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Ungesunde Abhängigkeiten: Die Risiken für die Versorgung mit Medikamenten nehmen zu

Michelsen, Claus

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Michelsen, Claus Article Ungesunde Abhängigkeiten: Die Risiken für die Versorgung mit Medikamenten nehmen zu Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung (VAW) Provided in Cooperation with: Institut Arbeit und Wirtschaft (IAW), Universität Bremen / Arbeitnehmerkammer Bremen Suggested Citation: Michelsen, Claus (2025) : Ungesunde Abhängigkeiten: Die Risiken für die Versorgung mit Medikamenten nehmen zu, Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung (VAW), ISSN 2942-1470, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 2, Iss. 1, pp. 7-21, https://doi.org/10.3790/vaw.2025.1457602 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/317902 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Duncker & Humblot · Berlin Ungesunde Abhängigkeiten: Die Risiken für die Versorgung mit Medikamenten nehmen zu Von Claus Michelsen* Zusammenfassung Die zunehmende Konzentration der Arzneimittelherstellung und -entwicklung in China und Indien ist eine ernsthafte Herausforderung für die Versorgungssicherheit und technologische Souveränität Europas. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Wirkstoffproduktion immer mehr in Richtung Fernost verlagert worden. Die Gewinne der globalen Arbeitsteilung bestehen in einer günstigen Versorgung mit vielen nicht mehr patentierten Medikamenten. Zunehmende Konkurrenz gibt es aber auch im Bereich innovativer Technologien. Die Corona-Pandemie und die jüngsten geopolitische Spannungen haben die Verwundbarkeit Deutschlands und Europas an dieser Stelle einmal mehr in den Fokus gerückt. Eine größere Krisenresilienz ist deshalb dringend notwendig. Dies kann mit einer Diversifizierung der Handelspartner, dem Aufbau strategischer Produktionsreserven und einer verstärkten europäischen Koordination von Innovationsprozessen und deren Kommerzialisierung gelingen. Um die technologische Souveränität zu stärken, muss die Brücke zwischen Grundlagenforschung und industrieller Anwendung schneller geschlagen werden als bislang. Summary The increasing market concentration of pharmaceutical manufacturing and research and development in China and India poses a serious challenge to Europe’s supply security and technological sovereignty. Over the past decades, active ingredient production has increasingly shifted towards the Far East. The benefits of global division of labor lie in the affordable supply of many off-patent medicines. However, competition is also growing in the field of innovative technologies. The COVID-19 pandemic and recent geopolitical tensions have once again highlighted the vulnerability of Germany and Europe in this regard. Greater crisis resilience is therefore urgently needed. This can be achieved through the diversification of trading partners, the establishment of strategic production reserves, and enhanced European coordination of innovation processes and their commercialization. To strengthen technological sovereignty, the gap between academic research and industrial application must be bridged more quickly than before. * Dr. Claus Michelsen, Leuphana Universität Lüneburg, vfa, E-Mail: c.michelsen@ vfa.de Ich danke einem/r anonymen Gutachter:in für wertvolle Hinweise und Kommentare. Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung 2 (2025) 1: 7 – 21 https://doi.org/10.3790/vaw.2025.1457602 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2025.1457602 | Generated on 2025-05-19 12:47:02 8 Claus Michelsen Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 2 (2025) 1 JEL classification: I1, F00, F02, F42, F60, L1, L65 Keywords: geopolitical risk, pharmaceutical production, geopolitical tensions, market concentration, security of supply, global division of labor, patented medicines, innovation, trade diversification 1. Einleitung Im politischen Berlin wird halb ernst gekalauert, die Bundesregierung und das Parlament ließe sich weniger durch Cyberangriffe oder Attacken auf die Infrastruktur lahmlegen, sondern wäre binnen kürzester Zeit durch chinesische Ausfuhrverbote bei Antibiotika, Blutdrucksenkern und Schmerzmitteln arbeitsunfähig. Bei allem Sarkasmus weist dies auf eine mittlerweile sehr ernst zu nehmende Entwicklung hin. Die Lieferengpässe bei essenziellen Medikamenten (Blankart und Felder, 2022) sind dabei nur die unmittelbar spürbaren Auswirkungen einer steigenden Abhängigkeit in einem äußerst kritischen Bereich. Fehlende Medikamente sind dabei viel mehr als nur ein medizinisches Problem: die großen Abhängigkeiten sind ein Klumpenrisiko für die wirtschaftliche Entwicklung, machen Staaten erpressbar und lassen die eigenen technologischen Fähigkeiten erodieren. Wie bei wichtigen Rohstoffen und Energie oder aber bei Hightechprodukten kann sich dies in schweren Wirtschaftsund Versorgungskrisen niederschlagen. Die Ursachen dieser Marktkonzentration sind vielschichtig. Jahrzehntelang standen Effizienzgewinne und Kostensenkungen im Zentrum der Produktionsstrategien von Unternehmen, die damit die Vorteile der Globalisierung nutzten. Besonders im Pharmabereich führten diese Entwicklungen zu einer Verlagerung der Herstellung essenzieller Wirkstoffe und Medikamente in Länder mit niedrigen Produktionskosten, vor allem nach China und Indien. Heute zeigen sich die Schattenseiten dieser Entwicklung: Die Abhängigkeit von wenigen globalen Produktionsstandorten stellt eine ernsthafte Bedrohung für die Versorgungssicherheit dar. Geopolitische Spannungen und globale Krisen, wie zuletzt die COVID-19-Pandemie, haben diese Abhängigkeiten verschärft und verdeutlicht, wie anfällig die Lieferketten für externe Schocks sind (Schweitzer, 2007). Aus ökonomischer Perspektive lassen sich die aktuell auch immer wieder medial aufgegriffenen Versorgungsprobleme bei einfachen Medikamenten wie Schmerzmitteln oder Antibiotika (Spiegel, 2024) auf mehreren Ebenen analysieren. Erstens hat die Konzentration der Wirkstoffproduktion in Asien zu einer Monopolisierung der Lieferketten geführt, die aus Sicht der Abnehmerländer sowohl wirtschaftliche als auch politische Risiken birgt. Rund 80 % der Wirkstoffe in Europa und den USA stammen aus China und Indien (Mitchell, 2024). Diese Konzentration ermöglicht zwar niedrige Produktionskosten, erhöht jedoch die Anfälligkeit gegenüber externen Störungen. Dies gilt dabei nicht nur für Wirkstoffe– auch im Bereich der Vorleistungen für die heimische Produktion lassen sich erhebliche Konzentrationen bei den Zulieferungen konstatieren. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2025.1457602 | Generated on 2025-05-19 12:47:02 Die Risiken für die Versorgung mit Medikamenten nehmen zu 9 Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 2 (2025) 1 Zweitens wirkt sich diese Abhängigkeit unmittelbar auf die Gesundheitssysteme der Abnehmerländer aus. Lieferengpässe bei Medikamenten führen zu erheblichen Belastungen öffentlicher Gesundheitssysteme und der Versorgungssicherheit. Wenn bestimmte Medikamente aufgrund von Engpässen oder Exportrestriktionen nicht verfügbar sind, steigen häufig auch die Kosten für verfügbare Alternativen. Vielfach geht dies zulasten anderer Gesundheitsausgaben, wodurch sich die Versorgungslage insgesamt verschlechtert. Welche