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Ökonomische Probleme der Familienpolitik

Egner, Erich

Abstract

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Egner, Erich Article Ökonomische Probleme der Familienpolitik Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Egner, Erich (1955) : Ökonomische Probleme der Familienpolitik, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 75, Iss. 2, pp. 67-92, https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290820 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Die wirtschaftliche Rolle der Familie bei Oeter: 1. Das Regenerationsargument. 2. Die intertemporale Leistung der Familie. 3. Weiterführung und Kritik des Gedankenganges: a) Analyse der Tatsachen, b) Interpretation. c) Kritische Würdigung. IV. Oeters familienpolitisches Programm: 1. Der Ausgleich der Familienlasten. 2. Die Problematik der Kinderbeihilfen. 3. Würdigung der Vorschläge Oeters: a) Kritik, b) Oeters Beitrag zur Methodik der Kinder* beihilfen. V. Die Verzweigung der familienpolitischen Aufgaben: 1. Die Einkommensbeschaffung. 2. Die Einkommensverwendung: a) VerbraucherschutE. b) Haushaltspolitik. 3. Die äußeren Lebensumstände. VI. SchluB. I. Zur Einführung Die Debatte um Lage und Zukunft der deutschen Familie, die in den letzten Jahren erhebliche Wellen schlug, hat voraussichtlich ihren Höhepunkt noch längst nicht erreicht. Augenscheinlich handelt es sich dabei nicht um das Aufflackern eines Tagesproblems, sondern um eine Erscheinung von weittragender Bedeutung, deren Ausstrahlungen heute noch nicht zu überblicken sind. Lange haben sich einzelne Sachverständige, denen die Familie am Herzen lag, vergeblich bemüht, ihr das Interesse der breiten Öffentlichkeit und der politischen Instanzen zuzuwenden. Man sprach zwar immer wieder von der Krise der modernen Familie und von den an ihr zu beobachtenden Auflösungstendenzen, ließ es aber bei dieser resignierten Feststellung bewenden. Plötzlich hat sich diese Lage verändert. Die Familie ist von ihrer bisherigen Mauerblümchenrolle befreit worden und der alte Pessimismus über ihr Schicksal und ihre Zukunftsaussichten, wenn nicht völlig gewichen, so doch relativiert worden und nicht mehr unangefochten. Neue Perspektiven ließen neue Hoffnungen aufkommen. Diese Wende ist in erster Linie das Werk der Familiensoziologie. Sie hat sich im Inund Auslande erstaunlich entfaltet. Das einschlägige Schrifttum ist besonders in der angelsächsischen Welt in unüberOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 68 Erich Egner [1% sehbarem Ausmaße angeschwollen und ist noch laufend im Wachsen. Der Erfolg der Bücher von S c h e 1 s k y und W u r z b a c h e r1 ist für das in Deutschland erwachte Interesse weiter Kreise bezeichnend. Doch ist diese Bewegung nicht auf die Familiensoziologie beschränkt geblieben. Sie versammelte allerlei Hilfstruppen um sich. So werden Fragen des Familienrechts, besonders von dem Schlagwort der „Gleichberechtigung64 von Mann und Frau her, oft leidenschaftlich erörtert. Aber auch unter psychologischem, pädagogischem oder medizinischem Gesichtswinkel wendet man sich der Familie zu. Nicht zuletzt hat die ökonomische Seite des Zusammenhanges die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, von der hier die Rede sein soll. Bevor dem näher nachgegangen wird, muß hier noch ein weiteres Merkmal der gegenwärtigen Situation erwähnt werden. Es drückt sich in der Tatsache aus, daß die Wissenschaft und die Öffentlichkeit sich nicht mit theoretischen Betrachtungen und empirischen Analysen begnügen, sondern daß je länger, desto mehr der Ruf nach einer Familien politik vernehmbar wird, die sich der bisher ungelösten Probleme in diesem Bereich annehmen soll. Man kann demgegenüber fragen, was man sich unter diesem ungewöhnlichen Begriff vorzustellen hat. Angesichts dessen ist eine von Ferdinand 0 e t e r veröffentlichte Monographie dieses Titels von besonderem Interesse2, da sie eine solche Familienpolitik zu umreißen sucht. Sie kann hier als Kanon füi die Entfaltung ihrer Probleme benutzt werden und bildet den Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen. Es wird sich dabei zeigen, daß wirtschaftsund sozialpolitische Fragen für diesen Autor im Zentrum der Familienpolitik stehen. Für eine grundsätzliche Betrachtung ist das an sich zu eng, weil die Familienpolitik auch ganz andere Seiten, etwa der schon genannten rechtlichen, medizinischen, pädagogischen Art, überhaupt auf kulturpolitischem Felde, hat. Hier geht es jedoch allein um ihre ökonomischen Probleme, obwohl sich von ihnen, wie sich zeigen wird, sozialpolitische und bevölkerungspolitische Fragen nicht scharf trennen lassen. 1 Helmut Schelsky, Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart. 2. Aufl. Stuttgart 1954. — Gerhard Wurzbacher, Leitbilder deutschen Familienlebens. 2. Aufl. Stuttgart 1954. 2 Ferdinand Oeter, Familienpolitik. Stuttgart 1954. Dem Sachkenner ist der Autor kein Unbekannter. In mancherlei Aufsätzen hat er schon früher zu den Familienproblemen Stellung; genommen, auch in einer Broschüre: Soziale Sicherheit für Deutschland, Gießen 1950. Nun hat er seine Gedanken systematisch zusammengefaßt, um sie in größerem Rahmen mit mehr Nachdruck vertreten zu können. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 197] ökonomische Probleme der Familienpolitik 69 II. Die Stellung der Nationalökonomie zur Familie Wenn so das Problem einer ökonomischen Familienpolitik gestellt wird, taucht die Frage auf, was die Nationalökonomie zu seiner Beantwortung bereitstellen kann. Sobald man sich danach umsieht, ergibt sich ein recht eigenartiges Bild. Einmal stellt man fest, daß das ökonomische Famlienproblem im wesentlichen immer als dasjenige des Haushalts aufgefaßt worden ist. Früher sprach man einfach vom „Hause". Zum anderen zeigt sich, daß die moderne Wissenschaft den Haushalt in ganz hohem Maße vernachlässigt hat. Er schien keines besonderen Interesses würdig zu sein. Ihre Ptoblemsicht zielte in eine andere Richtung, nämlich auf die Marktzusammenhänge. So blieb von dem ökonomischen Tatbestand des Familienhaushalts nur das Phänomen des Verbrauchs im Blickwinkel des Fachmannes — von wenigen Ausnahmen abgesehen, die die Regel bestätigen — und auch die Verbrauchslehre war bekanntlich bis vor gar nicht langer Zeit ein Stiefkind der ökonomischen Wissenschaft. Das hat sich inzwischen geändert. In