Entwicklungsperspektiven von Niedrigeinkommensländern. Zur Bedeutung von Wissen und Institutionen
Abstract
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Full text
Schubert, Renate (Ed.) Book Entwicklungsperspektiven von Niedrigeinkommensländern. Zur Bedeutung von Wissen und Institutionen Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 282 Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Schubert, Renate (Ed.) (2001) : Entwicklungsperspektiven von Niedrigeinkommensländern. Zur Bedeutung von Wissen und Institutionen, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 282, ISBN 978-3-428-50598-2, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285744 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de
Schriften des Vereins für Socialpolitik Band 282 Entwicklungsperspektiven von Niedrigeinkommensländern – Zur Bedeutung von Wissen und Institutionen Von Joachim Ahrens, Torsten Amelung, Malcolm H. Dunn, Andreas Hausknecht, Ingrid Jung, Robert Kappel, Rolf J. Langhammer, Matthias Lutz, Katharina Michaelowa, Mechthild Schrooten, Friedrich L. Sell, Frank Weiler Herausgegeben von Renate Schubert Duncker & Humblot · Berlin OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Schriften des Vereins für Socialpolitik Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 282 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
SCHRIFTEN DES VEREINS FÜR SOCIALPOLITIK Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 282 Entwicklungsperspektiven von Niedrigeinkommensländern - Zur Bedeutung von Wissen und Institutionen Duncker & Humblot · Berlin OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Entwicklungsperspektiven von Niedrigeinkommensländern - Zur Bedeutung von Wissen und Institutionen Von Joachim Ahrens, Torsten Amelung, Maleolm H. Dunn, Andreas Hauskrecht, Ingrid Jung, Robert Kappe!, Rolf J. Langhammer, Mattbias Lutz, Katbarina Michaelowa, Mechtbild Schrooten, Friedrich L. Seil, Frank Weiler Herausgegeben von Renate Schubert Duncker & Humblot · Berlin OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Die Deutsche BibliothekCIP-Einbeitsaufnahme Entwieklungsperspektiven von Niedrigeinkommensländern : zur Bedeutong von Wissen und Institutionen I Hrsg.: Renale Schuber!.- Berlin : Duncker und Humblot, 2001 (Schriften des Vereins für Socialpolitik, Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften ; N.F., Bd. 282) ISBN 3-428-10598-2 Alle Rechte, auch die de~. auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Ubersetzung, für sämtliche Beiträge vorbehalten © 2001 Duncker & Humb1ot GmbH, Berlin Fremddatenübemahme: Selignow Verlagsservice, Berlin Druck: Berliner Hochdruckerei Union GmbH, Berlin Printed in Gennany ISSN 0505-2777 ISBN 3-428-10598-2 Gedruckt auf alterungsbeständigem (säurefreiem) Papier entsprechend ISO 9706 8 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Vorwort Anlässlich der Jahrestagung 2000 beschäftigte sich der Entwicklungsländer-Ausschuss des Vereins für Socialpolitik mit dem Thema „Entwicklungsperspektiven von Niedrigeinkommensländern – Zur Bedeutung von Wissen und Institutionen“. Der Bogen wurde dabei vom Wissen über die Folgen makroökonomischer Politiken bis hin zur Bedeutung moderner Informationstechnologien für Länder mit besonders niedrigen Pro-Kopf-Einkommen bzw. mit besonders hohen Auslandsverbindlichkeiten (Heavily-Indebted Poor Countries [HIPCs]) gespannt. Die in diesem Band enthaltenen Beiträge stellen überarbeitete Versionen der auf der Tagung gehaltenen Referate und Korreferate dar. Die Überarbeitungen konnten sich auf zahlreiche Diskussionsbeiträge der Tagungsteilnehmer stützen, die aus der Entwicklungsländerforschung wie auch aus der praktischen Entwicklungspolitik kamen. Andreas Hauskrecht von der FU Berlin geht in seinem Beitrag „Ärmste Entwicklungsländer und das geeignete Wechselkursregime – gibt es eine universelle Empfehlung?“ davon aus, dass die Wahl eines geeigneten Wechselkursregimes einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklungsförderung gerade der ärmsten Länder leisten könnte. Hauskrecht erläutert Vorund Nachteile von flexiblen Wechselkursen auf der einen Seite und von einem Currency Board oder einer vollständigen Fremdwährungssubstitution (Dollarisierung) auf der anderen Seite. Er betont, dass wegen möglicher exogener Schocks der nominale Wechselkurs als Anpassungsinstrument unverzichtbar sei. Auch im Rahmen eines Systems flexibler Wechselkurse sei daher einer Vermögensstabilisierung der eigenen Währung der Vorrang gegenüber sonstiger Makropolitik zu geben und empfiehlt daher das Regime des adjustable peg. Als Korreferent stellt Malcolm H. Dunn von der Universität Frankfurt/Main die Frage, ob die Wahl des Wechselkursregimes aus entwicklungstheoretischer Sicht tatsächlich relevant sei. Er kommt zu dem Ergebnis, dass dies wohl eher nicht der Fall sei. Zwar seien permanent sich verschlechternde und stark volatile terms of trade als Entwicklungshemmnis zu betrachten. Dieses Hemmnis sei jedoch in der Regel nicht durch freie Wechselkurse verursacht, sondern hätte typischerweise einen regionalen und güterspezifischen Hintergrund. Preisverschlechterungen und Preisschwankungen für Primärgüter seien die Folge von Veränderungen auf der Angebotsoder Nachfrageseite der Märkte für solche Primärgüter. Die genannten Preiseffekte würden sich in der Handelsbilanz niederschlagen und könnten damit Aufoder Abwertungen der Landeswährung verursachen. Variierende Wechselkurse seien in diesem Sinn also Folge und nicht Ursache variierender terms of trade und der resultierenden Entwicklungsprobleme. Makropolitik und insbesondere die Marktöffnung in Industrieländern sei daher wichtiger als die Wahl eines WechselOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Vorwort 6 kursregimes, wenn man die erwähnten Entwicklungsprobleme überwinden wolle. Ein optimales Wechselkursregime gebe es jedenfalls nicht. Die Offenheit von Märkten spielt auch im Beitrag von Matthias Lutz von der Universität St. Gallen eine wichtige Rolle. Unter dem Titel „Was verspricht die Globalisierung für die Niedrigeinkommensländer? – Ergebnisse aus der Wachstumstheorie und Evidenz“ zeigt Lutz auf, dass es gewisse Gruppen von Ländern gebe, deren wirtschaftliche Entwicklung konvergiere, so dass mittelund langfristig Entwicklungsunterschiede verschwinden würden. Marktöffnung scheine eine notwendige, nicht jedoch hinreichende Bedingung für Konvergenz zu sein. Vor allem die Diffusion von Wissen und Technologie sei in diesem Zusammenhang wichtig. Handel und Direktinvestitionen können ein bedeutsames Vehikel für Wissensund Technologietransfer sein, wenn auch die empirische Evidenz in diesem Zusammenhang gerade für die ärmeren Länder nicht eindeutig ist. Insgesamt scheint die Empirie darauf hinzudeuten, dass Globalisierung und zunehmende Liberalisierung von internationalem Handel und internationalen Kapitalmärkten für sich genommen weder im positiven noch im negativen Sinn einen wesentlichen Entwicklungseffekt für arme Länder haben. Komplementären Faktoren, welche die Diffusion von Wissen und Technologien beeinflussen, wie etwa der institutionelle Rahmen eines Landes, komme wesentliche Bedeutung zu. Es sei daher nicht möglich, die Frage, ob Globalisierung den ärmsten Entwicklungsländern eher schade oder nutze, mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten. Friedrich L. Sell von der Universität der Bundeswehr in München geht in seinem Korreferat auf mögliche Ursachen für Konvergenz bzw. Divergenz ein. Er betont, dass neben der Globalisierung auch andere Ursachen relevant sein können, zum Beispiel die Höhe der staatlichen Ausgabenquote. Er zeigt, dass im Rahmen einer finanzwissenschaftlichen Erklärung Konvergenz erst dann feststellbar sei, wenn eine Schwelle mittleren Einkommens überschritten sei. Unter Berücksichtigung von wirtschaftshistorischen Befunden kommt er jedoch zu dem Ergebnis, dass Offenheit einen positiven Einfluss auf Konvergenz und Entwicklungsniveau habe, wenn auch künftig möglicherweise in geringerem Ausmass als bisher. Im folgenden Beitrag änderte sich der Blickwinkel von einer eher allgemein gehaltenen Betrachtung optimaler Makropolitiken für Niedrigeinkommensländer hin zu einer länderspezifischen Analyse. Robert Kappel von der Universität Leipzig beschäftigt sich unter dem Titel „Catching-up mittelfristig kaum möglich: Begründungen für die langanhaltende Wachstumsschwäche Afrikas“ mit der Analyse verschiedener Länder Afrikas. Er betrachtet auf der einen Seite die konkreten Wachstumsund Entwicklungszahlen afrikanischer Niedrigeinkommensländer. Auf der anderen Seite entwickelt er ein Raster von Ansätzen zur Erklärung von guten bzw. schlechten Wachstumsbedingungen. Seiner Ansicht nach sind vor allem raumtheoretische, institutionentheoretische, aussenwirtschaftstheoretische und soziokulturelle Aspekte von Bedeutung. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Vorwort 7 Auf der Grundlage dieser Überlegungen leitete Kappel eine Fünfteilung afrikanischer Länder her. Auf der einen Seite gebe es die Emerging African Economies (EAE), zu denen nur Mauritius und die Seychellen gezählt werden könnten, bei denen man von hinreichenden Potentialen für eine positive wirtschaftliche Entwicklung ausgehen könnte. Daneben gebe es die potenziellen Reformländer, bei denen man im Zusammenhang mit fortgesetzten Wirtschaftsreformen damit rechnen könne, dass sie von niedrigen Niveaus des Pro-Kopf-Einkommens zu mittleren Einkommensländern aufschliessen könnten. Als drittes und viertes habe man schliesslich die in der Falle des Gleichgewichts auf niedrigem Niveau verharrenden Länder, die sich in einem Teufelskreis aus Armut und Konflikt befänden, aus dem sie ohne externe Hilfe nur mit geringer Wahrscheinlichkeit oder gar nicht herauskämen. Mehr als die Hälfte aller afrikanischen Staaten sei in diese Kategorien einzustufen. Ein „big push“ sei für diese Länder nicht möglich, da es sich in der Regel um Länder mit eher kleinen Märkten handelte. Dennoch könne durch eine wachstumsfördernde Politik, die neben Wirtschaftsund Innovationsförderung auch die Bildung von Humankapital, die Förderung von Kleinund Mittelunternehmen, die Reduzierung von Investitionsrisiken oder den Infrastrukturausbau mit einschliesse, Kapitalakkumulation und Wohlstand der afrikanischen Niedrigeinkommensländer gesteigert werden. Als fünftes führt Kappel schliesslich „Länder ohne Perspektiven“ an. Diese Gruppe umfasst fast ein Viertel der afrikanischen Länder und enthält Katastrophenländer wie Sierra Leone, Angola, Liberia usw. Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel fasst in seinem Korreferat die Vielzahl der von Kappel genannten Einflussfaktoren für die Wachstumsschwäche afrikanischer Staaten in drei Gruppen zusammen. Er identifiziert in diesem Zusammenhang als erstes „natürliche“ oder geographisch bestimmte Wachstumshemmnisse, wie etwa Marktferne, tropische Infektionskrankheiten, tropische Landwirtschaft, ethnische Segmentierung oder „schlechte politische Nachbarschaft“. Die zweite Gruppe wachstumshemmender Faktoren bezeichnet er als aussenwirtschaftspolitische Faktoren, zu denen er die Besteuerungsbasis, die Aussenwirtschaftsstruktur, die handelspolitische Anbindung an Europa, den öffentlichen Ressourcentransfer oder währungspolitische Bindungen zählt. Schliesslich weist Langhammer auf institutionenökonomische Faktoren hin, zu denen einerseits das Phänomen des Dominierens stationärer Alleinherrscher gehöre, andererseits das Phänomen der Korruption. Zusammenfassend betont Langhammer, dass Afrika wohl nur dann wirkliche Entwicklungschancen habe, wenn die Weltgemeinschaft massiv interveniere und zum Abbau der zuvor erwähnten Hemmnisse beitrüge. Eine Alternative könne nur darin bestehen, Afrika sich völlig sich selbst zu überlassen und zu isolieren. Der Zwischenweg widersprüchlicher und halbherziger Interventionen, wie man sie immer wieder in Afrika südlich der Sahara finde, sollte jedenfalls nicht fortgesetzt werden. Nach der Betrachtung länderspezifischer Faktoren ist der folgende Beitrag von Katharina Michaelowa vom HWWA in Hamburg einer sektorspezifischen BetrachOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Andreas Hauskrecht 14 A. Das Plädoyer für Randlösungen „There is no single answer, but in light of recent experience what is perhaps becoming increasingly clear – and will be probably be increasingly reflected in the advice that the international community offers – is that in a world of freely flowing capital there is shrinking scope for countries to occupy the middle ground of fixed but adjustable pegs. As we go forward from the events of the past eighteen months, I expect that countries will be increasingly wary about committing themselves to fixed exchange rates, whatever the temptations these may offer in the short run, unless they are also prepared to dedicate policy wholeheartedly to their support and establish extra-ordinary domestic safeguards to keep them in place.“ 3 Dieses Zitat von Lawrance Summer, dem US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler und amtierenden Finanzminister, ließe sich durch zahlreiche Beispiele anderer Autoren ergänzen.4 Das Kernargument lautet, das Trilemma, nämlich die Unvereinbarkeit der Ziele eines freien internationalen Kapitalverkehrs, einer Stabilisierung des nominalen Wechselkurses und einer eigenständigen nationalen Geldpolitik, lasse sich nur auflösen, indem die nationale Währung unwiederbringlich fixiert werde, was dem vollständigen Verzicht auf eine eigene Geldpolitik entspricht, oder aber alternativ durch den Übergang zu flexiblen Wechselkursen. Implizite Annahme ist hierbei, dass eine Einschränkung des internationalen Kapitalverkehrs unerwünscht sei.5 Gerade die asiatische Finanzkrise habe nachdrücklich gezeigt, dass Währungsankoppelungen der Gefahr spekulativer Attacken ausgesetzt seien; lässt sich die Währungsparität nicht weiter aufrecht erhalten, droht ein Überschießen des Wechselkurses mit fatalen Folgen für den Finanzwie den realen Sektor der betroffenen Ökonomie. Unterstützt wird diese Sichtweise durch die Spielregeln des Systems von Bretton Woods; auch hier hatte es sich um ein Fixkurssystem mit der Option der Paritätenanpassung gehandelt. Bedingung für dessen Funktionieren war aber die Einschränkung des freien Kapitalverkehrs auf Leistungsbewegungen. Der fortschreitende Prozess der Liberalisierung der nationalen Finanzmärkte und darüber des internationalen Kapitalverkehrs habe zunehmend ein Festhalten an einem Regime der Währungsankoppelung erschwert. 3Summers, L. (1999), zitiert nach Frankel, J.A. (2000), S.6. 4So wird etwa im sogenannten Meltzer-Report (2000) ebenfalls die Empfehlung für eine der beiden Randlösungen ausgesprochen. Stanley Fischer (1999), stellv. Managing Director des IMF, gelangt zu einer ähnlichen Schlussfolgerung. 5Es ist nicht ohne eine gewisse Ironie, dass gerade die These des wohlstandsstiftenden freien internationalen Kapitalverkehrs bisher insbesondere für Entwicklungsländer empirisch nicht bestätigt werden konnte. Siehe hierzu Eatwell, J. (1996). Auch die allokationstheoretische Begründung für freien internationalen Kapitalverkehr ist kaum haltbar. Siehe hierzu Rodrik, D. (1998). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Entwicklungsländer und das geeignete Wechselkursregime 15 I. Flexible Wechselkurse Das Plädoyer für flexible Wechselkurse betont die Funktion des Wechselkurses als relativen Preis, als Austauschverhältnis zweier Währungen, das keinesfalls künstlich fixiert werden dürfe, sondern vielmehr gemäß den Veränderungen der jeweiligen Angebots-/Nachfragekonfigurationen schwanken müsse. Schon Friedman betonte Anfang der 50er Jahre die stabilisierende Funktion der Spekulation, verstanden als das Eingehen offener Preispositionen in einer Währung, da diese immer zum der Kaufkraftparität entsprechenden Gleichgewichtskurs zurückführe und darüber hinaus einen disziplinierenden Druck auf nationale Geldund Fiskalpolitik ausübe.6 Einerseits sollen flexible Wechselkurse als Schockabsorber bei unterschiedlichen Preisentwicklungen im Inund Ausland fungieren und darüber eine eigenständige nationale Geldpolitik ermöglichen, zum anderen aber sorge die Spekulation gegen eine frei schwankende Währung für eine disziplinierende Wirkung auf die Geldund Fiskalpolitik. Die implizite Annahme hierbei ist, dass die nominale Wechselkursentwicklung letztlich unterschiedliche Inflationsraten in den Währungsräumen widerspiegele, nominaler und realer Wechselkurs sich also nicht gleichgerichtet bewegen.7 Diese Annahmen über die Entwicklung der Paritäten bei flexiblen Wechselkursen wurden in der Praxis nicht bestätigt. Cooper weist darauf hin, dass die Wechselkursbewegungen der gegeneinander frei floatenden Währungen, insbesondere der Leitwährungen USD und EURO, aber auch des Yen, schwerlich anhand der Veränderung von Kaufkraftparitäten erklärt werden können und zumindest kurzbis mittelfristig massive Unsicherheit über zukünftige Preisentwicklungen verursachen.8 MacDonald betont die sehr eingeschränkte Prognosefähigkeit von Wechselkursentwicklungen anhand von (auch relativen) Kaufkraftparitäten, die er auf kurze Sicht verneint und erst ab einem Zeitraum von mindestens zwei bis drei Jahren als anwendbar sieht.9 Vermutlich unterschätzt wurde von den frühen Befürwortern flexibler Wechselkurse der rapide Anstieg autonomer, also nicht an Leistungsbewegungen gebundener, internationaler Kapitalbewegungen, die in hohem Maß der Erwartungsbildung bezüglich der Entwicklung der Wechselkurse unterliegen. Eine hohe Volatilität des nominalen Wechselkurses, der neben dem Preisniveau inländisches Vermögen bewertet, birgt Unsicherheit ob des zukünftigen Trends der Wechselkursentwicklung und kann zu einem akzelerierenden Prozess der Flucht aus der Währung in Form einer self-fulfilling prophecy führen. 6Siehe Friedman, M. (1953). 7Siehe hierzu die Diskussion in Cooper, R.N. (1999), S.101 ff., der die Annahmen der Befürworter flexibler Wechselkurse anhand H.G. Johnsons berühmten Artikels von 1969 „The Case for Flexible Exchange Rates“ diskutiert. 8Siehe Cooper, R.N. (1999), S.105ff. 9Siehe hierzu MacDonald, R. (1999). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Andreas Hauskrecht 16 Der theoretische Kern des Problems besteht darin, von der Annahme, Währungen seien perfekte Substitute, wie bei der Zinsparitätentheorie der Fall, abzugehen. Die Unterstellung identischer Substitutionselastizitäten von Währungen basiert auf der impliziten Reduktion der Funktionen von Geld auf Tausch –, resp. Transaktionsmittel (und Numéraire). Sobald aber die weiteren Funktionen von Geld als Medium der Wertaufbewahrung (store of value) und Zahlungsmittel (medium of deferred payment) berücksichtigt werden, ist diese Annahme nicht weiter haltbar. Währungen unterscheiden sich durch ihre Qualität, als Vermögensspeicher zu dienen. Sie weisen unterschiedliche nicht-pekuniäre Ertragsraten auf. Erklärbar ist diese unterschiedliche Einschätzung durch den Vermögensmarkt u.a. anhand von Erfahrungen der nominalen Entwicklung der Währungen aus der Vergangenheit, der Größe des Währungsraumes und der Nettovermögensposition gegenüber dem Ausland.10 Entscheidend ist, dass die unterschiedliche Vertrauensprämie ex ante aus Sicht des Schwachwährungslandes einen Lageparameter darstellt und nicht unmittelbar beeinflussbar ist. Im Zweiländerfall gilt im Gleichgewicht: ii=ia+Dee+c wobei i gleich der Zinssatz, igleich Inland, a gleich Ausland,Dee gleich der kurzfristigen Wechselkurserwartung und c die Vertrauensprämie auf die Hartwährung (c=ca–ci). Die rein formale Ähnlichkeit mit der um einen kurzfristigen Risikoparameter erweiterten Zinsparitätentheorie darf nicht den wichtigen Unterschied überdecken, dass es sich bei c um eine Vertrauensprämie handelt, die ex ante als Lageparameter der Wirtschaftspolitik vorgegeben ist.11 Damit Vermögenseigentümer Geldvermögen in Schwachwährung halten, muss deren Verzinsung sowohl kurzfristige Wechselkurserwartungen sowie die eigene Schwäche als Vermögensspeicher pekuniär kompensieren. Gerade dieser Zwang zur Vermögensabsicherung ist denn auch der analytische Schlüssel für den beobachtbaren Zielkonflikt von Stabilität versus Wachstum in den Entwicklungswie auch Transformationsländern.12 10 Zum Dominant Currency-Konzept siehe auch Fratianni, M./Hauskrecht, A. und Aurelio Maccario (1999). Zu divergierenden Liquiditätsprämien nationaler Gelder siehe Riese, H. (1986). 11 Natürlich ist es möglich, die Risikoprämie der erweiterten Zinsparität als „Länderrisiko“ derart zu fassen, dass hierunter auch eine Vertrauensprämie subsumierbar wäre. Damit würde aber zum einen das Konzept der erweiterten Zinsparität willkürlich in Hinblick auf seine Anwendbarkeit als Prognoseinstrument, da die Risikoprämie sich als ummantelnde Variable, lediglich als Residual ex post ermitteln ließe. Zum anderen würde die Zinsparitätentheorie und ihre explizite und zwingende Annahme von Vermögenswerten in Inund Ausland als perfekten Substituten und damit als Korrelat der Kaufkraftparitätentheorie ihres ökonomischen Gehalts beraubt. Zum Konzept der erweiterten Zinsparitätentheorie siehe exemplarisch Bofinger, P. et al. (1996), S.313ff. 12 Unterschiedliche Qualitäten von Währungen hinsichtlich ihrer Funktion als Vermögensspeicher zeigen Bloomfield und Lindert bereits für die Phase des klassischen Goldstandards OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Entwicklungsländer und das geeignete Wechselkursregime 17 Frankel untersucht in einer jüngsten Studie diese unterschiedlichen Substitutionselastizitäten in Hinblick auf unterschiedliche Vermögensqualitäten von Währungen. Die Analyse demonstriert, dass ohne glaubwürdigen Anker des Vermögenspreises nominaler Wechselkurs die gleichgewichtigen Zinsdifferenzen dramatisch ansteigen und enorm hohe Zinserhöhungen der Währungen der Schwachwährungsländer bei Veränderungen des USD-Zinssatzes notwendig werden, um den Wechselkurs zu stabilisieren.13 Die Notwendigkeit der Stabilisierung der nominalen Währung wird vom Markt erzwungen. Gelingt dies nicht, droht die Flucht aus der Währung, die Substitution durch eine Fremdwährung und der Anstieg der barter economy. Das notwendige positive Zinsdifferential zur Vermögensabsicherung des Wechselkurses wirkt negativ auf das Investitionsniveau und damit den Wachstumspfad der Ökonomie. Dieses Zinsdifferential ist nicht zuletzt ursächlich für den gravierenden Anstieg privater Kapitalströme aus den Industrieländern in die Dritte Welt.14 Die Skepsis ob der Empfehlung eines Regimes flexibler Wechselkurse für Entwicklungsländer basiert auf der Annahme, dass hohe Volatilität der Paritäten negativ auf den Handel und Investitionen aufgrund der damit verbundenen Unsicherheit wirken.15 Der Hinweis, Währungsrisiken, also das Preisrisiko von Paritätsveränderungen seien absicherbar, trifft nur für die kurze Frist, nicht aber für mittelund längerfristige Investitionsprojekte zu. Zudem setzt die Absicherung gegen unerwartete Wechselkursänderungen entwickelte und tiefe Finanzmärkte und somit auch entsprechende Finanzmarktprodukte voraus; eine Annahme, die für kaum ein Entwicklungsland zutrifft. Entwicklungsländer sind meist als kleine, offene Volkswirtschaften mit unterentwickelten Finanzmärkten gekennzeichnet. Internationales Zinsund Preisniveau sind ihnen vorgegeben; sie sind Preisnehmer und Mengenanpasser auf dem Weltmarkt. Der Wechselkurs als Vermögenspreis hat für diese Länder eine große Bedeutung in seiner Beeinflussung des Preisniveaus, insbesondere in Ermangelung eines alternativen Nominalankers der Volkswirtschaft, wie beispielsweise eines Inflationsziels durch die Zentralbank. Letzteres setzt bereits ein hohes Maß an Vertrauen in die heimische Währung voraus. zwischen 1873 und 1913. Entscheidend für das Argument ist, dass nicht nur das gleichgewichtige Zinsniveau der einzelnen Währungsräume während des Goldstandards variiert, mit dem britischen Pfund als hierarchisch superiorer Währung, sondern auch Zinssatzerhöhungen im Zentrum, Großbritannien, Frankreich und Deutschem Reich, überproportional hohe Zinssteigerungen der Schwachwährungen erzwingen, um deren Parität innerhalb der Goldpunkte zu stabilisieren. Siehe hier Bloomfield, A. (1959) und (1963) sowie Lindert, P. (1969). 13 Siehe Frankel, J.A. (1999), insbesondere S.22ff. 14 Der durchschnittliche kumulierte Anteil der Kredite der Weltbank und der Regionalen Entwicklungsbanken belief sich während der vergangenen sieben Jahre auf lediglich ca.2% aller privaten Kapitalströme in die Dritte Welt. Siehe hierzu auch den „Meltzer-Report“ (1999), Kapitel 3, S.33.ff. 15 Dass die Volatilität der Wechselkursbewegungen unter dem herrschenden internationalen Wechselkurssystem gegenüber dem Goldstandard und dem Regime von Bretton Woods zugenommen hat, ist unbestreitbar. Siehe hierzu u.a. Bordo, M.D. (1993). 2 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 282 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Andreas Hauskrecht 18 Kapitalimporte wirken nicht nur auf den Wechselkurs, sondern auch auf die monetäre Basis, da Instrumente zur Sterilisierung von Nettokapitalzuoder -abflüssen meist unterentwickelt sind. Im Grenzfall kann ein einzelner Spekulant über ShortPositionen in inländischer Währung abrupte und heftige Veränderungen des nominalen Wechselkurses und darüber vermittelt des Preisniveaus auslösen. Dies bedeutet, dass freier Kapitalverkehr nicht nur störend bei einem Regime der Währungsankoppelung, sondern ebenso negativ bei vollkommen flexiblen Wechselkursen wirken kann. Starke Veränderungen der Vermögenspreise Wechselkurs und Preisniveau ziehen Portfolioumschichtungen der Vermögenseigentümer nach sich, wobei der Anpassungspfad an ein neues Gleichgewicht nicht vorgegeben ist, sondern multiple Gleichgewichts-Lösungen, auch suboptimale, existieren.16 Realiter zeichnen sich die meisten Entwicklungsländer durch eine Netto-Verschuldungsposition in Fremdwährung aus, die kaum gegen Wechselkursschwankungen absicherbar ist. Hohe Volatilität des Wechselkurses schlägt unmittelbar auf die externe Zahlungsfähigkeit durch und riskiert die Stabilität sowohl des Realwie des Finanzsektors. Offensichtlich setzt ein Regime flexibler Wechselkurse eine relativ hohe Vermögensqualität der Währung, einen relativ großen Währungsraum, einen hohen Grad der Diversifikation der Produktion und einen weit entwickelten Finanzmarkt voraus.17 Alles Bedingungen, die für die wenigsten Entwicklungsländer als erfüllt gelten können. Ein flexibler Wechselkurs wirkt gerade nicht als Schockabsorber. Es wundert daher nicht, dass auch der Internationale Währungsfonds der Empfehlung für ein Regime flexibler Wechselkurse für Entwicklungsländer mittlerweile äußerst skeptisch gegenübersteht.18 II. Currency Board und komplette Fremdwährungssubstitution Eine nominale Fixierung der eigenen Währung erfolgt aus zumindest drei Gründen: zum ersten dient die Fixierung des Wechselkurses gegenüber einer wertstabilen Währung als nominaler Anker der Geldpolitik und soll Vertrauen in die zukünftige Stabilität der eigenen Währung herstellen. Zum zweiten ist eine Wechselkursfixierung unvereinbar mit einer eigenständigen Geldpolitik und verunmöglicht daher den Missbrauch der Geldpolitik zu fiskalischen Zwecken. Dies ist der Fall, da eine inländische Zinssatzsenkung – gegeben das ausländische Zinsniveau – zu einer entsprechenden Adjustierung der Vermögensportfolio und darüber vermittelt zu einer steigenden Fremdwährungsnachfrage führen würde, die mit der Fixierung des 16 Siehe hierzu Obstfeld, M. (1986). 