Auswirkungen globaler Reorganisation von Forschung und Entwicklung auf Arbeitnehmerakteure: Das Beispiel Medizintechnik
Abstract
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Full text
Malanowski, Norbert; Beesch, Simon; Henn, Sebastian; Roitzsch, Christopher Working Paper Auswirkungen globaler Reorganisation von Forschung und Entwicklung auf Arbeitnehmerakteure: Das Beispiel Medizintechnik Working Paper Forschungsförderung, No. 227 Provided in Cooperation with: The Hans Böckler Foundation Suggested Citation: Malanowski, Norbert; Beesch, Simon; Henn, Sebastian; Roitzsch, Christopher (2021) : Auswirkungen globaler Reorganisation von Forschung und Entwicklung auf Arbeitnehmerakteure: Das Beispiel Medizintechnik, Working Paper Forschungsförderung, No. 227, Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/240591 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/de/legalcode
WORKING PAPER FORSCHUNGSFÖRDERUNG Nummer 227, August 2021 Auswirkungen globaler Reorganisation von Forschung und Entwicklung auf Arbeitnehmerakteure Das Beispiel Medizintechnik Norbert Malanowski, Simon Beesch, Sebastian Henn und Christopher Roitzsch Das Working Paper auf einen Blick Im Fokus dieses Working Papers steht die Analyse von in Deutschland ansässigen, international agierenden Großunternehmen aus der Medizintechnikbranche und ihrer globalen Reorganisation im Bereich Forschung und Entwicklung (FuE). Zudem wird diskutiert, wie sich Interessenvertretung für Arbeitnehmer*innen in Deutschland im Zuge der globalen Reorganisation von Forschung und Entwicklung in der Branche unter Berücksichtigung der industriellen Spezifika organisieren und gezielt vorantreiben lässt.
© 2021 by Hans-Böckler-Stiftung Georg-Glock-Straße 18, 40474 Düsseldorf www.boeckler.de „Auswirkungen globaler Reorganisation von Forschung und Entwicklung auf Arbeitnehmerakteure“ von Norbert Malanowski, Simon Beesch, Sebastian Henn und Christopher Roitzsch ist lizenziert unter Creative Commons Attribution 4.0 (BY). Diese Lizenz erlaubt unter Voraussetzung der Namensnennung des Urhebers die Bearbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung des Materials in jedem Format oder Medium für beliebige Zwecke, auch kommerziell. (Lizenztext: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/de/legalcode) Die Bedingungen der Creative-Commons-Lizenz gelten nur für Originalmaterial. Die Wiederverwendung von Material aus anderen Quellen (gekennzeichnet mit Quellenangabe) wie z. B. von Schaubildern, Abbildungen, Fotos und Textauszügen erfordert ggf. weitere Nutzungsgenehmigungen durch den jeweiligen Rechteinhaber. ISSN 2509-2359
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 3 Inhalt Zusammenfassung ................................................................................. 5 Einleitung ............................................................................................... 7 Konzeptioneller Rahmen: Globale Wertschöpfungsketten und industrielle Beziehungen ...................................................................... 10 Schlaglichter der Branche und Politik ................................................... 14 Die Medizintechnik in Deutschland .................................................. 14 Forschung und Entwicklung der Medizintechnik in Deutschland ...... 17 Forschung und Entwicklung der Medizintechnik in den USA ............ 19 Forschung und Entwicklung in der Medizintechnik in Kanada .......... 20 Politischer Rahmen in Deutschland ................................................. 21 Empirische Ergebnisse ......................................................................... 