Auswirkungen entsprechende Engpässe haben können, hat sich einem drastischen Ausmaß während der Corona-Pandemie gezeigt, auch in hohen gesamtwirtschaftlichen Kosten. Hinzu kommt die dritte Ebene, die geopolitische Dimension. Die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China, die protektionistische Handelspolitik Indiens und die wachsende Rivalität zwischen großen Wirtschaftsräumen verstärken die Risiken für die Arzneimittelversorgung (La Pava et al., 2023). Staaten wie China, die Schlüsselpositionen in den globalen Lieferketten besetzen, nutzen diese Abhängigkeiten zunehmend strategisch. Beispiele wie die Exportrestriktionen für Medikamente und Vorprodukte während der Pandemie zeigen, wie solche Maßnahmen als politisches Druckmittel eingesetzt werden können. Die Kostenoptimierung in der Produktion hat somit eine systemische Verwundbarkeit geschaffen, die im Kontext geopolitischer Rivalitäten und protektionistischer Tendenzen gefährlich ist. Nicht minderwichtig ist auch die Frage der technologischen Souveränität (Reiß etal., 2023) in Schlüsselsektoren. Dabei geht es um die Frage des Zugangs zu zentralen Technologien und Wissens. Mit einer zunehmenden Verlagerung der Produktion geht ein entsprechender Verlust hochkomplexen Wissens in der Entwicklung und Herstellung von Medikamenten einher. Dieser Beitrag beleuchtet die Herausforderungen der oben skizzierten Entwicklungen und diskutiert mögliche Lösungsansätze, um die Resilienz und Souveränität des Standorts zu stärken. Im Kern steht die Frage, wie Effizienz, Innovationsanreize und Versorgungssicherheit in Einklang gebracht werden können. 2. Konzentration der Wirkstoffproduktion in Fernost Bei der Betrachtung des Arzneimittelfertigung sind unterschiedliche Segmente und Wertschöpfungsstufen zu unterscheiden. Erstens gibt es einen Unterschied zwischen der Wirkstoffproduktion– in der Regel der Herstellung großer Mengen von „Basiszutaten“ für Medikamente– und der Herstellung der Fertigmedikamente, also der dosierten und bspw. in Tabletten verpressten Zutaten. Zweitens ist zu unterscheiden zwischen generischen Arzneimitteln– also den Präparaten und Wirkstoffen, für die der üblicherweise 10-jährige Patentschutz OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2025.1457602 | Generated on 2025-05-19 12:47:02 10 Claus Michelsen Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 2 (2025) 1 ausgelaufen ist– und patentgeschützten Arzneimitteln. Beispielhaft stehen hierfür Biologika, die ab der Jahrtausendwende einen großen Schub erfahren haben. Die Konzentration der Wirkstoffproduktion in Fernost, insbesondere in China und Indien, hat in den letzten Jahren stark zugenommen und diese Regionen zu zentralen globalen Produktionsstandorten für generische Arzneimittel und Wirkstoffe gemacht. Diese Konzentration birgt Risiken, da für viele generische Arzneimittel nur wenige Lieferanten auf dem Weltmarkt vorhanden sind, was die Anfälligkeit der Lieferketten erhöht (vgl. zu den folgenden statistischen Werten Francas etal., 2022). Die regionale Konzentration auf den asiatischen Raum ist bei den Produktionsstandorten für Arzneimittelwirkstoffe, die für den europäischen Markt bestimmt sind, besonders auffällig. Die Datenbasis bilden Wirkstoffregistrierungen der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), die zeigen, dass 68Prozent der registrierten Wirkstoffe aus Asien stammen. Führend sind dabei China mit 24 Prozent und Indien mit 37 Prozent. Europa folgt mit einem Anteil von 24Prozent, wobei Spanien, Italien, Irland und die Schweiz die wichtigsten Produktionsländer darstellen. Die restlichen fünfProzent verteilen sich auf Nordamerika und andere Regionen