diesem Zusammenhang sind hier die Forschungen Otto Brunners von besonderem Interesse8. Durch sie gewinnt man für diese Beobachtungen einen geistesgeschichtlichen Rahmen, der die in ihnen liegende historische Logik deutlich macht. Dieser Autor zeigt, wie die geschilderte Lage sich von einem ganz anderen Hintergrunde her herausgebildet hat. Rund zwei Jahrtausende hindurch hat das Wirtschaftsdenken um das Haus, den oikos, gekreist. Von Aristoteles und Xenophon her war die Wirtschaftslehre eine Ökonomik im ursprünglichen Sinne des Wortes, während der Markt als der Ort des Gelderwerbes mit einem negativen Stigma behaftet war. Dementsprechend wurde die Lehre von ihm als Chrematistik nicht innerhalb der Ökonomik, sondern in der Tugendlehre um der sittlichen Bändigung des Gelderwerbsstrebens willen abgehandelt.. Ökonomik war dagegen die Lehre von der Haushaltungskunst. Diese auf die Antike zurückgehende Perspektive hat sich unter dem Einfluß des Aristotelismus das ganze Mittelalter hindurch gehalten und reicht in der Form der sogenannten Hausväterliteratur noch bis in die Neuzeit hinein. Erst im 18. Jahrhundert wird sie durch die moderne nationalökonomische Problemsicht, die vom Markt und der Erwerbswirtschaft 3 Otto B r u n n e r , Adliges Landleben und europäischer Geist, Leben und Werk Wolf Helmhards v. Hohberg ] 612—1688, Salzburg 1949. Vgl. ferner vom gleidi£ii Verfasser, Die alteüropäische Ökonomik, Ztschr, f. Nationalökonomie Bd. 13. (1950) und den Art. „Hausväterliteratur" im Handwörterbuch der SozialWissenschaften. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 70 Erich Egner [198 ausgeht, verdrängt. Der Umschwung vollzog sich mit dem geistesgeschichtlichen Sieg der klassischen Schule. B r u n n e r4 zeigt, wie damit der alte, von Aristoteles abgewertete Zweig des ökonomischen Denkens, die Chrematistik, in den Mittelpunkt der Wirtschaftswissenschaft trat, nachdem sie von der bisherigen Umklammerung durch die Tugendlehre befreit worden war. Er betont darüber hinaus5, daß der Ansatzpunkt zu dieser Entwicklung nicht erst bei den Vertretern der klassischen Schule, sondern schon vorher bei den merkantilistischen Schriftstellern in deren „Kommerzienlehre" zu suchen ist. Dieser Wandel hat für die Nationalökonomie eine schicksalhafte Bedeutung gewonnen. Nachdem bis dahin Haus, Haushalt und Familie im Zentrum des ökonomischen Denkens gestanden hatten, wenn auch nicht in der Problemsicht einer modernen positiven Wissenschaft, wurden sie nun völlig daraus verdrängt. Nur bei wenigen Autoren heterodoxer Geisteshaltung taucht der Gesichtspunkt wieder auf, ohne aber auf die Entwicklung des Faches wesentlichen Einfluß auszuüben. Hier ist auf die deutschen soziologischen und historischen Nationalökonomen von L. v. Stein bis auf S o m b a r t hinzuweisen, außerdem finden sich eine Reihe von Anklängen bei den amerikanischen Institutionalisten6. Im übrigen war das nationalökonomische Denken bis 4 Adlige« Landleben, S. 260. a a.a.O., S. 307. 8 Eine Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehren vom Haushalt habe ich im 3. Kapitel meines Buches über den Haushalt (Berlin 1952) zu geben versucht. Sie mag unvollständig sein, sie berücksichtigt jedenfalls nur deutsche Autoren. Inzwischen habe ich von S. G i d e o n gelernt, daß die wissenschaftliche Behandlung des Haushalts in den USA auf das Jahr 1841 zurückgeht, als Catherine Esther B e e c h e r einen Treatise on Domestic Economy veröffentlichte (Siegfried Gideon, Mechanization takes Command, New York 1948, S. 514 ff.). In diesem Buche untersuchte Catherine Beedier die Lebensbedingungen von Arbeiterinnen in Textilfabriken, außerdem griff sie das Dienstbotenproblem auf und setzte sie sich für möglichste Vereinfachung der Hausarbeit ein. Später veröffentlichte dieselbe Autorin zusammen mit ihrer Schwester Harriet Beecher Stowe, die als Verfasserin von „Onkel Toms Hütte" berühmt geworden ist, ein weiteres Werk, „The American Woman's House", 1869. Hier scheinen die Anfänge der amerikanischen Home Economies zu liegen, die jedoch, da vorwiegend technisch und einzelwirtschaftlich bestimmt, nationalökonomisch unergiebig geblieben sind. Auf die Geschwister Beedier weisen auch hin Jean et Françoise Fourastié, Les arts ménagers, Paris 1950. Nationalökonomisch folgenreicher sind die Arbeiten der Institutionalisten gewesen. So hat Thorstein Vehlen die Konsumgewohnheiten analysiert (dabei die Rolle des Nachahmungsund Repräsentationsaufwandes herausgearbeitet), rwischen pekuniären und echten wirtschaftlichen Werten in seiner Theory of the Leisure Class (1899) unterschieden. Auch Wesley C. M i t c h e 1 1 gab eine Theorie des Konsumentenverhaltens, suchte die Rückständigkeit der Einkommensverausgabung im modernen Haushalt zu unterstreichen (vgl. seinen Aufsatz The BackOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 1991 ökonomische Probleme (1er Familienpolitik 71 hart an die Gegenwart heran so sehr auf den Markt gerichtet, daß der ursprüngliche Sinn der Ökonomik, aber auch des Wortes „Wirtschaft46 bedeutungslos geworden zu sein schien. Im ausgehenden 17. Jahrhundert hieß es bei Philipp Jakob G r ü n t h a 1 noch7: „Wüertschaft ist und haist: Im Hause und außer des Hauses alle Sachen weislich und mit Vernunft anzutragen und anzuschücken, daß nit allein die Nahrung auf Weib, Kindt und Gesindt reichlich erobert, sondern auch järlich etwas erspart und hinfürbracht werde." Im 18. Jahrhundert setzt sich dagegen der Bedeutungswandel im modernen Sinne durch. Wirtschaften meint jetzt ein rationales Handeln im marktwirtschaftlichen und erwerbswirtschaftlichen Sinne. Im Hinblick auf diese Zusammenhänge vollzieht sich in der Gegenwart eine überraschende Entwicklung. So wie die Familie für Soziologie, Rechtswissenschaft und andere Fächer plötzlich neues Interesse gewonnen hat, so machen sich auch parallel laufende Tendenzen auf nationalökonomischem Gebiete geltend. Ist es ein Zufall, daß B r u n • n e r gerade jetzt durch seine Forschungen über die Hausväterliteratur die Aufmerksamkeit auf die alte Ökonomie gelenkt hat8? Von ganz anderen Ausgangspunkten ist der Schreiber dieser Zeilen an seine Untersuchungen über den Haushalt herangetreten, leider noch ohne Kenntnis von Brunners Arbeiten. Daß die Verbrauchsprobleme heute unter Nationalökonomen eine steigende Beachtung finden, nachdem sie in den Vereinigten Staaten eine breite Literaturgattung hervorgerufen haben, ist bekannt. Dahinter steht deutlich die Tatsache, daß der Haushalt dem modernen Menschen Probleme aufgibt, die früher entweder nicht da waren oder nicht als solche empfunden wurden. Von der Betrachtung des Verbrauchs wird man zwangsläufig auf den Haushalt hingeführt. Außerdem spielt der Haushalt in der zeitgenössischen Nationalökonomie auch dort eine Rolle, wo er ausdrücklich gar nicht bezeichnet wird, wo man sich aber haushaltsmäßigerKategorien bedient. Das ist ein die moderne Nationalökonomie weithin kennzeichward Art of Spending Money von 1912, jetzt in dem Sammelbande gleichen Titel«, New York 1950). Auf diese institutionalistischen Anstöße geht die Entfaltung der modernen amerikanischen Consumer Economics zurück, wie man deutlich an der Frühschrift von Hazel Kyrk, A Theory of Consumption, London 1924, erkennt. 