23 Reorganisation/Expansion von FuE-Kapazitäten und FuE-Abteilungen .............................................................................. 23 Zusammenhang zwischen FuE-Reorganisationen und Produktionsverlagerung ................................................................... 25 Zusammenarbeit zwischen den Standorten ..................................... 26 Beteiligung und Mitbestimmung ....................................................... 27 Corona-Pandemie ............................................................................ 29 Zwischenfazit ................................................................................... 30 Handlungsoptionen für Arbeitnehmerakteure ....................................... 32 Ausblick ................................................................................................ 37 Literatur ................................................................................................ 39 Autoren ................................................................................................ 43
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 4 Abbildungen Abbildung 1: Zunahme der Betriebe seit 2012 (Index 2012 = 100) ....... 15 Abbildung 2: Umsatz in der Medizintechnik im Inund Ausland und Anteil der Sparten am Gesamtumsatz ............................................. 16 Abbildung 3: FuE-Ausgaben der Medizintechnik in Deutschland seit 2012 (Index 2012 = 100) .................................................................. 18 Abbildung 4: FuE-Ausgaben der Medizintechnikunternehmen in den USA seit 2012 (Index 2012 = 100) ................................................... 19 Abbildung 5: FuE-Ausgaben der Medizintechnikunternehmen in Kanada in den Jahren 2012 und 2013 in Millionen US-Dollar .......... 21
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 5 Zusammenfassung Forschung und Entwicklung (FuE) haben in der Medizintechnikbranche in Deutschland eine lange Tradition und stellen einen wichtigen Faktor in der nationalen Gesundheitsversorgung dar. Die aktuelle Phase der Globalisierung von FuE-Tätigkeiten ist durch einen tiefgreifenden Wandel der Wertschöpfungsorganisation von Unternehmen und Branchen charakterisiert. Unternehmen engagieren sich immer weniger nur an einem einzelnen Standort, sondern versuchen, Vorteile verschiedener Standorte zu kombinieren und ihre Wertschöpfungssysteme international auszurichten. Die Auseinandersetzung mit den Wertschöpfungsketten und Wissensressourcen innewohnenden Dynamiken ist vor diesem Hintergrund in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einem zentralen Gegenstand theoriegeleiteter empirischer Untersuchungen in den Wirtschaftsund Regionalwissenschaften sowie der Innovationsforschung avanciert. Mit der gegenwärtig zu beobachtenden grenzüberschreitenden Reorganisation der Wertschöpfungsketten in der Medizintechnik sind in Deutschland hohe Erwartungen, zugleich aber auch große Besorgnis verbunden. Konkret drückt sich diese Ambivalenz in einem erhofften Zuwachs an wirtschaftlichem Wohlstand, verbesserten Arbeitsbedingungen und steigender Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland einerseits und einer damit in Verbindung stehenden langfristigen Schwächung des Beschäftigungsstandortes Deutschlands andererseits aus. Gegenwärtig ist davon auszugehen, dass durch die Corona-Pandemie angeregte Dynamiken aktuelle und zukünftige Internationalisierungsstrategien, Arbeitsbedingungen und die Zusammenarbeit zwischen Standorten langfristig beeinflussen werden. Auf der Basis von Literaturanalyse, Datenauswertungen und leitfadengestützten