17 Der Grad der Offenheit eines Währungsraum ist definiert als Relation von Handelsströmen zu Bruttoinlandsprodukt. Große Volkswirtschaften weisen in der Regel einen geringeren Grad der Offenheit auf. 18 Siehe hierzu IMF (2000b), insbesondere S.24ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Entwicklungsländer und das geeignete Wechselkursregime 19 Wechselkurses unvereinbar wäre. Erfolgt die Politik des leichten Geldes über eine direkte Erhöhung der monetären Basis, zum Beispiel durch Outright-Operationen im Rahmen der Offenmarktpolitik, würde der erhöhte Geldbestand erneut zu einer Nachfrage nach Fremdwährung und einer entsprechenden Wirkung auf den Wechselkurs führen (real balance effect). Drittens wird durch die Fixierung der Währung, was einer Abschaffung des Wechselkurses entspricht, eine positive Wirkung auf Handel und Investitionen unterstellt. Die Vertreter von Randlösungen als geeignetem Wechselkursregime sind der Auffassung, die Glaubwürdigkeit einer bloßen Ankoppelung des Wechselkurses sei zu gering, da die Ausstiegsoption (exit option) zu einfach sei. Daher bestehe stets die Gefahr, dass die Währungsankoppelung durch den Markt getestet werde, es drohen spekulative Attacken. Durch die bloße und leicht auflösbare Ankoppelung der eigenen Währung an eine Leitwährung würden die Spekulanten geradezu eingeladen, dagegen zu wetten (one-way bet). Bricht die Verankerung, dann resultiert dies in Spekulationsgewinnen, hält sie, stehen dem nur die Transaktionskosten der Spekulation (short position in Schwachwährung) gegenüber. Zu betonen ist, dass im Vergleich der Regime Währungsankoppelung und Currency Board zwar für letzteres eine geringere Gefahr spekulativer Attacken aufgrund der höheren Ausstiegskosten, also den größeren Schwierigkeiten bei einer Aufgabe des Wechselkursregimes, abgeleitet werden kann, gleichwohl aber eine Zentralbank aufgrund der Möglichkeit der Veränderung des Refinanzierungszinssatzes für Geschäftsbanken eher in der Lage ist, eine spekulative Attacke abzuwehren. Entscheidend ist in beiden Regimes das Verhältnis der monetären Basis zu den Devisenreserven in Hartwährungen, also der Währung, an die das eigene Geld gekoppelt ist. Ist dieses Verhältnis gleich 1 oder höher, kann jede spekulative Attacke über eine entsprechende Konversion von Fremdwährung gegen eigene Währung abgewehrt werden. Selbst bei einem Verhältnis kleiner 1 sollte eine spekulative Attacke abgewehrt werden können, zumal internationale Kreditlinien in Hartwährungen das Waffenarsenal einer Zentralbank wie eines Currency Board aufstocken können. Ergänzend kann eine Zentralbank die Zinssätze auf Kredite in eigener Währung so hoch setzen, dass aus Sicht des potentiellen Spekulanten das Eingehen einer short position unattraktiv wird.19 Der Grund, warum also spekulative Attacken überhaupt erfolgreich sind, liegt in den hohen wirtschaftlichen Kosten des oben beschriebenen Vorgehens. Denn der Umtausch von Fremdwährung gegen heimische Währung würde – und das ist zur Bekämpfung der spekulativen Attacke ja auch erwünscht – die monetäre Basis dramatisch schrumpfen lassen. Als Folge müssten die Banken die Kreditvergabe entsprechend reduzieren, das Zinsniveau würde ansteigen. Es drohen Unternehmenszusammenbrüche, Bankpaniken und nicht zuletzt ein gravierender Einbruch des wirtschaftlichen Wachstums. Der Abwehrkampf gegen spekulative Attacken konfli19 Siehe zu dieser Argumentation auch Obstfeld, M./Rogoff, K. (1995), S.10. 2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Andreas Hauskrecht 20 giert dann mit der wichtigen Funktion der Zentralbank, als lender of last resort das Bankensystem zu jeder Zeit mit Liquidität zu versorgen.20 Der aktive Einsatz des Zinsinstrumentes wie gerade beschrieben, würde das Krisenszenario noch weiter verschärfen. Daher ist die Glaubwürdigkeit des Versprechens einer Zentralbank, resp. einer Regierung, einen bestimmten Wechselkurs unter allen Umständen halten zu wollen, mit Fragezeichen versehen, da die realwirtschaftlichen Kosten immens hoch sein können. Allein bei vollständiger Währungssubstitution sind spekulative Attacken aufgrund der Absenz eines Wechselkurses ausgeschlossen. Einer der erhofften Vorteile einer Wechselkursfixierung gegenüber einer Leitwährung ist die Senkung des inländischen Zinsniveaus sowie der Finanzierungskosten auf den internationalen Kapitalmärkten.21 Das inländische Zinsniveau soll sinken, da Wechselkurserwartungen verschwinden und die neue Währung eine höhere Vermögensqualität als die eigene Währung aufweist. Die Finanzierungskosten auf den internationalen Finanzmärkten weisen eine Risikoprämie auf, die aus einem Wechselkursrisiko (Devaluation Risk) und einem Insolvenzrisiko (Default Risk) besteht. Die Eliminierung des Wechselkursrisikos ist bei einer vollständigen Währungssubstitution per Definition gewährleistet, nicht aber bei einem Currency Board. Der Grund hierfür liegt darin, dass ein Currency Board – wenn auch unter hohen wirtschaftlichen Anpassungskosten – wieder aufgegeben werden kann, während dies bei vollständiger Währungssubstitution nur schwer durchsetzbar und an eine Währungsreform gebunden wäre. Das Insolvenzrisiko verschwindet unter beiden Regimes nicht. Da die Konstruktion eines Currency Board auch die Teildeckung der umlaufenden Geldmenge durch Staatstitel ermöglicht und die Steuereinnahmen auf inländische Währung lauten, ist das Default Risk gegenüber einer vollständigen Dollarisierung höher. Empirische Arbeiten zeigen, dass sich der erhoffte Zinssenkungseffekt in Realität nicht wie erhofft einstellt.22 Weder ist ein Verschwinden eines Zins-Spreads bei inländischem Depositenzinssatz und Kreditzinssatz in Dollar oder Eigenwährung noch bei internationalen Emissionen in Eigenoder Fremdwährung zu beobachten. Das der inländische Fremdwährungseinlagenzinssatz (Vermögensmarktzinssatz) über dem Zinsniveau des Leitwährungslandes verharrt, lässt sich auf die Unmöglichkeit der Ausfüllung der Funktion eines lender of last resort in Fremdwährung unter beiden Regimes erklären. Es ist auch wenig hilfreich, diese Funktion über Kreditlinien bei ausländischen Geschäftsbanken heilen zu wollen, da hierdurch vielleicht eine einzelne Bank, nicht aber der gesamte Bankensektor im Falle eines Runs 20 Auf die lender of last resort-Funktion bei Currency Board und Währungssubstitution wird weiter unten eingegangen. 21 Zum Konzept der Währungskonkurrenz und der Risikoprämie als ex ante gegebener Lageparameter siehe auch Fratianni, M./Hauskrecht, A. (1999). 22 Siehe hierzu Berg, A./Borensztein, E. (2000), S.7ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Entwicklungsländer und das geeignete Wechselkursregime 21 stabilisiert werden kann. Die lender of last resort-Funktion soll über eine Elastizität des Geldangebots einen sektorumfassenden Bank Run verhindern. Die Funktion ist somit nicht krisenbezogen, sondern soll diese über eine Stabilisierung des Geldmarktzinssatzes verhindern. Natürlich wäre unter beiden Regimes eine extrem hohe Reservehaltung in Fremdwährung möglich, um die geforderte Funktion auszufüllen. Neben den negativen Wohlfahrtseffekten träte hier ein weiterer Effekt auf. Denn dies implizierte eine mit dem Geschäftsvolumen in Fremdwährung diesbezüglich notwendig steigende Reservehaltung. Diese Nachfrage nach Dollar und EURO würde automatisch jene in einen weiteren Aufwertungstrend versetzen und den beobachtbaren internationalen Trend zur Währungskonkurrenz noch verstärken.23 Die Quasi-Abschaffung des Wechselkurses unter beiden Regimes ist aus zumindest drei Gründen problematisch. Zum ersten wird die Entwicklung der inländischen monetären Basis abhängig vom Saldo der Zahlungsbilanz. Dem zugrunde liegt die Funktionsweise des Specie-Flow-Mechismus, resp. der monetären Zahlungsbilanztheorie, wonach ein Ungleichgewicht im Außenhandel eine passive Anpassung der monetären Basis sowie der inländischen Preise hin zum neuen Gleichgewicht verlangt. Autonome Kapitalbewegungen müssen ebenfalls passiv hingenommen werden, da in beiden Fällen keine Zentralbank im eigentlichen Sinne existiert, die in der Lage wäre, die Nettokapitalzuflüsse in ihrer Wirkung auf die monetäre Basis zu sterilisieren. Der dadurch ausgelöste Preisniveauschub oder gar Inflationsprozess muss dann über eine entsprechende realwirtschaftliche Kontraktion, insbesondere einen Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit der Exporte, ausgeglichen werden. Ein Currency Board ist wirtschaftshistorisch auch dahingehend von Interesse, als dass sein Konstrukt jenem der Bank of England gemäß der Zweiten Peelschen Bankakte von 1844 entspricht. Im Currency Board steuert nicht mehr der Goldbestand, sondern die Nettoveränderung der Hartwährungsbestände die Entwicklung der heimischen monetären Basis.24 Die Aufgabe einer eigenständigen Geldund Wechselkurspolitik ist aber im doppelten Sinn nicht unproblematisch. Bezogen auf die inländische Geldversorgung verlangt der unterstellte Specie-Flow-Mechanismus eine schnelle Anpassung aller relativen Preise an eine exogene Veränderung des Geldbestandes. Autonome Kapitalbewegungen stellen zudem ein inhärentes Gefahrenmoment im Sinne einer fortgesetzten Abweichungstendenz von einem 23 Hier liegt ein wichtiger Unterschied zu den geschichtlich ersten Currency Boards des Commonwealth, die auf dem britischen Pfund basierten. Diese wurden geschaffen, um auf kostspielige Goldtransporte verzichten zu können und der Fälschung von britischen Banknoten entgegen zu wirken. Die Banken waren aber in der Regel Töchter von Banken des britischen Empire, deren Refinanzierung zu jeder Zeit gesichert war. Anders formuliert, die lender of last resort Funktion der Bank of England wirkte bis in die Currency Boards hinein. Zur Geschichte der Currency Boards siehe Schwartz, A.J. (1993). 24 Die Nettoveränderung des Devisenbestands entspricht nur dann dem Zahlungsbilanzsaldo, wenn parallel zum Currency Board nicht auch ein Prozess der Währungssubstitution beobachtbar ist. Realiter weisen fast alle Currency Board aber einen parallelen Prozess der Währungssubstitution auf, was durch den mangelhaften Grad des Vertrauens in die Stabilität des Regimes begründbar ist. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Andreas Hauskrecht 22 neuen Gleichgewicht dar. Hier erklärt sich auch das Scheitern der Zweiten Peelschen Bankakte. Diese hatte über die Fixierung des Notenumlaufs an den Goldbestand der Bank of England eine inhärente Stabilisierung des Preisniveaus zu erzielen versucht. Dies implizierte bei einem exogenen Schock, wie bspw. einer Veränderung des ausländischen Zinsniveaus oder der terms of trade, der zu Goldabflüssen führte, automatisch eine äußerst schmerzhafte Kontraktion der inländischen Geldmenge. Dies führte zur Gefahr eines spill over auf den inländischen Bankensektor in Form eines run. Die Aufhebung der Bankakte, die den eigentlichen Beginn der Institution Zentralbank begründete, sollte gerade diesen Nexus durchtrennen und die heimische Ökonomie von exogenen Schocks schützen.25 Zum zweiten ist der Regimewechsel hin zu einem Currency Board oder Übernahme einer Fremdwährung nicht unproblematisch. Wird ein Regimewechsel bei einer hohen Inflationsrate eingeführt, ist mit einer zeitlichen Verzögerung der monetären Stabilisierung, also einer langsamen Rückführung der Inflation und der Folge einer realen Überbewertung des Währungsraumes zu rechnen. Die dadurch bewirkte Verknappung der Geldmenge erfordert eine schmerzhafte Anpassung der Löhne bei gegebenem Produktivitätsniveau. Gelingt dies z.B. aufgrund rigider Preise nicht, sind eine negative Leistungsbilanz und eine wachsende Nettoauslandsverschuldung des Währungsraumes die Folge.26 Drittens lässt die Fixierung des Wechselkurses gegenüber einer Leitwährung offen, ob die Anforderungen der Theorie Optimaler Währungsräume erfüllt sind. Unbestreitbar erleichtert eine direkte oder indirekte Übernahme einer Leitwährung die Integration in deren Währungsraum. Auffallend ist jedoch bei Durchsicht der Literatur zu Randlösungen von Wechselkursregimes, dass die Befürworter von Currency Board oder Fremdwährungssubstitution rein vermögensmarkttheoretisch argumentieren und die Frage, ob die beiden Währungsräume realwirtschaftlich zueinander passen, es sich um eine optimales Währungsgebiet handelt (Optimal Currency Area), ignorieren. Kriterien wie Faktormobilität oder die Diversifikation der Wirtschaftsstruktur werden nicht gestellt. Gerade letzteres Kriterium ist dahingehend von Belang, als dass nur bei ähnlicher Wirtschaftsstruktur davon auszugehen ist, dass exogene Schocks symmetrisch auf das vereinte Währungsgebiet wirken.27 Nun muss die vom Vermögensmarkt oktroyierte Wahl der Substitutionsoder Ankerwährung keineswegs zwingend mit der überwiegenden Handelsausrichtung des Landes übereinstimmen. Ist diese Bedingung nicht erfüllt, muss eine Veränderung des Wechselkurses der Leitwährung gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner, im Falle einer Aufwertung der eigenen Währung der Verschlechte25 Siehe hierzu den Klassiker Bagehot, W. (1873). 26 Fast alle Ökonomien mit Currency Board (Ausnahmen sind Singapur und Hongkong) weisen eine defizitäre Leistungsbilanz mit der Folge einer wachsenden Nettoauslandsverschuldung auf. 27 Väter der Theorie optimaler Währungsräume sind Mundell, R. (1961) und McKinnon, R. (1963). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Entwicklungsländer und das geeignete Wechselkursregime 23 rung der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Exporte, passiv hingenommen werden.28 In diesem Fall wird die erhoffte Stabilisierung u.U. mit einer wirtschaftlichen Blockade erkauft. B. Zwischenregimes Neben dem System der Währungsankoppelung mit der Möglichkeit der Wechselkursanpassung (adjustable peg) sind das Zielzonen-Modell (target zones) und das System der angekündigten periodischen nominalen Abwertung (crawling peg) zu analysieren. Sobald eine fixierte Währungsparität mit einem Band, also einer oberen und unteren Marge umgeben wird, wie z.B. im System von Bretton Woods oder dem Europäischen Währungssystem (EWS), wird der Unterschied zwischen einem adjust able peg und einem Zielzonen-Modell fließend. Erreicht der Wechselkurs die obere Begrenzung, geht das System logisch in ein Fixkurssystem mit all den genannten Problemen über. Die Grundidee des Zielzonen-Modells ist es, den durch eine Währungsankoppelung erhofften Stabilitätsgewinn mit einem gewissen Grad an Flexibilität zu verbinden und damit eine aktivere inländische Geldund Fiskalpolitik zu ermöglichen. Technisch soll der Wechselkurs potentiell innerhalb des Margentunnels in beide Richtungen schwanken können und darüber die Marktsituation einer oneway bet für Spekulanten verhindern. Die richtige Wahl des gleichgewichtigen Wechselkurses und die Gestaltung der Margen sind das eigentliche Problem. Je geringer die Margen gewählt werden, desto eher ähnelt das Regime einem adjustable peg. Werden die Margen sehr weit gewählt, wie im EWS ab 1992, ähnelt das System stark dem Regime flexibler Wechselkurse. Sobald der zugrundeliegende Wechselkurs und mit ihm die Margen flexibel gestaltet werden, geschieht dies auf Kosten der Funktion der nominalen Verankerung des Wechselkurses. Periodische Anpassungen der Parität und der Margen gehen auf Kosten der Glaubwürdigkeit des Stabilisierungsbemühens und können eher destabilisierend wirken.29 Der Einwand, Währungsankoppelungen würden spekulative Attacken geradezu provozieren, ist empirisch motiviert und bezieht sich auf das Krisenszenario einer one-way bet, also einer Marktsituation, bei der gezielt auf eine Abwertung der Währung spekuliert wird, mit einer entgegengesetzten Entwicklung, einer Aufwertung aber nicht zu rechnen ist. Hohe Leistungsbilanzdefizite bei bestehender Währungsankoppelung stehen für diese Marktkonstellation. Letztendlich ist eine Währungsankoppelung nur dann aufrecht zu erhalten, wenn sie einhergeht mit Aufwertungserwartungen bezüglich der inländischen Währung, bspw. gespeist durch Leistungs28 Dieser Fall kann derzeit am Beispiel Argentinien und seinem wichtigsten Handelspartner, Brasilien, studiert werden. 29 Zu einem flexiblen Zielzonen-Modell siehe z.B. Williamson, J. (1993). Zur Kritik an diesen Modellen Obstfeld, M./Rogoff, K. (1995), S.24ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Malcolm H. Dunn 30 B. Das Dilemma fester Wechselkurse Während der IMF über viele Jahr lang ein Befürworter von festen Wechselkursen mit Wechselkurszielzonen war und diese Auffassung auch gegenüber den Entwicklungsund Schwellenländern deutlich zum Ausdruck gebracht hat, wird in eben diesem Wechselkursregime heute eine der wichtigsten Ursachen für die Asienkrise gesehen.1 Begründet wird dies u.a. damit, daß die feste Bindung der südostasiatischen Währungen an den US-Dollar zu einer Aufwertung eben dieser Währungen geführt habe. Es kam zu einem Einbruch der Exporte, zu einem Rückgang der Deviseneinnahmen, zu einem Defizit der Handelsund Leistungsbilanz und schließlich zu einem Vertrauensverlust der Währungen. Zugleich – und das ist das Interessante an der Entwicklung in Asien – hat das Versprechen fester Wechselkurse das Wirtschaftswachstum in Asien nachweislich gefördert. Der fulminante Aufstieg Südostasiens als Wachstumsregion war nicht die Folge einer inneren Kapitalakkumulation, sondern in erster Linie das Ergebnis massiver Kapitalzuflüsse aus Japan, aus den Vereinigten Staaten und in geringerem Umfang auch aus Europa. Diese Kapitalzuflüsse basierten auf dem Vertrauen der Kapitalgeber in die Geldwertstabilität ihrer Investitionen, die durch das Regime fester Wechselkurse verbürgt schien. Die über viele Jahre lang praktizierte Philosophie der Ratgeber vieler Zentralnotenbanken und Finanzminister – „Solange ihr nur für einen festen Wechselkurs sorgt, bringe ich euch all das Geld, das ihr euch nur wünschen könnt“ (Sachs 1997) – wurde zu einer Art Lehrbuchweisheit, die allzu oft und gerne beherzigt wurde.2 Ein System fester Wechselkurse kann also durchaus Vertrauen stiften und zu dem erwünschten Kapitalzufluß führen. Der Verweis auf die Empirie nutzt daher wenig, um die Frage nach dem Wechselkursregime zu beantworten. Hätte man den Währungsfachleuten vor Ausbruch der Asienkrise die Frage vorgelegt, ob ein System fester Wechselkurse vernünftig sei, wären die Antworten mit dem Verweis auf die Wachstumsdynamik südostasiatischer Länder mit großer Sicherheit positiv ausgefallen.3 So nützlich der Hinweis auf die Asienkrise oder andere Krisen daher auch sein mag, um die Gefahren fester Wechselkurse zu erkennen, bedarf es eines theoretischen Zugriffs. Hohe Wechselkursschwankungen implizieren ein Wechselkursrisiko, das sich negativ auf den internationalen Handel und auf die Investitionstätigkeit auswirken 1Fischer faßt diese Erfahrungen wie folgt zusammen: „It is a fact that all countries that had major international crises... relied on a pegged or fixed exchange-rate system before the crisis; it is also true that some countries that appeared vulnerable but that had flexible exchange rates avoided such crises. Countries with very hard (firm, non-adjustable) pegs have been able to sustain them. Accordingly, we are likely to see emerging market countries moving toward the two extremes of either a flexible rate or a very hard peg – and in the long run, the trend is almost certainly to be towards fewer currencies.“ (Meltzer-Report, 2000, S.35). 2So konstatiert Dooley 1999, S.113: „The basic motivation behind these capital flows is the opportunity to exploit a government subsidy or guarantee. They do not reflect confidence in the investment climate in the country but in the government’s ability to give away money.“ 3Siehe etwa Kochar/Dicks-Mireaux/Horvath 1996. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Korreferat zum Beitrag von Andreas Hauskrecht 31 kann. „Zielzonen haben die Festlegung eines Wechselkursbandes zum Inhalt, das entweder veröffentlicht oder intern vereinbart ist. Während der Wechselkurs innerhalb des Bandes flexibel ist, verhindern die Zentralbanken an dessen Rändern mit Hilfe von Devisenmarktinterventionen ein Ausbrechen des Wechselkurses aus der Zielzone.“ (Frenkel/Menkhoff 2000, S. 52) Die Idee von Zielzonen geht auf John Williamson4 zurück, der darin die Möglichkeit sieht, starke Wechselkursschwankungen einzuschränken, die spekulativen Einflüssen folgen und fundamental nicht gerechtfertigt sind. Im einzelnen werden mit Hilfe des Wechselkurszielzonenkonzepts folgende Ziele verfolgt: (1) die Vermeidung kurzfristiger Wechselkursvolatilität, (2) die Vermeidung starker Abweichungen vom fundamental gerechtfertigten Wechselkurs und schließlich (3) die Vermeidung von Spekulationsblasen auf den Devisenmärkten. Der Clou des Wechselkurszielzonenkonzepts besteht nun darin, daß die Stabilisierung des Wechselkurses nicht über ein System völlig fester Wechselkurse angestrebt wird, die als nur schwer implementierbar gelten. Demgegenüber erhoffen sich die Befürworter des Zielzonenkonzepts eine Tendenz zur Selbststabilisierung. Nähern sich die Wechselkurse nämlich einer der beiden Bandbreiten, werden die Marktteilnehmer mit einer Intervention der Zentralbanken und damit einer Rückkehr in den Zielzonenbereich rechnen. Diese Erwartung induziert eine Spekulation, die den Wechselkurs in den erwünschten Zielzonenbereich zurückführt, und zwar ohne daß die Zentralbank tatsächlich interveniert hätte. Mit anderen Worten: Wechselkursbandbreiten bewirken einen „target zone honeymoon“-Effekt, sie sind selbststabilisierend und mindern die Wechselkursvolatilität.5 Der Erfolg des Zielzonenkonzepts ist allerdings an zahlreiche Voraussetzungen geknüpft. Um zu funktionieren, müssen die Zielzonen nämlich glaubwürdig sein. Die Marktteilnehmer müssen davon ausgehen, daß die Bänder verteidigt werden können und eine Spekulation gegen die Zielzone wenig aussichtsreich ist. Dem steht entgegen, daß die Fähigkeit einer Zentralbank, eine Wechselkurszielzone gegen spekulative Attacken zu verteidigen, äußerst begrenzt ist. Das Volumen der täglichen Devisenmarkttransaktionen übertrifft um ein Vielfaches die Devisenreserven eines Landes, was selbst für die Hartwährungsländer und erst recht für die Schwellenländer gilt. Devisenmarktinterventionen sind daher wenig aussichtsreich, zur Stabilisierung des Wechselkurses beizutragen. Es bleibt das Instrument der Geldpolitik, genauer die Zinspolitik, um den Wechselkurs zu verteidigen. Die Zentralbank eines Landes, dessen Wechselkurs abwertungsgefährdet ist, kann die Zinsen im Vergleich zu anderen Ländern drastisch erhöhen, um den weiteren Währungsverfall abzuwenden. Im Fall einer unerwünschten Aufwertung müßte sie entsprechend die Zinsen senken, auch wenn dies mit einer Erhöhung der Geldmenge einhergeht und ein inflationäres Gefahrenpotential erzeugt. In beiden Fällen 4Vgl. Williamson/Miller 1987. 5Der Ausdruck stammt von Krugman 1991. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Malcolm H. Dunn 32 impliziert das System fester Wechselkurse die Aufgabe der geldpolitischen Autonomie, sofern der freie Kapitalverkehr nicht eingeschränkt wird.6 Die Geldpolitik und mit ihr die Fiskalpolitik wird vollständig in den Dienst der Wechselkurspolitik gestellt, sobald die Bandbreiten gefährdet sind.7 Nur eine stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik ist in der Lage, die Marktteilnehmer davon zu überzeugen, daß das untere Band verteidigt wird. Dann aber stellt sich die Frage, „warum eine solche, auf Stabilität ausgerichtete Wirtschaftspolitik nicht auch ohne die Errichtung einer Zielzone verfolgt werden kann. Sofern... die Zentralbanken bereits eine stabilitätsorientierte Geldpolitik betreiben, wäre die Festlegung der Wechselkurszielzonen überflüssig.“ (Frenkel/Menkhoff 2000, S.57) Glaubwürdig sind Wechselkurszielzonen immer dann, wenn der Leitkurs dem realen Gleichgewichtswechselkurs relativ nahe kommt,8 dann aber bedarf es keiner Zielzonen. „Halten die Finanzmärkte Wechselkurse für konsistent mit den Fundamentaldaten..., besteht keine Veranlassung zur Wechselkursstabilisierung. Das leisten dann die Märkte.“ (Langhammer 1998) Darin besteht das Dilemma des Zielzonenkonzepts. Darüber hinaus erweist sich die Implementierung glaubwürdiger Zielzonen als äußerst problematisch und zwar aus dem schlichten Grund, weil der reale Gleichgewichtswechselkurs unbekannt ist. Der Versuch, ihn auf Basis der Leistungsbilanztransaktionen handelbarer Güter mit Hilfe der Kaufkraftparität zu ermitteln, scheitert daran, daß ein relevanter Sektor eines jeden Landes mit der Herstellung nichthandelbarer Güter befaßt ist, nämlich der Dienstleistungssektor.9 C. Currency Board, Dollarisierung und das System flexibler Wechselkurse Die Hoffnung, durch Wechselkurszielzonen die Marktteilnehmer zu einem Verhalten zu veranlassen, das ein Überschreiten der Bandbreiten verhindert („target zone honeymoon“-Effekt), steht auf eher schwachen Füßen: Weder ist es wahrscheinlich, daß der Leitkurs dem realen Gleichgewichtswechselkurs entspricht, noch ist die Zentralnotenbank in der Lage, eine Bandbreite gegen die Marktkräfte langfristig zu verteidigen, es sei denn, sie schränkt den Kapitalverkehr ein. Die Einführung von Wechselkurszielzonen läuft umgekehrt Gefahr, die Geister der Speku6Dies macht den Unterschied des Wechselkurszielzonenkonzepts zum Bretton Woods-System aus, das Kapitalverkehrskontrollen mit dem System stabiler Wechselkurse verband. 7Corbett/Vines 1999, S.77f., weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, daß die volkswirtschaftlichen Kosten der Verteidigung einer Währungsparität so hoch sein können, daß die Regierung veranlaßt ist, das Festkurssystem selbst dann aufzugeben, wenn die Regierung dadurch an Glaubwürdigkeit verliert. 8So konstatiert Mundell 1999, S.110: „In a firmly fixed exchange-rate system, the key element is that there is little if any expectation of a change in the exchange rate because the monetary policy of the country is automatically geard to making the exchange rate an equilibrium rate.“ 9Vgl. Langhammer 1998. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Korreferat zum Beitrag von Andreas Hauskrecht 33 lation zu wecken, die sie bändigen will. Wenn nämlich Zweifel daran bestehen, daß die Zielzonen wirksam verteidigt werden, liegt es nahe, daß die Märkte die Bänder der Zielzonen „testen“ werden, wie dies in jüngster Vergangenheit häufig zu beobachten war. Es stellt sich deshalb die Frage, ob es Alternativen zum Zielzonenkonzept gibt, und welche Vorund Nachteile diese aufweisen. Folgt man Stiglitz (1999a), dessen Auffassung von vielen Währungstheoretikern geteilt wird, stehen zwei Extreme zur Auswahl, die beide geeigneter erscheinen, die Wechselkurse langfristig zu stabilisieren: Ein System flexibler Wechselkurse oder ein „very hard peg“, das heißt ein System, das die Wechselkurse an eine Ankerwährung festzurrt – wie etwa die Einführung eines Währungsamtes (Currency Board) – oder gar ersetzt (Dollarisierung), wie dies in Ecuador geplant und in Argentinien diskutiert wird. Worauf beruht die Annahme, daß ein Land mit der Wahl einer dieser beiden Wechselkursregime besser fahren würde als mit einem Mischsystem? Betrachten wir die genannten Fälle der Reihe nach. I. Einführung eines Währungsamts (Currency Board) Die Bindung einer Währung an eine andere Währung in der Weise, daß ein Währungsamt die Verpflichtung eingeht, die Landeswährung jederzeit gegen die Ankerwährung zu einer festgesetzten Parität einzutauschen, unterstellt, daß das Währungsamt in dem Maße über Reserven verfügt, wie an Landeswährung im Umlauf ist. Das schließt sein, daß jede Ausweitung der inländischen Geldmenge an eine Erhöhung der Devisenreserven geknüpft ist und jeder Devisenabfluß zu einer Kontraktion der inländischen Geldmenge führt. Ein Currency Board hebt die Autonomie der Geldund Währungspolitik des betreffenden Landes auf. Die Preisgabe der geldpolitischen Souveränität ist aber nicht nur eine conditio sine qua non eines Currency Board, sie ist geradezu bezweckt, um das Vertauen der Inund Ausländer in die Geldwertstabilität zurückzugewinnen. Der Verlust der geldpolitischen Autonomie fordert seinen Preis.10 Nicht nur tritt der erwartete Zinssenkungseffekt in der Realität häufig nicht ein11, wichtiger noch erscheint der Verlust des Wechselkurses als Anpassungsinstrument im Falle externer Schocks: Zur Bekämpfung einer spekulativen Attacke gegen die heimische Währung ist die Zentralbank gezwungen, die monetäre Basis zu reduzieren. Dies 10 In eindringlichen Worten schildert Tobin 1998 die Nachteile eines Currency Board. „Genaugenommen wird dabei (bei Einführung eines Währungsamtes, M.D.) die heimische Währung als Recheneinheit und als Zahlungsmittel abgelöst. Zugleich wird jedes andere Ziel der Geldund Haushaltspolitik zu Lasten der Verteidigung des Wechselkurses aufgegeben. Sollten dafür Zinsen in zweioder dreistelliger Höhe erforderlich sein, um genügend Reserven zur Sicherung des Currency Board anzuziehen, so wird das hingenommen – unabhängig von den möglicherweise katastrophalen Folgen für die Gesamtwirtschaft. Sieht so eine glaubwürdige Institution aus?“. 11 Vgl. Berg/Borenszstein (2000). 3 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 282 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Malcolm H. Dunn 34 führt zu einer Kontraktion des inländischen Kreditvolumens und zum Anstieg des Zinsniveaus, der die Gefahr von Unternehmensund Bankeninsolvenzen erhöht. Wie Hauskrecht zu Recht betont, konfligiert „(der) Abwehrkampf gegen spekulative Attacken... dann mit der wichtigen Funktion der Zentralbank als lender of last resort, das Bankensystem mit Liquiditität zu versorgen.