7 Wiedergegeben nach Brunner a.a.O., S. 242. 8 Das Interesse an der Hausväterliteratur ist heute nicht auf die Kreise der Nationalökonomen und Wirtschaftshistoriker beschränkt. So wurde kürzlich eine pädagogische Dissertation zu diesem Thema hei Hermann Nohl angefertigt: Julius Hoffmann, Die „Hausväterliteratur" und „Die Predigten über den christlichen Hausstand", ein Beitrag zur Geschichte der Lehre vom Hause und der Bildung für das häusliche Leben, Göttingen, phil. Dissertation 1954 (bisher unveröffentlicht). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 72 Erich Egner [200 nendes Merkmal. Es macht sich einmal durch die Auswirkungen der Lehren von J. M. K e y n e s bemerkbar, so auf Grund seiner Konsum-, funktion, damit zugleich durch die besondere Rolle, die dem Einkommen für den Ablauf des Wirtschaftsprozesses zugewiesen wird. Immerhin ist bei diesen Perspektiven noch eine marktwirtschaftliche Betrachtungsweise tonangebend. Zugleich liegt der Theorie des Einkommensstromes eine makroökonomische Sicht zugrunde. Man kann aber auch das Vordringen hauswirtschaftlicher Kategorien feststellen, bei denen das nicht mehr der Fall ist, die daher nicht mehr einer marktwirtschaftlichen Außenansicht, sondern einer Innenansicht des Haushalts entspringen. Sie haben damit zugleich, wenigstens ursprünglich, einen mikroökonomischen Charakter. Das gilt für die Begriffe des Lebensstandards, der Lebenshaltung, des Lebensstils und ähnliche Ausdrücke. Sie spielen keineswegs nur in der Verbrauchslehre eine Rolle, sondern wurden in wachsendem Maße als Instrumente zu einer Analyse des Gesamtbildes der Wirtschaft benutzt. Dafür ist es bezeichnend, daß Weisser eine Verteilungspolitik als Verteilung von Lebenslagen aufzufassen sucht9, wobei es um mehr als um Einkommen und Vermögen gehe. Zu den Werten der Lebenslage gehören nach ihm auch Arbeitsfreude, Sicherheit der Lebenshaltung. Selbstbewußtsein, das sich aus dem Gefühl ergibt, ein aktives Glied der Gesellschaft zu sein, Selbstverantwortung bei der Arbeit. Dem entsprechen aber auch Unwerte der Lebenslage wie Arbeitsmühe, Trennung von der Familie, Gefahren und Unannehmlichkeiten bei der Arbeit, mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten u. a. m. Der Begriff der Lebenslage entspricht in hohem Maße dem, was die Franzosen genre de vie nennen. Im Deutschen kann man hier auch vom Lebensstil sprechen. Obwohl diese Begriffe nicht hauswirtschaftlich in dem Sinne sind, daß sie den Blick ausschließlich auf Erscheinungen des Haushalts lenken, sie weisen offensichtlich darüber hinaus — so haben sie doch ihren zentralen Bezugspunkt in Familie und Haushalt, und darin liegt ihre Bedeutung für den hier behandelten Zusammenhang. Wenn die Verteilungspolitik bei Weisser als eine Verteilung von Lebenslagen angesehen wird, so drückt sich darin deutlich eine sozialpolitische Zielsetzung in Richtung auf Haushalt und Familie aus. Man mag demgegenüber einwenden, daß es sich dabei nicht mehr um nationalökonomische Gesichtspunkte im eigentlichen Sinne, sondern um sozialpolitische Erwägungen handele. Deshalb soll hier noch .•••':• G frr h ard Weisser,. Grundsätze der Verteilungspolitik in „Grundsatzfragen der Wirtschaftsordnung", ein Vortragszyklus, veranstaltet von der Wirtschaft» und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Berlin, Wirtschaftswissenschaftliche Abhandlungen*. H. 2, Berlin. 1954, S. 42/43. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 201] ökonomische Probleme der Familienpolitik 73 das Beispiel eines anderen Nationalökonomen aufgeführt werden, für den das nicht gilt, bei dem eine haushaltsmäßige Kategorie zum Angelpunkt seines ganzen Denkens wird, Jean Four as tié bezeichnet die Nationalökonomie geradezu als „essentiellement la science du niveau de vie des hommes"10, zu deutsch als die Lehre von den L ehe nshalt un gen. Die nationalökonomische Grundfrage heißt für ihn: Wie bestimmen sich die Lebenshaltungen der Menschen im Wirtschaftsprozeß, wie sind die Unterschiede in den Lebenshaltungen der Menschen, Gruppen und Völker, die zur gleichen Zeit nebeneinander leben, zu erklären, wie solche Unterschiede im Nacheinander des Geschichtsablaufes? So wird das Marktgeschehen bei diesem Autor ganz auf ein hauswirtschaftliches Kriterium bezogen, werden die Marktgrößen, die Preise und Einkommen auf ihre Bedeutung für die Lebenshaltung der Menschen befragt. Der Autor arbeitet dabei mit der Vorstellung eines „Realpreises", indem er fragt, was der Preis eines Gutes, eines Autos oder Kühlschrankes, gemessen an den Stundenlöhnen eines ungelernten Arbeiters, bedeutet. Er stellt fest, daß ein kleiner Kühlschrank in den USA 150 Stundenlöhne, in Frankreich, aber 1000 Stundenlöhne kostet, ein vergleichbares Auto 1000 Stundenlöhne in den USA gegenüber 5000 Stundenlöhnen in Frankreich, das Haarschneiden beim Friseur aber in beiden Landern jeweils 1 Stundenlohn, ein vergleichbarer Opernplatz beide Male 7 Stundenlöhne11. Mit Hilfe solcher Beobachtungen kommt er zu seiner These, daß die Einkommensgestaltung erst dann etwas Reales ausdrückt, wenn man weiß, wie die realen Güterpreise beschaffen sind, die sich auf den Gebieten der primären, sekundären und tertiären Produktion verschieden entwickeln. Hier kommt es nicht auf eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Lehre an12, sondern auf die Feststellung, daß auf solche Weise 10 Jean Fourastié, Machinisme et bien-être, 2. Aufl. Paris 1953 (Collection L'homme et la Machine, voL 1), S. 98. Ein anderes Buch dieses Autors, Le grand espoir du XXe siècle, 3. Aufl. Paris 1952, ist soeben in einer deutschen Übersetzung herausgekommen. Der hier interessierende Gesichtspunkt kommt darin nicht so deutlich wie in dem zuerst genannten Werke zum Ausdruck, immerhin klingt er in den beiden Schlußkapiteln an. 11 Le grand espoir, 3. Aufl. S. 111. 