Die Säugetiere. Einführuing in die Anatomie und Systematik der recenten und fossilen Mammalia
Abstract
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Full text
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DIE SÄUGETIERE.
f^-x=r)
EINFUHRUNO
IN
DIE ANATOMIE UND SYSTEMATIK DER
RECENTEn UND FOSSILEN MAMMALIA
VON
DR. MAX WEBER,
PROFESSOR DER ZOOLOGlJi IX A.MSri<:RDAM.
MIT 567 ABBILDUNGEN.
L
VERLAG VON GUSTAV FISCHER IN JENA.
1904.
Alle Rechte vorbehalten.
Vorwort.
Das vorliegende Lehrbuch beabsichtigt eine Einführung in die Ana-
tomie und Systematik der recenten und fossilen Säugetiere.
Es legt daher den Schwerpunkt auf den Bau und die zeitliche und
örtliche Verbreitung dieser Tiergruppe. Demgegenüber tritt die syste-
matische Betrachtung einigermaßen in den Hintergrund, inso^veit dieselbe
sich damit beschäftigt, die Arten zu nennen und nach ihrem Aeußeren
und ihren Lebensge^vohnheiten zu beschreiben. Dies ist in ausgezeichneter
Weise geschehen in „An Introduction to the study of Mammals liying and
extinct by W. H. Flower and R. Lydekker 1891" und für einzelne Ab-
teilungen noch ausführlicher in Aliens „Naturalist's Library". Ferner in
der umfangreichen systematischen Literatur, in welche der „Catalogus Mam-
malium tarn viventium quam fossilium a P. L. Trouessart, Berolini 1^98
— 1899" einen Einblick gewährt. Andererseits gibt die bekannte, im Er-
scheinen begriffene Bearbeitung der Säugetiere in Bronns Klassen und
Ordnungen des Tierreichs durch W. Leche die nötigen Data an die Hand,
tiefer in den Bau der Säugetiere einzudringen.
Die Disposition dieses Buches, das im September 1903 abgeschlossen
wurde, ist folgende: Auf einen Allgemeinen Teil, der sich mit den Grund-
zügen des Baues und der Entwicklung der Säugetiere beschäftigt, folgt
der umfangreichere Sjjezielle Teil. Dieser behandelt die einzelnen Ord-
nungen in folgender Weise. Einer jedesmaligen Uebersicht über ihre
anatomischen Merkmale, mit eingeflochtenen bionomischen Bemerkungen,
folgt die Diagnose der Ordnung und ihre geographische Verbreitung.
Hieran schheßt sich der taxonomische Teil, der zunächst die systematische
Verteilung, meist in Form dichotomischer Tabellen, darlegt. Hierdurch wird
die Charakterisierung der wichtigsten Genera und Species eingeleitet, mit
besonderer Berücksichtigung der nordeuropäischen Fauna. Den jedes-
maligen Schluß einer Ordnung bildet ihre Vorgeschichte, die eine kurze
LTebersicht gibt über ihre fossilen Vorgänger und ^^erwandten. Was im
taxonomischen Teil auseinandergerissen wurde durch Heryorhebung unter-
scheidender Merkmale, konnte in diesem Abschnitt an der Hand phylo-
genetischer Erwägungen und i)aläontologischer Tatsachen häufig wieder
zusammengefaßt und yon anderem Gesichtspunkte aus beleuchtet werden.
Untunlich war es, den reichen Schatz der Säugetier-Literatur in einer
Ausdehnung zu nennen, die auch nur in weitester Ferne auf Vollständig-
keit abzielte und den Verdiensten der Verfasser gerecht wurde. Eine
IV Vorwort.
Auswahl mußte daher getroffen werden. Diese diktierte das vorliegende
Werk selbst. Es galt in erster Linie, die Schriften zu nennen, auf denen
dieses Buch ruht, sowie solche, die vieles, was hier nur angedeutet werden
konnte, weiter ausführen. Die wichtigsten dieser Werke, sowie solche, in
denen gegenteilige Ansichten von den in diesem Buche entwickelten zum
Ausdruck kommen, sind am Schlüsse desselben zusammengestellt. Eine
Wertschätzung zahlreicher Schriften, durch Fehlen in dieser Liste schein-
l)ar sich äuikrnd. liegt derselben fern. Das didaktische Moment gab den
Ausschlag.
Manches, was diesem Werke einverleibt werden konnte, ist eine Frucht
der glücklichen ^^erbindung des Zoologischen Institutes der Amsterdamer
L^niversität mit dem Zoologischen (larten und seinen Museen: Eigentum
der König]. Zoologischen Gesellschaft. Dali) ich auch für die vorliegende
Arbeit in vollem Maße diese Früchte pflücken konnte, danke ich nicht
zum geringen Teil dem verständnisvollen Entgegenkommen des kundigen
Direktors genannter Gesellschaft, meinem Freunde Dr. C. Kerbert. Gern
erinnere ich mich auch, daß manche Darlegung ein Widerhall ist von
Gesprächen mit meinem Fi-eunde und früheren Kollegen Prof. G. Rüge,
jetzt in Zürich.
Es drängt mich, wie manchen Autor vor mir, meinem Ver-
leger, Herrn Dr. G. Fischer, ein Dankeswort zu sagen. Auch ich erfuhr
früher und jetzt wieder das liberalste Entgegenkommen auf jedem Schritte.
Im vorliegenden Falle auch darin, daß die Mehrzahl der Figuren, die ich
der gewamlten Feder des Herrn J. W. Huysmans verdanke, unter meiner
Aufsicht durch die Firma Roelotfzen. Hübner und van Santen in Amsterdam
mit großer Sorgfalt ausgeführt wurden.
Besonderer Dank gebührt auch der Druckerei des Herrn Anton
Kämpfe; nicht nur für den technischen Teil der Drucklegung, sondern
auch bezüglich der heiklen Angelegenheit der modernen Rechtschreibung,
die mir in ihren Konseipienzen vollständig dunkel war.
Eerbeek, März 1904.
Max Weber.
Inhalt.
.Soite
Vorwort.
Uebprsicht der in diesem Werke gebrauchten Klassifikation IX
Anatomischer Teil.
Einleitung 1
I. Haut und Hautgebilde 3
IL Skelet 37
1. AlJgemeines 87
2. Schädel 41
3. Wirbelsäulo 81
4. Rippen 90
5. Sternuni 92
6. Schultergürtel und vordere Extremität 95
7. Beckengürtel und hinlere Extremität lOÜ
III. Nervensystem 115
1. Gehirn und Rückenmark 115
2. Gehirnnerven 128
3. Rückenmarksnerven 132
IV. Sinnesorgane 134
1. Hautsinnesorgane 134
2. Geschmacksorgan 135
3. Sehorgan 136
4. Gehörorgan 142
5. Geruchsorgan 148
V. Muskelsystem 156
VI. Gebiß 163
VII. Darmkanal 189
VIII. Respirationsorgane 216
IX. Zirkulationsorgane 229
X. Geschlechtsorgane 238
XI. Harnorgane 274
XII. Geschlechtszellen 280
XIII. Entwicklung des befruchteten Eies 283
XIV. Zirkulation in den Eihäuten 294
XV. Sekundäre Geschlechtscharaktere 297
VI Inhalt.
Systematischer Teil. g^.^^
Einleitung 301
Geographische Verbreitung der Säugetiere 304
I. Ordnung: Monotremata 317
Taxonomie 330. Vorgeschichte 331.
II. Ordnung: Marsupialia 331
G'eographische Verbreitung 347. Taxonomie 349. Vorgeschichte
3.^4. Mesozoische Säugetiere 356. Mnltituberculata 356. Proto-
donta, Insectivora et Marsupialia primitiva 358.
3Ionodeli)hia 362
III. Ordnung: Insectivoi'a 362
Geographische Verbreitung 375. Taxonomie 376. Vorgeschichte 380.
IV. Ordnung: Chiroptera 382
Geographische Verbreitung 396. Taxonomie 397. Vorgeschichte 405.
V. Ordnung: Galeopithecidae 406
Geographische Verbreitung 410. Taxonomie 411. Vorgeschichte 411.
Edentata 112
VI. Ordnung: Tubulidentata (Orycteropodidae) 414
Geographische Verbreitung 419. Taxonomie 419. Vorgeschichte 419.
VII. Ordnung: Pholidota (Manidae) 420
Geograjshische Verbreitung 429. Taxonomie 429. Vorgeschichte 430.
VIII. Ordnung: Xenarthra -13t)
Geographische Verbreitung 451. Taxonomie 452. Vorgeschichte
457. Gravigrada 459. Peltephilidae 465. Glvptodontidae 466.
Ganodonta 468.
IX. Ordnung: Rodentia 470
Geographische Verbreitung 487. Tabellarische Uebersichten 489.
Taxonomie 492. Dupl leiden tata 493. Simplicidentata 495. Vor-
geschichte 507. Proglires 509. Mixodectidae 509.
X. Ordnung: Tillodontia 513
XI. Ordnung: Carnivora 515
Carnivora fissipedia 515. Geographische Verbreitung 527. Taxo-
nomie 529. Herpestoidea 529. Arctoidea 533. Vorgeschichte 538.
Creodonta 538. — Carnivora pinnipedia 543. Geographische Ver-
breitung 548. Taxonomie 548. Vorgeschichte 551.
XII. Ordnung: Cetacea 552
Geographische Verbreitung 573. Mystacoceti 574. Odontoceti 578.
Vorge.schichte 580. Archaeoceti 583.
Ungulata 585
Synopsis der Ordnungen der Ungulata 588.
Diplarthra 591
Tabellarische Ucbersicht der Nomenklatur der Ungulaten-Molaren 594.
XIII. Ordnung: Perissodactyla 597
Geographische Verbreitung 610 Taxonomie 610. Tabellarische
Uebersicht der Perissodactyla 614. Vorgeschichte 617. Titano-
therioidea 617. Hippoidea 619. Taoiroidea 624. Rhinocerotoidea
625.
XIV. Ordnung: Artiodactyla 628
Tabellarische Uebersicht der Artiodactyla 643. Nonruminantia 645.
Hippopotamidae 645. Suidae 647. Vorgeschichte 652. Elotheriidae
Inhalt. VII
Seite
653. Ruminantia 655. Tylopoda 055. Taxonomie 658. Vorge-
.schichte 059. Oamelidae 661. Oreodontidae 6()2. Homacodontidae
664. Pecora 665. Cervidae 666. Taxonomie 667. Geographische
Verbreitung 671. Vorge.'^chichte 672. Bovidae 672. Taxonomie 674.
Giraffidae 682. Traguloidea 685. Dichobnnoidea 6SS. Anlhra-
cotherioidea 690.
XV. Ordnung: Contlylaithra 691
XVI. Ordnung: Ancylopoda 694
XVII. Ordnung: Litopterna 697
XVIII. Ordnung: Amblypoda 699
XIX. Ordnung: Toxodontia 702
Protypotheriidae 703. Typotheriidae 705. Toxodontidae 705.
XX. Ordnung: Hyracoidea 706
Geographische Verbreitung 714. Taxonomie 714. Vorgeschichte 714.
XXI. Ordnung: Proboscidea 715
Taxonomie 723. Vorgeschichte 723. Dinotheriidae 724.
XXII. Ordnung: Sirenia 727
Geographische Verbreitung 738. Taxonomie 738. Vorgeschichte 739.
Primates 740
XXIII. Ordnung: Prosimiae 742
Geographische Verbreitung 754. Taxonomie 755. Tarsiidae 755.
Lemuridae 757. Vorgeschichte 761. Hyopsodontidae 763. Notharc-
tidae 763. Anaptomorphidae 763. Adapidae 764. Microchoeridae 765.
XXIV. Ordnung: Simiae 766
Synoptische Tabelle der Bimiae 783. Platyrrhina 784. Hapalidae
784. Geographische Verbreitung 786. Taxonomie 786. Cebidae
787. Geographische Verbreitung 790. Taxononn'e 790. Catarrhina
y94. Geographische Verbreitung 797. Taxonomie -797. Hylo-
batidae 800. Geographische Verbreitung 803. Taxonomie 804.
Anthropomorphae 804. Geographische Verbreitung 812. Taxonomie
812. Vorgeschichte 813.
Schlußwort 818
Literaturverzeichnis 821
Register 851
Uebersieht
der in diesem Werke gebrauchten systematischen
Anordnung der Säugetiere.
I. Unterklasse Monotremata:
I. Monotremata! /Echidnidae 3H0
(Ornithorhynchidae331
II. Unterklasse Marsupialia.
II. Marsupialia
j^Didelphyidae
' Peramelidae
II. Paucitubercuiata P^panorthidae
,,, n- i j 1- (Phascolarctidae
III. D.protodontia
j pt^jangeridae
349
349
350
351
351
352
352
III. Unterklasse Monodelphia.
Insectivora
Menotyphia
IL
Llpotyphla
IV. Chiroptera
V. Galeopithecidae
Megachlroptera
Tupajidae
Macroscelididae
Talpidae
Soricidae
Erinaceidae
Potamogalidae
Centetidae
Chrysochloridae
Pteropodidae
Rhinolophidae
Phvllostomatidae
^'«'•"ß''""«Pt«'"^>Emballonuridae
jEnil
tVespertilionidae
Galeopithecidae
376
376
378
379
379
379
380
380
398
399
402
403
403
406
X Inhalt.
VI. Tubulidentata Orycteropodldae 419
VII. PholidOta Manldae
VIII. Xenarthra jSÄd
(Dasypodidae
429
452
ae 454
454
IX. Rodentia
Diipljcidentata
II.
Simplicidentata
X. +Tillodontia
XI. Carnivora
XII. Cetacea
XIII. Perissodactyla
XIV. Artiodactyla
I.
Carnivora fissi-
pedia
II.
(
Carnivora pinni-
1
pedia |
' (
Mystacoceti
H, f
Odontoceti i
' I
Nonruminantia ;
(Suoidea) (
II.
Tyjopoda
III.
j
Pecora
IV.
Traguloidea
V.
Olchobunoidea
vr.
AnthracotherloJdea
fOchotonidae
ILeporidae
Haplodontoidea
Sciuroidea
Castoroidea
Geomyoidea
Anomahiroidpa
Myoxoidea
Dipodoidea
Myoid ea
ßathyergoidea
Hy.stricoidea
494
494
496
496
498
498
499
500
500
501
505
505
+Tillodontidae 513
I. Herpestoidea
II. Arctoidea
(i Felidae
.^. Viverridae
|3. Hyaenidae
4. Canidae
5. Ursidae
6. Procyonidae
7. Mustelidae
1. Otariidae
,2. Trichechidae
3. Phocidae
529
530
532
533
534
536
536
548
550
550
II.
Balaenidae 574
2. Rhachianectidae575
3. Balaenopteridae 575
(]. Physetendae 578
2. Platanistidae 579
3.Delphiiiapteridae579
4. Delphinidae 579
[1. Tapiridae 611
2. Rhinocerotidae 611
(3. Equidae 612
iHippopotamidae
iSuidae
Camelidae
jCervidae
Bovidae
Giraffidae
Traguli dae
645
647
-658
666
672
682
685
688
690
Tnlinit. XI
XV.
Berichtigungen.
p. 179, 180 Taeker statt Tacker.
p. 413 Xenarthra statt Xenartha.
p. 429 hinter Manis fehlt L.
)i. 772 ,.Pneumatisierung des Mastoid ist eine Eigentündichkeit des Menschen'
muß heißen „Pneuniatisiening des Processus mastoidens etc.'
Anatomischer Teil.
Einleitung.
An die Spitze der Wirbeltiere und damit an die Spitze der Tiere
überhaupt werden die Säugetiere gestellt. Nicht allein, weil sie auch den
Menschen umfassen, mehr noch wegen dei" hohen Stufe, auf welche sie die
Kom])likation ihres Körperl)aues erhebt.
Diese VA^A sich l)emessen nach der Größe des Unterschiedes, der
zwischen der einfachen Eizelle liegt und dem kompliziert gebauten Organis-
mus, der sich aus ihr entwickelt. Nirgends ist dieser Unterschied größer
als bei den Säugetieren. ,
Die lang erkannte Tatsache, daß sein Körperbau den Menschen
unter die Säugetiere versetzt und daß auch seine seelischen P'unktionen
dort schon im Keime schlummern, führte bereits früh forschende Geister
zum Studium der Säugetiere. Man suchte bei ihnen Licht für das Ver-
ständnis des eigenen Körpers. Dei' Art der Sache nach bildeten in erster
Linie Haustiere die gewöhnlichsten Objekte, die daneben auch, schon an
und für sich wegen ihrei- Bedeutung für den Menschen, einer näheren
Kenntnis wert waren.
Früh wurden auch Säugetiere fern abgelegener Länder in den Kreis
der Betrachtung gezogen. Seinen mehr zufälligen Charakter verlor dieses
Studium aber erst gegen das Ende des 18. Jahrhunderts und namentlich
unter der Aegide von (i. Cuvier. Wissenschaftliche Reisen lieferten das
Material für anatomische Untersuchung, das während der letzten fünfzig
Dezennien reichlicher zufloß, namentlich auch durch die gut eingerichteten
zoologischen Gärten der Neuzeit.
So wurde die Anatomie und die Ivenntnis der Arten gleichmäßig ge-
pflegt. Unter dem Einfluß der Darwinschen Lehre ti'aten aber phylogenetische
Fragen in den Vordergrund. Die Paläontologie, die bereits G. Cuvier in
ausgedehntem Masse berücksichtigt hatte, griff" hierbei tief ein, begünstigt
durch vordem ungeahnt reiche Funde, namentlich in Nordamerika und
neuerdings auch im Süden dieses Kontinentes.
Täglich erfahren wir mehr, wie sehr die Kenntnis der fossilen Säuge-
tiere unsere Ansichten über die lebenden beeinflußt; zweifelsohne wird sie
dies in Zukunft in stets ausgedehnterem Maße tun. Da aber die Palä-
ontologie fast ausschließlich nur über die harten Teile des Säugetierkörpers
verfügt, wird die vergleichende Anatomie und Embryologie stets ihre wich-
tige Stimme l)elialten in den zahllosen Fragen, auf welche die Paläontologie
keine Antwort gelten kann.
AVolier. Säugotioro. 1
2 Einleitung.
Bereits aus der Trias kennen wir. allerdings sehr sparsame Reste
von Säugetieren. Weit zahlreicher werden sie bereits im Jura. Trotz
ihres ehrwürdigen Alters gehören diese aber schon so sehr spezialisierten
Tieren an. daß der Stammbaum der Säugetiere viel weiter zurückreichen
muß. Seine Wurzel ist uns noch immer unbekannt.
Daß die Säugetiere nicht Reptilien oder Amjjhibien, wie sie unsere
heutige Fauna aufweist, entstammen, bezweifelt wohl niemand. Wird da-
her, wie vielfach geschieht, eine engere Verwandtschaft mit Reptilien an-
genommen, so kann es sich eben nur um ausgestorbene, primitive Formen
handeln, deren Körper noch sichtbare Merkmale besaß, durch die er sich
primitiven Amjdiiliien anschloß.
Andere suchen die ^'ortahren der Säugetiere unter Amphibien. Ge-
meinhin l)eschränken sich auch diese genealogischen Andeutungen darauf,
einzelne Punkte des Baues ins Licht zu stellen, die auf Amphibien weisen.
Wie es mit anderen gestellt sei, die sich — auch wenn sie auf ihre ein-
fachen Anfänge zurückgebracht sind - nicht mehr in den Begriff „Amphibien''
fügen, wird verschwiegen.
Diese Frage wird uns später im systematischen Teil noch beschäf-
tigen. Jedenfalls sind lange Zeiträume über den Stamm der Säugetiere
hingegangen, so daß er sich über die ganze Erde verbreiten konnte, so-
weit tierisches Leben überhaupt reicht und einen seltenen Wechsel der
Formen annahm. Gewöhnlich ruht ihr ebenmäßig gebauter Rumpf auf
verschiedenen Zwecken angepaßten, meist so hohen Gliedmaßen, daß sie
den Rumi)f über den Boden erheben. Er trägt auf einem in der Regel
deutlich abgesetzten Halse den Kopf mit hochentwickelten Sinnesorganen,
während er nach hinten in den bald längeren, bald kürzeren Schwanz aus-
läuft. Daneben kann aber der Körjier bei aquatilen Arten die Gestalt
eines Fisches nachahmen, oder dem Vogel gleichen wie der der Fleder-
mäuse. Andere wieder richten ihren Körper ein, um sich in weitem
Sprunge fortzuschnellen, während andere sich anpassen an ein Leben unter
der Erde in engen, selbstgegrabenen Gängen.
Vielseitig wie die Existenzbedingungen sind, unter denen sie leben,
ist ihr Charakter und ihre Begalning verschiedenartig. Vielen kommen
Kunsttriebe zu. die sie kunstvolle Bauten anfertigen läßt, zum Großziehen
ihrer Jungen, zum Schutz und als Aufenthaltsort in der Winterszeit.
Zunächst soll der Bau ihres Körpers besprochen werden in ver-
schiedenen Kapiteln, die den verschiedenen Organsystemen gewidmet sind.
Darauf soll eine kurze Darlegung über ihre geographische Verbreitung
folgen. Hiermit ist die Basis gegeben, auf der sich der systematische Teil
aufbauen wird. Li diesem soll jede Ordnung in der Weise behandelt
werden, daß an eine Uebersicht über ihren Bau, eine daraus hervor-
gehende Definition und eine zoogeographische Uebersicht sich anschließen
wird. Alsdann folgt ein taxonomischer Al)schnitt, der in systematischer
A'erteilung die höheren und niederen Abteilungen vorführen wird. Hierbei
soll die Mehrzahl der Genera genannt werden, sowie die wichtigsten Arten,
namentlich aus der europäischen Fauna. Den jedesmaligen Schluß soll die
.,\'orgescliichte" bilden. Li dieser sollen die wichtigsten paläontologischen
Daten zur Si)rache kommen und kurze phylogenetische Betrachtungen, wie
sie die Paläontologie, Anatomie und geographische Verbreitung an die
Hand gibt.
Lederhallt.
''t*
I. Haut und Hautgebilde.
Die äußere Bedeckung des Körpers der Säugetiere besitzt eine große
Zahl für diese Tiere charakteristischer Eigenschaften. Am auffäUigsten
untei- diesen sind die Haare, die bereits J. Ray Anlaß gaben, die Säuge-
tiere ..Haartiere" zu nennen. Man braucht aber nur die Milchdrüse, — die
ihnen den Namen Säugetiere eintrug — die Nagelbekleidungen, die Haut-
muskulatur zu erwähnen, um an andere nicht minder wichtige Hautgebilde
erinnert zu haben.
Die Haut schließt sich zunächst dadurch an die der tiefer stehenden
Vertebraten an, daß sie aus zwei, nach I^au und Herkunft fundamental
verschiedenen Lagen besteht: der
Ei)idermis und der Lederhaut, '^ ' ^'^
die unter dem Namen Cutis zu- ^ ^ J^
sammengefaßt werden.
Die Ledeiiiaiit. Corium, ent-
wickelt sich aus dem Mesoderm und
setzt sich in erster Linie aus Bindege-
webe zusammen. Dessen Fasern sind
in der Regel mehr oder weniger mat-
tenailig verflochten und werden von
den Fortsätzen verzweigter Binde-
gewebszellen umsponnen. Solcher-
gestalt kommt eine durch hier und
da eingemengte elastische Fasern
elastische Lage zustande, deren
Dicke ganz im allgemeinen mit der
Größe des Tieres zunimmt, daneben
aber in verschiedenen Körper-
regionen verschiedenen Umfang hat.
Nach innen wird ihr Gefüge lockerer
und so geht sie häutig ohne scharfe
Grenze in das losere subkutane
Gewebe oder Unterhautgewebe über,
das den unter der Haut gelegenen
Organen wie Muskeln, Knochen,
Drüsen u. s. w. aufliegt. An ihrer
Außenfläche, die überhaupt fester
geweljt ist, ist die Lederhaut fast
nie ganz glatt. Sie besitzt viel-
mehr wellenförmige Erhebungen,
die meist in Form von dicht neben-
einander stehenden Papillen auf-
treten. Ihre Länge nimmt zu mit
der Dicke der Ei)idermis. Ist
diese sehr bedeutend wie bei sog.
pachydermen Tieren, so ziehen sich
Fi. durch
1. Senkrechter Schnitt
die Haut der Oberlippe von Hippopotamus.
CSti-atum corneum; ; Stratum germinativuni
und granulosuni der Epidermis; /Lederhaut
,. ^ .,, , , , mit Gefäßen, welche in den Papillen p, die
die Papillen lang aus und werden nicht eingezeichnet sind, Gefäßknäuel X- bilden,
bei Cetaceen und noch stärker im
1*
4 I- Haut und Hautgebildo.
Horn der Nashörner zu langen, liaarförmigen, mit bloßem Auge leicht wahr-
nehmbaren Gebilden. Dies wird nötig nicht nur zur Befestigung der Ei)i-
dermis, in welche die Papdlen eindringen, mehr noch weil die Ei)idermis,
als epitheliales Gel)ilde, selbst keine Blutgefäße besitzt, ihre Ernährung von
den Pai)illen und der Bindegewebslage, von der diese ausgehen, vom Cor-
pus pa])illare also, herleitet. In den Papillen finden sich demgemäss die
Endschlingen des Kapillarnetzes der Hautgefäße, die im Pai)illarköri)er liegen.
Mit Zunahme der Länge der Pai)illen wächst somit einerseits die Nahrung
spendende Oberfläche derselben, andererseits die resorbierende Oberfläche
der damit in Kontakt stehenden Epidermis. Die Papillen, die aus loserem
Bindegewebe aufgebaut sind, können außerdem Hautnerven und deren
Endorgane: die Tastorgane enthalten, während in der subpapillären Lage
der Lederhaut größere Blutgefäße und dickere Hautnerven sich netzartig
verbreiten. Hier und da treten auch Pigmentzellen in der Lederhaut auf.
Bei gutem Ernährungszustande speichert sich in dem Unterhautgewebe
Fett in Klümpchen auf, das sich zu einer zusammenhängenden Lage: dem
Panniculus adiposus ausbüden kann. Diese vom Schwein z. B. allbe-
kannte Specklage, die weiterhin als Reservematerial für Säuger mit Winter-
schlaf oder mit jahreszeitlich verminderter Ernährung, ferner als Wärme-
schutz oder für andere Zwecke Dienst tut, erreicht bei Cetaceen ihr Maxi-
mum. Sie bietet hier aber noch das besondere, daß fast die ganze Leder-
haut, hauptsächlich nur mit Freilassung des Papillarkörpers. in P'ett})annikel
umgewandelt ist. Auch lokale Anhäufung von Fett kommt vor; so zur
Brunstzeit in der Schwanzwurzel bei verschiedenen Insektivoren, wie
Pachyura, Condylura. Bekannter ist solche dauernde Anhäufung im Steiß
der Fettsteißschafe, im Buckel der Kamele; auch die Rückenflosse der
Cetaceen und der Buckel mancher Rinderrasse, letzterer allerdings daneben
durch die Dornfortsätze der Wirbel gestützt, gehören in diese Kategorie.
Hautverknöcherungen, die im Corium niedriger stehender ^'erte-
1)raten eine so große Rolle spielen und sich mit epidermoidaler Schui)i)en-
bildung kombinieren können, kommen bei Säugern nur ganz vereinzelt
vor. Es sind auch hier Verknöcherungen der mittleren Lage der Leder-
haut, die nur bei den heutigen Dasypodidae in ausgebreiteterem Maße auf-
treten, indem sie Koi)f und Rumjjf mit einem Rückenpanzer, den Schwanz
mit einer Scheide von Knochenplatten umgeben. Wir werden diesen Ge-
bilden ausführlicher in der Systematik der Xenarthra begegnen, wobei
sich zeigen wird, daß Hautverknöcherung früher auch bei anderen Ab-
teilungen der Xenarthra vorkam. Desgleichen wird bei der Besprechung
der Cetaceen erhellen, daß vermutlich auch deren Vorfahren eine der-
artige Bepanzerung besaßen, von der sich nach Kükenthal hier und da
bei recenten Formen Reste erhalten haben. Weiter unten, bei Behandlung
der Hörner und (leweihe, wird sich zeigen, daß auch Teile dieser in
weiterem Sinne unter den Begriff" der Hautverknöcherungen fallen. Das ist
aber nicht der P'all mit der von Gray beschriebenen A'erknöcheruug, die
sich bei Traguliden suljkutan zwischen Beckenrand und Lendenwirbeln
ausstreckt; ebensowenig mit der als Hautverknöcherung gedeuteten Knochen-
platte, die sich bei Lophiomys zwischen Parietale und Oberrand des Jugale
ausdehnt. Es handelt sich hierbei einfach um Verknöcherung der TemporaF
fascie, im ersteren Falle um die der Fascie der sakrolumbalen Muskeln.
Die Epidermis ist eine ausschließlich aus Epithelzellen zusammen-
gesetzte Lage, die ^•om äußeren Keimblatt herstammt. Ihre tiefste, direkt
Epidermis.
H
hz
hz
kk
(lern Papillarkörpei' aufliegende Schicht besteht ans CvHnderzellen, die
durch fortgesetzte Teilung die Matrix bilden der darauf folgenden Lagen
kubischer Zellen. Sie stellen in der Hauptsache das Stratum granulosum
dar, so genannt wegen der Keratohyalinkörner ihrer Zellen, die allmählich
in die abgeplatteten Zellen der Hornlage übergehen. In ihrer tiefsten
Schicht enthalten letztere flüssiges Eleidin, was dieses Stratum lucidum noch
färbbar macht, im Gegensatz zu der obertiächlichsten Schicht, dem Stra-
tum corneum, aus kernlosen, an festem Eleidin reichen Zellplättchen. Die
Verhornung der ober-
Üächlicheren Ejjidermis-
zellen ist keine einfache " ^ - " - -—-— ^•
Austrocknung, es ist ein
chemischer Prozeß, der ^
auch statt hat bei Sau- ^
gern, die beständig im / - ~^
Wasser leben, wie die /' -^
Cetaceen und an Stellen,
diebeständigfeucht sind,
wie deren Barten, wie
verhornte Zungen-
])apillen u. dei'gl. Fort-
während wird das Stra-
tumcorneum abgestoßen
und abgerieben und
durch Nachschub aus der.
Tiefe wieder ersetzt.
Eine Häutung wie bei
Rei)tilien und Amphi-
bien, indem die obersten
Lagen der Epidermis in
toto oder wenigstens in
größeren oder kleineren
Fetzen abgestoßen wird,
kommt also nicht vor,
findet sich aber noch
hier und da während
desembryonaleuLeljens.
Bei ihrem ersten
Auftreten besteht näm-
lich die Epidermis aus
einer Lage von Zellen,
welche durch Teilung als-
bald zwei Lagen bilden:
eine tiefe ans saftreichen
kubischen Zellen, eine
oberüäclüiche aus platten Zellen bestehend. Beide werden alsbald umfang-
reicher, gleichzeitig aber erleidet die oberflächliche Lage Umformung destruk-
tiver Art. Meist werden nämlich ihre Zellen während des uterinen Lebens ein-
fach abgestoßen und bilden alsdann mit dem Sekret von Hantdrüsen eine
weiße, fettige Masse: die Vernix caseosa. Sie können aber auch eine zusam-
menhängende Lage darstellen, welche durch die sich darunter entwickelnden
M
.
B-
Fig.
rO
ü^
•Q
Felis domestica, Epidermis der Fußsohle.
H, M, ^Horn-, Mittel-, Basalschicht; P Papille; hz Horn-
zelle; hz desgl. im Stratum lucidum; kk keratohyalin-
haltige Zellen des Sti'atum granulosum; il Intercellular-
liicken ; nach K. C. Schneider.
Q I. Haut und Hautgcbilde.
Haare allmählich als dünnes Häutchen, welches den ganzen Embryo um-
hüllt von der tieferen Lage der Epidermis abgehoben wird. In dieser Form
wurde es früher zweites Amnion, auch wohl falsches Amnion genannt, von
Welcker wegen seiner Lage zu den Haaren als Epitrichium bezeichnet. Es
bleibt bei den Faultieren und Myrmecoi)haga bis zur Geburt bestehen und
muß somit, nachdem es von der eigentlichen Epidermis abgehoben ist, einer
Dehnung unterliegen. Bei Schwein, Dicotyles, Lemuriden und Pferd wird es
schon vor der Geburt in Fetzen abgestoßen. Dieses Epitrichium und sein
Aequivalent: die Epitrichialschicht, das heißt die abschilfernden Zellen der
oberflächlichen Lage der emliryonalen zweilagigen Epidermis, ahmen eine
Häutung nach. Auffällig ist sie an den Nägeln, Klauen und Hufen, die
während (tes intrauterinen Lebens bei vielen Säugern mit einem dicken
Epitrichium, hier auch wohl Eponychium, bedeckt sind; es wird erst
kurz vor, wo nicht direkt nach der Geburt abgeworfen, zur Zeit, wenn
die Yei'hornung der Nagel- etc.-Zellen eintritt (vergl. S. 17).
Pigmente treten in der tiefsten Lage der Epidermis auf; meist als
dunkles Pigment, das als feinste Körnchen in den Matrixzellen sitzt.
Daneben kommen nach Art von Chromat ophoren verzweigte, von der
Lederhaut aus eingewanderte Pigmentzellen vor. Nur der haarlose Köri)er
der Cetaceen, der haararme der Sirenia, Elefanten, Pihiuoceros etc. ver-
danken ihre Farbe diesen Pigmenten, desgleichen haarfreie oder haararme
Stellen, wie Gesichts- und Gesäßschwielen mancher Altweltaften. Blaue
und rote Farbentöne beruhen dann wohl darauf, daß das dunkle Pigment
verschiedentlich durchscheint.
Aus der Ei)idermis entwickeln sich verschiedene epidermoidale Gebilde,
wie Drüsen, Haare, die uns unten beschäftigen werden. Hier sei zunächst
der auffälligsten Eigenschaft der Epidermis: ihrer oberflächlichen Verhor-
iiuns' gedacht. Lokal kann diese stärker werden, so am hornigen Ueberzug
des Schnabels von Ornithorhvnchus und Echidna, am Saugmund der Marsu-
pialia (s. bei diesen), als Schwielenbildung an der Brust der Kamele, an
den Kastanien des Pferdes, als Hornbildung bei Potamochoerus, als Horn-
excrescenzen bei Lemui-iden (s. u. S. 29j, als Schwanzstachel des Löwen. Als
fernere Beispiele sind zu nennen der Schenkelsporn bei Echidna, Hoi-n-
stacheln auf der Glans i)enis namentlich vieler Rodentia; auch die Barten
der Bartenwale und \'erhornung von Zungeni)apillen bei verschiedenen
Säugern gehören hierher. Das Auftreten eines unregelmäßigen Hornes
bei einer senegambischen Zeburasse, die das Nasale übei-lagert [Rochebrune],
führt uns zum Hörn der Nashörner, das mit den echten Hörnern und Ge-
weihen ^Yeiter unten besprochen wird. — An den bereits genannten Ge-
sichts- und Gesäßschwielen der Affen beteiligt sich eben sehr das Corium
durch Verdickung.
Von diesen nackten Hautstellen sind andere wohl zu unterscheiden,
wo die Nacktheit ohne weiteren Einfluß ist auf Epidermis und Lederhaut
und in Verbindung steht mit Drüsenentwickelung, wie in der Kinngegend
der Traguliden. Ohne Drüsenbildung tritt auf dem Rücken von Hyrax
ein nackter medianer Rückeiifleck auf.
^'on hoher, namentlich auch phylogenetischer Bedeutung sind die
Schuppenbilduiigeii. Es handelt sich hierbei um bilateral-symmetrische,
dorso-ventral abgeflachte, schwanzwärts umgelegte Schuppenpapillen der
Lederhaut, die von Epidermis überzogen sind, deren ^'erhornung Anlaß
gibt zur Bildung der Hornschuppen. Li schönster Ausbildung finden diese
Verhornung und Schu2)j)onbiklungen. 7
sich in dachziegelförmiger , alternierender Anordnung bei den Manidae.
Sie unterscheiden sich von denen der Reptilien nur in ihrem hornigen
Ueberbau; einmal seinem histologischen Wesen nach, dann auch darin,
daß er bei Reptilien durch die Häutung periodisch erneut wird. Bei den
B
Fig. 3. A. Mauis tricuspis. a eine der Schuppen; h Haut mit 2 Stümpfen von
Schuppen im Längsschnitt; / Epidermis; 2 Corium; 3 Hornschuppe; 4 verhorntes
Epithel an deren Basis ; vergrößert. B. / Längsschnitt durch die Schwauzhaut von
Tamaiidua tetradactyla. / Stratum corneum; 2 Stratum germinativum der Epidermis;
3 pigmentierte Hornschuppe; 4 Ausmündung der Schweißdrüse; 5 Haar. 11 Schwanz-
haut von Myrmecophaga jubata mit ovalen pigmentierten Schuppen, zwischen diesen
die kurz abgeschnittenen Haare.
Fig. 4. Unterseite des proximalen
Endes tfes Schwanzes von Anomalurus
Baecrofti.
Schuppentieren wird der Verlust, den die Hornschuppe durch Abreiben
fortwährend erfährt, auch fortwährend gedeckt. Dies sind aber Unter-
schiede, die der Reptilien- und Säugerhaut als solcher eigen sind. Auffällig
8 I- Haut und Hautgcbilde.
große Schuppen erscheinen ferner in zweireihiger Anordnung auf der
Unterseite des Schwanzes von Anomalurus. l^ei ihnen ist aber bereits die
Epidermis an der dem Lichte zugekelirten Fläche der Schujjpen sehr viel
dicker und durch Pigment ausgezeiclmet. Das ist auch der Fall bei zahl-
reichen anderen Säugern, bei denen sich dieses Erbteil schuppenti-agender
Vorfahren erhielt, wenn auch in verschiedenem (4rade der Reduktion und
Transformation. Hornschuppen bedecken den Knochenpanzer der Dasyi)odidae.
Sie kommen ferner mit Vorliebe vor auf den Extremitäten, namentlich
aber dem Schwänze. Auf letzterem gibt ihre Form häufig Anlaß zu i'ing-
förmiger Anordnung fMarsupialia, Rodentia, Insectivora). Wo sie auftreten,
ist die Behaarung eine sparsame, Ausnahmen hiervon sind selten. Nur
bei Myrmecophaga jubata kombinieren sich auf dem Schwänze große^
schwarzpigmentierte Schuppen mit buschiger Behaarung. Kleine Schuppen
traf de Me,yere an gleichem Orte zwischen den Haaren bei Macropus^
Petrogale und Anomalurus.
N^,^*-/ ••_:•,-,-.. ö--' ^.^ \
Fig. 5 \
Fia-. fi.
Fig. 5. Senkrechter Durchschnitt durch eine erste Haaranlage von Mus mus-
culus, Embryo von 18 mm Länge x 400.
Fig. 6. Desgleichen vom selben Embryo, weiter vorgeschrittene Haaranlage.
l) Haarbalganlage; c Epidermiszellen der Haaranlage (Epithelknospe); P Haarpapille;
nach Maurer (aus O. Hertwigs Handb. d. vergl. Entwicklungsgesch.).
Wie gesagt, halte ich diese Schuppen für ererbt von beschuppten,
wechselwarmen Vorfahren. Hinter deren Schuppen traten anfänglich kleine
und sparsame Haare auf. Mit der Ausbildung der konstanten Körper-
temperatur und des energischen Stoffwechsels, wobei Temperatureinflüsse
maßgebend gewesen sein müssen, erlangte das Haarkleid eine bessere Ent-
wickelung, da es den Körper beschützt gegen Verlust von Wärme durch
Strahlung und Leitung. Hiermit hatte die Haut den Charakter der Säuge-
tierhaut angenommen, was sich auch im Bau ihrer Schuppen aussprach. Mit
der Zunahme der Haare in Zahl und Größe, die aber immer noch in ihrer
Anordnung bedingt waren durch die Schuppen, gingen die Schuppen selbst
zurück. Nur hier und da erhielten sie sich in spezialisierter Form über den
größeren Teil des Körpers (Manis, Dasypodidae), sonst meist nur auf dem
Schwänze und den Extremitäten. Gewöhnlich sind sie aber am letzteren
Orte bereits stark reduziert, und bei der Mehrzahl der Säuger ist jede
Spur von Schuppen verschwunden, Sehr allgemein ist aber die Anordnung
der Haare noch so geblieben, als ob sie noch hinter Schuppen ständen
Haar- und Schiippenbildungen. 9'
[M. Weber 1<S91, IJ^DoJ. Daß die Haare hierdurch noch auf die frühere
Anwesenheit von Schuppen weisen, soll uns unten näher beschäftigen.
Zunächst gilt es, das wichtigste epidermoidale Gebilde, das Haar,
kurz nach Entwickelung und Bau zu besprechen.
Es entstehet nach Maurer durch Einwachsen einer Anzahl Cylinder-
zeJlen der Matrix in das Corium, die sich derart gruppiert haben, daß sie
radiär gegen die Obertiäche der Epidermis konvergiei-en. Diese Epithel-
knospe wird ])eim weiteren Wachstum in die Tiefe von einer Lederhaut-
papille. der Haarpapille, eingestütpt; während das umgebende Bindegewebe
£? %
.— h
Fig. 7. Senkrechter Haardurchschnitt von
einer neugeborenen Maus, c F^pidertniszellcn der
Haaranlage (Epithelknospe); b Haarbalganlage;
P Haarpapille; nach Maurer (aus O. Hertwigs
Handb. d. vergl. Eutwickhingsgesch.).
Fig. 8. Nervenendigung im
Balg eines Sinushaars vom Schwein;
nach Bonnet. / Haar; 2 Follikel-
epithel; .? acinöse Drüse; 4 Blut-
sinus; 5 Nervenstämmchen ; öNer-
venende.
die erste Anlage des zukünftigen Haarbalges liefert. Weiterhin lassen die
Cylinderzellen, welche die Papille bekleiden, durch Teilung spindelförmige
Zellen in der ^^erlängerung der Haarpapille hervorgehen, aus (lenen schließ-
lich das Haar und dessen innere Wurzelscheide entsteht.
So liegt das Haar schließlich in dem Follikel, einer röhrenförmigen
Einsenkung der Epidermis in das Corium. Letztere bildet den binde-
gewebigen Haar balg mit einer inneren und äußeren Balglage. Bei den
Spür- oder Sinnesliaaren, wie sie ganz vorwiegend an der Schnauze sich
10 I. Haut und Hautgebilde.
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P(7
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Fig. 9. Mus musculus, basaler
Teil eines Tasthaares. A, M, i? Außen-
Mittel-, Basallage des Follikelepitliels;
H, Hit, Gr Henlesche, Huxleysche
u. Grenz-Zone der Wurzelscheide;
Pa Papille; j?« Basalschicht der Haar-
wurzel; ^ Rinde; Oberhäutchen des
Haares; L Glashaut; A' Beginn der
Verhornung in der Heule sehen Zone;
A'j Teilungsfigur. Nach K. C. Schneider.
finden, aber aucli z. B. an den \'ordei--
extremitäten auftreten können, nament-
lich bei arborikolen Tieren, werden mit
Ausnahme von Hals und Boden des
Follikels die längsfaserige äußere und
die querfaserige innere Balglage durch
spongiöse Blutsinus voneinander getrennt.
Der Haar balg solcher Sinushaare ist
somit schwellkörperhaltig.
Die Innenwand des Follikels wird aus-
tapeziert durch das Follikelepithel, einer
Fortsetzung der Epidermis, und in ihrem
tieferen Teil von der Wurzelscheide, die
sich wieder in verschiedene Lagen difte-
renziert und zusammenhängt mit dem
Keimlager des Haares, das, die Papille
überziehend, Rinde und Mark des Haar-
schaftes liefert, dessen Wurzel als Haar-
knojjf angeschwollen auf der Papille sitzt,
Sie enthält das ei'nährende Gefall und
vasomotorische Nerven, Die sensiblen
Nervenfasern bilden Plexus um den Haar-
balg und treten l)ei Sinushaaren in diesen
ein (s, bei Hautsinnesorganen).
Zusammensetzung und Form des Haares
ist eine verschiedene, wofür z. B. auf die
Fledermäuse und Faultiere im systemati-
schen Teil hingewiesen sei. Für Verschie-
denheit in Länge, sei nur an die Mähne des
Löwen und Pferdes und an die Schweif-
haare des letzteren erinnert, gegenüber den
kurzen Haaren des Schweines z. B, Wegen
ihrer Dicke und Steifheit werden sie hier
Borsten genannt. Solche Borsten können
bei Hippopotamus an ihrem Ende zer-
schlissen sein und den Eindruck eines
Haarbündels machen. Bei den Stachel-
ratten unter den Nagern erscheinen sie
abgeplattet mit scharfer Spitze, So bildet
sich formal ein Ueliergang zu echten
Stacheln heraus, wie sie bei Echidna, Cen-
tetes, Erinaceus. Hystrix und Verwandten
auftreten. Diese Stacheln sind aber unter
sich nicht gleich im Bau. deuten also
auf unabhängige Entstehung: andererseits
aber trotz aller Verschiedenheit vom
Haare, auf eine ursprüngliche Entwicke-
lung aus diesem.
Eine wichtige, früher vollständig un-
beachtete Erscheinung ist die Anord-
nung der Haare zum Haarkleid, deren
Haar- und ScliLippenbildungeii. 11
Kenntnis namentlich durcli de Meyere gefördert wurde. Wir wissen jetzt,
daß die Anordnung der Haare geregelt wird durcli die Schuppen, hinter
denen sie stehen. Sind die Schuppen verloren gegangen, so bleibt die
Anordnung der Haare doch so, als ob sie noch hinter Schuppen ständen:
sie alternieren also. Abweichung von dieser Regel tindet sich nur, wenn
das Haarkleid Reduktion erlitt. Tritt sie anderwärts auf, so wirft wohl
stets Untersuchung des jungen Tieres und \'ergleichung Licht auf das
sekundär veränderte Haarkleid des Erwachsenen, und fast ohne Ausnahme
finden sich auch bei diesem noch Hautbezirke, welche die i)rimitivere
Form des Haarkleides bewahrten.