Interviews sowie eines Reflexionsworkshops mit Expert*innen konnten aktuelle Trends und Motive der globalen Reorganisation von FuE in der Medizintechnik identifiziert werden. In dieser Branche kann zurzeit nicht von Verlagerungstendenzen gesprochen werden, häufiger handelt es sich um Expansionen und geographische Erweiterungen bestehender Aktivitäten, die weithin nicht mit einem Stellenabbau in Deutschland zusammenhängen. Expansionen werden aus verschiedenen Motiven getätigt, die z. T. von der Zielregion abhängig sein können. Ein zentraler Beweggrund der untersuchten Großunternehmen ist der, dass sie sich am „Puls“ des jeweiligen Forschungsgebiets orientieren wollen und es als vorteilhaft gesehen wird, an Innovations-Hotspots der Forschung und Entwicklung im Ausland auch einen eigenen Unternehmensstandort zu haben. Die Verfügbarkeit geeigneter Fachkräfte spielt dabei ebenfalls eine Rolle. Weiterhin gilt es für die Unternehmen, direkt am Markt zu ent-
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 6 wickeln, um Kundenwünsche sowie behördliche Regulierungen effizient erfassen und umsetzen zu können. So sollen der Marktzugang und die Erschließung neuer Märkte vereinfacht werden. Vermehrt wird es zusätzlich als sinnvoll erachtet, dort zu forschen und entwickeln, wo auch produziert wird. Meist findet die Reorganisation von FuE in einem gewissen zeitlichen Abstand zu neuen Gründungen ausländischer Produktionsstandorte statt. Innerhalb des FuE-Bereichs gibt es nur wenige Einschränkungen, die mit den Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie einhergehen. Dies liegt vor allem an der bereits weit fortgeschrittenen Digitalisierung in der Zusammenarbeit zwischen FuE-Teams in der Medizintechnikbranche, die häufig längst an verschiedenen Standorten arbeiten und bereits hinreichende Erfahrungen in der digitalen Kommunikation und Entwicklung haben. Das vorliegende Working Paper unterscheidet sich in Abgrenzung zu bisherigen Untersuchungen zu FuE-Reorganisationen vor allem in seinem Fokus auf konkrete betriebliche Kontexte und Belange von Arbeitnehmer*innen und deren Vertretungen. Insbesondere in Reorganisationsvorhaben, die teils tiefgreifend auf Unternehmensstrukturen und die Sicherheit von Arbeitsplätzen Einfluss nehmen können, ist eine mitbestimmte Betriebskultur wichtig. Wie sich zeigen lässt, sind Betriebsräte deutscher Standorte und ihre Gewerkschaften in ihrem Wirkradius beschränkt. Oftmals sind Arbeitnehmerakteure nicht umfassend bezüglich Arbeitsbedingungen und Mitbestimmungsmöglichkeiten an ausländischen Standorten informiert. Dort bestehen im Rahmen der nationalen bzw. regionalen Gesetzgebung in der Regel keine weiteren Formen der Mitbestimmung und Beteiligung. Ferner trägt der tendenziell niedrigere gewerkschaftliche Organisationsgrad von in der Regel hochqualifizierten Beschäftigten in der FuE zu einem geringen Informationsfluss für die Arbeitnehmerakteure bei. Eine intensivere Zusammenarbeit mit und zwischen transnationalen Gewerkschaftsakteuren, der Aufbau informeller Netzwerke und die Stärkung globaler Rahmenvereinbarungen könnten den Informationsfluss und Teilhabe erhöhen. Weitere Handlungsoptionen bestehen in Reformen des bestehenden nationalen gesetzlichen Rahmens, wie des Mitbestimmungsgesetzes. Das Betriebsrätemodernisierungsgesetz könnte gewisse zusätzliche Möglichkeiten für Arbeitnehmerakteure befördern. Gegenwärtig bleibt noch unklar, inwiefern damit eine stärkere internationale Zusammenarbeit und Mitbestimmung von Arbeitnehmerakteuren bei der Reorganisation von Forschung und Entwicklung mittelbzw. langfristig forciert werden kann.