12 Man könnte Fourastié's Arbeitslohnmaßstab durch eine abstrakte kaufkraftstabile Einheit wie Colin C 1 a r k's international unit ersetzen wollen. In der Tat knüpft Fourastié an Clark an. Der Vorzug seiner Betrachtungsweise liegt aber in der dadurch erreichten Konkretisierung, darin, daß seine realen Preise für eine bestimmte Menschengruppe etwas Konkretes besagen. Zuzugeben ist, daß hierbei das Problem aufgerissen wird, inwieweit man durch Beziehung der Geldpreise auf den Stundenlohn des ungelernten Arbeiters etwas für andere Menschengruppen Wesentliches aussagen kann, ferner inwiefern die ungelernten Arbeiter in New York, Paris oder Kairo untereinander vergleichbar sind. Doch ist der letzten Frage gegenüber zu betonen, daß hier gar nicht versucht wird, das qualitativ Verschiedene vergleichbar zu machen, sondern daß es sich um die Messung^ dessen handelt, was der Markt für die jeweiligen Menschen leistet. Es ist übrigens kein Zufall, daß. Fourastié, wie schon erwähnt,; auch ein rBüchlein über den Haushalt geschrieben hat (Les arts ménagers, Paris 1950). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 74 Erich Egner [202 die Marktgrößen an einem dem Haushalt entstammenden Maßstab gemessen werden sollen. Das bedeutet augenscheinlich etwas ganz anderes als der Begriff der Versorgungslage bei v. Stackeiber g18. Während bei diesem ein formales Nutzenoptimum auf Grund individueller Wertschätzungen bestimmt werden sollte, handelt es sich bei der hier behandelten Rede von der Lebenslage oder Lebenshaltung um das Bemühen, die Lage des Haushaltsmaterial zu bezeichnen, d. h. so wie sie inhaltlich, qualitativ beschaffen ist. Während im ersten Falle die abstrakte Ratio zur Gewinnung eines Nutzen-Optimums herausgearbeitet werden sollte, geht es hier um die Erfassung der realen Situation des Haushalts nach deren Strukturmerkmalen. Darin spiegelt sich eine Verschiebung der Fragestellung, wie sie heute an zahlreichen Einzelmerkmalen der zeitgenössischen Literatur beobachtet werden kann. Typisch dafür ist etwa das Gewicht, das man dem Konsumentenverhalten und der Analyse seiner Bestimmungsgründe beilegt. Der Glaube, daß dies ein unproblematisches Datum des Marktes sei, ist endgültig vorbei. Beispielhaft für diese Bestrebungen mag hier auf die Arbeiten von K a t o n a hingewiesen werden14, der einmal laufend um die empirische Bestimmung dieses Konsumentenverhaltens und seiner Wandlungen, zum anderen um die prinzipielle Interpretation dieser Erscheinungen bemüht ist. Doch genug dieses Mosaiks. Der Entwicklungstrend dürfte unverkennbar sein. Sucht man ihn zu charakterisieren, so handelt es sich insgesamt um das Wiederaufbrechen der Einsicht, die v. NeilBreuning in die Worte kleidete, „daß das Herz der Wirtschaft in den Haushalten schlägt, in den Haushalten, denen die Hausfrau vorsteht, aber auch in dem Haushalt, den das Parlament beschließt"15. Auf Grund dessen kann man sich des Schlusses nicht erwehren, daß die radikale Verdrängung der alten Ökonomik aus dem Denken der modernen Wirtschaftswissenschaft je länger, desto mehr in eine Sackgasse geführt hat, was heute eine Gegenbewegung auslost. Das ist der Boden, auf dem die Aktualität des ökonomischen Familienproblems im Innern der nationalökonomischen Wissenschaft entstanden ist. Die äußeren Anstöße haben ihre innere Problematik nur aufbrechen lassen. 18 H e i n r i c h v. Stackel'berg1, Grundlagen der theoretischen Volkswirtschaftslehre, Bern 1948, S. 110. 14 George Katona, Psychological Analysis of Economic Behavior, New York 1951. 15 Oswald v. Nell-Breuning, Sinnbestimmung der Wirtschaft au» letzten Gründen. In dem oben genannten Sammelwerk „Grundsatzfragen der Wirtschaftsordnung", S. 240. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 209] ökonomische Probleme der Familienpolitik 81 chend verkürzt werden, was nur durch die im Zeitpunkt der Rentenzahlung erhobenen Beiträge oder durch Steuern geschehen kann. Sofern und soweit aus den Beiträgen der Rentenempfänger ein Kapitalstock gebildet worden ist, kann dadurch zwar die Produktivität der Volkswirtschaft angehoben und so die Umsteuerung erleichtert werden. Das Volkseinkommen bleibt trotzdem das Produkt von Kapital und den jetzt aufgewendeten Arbeitsleistungen. Diese gehen aber ihrerseits auf die „menschlichen Investierungen" der Familie in der Vergangenheit zurück. Das ist für das Verständnis der ökonomischen Rolle der Familie in der Sicht O e t e r s eine recht wichtige Feststellung. Sie hat nicht nur, wie der Sparer sich ein Sparkapital bildet, Einkommensteile in die junge Generation zu „investieren64 (das Arbeitskraftargument), sie muß zugleich aus ihrem jeweiligen Arbeitsertrag über die Sozialabgaben einen Teil für den Unterhalt der Alten abzweigen (das Produktionsquotenargument). Die Abzweigung trifft zwar auch den Unverheirateten und Kinderlosen. Nur bei der Familie treffen aber beide Funktionen zusammen. Sie muß diese Abgaben leisten und zugleich für die heranwachsende Jugend sorgen. In dieser Kumulierung liegt das Hauptmerkmal ihrer Sonderstellung und Leistung für die Gesamtheit. Nur dadurch, daß sie neben der Verkürzung ihres Einkommens für den Unterhalt der nicht mehr erwerbsfähigen Volksteile für die Jugend „investiert", wird die Kontinuität des Systems der Altersversorgung garantiert. Sonst würden bei noch so großen Prämienzahlungen eines Tages nur Sachkapitalien und unproduktive Menschen übrig bleiben. >9 3. Weiterführung und Kritik des Gedankenganges a) Analyse der Tatsachen Bevor diese Argumentation näher besprochen wird, ist es zweckmäßig, einen Blick auf die ihnen zugrunde liegenden Tatsachen zu werfen. Obwohl es keine zusammenfassende Literatur, nur viele einschlägige Einzeluntersuchungen gibt, lassen diese keinen Zweifel, daß ein dringliches Familienproblem der kinderreichen Familie wirklich existiert20. Das hängt mit der Tatsache zusammen, daß die Erwerbswirtschaft grundsätzlich Individuallöhne für die vom einzelnen erbrachte Leistung, nicht aber Lohn im Hinblick auf den Familienbedarf zahlt. Das Prinzip ist zwar nicht radikal