der Welt (Abbildung1). Abbildung 1: Produktionsländer von Arzneimittelwirkstoffen1 Quelle: EMA, eudragmdp.ema.europa.eu (links), FDA, www.fda.gov (rechts). Diese Entwicklung ist jedoch kein isoliertes europäisches Phänomen. Auch auf dem US-amerikanischen Markt zeigt sich eine starke Abhängigkeit von Wirkstofflieferungen aus Indien und China. Die Daten der Food and Drug Adminis1 Anmerkung: Produktionsländer von Arzneimittelwirkstoffen aus europäischer (links) und US-amerikanischer Sicht (rechts). Datenbasis (links): Zahl der API-Registrierungen in der EU und Drittländern durch EU-Mitgliedstaaten (EU inkl. Vereinigtem Königreich) in Eudra GMP, Stand: 01.04.2019. Datenbasis (rechts): Produktionsstandorte von für die USA bestimmten Wirkstoffen und Arzneimitteln, Stand 24.02.2020. China 23,7 Indien 37,3 Japan 2,4 übriges Asien4,9 Schweiz 3,3 Deutschland 1,6 Spanien 2,4 Großbritannien1,8 Italien 3,4 übriges Europa11,4 USA 5 übrige Länder; 0,4 übriges Nordamerika 2,4 Europa China 17,6 Indien 19,4 Japan 4,6 übriges Asien4,2 Schweiz 1,8 Deutschland 4,3 Spanien 2,6 Großbritannien2,3 Italien 4,4 übriges Europa11,6 USA 21,7 übrige Länder3,3 übriges Nordamerika 2,2 USA OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2025.1457602 | Generated on 2025-05-19 12:47:02 Die Risiken für die Versorgung mit Medikamenten nehmen zu 11 Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 2 (2025) 1 tration (FDA) bestätigen die globale Dimension dieser Produktionskonzentration. Europa und die USA zusammen vereinen rund 70Prozent des weltweiten Umsatzes mit Arzneimitteln auf sich. Europa importiert dabei rund 2/3 seiner Wirkstoffe aus Asien– die USA etwa die Hälfte. Der geringere Asienanteil in den USA wird durch höhere Importe aus europäischen Ländern kompensiert. Ein genauerer Blick auf die Produktionsstufen der Pharmabranche zeigt Unterschiede in der geografischen Verteilung. So weist der US-amerikanische Markt eine deutlich höhere Konzentration der nachgelagerten Fertigungsstandorte auf, die geografisch näher an den Absatzmärkten gelegen sind. Laut FDA befinden sich 22 Prozent der Produktionsstandorte für Wirkstoffe, jedoch 64Prozent der Fertigarzneimittelstandorte innerhalb der USA. Ähnliche Tendenzen sind für den europäischen Markt festzustellen. Im Segment der generischen Arzneimittel wird eine starke Abhängigkeit von asiatischen Herstellern deutlich. Während im Jahr 2000 noch 59 Prozent der zertifizierten Wirkstoffproduktionsstätten in Europa lagen, ist dieser Anteil bis 2020 auf 33Prozent gesunken. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil Asiens von 31Prozent auf 63Prozent, wobei Indien (2/3 der asiatischen Produktionsstätten) und China (gut ein Fünftel) dominieren (Abbildung2). Für einzelne generische Wirkstoffe decken asiatische Hersteller sogar über 90Prozent des europäischen Bedarfs. Studien zu verschiedenen Gruppen von Antibiotika zeigen ähnliche Konzentrationen und Abhängigkeiten von Importen aus nicht-europäischen Regionen. Abbildung 2: Herkunft generischer Arzneimittel2 Quelle: Francas etal. 2022. 2 Berechnungsbasis für die Anteile ist die Zahl der zertifizierten Zulassungen (EPs: „ertificate of Suitability of Monographs of the European Pharmacopoeia“) in den Ländern. 