Im übrigen "stehen die Haare 1. vereinzelt hinter einer Schui)pe
oder Schuppenstelle, was nur selten der Fall ist. 2. Gewöhnlich bilden
sie Gruppen, vielfach von drei
Haaren in einer zur Längsachse
des Körpers oder Gliedes trans-
versalen Reihe. Li solcher Drei-
haargruppe unterscheiden wir , . . . ^tn ^^^
das Mittelhaar, das sehr oft ' ^ O * ^
stärker ist als die Seiten- • . .-. ^^ . ^^^n
haare. Ausnahmsweise kann die ^ ' (V^ (*?) (^
Zahl kleiner werden. Häufiger ... w
erleidet die Dreihaargrupi)eKom- ^ •'.'.•• ^ ^
pHkation dadurch, daß 8. unab- " <© •@'
/
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hängig von den drei Haaren
zwischen und neben ihnen neue ^ © <^ /r^
auftreten. Li allen genannten %t © • ®zJ%,
Fällen tritt jedes Einzelhaar 6 • • •
•* © (g) © ©©^
durch eigene Oefi'nung aus der ^^
Haut. Sie können aber auch .•.•.-.••. ^ © <© ©
durch gemeinschaftliche Oeft'nung y ' ' (g) ® ® ©
heraustreten. Wir sprechen dann '
^3 © (S» ^ @ ©
von 4. Haarbündeln. Mit
de Meyere unterscheiden wir Fig. 10. Haargruppen von /. Myopotarau.s
unechte und echte, je nach der <^"\«,^r^^g'"PP'^^il^^*^.^'''"f/"f ^r"'^^^^^^
„ , ,1. 1 2. Midas rosalia (Dreiergruppe des Kückens);
Entstehung. 4» die unechten ^ Cercopithecus cephns (Gruppe des Rückens,
oder falschen entstehen durch aus einem Mittelhaar und jederseits desselben
Verschmelzung des oV)ersten 2 lateralen Haaren gebildet); 4. Ericulus nigre-
Teiles mehrerer benachbarter scens, Brust; 5. Coelogenys paca; Ö. Tragul^as
„,,.,, . , lavanicus; 7. Dasvprocta aguti; <S. Loncheres
Folhkel, woraus ein kurzer ge- cristata; 9. Auchenia paco (die Gruppe besteht
meinsamer FoUikelhals hervor- aus einem Mittelhaar und jederseits desselben
geht. 4 1\ Alle drei Haare, meist einem echten Bündel); 10. Canis familiaris;
aber nur die Seitenhaare einer ;/• Ornithorhynchus; /.. Cast^r canadensis; ij.
^ ., , ., Lutra vulgaris; nach de Mevere.
Dreihaargruppe, lassen von ilireni
Follikel (Hauptfollikel) durch Knospung Kebenfollikel entstehen, in denen
sich Bei oder Nebenhaare entwickeln, die häufig durch geringere Stärke
sich unterscheiden von dem erstgebildeten Haar; dem Stammhaar. Sie
bilden zusammen ein echtes Bündel. Der Follikel des Stammhaares nimmt
die Nebenfollikel auf, meist in der Gegend der Einmündung seiner tubu-
lösen Drüse und bildet danach einen gemeinschaftlichen FoUikelhals, der
länger ist (meist mindestens 0.2 mm) als der der unechten Bündel.
12 I. Haut und Hautgebilde.
Trotz aller Komi)likation, die das erwachsene Haarkleid erreichen
kann, zeigt das vorabgehende Auftreten der Dreihaargrui)pe beim jungen
Tier, daß diese den ursprünglichen Zustand repräsentiert. Bis jetzt liegt
kein einziger Beweis vor, daß sie aus einer Anlage hervorging. Auch das
Verhalten der tubulösen Drüsen spricht dagegen, da nicht nur der Follikel
des Mittelhaares, sondern häutig genug auch der der Seitenhaare tubulöse
Drüsen besitzt.
Für diese Nomenklatur ist also jedes Haar ein Stammhaar, gleich-
gültig, ob es ein Mittelhaar oder ein Seitenhaar ist. Nur die Haare, die in
P\)llikeln (Nebenfollikeln) wurzeln, welche aus dem Follikel eines Stamm-
haares durch Knospung hervoi'gingen, heißen Neben- oder Beihaare.
Der Begritt' Stammhaar deckt sich daher nur teilweise mit dem Begriti'
Stichelhaar oder Grannenhaar, das sich durch Länge und Stärke auszeichnet
gegenüber den weicheren Wollhaaren. Nur in einer Anzahl Fällen sind
ja die Wollhaare den Nebenhaaren identisch, in anderen sind sie aber
ebensogut Stammhaare wie die Stichelhaare. Diese Termini lassen sich
aber immerhin l)ei Beschreibung des Balges gebrauchen.
Es zeigt sich, daß namentlich durch Ausl)ildung des Wollhaares der dichte
Pelz, namentlich niedrigeren Temperaturen ausgesetzter Tiere zustande
kommt. Auch die Jahreszeit spielt eine Rolle: der dünnere Sommerpelz folgt
auf den dichteren, jedenfalls längeren Winterpelz durch Abwerfen von Haaren
und Neubildung anderer. Somit besteht eine Periodicität in der Haarbildung,
neben anderen Fällen mit l)eständigem und dann nicht auffälligem Wechsel.
Ueberhauitt ist jedem Haare nur eine bestimmte Lebensdauer gegeben.
Darauf beruht es, daß nach Schwalbe beim Hermelin im Oktober am Rücken
und Bauch die weißen Haare des Winterkleides entstehen. Sie werden
allmählich zu Kolben- oder Knoi)fhaaren, d. h. im Keimlager der Haar-
wurzel tritt Verhornung ein; dadurch erhält der Kolben ein zerfasertes
Aeußere, wächst nicht mehr, bleiljt anfänglich jedoch noch sitzen, allmäh-
lich aber füllt sich seine Papillenhöhle und das Haar löst sich im März los.
Auf den alten Papillen erhebt sich eine neue Generation junger Haare,
sog. Papillenhaare; sie erlangen die Oberhand, indem sie bis zum April — in
nördlichen Klimaten später — die alte Generation entfernen. Dieses Sommer-
haar ist braun u. s. w. gefärbt. Somit hat doppelter Haarwechsel statt, der
auch bei anderen Säugern wahrgenommen ist und eine Verfärbung, die auf
Neubildung von Haaren beruht. Bei Lepus variabilis soll alier nach v. Loe-
wis die weiße Winterfärbung auf AVeißwerden der sitzenbleibenden Sommer-
haare beruhen, die also nur im Frühhng gewechselt werden. Eine feste
Regel scheint also diesbezügUch nicht zu gelten; das düifte vielleicht auch der
Fall sein hinsichtlich der Neubildung von Haaren. Meist scheint diese von
der alten Papille auszugehen [Schwalbe], wähi-end namentlich Maurer dafür
eine ganz neue Papille vindiziert. Nach de Meyere kann derselbe Haar-
follikel auch verschiedenartige Haare bilden je nach der Lebensphase des
Tieres. Das erwachsene Alter scheint im allgemeinen Neubildung von
Follikeln auszuschließen. Die Sinushaare nehmen auch darin eine Sonder-
stellung ein, daß ihr Wechsel nicht synchron zu sein braucht mit der je-
weiligen Verhaarung.
Das Zurücktreten der Hautpigmente bei der Färbung der Säuge-
tiere wurde bereits hervorgehoben. Diese beruht ganz wesentlich auf der
Farbe der Haare. Letztere wird verursacht zum Teil durch Pigmente ; daneben
spielt der Luftgehalt der Zellen und das Relief der Oberfläche eine Rolle.
Haar und Färbung. 13
Dem Liiftgehalt verdankt das Haar seine weiße Farbe. Interferenzfarben
treten nur ganz vereinzelt auf, z. B. bei Clirysochloris.
Die Färbung der Säuger ist entweder eine einfarl)ige oder es treten
Zeichnungen auf als Längsstreifung , Flecken oder Querstreifung. Die
Längsstreifung hält Eimer für die ursprüngliche. Dafür spreche unter
anderem, daß bei vielen jungen Tieren, z. P). Schwein. Tapir. Löwe,
Hirschen u. s. w. die s])äter einfarbig oder anders gezeichnet sind, aus-
gesprochene Längsstreifung auftritt. Weite Verbreitung hat auch die
Längsstreifung an und für sich oder in reduzierter Form als Wangen-
streif (Sus vittatus z. B.), Schulterstreif (Myrmecophaga jubata, Wild])ferde),
Rückenstreif u. s. w. In vielen Fällen läßt sich der \'orteil der Zeichnung
als Schutzeinrichtung, um das Tier schwerer kenntlich zu machen, begreifen.
Auch daß die Fleckung durch Auflösung von Längslinien hervorging. Aus
dem Zusammenlaufen von Flecken mag die Schabrakenzeichnung entstanden
sein, wie sie der Schabrakentapir (Tapirus Indiens), Canis mesomelas,
Cephalophus sylvicultor, und in Anfangsbildung Mellivora und der Dachs
sie zeigt. Letzterer fällt außerdem dadurch auf. daß er eins der wenigen
Tiere ist, bei denen die dem Lichte zugekehrte Seite heller ist als die
dem Lichte abgekehrte.
Mag in vielen Fällen die Zeichnung oder Färbung, wenigstens ursprüng-
lich eine Anpassung gewesen sein an die L^mgebung, in anderen ist wohl
das Klima von Einfluß. So soll nach Hose (lymnura rafflesi in Borneo
auf sumpfigem Boden, ihre albinotische Varietät G. alba auf trockenem
Boden leben.
Auch das Alter des Tieres und sein Geschlecht ist von Einfluß.
Häutig haben die Weibchen ein bescheideneres Kleid, wie bei den sekun-
dären Geschlechtsmerkmalen näher zur Sprache kommt. Selten ist der
Unterschied so auffällig, wie Ijei Phalanger maculatus, wo gegenüber dem
einfarbigen Weibchen, das Männchen auf weißem Grunde unregelmäßig
rot, braun oder schwarz gefleckt ist. Noch auffälliger ist, daß nach Jentink
dieser Unterschied einzig auf der Insel Waigeu für die dortigen Weibchen
nicht besteht.
Im übrigen ist die Färlnmg einer Säugetierart eine im großen und
ganzen konstante. Variabele Färbung, wie wir sie von unseren Haustieren
kennen, kommt bei wilden Säugern nur ausnahmsweise vor, z. B. Ijei Equus
Przewalski, Arvicola amphibius, Canis dingo, Phalanger maculatus, wobei
wir natürlich absehen von konstanter Färbung der Rassen oder Varietäten
einer Art. Scheckenfärbung unserer Haustiere kommt bei wilden Säugern
fast nicht vor: da wäre zu nennen Lycaon pictus. Häufiger schon Albinismus,
wie l)eim in dem arktischen Gebiete lebenden Eisbären und solchen Formen,
die hier oder in kälteren Gegenden überhaupt, im Winter einen weißen
Winterpelz annehmen, wie Hermelin, Eisfuchs, Alpcnhase. Hierbei sehen
wir natürlich ab vom mehr pathologischen Pigmentmangel albinotischer
Tiere, wie er bei uns nicht gerade selten Ijeim Maulwurf und Dachs auftritt.
Vollständiger Haarmangel ist nur von Beluga und Monodon be-
kannt: alle übrigen denticeten Cetaceen haben wenigstens Ijis zur Zeit
der Geburt vereinzelte Haare längs dem Oberkiefer, die nach dem T}i)us
von Sinushaaren gebaut sind. Zahlreicher sind sie schon bei den Barten-
walen zeitlebens längs der Mundspalte und auf dem Oberkopf bis zu den
Nasenlöchern. Hier liegen Reste eines durch das Wasserleben reduzierten
Haarkleides vor. Gleicher Einfluß wirkte auch auf die Sirenia und Hippo-
14 I. Haut und HaiUi>ebilclc.
potamus, deren Junge noch ein weit reicheres Haarkleid besitzen. Auch beim
Menschen hat ja der Embryo im Lanugo ein vollstän(hges Haarkleid, dessen
Abstoi?)ung erst in den letzten Fötalmonaten beginnt. Aehnliches gilt für
die Elefanten. Andere Beispiele von Nacktheit wie die von Heterocephalus,
Chiromeles, dem nackten Hunde Canis familiaris caraibeus, sind immer so
zu verstehen, daß hier und da noch vereinzelte Haare vorkommen. Und
da es sich um Tiere handelt, deren nächste Verwandte behaart sind, so
läßt sich nur von Reduktion eines früher besseren Haarkleides sprechen
und hat somit die Thesis, daß alle heutigen Säuger von behaarten Vor-
fahren abstammen, allgemeine Gültigkeit.
Ein neues Studienfeld hat W. Kidd betreten, indem er nachwies,
daß die Richtung der Haare bei den Säugern eng sich anschließt an
Fig. 11. Pferd zur Demonstration der Haarströnie, der Haarfied^rung und der
Haarwirbel ; nach W. Kidd.
ihre passiven und aktiven Gewohnheiten. Somit an die Lage, die ihre
Kürperteile in der Ruhelage gewohnt sind einzunehmen. Ferner an stets
wiederholte Bewegungen, die ihrerseits ein AusÜuß sind von Muskulatur
und Skelettbau und dem Gebrauch, den das Tier von diesen macht. Ge-
wohnte Bewegungen, nicht nur der Hautmuskeln, sondern auch der Glieder etc.
beeinflussen die Haut. Dies macht sich kenntlich auch durch das Zu-
sammentließen benachbarter Haarströme zu Haarfiederung, die schließlich
an dem kritischen Punkte in Haarleisten und Haarwirl)eln endet. Solche
treten an der Hals-, Brust-, Achsel- und Leistengegend auf und beruhen
schließlich auf Muskelaktion. Nicht direkt verbunden mit Bewegungen
sind die, z. B. von unseren kurzhaarigen Haustieren bekannten nasalen,
frontalen und spinalen Haarwirbel.
Vom Menschen hat bereits Eschricht die Richtung der Haarströme
genau studiert und die Richtung der Haare am Arm führte bereits
Haaro und Nagelbildungcn. 15
Darwin zurück auf die Richtung der Haare am Arm der Anthroponiorplien.
Er brachte sie in Verbindung mit der Haltung, welche die Arme dieser Tiere
einnehmen, z. B. bei tropischen Regengüssen. Aehnlich wird auch ander-
wärts die Haarrichtung häufig ein Erbstück sein, hervorgegangen aus
häufig wiederholten Bewegungen oder Haltungen der Vorfahren.
Von hervonagender Bedeutung unter den Hornbildungen sind die
Hornbekleidungen der Endglieder der Extremitäten, die sich der
HauiJtsache nach der Form und dem Gebrauche derselben ani)assen. daher
einen Rückschluß erlauben auf den Gebrauch des ganzen (Gliedes und
damit, innerhalb gewisser Grenzen, auf den Bau des ganzen Tieres. .,Ex
ungue leonem" ist daher eine Erkenntnis, die von jeher große Bedeutung
hatte auch bei systematischen Versuchen. Bereits Aristoteles zerlegte seine
Tetrapoda, die zweite Hanptsektion seiner Säugetiere, in zwei Abteilungen,
je nachdem der Digitus nur an einer Seite Nagel und Kralle trägt oder in
einen Huf eingeschlossen ist. J. Ray unterschied in gleichem Sinne
I'^nguiculata und üngulata: Ausdrücke, die von da an als Bezeichnung
jirimärer Hauptabteilungen im Schwange blieben.
Sehen wir von den Cetaceen ab, deren Endphalangen eine Hornbeklei-
dung fehlt und achten wir auf die Form der Hornbekleidung bei den üluigen
Säugern, so kann man diese danach in die zwei großen Grujjpen der Unguicu-
lata und Üngulata: der Krallentiere und Huftiere unterscheiden, allerdings
mit erheblichen Formverschiedenheiten im Speziellen. Alle lassen sich aber
von einer Grundform herleiten, zu deren besserem Verständnis man, nach
dem Vorgang von IJoas, ausgeht von einer einfachen Krallenform, -wie die
Schildkröten, Krokodile und Vögel sie darbieten. Man hat es hier mit
einer dorsalen Nagelplatte (Krallenplatte Boas) zu tun, welche die
Nagelphalanx dorsal und seitlich umscheidet und aus echter Nagelsubstanz
besteht d. h. aus außerordentlich fest ineinander gefügten verhornten Epidermis-
zellen, die ihren Kern noch bewahrt haben. Von
dieser Nagelplatte oder der eigentlichen Kralle
unterscheidet sich eine weichere ]\Iasse: das
Sohlenhorn, Hornsohle oder Krallensohle
[Boas], die ausschließlich ventral gelagert ist
und aus einer Ansammlung gewöhnlicher ver-
hornter, in den obersten Lagern kernloser
Ei)idermiszellen besteht. Beide sind ursprüng-
lich Teile eines Ganzen , unterscheiden sich
aber funktionell erheblich, da das Sohlenhorn Fig. 12. Längsschnitt durch
leichter sich abnutzt als die Platte und letztere die IL Zehe von Ecbidna; nach
an den Rändern sich scharf erhält. In dieser Gegenbaur. x. Krallenplatte,
... _, . AT , -1 1 • -^ boülennorn, b Zenenballen,
ursprunglichen Form hat iNeui)ildung nn ^^ ,^ ^ Phalano-e 1—3.
ganzen Umfange der Krallenmatrix statt, bei
Säugern ist dagegen in der Hauptsache der distale Teil der Matrix (des
Nagelblattes) steril; über diesen schiebt sich somit die proximal (basal) ge-
formte Krallenplatte hinweg. Im übrigen hat sich die wesentlich gleiche
Form der Kralle erhalten bei den ^lonotremata, iMarsujualia. Insectivora,
Chiroptera, Galeopithccidae, Xenarthra, Orycteropodidae, ]\Iani(hic, Rodentia,
Carnivora. Ihr entspricht die seitlich zusammengedrückte, zugespitzt
endende Nagelphalanx, die noch beim Skelett zur Sprache kommt.
Ohne auf weiteres Detail einzugehen, kann im allgemeinen ge-
sagt werden, daß die dorsale Krallenplatte überwiegt und mit iliren
16 I. Haut und Hauto'el)ilde.
seitlichen Rändei'n die \veicliere Krallensolile sclieidenartiij einfaßt. (Ge-
winnt sie gegenüber der Nagelphalanx, die stets — mit einziger Aus-
nahme des I. Fingers beim Eleplianten (s. im systematischen Teil) — ihre
Ilntei'lage a])gibt. an Ausdehnung nach hinten, so daß die Krallemati'ix
(das KraJlenljett) nicht mehr in gleicher Flucht liegt mit der Haut, sondern
in diese sich einsenkt, so entsteht der ..Falz", welclier verschieden hoch
die Krallenbasis bedeckt und als Krallen^vall bekannt ist. Namentlich
bei kletternden, grabenden Tieren und solchen, die ihre Krallen zum Greifen
gebi'auchen (Carnivora, manche Nager), ist er stark entwickelt; seine, der
Krallcnplatte zugekehrte Unterseite, kann mit ihr verwachsen, so daß ein
eigentlicher Falz als Spalte fehlt. P)ei den genannten Tiei'en prominiert auch
das Ki'allenende stark und ist die Krallensohle auf einen schmalen Streifen
begrenzt (Carnivora). Die Ausdehnung der Krallensohle i)roximalwärts wird
nur selten beschränkt durch Uebergreifen der Krallenplatte auf die Ventral-
tläche (Hase), Häutiger wird sie verkürzt, durch die Zehenballen. Hierunter
versteht man elastische Hautkissen auf der Ventralseite der Finger, die
zusammen mit den Sohlen ballen bei plantigrader r)ewegung hohe Bedeu-
tung haben. Bei digitigraden Tieren treten erstere in den Vordergrund, da
sie jetzt das Körpergewicht zu tragen haben (Carnivora z. B.); mehr noch
wenn die Tendenz vorwaltet, das Ende der Gliedmaßen zu Tastorganen zu
F\^. 13. Läiijjsschnitt durch das Fiiigerendc von A Mensch, B Affe, C ungui-
cnlater Säuger, D Pferd, schematisiert nach Boas, /j Sohlenballcn, « Krallenplatte,
p-, /•' die beiden letzten Phalangen, s Solilenhorn, f Krallenwall.
machen. Plierbei erlangen die Zehenl)allcn dei'artig terminale Lage, daß sie
als „Fingerl)eei'en" an den Fingerenden autfallen (Mensch, Primates). Die
Krallensohle (Sohlenhorn) wird hierbei reduziert zu einem schmalen Streifen
unter dem Nagelende (Nagelsaum). Wir sprechen jetzt vom Nagel, da
die Krallenform einem „Plattnagel" Platz machte: einer Nagelplatte also,
die von rechts nach links nur wenig, von vorn nach hinten kaum gewölbt ist.
Ist erstere Wöll)ung noch stark, so spricht man von einem „Kuppennagel".
Unrichtig wäre es, aus dieser Darstellung den Schluß zu ziehen,
daß der Plattnagel des Menschen und der Alien einfach diesen Weg aus
der Krallenform genommen habe. Dieser Punkt soll uns bei letztgenannten
Tieren und bei den Prosimiae noch beschäftigen. Nicht unwahrscheinlich hat
sich bei letzteren Tieren einfach durch Nichtgebrauch und dadurch bedingte
\'erlängerung am IL Finger eine Kralle erhalten im Gegensatz zu den
übrigen Plattnägehi. Diese Nagelforni kann auch hier und da an übrigens
echt-unguiculater Extremität auftreten und ist dann eben eine funktionelle
Aenderung ohne systematischen Hintergrund,
Stärkere Befestigung der Grab-(Scharr-)Krallen kann erzielt werden
durch mediane Spaltung der Nageli)halanx (Manis, Perameles, Chryso-
chloris, Talpa). In diese Spalte ist das Nagelbett eingesenkt, ruft eine
entsprechende Längsleiste an der Krallenplatte hervor, welche in die Spalte
eingefalzt ist und die Kralle innig mit der Nagelphalanx verbindet. Auf
Haar- iiiul .SoIiupi>cnbildiingeii. 17
Aelinliches zielt vielleicht auch die mediane Furclmng der Nagel])halanx
bei Bradypodidae und Myrmecophagidae ab. indem Zunahme der Nagel-
substanz erreicht wird, aber keine ventral vors])ringende Leiste, (ianz
anderer Art ist die Spaltung der Xagelphalanx in einen doisalen und
ventralen Abschnitt an der IL Zehe von Procavia (Hvrax): ihr entspricht ein
Fig. 14. I. Xagelbilduiiii'
n an den gefurchten, verbreiter-
ten Enden de-s IL- -IV. Fingers
eines Embryo von 7,G cm Länge
von Mani.s tricn.spis. IL Finger-
ende eines Embryo von 17 cm.
A von der Seite, B von oben.
V. im Horizontalschnitt von
einem Embryo von 30 cm ; /
Nagel phalanx ; ;/ Nageisnb-
.•^tanz : //' durchscheinende, ven-
tral vorspringende Leiste von
Nageisiibstanz: h Sohlenhorn
mit Epitrichialzellen. III. .\h-
gezogejie Kralle von iNfanis
longicandata mit der ventral
vorspiingenden Leiste. IV.
Quer.-chiiift durch das Finger-
ende von Peramcles gunnii, pp
die Endspitzen der gespaltenen
Nagelphalanx; n dorsale Kral-
lenplatte; s Sohlenhorn.
a. nL.
M N
ganz einzig dastehender Xagel. Solche besondere Nagelformen ermähnt
der systematische Teil. — Embryonal kommt die Entwickelung der Nagel-
platte unter einem weichen Gewebe zu stände, dem Eponychium. das in
das zukünftige Sohlenhorn sich fortsetzt und dorsal l)is zum Nagelwall
reicht, bei der Geburt oder bereits vorher aber schwindet.
(iegenüber den Unguiculata, die planti- oder digitigrad sind, stehen
dieUngulata: ausgezeichnet durch dorso-ventral abgetlachte Nagelphalangen,
die in den meisten Fällen die Körperlast zu tragen haben. Dieser Unguli-
Fig. 15. Fingerspitze von unten gesehen von: A Mensch, B Affe, C ungnicnlater
Säuger, D Nashorn, E Pferd, F Elentier; nach Boas, .schematisiert, b Sohlenballen;
n Rand der Krallenplatte; -f Sohlenhorn.
gradie entsprechend, hat die Hornbekleidung die Gestalt einer Klaue
oder eines Hufes angenommen. Das Prototyp des letzteren, gleichzeitig
dessen höchste Ausbildung, ist der Pferdehuf. Hier hat sich die Hörn-
W e b e r , Sängetieio. -
1^ I. Haut und Hautgebilde.
platte (sogen. Wand) nm die Nageli)lialanx hennngebogen mit einer nach
vorn schauenden Wölbung; sie umfal-it das dem Boden zugekehrte Sohlen-
horn, biegt sich aber hinten jederseits mit scharfem Winkel, den Eckstreben,
ein und faßt hier den Strahl zwischen sich. Dieser dringt mit seiner
Spitze in das Sohlenhorn vor und erscheint als dreieckige Fortsetzung
des Zellenballens, der oberhall) des Hufes als Hufballen sofort seine Natur
als Zehenballen des III. Fingers erkennen labt. SiȊter bei den Perisso-
dactyla soll dargelegt werden, wie der Pferdehuf sich aus dem Huf von
Tapirus herleiten labt, indem bei diesem das za])fenförmige ^'or(lringen
des Zehenballens in das Sohlenhorn l)ereits anhebt. Im Huf des Rhino-
ceros ist dies noch nicht der Fall. Hier grenzt an das Sohlenhorn der
verschiedenen kleinen Hufe eine Vereinigung der Zehenballen, welche die
eigentliche SohlenÜäche darstellt. Sie l)edeckt ein elastisches, binde-
gewebiges Kissen, das bis zur A'entralHäche der steil aufgerichteten Finger
und Metai)odien reicht. Dies sind Einrichtungen, die dem ungeheuren
Gewicht des Tieres entsprechen.
Obertlächlich l)etrachtet, liegen ähnliche Verhältnisse bei dem Ele-
fanten vor. Pei näherem Zusehen ist dies aber nicht der Fall, wofür
ebenso wie für das nicht minder eigentümliche A'erhalten bei den Hyra-
coidea auf den systematischen Teil verwiesen wird.
Unter Ungulata spielt Bildung von Hörnern auf der dorsalen
Fläche des Kopfes eine l)edeutende Rolle, (ianz überwiegend ist ihre
Bedeutung die einer Watfe im allgemeinen. Diesem Gesichtspunkt ent-
spricht ihr Vorkommen in beiden Geschlechtern. Daneben sind es Waffen
sexueller Art zum Gebrauch der um die Weibchen streitenden Männchen.
Dem entspricht ihre stärkere Ausbildung bei diesen, die sich häutig
beobachten labt und bei der Familie der Hirsche dazu führt, daß nur
das Männchen diese Waffe besitzt, mit Ausnahme des weiblichen Rentiers.
Unter den Hornbildungen ist das Hörn der Nashörner eine rein
integumentale Bildung. Es ist eine gewaltige Wucherung der Ei)i(lermis,
deren Hornschicht lange, haarförmige Hornfasern bildet, die sich zu koni-
schem Hörn vereinigen und durch dementsprechend hohe Lederhauti)ai)illen
ernährt werden. Die zu einem oder zu zweien vorhandenen Hörner sitzen
den Nasalia res}). Frontalia auf, welche hier (iefäßfurchen zeigen und bei
Elasmotherium (s. dieses) zu einem Buckel sich erheben als Unterlage des
gewaltigen Hornes.
Die übrigen Hornbildungen dürfen gleichfalls hier unter dem Inte-
gument einen Platz linden, da dieses sich an ihrer Bildung in verschie-
denem Grade beteiligt.
Zunächst das (ireweih der Hirsche. Allgemeine Betrachtung des-
selben läßt als wichtigsten Teil den Stirnzapfen, Rosenstock, er-
kennen, der von der äußeren Tafel des Frontale als solider Knochenfort-
satz ausgeht, somit als Apophyse dem Frontale angehört und von der be-
haarten Kojtfhaut überzogen wird. Im Erstlingsgeweih, das im ersten
Lebensjahr des jungen Hirsches auftritt, desgleichen bei den ersten echten
mittelmiocänen Hirschen, geht die Knochensubstanz des Zapfens in ein
endständiges Knochengebilde über — wir wollen es vorgreifend gleich
Stange nennen — das anfänglich gleichfalls von Haut bedeckt war. diese
aber allmählich dui-ch Obliteration der Gefäße, Eintrocknung und mecha-
nische Abstreifung (sog. Fegen an Baumstämmen) verliert. Die Stange
ist damit ein bloßgelegtes Knochenstück geworden, das sich vom skelet-
Hörner, Geweihe. 19
tierten Rosenstock nur durch braune Farbe, anfänglich auch durch (lefäß-
furchen unterscheidet. Dieses denkbar einfachste Geweih, das die Form
eines Dolches hat, daher Spielt (Spießhirsch) heißt und unter recenten
Hirschen bei Coassus (Cariacus) und Elaphodus die bleibende Geweihforni
darstellt, ist gleichfalls das phylogenetisch älteste, das als Erstlingsge\Yeih
immer wieder auftritt. Sein von der Haut entblößtes Endstück, die Stange,
wird im nächsten Jahre gewechselt: d. h. Osteoklasten ei'weichen dasselbe
nekrotisch an seiner Basis, so daß weite Räume entstehen, seine Verbindung
Fig. 16.
Geweihbildung
eines Cerviden
nach Nitsche.
]. Erstlingsge-
weih als Apo-
physe h de.s
JVontale, mit
Haut bekleidet.
'2. Die Stange
ist nackt mit
Resorptions-
sinus /-. 3a u.
ob Abwurf der-
selben. 4 — 7.
Entstehung des
zweiten Ge-
weihes b^ unter
der behaarten
Haut, e Epi-
dermis mit
Haaren ; c Co-
rium; k Kno-
chen; d Kranz-
naht.
lockernd, bis es schließlich abfällt. Die entstandene Wundfläche überwuchert
die Haut. Unter ihrem Schutz hat nun Regeneration statt, indem sich
auf der Spitze des Stirnzapfens (Rosenstock) osteoblastisches Gewebe bildet,
das in den meisten Fällen zur endlichen Bildung einer verknöcherten
komplizierteren Stange führt, indem an ihr zackige ^Verästelungen, sog.
Enden oder Sprossen auftreten. Wenn auch diese Neubildung vom Periost
des Rosenstockes ausgeht und damit als Epiphyse des Skeletes sich doku-
2*
20 I- Haut und Hautgebilde.
nieiiticrt. so ist die Beteiligung- der Haut nicht zu leugnen, und hat da-
mit die Behauptung, dal-} die Stange eine Hautverknöcherung. ein Cutis-
knochen sei, eine gewisse Berechtigung. Nur so läßt sich die Periodicität
des Abwerfens und der Regeneration erklären, die mit der Periodicität
der Geschlechtsfunktion zusammenfällt, mit der sich ja auch anderwärts
l)eriodische stärkere Betätigung der Haut (Drüsen, Haarwechsel) verbindet.
An der Basis der Stange, von wo aus die Regeneration statt hatte,
bildet sich bei der Mehi'zahl der Hirsche, jedoch in verschiedenem Grade,
eine wulstige Verdickung heraus: die Rose, die bei späteren Jahrgängen
desselben Hirsches mehr hervortritt und auf ihrer Zirkumferenz knopf-
artige Verdickungen, sog. „Perlen*' aufweist und zwischen diesen die
Furchen der (iefäße, die der Arteria temporalis angehörig, die sich l)ildende
Stange ernähren. Während ihrer Bildung ist die Stange biegsam, mit
behaarter Haut überdeckt und wird vom Tier geschont, ^^on der Rose
aus tritt die Ossifikation ein. Alsdann folgt Obliteration der Gefälle, Ver-
trockniing dei* Haut und darauf das sog. ,,Fegen''. Nach der Brunst hat
abermaliges Al)werfen statt u. s. w. Nur von Elaphurns davidianus wird
jährlich zweimaliges Abwerfen des (ieweihes l)eliaui)tet [LydekkerJ. Dnnkel
ist die Ursache der eintretenden Nekrose; denn Annahme eines Sistierens
des Stoftwechsels verschiebt nur die Frage. Deutlich ist dagegen der
Mechanismus des Abwerfens. Auch ist die Annahme wohl berechtigt, daß
als phylogenetisch ältester Zustand ein langer Stirnza])fen gelten mag,
dem als anfänglich ])erennierendes kleines Endstück die spätere Stange
aufsaß. Ursi)rünglich war sie wohl mit Haut bedeckt; sie war aber im
Gebrauch mechanischen Insulten ausgesetzt. Dies führte zu Nekrose des
l)loßgelegten Knochenstückes und zu Regeneration. So könnte im Laufe
der Zeiten, im Zusammenhang mit den Brunstperioden, auf deren Höhe-
punkt ja gerade die Stange Insulte beim Kampfe erfuhr, die periodische
Regeneration sich herausgebildet haben. Sie ermöglichte auch ausgiebigere
Komplikation und Größenzunahme der Geweihe in nachfolgenden Jahr-
gängen des Hirsches, der mit weiterem Wachstum ein schwereres Geweih
ti-agen konnte. Sie führte aber über lange Zeiträume hin — vom Mittel-
miocän bis Pliocän — nur zu Gabelgeweihen, also von einfachem Bau.
Darauf erst trat bei vielen Formen eine Hyperplasie ein, die aus dieser
ursprünglich zweckmäßigen Waffe, in der Neuzeit Geweihstangen von
extremer Komi)likation und grossem Gewicht schuf, die wii- mit A. Rörig
als eine (Teweihentwickelung vom Zweckmäßigen zum Unzweckmäßigen
bezeichnen dürfen. Andere Formen behielten in verschiedenem Grade die
ursprüngliche Form bei; so Coassus, ferner Cervulus Muntjac mit seinen
langen Rosenstöcken (s. u. Fig. bei Cervidae), die im Gegensatz hierzu
beim modernisierten Geweih der Rentiere, das sich ja auch auf die Weibchen
ül)ertrug. verschwindend klein sind.
Innigeren Verband mit dem Integument zeigt die dritte Hornfoi'in.
die uns bei den Ruminantia entgegentritt, die wir eben ihrer Hönier
wegen Cavicornia nennen, da sie im erwachsenen Zustande einen
Knochenzai)fen tragen, der vom Frontale ausgeht und überkleidet wird
von einer Hörn scheide. Letztere ist ein Produkt der Epidermis, inso-
weit diese, zusammen mit einer gefäßreichen Cutis, den Hornzapfcn über-
zieht und mit dessen Periost zusammenhängt. Die Horn])roduktion kann
periodischen Schwankungen unterliegen, was zu einer Bildung von Ringen
an der Basis führt, die dem Alter des Tieres entsprechen können (Kuh).
Hörncr, Geweihe. 21
Dieses Gehörn geht nur vereinzelten Cavicornia ab (hornlose Rinder- nnd
Schafrassen), zuweilen fehlt es dem Weibchen (Tragelaphus. Neotragus,
Tetraceros) oder ist bei ihm geringer entwickelt (Boselaphns tragocamelus).
Von mehr Interesse ist es nachzuforschen, ob dieses Gebilde ^'ergleichs-
|)nid<te bietet mit dem Geweih der Hirsche und wo diese liegen. Bereits
wähi'end des fötalen Lebens hat dort, wo der Hornzapfen auftreten wird,
Fig. ]?. Drei Stadien
der Entwickelung des Os
cormi o; f Hornzapfen
auf dem T^rontale, der in
III den Hornstiel bildet
und bereits mit dem Os
cornu verschmolzen ist.
h Anlage der Hornscheide.
Auf Durchschnitten von
jungen Lämmern , nach
A. Brandt.
Stärkere Vaskularisierung von Haut und Periost, die innig zusammen-
hängen, statt. Die erhöhte Ernährung der Haut führt nach A. Brandt zu
einer schwieligen, hornigen Verdickung, die erst später ihren bröckeligen
Charakter verliert, um sich zur Anlage der Hornscheide auszubilden. Im
Fig. 18. Gehörnbildung bei Antilocapra, nach Nitsche. 1. Kurz nach dem Ab-
werfen der alten Hornscheide. 2. Spcäteres Stadium mit vorderem Hornzacken y.
3. Unter der alten, von ihrer Matrix gelösten Hornscheide ist bereits das neue Haar-
kleid des Stirnzapfenintegumentes und die neue primäre Hornspitze v' angelegt.
V primäre; x sekundäre Hornspitze; z Basis der Hornscheide; b Stirnzapfen; <• Epi-
dermis; (- Lederhaut; k Frontale.
Periost dagegen führt die h}q)ertrophische \'askularisierung einesteils an
dessen Innenseite zu einer buckeiförmigen Hervorragung des Frontale
und zwar der äußeren Tafel desselben, die den niedrigen Hörn stiel
22 I. Haut und Hautgo bilde.
liefert; anderenteils an der Aul^enseite zu einem Knochenkern (Os cornu):
dem eigentlichen Hornzapfen. Dieses Os cornu entdeckte Sandifort bereits
1829 und wurde jüngst wieder durch A. Brandt und Durst bestätigt. Es
erscheint als Epii)hyse des vom Frontale als Apophyse ausgehenden „Horn-
stieles". der dem Rosenstock (Stirnzapfen) der Hirsche entspiicht; der ei)i-
phytische Hornzapfen (Os cornu) ist dann der Stange vergleichbar. Er
ist gleichfalls nur in entfernterem Sinne als Cutisknochen aufzufassen, in-
sofern sein Periost innige Beziehung hat zur Hautdecke. Hornstiel und
Hornzapfen verschmelzen meist so innig, dal;! jede Naht zwischen ihnen
wegfällt. Auch kann bei Pneumatisierung der Diploe des Frontale, dessen
Sinus sich dui'ch den Hornstiel in den Hornzapfen ausdehnen, anderwärts
(manche Antilopen) bleibt er solide.
Zwischen den extremen Hornbildungen der Hirsche und Hohlhörnigen
liegen in gewisser Beziehung Uebergänge. Zunächst Antilocapra (s. Fig. IS).
Deren Hornzapfen wird gleichfalls von verhorntem Integument umscheidet.
Hierin sind aber bei der A' erhornung die Haare aufgenommen und wichtiger
noch; diese Hornscheide wird jährlich nach der Brunst abgeworfen, infolge
von Neubildung einer jungen Scheide, welche die alte al)\virft und darauf
weiter voll sich ausbildet durch Hornproduktion zwischen den Haai'en.
Sie liefert ferner eine Seitenzacke, die keinerlei Beziehung hat zum
Knochenzapfen. Essentiell ist also das Gehörn von Antilocapra ein Cavi-
Fig. 19. Entstellung des Gehörns der
Giraffe, nach Nitsche. 1. Jugendstadium,
als Cutisverknöcherung h entstanden,
liegt es noch vor der Sutma coronalis d.
2. Fertiger Zustand, in welchem h mit
dem Schädeldach verwachsen ist über
der Kranznaht, mit Lakunen ö', als letzte
Andeutung der früheren Trennung und
mit Pneumatisierung- p des Frontale.
e P2pidcrmis; c Corium; /• Knochen.
corniergehörn ; denn es ist bekannt, daß beim Ijasalen "Wachstum des
Rinderhornes gleichfalls Haare in die Hornscheide aufgenommen werden.
Jährliches Abwerfen der letzteren fehlt allerdings, wohl aber hat periodisch
stärkerer Wuchs der Hornscheide statt; auch wird die erste Hornscheide
des Kailies aljgeworfen, ferner kann bei Antilopen Wechsel derselben statt
haben [Bartlett].
Als Uebergang nach anderer Richtung hin erscheint die Hornbildung
der Giraffen. Namentlich im männlichen Cieschlecht treten hier auf der
fronto-parietalen Naht zwei Haupthörner auf, bestehend aus einem Os cornu.
das von behaarter Haut überzogen ist, mit breiter Basis, namentlich auf
dem buckelig aufgetriebenen Frontale ruht und schließlich mit ihm ver-
schmilzt. Abseits steht ein medianes fronto-nasales Hörn von geringerem
Ausmaß, das sich übrigens ganz gleich verhält. Den zwei occipito-parie-
alten Hinterhörnern, die bei der sog. fünfhörnigen Giraffe an der Grenze
der Occipitalgegend auftreten, scheint ein Os cornu zu fehlen [0. Thomas].
Hörner, Geweihe. 23
Unter Zugruiidelegung der neueren Untersuchungen von A. Brandt,
Nitsche. Durst, Ray Lankester, 0. Thomas u. A. kann man die verschiedenen
Horul)ihlungen tabeUarisch, wie folgt, vergleichen:
Apophyse des Frontale: P^piphyse^) j , ^^. ,
Stirnzapfen (Cuti.sknochen) '^
Crrz'idac Roscnstock Stange hinfällig Bast ) , . r-n-,,.
Antilocapra Horustiel Hornzanfeni Hornscheide ( ' *~'
Ucbnsre Caviconiia Hornstiol Horiizai)fcn ; '. , Hornscheide ) . ,
r-- Jv-
7
TT *• 1 TT t [ nicrend , , . ij . Iperenniereml
Giraffuiae iioriistiel HornzaptenJ behaarte Haut|^
Bezüglich des phylogenetischen Entwickelungsganges der
Hornl)ildungen bei Pecora könnte folgender (ledankengang vorläutig ent-
wickelt werden.
Dem Schädeldach der Ungulaten wurde etwa im Miocän die Fähigkeit
eigen, in der nasalen, frontalen und occipitalen (hegend Ajiophysen aus-
wachsen zu lassen, die mit behaarter Haut bedeckt waren. Unter den Pecora
besaß namentlich das Frontale diese Fälligkeit. Mechanische Insulte, denen
diese AVatfe ausgesetzt war, führte zu Verhornung der Haut, die an-
fänglich endständig geschah. Blieb diese distale Hornkappe permanent,
so schloß sie weiteres Wachtum des Stirnzai)fens aus, behinderte dieses
wenigstens. Dies führte zu ihrem zeitweiligen Al)wurf, der dann periodisch
geschah unter dem Eintluß der (Jeschlechtsperioden. Er erhielt sich in
dieser Form bei Antilocapra und geschah vermutlich l)ereits bei Samo-
therium und auf dem geweihartigen Gehörn von Sivatherium. Einen
anderen Weg schlugen die Rinder und meisten Antiloi)en ein, wo die
Hornproduktion von der Hornbasis ' aus geschieht und damit Größen-
zunahme des Hornzapfens gestattet, trotz Permanenz der Hornscheide.
Basale periodische Ringbildung letzterer erinnert noch an die periodische
Hornproduktion. Mitleidenschaft des Integumentes tritt durch diese Horn-
bildung mehr nach vorn, sie äußert sich durch periodische stärkere
Vaskularisierung auch der tieferen Teile der Haut, woran sich das eng
mit ihr verbundene Periost des Hornzapfens beteiligt. Damit erlangte das
Endstück der frontalen Apophyse mehr Selbständigkeit, gleichzeitig aber
Abhängigkeit vom Integument, erhielt einen eigenen Knochenkern, somit
den Charakter einer Epiphyse, dessen Periost stets mehr unter den Ein-
tluß des Integuments geriet. Dies erfuhr das Os cornu der Caviocornia,
das den Charakter eines Cutisknochens annimmt; deutlicher noch die ihm
inkomplet homologe „Stange" der Hirsche, die gleichfalls aus kleinen
Anfängen der Periodizität sexueller Prozesse unterworfen wurde und durch
Verlust der schützenden Haut den Weg bahnte zu periodischer Nekrose,
die ihr Abwerfen verursacht.
^^on besonderer Wichtigkeit sind die Hautilrüsen der Säuger, die
im (Gegensatz zur drüsenarmen Haut der Sauropsida sehr reichlich auf-
treten und damit an die drüsenreiche Haut der Amphil)ien erinnern.
Trotz aller A'erschiedenheit im Sekret lassen sie sich auf zwei Grundtypen
zurückführen. Zunächst sind die tubulösen Hautdrüsen zu nennen, die
1) Nachträglich sehe ich, daß Gadow energisch gegen etwaige Ansdrücke wie
Cutisknochen anf tritt. Im Vorstehenden ujeine ich diesbezüglich eine Mittelstellung
eingenommen zu haben, indem ich den ursprünglichen periostalen, epiphytischen Bildungs-
modus von Stange und Hornzapfen annehme, gleichzeitig aber dessen Freimachung
aus diesem Verbände und neuerworbene Beziehung zur Hautdecke (s. o. S. 19).
24 I. Hallt und Haiitacbildc.
als selbständige Eiiistüli)iingen der Matrix der Epidermis entstehen und
in die Lederhaut einwachsen. Sie schließen sich in ihrer einfachsten Form
an die schlauchförmigen Drüsen der Amphiltien an. wofür namentlich auch
die Schicht kontraktiler Easerzellen
spricht, welche das sekretorische Epi-
thel von außen überlagert und ihrer-
seits von außen von einer Tunica
projji'ia umgeben wird. Das Drüsenepi-
thel ist einschichtig, im nicht oder nur
wenig erweiterten sekretorischen Teil,
der sich in solchen einfachen Drüsen
kaum abhebt vom ku])ischen Epithel
des engeren Ansführungsganges, der
häufig in Spii'algängen die Epidermis
durchzieht und hier seine eigene
Wand verliert. Auch der sekretorische
Schlauch kann solche Krümmungen
zeigen und endlich bei l)e(leutender
Längenzunahme in seinem blinden
Ende sich aufknäueln (Knäueldrüsen,
(ilandulae glomiformes). Verästelung
des Schlauches über größere Aus-
dehnung des Körpers tritt nur aus-
nahmsweise auf (Hippopotamus. Ursus)
;
häufiger in lokalisierten Gebieten
(Analdrüsen, Sohlenballendrüsen etc.).
Die Sekretion geschieht durch che-
mische ^^orgänge innerhalb der Drüsen-
zellen, ohne unmittelbaren Untei'gang
dei'selben. Sie sind daher vital
secernierend und stationär kanalisiert
[Eggelingj. Das Sekret ist meist tropf-
bar flüssig, sehr wasserreich, farblos
mit alkalischer oder saurer Reaktion
(Schweiß). Es kann aber auch
schleimig (Hipi)opotanius). eiweißhaltig
(Cephalophus). dick und zäh (Ohrenschmalz des Menschen), endlich fettig sein
und verbietet alsdann, von Schweiß und Schweißdrüsen ((ilanduhie sudori-
l)arae) zu sprechen, weshall) überhaupt die Bezeichnung ,.tubulöse Drüsen"
vorzuziehen ist. Auch Avies ich nach, daß das Sekret blau gefarf)t sein
kann beim Weibchen von Cephalophus pygmaeus (s. u.), oder rot bei Hippo-
l)0tamus und beim Männchen von Macropus rufus, wo es Ursache wird der
roten Farbe der Haare, indem es eingetrocknet und zu Pulver zerrieben,
dem Haai" von außen sich anhängt.