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 7 Einleitung In Deutschland ansässige Unternehmen aus der Medizintechnik befinden sich angesichts eines zunehmenden internationalen Drucks, sich dynamisch entwickelnde internationale Wissensressourcen und -quellen verstärkt berücksichtigen zu müssen, in einer tiefgreifenden Phase des Umbaus ihrer Organisationsstrukturen. Im Zuge dieser Reorganisation werden zunehmend hochqualifizierte Tätigkeiten aus dem Bereich Forschung und Entwicklung (FuE) an ausländischen Standorten ergänzt bzw. dorthin findet eine Verlagerung statt, z. B. Boston (USA), Greater Toronto Area (Kanada) oder Shanghai/Peking (China).1 Im vorliegenden Working Paper werden folgende Fragen aufgegriffen und diskutiert: • Welche Motive liegen der FuE-Reorganisation in der Medizintechnik zugrunde? • Welche neuen räumlichen Abhängigkeiten und Zusammenspiele entstehen zwischen den Unternehmensstandorten in Deutschland und im Ausland? • Welche guten Beispiele sind zu beobachten, und was lässt sich daraus lernen? • Welche Handlungsmöglichkeiten haben Arbeitnehmerakteure bei der Gestaltung der FuE-Reorganisationen? Die Friedrich-Schiller-Universität Jena, Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie und das VDI Technologiezentrum führen gegenwärtig (Stand: August 2021) in Kooperation mit den Universitäten Lund (Schweden) und Toronto (Kanada) das Projekt „Die globale Reorganisation von Forschung und Entwicklung und der Standort Deutschland. Die Beispiele Medizintechnik und Pharmazeutische Industrie“ durch. Dieses wird von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Die hier diskutierten Ergebnisse basieren zum einen auf einer Literaturanalyse und statistischen Auswertungen von quantitativen Daten aus öffentlich zugänglichen und kommerziellen Datenbanken. Zum anderen wurden leitfadengestützte Experteninterviews im Rahmen von Unternehmensfallstudien (international agierende Großunternehmen und Konzerne) durchgeführt. Diese Ergebnisse wurden zusätzlich in einem Reflexions-Workshop im Juni 2021 mit Fachleuten aus Unternehmen, Verbänden, Wissenschaft, Gewerkschaften und Betriebsräten reflektiert, differenziert und geschärft. Der Workshop stützte sich auf ein diskussionsanregendes Impulspapier und Impulsvorträge des Projektteams. Im Rahmen des Workshops 1 Working Paper der Hans-Böckler-Stiftung zu diesen Regionen sind in Vorbereitung.
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 8 wurde zusätzlich ein Kurzinterview mit einem Gewerkschaftsvertreter zur Gewichtung von Handlungsoptionen für Arbeitnehmerakteure durchgeführt. Mit dem vorliegenden Working Paper werden die Forschungsergebnisse zur Medizintechnik zusammengefasst.2 Der Einleitung, die zugleich den Hintergrund für das Projekt umreißt, folgt ein Kapitel zum konzeptionellen Rahmen des vorliegenden Working Papers. Hier werden aktuelle Ansätze zu globalen Wertschöpfungsketten und Ansätze aus der Forschung zu industriellen Beziehungen insbesondere zu Mitbestimmung und Beteiligung miteinander zu einem Analysekonzept verbunden. Anknüpfend an den konzeptionellen Rahmen gibt das Kapitel „Schlaglichter der Branche und Politik“ einen kurzen quantitativen Einblick in der Medizintechnikbranche, insbesondere zu Forschung und Entwicklung sowie zum politischen Rahmen in Deutschland. Neben der Darstellung von Kennzahlen werden zusätzlich einzelne Innovationsdynamiken an Medizintechnik-Standorten in den USA und in Kanada aufgezeigt.3 Im Kapitel „Empirische Ergebnisse“ finden sich mehrere thematische Schwerpunkte als Unterkapitel. Der Teil „Reorganisation/Expansion von FuE-Kapazitäten und -Abteilungen“ spezifiziert Motive und Triebfedern, die der Reorganisation zu Grunde liegen und welcher Einfluss auf die Beschäftigung existiert. In einem weiteren Teil wird der Frage bezüglich des Zusammenhangs zwischen Produktionsverlagerung ins Ausland und FuE-Reorganisation nachgegangen. Der dann folgende Abschnitt thematisiert, welche räumlichen Abhängigkeiten und Innovationsdynamiken zwischen inländischen und ausländischen Standorten vorliegen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der FuE-Reorganisation in Verbindung mit Mitbestimmung und Beteiligung. Abgeschlossen wird das Kapitel „Empirische Ergebnisse“ mit einem vorläufigen Blick auf Auswirkungen der Corona-Pandemie hinsichtlich der Zusammenarbeit, räumlichen Organisation und Kommunikation zwischen Management und Arbeitnehmerakteuren im Kontext von FuE-Reorganisation in der medizintechnischen Industrie. 2 Die Forschungsergebnisse zur globalen Reorganisation von Forschung und Entwicklung in der Pharmazeutischen Industrie werden in einem separaten Working Paper der Hans-Böckler-Stiftung diskutiert („Globale Reorganisation von Forschung und Entwicklung und Arbeitnehmerakteure – Das Beispiel Pharmazeutische Industrie“ von Sebastian Henn, Norbert Malanowski, Christopher Roitzsch und Laura Nientiet). 3 Ein Abschnitt zu Forschung und Entwicklung der Medizintechnik in China kann aufgrund fehlender Daten nicht verfasst werden. Sowohl in der ANBERD Datenbank der OECD als auch in der BERD Datenbank von Eurostat fehlen für den Bereich FuE der Medizintechnik in China durchgängig Daten. Auch das China Statistical Yearbook des National Bureau of Statistics of China lässt keine Rückschlüsse auf FuE der Medizintechnik in China zu.