durchgeführt, da die Basislöhne, auf denen die Leistungslohnstufen aufhauen, z. B. in der 20 Eine Zusammenstellung neueren Materials gibt die Göttinger Dissertation von Bernhard Stein, Der Familienlohn, die Probleme einer familiengerechten Einkommensgestaltung, 1955 (noch unveröffentlicht). Schmolle» Jahrbuch LXXV, 2 6 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 82 Erich Egner [210 Bundesrepublik an dem Bedarf einer vierköpfigen Familie (der Eltern mit zwei Kindern) orientiert sind21. Trotzdem wird dadurch das Familienlohnproblem nicht aus der Welt geschafft, nämlich die Tatsache der UnVerhältnismäßigkeit, die sich für die Bezieher von Erwerbseinkommen je nach der Zahl der von ihnen zu unterhaltenden Menschen ergibt. Daraus folgt bei Lohnempfängern eine Begünstigung aller derjenigen, die weniger Köpfe als die Normalfamilie zu versorgen haben, so besonders der Unverheirateten und kinderlosen Ehepaare, und eine Benachteiligung derer, die für eine größere Kinderzahl aufzukommen haben. Untersuchungen über Haushaltbudgets haben die Veränderungen in der Ausgabengestaltung, die eine Mehrzahl von Kindern mit sich bringt, immer wieder deutlich gemacht. Es sei gestattet, hier nur ein Beispiel zu zitieren, nämlich einige Ziffern, die Halbwachs auf Grund der Erhebung von Wirtschaftsrechnungen im Deutschen Reiche vom Jahre 1927/28 zusammengestellt hat. Danach ergab sich für Arbeiterund Angestelltenhaushalte folgendes Bild: Ausgaben für die Vollperson in Arbeiterund Angestelltenhaushalten verschiedener Größe 1927/28* Ausgabegruppen Arbeiterehepaare kinderlos mit 3 und mehr Kindern Ange9telltenehepaare kinderlos mit 3 und mehr Kindern Ausgaben Ausgaben absolut relativ relativ absolut relativ relativ Ernährung 631 = 100 66 701 = 100 65 Miete 161 = 100 72,5 286 ~ 100 65 Hausrat 84 = 100 42,4 164 = 100 47,5 Kleidung 193 = 100 68,5 246 = 100 92 Sonstiges 378 = 100 57 711 = 100 55 Für die Selbständigen besteht ein gleiches Gefälle wie für die Bezieher eines bedungenen Einkommens. Eine größere Kinderzahl bedeutet auch hier eine verkürzte Einkommensdecke. Man kann das auch so ausdrücken: Wachsende Familiengröße bei gleichem Einkommen besagt für die Lebenshaltung dasselbe wie sinkendes Einkommen bei *) Nach Maurice Halbwachs, L evolution des besoins dans les classes ouvrières, Paris 1933, S. 50. Die absoluten Ziffern entstammen der deutschen Enquete „Die Lebenshaltung von 2000 Arbeiter-, Angestelltenund Beamtenhaushaltungen, Erhebungen von Wirtschaftsrechnungen im Deutschen Reiche 1927/28", Berlin 1932. 21 Nach Bernhard Stein, der sich auf die Beratungen über das Kindergeldgesetz im Bundestag bezieht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 211] Ökonomische Probleme der Familienpolitik 83 gleicher Familiengröße22. Diese Beobachtung ist der Ausgangspunkt vieler hitziger Diskussionen um die Familie. C o n r a d t hat sie dahin pointiert, daß er sagte23: „In Deutschland leben unter der Herrschaft desselben Bedürfnisses zwei Völker. Entsprechend den beiden Völkern gibt es zwei Lebenshaltungen, zwei beherrschende Prinzipien, Überfluß und Mangel .... Es sind die Kinderarmen, die sich mit ihrem Lohn viel Annehmlichkeiten leisten können, und die Kinderreichen, die sich in der Bedürfnisbefriedigung weitgehend einschränken müssen." Allerdings muß man solche globalen Feststellungen sogleich differenzieren. So ist auf den Rowutrcc-Zyklus hinzuweisen, wenn das Phänomen nach dem Autor, der es verschiedentlich umschrieben hat, so bezeichnet werden darf24. Danach unterliegt die Lebenshaltung des normalen Erwerbstätigen während seines Lebens mehrmals einer Aufund Abbewegung. Er spricht von den three periods of economic stress, die dieser normale Mensch durchmachen muß. Die erste Periode wirtschaftlichen Druckes erlebt er in seiner Kindheit, wenn die Familie der Eltern mit den Geburten sich weitet und dadurch hohe wirtschaftliche Lasten zu tragen hat. Das ändert sich erst, wenn die Kinder selbst erwerbstätig werden. Dann kann der neu ins Erwerbsleben tretende Mensch nach vollendeter Ausbildung sich eine relativ hohe Lebenshaltung leisten, da er nur für sich selbst zu sorgen hat. Er gewöhnt sich einen dementsprechend hohen Lebensstandard an. Darauf folgt aber ein Absinken in die zweite Periode des wirtschaftlichen Druckes, sobald er sich verheiratet und eigene Kinder geboren werden. Er erlebt jetzt, was seine Eltern während seiner eigenen Kindheit durchzustehen hatten. Aus dieser Periode ergibt sich ein Wiederaufstieg der Lebenshaltung mit der wirtschaftlichen Verselbständigung der Kinder. Schließlich folgt auf diese Zeit des Wohlergehens eine dritte Periode des Absinkens der Lebenshaltung mit dem Ausscheiden des Menschen 22 So Carle C. Zimmerman, Consumption and Standards of Living, New York 1936, S. 551. 23 W. Conradt, Existenzminimum, ein rechnerischer Richtweg durch das haushaltende Deutschland der letzten 85 Jahre, Bd. I, Königsberg 1933, hier zitiert nach Charlotte v. Reichenau, Art. Haushaltsrechnungen I im Handwörterbuch der Sozialwiss. Das Conradt'sche Buch muß ein eigenartiges Schicksal gehabt haben. Trotz eifriger Bemühungen ist es mir nich't möglich gewesen, seiner habhaft zu werden. Selbst im Leihverkehr der wissenschaftlichen Bibliotheken war es nicht erreichbar. 24 Benjamin S. Rowntree. Poverty and Progress, London 1941, S. 160/61. Seine Gedanken wurden von Eleanor Rathbone übernommen, die besonders den demoralisierenden Einfluß dieser Auswirkungen des modernen Lohnsystems auf die Jugend unterstreicht. Siehe Eleanor Rathbone. Family Allowances, London 1949, S. 34 ff. 6' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 84 Erich Egner [212 aus der Erwerbstätigkeit. Er wird damit auf einen bloßen Versorgungsstatus abgedrängt. Rowntree betont, daß diese Bewegungen besonders wegen der Gewöhnung an die höhere Lebenshaltung in guten Zeiten sozial recht unerwünschte Folgen haben, daß sie besonders dort problematisch werden, wo kleine Einkommen in den periods of stress die Lebenshaltung unter das Existenzminimum, seine poverty-line, absinken lassen. Eine weitere Modifikation der obigen Feststellungen muß von der verschiedenen Lage der Familien ausgehen. Die These von den zwei Völkern und zwei Lebenshaltungen gilt im Grunde nur für die völlig vom Einkommenserwerb im außerhäuslichen Betrieb abhängigen Familien und diejenigen der selbständigen Unternehmer. Überall dort, wo durch