Die Yerbieitung der tubulösen Drüsen über den Körper ist bald
eine allgemeine, bald eine lokalisierte, zuweilen auf sehr beschränktes
(lebiet. So sind sie bei Rodentia vielfach auf die Sohlenflächen beschränkt.
Anderwärts fehlen sie ganz: so bei Choloepus, Chrysochloris. Sirenia,
Cetacea, Manis. Im Gegensatz zu früheren Ansichten wies namentlich
de Meyere nach, daß Ausmündung von Schweißdrüsen an behaarten Stellen,
unabhängig vom Haarfollikel, zur Ausnahme gehört. Sie kann statthaben
Fig. 20. Schema eines Schnittes durch
die Haut. /Stratum corneum ; j Keim-
lager der Epidermis; j AcinÖse; 4 Tubu-
löse Drüse; 5 Haarpapille; 6 Haar;
7 Wurzelscheide; 8 Follikelepithel ; 9 Haar-
balg; 10 Musculus arrector pili ; // Fett-
klümpchen; 12 Papille des Corium.
Hautdrüsen. 25
hei Talpa, auch bei einzelnen Affen; ferner beim cnvachscnoi Schwein
und Hippopotamus; in der Jui^end fand sie aber zusammen mit dem
Haarfollikel statt. Diesem gesellt sich somit im allgemeinen eine tubulöse
Drüse zu; z^Yei odei- mehr ist jedenfalls eine seltene Ausnahme. Daneben
können aber die tubulösen Drüsen, unabhängig von Haaren, auf haarlosen
Körperstellen auftreten und durch sogenannte Schweiß])oren ausmünden,
z. B. auf den Sohlentläclien. ferner dort, wo die Haut ül)ergeht in solche
von Schleimhautcharakter. Besondere Ausdehnung erlangen sie an Haut-
falten, wo viel Reibung statthat, und ihr fettiges Sekret die KontaktHächen
glättet. Weitere lokale Anhäufungen sollen unten zur Sprache kommen,
auch die Bedeutung des Sekretes als Träger spezilisch riechender Stoffe.
Hier sei nur hervorgehoben, daß das Sekret nebenher Endi)rodukte des
Stoffwechsels aus dem Kreislauf eliminiert und als „Schweiß'' durch Ver-
dampfung als Temi)eraturi-egulator wirkt, auch in solchen Fällen, wo der-
selbe nicht in tropfbar flüssiger Form, sondern als Dunstschweiß auftritt.
Die zweite Art von Hautdrüsen, die acinösen, entstehen als Aus-
buchtung des Haarfollikels und bleiben an ihn gebunden. Volumzunahme
wii'd erzielt durch sekundäre Ausbuchtungen, die zu großen alveolären
Drüsen wei'den können. Eine Lage glatter Muskeln geht ihnen stets ab,
auch ist ihr Epithel mehrlagig. Bei der Sekretbildung geht dies zu Grunde
und wird dementsi)rechend nach außen befördert. Diese Drüsen sind also
nur temporär kanalisiert und nekrobiotisch secernierend [Eggeling].
Acinöse Drüsen treten aber auch unabhängig von Haaren auf,
namentlich dort, wo die Haut in eine Schleimhaut übergeht oder Schleim-
hautcharakter annimmt. Daher am After als perianale Drüsen, am Lidrand
als Meiboomsche Drüsen oder als Konjunktivaldrüsen der Cetaceen, an den
Lippen, an der Glans penis als Tysonsche, am Praeputium als Präputial-
drttsen (s. u.). Vielfach läßt sich nachweisen, daß Haar und Haarfollikel
zurückging, gegenüber der voluminösen Drüse, bis endlich die Entwickelung
der letzteren als eine abgekürzte erscheint und direkt aus der Matrix der
Epidermis statthat. Im gewöhnlichen Zustand sitzen die Drüsen zu zweien
oder mehreren dem Haarfollikel an, so daß ihr fettiges Sekret das Haar
schützend überzieht. Auch anderwärts liefern sie ein ähnliches Sekret,
häufig stark riechend, das ihnen den Namen „Talgdrüsen" (Glandulae
sebaceae) eintrug. Ihr ^'ol•kommen ist ein allgemeines; öi'thche Anhäufung
häufig (s. u.). Wegfall des Haarkleides bei Cetacea bedingt ihr Fehlen,
bei Sirenia ihren Schwund bei Alterszunahme, bei Manis ihre Einschränkung
auf Schnauze und Anus etc. Andererseits können sie auch fehlen bei
gut ausgebildetem Haarkleid, z. B. bei Choloepus und Chrysochloris.
Als modifizierte tubulöse Drüsen, oder wenn man will als L^eber-
gangsform zum acinösen Tvi)us. sind die großen Drüsen zu betrachten,
die in der Rüsselscheibe des Schweines, im Flotzmaul (Mnffel) der Rinder
auftreten und ein seröses Sekret liefern.
Von besonderem Interesse sind örtliche Anhäufungen von Haut-
drüsen zu größeren, mit bloßem Auge leicht sichtbaren Drüsenkörpern.
Seltener kommen sie so zustande, dass die vergrößerten Einzeldrüsen
nel)eneinander, aber dichtgedrängt auf einer gegebenen Hautstelle, die dann
als Drüsenfeld erscheint, ausmünden. Meist tun sie dies auf einer nackten
oder behaarten Einsenkung der Haut, wodurch nach außen mehr oder
weniger offene Drüsensäcke entstehen, die in einzelnen Fällen nach
außen ausstülpbar sind. Namentlich im ersteren Falle hat Vorwölbung
26 I- Haut und Hautgebildc.
der betreffenden Hautstelle häufig statt, auch Modifikation dadurch, daß
sie haarlos oder dttnnbehaart wird und vielfach Muskelfasern enthält
;
seltenei- glatte, meist quergestreifte, die sich von der Hautnuiskulatur
herleiten.
Diese gehäuften Hautdrüsen setzen sich aus einer oder aus
beiden Drüsenarten zusammen und erhalten ihren Namen nach ihrer Lage.
Das Auffallendste an ihnen ist aber die Verschiedenartigkeit ihrer Sekrete
nach Konsistenz, Zusammensetzung, Farbe und Geruch. Meist fettiger
Art. kann es auch eiweibhaltig. serös sein; der P'arbe nach farblos, Ijlau,
schwarz u. s. w. Wohl stets ist es der Trägei- spezifischer, oft sehr aus-
gesprochener Gerüche: man denke nur an Moschus, Zibeth, den Bocks-
geruch, an das Sekret der Stinktiere, wie Mei)hitis, Cone])atus etc., an den
Bisamgeruch der Spitzmäuse, den (ieruch der Präputialdrüsen etc. Im
Hinblick auf alles dies ist es am auffallendsten, dal;! diesei- \'erschietlen-
artigkeit morphologisch höchstens zwei Drüsenarten zugrunde liegen. Der
A'erschiedenheit ihrer Verteilung, in allererster Linie aber dem Chemismus
ihrer Drüsenzellen ist diese auffällige Verschiedenartigkeit zu verdanken.
Sie spielt offenbar eine grolle Rolle im Haushalt der Säugetiere, wie die
Hautdrüsen überhaupt. Ihrer Rolle für die Temi)eraturregulierung, für die
Entfernung von Endprodukten des Stoffwechsels, für die Funktion der
Hautdecke und des Haarkleides wurde bereits gedacht. Hier sei hervor-
gehoben, daß ihre Sekrete mit in erster Linie den spezifischen Geruch
der Säuger hervori'ufen und das tun ganz hervorragend eben die gehäuften
Drüsen. Es besteht offenbar ein inniger Konnex zwischen dem hoch-
ausgebildeten Geruchsorgan dieser Tiergruppe und ihren si)ezifischen Ge-
rüchen, welche die Hautdrüsen liefern. Die Bedeutung dieser Gerüche
ist eine verschiedenartige. Bekannt ist. daß sie zur Verteidigung dienen
können, wie bei den amerikanischen und asiatischen Stinktieren (Mephitis,
Coneiiatus, Helictis etc.), die das übelriechende Sekret ihrer Analdrüsen
ihren Verfolgern zuspritzen; ähnlich bei unseren heimischen Wieseln,
Mardern u. s. w., desgleichen bei Spitzmäusen. Wichtiger, weil von allge-
meinerer Bedeutung, sind die Hautsekrete als Träger spezifischer Gerüche
zur Erkennung untereinander. Ein Hund unterscheidet einen Rassengenossen
von Wolfsgröße vom Wolf, einen fuchsgroßen Hund vom Fuchs eben durch
den (leruch und erkennt ihn als Seinesgleichen. Aehnlich mag bei Herden-
tieren, wie Antilopen und Hirschen, oder solchen, die in Paaren lel)en.
das Hautsekret, das von exponierter Stelle (Gesicht, Kinn, Extremitäten)
leicht abgestreift wird, beim Wiederauffinden Dienste leisten. \^ielfach
ruft es einen angenehmen Reiz hervor, daher denn auch der Mensch seine
übelriechende Ausdünstung durch erborgte angenehme Gerüche, die seinem
Körper abgehen, übertönt. Bei Säugern hat das Sekret vieler gehäufter
Drüsen als Mittel der Erkennung, zugleich aber des Reizes große Bedeu-
tung, um die Geschlechter zusammenzuführen und zu geschlechtlichem
A'erkehr zu reizen. Das erhellt aus den häufig nur im männlichen (ie-
schlecht oder wenigstens hier 'stärker ausgebildeten Drüsenk()rpern. fei'uer
aus ihrer gesteigerten Funktion, während der Brunst, ihrem Zurückbleiben
bei kastrierten und geschlechtlich mißbildeten Individuen u. dgl. m.
Ein fiüchtiger Ueberblick soll einige wichtigere Formen gehäufter
Hautdrüsen vorführen, die sich vorläufig, solange ihr feinerer Bau und ihr
Sekret nur von wenigen untersucht ist, am besten nach Art ihrer Lage
grupi)ieren lassen.
Hautdrüsen. 27
Fig. 21. vSchema eines
Analsackes der Katze;
nach Batelli kombiniert.
'7 Aiismünduns: ; b Aus-
Weitester ^'erbreitimg erfreuen sich die Anal sacke, Anaita sehen.
(Glandulae oder Bursae anales: wohl zu unterscheiden von den i)erianalen
Drüsen, die meist als tubulöse, ausnahmsweise auch
als acinöse Einzeldrüsen auftreten und solchen Umfang
erreichen können, daß sie, wie bei Manis, die Haut
zu einem den Anus umfassenden Wulst emi)or-
wölben.
Die Analdrüsen erscheinen als verschieden ge-
staltete Säcke, die meist paarig, seltener zu dreien
oder fünfen, den Mastdarm umgreifen und kurz
innerhalb der Afteröft'nung ausmünden. Meist sind
sie in den Sphincter ani externus. zuweilen auch
in den Musculus levator ani eingestülpt, wodurch
sie einen Muskelüberzug erhalten, der für das Aus-
treiben des Sekretes sorgt, das zuweilen, wie bei einer
Anzahl Carnivoren (Stinktiere u. s. w.), mit solcher
Kraft geschieht, daß es weit herausgespritzt wird. In
der Wand des Sackes liegen die Drüsen, entweder nur
tubul()se oder nur acinöse oder beide nebeneinander,
deren Sekret, vermengt mit reichlich abgestoßenem führnngsgang; k zentrale
Eijithel eine meist breiartige, charakteristisch riechende Höhle mit G prominieren-
,/ 1- f i. T^• n i" 1 1 D 1 i. den Drusenkorpern, von
Masse liefert. Die Beförderung nach außen hat ^jenen 3 im Querschnitt,
statt meist durch eine verborgene feine Oeffnung,
zuweilen auch Avie bei Arctomys durch drei aus der Analölfnung hervor-
ragende Papülen (Fig. 22).
Hieran schheßen sich die ])erinealen oder präskrotalen Drüsen,
die auf einem nackten Hautstreifen oder auf einer rinnen- oder sackför-
migen Einstülpung der Haut zwischen Anus
und Erogenitalötf'nung ausmünden und bei
A'ivei'riden in beiden Geschlechtern, nament-
lich aber beim Männchen, jedoch artlich
verschieden stark ausgebildet, auftreten.
Am umfangreichsten bei Mverra. wo paarig
gelagerte acinöse Zibethdrüsen ihr aroma-
tisches Sekret in einen median gelegenen
Zibethbeutel ergießen, der behaart ist und
mit einem Schlitz derart ausmündet, daß
man ihm am gefangen gehaltenen Tier leicht
mit einem Löffelchen das Sekret entnehmen
kann (siehe bei Carnivora).
Postanale, subkaudale Drüsen treten
liei Meles auf. An der dorsalen Schwanz-
wurzel liegt bei Canis vulpes und lagopus,
rückgebildet auch beim Wolf die als Mol-
drüse bekannte acinöse Drüsenmasse. Cer-
vus elaphus hat eine Anhäufung tulnilöser
Drüsen am Schwanzende [I^eydig]. Ventrale,
acinöse (V) Schwanzdrüsen hat Myogale (s.
bei Insectivora) und Macroscelides,
Gehäufte P r ä p u t i a 1 d r ü s e n münden
bei weiblichen Piodentia an der Scheide oder Clitoris (Clitorisdrüsen)
Fig. 22. Arctomys marmotta.
P Penis, T röhrenförmige Verlän-
gerung der Papille, durch welche
das Sekret der Analdrüsen abfließt.
Nach O. Chatin.
28 I. Haut und Hautgcbilde.
beim Männchen am Praei)ntiuni aus und sind vom Biber als die \olu-
minösen Biberseilsäcke bekannt, mit stai'k gefältelter Wand, deren olier-
Hächliches Epithel durch nekrobiotischen Prozeß das Castoreum liefert. Es
vermengt sich beim Austreten mit dem Hüssigen Sekret der als „Oelsäcke"
bezeichneten Analsäcke. Der Moschusbeutel des männlichen Moschus
bestellt aus einem beiderseitigen Drüsensack, der vor der Präputialötthung
ausmündet. Aehnlich der Nabelbeutel des Ebers: eine dorsale, eigroße
Ausstülpung des Praeputium. der das übelriechende. Hüssige Sekret von
acinoson und tulnilösen Drüsen enthält.
Am Rumpf tindet sich ferner, median auf dem Hinterrücken eine
..Rückendrüse"' bei Dicotyles; bei Soriciden die aus großen, tubulösen
Drüsen bestehende ..Seitendrüse'" längs den Elanken. mit moschusartigem
Geruch. In der Brustgegend treten nach Beddard sehr kompliziert ge-
l)aute Drüsenpakete l)ci Myrmecobius auf. Auch bei anderen Marsui)ialia
(Didelphys. Trichosurus, Petaurus) mündet solche „Brustdrüse" auf un-
behaarter Hautstelle aus. Unter Eledermäusen linden sich in dieser Gegend
umstülpbare Drüsentaschen bei Ametrida und Cheiromeles. bei anderen
(Dysopes) an der Halswurzel. Als Drüsenfelder erscheinen die .,Scliulter-
drüsen"' von Epoinoi)horus mit büschelförmig vorragenden Haaren, oder
die ,.Nackendrüsen" von Pteropus mit vom benachbarten Haarkleid ab-
weichend gefärbten Haaren. Auch das Kamel hat im Nacken zwei Paar
Drüsen mit starker P'unktion zur Brunstzeit. Ueberhaupt spielen die ge-
nannten Präputial-, Brust- und Nackendrüsen eine Rolle im Geschlechtsleben
und sind meist auf das männliche (leschlecht beschränkt oder hier wenigstens
stärker entwickelt.
Am Kopf erscheinen gehäufte Drüsen hinter den Ohren (postauri-
cular) als sog. „Brunstfeigen" bei der Gemse, und bei Petaurus [Leche].
Häutiger in der Gegend des Kinnes zwischen den Unterkieferästen bei
Tragulus, als Kehlsack l;)ei Taphozous.
Weit wichtiger sind die „Gesichtsdrüsen"". die namentlich bei
Artiodactyla auftreten. Nach der Lage unterscheiden wir a) oberhalb der
Orbita gelegene supra or-
bitale bei Antilope beisa,
Rusa equina, Styloceros u. a.
Hierher gehört auch die
..Schläfendrüse" der Ele-
fanten. Häutiger liegen sie
vor der Orbita und zwar
b) unmittelbar vor dem in-
neren Augenwinkel sul) or-
bital, in Gestalt einer ver-
schieden tiefen Hautfalte
oder Hauttasche, die zu-
weilen umstülpbar ist. Diese
sog. Tränengruben. „Hirsch-
tränen"', Cruminae, Eolliculi
lacrymales, liegen bei zahl-
reichen Hirschen, Antilopen,
Ziegen und Schafen in einer Einsenkung des Lacrymale.deren Tiefe der
Größe des Apparates entspricht. Letztere hängt wieder ab von dem Maß
der Ausbildung acinöser und tubulöser Drüsen, wozu sich event. quer-
Fig. 23. Antilope luaxwelli. 5 J^^^
Drüscntreifen der maxillareu Drüse.
Bei d der
Hautdrüsen. 29
gestreifte Muskeln gesellen. Bei anderen Antilopen tritt weiter entfernt
vom Auge eine m axillare Drüse auf, die bei starker Entwickelung La-
crymale und Maxillare mit einem tiefen Eindruck versieht. Es ist ein
aus acinösen und tubulösen Drüsen zusammengesetzter Drüsenkomplex,
der dui'cli Löcher auf einem haarlosen Hautstreifen sein Sekret entleert.
Das Sekret fand ich bei Cephalophus und Grimmia eiweißhaltig, beim
Männchen stark riechend. l)eim Weibchen geruchlos, aber bei Cephalophus
blaugefärbt, bei Grimmia mergens schwarz durch Pigmentkcirner. Sonst
werden alle gefärbten Hautsekrete, die ihre Farbe nicht schwarzen Pig-
mentkörnern verdanken, durch tubulöse Drüsen gebildet (Hippopotamus,
Macropus rufus. Cephalophus).
Maxillare Gesichtsdrüsen treten vielfach bei Chiropteren auf. l)ei
zahlreichen Phyllostoma-Arten als ausstülpbare Drüsentaschen hinter dem
Nasenaufsatz. Erwähnenswert ist. daß den fossilen Pferden Protohi])pus
und Hii)parion, nach der Grube am Schädel zu urteilen, offenbar suborbitale
Drüsen zukamen, von denen das heutige Pferd nichts mehr zeigt. Owen
erwähnt auch eine (iesichtsdrüse von Phacochoerus.
Drüsen eigener Art treten ferner an den Extremitäten auf. So die
verzweigten tubulösen ,.Kari)aldrüsen" des Schweines, die zum Einfetten
der Körperhaut in der Beuge der Handwurzel dienen. Aelmliche liegen
bei indischen Rhinoceros-Arten an der Beugeseite zwischen Carpus und
Metacarpus, Tarsus und Metatarsus [Owen]. Dem allgemeinen Vorkommen
von Drüsenanhäufungen zwischen zwei sich berührenden Hautflächen, um
diese durch Sekret schlüpfrig zu halten, entspricht gleichfalls die An-
häufung beider Drüsenarten in der Zwi-
schenklauenhaut der Artiodactyla. Diese
führt bei einzelnen: Schaf, Gemse an
allen Gliedmaßen; bei Reh, Cervus axis,
tarandus. alces, dama, bei Cervulus und
Tetracerus nur an den hinteren, zu einer
Einstülpung der Zwischenklauenhaut, in
deren Bereich die Drüsen besonders stark
entwickelt sind und ein retortenförmiges
„K 1 a u e n s ä c k c h e n'\ ..K 1 a u e n d r ü s e"
entwickeln [Temi)el|. Ihr Sekret bedeckt
die Extremitätenden mit fettigem Ueber-
zug und schützt sie dadurch. Dunkel bleibt
aber, warum diese Einrichtung anderen
wie Edelhirsch, Rind ganz abgeht. Neu-
weltliche Hirsche haben eine sog. ..Bürste",
d. h. ein Drüsenfeld mit aufgerichteten
Haaren und tul)ul()sen Drüsen, an der
Innenseite des Tarsus. Eine Bürste an
der Außenseite des Metatarsus, oberhall:)
dessen Mitte, kann l)ei i)lesiometacarpalen
Hirschen auftreten, fernei- bei Cervus alces.
capreolus und Hydropotes unter den tele-
metacarpalen. Die neuweltlichen telemetacarpalen Hirsche haben die meta-
tarsale Bürste unterhalb der Mitte des Metatarsus. Sonst haben die Ex-
tremitäten nur selten eigene Drüsen: so Saccopteryx eine weite Drüsen-
tasche im proximalen Teil der Flughaut; bei Ilapalemur und Lemur der
Fig. 24. Medianschnitt durch
den linlvcn Vorderfuß vom Schaf.
Ä'Klauensiiokchen, il/ dessen Mün-
dung- am Vorderrande der Zwischen-
klauonhaut; nach Tempel.
80 I. Haut und Hautocbilde.
Unterarm ein ovales Feld dorniger Hornexkreszenzen mit Ausniündung
tubulöser Drüsen. Den Sohlenballen gewissermaßen sich anschließend
treten sie bei Galago garnetti am Unterschenkel auf |Beddardj.
Die ..Cruraldrüse*' der Monotremen soll bei diesen nähere Er-
wähnung finden; die für viele Antilopen charakteristischen „Inguinal-
taschen"' unten beim Mammarapparat.
Ein Drüsenapparat der Haut ist so spezifisch für Säugetiere, daß
sie daher ihren Namen entlehnen: der 3Iaiiimara|)parat, der bei viviparen
Formen Milch liefert und damit der 3Iilcli(lriise, Mamma, ihren Namen
gab. Zu ihrem Verständnis haben wir von den niedersten Formen aus-
zugehen und uns zunächst zu vergegenwärtigen, daß die Mammardrüsen
A
™;^
Fig. 25. Echidna histrix. A Bauchseite eines Weibchen mit Brutbeutel, aus
dessen Seitenfalten bei | ein Haarbüschel hervorragt, von dem das Sekret abtropft.
B Rückenseite der Bauchdecke desselben. C Kloake; B Beutel; J/ Nährdrüse. Nach
W. Haacke aus Wiedersheim.
der Monotremen tubulöse Drüsen sind, die unter den engeren Begriff modi-
fizierter Knäueldrüsen fallen [Oegenbaur, Eggeling|. Hält man im Auge,
daß die herrschende Anschauung die Milchdrüsen der übrigen Säuger
den acinösen Drüsen unterordnet, so erhebt sich eine Schwierigkeit gegen
einen monophyletischen Ursprung der IMammardrüsen der Säuger. Weitere
Untersuchung ist hier erforderlich. Wir lernten aber bereits Uebergänge
zwischen den beiden Drüsenformen kennen. Sie werden angebahnt durch
sich verzweigende tubulöse Drüsen, und gerade diese haben Neigung, ab-
weichende Sekrete zu liefern: seröse z. B. im P'lotzmaul (Muffel) der Rinder,
schleimige bei Hii)popotamus, endlich gar Globulin- und Albuminhaltige
bei Cephalophus und Grimmia. Scheiden wir ferner mit Eggeling die
Hautdrüsen in solche, deren Sekretbildung durch vitalen Prozeß, durch
Chemismus der Drüsenzelle ohne deren direkten Untergang statt hat
Manimardrüsen. 31
lind (leren Lumen stationär kanalisiert ist, von anderen, deren Sekret
durch Untergan,^- der Drüsenzelle nekrobiotisch geschieht und die nur
teini)orär kanalisiert sind, so fallen die Knäuel- und echten Milchdrüsen
unter erstere Kategorie.
Kann bezüglich der Gleichwertigkeit der Mammard rüse der Mono-
tremen, deren Sekret uns noch unbekannt ist, und der Milchdrüse der
vivil»aren Säuger, die stets ..Milch"' liefert, Zweifel bestehen, solcher
Zweifel besteht, seit den Darlegungen von Gegenbaur und Klaatsch, nicht
bezüglich des genetischen Zusammenhanges der Nebenapparate dei'selbcn.
Bei den Monotremen bilden die Mammardrüsen in ihrer Gesamtheit
jederseits einen platten, ovalen Körper, der bei Ornithorhynchus mit
dünnerem, plattem Stiel durch einen Schlitz in der geschlossenen Haut-
muskulatur zu einem ovalen ..Drüsen fei de" tritt, um hier nicht vermittels
eine)' Zitze, sondern durch zahlreiche Oeffnungen auszumünden. Haare
fehlen demselben nicht, auch unterliegt ihm eine Lage glatter Muskeln,
die vielleicht eine Rolle spielt bei temporärer Zitzenbildung. Wichtige
Abweichung hiervon zeigt Echidna, die wir mit G. Rüge für primitivere
Einrichtungen halten, insofern als sie bei Ornithorhynchus infolge des
Wasserlebens, das eine BrutpHege des Eies und Jungen verbietet, ver-
loren gingen. Bei Echidna senkt sich das Drüsenfeld periodisch mit
erhöhter Tätigkeit unter das Niveau der umgebenden Haut ein zu einer
Mammartasche. Damit ist dem Sekret Gelegenheit geboten, in einer
sackförmigen Vertiefung des Integumentes, die von einem Cutis wall
umgeben wird, sich anzusammeln zur Ernährung des Jungen. Letzteres
liegt nicht, wie man früher meinte, in einer der Mammartaschen, sondern
in einem von Haacke entdeckten, zur Zeit der Brutperiode auftretenden,
geräumigen Brutbeutel, Marsupium, und zwar in dessen tiefem Hinter-
ende, während in seinem seichteren Vorderende die Mammartaschen aus-
münden. In den Brutbeutel wird das Ei aufgenommen und unter hoher
Temperatur, die nach Lendenfeld bis auf 35^ C steigen kann, ausgebrütet
und das Junge weiter ausgetragen, wie wir durch Haacke, Caldwell und
Semon wissen.
Außer von glattei- ]\Iuskulatur, die mit der des Drüsenfeldes zu-
sammenzuhängen scheint, wird der Beutel von einem Sphincter mar-
supii umfaßt, indem Fasern des Panniculus carnosus, bogig auseinander-
weichend ein Marsupialfeld [Rüge] freilassen und hinter diesem sich aber-
mals überkreuzen und darauf als Sphincter cloacae die Kloake umgreifen.
Vom Beutel wies Semon nach, daß er bereits bei kleinen Beutel-
jungen auftritt, dann aber verstreicht, um bei der ersten Trächtigkeit
wieder zu erscheinen. Nach deren Ablauf schwindet er abermals bis zur
nächsten Trächtigkeit u. s. w. An dieser Periodicität, die er mit den
Mammardrüsen und der Ovulation teilt, beteiligt sich nach Rüge nicht
der Sphincter, der auch beim Männchen der Hauptsache nach sich erhält.
So lange man das Marsupium von Echidna nicht kannte und der
Vorstellung Owens huldigte, daß das Junge in der Mammartasche verweile,
konnte man mit (iegenl)aur und Klaatsch annehmen, daß bei Beuteltieren
die Mammartasche diese Funktion von Brutorgan verloren habe und daß
kom])ensatoriscli dafür der Beutel eingetreten sei. Dies ist nicht mehr
haltbar, wohl aber die phylogenetische Herleitung der prominenten Zitze
aller viviparen Säuger, die Gegenbaur inaugurierte und Klaatsch weiter
ausbildete. Hiernach erhebt sich das Drüsenfeld, wie wir es von Echidna
I. Haut und Hautsrebilde.
Fig. 26. Schemata zur phylogenetischen Entwielcclung der Zitzen: a Primitiver
Zustand entsprechend den Verhältnissen bei Echidna; b Halinaturus vor der Laktation;
c Dideli)hys vor, d zur Zeit der Laktation; letzteres Schema gilt auch für den Menschen
und die Maus, e embryonales, f erwachsenes Rind. / CUitisuall; 2 Drüsenfeld, die
unterbrochene Linie stellt die Mammartasche dar; 3 Milchgänge.
f i'^*^ 1. ,
Fig. 27. Primitivzitze eines 1(3 cm langen weiblichen llindei'fötus in senkrechtem
Durchschnitt x 100. hp Pfropf verhornter Epidermiszellen in der Achse der Zitzen-
anlage; cw Cutiswall , der die Mammartasche umgibt; az Areolarzone ; ^-^ Blutgefäß;
sp Epithelsprosse, die sich vom Grunde der Mammartasche in die Tiefe fortsetzt. Nach
Profe aus O. Hertwigs Handb. d. vergl. Entwickelungsgesch.
Milchdrüsen. ;];]
kennen, vom Boden der Mammartasche zur Kui)i)e der ])apillenartig voi--
ra.Q'enden Zitze, auf der demnach die Drüsengänge ausmünden. Diese
Zitze ist also eine umgestülpte Mammartasche. Sie hat den Cutiswall, der
letztere umgab, in ihre Oberfläche aufgenommen und baut sich aus dem
Areolargewebe, das die Drüse umgal), auf. Solche sekundäre oder wahre
Zitze kann sich bei Beuteltieren ganz allmählich erheben aus der Mammar-
tasche. um erst unter Zutun des saugenden Jungen ihre volle Ausstülpung
und ihren vollen Umfang als Saugwarze zu erlangen. Unter Monodel])hia
zeigen Manis, Muriden Aehnliches. meist aber tritt — allerdings unter
ontogenetischer Rekapitulation des Herganges — die definitive Form selb-
ständig in die Erscheinung, nur tritt Größenzunahme während der Lak-
tation auf (Fig. 20).
Im Gegensatz zu diesen wahren Zitzen, die in verschiedenen
^'arianten auftreten, sollte bei dii)lartliren Ungulaten ein anderer Zitzen-
typus sich finden. Hier sollte der Cutiswall zu einer primären, falschen
Zitze auswachsen. Die
Mammartasche blieb somit ...'äX.,C-, :-^;->-.^.
in vollem Umfange l)e-
stehen. wandelte sich aber
zum Zitzenkanal (Strich-
kanal) um, an dessen Boden
dann eben das Drüsenfeld
lag, auf dem die Drüsen-
gänge (Milchgänge) in ge-
wohnter Weise mündeten.
Neuere Untersuchungen
bestätigen diese Auffassung
nicht. Sie zeigen nur Fig. Jö. Milchpunkt eines 15 mm langen
[Profe], daß die Älammar- Schweinstötus auf senkrechtem Durchschnitt X IMO;
tasche in divergenter Weise "'. beginnende Areolarzone Nach Profe aus 0. Hert-
T-, 1 1 .
•
J.-1 ^ o- T wigs Handb. d. vers;!. Lntwicklunffsgesch.
Reduktion erfahrt. Sie he- ° ^ "^
fert beim Schwein noch ein kurzes Mündungsstück für die Milchgänge:
beim Rinde erhalten sich Reste von ihr auf der Zitzenkuppe, während liei
Primaten, als anderes Extrem, eine vollständig umgestülpte Mammartasche
vorliegt, deren Wand damit Zitzenoberfläche wird.
Ueber die erste Anlage der Milchdrüsen der Monodelphia wissen
wir durch 0. Schnitze und Andere, daß sie als Streifen hohen Epithels in
der seitlichen Rumpfwand auftritt. Dieser Milch streifen entwickelt sich
zu einer zarten Epidermisleiste von der vorderen Extremitätenanlage über
die hintere hinaus bis in die Inguinalgegend. In dieser Milchleiste er-
heben sich als epidermoidale Verdickungen, die Milch hü gel, die sich weiter-
hin abflachen, als sogen. Milchpunkte (Fig. 2.S) in die Lederhaut ein-
wachsen und den Mammartaschen entsprechen, die dann weiterhin in oben
angedeuteter AVeise an der Zitzenbildung sich beteiligen, andererseits die
Drüsen hervorsprossen lassen. Deren Anlage ist damit als eine kon-
tinuierliche erwiesen.
Auf dem Boden der Milchleiste entstehen die zahlreichen Mammar-
organe, wie wir sie von i)rimitiveren Monodelphia kennen, entsprechend dei'
großen Zahl der Jungen (Centetes, Sus z. B.). Die Milchleiste erklärt
auch, wie partielle Reduktion zu verschiedener Lage der Mammarorgane
führen kann. Häufig hat sie am A'orderende statt, woraus abdominale und
Wob er, Säugetiere. «J
34 I. Haut und Hantgcbilde.
inguinale Lage der Milchdrüse resultiert (Carnivora, Insectivora, ßodentia),
endlich inguinale Lage allein (Perissodactyla, Cetacea, Artiodactyla). Um-
gekehrt können sich nur die pektoralen Drüsen erhalten (Simiae, Prosimiae,
Chiroptera, Sirenia, Elephas, Xenarthra). Auch kann Ausfall in der Mitte
statthaben; ferner Verschmelzung von zwei ]Mammartaschen zu einer detini-
tiven Zitze beim Pferd [Gegenbau]-, Hamburger] oder \'erschiebung nach
der Achselhöhle (Manis, Galeopithecus, manche Chiroptera und Rodentia),
auf den Schenkel (Cai)romys), nach dem Rücken zu (^lyopotamus). auf den
Steiß (Solenodou). Näheres gibt unser systematischer Teil an; auch bezüglich
besonderer Einrichtungen z. B. bei Cetaceen und Marsui)ialia. Hier ge-
nügt daher der Hinweis, daß die verschiedene Lagerung vielfach in \'er-
bindung stehen wird mit der Lebensweise (im Wasser, Klettertiere, Flug-
tiere etc.) und den Bedürfnissen des Jungen. Die Zahl der Zitzen schwankt
bei Monodel])hia zwischen 22 (Centetes) und 2.
Bezüglich der Marsupialia sei nur der Tatsache gedacht, daß ihre
Zitzen in einem Beutel, Marsupium. wenigstens zwischen Beutelfalten
liegen; daß sich dementsprechend ein Sphincter marsupii vorfindet, der
sich von der Hautmuskulatur her-
leitet, und weiter ein ]\Iuskelai)i)arat,
der zur Aufgabe hat, die Milch-
drüse zwischen sich und die Bauch-
muskeln fassend, auf erstere einen
Druck auszuüben, um dem Jungen
die Milch einzuspritzen. Dieser
Compressor mammae ist das
Homologon des Musculus cremaster
beim Männchen (s. bei Geschlechts-
organen), was daraus hervoi-geht,
daß er sich vom "^L transversus
alidominis abzweigt, durch den In-
guinalkanal tritt, um sich auf der
Drüse auszubreiten.
Der Nachweis G. Ruge"s. daß
bei Echidna der mediane Beutel
unabhängig entsteht von den ]\Iam-
martaschen, ist von hervori'agender
Bedeutung im Hinblick auf die
Entstehung des Beutels bei Marsu-
pialia. Derselbe entsteht somit
nicht aus den Mammartaschen.
sondern dokumentiert sich als eine
ältere Einrichtung, die bereits bei
Echidna auftritt, bei Ornithorh}ii-
chus verloren ging, bei Marsu-
pialia aljer sich erhielt und weiter
ausbildete, je nach der Lebensweise. Dieser Beutel, der bald kopfwärts,
bald ventralwärts, seltener nach hinten sich öffnet, erscheint bei Männchen
höchstens in zweifelhaften Resten, ebenso wie ihnen Zitzen abgehen. Reste
von ihm bewahrten auch hier und da die Monodelphia noch. Letztere
beweisen damit aber nicht, daß sie ein Marsupialia-Stadium in ihrer \ov-
Fig. 29. Beutel von Thylacinus nach
Entfernung der Haut. C Compressor mam-
mae (^ Cremaster des (J) überkreuzt durcli
Blutgefäße und den Nervus genito-cruralis ;
/ Lvmphdiüsen; s Sphincter marsupii;
c Zitzen. Nach Cunnineham.
Marsiipiiim und Inguiiialdrüsen. 35
fahreiireihe durchliefen, seitdem
wir wissen, daß bereits bei pri-
mitiveren Formen als die Marsu-
pialia sind, ein Marsupium vor-
kommt.
\'on solchen, als Beiitel-
reste zu deutenden Befunden
seien nur einzelne angedeutet.
^'ielleicht am häufigsten lebt
der Beutelai)parat noch fort im
Sphincter marsupii. Das frühe
Auftreten dieses Schliel^muskels
in beiden Geschlechtern von
Echidna wiesRuge nach ; anderer-
seits kann bereits bei Marsu-
pialia der Beutel schwinden,
während der Sphincter sich er-
hält (Myrmecobius nach Leche).
Er tritt auch noch liei Carnivora
und Artiodactyla auf und ist
bekannt als Muse, protractor
praei)utii. Gerade diese neue
Beziehung zur Vorhaut erhielt
ihn als selbständige Portion des
Muse, subcutaneus alKlominis.
Bei Artiodactyla erscheint er
als plattes, der Rectusscheide
aufliegendes Muskelband, das
der Art im Bogen schwanzwärts
zieht, dal?) die Nabelgegend in
Fig. 30. Bauchfläche von Gazella dorcas,
^[4 nat. Gr. Teilweise enthäutet dargestellt, so
daß der rechte Muse, obliquus abdotninis externus
und der Sphincter marsupii (M. protractor prae-
putii) sph sichtbar wird. Letzterer umgreift das
Marsupialfeld m vor dem Penis P. Z Zitzen; S
Scrotum; / Inguinaltasche.
)fmm
I.
Fig. 31. Inguinalgegend von Tragelaphus grattis. /. Weibchen, //. Männchen,
ungefähr \'., n. Gr. Z Zitzen; T Scrotum"; / Inguinaltasche.
3=,
30 I- Haut und Hautgcbildc.
ein miiskelfreies Oval zu liegen kommt. Er endet jederseits am Praeputiiim.
Das muskelfreie Oval entspricht dem Marsupialfeld von Echidna Rut>e's, in
welchem ja gleichfalls der Nabel liegt. Hier vervollständigt der Muskel
nach hinten die Achtertour, indem er als Sphincter cloacae die Kloake
umgreift. Auch diese Partie erscheint noch bei Artiodactyla als Muse, re-
tractor praeputii. Vom weiblichen Rinde ist der fragliche Sphincter mar-
supii als Tsabelhautmuskel bekannt. In diese Rubrik gehört auch wohl
der Hautmuskelstreifen, der bei Nandinia die \'ulva umgreift und über
die Milchdrüsen nach vorn zieht, ein muskelfreies Feld umfassend [CarlssonJ.
Rei anderen weiblichen Carnivora kann vor dem Sphincter cloacae subcu-
taneus sogar ein deutlicher Sphincter liegen [Eggeling]. Auch als Integu-
mentaifalten können sich Beutelreste erhalten, so bei Nycticebus [G. Ruge|.
Keinen I5eifall kann man der Anschauung schenken, daß die sog.
Inguinaltaschen vieler Antilopen und die Ilauttasche in der Leisten-
gegend des Schafes in den Kreis dieser Gebilde fallen. Nach dem
einen sollte es sich um rudimentäre Beuteltaschen handeln [Malkmus] oder
wenigstens um in Rückbildung begriffene Marsupialreste [Profe], nach dem
anderen [Klaatsch] um Mammartaschen. Letztere Ansicht ist jedenfalls
unhaltbar. Es handelt sich um taschenförrnige Ausstülpungen, die beim
Männchen stärker entwickelt sind als beim Weibchen, reichlicher ein fettiges
Sekret durch tulnilöse und acinöse Drüsen abscheiden, in der Regel nach
aulkn sehen, auswärts liegen vom Muse, cremaster (dem Homologen des
Muse, compressor mammae der Marsupialia, der liei diesen auswärts liegt
von den Mammartaschen!) und unabhängig sind von der Zahl der Zitzen.
Mit Schwalbe halte ich diese Bildung für Faltung der Haut der Leisten-
beuge in Verbindung mit lokaler Drüsenanhäufung. Ich möchte sie unter
die „Schmiergruben" rechnen, wie sie an Kontaktflächen der Haut mehr-
fach auftreten und ihre l)esondere Ent Wickelung in \^erbindung bringen
mit dem geselligen und dem Geschlechtsleben der Artiodactyla. das ja der
Ausbildung so vieler Hautdrüsen bei diesen Tieren zu Grunde liegt, wie
oben dargelegt wurde.
Oben kamen bereits der Musculus compressor mammae. der Sphincter
marsui)ii et cloacae und verwandte quergestreifte Äluskeln zur Sprache.
Sie werden der Haiitinuskulatur zugezählt, die, wenn auch nur in kur-
sorischer Weise, jetzt Erwähnung heischt. Wir folgen hierbei den klassischen
Untersuchungen G. Ruge's.
Diese legen dar, daß die quergestreifte Hautmuskulatur ein Besitztum der
Säuger ist. Es handelt sich um sulikutan gelagerte Muskeln, die in festerer oder
loserer Verbindung mit dem Integnment oder Abkömmlingen desselben treten.
Nur diese Verl)indung gibt uns Recht, von Hautmuskeln zu sprechen;
denn sie leiten sich von echten Skeletmuskeln her, die A'erbindung mit
dem Integnment erlangten und teilweise ihre Beziehungen zum Skelet
verloren. Sie erscheinen, da von niederen Formen nichts hierher Gehöriges
l)ekannt ist, als ein Erwerl) der Säuger, der vielleicht korrelativ mit dem
Haarkleid sich entwickelte.
In größter ^Vollständigkeit erscheint nach Rüge der Musculus sub-
cutaneus bei Monotremen und zwar in einem dem Kopf, Hals und der
vorderen Extremität angehörigen Gelnet, das vom Nervus facialis innerviert
wird und in einem ül)er Rumpf und hintere Extremität verbreiteten Gebiet,
das unter Herrschaft der Nervi thoracici anteriores steht und von den
Musculi pectorales sich ableitet.
Haiitmiiskulatur. 37
Sphincter
colli
(ifj Peclo ra lis-
zebiet
Der Riimpfteil trat, wie oben angedeutet, in Dienst der Kloaken-
Öffnung. Wo Difterenziation diese aufhob und an ihi-er Statt gesonderte
Anal- und Urogenitalöffnung hervorrief, erfuhr der Sphincter cloacae dement-
sprecliende Differenzierung, die beim Geschlechtsapparat zur Sprache kommt.
Weiter trat er, wie wir oben sahen, in Beziehung zum jMammarapparat
und erlangte hier als Sphincter marsupii und dessen Derivate Selbständigkeit.
Im übrigen erhielt sich der Musculus subcutaneus als Muskel des Inte-
guments zur Bewegung der Haut, zur Aufrichtung der Haare oder Stacheln,
namentlich bei tiefer stehen-
den Säugern, in ausge-
dehntem Maße jedoch in
verschiedener Anordnung
mit lokaler Entfaltung oder
Reduktion, je nach Bedürf-
nis. Bei den Pi'imaten ging
er zurück. Bei ihnen er-
fuhr aber der vom Nerv,
facialis innervierte subku-
tane Muskel hohe Difteren-
ziation. Dieser als Platysma
myoides bekannte Haut-
muskel erstreckt sich von
den Monotremen ab über
Kopf und Hals und kann
sich bis auf die Brust und
die Vorderextremität aus-
dehnen. Er liefert die Mus-
keln des Ohres, der Lippen,
der Nasenflügel, der Ivopf-
haut und wird durch weit-
gehende Differenzierung
bei den Primaten und
namentlich beim Menschen
zum mimischen Muskel.
Gemeinhin wird die ge-
samte quergestreifte Haut-
muskulatur als Panniculus
carnosus zusammengefaßt. Die verschiedene Genese der subkutanen Ivopf-
und Halsmuskulatur einerseits sowie der Rumpfmuskulatur andererseits ver-
bietet dies aber.
Unaljhängig von dieser subkutanen Hautmuskulatur erscheinen in
der Lederhaut gelegene Bündel glatter Muskelzellen, die als Arrec-
tores i)ili von der Lederhaut zum tiefer gelegenen Ende des geneigten
Haarfollikels ziehen und diesen steiler aufrichten.
sphincter
niarsjtpü
Ä- Glandula
niammaria
Marstiphiin
'fi 'Sphincter
cloacae
-Kloake
Fig. 32. Ventralansicht einer männlichen Echidna
nach Bloßlegung der Hautrauskulatur; nach G. Rüge.
II. Skelet.
I. Allgemeines.
Lieber den feineren Bau und die Entstehung der Skeletteile geben
die Lehrbücher der Histologie Aufschhiß. Hier genügt hervorzuhelien,
welche Punkte diesbezüglich für die Säugetiere unterscheidend sind gegen-
38 II- Skelet.
Über den übrigen A'ertebraten. Dies kann alier nur andeutungsweise
geschehen, da die Osteogenese der letzteren bisher nur stiefmütterlich l)e-
handelt wurde im Gegensatz zu der der Säugetieren.
Bekanntlich besteht ein Unterschied in der Genese der Knochen.
Es gibt solche, die in dem Integument entstehen, sog. Hautknochen, und sich
in die Tiefe senken auf knorpelige Teile des inneren Skelets: Deck- oder
Belegknochen, und damit an dessen Aufbau teilnehmen. Die Mehrzahl der
Skeletteile entsteht aber durch Verknöcherung knorjjehg präformierter
Teile. Solchergestalt entstandene Knochen werden primäre (primordiale),
erstere sekundäre Knochen genannt; insofern unrichtig, als die integu-
mentale Knochenbildung die primitivere ist. Von ihr leitet sich die Yqy-
knöcherung der knorpelig vorgebildeten Skeletteile al). Mit mehr Recht
kann man diese Skeletteile aber insofern als die primären betrachten, als
ein knorpeliges Skelet der erste Zustand war und dessen Verkncicherung
durch Einwanderung integumentaler Formelemente (S k 1 e r o b 1 a s te n Klaatsch)
statthatte, die das A'ermögen der Knochenlüldung, das dem Integumentgewebe
anfänglich allein angehörte, dem sulnntegumental gelegenen Knorpelskelet
mitteilten. Der genetische Unterschied der Knochen ist bei niederen Wir-
beltieren bleibend deutlich. Bei den Säugetieren tritt er sehr zurück.
Zunächst verliert sich gegenüber den Ichthjopsida und Reptilien, überhauitt
die Fähigkeit des Integumentes , Knochengewebe zu bilden (vergl. Haut).
