anleitendes Fachorgan hinter den Erwartungen seiner Herausgeber zurück. In einem Erlass Ende März 1938 stellte die Reichsstelle für Raumordnung fest, „dass die Erfüllung der der Zeitschrift gestellten Aufgaben die Mitwirkung und Mitarbeit der Praxis voraussetze“. Es sei daher notwendig, „dass sie sich auch tatsächlich in der Hand aller Beteiligten befinde und von ihnen als Werkzeug benutzt“4werde. Der Erlass stand im Zusammenhang mit einer Flut von Regelungen, die nach der Annexion Österreichs im März 1938 verfügt wurden, um die Zuständigkeiten der Reichsbehörden auf die „Ostmark“ auszudehnen und dabei zu justieren (Venhoff 2000: 33–36). Tatsächlich leitete die Annexion eine neue Phase für die deutsche Raumforschung ein, die sich ganz unmittelbar auf die Arbeit der RAG und auf die Publikationsschwerpunkte von RuR auswirkte. Die ursprünglich für März 1938 im Rheinland geplante Frühjahrstagung der RAG wurde „mit Rücksicht auf die weltgeschichtlichen Ereignisse“5verschoben und fand Ende 4Bayerisches Hauptstaatsarchiv München (BHStA), MF, 71745, VowinckelVerlaganBayerischesMinisteriumderFinanzen,19.04.1938. 5Vgl. Raumforschung und Raumordnung 2, 3, 141. September 1938 in Graz, der „Stadt der Volkserhebung“6, statt. RuR blieb in diesen Monaten eng am Puls der Ereignisse: Während sich das September-Heft thematisch mit der „Raumordnung in den Gauen der Ostmark“ befasste, dokumentierte das Heft 10/1938 bereits ausführlich die Grazer Tagung. Damit war eine publizistische Strategie für RuR etabliert, die sich im Nachvollzug der außenpolitischen Expansion des NS-Regimes durch die Zeitschrift als stilprägend erweisen sollte, wenn auch nicht immer so eng auf die jeweiligen Ereignisse folgend wie im Sommer und Herbst 1938. Nachdem das Titelblatt des März-Hefts eine Karte Mitteleuropas mit der Feststellung enthielt, dass „Österreich [...] ein Land des Deutschen Reiches“7sei, bot RuR im September 1938 mit insgesamt 15 Aufsätzen einen umfassenden Überblick über die „Raumordnung in den Gauen der Ostmark“. Eine wichtige Aufgabe des Themenhefts war es, die arbeitsfähige Übernahme reichsdeutscher Strukturen auf die Raumplanung und Raumforschung im besetzten Österreich zu dokumentieren. Zugleich rückte unmissverständlich der durch den „Anschluss“ noch einmal befeuerte rassistische Antisemitismus ins Blickfeld der Leser. Hugo Hassinger resümierte in einer eigenwilligen Bevölkerungsschau – die „Donaudeutschen sind im allgemeinen lebhafter, beweglicher und anpassungsfähiger als die Alpenbauern“ –, dass die Menschen der „Ostmark“, von „kleinen Volkssplittern und den nach Wien und Umgebung zugewanderten Tschechen abgesehen [...] rein deutsch“ seien. Die Donaumetropole besitze „jedoch [...] einen Fremdkörper in seinem Judentum von 170.000 Köpfen“, wobei „die Zahl der Rassejuden wesentlich größer als die der von der Statistik erfassten Glaubensjuden“ (Hassinger 1938: 394) wäre. Walter Strzygowski erklärte im selben Heft „die Reinigung Wiens von der Judenplage“ zu einer der vorrangigen „bevölkerungspolitische[n] Fragen“ (Strzygowski 1938: 423). Im Oktober-Heft, das verspätet erschien, „weil der Schriftleitung daran lag, die auf der Tagung in Graz gehaltenen Vorträge zu veröffentlichen“8, resümierte Konrad Meyer den „Gleichschritt von Wissenschaft und Politik“ in der bisherigen Arbeit der RAG und stellte als zukünftige Forschungsschwerpunkte die „Notstandsund Grenzgebiete“, die Ursachen der „Landflucht“ sowie „Fragen der biologischen und wirtschaftlichen Belebung des flachen Landes“ (Meyer 1938b: 468–470) heraus. Dabei kaschierte er die in der Praxis unter seiner Federführung schon beginnende Orientierung der deutschen Raumforschung auf 6Vgl. Raumforschung und Raumordnung2, 7, 331. 7Vgl. Raumforschung und Raumordnung 2, 3, 109. 8Vgl. Raumforschung und Raumordnung 2, 10, 512. 12 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2023) 81/1: 5–19 Die Zeitschrift„Raumforschung und Raumordnung“ (RuR) von 1936 bis 1944 als Medium akademischer ... Werner, O. (2020): Die Prägungen der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) zwischen 1935 und 1953. In: Baumgart, S. (Hrsg.): Raumforschung zwischen Nationalsozialismus und Demokratie. Das schwierige Erbe der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung. Hannover, 48–70. = Arbeitsberichte der ARL 29. Werner, O. (2021): Contaminated Science. The Contribution of German Spatial Research to the Genocide of the European Jews. In: Zeitschrift für OstmitteleuropaForschung 70, 4, 733–752. https://doi.org/10.25627/ 202170411058 Werner, O. (2022): Wissenschaft „in jedem Gewand“? Von der „Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung“ zur „Akademie für Raumforschung und Landesplanung“ 1935 bis 1955. Göttingen. Wiepking-Jürgensmann, H. (1937): Das Volk als Gestalter der Landschaft. In: Raumforschung und Raumordnung 1, 5, 187–191. Hier steht eine Anzeige. K Ziegler, G. (1941a): Grundlagen des künftigen Städtebaus in Oberschlesien. In: Raumforschung und Raumordnung 5, 3/4, 151–159. Ziegler, G. (1941b): Das Umbauund Neubaugebiet in Oberschlesien. Ein Bildbericht. In: Raumforschung und Raumordnung 5, 3/4, XLV-L. Archive Stadtarchiv Braunschweig, G IX 42 [Nachlass Frank Glatzel], Karton 1 [unverzeichnete Unterlagen 1944/45] (StAB, G IX 42, Karton 1). Universitätsarchiv Leipzig, Handelshochschule, Nr. 176c (UAL, HHS, 176c) (o.J.). Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Ministerium der Finanzen, Nr. 71745 (BHStA, MF, 71745) (1938).