“ Das bedeutet freilich nicht, daß ein Währungsamt nicht funktionieren kann. Allerdings offenbaren die Funktionsbedingungen eines erfolgreichen Currency Board den gleichen inneren Widerspruch wie den des Wechselkurszielzonenkonzepts: Voraussetzung für ein erfolgreiches Währungsamt ist, daß der feste Wechselkurs die tatsächlichen Wirtschaftsund Finanzverhältnisse widerspiegelt. Wenn aber der fixierte Wechselkurs dem realen Gleichgewichtskurs nahe kommt, ist ein Währungsamt an sich überflüssig. Weicht die festgesetzte Parität jedoch vom realen Gleichgewichtskurs ab, kommt es zum Vertrauensverlust in die Aufrechterhaltung des Währungsamtes. Die hohen volkswirtschaftlichen Kosten der Verteidigung des Currency Board lassen das Versprechen der Zentralbank, den Wechselkurs gegen spekulative Attacken zu verteidigen, unglaubwürdig erscheinen, mit der Folge einer schleichenden Dollarisierung, wie sie im Falle Argentiniens zu beobachten ist.12 II. Währungsersatz (Dollarisierung) Einige Länder Lateinamerikas erfüllen die Voraussetzungen eines Währungsamtes nicht. Ihnen fehlen die Devisen, die der Einführung eines Currency Board vorausgesetzt sind. Mehr noch, ihnen fehlen überhaupt Devisen, wie etwa Ecuador, das als erstes Land im Herbst 1999 den Schuldendienst auf seine Brady-Bonds einstellen mußte. Als Konsequenz daraus hat Ecuador beschlossen, die eigene Währung durch die Ankerwährung, den Dollar, zu ersetzen13, während Argentinien noch mit der Dollarisierung liebäugelt. Entgegen der üblichen Interpretation stellt die „Dollarisierung“14 in der Regel kein währungspolitisches Rezept dar, handelt es sich doch – im eigentlichen Sinne – nicht um einen Lösungsweg, sondern um die geldund währungspolitische Abdankung eines Staates. Die Feststellung Krugmans – „Kann man das Vertrauen in eine Währung wiederherstellen, indem man sie abschafft?“ (Guardian) – bringt es auf den Punkt: Der chronische Devisenmangel und die hohe Auslandsverschuldung, in denen sich die geringe Wirtschaftskraft einer Volkswirtschaft ausdrückt, wird 12 Auch der umgekehrte Fall eines autonomen Kapitalzuflusses bereitet im Falle eines Currency Board Probleme, da er unmittelbar die monetäre Basis erhöht und Inflationsgefahren erzeugt, denen die Zentralbank nur durch eine kontraktive Fiskalpolitik begegnen kann. 13 Lediglich für Beträge unter einem USD soll der Sucre als Münzgeld zunächst beibehalten werden. 14 Da es sich bei der Ankerwährung meistens um den US-Dollar handelt, hat sich der Ausdruck „Dollarisierung“ eingebürgert, obwohl es sich natürlich auch um die DM handeln könnte, die in einigen Balkanländern de facto als heimisches Zirkulationsmittel fungiert. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Korreferat zum Beitrag von Andreas Hauskrecht 35 nicht dadurch behoben, daß man eben dieser Devise den Status einer Landeswährung verleiht. Zwar hebt die Dollarisierung definitionsgemäß jene Währungsrisiken auf, was sich positiv auf die Höhe des inländischen Zinsniveaus auswirken kann und das Entstehen funktionierender Kapitalmärkte begünstigt, sie löst aber nicht das Problem geringer internationaler Zahlungsfähigkeit, es sei denn, diese wird dem betreffenden Land auf Basis der „neuen“ Landeswährung gewährt. Die Konsequenzen, die sich aus einer Dollarisierung etwa für Ecuador ergeben werden, sind infolge der geringen Erfahrungen derzeit schwer zu beurteilen. Während große Teilen der ecuadorianischen Wirtschaft mit der Dollarisierung positive Erwartungen verknüpft – vorwiegend auch deswegen, weil der fehlenden Möglichkeit einer langfristigen Verschuldung in der eigenen Lokalwährung disziplinierende Wirkung zugesprochen wird – stößt sie in weiten Teilen der ecuadorianischen Bevölkerung auf Ablehnung. Dies gilt insbesondere für die Bevölkerungsschichten, die nicht in dem Exportsektor tätig sind, wie die Indio-Bevölkerung, die etwa 35% der Gesamtbevölkerung ausmacht. Befürchtet werden von den Kritikern der Dollarisierung Preissteigerungen und eine weitere Verarmung der Armen. Es bedarf keiner allzu großen Phantasie, um sich vorzustellen, daß der Ersatz der einheimischen Währung durch den US-Dollar je nach Umrechungskurs mit einem Kaufkraftverlust breiter Bevölkerungsschichten einhergehen wird, was in einer Gesellschaft, in der 70% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt, erhebliche sozialen Folgen heraufbeschwört. So bedeutet ein festgeschriebener Umtauschkurs von 25 Tsd. Sucres zu einem US Dollar, daß das monatliche Grundgehalt eines Arbeiters gerade 4 Dollar betragen wird.15 Die „Dollarisierung“ bedeutet eben nicht, daß diejenigen Bevölkerungsteile, die bislang in bescheidenem Umfang ihren Konsumbedarf über den Verdienst von Sucre decken konnten, zukünftig besser mit Dollar ausgestattet sind bzw. US-Dollar verdienen werden, um ihren Lebensstandard wenigstens halten zu können. Im Gegenteil: Große Bevölkerungsteile sind mit dem Problem konfrontiert, daß die Abschaffung des Sucre für die Privatbanken „eine willkommene Gelegenheit (darstellt), um die auf mittlerweile 2,7MrdUS-$ oder 24% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) geschätzte Sanierungslast aus dem Zusammenbruch unzähliger Finanzinstitute der Allgemeinheit aufzubürden.“ (o.V., vom 6.6.2000) Die Erwartung eines Wirtschaftsaufschwungs verkennt, daß die Entwicklung der Pro-Kopf-Einkommen neben den dringend benötigten Reformen der Wirtschaftsund Gesellschaftspolitik16 viel eher von der langfristigen Entwicklung des Erdölpreises, der europäischen Bananenmarktordnung und dem Auftreten von Klimakatastrophen als von der Dollarisierung abhängt. 15 Vgl. Oehrlein (2000). 16 Zusätzlich gibt es wirtschaftspolitischen Reformbedarf. Dieser erstreckt sich unter anderem auf die Sanierung des Bankensektors, die Bekämpfung der weit verbreiteten Korruption, die Privatisierung des öffentlichen Sektors sowie die Sanierung des Staatshaushalts. 3* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Malcolm H. Dunn 36 III. Freigabe der Wechselkurse (Clean Float) Der Ersatz der eigenen Landeswährung durch eine Ankerwährung enthält das Eingeständnis, daß der Vertrauensverlust der internationalen Finanzund Devisenmärkte in die heimische Währung nicht vorübergehender Natur ist. Länder, die diesen Weg beschreiten, haben ihren internationalen Kredit verspielt. Die Lage der südostasiatischen Schwellenländer sieht indes ganz anders aus, was sich nicht zuletzt an der wirtschaftlichen Erholung der Schwellenländer Südostasiens nach Aufgabe der Wechselkursbindung zeigt. Viele Autoren sehen sich dadurch in ihrer Auffassung bestärkt, daß ein System völlig flexibler Wechselkurse (Clean Float) das für die Entwicklungsländer am besten geeignete Wechselkursregime ist, denn erst die feste Anbindung der Währungen an den US-Dollar habe die Grundlage für den starken Zufluß kurzfristigen Kapitals geschaffen.17 Ein System flexibler Wechselkurse hätte die Risikoprämie für kurzfristige Kapitalimporte erhöht und die einseitige Spekulation gegen eine Währung unterbunden. Gegen diese Argumentation läßt sich einwenden, daß das ausländische Kapital für Entwicklungsländer nicht zwangsläufig teurer wird, wenn die Wechselkurse freigegeben werden.18 Gerade die schlechten Erfahrungen mit den Systemen (temporär) fixierter Wechselkurse machen deutlich, daß die Wechselkursrisiken fester Wechselkurse sehr hoch sein können, wenn die festgesetzten Wechselkursparitäten und Bandbreiten zu stark von den Marktbewertungen abweichen, es zu einer erfolgreichen Spekulation gegen den Fixkurs und zu abrupten Paritätsänderungen kommt. Mit anderen Worten: Die Wechselkursrisiken sind nur dann gering, wenn der fixierte Wechselkurs von den Märkten als fundamental gerechtfertigt angesehen wird. Unter diesen Voraussetzungen würde der Wechselkurs aber auch in einem System freier Wechselkurse geringe Schwankungen aufweisen. Trotzdem ist das Argument, daß ein System flexibler Wechselkurse den Zustrom ausländischen Kapitals gemindert hätte, infolge der kontraktiven Wirkung einer frühzeitigen Aufwertung der südostasiatischen Währungen zutreffend. Kenntlich wird daran allerdings ein Aspekt freier Wechselkurse, der in der Betrachtung der Vorund Nachteile der verschiedenen Wechselkursregime in Vergessenheit zu geraten scheint, nämlich die Leistung des Preismechanismus. 17 Auf die negativen Anreize fixierter Wechselkurse weisen Alba et al. 1999, S.43, hin: „The final element in the policy mix that contributed to the rapid build-up of short-term unhedged, external liabilities was the exchange rate policies... By preventing the nominal exchange rate from appreciating very much, and by adopting exchange rate policies that resulted in fairly predictable nominal exchange rate movements, however, these countries increased the incentives for unhedged, short-term inflows.“ Vgl. auch Stiglitz 1999a. 18 Vgl. auch Donges 1981, S.169: „Die Vorstellung ..., daß ausländisches Kapital für Entwicklungsländer teurer wird, weil ausländische Kapitalgeber das vermeintlich höhere Wechselkursrisiko über einen höheren Zins weiterwälzen, ist wenig stichhaltig. Denn es müßte schon nachgewiesen werden können, daß die Währungsrisiken im internationalen Kapitalverkehr bei flexiblen Wechselkursen größer sind als bei (stets nur temporär) fixierten. Eher ist, wie schon gesagt, das Gegenteil der Fall.“ OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Korreferat zum Beitrag von Andreas Hauskrecht 37 Der Preis einer Währung erfüllt – wie jeder Preis – in einer Marktwirtschaft zentrale Koordinationsfunktionen. Er signalisiert die Bewertung der Marktteilnehmer und erfüllt damit eine wichtige Informationsfunktion, er liefert Anreize, die Produktion an Knappheiten auszurichten, und trägt auf diese Weise zur effizienten Ressourcenallokation bei. Erst in einem System flexibler Wechselkurse kann der Wechselkurs seine Informations-, Anreizund Lenkungsfunktionen unverzerrt ausüben. Einen Vertrauensverlust drohen Währungen umgekehrt dann zu erleiden, wenn die Bewertung der Währung seitens der Marktteilnehmer von der politisch behaupteten Werthaltigkeit abweicht. Preistheoretisch ausgedrückt bestand der Mangel der Anbindung der südostasiatischen Währungen an den US-Dollar in dem Verlust der Informations-, Anreizund Lenkungsfunktion des Wechselkurses. Der Zustrom ausländischen Kapitals hätte in einem System freier Wechselkurse eine Höherbewertung der südostasiatischen Währungen impliziert, in deren Folge sich die Investitionsanreize deutlich abgeschwächt hätten. Dadurch bedingt wären die Ressourcen in andere Verwendungen gelenkt worden. Umgekehrt ließ die Fixierung des Wechselkurses an den Dollar Investitionen in Südostasien rentabler erscheinen als sie tatsächlich waren, mit der Folge, daß – in Ermangelung rentabler Investitionsobjekte – vermehrt in Immobilien investiert wurde, deren nominelle Wertsteigerung eine Rentabilität fingierte, die tatsächlich nicht gegeben war. Der Fiktivität des Wechselkurses entsprach die Fiktivität der Immobilienpreise. Die Beschädigung der Wechselkursfunktionen zog eine Beschädigung der Funktionen eines anderen Preises, nämlich den der Immobilien, nach sich. Diese Form des politisch induzierten Marktversagens ist von der Frage zu unterscheiden, ob der Wechselkurs in einem System freier Wechselkurse tatsächlich die realgüterwirtschaftlichen Knappheitsrelationen richtig widerspiegelt. Zweifel daran sind verschiedentlich vorgetragen worden. So wird damit argumentiert, „daß Wechselkurse inzwischen eher als Finanzmarktpreise denn als Scharniere zwischen Realwirtschaften zu begreifen sind“, „die erhöhte Volatilität eines Systems flexibler Wechselkurse sei nicht darauf zurückzuführen, daß die fundamentalen Wirtschaftsdaten (...) sich geändert hätten“ (Frenkel/Menkhoff 2000, S.5ff.).19 Auch wird darauf verwiesen, daß die Wechselkurse stark von dem abweichen, was man als fundamental gerechtfertigten Kurs bezeichnen könnte. Die in all diesen Aussagen zum Ausdruck kommende Abkopplungshypothese zielt auf ein Marktversagen, das erst durch ein System fester Wechselkurse gelöst werden könnte. Sieht man von den Effizienzverlusten und Dilemmata fester Wechselkurse ab, von denen bereits oben die Rede war, stellt sich die Frage, ob die Volatilität der Wechselkurse tatsächlich ein Marktversagen indiziert, wie behauptet wird. Zweifel an dieser Marktversagenshypothese erscheinen aus mehreren Gründen berechtigt: Erstens gehört es zum Wesen des Preismechanismus, daß die tatsächlichen Preise von den Gleichgewichtspreisen temporär abweichen, oder genauer formuliert, sich 19 Siehe auch Menkhoff/Tolksdorf 1999 und Flood/Rose 1995. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Malcolm H. Dunn 38 diesem erst langfristig annähern. Es ist also zu prüfen, ob sich die Abweichungen des realen Wechselkurses von seinem konstanten Mittelwert zurückbilden bzw. um diesen oszillieren. Eben diese Erwartung einer modifizierten Kaufkraftparitätentheorie findet sich durch zahlreiche empirische Untersuchungen bestätigt.20 Zweitens stehen die Marktteilnehmer der Volatilität der Wechselkurse nicht hilflos gegenüber. So können sich die Marktteilnehmer gegen die Risiken von Wechselkursschwankungen auf den Devisentermingeschäften absichern, und – was noch wichtiger ist – sie tun dies in der Regel auch. Durch Preisabsicherungsgeschäfte erhöhen sich die Transaktionskosten der Wechselkursoperationen, was der Volatilität der Wechselkurse tendenziell entgegenwirkt. Drittens erfüllt der Wechselkurs als Preis einer Währung auch und gerade dann seine Informationsfunktion, wenn er sich als volatil erweist. Er drückt dann nämlich die Unsicherheit der Marktteilnehmer hinsichtlich der Werthaltigkeit der Währung aus, was auf massive Portefeuilleumschichtungen privater Anleger zurückgeführt werden kann. Die Volatilität des Wechselkurses ist für die einzelnen Marktteilnehmer mit Kosten und Risiken verbunden. Dies gilt insbesondere für die Produzenten in den Entwicklungsländern, denen häufig die Kenntnis und die Fähigkeit fehlt, sich gegen unerwartete Wechselkursänderungen abzusichern.21 Sie bestätigt deswegen nicht automatisch die Marktversagenshypothese, mit der eine Abkehr vom System freier Wechselkurse begründet wird. Gewichtiger als die Volatilität des Wechselkurses ist der Hinweis auf die institutionellen und ordnungspolitischen Defizite in den Entwicklungsländern zu werten. Ein geringer Monetarisierungsgrad einer Volkswirtschaft, unterentwickelte Kapitalmärkte, eine fehlende oder mangelhafte rechtliche Infrastruktur der Finanzmärkte schränken die Wirksamkeit des Preismechanismus als Koordinationsinstrument ein. Der Wechselkurs reflektiert dann nur sehr unvollkommen die fundamentalen, d.h. realwirtschaftlichen Gegebenheiten einer Volkswirtschaft und deren Veränderung. Allerdings werden diese Defizite durch den Wechsel zu einem System fixer Wechselkurse nicht ausgeräumt. Die Behebung dieser Formen des Marktversagens bedingt vielmehr institutionelle Reformen in den Entwicklungsund Schwellenländern als den Wechsel zu einem System politisch dekretierter Wechselkurse.22 20 Siehe dazu Masih/Masih 1995, Wu/Crato 1995, Wu 1996, Frankel/Rose 1996, Lothian/ Taylor 1996, Strauß 1996 und Bartolini/Bodnar 1996. 21 In welchem Ausmaß sich die Absicherung gegen unerwartete Wechselkursänderungen „entwickelte und tiefe Finanzmärkte und somit auch entsprechende Finanzmarktprodukte voraus(setzt)“ (Hauskrecht, in diesem Band), die in den Entwickungsländern nicht gegeben sind, wäre genauer zu untersuchen. Entscheidend dürfte sein, ob den Inländern Zugang zu den internationalen Finanzmärkten und Instrumenten der Preissicherung gewährt wird. 22 Siehe dazu Battacharya/Miller 1999 und Stiglitz 1999b. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Korreferat zum Beitrag von Andreas Hauskrecht 39 D. Zur Irrelevanz der Wechselkursregime Die Bedeutung freier Wechselkurse wird häufig damit begründet, daß damit der Freiheitsgrad der Wirtschaftspolitik erhöht würde. Dieser Auffassung widerspricht Mundell23 mit dem Hinweis, daß sich die Wechselkursregime nicht darin unterscheiden, ob sie einen Freiheitsgrad besitzen, sondern darin, worin dieser besteht. Entschließt sich eine Regierung dazu, den Wechselkurs zu stabilisieren und freien Kapitalverkehr zuzulassen, ist sie gezwungen, Abstriche bei der geldpolitischen Autonomie hinzunehmen. Präferiert sie dagegen feste Wechselkurse und geldpolitische Autonomie, muß sie den freien Kapitalverkehr einschränken. Das Ziel, die Kapitalmärkte zu liberalisieren, ohne die geldpolitische Autonomie aufzugeben, erfordert die Freigabe des Wechselkurses.24 Die Relevanz freier Wechselkurse resultiert aus der konstitutiven Bedeutung des Preismechanismus innerhalb einer marktwirtschaftlich ausgerichteten Weltwirtschaftsordnung. Es hieße die Bedeutung der Wechselkursregime zu überschätzen, wenn von der Wahl des Wechselkursregimes eine nachhaltige Stabilisierung des Preisgefüges erwartet wird. Währungskrisen werden durch die Wahl des Wechselkursregimes weder erzeugt noch verhindert.25 Verantwortlich sind dafür häufig interne Ursachen, wie zum Beispiel hohe Budgetdefizite des Staates, eine übermäßige Expansion der Geldmenge, institutionelle Defizite, wie etwa eine mangelhafte Bankenaufsicht, um nur einige zu nennen. Sieht man von exogenen Schocks ab, wird sich eine Wirtschaftspolitik, die sich dem Stabilitätsziel und institutionellen Reformen verpflichtet weiß, relativ frei entscheiden können, welches Wechselkursregime sie wählt, ohne einen Fehler zu begehen.26 Irrelevant oder nur von sehr geringer Relevanz erscheint die Wahl des Wechselkursregimes auch im Hinblick auf die langfristige Veränderung der terms of trade. 23 Siehe Mundell 1999, S.105. 24 Vgl. dazu Frenkel/Menkhoff 2000, S.12ff. 25 An dieser Stelle stimme ich den Ausführungen Hauskrechts (in diesem Band) nicht zu. Hauskrecht argumentiert, daß sich die Entwicklungsländer in einem unlösbaren Zielkonflikt von Stabilität versus Wachstum befänden, den sie durch die Wahl eines perfekten Wechselkursregimes nicht entgehen könnten, um dann – zur Überraschung des Lesers – doch einem Wechselkursregime, nämlich dem adjustable peg, den Vorzug einzuräumen. Die Ausführungen in meinem Beitrag sollen demgegenüber zeigen, daß die genannten wirtschaftpolitischen Ziele den Wechselkursregimen nicht eindeutig zugeordnet werden können: Das System flexibler Wechselkurse bewirkt kein Wachstum auf Kosten der „Stabilität des Vermögenspreises“ und das Currency Board ist außer Stande, stabile Vermögenspreise auf Kosten des Wachstums zu gewährleisten. Ein System flexibler Wechselkurse schließt stabile Wechselkurse ebensowenig aus, wie ein Currency Board wirtschaftliches Wachstum zwangsläufig verhindert. Die tatsächlichen Ursachen der Instabilität der Vermögenspreise und des geringen Wirtschaftswachstums sind den Wechselkursprozessen vorgeschaltet und sind „struktureller“ Natur. 26 In den Worten des Meltzer-Reports: „The long-run position of an economy does not depend on the choice of the exchange-rate system.... Stabilizing policies are more important than the choice of the exchange-rate regime.“ (Meltzer-Report 2000). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Matthias Lutz 46 dann handelt es sich um ‚absolute‘ Konvergenz. Somit ist die Hauptaussage des neoklassischen Modells, dass Länder langfristig nicht divergieren. Bemerkungen: Die durchgezogenen Linien sind Gleichgewichtspfade. Die gestrichelten Linien stellen temporäre Übergangspfade dar. Abbildung 1: Verschiedene Möglichkeiten der Konvergenz und Divergenz Die neue Wachstumstheorie kommt zu anderen Resultaten, da dort jedes Land auch langfristig eine individuelle Wachstumsrate besitzt, die von länderspezifischen Technologieund Präferenzparametern abhängt. Somit werden Länder langfristig divergieren, ausser sie sind vollkommen identisch. Dieses Szenario wird in b) dargestellt, wobei in der Zeichnung das arme Land per Annahme langfristig langsamer wächst als das reiche. Die Anpassungspfade zeigen, dass das arme Land im Übergang zu einem neuen Wachstumspfad langsamer (D1, D3) oder sogar schneller (D2) als das reiche Land wachsen kann, unabhängig davon, dass es langfristig langsamer wächst. Die unterschiedlichen Implikationen der neoklassischen und endogenen Wachstumstheorie für die Konvergenz dienen oft als Ausgangspunkt für empirische Tests. Eine neuere Übersicht empirischer Studien zur Konvergenzfrage gibt es in Durlauf und Quah (1999), die vor allem die vielen auf Querschnittsdaten basierenden Studien zur sogenannten b-Konvergenz kritisieren. Ihre Kritik bezieht sich sowohl auf methodologische als auch konzeptionelle Gesichtspunkte (siehe auch Temple 1999 und Quah 1999). Aus unserer Sicht ist das grösste Problem der b-Konvergenz Analyse, dass der Befund der bedingten Konvergenz relativ wenig über die internationalen Unterschiede im PKE und deren Entwicklung über die Zeit aussagt, wobei das letztere in der Literatur als s-Konvergenz bezeichnet wird7. 7Neuere Studien, die sich im Detail mit dieser Form von Konvergenz befassen, sind Jones (1997), Pritchett (1997), Durlauf und Quah (1999) und McGrattan und Schmitz (1999). Zeit ln y i armes Land C 4 t 0 reiches Land a) Konvergenz C 2 C 1 C 3 Zeit ln y i armes Land t 0 reiches Land b) Divergenz D 2 D 1 D 3 t 1 t 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Was verspricht die Globalisierung für die Niedrigeinkommensländer? 47 Die Abbildung oben zeigt das Verhältnis zwischen den reichsten und den ärmsten fünf Ländern. Die Abbildung unten stellt das relative Pro-Kopf BIP (kaufkraftbereinigt) der reichsten 5 zum Median, und den Median zu den ärmsten fünf dar. Die Stichprobe umfasst 122 Länder. Datenquelle: Global Development Network Growth Database (Easterly und Yu 2000). Die Abbildungen sind aus Lutz (2001) übernommen. Abbildung 2: Relatives Pro-Kopf BIP Evidenz zu s-Konvergenz wird in Abbildung 2 dargestellt. Der obere Teil zeigt das Verhältnis zwischen den reichsten und ärmsten fünf Ländern, der untere teilt das Verhältnis in zwei Komponenten auf, das zwischen den reichsten und der Mitte, und das zwischen der Mitte und den ärmsten Ländern. Man erkennt deutlich, dass vor allem der Unterschied zwischen den ärmsten und den mittleren Ländern bis auf einen relativ kurzen Zeitraum in den 1980er Jahren ständig zugenommen hat. Die mittle0 10 20 30 40 50 60 1960 1963 1966 1969 1972 1975 1978 1981 1984 1987 1990 1993 max5/min5 3.5 4.0 4.5 5.0 5.5 6.0 6.5 7.0 7.5 8.0 1960 1963 1966 1969 1972 1975 1978 1981 1984 1987 1990 1993 max5/mid2 mid2/min5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Matthias Lutz 48 ren Länder hingegen konnten anfangs den Abstand zu den reichen Ländern verkleinern, sind jedoch seit 1980 wieder stark zurückgefallen. Im Prinzip wären diese Trends weniger negativ zu bewerten, wenn sich die Ländergruppen zur gleichen Zeit kräftig durchmischt hätten. Dies war jedoch nicht der Fall, wie die Evidenz in Lutz (2001) und andere Studien (z.B. Quah 1999) zeigen. Die Länder, die am Anfang zu den Niedrigeinkommensländern zählten, sind fast durchwegs langsamer gewachsen als die Länder mit mittleren und hohen Einkommen. Diese Ergebnisse stützen die Erkenntnisse in Pritchett (1997), die er als ‚divergence, big time‘ betitelt. Das grösste Problem mit dem Versuch, anhand der Konvergenzfrage zwischen den unterschiedlichen Wachstumsmodellen zu unterscheiden, steht in direktem Bezug zu unserem Interesse an Offenheit. Wie schon zuvor erwähnt, beruht die Konvergenzaussage im neoklassischen Modell auf der Annahme, dass die Rate des technischen Fortschritts für alle Länder identisch ist. Die übliche Rechtfertigung für diese Annahme ist, dass auch bei exogen determiniertem technischen Fortschritt die Nichtrivalität von Wissen und Ideen dazu führt, dass im Prinzip alle Länder Zugang zu den gleichen Technologien haben. Wenn man annimmt, dass Wissensund Technologieflüsse perfekt sind, d.h. dass es sofortige und kostenlose Diffusion gibt, dann werden sich alle Länder an der gleichen Technologiegrenze befinden. Dies ist natürlich eine extreme Offenheitsannahme. Wären Volkswirtschaften wirklich geschlossen, dann gäbe es weder Technologienoch Wissensdiffusion und somit auch keinen Mechanismus, der bei allen Ländern langfristig zur gleichen Wachstumsrate führt. Anstelle dessen hätten wir eine Welt mit länderspezifischen Wachstumsraten, genau wie in den Modellen der neuen Wachstumstheorie, was auch im neoklassischen Modellrahmen zu Divergenz führen würde. Damit ist klar, dass wir in einer Welt von vollständig geschlossenen Volkswirtschaften die Frage der Konvergenz nicht verwenden können, um zwischen den beiden Modellklassen zu unterscheiden8. Es gibt auch eine kleinere Literatur, die versucht, die empirische Relevanz verschiedener Wachstumstheorien direkter zu untersuchen (z. B. Mankiw et al. 1992, Jones 1995, Feenstra et al. 1999). Grundsätzlich aber besteht immer die Schwierigkeit, dass die eigentlichen Prozesse der Wissensgenerierung entweder überhaupt nicht oder nur indirekt beobachtbar sind. Deshalb bleibt einem letztendlich nur die Feststellung, dass bisher kein Konsens bezüglich der Überlegenheit einer Modellklasse gegenüber der anderen erreicht worden ist. Jones (1998) nimmt daher einen eklektischen Standpunkt ein, wenn er argumentiert, dass man die Theorie mit der Empirie wieder in Einklang bringen kann, indem 8Im Grunde wird in den Querschnittsanalysen i) ein neoklassisches Modell einer teilweise offenen Volkswirtschaft mit ii) neuen Wachstumstheorien in einer vollständig geschlossenen Volkswirtschaft verglichen. Wenn man aber in Modellen der neuen Wachstumstheorie z. B. eine Diffusion von Wissen zulässt, kann man ähnliche Konvergenzvoraussagen wie im neoklassischen Modell erhalten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Was verspricht die Globalisierung für die Niedrigeinkommensländer? 49 man das globale PKE Wachstum durch die endogene Wachstumstheorie, internationale PKE Unterschiede jedoch mit dem neoklassischen Modell erklärt. Wichtig sind auf alle Fälle Wissen und Technologie. In den Studien von Klenow und RodriguezClare (1997), Prescott (1998) und Hall und Jones (1999) zeigt sich, dass es international grosse Produktivitätsunterschiede gibt. Somit scheint es keine perfekte internationale Diffusion von Wissen und Technologien zu geben. Die nächsten beiden Kapitel beschäftigen sich mit der Erweiterung der beiden Modellklassen auf offene Volkswirtschaften. Dabei werde ich mich auf drei Interaktionsmechanismen beschränken: Kapitalflüsse, Technologie-/Wissenstransfer und Handel. Migration von Arbeit wird nicht berücksichtigt, da sie auf Grund von Immigrationsbeschränkungen und anderen Faktoren heute stark eingeschränkt ist. C. Das neoklassische Wachstumsmodell in der offenen Volkswirtschaft Da im neoklassischen Modellrahmen die Wachstumsrate exogen vorgegeben ist, kann es durch eine Öffnung nur statische Effekte auf das Einkommensniveau geben. In bezug auf Abbildung 1a) interessiert uns jetzt die Frage: Wenn ein armes Land sich anfangs auf Wachstumspfad C1 befindet, schiebt grössere Offenheit den Wachstumspfad nach oben zu C2, bzw. führt sie vielleicht sogar zur Konvergenz mit dem reichen Land (C4), oder kann sie unter Umständen schädlich sein, in dem sie den Gleichgewichtspfad nach unten verschiebt, z.B. auf C3? I. Internationale Kapitalflüsse Eine relativ unkomplizierte Erweiterung besteht darin, internationale Kapitalströme in das Modell einzubauen. In diesem Fall werden Investoren, egal in welchem Land sie ansässig sind, Ihre Ersparnisse in dem Land anlegen, das den höchsten Ertrag bietet9. Im Solow Modell ist dies das Land mit dem niedrigeren Pro-Kopf Kapitalbestand. Da dies ceteris paribus auch das Land mit dem niedrigeren PKE ist, sollte Kapital vom reichen ins arme Land fliessen und somit die Konvergenzgeschwindigkeit erhöhen. Im Falle einer vollständigen Kapitalmobilität müsste die Konvergenz sogar sofort stattfinden. Im neuen Gleichgewicht sollten ferner die Kapitalerträge international identisch sein. Diese Voraussagen treffen jedoch in der Realität in verschiedener Hinsicht nicht zu. So findet zum Beispiel der Grossteil der 9Internationale Risikodiversifizierung stellt einen zusätzlichen Anreiz für Kapitalbewegungen dar, selbst dann, wenn zwei Länder den gleichen durchschnittlichen Kapitalertrag vorweisen. Zwei Länder werden von einer Integration der Kapitalmärkte profitieren, solange ihre Risiken nicht perfekt korreliert sind. Im neoklassischen Modell kommt es in diesem Fall zu höheren Einkommen in beiden Ländern, in endogenen Wachstumsmodellen zu höherem Wachstum. In allen Fällen ist es für beide Länder vorteilhaft. Siehe Obstfeld und Rogoff (1996, Kapitel 7) für eine ausführlichere Diskussion. 