Ferner kommen in der Haut entstehende Verknöcherungen, die in die Tiefe
rücken, um am Skelet Verwendung zu finden, nicht mehr vor. Durch
Abkürzung der Ontogenese treten nur noch frühzeitig Formelemente aus
der Haut (Ektoderm) in die Tiefe, um Material zu liefern für die Knochen-
bildung. Die hieraus entstandenen Knochenanlagen können aber alsbald
verschmelzen mit Verknöcherungen knorpelig angelegter Skeletteile, wo-
durch die Unterscheidung erschwert wird und Knochenkomplexe gemischten
Ursprungs entstehen können, von denen beim Schädel Näheres mitzuteilen ist.
In solchen Fällen spricht man von Konnaszenz. Handelt es sich
um eine leicht nachweisliche Verschmelzung zweier fertiger Knochenstücke,
so nennt man dies wohl Koaleszenz.
Aus der Osteogenese verdient weiter angedeutet zu werden, in welcher
Art das Kanalsjstem entsteht, das die Blutgefäfle der Knochen beherljergt.
Bei kleinen Säugern l)escheiden entwickelt, wird es bei großen mit Zu-
nahme der Dicke der Knochen bedeutendei-. Auch bei anderen Verte-
braten kann es vorkommen, aber anders strukturiert. Dies zeigen nament-
lich die langen Extremitätenknochen. Besonders für Säugetiere ist an
diesen der Unterschied wichtig zwischen dem Mittelstück: Diaphyse und
den beiden Endstücken: Epiphysen. Anfänglich bestehen dieselben aus
Knorpel und sind somit von einem bindegewebigen Perichondrium um-
hüllt. Die ursprünglich aus dem Integument in dasselbe eingewanderten,
knochenbildenden Osteoblasten scheiden eine erste Knochenlamelle ab,
welche den Diaphysenknorpel umscheidet. Das Perichondrium erhält jetzt
den Namen Periost und setzt die A])sclieidung solcher konzentrisch ge-
schichteter Knochenlamellen fort. Bei kleinsten Säugetieren kann es bei
dieser Bildung komi)akter Knochensubstanz bleiben, bei größeren folgt auf
diesen anfänglichen Prozeß alsbald ein anderer, wobei die Knochensubstanz
in Balken und Blättern, die ein Maschenwerk bilden, sich absetzt. Der
Raum der Maschen ist mit Bindegewebe gefüllt. Diese ,.Räume von
Havers" werden bei zunehmender Ossilikation verengert, bis nur noch
]. Allgrcmeines. 39
^Kroift
Kanäle übrigbleiben mit Blutgefäße führendem Bindegewebe: die Kanäle
von Havers. Sie werden dann gleichfalls von geschichteter kompakter
Knochensubstanz umgeben, deren lamelläre Struktur den Haversschen
Kanälen der Sauropsiden und Amphibien, insoweit solche noch vorkommen,
abgeht. Solchergestalt hat Dickenzunahme der Knochensubstanz der Dia-
phjse statt. Charakteristischer ist, was mit den Epiphysen geschieht. Auf
sie erstrecken sich nicht die ])eriostalen Knochenlamellen der Diaphyse.
Sie Ijleiben anfänglich unverknöchert, und da ihr Knorpelgewebe wächst,
sorgen sie für das Längenwachstum des Skeletteils. Ihre endliche Ossi-
fikation geht bei den Säugetieren auch nicht von der Diaphyse aus, sondern
von einem oder mehreren Ossittkationspunkten in der Epiphyse. Diese
sogenannte enchondrale Ossifikation setzt allmählich an Stelle des Knorpels
(durch Neoplasie) Knochengewebe ab; so aber, daß zeitlebens eine Knorpel-
lage als Ueberzug der GelenkÜäche der Epiphyse gespart bleibt ( Gelenk-
knorpel i. Auch bleibt, solange der Knochen wächst, eine Scheibe zwischen Epi-
und Diaphyse unverknöchert. Eben dieser Epiphysenknorpel macht Längen-
wachstum möglich, das erst nach seiner schließlichen Verknöcherung endigt.
Die genannte enchondrale Ver-
knöcherung hat gleichfalls statt im Knorpel
der Diaphyse. somit unter deren perio-
stalen Knochenlamellen. Hierdurch ent-
steht die spongiöse Knochensubstanz.
Sie füllt mit ihren einigermaßen schwam-
mig angeordneten Bälkchen das Innere
der Knochen und enthält in ihren Räu-
men rotes oder gelbes Knochenmark.
Ueberwiegt die Länge eines Extremi-
tätenknochen seine Dicke bedeutend, so
fließen bei großen Säugetieren die
markhaltigen Räume zu einem zentralen
Räume zusammen, der mit Mai'k gefüllt,
am getrockneten Knochen als Höhle er-
scheint, und den Knochen zu einem
Röhrenknochen stempelt. Ihn zeichnet
die dicke Lage der kompakten Knochen-
substanz aus, die ihm Strel)festigkeit vei'-
leiht bei der statischen Belastung durch
das Körpergewicht und Bruchfestigkeit
bei seiner Funktion als Hebelarm. Daß
der Bau des Knochens seiner Funktion
entspricht, äußert sich aber weit deut-
licher in der Architektur der Balken
der Si)ongiosa, die man eine mechanische pat'ta Zugbälkchen aus, die Achse unter
nennen kann, da sie mechanischen Mo- 'Vorschneidend. Sie kreuzen sich unter
menten ihre Entstehung verdankt. Die-
selben bilden kein regelloses Balkenwerk,
sie zeigen vielmehr eine gesetzmäßige
Anordnung, die den Druck- und Zug-
kurven iTrajektorien) entspricht, die nach Culmanns Gesetz in belasteten
Hel)elarmen, entsprechend der Richtung des größten Druckes und Zuges
sich konstruieren lassen. Nach diesem Gesetz entstehen z. B. in einem
Fig. 33. Verlauf der Bpongiosabälkchen
im proximalen Ende des Femur vom
Hund. B C Achse des Femur, A J/
des Schenkelhalses. A M C Sehenkel-
halswinkel. Bei c gehen von der Com-
90" (bei d) mit den Druckbälkchcn, die
aus d entspringen und bei / fast gerade
nach a aufsteigen. E Epiphyse. Nach
R. Schmidt.
40 II- Skelet.
liorizontal befestigten Stabe, der am freien Ende belastet wird, Znglmien
an der gedehnten Seite ; ziehen ihr anfänglich parallel , krenzen darauf
die neutrale Achse, in welcher Zug und Druck gleich Null ist. unter
einem Winkel von 45 o und erreichen die entgegengesetzte Seite unter
einem Winkel von i)0'^\ Die Drucklinien an der zusammengedrückten Seite
verlaufen gerade entgegengesetzt. Da die Lage des Knochens im Körper
eine gegebene ist und seine Funktion derselben entspricht, ist auch die
mechanische Anfordei'ung. die an ihn gestellt wird, eine gleichbleil)endc.
Dieser Anforderung haben sich die Knochenbälkchen funktionell angepaßt,
indem sie sich anordneten in der Richtung des größten Druckes und Zuges.
Solche größere Festigkeit der Knochen hätte auch erreicht werden können
durch ausschließlichen Aufbau aus komjjakter Substanz, was aber monströs
schwere Knochen geliefert hätte. Nur dort, wo die mechanische Beanspi'u-
chung an den Knochen am größten ist und die Architektur der Si)ongiosa
ihr nicht mehr Genüge leistet, hat Zunahme der kompakten Substanz statt.
Diese Darlegung hat aber vorläufig nur (niltigkeit für recente
Säuger. Ohne daß bisher weiter hierauf geachtet wurde, sind jetzt
schon Andeutungen da, daß die Röhrenknochen, die heute eine Markhöhle
haben, bei den Vorfahren von gleichem, sell)st schwerem Gewicht, ganz
mit Spongiosa angefüllt waren, und daß diesen wieder massive Knochen
voi'abgingen (vergl. R. Schmidt ISO!)). Somit wäre phylogenetischer Fort-
schritt zu verzeichnen, der in der Architektur der Si)ongiosa gipfelt. Die
kompakten Knochen der Elefanten sind daher wohl als ein primitiver Zu-
stand aufzufassen.
Diese Architektur, die durch Funktion entstand, wird vererbt und
tritt in die Erscheinung, bevor der Knochen sie fordert, insofern sie in
Haui)tzügen bereits intrauterin auftritt. Auch Skeletteile, die in erster Linie
nur dem Zuge von Muskeln und Ligamenten ausgesetzt sind, wie die Arm-
knochen des Menschen, der Unterkiefer zeigen sie. Auffallend ist, daß sie
auch auftritt in den Knochenzapfen der Hörner der Wiederkäuer [Lönn-
l)erg|, die weder durch Muskelfunktion beeinflußt werden noch durch Be-
lastung, abgesehen vom eigenen Gewicht. Da ihre Funktion (Stoß) zum
Angriff oder zur Verteidigung nur selten und dann nur momentaner Art
ist. kann die „trophische Wirkung des funktionellen Reizes" [Roux] die
xVrchitektui- der Spongiosa kaum beeinflussen. Wenn diese dennoch, den
mechanischen Anfordei'ungen gemäß, die im erwachsenen Zustande plötzlich
an sie gestellt werden, sich entwickelte, so müssen hier andere Ursachen
voi'liegen, die nicht unmittell)ar im Gebrauche zu suchen sind.
Li Röhrenknochen sahen wir eine geräumige marklialtige Höhle ent-
stehen durch Schwund der Spongiosa; unter ähnlichen Gesichtspunkt fällt
ein anderer Prozeß bei Schädelknochen. Ihre Spongiosa, die auch Dii)loe
genannt wird, kann namentlich im Frontale, Supramaxillare, Präsphenoid,
Ethmoid, Petrosum, dann auch im Parietale und Occipitale während des
Wachstums des Tieres allmählich schwinden, während die Rindenlage der
Knochen aus kom])akter Knochensubstanz auseinanderweicht. So entsteht
ein Hohlraum, in den die Schleimhaut eines benachbarten Schleimhauttraktus
(Nasenhöhle oder Trommelhöhle) hinemwächst. Sie bekleidet die Wände dieses
Hohlraums, dessen Pneumatisierung von ihr ausging (nasale resp. tympa-
nale Pneumatizität). Diese Sinus frontalis, ethmoidalis, maxillaris. Cellulae
mastoideae etc. kommunizieren demnach mit der Nasen- oder Trommelhöhle,
somit indirekt mit der Außenwelt und sind dementsprechend mit Luft gefüllt.
2. Schädel. 41
Sie ändern die Physiognomik des jugendlichen und erwachsenen Scliädels.
Wichtiger ist, daß solche Pneumatizität die Knochen umfangreich macht
ohne Gewichtszunahme. Dies ist sehr sinnfällig bei den Ptindern, deren
Hörner von den pneumatischen P'rontalia aus pneumatisiert werden,
ferner im parieto-occipitalen Schädelteil des Rhinoceros. Ihr Maximum
erreicht die Pneumatisierung der Diploe bei der Giraffe und namentlich
beim Elefanten. Bei diesem gewinnt hierdurch der Schädel Ursprungsfläche
für die Muskelmasse des Rüssels. Letzterer macht aber zusammen mit
den Stoßzähnen den Schädel sehr schwer. Durch Pneumatisierung des
Parietale und Occipitale wird derselbe andererseits so umfangreich, daß das
Nackenband und von der Wirbelsäule kommende Muskelmassen ausgedehnte
AnsatzHächen am Schädel finden. (V'ergl. übrigens beim Schädel.)
2. Schädel.
An das Vorderende der Wirbelsäule schließt sich der Schädel an,
der das Gehirn umfaßt, mit semem Vorderteil die knöcherne Basis des
Gesichts liefert und tiefgreifend beeinflußt wird durch das Gesichts-,
Geruchs- und Gehörorgan.
Die gebräuchliche Verteilung des Schädels in einen Gehirn- und
Gesichtsschädel entbehrt bei der innigen Verbindung dei- Knochen des
Schädels der Säugetiere der leichtersichtlichen Scheidung, die der Schädel
niederer Verteljraten in seinem kranialen und facialen Teil aufweist und
die sich auf genetische Verschiedenheiten gründet.
Jjcfi nrh
1^^
Fig. 34. Scheiiiatische Darstellung der Komponenten des Kopfes und Zungenbeins
mit Andeutung der Austrittsstellen der Kopfnerven I—XII. Die Deckknochen sind ge-
strichelt, die knorpelig prät'ormierten weiß gehalten. Dicke Umrandung zeigt die Skelet-
teile an, die dem Visceralskelet angehören. A Alispheuoid; B Basisphenoid ; BO Basi-
occipitale; E Ethmoid; EO Exoccipitale; F Frontale; / Intermaxillare; L Lacrymale;
M Maxillare; Md Mandibula; ^V Nasale; ^vr Nasoturbiuale; Orbitosphenoid ; /"Parie-
tale; P neben T Petrosum; PI Palatinum; PS Präsphenoid; Pt Pterygoid; ^ Squamo-
sum; .SO Supraoccipilale; 7" Tympanicum; F Vomer; Z Jugale. Zungenbein mit BH
Basihyale und dem vorderen Hörn, bestehend aus CH Hypohyale (Ceratohyale); ^j¥Cera-
tohyaie (Epihyale) ; SH Stylhyale, TH Tympanohyale und dem hinteren Hörn ThH
Thyrhyale; ocul. Auge.
42 ' II- Skelct.
Der kraniale Knochenkomplex, der die Kapsel für das Gehirn
liefert, läßt sich in drei Segmente zerlegen. Sie entsprechen den Wirl)eln
der (ioethe-Okenschen Schädeltheorie, gelten aber nnseren heutigen An-
schauungen nicht mehr als Zeichen einer Metamerie des Schädels. Wohl
haben sie aber noch stets deskriptiven Wert und erleichtern die Auffassung
des knöchernen Schädels.
An jedem dieser ringförmigen Segmente, dem occipitalen.
parietalen und frontalen, läßt sich ein basales (axiales), zwei latei-ale
und ein paariges oder uni)aares dorsales Stück unterscheiden. Bezüglich
ihrer Genese: ob als primäre Knochen, die knorpelig i)räformiert waren
oder als Deckknochen, die im Bindegewebe entstanden, gibt unsere schema-
tische Figur genügende Uebersicht.
Das hinterste oder occipitale Segment besteht axial aus dem Basi-
occiptale, aus den beiden gebogenen, lateralen Exoccipitalia (Occipitalia
iateralia) und dem doi'salen Schlußstück: Supraoccipitale (Occipitale
superius).
Zusammen umgeben sie mit ihrem Hinterrande das große Hintei'-
haui)tsloch: Foramen magnum. durch welches das verlängerte Mark
die Schädelhöhle verläßt.
Das Basioccipitale zusammen mit den Exoccipitalia bildet jederseits
einen Condylus occipitalis zur Aitikulation mit dem ersten Halswirbel
(Atlanto-occipitalgelenk). ]\lan bezeichnet daher die Mammalia auch wohl
als Dicondylia im Gegensatz zu den Sauropsida mit nur einem Condylus
(Monocondylia) und sah hierin einen i)rinzipiellen Gegensatz. Anderer-
seits wurde die Dikondylie als Uebereinstimmung mit den Ani])hibien heran-
gezogen. Zunächst sind aber die dem Schädel assimilierten ÄVirbel, welche
später die zwei Condyli der Amphibien entstehen lassen ungleich denen,
woraus der Condylus der Sauropsida und die Condyli der IMammalia sich
bilden. Weiter ist der Unterschied zwischen Reptilia und Mammalia be-
züglich des Hinterhauptscondylus nur ein gradueller. Bei ersteren ist der
Condylus in der Regel ein einheitlicher, der entweder nur aus dem Basi-
occipitale oder dreiteilig auch noch aus den Exoccipitalia sich aufbaut.
Bekommen letztere Komponenten die Oberhand, währeml der basioccipitale
Komponent zurücktritt, so ist, wie bei Cynognathus, die Dikondylie ge-
schaft'en. wie sie vielen Säugern zukommt. Weiterer Fortgang dieses Prozesses
(ob er historisch so geschah, ist fraglich) führt zu den ausschließlich ex-
occipitalen Condyli anderer Mammalia. Die Monokondylie ist somit durch
Uebergänge mit der Dikondylie verbunden, womit sie als absoluter Unter-
schied verfällt [Seeley, Osborn].
(ielien wir davon aus, daß bei Säugern ursprünglich auch das Basi-
occipitale an der Bildung der Condyli und der Gelenkung teilnahm, so
daß eigentlich ein halbkreisförmiger Condylus bestand, wie ihn E. Fischer
embryonal bei Talpa nachwies und wie ihn Echidna zeigt (Fig. 35, 3).
Es trat dann Reduktion unter zweierlei Einflüssen ein. die einander viel-
leicht l)edingten. Beide haben als Resultat, daß die basioccipitale Portion
des Condylus unbedeutender wurde (Fig. 35, 1) endlich schwand und ilamit
zu zwei entfernten Condyli führte (Fig. 35, 2). Diese Verlagerung auf
die Exoccipitalia machte aus den Condyli Teile eines größeren Kugel-
abschnittes und gab damit dem Kopfe größere Exkursionsmöglichkeit als
dem kleineren, wenn auch dreiteiligen Monocondylus der Sauropsida.
Hierin lag aber ein Fortschritt.
2. Schädel. 43
Als Vergütung für die beschränktere
Bewegung tritt bei Vögeln größere Beweglich-
keit der Halswirljelsäule ein. Demgegenüber
erwarben die Säuger das spezialisierte, in
seinem Ursprung noch nicht aufgeklärte Dreh-
gelenk zwischen Atlas und Epistropheus.
Die hierbei statthabende kaudale A'ei'schiebung
des Centrum des Atlas, der zum Processus
odontoideus des Epistrojjheus wird, trat nun
als zweiter Eintluß ein. Der basioccipitale
Teil des Condylus bezw. der Kondjlen verlor
mehr und mehr seine axiale Gelenkung, da
sich wohl erst allmählich das ventrale Schluß-
stück des Atlas ausbildete. Wir werden später
sehen, daß es noch manchen recenten Säugern
fehlt oder seine Ausbildung erst beginnt.
Nur beim Menschen liegt das Hinterhaupts-
loch ungefähr in der Ebene der Schädelbasis,
bei den übrigen Säugern bildet es mit der-
selben einen verschieden großen, nach hinten
offenen Winkel i). Hiermit ist einfach die Basis
des auf Hinterhaupt und Zähnen ruhenden
Schädels gemeint, nicht die Scliä(lell)asis-
achse Huxleys. Diese gibt genauere Maße
an die Hand: Sie läuft durch Basioccipi-
tale. Basi- und Präsphenoid (Fig. 3G<5). Mit
Fig. 35. Hinterhauptscoii-
dyli von der Basalfläche von
1. Hydrocherus \'j, 2. Meles
taxus \'i, 3. Echidna liystria -/j.
BO Basioccipitale; EO Exocei-
pitale.
Fig. 36. Längs-
schnitt durch den
Schädel von A Biber,
ß Pavian ; nach
Huxley modifiziert.
fo Fossa olfactoria;
fc Fossa cerebralis;
fcb Fossa cerebel-
laris; ad Siebbein-
ebene ; ab Schädel-
basisachse ; bc
Hinterhauptsebene.
1) Daß bei Chrysochloris und iMyogale, bereits weniger bei Talpa und Sorex,
das Hinterhauptsloch Imsalwärts sieht, mag mit dem ganz eigentümlichen Bau des
Hinterkopfes der ersteren in Verbindung stehen. Auch kanu, wie E. Fischer für Talpa
darlegt, die hierdurch erzielte Stellung des Kopfes in einem Winkel von 90" nützlich
sein für das Graben.
44 IF. Skclet.
Fig. 37.
Fig. 37 und 38. Schädel von Hydrochoerus capybara von unten und von der
Seite. A Ali^phenoid ; B Basisphenoid ; ßO Basioccipitale; C Condylus; ca Canalis ali-
sphenoideus; er Canalis caroticus; c/ Canalis infraorbitalis; £0 ExoccijMtale ; F Frontale;
Fif Fossa glenoidea; /z' Foramen incisivum; // Foranien lacerum anterius;/// Foramen
2. Schädel. 45
Fic 58.
lacerum posterius ; /^« Forameii maonnm; fo Forameii ovale; fs Foramen sphenoideum
;
fsm Foraraen stylo-mastoideum; / Interinaxillare; y Jiigale; Z Lacrvmale; M Supra-
maxillare; J/ Mastoideum ; A" Nasale; O Orbitosphenoid; OÖ Ohröffnung; op Foramen
opticum; P Petrosum; p Foranien palatinum; PI Palatinum; Pr Parietale; Ps Praesphe-
noid; Pt Pterygoid ; pm Processus mastoideus; /ö Processus orbitalis; pp Processus par-
occipitalis; S Squamosum; SO Supraoccipitale; r Tympanicum. 'V^.
46 II- Skelet.
ihr l)ildet die Ebene des Hinterhauptloches bald einen fast rechten Winkel,
wie bei vielen Sängern mit geringer Hirnentfaltung, bald wird dieser
Hinterhanptswinkel stumpfer und nähert sich Ijeim Menschen einem flachen.
Daraus folgt auch beim Menschen, daß die Halswirbelsäule mit der
Schädelbasis in der Mittellage einen rechten Winkel bildet. Die fast
gleiche Winkelstellung kann aber ausnahmsweise auch bei anderer Lage
der Ebene des Hinterhauptloches erreicht werden, wie die Chiroptera be-
weisen, wo starke Krümmung der Halswirbelsäule nach vorn diese, beim
Fluge wohl nützliche Stellung des Kopfes erzielt.
Nach aui.ien von dem Condylus trägt das Exoccipitale den Processus
paroccipitalis (paramastoideus oder jugularisj, der häutig fehlt oder rudi-
mentär ist, bei anderen, wie bei Nagern und vielen Unguiaten, ein sehr
langer Muskelfortsatz wird. Vor dem Condylus, gleichfalls im Exoccipitale,
liegt das Foramen condyloideum anterius für den Durchtritt des
Nervus hypoglossus. An seiner Statt kfmnen aber 2, selbst 3 Foramina
hypoglossi auftreten. Einzig bei Monotremen fließt es zusammen mit dem
Foramen jugulare. Auch im Basioccipitale kann in der Medianlinie ein
Loch auftreten (Phocidae, Pedetes, zuweilen bei Cetaceen).
Das zweite oder ])arietale Segment wird basal durch das Basi-
sphenoid gebildet. Hiermit verl»indet sich jederseits ein Alisphenoid
(Ala magna ossis sphenoitlei) und mit diesen, die ebenso wie das Basisphenoid
knorpelig präformierte Knochen sind, die paarigen Parietalia, die das Dach
bilden und bei den viviparen Säugetieren jederseits ursprünglich aus einem
medialen und lateralen Deckknochen entstehen. Das Basisphenoid wird
bei Monotremen und ^Iarsu])ialia jederseits durch das Foramen caroti-
cum du]-chbohrt, zum Durchtritt der Arteria carotis interna s. cerebralis,
die sich zur Sella turcica in die Schädelhöhle begibt.
Bei den Monodelphia dagegen geschieht der Durchtritt so, daß die
Arteria cai'otis interna an der Grenze zwischen Basisphenoid und Petrosum
an den Schädel tritt, längs der \'entralfläche des Petrosum verläuft und
hier bei manchen Säugern durch eine Knochenlamelle eingehüllt wird, die
von dem Teil des Petrosum, der den Boden der Schnecke bildet, aus-
geht und damit den Canalis caroticus bildet. Aus diesem tritt die Arteria
durch das Foramen lacerum anterius (medium mancher Autoren)
zwischen Petrosum, Ali- und Basisphenoid in den Schädel. Ob dieser
Gegensatz im ^'erlauf der Carotis interna aber ein so grundsätzlicher ist,
wird zweifelhaft durch den Befund bei Acrol)ates pygmaeus, bei welchem
Marsupialier nach Wiiicza die Carotis in den Schädel tritt zwischen Petro-
sum und Basisi)henoid durch ein Loch, das vom Foramen ovale durch
eine Knochenbrücke des Basisphenoid getrennt wird, genau so wie bei
Monodelphia.
Lii Alisphenoid findet sich, wie unser Schema (Fig. 34:) andeutet, das
Foramen ovale für den Durchtritt des inframaxillaren (dritten) Astes
des Trigeminus ( Fg) und das Foramen rotundum für den supramaxil-
laren (zweiten) Ast desselben ( V„). Dieser vom Menschen bekannte Zu-
stand bietet aber mancherlei Abweichung. So verschmilzt das Foramen
ovale mit dem Foramen lacerum häutig z, B. bei der Mehrzahl der Ro-
dentia, manchen Unguiaten und Cetaceen. Selbständig bleibt es in der
Regel bei Primates und Carnivora. Das Foramen rotundum vereinigt
sich wohl bei der Mehrzahl mehr oder weniger vollständig mit dem Fo-
ramen sphenorbitale.
2. Schädel. 47
^'on der Basis des Alisplienoid gelit ein ventralwärts gericliteter
Fortsatz aus, der Processus pterygoideus, der sich mit dem Ptery-
goideum vereinigt (s. dieses). Durch die Basis dieses Fortsatzes verläuft
bei manchen Säugern der nach vorn gerichtete Canalis alisphenoideus,
durch den die Arteria maxillaris verläuft. Er wird auch wohl Canalis
pterygoideus genannt, ist dann aber zu unterscheiden vom Canalis
vidianus für den Nervus vidianus, der bei manchen gleichfalls an der
hinteren Oeffnung des Alisphenoidkanals: dem Foramen pterygoideum
zu Tage tritt auf dem Wege zum Foramen lacerum anterius und
auch wohl Canalis pterygoideus genannt wird (z. B. in Henle's Ana-
tomie).
Das dritte, frontale oder vorderste Segment hat als Boden das
Praesphenoid. Die lateralen Orbitosphenoidea (Alae parvae ossis
sjjhenoidei) und die dorsalen Frontalia vervollständigen den Ring, der
den vordersten Teil der Schädelhöhle umgibt. Letztere wird nach vorn
abgeschlossen und von der Nasenhöhle geschieden durch die Lamina
cribrosa des Ethmoid, die uns unten beschäftigen wird.
Dem Orbitosphenoid werden wir später noch begegnen als wich-
tigem Komponenten der Augenhöhle (Orbita). Es begrenzt, zusammen mit
dem Alisphenoid, die Fissura orbitalis superior, die aber an Stelle der
Si)altform, die sie beim Menschen, in geringerem Grade auch noch bei
Primaten hat, die Form eines Loches besitzt: Foramen sphenorbitale
[FoY. sphenoideum; For. lacerum anterius Flower).
Hierdurch treten der Nervus oculomotorius (III), trochlearis (I\'),
abducens (VI) und der supraorbitale (erste) Ast des Trigeminus (Vj). Die
Wurzel des Orbitosjjhenoid wird von dem Sehnervenloch, Foramen op-
ticum durchbohrt. Die Richtung der Sehnervenlöcher ist eine schräge, der
Orbita zu. (iewöhnlich getrennt durch das Praesphenoid, können sie sich
bei Callithrix und Verwandten, ferner bei Tarsius bis auf eine unbedeutende
Scheidewand nähei'u, endlich bei Lepus, Chinchilla, Pedetes, ferner bei
einzelnen Seehunden, den Traguliden und den Zwergantilopen wie Madoqua,
verschmelzen. Andererseits kann Vereinigung mit dem Foramen sphen-
orbitale eintreten bei Marsupialia, Xenarthra, vielen Rodentia, Ungulata,
einzelnen Carnivora, vor allem Pinnipedia, einzelnen Insectivora, Cetacea.
Ornithorhynchus und bei Echidna; bei letzterer gleichzeitig mit Verschmel-
zung mit dem Foi'amen rotundum [van BemmelenJ. Eine schmale Knochen-
brücke deutet zuweilen noch eine Trennung der Löcher an.
An vorstehendes schließt sich füglich eine allgemeine Betrachtung
der Nervenlöcher an der Schädelbasis an, die uns auf primitivere Zustände
zurückführt und die gegenwärtigen verständlicher macht. Es zeigt sich,
daß die (iehirnnerven in Hauptsache durch die Spalten zwischen den drei
Schädelsegmenten austreten. Der Spalt zwischen dem occi[)italen und
parietalen Segment wird durch das Perioticum zerlegt in einen hinteren
opisthotischen: Foramen lacerum posterius (Foramen jugulare), das wir
mit Huxley und Howes Foramen otoccipitale nennen können und in
einen vorderen, proo tischen: Foramen lacerum anterius (F. lacerum
niedius englischer Autoren) oder wegen seiner Lage F. sphenoticum
[Huxley, Howes]. Durch den opistothischen Spalt zieht der Nervus glosso-
pharyngeus, vagus und accessorius, durch den proothischen ursprüng-
lich wohl der dritte Ast des Trigeminus (Vg). Daß derselbe vielfach durch
ein eigenes Loch (Foramen ovale) im Alisphenoid verläuft, ist wohl erst
48 II. Skclet.
Folge der stärkeren Ausbildung- dieses Knochens. Seine bedeutende Be-
teiligung an der Bildung der Wand der Schädelhöhle ist ein erworbener
Zustand. Ursprünglich kleiner als das Orbitosi)henoid. was enilirvonal
und bei niederen Säugern noch der Fall ist, nahm er mit Zunahme der
Fig. 39. Hund, Vcntral-
ansicht nach Elleiil)ero;er und
Baum. / Occipitale; // Bulla
tympani; //^Mastoid; ///Basi-
sphenoid; //'Ptervgoid; F Pa-
latinum: T/ Vom er; VI/ Ju-
gale; F/// Jochbogen ; /A' Fron-
tale; X Maxillare; AY Inter-
maxillare ; A'//Orbito-teniporal
Grube; / Tuberc. nuchalia des
Supraoccipitale; 2 Foramen
niagnum; 3 Condylus; 4 In-
cisura intercond yloidea d. Basi-
occipitale; 5 Fossa condyloidea;
6 Foramen condyloideum ant.
;
7 Processu.« paroccipitalis (jiigu-
laris); 8 Foramen lacerum und
Canalis caroticus; g Fissura
petroso-occipitalis; 10 Fissura
Glaseri; // Tuberculum pha-
ryngeum laterale; 12 = //; 14
P'oramen caroticum; 15 Tuba
Eustachii ossea; j6 Processus
postglenoideus; ly Fossa gle-
noidea; 18 Foramen ovale; ig
Foramen pterygoideum post.
(Emgangd. Alisphenoidkanals);
20 Foramen postglenoideum;
21 Foramen stylo-mastoideum
;
22 Porus acusticus externus;
24 Processus zygomaticus squa-
mosi ; 25 = 11/; 26 Präsphe-
noid; 27 Foramen pterygoid.
ant. (Ausgang des Alisphenoid-
kanals); 28 Foramen sphenoi-
deum ; 2g Foramen opticum
;
30 Hamulus ossis pterygoidei;
31 Gaumenteil des Palatinum;
32 horizontaler Teil desselben
;
33 Siitura palatina; 34 Sutura
palato-maxillaris; 36 Foramen
palatinum ; 37 Sulcus palatinus;
38 Processus alveolaris des
Maxillare; 40 dessen Processus
pterygoideus ; 41 Foramen in-
cisivum (Canalis naso-palatinus); 42 = AY; 43 Lateraler Ast des Processus palatinus
des Intermaxillarc; 44 sein Alvcolarrand; 4s Processus iwstorbitalis des Frontale.
Hirnmasse gleichfalls zu. wie die Primaten dies treffend zeigen, wo er das
Orbitosphenoid an Ausmaß weit übertrifft. Damit kam der \'3 allmählich
in das Alisphenoid zu liegen; jedoch, wie oben bemerkt: vielfach hat sich
das Foramen ovale noch nicht geschieden vom Foramen lacerum anterius.
Durch den Spalt zwischen dem parietalen und frontalen Segment,
somit zwischen Ali- und Orbitosphenoid, also durch das Foramen orI)ito-
sphenoideimi oder sphenoidale: intersphenoidale [Huxley-HowesJ. — die
2. Schädel. 49
Fissura orbitalis superior hominis — tritt der Nervus oculomotorius. troch-
learis. abducens und der erste Ast des Trigeminus {\\) hindurch. Wie
oben bemerkt, häutig auch der zweite Ast (Vo), falls derselbe sich eben
noch nicht abgeschieden hat durch Ausbildung eines eigenen Ausganges:
des Foramen rotundum im Alisphenoid. Auch hier wieder rekurriere ich
auf Ausdehnung des Alisphenoid, womit längerer intracranieller \'ei-lauf
verbunden wäre, wenn er nicht sozusagen vom Foramen sphenorbitale
abgedrängt würde.
Nachdem wir damit den Austritt dieser sieben Hirnnerven durch
Spalten zwischen unseren Schädelsegmenten erkannt haben, bleibt nur noch
der Nervus faciahs (MI) und hypoglossus (XII) übrig. Denn das die drei
Sinnesnerven: Nervus olfactorius (I), opticus (II) und acusticus (VIII)
durch das Ethmoid, Orbitosphenoid und Petrosum ziehen, bedarf hier
keiner weiteren Darlegung. Da zeigt sich, das der Facialis tatsächlich
einen prootischen Austritt hat. Embryonen und niedere Säuger z. B.
Sorex [Winge] zeigen dies noch. Erst später und sekundär erhält er eine
knöcherne Umhüllung vom Petrosum, wodurch er mit dem Nervus acusticus
durch den Porus acusticus internus in das Petrosum einzutreten scheint,
dann aber weiterhin durch den Canalis facialis (C. Fallopii) tatsächlich
vor dem Labyrinth weiterziehend nach auisen tritt, durch ein Loch, das
Howes For. paroticum nennt. So bleibt nur noch das Foramen condy-
loideum anterius im Exoccipitale, durch welches der Nervus hypoglossus
(XII) tritt. Es ist ein For. dioccipitale [Huxley-Howes]. Die eigen-
artige Stellung dieses Loches für den Hypoglossus, das sich in gleicher
Art bei den Sauroi)siden findet, verliert an Bedeutung durch die besondere
Stellung des Nerven selbst, der ein spinalei- ist.
Huxley hat bereits darauf hingewiesen, daß die Knochen, welche das
Dach und die Seitenwand der beiden hintersten Schädelsegmente formen,
niemals an der Bildung des Bodens der Schädelhöhle sich l)eteiligen. daß
mithin Basioccipitale und Basisphenoid niemals von derselben ausgeschlossen
sind. Dies kann aber wohl statthaben für das Präsphenoid, entweder
durch Zunahme der Orbitosphenoidea, die einander in der Mittellinie be-
gegnen, oder, wie bei verschiedenen Primaten, daneben durch die basale
Vereinigung der Frontalia. Im (iegensatz zu den Kodentia z. B., wo das
Praesphenoid ein bedeutender Knoclien ist, ist es zusammen mit dem Basi-
sphenoid l;)ei Ruminantia fast unterdrückt zu Gunsten der Ali- und Orbito-
sphenoidea.
Die als Deckknoclien entstehenden dorsalen Schlußstücke des parie-
talen und frontalen Segmentes: die Parietalia und Frontalia. sind paarig,
doch verwachsen zuweilen, wie bei Primaten. Insectivora. Chiroptera,
einzelnen Ungulaten u. s. \\.
Demgegenüber ist das Supraoccipitale meist ein unpaarer Knochen.
Zuweilen entsteht es aber aus zwei Knochenkernen, wie bei Tatusia, Eri-
naceus und den Cetaceen. Bei letzteren kann es dies noch lange verraten
durch unvollständige Teilung in der Medianlinie. Auch ist das Supra-
occipitale im Gegensatz zu den Frontalia und Parietalia ein Knorpel-
knochen. Die Frontalia sind weiter bei verschiedenen Abteilungen der
Artiodactyla dadurch charakterisiert, daß sie Apophysen tragen od«- Ex-
ostosen, die als Rosenstock der Geweihe der Hirsche und Knochenzapfen
der Rinder allgemein liekannt sind und an deren Aufbau auch das Inte-
gument sich beteiligt, wie wir auf p. 18 sahen. Bereits unter Artiodactyla
"Weber, Säufrotiere.
50 n. Skelet.
erstreckt sich diese Bildung auch auf die Nasaha (Giratie). Die aus-
schheßhch integumentalen Hörner der Rhinoceroten beeinflussen gleich-
falls Nasalia und Frontalia. Endlich haben bei der ausgestorbenen Ungu-
latenfaniilie der Dinocerata nicht nur die Frontalia. sondern auch die
Maxillaria Protul)eranzen , die wohl Hörner trugen. Diese Bddungen
wurden im Zusammenhang beim Integument behandelt und werden wegen
ihrer systematischen und bionomischen Bedeutung bei den einzelnen Gruppen
abermals besprochen werden.
Das parietale Segment ist von dem occipitalen Segment im Schädel-
dach durch die Occipital- oder Lambdanaht: Sutura occipitalis s. lambdo-
idea, von dem frontalen Segment durch die Kranznaht, Sutura coro-
nalis, getrennt. Die Naht endlich zwischen den Parietalia, die sich zwischen
die Frontalia und Xasalia fortsetzt, heißt Pfeil naht, Sutura sagittalis.
Als Abweichung von dieser Anordnung ist zunächst zu verzeichnen, daß
bei Cetaceen die Parietalia einander in der Medianlinie nicht berfUiren;
sie werden auseinander und auf die Seiten wand des Schädels gedrängt,
durch das enorm entwickelte Supraoccii)itale, namentlich aber durch das
mit diesem ankylosierende Interparietale. Hierunter versteht man einen
selbständigen Deckknochen, der aus paarigen Knochenkei'nen entsteht, und
sich, im Ansclduß an das Supraoccipitale, in der Occipitalnaht ausdehnt,
auch wohl in der Sagittalnaht zwischen dem Hinterende der Parietalia.
Er verschmilzt entweder schon während des P'ötallebens (Rind z. B.) oder
später (1. bis o. Jahr beim Pferd z. B.) und zwar bald mit dem Parietale
(Ruminantia, Sirenia, manche Nager), bald mit dem Supraoccipitale (Peris-
sodactyla. manche Carnivoi'a. Primates), oder er bleibt zeitlebens, bald als
paariger, meist aber als unjtaariger Knochen bestehen.
Dieses Interparietale, das einzig den Säugern zukommt und außer
bei Cetaceen (s. oben Marsnpialia und Hyracoidea). auch l)ei manchen
Nagern, bei Orycteropus, Galeopithecus sehr groß wird und Supraocci-
pitale und Parietalia vollkommen scheiden kann, ist wohl zn unterscheiden
von sogenannten Schaltknochen, Zwickelbeinen oder Ossicula Wor-
miana. Dies sind unregelmäßig vorkommende Nahtknochen von individuell
verschiedener Ausdehnung und Zahl. Sie entstanden aus peripheren
Knochenpartikeln, die sich bei der Verknöcherung des Knochens nicht mit
dem ^Yachstumsrande verljanden und demgemäß zeitlebens getrennt bleiben
vom Knochen, dem sie eigentlich zugehören. Sie liegen in der Naht, die
dieser mit dem Nachbarknochen bildet, mit Vorliebe in der Hinterhaupts-
naht, auch wohl in der Pfeilnaht.
Weit wichtiger ist, daß sich zwischen das occipitale und parietale
Segment eine Gruppe von Knochen einfügt: das Perioticum, aus dem
Petrosum und Mastoideum bestehend, das auch genetisch dem eigent-
lichen Gehirnschädel angeliört. Diese zwei Knochenstücke, von denen
das hintere, äußere Mastoid frühzeitig mit dem vorderen, inneren Petrosum
verwächst, entstehen aus diskreten Knochenkernen in der knorpeligen
Ohrkapsel des Em])ryo, die das Labyrinth umschließt. Ihnen fügte sich das
ursprünglich wahrscheinlich knorpelig i)räformierte Tympanicum und das als
Deckknochen entstehende Squamosum an. Die ^'erbin(lung dieser Teile
untereinander ist eine sehr verschiedene. Ihre A'ereinigung l)eim Menschen
führt zur Bildung des Schläfenbeins. Temporale, dessen Schuppe (Squama)
das Squamosum dann bihlet.
2. Schädel. 51
Das Peiioticum grenzt hinten und innen an das Basi- und Exocci-
pitale, vorn und innen an das Basi- und Alisphenoid. Die Nahtverbindung
mit diesen Knochen des hinteren und mittleren Schädelsegmentes ist stets
eine unvollständige, da zunächst (lehirnnerven und Blutgefäße mit extra-
resp. intrakranieller Richtung durch Spalten oder Löcher in diesen Nähten
hindurchtreten. So entsteht vor dem Perioticum, speziell vor dem Pe-
trosuni, das Foramen lacerum an t er ins (For. lacerum medium der
englischen Autoren), durch welches in der Regel die Arteria carotis interna
in die Schädelhöhle tritt; hinter dem Petrosum das Foramen lacerum
posterius (Foramen jugulare) für die Vena jugularis interna und für den
Nervus glossopharyngeus, vagus und accessorius, und das Foramen
caroticum externum. das in den oben beschriebenen Canalis caroti-
cus fühi't.
Das Foramen lacerum anterius kann an und für sich, oder, wie
bei Nagern etc., durch Vereinigung mit dem Foramen ovale für den Durch-
tritt des dritten Trigeminusastes. an Umfang zunehmen. Desgleichen das
Foranien lacerum posterius, auch durch Vereinigung mit dem Foramen
caroticum. Hieraus folgt geringere Berührung des Perioticum mit der
Umgebung wie bei Perissodactyla, Xenarthra, Nagern, manchen Insectivora
und Chiroptera, wobei meist Verbindung mit dem Basioccipitale und
Basisphenoid am längsten und innigsten gewahrt bleibt. Sie führt endlich
zu vollständiger Freimachung des Perioticum bei Cetaceen, wo es nur
durch Bänder dem Schädel verbunden ist. und durch Maceration derselben
leicht herausfällt, um zusammen mit dem mit ihm verschmolzenen Tym-
panicum die bekannten Cetolithen zu bilden.
Die beschriebene Lage des Perioticum an der Basis des Schädels
gehört zu den wichtigsten Umformungen, die der Schädel der Säuger
erfährt. Bekanntlich liegt ja bei Sauropsida und Amphibien die Labyrinth-
region seitlich und nimmt erhe])lichen Anteil an der Bildung der Seiten-
wand des Schädels. Bei Säugern hat nun eine Verkleinerung des perio-
tischen Teiles statt, durch geringeren Umfang der Labyrinthregion, nament-
lich der hall)zirkelförmigen Kanäle, daneben aber eine Verschiebung in
ventraler Richtung auf die Schädelbasis. Die Lage des Trommelfelles ist
ein guter Maßstab für diese Verlagerung. Bei Sauropsiden liegt es ober-
halb des Kiefergelenkes, bei Säugern unterhalb desselben und obendrein
ist es ventralwärts geneigt, so daß es einen Winkel bildet mit der Horizon-
talen, der kleiner ist als ein rechter, und sein Minimum erreicht bei
Echidna, avo es fast eine horizontale Lage einnimmt im Gegensatz zur
mehr vertikalen bei Sauropsida.
Diese \'erlagerung ist eine direkte Folge der Zunahme des Gehirns,
das sozusagen die otische Region aus ihrer Seitenlage basalwärts ver-
drängt. Die Zunahme der Hirnmasse hat ja bei Säugern in dorso-ventraler
und lateraler Richtung statt, weniger in longitudinaler, was wohl eine Folge
davon ist, daß die für Säuger charakteristische großartige Entfaltung des peri-
pheren Geruchorganes einer Verlängerung des Gehirns in rostraler Richtung
entgegenwirkte. Li gleicher Richtung wirkte auch die Tatsache, daß die
Schädelbasis: Basioccipitale, Basi- und Praesphenoid, zuerst gebildet wurde
und zwar als Knor])elmasse. Ihrer sozusagen geringeren Dehnbarkeit
gegenüber gestatteten die Seiten- und Dachteile des parietalen und fron-
talen Segmentes, als spätere Bildungen aus Bindegewebe, umfangreiche
Expansion des Gehirns in doi'saler und lateraler Richtung. Hieraus er-
52 11. Skelet.
klärt sich das Auftreten des Interparietale und das Heranziehen des Sqiia-
mosum aus seiner extrakranialen Lage bei niederen Vertebraten zur Be-
grenzung der lateralen Wand des Hirnschädels, dessen zunehmender
Umfang gewissermaßen neues Deckmaterial benötigt.
Das Squamosum war ursprünglich ein Deckknochen der Ohrgegend,
dessen Selbständigkeit ilie Monotremen noch deutlich anzeigen, da er sich
in seinem mittleren Teil noch ersichtlich alihebt von der Ohrkapsel [van
Bemmelen], und dadurch den horizontalen Temporalkanal bildet, der
an Reptilien erinnert. Aber auch seine Beteiligung an der Schädelwand-
i)ildung ist noch eine sehr ungleiche. Bei Wiederkäuern und Cetaceen ist
das Squamosum von der Schädelhöhle noch ausgeschlossen, dadurch dass
Parietale. Ali- und Orbitosphenoid einander tretten, und namentlich da-
durch, daß das Parietale es, wie bei Cetaceen, ausschließt. Auch bei In-
sectivora, Chiroptera und einigen Marsujjialia ragt es nur mit kleinem
Stücke in die Schädelhöhle hinein. Ol» hierin al)er stets ein primitiver
Zustand vorliegt, ist gewiß fraglich, wenn man bedenkt, daß es l)ei
Myrmecophaga , Orycterojms und namentlich Manis sehr ausgedehnt an
der Bildung der seitlichen Schädelwand sich beteiligt.
Das Squamosum wird ein besonders wichtiger Knochen, da es die
GelenkÜäche. Fossa glenoidea {¥. man(li])ularis) für den Unterkiefer
abgibt. Dieses Kiefergelenk, daß sich i)rinzi])iell von dem der übrigen
Yertelu-aten unterscheidet, soll uns weiter unten noch beschäftigen. Hier
sei nur hervorgehoben, daß sich an seiner Bildung auch noch andere
Knochen beteiligen können. So wird der vordere und laterale Teil der
Fossa glenoidea unter Mithilfe des Jugale gebildet bei Rodentia. Procavia.
Elephas, Sus, (ialeoi)ithecus und den Marsupialia. Bei letzteren kann auch
das Alisphenoid in den hinteren Teil derselben eintreten. Hinter der
Oelenkgiube hndet sich häutig ein niedriger Fortsatz: Processus post-
glenoideus, der zu unterscheiden ist von einem gleichfalls abw^ärts ge-
richteten, aber weiter nach hinten liegenden Fortsatz: Processus post-
auditorius oder posttymi)anicus. hinter dem äußeren Gehörgang,
zwischen Tym])anicum und Petrosum. Er erreicht zuweilen (Chiroi)tera,
einzelne Nager) erhebliches Ausmaß, namentlich auch bei Perissodactyla.