eigenen Grundbesitz eine Eigenproduktion oder ein Nebenerwerb eine Rolle spielt oder wo es sich um Inhaber mittelständischer Betriebe handelt, ist dagegen die Familienlast schon bei halbwüchsigen Kindern durch ihre nützliche Mitarbeit gemildert. Eine Milderung kann auch im ersten Falle der völlig marktabhängigen Familien durch ergänzende Erwerbstätigkeit der Mutter bewirkt werden. Da es sich dabei aber um eine Folge der schwierigen Lage handelt, in der sich die Familie befindet, und dieser Fall besondere Probleme mit sich bringt, kann aus ihm keine eigentliche Einschränkung der Grundthese von den zwei Völkern abgeleitet werden. Allgemein ist nur festzustellen, daß, je stärker das landwirtschaftliche und mittelständische Element ist, desto weniger das Problem sich zuspitzt. Noch eine andere Modifikation des Einflusses der Kinderlasten ergibt sich von der jeweiligen Einkommenslage eines Haushaltes her. Auf Rowntrees Beobachtung, daß die Kinderlasten bei den kleinen Einkommensbeziehern den fühlbarsten Einbruch der Lebenshaltung mit sich bringen, wurde schon hingewiesen. Von Achinger und seinen Mitarbeitern ist jüngst derselbe Tatbestand unter deutschen Verhältnissen sichtbar gemacht worden25. Es wurde gezeigt, wie eine wachsende Kinderzahl die Lebenshaltung der Familie, in der Regel vom dritten Kinde an, manchmal schon beim zweiten Kinde, unter das Existenzminimum — gemessen an den Unterstützungssätzen der öffentlichen Fürsorge — herabsinken läßt. Dieser Feststellung entspricht es aber, daß bei steigendem Familieneinkommen durch die Kinder (und mit jedem weiteren Kinde zunehmend) zwar ebenso ein Druck auf die Lebenshaltung im Vergleich zu Kinderlosen vorliegt, daß hier der deshalb zu beschneidende Grenzbedarf der Familie jedoch eine geringere Dringlichkeit hat. Das um der Kinder willen zu 25 H. Achinger, S. Archinal, W. Bangert, Reicht der Lohn für Kinder? Schriften des Vereins für öffentliche und private Fürsorge. Frankfurt 1952» S. 44/45. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 213] ökonomische Probleme der Familienpolitik 85 erbringende Opfer ist bei einem höheren Einkommen relativ geringer als bei kleinem Einkommen. Das kann man mit dem Grenznutzenprinzip, der sinkenden Wertschätzung der letzten Mark des Einkommens begründen. Man braucht aber auch nur auf das Engel'sche Gesetz hinzuweisen, darauf, daß bei steigendem Einkommen der Anteil der Ernährungsausgaben sinkt. Im Grenzfalle des Millionärs würde der Haushalt selbst für den Unterhalt einer großen Kinderschar nur auf einige Luxusbedürfnisse zu verzichten haben. b) Interpretation Nach diesen Zwischenbemerkungen soll jetzt der Blick auf 0 e t e r s Gedankengänge zurückgelenkt werden. Sein Regenerationsargument möchte augenscheinlich unterstreichen, daß die Familie ihre großen Opfer für die Aufzucht der Jugend nicht allein um ihrer selbst willen erbringt, sondern daß sie dadurch der Gesamtheit zugleich einen unentbehrlichen Dienst erweist. Ähnlichen Gedanken begegnet man verschiedentlich im Schrifttum26. So berechtigt und selbstverständlich dieser Gesichtspunkt auch ist, so fragt sich doch, was man aus ihm ableiten kann. Man möchte ihn gern zur Begründung einer wirtschaftlichen Entlastung der kinderreichen Familien benutzen. Doch scheint mir, daß aus ihm allein in ökonomischer Hinsicht noch nichts folgt. Kinder in die Welt zu setzen, ist keine wirtschaftliche Leistung, die einen ökonomischen Anspruch begründet. Man kann den Gesichtspunkt deshalb nur als bevölkerungspolitisches Argument benutzen. Aber auch unter dieser Perspektive bleibt er problematisch. Kinder nimmt man im Zeitalter der voluntary parenthood aus freiem Entschluß auf sich. Es gibt die Möglichkeit, die Kinderlasten durch Begrenzung der Kinderzahl gering zu halten. Man hat empirisch feststellen können, daß die Kinderlasten in den Schichten der mittleren und höheren Einkommensbezieher dadurch gemildert werden, daß die Familien hier ihre Kinderzahl nach dem Einkommen zu regulieren suchen27. Man kann so mit steigendem Einkommen eine wachsende Bereitschaft zum Tragen der Kosten für die Kinder beobachten. Doch muß man sich hüten, aus dieser Beobachtung zu schnell den Schluß zu ziehen, daß man nur das Einkommen zu erhöhen brauche, um eine vermehrte Kinderzahl zu erreichen. Die Wohlstandstheorie 26 So weist B. Stein darauf hin, daß schon Joh. Fichtel, Der Familienlohn, München Diss. 1926, die regenerative Leistung in den Mittelpunkt seiner Gedankenführung gestellt hat. Entsprechende Bemerkungen fand ich in dem Aufsatz von Anton Böhm, Die Frau in der modernen Gesellschaft II, Zeitschrift „Wort und Wahrheit", 9. Jahrg. (1954), Heft 10, S. 753/54. 27 Achinger, Archinal, Bangert, S. 33. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 86 Erich Egner [214 lehrte bekanntlich, daß gerade die steigende Lebenshaltung das Zweikindersystem mit sich gebracht habe. So wenig diese These allgemein haltbar ist, so lehrt dieser Gegensatz der Auffassungen — bald eine Vermehrung, bald eine Verminderung der Kinderzahl als Folge eines steigenden Einkommens —, daß es keinen starren Zusammenhang zwischen Einkommenshöhe und Kinderzahl gibt. Eine Meinung, die solches behauptet, verkörpert, wie Mackenroth gezeigt hat28, einen naturalistischen Irrglauben. Der Zusammenhang ist nur bei Berücksichtigung komplizierender sozialer Faktoren, die auf den Willen zum Kinde einwirken, zu verstehen. Solchen Überlegungen könnte O e t e r zustimmen, denn er begnügt sich nicht mit dem Regenerationsargument. Er führt zugleich die Arbeitskraftund Produktionsquotenargumente in den Gedankengang ein. Seine zentrale These läuft hier auf eine Einschränkung der Rolle des Kapitals gegenüber dem menschlichen Faktor im Wirtschaftsleben hinaus, auf eine Gegenposition gegen die „völlig einseitige Bewertung des Sachkapitals, wie sie das derzeitige Wirtschaftsdenken beherrscht" (S. 88). Wenn er demgegenüber allerdings an anderer Stelle die Bedeutung des Sparens für die Kapitalbildung wieder unterstreicht, deren Bedeutung künftig noch steigen könne, so liegt darin ein Zurückweichen vor seiner eigenen Position29. Sie schließt die Behauptung in sich, daß grundsätzlich dem Menschen vor dem Kapital im Hinblick auf die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft der Vorrang gebührt, daß dafür der Konsum wichtiger als Sparen und Kapitalbildung sein kann, allerdings nicht ein beliebiger Konsum, sondern derjenige, der für die Heranziehung und Heranbildung der jungen Generation, für die „Investition44 in sie erfolgt. Das ist dem landläufigen nationalökonomischen Denken ein paradoxer Satz, der zugleich zur modernen Debatte um das Sparen eine interessante Pointe beisteuert. Er relativiert das Sparen diesmal nicht unter konjunkturellen Gesichtspunkten, sondern um der künftigen Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft willen. Die Familie hat in dieser Sicht die fundamentale Funktion zu erfüllen, da sie Wirtschaft und Gesellschaft aus einer sie tragenden Generation in die andere 28 Gerhard Mackenroth, Bevölkerungslehre, Berlin 1954, S. 319. 