4 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 282 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Matthias Lutz 50 internationalen Kapitalbewegungen zwischen den reichen Ländern statt, und die inländische Sparund Investitionsquote sind hoch korreliert. Eine mögliche Erklärung wäre, dass die internationalen Kapitalmärkte nur unvollständig integriert sind. Eine weitere Möglichkeit ist, dass die Kapitalerträge nicht nur vom Pro-Kopf Kapitalbestand anhängen. Diese Route wird von Barro et al. (1995) eingeschlagen, die ein neoklassisches Modell einer offenen Volkswirtschaft mit Humankapital entwickeln, um zu erklären, warum es auch bei vollständiger Kapitalmobilität nur zu einer langsamen Konvergenz kommen könnte. In Ihrem Modell können Länder zwar physisches Kapital mit dem Ausland tauschen, die Akkumulation von Humankapital muss jedoch allein durch inländische Ersparnisse finanziert werden. Dies reduziert die Konvergenzgeschwindigkeit zum Gleichgewichtspfad. Es ist nicht klar, ob der von Barro et al. (1995) gewählte Ansatz sehr realistisch ist. Zum Beispiel ist da die extreme Trennung zwischen physischem Kapital, das international keinen Kreditrestriktionen unterliegt, und Humankapital, das komplett restringiert ist. Obstfeld und Rogoff (1996) argumentieren, dass in der Praxis weder das physische Kapital vollkommen mobil, noch das Humankapital vollkommen immobil ist. Aus empirischer Sicht ist das Modell problematisch, wieGundlach (1999) zeigt, da die durch das Modell implizierten Wachstumsraten des PKE wesentlich höher ausfallen, als es in der Realität beobachtet wird. Wichtig ist ausserdem, dass die Tendenz von Kapital, vom armen ins reiche Land zu fliessen, von der Annahme abhängt, dass beide Länder die gleiche Rate des technischen Fortschritts vorweisen. Wie ich jedoch schon zuvor argumentiert habe, ist dies eine zusätzliche Offenheitsannahme. Wenn Kapitalflüsse die einzige Form der Interaktion sind, dann werden Länder wiederum individuell verschiedene Wachstumsraten vorweisen. In diesem Fall können Kapitalflüsse zwar die bedingte Konvergenz erhöhen, aber die länderspezifischen Wachstumspfade werden divergieren. Das kann unter Umständen auch dazu führen, dass das Kapital in die ‚falsche‘ Richtung fliesst, d. h. vom armen ins reiche Land. Hierzu passt auch der Befund von Gundlach (1999), dass das Modell von Barro et al. nur dann mit den tatsächlichen Wachstumsraten einzelner Länder kompatibel ist, wenn man genau diese eine Annahme aufgibt, d.h. wenn man den Ländern unterschiedliche Raten des technischen Fortschritts zugesteht. Abschliessend sollte nicht vergessen werden, dass zwischen BIP und BSP unterschieden werden muss, wenn der Kapitalbestand teilweise dem Ausland gehört. Ein auf dem BIP basierender Vergleich eines kapital-importierenden mit einem kapital-exportierenden Land unterschätzt den tatsächlichen Unterschied. Der Grund dafür ist, dass der durch Kapitalflüsse herbeigeführte Ausgleich der Kapitalerträge im besten Fall eine Konvergenz des BIP herbeiführen kann. Da aber ein Teil des Kapitalstocks des armen Landes dem reichen Land gehört, ergibt sich eine permanente Lücke im PKE zwischen den beiden Ländern. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Was verspricht die Globalisierung für die Niedrigeinkommensländer? 51 II. Diffusion von Technologie und Wissen Wie schon in Kapitel B erwähnt wurde, enthält das Modell, das normalerweise als neoklassisches Modell einer geschlossenen Volkswirtschaft betrachtet wird, bereits eine sehr starke Annahme offener Volkswirtschaften, nämlich dass alle Länder Zugang zu den gleichen Technologien haben und Wissen sofort und kostenlos zwischen Ländern fliesst. Ohne diese Annahme verlieren wir die Voraussage einer identischen langfristigen Wachstumsrate. Konvergenz, oder besser Nicht-Divergenz, wäre dann ein rein zufälliges Resultat, denn im Normalfall würden Länder divergieren. In einem neueren Modell von Lucas (2000) wird dieser Zusammenhang sehr einsichtig dargestellt. Lucas simuliert ein Modell einer Weltwirtschaft, in der alle Länder asymptotisch die gleiche exogene Wachstumsrate besitzen. Verschiedene Länder gehen jedoch zu verschiedenen Zeitpunkten von einer anfänglichen Stagnationsphase zu Wachstum über, wobei der Zeitpunkt des Wachstumsbeginns stochastisch von der Einkommenslücke zum reichsten Land abhängt. Wenn ein Land anfängt zu wachsen, dann wächst es schneller als das führende Land, bis es zu ihm aufgeschlossen hat. Am Ende erreichen alle Länder dasselbe PKE im Gleichgewicht. Das Modell von Lucas zielt nicht darauf ab, Wachstum an sich zu erklären, sondern versucht, eine wachsende Ungleichheit in den Pro-Kopf Einkommen verschiedener Länder als Resultat der Verzögerung beim Wachstumsbeginn darzustellen. In anderen Worten, wenn man über einen gewissen Zeitraum einen Anstieg der Einkommensspannen zwischen Ländern beobachtet, bedeutet dies noch lange nicht einen langfristigen Trend. Im Gegenteil: der Prozess, der anfänglich die Divergenz verursacht, führt langfristig zur Konvergenz. Gleichzeitig muss aber auch betont werden, dass das Endresultat einer vollständigen Konvergenz per Annahme in das Modell eingebaut ist. Der Grund für die langfristige Konvergenz ist nämlich die vollständige Diffusion von Technologie und Wissen in der langen Frist, auch wenn es kurzfristige Verzögerungen für einzelne Länder gibt. Wenn die Diffusion jedoch unvollständig ist, dann können Länder divergieren, selbst wenn es einen gewissen Austausch von Wissen und Technologien gibt. Für eine einfache Illustration betrachten wir wiederum eine stilisierte Welt von armen und reichen Ländern. Wenn der Diffusionsprozess die folgende Form annimmt, d. h. das Wissensund Technologieniveau in armen Ländern einfach einen konstanten Anteil dessen in reichen Ländern beträgt, dann wachsen beide Gruppen von Ländern gleich schnell, da Apoor βArich =β1≤ (3) apoor ∆Apoor Apoor arich == (4) . 4* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Matthias Lutz 52 Wenn der Diffusionsprozess jedoch die Form hat, dann wächst ein armes Land permanent langsamer als ein reiches Land, da ausser b beträgt eins. Dieses einfache Beispiel zeigt erneut, dass es sehr spezifischer Annahmen bedarf, damit Länder im neoklassischen Modell nicht divergieren; und zwar selbst dann, wenn ein Austausch von Wissen und Technologie grundsätzlich stattfinden kann. Da der Diffusionsprozess für die Konvergenzfrage und somit auch für die Frage, ob arme Länder von stärkerer Integration profitieren, so ausserordentlich wichtig ist, verdient er verstärkte Aufmerksamkeit. Im Kontext endogener Wachstumsmodelle im Kapitel D, und in der Übersicht empirischer Arbeiten in Kapitel E, werden deshalb verschiedene Aspekte der Diffusion genauer beleuchtet. III. Handel Handel wird oftmals als ein wichtiger Transmissionskanal für Wissen und Technologie betrachtet. Wenn dem Handel tatsächlich diese Rolle zukommt, dann sollten Länder umso schneller konvergieren, je mehr Handel sie betreiben. Handel spielt unter Umständen aber auch noch eine etwas subtilere Rolle, wie in einer Arbeit von Ventura (1997) gezeigt wird, in der er das neoklassische Modell auf eine kleine offene Volkswirtschaft erweitert. Als Ausgangspunkt dient ihm dabei die, vor allem von Young (1995) hervorgehobene Beobachtung, dass die hohen Wachstumsraten der letzten Jahrzehnte in den ostasiatischen Tigerstaaten hauptsächlich durch die Faktorakkumulation und nicht durch rapides Produktivitätswachstum erklärt werden. Diese Beobachtung ist im Rahmen des neoklassischen Modells in einer geschlossenen Volkswirtschaft nur schwer mit den hohen Wachstumsraten vereinbar, da abnehmende Grenzerträge das Wachstum relativ bald verlangsamen würden. Ventura präsentiert ein Ramsey Modell, in dem die Integration in die Weltwirtschaft gemäss neoklassischer Handelstheorie zum Faktorpreisausgleich führt. In anderen Worten, die Faktorpreise des kleinen (Inlands) werden auf dem Weltmarkt bestimmt. Die Weltwirtschaft als Ganzes verhält sich zwar weiterhin wie eine geschlossene Volkswirtschaft, d.h. die Kapitalproduktivität ist eine negative Funktion des globalen Kapitalbestands, aber solange eine einzelne Volkswirtschaft ‚klein‘ ist, bleibt der Kapitalertrag exogen bestimmt und somit unabhängig vom inländischen Kapitalstock. Apoor Arich β =β1≤ (5) apoor βarich arich <= (6) , OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Was verspricht die Globalisierung für die Niedrigeinkommensländer? 53 Das führt zum überraschenden Resultat, dass nun zum Beispiel eine Änderung der Sparquote einen ‚permanenten‘ Effekt auf das Wachstum haben kann, sogar im Rahmen eines neoklassischen Wachstumsmodells. Der Grund dafür ist, dass, während der Kapitalstock im Inland steigt, die Produktion in immer kapitalintensivere Sektoren bzw. Produktionstechnologien verlegt wird10. In einem gewissen Sinn verwandelt die Annahme einer durch Handel offenen Volkswirtschaft also das neoklassische Modell in ein semi-endogenes Wachstumsmodell11. Dies ist auch das für unsere Zwecke wichtigste Resultat des Ventura Modells. Es bedeutet, dass ein armes Land zumindest für einen längeren Zeitraum schneller als die reichen Länder wachsen, und somit zu ihnen aufholen kann. Das Wachstum ist exportgetrieben, und während des schnelleren Wachstums werden Produktion und Exporte immer kapitalintensiver. Das Ventura Modell stärkt somit das Argument für grössere Offenheit. Im Sinne von Abbildung 1a) verhilft der Handel dem armen Land auf Wachstumspfad C4, über den es letztendlich mit dem reichen Land konvergieren wird. IV. Zusammenfassung Alle drei hier beschriebenen Erweiterungen des neoklassischen Modells auf die offene Volkswirtschaft haben positive Auswirkungen auf die Konvergenz und somit auch für Wachstum in armen Ländern. Niedrigeinkommensländer profitieren von einer verstärkten Integration in die Weltwirtschaft durch Technologieströme, Kapitalströme und indirekt durch die Möglichkeit zu exportieren. Wenn man also die neoklassische Wachstumstheorie als den relevanten Modellrahmen betrachtet, dann ist Offenheit (‚openness‘) immer vorteilhaft. Dennoch muss noch einmal betont werden, dass es ohne die Annahme perfekter Diffusion von Wissen und Technologie auch im neoklassischen Modell zu Divergenz kommen kann. D. Neue Wachstumstheorie in der offenen Volkswirtschaft Im Rahmen der neuen Wachstumstheorie ist es erheblich schwieriger, die Erweiterung auf eine offene Volkswirtschaft zu analysieren. Die Hauptursache ist die Vielzahl von Modelltypen. Es gibt kein Grundmodell, das Schritt für Schritt ausgebaut werden kann, so wie das beim neoklassischen Modell möglich war. Es ist auch nicht leicht, einen Modelltyp besonders hervorzuheben, da es bisher nur wenig möglich war, die neue Wachstumstheorie bezüglich der Modellrelevanz empirisch zu untersuchen. Aus diesem Grund ist dieses Kapitel anders strukturiert als das vorige. Als Erstes werde ich eine Reihe grundsätzlicher Fragen stellen, die verstehen helfen, welche 10 Dies setzt eine ausreichend grosse Faktorsubstitutionselastizität voraus. 11 Mit der Einschränkung, dass in der ganz langen Frist das ‚kleine‘ Land irgendwann ‚gross‘ wird. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Matthias Lutz 54 Wachstumsund Konvergenzeffekte durch eine Öffnung spezifischer neuer Wachstumsmodelle zu erwarten sind. Einige dieser Fragestellungen werden auch in Barba Navaretti und Tarr (1999) diskutiert. Als Zweites werde ich den gegenwärtigen Konsens in Bezug auf die positiven Effekte von Offenheit und Integration mit der Frage konfrontieren, ob es auch Modelle gibt, die zu gegenläufigen Schlussfolgerungen führen. Um es vorwegzunehmen, die Kurzantwort ist ‚ja‘, denn im Gegensatz zur neoklassischen Wachstumstheorie ist es nicht möglich, anhand der Modelle der neuen Wachstumstheorie eindeutige Empfehlungen bezüglich grösserer Offenheit und Globalisierung zu machen. Die Haupteigenschaft aller Modelle der neuen Wachstumstheorie ist, dass die Rate des technischen Fortschritts endogen bestimmt ist. Folglich können wirtschaftspolitische Massnahmen nicht nur das Niveau des PKE, sondern auch dessen Wachstumsrate verändern. Abhängig vom spezifischen Modell können somit auch Massnahmen, welche die Offenheit einer Volkswirtschaft betreffen, Wachstumseffekte haben. Wie in der Einleitung gezeigt wurde, hat eine zunehmende Globalisierung einen sehr ähnlichen Einfluss und kann deshalb ebenso langfristige Effekte auf die Wachstumsrate haben. Sollten diese Effekte positiver Natur sein, ist das Argument für grössere Offenheit in der neuen Wachstumstheorie noch stärker als im neoklassischen Modell. Wenn die Wachstumseffekte jedoch negativ ausfallen, dann können sie langfristig ohne weiteres die ohnehin vorhandenen statischen Einbussen von Handelseinschränkungen und ähnlichen Massnahmen übertreffen. I. Einige wichtige Aspekte 1. Die Form der Konvergenz Die erste Frage betrifft die Form der Konvergenz. Wenn Offenheit tatsächlich zu Konvergenz führt, handelt es sich in diesen Modellen um Konvergenz in bezug auf Wachstumsraten oder Einkommensniveaus? Eine Konvergenz der Wachstumsraten wäre das zu erwartende Resultat, wenn die Erweiterung des Modells auf die offene Volkswirtschaft bedeutet, dass es zu einer globalen Diffusion von Wissen und Technologie kommt, von der alle Länder gleichmässig profitieren. In diesem Fall ähnelt das Resultat dem des neoklassischen Modells mit Wissensdiffusion. Wenn die Wachstumsrate der ärmeren Länder jedoch nicht die der führenden Nationen übersteigen kann, bleiben anfängliche Unterschiede bestehen. Deshalb benötigt Konvergenz der Einkommensniveaus, dass die Niedrigeinkommensländer zumindest eine Zeit lang schneller wachsen als die reichen Länder. Konvergenz der Einkommensniveaus ist folglich ein stärkeres Resultat als Konvergenz der Wachstumsraten. Neue Wachstumsmodelle haben jedoch typischerweise wenig zu Niveauunterschieden auszusagen. Mit einer endogenen Wachstumsrate können Anfangsbedingungen, wie zum Beispiel der Zeitpunkt einer wirtschaftspolitischen Massnahme, zu permanenten Unterschieden zwischen Ländern OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Was verspricht die Globalisierung für die Niedrigeinkommensländer? 55 führen. Um eine Konvergenz der Niveaus zu erreichen, benötigt das Modell also einen Aufholmechanismus, zum Beispiel durch Kopieren, damit das ärmere Land nicht dauerhaft hinterherhinkt. 2. Der Wachstumsmechanismus Es gibt einige wichtige Unterschiede in Bezug auf die Ursache des Wachstums. Ist der technische Fortschritt endogen, weil Wissen und Technologien absichtlich geschaffen werden, oder sind sie das Resultat einer Externalität? Wenn beabsichtigt, entstehen die neuen Technologien bzw. das neue Wissen in Form von ‚blueprints‘, d. h. reinen Erfindungen, die patentiert werden können, oder in Form von spezifischen Inputs in den Produktionsprozess? Wenn sie das Resultat externer Effekte sind, ist es als Folge spezifischer Formen von learning-by-doing (LBD) oder profitiert das ärmere Land einfach von der internationalen Wissensdiffusion? Die spezifische Form der Akkumulation von Wissen und Technologien bestimmt in aller Wahrscheinlichkeit, wie leicht sie von einem Land zum anderen fliessen können. LBD zum Beispiel lässt sich nicht durch Wissenstransfer übermitteln, sondern ist das Resultat bestimmter wirtschaftlicher Aktivitäten. Diese Aspekte haben auch Einfluss darüber, welche Formen der Öffnung überhaupt potentiell den Niedrigeinkommensländern helfen können. 3. Der Diffusionsprozess Wenn Wissen und neue Technologien durch einen Diffusionsprozess von den reichen in die armen Länder übermittelt werden, dann ist eine Kenntnis des genauen Mechanismus von Bedeutung. Wir haben bereits eine sehr starke Annahme über den Diffusionsprozess im Rahmen des neoklassischen Modells betrachtet, wo der gegenwärtige globale Wissensstand sofort und ohne Kosten allen Ländern zugänglich ist. Es ist nicht sehr einfach, sich diese Möglichkeit in der Praxis vorzustellen, ausser man denkt an das Studium wissenschaftlicher Zeitschriften und Handbücher, die universell und kostengünstig erhältlich sind. Die Geschichte wissenschaftlicher Entdeckungen und Erfindungen zeigt jedoch (Mokyr 1990), dass der Weg von der anfänglichen Entdeckung zu einem marktreifen Produkt äusserst zeitund ressourcenintensiv sein kann. 4. Welche Form des ‚learning-by-doing‘? Wenn Wissen und produktive Fähigkeiten durch LBD generiert werden, dann spielt es eine wichtige Rolle, in welchen Aktivitäten dieser Prozess stattfindet. Handelt es sich um ökonomische Aktivitäten an sich, oder findet der Prozess in spezifischen Industrien statt? Beim letzteren wäre dann die Frage wichtig, ob es handelbare oder nicht-handelbare Güter sind. Und wenn LBD nur in der Produktion handelbarer OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Matthias Lutz 62 ...trade liberalisation did not trigger convergence in any of the four cases. If anything, trade seems to have caused income divergence. (S.1) Zu positiveren Resultaten bezüglich der wirtschaftlichen Vorteile grösserer Offenheit und Globalisierung kommen Frankel und Romer (1999), die in ihrer Arbeit den Zusammenhang zwischen dem Handelsanteil am BIP und dem PKE in einem grossen Querschnittsvergleich für das Jahr 1985 untersuchen. Um die potentielle Endogenität der Handelsvariablen zu umgehen, benützen sie als Instrument eine Reihe von Variablen, die häufig in Schätzungen der sogenannten Gravitätsgleichung für Handelsströme verwendet werden. Ihre Ergebnisse zeigen in einer Reihe von Spezifikationen einen positiven Zusammenhang zwischen der Handelsvariablen und dem PKE, wobei die Koeffizienten jedoch nicht immer sehr präzise geschätzt werden konnten. Einschränkend ist zu sagen, dass ihr Ansatz es nicht erlaubt, zwischen statischen und dynamischen Gewinnen durch verstärkten Handel, und somit im Prinzip zwischen den unterschiedlichen Wachstumsmodellen zu unterscheiden. Irwin und Terviö (2000) wenden den Ansatz von Frankel und Romer auf eine Reihe anderer Zeitperioden während des 20. Jahrhunderts an und erhalten ähnliche Ergebnisse, d.h. dass mehr Handel zu höheren Einkommen führt. Einschränkend stellen sie aber auch fest, dass ihre Resultate nicht aufrecht erhalten werden können, wenn sie eine einzige zusätzliche Variable, die Distanz der Länder zum Äquator, in ihren Regressionen verwenden. Dieses Problem betrifft ihrer Aussage nach auch die von Frankel und Romer erzielten Resultate. Wenn man sich nicht auf die Rolle des Handels an sich beschränkt, so findet sich Evidenz, dass die Produktivität eines Landes positiv vom Ausland beeinflusst wird. Coe und Helpman (1995) berichten, dass die totale Faktorproduktivität (TFP) in OECD Ländern positiv sowohl von inländischer als auch von ausländischer Forschung und Entwicklung (F & E) beeinflusst wird, wobei der Effekt des Inlandes höher ausfällt. Die Studie von Coe et al. (1997) erweitert diese Analyse auf Entwicklungsländer. Dabei zeigt sich, dass deren Produktivitätsniveaus signifikant und positiv mit F & E in ihren (industrialisierten) Handelspartnern korreliert sind. Darüber hinaus kommen Coe et al. zum Resultat, dass die inländische Produktivität positiv von importierten Maschinen und anderen industriellen Inputs beeinflusst wird. Sie folgern dementsprechend, dass ...developing countries derive important and substantial benefits from research and development performed in the industrial countries. (S.148) In der letzten Zeit gibt es eine steigende Zahl von Studien, welche die Frage, ob Offenheit zu Produktivitätsfortschritten führt, mit Firmenund Industriedaten untersuchen. Griffith et al. (2000) zum Beispiel erhalten ähnliche Ergebnisse wie Coe und Helpman (1995) in bezug auf den Effekt ausländischer F & E Aktivitäten auf inländische TFP anhand von Industriedaten für 13 OECD Länder. Sie finden jedoch keinen robusten Zusammenhang zwischen Handel und der Diffusion von Wissen und Technologien. In Bezug auf den Aufholprozess zu den führenden LänOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Was verspricht die Globalisierung für die Niedrigeinkommensländer? 63 dern scheinen inländische F & E und das Humankapital eines Landes die entscheidende Rolle zu spielen. In seiner Übersicht über Industriefirmen in Entwicklungsländern berichtet Tybout (2000) von robuster Evidenz, dass Firmen im Exportsektor produktiver als Firmen sind, die den inländischen Markt beliefern. Auf den ersten Blick scheint dieser Befund den gegenwärtigen Konsens zu unterstützen, aber die Kausalität könnte natürlich auch entgegengesetzt verlaufen, wenn produktivere Firmen diejenigen sind, die erfolgreich in ausländische Märkte exportieren. Clerides et al. (1998) untersuchen die Kausalitätsfrage für Firmen in Kolumbien, Mexiko und Marokko, Bernard und Jensen (1999) für amerikanische Firmen. Beide Studien kommen zum gleichen Schluss: Es gibt keine Evidenz, dass Exportaktivitäten bei Firmen zu höherer Produktivität führen. Die Kausalität läuft in der Tat entgegengesetzt, d.h. es findet eine Selbstselektion in den Exportsektor statt, da produktivere Firmen auch zu Exporteuren werden. Ein weiteres allgemeines Resultat, von dem Tybout (2000) berichtet, ist, dass Firmen in Entwicklungsländern, die ausländischer Kontrolle unterliegen, produktiver sind als ihre inländischen Konkurrenten. Dieser Befund legt nahe, dass Kapitalzuflüsse in Form von FDI ein potentiell wichtiger Übertragungskanal für Wissen und Technologie sein könnten. Xu (2000) untersucht zu welchem Ausmass U. S. multinationale Firmen zu internationalem Wissenstransfer beitragen. Seine Ergebnisse bestätigen, dass dies tatsächlich der Fall zu sein scheint, aber nur bezüglich anderer Industrieländer. In Entwicklungsländern scheint ein solcher Wissenstransfer nicht stattzufinden. Laut Xu liegt das vor allem an Schwelleneffekten in Bezug auf das inländische Humankapital. In den meisten Entwicklungsländern ist dieses anscheinend nicht in ausreichendem Masse vorhanden, um wissensintensive Aktivitäten ausländischer multinationaler Firmen anzuziehen. In einer anderen Studie für Taiwanesische Firmen liefern Aw und Batra (1998) zwar Evidenz dafür, dass diese von ausländischer Wissensdiffusion profitieren, aber nicht aufgrund von FDI. Auch Aw und Batra betonen die Bedeutung von Humankapital, um effektiv vom Ausland lernen zu können. Aitken und Harrison (1999) bestätigen die bisherigen Resultate bezüglich des fehlenden Wissenstransfers durch FDI. Auf der Basis von Firmendaten für Venezuela für den Zeitraum von 1976 bis 1989 kommen sie zum Ergebnis, dass ausländische Beteiligung zwar die Produktivität in kleineren, nicht aber in grösseren Betrieben erhöht. Auf jeden Fall kommt es nicht zur Übertragung zu Firmen, die sich in inländischem Besitz befinden. Wenn überhaupt, dann scheint die Präsenz von Firmen, die sich ganz oder teilweise in ausländischen Händen befinden, zu einer Verschlechterung der Produktivität inländischer Firmen zu führen. In einer früheren Arbeit, die auf Firmendaten für die Türkei beruhte, kamen Krueger und Tuncer (1984) zum Schluss, dass ‚infant-industry‘ Protektion einen negativen Einfluss auf das Produktivitätswachstum der jeweiligen Firmen ausübte. HarriOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Matthias Lutz 64 son (1994) untersuchte diesen Datensatz von neuem und kam mit Hilfe verschiedener empirischen Tests zum genau gegenteiligen Resultat. Es gibt keine Evidenz für einen negativen Zusammenhang zwischen Protektion und Produktivitätswachstum in den Krueger/Tuncer Daten. Ganz im Gegenteil, für diese Daten ist die Korrelation sogar positiv. Diese Übersicht über empirische Arbeiten zeigt, dass es auch aufgrund der ‚Fakten‘ nicht möglich ist, eine eindeutige Schlussfolgerung zum Thema Offenheit und Wachstum zu ziehen. Bei aggregierten Daten scheint es beispielsweise äusserst schwierig, einen robusten Zusammenhang zu schätzen, selbst wenn man einmal vom noch nicht gelösten Messproblem absieht. Mikroökonomische Studien liefern auch keine eindeutigen positiven Ergebnisse über die Vorzüge grösserer Offenheit. Zumindest aber scheinen sie anzudeuten, dass komplementäre Faktoren unter Umständen bestimmen, ob es zu einer Diffusion von Wissen und Technologien kommt. F. Zusammenfassung Dieser Beitrag begann mit der Beobachtung, dass die langjährige Debatte zur Frage grösserer Offenheit in Entwicklungsländern von den Befürwortern scheinbar klar gewonnen worden ist, zumindest was den generellen öffentlichen Konsens betrifft. Ich habe dann argumentiert, dass aus diesem Konsens auch der Schluss folgt, dass Niedrigeinkommensländer von der zunehmenden Globalisierung profitieren werden. Der Grund dafür ist, dass vermehrter Handel bzw. Austausch von Produktionsfaktoren und eine zunehmende Globalisierung letztendlich die gleiche Folge haben, nämlich eine stärkere Integration in die Weltwirtschaft. Das Hauptaugenmerk dieses Beitrags war dann auf die Frage gerichtet, ob der Konsens auch eine entsprechend starke Rückendeckung durch den gegenwärtigen Stand der theoretischen und empirischen Forschung erhalten würde. Zu diesem Zweck habe ich zuerst die Frage der Konvergenz in Wachstumsmodellen für offene Volkswirtschaften betrachtet und dann die Ergebnisse einer Reihe neuerer empirischer Arbeiten zusammengefasst. Sowohl von den Modellen der neuen Wachstumstheorie, als auch in der empirischen Forschung, lassen sich keine eindeutigen Schlussfolgerungen ziehen. Lediglich das neoklassische Wachstumsmodell kann in seinen Erweiterungen auf offene Volkswirtschaften relativ eindeutig mit Resultaten aufwarten, die den gegenwärtigen Konsens stützen. Wie immer wieder ersichtlich wurde, hängt die Frage grundsätzlich davon ab, in welchem Ausmass Wissen und Technologien von den reichen in die armen Länder übergehen. Ohne eine entsprechende Diffusion kommt es nicht einmal im neoklassischen Modell zu Konvergenz. Obwohl immer wieder behauptet wird, dass gerade Handel und Direktinvestitionen wichtige Übertragungsmechanismen für Wissen und Technologien darstellen, ist die empirische Evidenz diesbezüglich eher gemischt. Das trifft vor allem für ärmere Länder zu. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Was verspricht die Globalisierung für die Niedrigeinkommensländer? 65 Die Frage der Konvergenz ist äusserst aktuell. Neuere Daten zeigen, dass sich der Trend der Divergenz zwischen armen und reichen Ländern auch in der jüngsten Vergangenheit weiter fortgesetzt hat. Wenn man die Niedrigeinkommensländer als Gesamtes betrachtet, hat sich diesbezüglich wenig verbessert, trotz fortschreitender Globalisierung und vermehrter Liberalisierung von internationalem Handel und Kapitalmärkten. Natürlich lassen sich aus solchen allgemeinen Beobachtungen keine eindeutigen kausalen Zusammenhänge ableiten. Insgesamt gibt es jedoch wenig Evidenz, dass die Globalisierung und zunehmende Integration in die Weltwirtschaft isoliert betrachtet einen grossen Beitrag zur zukünftigen Entwicklung der Niedrigeinkommensländer leisten können. Das soll aber auch nicht heissen, dass sie sich schadhaft auswirken werden, denn dafür gibt es wiederum noch weniger empirische Evidenz. Dennoch birgt das Beharren auf dem gegenwärtigen Konsens gewisse Gefahren in sich, angefangen mit unserer Glaubwürdigkeit als Ökonomen in öffentlichen Debatten. Die grösste Gefahr liegt aber vielleicht darin, dass man andere wichtige Aspekte aus den Augen verliert. Einige mikroökonomische Studien verweisen zum Beispiel auf die Rolle komplementärer Faktoren, welche die Diffusion von Wissen und Technologien beeinflussen. Rodrik (1998a) betont ausserdem, dass eine grössere Integration in die Weltwirtschaft zwangsweise mit Umbrüchen verbunden sind, zum Beispiel aufgrund einer sich ändernden ökonomischen Struktur, von der nicht alle Gesellschaftsteile gleichmässig betroffen sind. Er argumentiert deshalb: „... it is not whether you globalise that matters, it is how you globalise“ (p. 156). Darüber hinaus benötigen offene Volkswirtschaften starke Institutionen, um Konflikte zu bewältigen, was unter Umständen zu einem grösseren Regierungssektor führen kann (Rodrik 1998b). Dieser Beitrag führt somit zu einen klaren Schlussfolgerung: Der gegenwärtige Konsens entspricht weder dem Stand der theoretischen noch der empirischen Forschung. Die Frage, ob Niedrigeinkommensländer von der zunehmenden Globalisierung profitieren oder eher Schaden erleiden werden, ist wesentlich komplexer, als es von den Befürwortern des Konsens propagiert wird. Literaturverzeichnis Aghion,P./Howitt, P. (1998): Endogenous Growth Theory, MIT Press, Cambridge, MA. Aitken, B./Harrison, A. (1999): Do domestic firms benefit from direct foreign investment? Evidence from Venezuela, in: American Economic Review, Bd.89, S.605–618. Aw, B./Batra, G. (1998): Technological capability and firm efficiency in Taiwan (China). World Bank Economic Review, Bd.12, S.59–79. Baldwin,R. (1989): The growth effects of 1992, in: Economic Policy, Bd.9, S.247–281. 5 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 282 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