Hier kann er bei einzelnen Arten von Rhinoceros mit dem gleichfalls sehr
großen Processus postglenoideus sich derart vereinigen, daß sie einen
Kanal bilden, der als ., falscher" äußerer Gehörgang erscheint (s. Fig. 40).
Endlich tritt häufig, z. B. bei Chiroptera, manchen Insectivora. Carnivora.
Marsupialia und Xenarthra. ein Loch: Foramen postglenoideum (Foramen
jugulare spurium) hinter der Gelenkgrube auf, das in einen Kanal führt,
der das Squamosum durchzieht. Durch diesen Temporalkanal zieht die
Vena jugularis externa, ein ^'erhalten, das also bei manchen Säugern ein
bleibendes ist. l)ei andei'en nur fötal auftritt, da die Vena ihre selbständige
Ausmündung verliert durch A erbindung mit der Vena jugularis interna.
In erster Linie erscheint das Foramen postglenoideum als Auslaß des
lateralen venösen Sinus, der der Innenw^and des Schädels anliegt. W'eitere
Kanäle können für die Abfuhr des venösen Blutes sorgen, die bei ver-
schiedenen Säugern an verschiedener Stelle des Squamosum zu Tage treten
können. Ihre Deutung bedarf für einzelne Fälle noch näherer Unter-
suchung, namentlich im Hinblick darauf, daß Aeste der Carotiden durch
Löcher im Squamosum zur Diploe treten ( Arteriae diploeticae). Mit Cope
können wir provisorisch unterscheiden, außer dem Foramen postglenoideum
2. Schädel. 53
ein hinter ihm gelegenes, gleichfalls abwärts schauendes For. subsquamosnm;
ein nach außen sehendes For. postsquamosum und postparietale, letzteres
in der Nähe dei- Sutnra S(iuamoso-parietalis. Häutiger, namentlich bei Un-
gulaten. vielen Rodentia und Insectivora, tritt das Foramen mastoitleum
auf, zwischen Petrosum und Exoccii)itale. Artio- und einzelne Perissodac-
tjla, sowie vereinzelte ]\Iarsupialia haben endlich ein großes Loch an der
oberen Basis des Processus zygomaticus.
Von der AußenÜäche des Squamosum erhel)t sich der Jochfortsatz,
Processus jugalis seu zygomaticus, der mit dem Jugale und einem
gleichnamigen Fortsatz des Maxillare den Jochbogen, Zygoma, bildet.
Nur bei Monotremen entspringt er mit doppelter Wurzel und bildet da-
durch den obengenannten Temporalkanal.
Das Mastoid ist häufig ein sehr kleiner Knochen, kann sogar fast
ganz fehlen; ist überhaupt variabel bei den verschiedenen Säugern im
Gegensatz zum Petrosum, dessen wichtige Beziehungen zu der Schnecke
und den halbzirkelförmigen Kanälen und weiteren Teilen des Labyrinths
ihm einen konstanten Charakter aufdrücken. Stets hängt das Mastoid mit
/\ ^ "'f I
F9 /
Fig. 40. Tympanale Gegend I vom Pferd, II vom Tapir, III von Rhinoceros
sondaicus. Nach Osborn. Zur Demonstration des Verschwindens des Mastoid (>ns) und
der endlichen Verschmelzung des Processus postglenoideus (p^) und posttympanicus
(pt). t Tympanicum; ao äul^ere Ohröffnung; pp Processus paroccipitalis; c Condylus.
dem Petrosum zusammen, grenzt in der Regel an das Tympanicum und
liegt zwischen Squamosum, Exoccipitale, meist auch Parietale. Vielfach hat
frühzeitige Verschmelzung statt mit dem Petrosum. so daß man nur noch
von einer Mastoidgegend sprechen kann oder von einer Pars mastoidea
und Pars petrosa wie in der Anatomie des Menschen. Der bedeutende
Processus mastoideus desselben erscheint bei Säugern — wenn überhaupt
— meist nur als unbedeutende Leiste. Umgekehrt kann das Mastoid sich
aufblähen zu einer Knochenblase, die bei Chinchilla, Dipus und Pedetes
mit der Trommelhöhle sich verbindend, bis auf die Dorsalfläche des Schädels
sich ausdehnt. Aelmliches fand bei den tertiären südamerikanischen Typo-
therien statt (s. bei diesen).
Im Mastoid liegt konstant das For amen stylo-mastoideum für
den Austritt des Nervus facialis, der das Petrosum durchzieht (Canalis
facialis). Vor diesem Loch, zuweilen in demselben, verbindet sich das
kraniale Ende des Zungenbeinl)Ogens (zweiter Visceralbogen) mit dem
Petrosum. Dieses Tympano-hyale verschmilzt frühzeitig als Knorpel
mit dem knorpeligen Petrosum. Nach der Ossifikation beider fällt es nur
54 II. Skelet.
ausnahmsweise noch als Fortsatz auf. niemals aber in dem ]\Iaße, wie der
Processus styloides des Menschen. Ueber diese wenig erforschten Gebilde
vergleiche unten beim Zungenbein nach den Untersuchungen von Howes
und P'lower. Vom Perioticum geht bei verschiedenen Säugern (Mono-
tremen, einzelnen sog. Edentaten und Insektivoren, nach Winge wahrschein-
lich auch bei Mus. Arvicola) eine Platte ab, das Os pteroticum oder die
Ala pterotica, die sich zwischen Parietale und Squamosum ausdehnt, letzteres
von der Schädelhöhle ausschließen kann und bei anderen Säugern viel-
leicht ins Parietale aufgeht.
Das Tympanicum, für welches man verschiedentlich eine knorpelige
Grundlage meinte nachweisen zu können (Rathke vom Schaf. Parker von
Tatusia, Flower), ist ursprünglich ein mehr oder weniger halbringförmiger
Knochen: Annulus tympanicus, der vielfach z. B. bei Monotremata.
Marsu])ialia. Sirenia, Orycteropus, bei der Mehrzahl der Insektivoren und
Lemuriden zeitlebens diese Form behält.
In ihm ist das Trommelfell ausgespannt. Bei größerem Umfang läßt
er sich hierdurch in eine äußere und eine innere Abteilung zerlegen. Die
außerhalb des Trommelfells ge-
legene kann sich zu einer knöcher-
nen Rinne verlängern von ver-
schiedener Länge, die ausnahms-
weise allein, meist aber mit Zu-
ziehung des Petrosum. auch wohl
des Squamosum, den knöchernen
äußeren Gehörgang, Meatus
auditorius externus bildet.
Auch kann es geschehen, daß der
Processus postglenoideus und
posttympanicus sich hieran be-
teiligen, die bei einzelnen Pihino-
ceros- Arten z. B. sich derart
aneinander legen, daß ein „falscher
äußerer Gehörgang" entsteht
(Fig. 40).
Die innere Abteilung des
Tympanicum legt sich an das
Petrosum an und beide bilden
die Trommelhöhle, Cavum
tympani, welche die Gehör-
knöchelchen enthält und durch
die Tuba Eustachii mit der
Rachenhöhle kommuniziert. Die
Beteiligung des Petrosum ist
häutig so, daß es eine Platte
bildet: Tegnien tympani. die
von oben her die Paukenhöhle überdeckt. Das Labyrinth, das im Petro-
sum eingeschlossen ist, tritt in Verbindung mit der Trommelhöhle durch
zwei Fenster, Fenestra rotunda und F. ovalis, die zwar in die harte
Knochenmasse des Petrosum eingelassen, gleichzeitig aber durch Mem-
branen geschlossen sind. Dort, wo das Tympanicum sich mit seiner
medialen Lippe an das Petrosum lagert, kann totale ^'erschmelzung beider
fm-
Fig. 41. Hinteres Stück des Schädels von
Coelogenys paea. C Condyhis occipitalis; F
Frontale; f»i Foramen magnum; fsm Foramen
stylo-mastoideum ; / das sehr ausgedehnte Jugale
;
M Supramaxillare; 00 Ohröffnnng; P Petrosum
;
pp Processus paroccipitalis ; Pr Parietale ; pt Pte-
rygoid; S Squamosum; SO Supraoccipitale; T
Tympanicum. ^'j.
2. Schädel. oi)
Knochen eintreten zu einem Os tympano-i)erioticiini, oder es fand zwar
Ankylosierung statt, aber nur unvollständig-, so daß eine Fissur a tymi)ano-
periotica bestehen bleibt, die in die Trommelhöhle führt und der Fissur a
Glaseri (F. petro-tympanica) des Menschen, zum Durchtritt der Chorda
tympani des Nervus facialis, entspricht und bei Cetacea, Pinnii)edia.
Schwein, Schaf u. s. w. sehr weit wird und sich bei Sirenia zu einer großen
Oeffhung erweitert (Fig. 39. 10). Endlich kann es geschehen, daß das
Tympanicum durchaus selbständig bleibt, wie bei Echidna, Tapirus, Oryctero-
pus. manchen Gürteltieren, Chrysothrix und in geringerem Maße bei
Chiroptera und Insectivora.
Fio-. 4L'. Fio;. 43.
B ' n c ^ ... / S /
W B.S ^ ^ ^,
Fig. 42. Hinteres Stück der Schädelbasis
von Paradoxnrus miisanga juv. zur Demon-
stration des Tympanicum T und des Os buUae
B, das linkerseits (in der Figur) weggenommen
ist. In den jederseitigen Figuren ist die tym-
panale Gegend von der Seite dargestellt. £0
ßasioccipitale ; C Condylus ; BS Basisphenoid
;
S Squamosum; Fj Processus jugalis; SO Supra-
occipitale; J/s Mastoideum; J>a J'rocessus post-
auditivus; // Processus paroccipitalis; OÖ Ohr-
öffnung. ^/',
Fig. 43. Ventralfläche des Schädels von
Halmatnrus ruficollis Less. A Alisphenoid; B
Basisphenoid; BO Basioccipitale; C Condylus; £0 Exoccipitale; B^- Fossa glenoidea;
fi/i Foramen magnum ; / Jugale; Jl/ Supramaxillare; Ms Mastoid ; OÖ Ohröffnung,
jPI Palatinum; //> Processus paroccipitalis; FS Prae.sphenoid; /"/Pterygoid ; .S' Squamo-
sum; T' Tympanicum ; F Vomer. \\.
Gewöhnlich ist der Zustand aber so, daß Tympanicum und Petro-
sum fest verbunden sind und die Trommelhöhle einschließen. Entweder
weist sie nichts Besonderes auf wie bei Primates, oder die Trommelliöhlen-
abteilung des Tympanicum schwillt blasig an zur Bildung der Bulla tym-
pani (B. auditiva). Diese blasige Auftreibung kann auch mit Hilfe des
Petrosum zustande kommen. Es kann sich al)er auch ein noch wenig er-
forschtes Os buUae (Metatympanicum Wincza) bilden aus knorpeliger
Grimdlage^) Fraglich ist, ob sie sich von der Anlage des Tympanicum
oder anderwärts herleitet, jedenfalls aber zu einem von diesem unab-
1) Wie noch jüngst durch Wincza von der Katze nachgewiesen, der den diesbezüg-
lichen Hyalinknorpel mit dem knorpeligen Annulus tympanicus der Anuren in Ver-
bindung bringt. Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß der Ursprung des Tym-
panicum ein doppelter Tst, wobei dann mem äußeres Stück als Deckknochon dem
Paraquadratum (Gaupp) entsprechen könnte.
56 II. Skelct.
hängigen Knoclienstück führt (Fig. 42). Von Carnivoren ist dieses längst
bekannt, es tritt aber anch anderwärts anf, wie hier und da auch Ijereits
in der älteren Liteiatur angedeutet aber späterhin vergessen wurde. Es
kann seine Selbständigkeit w\aliren, meist aber verschmilzt es mit dem
Tvmi)anicum, ausnahmsweise umfaßt und umschließt es, wie bei den Lemu-
i'iden ^Madagaskars, das halbringiörmige Tympanicum.
Weitere Komplikation eifährt die Umwandung der Trommelhöhle
dadurch, daß sich an ihr außerdem, wie bei der Mehrzahl der lipothyphlen
Insectivora, das Basisphenoid und Alisphenoid beteihgt. Bei Marsui)ialia
tut es der letztgenannte Knochen, der auch eine Bulla bildet. Auch das
Squamosum kann in die Umwandung treten (IManis), bei Orycteropus das
Alisphenoid und Squamosum. Das Maximum der Beteiligung erreicht wohl
Myi'mecophaga, wo außer Fetrosum und Tympanicum, das Basioccipitale,
Pterygoid und Alisphenoid sieh beteiligt, die beiden letzteren mit Luftzellen,
die ebenso wie solche im Falatnuim mit der Trommelhöhle kommunizieren.
Fig. 44. Orycteropus capeiisis, Ventralfläche der rechten Schädelhälfte. A
Alisphenoid; £ Basisphenoid; Basioccipitale; C Condylus; ca Canalis alisphenoideus;
JiO Exoccipitale ; fc Foraraen condyloideum anterius; // Foramen infraorbitale; fm
Forainen magnuni;/? Foramen sphenoideum; /?w Foramen stylo-mastoideuni; / Inter-
maxillare; / Jugale; L Lacryraale; J/ Maxillare; J/s Mastoid; 00 Ohröffnung; op
Foramen opticum; F Petrosum ; P/ Palatinuni; J>s Processus postorbitalis ; PS Prae-
sphenoid ; S Squamosum ; T Tympanicum ; V Vomer.
Diese Beispiele genügen darzulegen, daß die Trommelhöhle bezüglich
ihrer Umwandung große Ungleichheit zeigt und die Bulla tympani nicht
überall homolog ist. Solange eingehendere Untersuchungen fehlen, läßt sich
im allgemeinen nur sagen, daß der primitive Zustand des Os tympanicum der
ringiörmige ist. An der Umwandung der Trommelhöhle und elienso an
der des äußeren Gehörganges; falls l)eide nicht häutig bleiben, dieTrommel-
//ö'/z/f somit nur mehr eine Grube ist, nehmen dann die benachbarten Knochen
teil. Der höhere Zustand ist der, wobei das Os tympanicum nach außen
vom Trommelfell röhrenförmig auswächst zum äußeren Gehörgang und
ferner allein oder zusammen mit Ijenachbarten Knochen eine Bulla tym-
pani bildet. Unentschieden lassen wir für den Augenblick ^j wie das Os
bullae (Metatympanicum ) aufzufassen ist, das offenbar so häutig an der
Umgrenzung der Trommelhöhle sich beteiligt.
Geringei" ist im allgemeinen der Einfluß der Augen auf die Um-
formung des Schädels bei Säugern gegenüber niederen Vertebrata, da die
Veränderungen dieses Sinnesorganes unbedeutendere sind. Nur bei einzelnen,
in der Ebene lebenden, springenden Formen, wie Dipus, Scirtetes u. a.,
1) lieber diesen Punkt wird demnächst eine Untersuchung, die P. N. van Kampen
unter meiner Leitung ausführt, weiteres Licht verbreiten.
2. Schädel. 57
ferner bei Phocidae und unter Ruminantia bei den Tragulidae und kleinen
Antiloi)en, wie Madoqua, endlich bei Nachttieren, wie Tarsius, ist die Be-
einflussung des Schädels durch die großen Augen deutlich. Diese liegen
im allgemeinen so, daß sie das Vorderende des Gehirns und das Hinter-
ende des Gernchsorgans zwischen sich fassend, in den Orbitae Platz
finden. Letztere sind entweder, wie beim Menschen und den Primaten
nach vorn gerichtet oder seitlich gelagert, wie bei den übrigen Säugern.
Im ersteren Falle hat bei Größenzunahme der Augen Annäherung der-
selben in der Mittellinie statt, die zu Kompression der Zwischenwand
der Orbitae führt, die ausnahmsweise auch bei seitlicher Lage der Augen
eintreten kann (Phocidae und die oben genannten Ruminantia). Es handelt
sich hierbei um Kom])ression des dorsalen Teües der Höhle des perii)heren
Geruchsorgans und seines Inhaltes. Vergleichen wir damit den orbitalen
Teil des Schädels der Sauropsiden, so charakterisiert sich dieser dem-
gegenüber und auch gegenüber den Amphibien durch ein Septuni orbitale,
(1. h. die Schädelhöhle ist hier auf einen engen Kanal für den Bulbus
Fig. 45. Hippopotamus amphibius neonatus. A Alisphenoid ; B Basisphenoid,
ßO Basioccipitale; C Coiidylus; cd Milchcaninus; EO Exoccipitale; /i: Foramen coiidy-
loideum ; Fg Fossa glenoidea ; fl , flp Foraraen lacerum anterius und posterius ; fsm
Foramen stylo-mastoideum ; id^^ id.^ Milchincisivi ; y Jugale ; M Maxillare; SM Mastoid;
OÖ Ohröffnung; P Petrosum; P(/j, .,, .,, ^ Milchmolaren ; PI Palatinum; PS Praesphe-
noid; Pt Pterygoid; -5" Squaraosum; 7" Tympanicum.
olfactorius reduziert. Unterhalb desselben scheidet ein teils knorpeliges,
teils knöchernes Septum die beiden Orbitae, so daß der Schädel hier eine
gekielte Basis hat: tropidobasisch [Gaupp] ist im Gegensatz zum
plattbasischen, homalobasischen [GauppJ.
Da vieles bei Säugern dafür spricht, daß die gewaltige Entfaltung
des Geruchsapparates, um Raum zu gewinnen, auch in der Richtung nach
der Schädelhöhle zu statt hatte, — die Pneumatisierung des Basisphenoid und
der Frontalia und das Eindringen der Ethmoturbinalia in diese Räume
deutet es an — so ist es nicht unwahrscheinlich, daß die ursprüngliche
8 ir. Skelet.
Grenze zwischen Gehirnraum und Geruchskapsel nach hinten überschritten
wurde. Mit Ganpp können wir daher im Praesi)henoid. in der Crista sphe
noidalis, im Rostrum sphenoidale, in der Annäherung der Foramina optica
und in der mehr dorsalen Lage der vorderen Schädelgrube gegenüber dei'
mittleren, letzte Andeutungen dafür sehen, daß der Säugerschädel den tropido-
basischen zuzuzählen ist.
Im Septum orl)itale der Sauropsiden liegt auch das Orbito- und
Alisphenoid; beide beteiligen sich auch an der Bildung des Hintergrundes
der Augenhöhle der Säuger; vorwiegend das erstere. Das Alisphenoid
tritt dagegen, außer bei Primaten sehr zurück, liegt auch bereits auf der
Grenze von Augenhöhle und Temi)oral- (Scliläfen-)(trul)e. Unbeständiger
noch ist die Beteiligung des Ethmoid. das hier das Os planum (Lamina
papyracea ethmoidei) darstellt. Auch das Palatinum hat nur geringen
Anteil, wird aber nur selten ganz ausgeschlossen. Dach und mediale
Wand der Orbita liefert das Frontale, Boden und ^^ orderwand das
Maxillai'e. Dem Gaumenteil dieses Deckknochens werden wir si)äter
noch begegnen. Hier sei nur hervorgehoben, daß er der umfangreichste
Knochen des G esicht ss chäd el s ist; dessen knöcherne Wand wird
in erstei' Linie durch das Maxillare und den mit ihm verbundenen
Intermaxillare und Nasale gebildet. Außerdem verbindet sich der Gesichts-
Fig. 46. Hippoi^otanuis amphibius neonatiis von der Seite. A Alisphenoid
;
C Condyius; cJ Milcheaninus; EO Exoccipitale; F Frontale;// Foramen infraorbitale;
/ Intermaxillare ;yjngale; L Lacrymale; J/ Supramaxillare; Ms Mastoideum; 7V^ Nasale;
O Orbisphenoid ; OÖ Ohröffnung ; P Parietale ; PI Palatinum ; Pt Pterygoid ; .S' Squa-
mosuni; SO Supraoccipitale; 7" Tympanicum. ^/.,.
teil des Maxillare mit dem Frontale, welche Verl)indung durch Berührung
von Nasale und Lacrymale (bei einzelnen Marsu[)iaha, Hippopotamus.
Procavia. Eciuus. Ovis und Bos) nur selten fehlt. Er zeigt an seinei-
Außenfläche das Foramen infraorbitale, für den Durchtritt des gleich-
namigen Nerven des Trigeminus. Dieses Loch, das die äußere Oeffnung
des Canalis infraorbitalis darstellt, durch den auch Blutgefäße hin-
durchziehen, erfahrt bei vielen Ptodentia, eine enorme Ausweitung zum
Durchtritt einer Portion des Masseter. Der orbitale Teil des Maxillare,
der es nur bei Primaten, einigen Ungulaten und Sirenia zur Bildung eines
Augenhöhlenbodens bringt, wird häufig ausgeschlossen von dem eigent-
lichen Orbitalrand durch Vergrößerung des Lacrymale oder des Jugale oder
beider, die zusammen wie bei Suiden, Ruminantia, Orycteropus, manchen
2. Schädel. 59
Rodeiitia u. a. mehr oder weniger die Vorderwand der Orbita bilden.
A'ollständiger Ausschluß des Maxillare von der Orbita hat nur bei Manis statt.
Das La er y male ist ein Ilautknochen, der in dem medialen Orbital-
rand lietit, und bei voller Ausljildung mit einer Flädie. der orlutalen, nach
der Orbita. mit einer anderen, der facialen, nach auik'ii, gekehrt ist. Regel
ist, daß das Tränenbein durchbohrt wird durch das Foramen lacrymale:
der Eingang zum Tränennasengang, Ductus naso-Iacrymalis, auf seinem
Wege vom Konjunktivalsack zur Nasenhöhle, der nur ausnahmsweise fehlt
(Dicotyles, Cetacea, Elephas, Sirenia), was sich kenntlich macht durch
Fehlen des Foramen lacrymale. Hierdurch tritt das Lacrymale in Deziehung
zum Tränenapparat. Bekannt ist seine taxonomische Bedeutung, nament-
lich für Rassenstndien der Rinder und Schw^eine, aber auch für andeie
Grupiten. wie Prosimiae, Affen [Nathusius, Rütiraeyer, Forsyth Major).
Wiederholt tritt Reduktion des Lacrymale auf, wodurch es meist als kleiner
Knochen auf die Orbita beschränkt l)leibt. In Fällen, wo es fehlt, wie bei
Monotremata, Manis, Pinnii)edia bleibt die Frage offen, ob es nicht zur
Entwickelung kam oder frühzeitig mit einem Nachbarknochen, wohl in
erster Linie mit dem Frontale, dann mit dem Maxillare — wie bei Manis
meist — verschmolz.
Stets grenzt es an das Maxillare und Frontale, außerdem in ein-
zelnen Fällen (Primates) an die Orbitalplatte des Ethmoid. zuweilen an
das Nasale, häufiger an das Jugale. Letzter Knochen, auch Zygomaticum
und Os malare genannt, ist ein Belegknochen, der sich einerseits mit dem
Maxillare, häufig vermittelst eines von letzterem ausgehenden Processus
zygomaticus. andererseits mit dem Processus zygomaticus des Squa-
mosum verbindet. Ausnahmsweise tritt er auch in Verbindung mit dem
Alisphenoid (Primates), allgemeiner mit dem Frontale (Affen, Halbaffen.
Ruminantia. Hippopotamus. Snenia, einzelnen Lisectivora und Carnivora).
Er bildet hierdurch eine knöcherne laterale Umwandung der Orbita. Solcher
knöcherne Orbitalring kann auch dadurch zustande kommen, daß ein
Processus postorbitalis (frontalis) des Jugale mit dem P'rontale,
speziell mit einem Processus postorbitalis desselben, sich vereinigt. Hat
solche Vereinigung nicht statt, so kann der Defekt zwischen ihnen durch
ein Ligament ausgeglichen werden. Ein Schritt weiter führt uns zum
primitiven Zustand, in welchem die Orbita auch oberflächlich nach hinten
ganz offen ist. und der Schädel an seiner Seitenwand eine große Orbito-
temporalgrube aufweist, welche die Orbital- und Temporalgegend umfaßt.
Im Leben sind aber beide stets geschieden, durch die häufig starke
Membrana (Fascia) orbitalis, welche den Inhalt der Orbita abscheidet
von der Kaumuskulatur in der Temporalgrube und mehr lebende Elasti-
zität erhält durch glatte, als Muse, orbitalis oder periostalis bekannte
Muskelfasern. Nur bei Primates tritt an deren Stelle eine knöcherne
Scheidewand. Hier l)ildet nicht nur das Frontale und Jugale mit ihren
entsprechenden Fortsätzen einen kompleten Orliitalring — den lernten
wir ja auch l)ei anderen Säugern kennen — sondern beide dehnen sich
auch nach innen aus und begegnen hier dem Alisphenoid. Solchei'-
gestalt kommt eine knöcherne hintere Orbitalwand zustande, die nui'
durch einen Spalt: Fissura orbitalis inferior mit der Temporalgrube
kommuniziert. Bereits bei Prosimiae ist dieser Spalt, der wegen seiner
Umgrenzung durch das Maxillare und Alisphenoid, auch Fissura spheno-
m axillaris heißt, so weit, daß Augenhöhle und Schläfengrube in weiter
60 II- Skelet.
^'el•bindung sind und die ^Membrana orbitalis liereits zum Verschluß heran-
gezogen wird. Damit gehmgen wir alhnählich zum oben beschriel)enen,
mehr allgemeinen Zustand der beiden verbundenen Gruben, welcher der
ursi)rüngHcliere ist, uml zusammenfällt mit der seitlichen Lage der Augen
im Gegensatz zu der nach vorne gerichteten der Primaten und Prosimiae.
Das Jugale fehlt nur bei Echidna. den Bradypodidae, Sorex und
einzelnen anderen Insectivora. Bei Ornithorhynchus erscheint es als
Apophysis frontahs des Jochbogens [van Bemmelen]. Auch bei Manis ist
es wohl durch eine Apophyse und zwar des Maxillare vertreten, mit dem
es frühzeitig verschmilzt. Rudimentär ist es bei Myrmecophaga.
Abgesehen von seiner Beziehung zur Orbita spielt es eine wichtige
Rolle bei der Büdung des Jochbogens, Arcus zygomaticus. Hierunter
versteht man tlen knöchernen Bogen, der das Squamosum mit dem IMaxillare
verbindet und sich über der Temporalgrube wöll)t. Er wirkt somit als
Knochenspange, die den Druck, der auf den Olierkiefer ausgeübt wird,
beim Beißen und Kauen auch auf die Schläfengegend und damit auf den
starken Hinterteil des Schädels überträgt und gleichzeitig den Kaumuskeln
zum Ursprung dient. Solche Bogenbildung findet sich bei allen über den
Fischen stehenden Wirbeltieren, mit Ausnahme der Urodelen, die Gaupp
daher gymnokrotaph nennt. Als stegokrotaph bezeichnet er die
Stegocephalen wegen der Bedeckung der Schläfengegend mit Knochen-
platten. Bei allen üljrigen kommt es aber zur Bildung von Jochbögen,
die er daher zygokrotaph nennt. Diese Jochbögen können obere und
untere sein. Mit Saurieren und Schildkröten haben auch die Säuger einen
oberen Jochbogen gemein, der bei ihnen charakterisiert ist durch die Be-
tedigung des Squamosum. Nur selten fehlt dieser Bogen bei Säugern
(Centetes, Sorex) ganz, unvollständig ist er bei Myrmecophagidae und
Manis, indem das kleine Jugale das Squamosum nicht ei'reicht, sondern
nur dem Maxillare aufsitzt oder bei Manis wahrscheinlich mit diesem ver-
schmilzt, was wohl auch bei Crocidura sacralis Peters der Fall ist. Auch
bei Bradypus, Choloepus und der Mehrzahl der fossilen Gravigrada er-
reicht es das Squamosum nicht, obwohl es ein erhebliches Ausmaß hat
durch einen l)edeutenden absteigenden Fortsatz. Daß übrigens auch bei
fehlendem Jugale ein Jochbogen vorhanden sein kann, zeigt Echidna und
Ornithorhynchus, wo ausschließlich die Processus zygomatici des Maxillare
und Squamosum ihn aufl)auen. Daß letzterer bei Monotremen mit dop-
pelter Wurzel entsi)ringt, durch welche der Temi)oralkanal zieht, wurde
bereits hei'voi-gehoben. Derselbe tindet bei den ül)rigen Säugern wohl
einen Repräsentanten im obengenannten Foramen postglenoideum (Foramen
jugulare spurium) für die Vena jugularis externa^). Daß das Jugale sich
auch an der Bildung der Gelenkgrube für den Unterkiefer beteiligen kann,
wurde auf p. Ö2 hervorgehoben.
Wenden wir uns von dem orbitalen (sphenoidalen) Teil des Schädels
dem ethmoidalen zu, der das Geruchsorgan enthält, so linden wir, mehr
noch als wie für die Augenhöhle, Gesichtsknochen füi- die Umwandung der
Nasenhöhle verwandt. Die Komi)likation dieser Höhle, eine Folge der
hohen und für die Säuger charakteristischen Ausbildung dieses Sinnes-
1) H. Wingc huldigt einer anderen Auffassung, da er die dorsale Wurzel als
Verknöcheruug der Fascia temporalis über dem hintersten Hörn der Kaugrube be-
trachtet. Allerdings wird nach Hochstetter und van Bemmelen der Raum durch die
hintersten Bündel des Muse, temporalis eingenommen.
2. Schädel. Gl
organes, wird am leichtesten erfaßt, wenn wir vom Etlimoideum ausgehen.
Dieser Skeletteil entsteht aus dem vorderen Teil des Primordialcranium,
das sich als knorpelige Nasenkapsel nach vorn fortsetzt. Deren Seitenwände
umschließen die Nasenhöhle, die durch eine mediane Scheidewand: Sei)tum
narium cartilagineum, Mesethmoid, in eine linke und rechte Höhle
zerlegt wird. In dieser Knori)elkapsel ossifiziert als vorderes Schlußstück
der Schädelhöhle und als Fortsetzung des Präsphenoid, die Siebbeinplatte,
Lamina cribrosa. Ihre Lage ist bald eine horizontale, wie bei Echidna,
Elephas, Suidae, manche Xenartlira, Primates, bald und zwar meist eine
geneigte, die schließlich eine vertikale werden kann. Mit Huxley kann
man demnach einen Siebbeinwinkel konstruieren (Fig. oG), der sich zwischen
einem flachen und rechten bewegt. Die verschiedene systematische Stellung
der genannten Tiere mit horizontaler Siebplatte. l)eweist aber, daß diese
Lagerung nicht Ausfluß einer einzelnen gemeinschaftlichen Ursache sein
kann. Doch kann man im allgemeinen sagen, daß bei stärkerer Ent-
wickelung des Gehirns dasselbe das Geruchsorgan überdeckt, und damit
die Siebplatte aus ihrer ursprünglich mehr vertikalen Lage in eine mehr
horizontale drängt. Bei Echidna war bei dieser Lageveränderung wohl
die starke Ausljiidung der Lobi olfactorii von Einfluß, obwohl bei anderen
Säugern die gleiche Ausbildung nicht diese Folge hat. (Vergl. übrigens
Geruchsorgan.)
Die Siebplatte verdankt ihren Namen den zahlreichen, sie durch-
bohrenden Löchern; die durchtretenden Geruchsnerven gehen zum peri-
pheren Geruchsorgan. Nur bei Ornithorhynchus tritt der Nervus olfac-
torius, wie bei Sauropsiden durch ein einzigesLoch (Foramen olfactorium)
in der, nach van Bemmelen winzigen, aber vei-fikalen Siebplatte.
Das hintere Stück des Mesethmoid (des knorpeligen Septum). dort
wo es in der Medianhnie an die rostrale Fläche der Siebplatte grenzt,
verknöchert zur Lamina perpendicularis. Ventralwärts von derselben
entsteht das Vomer als Belegknochen des Septum. womit das Septum
osseum der erwachsenen Nasenhöhle geformt ist. das vorn in das un ver-
knöchert bleibende Septum cartilagineum übergeht.
nin. ni ^'^ ' T? / Ic.io
Fig. 47. Längsschnitt durch den Schädel von Manis javanica. c Con-
dylus; / Frontale; fc Fossa cerebralis; fch Fossa cerbellaris; fo Fossa
oifactoria; Ic Lamina cribrosa; mt Maxilloturbinale ; n Nasale; nt Naso-
turbhiale; ntu nasales Stück desselben; p Parietale; ^Eingang in den
Sinus frontalis; sm Eingang in den Sinus maxillaris; so Supraoccipitale
;
2 — 7 Ethnioturbinalia.
Die Lamina perpendicularis teilt sich dorsal in eine rechte und linke
Platte (Ala laminae perpendicularis), die ventralwärts umbiegt und als
Seitenplatte des Ethmoid (Lamina lateralis Dursy, Lamina maxillaris
Seydel) die Außenwand desselben bildet. Jede Platte biegt darauf aber-
G2 n. Skelet.
mals um, strebt dem ^'entl'alran(le der Lamina perpendicularis zu. ver-
einigt sich hinten mit ihr und l)i]det damit als Lamina transversahs
[Harrison Allen] oder Lamina terminalis [Zuckerkandl] den unteren Ab-
schluß der Regio olfactoria der Nasenhöhle, gegenüber der Regio
respiratoria derselben.
Li ersterer liegt das Siebbeinlabyi'inth. Dies kommt dadurch zu-
stande, daß Knochenplatten: sogenannte Muschehi (Conchae), die man besser
Ethmoturbinalia nennt, mit ihrem Hinterrande an die Siebbeinplatte,
mit ihrem Außenrande an die Lamina lateralis geheftet sind, mit ihrem
freien Rande aber der Scheidewand der Nasenhöhle und dem vorderen,
res])iratorischen Räume der letzteren sich zuwenden. Diese Ethmoturbinalia
sind in der Regel an ihrem freien Rande eingerollt der damit den Riech wul st
bildet, gegenüber ihrer Basallamelle. mit der sie festgeheftet sind (Fig. 47).
Unter ihnen nimmt zunächst das erste eine Sonderstellung ein, da
es nur in seinem hinteren Abschnitt vom Ethmoid, vorn aber vom Nasale
ausgeht und daher als Nasoturbinale unterschieden wird. Es erstreckt
sich zuweilen bis zur knöchernen äußeren Nasenöffnung. Von den übrigen
Ethmoturbinalia dehnt sich ein Teil medialwärts bis an das Septum aus.
Ein paraseptaler Schnitt durch die Nasenhöhle legt demnach ihre Riech-
wülste (die medialen Zuckerkandis) l)loß. Sie werden Endoturbinalia
(Hauptmuscheln Seydel) genannt, gegenüber den Ektoturbinalia (Neben-
muscheln Seydel), die zwischen den Basallamellen der Endoturl)inalia ent-
springen und Platz suchen (Fig. 112). Lire Riechwülste (die lateralen Zucker-
kandis) liegen daher mehr lateral. Sie fehlen bei Ornithorchynchus, verschwin-
den auch zuerst bei Reduktion des (xeruchsorganes (Primates, Prosimii) und
sind phylogenetisch wohl sjjätere Bildungen als die Endoturbinalia |SeydelJ.
Ausnahmsweise kann auch die Schleimhaut des Septum Anlaß geben zur
Bildung von sei)talen Ethmoturbinalia (Echidna, Dasypus, Choloepus).
Weitere Komplikationen sollen beim Geruchsorgan zur Sprache kommen.
Hier genüge darauf hinzuweisen, daß die Ethmoturbinalia als Schleimhaut-
wülste entstanden, in denen Knori)ellamellen sich bildeten, die darauf erst
mit Hinter- und Außenwand der Nasenkapsel sich verbanden. Die Ver-
knöcherung des Labyrinths und seiner Wände ist eine zarte, und wo
letztere mit anderen, die Nasenkapsel überlagernden Knochen in Berührung
kommen, eine ganz unvollständige. Hier treten eben diese Knochen als
Deckmaterial auf. So wird die Nasenhöhle oben durch die Frontalia und
Nasalia überdeckt.
Die Nasalia, die Hautknochen sind, schließen, mit Ausnahme von
Echidna, auch von oben her die äußere Nasenöftnung ab. Liegt diese, was
Regel ist, am Vorderende des Schädels und ist dessen Gesichtsteil lang,
so folgt daraus auch langgestreckte Form der Nasenlieine. Sind aber die
Nasenlöcher stirnwärts gerückt, wie bei Cetaceen, Sirenia, Ele})has, Macrau-
chenia, so erscheinen die Nasalia als kleine Knochenstücke, die mit den Fron-
talia fest verbunden sind. A'erkürzung derselben hat auch liei Pinnii)edia
und beim Tapir statt.
Auch das bereits besprochene Lacrymale ist ein Belegknochen der
Nasenkapsel.
An der Umgrenzung der Nasenhöhle im weiteren Sinne beteiligt
sich ferner das Maxillare, das am Aufbau der Seitenwand derselben mit-
hilft. Es gibt hier den Boden ab, auf dem sich in einer Schleimhautfalte
das Maxilloturbinale entwickelt. Diese sogenannte untere Muschel
2. Schädel. 63
(Conclia inferior, Os turbinatumj soll wegen ihrer taxonomisclien Be-
deutung beim Geruchsorgan nochmals erwähnt werden, obwohl sie aus-
schließlich Beziehungen zur Respiration hat und keine zur Endausbreitung
des Geruchsnerven.
Weiter hat das Maxillare mit seinem Gaumenteil: Processus pala-
tinus. der vom zälmetragenden Alveolarrand des Maxillare horizontal nach
innen vorspringt, Anteil an der Bildung des knöchernen Gaumens, Pala-
tum durum, der als Dach der Mundhöhle gleichzeitig Boden der Nasen-
höhle ist. Gleiche Funktion halben das Gaumenbein: Palatinum, der
Zwischenkiefer: Intermaxillare oder Prämaxillare. teilweise auch das Pterygoid.
Zu dem Zweck haben die beiden ersten einen horizontalen Gaumenteil,
daneben aber einen vertdvalen, der die Nasenhöhle begrenzt.
Das Intermaxillare ist ein Hautknochen, der beim Menschen und
den Antropomorphen frühzeitig mit dem Maxillare verwächst, bei Chiroptera
oft nur teilweise oder gar nicht verknöchert. In letzterem Falle ist der
Kiefei'rand vorn offen. Mit seinem vertikalen Stück schiebt er sich im
allgemeinen zwischen Maxillare und Nasale zuweilen bis zum Frontale,
und begrenzt mit dem Nasale die äußere Nasenöffnung. Nur bei Echidna
Fig. 48. Lepus cii-
niculus. Linke Nasen-
höhle von der Seite ge-
öffnet, aj vordere Oet'f-
nung des Jacobsonschen /zs.{\. *^»<^^ Sn
Organs; es knoipelige
Wand des Canalis naso-
palatinus (Stensonschen
Ganges); E Ethmoid; A ^^-''^'^-'"""''^ --?"- ' (fi^
F Frontale; je Jacob-
sonschcr Knorpel; AI ^ ^^ ^
Maxillare; A'Nasale; wi-, \f^ "^ -''-'''' vo'" ^ p^
ns' änßeres ii. inneres ^
Blatt des Alinasalknor-
pels; PI Palatinum; pp Processus palatinus des Intermaxillare; PS Praesphenoid; Sp
Septum narinra; vo Vomer; vo' p^lügel des Vomer, den knöchernen Boden des oberen
Nasenganges bildend; vo" Gaumenteil des Vomer. x 2. Nach G. B. Houes.
wird diese ausschließlich von den Intermaxillaria umgeben, die sich also
dorsal berühren. Andere ^Verhältnisse liegen beim fossilen Grypotherium
vor, wo der Vorderrand der großen Intermaxillaria sich vertikal erhebt zu
einem schmalen Bogen, der mit den Nasalia sich verbindet und damit in
ganz einzig dastehender Weise jedes Nasenloch knöchern umi-andet [Reinhardt]
(s. die betreffende Fig. bei Xenarthra). Diese Knochen weichen bei Mono-
tremen auch dadurch ab, daß sie einen Processus accessorius [v. Bemmelen]
haben, der ihrem ventralen Teil angehört, ursprünglich als selbständiger
Knochen auftrat und beim Ornithorhynchus zeitlebens eine gewisse Selb-
ständigkeit bewahrt. Er darf nicht mit dem Gaumenteil, Processus
palatinus, des Intermaxillare verwechselt werden. Im gewöhnlichen Ver-
halten bildet dieser den vorderen Abschluß des Gaumens. Was als solcher
beschrieben wird, sind aber, zunächst nach Howes, nicht lauter homologe
Gebilde, die in einer Anzahl von Fällen überhaupt nicht dem Inter-
maxillare, sondern dem Vomer angehören. Bei der Verlängerung der
Nasenhöhle das Säuger muß das A'omer dieser folgen, es will aber gleich-
zeitig seine ursprünglichen Beziehungen zum Intermaxillare wahren. Dies
gibt Anlaß zur Abspaltung durch Absorption von vorderen Teilen und zur
•^
u II. Skelett.
^'ermel]lung der ^'omerknochen (s. Fig. 48), von denen Parker verschiedene
beschrieben hat. Was er vordere paarige Vomer nennt, tritt namenthch
bei langnasigen Tieren anf und zwar bei primitiven, wie Centetes, Erinaceus.
Rhynchocyon, Talpa, Sorex, Cyclothiirus, Tatusia. Manis, Orycteropus [Howes]
/ ^^ \ '^
rri n
Fig. 49. Kopf von Kaninchenembryonen; I und II von 11 Tagen 2 Stunden von
der Seite und von vorn, III und IV etwas älter, von vorn, x 15. Nach Rabl. a
Augenblase; / Mündung des Jacobsonschen Organs; /«, vui lateraler, medialer Nasen-
fortsatz; N Nasengrube; ok Oberkieferfortsatz; o?n Olirmuschelanlage aus Hyoidbogen
II; -Rb Retrobranchial leiste; S Schnittfläche des Herzens; Sc Sinus cervicahs; id'
Unterkieferfortsatz; / Mandibular bogen; // Hyoidbogen; ///, IT', i u. 2 Branchialbogen.
Die Ausbildung des Gaumenteils des Intermaxillare ist eine ver-
schiedenartige, wie die des Intermaxillare überhaupt. So erscheint er bei
Cetaceen nur an der äußersten Spitze des Gaumens ; die Chiroi)tera wurden
schon genannt. Nach der gebräuchlichen Auffassung trägt er die oberen
2. Schädel, primitiver Gaumen. 65
Cart
p.arasent
Schneidezähne. Deren Ab- und Anwesenheit, Zahl und Größe beeinflußten
diese Verschiedenheit. Bezüglich des Gaumenteils spielen aber auch andere
Faktoren eine Rolle, die noch lange nicht aufgeklärt sind, wie folgende
Andeutungen zeigen werden.
Zum Verständnis des primitiven Gaumens und damit auch des
primitiven Bodens der Nasenhöhle haben wir uns zu erinnern, daß mit
dem embryonalen Schädel
sich das \'isceralskelet
verbindet: ein Erbstück
der durch Kiemen atmen-
den Voifahren. Zwar
kommt es bei Säugern
nicht mehr zur Anlage
von Kiemen , selbst die
hinteren Kiemen spalten
fehlen, wohl aber werden
noch fünf paarige Kiemen-
bogen, von denen vier auch
äußerlich sichtl)ar sind,
angelegt. Was aus ihnen
wird, soll uns unten be-
schäftigen. Hier berührt
uns nur, daß, wie auch
sonst bei Wirbeltieren,
der erste ^'iscel•albogen
sich spaltet in ein rosti'ales
und kaudales Stück, welche
die Mundötfnung umfassen.
Aus dem rostralen oder
cranialen Stück , dem
Oberkieferfortsatz,
entwickelt sich das Ptery-
goid, Palatinum und Maxil-
lare. In welcher Weise
sich im kau dal en Stück,
dem Unterkieferfort-
satz, der als Meckelscher
Knorpel bekannte Knorpel-
stab entwickelt und in Ver-
bindung mit ihm der
Unterkiefer, werden wir
später sehen.
Inzwischen sendet das
Vorderende des embryo-
nalen Schädels einen un-
l)aaren, median gelegenen
Fortsatz, den Z wisch en-
kieferfortsatz oder
Stirnnasenf ortsatz
nach abwärts, der damit den oberen Mundrand l)ildet. Hier entstehen
jederseits durch Verdickung des Epithels und Einstülpung die Nasengruben,
W o Vi e 1' , Säugetiere. ^
öe/il
Fig. 50. Kiiorpclioe Naseiikfipsel eines Beutel-
jungen von Halmaturus von ],.ö cm Länge; nach einem
Modell; Veiitralfläehe. Ac vorderer geschlossener Teil
der Kai^sel (Annulus cartilagineus Spurgat); die Car-
tilago pararaseptalis umschließt vorn röhrenförmig das
Jacobsonsche Organ, ist durch einen Spalt von Sep-
tum narium (Sept.) getrennt und hängt hinten mit
der Schlußplatte, Lamina terminahs zusammen; A p.
11. ext. äußere Nasenöffnung; D. n. 1. Eintritt des
Tränenkanals in die Nasenkapsel ; Ch Choane. Nach
Sevdel.
m 11. Skelet.
wodurch der Zwischenkieferfortsatz distal in den medianen und die beider-
seitigen lateralen Nasenfortsätze zerlegt wird, die den Eingang in das
primitive Geruchsorgan umgeben (Fig. 49 w«, ///). Bald aber tritt die
Beteiligung des Oberkieferfortsatzes in den \'ordergrund. Er verdrängt
den lateralen (äußeren) Nasenfortsatz und verbindet sich mit der Anlage des
Zwischenkiefers im Zwischenkieferfortsatz, welcher den medianen (inneren)
Nasenfortsatz in sich aufnimmt. Damit kommt ein geschlossener Mund-
rand, der primäre (räumen, zu stände. Obei-halli desselben liegt jetzt der
Fig. 51. Scliemati.sierter
Sagittalschnitt durch clieNasen-
hölile eines Säugetiers, p — a
Apertura nasalis interna; Sckl
Schlußplatte; C/ Canalis naso-
palatinus; Gf sekundärer Gau-
men; UA'sg- unterer Nasengang;
J/ax turb Maxillo-turbinale; d
dessen vordere Verlängerung;
Dnph Ductus naso-pharyngeus.
Nach Seydel.