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 15 Abbildung 1: Zunahme der Betriebe seit 2012 (Index 2012 = 100) Quelle: Statistisches Bundesamt 2021 (Tabelle 42271–0002). Berechnung und Darstellung der FSU Jena. Im Jahr 2020 zählten 58 Betriebe zum WZ 26.6 und 1.388 zum WZ 32.5.5 Im Vergleich zum Basisjahr 2012 sind im WZ 26.6 somit neun Betriebe hinzugekommen, im WZ 32.5 260. Damit lag der Zuwachs bei ersterer Sparte bei 18,4 Prozent, bei letzterer bei 23,1 Prozent (Abbildung 1). Zusätzlich zu den amtlich erfassten Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten, existieren in Deutschland weitere rund 11.000 Kleinstunternehmen in der Medizintechnik (Bundesverband Medizintechnologie 2020). Die Medizintechnikbranche bewegte sich in den letzten Jahren auch bei den Umsätzen auf einem steten Wachstumskurs: allein zwischen 2012 und 2020 konnte sie den Gesamtumsatz von 24,1 Milliarden Euro auf 34,25 Milliarden Euro steigern (Abbildung 2). Getragen wurde dieses Wachstum primär vom Wachstum des Auslandsgeschäfts (45,3 Prozent Umsatzsteigerung); allerdings wuchs auch der inländische Umsatz um beachtliche 36,4 Prozent. Im Jahr 2020 lag der Inlandsumsatz, also der Umsatz mit Empfängern im Bundesgebiet, bei 11,72 Milliarden Euro (2012: 8,60 Milliarden Euro). Der Auslandsumsatz erreichte 22,53 Milliarden Euro (2012: 15,51 Milliarden Euro). Beim Vergleich der beiden Sparten wird deutlich, dass die Sparte Herstellung von Bestrahlungsund Elektrotherapiegeräten im Zeitverlauf nie 5 Berücksichtigt werden in den Statistiken Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeiter*innen.
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 16 mehr als 30 Prozent des Gesamtumsatzes der Medizintechnik erwirtschaftet. Auf der anderen Seite steuert die Sparte Herstellung von medizinischen und zahnmedizinischen Apparaten und Materialien durchgängig mehr als 70 Prozent zum Gesamtumsatz der Medizintechnik bei. Abbildung 2: Umsatz in der Medizintechnik im Inund Ausland und Anteil der Sparten am Gesamtumsatz Quelle: Statistisches Bundesamt 2021 (Tabelle 42271–0002). Berechnungen und Darstellung der FSU Jena. 2020 waren im Kernbereich der Medizintechnik etwa 152.000 Beschäftigte tätig. Im Vergleich zu 2012 wurden mehr als 32.000 zusätzliche Arbeitsstellen geschaffen. Das Beschäftigungswachstum lag in diesem Zeitraum somit bei 27,5 Prozent. Beide Sparten wiesen ein Beschäftigungswachstum aus, der WZ 32.5 mit 28 Prozent ein etwas Höheres als der WZ 26.6 mit 24,7 Prozent. Ähnlich wie bei den Anteilen am Gesamtumsatz, ist auch der Anteil des WZ 32.5 an der Gesamtbeschäftigung weitaus größer als der des WZ 26.6. Über den gesamten Zeitverlauf lag der Anteil für ersteren unverändert bei rund 85 Prozent, für letzteren bei rund 15 Prozent. Zusätzlich zur Zahl der Beschäftigten in den von amtlichen Statistiken erfassten Unternehmen mit mindestens 20 Beschäftigten, kommen weitere 60.000 Beschäftigte in Kleinstunternehmen mit weniger als 20 Beschäftigten (Bundesverband Medizintechnologie 2020). Die Medizintechnikbranche beschäftigt somit mehr als 210.000 Menschen.