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Was verspricht die Globalisierung für die Niedrigeinkommensländer? Korreferat zum Beitrag von Matthias Lutz Von Friedrich L. Sell, Neubiberg A. Vorbemerkung Zunächst möchte ich einiges zur Interpretation des ursprünglichen, also in der Tagungsankündigung ausgedruckten Themas sagen. Dieses Thema lautete: „Die Rolle der Globalisierung – Chancen und Hindernisse für die ärmsten Entwicklungsländer“. Anschließend werde ich zeigen, daß sich Konvergenz und Divergenz auch durch ganz andere Aspekte als durch Wachstumsmodelle für offene Volkswirtschaften generieren lassen. Im Hauptteil meines Korreferats referiere ich m.E. sehr interessante und auch bedeutsame wirtschaftsgeschichtliche Befunde zum Thema Konvergenz. Ob eine Politik der weltwirtschaftlichen Integration auch in Zukunft erfolgversprechend und konvergenzstiftend sein kann, behandle ich zuletzt. Ein Fazit und drei Arbeitshypothesen runden die Ausführungen ab. B. Zur Interpretation des Themas Der Obertitel dieser Ausschußsitzung lautet: „Entwicklungsperspektiven von Niedrigeinkommensländern – Zur Bedeutung von Wissen und Institutionen“. Das von Matthias Lutz angekündigte Referat hatte den Titel: „Die Rolle der Globalisierung – Chancen und Hindernisse für die ärmsten Entwicklungsländer“. Zur Begriffsklärung versuche ich zunächst, die verschiedenen in der Literatur diskutierten Aspekte der „Globalisierung“ vorzustellen, dazu bediene ich mich der folgenden Übersicht in Gestalt von Spiegelstrichen: – Internationalisierung der Produktion, insbesondere durch Direktinvestitionen (erleichterte Standortwahl) – Herausbildung von „global players“ durch Unternehmenszusammenschlüsse1 und strategische Allianzen2 1Man denke etwa im Finanzsektor an die schweizer Großbanken SBV und SBG, die sich Ende 1997 zur UBS zusammenschlossen oder an die kanadischen Royal Bank of Canada und die Bank of Montreal (jeweils die Nummern Eins und Drei des kanadischen Finanzwesens), welche Anfang 1998 ihre Fusionsabsichten mitteilten. Im Realsektor fusionieren 1998 die beiOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Friedrich L. Sell 78 Quellen: Blümle/Sell (1997); Eigenentwurf. Abbildung 6: Konvergenz und Divergenz als Funktion der Höhe des PKE drängt sich natürlich die Frage nach der empirischen Evidenz für Konvergenzprozesse auf. Wir finden in einem sehr umfangreichen Sample von 107 Ländern für den Zeitraum von 1975 bis 1990 ein ähnliches Ergebnis wie viele andere Untersuchungen, nämlich sogar eine leichte Tendenz zur unbedingten Divergenz (Abbildung 7). Die empirische Erforschung von Konvergenzund Divergenzprozessen hat in den letzten Jahren erfolgreich mit den Termini „bedingte Konvergenz“ bzw. „bedingte Divergenz“ sowie den sogenannten „Konvergenz-Clubs“ operiert. Auch hierfür wollen wir im folgenden empirische Belege anführen. Bedingte Konvergenz wurde in erster Linie für die Gruppe der OECD-Länder festgestellt, also für Länder, die im Hinblick auf rechtliche, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, auf das Vorhandensein eines ausgebauten Bildungssektors, staatliche Infrastruktur u. ä. m. bereits große Ähnlichkeiten aufweisen. Es überrascht nicht, daß unter solchen Umständen unter diesen Ländern jene langsamer wachsen, welche bereits eine vergleichsweise hohe Kapitalausstattung Divergenz Konvergenz Pro-KopfEinkommen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Korreferat zum Beitrag von Matthias Lutz 79 Quellen: Blümle/Sell (1997); Eigenentwurf. Abbildung 7: Unbedingte Divergenz in einem großen Ländersample pro Kopf erreicht haben. Das ist im wesentlichen auch die Botschaft der nachfolgenden Abbildung 8, in der 22 OECD-Staaten zwischen 1975 und 1990 betrachtet wurden: Quellen: Blümle/Sell (1997); Eigenentwurf. Abbildung 8: Bedingte Konvergenz für die OECD-Staaten AU R POL HUN PRT NL IRL GRC GBR FR FIN DN DEU CH T JPN THA SGP OAN MYS KOR IDN HKG PNG FJ R SY SRI IS IRN CHN BG VEN TTO PER NIC X JAM HND GUY GTM DOM CRI L CHL BR ARG ZWE ZMB ZAF TCD SEN RWA ANAM MUS MOZ MDG LSO B CPV CM CIV ln (per capita GDP in 1975) 10,09,59,08,58,07,57,06,56,05,5 8% 6% 4% 2% 0% -2% -4% -6% NZL AUS YUG POL HUN CSK SWE PRT NOR D LUX ITAISL IRL GRC ESP K E L JPN SGP PHL OAN MYS KOR IDN HKG USA CAN PNG I TU CYP R SRI PAK JOR R IRN IND CHN L VEN URY TTO SL V PRY PER PAN NIC ME JAM HND GUY GTM ECU DOM CO CHL A BOL ARG ZWE ZMB ZAF UGA TUN TGO TCD SYC SL SEN N RWA NG NAM MWI MUS MRT MOZ I MDG MAR LSO KEN B GIN GHA GAB EGY CPV COM COG CIV CAF BFA BEN BDI ALG ln (per capita GDP in 1975) 10,09,59,08,58,07,57,06,56,05,5 8% 6% 4% 2% 0% -2% -4% -6% E GM SD GN ML BE ln (Pro-Kopf-BIP, 1975) Pro-Kopf-Wachstumsrate, 1975-90) A AUS NZL PRT IR L ISL NOR FIN ESP GRC NLD CHE JPN CAN USA 10,09,59,08,58,0 4% 3% 2% 1% 0% AUS NZL PRT IR L ISL NOR LUX ITA FIN DEU AUT GBR BEL DNK FRA ESP GRC NLD CHE SWE JPN CAN USA 10,09,59,08,58,0 4% 3% 2% 1% 0% In (Pro-Kopf-BIP, 1975) Pro-Kopf-Wachstumsrate, 1975-90 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Friedrich L. Sell 80 Ein ganz anderes Bild stellt sich ein, wenn man die Entwicklung des PKE innerhalb einer Region betrachtet, die vorwiegend EL beherbergt: In der nun folgenden abschließenden Abbildung 9 wurde ein Sample von 13 Ländern in Asien zugrunde gelegt, unter Ausschluß von Ländern des mittleren Ostens, da es sich hier in großen Teilen um eine Krisenregion handelt. Quellen: Blümle/Sell (1997); Eigenentwurf. Abbildung 9: Bedingte Divergenz für die Länder Asiens (ohne Nahen Osten) D. Führt Integration zu (mehr) Konvergenz? Was zeigt die Wirtschaftsgeschichte? Was berichten ökonometrische Untersuchungen? Lutz greift – was legitim ist – unter den Globalisierungsaspekten einen einzigen, nämlich die „international economic integration“, heraus. Es sei, so Lutz, anhand des bisherigen empirischen Befundes, auch wegen der schlechten Datenlage, keineswegs klar, ob zunehmende Integration in die Weltwirtschaft die Entwicklungsländer beim Aufholen unterstützt habe. Methodisch liegt ein Ausweg möglicherweise dann darin (vgl. Bröcker 1998, S.128), einen Blick in die Wirtschaftsgeschichte zu werfen. Dies wäre dann legitim, wenn sich die Fragestellung von Lutz auf solche Aspekte der Globalisierung konzentriert, die in der Weltwirtschaft durchaus schon in weit zurückliegenden Perioden beobachtet wurden: Handelsintensivierung (3. Spiegelstrich auf Seite 71), erhöhte Kapitalmobilität und Vernetzung von Finanzmärkten (10. Spiegelstrich auf Seite 72) sowie verringerte Transport-(Güteraspekt) bzw. allgemeiner von Distanzkosten (Migrationsaspekt, beide im 9. SpieJPN KOR OAN HKG SGP THA IDN MYS PHL CHN SRI IND PAK BG 9,59,08,58,07,57,06,5 8% 7% 6% 5% 4% 3% 2% 1% 0% JPN KOR OAN HKG SGP THA IDN MYS PHL CHN SRI IND PAK L 9,59,08,58,07,57,06,5 8% 7% 6% 5% 4% 3% 2% 1% 0% In (Pro-Kopf-BIP, 1975) Pro-Kopf-Wachstumsrate, 1975-90 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Korreferat zum Beitrag von Matthias Lutz 81 gelstrich auf Seite 72). Dies scheint also weitgehend der Fall, wenn man von dem in früheren Jahrhunderten weit weniger als in der heutigen Globalisierung möglichen Austausch von Technologie/Wissen absieht (11. Spiegelstrich auf Seite 73)! Eine bemerkenswerte wirtschaftshistorische Untersuchung zum Zusammenhang von weltwirtschaftlicher Integration und Konvergenz haben vergangenes Jahr O’Rourke und Williamson vorgelegt; ihre Kernergebnisse lauten wie folgt: (i) O’Rourke und Williamson (1999, S.5–28) halten insgesamt die lange Periode von 1830 bis 2000 sinnvoll für eine Konvergenzbetrachtung. Daher würden Konvergenzanalysen, die sich etwa nur auf den Zeitraum von 1960 oder 1970 bis 2000 beziehen, viel zu kurz springen. (ii) Ihrer Ansicht nach wirken der Handel mit Gütern und Dienstleistungen, Kapitalbewegungen und Migration vor allem direkt auf die Güterund Faktorpreise und nur indirekt auf das BIP bzw. das PKE ein. Daher seien auch nur auf das PKE abstellende Konvergenzanalysen im Blick verkürzt. Der Export von Arbeit und Kapital hat bekanntlich in der Tendenz zur Folge, daß sich absolute Faktorpreisunterschiede verringern. Auch der Export von Gütern kann bei nicht zu unterschiedlichen Faktorproportionen (Bröcker 1998, S.127) die Faktorpreise zum Ausgleich bringen, zumindest aber in der Tendenz einen Ausgleich im Faktorpreisverhältnis. Als wichtigste Konvergenzproxy verwenden O’Rourke und Williamson in ihren eigenen Untersuchungen die Entwicklung in der Streuung der Reallöhne (s-Konvergenz). Diese Variable ist der Arbeitsstundenproduktivität und dem BIP je Arbeitskraft verwandt, hat aber den Vorteil, daß mehr und verläßlichere Daten vorliegen. Das könnte also durchaus auch eine Anregung für moderne Konvergenzmodelle sein, es erst einmal mit den Faktorpreisen und nicht gleich mit dem PKE zu versuchen. (iii) Schaut man sich die Periode von 1830 bis 1914 an, so stellen die Autoren von 1830 bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine Zunahme derb-Divergenz bei den Reallöhnen (USA, Großbritannien und weitere ausgewählte Länder Westeuropas) fest. Seit 1850 und bis etwa 1913 finden die Autoren dagegen eine anhaltende Tendenz zur b-Konvergenz. (iv) Dies war historisch die Zeit des Goldstandards und einer starken Integration der Güter-, Arbeitsund Kapitalmärkte zwischen den USA und Westeuropa. Dieses Ergebnis stützt demnach die Vermutung, daß eine stärkere Integration der Weltwirtschaft der Konvergenz förderlich ist. Zwischen 1914 und 1934 läßt sich weder b-Divergenz noch b-Konvergenz diagnostizieren. Neben dem 1. Weltkrieg schlagen die restriktivere Handhabung der Immigration in den USA, Interventionen auf Finanz-, insbesondere Devisenmärkten und ein aufkeimender Protektionismus zu Buche. Zwischen 1934 und 1945 läßt sich sogar eine eindeutige b-Divergenz bei den Reallöhnen feststellen. (v) Nach O’Rourke und Williamson „funktioniert“ die Theorie von Heckscher und Ohlin gut bei der Erklärung der Güterund Faktorpreisentwicklung in der neu6 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 282 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Friedrich L. Sell 82 Quelle: O’Rourke/Williamson (1999), S.270. Abbildung 10: Unbedingte Reallohnkonvergenz, 1870–1913 en und in der alten Welt im Zeitraum zwischen 1870 und 1913. Güterpreisarbitrage hat in dieser Periode bei abnehmenden Transportkosten zu einer starken Konvergenz der Güterpreise beigetragen. So wie es die HO-Theorie vorhersagen würde, sind die realen Bodenpreise im bodenreichen Amerika und in Australien gestiegen, während sie im vergleichsweise bodenarmen Europa konstant blieben oder gar fielen. Gleichzeitig fiel das Lohn-Bodenpreisverhältnis in der neuen Welt deutlich, während es auf dem alten Kontinent stark anstieg. In den stärker protektionistisch ausgerichteten europäischen Ländern fiel das Faktorpreisverhältnis weniger stark als im Durchschnitt, was bei Zöllen zugunsten arbeitsintensiver inländischer Produkte nicht überraschen kann. Absolut betrachtet kam es im arbeitsreichen Europa zu starken Reallohnanstiegen, die stärker als irgendwo sonst in der Weltwirtschaft ausfielen (ebenda, S.64). (vi) In allen untersuchten Fällen/Zeiträumen war es die Konvergenz der Güterpreise, welche die Konvergenz der Faktorpreise voran trieb. Das Verhältnis von Agrargüterzu Industriegüterpreisen hat in ökonometrischen Schätzgleichungen einen signifikant negativen Einfluß auf das Faktorpreisverhältnis von Arbeit und Boden (ebenda, S.71). Wenn dem so ist, dann wäre es lohnend danach zu fragen, was die beschriebenen historischen Zusammenhänge in der jüngeren Vergangenheit möglicherweise grundsätzlich (wenig wahrscheinlich) oder zumindest vorübergehend außer Kraft gesetzt (eher wahrscheinlich) und damit den beobachteten Zusammenhang so abgeschwächt, ja teilweise umgekehrt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Korreferat zum Beitrag von Matthias Lutz 83 hat, daß wir mit (mehr oder weniger) Recht die Existenz von „Armutsclubs“ diagnostizieren können. (vii) Wie ist der Zusammenhang zwischen Globalisierung und Einkommensverteilung in der jüngeren Vergangenheit? In den USA hat die Lohnspreizung unter dem Eindruck der Globalisierung zwischen 1975 und 1990 stark zugenommen. Sowohl Importe als auch Immigration vergrößerten in den USA das Angebot wenig ausgebildeter Arbeitskräfte (ebenda, S. 170) und trugen – bei vergleichsweise schwacher Nachfrage nach diesen – damit zu einer größeren Ungleichheit in der Entlohnung bei. Im späten 19.Jahrhundert sorgte Immigration ebenfalls für ein größeres Lohngefälle in den an Ressourcen reichen, aber an Arbeit knappen Ökonomien in der neuen Welt, da der Preis für die ungelernte Arbeit angebotsseitig gedrückt wurde. Umgekehrt sorgte die Emigration in den an Ressourcen knappen, aber an Arbeit reichen Volkswirtschaften Europas für eine größere Gleichheit in der Verteilung des Lohneinkommens (ebenda, S. 173). Empirisch läßt sich sogar die Änderungsrate für einen Index, der die Schiefe der personellen EV mißt, insgesamt zwischen 1870 und 1913 bei 14 wichtigen IL gut korrelieren mit der Höhe der Reallöhne im Basisjahr: je höher das Ausgangsniveau 1870 war, desto größer fiel die Zunahme in der Ungleichverteilung aus! (viii) Was implizieren diese wirtschaftshistorischen Ergebnisse für die gegenwärtige Debatte? Wood (1994) unterscheidet drei Arbeitsqualitäten: ungelernte Arbeit, Arbeit mit Grundausbildung und qualifizierte Arbeit. Da die ärmsten EL mit der ersten Kategorie reichlich ausgestattet sind, wäre mit Wood zu erwarten, daß im Zuge einer stärkeren Integration in den Welthandel die Löhne für die ungelernte Arbeit in den ärmsten EL, die Löhne für Arbeit mit Grundausbildung in den mittleren EL und die Löhne für qualifizierte Arbeit in den Industrieländern steigen und die für die anderen Arbeitsqualitäten jeweils sinken. Damit vergrößert sich das Lohngefälle im Norden, während es im Süden der Weltwirtschaft abnehmen kann. (ix) Zusammenfassend äußern sich die Autoren zum Verteilungsproblem: „if trade has increased inequality in the present-day OECD – and we stress if – it has done so by changing commodity prices, a point well understood by international economists active in that debate“ (ebenda, S.285). Und bilanzierend zum Thema Integration und Konvergenz: „where there has been openness, there has been convergence; where there has been autarky, there has been either divergence or cessation of convergence“ (ebenda, S.284). Ökonometrische Untersuchungen aus der aller jüngsten Zeit (Dessus/Fukasaku und Safadi 1999) bestätigen im übrigen eindrucksvoll den positiven Einfluß von „Openness“ auf die Höhe des PKE; in einer Schätzung für 63 Länder, bei einem Stützzeitraum von 1961–1995, erhielten die Autoren hoch signifikante Koeffizienten für verschiedene Proxys des Offenheitsgrads bzw. für die Handelsintensität (ebenda, S.27–29). 6* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Friedrich L. Sell 84 E. Wird Handelsliberalisierung in Zukunft nicht mehr so große Wachstumseffekte haben? Eine neuere Untersuchung der OECD (Dessus, Fukasako und Safadi, 1999) läßt sich subsumieren mit der Abschnittsüberschrift „Tariffs Still Matter“ (ebenda, S.9): danach sind die Durchschnittszölle in OECD-Industrieländern (außer Kanada, der EU, Japan und den Vereinigten Staaten) immer noch bei fast 20%, in 13 Schwellenländern außerhalb der OECD liegt der Wert bei über 40%. Das Verhältnis im Zollniveau der Sektoren Landwirtschaft vs. Industrie liegt für alle genannten Ländergruppen bei 2 bis 2,5. (ebenda, S.10). Darüber hinaus sind in der Industrie Kaskadeneffekte bei der Protektion zu beobachten. Für Niedrigeinkommensländer dürfte gerade das Zollniveau in Schwellenländern nicht unwichtig sein; die Zölle auf landwirtschaftliche Produkte – dem Agrarsektor kommt für die ärmsten EL eine große Bedeutung zu – liegen bei den 13 erwähnten Schwellenländern im Durchschnitt bei nicht weniger als 63%! Schließlich hat die Umwandlung von nicht-tariffären Handelshemmnissen in Zölle im Zuge der Uruguay-Runde bei Agrarprodukten tendenziell zu einer Verschärfung der Protektion geführt (über sogenannte „tariff rate quotas“, vgl. Herrmann u.a. 2000). Bei dem gerade für Schwellenländer wichtigen Sektor der Bekleidungsund Textilindustrie findet die Studie nach wie vor in den OECD-Staaten besonders hohe Zollsätze (ebenda). Es ist nicht einzusehen, warum gerade in den Sektoren Agrarwirtschaft einerseits und Textilien/Bekleidung andererseits nur wenig Liberalisierungsfortschritt in Zukunft erwartet werden kann. Schleppende Verhandlungsergebnisse in der Vergangenheit reichen als Argumente nicht aus. F. Fazit und Formulierung von Arbeitshypothesen Nach meinem Dafürhalten hat Matthias Lutz mit seinem Papier einen sehr interessanten Literaturüberblick zum Thema „Wirtschaftliche Integration, Wachstumstheorien und Konvergenz“ mit hinreichendem Eigenwert vorgelegt. Zur Konvergenzproblematik hat er darüber hinaus eigenes Zahlenwerk beigebracht. Nicht beantwortet hat er m.E. die Frage, was die Globalisierung den ärmsten EL bringt („Chancen und Hindernisse“) und wie sie sich darauf am besten einstellen können. Daher möchte ich zur Anregung der Diskussion selbst die folgenden Arbeitshypothesen vorstellen, die sich möglicherweise aus den Untersuchungen von O’Rourke und Williamson (1999) und einer neuen Rezeption der Kuznets-Kurve ableiten lassen: Arbeitshypothese 1: gegeben der Kuznets-Zusammenhang, kann durch Globalisierung im Zuge der Entwicklung in den ärmsten EL eine größere Ungleichverteilung vermieden werden, da der internationale Kapitalzufluß die Umverteilungszwänge einer höheren Sparquote à la Lewis abmildert. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Korreferat zum Beitrag von Matthias Lutz 85 Arbeitshypothese 2: gegeben der Kuznets-Zusammenhang, kann durch Globalisierung im Zuge der Entwicklung in den ärmsten EL eine größere Ungleichverteilung vermieden werden, da die Integration in den Welthandel tendenziell die Schiefe der Lohnverteilung in diesen EL reduziert. Arbeitshypothese 3: gegeben der Kuznets-Zusammenhang, kann durch Globalisierung im Zuge der Entwicklung in den ärmsten EL eine größere Ungleichverteilung vermieden werden, da durch die stärkere Integration mit einer verstärkten Abwanderung zu rechnen ist und sich damit die EV zwischen Ressourcen-Besitzern und Nichtbesitzern von Ressourcen vergleichmäßigt. Literaturverzeichnis Barro, R. J. (2000): Inequality and Growth in a Panel of Countries, in: Journal of Economic Growth, Vol.5, S.5–30. Barro, R.J./Sala-i-Martin (1995): Economic Growth, McGraw-Hill, Inc., New York. Blümle, G./Sell, F.L. (1997): A Positive Theory of Optimal Personal Income Distribution and Growth, Dresdner Beiträge zur Volkswirtschaftslehre Nr.1/97. Bröcker, J. (1998): Konvergenz in Europa und die Europäische Währungsunion, in: B. Fischer/T. Straubhaar (Hrsg.): Ökonomische Konvergenz in Theorie und Praxis, Nomos, Baden-Baden, S.105–135. Dessus, S./Fukasaku, K./Safadi, R. (1999): Multilateral Tariff Liberalisation and the Developing Countries, OECD-Development-Centre, Policy Brief No.18, Paris. Galor, O. (2000): Income Distribution and the Process of Development, in: European Economic Review, Vol.44, Nos.4–6, S.706–712. Handelsblatt (1999, 2000): verschiedene Ausgaben, Düsseldorf. Hemmer, H.-R. (1988): Wirtschaftsprobleme der Entwicklungsländer, 2. Aufl., Vahlen, München. Herrmann, R./Kramb, M./Mönnich, C. (2000): Tariff Rate Quotas and the Economic Impacts of Agricultural Trade Liberalization in the WTO, Mimeo, Gießen. Krueger, A.O. (1998): Globalization and Preferential Trade Arrangements, Paper presented at the American Economic Association Meetings, Chicago, 2.–6. Januar 1998. Landmann, O./Pflüger, M. (1996): Arbeitsmärkte im Spannungsfeld von Globalisierung und Technologischem Wandel, in: B. Külp (Hrsg.): Arbeitsmarkt und Arbeitslosigkeit, Schriftenreihe des Instituts für Allgemeine Wirtschaftsforschung der Albert-Ludwigs-Universität Freiburgi.Br., Freiburg, S.174–230. Landmann, O./Pflüger, M. (1997): Verteilung und Außenwirtschaft. Verteilungswirkungen der Globalisierung, Beitrag für das 27. Wirtschaftswissenschaftliche Seminar Ottobeuren (14.–17. September 1997), Manuskript, Freiburg i.Br. Lutz, M. (2000a): Globalisation and Convergence, GSGR Newsletter. University of Warwick, May. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Friedrich L. Sell 86 — (2000b): Globalisation, Convergence and the Least Developing Countries, Beitrag für den Ausschuß „Entwicklungsländer“ beim Verein für Socialpolitik, Frankfurt a. M., 30.06.–01.07.2000. O’Rourke, K.H./Williamson, J.G. (1999): Globalization and History. The Evolution of a Nineteenth-Century Atlantic Economy, MIT Press, Cambridge. Peeters, J./Garretsen, H. (2000): Globalisation, Wages and Uemployment: An Economic Geography Perspective, CESIFO Working Paper No.256, München. Pflüger, M. (2000): Trade, Capital Mobility and the German Labour Market, Mimeo, Freiburgi.Br. Rodrik, D. (1998): Why Do More Open Economies Have Bigger Governments?, in: Journal of Political Economy, Vol.106, No.5, S.997–1032. Sell, F.L. (1988): „True Exposure“: The Analysis of Trade Liberalization in a General Equilibrium Framework, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Bd.124, Heft 4/1988, S.635–652. — (1993): Ökonomik der Entwicklungsländer, Lang, Frankfurta.M. — (1998): Wirtschaftliche Konvergenz in der wirtschaftstheoretischen Diskussion, in: B. Fischer/T. Straubhaar (Hrsg.): Ökonomische Konvergenz in Theorie und Praxis, Nomos, Baden-Baden, S.33–48. — (1999): Anforderungen an immobile Produktionsfaktoren vor dem Hintergrund der Globalisierung, in: H. Berg (Hrsg.): Globalisierung der Wirtschaft: Ursachen, Formen, Konsequenzen, Schriften des Vereins für Socialpolitik, Bd.263, Berlin, S.69–102. Siebert, H. (1997): Weltwirtschaft, Lucius & Lucius, Stuttgart. Weltbank, Weltentwicklungsbericht, Washington, D.C., 1995. Wood, A. (1994): North-South Trade, Employment and Inequality, Clarendon Press, Oxford. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Catching-Up mittelfristig kaum möglich: Begründungen für die langanhaltende Wachstumsschwäche in Afrika Von Robert Kappel, Leipzig A. Einleitung In diesem Beitrag wird verdeutlicht, dass die afrikanischen Niedrigeinkommensländer (NEL) noch über längere Zeit unterentwickelt bleiben werden. Es stellt sich die Frage: Warum konnte Afrika bislang kein Wachstum und keine Entwicklung verzeichnen? Der Beitrag behandelt die Niedrigeinkommensländer, d.h. jene mit einem PKE unter $785. Im sub-saharischen Afrika sind dies 37 von 48 Ländern, d.h. die meisten afrikanischen Staaten gehören zu den NEL. Weitere fünf Länder haben ein PKE bis $1000.1 In den NEL ist Armut sehr weit verbreitet. Die Lebenserwartung liegt meist um 50–55 Jahre. Ein wesentliches Kennzeichen der NEL ist zudem die Verbreitung der Informalität, d.h. informelle Tätigkeiten und Überlebensstrategien gehören für die meisten Menschen zum Alltag. Wirtschaftliche Informalität findet ihr Pendant in der politischen Informalität (neo-patrimoniale Systeme, die durch klientelistische Netzwerke geprägt werden). Politische und wirtschaftliche Informalität sind afrikanische Normalität. Viele afrikanische NEL haben immer wieder kurzfristiges Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verzeichnen können, dieses war jedoch wenig nachhaltig. Einen Catching-Up-Prozess haben diese Länder bislang nicht verzeichnen können. Unter Catching-Up wird verstanden, dass Länder mit niedriger Arbeitsproduktivität durch Kapitalimport aus Ländern mit relativ hoher Kapitalausstattung pro Arbeitsplatz und hoher Arbeitsproduktivität ihre Arbeitsproduktivitäten erhöhen und damit höhere Wachstumsraten des BIP realisieren können. Gelingt dies, kommt es zu einem Aufholprozess der armen Länder. Gelingt es nicht, wie für die meisten NEL zu befürchten steht, erfolgt kein Catching-Up. Bislang stecken die meisten NEL in einer Armutsund Informalitätsfalle (vgl. Hemmer 1999, S.21). Der Beitrag befasst sich zunächst mit der wirtschaftlichen Unterentwicklung der afrikanischen Niedrigeinkommensländer (Kapitel B). Im darauf folgenden Kapitel C werden die Maßnahmen der internationalen Gebergemeinschaft geprüft. Dabei zeigt sich, dass die Wirtschaftsreformen zu einem Gleichgewicht auf niedrigem Ni1Die Einordnung erfolgt nach der Weltbank Atlas Methode, vgl. World Bank 1999, S.212f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Robert Kappel 94 Erläuterung: Y/L = Output/Arbeiter, (K/Y)^a = physische Kapitalintensität, H/L = Humankapital/Arbeiter, A = Produktivität Quelle: Hall/Jones 1999 Die niedrige Produktivität, die unbedeutende Kapitalakkumulation und der geringe Output/Arbeiter ist nach Hall/Jones (1999) auf die schwache soziale Infrastruktur zurückzuführen (vgl. auch Temple 1998, S.321ff). Damit sind Institutionen und die Regierung gemeint, die das wirtschaftliche Umfeld beeinflussen, in dem Unternehmen Kapital akkumulieren und die Individuen ihre Kompetenzen erwerben. Zwei Indices werden in das Konzept der sozialen Infrastruktur eingebaut: 1. Index der „Government Antidiversion Policies“ (politische Risiken, Qualität der Bürokratie, Korruption, Gefahr der Enteignung). 2. Offenheitsindex (Niveau der nicht-tarifären Hemmnisse, Höhe der Zölle, black market premium). Nach diesen Kriterien haben Kongo, Burundi und Malawi die schlechtesten Werte der sozialen Infrastruktur. Die Güte der sozialen Infrastruktur beeinflusst nach Hall/Jones sehr stark die Produktivität. Der geringe Output/Arbeiter in den NEL Afrikas (wie in Niger und Burkina Faso) ist auf die mangelnde Ausstattung mit Humankapital, mit physischem Kapital sowie auf niedrige Produktivitäten zurückzuführen. So ist der Output/Arbeiter in den USA 35mal so hoch wie in Niger. Er beruht im Falle Nigers zu einem geringen Anteil auf geringeren Kapitalintensitäten (Unterschied ca. Faktor 1,5), sondern mehr auf Humankapitalbildungsunterschieden (Faktor 3,1) und vor allem auf Differenzen der Produktivitäten (Faktor 7,7). In den Regressionsanalysen wird die Bedeutung des Humankapitals für die wirtschaftlichen Perspektiven Afrikas fast immer mit der Dauer des Schulbesuchs nachgewiesen. Dieser Ansatz wird jedoch vielen Aspekten nicht gerecht. Ein mindestens genau so wichtiger (und ergänzender) Indikator ist die berufliche (In)Kompetenz. Der großen Masse der Beschäftigten im informellen Sektor fehlt häufig eine Ausbildung (Training), es mangelt an Technikund Wartungskompetenz und Effizienz. Hier ist noch ein großer Forschungsbedarf, der deutlich machen könnte, in welchem Maße schulische Bildung und berufliche Kompetenz miteinander in Verbindung stehen (vgl. Adam 1995; King/McGrath 1999, S.211ff). Komoren COM 0.035 0.875 0.453 0.089 Mali MLI 0.035 0.524 0.337 0.196 Angola AGO 0.033 0.493 0.457 0.146 DR Kongo ZAR 0.033 0.499 0.408 0.160 Tanzania TZA 0.032 0.650 0.410 0.119 Uganda UGA 0.032 0.362 0.390 0.224 Burundi BDI 0.030 0.495 0.395 0.152 Malawi MWI 0.030 0.677 0.427 0.102 Burkina Faso BFA 0.029 0.581 0.502 0.101 Niger NER 0.029 0.680 0.325 0.129 Fortsetzung Tabelle 3 Land Y/L (K/Y)^a H/L A OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Wachstumsschwäche in Afrika 95 IV. Infrastruktur und Kommunikation, Transportkosten Die NEL Afrikas sind bislang immer noch stark von allen technologischen Dynamiken abgekoppelt. Die Integration in den Weltmarkt ist aufgrund der fehlenden modernen Kommunikationssysteme und der materiellen Infrastruktur nahezu unmöglich. Die NEL haben einen Nachholbedarf von mehreren Jahrzehnten. Ein Vergleich von Südafrika und den anderen afrikanischen Ländern macht deutlich, wie sehr die NEL zurückbleiben: Um sie auf das Niveau der Telefonversorgung Südafrikas bringen zu können, müssten 50% des afrikanischen BIP in diesem Sektor investiert werden (vgl. World Bank 2000b). Ähnliche Beispiele können für die Entwicklung des Straßenwesens, den Ausbau der Häfen und Flughäfen, der Versorgung mit Elektrizität usw. festgestellt werden. Die nur rudimentär vorhandene Infrastruktur erschwert den Marktzugang, perpetuiert die niedrigen Produktivitäten, schlägt sich in hohen Transaktionsund Transportkosten nieder und reduziert die Wettbewerbsfähigkeit. Die Möglichkeiten zur Diffusion von Technologie und zur Weitervermittlung von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Hebung der Wettbewerbsfähigkeit von dynamischen Unternehmen werden massiv behindert. In vielen Regionen des Kontinents existieren durch diese hohen Kosten geschützte Märkte, die die lokale Nachfrage konkurrenzlos bedienen.5 Nur in einigen Agglomerationen gibt eine von der internationalen und nationalen Konkurrenz begünstigte Wirtschaftsdynamik (wie an der Küste in Westafrika zwischen Abidjan und Douala). Die immer noch relativ geringe Offenheit der NEL wird nicht so sehr am Indikator Außenhandel/BIP, sondern vor allem an der mangelnden Integration aufgrund sehr niedriger Kommunikationsund Transportdichte deutlich.6 V. Externe Schocks Zu den wesentlichen externen Faktoren gehören Terms-of-Trade-Schocks (Deaton 1999; Cashin/Pattillo 2000). Die Öffnung der Märkte und Integration in den Weltmarkt kann Wachstum erhöhen. Nach den Jahren der Import-Substitutions-Industrialisierung verfolgen die meisten Länder inzwischen eine Exportorientierung. Erfolge dieser Öffnung sind bislang nur in wenigen NEL erkennbar. Dies hat vor allem mit der weiterhin einseitigen Exportstruktur und hoher Importabhängigkeit zu 5In zahlreichen Untersuchungen wurde herausgearbeitet, dass die Transportkosten für Binnenländer eine größere Bürde darstellen als Zölle, sieheRadelet/Sachs 1998. Dass Wirtschaftsreformen und Handelsliberalisierung notwendig aber nicht hinreichend sind, zeigt das Beispiel Uganda. Die Beseitigung der tarifären Handelsbarrieren hat die hohen Transportkosten zum Binnenland Uganda nicht reduziert. Eine Senkung dieser Kosten durch schnellere und effizientere Zollabfertigung sowie der Ausbau der Infrastruktur können zur Exportsteigerung und Senkung der Importkosten beitragen, siehe Rudaheranwa (1999). Ähnliche Ergebnisse lassen sich auch für die anderen Binnenländer feststellen. 