^cU Of.
ursprüngliche Geruchssack als Blindsack, welcher der Mundiachenhöhle
gegenüber geschlossen ist durch die zarte Membrana bucco-nasalis [Hoch-
stetter]. Diese Ijricht durch und damit der A^erschluß, so daß jetzt das
(leruchsorgan oder der Nasenraum, der durch das äußere Nasenloch, die
Apertura nasalis externa, nach außen sich öffnet, durch die Apertura interna
oder die primitive Choane in den Mundraum mündet. Mit dem Wachs-
Fig. 52. Längsschnitt durch den Schädel von Hydrochoerus capybara. E Eth-
moid; ^i' Ethnioidmuscheln ; /t Foranien condyloideum
;
//ö' Foramen lacerum anterius
und/// posterius; Mt Maxillo-turbinale; Nt Naso-turbinale; 67 Canalis incisivus. Uebrige
Buchstaben wie in Fig. 37, p. 44. ^o-
tum des Schädels erfolgt die Längenzunahme des Nasenraumes, wodurch
jederseits die Ai)ertura nasalis interna zu einem Spalt sich auszieht. Der-
selbe liegt am Boden der inzwischen formierten knorpeligen Nasenkapsel
und entspricht dem Choanenausschnitt der Reptilien [SeydelJ, In den
Boden dieser Kapsel sendet das sich bildende Maxillare und Palatinum
nach einwärts horizontale Gaumenfortsätze, die, in medialer Richtung weiter
wachsend, sich schließlich in einer medianen Naht vereinigen und dem
2. Schädel, Bikluns; der Nasenhöhlen. 67
hinteren Teil der Apertura nasalis interna unterlagern. Damit ist der
sekundäre Gaumen zu stände gekommen, der eine Verschlußplatte der
Apei'tura gegenüber der Mundhöhle bildet, deren Dach eben dieser Gaumen
bildet. Dieser Verschluß geschieht aber so, daß die Apertura interna
zunächst geräumig mit der hinteren ^Mundhöhle, der Rachenhöhle, in ^^er-
bindung bleibt durch einen längeren oder kürzeren Ductus naso-pha-
ryngeus, der durch die Choanen sich öffnet. Ventral wärts und seitlich
wird er beim erwachsenen Tier begrenzt durch das Maxillare und Pala-
tinum, teilweise auch durch das Pterygoideum. Die dorsale Begrenzung
liefert der ventrale Teil der Nasenkapsel namentlich die obengenannte Lamina
terminalis, sowie die hinter ihr liegende Basis cranii (Praesphenoid etc.).
Außerdem bleibt aber der vorderste Teil der beiden Aperturae nasales in-
ternae eihalten und auch beim erwachsenen Tier wegsam. Er liegt dann
zwischen dem Hinterrand des Intermaxillare und dem Vorderrand des Maxillare
und zwar zwischen deren Gaumenfortsätzen. Es sind am knöchernen Koi)f
die Foramina incisiva (F. palatina anteriora), an dem mit Weichteilen be-
kleideten die Canales naso-palatini (C. incisivi) oder Stenson sehen
Gänge, die den vordersten Teil der Nasen- und der IMundhöhle verbinden.
Verschluß dieser Gänge hat statt bei Cetacea, Chiroptera, Pinnipedia und
Homo; Wegfall der Foramina incisiva aber nur bei Cetacea.
Alles spricht dafür, daß die Canales naso-palatim entstanden in Ver-
bindung mit, wahrscheinlich selbst bedingt durch das Jacobsonsche Organ
[Seydel]. Dies ist ein accessorisches Geruchsorgan, das eine teilweise mit
Riechepithel bekleidete epitheliale Röhre
bildet, die jederseits von der Scheide-
wand der Nasenhöhle an deren Boden
liegt. Ursprünglich mündete es am
Vorderrande der Apertura interna in
die Mundhöhle aus; dort, wo später
bei Verschluß der Apertura der Cana-
lis naso-palatinus ausgespart bleibt.
Später, bei Bildung des sekundären
Gaumens, wahrt er seine altererbten
Beziehungen zur Mundhöhle dadurch,
daß er sich öffnet in den Stensonschen
Gang. Nur bei Rodentia mündet es
jederseits vor der nasalen Oeffnung dieser
Gänge aus, vielleicht infolge des Ein-
flusses, den die Nagezahn-Alveolen auf
diese Teile des Schädels ausüben [Seydel].
Ueber diese Fragen vergleiche
man aber den Abschnitt über das Ge-
ruchsorgan. Hier sei nur noch darauf
gewiesen, daß das Jacol)sonsche Organ, sches (Jrgan; r/> Papilla palatinu.
von einem verschieden geformten Knorpel
umscheidet wird. Dieser Jacobsonsche Knorpel gliedert sich vom Boden
der knorpeligen Nasenkapsel ab, neben dem Septum, daher seine Name para-
septaler Knorpel [Si)urgatJ (Fig. 50 u. 54). Seine Verbindung mit dem hin-
teren Teil der Kapsel verliert er, wofern er sie überhaupt gehal)t hat, z. B. bei
Marsupialia [Seydel]. Mit dem vorderen Teil bleil)t er aber in \'erbindung,
bei vielen Säugern zeitlebens. Damit erweckt er den Anschein, vom ^'order-
Fig. .")3. Modell des Munddaches, ohne
Schleimhaut, eines Echidna- Embryos;
nach Seydel x 33. C7? primitive Choane;
E Eizahn; 6'Gaumenplatte;y(' Jacobson-
68 II. Hkelet.
Stück des Septum auszugehen (recurrent cartilage Parker) und sich nach
hinten frei zu ersti-ecken. Er macht selbst den Eindruck genetisch zu-
sammenzuhängen mit einer von dem Mesethmoid nach vorne sich erstreckenden,
denniach i)räse])talen Knorpehnasse. Solclie tindet sich beim Kall), bei
Chiroptera; als Rüsselknorpel beim Schwein. Tapir; sie kann von Ver-
knöcherungen überdeckt werden und damit Anlaß werden zu dem Os
l)raenasale. wie z. B. Talpa. Bradypus, Choloepus. Dasypus, teilweise
als paarige Knochen es haben.
Solclie Rüsselknochen und ihre knori)elige Grundlage begrenzen die
äußeren Nasenlöcher, liegen dorsal ^'om Intermaxillare, haben keine Be-
ziehung zum Gaumen, ebensowenig zu den Canales naso-palatini. Sie sind
daher zu unterscheiden von Knorpel-
massen, die z. B. bei Marsujjialia
zwischen der Ausmündung dieser
Kanäle liegen, bei Ornithorhynchus
die Gi-undlage des Schnabels l)il(len
und differenzierte Teile der Nasen-
kai»sel sind. Eher sind sie als Fort-
l)ildungen aufzufassen der knori)e-
ligen Basis der Nasenflügel, Carti-
lagines alares, die häutig kompli-
zierte Differenzierungen sind der
knori)eligen Nasenkapsel.
Fig. 54. Knorpelige Nasenkajisel von
einem Echidna - Embryo in ventraler An-
sicht. Prim. Bod. geschlossener Boden
des Vorderendes der Nasenkapsel, aut dem
median das Septum narimn ruht. Dasselbe
umfaßt mit der Schlußplatte Schi, und
mit der Außenwand die primitive Choane.
In diese ragt die Anlage des MaxiUo-turbi-
nale hinein. In sie ötfnet sich die äußere
Nasenöffnung [Ap. nas. ext.) und hinten
die Fossa oltactoria {F. olf.). C. parasept.
Cartilago paraseptalis oder Jacobsonscher
Knorpel. Nach Seydel.
€/)c>fra.sejai
fJac)
€ran
Ein viel l)esprochenes Knochenstück von Ornithorhynchus liegt vor
dem Vomer am Gaumen. Es entstand paarig, begrenzt die Foramina
incisiva von innen her, hat Beziehungen zum Jacobsonschen Organ, und
kann daher wohl mit den Processus palatini der Intermaxillaria verglichen
werden, bietet aber Besonderheiten genug, um es mit Broom als Prä-
vomer zu unterscheiden.
Dieser Exkurs in ein Gebiet, das der Genese des Schädels und dem
Geruchsorgan angehört, konnte nicht umgangen werden, sollte der eth-
moidale Teil des Schädels einigermaßen verständlich werden. Zum
knöchernen Schädel zurückkehrend, begegnen wir dem Palatinum: dessen
(iaumenfortsatz die hintere Partie des harten Gaumens darstellt, meist auch
dessen Hinterrand, Zuweilen wird letzterer durch die Pterygoidea gebildet.
Dies ist der Fall l)ei Cetacea, wo sich diese Knochen in manchen Arten
bis zur Berührung in der Medianlinie nähern. Auch bei Myrmecophaga
und Tamandna haben sie horizontale Guumenfortsätze, die sich in der
2. Schädel, Schädelhöhlc. 69
Medianlinie vereinigen nnter gleichzeitiger Verlängerung nach hinten, so
(laß die Choanen am Hinterhaupte liegen. Charakteristisch für Marsu-
pialia und einzelne Insectivora ist, daß die Proccesus palatini vielfältig
durchl)ohrt sind. Die Rodentia bieten das Gegenteil, da ihr Gaumen in
longitudinaler Richtung schmal ist, so daß sein Hinterrand sich beim Hasen
in der Höhe der Prämolaren findet. Nur ausnahmsweise tritt das Vomer
an der (iaumenHäche zu Tage; bei Cetaceen kann dies zwischen den Pala-
tina statthaben; im jungen Schädel von Orycteropus und Manis zwischen
den Maxillaria und Intermaxillaria, desgleichen bei Echidna. Dagegen wird
das Vomer gewöhnlich in seinem dorsalen Stück zwischen den horizontalen
Platten gefaßt, welche die Palatina an der Basis cranii, als Dach der
Choanen aussenden. Sie gehen aus vom vertikalen Teil des Palatinum,
der vielfach auch als Os planum in der Augenhöhle zu Tage tritt. Auch
stellt er die Seitenwand des Ductus naso-pharyngeus an seiner Aus-
niündung durch die Choanen dar.
Hieran nimmt auch teil das Pterygoid: der Processus pterygoideus
internus si)henoidei des Menschen, der bei Säugern ein selbständiger
Knochen bleibt, vorn mit dem vertikalen Teil des Palatinum sich ver-
einigt, oben mit der VentralHäche von Basi- und Präsphenoid, außen mit
dem Processus pterygoideus alisphenoidei. Die Vereinigung mit letzteren
kann so sein, daß zwischen beiden, von der Schädelbasis nach abwärts
strebenden Knocheni»latten, von denen der eine dem Gesichtsschädel an-
gehört, der andere vom Chondroci'anium ausgeht und vielleicht dem Pro-
cessus basipterygoideus der Saurier zu vergleichen ist, eine Grube ent-
steht. Diese Grube ist als Fossa pterygoid ea bekannt, sie heißt auch
wohl Fossa ectopterygoidea im Gegensatz zum Raum, der zwischen
dem rechten und dem linken Pterygoid liegt und F, mesopterygoidea
genannt wird. In anderen Fällen liegt der Processus pterygoideus dem
Pterygoid von außen und hinten innig an. Noch sei hervorgehoben, daß
nach Wincza die Pterygoidea durchaus nicht als Deckknochen, sondern aus
selbständigen Knorpeln entstehen, die mit den übrigen Kopfknori)eln
beinahe gleichen Alters zu sein scheinen.
Die Schädelhöhle (Cavum cranii) ist uns, was ihre Umwandung
betrifft, bekannt geworden. Die beim Menschen gebräuchliche ^^erteilung
ihres Bodens in eine vordere, mittlere und hintere Schädelgrube ist bei
Säugern im allgemeinen nicht mehr anwendbar, wenigstens nicht, wenn wir
von Primaten absehen, für die mittlere und vordere Schädelgrube. Letztere
verdankt ihre Ausbildung der Zunahme der Hemis[)hären, die im frontalen
Segment sich ausdehnen und damit die Nasenhöhle und die Augenhöhle
überdecken. Daraus folgt die bereits hervorgehol^ene horizontale Lage
der Siebplatte und des orbitalen Teils des Frontale, das die Augenhöhle
überdacht. Namentlich bei niederen Säugern tritt die vordere Ausdehnung
der Hemisphären zurück. Vor ihnen lagern sich die Lobi olfactorii. Dem-
entsprechend zeigt das Cavum cranii am vordei'en Teil eine plötzliche
Einschnürung, entsi)rechend dem \'orderrande der Hemisphären und davor
einen engeren Raum, der eben diese Lobi enthält.
Auch die Ausdehnung der Hemisi)hären nach hinten ist geringer als
beim Menschen. Demgemäß liegt das Cerebellum unbedeckt zu Tage hinter
dem Großhirn. Dies äußert sich am Schädel durch vertikale Stellung des
Supraocci])itale im Gegensatz zur horizontalen beim Menschen, und in
Verl)indung damit in der hervorgehobenen ventralen Lage des Foramen
70 II- Skelet.
magniim bei letzterem, im Gegensatz zu der vertikalen, nach hinten ge-
richteten bei Säugern. Die cerebellai'e Höhle, die der hinteren Schä(lelgrul)e
des Menschen entspricht, liegt dadurch nicht venti'al und hinter dem Foramen
magnum, wie beim Menschen, sondern dorsal und vor dem genannten
Loch. Somit folgt auf die olfaktorische Höhle, Fossa olfactoria, die
cerebrale. Fossa cerebralis, und dahinter die cerebellare. Fossa cere-
bellaris (vergl. Fig. 47 fo, fc\ fcb). Letztere beide scheidet der Sulcus
transversus, in welchem dei- venöse Sinus liegt; hcäufig auch die ausge-
dehnte Verknöcherung der Falte der Dura mater, welche das Tentorium
darstellt und damit zu einem Tentorium osseum wird. (Vergl. bei Gehirn.)
Mit Zunahme des Gehirns hat Zunahme der cerebralen Höhle statt.
in der Weise, daß sie das Schädeldach gewölbter macht und allmählich
die olfaktorische und cerebellare Höhle überlagert. Die Längsachse dieser
Höhlen, ursprünglich eine horizontale, wird damit, sozusagen, eine dorsal-
wärts konvexe. Das Längenwachstum der Schädelhöhle wird eben — wie
bereits oben hervorgehoben — beschränkt durch die frühe gewebliche
Konsolidierung der Basis cranii und durch die Wachstumsenergie der Nasen-
kapsel und ihrer Derivate.
^'om Boden der Schädelhöhle verdient noch hervorgehoben zu werden
die Grube im Basisphenoid, welche die Hypophysis cerebri aufnimmt und
als Sattel grübe. Sella turcica oder Fossa sellae. bekannt und toi)isch
sehr Avichtig ist. Sie ist verschieden tief, wird hinten durch die Sattelleime,
Dorsum ephii)i)ii, l)egrenzt, neben der jederseits die Carotis interna ver-
läuft. Bei Monotremen und Marsupialia durchbohrt diese Arterie das
Basisphenoid (p. 4(5). Die vordere Begrenzung des Sattels bildet in erster
Linie das Tuberculum sellae, an der Grenze des Basi- und Präsphenoid,
das die Sehnervenlöcher scheidet.
Die Pneumatizität des Schädels wurde auf p. 40 als Bildung von
lufterfüllten Räumen in den Schädelknochen Ijeschrieben, die als Aus-
stülpungen von der Trommelhöhle und Nasenhöhle ausgehen und dem-
gemäß von innen mit Fortsetzungen der Schleimhaut der genannten Höhlen
bekleidet sind. Die tympanalen pneumatischen Räume wurden liereits
bei den Knochen der Ohrgegend l)esi)rochen. Bezüglich der nasalen
Räume ist festzustellen, daß sie den Monotremen fehlen. Erst l>ei Marsu-
pialia treten sie auf. Bei Thylacinus z. B. erstrecken sie sich weit in die
Frontalia und Parietalia. Owen erwähnt sie auch vom Oberkiefer, des-
gleichen Paulli l)ei Phascolarctus. Doch soll dieser Raum nicht dem
Sinus maxillaris homolog sein, der erst bei Monodelphia erscheinen
soll als Ausstülpung vom mittleren Nasengang aus, ol)erlialb des Maxillo-
turbinale. Seine ursi)rüngliche Lage ist im Maxillare, er kann sich aber von
hier in die benachbarten Knochen ausdehnen. Li analoger Weise kann Aus-
stüli)ung der Schleimhaut statthaben zwischen den Basallamellen der Ethmo-
turbinalia. Sie kann in das Frontale und die benachbarten Knochen ein-
treten und ist von alters her als Sinus frontalis bekannt. Außerdem
kann vereinzelt Pneumatisation einzelner Knochen vom Pharynx aus ge-
schehen [Paulli]. Solche Pneumatisation verursacht in verschiedenem Grade
Umformung und Vergrößei'ung der Schädelknochen, ohne deren Gewicht
zu vermehren. Dies ist eine Anpassung an verschiedene Zwecke: Ver-
größerung der Ursprungs- und AnsatzHäche von Muskeln; Ausdehnung des
Alveolenteils und der darüber liegenden Teile, um Raum zu gewinnen füi-
größere Zähne; \'erbi"eiterung der AnsatzHäche für Hörner und (ieweihe
2. Scbiidol, Unterkiefer. 71
u. s. w. Hiermit im Einklan,£i: steht denn auch, dati „der relative Umfang der
Pneumatizität von der Größe der Art in bestimmter Weise abhängig ist;
je größer die Art, nm so größer ist der Umfang, in den kleinsten Arten
fehlt die Pneumatizität vollständig"' [Paulli]. Dies schließt al)er nicht aus.
daß spezielle Verhältnisse des Schädelbaues der nasalen Pneumatizität ent-
gegenwirken, dieselbe auch bei großen Tieren, wie bei Cetacea, Sirenia.
Pinnipedia ganz aufheben oder sie beschränken : Hippopotamus z. B. Auch
können diese Nebenhöhlen der Nasenhöhlen liald sich von diesen ganz
emanzipieren, bald Ethmoturbinalia in sich aufnehmen und deren Entfaltung
Fig. 55. Unterkiefer von 1 Proechidna Bruyni, 2 Meles taxus, 3 Hydrochoerus
capybara, 4 Erinaceus eiiropaeiis, 5 Halmaturus, ja von hinten, G Orycteropus capensis.
C Condylus; /. c Processus coronoideus; a Processus angularis. Mit Ausnahme von
Fig. 4 \., n. Gr.
l)efördern. Dies hat namentlich auch nach dem Prä- und Basisphenoid zu
statt und führt zur Bildung des Sinus sphenoidalis, der mehr den
Charakter bekommt eines Teiles der Nasenhöhle.
Der Unterkiefer, Maudibula. besteht aus einer links- und rechts-
seitigen Hälfte, die einander in der INIedianebene mit rauhen Flächen be-
12 IL Skelet.
gegiien und (hircli innige Knorpel- und Inindverbindung die Symi)liysis
m a n d i b u 1 a r i s darstellen.
Sie bleibt zeitlebens bestehen oder macht erst im Alter einer An-
kylosieiiing Platz. Zuweilen geschieht dies früher, z. B. beim Pferd l)ereits
fötal. Im allgemeinen wenig beachtet ist die von Teutleben bei Nagern
entdeckte Bewegiicldveit der beiden Unterkieferhälften gegeneinandei', die
auch bei Macropodidae und Soricidae sich findet und bei den Nagetieren
näher zur Si)rache kommen soll, wegen ihrer Bedeutung l^ei der Kau-
tunktion.
• In ih]-em oberen Band, dem Alveolarrand, tragen die Unterkiefer-
hälften Zähne. Hinten entsenden sie den Processus articularis, der
den Oelenkkopf: Condylus, trägt und vor diesem den Processus co-
ronoideus (Pr. temporalis) zur Anheftung des Musculus temporalis. Die
Höhe des Processus articularis ist bei einzelnen Insectivora und Chiro-
ptera, bei Chiromys und (laleopithecus |Leche], desgleichen bei verschiedenen
Xenarthra so gei-ing, daß der Condylus im Niveau der KauHäche der
Fio-. 56. Verschiedene Formen des Unterkiefergelenkes, in der oberen Reihe
von der Seite, in der unteren auf die Gelenkflächen gesehen. I. von Hydrochoerus
capybara, V.,. IL Meles taxus, \/„. III. Ccrvus juv. ',',. C Condylus; p. c Processus
coronoideus des Unterkiefers;/, g. Fossa glenoidea; p. f. Processus jugalis.
Backenzähne liegt, welche Lage nach Marsch für mesozoische Sänger
charakteristisch ist. Reduktion des Unterkiefers ])ei Aufhebung der Kau-
funktion, wie bei Cetacea, Monotremata. Manis und Myrmecoi)hagidae, äußert
sich in geringer Höhe der Unterkieferhälften, namentlich der genannten
Fortsätze, die rudimentär werden, so daß der Condylus nur wenig über
den Alveolarrand sich erhebt. Der Gelenkfortsatz bildet mit der Unter-
kieferhälfte einen Winkel (Angulus mandibulae) von verschiedener Größe.
Von hier aus entspringt bei niederen Säugern (Marsupialia, Insectivora,
Xenarthra, Rodentia) als Fortsatz der Processus angularis nach hinten,
der auch bei Monotremen, trotz der Reduktion der Kiefer, noch erkennbar
Schädel, Kiefergelenk. f3
ist (Fig. öö, /), Bei der Mehrzahl der Insectivora und einzehieii Rodeiitia
ist er durch den Ansatz des Musculus ])terygoideus internus zu einem
horizontal nach innen vorspringenden Blatt umgeformt (Plg. bö, j).
Der Condylus artikuliert mit der Gelenkgrube, Fossa glenoidea des
Schädels, welche das Squamosum liefert, an der sich aber auch das Jugale
und Alisi»henoid beteiligen kann (S. 52). Form und Ausdehnung dieser
Gelenkgrube und des Condylus ist abhängig von der Bewegung, die dieses
Kiefergelenk auszuführen hat, und die ihrerseits wieder abhängt von
dem Bau der Zähne und der Lage der Zalmreihen, vras alles aber schließ-
lich unter dem Einfluß der Art der Nahrung steht. Beim Gebiß kommt
daher dieser Punkt nochmals zur Sprache.
Die Bewegung des Kiefergelenks ist eine dreiartige, wie namentlich
Ryder und Cope darlegten.
Im einfachsten und ursi)rüngliclisten Fall ist es die eines Winkel-
gelenks (Ginglymus), mithin eine vertikale (orthale Ryder-Cope). Sie be-
gleitet die trituberkularen und bumdonten Gebisse; ist charakteristisch für
Tiere mit insektivorer und karnivorer Diät und äußert sich im Kiefer-
gelenk flurch einen Condylus, der walzenförmig, höchstens rundlich ist,
jedenfalls aber von der (ielenkgrube vorn und hinten derart umgriffen
wird, daß nur Auf- und Abwärtsbewegung möglich ist. Auch bei buno-
dontem Gebiß ist dies die übliche Bewegung, wie z. B. Dicotyles zeigt
(Fig. 57, 1). Doch erwirbt bereits bei dieser Gebißform, bei Erlangung
Fi,^. 57. Diagramme zur Versinnlichung der Bewegung des Unterkiefers u gegen-
über dem Oberkiefer o. 1 vertikale oder orthale, 2 mit seitlicher Exkursion; 3 ektale
und entale der Selenodonta; 4 Zerlegung der propalinalen der Kodentia in ihre Kompo-
nenten. Ueberall bedeutet der abw'Iirts gerichtete Pfeil die Richtung des Unterkiefers
nach abwärts. Mit Zugrundelegung von Figuren von Ryder.
omnivorer und schließlich herbivorer Diät (l)unodonte Ungulaten, Prosimiae,
Simiae), das Kiefergelenk größere P'reiheit, so daß Bewegung zur Seite
und solche von hinten nach vorn dadurch möglich wird, daß der Condylus
neben der ginglymischen auch Gleitbewegungen ausführen kann. Ist die
Gelenkgrube in sagittaler Richtung rinnenförmig und wird der Condylus
nur durch Bänder und Muskeln in seiner Bewegung nach vorn und hinten
beschränkt, so erhalten wir die antero-posteriore (propalinale Ryder-Cope)
Bewegung der Rodentia und der Elefanten. Das Umgekehrte hat bei den
loi)liodonten und selenodonten Ungulaten statt, wo an Stelle der antero-
posterioren die laterale oder transversale (ektale und entale Ryder-Cope)
Bewegung ausgiebig auftritt. Sie schiebt die Zahnkronen in transversaler
Richtung übereinander und zerreibt damit pflanzliche Nahrung. Ihr ent-
spricht ein einigermaßen walzenförmiger Condylus, der aber ungehemmt
auf der flachen Gelenkgrube seine seitlichen Bewegungen ausführt.
74 n. Skelet.
Somit erkennt man aus der Form des Kiefergelenkes die Kauweise,
die ihrei'seits einen Rückschluß gestattet auf den Bau der Zähne und auf
die Xahrungsweise (vergl. bei Gebiß).
Außer diesen mechanischen Fragen knüpfen sich alier auch andere,
von weitti'agender IJedeutung an das Kiefergelenk der Säuger. Es unter-
scheidet sich von dem aller übrigen recenten A'ertebraten so prinzii)iell,
daß dieses Gelenk allein genügen würde zur Charakterisierung der Säuger.
Bei ersteren besteht nämlich der Unterkiefer aus dem zähnetragenden
Stück, dem Dentale, dem Gelenkstück. Articulare, dem sich ventral das
Angulare anfügt. Weitei-e kleine Knochenstücke können wir als weniger
bedeutend und konstant ül)ergehen. Das Articulare artikuliert nicht direkt
mit dem Schädel, sondern durch Vermittlung des Quadratum. Dies ist
seinerseits entweder gelenkig verbunden mit dem Schädel, so daß es einen
bewegbaren Kieferstiel bildet (streptostyl), oder es ist fest damit verbunden
(monimostyl). Zweifelsohne ist Streptostylie der ursprüngliche Zustand,
aus dem sich der monimostyle wiederholt und unabhängig ausgebildet hat,
wie die Holocephalen. Anuren und monimostylen Rei)tilien beweisen.
Der Unterkiefer der Säuger besteht demgegenüber nur aus dem Dentale.
^'on diesem geht also ein Processus articularis aus. der mit dem Articulare
der nicht-mammalen Wirbeltiere nichts zu schatten hat, vielmehr eine Neu-
bildung ist, die mit dem Squamosum artikuliert. Ebensowenig entspricht
letzteres dem Quadratum. Dies ist wenigstens die heute verbreitete An-
sicht. Allerdings haben Albrecht, Cope. Baur und Ameghino auf Grund
paläontologischen Materials die alte Auffassung wieder aufgenommen, daß
das Quadratum dem Processus zygomaticus des Squamosum homolog sei.
Kaum l)ekannt ist geworden, daß F. Ameghino sich dabei auf Peltephilus,
einen eocänen Dasj'podiden beruft, dessen langer rechteckiger Processus
zygomaticus durch eine horizontale Naht geteilt ist in eine dünneres
oberes und ein umfangreicheres unteres Stück. Letzteres grenzt, durch eine
Naht getrennt, an das Tympanicum und trägt die Gelenkgrube für den
Unterkiefer (s. d. betreffende Fig. bei Xenarthra). Das letzte Wort in dieser
Angelegenheit ist also noch nicht gesprochen. Halten wir uns vorläufig
an die herrschende Meinung, so ist das Squamoso-mandibular-
(Squamoso-dental-) Gelenk der Säuger etwas anderes als das Quadrato-
artikular-Gelenk der übrigen Vertebraten. Es ist gegenüber diesem pri-
mären Kiefergelenk ein sekundäres. Wie kam es zustande, wo l)lieb das
Quadratum und Articulare V Das sind Fragen von weitreichender Be-
deutung, an die sich die Frage nach der Genese und der Bedeutung dei"
Gehörknöchelchen anknüpft. Ihrer Bedeutung entspricht der Umfang der
darauf bezüglichen Literatur; diese ist vorwiegend eine embryologische,
welcher gegenüber die vergleichend-osteologische. namentlich insoweit sie
auch Fossilien berücksichtigt, in den Hintergrund tritt, damit auch die
Resultate, welche letztere Betrachtung zeitigte.
Augenblicklich ist die embryologische Betrachtungsweise die herr-
schende ^). Was sie besagt, gibt nebenstehendes Schema II wieder. Dessen
1) Das Bild, das sie gibt, ist kein reines. Es ist häufig tendenziös verzerrt durch
die herrschende Meinung, daß die wichtige Frage, ob die Vorfahren der Säuger bei
Saurier-artigen oder Amphibien-artigen Wesen zu suchen sei, bereits zu Gunsten der
letzteren entschieden sei. Das Bild ist kein reines, da bei seinem Entwurf nur zu
häufig vergessen wird, daß es Umformungen gilt, die sich an lebenden "Wesen, nicht
an Alkoholkonserven vollzogen, welche die Funktion ihres Kiefers und ihres schall-
leitenden Ajiparates nicht zeitweilig sisticren konnten.
2. Schädel, Gehörknöchelchen. 75
Bedeutung erhellt aus einem A^ergieicli mit Schema I, das den Kiefer-
apparat eines Reptils wiedergibt. Hiernach ist das Articulare und Angulare
in die Trommelhöhle ge\Yandert und bildet jetzt den Hammer (Malleus):
das distale (lehürknöchelchen also, das an der Innenseite des Trommel-
fells hegt. Dasselbe artikuliert mit dem Amboß (Incus), der sich aus
dem Quadratum transformierte. Das Gelenk zwischen l^eiden entspricht
demnach dem ursprünglichen Kiefergelenk: aus einem quadrato-artikularen
wurde es ein incudo-malleales, während das übrigbleibende Dentale mit
dem Squamosum zum neuen Kiefergelenk der Säuger, dem squamoso-
dentalen, sich verband. Mit dem Incus artikuliert der Steigbügel (Stapes),
der wenigstens teilweise vom Hjoid sich herleitet und damit dem Stapes
(Cohimella) der übrigen, über den Fischen stehenden Vertebraten (Tetra-
poden, Stapedifera) wenigstens teilweise homolog ist.
C r a 11 i u in
Ou ad rat II in
Primäres oder cjuadrato-
artikulares Gelenk des
Unterkiefers.
Articulare:
: Dentale — Angulare :
/Unterkiefer der Vertebratax
\ non-Maramalia. /
II.
Sekundäres oder squamo-
so-mandibulares Kiefer-
trelenk.
Craniiiin
(Sq II am osii in)
Dentale
Unterkiefer derX
Mammalia. /
Ciiadratuni ^=Ambos)
;=^ Primäres Kiefergelenk
Articulare
Angulare
(^Hammer)
(Gehörknöchelchen j
Anlaß zu dieser Hypthese, die auf Reichert zurückgeht und nach
Gegenbaurs Vorgang in den kontinentalen Lehrbüchern vertreten wird, gab
wohl in erster Linie die Tatsache, daß ein Knorpelstab, der M ecke Ische
Knorpel, dei' dem ventralen Stück des Kieferbogens (1. ^'isceralbogen)
entspricht und um dessen vorderes (dentales) Ende das Dentale sich
entwickelt, embryonal bei Säugern zusammenhängt mit dem Malleus.
Dieser erscheint dadurch für die Mehrzahl der Forscher als Articulare
(und Angulare), der Incus aber als Umformung des Quadratum, beide
somit als Derivate des extramandibularen oder artikularen Teils des
Meckelschen Knorpels und des Quadratum. Andere Forscher [Huxley,
Parker etc.] leiten nur den Malleus vom 1. Visceralbogen her. Er ist für
sie das Quadratum. Der Incus aber, vielleicht auch der Stapes ein Derivat
des Hyoidbogens. Bei dieser Ansicht wäre dann das Quadrato-artikular-
Gelenk verloren gegangen oder l^esser ein Quadrato-hyomandibular-lielenk
geworden, da Incus und Stapes vom Hyomandibulare abgeleitet werden.
\'om Articulare heißt es, daß es bei Säugern nicht vertreten zu sein scheint.
Ueber das Tympanicum, das als solches nur bei Säugern auftritt
und daher mit diesen Umformungen im genetischen Zusammenhang stehen
TG II. Skelel..
muß, gehen die Ansichten auseinander. Auch über das Trommelfell das
bei Anuren, Sanropsiden und Mamnialia keine gleichwertige Bildung sein
kann für die vorgetragene Auffassung, für die ja die schallleitenden Organe
zwischen Trommelfell und I'enestra ovalis bei den genannten A'ertel)raten-
Abteilungen nicht homolog sein können.
Eine andere, teilweise ältere Anschauung, für die namentlich Peters
zu nennen ist und die in jüngster Zeit neben Albrecht, Dollo und Baur
namentlich durch (ladow in mannigfach geänderter Form vertreten wh'd.
betrachtet die (iehörkurjchelchen der Stapedifera ül)erall als homologe Teile.
Füi' sie ist das Trommelfell eine gleichwertige lUldung. Sie beruft sich
dabei auf die gleichartige Beteiligung des distalen Endes des Hyoidl)OgeDS
an der Bildung extratympanaler Teile bei Geckoniden [Versluys], Mouotremen
|RugeJ. Ein Aeqnivalent des extramandibularen Meckelschen Knorpels er-
l)lickt sie im Knori)e]- (Bindegewebs-)strang, welcher die Extracolumella
der Reptilien mit dem Articulare verl)indet. Für sie ist unerhndlich. daß liei
einem lebenden Organismus, der kauen und hören mußte und ein Quadrato-
artikular-Gelenk hatte, eben dieses Quadratum und Articulare in die Trommel-
höhle schlüpfte, sich mit dem Stapes verband, neue Beziehungen zum
Trommelfell gewann, während inzwischen ein neues Kiefergelenk entstand M.
Die Meinungen über dieses und ül)er den Verl)leib des Quadratum sind
bei dieser Anschauung verschieden; hier sei nur auf diejenige gewiesen,
die meint, daß das neue scjuamoso-dentale Kiefergelenk allmählich neben
dem alten entstand durch Abnahme und Verschiel)ung des monimostylen
(,)uadratum nach innen, das sich zum Tympanicum umbildete und damit
alte Lagebeziehungen Vtewahrte [Gadow].
Sf,
M
Fig. 58. Drei Stadia der Entwicke-
luiig des Kiefergelenkes der Säugetiere
durch Verschiebung des Quadratum
Q nach einwärts, Umbildung zum
Tympanieuiu Ty und direkte Artiku-
lierung der Mandibula mit dem Sqna-
mosum Sq; nach Gadow.
Weitere Meinungen aus der umfangreichen Literatur vorzulegen, ist
hier nicht der Ort. Die Bedeutung der Frage und die Billigkeit verlangte
aber neben die herrschende Meinung auch die zuletzt angedeutete zu
stellen, um so mehr als erstere neben anderen idiysiologischen und mori)ho-
logischen Fragen auch Antwort schuldet auf die Frage nach der AVertig-
keit der Membrana tympani in der Verteb ratenreihe, nach der Homologie
und Genese des Tympanicum der Säuger, nach dem Verbleib bei Säugern
der extrastapedialen Teile der nicht mammalen Stapedifera.
Vorstehendes führte uns wiederholt auf den Kiefei'- und Zungen-
beinbogen. Hier folge daher der Hinweis, daß von dem System vis-
ceraler Bogen, das den Vertebraten eigen ist, auch bei Säugern fünf auf-
treten. Der erste bildet den Kieferbogen, dessen ventrales oder kaudales
Stück: der Meckelsche Ivnorpel, bereits zur Si)rache kam. Auf seinem
dorsalen oder rostralen Stück entwickeln sich als Deckknochen das ]\Iaxil-
lare. Intermaxillare, Palatinum und Pteiygoid. Sie umfassen zusammen
mit der Mandibula die Mundhöhle. Auf diesen ersten visceralen Bogen
1) Diese Phase hat Gadow als Enigma der herrschenden Theorie bildlich vorgelegt.
2. Schädel, Visceralskelet. i i
folgt ein knorpeliger Apparat von vier Bogen, von denen die drei vor-
dersten, auch äußerlich sichtbar, als Bogen lieini Emliryo auftreten (Fig. öl),
vergl. auch Fig. 49). A'on diesen vier stellen die l)eiden vordersten den
Hyoidapparat, das sog. Zungenliein der Säuger dar, während die l)eiden
hintersten von den Marsu]nalia ab den Schildknorpel des Larynx l)ilden
[Gegenbaur, DuboisJ. Sie sollen beim Larynx zur Sprache kommen.
\'on den drei Bogen des Zungenbeinapparates entspricht der vordei'ste
dem Hyoidbogen (2. Visceralbogen) der übrigen Vertebraten. An ihm
unterscheiden wir ein unjjaares basales Stück, das Basihyale, den K()r])er
des Zungenbeins, von verschiedenem Ausmaß, der zuweilen einen medialen
Fortsatz, Glossohyale, zur Zungenwurzel sendet. Vom Körper gehen
dorsalwärts die zwei vorderen Hörner (Cornua anteriora) aus. Im liesten
Falle bestehen sie aus vier verknöcherten Stücken, die man mit Howes.
teilweise nach dem Vorgang von Flower, in proximo-distaler Richtung
1. Hypohyale, 2. Ceratohyale. 3. Stylohyale, 4. Tympanohyale
A
N.
Ä/
-/
Fig. 59. Vorderende von Kaninchenembrvoiien 1 von 1) Tage und 3 Standen
X 15. II Desgl. von vorn. III Stadium mit 4 Kiemenbogen, nach Rabl. « Vorwölbung
der primitiven Augenblase; //^v Herzwölbung; /// Mundbucht; o/c Oberkiefer-, r/k Unter-
kieferfortsatz des Mandibularbogens 7(1. Kicmenbogens); //Hyoidbogen; ///und IF.
1. und 2. ßranchialbogen ; Sr Sinus cervicahs umgeben von der Eetrobranchial leiste r.
uennen kann. Die Nomenklatur ist bei den Autoren leider keine gleich-
mäßige, da Stück 1 und 2 häufig Cerato- und Epihyale genannt wird.
Auch die hier gebrauchte soll nicht den Eindruck erwecken, als ob die
vier Stücke dem Hypo-, Cerato-, Epi- und Pharyngo-branchiale der Fische
gleichgesetzt würden. Das wäre erst noch zu beweisen. Dazu kommt,
daß das dorsale Stück des Hyoidbogens auch bei Säugern sich beteiligt
an der pjildung des Stapes; ferner ursprünglich auch, wie bei Geckoniden
[Versluys], an der Bildung des äußeren Gehörganges, wie Echidna be-
weist [G. Rüge].
Wichtig ist, daß das Tympanohyale mit der Basis des Perioticum
ankylosiert und im Tym])anicum eingebettet liegen kann vor dem Foramen
stylo-mastoideum (s. S. 53). Es kann sich mit dem Stylohyale ver-
einigen zur Bildung des bekannten Processus styloides des Menschen.
78 II. Skelet.
dessen ^^o^konlIllen liei einzelnen Primaten HoAves wahrscheinlich macht.
Dieser Autor wies nach, dai.} das Tympanohyale auch in, selbst hinter
(Lepus) dem Foramen stylo-mastoideum liegen kann und in letzterem
Falle sich vereinigt mit dem
Exoccii)itale. Häutiger ist das
Styloliyale durch Band oder
Knori)el mit dem Tymi)anohyale
vereinigt oder mit der entspre-
chenden Stelle am Periotico-tym-
panicum. Auch bei Reduktion
der vorderen Zungenljeinhörner
l)leibt diese ligamentöse Ver-
bindung mit dem Schädel ge-
wahrt.
Der zweite P)Ogen des
Hyoidapparates , demnach der
Fig. GO. I Zungenbein des Pferdes,
b Basihyale; h Hypohyale; c Cerato-
hyale; sh Stylohyale; 5 Knorpelstück
der Synchondrose mit dem am
Schädel festsitzenden Tympanohyale;
th Thyreohyale, mit dem Basihyale
verschmolzen. II von Myopotamu.s
coypus. Thyreohyale frei und mit
dem Thyreoid / verbunden.
dritte viscerale oder erste branchiale, wird zu den hinteren Zungenbein-
Hörnern, Cornua ])osteriora. Wegen ihrer genetischen und tedweise
Ideibenden \'erl)indung mit dem hinter ihnen liegenden thyreoidalen P)Ogen
(Cartilago thyreoidea der viviparen Säuger) heißen sie auch Thyreohyale.
Uebersichtlich liefert also der I. bis V. Visceralbogen folgende Tede
(Fig. Ol):
I. Kaudal den Meckelschen Knorpel, als Grundlage für die Mandi-
bula und nach gebräuchlicher Auffassung, für den Malleus und Incus.
Piostral die Grundlage für Maxillare, Intermaxillare, Palatinum und
Pterygoid.
II. Zungenbeinkörper mit den vorderen Hihnern und aus seinem
dorsalen Ende den Stapes und den Knorpel des äußeren Gehörganges.
III. Hintere Hörner des Zungenbeins.
IV.I Schildknorpel des Larynx oder seine Aequivalente bei Mono-
V.j" tremen.
Der Vollständigkeit halber sei hier gleich angedeutet, daß nach
Gegenbaur von weiteren Visceralbogen der:
VI. wahrscheinlich den Epiglottisknorpel : der
VII. den „lateralen Knori)el" liefert, aus welchem das primäre laryngo-
tracheale Knorpelskelet entsteht (Arytaenoid, Cricoid, Trachea).
Wiederholt kamen bereits Bemerkungen über die Genese einzelner
Schädelteile zur Sprache. Ohne solche wäre namentlich die Nasenhöhle,
die Mundhöhle, die tympanale Gegend, das Kiefergelenk unverständlich ge-
blieben. Die Entwickelung des Schädels als Ganzes, seine Metamorphose,
wie sie namentlich durch W. K. Parker und in neuester Zeit durch Gaupp,
2. Schädel, seine Entwickelung. 79
Fischer. Wiiicza gefördert ^vur(le, fällt außerhalb des uns gesteckten Zieles.
Hier kann nur angedeutet werden, daß man die Entwickelung des cere-
bralen Abschnittes von dem des visceralen Abschnittes des Schädels unter-
scheiden muß. Bei letzterem kommen nur die Teile des Visceralskelettes
in Betracht, die wir oben mit dem eigentlichen Schädel in Verbindung treten
sahen, um mit ihm zusammen schließlich den knöchernen Schädel zu bilden.
Der cerebrale Abschnitt, welcher das Gehirn undiüllt (Gehirnkai)sel)
ist eine Fortsetzung des Achsenskelettes des Rumpfes. Diese Zusammen-
gehörigkeit erhellt auch daraus, daß der Boden dieser Hirnkapsel in ihrem
kaudalen Teile von der Chorda dorsalis durchzogen wird. Dieser chor-
dale Teil ging denn auch aus Verschmelzung von verschiedenen Metameren
hervor. Im Gegensatz hierzu steht der vordere Abschnitt der Hirnkapsel,
in welchen die Chorda sich nicht mehr ersti'eckt, der daher prächordal ist.
A'. lar. yiip.
Tr. Oesoph. Postbr. K.
Fig. (31. Echidna-Embryo, Kopfdanii mit den Kiemen taschen von der Ventral-
seite mit schematischer Einzeichniing der Bestandteile der Kiemenbogen. C. or. Lumen
der Mundhöhle; HI, H II d\e Bogen des Zungenbeins; Th /, II die Thyreoidbogen
;
K I — 4 die Kiementaschen; j, 4, 6 die Gefäßbogen ; iV. lar. sup. X. laryngeus
superior; N. rec. N. recurrens; KTrigeminus; VII Facialis; /A' Glossopharyngeus; X
Vagus; XII Hypoglossus; Postbr. K. Postbranchialer Körper. Nach Göppert.
Im indifferenten mesodermalen Gewebe, welches anfänglich das Ge^
hirn umhüllt, entsteht zunächst basal eine Knorpelmasse um das vordere
Chordaende. An diese parachordale Knorpelmasse schheßen sich bald
vorn die Trabeculae cranii an. So entsteht das knorpelige Primordial-
cranium. an welchem man einen chordalen und einen prächordalen Ab-
schnitt unterscheiden kann. Da die Chorda bis zur Hypopliysis cerebri sich ei'-
streckt, so ist auch am erwachsenen Schädel der prächordale Abschnitt
vom chordalen leicht abgegi-enzt durch die Fossa hypophyseos. Hieraus er-
hellt, daß das Primordialcranium nicht als vollkommen homogenes Gebilde
entsteht; Wiiicza Ijemerkte auch sehr deutliche Grenzen zwischen Basisphe-
noid und den Alisphenoidea. Ferner ist es ein unvollständiges Gebilde; in
welchem Maße, schwankt bei den verschiedenen Ordnungen. Da es sich
80 II. Skolet.
hierl:)ei um erste Zustände des Scliädels handelt, die Anschlul,) an niediigere
^'ertebraten, namentlich engeren an Rei)tilien verraten, kann es nicht
wunder nehmen, daß der basale Teil des Hirnschädels massiY-knor})elig
angelegt wird. Das gilt auch für die Seitenteile und das Dach der occi-
pitalen Region. In der frontalen und parietalen Region dagegen ist in dem
Dach- und Seitenteil das Chondrocranium weit eingeschränkter, wenn auch
io,_
Fig. (j2. Orycteropus capensis-Embryo. x 1'/.,, nach W. K. Parker. Rechts
knorpeliges Cranium, links mit den Deckknochen, von der Ventralseite. A Alisphenoid;
B Basisphenoid ; ßO Basioccipitale; C Condylns; E Ethmoid, als dunkel gehaltene
IHUiktierte Knorpelmasse nach vorn sich ausdehnend bis zum narialen und aiinasalcn
Knorpel; e/y Tympanohyale; ^CExoccipitale; /^Frontale; £g Eossa glenoidea;// Foramen
incisivum;/w Eoramen magnum; /so Fenestra ovalis; />;- P'enestra rotunda; / Inter-
niaxillare; /A' Jacobsonscher Knorpel; / Jugale; J/ Maxillare; mm Manubrium mallei;
mT Membrana tympani; O Orbitosphenoid ; OA' Ohrkapsel ; /VPalatinum; /'/'Processus
jiaroccipitalis; /'6' Präsj)henoid; Pt Pterygoid; .i" Squamosum; J^O Supraoccipitale; sthy
Stylohyale; T Tympanicum; /" Vomer; 2" Zähne; // Nerv, opticus; /',,.,, 3, die 3 Aeste
des Nerv, trigeminus; 77/ Nerv, facialis; IX Nerv, glossopharyngeus; Ä'Nerv. vagus;
XI N. accessorius; XII N. hypoglossus.