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 17 Die Medizintechnik ist eine stark vom Mittelstand geprägte Branche. Es sind mehr als 93 Prozent der Unternehmen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit weniger als 250 und mehr als 20 Beschäftigten. Rund drei Prozent der Betriebe haben 500 und mehr Beschäftigte. Große Unternehmen und internationale Marktführer mit 500 und mehr Beschäftigten tragen mit einem Anteil von 41,3 Prozent jedoch überproportional zur Gesamtbeschäftigung bei. Der Anteil der KMU beträgt hingegen etwa 45,5 Prozent. Forschung und Entwicklung der Medizintechnik in Deutschland Im Jahr 2012 hat die Medizintechnikbranche 1,16 Mrd. Euro in die Forschung und Entwicklung in Deutschland investiert. Bis 2014 sind die FuEAusgaben jedes Jahr angestiegen. Sie erreichten in diesem Jahr einen Wert von 1,39 Mrd. Euro. Nach einem leichten Rückgang im Jahr 2015 auf 1,35 Mrd. Euro sind die FuE-Ausgaben in den folgenden Jahren wieder spürbar gestiegen. Im Jahr 2018 – dem letzten verfügbaren Jahr aus der Statistik – investierte die Medizintechnikbranche in Deutschland nunmehr 1,79 Mrd. Euro in die Forschung und Entwicklung (Abbildung 3). Im Vergleich zur Medizintechnikbranche hat die gesamte deutsche Wirtschaft und der Bereich des Verarbeitenden Gewerbes die FuE-Ausgaben von 2012 bis 2018 weniger stark ausgeweitet. Im Vergleich der beiden Sparten der Medizintechnik hat der Wirtschaftszweig 32.5 die FuE-Ausgaben im Vergleich zu 2012 stärker ausgeweitet. Die Zunahme der FuE-Ausgaben der Medizintechnik in Deutschland gibt ebenso einen Anhaltspunkt dafür, dass der Standort Deutschland im Bereich Forschung und Entwicklung für Medizintechnikunternehmen weiterhin als attraktiv wahrgenommen wird. Ein stärkeres Engagement der Medizintechnikunternehmen im Ausland, auch im Hinblick auf FuE, geht demnach nicht zulasten der inländischen FuE-Aktivitäten.
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 18 Abbildung 3: FuE-Ausgaben der Medizintechnik in Deutschland seit 2012 (Index 2012 = 100) Quelle: OECD 2021 (Tabelle ANBERD). Berechnungen und Darstellung der FSU Jena. Für die weitere Entwicklung der Investitionstätigkeiten und Forschungsausgaben der Medizintechnik gibt die aktuelle Herbstumfrage des Branchenverbands BVMed aus dem Jahr 2020 Auskunft. Bedingt durch die Corona-Pandemie zeichnet sich ein unterschiedliches Bild hinsichtlich der Investitionstätigkeit und Forschungsaktivität am Standort Deutschland. 21 Prozent (Vorjahr: 31,5 Prozent) der befragten Unternehmen gaben an, ihre Investitionen gegenüber dem Vorjahr zu erhöhen, 29 Prozent (Vorjahr: 16 Prozent) aber wollen ihre Investitionen verringern. Bei 33 Prozent der befragten Unternehmen bleibt die Investitionstätigkeit unverändert (Bundesverband Medizintechnologie 2020). Bei den Forschungsausgaben sieht die Lage jedoch schlechter aus. 17 Prozent (Vorjahr: 28 Prozent) der befragten Unternehmen erhöhen ihre Forschungsausgaben gegenüber dem Vorjahr. 22 Prozent (Vorjahr: sieben Prozent) werden ihre Forschungsausgaben jedoch verringern müssen (Bundesverband Medizintechnologie 2020). Für Forschungsund Entwicklungsaktivitäten der Medizintechnikunternehmen in Deutschland bedarf es aus der Sicht der Unternehmen sehr guter Standortbedingungen. Als große Stärken des Standorts Deutschland sehen Medizintechnikunternehmen in der Umfrage des Branchenverbands BVMed unter seinen Mitgliedsunternehmen vor allem die gut ausgebildeten Fachkräfte und die gute Infrastruktur, besonders hierbei die