6Zahlreiche Beispiele für den immensen Rückstand gegenüber allen Weltregionen finden sich bei IMF 1999, S.33f; Gelb 1999, S.16. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Robert Kappel 96 tun. Exportprodukte sind seit den sechziger Jahren nahezu unverändert Agrargüter und Rohstoffe, deren Preise starken Schwankungen unterworfen sind. Von 1970 bis 2000 hat Afrika zudem Anteile am Welthandel verloren. Lediglich bei Rohölexporten ist ein höherer Weltmarktanteil zu verzeichnen. Die Einkommensverluste im Handel summieren sich für die Zeit von 1970–1993 auf jährlich $ 68 Mrd. und die kumulativen TOT-Verluste der afrikanischen Nicht-Ölexportländer betragen für die Zeit von 1970 bis 1997 120% des BIP (vgl. World Bank 2000b, S. 20). TOTSchocks sind in Afrika besonders gravierend. Länder mit zeitweilig sogar sehr positiven Entwicklungen der TOT, wie bspw. einige Ölexportländer (Nigeria, Äquatorialguinea, Angola, Kamerun), haben destabilisierende Entwicklungen zu verzeichnen. Insbesondere sind Inflation, ein Ansteigen der Konsumquote, die ineffiziente Nutzung der gestiegenen staatlichen Einnahmen, Rentenorientierung, die Hoffnung auf weiteres Ansteigen der Einnahmen aus dem Export und damit einseitige Rohstoffregimes und Dutch Disease zu nennen. TOT-Schocks sind mit Einkommensverlusten verbunden. Sie schlagen sich nieder in Einkommensund Konsumrisiken der Bevölkerungen (vgl. Rodrik 2000, S.71ff). Staatliche Abfederungsmaßnahmen gegen diese externen Schocks existieren nur rudimentär. Die nationalen Wirtschaftspolitiken haben während der gesamten Zeitspanne kaum Erfolge bei der Umstrukturierung der Ökonomien und damit geringerer Volatilität vorzuweisen, um Wachstum dauerhaft zu sichern. Die mangelnde Lernfähigkeit der Staatseliten führt zu sich wiederholenden TOTund Einkommensschocks (vgl. Freeman/Lindauer 1999). Die staatlichen Eliten setzen weiterhin auf Renteneinkommen aus dem Außenhandel und wegen des Ausbleibens von ausländischen Direktund Portfolioinvestitionen und Nichtzugang zu Bankkrediten vertrauen sie auf Entwicklungshilfe. Man könnte auch dezidiert sagen, dass die Primärgüterabhängigkeit Afrikas sich in der Schwäche ausländisches Kapital anzuziehen und hoher Entwicklungshilfeabhängigkeit widerspiegelt. C. Wirtschaftspolitische Performanz und Gleichgewicht auf niedrigem Niveau I. Die Wirkungen der Wirtschaftsreformen Strukturanpassungsprogramme (SAP) haben in vielen NEL zu einer gewissen Stabilisierung geführt. Dies zeigen die gesunkenen Inflationsraten (61% der Länder weisen eine Inflationsrate von weniger als 10% auf, vgl. IMF 1999, S.24), die Reduktion der fiskalischen Ungleichgewichte auf weniger als 10% des Budgetdefizit/ BIP, die weitgehende Liberalisierung der Märkte, die Öffnung des Außenhandels und die Aufhebung der Marketing Boards und die Liberalisierung der Wechselkurse, so dass Parallelwechselkurse in den meisten Ländern nicht mehr existieren. Die Verschuldungskrise der NEL ist hingegen nicht bereinigt. Die meisten NEL sind OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Wachstumsschwäche in Afrika 97 HIPC-Länder (highly indebted poor countries). Zahlreiche Faktoren haben zu diesem problematischen Zustand beigetragen: zum einen sind es Terms-of-TradeSchocks und Exportinstabilitäten und zum anderen das unzureichende Management von Krediten und Korruption. Länder, die bereits während der siebziger Jahre hoch verschuldet waren, gehören heute ausnahmslos zu den HIPC-Ländern (wovon die meisten afrikanische NEL sind, vgl. Easterly 1999). II. Die Maßnahmen des Washington Konsensus – Gleichgewicht auf niedrigem Niveau Die o.g. relativen Erfolge sind vor allem auf SAP zurückzuführen. SAP sind notwendig, sie öffnen die bislang vorwiegend geschlossenen Ökonomien, sie tragen zu Zahlungsbilanzgleichgewichten bei, sie reduzieren Budgetgleichgewichte und sie geben Anreize für die Exportorientierung. Sie haben die internen Märkte liberalisiert. Aber trotz der Verbesserung der wirtschaftlichen Performanz ist Afrika in eine Falle des Gleichgewichts auf niedrigem Niveau (GNN) hineingeraten (vgl. Wohlmuth 1999; Mkandawire/Soludo 1999; Bardhan 1998). „Wirtschaftspolitik wurde zu lange von stabilisierungspolitischen Imperativen dominiert, wobei auch die Strukturanpassungsprogramme der neuesten Generation noch auf direkte wachstumspolitische Interventionen verzichten“ (Wohlmuth 1999, S.69f). Die Maßnahmen des „Washington Konsensus“ haben bislang keinen Beitrag zur Erhöhung der Investitionsquote, zur Kapitalakkumulation und Wachstum leisten können, da sie sich vor allem auf die politisch leichter veränderbaren Variablen (wie Wechselkurs, Fiskalund Geldpolitik) konzentriert haben, während sie sich den Aufgaben zur Entwicklung des Humankapitals, der Infrastruktur und der Veränderung der Außenhandelsstruktur kaum gewidmet haben (vgl. Kappel 1999a und 1999c). Ein Produktivitätswachstum ist nicht erkennbar. Industrialisierungserfolge sind kaum zu verzeichnen, und ausländisches Kapital fließt nur in wenige Rohstoffländer. Die Armut wurde nicht reduziert. Solange Afrika durch GNN geprägt ist, kann der Kontinent aus seiner langanhaltenden Unterentwicklung nicht heraustreten. Letztendlich ist Afrika, so lässt sich verkürzt festhalten, in den letzten vierzig Jahren in fünf Hauptfallen hineingeraten (vgl. Gelb 1999): 1. Falle: Das Dilemma von hohem Bevölkerungswachstum, niedriger Sparund Investitionsquote, niedriger Grenzproduktivität und totaler Faktorproduktivität (als Ausdruck für niedriges Produktivitätswachstum). Die Aids-Problematik verstärkt dieses Dilemma noch dadurch, dass gerade die wirtschaftlich aktiven und besser ausgebildeten Menschen betroffen sind. 2. Falle: Eine seit 50 Jahren existierende einseitige Ausrichtung auf Rohstoffund Agrarexporte, die zu strukturellen Verzerrungen und extremen Einkommensungleichheiten führen und die Beschäftigungsprobleme verschärfen. 7 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 282 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Robert Kappel 98 3. Falle: Militärische, politische und soziale Konflikte, Staatszerfall und Armut, die viele Länder Afrikas negativ prägen. 4. Falle: Die Unfähigkeit zu struktureller Transformation vor dem Hintergrund der rapiden Urbanisierung, um die erforderlichen Investitionspotenziale zur Sicherung der urbanen Beschäftigung nutzen zu können und zugleich eine erhebliche Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft zu erreichen. 5. Falle: Schwache institutionelle Kapazitäten, mangelnde Verantwortung und Verlässlichkeit und Dienstleistungsstandards im Staat und weitere Abhängigkeit von Entwicklungshilfe. D. Theoretische Begründungen der Wachstumsschwäche in Afrika Ich behandele zunächst knapp den Rahmen, um anschließend meinen eigenen Ansatz zu präsentieren. I. Rahmen der Unterentwicklung 1. Hysteresis: Ursprüngliche Ausgangsbedingungen und Geografie Afrika hat dieser Auffassung nach vor allem aufgrund der kolonialen Vergangenheit, die zu einer Ausrichtung auf den Export von mineralischen Rohstoffen und Agrargütern führte, sowie der Einsetzung einer Elite, die dem kolonialen Vorbild zu folgen versuchte, eine post-koloniale Bürde auf sich nehmen müssen. Die ‚colonial legacy‘ führte zu dualistischen Strukturen und mangelnder Nachhaltigkeit von Wirtschaftswachstum (vgl. Collier/Gunning 1999a und 1999b). Von Bedeutung sind nach Ansicht von Bloom/Sachs (1998) auch die natürlichen Gegebenheiten. Für sie liegt die Wurzel der afrikanischen Krise in der außergewöhnlich benachteiligten Geografie des Kontinents. 93% der afrikanischen Flächen befinden sich in den Tropen, d.h. die klimatischen Bedingungen (bspw. sehr hohe Regenfälle bzw. fast keine Regenfälle) haben zur Folge, dass die landwirtschaftliche Produktivität niedrig sei. Das Ausmaß der tropischen Krankheiten sei größer, die Transportkosten seien aufgrund der Entfernungen zu den Küsten höher, und die Ausstattung mit Naturressourcen sei ungewöhnlich hoch. Tropische Länder und Binnenstaaten weisen in den letzten Jahren ein wesentlich niedrigeres Wachstum als die anderen Staaten auf (vgl. Sachs/Warner 1997, S. 348). In ihren Schlussfolgerungen plädieren Sachs/Warner dafür, nicht nur die Rolle von makro-ökonomischer Politik und Liberalisierung als wichtige Faktoren der Wachstumsfalle anzusehen, sondern die Verknüpfungen zwischen Geografie, Demographie, Gesundheit und Ökonomie zu berücksichtigen. Allerdings hätten die tropischen Länder und Binnenländer trotz der geographischen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Wachstumsschwäche in Afrika 99 Benachteiligungen ein um 4% höheres Wachstum realisieren können, wenn sie Wirtschaftsreformen durchgeführt und ihre Märkte liberalisiert hätten. Dagegen stehen die Auffassungen von Hall/Jones, die in ihrer Analyse deutlich machen, dass die Wirkungen von klimatischen Bedingungen auf die Produktivität unwesentlich seien. Die Untersuchung von Gundlach/Matus-Velasco (1999) zeigt ebenfalls, dass andere Faktoren eine größere Rolle spielen (bspw. ethnische Fraktionalisierung). Die Argumentation, dass durch eine weitere Liberalisierung der Märkte und damit einer verstärkten Handelsintegration Afrikas und des Zuflusses an Kapital, relativ leicht die geographischen Nachteile überwunden werden können, überzeugt aber nicht. Transportkosten und auch die Faktorausstattung mit Boden und die daraus entstehenden Verzerrungen spielen eine wichtige Rolle. 2. Ethnische Fraktionierung Ein anderes Argument wird häufig als besonders bedeutend angesehen. Die ethnische Fraktionalisierung sei in Afrika besonders tief. Die große Zahl von ethnischen Gruppen – wesentlich höher als in anderen Weltregionen – habe in Afrika zu besonders niedrigen Wachstumsraten geführt (vgl. Easterly/Levine 1997). Die ethnische Fraktionalisierung mache 35% des Wachstumsverlustes aus. Collier/Gunning (1999b, S. 66ff) sehen darin sogar eine bedeutende negative Wirkung. Die Spaltung einer kleinen Elite und ethnische Minoritäten habe zu einer ökonomischen Weichenstellung beigetragen, die die landwirtschaftlichen Exporte besteuert habe, um die Expansion der Industrie zu fördern (vgl. dagegen Englebert 1998). 3. Der afrikanische Staat Der afrikanische Staat ist nach politologischen Auffassungen ein neo-patrimonialer Staat, in dem Rentenaneignung dominiert (vgl. besonders v.d. Walle 1994). Ein Staat im Sinne von Max Webers rationalem Staat existiert nicht (vgl. Goldsmith 1999). Der afrikanische Staat wird von einigen Autoren auch als hybrider Staat bezeichnet, in dem Elemente eines modernen Staates mit traditionalen Herrschaftspraktiken verschmolzen sind. In Afrika herrschen nicht-marktwirtschaftliche Verhältnisse vor, in denen eine weit gefächerte informelle Überlebensökonomie dominiert. Daher verlaufen die Konfliktlinien nicht in erster Linie arbeitsteilig zwischen unterschiedlichen Parteien und Schichten innerhalb einer stratifizierten Gesellschaft sondern segmentär zwischen Ethnien, Regionen und Stadt und Land ab. Afrika wird durch vertikale Netzwerke („economy of affection“) organisiert, in denen auch die Gebergemeinschaft agiert. Aber der afrikanische Staat ist nicht nur aus einer inneren Logik der Rentenorientierung und des Klientelismus sowie durch Kriege in eine Krise geraten ist, son7* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Robert Kappel 100 dern auch durch die Schwächung von staatlichen Institutionen durch den Aufbau paralleler Strukturen in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) und durch die Stärkung der Privatwirtschaft. Ul Haque/Aziz (1999) weisen nach, dass in vielen NEL die öffentlichen Gehälter über einen langen Zeitraum sinken. Es ist eine Lücke zwischen öffentlichem Sektor und der Privatwirtschaft entstanden, die zur Abwanderung von Fachkräften in den Privatsektor oder in Durchführungsorganisationen der Entwicklungszusammenarbeit und Nicht-Regierungsorganisationen (NRO) führte. Es handelt sich um einen Brain-Drain aus dem Staat in die EZ. Durch die EZ ist eine parallele Projektinstitution neben dem Staat entstanden: „This economy fragments capacity, drawing the best-trained people out of government into project implementation units“ (Gelb 1999, S.18). Ein zentraler Unterschied zwischen den erfolgreichen LEM Botswana/Mauritius und den afrikanischen NEL besteht darin, dass staatliche Institutionen in den letzten Jahrzehnten eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der beiden Länder spielten. In beiden Ländern agiert ein Entwicklungsstaat. In einer Studie von Goldsmith (1999) wird deutlich herausgearbeitet, dass eine effektive staatliche Verwaltung notwendig ist, um hohes Wachstum zu garantieren. Dies ist in den meisten NEL nicht der Fall.7 4. Kriege und Konflikte Viele Länder befinden sich in Bürgerkriegen und politischen Konflikten. Politische Instabilität ist weit verbreitet. Demokratisierungsprozesse sind in fast allen NEL ins Stocken geraten (vgl. Collier/Hoeffler 2000; Erdmann 2000). Die vier genannten Aspekte verdeutlichen, dass die afrikanischen Rahmenbedingungen Wachstumsschübe und die Beseitigung von Armut und Unterentwicklung erschweren. II. Theoretische Begründungen der Wachstumsschwäche Afrikas Im Folgenden sollen einige plausible theoretische Begründungen für die Wachstumsschwäche afrikanischer Länder knapp vorgestellt werden (vgl. Wohlmuth 1999). Ich gehe davon aus, dass die langfristige Wachstumsschwäche Afrikas nicht mit einem theoretischen Konzept erklärt werden kann. Die von mir präsentierten Ansätze reflektieren unterschiedliche Realitäten Afrikas. 7Mauritius und Botswana haben im Wachstumsprozess eine wachsende Administration aufgebaut haben (vgl. Goldsmith 1999, S.529). Zentrale Unterschiede zu den NEL sind: die geringere Politisierung der Beamten (relative Autonomie der Bürokratie), die weitaus niedrigere Korruption, relativ unabhängige Institutionen, die Gesetze implementieren und Rechtsstreitereien bescheiden, eine relativ gut ausgebildete Beamtenschaft, die tendenziell auf der Basis von Kompetenz rekrutiert wird (und nicht durch klientelistische Netzwerke), Dezentralisierung der Verwaltung, Einsatz von ausländischen Experten auch in hohen Funktionen und reguläre Bezahlung, vgl. Elbadawi/Schmidt-Hebbel 1998; Freeman/Lindauer 1999. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Wachstumsschwäche in Afrika 101 1. Wachstumstheorie Wachstum ist im Harrod-Domar-Modell Ergebnis von Investitionsquote und (marginaler) Kapitalproduktivität. Wachstum kann durch eine hohe Investitionsquote bei hoher Effektivität des Kapitaleinsatzes beschleunigt werden. Die Investitionsquoten afrikanischer Länder sind meist niedrig. Im Solow-Modell hingegen ist Wachstum das Ergebnis von technischem Fortschritt und Bevölkerungswachstum (vgl. Hoeffler 2000). Stabile Investitionsquoten von mehr als 15% (und damit nicht einmal die Hälfte der Schwellenländer) existieren nur in wenigen Ausnahmeländern. Zudem ist der Einsatz von Kapital zumeist ineffizient, dies ist u.a. auch eine Folge ineffizienter Institutionen (vgl. Aron 1996). Was die Faktorproduktivitäten betrifft, ist ihr Beitrag zum Wachstum des BIP sehr schwach. Nur wenige Länder verfügen über positive totale Faktorproduktivitäten. Die Analysen von Langhammer (1996), der eine Berücksichtigung des Rentensektors bei der Gewichtung der niedrigen Kapitalproduktivität im produktiven Sektor Afrikas vornimmt, zeigen, dass gerade die kapitalarmen Länder mit Kapital wenig sparsam umgehen. Die Kapitalaufwendungen für eine Einheit Output sind in Afrika besonders hoch. 2. Endogene Wachstumstheorie Während die Funktionsweise des neoklassischen Wachstumsmodells durch die Annahme von abnehmenden Grenzerträgen des Kapitals und des exogenen technischen Fortschritts geprägt ist, die dauerhaftes Wachstum verhindern, geht die endogene Wachstumstheorie von technologischen Externalitäten und unvollständigem Wettbewerb aus. Daraus folgt: Bei Investitionen in Sachund Humankapital können intra-industrielle und inter-industrielle Externalitäten auftreten, die zu gesamtwirtschaftlichen Synergieeffekten führen. Bei unvollständigem Wettbewerb gibt es firmeninterne Anreize, immer wieder neue Produktvariationen bzw. -qualitäten einzuführen (vgl. Walz 1999). Investitionen ermöglichen in den verschiedenen Modellen der endogenen Wachstumstheorie wenigstens stabile aber nicht abnehmende Grenzerträge. Wachstum hängt somit von der Komplementarität von Sachund Humankapital ab. Weiterbildung und Ausbildung und F & E-Ausgaben und Innovationen erweitern die Wertschöpfungsbasis. In Afrika ist eine Komplementarität von Humankapitalinvestitionen und von F & E-Aufwendungen in den privatwirtschaftlichen Sektoren nicht gegeben, was insbesondere mit dem nach wie vor hohen Anteil von Staatsunternehmen, aber auch mit einer qualitativ unzureichenden Privatisierungspolitik, mit der weiterhin vielfach feststellbaren Negierung der Förderung des Privatwirtschaftssektors und der totalen Vernachlässigung von Innovationsund Forschungsförderung in Unternehmen und in staatlichen Einrichtungen, zu tun hat. In vielen afrikanischen Ländern wird grenzüberschreitendes technisches Lernen durch Know-how-Transfer oft unmöglich gemacht. Die durch makro-ökonomische Reformen erfolgte größere Öffnung der Ökonomien Afrikas ist allerdings nur unzureichend mit Privatisierung und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Robert Kappel 102 Technologieimport verbunden. Aufgrund sehr niedriger Investitionen von Unternehmen und der wenig ausgeprägten Dynamik von Kleinund Mittelunternehmen, die die Mehrheit der Unternehmen stellen, ist kaum mit steigenden Wachstumsraten zu rechnen. Der Zufluss von ausländischen Direktund Portfolioinvestitionen ist weiterhin sehr niedrig, was auch Ausdruck eines geringen Investitionsschubs und geringer Nutzung international verfügbarer Technologie bedeutet. Die Importe von Investitionsgütern bewegen sich im übrigen weiterhin auf niedrigem Niveau. 3. Unternehmen, Informalität und Wachstum Innovative Unternehmer können in einem innovativen Umfeld Wachstum kreieren. Voraussetzung sind nationale Innovationssysteme, die Wissenschaft, Wirtschaft, Bildungssysteme, Weiterbildung in betrieblichen und überbetrieblichen Einrichtungen und staatliche Forschungsförderung vernetzen. Der Catching-UpProzess in den Schwellenländern ist nach diesem Modell vonstatten gegangen. Hingegen haben fehlende nationale Innovationssysteme in Afrika und das Abdrängen der innovativen Unternehmer auf Felder, die mehr mit Rentenumlenkung zu tun haben, zur Folge gehabt, dass Ressourcen aus den produktiven Sektoren abgezogen werden (vgl. Langhammer 1996). Afrika befindet sich seit der Unabhängigkeit in einem Transformationsprozess, der durch die sehr stark angewachsene Urbanisierung und Zunahme von Informalität gekennzeichnet ist. Der ländliche Raum ist de-agrarisiert, die Produktivität ist niedrig, und die ländlichen Überlebenschancen sind vielfach äußerst gering (vgl. Grawert 1998). Auf dem Land lebt die Mehrheit der armen Bevölkerungen. Häufig ist ihnen der Zugang zu Ressourcen und zu Bildungsund Gesundheitseinrichtungen verwehrt. Hier ist die materielle Infrastruktur in einem desaströsen Zustand, und es gibt meist keine Zunahme an Produktivität und Einkommen. Die bäuerliche Produktionsweise ist in Grundfesten erschüttert. Durch „urban bias“ wurden ihr fast sämtliche Grundlagen entzogen (vgl.Lipton 1977). Und obwohl es eine Bevorzugung der Städte gegeben hat (so befinden sie sich aufgrund der materiellen Infrastruktur, des besseren Zugangs zu sauberem Wasser, zur ärztlichen Versorgung und zu Schulen meist in einer besseren Situation), sind auch die städtischen Bevölkerungen arm. Die meisten Menschen sind in der informellen Ökonomie tätig. Eine Mittelschicht ist nur rudimentär vorhanden. Generell wird eine doppelte Exklusion – Entankerung und Degradation – deutlich (vgl. Vobruba 1997). Es kommt zur Ent-Ankerung aus traditionellen Zusammenhängen (die Reproduktionsfähigkeit afrikanischer ländlicher Systeme ist erodiert) und zur Exklusion des städtischen Reproduktionssystems aus modernen Strukturen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist gezwungen, Mischstrategien zur Überlebenssicherung zu fahren. Die Formen sind vielfältig, sie zeigen aber die Exklusion aus der modernen Wirtschaft an. Familiale Netzwerke, Clans, ethnische Gruppen und religiöse Netzwerke spielen eine wesentliche Rolle bei der Bewältigung der Überlebensprobleme (vgl. Hyden 1983; Chabal/Daloz 1999). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Wachstumsschwäche in Afrika 103 Der informelle Sektor ist zur dominierenden Ökonomie geworden. Schematisch lassen sich drei Bereiche unterscheiden (vgl. grundlegend Hart 1973, Bass 1997; Wuyts 1998): 1. Der moderne Sektor (MS): Er zeichnet sich durch hohe Kapitalintensität aus. Es gibt regulierte Arbeitsverhältnisse und administrierte Preise. Die Regierung spielt eine große Rolle beim Schutz des modernen Sektors und z.T. existiert eine monopolistische Regulierung. Zahlreiche Betriebe im MS sind unproduktiv und die Kapazitätsauslastung ist niedrig. Die SAP haben die Umstrukturierung des MS begünstigt. Viele staatliche Betriebe sind privatisiert worden. 2. Der Überlebenssektor (Subsistenzsektor, ÜS): Er absorbiert die überschüssige Arbeitskraft. Die Produktivität ist sehr niedrig. Kapital wird nicht akkumuliert. Die meisten Menschen versuchen durch Risikostrategien ihr Überleben zu sichern. . Grafik 3: Beziehungen zwischen modernem, informellem und Überlebenssektor 3. Der informelle Sektor (IS): Das Faktorausstattungsverhältnis zeigt die Dominanz arbeitsintensiver und sachkapitalsparender Produktionsverfahren. KMU beschäftigen meistens Familienangehörige bzw. schlecht bezahlte Arbeiter. Der IS differenziert sich u. a. durch die Liberalisierung und Deregulierung der Märkte. Ein kleiner moderner Sektor (ISmodern) beginnt sich im produktiven Bereich und im Dienstleistungssektor herauszubilden. Einige KMU sind innovativ, sie wenden moderne Technologie an, und sie befriedigen die steigende Nachfrage in städtischen Agglomerationen. Aufgrund von Fühlungsvorteilen und kostengünstiger Produktion können sie sich auch gegen ausländische Importe behaupten. Die innovativen KMU decken ein steigendes Marktsegment ab, aber weniger als 5% der KMU sind in der Lage zu wachsen (vgl. Liedholm/Mead 1999; Spring/Dade 1998). Nicht-produktive Betriebe des IS verbleiben als Übergangssektor zum Überlebenssektor. Das Potential für die Ausdehnung des IS speist sich einerseits aus der Nettozuwanderung aus dem ruralen Bereich, andererseits aus dem Bevölkerungswachstum der Städte. Die aus den Schulen entlassenen Schulabgänger finden keine Beschäftigung im MS und sind deshalb auf das Überleben im IS angewiesen. Die Übergänge zwischen IS und ÜS sowie zwischen IS und ISmodern und Zuwanderung vom Land Erläuterung: MS = Moderner Sektor IS = informeller Sektor ÜS = Überlebenssektor IS IS modern MS ÜS OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Robert Kappel 110 Potenziale in den urbanen Agglomerationen entwickelt und eine endogene Wachstumsdynamik in Gang gesetzt werden. 5. Die mangelnde Diversifikation ist ein wesentliches Kennzeichen der NEL, obwohl einige Länder inzwischen auch eine kleine Palette von Fertigwaren produzieren und diese auch exportieren (vgl. Elbadawi 1999). Fertigwarenexporte stammen zumeist aus LME oder aus Ländern mit einer politisch bedingten Importsubstitutionspolitik. Länder mit sehr hohen Wachstumsraten während der letzten dreißig Jahre haben inzwischen ihre Ökonomien diversifiziert. Diese Ausbreitung ökonomischer Aktivitäten geht auch einher mit einem Wachstum des TFP. In den NEL ist dies bislang nicht der Fall, denn hier dominieren weiterhin Agrarund Rohstoffexporte. 6. Der niedrige Beitrag des TFP-Wachstums zum Wirtschaftswachstum korrespondiert auch mit niedrigen Investitionsund Sparquoten. Die internen Sparquoten sind in vielen NEL höher als die nationalen Sparquoten, was bedeutet, dass die Verschuldung hoch ist und die Zinsen und Amortisationszahlungen eine große Rolle spielen. Sehr viele NEL bezahlen einen hohen Anteil der Faktoreinkommen an Kreditoren im Ausland. Folglich können Investitionen nicht aus den nationalen Ersparnissen finanziert werden. Die Performanz der Investitionen wird daher stark von Kapitalimporten bestimmt, wobei diese zum überwiegenden Teil aus Entwicklungshilfe stammen. In vielen NEL haben Staatsunternehmen nachhaltig Verluste gemacht und dadurch Budgetdefizite erzeugt, die wiederum aus internen Ersparnissen finanziert wurden. Diese standen privaten Investoren nicht zur Verfügung. 7. Sehr viele NEL vertrauen auf Entwicklungshilfe, denn ausländische Direkt-, Portfolioinvestitionen und Bankkredite sind die Ausnahme. Nicht-rückzahlbare Kredite fließen vielfach als Renteneinkommen den neo-patrimonialen Eliten zu, werden häufig wenig produktiv eingesetzt und erzeugen parallele Institutionen mit Dutch-Disease-Effekten (vgl. Langhammer 1996; Dollar/Easterly 1999). 8. Die wirtschaftliche Öffnung und makro-ökonomische Stabilisierung hat die Potenziale zu mehr Wachstum freigelegt, aber diese Offenheit ist noch nicht weit genug vorangekommen. Ohne makro-ökonomische Stabilität wird die Kapitalakkumulation gering bleiben, ohne stärkere Integration in den Weltmarkt werden die NEL dem Wettbewerb nicht ausgesetzt und der Technologieund Kapitaltransfer fehlen bzw. sehr niedrig sein. Die nationale Wirtschaftspolitik kann durch gezielte Maßnahmen die strukturellen Benachteiligungen, wie Rohstoffausstattung, hohe Transportkosten, hohes Bevölkerungswachstum, die höhere Krankheitsquote und niedrigere Lebenserwartung durch die Tropen ausgleichen. Afrika kann aus dem GNN und der Armutsfalle heraustreten, wenn durch diese Weichenstellungen die Investitionsquote, vor allem die privaten Investitionen, erhöht wird, und wenn Humankapitalbildung und die materielle und soziale Infrastruktur sich verbessern. 9. Eine wesentliche Determinante Unterentwicklung bleibt die sehr große Einkommensund Vermögensungleichheit, die nach allen Schätzungen in den nächsten Jahren aufgrund von Land-Stadt-Wanderungen weiter zunehmen wird. Dies vergröOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Wachstumsschwäche in Afrika 111 ßert die Gefahr politischer Unruhen und damit die Risiken. Durch die Sicherung von Eigentumsrechten, verlässliche Institutionen, durch den Zugang zu Krediten und größere politische Handlungsspielräume können Ungleichheiten reduziert werden. Afrika ist in eine Armutsfalle geraten. In afrikanischen Gesellschaften dominiert eine klientelistische organisierte Gesellschaftsstruktur, die sich als Hemmschuh für höheres Sparen, Investitionen und Produktivitätssteigerung erweist. Politische und ökonomische Informalität sind weit verbreitet, Rentenorientierung behindert Kapitalakkumulation. In den meisten Ländern Afrikas sind „Alimentationen und Nepotismus ... immer noch wesentliche Einkommensquellen“ (Langhammer 1996, S. 140). Ein wie auch immer gearteter Big Push ist durch mehr Entwicklungshilfe nicht möglich. Politische und ökonomische Konditionalitäten sind notwendig, um die derzeitigen Erstarrungen und Verzerrungen aufzulösen, um auf dieser Basis Transformationen zu ermöglichen. Diese Prozesse sind in Ländern der Gruppe A und B erkennbar. Ein Wachstumsoptimismus ist vor allem in den Ländern der Gruppe C, D und E unangebracht. Literaturverzeichnis Adam, Susanna (1995): Competence utilization and transfer in informal sector production and service trades in Ibadan, Nigeria, LIT-Verlag, Münster. Aghion, Philippe/Caroli, Eve/García-Peñalosa, Cecilia (1999): Inequality and economic growth: The perspective of the new growth theory, in: Journal of Economic Literature, Bd.37, S.1615–1660. Aron, Janine (1996): The institutional foundations of growth, in: Stephen Ellis, ed., Africa now, James Currey, Heinemann, The Hague, London, Portsmouth, N.H., S.93–118. Bardhan, Pranab (1998): The contributions of endogenous growth theory to the analysis of development problems: An assessment, in: Fabrizio Coricelli, Massimo di Matteo und Frank Hahn, ed., New theories in growth and development, MacMillan, Houndmills, Basingstoke, New York, S.97–110. — (2000): Understanding underdevelopment: Challenges for institutional economics from the point of view of poor countries, in: Journal of Institutional and Theoretical Economics, Bd.156, S.216–244. Bass, Hans-Heinrich (1997) Towards a new paradigm of informal sector labour markets, in: African Development Perspectives Yearbook, Bd.5, S.275–288. Bayart, Jean-François/Ellis, Stephen/Hibou, Béatrice (1997): La criminalisation de l’état en Afrique, Editions complexe, Bruxelles. Berthélemy, Jean-Claude/Söderling, Ludvig (1999): The role of capital accumulation, adjustment and structural change for economic take-off: Empirical evidence from growth episodes, CEPII Documents de Travail No.99–07, Paris. Bloom, David E./Sachs, Jeffrey (1998): Geography, demography and economic growth in Africa, in: Brookings Papers on Economic Activity, Nr.2, S.207–273. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