3. Wirbelsäule. 81
in verschiedenem Maße. Volle Ausbildung hat es wieder in der Ethmoid-
region, wo es die ol^en und abermals weiter unten beim Geruchsorgan
behandelte ausgedehnte Xasenkapsel bildet, aus der das Ethmoid mit den
Ethmoturbinalia. das Mesethmoid, der Nasenknoi'i)el und Ossa praenasalia.
der Jacobsonsche Knorpel und seine Umgebung entstehen. Ein Bild eines
ausgedehnten Primordialcraniums gibt das Schwein [Spöndli. Parker], Talpa
[Fischer] und nebenstehende Figur von Orycteropus, Sie zeigt zugleich
die primäre und sekundäre Ossifikation.
Es wird genügen, hierbei noch eben anzudeuten, daß die Knorpel-
masse des chordalen Abschnittes, anfänglich nur basal entwickelt, seitlich
weiter um sich greift bis zur Konstituierung eines knorpeligen Ringes,
der die hintere Hirnmasse umgibt. In seiner basalen Partie gut, dorsal nur
schwach entwickelt, wird er seitlich ausgedehnt durch die knorpelige Ohr-
kapsel. Aus dem Knorpel dieser Hinterhauptsregion des Primordialcraniums
entwickelt sich das Basioccipitale. die Exoccipitalia und der hintere Teil des
Supraoccipitale, das Basisphenoid und die Alisphenoidea. Aus der knorpeligen
Ohrkapsel bilden sich das Petrosum und Mastoid.
Die übrigen Knochen (der vordere Teil des Supraoccipitale, die
Parietalia. das Squamosum) dieses chordalen Abschnittes sind nicht knorpelig
präformiert, sondern bilden sich direkt aus dem mesodermalen Gewel)e,
welches hier dorsal das imi)erfekte Primordialcranium schließt. Es sind daher
sog. Deckknochen oder Hautknochen. Der prächordale Teil bildet zunächst
die vordere Basis der Hirnkapsel, ist außerdem nur noch seitlich entwickelt,
schließt aber oben nicht, so daß hier die Hirnkapsel nur durch Weich-
teile gebildet wird. In dieser entwickeln sich demnach als Deckknochen
die Frontalia, während aus dem Knorpel basal das Präsphenoid und
lateral die Orbitosphenoidea sich bilden: Nach vorn setzt sich die Knorpel-
masse des Primordialcranium als Nasenkapsel fort. Teilweise verknöchert
sie (Ethmoid, Naso- und Maxilloturbinalia), teilweise bleibt sie knorpelig
(Septum narium, Jacobsonscher Knorpel), außerdem l)ilden sich in ihrer
Umgebung als Deckknochen die Nasalia. Lacrymalia und das Vomer.
3. Wirbelsäule.
Die Wirbelsäule. Columna vertebralis oder Spina dorsalis. der
Säugetiere weicht in ihrer Entwickelung von anderen Wirlieltieren darin
ab, daß um die Chorda dorsalis, die nur noch zu geringer Ausbildung
kommt, das perichordale Gewebe aus der skelettoblastischen Schicht zuerst
die anfänglich hyalinknorpeligen W' irbelkörper und darauf erst die
dorsalen Bogen entstehen läßt. Weiter darin, daß das Chordagewebe
nur zwischen den Wirbelkörpern sich erhält. Dieser intervertebrale Chorda-
rest wächst während des Wachstums der Wirbelsäule und nimmt einen
gelatinösen Charakter an. Er Avird als gelatinöser Kern (Nucleus pulposus)
von einem fibro-kartiloginösen Ring umgeben, der aus dem perichordalen
Gewebe zwischen zwei benachbarten Wirbelkörpern sich entwickelte. Ring
und Kern bilden zusammen die Intervertebralscheiben. Die Ver-
bindung der Wirbelköri)er wird somit durch diese, nicht durch Gelenke,
wie bei den Sauropsida. dargestellt.
Vorder- und Hinterfläche der Wirl}elkörper sind durch eine, l)ei
großen Tieren häufig dicke Knochenscheibe: die Epiphyse, bedeckt. Sie
entsteht aus besonderem Knochenkern und verwächst erst im erwachsenen
Tier mit dem Wirbelkörper, erhält sich aber bei Cetaceen lange Zeit selb-
Weber, Säusreciere. 6
82 II. Skelet.
Ständig. Diese für Säuger charakteristischen Epiphysen sind nur bei den
Monotremata und Sirenia rudimentär insofern, als es knorpelige Scheiben
sind mit nur sehr sparsamer Ossifikation (Verkalkung?).
Die Wirbelkörper kehren einander Flächen zu. die elien oder wenig
konkav sind. liei allen recenten Ungulaten. mit Ausnahme von den Pro-
l)Oscidea. Hyracoidea und Schweinen, namentlich in dem ?>. — 7. Halswirbel,
hau})tsächlich der Perissodactyla, wo sie — historisch gesprochen — bereits
früh auftritt, nimmt an der Hinterfläche die Konkavität derart zu, daß der
Wirbelkörper oi)isthocöl wird und demgemäß eine konvexe Vorderfläche hat.
Durch diese Opistliocölie, die bei Perissodactyla, stets schwächer werdend,
bis in die Lendenwii'bel auftritt, in ihrer (3enese aber durchaus abweicht
von der Opistliocölie niederer \'ertebrata [Grix], erhält die Halswirbel-
säule größere Beweglichkeit, die ihr ja überhaupt zukommt. Wahre Ge-
lenke finden sich sonst bei Säugern nur zwischen dem '2. und 1. Hals-
wirl)el und zwischen diesem und dem Hinterhaupt.
Im übrigen machen die elastischen Intervertebralscheiben die Wirbel-
säule zu einer allseitig biegsamen Säule, deren Bewegbarkeit aber geregelt
und beschränkt wird durch ein dorsales und ventrales Längsband, Liga-
mentum longitudinale dorsale und ventrale, das längs der ganzen
Reihe der Wirbelkörjter zieht; ferner durch Bandapi)arate zwischen den
einzelnen Wirbeln und durch die Gelenkfortsätze derselben.
Gegenüber dieser Beweglichkeit kann ^'erschmelzung von Wirlieln
eintreten. Sie kann bei Cetaceen, deren Halswirbel stets äußerst kurz
Fig. 63. Die 6 ersten Halswirbel von Glyptodon, nach Burmeister.^a Atlas;
/ — 5 der 2. — 6. verschmolzene Halswirbel, mit Andentung der intervertebralen Nähte.
sind, in verschiedenem Grade statthaben, bis daß schließlich Ijei Balaena
und Hyperoodon sämtliche Halswirbel zu einem Komplex verschmelzen.
Ankylose einzelner Halswirbel findet sich z, B. bei den Gürteltieren (Da-
sypodidae) und als ITnikum unter Säugetieren in der gesamten Rumpf-
wirbelsäule bei (ilyptodon. jedoch in der Weise, daß die 2 ersten Rücken-
wirbel mit dem letzten Halswirl)el verschmelzen und dieser „Trivertebral-
knochen" mit dem o. Rückenwirbel ginglymisch sich verbindet: eine
auffallende funktionelle Anpassung an den Hautpanzer, der dieses Fossil
umgab. Auch bei Dipus ankylosieren, mit Ausnahme des Atlas, sämtliche
Halswirbel, bei Siphneus die 5 hintersten, bei Tal])a der 2., 3. und 4.
Allgemeine Erscheinung ist die ^"erschnlolzung sakraler und pseudosakraler
Wirbel (siehe diese). Auch Schwanzwirbel können hier und da verwachsen.
Resultat der Verknöcherung der Wirbelkörper ist eine dünne Rinden-
lage aus kompakter Knochensubstanz, die eine markhaltige Spongiosa
3. Wirbelsäule. 83
umschließt. Um so auffallender ist, daß bei Chiroptera die Schwanzwirbel
Rührenknochen darstellen können.
Die Verknöcherung der Wirbel geschieht nicht aus einem Guß. Es
ti-eten mehrfache Ossifikationspunkte auf, die diskrete Knochenstücke her-
vorgehen lassen, die erst allmählich verschmelzen. Der Säugetierwirbel
setzt sich zusammen zunächst aus dem Centrum, das wohl aus den
paarigen Pleurocentra i)rimitiver rhachitomer Wirbel sich entwickelte.
Hierfür spricht vielleicht auch, daß das Centrum ursi)rünglich aus 2 late-
ralen Knorpelherden sich anzulegen scheint. Viel Wert ist hierauf aber
nicht zu legen, da Verknorpelung nur gewebliche Differenzierung einer
V»ei-eits bestellenden Anlage ist, wie wir sie bereits von Stegocejjhalen kennen.
Während der individuellen Entwickelung gehen aus dem hyalin-
knorpehgen Centrum die dorsalen Bogen stücke hervor. Diese Um-
kehrung der Geschehnisse gegenüber den übrigen Vertebraten ist ohne
tiefere Bedeutung und nur eine zeitliche Verschiebung der Verknorpelung
des perichordalen, skelettoblastischen Materials. Die rechts- und links-
seitigen dorsalen Bogenhälften, Neurapophysen, verschmelzen in der
Medianlinie zur Bildung des oberen, dorsalen oder neuralen Bogens. der
auch wohl in toto Keurapophyse genannt wird. Derselbe umschließt zu-
sammen mit dem Centrum das Vertebralloch, Foramen vertebrale.
Dieses bildet mit den gleichnamigen Löchern in der Länge der Wirbel-
säule den Wirbelkanal, Canalis vertebralis seu spinalis, der das
Rückenmark enthält.
Da Centrum und Bogenhälften aus diskreten Knochenkernen ver-
knöchern, trennt sie anfänglich die neuro-centrale Naht, die erst im er-
wachsenen Tier schwindet. Die verbreiterte Basis (Centroid Albrecht) der
Neurapophysen verschmilzt hierbei jederseits mit dem Centrum. Dieses
Verschmelzungsprodukt liefert dann den definitiven Wirbelkörper, Corpus
vertebrae. Die terminalen Epiphysen eines Wirbelkörpers überdecken
demnach das Centrum sowohl als auch die beiderseitigen neurapophysalen
Seitenstücke (Centroidstücke), die in verschiedenem Maße an der Bildung
der dorso-lateralen Masse des Körpers sich beteüigen. Als Abgrenzung
zwischen Centrum und Bogenstücken ist die neuro-centrale Naht ein Hilfs-
mittel auszumachen, wem die verschiedenen Fortsätze, die der komplete
Wirl^el aufweist, angehören. Sind die Fortsätze Auswüchse von Centrum
oder Neurapophyse. so nennt man sie wohl exogen. Autogen heißen sie,
wenn sie aus selbständigen Knochenpunkten entstanden und erst sekundär
mit den Wirbeln sich verbinden. Diese Unterscheidung hat aber höchstens
deskrii)tiven Wert, da derselbe Fortsatz sogar im sell)en Tier in ver-
schiedenen Wirbeln sich verschieden verhalten kann: so die Querfortsätze
der Lendenwirbel der Cetaceen; so die Processus costarii, die an den
vorderen Halswirbeln bereits exogen, an den hinteren noch autogen sein
können.
A'on Fortsätzen unterscheidet man zunächst den Dornfortsatz.
Processus spinosus. Entsteht meist autogen in der Medianlinie der
Neurapophyse. Höhe und Stärke dieser Fortsätze hängt im allgemeinen al)
von der Länge des Halses und dem Gewicht des Kopfes. Sind diese be-
deutend, so sind auch die Dornfortsätze namentlich der hinteren Hals- und
vorderen Rückenwirbel stark und geben jederseits einem starken elastischen
Nacken bände, Ligamentum nuchae, Ursprungsfläche, um am Kopfe
sich anzuheften, wie namentlich bei Rindern, Hirschen, Elefanten u. s. w.
6*
84 II- Ökelet.
Ausbildung eines Hautpanzers (Gürteltiere) oder große Muskelmassen
längs der Wirbelsäule, namentlich im Schwänze, z. B. bei Cetaceen, können
gleichfalls Anlaß werden zu starker Ausbildung der Dornfortsätze. In
der Regel sind dieselben in den vorderen Rumpfwirbeln mehr oder weniger
nach hinten, in den hinteren nach vorn gerichtet. Der Uebergang ist meist
ein abrui)ter und auf einen einzelnen Wirbel, den antiklinischen, beschränkt,
dessen Processus spinosus vertikal steht.
Unter Querfortsatz, Processus transversus, werden sehr ver-
schiedenartige Fortsätze verstanden. In den Thoracalwirbeln kann man
einen dorsalen als Diapophyse unterscheiden, der wohl meist exogen vom
Bogen entspringt. Er trägt eine GelenkHäche für die Artikulation des
Rippenhökers. Der ventrale Fortsatz Parai)oph}se, der vom Körper aus-
geht, ist meist nur eine Gelenkfläche für den Gelenkkopf der Rippe. In den
Lendenwirbeln kann der der Diapophyse entsprechende Fortsatz mit einer
reduzierten Ri])pe verschmelzen. Der hierdurch entstandene Fortsatz (Seiten-
fortsatz E. Rosenberg) ist also nicht homodynam den Querfortsätzen der
Thoracalwirbel, obwohl er deskriptiv den gleichen Namen trägt.
Aehnliches gilt für den Processus transversus der Halswirbel. Zweier-
lei scheint bei diesen statthaben zu können. In dem einen Falle ver-
wächst ein Rippenrudiment: Processus costarius (Pleurapophyse
Owen) mit der Diapoi)hyse und der Parapoi)hyse derart, daß zwischen
ihnen ein Loch gespart bleibt. Dieses Foramen costo-transversarium
ist homolog dem gleichen Loche der Sauro-
psiden mit normalen Halsrippen, die eben die
ventrale Spange des Loches bilden. Die Arteria
vertebralis zieht durch alle oder durch einen
Teil dieser Löcher. (Fig. CA.)
In anderen Fällen scheint aber der Quer-
T^ ' fortsatz einfach eine durchbohrte Diapophyse
Fig. 64. Schema eines Hals- zn sein. Mit der ventralen Spange dieses
Wirbels. /Centrum; 2 neuraler porameu trausversarium kann dann gleichfalls
Bogen; jVertebralloeh;-; Ddrn- t^- ,. , , , • • o •.
fortsatz; 5 neuro-centrale Naht- ^^^^ Rippenrudiment verschmelzen, wie im Seiten-
<5 Processus articularis; 7 Pro- fortsatz der Lendenwirbel. Die Löcher aber können,
cessus costarius; 8 Diapo- wenn weitere LTntersucliung die Richtigkeit dieser
V^y^*^- Verschiedenheit lehrt, nicht homolog sein.
Die Gelenkfortsätze. Processus articulares oder obliqui,
Zygapophysen [Owen], entspringen als vorderer und hinterer exogener
Fortsatz jederseits vom dorsalen Bogen. Der vordere (lelenkfoitsatz,
Präzygapophyse, ist gelenkig verbunden mit dem hinteren, Postzygapo-
physe, eines vorhergehenden Wirbels. Starke Bänder (Ligamenta capsu-
laria) umschließen die (lelenkhöhle der schräg gerichteten Gelenkflächen.
Xel)en diesen können bei Gürteltieren, Faultieren, Ameisenfressern
und deren zahlreichen ausgestorbenen A'erwandten accessorische Gelenk-
flächen auftreten. Im (iegensatz zur gewöhnlichen, nomarthralen Gelenk-
verbindung der Wirbel bewerkstelligen sie eine sog. xenarthrale, die
Anlaß wurde, obengenannte Tiere als Xenarthra zusammenzufassen. (Fig.
65 und ()6.) Auch können die (.^uerfortsätze untereinander artikulieren,
z. B. bei Perissodactyla.
Vielfach entwickeln sich in \'erbindung mit starken Rückenmuskeln oder
zum Zwecke einer festen Verbindung der Wirbel besondere P'ortsätze
exogener Entstehung. Zunächst die Metapophyse (Processus mamillaris
3. Wirbelsäule. 85
Fig. 65. 1. u.
Myrraecophaga jubata v
Lendenwirbel von
Seite, m Metapo-
physe; t Processus transversus; pz Postzygapo-
physe, pz\ pz' zwei überzählige; :;, -\ s'- Prä-
zygapophyse und zwei überzählige.
der Anthropotomen): ein Fortsatz, der von den Rumpf-, aber auch von den
Schwanzwirbeln nach vorn gerichtet entspringt und zwar von der Wurzel der
Präzygapophyse, wie bei den Xenarthra, wo er wohl sein IMaxinium erreicht
(Fig. 65). Doch kann er auch vom Querfortsatz ausgehen (Fig. 70) und in
den Schwanzwirbehi der Cetaceen von hier sich auf die Vorderfläche der
Dornfortsätze verschieben. Diese
Metapophysen fassen dann den
Hinterrand des vorhergehenden
Dornfortsatzes zwischen sich.
Die Metapophysen sind groß,
z. R. bei Hasen, bei Ungulaten.
rudimentär bei Sirenia, Prima-
tes etc.
Die Anapophyse ist ein
gleichartiger Fortsatz aber der
Postzygapophyse oder zwischen
ihr und dem Querfortsatz, dem-
nach nach hinten gerichtet.
Starker Ausbildung erfreuen sich
die Anapophysen bei Xenai'thra,
den Felidae, den Reuteltieren.
Sie fehlen bei Sirenia, Ungu-
laten etc.
Als autogene Knochengebilde
entstehen an der Unterseite der Schwanzwirbel vieler Säugetiere, namentlich
solcher mit langem Schwänze, die unteren oder ventralen Rogen auch
Sparrknochen genannt. Es sind
Rogenhälften : H ä m a ]) o p h y s e n,
deren ventrale Enden fast stets
median verschmelzen, woraus ein
\/-förmiger Knochen entsteht (Os
en V, chevron bone), der gelenkig
verbunden ist mit der Ventral-
fläche zweier benachbarter
Schwanzwirbel. Die wahrschein-
lichste Auffassung ist, daß es
typische Restandteile der Wirbel
sind, die sich auf untere Rippen
der Fische zurückführen lassen.
In diesem Falle wären es Homo-
loga der unteren Rogen der
Amphibien und Fische, die wirk-
lich aus unteren Rippen hervor-
gingen. Doch ist die Möglich-
keit nicht ausgeschlossen, daß es Neubildungen seien, die sich auf Wirbel-
fortsätze beziehen (vergl. bei Rippen). Die Hämapophysen, z. R. bei Hystrix,
Dasypus, können aucli an der proximalen Seite vereinigt sein durch eine
Knochenbrücke, wodurch ein F-förmiger Knochen entsteht, der der Ventral-
seite der Ritervertebralscheibe anliegt.
Der Gedanke, daß diese „Knochenbrücken" kleinen Knochenstücken
entsprechen, die bei Talpa, Myogale, Erinaceus, Hylomys, an der Ventral-
Fig. 66. Hälfte des 2. Lendenwirbels
vom selben Tier, I von hinten, II von vorn.
Bezeichnung wie in Fig. 65.
86 IL Skelet.
Seite der Intervertebralsclieiben angetroffen werden, läßt sich nicht be-
weisen. Diese kleinen Zwischen wir belknochen finden sich bei ge-
nannten Tieren in der Lendengegend, erstrecken sich aber in rndimentärer
Form bis znm Sacrum und bis in die Thoracalregion.
Diesen Zwischenwirbelknochen werden wohl auch zugerechnet werden
müssen die beim Rinde embryonal zwischen den Halswirbeln angelegten
..hyi)ochordalen Spangen" [Froriei)|, die verschwinden ])is auf das untere
Bogenstück des Atlas. Vielfach wird dies einer Hypa])Oi)hyse verghchen.
Hierunter versteht man einen Fortsatz, der von der Ventraltläche der i)rä-
sakralen Wirbel entspringen kann. Er findet sich z. B. an den Halswirbeln
der Ungulaten und mancher Chiroptera, an den Lendenwirbeln der Hasen,
an diesen und den Halswirbeln von Hylomys und Gymnura [Leche], fehlt
aber meist ganz. Es ist aljer in der Tat sehr unwahrscheinlich, dat.! die
sog. Zwischenwirbelknochen und die Hypapophysen gleichartige Bildungen
sind. Man hat die ersteren auch Intercentra genannt, ohne den Beweis
zu liefern, data sie den Intercentra der rhachitomen Wirbel niederer Verte-
braten entsprechen. Auch kann nicht verschwiegen werden, daß man sie
mit den paarigen Bildungen, die wir Häma])ophysen nannten, hat vereinigen
wollen, so daß demgemäß alle i)eripherischen Teile an der A'entralfläche
der Wirbel auf die Intercentra (Hypocentra pleuralia) der Anamnia zurück-
geführt würden. So unwahrscheinlich dies auch ist, weitere Untersuchung
über diese Punkte ist jedenfalls nötig.
Fig. 67. Skelet eines Hundes in den KÖrper-Umriß eingezeichnet, nach Ellen-
berger und Baum modifiziert. C'Carpus; D Digiti; /^ Fenuir; Fb Fibula; ZTHumerus;
/Iliuni; Is Ischium ; L i — 7 die 7 Lendenwirbel; J/Metacarpus; J/rMetatarsus: /'Piibis;
Pa Patella; i? Radius; .S Scapula; T Tibia; T/i 3 — 13 die Thoiakalwirbel, von denen
die beiden ersten hinter dem Schulterblatt liegen. Davor /
—
7 die Halswirbel; Tr
Tarsus; Z7 Ulna; 1 — 13 Rippen.
8. Wirl)C'l8äul( 87
Die Wirbelsäule läßt sich füi' (leskri]»ri\e Zwecke scharf in Regionen
einteilen, entsi)rechen(l \'erschie(lenheiten der erwachsenen Wirbel ^). Die
erste Region umfaßt die Halswirbel. Dei'en Zahl beträgt sowohl im
langen Halse der (Jiralfe als in dem äußerlich fehlenden der Cetaceen 7.
Nur Manatus und Choloepus Hoffmanni hat 6, Bradypus 8 — 10. Diese
Al)weiclmngen erklären sich aus dem auf p. 84 hervorgehobenen Charakter
der Querfortsätze, der Halswirl)el. Nimmt die 7. Halsrippe den Charakter
einer wahren Rippe an und verbindet sie sich mit dem Brustbein, so
bleiben (> Halswirbel übrig. Verliert umgekehit die 1. — 3. thorakale Rippe
ihre Verbindung mit dem Brustbein und wird rudimentär, so nimmt (lie
Halswirbelsäule um entsprechend viel Wirbel zu.
Das Foiamen trans^•ersarium fehlt meist im 7. Halswirbel. Auch
kann es geschehen, daß die Arteria vertebralis, die durch diese Löcher
zieht, dies häutig (Rumi-
nantia z. B.) nicht tut am
Atlas und Epistropheus,
sondern vorher in den
Vertebralkanal sich be-
gibt. Umgekehrt fehlen
die Foramina transversaria,
mit Ausnahme am Atlas,
bei Macrauchenia. den Tylo-
poda und Myrmeco]tliaga.
Die Arterie durchbohrt hier
in den (3 hinteren Wirbeln
den Stiel des neutralen
Bogens in seinem vorderen
Teil, im Bereich des hinteren Teils jeden Wirbel verläuft sie demnach im
Rückenmarkskanal.
(ianz abweichend verhält
sich bei Säugetieren der 1. Hals-
wirbel, Atlas, da sein Körper
mit dem des 2. Halswirbels,
dem Epistropheus (Axis). ver-
schmilzt und dessen Zahnfort-
satz, Processus odontoideus.
Dens epistiophei bildet. Dem-
entsprechend bleibt bei manchen
Beuteltieren (Macropus, Pha-
langista, Phascolarctus. Phascolo-
mys) der Atlas ventral offen, indem
nur ein Ligament die Neurapo-
physen gegenüber dem Zahnfort-
satz vei'bindet. An dessen Stelle
Fig. 68. A. Ventralansicht des Atlas von Thyla-
ciniis cynocephalus nach Flower. B. der 3 ersten
Halswirbel von Phascoloniys wonibat nach Gegenbaur.
v ventrales Schlußstück des Atlas; o Processus odon-
toideus.
Fig. 69. Atlas A und Epistropheus B eines Rhi-
noceros sumatranus juv., v ventrales Schlußstück
des Atlas; o Processus odontoideus = Centrum
des Atlas ; c distale Epiphyse des Epistropheus ; '^/^.
tritt bei Thylacinus eine selbständige Ossifikation (Fig. 68). Bei anderen
Beuteltieren aber wie Peiameles und Didelphys und ferner bei allen übi-igen
Säugetieren, entsteht von den Neurapophysen aus ein knöchernes Mittel-
1) Die bei Säugern gebräuchliche Einteilung der präsakr.alen Wirbel in cervikale,
thorakale und lumbale ist für Amnioten im allgemeinen kaum zulässig. Hierfür ist
zweckmäßiger die Nomenklatur von Howes und Swinnerton : Development of Skeletou
of Sphenodon, Tr. Zool. Soe. Lond. XVI, 1901, p. 11. in prästeruale, sternale und
poststernale, je nach der Beziehung der Wirbel zum Sternum.
SS II. Skolot.
stück: (las venti-ale Schlul.istück. Letzterer Vorgang ist aljer wolil nur ein
abgekürzter sekundärer und man ist berechtigt, das ventrale Mittelstück
des Atlas (ventrales Bogenstück desselben) als Zwischenwirbelknochen
(p. 8(3) zu betrachten.
Hier ist der Ort, einer Verknöcherung zu gedenken, die im Ligament
zwischen Supraoccipitale und Nenrai)0])hysen des Atlas liegt und bei Eri-
naceus (vielleicht auch Manis) beobachtet wurde. Otü'enbar stimmt sie mit
dem Proatlas der Reptilien überein [Albrecht, I^aur, DoUo] und darf
vielleicht als Rest der Neurapophyse eines verloren gegangenen Wirbels
betrachtet werden. Hieraus würde sich das variable Verhalten des Pro-
atlas erklären, der häutiger fehlt, seltener völlig frei in einer tiefen Incisur
des Supraoccii)itale liegt, oder mit letzterem Knochen verschmilzt [Leclie].
Die Bogenstttcke des Atlas tragen jederseits auf ihrer Vordeitiäche
eine oblonge, konkase Gelenkpfanne für die Artikulation mit den Kon-
dylen des Kopfes. In diesem Atlanto-occipital-(Telenk hat die nickende
Bewegung des Kopfes um eine horizontale Achse und die seitlichen Be-
wegungen um eine vertikale Achse statt. Dieses Atlanto-occipital-Gelenk
ist zweifelsohne durchaus homolog dem occipito-vertebralen Gelenk der
übrigen Amnioten.
Der mit dem Schädel artikulierende Wirbel ist also bei allen Am-
nioten derselbe. Das Verhalten der spino-occi])italen Nerven widersetzt
sich dem nicht [Baur, M. Fürbringer]. Die Hinterfläche des Atlas trägt
zwei Gelenkflächen zur gelenkigen \"erbindung mit dem vorderen Gelenk-
flächen des Epistropheus. Eine weitere gelenkige \'erbnidung bewerkstelligt
der Zahnfortsatz desselben mit dem Mittelstück des Atlas. Li diesem
Gelenk geschieht um eine Längsachse die Drehbewegung des Kopfes, an
der der Atlas teilnimmt.
Die Brust- (Thorakal- oder Dorsal-)Region ist durch Wirbel
charakteiisiert, die bewegliche Rippen tragen und dem entsprechend die
obengenannten Diapophysen und Anapophysen (obere und untere Quer-
fortsätze). Die Anzahl der Brust-
wirbel liegt bei den verschiedenen
Genera meist zwischen 12 — 15 und
ist am häuflgsten 13. Sie kann
auf 9 (Hyi)eroodon, Tatusia) fallen
und bis auf 24 (Choloepus) steigen.
Doch sind individuelle Schwan-
kungen möglich durch Austausch
mit der Lenden- (Lumbal-)
Region. Diese umfaßt die prä-
sakralen Wirbel, die an die Brust-
wirbel sich anschliel^en und keine
beweglichen Rippen tragen. Von
ihren Querfortsätzen, die wenigstens
teilweise den Charakter von Seiten-
fortsätzen [E. Rosenberg] haben,
wurde auf p. 84 gesprochen.
Sehen wir von den Detaceen ab, so liegt die Anzahl der Lenden-
wirbel zwischen 2 und 9 und ist meist in 6 oder 7. Vielfach ist die Sach-
lage aber so, daß bei gleicher Zahl der thorako-lumbalen Wirbel, die im
systematischen Teil bei den einzelnen Abteilungen näher angegeben wird,
Fig. 70. Schema eines Thorakelwirbels,
/ Centruni; 2 Neural bogen ;. j Wirbelioch;
4 Processus articularis; 5 Proc. transversus
(Diapophyse); 6 Proc. spinosus; 7 Proc. ma-
millari.s; 8 Gelenkfacette für das Capitu-
luni; 9 für das Tubereulum der Rippe 10.
3. Wirbelsäule. 89
in verwandten Tieren Zu- otler Abnahme der tliorakalen Wirbel statthaben
kann, der dann umgekehrt Ab- oder Zunahme der lumbalen Wirbel ent-
spricht. Dies beruht auf dem Maße, in welchem bewegliche thorakale
Rippen in Seitenfortsätze sich umwandeln und damit die Zahl der Lenden-
wirbel vermehren. Die Gesamtzahl der thorako-lumbalen Wirbel hängt ihrer-
seits aber ab von der Lage des Beckens. Verschiebung der Hinterglied-
maßen und damit des Beckens längs der Wirbelsäule hat während der
Entwickelung des Lidividuums und des Stammes statt [E. Rosenberg].
Die Beckenregion der W^irbelsäule kommt dadurch zu stände, daß
das Ilium sich mit Wirbeln verl)indet, die wir echte Sakralwirbel nennen,
insonderheit wenn diese ^'erbindung geschieht durch ein Ripi)enrudiment
(Processus costarius, Pleurapophyse). das mit dem Körper und den dorsalen
Bogen des Wirbels verschmilzt und eine gelenkige Verbindung herstellt mit
dem Ilium. Von diesen primären Sakralwirbeln war anfänglich nur einer
vorhanden (verschiedene Marsupialia, einzelne Ungulaten und Primaten,
Bradypus u. s. w.). Gewöhnlich beträgt ihre Zahl aber wenigstens 2 und
kann noch weiter zunehmen. Sie verschmelzen zu einer einheitlichen Masse,
dem Os sacrum, das eine feste Verbindung des Darmbeins mit der Wirbel-
säule liefert, die nur bei Cetaceen fehlt. Bei Sirenia steht ein Wirbel in
loser Verbindung mit dem Beckenrudiment. Mit diesem Sacrum können
sich kaudale Wirbel synostotisch verbinden. Diese pseudo-sakralen Wirbel
stehen außer Kontakt mit dem Ilium, sie vergrößern aber die Ausdehnung
des Sacrum bis auf 13 Wirbel (Tolypeutes, Priodontes) und können eine
Verbindung eingehen mit dem Ischium (Pteropus, Xenarthra).
Es läßt sich nicht beweisen, daß die Zahl der Sakralwirbel, die sich
mit dem Ilium verbinden, zunimmt mit der mechanischen Anforderung, die
an ein festes Becken gestellt wird. Trotz der hohen Leistung, welche
die hüpfende Bewegung mancher Beuteltiere und Nager z. B. an die Ver-
bindung des Beckens mit der Wirbelsäule stellt, haben sie nur einen
echten Sakralwirbel, während andere ohne besondere mechanische Leist-
ungen, wie der Wombat, bis zu 5 haben.
Die variabelste Region ist die kaudale. Die Schwanz- (Kaudal-)
Wirbel liegen postsacral. Da diese Definition bei Cetaceen nicht aus-
reicht, gilt hier, ziemlich willkürlich, als \. Kaudalwirbel derjenige,
welcher an seinem Hinterrande die 1. Hämapophyse trägt, da diese ven-
tralen Bogen zwischen zwei benachbarten Wirbeln nur an den Schwanz-
wirbeln zahlreicher Säugetiere vorkommen. Die Zahl der letzteren variiert
zwischen 3 (Hylobates, Chiroptera) und 47 (Microgale longicaudata) bis 49
(Manis macrura). Vielfach reduzieren sie sich bis auf den Körper, was
stets im Ende eines langen Schwanzes statt hat. Umgekehrt steht voll-
kommenere Ausbildung der Schwanzwirbel in Verbindung mit seiner
Funktion als Greifschwanz (neuweltliche Affen, Tamandua, Cyclothurus,
Phalanger); Ruderschwanz (Biber, Cetaceen) u. s. w.
Die Behauptung, daß die Zahl der präsakralen Wirbel in Vei-bindung
stehe mit Geschehnissen, welche der Beckengürtel erfuhr, erheischt nähere
Betrachtung. Da Neubildung (Interkalation) und Ausfall (Exkalation) von
Wirbeln in der hochdiiferenzierten Wirbelsäule der Säugetiere aus-
geschlossen ist, da ferner eine spezielle Homologie von Atlas und Epistro-
pheus bei denselben angenommen werden darf, so müssen die Wirbel von
numerisch gleicher Stellung in der Reihe, homolog sein [E. Rosenberg],
gleichgültig, welches ihre Form ist. Homologe Wirbel können somit ver-
90 -tl- Skelet.
schiedene Metamorphosen durchlaufen. Durch ^Verschiebung des Beckens
in kranialer Richtung müssen Sakralwirbel zu Kaudalwirbeln werden,
während Lumbaiwirbel Sakralwii-bel werden und thorakale Wirbel durch
Reduktion ihrer Rii)j)en in Lendenwirbel sich verändern. Diese fort-
sclireitende Umformung der ursprünglichen Elemente der verschiedenen
Wirbelregionen, die das Auftreten von ,,Uebergangswirbeln" erklärt, geht
gepaart mit ^Verkürzung des Rumpfes. Daß nicht auch in besonderen
Fällen die umgekehrte Richtung des Umformungsi)rozesses infolge von
Verschiebung des Beckengürtels kaudalwärts statthaben könne, ist hier-
mit nicht gesagt. Für das Ilium (Becken) ist die Verschiebung eine
passive. Sie ist nicht begleitet von Aenderungen der Form desselben,
wohl aber der „Kontakttlächen" mit den Wirl)eln.
Genealogisch sind diese von E. Rosenbei'g aufgedeckten Tatsachen
von größter Bedeutung, da sie nicht die Wirbelsäule allein betreffen,
sondern auch ^'orgänge an anderen Organen (Muskeln, Nerven u. s. w.)
die eigentliche Ursache waren der Umformung, die an den Wirbeln zum
Ausdruck kommt.
Die AVirbelsäule als Ganzes betrachtet, so können folgende Merkmale
als primitive hervorgehoben werden: Hohe ZahP) der Wirbel, insonder-
heit der präsakralen; denn da der Schwanz vielerlei Umformungen unter-
liegt, W'Orunter auch stai-kem Schwunde bei den verschiedensten Gruppen
und häufig in deutlicher Anpassung an die Lebensweise, so beweist die
Zahl der Schwanzwirl)el nicht viel. — Große Zahl der Rippen. — Geringe
Zahl der echten Saki-alwirl)el. Will man in starker Entwickelung der
Häma])ophysen eine primitive Beschatfenheit sehen, so darf man nicht ver-
gessen, daß sie unter dem Einfluß der Schwanzmuskulatur stehen.
4. Rippen.
Wie übei-haupt den Amnioten, so kennen wir auch den Säugern die
Fähigkeit zu, an jedem Wirbel rippenartige Bildungen als ursprüngliche
Abgliederungen derselben zu bilden. Dieselben kommen aber nur in der
Brustregion als Rippen, Costae, zur Ausbildung. In den übrigen Teilen
der Wirbelsäule treten sie nur noch in Rudimenten auf und verschmelzen
mit dem betreffenden Wirbel. Ausnahmsweise können diese Rudimente
in dem letzten, 7. Halswirbel von Choloei)us Hoffmanni bedeutende Größe
erlangen, beweglich l)leiben und mit dem Manubrium sterni sich vereinigen.
Tatsächlich kann man dann auch nur von 6 Halswirbeln sprechen. Dies
tut man auch bei Manatus, da auch hier der 7. Halswirbel eine lange
Ripi)e trägt, die aber eigentlich das Sternum nicht erreicht, sondern nur
ligamentös sich verljindet mit dem sternalen Teil der nächsten Rippe.
Umgekehrt erreichen bei Bradypus die Rippen des 8. und 9. Wirbels das
Sternum nicht, verhalten sich also wie lange, bewegliche Halsrippen. Diesem
Faultier kennt man demgemäß 9 Halswirliel zu. Auch bei Tamandua er-
reicht die Rippe des 8. Wirbels das Manubrium sterni zwar noch eben,
1) Für die Zahl der Wirbel vergleiche man die Tabellen in G. Cuvier, Leyons
d'anat. comp., 2 ed. 1835, I, p. 177. — Flower and Gadow, Introd. to the Osteology
of the Mammalia, J885, p. 78 und Giebel, Säugethiere in Bronns Klassen und Ord-
nungen.
4. Rippen. 91
endet aber S])itz und artikuliert nicht damit. Im übrigen vereinigen sicli
die Rippenrudimente, soweit sie noch vorkommen, mit den Querfortsätzen
der Hals-, Lenden- und zuweilen auch noch einzelner Schwanzwirbel. In
den Sakralwirbeln bewerkstelligen sie die A'erbindung mit dem Ilium.
Alle diese rippenartigen Bildungen dürfen wir von den „oberen"' Rippen
der Fische herleiten und als Pleurapophysen zusammenfassen im (Gegen-
satz zu den Sparrknochen. Os en ^^ unteren Bogen auch Hämapophysen
(Chevrons) genannten ventralen Bogen der Schwanzregion. Diese sind am
wahrscheinlichsten homolog den unteren Rippen der Fische, womit die
Homologie der ventralen Bogen im Schwänze aller Vertebraten ausge-
sprochen wäre (siehe p. 85).
Die eigentlichen Rippen der Säuger kommen nur in der thoracalen
Region vor als Costae thoracales. Es sind gebogene, subcylindrische
oder i)latte Skeletstücke, die nach hinten allmählich an Außmaß abnehmen
und den Brustkorb bilden helfen. Ihre Zahl l)ewegt sich zwischen 9
(Hyi)eroo(lon) und 24 (Choloepus), ist aber meist 13. Eine Anzahl vor-
derer Rippen verbindet sich syndesmotisch oder gelenkig mit dem Sternum.
Diese heißen wahre Rippen, Costae verae, wohl besser, C. vertebro-ster-
nales im Gegensatz zu den falschen, Costae spuriae, besser C. verte-
Fig. 71. Epistropheus eines jungen Ornithorhynchus nach Boas, von der linken
Seite (A) und von hinten (B). i Körper des 1. Halswirbels; 2 desgleichen des 2.;
b Neuralbogen ; r Rippenrudiment; t^ unterer Dornfortsatz.
brales, die nur indirekt mit dem Sternum sich verbinden oder gar nicht.
In letzterem Falle heißen sie schwebende Rippen, Costae fluctuantes.
Bei den Bartenwalen sind alle Rippen, mit Ausnahme der ersten, schwe-
bende Rippen. Und diese einzige wahre Rippe ist bei ihnen häutig durch
Verschmelzung mit der letzten Halsrippe zweiköpfig [Turner]. Bei Cho-
loepus sind umgekehrt von den 24 Rippen 12 verteliro-sternale. An den
Rippen untersclieidet man eine vertebrale, knöcherne Partie von einer
sternalen, die meist knorpelig bleibt. Dieser Rippenknorpel kann l)ei
manchen Säugern im vorgeschrittenen Alter verknöchern (verkalken) zum
Os sterno-costale. Normal geschieht diese Verknöcherung z. B. bei
Monotremata, Delphinidae, Xenarthra (Fig. 73). Damit ei-halten wir die sog.
Costa Sternalis und vertebralis, wie sie von Reptilien bekannt sind.
Bei diesen schiebt sich dazwischen die sog. Costa intermedia. Auch
dieses intermediäre Stück kann l)ei den genannten Säugetieren auftreten.
Das vertebrale Ende der Rippe hat ein (ielenkköpfchen. Capitulum
costae, das mit der Parapophyse auf dem ^Yirbelkörper gelenkt. Verlust
der Intervertebralgelenke und Ausbildung der Intervertebralscheiben, die
bei Säugern gegenüber den Reptilien statthaben, ist vielleicht Ursache,
daß das Capitulum der vordersten Rippen auch gelenkige Verbindung mit
92 II. Skelet.
der Intervertebralsclieibe und dem Hinterrande der vorhergehenden Rippe
erhingt. Ich betrachte dies also, ebenso wie die intervertebrale Lage der
Hämapophysen (Sparrknochen). als eine sekundäre Verschiebung nicht etwa
als eine Folge primärer, intervertebraler Entstehung, die manche Autoren
für die ripi)enartigen Gebilde annehmen. Auf das Capitulum folgt der
Hals. Collum der Rippe, der sich bis zum Rippenhöcker, Tuberculum,
ausdehnt.
Dieser dorsalwärts gerichtete Fortsatz artikuliert mit der Diapopliyse.
Dies ist die einzige Verbindung der hinteren Rippen der Cetaceen, infolge
des Schwundes des Capitulum. In den vorderen Rippen ist dasselbe noch
vorhanden, aber bei den Mystacoceti meist fehlend oder so kurz, daß es
nur durch Vermittelung eines Bandes den Wirbel erreicht. Diese lose
Verbindung erreicht ihr Maximum in der letzten Rippe der Cetaceen. die
jegliche A^erbindung mit der ^Yirbelsäule verlieren kann.
Die Sternale Verbindung der Rippen wird beim Sternum behandelt.
Führt fortgesetzte Ossifikation zur Ausbildung von Costae vertebrales,
Sternales und intermediae, so können zwischen diesen, zur Erhöhung der
Elastizität des Thorax und seiner Expansionsfähigkeit, synoviale Gelenk-
spalten auftreten, z. B. bei den Dasypodidae.
5. Sternum.
An die Rippen schKeßt sich logisch die Betrachtung des Brust-
beins, Sternum, an, da bei den Säugetieren dessen bedeutendster Teil
Fig. 72. Ventrale Flächenansicht eines aufgehellten Brustbeins von einem
ca. 3 cm großen menschlichen Embryo. 25 : 1, nach G. Rüge. C Clavicula ; /— A' die
Rippen; .r Sternalleisten ; A' Processus xiphoides; e Praeclavium (Episternum).
ein Produkt der Rippen ist. Aus den vertebralen Enden der Rippen bildet
sich nämlich jederseits ein knorpeliger Streifen (Stern alleiste G. Rage).
Hieraus entsteht durch \'erschmelzung in der Mittellinie zunächst das
knorpelige Mesosternum, in welchem verschieden zahlreiche, häufig
paarige Ossifikationspunkte auftreten. Das definitive Mesosternum (Corpus
sterni) besteht demnach aus einer Reihe Knochenstücken, mit denen die
5. Sternum. 93
sternalen Enden der sog. wahren Rii)pen in gelenkige Verbindung treten.
An das Hinterende schließt sich als rippenloser Fortsatz das Xiphi-
sternum (Processus xiphoides) an.
Am Vorderende des Sternum haben Komi)Iikationen statt. Hier be-
steht zunächst Anschluß an den Schultergürtel und zwar an dessen pri-
mären Teil: das Coracoid. Dies ist deutlich bei den Monotremen. Deren
Coracoid legt sich noch in der Jugend an eine vordere knorpehge Platte
(Prosternum) an, die wohl in Verbindung mit der 1. Puppe entsteht, bei
weiterem Wachstum des Tieres aber sich zurückbildet. Mit der Reduktion
Fig. 73. Tatusia. Das Sternum mit/;- Praesterniim (Maiuibrium Storni); m Meso-
sternum; A'Xiphisternum; 1—7 erste bis siebente Rippe, die mit verknöchertem sternalem
Teil (Ossa sterno-costalia) mit dem Sternum artikulieren; P Praeclavium; r/ Clavicula.
Das Schulterblatt ist nach auswärts gedreht mit A Acromion; Sp Spina scupulae; Fs
Fossa supraspinata; Fi Fossa infraspinata; g Gelenk zwischen Humerus (//) und Cavitas
glenoidea scapulae; ed Eminentia deltoidea; cm Condylus raedialis; cl Condyhis lateralis;
fc Foramen entepicondyloideum.
des Coracoid bei den viviparen Säugern schwindet auch dieses Prosternum
oder besser gesagt, es wird aufgenommen in den vordersten Teil des
kostalen Sternum, der aus der 1. Piii)pe sich bildet. In diesem vordersten
Teil, dem Manubrium sterni. Praesternum. steckt demnach ein Rest
des bei Sauropsida ausgebildeten „primären Sternum'" [Fürbringer], das
bleil^ende Beziehungen hat zum Coracoid. Als weitere Konii)iikation tritt
noch das Episternum [Gegenbaur], Interclavicula fW, K. Parker]
hinzu. Ursprünglich war dies wohl wie l)ei niederen Vertel)raten ein der-
maler Knochen [Gegenbaur]. Dieser gewann einerseits Verbindung mit
der Clavicula, andererseits mit der Prosternum genannten Knorpelplatte,
welcher er erst als Deckknochen auflag, um sie darauf in seine Ossifikation
aufzunehmen.
Dies ist der Zustand, den wir bei den Monotremata anti'etfen.
Hier ist das Episternum ein "]" förmiger Knochen, dessen Aesten die
Clavicula anliegt (Fig. 75). Seine Basis verbindet sich mit dem vorderen
Teil des kostalen Sternum, der aus der 1. Rippe entstand. An dieser
94 II. Skeiet.
Stelle legt sich das Coracoid an. während mit dem ]\Iittelstück des Epi-
stenuim ein Prae coracoid genanntes Skeletstück, das besser Epicora-
coid heißt (s. unten), sich verbindet, das gleichfalls beim Schultergürtel
noch zur Sprache kommen soll.
Was wurde aus diesem offenliar niederen Zustande bei den vivi-
paren Säugern? Bei diesen bringt weitgehende Reduktion die Coracoidea
außer Kontakt mit dem Sternum. Damit schwindet auch das umfang-
reiche E])isternum der Monotremen. Die \'erbindung aber, die es mit
der Clavicula hatte, verlegt sich auf das Praesternum (Manubrium).