29 Hier zeigt sich, was man O e t e r s Buch auch an anderen Stellen anspürt, daß der Autor kein Nationalökonom vom Fache ist. Er ist Mediziner. Wie bei seinen Vorläufern von Quesnay bis auf Oppenheimer erweist sich das nidit als Nachteil. Die Unstimmigkeiten, die dem gelernten Nationalökonomen nicht unterlaufen wären, werden vielmehr weit durch die Unbefangenheit aufgewogen, mit der er nationalökonomischen Lehrmeinungen gegenübertritt. Darin liegt der besondere Reiz des hier besprochenen Buches, allerdings auch seine Grenze. Ein Nationalökonom würde z. B. den Satz, daß die Notwendigkeit des Sparens noch nirgends ernsthaft bestritten worden sei, nicht geschrieben haben. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 215] ökonomische Probleme der Familienpolitik 87 hineinwachsen läßt. Dadurch ermöglicht sie überhaupt erst die Dauerhaftigkeit des Wirtschaftsund Sozialprozesses. Demgegenüber sei hier folgendes festgestellt: Es ist richtig, daß die Nationalökonomen von Böhm-Bawerk bis zu E u c k e n immer wieder die intertemporale Funktion des Kapitals betont, die menschliche Seite des Zusammenhanges, die intertemporale Funktion der Familie aber vernachlässigt haben. Man hat die Bildung von Kapital und die Disposition darüber als für den zeitlichen Aufbau der Produktion entscheidend hingestellt und vergessen, daß die Disposition der Familien über ihr Einkommen dabei auch ein Wort mitzureden hat. Die „Investitionen" in die junge Generation stehen zur Sparkapitalbildung weitgehend in einem Konkurrenzverhältnis. Zugleich wird durch die Einkommensverwendung in der einen oder anderen Richtung der Aufbau der Produktion verändert. Je nachdem die heutige Familie große Teile ihres Einkommens für die Heranziehung von Kindern oder unter Verzicht auf solche Lasten für die Hebung der eigenen Lebenshaltung und vermehrtes Sparen verwendet, erfolgt die Zukunftsvorsorge stärker über den Kapitaloder den menschlichen Faktor. Man kann diesen Gedanken noch weiter zuspitzen und mit anderen nationalökonomischen Lehren in Verbindung bringen. Er begegnet sich in gewisser Weise mit Schumpeters These von der schöpferischen Zerstörung und neuerdings mit Fourastiés Auffassung von den Wirkungen des technischen Fortschritts. Nach diesem Autor bringt die Entfaltung der Produktivität als Folge des technischen Fortschritts eine laufende Entwertung der alten Kapitalanlagen einschließlich der Immobilien mit sich. Er sucht dies ziffernmäßig zu belegen30. Dadurch werden die Vorleistungen der Vergangenheit für die Zukunft unablässig zu einem größeren oder geringeren Teil zunichte gemacht. Die traditionellen Renten und Unternehmergewinne werden zerstört, die Macht des alten Eigentums wird gebrochen. Zugleich müssen die dem letzten Stande der Technik entsprechenden Kapitalien immer wieder neu gebildet werden. Man denke dabei an das Verhältnis der Eisenbahnen zum Kraftverkehr. So legt der technische Fortschritt dem Menschen eine Sisyphus-Arbeit auf. Die Konsumverzichte müssen für die Realisierung der neuesten technischen Methoden durch die jeweils produktiv tätigen Menschen laufend neu vollzogen werden. 30 Die Entwertung der Anlagekapitalund Bodenwerte wird besonders deutlich durch die von Fourastié gegebene Messung in Stundenlöhnen, also durch den Ausdruck der Werte in Realpreisen. Vgl. das 4. Kapitel in der „Großen Hoffnung des 20. Jahrhunderts", Köln 1954, ferner Machinisme et bien-être, 2. Aufl., Paris 1953, S. 134 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 88 Erich Egner [216 Wohl erleichtert der bisherige Kapitalstock durch die mit seiner Hilfe erreichte Lebenshaltung eine neue Sparkapitalbildung. Sie kann aber nicht vorweggenommen werden. So sind die „menschlichen Investitionen" der Familien, aus denen die produktiven Menschen hervorwachsen, die das neue Kapital zu bilden haben, auf die Dauer gesehen eine sicherere Zukunftsanlage als die sachlichen Investitionen. Sie entwerten nicht und werden nicht durch den technischen Fortschritt überholt. Diese arbeitenden Menschen der Zukunft müssen nur bereit sein, aus ihrem Produkt eine Quote für die Realisierung der modernen Technik ihrer Zeit abzusteuern. c) Kritische Würdigung Es fragt sich nun, welches Gewicht man solchen Gedankengängen beilegen kann. Man darf die Grenzen dieser Perspektiven nicht übersehen. Die ihnen zugrunde liegende Relativierung des Kapitalfaktors für den wirtschaftlichen Entwicklungsprozeß gegenüber dem menschlichen Faktor kann nur unter bestimmten Voraussetzungen behauptet werden. Die nationalökonomischen Klassiker entwickelten ihre kapitalfreundliche Lehre unter der Annahme einer stark wachsenden Bevölkerung, die schon um der Sicherung der bisherigen Lebenshaltung willen einen großen Kapitalbedarf mit sich bringt. Ihre Nachfahren dagegen setzten die Bevölkerung als Datum in ihre Überlegungen ein und klammerten sie dadurch aus ihrer Problematik aus. Das führt leicht, wie die vorstehenden Darlegungen zeigen, zu einer Unterschätzung des menschlichen Faktors. Sobald man es, wie in den alten Industrieländern, mit Volkswirtschaften zu tun hat, die bei relativem Kapitalreichtum auf Grund des Geburtenrückganges mit einem künftigen Menschenmangel zu rechnen haben, bei denen schon jetzt durch Überalterung der Bevölkerung die unproduktiven Lasten der Gesamtheit wachsen, wird die Lehre von der begrenzenden Kraft des Kapitals für die wirtschaftliche Entwicklung der realen Situation unangemessen. Dann ist nicht mehr das Kapital, sondern der arbeitsfähige Mensch der Minimumfaktor künftiger Entwicklung. Von ihm hängt es dann ab, ob der technische und wirtschaftliche Fortschritt eine weitere Hebung des Unterhalts der Gesamtheit bewirken kann oder ob immer größere Teile des Volkseinkommens für den Unterhalt der unproduktiven Volksteile aufgezehrt werden. Dadurch können zunächst Produk« tivitätssteigerungen kompensiert werden, schließlich kann es auch dazu kommen, daß die Höhe der unproduktiven Lasten eine Sparkapitalbildung für die Realisierung moderner technischer Methoden unmöglich macht. Soweit ist die Relativierung des Faktors Kapital wohl begründet. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 217] ökonomische Probleme der Familienpolitik 89 Zugleich ist aber auch zu bedenken, daß die über die intertemporale Leistung der Familie gemachten Aussagen wieder fragwürdig werden, sobald man ein gleichsam automatisches Wachstum der Bevölkerung statt des Geburtenrückganges unterstellt. Für die heute in starkem Wachstum begriffenen Völker Asiens, aber auch beträchtlicher Teile Afrikas, Mittelund Südamerikas, ist das Kapital nach wie vor der Minimumfaktor, der die wirtschaftliche Entwicklung begrenzt. Demgegenüber von der verkannten Rolle der Familie und einer Überschätzung des Kapitals zu sprechen, wäre wirklichkeitsfremd. Hier steht vielmehr die hohe menschliche Reproduktionsleistung der Familie einer Hebung der wirtschaftlichen Produktivität und der Lebenshaltung hindernd im Wege. Nur eine sich schneller als die Bevölkerungsbewegung vollziehende Kapitalbildung kann diesen Zustand ändern. Diese Überlegung lehrt, daß die Funktion der Familie für die Regeneration der Arbeitskraft nur im Bereiche der Geburtenrationalisierung und der totalen Vermarktlichung der wirtschaftlichen Existenz Gewicht hat. Darüber hinaus muß noch von einer anderen Seite her der Gedanke von der ökonomischen Leistung der Familie, die in ihrer regenerativen Funktion liegt, begrenzt werden. Die Aufwendungen der Familie für die heranwachsende Generation sind natürlich keine echten Investitionen, sondern können nur per analogiam als solche angesprochen werden, weil sie ähnliche Merkmale wie das Kapital haben. Nur in einem übertragenen, uneigentlichen Sinne kann man davon sprechen. Wenn man diese Uneigentlichkeit der Redewendung nicht beachtet, käme man dazu, nicht nur von einer Bildung menschlichen Kapitals — wie bei Sklaven —, sondern auch von Abschreibungen darauf zu sprechen, wie 0 e t e r dies tatsächlich versucht. Das bedeutet dann eine ökonomisierung des Menschen, die ihn zu einem Wirtschaftsmittel statt zum Subjekt alles Wirtschaftsgeschehens macht. Die „Investitionen" in die Jugend sind nicht rechenbar, sie erfolgen auch nicht um der Schaffung eines Produktionsmittels, sondern um der menschlichen Bedarfsdeckung willen, durch die sich der Zweck alles wirtschaftlichen Bemühens erfüllt. Der Gedanke von menschlichen Investitionen ist näher besehen ein Ausfluß der alten These von der Reproduktivität des Konsums, wie sie besonders durch Lorenz v. Stein vertreten wurde81. Er hat damit wenig Anklang gefunden, da die Unhaltbarkeit der Behauptung, daß der Konsum (als Endkonsum) der Erneuerung der menschlichen Produktionskraft, diese der Produktion diene, die ihrerseits den Kon31 Lorenz v. Stein, System der Staatswissenschaft, 1. Bd.: System der Statistik, Populationi8tik und der Volkswirtschaftslehre, Stuttgart 1852, S. 166. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18 90 Erich Egner [218 «um ermögliche usw. in ewigem Kreislauf, leicht einzusehen ist. Auch sie läuft auf eine ökonomisierung der Menschen hinaus. Trotzdem ist der Reproduktionsgedanke nicht grundsätzlich verfehlt. Das gilt nur für die These, daß der Konsum schlechthin reproduktiv sei oder die Aufgabe habe, reproduktiv zu wirken. Grundsatzlich dient der Konsum der Bedarfsdeckung als dem ökonomischen Endzweck. Oft hat er aber die Nebenwirkung einer Reproduktivität, sei es in bezug auf die Arbeitskrafterhaltung, sei es in Richtung auf die Heranbildung künftig arbeitsfähiger Menschen. Fehlende Reproduktivität kann sinnvoll — besonders die Erhaltung der Alten, aber auch der größte Teil echten Kulturbedarfs — oder sinnlos sein, so etwa ein gesundheitsschädlicher Genußmittelkonsum. Im letzten Fall handelt es sich um verschwenderischen Konsum. Von hier aus gewinnt man einen Maßstab für die Beurteilung der „menschlichen Investitionen6'. Sie sind eine Nebenwirkung des Konsums. Wegen dieser Eigenart können sie später ökonomisch belangvoll werden, sie braudien es aber nicht. Ihr ökonomisches Gewicht steigt, je knapper die menschliche Arbeitskraft künftig zu werden droht, es fällt mit der Reichlichkeit ihrer Verfügbarkeit. Das kann so weit gehen, daß diese „Investitionen64 gleichsam als „Fehlinvestitionen" anzusprechen sind, daß der für die Heranziehung junger Menschen getätigte Konsum wie ein verschwenderischer Konsum wirkt, wenn nämlich durch einen hohen Bevölkerungsdruck die Gesamtheit auf einem Elendsniveau zu leben gezwungen ist und keine anderen Mittel zur Hebung der Lebenshaltung als die Geburtenbeschränkung verfügbar sind. Doch muß man sich auch hierbei des analogiehaften Charakters der Redewendung bewußt bleiben, wenn man nicht wieder bei einem Ökonomismus landen will. Die Betrachtung der Bevölkerung als eines Kapitalstockes, der in einer bestimmten Frist umgeschlagen und in seiner Substanz erhalten werden müsse, ist schon von H. Beckendorff kritisiert worden32. Dieser Autor schoß aber über das Ziel hinaus, als er O e t e r vorhielt, er habe die alleinige Produktivität der Arbeit verkündet. Das konnte der Angegriffene als unbegründete Behauptung zurückweisen. Die Polemik beider Autoren um die Rolle der Spartätigkeit für die Alterssicherung stand unter keinem glücklichen Stern. Einerseits ist Beckendorffs These, daß die Arbeitsfähigen sich durch Sparen eine Alterssicherung aus den Erträgnissen des so gebildeten Kapitals schaffen können, in dieser Form nicht zu halten. Andererseits sind Oeters Gegenargumente, daß die Alterssicherung praktisch nicht aus den Erträgnissen eines angesammelten Kapitals, sondern aus der Substanz selbst erfolge, daß das Kapital ferner bei seiner Nutzung immer der menschlichen Leistung bedürfe, nicht durchschlagend. Der erste empirische Einwand, daß die Rentenzahlungen direkt aus den Beitragsleistungen erfolgen, ist zwar 32 H. Beckendorff, Ausgleich der Familienlasten? Berlin 1953 (Finanzwissenschaftliche Forschungsarbeiten, N.F. H. 2, herausgegeb. von Schmölders). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.2.67 | Generated on 2023-04-04 11:22:18