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Catching-Up mittelfristig kaum möglich: Begründungen für die langanhaltende Wachstumsschwäche in Afrika Korreferat zum Beitrag von Robert Kappel Von Rolf J. Langhammer, Kiel A. Einleitung Robert Kappel hat in seiner ‚work in progress‘ einen reichen Fundus an Einzelbeobachtungen über mikround makroökonomische Faktoren, soziound politökonomische Verhaltensweisen sowie naturgegebene Ausgangsbedingungen vorgestellt. Mit seiner Hilfe sollte es daher möglich sein, die Frage zu beantworten, warum Sub-Sahara Afrika über lange Jahre das Wachstumsschlusslicht der Weltwirtschaft gewesen ist und vielleicht bleiben wird. So sehr ich den Fundus schätze, so sehr muss ich mich nach der Lektüre des Papiers fragen, ob die Trennschärfe des Ansatzes von Herrn Kappel hinreichend ist oder ob das Nebeneinander von raumtheoretischen, institutionentheoretischen, aussen-wirtschaftstheoretischen und soziokulturellen Aspekten nicht den Blick auf zentrale Charakterika afrikanischer Ökonomien verstellt. Herr Kappel bietet den Fundus, vielleicht auch deswegen, um ohne Umschweife bereits in seinen einleitenden Thesen zu klaren Aussagen dergestalt zu kommen, dass es keine „Africa dummy“ gibt1 und dass sich aus der Diagnose bereits eine Prognose dergestalt ableiten lässt, dass Afrika weiterhin vom Wachstumszug der Weltwirtschaft abgehängt bleibt. Ich möchte in meinem Korreferat einige der vielen Einflussfaktoren für wirtschaftliches Wachstum in drei Problemkreisen zusammenfassen. Dabei beschränke ich mich auf den diagnostischen Teil und verkürze Prognosen dahingehend, dass die materielle Zukunft des Kontinents südlich der Sahara auf absehbare Zeit nicht in den Händen der Afrikaner selbst liegt, sondern in den Händen der Weltgemeinschaft. Sie hat es über verschiedene Instrumente in der Hand, Verelendungsspiralen in jedweder Richtung zu beeinflussen, sei es durch direkte politische Interventionen, 1Im Text (S.40) wird diese Aussage korrigiert. Die empirische Literatur findet in der Tat signifikante „Africa Dummies“, verhehlt aber nicht, dass es sich um ökonometrische Artefakte handeln kann, die auf nichtbeobachtete Geografieeinflüsse oder nichtbeobachtete mikroökonomische Wirtschaftspolitiken zurückzuführen sind (Collier,Gunning, 1999: 65). Eine „Africa Dummy“ ist in jedem Falle ein Residualfaktor, dessen ökonomische Bedeutung ungeklärt bleibt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Rolf J. Langhammer 118 Waffenembargos, Entwicklungszusammenarbeit oder auch durch einen weitgehenden Verzicht auf Eingriffe von aussen.2 B. „Natürliche“ oder geografisch bestimmte Wachstumshemmnisse I. Marktferne Viele sogenannte natürliche Faktoren sind in Wirklichkeit politisch verursacht und bestimmt. So ist die Häufung der Binnenländer in Afrika, die häufig als approximativer Faktor für Marktferne und große ökonomische Distanz verstanden wird, ein Ergebnis politischer Entscheidungen am Ende der Kolonialperiode, beziehungsweise ein Überbleibsel der Kolonialperiode selbst. Es war nicht zwangsläufig, dass die beiden frankophonen kolonialen Föderationen Französisch-Äquatorial Afrika und Französisch-Westafrika nach der Unabhängigkeit in eine Vielzahl kleinerer Staaten zerfielen. Vielmehr wurden die internen Kolonialverwaltungsstrukturen einschließlich kolonialer Mandatsgebiete wie Togo und Kamerun oder sog. Militärterritorien wie Tschad nahtlos in die Unabhängigkeit überführt. Aus kolonialen Gebietskörperschaften innerhalb der Föderation wurden unabhängige Staaten. Diesen Entscheidungen lagen gemeinsame politökonomische Interessen sowohl lokaler Führer als auch der ehemaligen Kolonialmacht zugrunde. Die Nachteile von Binnenländern, was Marktferne, Infrastrukturkosten und Distanzüberwindung anlangt, lassen sich mit Hilfe von Gravitätsmodellen abbilden, wie es jüngst Limao und Venables (1999) am Beispiel des intraafrikanischen Handels getan haben. Sie stellen fest, dass das Median-Binnenland nur etwa 30 vH des (statistisch erfassten) Handelsvolumens des medianen Küstenlandes aufweist, und dass eine Halbierung der Transportkosten das Handelsvolumen um einen Faktor fünf erhöhen würde. Aus der Existenz derartig hoher sogenannter natürlicher, aber letztlich politisch entschiedener Wettbewerbsbarrieren lassen sich eine Vielzahl von wachstumshemmenden Konsequenzen ableiten über die bekannten negativen Konsequenzen mangelnder Offenheit für Aufholprozesse bis hin zu der empirisch belegten terms-of-trade These, dass afrikanische Länder mit geringen Handelsvolumina und geringerer Offenheit höhere Importpreise zahlen als andere Länder (Yeats, 1990). Hinzu kommt die 2Ich lasse die beiden Länderbeispiele Botswana und Mauritius unkommentiert, und zwar aus zwei Gründen: Erstens, bei Mauritius kann man sich streiten, ob es deshalb als „afrikanisches Land“ bezeichnet werden kann, weil es geographisch näher an Afrika als an Asien liegt. Ethnisch, kulturell und ökonomisch ist es m.E. deutlich stärker von Asien bestimmt. Zweitens, Botswana ist eine Ressourcenrentenökonomie, die weitgehend außerhalb des eigentlichen tropischen Gürtels (tropischer Regenwald, Feuchtsavanne) liegt (also nicht mit dem Problemfeld Lage in den Tropen konfrontiert ist) und dessen wirtschaftliche Einbindung in die Republik Südafrika es eher als eine Teilgebietskörperschaft Südafrikas erscheinen lässt. Diese über die Zollunion mit Südafrika auch institutionell abgesicherte Einbindung erscheint mir nicht typisch für afrikanische Länder zu sein. Typisch sind statt dessen informelle Verflechtungen über Schattenmärkte wie im Beispiel der „Bindungen“ Benins an Nigeria. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Korreferat zum Beitrag von Robert Kappel 119 empirisch belegte These, dass große Überlandentfernungen unter Bedingungen schwacher Staatsautorität Anreize bieten, illegale Wegezölle zu erheben. In keiner Region der Welt findet sich eine derartige Häufung von Binnenländern, die derartige Bedingungen aufweisen, dass man zwar von einer afrikanischen, aber politisch und nicht allein geografisch erklärbaren Besonderheit sprechen kann. II. Tropische Infektionskrankheiten Das zweite häufig zitierte natürliche Charakteristikum ist eine Häufung tropischer Infektionskrankheiten. Hierbei handelt es sich um Krankheiten, zu deren Bekämpfung über viele Jahre nicht oder nur unzureichend investiert wurde, weil es sich um arme-Leute-Krankheiten gehandelt hat, deren Auswirkungen auf die betroffenen Regionen beschränkt blieben. Erst Tourismus und andere Mobilitätsverstärker haben zu negativen ‚spillovers‘ in Richtung Industrieländer geführt und damit auch die Anreize für Investitionen zur Bekämpfung geweckt. Dieses Hemmnis als natürlich zu bezeichnen, ist unter diesen Überlegungen vielleicht zu Beginn dieses Jahrhunderts bzw. nach dem zweiten Weltkrieg angemessen gewesen, aber nicht mehr am Ende des 20. Jahrhunderts. Ebenso wie das Hemmnis Binnenland politischen Entscheidungskalkülen unterliegt, unterliegt das Hemmnis Infektionskrankheiten wirtschaftlichen Entscheidungskalkülen und ist daher auch wieder korrigierbar. Ansätze wie die der amerikanischen Regierung, einen Fonds für die Entwicklung von Präventivverfahren gegen Infektionskrankheiten bereitzustellen, werden auch von den „Spillover“ Gefahren mitbeeinflusst. III. Tropische Landwirtschaft Produktivitätssteigerungen in der tropischen Landwirtschaft stehen Hemmnisse wie die leichte Erschöpfbarkeit von Böden und Bodenerosionen entgegen. Vielfach aber haben auch hier menschliche Entscheidungen wie die jahrelange Diskriminierung des Agrarsektors in den afrikanischen Ländern und die damit einhergehende ineffiziente Nutzung der Böden Produktivitätsverbesserungen verhindert. Mit der politisch motivierten Benachteiligung der Landwirtschaft gegenüber dem Industriesektor war vielfach auch eine Bevorzugung von Plantagenwirtschaft gegenüber Kleinbauern verbunden (z. B. durch Steuerprivilegien, Kreditsubventionen und gezielte Infrastrukturausgaben). Dies förderte exzessive Mechanisierung, eine bodenintensivere Nutzung und den Verfall der Produktivität von Grenzböden (World Bank, 1990). Es ist der These nachzugehen, dass sich technologische Innovationen aus dem Bereich der Agrarforschung im tropischen Bereich (beispielsweise Antworten der Agrarforschung auf die bevölkerungswachstumsbedingte Verkürzung von Brachperioden) deshalb in Afrika nur schwer umsetzen lassen, weil es an stabilen institutionellen Rahmenbedingungen mangelt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Rolf J. Langhammer 126 Sharer, R. (1998): Opening and Liberalization of Markets in Africa. Vortrag gehalten anlässlich des Policy Dialogue „Opening and Liberalization of Markets in Africa – A Response to Globalization?“, DSF/EF, Berlin, 1.–3. Dezember (hektograph. Manuskript). Sorsa, P. (1996): The Burden of Sub-Saharan African Own Commitments in the Uruguay Round: Myth or Reality? in: World Economy, Bd.19 (3), S.287–305. World Bank (1990): World Development Report. Washington, D.C., S.56–73. Yeats, A. (1990): Do African Countries Pay More for Imports? Yes, in: World Bank Economic Review, Bd.4 (1), S.1–20. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Die Bedeutung von Bildung in Niedrigeinkommensländern: Das Beispiel Afrika Von Katharina Michaelowa, Hamburg1 A. Einleitung Während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, besonders während der 60er und 70er Jahre, war Afrika von einem erheblichen Wachstum der Einschulungsraten auf allen Bildungsebenen gekennzeichnet. In Schwarzafrika verdoppelten sich die Bruttobeteiligungsquoten im Primarschulbereich von 40% im Jahre 1960 auf fast 80% im Jahre 1995. Im Sekundarbereich verachtfachten sie sich während desselben Zeitraums von 3,4% auf 27% (Weltbank 1999). Der Bildungsanstieg bei Frauen war dabei noch stärker als bei Männern und führte zu einer Steigerung der Frauenalphabetisierung, die diejenige in vielen anderen Entwicklungsländern in Südasien, dem Mittleren Osten und Nordafrika übertraf (Sender 1999, S.92ff.). Bildung beeinflusst auf verschiedenste Weisen das Leben jedes einzelnen, seine Teilnahme an wirtschaftlichen Aktivitäten und die ökonomische Entwicklung insgesamt. Da eine Person ohne Grundkenntnisse in Schreiben und Rechnen selbst bei der Bewältigung des Alltagslebens erheblich eingeschränkt ist, wurde der Mangel an Grundbildung schon immer als Teil eines jeden multidimensionalen Armutskonzepts betrachtet. Dieses Papier jedoch konzentriert sich auf die ökonomischen Erträge aus Bildung. Alle anderen Effekte werden nur diskutiert, soweit sie mit den ökonomischen Erträgen in Wechselwirkung stehen. Die Humankapitaltheorie und die endogene Wachstumstheorie lassen auf Mikrowie Makroebene erhebliche ökonomische Effekte der Bildung erwarten. Bei der Suche nach einem wirksamen Mittel zur Förderung des wirtschaftlichen Fortschritts in Entwicklungsländern stellt die Analyse der ökonomischen Erträge aus Bildung seit Anfang der 60er Jahre ein intensiv bearbeitetes Forschungsgebiet dar. Dieses Papier versucht, mit besonderem Blick auf den afrikanischen Kontinent einen Überblick über empirische Ergebnisse zu geben und die Grenzen der heutigen Forschung aufzuzeigen. Da die Literatur zu ökonomischen Erträgen aus Bildung überaus reichhaltig ist und eine Vielzahl unterschiedlicher Methoden verwendet werden, deren Ergebnisse nicht immer leicht zu vereinbaren sind, erscheint es sinnvoll, eine struktu1Die Autorin dankt Silvain Côté und Marcello Soto für viele hilfreiche Kommentare. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Katharina Michaelowa 128 rierte Diskussion der verschiedenen Ansätze vorzunehmen. In diesem Zusammenhang wird der Verbindung zwischen Mikround Makroebene besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Da die Niedrigeinkommensländer Afrikas im Mittelpunkt dieses Papiers stehen, wird, soweit möglich, die Relevanz der Argumente für diese Ländergruppe besonders herausgestellt. Abbildung 1 gibt einen Überblick über die erwarteten Effekte im Zusammenhang mit den ökonomischen Erträgen von Bildung. Der Überblick leitet gleichzeitig durch die folgenden Textabschnitte: Auf der zunächst betrachteten Mikroebene steht die Beziehung zwischen Bildung und individuellen Einkommen im Mittelpunkt der Diskussion. Darüber hinaus finden indirekte Effekte und Externalitäten sowie der Einfluss von Bildung auf die Teilnahme am Erwerbsleben Berücksichtigung. Schließlich werden die Konsequenzen der mikroökonomischen für die gesamtwirtschaftlichen Ergebnisse diskutiert und die Schwierigkeiten aufgezeigt, auf aggregierter Ebene zu überzeugenden empirischen Ergebnissen zu gelangen. Abbildung 1: Ökonomische Erträge aus Bildung B. Zusammenhänge auf der Mikroebene I. Direkte private Erträge aus Bildung Der Zusammenhang zwischen Bildung und erhöhten individuellen Einkünften ist in der Literatur gut dokumentiert. Der meistbenutzte Ansatz ist die Mincersche Ertragsfunktion (Mincer 1974). Der natürliche Logarithmus der Löhne (w) lässt sich danach ökonometrisch durch die Zahl der Schuljahre (S), die Berufserfahrung (E) und, je nach Autor, einer Reihe anderer Kontrollvariablen (X) wie folgt erklären (Temple 2000, S.9f.): Mikroebene Makroebene Bildung Höhere Einkünfte (höhere Produktivität) Stärkeres Wachstum Stärkere Beteiligung am Erwerbsleben Erhöhte Erwerbsbevölkerung E xternalitäten und andere indirekte Effekte in Zushg. mit B ildung, Gesundheit und Bevölkerungswachstum: 1 – Höheres erreichtes Schulniveau und bessere schulische Leistungen der Kinder – Bessere Gesundheit und geringere Sterblichkeit der Kinder – Besserer (eigener) Gesundheitszustand – Geringere Geburtenzahl Geringeres Bevölkerungswachstum und besserer Gesundheitszustand der (Erwerbs-) Bevölkerung Erhöhte Einkünfte von Nachbarn OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Bildung in Niedrigeinkommensländern: Das Beispiel Afrika 129 Unter der Annahme, dass die Kosten zusätzlicher Ausbildung durch den entgangenen Lohn abgebildet werden können, erlaubt es die semi-logarithmische Formulierung, den Koeffizienten der Schulvariable als private Ertragsrate der Bildung zu interpretieren. Der Einkommenszuwachs durch ein zusätzliches Ausbildungsjahr (ws – ws-1) geteilt durch die jährlichen Kosten dieser Investition (ws-1) entspricht gerade dem Koeffizienten b1 (Glewwe 1996, S.269): Psacharopoulos (1994) gibt einen Überblick über die Ergebnisse der umfassenden Literatur zu diesem Gebiet, wozu er für über 70 Länder die bis Anfang der 90er Jahre jeweils neueste Studie heranzieht. Während der Nachteil seines Übersichtsartikels darin besteht, dass die Studien der späteren 90er Jahre noch keine Berücksichtigung finden, besteht der Vorteil darin, dass die einbezogenen Studien aus einer noch viel größeren Zahl hunderter von Studien auf der Basis gemeinsamer und daher vergleichbarer methodischer Ansätze ausgewählt wurden. In Hinblick auf Studien, denen die oben beschriebene Mincersche Ertragsfunktion zugrunde liegt, umfasst der Übersichtsartikel 62 Länder. Für verschiedene Zeitpunkte und Länder ergibt sich relativ einheitlich ein positiver Effekt zusätzlicher Bildung auf das individuelle Einkommen. Bei den neun afrikanischen Ländern ergeben sich Ertragsraten zwischen 8 und 20% für jedes zusätzliche Schuljahr (Psacharopoulos 1994, S. 1342f.). Abbildung 2 zeigt die durchschnittliche Ertragsrate für Schwarzafrika im Vergleich mit den Durchschnittswerten anderer Weltregionen. Die gleichzeitige Anordnung der Regionen nach Bildungsertragsrate und durchschnittlicher Verweildauer im Schulsystem weist auf einen negativen Zusammenhang zwischen diesen beiden Variablen hin: Die Ertragsrate ist dann besonders hoch, wenn das Angebot an gut ausgebildeten Arbeitskräften gering ist. Obgleich die Einschulungsquoten in Schwarzafrika in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen sind, weist diese Region nach wie vor den geringsten Schulbesuch auf. Dies könnte erklären, warum die Bildungsertragsrate dort höher ist als in anderen Weltregionen. Neben dem Angebot beeinflusst auch die Nachfrage nach Humankapital die Bildungsertragsrate. Beide Effekte sind empirisch häufig schwer voneinander zu trennen. Um eine eindeutige Schätzung des Angebotseffekts zu erzielen, wählen Mwabu und Schultz (2000) eine besondere Situation, in der das Angebot unabhängig von der Nachfrage variiert. Sie modellieren den Fall Südafrikas während des Apartheidssystems, als die Regierung den Bildungszugang aus politischen Gründen rationierte. Die daraus folgende relative Knappheit an gutausgebildeten schwarzen im Vergleich zu weißen Arbeitskräften spiegelt sich deutlich in den höheren Bildungsertragsraten der schwarzen Bevölkerung nieder. In w() α β 1Sβ2Eβ3E2β4Xε+++ ++= (1) wsws1− − ws1− ws ws1− 1−eαβ 1Sβ2Eβ3E2β4Xε+++ ++ eαβ 1S1−()β 2Eβ3E2β4Xε+++++ 1−eβ11β1 ≅−== = (2) 9 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 282 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Katharina Michaelowa 130 . *Nur nicht-OECD. Quelle: Psacharopoulos (1994, S.1321 und 1331). Abbildung 2: Mincersche Ertragsraten und Jahre des Schulbesuchs Ein anderer Ansatz, um zwischen Angebotsund Nachfrageeffekten zu unterscheiden besteht darin, nach exogenen Faktoren zu suchen, die nur die eine der beiden Seiten beeinflussen. So interpretieren beispielsweise Birdsall, Ross und Sabot (1995, S. 182f.) den Export verarbeiteter Produkte als Indikator für die Nachfrage nach gutausgebildeten Arbeitskräften. Die Beobachtung der Entwicklung von Humankapitalangebot und -nachfrage in vielen afrikanischen Ländern weist darauf hin, dass der Trend beider Größen in den letzten Jahren dazu geführt haben müsste, die hohen von Psacharopoulos dargestellten Bildungsertragsraten zu reduzieren (Hussain,Moyo,Oshikoya 2000, S. 3). In den Jahren nach der Unabhängigkeit bestand zunächst eine starke Nachfrage nach gutausgebildeten Arbeitskräften, um in diesen Ländern eine eigene bürokratische und ökonomische Struktur zu schaffen. Das Angebot an Arbeitskräften mit Sekundarabschluss oder höheren Bildungsabschlüssen war zu dieser Zeit extrem eingeschränkt. Mit steigendem Schulbesuch stieg in den folgenden Jahrzehnten das Angebot an gutausgebildeten Arbeitskräften erheblich, während die Nachfrage des Privatsektors sich bei weitem nicht im selben Maß fortentwickelte. In vielen Ländern wurde die steigende Zahl an Absolventen von Sekundarund Hochschulen jedoch vom öffentlichen Dienst aufgenommen. Gelb, Knight und Sabot (1991, Tabelle 1) zeigen dies anhand eines Vergleichs des Beschäftigungsanstiegs in öffentlichem und privatem Sektor. Zwischen Mitte der 60er und den frühen 80er Jahren entfielen vom gesamten Anstieg der Lohnbeschäftigung in Kenia67%, in Ägypten107%, in Tansania 190% und in Sambia 418% auf den öffentlichen Dienst. Während der 80er Jahre wurde deutlich, dass diese Politik langfristig nicht durchzuhalten war. Finanzengpässe und Anforderungen im Rahmen von Strukturanpassungsprogrammen Ertragsrate (%) Durchschnittliche Jahre des Schulbesuchs 5678 910 11 12 6 7 8 9 10 11 12 13 14 Schwarzafrika (13,4) Lateinamerika (12,4) Europa, Mittlerer Osten, Nordafrika* (8,2) Asien* (9,6) OECD (6,8) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Bildung in Niedrigeinkommensländern: Das Beispiel Afrika 131 führten in vielen Ländern zum Umdenken. In Tansania und Ägypten beispielsweise wurde Absolventen der Sekundarschule nun nicht mehr wie zuvor automatisch ein Posten im öffentlichen Dienst garantiert (siehe z.B. Assaad 1994). Leider gibt es nur für wenige afrikanische Länder ausreichende Daten über die Lohnstruktur für längere Perioden, die eine empirische Analyse der Trends von Bildungsertragsraten ermöglichen würden (Schultz 1999, S.77). Die rasch ansteigende Zahl an verfügbaren Arbeitsmarktund Haushaltsbefragungen verspricht jedoch zukünftig eine interessante Forschungsgrundlage zu bieten. Über die Analyse des Gesamteffekts eines zusätzlichen Jahres an Bildung hinaus ist es möglich, den Effekt bezüglich verschiedener Bildungsniveaus aufzuschlüsseln. Die obige Diskussion geht davon aus, dass der Effekt nicht von den Niveaus abhängt und für jedes zusätzliche Jahr gleich ist. Dies erscheint aber eine recht grobe Vereinfachung zu sein. Es könnten beispielsweise höhere Erträge für das abschließende Jahr eines Bildungsganges existieren (vgl. Belman and Heywood 1991). Noch bedeutendere Unterschiede der Ertragsraten sind hinsichtlich der Grundbildungsabschnitte Primar-, Sekundarund Tertiärbildung zu erwarten. Außer seiner Diskussion von Studien der Mincerschen Ertragsrate für ein zusätzliches Schuljahr fasst Psacharopoulos (1994) die Ergebnisse weiterer 78 Länderstudien zusammen, die bestimmte Bildungsniveaus unterscheiden. Grundsätzlich ist es möglich, selbst im einfachen Mincerschen Rahmen verschiedene Bildungsniveaus zu berücksichtigen. In diesem Fall müssen Dummy-Variablen in Gleichung (1) eingefügt werden, um den Bildungskoeffizienten in Abhängigkeit vom Niveau schwanken zu lassen. Die von Psacharopoulos diskutierten Studien verwenden jedoch einen komplexeren und datenintensiveren Ansatz, der zu detaillierten Alter-Einkommensprofilen in Abhängigkeit vom Bildungsniveau führt („ausgefeilte Methode“). Dieser Ansatz hat den Vorteil, die Kosten eines weiteren Jahres Bildung nicht automatisch mit dem Jahreseinkommen einer Person mit einem Jahr weniger Schulbildung gleichzusetzen. In Niedrigeinkommensländern, in denen Kinder schon die Grundschule abbrechen, führt das niedrige Alter der Schulabgänger dazu, dass das entgangene Einkommen normalerweise noch keinem vollen Erwachsenengehalt entspricht. Um die Ertragsraten auf verschiedenen Bildungsniveaus mit unterschiedlichen Altersgruppen zu vergleichen, ist eine entsprechende Unterscheidung des entgangenen Einkommens besonders wichtig. Die ausgefeilte Methode leitet die Erträge und Kosten der Bildung aus einem direkten Vergleich mit einer Kontrollgruppe von Absolventen eines niedrigeren Bildungsniveaus ab. Die Ertragsrate (r) wird als Diskontierungsrate berechnet, die den Nutzenund Kostenstrom an einem gegebenen Zeitpunkt gleichsetzt (Psacharopoulos und Ng 1994, S.188): Der Einkommensunterschied zwischen einer Person mit einem höheren Bildungsniveau b und einem niedrigeren Bildungsniveau a beträgt wb-wa. Cb sind die wbwa − 1r+() t ts1+= n ∑Cb1r)+( t t1= s ∑ = (3) 9* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Katharina Michaelowa 132 jährlichen Kosten der s Jahre zusätzlicher Ausbildung (direkte Kosten und entgangener Verdienst). Der entgangene Verdienst kann durch wa ausgedrückt, bzw. gestrichen oder durch niedrigere Werte für untere Altersklassen ersetzt werden. Die Ergebnisse für die von Psacharopoulos (1994) abgedeckten afrikanischen Länder (siehe Tabelle 1) beziehen sich nur auf solche Studien, die für Grundschüler unter 8 Jahren keinen entgangenen Verdienst kalkulieren. Tabelle 1 Private Bildungserträge in Abhängigkeit vom Bildungsniveau, Afrika Quelle: Psacharopoulos (1994, Tabelle A1, S.1340f.) Die Tabelle zeigt beträchtliche Unterschiede zwischen den Ergebnissen einzelner Länderstudien. Insgesamt erbringt jedoch die Primarbildung mit Abstand die höchsten privaten Erträge. Mit Ausnahme von Côte d’Ivoire, Lesotho, Malawi und Zimbabwe dominieren sie die Erträge der Sekundarbildung in allen afrikanischen Ländern, für die diese Information verfügbar ist. Die tertiäre Bildung hat in allen Ländern außer Botswana, Côte d’Ivoire, Liberia und Zimbabwe höhere Erträge als die Sekundarbildung. Die generellen Muster bezüglich der Bildungsniveaus ähneln denjenigen anderer Weltgegenden: Die Primarbildung zeigt generell die höchsten Erträge, während Tertiärbildung leicht höhere Erträge als die Sekundarbildung aufweist (Psacharopoulos 1994, Tabelle 1, S.1328). Um diese Ergebnisse korrekt zu bewerten, ist anzumerken, dass ein großer Teil der Ertragsdifferenzen zwischen den Niveaus durch die Unterschiede der Opportunitätskosten der Ausbildung eher als durch Unterschiede in den Lohnveränderungen beeinflusst wird (Pritchett 1997, Fn.5, S.6f.). Land (Referenzjahr) Primarbildung Sekundarbildung Tertiärbildung Äthiopien (1972) 35,0 22,8 27,4 Botswana (1983) 99,0 76,0 38,0 Côte d’Ivoire (1984) 25,7 30,7 25,1 Ghana (1967) 24,5 17,0 37,0 Kenia (1980) 16,0 Lesotho (1980) 15,5 26,7 36,5 Liberia (1983) 99,0 30,5 17,0 Malawi (1982) 15,7 16,8 46,6 Nigeria (1966) 30,0 14,0 34,0 Sambia (1983) 19,2 Senegal (1985) 33,7 21,3 Somalia (1983) 59,9 13,0 33,2 Sudan (1974) 13,0 15,0 Tunesien (1980) 13,0 27,0 Zimbabwe (1987) 16,6 48,5 5,1 Länderdurchschnitt 41,3 26,6 27,8 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Bildung in Niedrigeinkommensländern: Das Beispiel Afrika 133 Außer der Betrachtung der Bildungsertragsraten der gesamten Bevölkerung ist der Vergleich verschiedener Untergruppen möglich. Dabei ist besonders der Vergleich zwischen Männern und Frauen interessant. Psacharopoulos (1994, S. 1329, Tabelle 8) kommt zum Ergebnis, dass in seiner Länderauswahl die Bildungsertragsrate der Frauen etwas höher ist als diejenige der Männer. Letztere beträgt 11,3%, erstere liegt 1,3 Prozentpunkte höher. Schultz’ (1996) Schätzungen für Ghana und Côte d’Ivoire zeigen ebenfalls überwiegend keinen erheblichen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Eine andere interessante Unterscheidung kann nach Beschäftigungssektoren vorgenommen werden, insbesondere zwischen Landwirtschaft und allen anderen Sektoren. Eine frühe Literaturstudie von Jamison und Lau (1982) kommt zum Ergebnis, dass bei konstanten Inputs die landwirtschaftlichen Erträge pro zusätzlichem Schuljahr nur um 2% zunehmen. Auch neuere Studien über Landwirtschaft in Afrika kommen nur zu sehr geringen Schätzungen (vgl. Gurgand 1997). Allerdings könnte der technische Fortschritt die Bildungserträge in der Landwirtschaft aufgrund der Komplementarität von Humanund physischem Kapital erhöhen. Dies könnte die besonders niedrigen Bildungsertragsraten für schwarzafrikanische Bauern erklären (Pritchett 1997, Fn.51, S.49). Außerdem unterschätzen möglicherweise die von Jamison und Lau gesammelten Schätzungen aufgrund der Annahme konstanter Inputs den Einfluss der Bildung. Bildung erhöht die Fähigkeit, qualifizierte Entscheidungen über neue Inputs sowohl bezüglich Maschinen als auch Düngemitteln zu treffen. Die Bildung könnte also gerade über die Veränderungen der Inputs zu höheren Erträgen führen. Dieser Effekt bleibt bei den Regressionsergebnissen unberücksichtigt. Schließlich spielt neben der Menge auch die Qualität der Bildung eine bedeutende Rolle. Selbst wenn Schüler dieselbe Zeit in der Schule verbringen, kann die Qualität der Bildungsergebnisse stark variieren. Lernbedingungen in vielen afrikanischen Ländern sind so schlecht, dass Schüler nach mehreren Jahren die Schule verlassen, ohne dauerhafte, grundlegende Leseund Rechenkenntnisse erlangt zu haben. Am Beispiel Ghana zeigt Glewwe (1996, S.277), dass die in der Schule erworbenen Leseund Rechenfähigkeiten positiv mit den späteren Löhnen korreliert sind. Die Berücksichtigung dieser Variablen verringert den Koeffizienten der Bildungsmengenvariable, der jedoch positiv und signifikant bleibt. Insgesamt gesehen sind die grundlegenden Ergebnisse der Analyse privater Bildungsertragsraten trotz einiger offener Fragen eindeutig: die privaten Bildungsertragsraten sind beträchtlich. Dies gilt für