Dieser Skeletteil umfaßt daher den bei ]\Ionotremen Manubrium genannten
Teil und deren Episternum. In dreierlei Weise könnte dieser Zustand
erklärt werden: a) das Episternum ist verloren gegangen und die sterno-
klavikulare Yei'lundung ist eine neue, b) Das Manul^rium umfaßt potentia
den ursprünglich korakoidalen Teil des Sternum sowie ei)isternale Elemente,
die durch Alikürzung der Entwickelung aus dem Knorpel der Claviculae
sich entwickeln und sich verbinden mit dem kostalen Teil des Manubrium.
c) Episternale Reste erhalten sich noch bei viviparen Säugern mit Clavi-
cula. Sie entstehen aus der Anlage der Clavicula. gliedern sich von ihr
ab und liegen zwischen Clavicula und Manuluium. ^lit letzterem können
sie sich vereinigen als zwei Seitenäste (Omosternum Parkei'), mit denen
die Schlüsselbeine artikulieren (viele Marsupialia, einzelne Insectivora,
Nager und Xenarthra). Bei anderen sind es Knochen oder Knorpelstücke,
die nur durch Ligament mit dem Sternum verbunden sind. Diese können
sich endlich i'ücklulden zu der Zwischenscheibe (Cartilago interarticularis)
des sterno-klavikularen (ielenkes der Primaten M. Diese dritte Auffassung
der Episternalgebilde ist die wahrscheinlichste. Der Unterschied in der Ent-
stehung derselben gegenüber
dem Episternum der Mono-
tremen hat Gegenbaur ver-
anlaßt, sie durch die Bezeich-
nung P r a e c 1 a V i u m zu unter-
scheiden. Weitere kritische
Untersuchung ist hier aber
noch nötig, auch im Hinblick
auf einen eventuellen Anteil
des sternalen Endes der
7. Halsrippe.
Am fertigen Sternum
Fig. 74. Praeclaviuin A von Cricetus vulgaris der viviparen Säuger unter-
nach Gegenbaur, B von Ericnlus seto.sus nach Leche. scheiden wir das Mauuljrium
p Praeclavi^um;^V^CLavicnla; sf Sternum; . Rippen- (Praestemum), das Stets mit
der 1. Rippe verbunden ist
knorpel der 1. Rippe.
und sich bis zur Anheftung der 2. Rippe erstreckt. Mit dim gelenkt
oder verbindet sich wenigstens indirekt die Clavicula in oben ange-
deuteter Weise. Geht letztere zurück oder schwindet sie gar, so geht
auch das Praesternum zurück und nimmt mehr den Charakter der
metameren Knochenstücke des Mesosternum (Corpus sterni) an, die je
zwischen zw^ei benachbarten Rippenenden liegen. Die Zahl der meso-
1) Für weitere Details vergi. C. Gegenbaur, Jen. Zeitschr. I und W. Loche in
Bronns Klassen und Ordnungen des Tierreichs.
ü. Schultergürtel und vordere Extremität. 95
sternalen Segmente hängt ab von der Zahl der wahren Rippen, da
diese allein entweder dnrch (ielenk oder syndesmotisch mit dem Sternum
sich verbinden, während die falschen Ripi)en gelenkig oder syndesmotisch
mit dem Hinterrande der letzten wahren Rippe respektive untereinan-
der sich verbinden. Konkreszenz der mesodermalen Stücke hat vielfach
statt; auch kann sich bei Chiroptera ein Kiel auf demselben entwickeln
für den Ursprung der Brustmuskeln. Reduktion tritt bei Mystacoceti
ein, wo vom Sternum nur das Manubrium ül)rig blieb (Balaena) oder
mit diesem das Xiphisternum verwächst. An Stelle des letzteren können
bei Odontoceti noch bis drei mesosternale Stücke auftreten. Auch bei
Sirenia finden sich zwischen Manubrium und Xiphisternum vom Meso-
sternum nur Rudimente. Das Xiphisternum bietet einen nach hinten
gerichteten Fortsatz, der häufig knorpelig bleibt, namentlich in seinem
kaudalen Ende, das vielfach eine Hache Scheibe bildet. Dies ist auch
der Fall, bei den indischen Manisarten, bei den afrikanischen aber ist
es in zwei am Hinterende vereinigte Stäbe ausgezogen, bei Manis tri-
cuspis von solcher Länge, daß sie längs der Bauchwand und dem Becken-
rande zur Rückenwand der Bauchhöhle ziehen. Diese adaptive Umformung
steht in ^'erbindung mit der excessiven \'erlängerung der Zunge. Bei Be-
sprechung der Manidae wird dargelegt werden, daß sie keinerlei ^^ergleichs-
punkte bietet mit dem Sternum der Reptilien und deren abdominalen
Rippen und daß daran geknüpfte weitgehende Schlüsse hinfällig sind.
Sternum und Ripi)en mit Inbegriff der zugehörigen Wirbel bilden
den Thorax. Brustkorl). Kielförmig, mit herzförmigem Querschnitt, ist
derselbe bei Säugetieren, deren Körperlast ausschheßlich auf allen vier Ex-
tremitäten ruht. Hierbei erfolgt der Druck auf die seitliche Brustwand
von unten und außen, nach oben und innen, somit muß er sich in senk-
rechter Richtung auf die Druckrichtung abplatten [C. Hasse] und damit
die kielförmige Gestalt des primären Brustkorbes annehmen. Bei hüpfenden,
im Wasser lebentlen und zahlreichen kletternden Tieren, somit solchen, bei
denen die Körperlast nicht mehr oder nur mehr vorübergehend von der
vorderen Extremität getragen wird, letztere aber wohl beim Schwimmen,
Fliegen (Fledermäuse), Klettern. Graben, durch die Muskulatur vom Brust-
korb zur Extremität auf ersteren einen Zug ausübt, erlangt der Brustkorb
sekundär eine Faßform mit querovalem Querschnitt. Namentlich die auf-
rechte Haltung (Primates, hüpfende Tiere) kann auch, durch Verlegung
des Schwerpunktes und der Schwerlinie, den frontalen Durchmesser des
Brustkorbes begünstigen gegenüber dem sagittalen.
6. Schultergürtel und vordere Extremität.
Wie bei Tetrapoden überhaupt, unterscheiden wir am Scluiltergürtel
einen primären und einen sekundären Teil. Der erstere entwickelt sich
aus einer einheitlichen Knorpelanlage, welche durch die Gelenkpfanne,
Cavitas glenoidea, für die Artikulation des Ivopfes des Humerus in einen
dorsalen Abschnitt: das Schulterblatt, Scapula, und in einen ventralen:
das Coracoid, zerlegt wird. Das letztere bietet Komplikationen, die sich
nach dem Vorgange von G. B. Howes am besten so entwirren lassen.
Bei Amphibien und recenten Sauropsiden bleibt das Coracoid eine
einzige Knorpelplatte, bei Säugern zerlegt sie sich aber in einen kranialen
m II. Skelet.
S—i
Fig. 7.5. Schultergürtel von Orni-
thorhynchus, nach Wicdersheim. C/Cavi-
ciila, .S" 8capula, 6" Gelenkpfanne für den
Hunierus, Co Coracoid (Metacoracoid), Co^
Epicoracoid, Eß Episternum, St Sternum.
und kaiidalen Abschnitt, die verknöcliern. Diese zwei Knoclienstücke
bleiben l)ei Monotremen in vollstei- Allsbildün.^. Das kraniale, das an
das E])isterniim grenzt und von der Gelenkpfanne ausgeschlossen ist,
nannte Cuvier Epicoracoid, wohl in Uebereinstininning mit dem E])icoracoid
der Reptilien. Dies ist eine unverknöchert gebliebene Region der Cora-
coidplatte. die an Ei)isternum und
Prosternum grenzt. Neuere Autoren
nennen diese Knochen der Monotremen
meist Procoracoid (Precoracoid
W. K. Pai'ker). Dieser Name weist
aber bereits bei Amjjliibien auf den
coracoidalen Teil, der zur Clavicula
in Beziehung tritt und bei Reptilien
kranialwärts von der Region des Epi-
coracoid liegt. Letzterer Name ist
daher auch bei Monotremen vorzu-
ziehen.
Deren zweiten coracoidalen
Knochen nennt Cuvier und fast alle
nach ihm: Coracoid. Er beteiligt sich
an der Gelenkpfanne und erstreckt
sich bis zum Sternum (vergl. p. *.>4).
Bei allen übrigen Säugern ist der
Coracoidalapparat beim erwachsenen
Tier zum Processus coracoideus reduziert, der in verschiedenem Grade
die Gelenki)fanne ül)erragt.
Was ist seine Homologie? Nennt man ihn Coracoid, so homologi-
siert man ihn mit dem Coracoid [Cuvier] der Monotremen. Dies wäre
unrichtig. Er entsteht nämlich aus zwei Knochenkernen, die in der
Jugend bei Xenarthra, Ungulata, Rodentia, Sirenia, Cai'nivora, Primates
wahrgenommen sind [Howes]. Der eine: das Ei)icoracoid. wird ausge-
schlossen von der Gelenk])fanne durch den anderen: Metacoracoid
[Lydekker], der dem Coracoid (Cuvier) der Monotremen entsi)richt. Letzteres
ist daher auch besser Metacoracoid zu nennen, da Coracoid ein Sammel-
begriff ist. Andererseits kann das Metacoracoid sich derart über die
(ielenkHäche der Scapula ausdehnen, daß es als Epiphyse derselben er-
scheint und dieselbe von der (ielenkpfanne ausscldiebt (Tatusia. Tamandua,
I^utra, Ateles). AYälirend also früher das Epicoracoid als charakteristisch
für Monotremen galt, wissen wir jetzt, daß es l)ei allen Säugern auftritt,
und daß das Metacoracoid in verschiedenen Graden der Ausbildung auftritt,
bis daß es. wie beim Menschen, nur noch als Epiphyse des sog. Coracoid
erscheint [Howes]. Nicht minder wichtig ist die Entdeckung Brooms, daß
bei den Marsupialia das Beuteljunge mit einem ..Coracoid" geboren wird,
das in Verbindung steht mit dem Sternum. Diese ist eine gelenkige bei
Pseudochirus und Dasyurus; bei anderen ist der Zusammenhang beider
Knorpel ein ununterl)rochener. In beiden Fällen wird aber diese sterno-
coracoidale Verbindung alsl)ald durch Reduktion des ..Coracoid" aufgehoben.
Somit ist nach zweierlei Richtung der Unterschied, der den Schultergürtel
der Monotremen von dem der viviparen Säuger trennte, aufgehoben. Bei
letzteren wird das ..Coracoid" im erwachsenen Zustand Processus cora-
6. Schultcrsrürtel und vordere Extremität. 97
coides geheißen und anfänglich durch die Sutura coraco-scapiilaris von
der Scajjuhi getrennt, verschmilzt aber schließlich dehnitiv mit ihr.
An der langgestreckten, mehr oder weniger dreiseitigen Knochenplatte
des Schulterblattes, Scapula, unterscheidet man einen coracoidalen
oder Vorderrand, einen hinteren oder glenoidalen und einen dorsalen oder
sui)raskapularen Rand. An letzterem erhält sich ein Knorpelstreifen
(Suprascapula (iegenbaur)vom ursprünglichen Schulterknorpel. der übrigens
dui-cli i)erichondrale ^'erknöcherung zur Scapula wird. IJeber der Außen-
(Latei'al-)fläche derselben erhebt sich die Si)ina scapulae, die mit dem
Acromion endet: einem meist über der Cavitas glenoidea vorspringenden.
Fig. 70. Innenansicht des Ge-
lenkteiles der Scapula von Mega-
lonyx Jeffersonii , nach Leidy.
s Scapula; e Epicoracoid, von Leidy
als Coracoid gedeutet, das durch
die Naht a b von der Scapula und
von ni getrennt sei; w das Meta-
coracoid faßte Leidy als teilweise
Epiphyse der Gelenkpfanne auf.
Fig. 77. Dasyurus viver-
rinus. Schultergürtel eine.s
Beuteljungen v. d. Seite,
nach R. Brooni. a Acro-
mion; cl Clavicula; Co
Coracoid; r 1. Eippe; i-
Scapula ; sp Spina scapulae;
st Sternum. x .50.
häuhg gebogenem Fortsatz, der der Clavicula zum Ansatz dient (Fig. 73).
Kranial und kaudal von der Spina liegt je eine Muskelgrube: Fossa prae-
und postscapularis = F. supra- und infraspinata der Anthropotomie^).
Am präskapularen Rande kann eine Incisur auftreten, die wegen ihrer Lage
coraco-skapular genannt wird. \o\\ Xenarthra ist bekannt, daß sie knöchern
überbrückt ist, nach Howes auch bei Cebidae. Er bringt dieses Foramen
coraco-scapulare in Verbindung mit der starken Entwickelung des oben-
genannten Epicoracoid (Fig. 78 u. 79).
1) Ueber die Form der Scapula und deren Bedeutung bei den Säugern vergl.
Gegenbaur, LTnters. z. vergl. Anatomie II, u. "Wilson and Stewart Mc Kay, Homologies
of the borders, surfaces of the scapula in Monotremes. Proc. Linn. Soc. N. S. Wales,
Ser. 2, VII.
Weber, Säucreüere.
98 II. Skelet.
Das Schlüsselbein. Clavicula, bildet den sekundären Abschnitt
des Schultergürtels, da es, unabhängig vom primären, ursprünglich als der-
maler Knochen entstand. ^Yas noch bei Monotremen der Fall ist. Bei den
übrigen Säugern aber entsteht es auf knorpeliger Grundlage, die wohl
vom Procoracoid sich herleitet (s. p. 9(j). Bei guter Entwickelung ei-stieckt
sich die Clavicula als schwach S-förmig gebogener Knochenstab zwischen
Acromion und Sternum resp. diesem angefügten Episternalelementen, kann
aber ausnahmsweise auch mit dem Coracoid in Verbindung treten fBra-
dypus). Gute Ausbildung der Clavicula treffen wir im allgemeinen bei
Säugetieren an, die ihre N'orderextremitäten nicht ausschließlich als Stützen
gebrauchen. Ist dies wohl der Fall, so hat meist Rückbildung statt, die
fast stets an beiden Enden der Clavicula geschieht. Hierbei kann sie end-
lich nur noch embryonal angelegt werden (Schaf, Wiilcza), um im erwachsenen
Zustand ganz zu fehlen ( Ungulata. Pinnipedia, Cetaceaj. Sie wird höchstens
noch durch den sehnigen ..Schlüsselbeinstreifen" [Leisering] im Musculus
Fig. 78. Gelenkende des
Schulterblattes I von Bradypus
cuculliger, jiiv. x 2, II von
Ateles marginatus X ]' „ nach
G. B. Howes. a Acromion; e Epicoracoid;
Gelenkpfanne; / Foramen coraco-scapulare.
Fig. 79. Gelenkende des Schulterblattes
von Myrniecophaga jubata von der Ventral-
seite. - .. n. Gr.
Metacoracoid; ep Epiphyse der
humero-mastoideus beim Schwein, Bund undBferd vertreten [Franck, Lesbre].
Unter Marsu])ialia ist sie nur bei den Peramelidae ganz rudimentär, bei
Insectivora fehlt sie nur Potamogale. Meist bei Eodentia vorhanden, fehlt
sie bei anderen ganz oder stellt ein Knochenstück dar in einem sterno-
akromialen Bande mit Komplikationen am sternalen Ende, Auch bei
Carnivora ist die Clavicula rudimentär oder fehlt ganz.
Die den Extremitätengttrteln angefügten Glied m.ißeii bieten bei den
Säugetieren weit größere Verschiedenheiten dar, als bei den übrigen Verte-
braten. Dies gilt in erster Linie für die A'orderextremität. Die hintere
dient dem Körper ausschließlich als Stützorgan und schiebt ihn. indem sie
gebeugt vorgesetzt wird, durch darauf folgende Streckung (Extensio) vor-
wärts. Sprung ist nur ein schnelleres Tempo dieser einförmigen Loko-
motion. Anders die vordere Extremität. Im einfachsten Falle wird sie
gestreckt vorgesetzt, verkürzt sich unter Beugung (Flexio) und zieht da-
durch den Körper vorwärts [Humphrey]. Diese funktionelle Verschieden-
heit ist primärer Art und Folge der verschiedenen Winkelstellung der
6. Schultergürtel und vordere Extremität. 99
Gliedmaßen. Im Schultergelenk ist der^^Humerus nach hinten, im Hüft-
gelenk das Femui- nach vorn gebeugt. Im Ellbogen bildet der Vorderarm
mit dem Humerus einen Winkel nach vorn, während im Knie die ent-
gegengesetzte Winkelstellung zwischen Femur und Unterschenkel sich findet.
Daneben kann nun die Vorderextremität an besondere Funktionen sich
anpassen, die sich dann im Bau, namentlich des distalen Aljschnittes,
äußern. Die Flughaut dei- Fledermäuse, die Grabhand des Maulwurfs,
die Flosse des Wallisches, die Greifhand des Menschen sind hierfür
Beispiele.
Das erste Segment der Vorderextremität, das Oberarmbein,
Humerus, ist meist ein langgestreckter Knochen, der aber in auffallender
Weise gemodelt wird,
in erster Linie durch
die Muskeln, die an ihm
Ursprung und Ansatz
linden. Die Fig. 80
und 81, einem fliegenden
und grabenden Säuge-
tier entnommen, weisen
dies aus.
Die proximale Epi-
physe trägt den Hu-
meruskopf, Caput hu-
meri, dessen halbkuge-
lige Gelenkttäche mit
der Scapula das
Schultergelenk, Ar-
ticulatio humeri. bildet.
Die Exkursionsfähigkeit
desselben ist eine sehr
große und ausgedehnte,
namentlich bei arbori-
kolen Tieren, bei denen
die Bewegungen des-
selben einen Kegel-
mantel beschreiben, des-
sen Achse mit dem
frontal oder sagittal ge-
beugten (iliede einen
Winkel bis zu 90
«
bilden können. Dient
die Vordergliedmaße da- Fig. 80. Pteropu.s edulis. Skelet in den Körper-
gegen VOl-wiegend oder umriß eingezeichnet. C Clavicula; F Fibula; ChP Chiro-
ausschließlich als Stütz- patagium; PIP Plagiopatagium ; PrP Propatagium; A' Ea-
Organ so wird die Dreh- ^^^^'' ^^ Sporn, r Tibia, ?7Ulna; üropatagium.
bewegung. ebenso wie die Ab- und Adduktion um die Sagittalachse durch
den Bau der Gelenkkapsel und durch Muskeln eingeschränkt; Beugung und
Streckung um eine Frontalachse ist dann die vorwiegende Bewegung.
Unterhalb des Caput li^egt der laterale und mediale Muskelhökei":
Tuberculum majus und minus der Anthropotomie, mit denen sich häutig
ein lateraler und medialer Rollfortsatz verbindet. Seltener tritt dazwischen
100 II- Skelet.
noch ein mittlerer Rollfortsatz auf. Das distale, verbreiterte Ende ctelenkt
durch die Rolle. Trochlea, mit Radius und ülna und hat oberhalb der-
selben jederseits einen Vorsprung. Entepicondylus und Ectepieon-
dylus =^ Condylus radialis s. lateralis und C. ulnaris s. medialis. Ohne
die Muskelleisten des Mittelstückes des Humerus zu nennen, sei hervor-
gehoben, daß bei zahlreichen Säugetieren obei'halb des Entepicondylus ein
Kanal oder ein Loch, Canalis (Foramen) entepicondyloideus s. supra-
condyloideus medialis sich findet für den Durchtritt des Nervus medianus
und de]- Arteria brachialis(Fig. 73). Es fehlt allen recenten Ijigulaten, Ceta-
ceen, Sirenia, sowie der Mehrzahl der Chiroptera und Rodentia; desgleichen
den altweltlichen Affen, einzelnen Carnivora und Insectivora. Unter Pro-
simiae fehlt es nur bei Perodicticus. Den erloschenen Säugern scheint es
sehr allgemein zuzukommen. Uebrigens ist sein Auftreten selbst innerhalb
desselben Genus manchem Wechsel unterworfen; so fehlt es im Genus Manis
nur der Art M. Temminkii, bei Bradypus hat nur Br. torquatus Jll. es.
Der Vorderarm. Antebrachium. besteht aus Radius und Ulna, die mit
dem Humerus das Eilbogenge lenk, Articulatio cubiti, bilden. Ur-
sprünglich hat in diesem nur Winkelbewegung um eine frontale Achse statt,
wie l)ei Monotremen und allen Säugern mit jjroniertem Radius. Tritt die
Möglichkeit der Supination hinzu, so geschieht diese Drehbewegung im Ell-
bogen zwischen Ulna und Radius und zwischen diesem und dem Humerus.
Hierdurch wird das Ellbogengelenk aus einem Ginglymus zu einem Trocho-
ginglymus. Dies steht also in Verbindung mit der Ausbildung der Vorder-
armknochen. Ist diese eine gleichmäßige, wie bei den Primates, Carnivora
fissipedia und pinnipedia, Rodentia, Insectivora. Elephas, Procavia. Suidae,
Hippopotamus, Tapirus, Rhinoceros, Cetacea, Manis, Orycteropus, Xenarthra,
Marsupialia, Monotremata. so sind es langgestreckte Knochen, deren distales
Ende mit der Hand sich verbindet. Ist der A'orderarm der Supination
fähig, so bewerktstelligt in erster Linie der Radius diese Verl)indung.
Dessen distales Ende ist dementsprechend verbreitert zur Gelenktläche für
mehrere Carpalknochen und trägt an seinem Außen- ( i)räaxialen]rande einen
Fortsatz, Processus styloides. Sein proximales Ende stellt durch das
Capitulum die \'erbindung mit der Ulna und dem Humerus dar.
Die ^'erbindung des Vorderarms mit dem Humerus bewerkstelligt im
übrigen haui)tsächlich die Ulna. Diese ist daher proximal am stärksten
und hat hier einen halbki-eisförmigen Gelenkausschnitt (Fossa sigmoides
major) oder eine sattelförmige Gelenktläche zur Aufnahme der Trochlea
des Humerus. Dorsalwärts wird dieses Gelenk überragt vom starken Ell-
bogenhöker, Olecranon s. Processus anconaeus, an den die Streck-
muskeln sich festsetzen. AVeit schmächtiger ist das distale Gelenkende
(Capitulum) mit dem postaxialen Processus styloides. Nur beim Elefanten
übertrifft es an Ausdehnung das distale Ende des Radius.
Bei der Mehrzahl der unguligraden Säuger: Equus, Artiodactyla. mit
Ausnahme der Suidae und von Hyppopotamus, desgleichen bei den Cliirop-
tei-a und Galeoi)itliecus erleidet die Ulna Reduktion. Sie hat bei Chiroptera
im ^Mittelteil der L^lna, die knorpelig vollständig angelegt wird, statt und
zwar derart, daß ihr distales Ende vollständig mit dem Radiusende ver-
schmilzt; proximal erhält sich das Olecranon. Dazwischen schwindet die
Ulna in verschiedenem Grade. Bei den Tylopoda verschmilzt sie in toto
mit dem Radius, l^eim Pferd geschieht die^ mit ihrem proximalen Ende,
wählend das distale verschwindet. Aehnliches geschieht bei den übrigen
(i. Schultercürtel und vordere Extremität. 101
Riiminantia, so daß so.car nur das Olecranon übrig bleil)en kann. In diesen
Fällen, die sich mit Reduktion der Zahl der Finger verbinden, liegt die Ulna
hinter dem Radius. Da aber diesen Zuständen eine normale 5-fingerige Hand
vorabging, so ist diese Lagening der Vorderarmknochen keine ursprüng-
liche, sondern eine durch Ani)assung erworbene. Vermutlich ist aber die
gleiche Lagerung von Radius und Ulna bei Monotremen, wo jedoch beide
Knochen gleich stark sind, die für recente Säuger ursprüngliche. Nicht für
die niedrigeren Tetrapodon. Ursprünglich doch lagen die beiden Knochen
nebeneinander, parallel zur Achse des Gliedes: eine Lagerung, wie wir
sie bei Cetaceen antreffen, ol)wohl sie hier sicher keine ursprüngliche ist.
Bei der Transformierung zur Hossenform, wobei das Ellbogengelenk un-
beweglich wurde, mußte Nebeneinanderlagerung der Knochen mit Ver-
breiterung des Unterarms vorteilhaft werden.
Ist die Lagerung bei Monotremen die ursprüngliche, wobei der Radius
vor der Ulna liegt, beide zusammen auf einer Gelenkrolle des Humerus arti-
kulieren und beide Knochen distal auseinander weichen, so können wir mit
Tornier die übrigen Zustände hiervon ableiten. Sie lassen sich als progres-
sive Stadien folgender Umformung darstellen, wobei die Hand als proniert
angenommen wird. Die anfänglich hinter dem Radius liegende Ulna bildet
eine neue mediale Gelenkfacette, die mit einer entsprechend sich bildenden
medialen Gelenkfläche des Humerus sich verbindet. Durch Zunahme dieser
neuen und Abnahme der alten lateralen Gelenkfläche des Humerus hat bei
]Monodeli)hia eine Verschiebung des proxi-
malen Endes der Ulna in medialer Richtung
statt, derzufolge sie neben das Radiusende
zu liegen kommt. Hierdurch gleitet Radius
sowohl als Ulna nebeneinander auf eigner
Gelenkfläche des Humerus (Beuteltiere,
Insectivora, primitive Rodentia). Beide
Knochen überkreuzen sich hierbei. Dies er-
reicht das Maximum bei Anthropomorphen.
bei denen die laterale Facette ganz schwindet
und Uelierkreuzung in der Mitte geschieht,
wenn die Hand in Pronation ist. Letztere
ist die ursprüngliche Lagerung. Zahlreiche
Säuger sind in verschiedenem Grade im-
stande, den Radius durch Drehbewegung
um seine Längsachse (Supination) neben die
Ulna, parallel zur Achse des Gliedes zu
lagern. Dies ist aber niemals die Ruhelage
des Gliedes ebensowenig wie embryonal
Supinationsstellung der Hand angenommen
wird. Bei den obengenannten Tieren, deren
L"'lna Reduktion erfährt, hat gleichzeitig
sekundär Verlagerung derselben nach hinten
statt infolge Ausdehnung des Radiusgelenkes
in transversaler Richtung. Aber auch hier-
bei bewahrt sich Pronation insofern, als
die distale Epiphyse der Ulna mit der
lateralen (postaxialen) Seite der Epiphyse
des Radius verwächst [Tornier].
Fig. 81. Vorderextremität von
Talpa europaea. c Centrale; er
Hamatum; / Os falciforme; Ii
Humerus; m Capitatum; / Tri-
quetrum; py Pisiforme; r Radius;
j Lunatum ; sc Scaphoid ; tr Tra-
pezium; tz Trapezoid; ii Ulna;
/— F 1. bis "). Finerer.
102 II. Skelet.
Wie bereits hervorgelioben, äußern sich die vielfältigen funktionellen
Anpassungen der Extremitäten vor allem in der Hand, Manns. Ihre
Grundform läßt sich folgenderweise vorstellen, wobei die Linien die ge-
lenkige Verbindung angeben:
Radius
Iladiale
UIna Pisiforme
Intermedium — Ulnare
Carpale 1
Centrale
Carpale 2 — Carpale 3
Procarpusj Q
Carpale 4 Carpale ö Mesocarpus|
]\[etacarpale 1 Metacarpale 2 Metacarpale 3 Metacarpale 4 Metacarpale 5 Metacarpus
I I I I !
"
Phalanx 1 Phalanx 1 Phalanx 1 Phalanx 1
Phalanx ]
I I
Phalanx 2 Phalanx 2 Phalanx 2 Phalanx 2 Phalanx 2 ^'^'^'
6. Schultergürtol und vordere Extremität. 103
Prosimiae. der Affen, mit Ausnahme von Gorilla und Schimpanse, ferner
beiProcavia und dem jugendlichen Elefanten, während es sonst allen recenten
Ungulaten fehlt. Niedere Vertebi-aten lehren aber, daß in den tyi)ischen
Bestand des Carpus zwei Centralia: Centrale radiale und ulnare ge-
hören, von denen das radiale das gewöhnlich auftretende ist. Aber auch
vom ulnaren tinden sich noch Andeutungen bei Säugern, jedoch nur
eml)ryonal. um spilter wohl meist mit dem Capitatum zu verschmelzen und
dessen proximales Ende zu bdden. Zwei Centralia sind vom Hunde und
einzelnen Marsupialia bekannt geworden [Emery] ; auch von Cetaceen
(Beluga. Monodon) [Leboucq, Kükenthal], bei denen aber das ulnare auch
mit Intermedium oder Trapezoid verschmelzen kann. Ferner scheint bei
(ialeojjithecus das Centrale mit dem Capitatum zu verschmelzen [Leche].
Neben dem Centrale kommt Verschmelzung auch an anderen Carpal-
elementen vor. So bilden Radiale und Intermedium ein als Scapho-luna-
tum bekanntes Kompositum bei Carnivora. Pinnipedia, der Mehi-zahl der
Rodentia, einzelnen Insectivora, Chiroptera, Galeopithecus, Sirenia, Manis,
Monotremata. Noch nicht in allen Punkten ist diesbezüglich das \er-
halten der Marsnpialia aufgedeckt. Die beiden Knochen können getrennt
bleiben (Didelphys. Dasyurus, Petaurus, Trichosurus). doch kann auch ein
rudimentäres Lunatum mit dem Scaphoid sich verbinden (Bettongia) oder
mit dem Radius verschmelzen (Phascolarctus) [Emery]. Hierher gehört
auch ein nur jugendlich oder auch bleil)end auftretendes Knochenstück,
das der ulnaren Seite des Radiusendes bei einzelnen Nagern, Lepidolemur
[Forsyth Major]. Phascolomys [Thilenius] und als Ossiculum Camperi
[Kohlbrugge] bei Hylobates anliegt. Bald erscheint es bei Nagern, die
an Stelle des Scaphoid und Lunatum nur ein Knochenstück haben, als ein
rudimentäres Lunatum, dann wieder wird es als Intermedium antebrachii
gedeutet. Weitere Untersuciiung muß hier Licht schaffen. Wird ein
Centrale angelegt, so kann es sich — wie hervorgehoben — mit diesem
Scapho-lunatum vereinigen.
Auch in der Hand mit nicht oder nur wenig reduzierter Fiugerzahl
können weitere Verschmelzungen statthaben: so bei Sirenia die distale
Reihe der Carpalia. Auch bei Cycloturus tritt Koalescenz von Trapezoid,
Cai)itatuni und Hamatum ein. Dies steht in Verbindung mit enormer
Auslnldung des dritten Fingers und Reduktion der übrigen. Aehnliche
Erscheinungen haben statt bei Artiodactyla, worüber in der Systematik
der Ungulaten weiteres. Dort kommt auch die ^"erschiebung der Carpal-
elemente zur Sprache. Diese erreicht übrigens bei Cetacea ihr Maximum,
wohl infolge der geringen individuellen Bedeutung der Carpalknochen. die
Teile enies Ganzen sind, das an sie keine weiteren Anforderungen stellt,
als mitzuhelfen, ein Ruder darzustellen.
Zu den bisher genannten Bestaiulteilen der Hand gesellen sich andere
sog. überzählige. Sie können von zweierlei Art sein. Zunächst alt er-
erbte, die Ratlien. Randstrahlen entsprechen, welche, am proximalen (prä-
axialen i oder distalen (postaxialen) Rande der Hand gelegen, häufig ganz
verloren gingen, meist aber sich erhielten oder zu besonderem Endzwecke
sich weiter entwickelten, zuweilen in so hochgradiger Weise, daß sie an
Finger erinnern: Praepollex. Postminimus [Bardeleben], jedoch weder
als Rudimente gewesener Finger noch als Anlage solcher, die es noch
werden wollen, aufzufassen sind.
104 II. Skelet.
Sie gaben Anlaß, die pentadaktyle Hand von einer hexadaktylen ab-
zuleiten. Die Tatsachen reden aber einer Hexadaktvlie nicht das Wort.
Für uns ist die Hand der Säuger und ihrer ^V)rfahren i)entadaktyl. In
ihr entwickelt sich marginal, vermutlich aus einem ulnaren Randstrahl,
ganz allgemein das Pisiforme, das mit der Ulna, auch mit dem Ulnare
artikuliert. Es kann aus zwei Gliedern bestehen bei Bathyergus maritimus
[Bardeleben] und nach Forsyth Major Ijei verschiedenen anderen Nage-
tieren, wie Arten von Mus, Brachyuromys, Arvicanthis mit verschieden-
gradiger Verknöcherung des distalen Stückes, das namentlich bei Ctenomys
groß ist und eine hornige Scheide tragen kann. Vielleicht ist das als
Ossiculum Daubentoni von Hylobates bekannte Knochenstück [Leboucq,
Kohlbrugge] gleichfalls als jjroximales Stück des Pisiforme nufzufassen.
I^>ei Chiroptera ist es embryonal ein langes Geljilde in der Flughaut, dessen
intermediärer Teil schwindet, während der proximale zum Pisiforme wird, der
distale aber als accessorischer Knorpel mit dem Ende des 5. Fingers sich
verbindet [Leboucq].
Ein radialer Randstrahl war wohl der Keim, aus dem namentlich bei
gral)enden. kletternden, schwimmenden und anderen meist breithändigen
Säugern ein radialer Randknochen, Praepollex [Bardeleben] infolge mecha-
nischen Druckes sich hervorbildete. Derselbe gelenkt mit dem Scaphoid
oder mit diesem und dem Trapezium oder mit letzterem allein und tritt
in der Mehrzahl der Abteikingen der Säuger auf: bald knorpelig, bald
knöchern als kleiner Stummel, als sichelförmiges Gebilde (Os falciforme.
z. B. bei Talpa), als langer Stab (Elephas); es kann selbst zweigliederig
werden (Pedetes). Seine progressive Entwickelung durch spezielle An-
passung spricht sich noch mehr darin aus, daß bis zu 5 Muskeln ihn be-
dienen können [Carlsson, Tornier]. Das spricht dagegen, daß er einfach
als Sesambein (radiales Sesambein) zu betrachten ist, ebensowenig wie das
Pisiforme einfach als ulnares Sesambein. Es handelt sich um alte Bestand-
teile der Hand, die man vielleicht „radiogene" nennen könnte, da sie wohl
aus radial und ulnar von den 5 Fingern gelegenen Strahlen entstanden, unter
dem Einfluß besonderer Anforderungen, die an die Hand gestellt wurden.
Von ihnen sind daher die Sesam
b
eine zu scheiden. Diese sind ein
Erwerb der Säuger [Emery], Sie treten bei der Mehrzahl der Säuger
als paarige kleine Knochenstücke in der Kapsel dei' metacarpo-phalangealen
Gelenke derart auf, daß sie die Beuge- und Streckbewegung derselben
regeln, durch Behinderung seitlicher Bewegung. Auch auf der dorsalen
Seite können solche „syndesmogene oder tenontogene" Gebilde in den
metacarpo-phalangealen und interphalangealen Gelenken in den Streck-
sehnen auftreten. Fraglich ist es, ob hierher auch ein Knochenstück ge-
hört, das Forsyth Major auf der dorsalen Seite des interphalangealen
Gelenkes des Daumens bei verschiedenen Nagern antraf.
Die Metacarpalia und Phalangen haben als lange Knochen eine
Diaphyse und Ei)iphyse, jedoch mit folgenden Unterschieden. In Meta-
carpale II- — V bleibt häutig die proximale Epijjhyse eine Chondroepiphyse,
d. h. daß sie keinen selbständigen Knochenkern bildet, sondern von der
Diaphyse aus verknöchert. Metacarpale I kann sich aber verhalten wie die
Phalangen, bei denen gewöhnlich nur eine proximale Epiphyse sich ent-
wickelt, während die distale Epiphyse von der Diaphyse aus verknöchert^).
1) Die Cetaceen haben echte Epiphysen an beiden Enden der Phalangen und
Metacarpalia [J. Struthers], desgleichen einzelne Pinnipedia im Fuß [A. Thompson, Flower].
G. Schultergiirtel und vordere Extremität. 105
Da diese Uebereinstimmiing aber durchaus keine allgemeine ist, darf man
hieraus nicht den Schluß ziehen, daß Metacarpale I als 1. Phalanx des
Daumen zu deuten sei. Bei diesem fügen sich nämlich nur 2 Phalangen
an den Metacarpus, bei den übrigen Fingern aber 'S. Ebensowenig ist
die Annahme gerechtfertigt, daß der Daumen dadurch zweigliederig sei,
daß seine proximale Phalange mit dem Metacarpale I verschmolzen sei.
Nur ausnahmsweise, wie bei Chrysochloris, vermindert sich die Zahl der
Phalangen auf 2 in Finger II bezüglich 1 in Finger III und I\'.
Die Form der End- oder Nagelphalanx ist verschieden, je nach-
dem sie einen Nagel, eine Kralle oder einen Huf trägt, wie auf p. If)
besprochen Avurde. Trägt die Pha-
lange eine gut entwickelte Kralle,
so ist sie ausnahmsweise gespalten
(Manis. Chrysochloris. Peramelidae.
Talpa), häufiger, namentlich bei
grabenden Tieren, wenigstens an der
Dorsalseite mit einer Furche ver-
sehen, wodurch die Verbindung der Fio-. 82. Nagelphalanx von l. Katze von
Kralle eine festere wird, wie bei der Heite, 2^ vom Menschen, 3. vom Pferd,
, . , , T^ , T , beide von oben.
Myrmecophagidae und l3radyi)odidae.
Nur bei Cetaceen wird die Zahl der Phalangen, wenigstens einzelner
Finger, größer. Die gleiche Erscheinung, aber weniger konstant und in
geringerem Maße, können auch die Sirenia zeigen, auch soll sie bei fötalen
Chiroptera angedeutet sein. Diese Hyperphalangie ist eine Anpassung
an die Schwimmbewegung und soll bei den genannten Familien näher be-
sprochen werden. Sie zielt auf Verlängerung der Finger ab. Diese
kann auch erreicht werden durch Verlängerung des Metacarpus und der
Phalangen wie bei Chirojjtera. oder des Metacarpale allein wie im .->. Finger
von Chiromys. Umgekehrt tritt Verminderung der normalen Phalangen-
zahl im 3., 4. und 5. P'inger von Chrysochloris bei gleichzeitiger starker
Ausbildung der Krallen ein. Hier liegt wohl Verschmelzung von
Phalangen vor.
Reduktion der Finger kann zu deren totalem Schwunde fuhren.
Entsprechend der allgemeinen Regel, daß die Randfinger in Ausmaß zurück-
treten gegenüber den mittleren M. beginnt dieser Schwund meist mit dem
ersten: darauf folgt der fünfte. Schwinden noch weitere Finger oder er-
leiden sie Reduktion, so folgt der zweite.
Demgemäß werden bei Artiodactyla der 3. und 4. Finger die funktio-
nierenden. Beim monodaktylen Pferd Ijleibt nur der 3. gespart. Ab-
weichungen von dieser Regel zeigen z. B. die Lorisinae unter den Prosimiae
bei denen nur der 2. Finger verkümmert. Dieser Rückgang erstreckt sich
in verschiedenem Grade auf die Metacarpalia und auf die Carpalknochen.
Sie kann selbst das distale Ende der Ulna in Mitleidenschaft ziehen (Pferd,
Wiederkäuer.) Gewöhnlich nehmen die übrig gebliebenen oder ausschließ-
lich funktionierenden Finger an Größe zu. Dies gilt auch für die zu-
Die geringe Anforderung, die bei diesen Tieren an die individuellen Digiti gestellt
wird, ist wohl die Ursache hierfür, während der beschleunigte Prozeß der Verknöcherung
der Epiphyse von der Diaphyse aus, der sonst statt hat, dem Werte entspricht, den
für junge Tiere bereits nach Möglichkeit solide Finger besitzen.
1) Diese Regel hat Ausnahmen, z. B. bei den Bären, deren 5. Finger der
längste ist.
10(3 IL Skelet.
gehörigen Metacarpalia, die wohl auch unter sicli (Artiodactyla) oder mit
den funktionslosen verschmelzen können. Al)er auch in der pentadaktylen
oder nur geringfügig reduzierten Hand können ein oder mehrere Finger
bevorzugt werden, wofür die Xenarthra (s. diese) gute Beispiele liefern.
Wichtig ist die Bedeutung, die der 1. Fingei- dadiu'ch erhält, daß
sein Cari)0-metacarpal-(Telenk sattelförmig wird. Hierdurch wird er unter
Wirkung geeigneter Muskeln Ijefähigt. außer der ginglymischen Bewegung
um eine transversale Achse, die alle Finger haben, auch Bewegungen um
eine sagittale Achse auszuführen. Er wird hierdurch zum Daumen (Pollex),
welcher der übrigen Hand entgegengestellt werden kann und dieselbe
zur Greifhand erhebt. Da sich als Regel mit dieser Opponierbarkeit des
Daumens Pronation und Suppination der Hand verlnndet. wird die solcher
(lestalt befähigte Hand der Primaten, mancher Podentia und Marsui)ialia
zu einem Organ, das den ganzen Organismus beeinflußt. Der opponier-
l)are Daumen kann Ursache werden des Rückganges des Index (Nycticebus.
Perodicticus). Auch kann es geschehen, daß auch der Index den übrigen
Fingern entgegengestellt werden kann (Phascolarctus.j.
7. Beckengürtel und hintere Extremität.
Der Gürtel der hinteren Extremität: der ßeckeiig'üi'tel, entsteht aus
den paarigen Beckenknorpeln, in welchen sich die von niederen Verte-
braten her bekannten drei Knochen Darmbein. Ilium, Schambein,
Pu])is und Sitzl)ein, Ischium getrennt anlegen. Während aber bei
niederen Vertebraten das Ilium den dorsalen Abschnitt der Beckengürtel-
liidfte darstellt und der ventrale Al)schnitt kranialwärts durch das Pubis.
kaudalwärts durch das Ischium gebildet wird, hat bei Säugern phylogene-
tisch eine Verschiebung derart stattgehabt, daß das Ilium nach vorne,
das Pubo-Ischium nach hinten sieht. Das Becken ist also nach hinten
geneigt und hat diese Lage dui-ch eine rückwärtige Rotation erhalten, die
sich ausdrücken läßt durch den Winkel, den eine Längsachse durch das
Fig. 83. Becken von Pteropus
eduli.* von der rechten Seite n. Gr. a
dorsalwärts gekehrtes Acetabuluni; ?'
Ilium; /s Ischium, mit den Pseudosakral-
wirbeln verwachsen; / Letzter Lenden-
wirbel; / Pubis; ps Verschmolzene
Sakral- und Pseudosakralwirbel; /Tuber-
culum ileo-pcctinenm.
Sacrum (sacral axe Huxley) mit einer Achse bildet, welche die ilio-sakrale
^'erbindung mit dem Acetabuluni verbindet (iliac axe H.). Diese Ro-
tation findet sich auch bei den Anomodontia. Nach Leche läßt sie sich
bei Galeopithecus ontogenetisch nachweisen und führt hier zu einer der
Wirbelsäule i)arallelen Lage des Darmbeins. Auffallend ist diese bei
Chiroi)tera. Hierbei ist gleichzeitig das Acetabuluni derart dorsalwärts
verlagert, daß das Bein um seine Längsachse gedreht ist und das Knie
Beckengürtel uud hintere Extremilät. 107
(lorsahvärts schaut: eine Anpassung an die Flughaut (Fig. 80 u. 83).
Umgekehrt wird enormes Körpergewicht Anlaß zur Verbreiterung und zur
fast vertikalen Stellung des Hüftbeins, das nach aui^en gerichtet ist, während
das Acetabulum ventralwärts schaut (Elephas, Megatherium, Hippopotamus)
(Fig. 84). Hierdurch kommt das Femur senkrecht in das Acetabulum zu
stehen. Wichtig ist, daß bei Monotremen genannte Rotation ontogenetisch
in inverser Richtung statthat. Der junge Ornithorhynchus hat einen
Neigungswinkel des Beckens, der ungefähr mit dem der höheren Säuger
übereinstimmt, weiterhin aber um 45 ^ zunimmt, wodurch der Beckengürtel
reptiiienartig aufgerichtet wird [Howes]. Wenn auch in geringerem Maße,
zeigt sich dieser durchaus sekundäre Charakter des Monotremenbeckens
auch l)ei Echidna.
Die drei Beckenknochen
verbinden sich erst spät zu dem
Hüftbein, Os coxae (innomi-
natum, iliacum). DasPubis mit
dem Ischium so, daß zwischen
ihnen eine durch Membran ge-
schlossene Oeifnung, Foramen
obturatum, bleibt. Entsprechend
der früheren Auffassung, treffen
die drei Knochen einander in dem
Acetabulum, der Gelenkpfanne vorn gesehen, nach Pauder& D'Alton. rt Sakral-
für den Kopf des Femui-. Dies wirbef, b Acetabulum. Stark verkleinert,
ist unrichtig, da das eigentliche
Pubis, abgesehen von einer Anzahl Ausnahmen (Monotremen, Pinnipedia,
verschiedene Ungulata), ausgeschlossen ist von der Bildung des Acetabulum
[Leche]. An dieser beteiligt sich bei der Mehrzahl der Säuger der kleine
Pfannenknochen, Os acetal)uli (cotyloideumj, der nur bei Monotremen,
Prosimiae und Chiroptera zu
fehlen scheint, sonst aber nur
einige Zeit selbständig bleibt,
um darauf mit einem der drei
Beckenknochen zu verschmel-
zen. Hat dies mit dem Pnbis
statt, so beteiligt sich schein l)ar
das Pubis an der Bildung des
Acetabulum. Zweifelsohne
keine E})i])hjse eines der drei
Beckenknochen, ist es fraglich,
ob der Pfannenknochen keine
Fig. 84. Becken von Megatherium von
Fig. 85. Linke Beckenhälf'te von Cervus juv.
/ letzter Lumbal-, .? Sakral-, pi erster Pseudosakral-
Sekundäre Verknöcherung des wirbel; / Ilium; p Tubis; « Lschium; oa Os aceta
Beckenknorpels sei (Fig: 85). ^uü, den Boden des Acetabulum büdend. /, n. Gr.
Die ursprüngliche Form des Ilium ist eine lange, schmale. An
seiner Außenfläche verläuft in der Längsrichtung ein Kamm, Crista
lateralis [LecheJ, der bei Monotremen, Marsupialia, vielen Insectivora,
Rodentia, Prosimiae und den Creodonta in der Spina ventralis posteiior
endet, die sich demnach als Charakter niederer Säuger dokumentiert.
W'o Ilium und vorderer Ast des Pubis sich vereinigen, tritt vielfach ein
Tuberculum ileo-pubicum auf: daneben kann mehr ventralwärts ein
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