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 19 Verkehrsinfrastruktur. Auch gut ausgebildete Wissenschaftler*innen und Ingenieur*innen zählen zu den Vorzügen des hiesigen Standorts. Die größte Schwäche wird in der Forschungsförderung gesehen, auch die klinische Forschung ist eher schwach ausgeprägt (Bundesverband Medizintechnologie 2020). Forschung und Entwicklung der Medizintechnik in den USA Im Jahr 2012 hat die US-amerikanische Medizintechnikbranche 12,71 Milliarden US-Dollar in die Forschung und Entwicklung im eigenen Land investiert. Bis 2014 sind die FuE-Ausgaben jedes Jahr angestiegen. Sie erreichten in diesem Jahr einen Wert von 14,23 Milliarden US-Dollar. Nach einem leichten Rückgang im Jahr 2015 sind die FuE-Ausgaben in den folgenden Jahren wieder spürbar gestiegen. Im Jahr 2018 – dem letzten verfügbaren Jahr aus der Statistik – investierte die Medizintechnikbranche in den USA nunmehr 17,74 Milliarden US-Dollar in die Forschung und Entwicklung (Abbildung 4). Im Vergleich zur Medizintechnikbranche hat die gesamte amerikanische Wirtschaft die FuE-Ausgaben von 2012 bis 2018 dennoch stärker ausgeweitet. Abbildung 4: FuE-Ausgaben der Medizintechnikunternehmen in den USA seit 2012 (Index 2012 = 100) Quellen: OECD 2021 (Tabelle ANBERD). Berechnungen und Darstellung der FSU Jena.
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 20 Der Bereich des Verarbeitenden Gewerbes hat die FuE-Ausgaben bis 2018 hingegen weniger stark ausgeweitet. Im Vergleich der beiden Sparten der Medizintechnik wird eine gegenteilige Entwicklung sichtbar. Während der Wirtschaftszweig 32.5 die FuE-Ausgaben im Vergleich zu 2012 stark ausgeweitet hat, sind die FuE-Ausgaben im Wirtschaftszweig 26.6 im Vergleich zum Jahr 2012 deutlich zurückgegangen. Forschung und Entwicklung in der Medizintechnik in Kanada Im Jahr 2012 hat die kanadische Medizintechnikbranche 62,67 Millionen US-Dollar in die Forschung und Entwicklung im eigenen Land investiert. Im Jahr 2013 – dem letzten verfügbaren Jahr aus der Statistik – investierte die Medizintechnikbranche in Kanada nunmehr 50,65 Millionen USDollar in die Forschung und Entwicklung (Abbildung 5). Im Vergleich zu Deutschland und den USA sind die FuE-Ausgaben der Medizintechnik in Kanada im Jahr 2012 um den Faktor 23,42 bzw. 202,84 niedriger. Die Umsätze der Medizintechnik in Kanada sind aber nur um den Faktor 10,45 im Fall von Deutschland bzw. um den 38,58 Faktor bezüglich der USA niedriger. Dies deutet darauf hin, dass die FuE-Aktivitäten der Medizintechnik in Kanada im Vergleich zu Deutschland und den USA weniger stark ausgeprägt sind.