Schwarzafrika noch stärker als für andere Regionen. Bezüglich verschiedener Bildungsniveaus erscheinen die Ertragsraten der Primarbildung am höchsten, da die entgangenen Verdienste für jüngere Kinder niedriger sind als für ältere. Die Ertragsraten sind für afrikanische Frauen mindestens so hoch wie für Männer. Im nichtlandwirtschaftlichen Sektor scheinen die privaten Bildungsertragsraten höher zu sein als in der Landwirtschaft. In den letzten Jahrzehnten haben sich diese Ergebnisse nicht signifikant verändert, obwohl neuere Studien ausgereiftere ökonometrische Methoden einsetzen, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Katharina Michaelowa 134 um Verzerrungen aufgrund problematischer Stichprobenauswahl auszuschließen (z. B. Heckmann-Verfahren, Heckmann 1979) und um die Wechselwirkung zwischen Bildung und anderen erklärenden Variablen zu berücksichtigen (Instrumentvariablenschätzer). II. Externalitäten und andere indirekte Effekte Außer dem direkten Effekt der Bildung auf das Einkommen ist ein Einfluss auf andere Variablen zu beobachten, die wiederum einen Einfluss auf das Einkommen haben, sei es für die gebildete Person selbst oder für andere Personen in ihrer Umgebung. Leider gibt es kein allgemein anerkanntes Maß für diese Effekte, das mit der Bildungsertragsrate vergleichbar wäre. Die sogenannte „soziale Ertragsrate“ zählt nur die öffentlichen Bildungsausgaben zu den privaten Kosten hinzu, die zur Berechnung der privaten Ertragsrate herangezogen werden. Die soziale Ertragsrate bezieht also die individuellen Erträge auf die Gesamtkosten der Bildung. Die Einbeziehung der öffentlichen Kosten verringert die Ertragsrate. Da außerdem die öffentlichen Bildungsausgaben pro Schüler auf den höheren Bildungsniveaus stark ansteigen, weisen die sozialen Ertragsraten einen wesentlich stärkeren Vorteil der Primarbildung im Vergleich zu Sekundarund Tertiärbildung aus. Soziale Ertragsraten werden verwendet, um einen Eindruck über die Effizienz der Bildungsausgaben zu erhalten. Jedoch wird die gesellschaftliche Dimension nur auf der Kostenund nicht auf der Nutzenseite berücksichtigt. Positive Externalitäten werden also ausgeklammert (vgl. Timmermann und Graff 1995, S.345). Obwohl es somit kein allgemein anerkanntes Maß analog zur oben diskutierten privaten Ertragsrate gibt, lassen sich spezifische Externalitäten und indirekte Effekte klar belegen. Diese indirekten Effekte sind insbesondere innerhalb von Familien nachgewiesen worden, wo die Bildung der Eltern, insbesondere der Mütter, die Gesundheit und Bildung der Kinder signifikant positiv beeinflusst. Nach Cochrane, Leslie und O’Hara (1980) sowie Schultz (1981) führt ein zusätzliches Jahr Schulbildung für Mütter in Niedrigeinkommensländern zu einer 5–10%igen Verringerung der Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder im Alter von weniger als 5 Jahren sterben. Diese Zahlen stimmen mit den neueren Ergebnissen der Demographic and Health Surveys (DHS) für Schwarzafrika überein (siehe Pritchett 1997, S.42). Andere Studien, die einen positiven Effekt der Bildung der Mütter auf ihre Kinder zeigen, sind Glewwe (1999), Schultz (1993), Hobcraft (1993), sowie Thomas,Strauss und Henriques (1991). Außer der Wirkung auf die Gesundheit der Kinder finden viele Autoren auch eine Wirkung auf die Kinderzahl (vgl. Wolfe und Behrman 1984, Schultz 1989, Behrman 1990). Es gibt also zahlreiche Hinweise darauf, dass Bildung zu besseren Entscheidungen bezüglich Gesundheit und Hygiene führt und die Kinderzahl verringert. Ebenso wie Bildung ist Gesundheit ein wichtiger Bestandteil des Humankapitals eines Individuums. Eine gesunde und gut ernährte Person wird bei der Arbeit proOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Bildung in Niedrigeinkommensländern: Das Beispiel Afrika 135 duktiver sein und weniger Fehlzeiten aufweisen. Es ist demnach nicht überraschend, dass auch diese Faktoren das Einkommen beeinflussen. In seiner ökonometrischen Analyse der Humankapitalerträge in Côte d’Ivoire und Ghana unterscheidet Schultz (1996) die folgenden Formen von Humankapital: Bildungsdauer, Körpergröße im Erwachsenenalter und den Quotienten aus Gewicht und Größe zum Quadrat (Body Mass Index). Mit den Größenund Gewichtsindikatoren misst er die Auswirkungen der Ernährung im Kindesalter sowie die Gesundheit und den Ernährungsstatus im Erwachsenenalter. Alle Variablen, die letzteren stärker als die ersteren, sind bei Männern und Frauen positiv signifikant mit den Einkommen korreliert. Strauss und Thomas (1998) nehmen einen weitreichenden Literaturüberblick bezüglich der Auswirkungen von Gesundheit und Ernährung auf Produktivität und Einkommen vor. Sie betonen, dass diese bei sehr schlechter Gesundheit und starker Unterernährung am größten sind. Außerdem bedarf die Arbeit in Entwicklungsländern häufig hoher Kraft und Ausdauer, was die Bedeutung der Gesundheit noch unterstreicht (Strauss und Thomas 1998, S.767 und 813). Genau wie Gesundheit und Ernährung die Arbeitsproduktivität beeinflussen, beeinflussen sie auch die Produktivität der Schüler. Am Beispiel von fünf Ländern Schwarzafrikas zeigt Michaelowa (2000, S. 24f.), dass Unterernährung der Kinder einen negativen Einfluss auf ihre Schulleistungen hat. Andere Autoren kommen für andere Weltgegenden zum selben Ergebnis (vgl. Harbinson und Hanushek 1992 für Brasilien, Jamison 1986 für China, Mook und Leslie 1986 für Nepal, und Martorell und Habicht 1986). Unterdurchschnittliche Leistungen führen wiederum zu früherem Schulabbruch und niedrigerem Bildungserfolg. Ein Vergleich der Daten aus DHS über Unterernährung jüngerer Kinder (Morrisson,Guilmeau und Linskens 2000, Tabelle 4, S. 18) mit der Ernährungslage von Schülern der 5. Klasse zeigt, dass afrikanische Länder sehr unterschiedliche Erfolgsquoten bei dem Versuch aufweisen, diese Kinder in der Schule zu behalten (Michaelowa 2000, S.38f.). Madagaskar ist ein besonders problematischer Fall mit einer sehr hohen Schulabbruchsquote in dieser Gruppe. Die Verknüpfung von Gesundheit und Bildung wird also in der Literatur klar nachgewiesen. Bildung der Eltern, besonders der Mütter, führt zu einer besseren Gesundheit und Ernährung ihrer Kinder, beeinflusst also deren Bildungserfolg und vergrößert somit die Chance der Folgegeneration, höhere Arbeitseinkommen zu erzielen. Ebenso wie es positive Externalitäten der Bildung der Eltern auf die Gesundheit ihrer Kinder gibt, gibt es auch positive Externalitäten auf die Bildung der Kinder. Die Literatur, die diesen Effekt zeigt, ist zahlreich, da die Bildung der Eltern eine relevante Kontrollvariable für alle Regressionen des Bildungsstands und -erfolgs in Entwicklungsund Industrieländern ist. Einige Beispiele für Afrika sind Glewwe und Jacoby (1994) für Ghana, Tansel (1997) für Ghana und Côte d’Ivoire, und Michaelowa (2000) für Burkina Faso, Kamerun, Côte d’Ivoire, Madagaskar und Senegal. Die Koeffizientenschätzungen in letztgenannter Studie zeigen, dass ceteris paribus die Testleistungen von Fünftklässlern in Mathematik und Französisch um 4,5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Katharina Michaelowa 142 Es gibt weitere Gründe, warum Humankapital nicht in produktive Aktivitäten investiert wird: In Afrika haben Kriege und Bürgerkriege mehr als auf irgendeinem anderen Kontinent die produktive Nutzung des Humankapitals behindert. Mikroökonomische Studien der Bildungserträge werden in Kriegsgebieten nicht durchgeführt, da die entsprechenden Daten fehlen. Dies könnte zu einer positiven Verzerrung der ausgewiesenen Bildungserträge für die gesamte Region führen. Wenn diese Aspekte berücksichtigt werden, wird ein niedriger, insignifikanter oder gar negativer Koeffizient der Bildung in einer Wachstumsregression für den afrikanischen Kontinent weniger erstaunlich, selbst wenn die privaten Erträge besonders hoch sind. Die obigen Argumente sprechen dafür, dass das Vorzeichen des Koeffizienten von einer angemessenen Kombination der Humankapitalvariable mit Politikvariablen wie Korruptionsindizes, Beschäftigungspolitik des öffentlichen Sektors und Dummies für Kriege abhängt. Während Politikvariablen häufig in Wachstumsregressionen als getrennte erklärende Variablen eingeführt wurden (z.B. Collier 1999), werden sie bisher üblicherweise nicht mit der Humankapitalvariablen verknüpft, wie die obige Diskussion nahe legen würde. Ein weiteres Problem bei der Verknüpfung auf der Mikroebene gemessener privater Erträge mit dem makrökonomischen Wachstum könnte eine Stichproben-Verzerrung bei mikroökonomischen Einkommensstudien sein (sofern sie nicht durch ökonometrische Methoden korrigiert wird). Während dieser Effekt für Industrieländer irrelevant ist, ist er für Niedrigeinkommensländer sehr wichtig, weil dort zumeist nur ein kleiner Teil der Bevölkerung erwerbstätig ist und Geldlöhne erhält. Beispielsweise erhalten in Ghana nur 7% der Frauen und 26% der Männer Stundenlöhne, und in Côte d’Ivoire betragen die Anteile4% und 19% (Schultz 1999, S.78). Da die Beteiligung am Arbeitsmarkt vom Bildungsniveau abhängt (siehe Tabelle 2 in Abschnitt B.II.), unterschätzen Studien, die die Analyse auf Lohnarbeit beschränken, den Einfluss der Bildung. Die Einbeziehung von Selbstständigen und der ökonomisch nicht aktiven Bevölkerung ist jedoch ähnlich problematisch, da man dann Nichtlohnund sogar nichtmonetäre Einkünfte bestimmen muss und da außerdem die unterschiedlichen Einkommensgruppen schlecht vergleichbar sind. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass trotz beträchtlicher Übereinstimmung hinsichtlich der positiven privaten Bildungserträge Unklarheit hinsichtlich der Interpretation von Produktivitätsgewinnen für die Gesamtwirtschaft herrscht. Einerseits beinhaltet der Bildungskoeffizient in der privaten Lohngleichung viel mehr als reine Produktivitätseffekte. Andererseits werden nicht alle relevanten Produktivitätseffekte von diesem Koeffizienten erfasst. Wenn man ihn als Produktivitätsindikator interpretiert, kann er also sowohl überals auch unterschätzt werden. Außerdem ist nicht immer klar, in welchem Maß nationale Berechnungen auf einer repräsentativen Stichprobe beruhen oder Verzerrungen angemessen korrigiert worden sind. Obwohl diese Probleme für alle Weltgegenden relevant sind, scheinen sie in Entwicklungsländern ein noch größeres Ausmaß anzunehmen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Bildung in Niedrigeinkommensländern: Das Beispiel Afrika 143 2. Messung und Interpretation der Humankapitalvariable in Wachstumsgleichungen Die empirische Analyse endogenen Wachstums basiert auf unterschiedlichen Modellspezifikationen. Die häufigste Spezifikation nach Romer (1990) geht davon aus, dass die Anfangsausstattung mit Humankapital das Wachstum durch die Entwicklung von Ideen und Erfindungen positiv beeinflusst. Pritchett (1997, S. 35f.) gibt zu bedenken, dass die auf der Mikroebene ermittelten positiven Koeffizienten der privaten Lohngleichung nicht durch Modelle erklärt werden können, bei denen die positive Wirkung der Bildung auf Makroebene auf Spillover-Effekte begrenzt ist. Außerdem stellt er fest, dass aus rein ökonometrischen Gründen die Regression von Wachstumsraten auf Niveaus zu dem Problem nicht-stationärer Residuen führt. Er nimmt daher eine Regression von Wachstumsraten auf Veränderungen im Bildungsstand vor. Allerdings führt dies zu insignifikanten oder gar negativen Ergebnissen, während frühere Studien, die Wachstumsraten durch Bildungsniveaus erklären, häufiger die erwarteten signifikanten und positiven Effekte aufweisen. Generell haben empirische Analysen erfolgreicher einen positiven Zusammenhang zwischen Wachstum und dem Ausgangsniveau an Bildung als zwischen Wachstum und Veränderungen im Bildungsniveau herstellen können (Temple 2000, S.24). Temple (1999) meint, dass die nicht nachvollziehbaren Ergebnisse von Pritchett und anderen durch Ausreißer zu erklären sind. Nach Beseitigung einiger solcher Ausreißer wird der erwartete positive Zusammenhang ausgewiesen. De la Fuente und Doménech (2000) finden eine andere Erklärung, die aber mit der ersten zusammenhängen könnte. Sie erklären das Problem der Regressionsergebnisse durch periodenspezifische Schocks aufgrund nicht gemessener Variablen und mit Messfehlern bei Bildungsvariablen. Die grafische Darstellung der Zeitreihe der Anteile der Bevölkerung mit Primar-, Sekundarund Tertiärbildung anhand der Daten von Barro und Lee (1996) für jedes von 21 OECD-Ländern zeigt unerklärliche, scharfe Sprünge. Bei einem Vergleich der Bildungsdaten unterschiedlicher Quellen stellen De la Fuente und Doménech fest, dass neuere OECD-Daten Sekundarbildungsquoten ausweisen, die in 6 von 20 Ländern mehr als doppelt so hoch sind wie die von Barro und Lee genannten Werte. Dies liegt vor allem daran, dass Barro und Lee Lehrzeiten und andere berufliche Bildung nicht berücksichtigt haben. Deutschland ist ein Extremfall, da der Anteil der beruflichen Bildung an der Sekundarbildung sehr hoch ist. Nach Barro und Lee hatten 1990 nur 32,4% der westdeutschen Bevölkerung mindestens einen Sekundarschulabschluss erreicht (22% Sekundarstufe + 10,4% Tertiärstufe, vgl. De la Fuente und Doménech, Tabelle 2, S. 9). Diese Zahl entspricht in etwa der für 1997 von der OECD (2000b, Tabelle 6, S.153) ausgewiesenen Zahl für die jüngeren Altersgruppen in Indien! De la Fuente und Doménech (2000, S. 5ff.) vergleichen auch die beiden gängigsten Datensätze für die Anzahl der Schuljahre von Barro und Lee (1996) sowie Nehru,Swanson und Dubey (1995). Sie zeigen, dass der Korrelationskoeffizient für OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Katharina Michaelowa 144 die gesamte Ländergruppe zwar zufriedenstellend erscheint (0,81), aber für die wesentlich homogenere Gruppe der OECD-Länder stark abfällt. Dies gilt insbesondere für die Primarund Sekundarstufe, bei denen der Korrelationskoeffizient nur 0,362 und 0,397 beträgt. Man kann davon ausgehen, dass die Korrelation für eine homogene Gruppe von Niedrigeinkommensländern in Schwarzafrika mindestens genau so niedrig ist. Generell sind Datenprobleme und Messfehler in Entwicklungsländern besonders gravierend. Es ist daher zu erwarten, dass die von De la Fuente und Doménech dargestellten Probleme erheblich zunehmen, wenn es um Entwicklungsländer geht. In der Tat sorgt eine genauere Betrachtung der auf Afrika bezogenen Daten von Barro und Lee (1996) für einige Überraschung. Von 25 afrikanischen Ländern mit vollständigen Zeitreihen, weisen zehn im Zeitraum von 1960–1990 mindestens eine Fünfjahresperiode aus, in der die Bildungsabschlussquoten hinsichtlich eines mindestens primaren Bildungsabschlusses abnahmen. Dies ist vor dem Hintergrund der starken Zunahme der Bildungsbeteiligung in den letzten Jahrzehnten und bis in die frühen 80er Jahre erstaunlich. Außerdem weisen die Zeitreihen erhebliche Sprünge auf. In den vier Ländern Kenia, Senegal, Südafrika und Swaziland soll der Anteil der über 15-jährigen Bevölkerung mit mindestens Primarschulabschluss in einer einzigen Fünfjahresperiode um mehr als 15 Prozentpunkte gestiegen sein.2 Es ist jedoch schwierig, die verfügbaren Zeitreihen für afrikanische Länder zu interpretieren, da eine Reihe von ihnen in der Tat starke Veränderungen der Bildungspolitik erfuhren, so dass auch dramatische Veränderungen der Abschlussquote in einem Fünfjahreszeitraum nicht völlig ausgeschlossen werden können. Um jeden einzelnen Fall zu würdigen, ist Hintergrundwissen über die Entwicklung der nationalen Bildungspolitiken nötig, sowie über Kontextvariablen wie (Bürger-)Kriege, die die Größe der Erwachsenenbevölkerung (Nenner) stark beeinflussen können. Abbildung 4 zeigt als Beispiel den Fall Tansanias, eines Landes, dessen Bildungspolitik überdurchschnittlich gut dokumentiert ist (vgl. z.B. Lambert und Sahn 2000). Einige der abgebildeten Werte erscheinen ausgesprochen unwahrscheinlich. Zwischen 1960 und 1990 sollen die Abschlussquoten erheblich gefallen sein. Sie beginnen auf einem sehr hohen Niveau, das das aller anderen afrikanischen Länder übersteigt und demjenigen einiger europäischer Länder gleichkommt. Diese anfänglichen Daten aus den 60er Jahren scheinen erheblich überschätzt zu sein. Laut UNESCO stieg für die Bevölkerung als ganzes die Bildungsbeteiligung in den 50er Jahren signifikant an, was sich in steigenden Bildungsabschlussquoten der 60er Jahre widerspiegeln sollte. Danach flachte der positive Trend ab, aber begann erneut und wesentlich stärker in den 70er Jahren (vgl. UNESCO 1960, Central Statistical Bureau, verschiedene Ausgaben). Bis in die späten 70er Jahre weitete Tansania sei2Der erste Barro-Lee Datensatz von 1993 enthält eine beachtliche Anzahl noch extremerer Fälle, wie z. B. der Anstieg der Abschlussquote (mindestens Primarstufe) in Botswana um 30 Prozentpunkte von 45,4% auf 75,6% zwischen 1980 und 1985. Diese Daten wurden im 1996er-Datensatz korrigiert. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Bildung in Niedrigeinkommensländern: Das Beispiel Afrika 145 ne Bildungsbeteiligung drastisch aus, da es das Ziel einer universellen Primarbildung verfolgte. Laut den Weltentwicklungsindikatoren (World Bank 1999), stieg die Bruttobildungsbeteiligung in der Primarstufe von 34% in 1970 auf 53% in 1975, Quelle: Barro und Lee (1996) Abbildung 4: Barro-Lee Abschlussquoten für Tansania (Bevölkerung über 15 Jahre) und erreichte 1977 den Spitzenwert von 99%. Während der Finanzkrise, insbesondere zwischen 1981 und 1988, ging die Bildungsbeteiligung auf 69% zurück. Wenn man eine Verzögerung von fünf bis zehn Jahren annimmt, bis sich die Bildungsbeteiligung in den Bildungsabschlussquoten der erwachsenen Bevölkerung (ab 15 Jahren) niederschlägt, erscheint die Entwicklung der Abschlussraten seit 1980 in Abbildung 4 plausibel. Dennoch hinterlässt diese Analyse insgesamt starke Zweifel an der Qualität der verfügbaren Daten über erreichte Bildungsstufen und Bildungsbeteiligung. Außer Messfehlern besteht noch das statistische Problem der Erstellung relevanter Indikatoren. In der neueren Literatur besteht ein weitgehender Konsens, dass Bildungsbeteiligungsraten nur sehr grobe Indikatoren für den Bestand an Humankapital sein können. Sie stellen weder den Bestand dar, noch können sie seine Veränderung erfassen, wenn schnelle bildungspolitische und demographische Entwicklungen auftreten, wie dies derzeit in vielen Entwicklungsländern der Fall ist (Barro und Lee 1993, S.366, Hanushek und Kimko 2000, S.1184). Daher konzentrieren sich neuere Studien auf Bildungsabschlussdaten und Daten zur durchschnittlichen Verweildauer im Schulsystem (nach unterschiedlichen Bildungsstufen). Allerdings sind Ländervergleiche auf der Basis derartiger Indikatoren mehrdeutig, solange keine Zusatzinformation über die Art des Schulsystems und seine zeitliche Struktur vorhanden sind. Die offizielle Dauer der Primarstufe variiert beispielsweise zwischen 4 und 10 Jahren (UNESCO 1998, Tabelle 3.1, S. 3–7ff.). In Afrika liegt die Primarschulzeit in Angola und Sao Tome und Prinzipe am niedrigsten (4 Jahre) und in Libyen am höchsten (9 Jahre). Daher ist die Abschlussquote je 40 45 50 55 60 65 70 75 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 10 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 282 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Katharina Michaelowa 146 nach Land völlig unterschiedlich zu interpretieren. Außerdem unterscheidet sich auch die jährliche Stundenzahl erheblich. Unter den in OECD (2000b, Tabelle 36, S.169) erfassten 13 Nicht-OECD-Ländern variieren die jährlichen Unterrichtsstunden für einen 9-jährigen Schüler zwischen 455 in Uruguay und 1067 auf den Philippinen. Außerdem geht es wie auf der Mikroebene nicht ausschließlich um die Menge an Bildung. Die Frage der Bildungsqualität erscheint auf Makroebene sogar noch wichtiger. Während eine Person höheren Lohn verdient, weil eine längere Bildungszeit dem Arbeitgeber höhere Kompetenz signalisiert, bringen auf der Makroebene zusätzliche Unterrichtsjahre nichts, wenn in ihnen keine Kompetenz erworben wurde. Hanushek und Kimko (1995) betonen die entscheidende Rolle der Bildungsqualität für Wachstumsregressionen und konstruieren einen neuen Datensatz auf der Basis der von der Internationalen Vereinigung zur Bewertung von Bildungsleistungen (IEA) und dem „International Assessment of Educational Progress“ (IAEP) gemessenen Schülerleistungen in Mathematik und Naturwissenschaften. Sowohl in der urspünglichen Analyse als auch dem erweiterten Robustheitstest (Hanushek und Kimko 2000) ist der Bildungsqualitätskoeffizient gleichmäßig hoch, positiv und robust bezüglich der Einführung weiterer Variablen. Seine Einführung in die Regression verringert den positiven Wert der Bildungsmenge erheblich (Hanushek und Kimko 2000, S.1190). Leider ist die Zahl der Niedrigeinkommensländer im Datensatz sehr gering und Afrika ist allein durch Mosambik und Swaziland vertreten. Ein weiteres Problem des Qualitätsdatensatzes ist, dass er nur bei Modellen eingesetzt werden kann, die mit dem Niveau des Humankapitals operieren. Es gibt nur eine Beobachtung pro Land, so dass Spezifikationen in ersten Differenzen oder Panelverfahren unmöglich sind.3 Es wäre nun verlockend, Variablen wie öffentliche Bildungsausgaben oder Schülerzahl pro Lehrer als Proxies für Bildungsqualität einzusetzen (vgl. Barro 1991, Dessus 1999). Beide Indikatoren sind jedoch umstritten, da sie nicht Outputs, sondern Inputs messen. Bildungsausgaben beziehen sich nicht nur gleichzeitig auf die beiden Faktoren Quantität und Qualität, sondern unterscheiden sich auch stark hinsichtlich ihrer Wirksamkeit. Es gibt gerade in Afrika eine Menge von Hinweisen auf ineffiziente Ausgaben für öffentliche Dienstleistungen. So erreichten beispielsweise laut der Studie der Primarschulausgaben in Uganda durch Ablo und Reinikka (1998) mehr als 70% der Nichtlohnausgaben nie die Schulen, für die sie bestimmt waren. Generell lassen Untersuchungen innerhalb Afrikas keinerlei direkte Beziehung zwischen öffentlichen Ausgaben und Bildungsqualität erkennen (Michaelowa 2000, S.15, Mingat und Suchaut 1998, S.12ff.). 3In einer Anzahl von OECD-Ländern wurden IEAund IAEP-Tests wiederholt durchgeführt, so dass für diese Länder grundsätzlich Zeitreihen des Bildungserfolgs erstellt werden können (z.B.. Barrow and Lee 1996, Datensatz Bildungsqualität, Tabelle 2). Hanushek und Kim verwenden jedoch eine einzige Maßzahl, die die Information für alle Jahre kombiniert. Auf jeden Fall sind für keines der wenigen afrikanischen Länder, die in einem der beiden Datensätze vertreten sind, Beobachtungen für mehr als ein Jahr verfügbar. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Bildung in Niedrigeinkommensländern: Das Beispiel Afrika 147 Bezüglich der Klassengröße und der Schülerzahl pro Lehrer ist die Verbindung zur Bildungsqualität ebenfalls nur schwer herzustellen. In seiner Überblicksstudie über mehr als 250 Studien, die Schülerleistungen durch die Schülerzahl pro Lehrer und andere Variablen abzubilden versuchen, kommt Hanushek (1998, S.21f.) bestenfalls zu einem sehr gemischten Ergebnis. Auch im spezifisch afrikanischen Kontext gibt es keine klaren Indizien für eine negative Korrelation zwischen Klassengröße und Bildungsqualität, selbst wenn Ausstattungsunterschiede und städtisches/ländliches Umfeld als Kontrollvariable berücksichtigt werden (Michaelowa 2000, S.29). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass konzeptionelle Probleme, mangelnde Datenverfügbarkeit und Messfehler erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit von Wachstumsregressionen auf Humankapitalindikatoren aufkommen lassen. Dies gilt besonders für Nicht-OECD-Niedrigeinkommensländer wie diejenigen des afrikanischen Kontinents. In der Zukunft sollten die Anstrengungen daher zunächst darauf gerichtet werden, die Daten für Bildungsindikatoren zu verbessern. Einige sinnvolle Initiativen diesbezüglich sind bereits im Gange. In wachsendem Maße decken standardisierte Umfragen über Bildungserfolg auch Niedrigeinkommensländer ab. Außer PASEC, dem erwähnten, unter der Federführung von CONFEMEN (1999) im frankophonen Afrika durchgeführten Programm, stellen das Southern African Consortium for Monitoring Education Quality (SACMEC, vgl. Ross 1998) und das Laboratoriumsprojekt von UNESCO-Santiago (1998) vergleichbare Daten über Bildungserfolg für anglophone afrikanische und lateinamerikanische Länder zur Verfügung. Außerdem versuchen OECD und UNESCO in einem gemeinsamen, von der Weltbank finanzierten Projekt eine deutliche Verbesserung der Verlässlichkeit und internationalen Vergleichbarkeit konventioneller mengenund inputbasierter Bildungsindikatoren für ungefähr 20 Entwicklungsländer zu erreichen (World Education Indicators, vgl. OECD 2000b, laufendes Projekt). Außer der verbesserten Sammlung neuer Daten ist eine Aufbereitung und Überarbeitung der Daten für die 90er Jahre vorgesehen, um eine Trendanalyse zu ermöglichen. D. Schlussfolgerungen Während in mikroökonomischen Studien geschätzte private Bildungserträge klare Hinweise auf die positive Wirkung von Bildung für die Individuen ergeben, ist die Interpretation dieser Ergebnisse bezüglich ihrer gesamtwirtschaftlichen Relevanz nicht eindeutig. Es bleibt schwierig, auf einer aggregierten Ebene die Nutzen aus der Bildung klar aufzuzeigen. Obwohl die Bedeutung von Humankapital als Produktionsfaktor und Schlüssel für Innovation und Produktivitätsgewinne allgemein anerkannt ist, sind empirische Analysen derzeit nicht in der Lage, akzeptierte und verlässliche Schätzungen dieses Effekts zu liefern. Für Entwicklungsländer und insbesondere die Niedrigeinkommensländer Schwarzafrikas ist es nochmals schwieriger, die Wirkung von Bildung auf Produktivität und Wachstum einzuschätzen. Es gibt 10* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
Katharina Michaelowa 148 gute Gründe anzunehmen, dass angesichts der intransparenten und ineffizienten politischen und ökonomischen Systeme vieler dieser Länder ein großer Teil der privaten Bildungserträge durch unproduktive Aktivitäten erreicht wird. Um die Relevanz von Bildung für wirtschaftliches Wachstum zu fördern, ist eine Umgestaltung des politischen und ökonomischen Rahmens erforderlich. Ein großes Problem ist die Unvollständigkeit und Inkonsistenz der bisher verfügbaren Datensätze für den Bestand an Humankapital. Dies gilt in verstärktem Maße für die Niedrigeinkommensländer. Insbesondere bezüglich der Bildungsqualität sind vergleichbare Daten für Afrika und andere Niedrigeinkommensländer noch kaum verfügbar. Solange dieses Problem nicht gelöst wird, ist nicht zu erwarten, dass empirische Studien auf Makroebene zu allgemein anerkannten und konsistenten Ergebnissen kommen. Und solange sogar die allgemeinsten Fragen hinsichtlich der Gesamtwirkung der Bildung unbeantwortet bleiben müssen, gilt dies natürlich auch für detailliertere, stärker politikrelevante Fragestellungen. Es scheint, dass Antworten auf wichtige bildungsökonomische Fragen (z.B. Ansatzpunkte zur Effizienzsteigerung des Bildungssystems und zur Reduktion politischer Barrieren, die die produktive Nutzung des Humankapitals verhindern) derzeit eher auf Mikroebene zu erwarten sind. Beim augenblicklichen Stand der empirischen Wachstumsforschung bieten aggregierte Ansätze keine konsistenten Ergebnisse hinsichtlich solcher Fragen. Literaturverzeichnis Ablo, Emanuel/Ritva, Reinikka (1998): Do Budgets Really Matter? Evidence from Public Spending on Education and Health in Uganda, World Bank Policy Research Working Paper Nr. 1926, Washington, D.C. Ashenfelter, Orley/Krueger, Alan (1994): Estimates of the Economic Return of Schooling from a New Sample of Twins, in: American Economic Review, Bd.84, Nr.5, S.1157–1173 Assaad, Ragui (1994): The Effect of Public Sector Hiring and Compensation Policies on the Egyptian Labor Market, background paper for the World Development Report 1995, World Bank, Washington, D.C. Barrera, A. (1990): The Role of Maternal Schooling and its Interaction with Public Health Programs in Child Health Production, in: Journal of Development Economics, Bd.32, Nr.1, S.69–91 Barro, Robert J. (1991): Economic Growth in a Cross Section of Countries, in: Quaterly Journal of Economics, Bd.106, Nr.2, S.407–443 — (1996): Determinants of Economic Growth: A Cross-Country Empirical Study, NBER Working Paper Nr. 5689, Cambridge MA — (1998): Notes on Growth Accounting, NBER Working Paper Nr. 6654, Cambridge MA Barro, Robert J./Sala-i-Martin, Xavier (1995): Economic Growth, McGraw Hill, New York Barro, Robert J./Lee, Jong-Wha (1993): International Comparisons of Educational Attainment, in: Journal of Monetary Economics, Bd.32, Nr.2, S.363–394 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-50598-2 | Generated on 2023-01-16 12:30:28
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