31 35 39 45 51 54 58 60 62 Asien China; 13 Indien; 41 (übriges) Asien; 8 Deutschland; 5 Spanien; 5 Frankreich; 2 Italien; 9 59 55 52 48 44 40 37 35 34 Europa (übriges) Europa; 12 10 10 97565 5 45übrige Welt; 5 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 20002002200420062008201020122014201620182020 China Indien (übriges) Asien Deutschland Spanien Frankreich Italien (übriges) Europa übrige Welt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2025.1457602 | Generated on 2025-05-19 12:47:02 12 Claus Michelsen Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 2 (2025) 1 Ein anderes Bild zeigt sich bei biopharmazeutischen Wirkstoffen. Hier befinden sich die Produktionsstätten überwiegend in Europa (54Prozent) und den USA (32Prozent), während Asien lediglich 14Prozent ausmacht. Innerhalb Europas ist Deutschland mit einem Anteil von zwölfProzent nach den USA der zweitwichtigste Produktionsstandort. Dennoch verliert Deutschland im internationalen Vergleich an Bedeutung. Während es 2018 noch den dritten Platz bei den biopharmazeutischen Produktionskapazitäten belegte, fiel es bis 2021 auf den fünften Platz zurück, überholt von der Schweiz und Irland. Führend sind weiterhin die USA und Südkorea, während China durch Investitionen in biopharmazeutische Kapazitäten ebenfalls an Bedeutung gewinnt. Abbildung 3: Herkunft von biopharmazeutischen Wirkstoffen3 Quelle: Francas etal. 2022. Ob sich bei biopharmazeutischen Wirkstoffen ähnliche Entwicklungen wie bei Generika wiederholen, bleibt abzuwarten. Bei den sogenannten Biosimilars– den Produkten bei denen nach Patentauslauf eine weltweite Produktion zahlreicher Hersteller möglich wäre– gibt es derzeit keinen klaren Trend zur Produktionsverlagerung nach Asien. Innerhalb Asiens zeigt jedoch Südkorea eine dynamische Entwicklung. Seit 2013 wurden zehn Biopharmazeutika mit Fertigung in Indien und China zugelassen, alle im Bereich der Biosimilars. Chinas strategische Investitionen in die Biotechnologie (Zhang et al., 2011), die als 3 Anmerkung: Europa beinhaltet EU, Großbritannien und Schweiz. Betrachtet werden biopharmazeutische Originalprodukte und Biosimilars abzüglich nicht mehr zugelassener Arzneimittel. Gezählt werden Wirkstoffe pro Standort. Zahlen zeigen kumulierte Zulassungen ab 2000. 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020 Asien USA Europa übrige Welt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2025.1457602 | Generated on 2025-05-19 12:47:02 Die Risiken für die Versorgung mit Medikamenten nehmen zu 13 Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 2 (2025) 1 Schlüsselindustrie definiert wird, könnten mittelbis langfristig eine Verlagerung der Produktion begünstigen. Ziel ist es, die stark fragmentierte GenerikaIndustrie in einen innovativen Biotech-Sektor zu transformieren. Zusammenfassend verdeutlichen diese Entwicklungen die Abhängigkeit europäischer und US-amerikanischer Märkte von asiatischen Wirkstofflieferanten. Gleichzeitig wird jedoch ersichtlich, dass Europa und die USA weiterhin wichtige Standorte für die Produktion innovativer, komplexer Arzneimittel sind. Die Dynamik in Asien, insbesondere in China und Südkorea, deutet darauf hin, dass diese Regionen in Zukunft noch stärker in den globalen Pharmamarkt eingebunden werden. 3. Auch bei Vorleistungen erhebliche Konzentrationen Rund 52Prozent des Produktionswertes der Pharmaindustrie im Jahr 2019– also vor der Corona-Pandemie– basierten auf Vorleistungen. Bei etwa einem Drittel der bezogenen Vorleistungen der pharmazeutischen Industrie handelte es sich um Dienstleistungen wie Werbungund Marktforschung, Wachund Sicherheitsdienstleistungen oder Steuerund Unternehmensberatungen. Damit entfielen rund zwei Drittel der von der Branche bezogenen Vorleistungen (gemessen am Anschaffungspreis) auf Waren des produzierenden Gewerbes. Mit rund 8,8Milliarden Euro respektive 5,4Milliarden Euro im Jahr 2018 stellten pharmazeutische und chemische Erzeugnisse den größten Anteil der Vorleistungsbezüge der pharmazeutischen Industrie in Deutschland. Rund 2,5Milliarden Euro wurden zudem für Verpackungswaren aus den Bereichen Papier und Pappe, Kunststoffen und Glas ausgegeben. Betrachtet man die genutzten Vorleistungsprodukte der pharmazeutischen Industrie in Deutschland hinsichtlich ihrer zentralen Rohstoffe (pharmazeutische und chemische Produkte), sind diese zu rund 95Prozent vier Produktkategorien zuzuordnen. Rund 30Prozent dieser verarbeiteten Vorprodukte zählten im Jahr 2018 zur Kategorie der pharmazeutischen Spezialitäten– Arzneiwaren zu therapeutischen oder prophylaktischen Zwecken (bspw. Insuline oder Impfstoffe). Rund 27Prozent der Vorleistungen an chemischen und pharmazeutischen Produkten entfielen auf pharmazeutische Grundstoffe. Der Anteil chemischer Grundstoffe an den Vorleistungen chemischer und pharmazeutischer Produkte betrug ebenfalls rund 27Prozent. Rund elfProzent entfällt auf etherische Öle und sonstige chemische Erzeugnisse, wie Reagenzien oder Vorprodukte in der Diagnostik. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2025.1457602 | Generated on 2025-05-19 12:47:02 14 Claus Michelsen Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 2 (2025) 1 Abbildung 4: Importanteile chemischer und pharmazeutischer Vorleistungen 2021 in Prozent Quelle: Statistisches Bundesamt. Die pharmazeutische Industrie in Deutschland ist bei der Beschaffung ihrer chemischen und pharmazeutischen Vorleistungsgüter stark auf Importe angewiesen. In den anteilsmäßig wichtigsten chemischen und pharmazeutischen Produktkategorien betrug die Importquote im Jahr 2018 insgesamt rund 78Prozent. Chemische Grundstoffe wurden dabei mit rund der Hälfte der Vorleistungen sowohl im Inland als auch im Ausland bezogen. Innerhalb dieser Produktkategorie unterscheiden sich die Importquoten der einzelnen Produkte jedoch deutlich. So wurden mehrwertige Alkohole, Halogen-, Sulfo-, Nitrooder Nitrosoderivate der acyclischen Alkohole, Phenole, Phenolalkohole, Heterocyclische Verbindungen, Nucleinsäure sowie Acetale und Halbacetale fast vollständig aus dem Ausland bezogen. Sonstige chemischen Grundstoffe, Düngemittel und Stickstoffverbindungen, Kunststoffe in Primärformen und synthetischer Kautschuk in Primärformen stammten dagegen aus dem Inland (Abbildung4). Etherische Öle und sonstige chemische Erzeugnisse wurden fast vollständig importiert. Rund 98Prozent der Vorleistungen dieser Produktkategorie stammten aus dem Ausland. Dies gilt für nahezu alle einzeln ausgewiesenen Produkte dieser Produktkategorie. Auch die in der deutschen pharmazeutischen Industrie weiterverarbeiteten pharmazeutischen Grundstoffe wurden zu großen Teilen im Ausland beschafft. Rund 94Prozent der pharmazeutischen Grundstoffe wurden im Jahr 2018 importiert. Auch hier gibt es nur geringfügige Unterschiede zwischen den einzelnen Produkten. Pharmazeutische Spezialitäten als Vorleistun0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 chemische Grundstoffe e therische Öle und sonstige chemische Erzeugnisse pharmazeutische Grundstoffe pharmazeutische Spezialitäten OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2025.1457602 | Generated on 2025-05-19 12:47:02 Die Risiken für die Versorgung mit Medikamenten nehmen zu 21 Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 2 (2025) 1 Literaturverzeichnis Bertschek, I., Bünstorf, G., Cantner, U., Häussler, C., Requate, T. und Welter, F. (2024): Zur Leistungsfähigkeit und Attraktivität des Forschungs-und Innovationsstandorts Deutschland. Ifo Schnelldienst, 77(4), 19 – 23. Blankart, K. und Felder, S. (2022): Arzneimittel: Placebo bei Engpassbekämpfung. Wirtschaftsdienst, 102(4), 248 – 248. Boronat, A. (2024): IPCEI: a market design tool for pro-competitive industrial policies in Europe? 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