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 21 Abbildung 5: FuE-Ausgaben der Medizintechnikunternehmen in Kanada in den Jahren 2012 und 2013 in Millionen US-Dollar Quellen: OECD 2021 (Tabelle ANBERD). Berechnungen und Darstellung der FSU Jena. Politischer Rahmen in Deutschland Von Seiten der Bundesund Landesministerien werden in Deutschland regelmäßig strategische Ziele und politische Rahmenbedingungen für stark technologisierte Bereiche wie die Medizintechnik festgesetzt und somit Forschungsund Entwicklungsaktivitäten in diesem Sektor beeinflusst. Auf legislativer Ebene werden die Regularien zu medizintechnischen Produkten seit 1995 durch das Medizinproduktegesetz (letzte Änderung vom Juni 2020) gebündelt und anhand mehrerer Rechtsverordnungen weitergehend ausgeführt. In der High-Tech-Strategie 2025 (HTS) der Bundesregierung werden die zentralen forschungsund innovationspolitischen Ziele Deutschlands formuliert. Mit Blick auf die Medizintechnik werden in dem 2019 veröffentlichten Fortschrittsbericht zur HTS bisherige Meilensteine und künftige Ziele vorgestellt. So können beispielsweise im Rahmen des Förderprogramms „Innovationen für die Produktion, Dienstleistung und Arbeit von morgen“ (BMBF) Vorhaben gefördert werden, die neue Lösungen für
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 22 medizintechnische Produktionstechnologien entwickeln. Innerhalb des Themenschwerpunkts „Technik für den Menschen“ wird weiterhin angestrebt, ein Forschungscluster zur Erforschung interaktiver Medizintechnik und Pflegetechnologien aufbzw. auszubauen. Aus dem zurückliegenden Strategieprozess „Innovationen in der Medizintechnik“, im Jahr 2011 gemeinsam initiiert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie dem Bundesministerium für Gesundheit, hat sich das Fachprogramm Medizintechnik entwickelt. Dieses greift den 2012 abgeschlossenen Strategieprozess auf und setzt sich zum Ziel, Innovationen innerhalb des Forschungsfeldes stärker an die Bedarfe aus der Praxis und der Gesundheitsversorgung anzupassen. Geschehen soll dies mithilfe eines stärkeren Austauschs zwischen Forschung, Unternehmen, Kliniken, Patient*innen und weiteren Akteuren des Gesundheitssystems. Dadurch soll ein besserer Transfer gewährleistet und die Innovationskraft des Wirtschaftsstandorts Deutschland im Bereich der Medizintechnik gestärkt werden. Der Anspruch des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist es, basierend auf einer soliden Ausgangslage, die Unternehmenslandschaft der deutschen Medizintechnik, auch mit zunehmend wachsendem internationalem Konkurrenzdruck, global wettbewerbsfähig zu gestalten. Regulierungen im Bereich der medizintechnischen Produkte existieren ebenfalls auf EU-Ebene. Die beiden zurzeit schrittweise in Kraft tretenden Verordnungen 2017/745 und 2017/746 lösen die seit den 1990er Jahren bestehenden drei Richtlinien im Zusammenhang mit medizintechnischen Produkten ab. Die Verordnung 2017/746 widmet sich ausschließlich der In-vitro-Diagnostika, also den Geräten für technische Laboruntersuchungen. Auch auf europäischer Ebene wird medizintechnische Forschung und Entwicklung unterstützt und gefördert. Das Rahmenprogramm Horizon Europe bietet Förderschwerpunkte beispielsweise in der Erforschung neuer Werkzeuge, Technologien und digitaler Lösungen im Bereich der Gesundheitsvorsorge und der personalisierten Medizin. Im Zuge der Corona-Pandemie hat die EU-Kommission im Jahr 2020 kurzfristig 23 Forschungsprojekte unterstützt, die sich mit der Entwicklung neuer Technologien zur besseren Erkennung und Versorgung von Infizierten oder zur Effizienzsteigerung in der Produktion benötigter Geräte befassen.
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 23 Empirische Ergebnisse Die folgenden Ergebnisse basieren auf Experteninterviews und einem im Juni 2021 durchgeführten Reflexions-Workshop. Das zentrale Ziel der Experteninterviews (und auch des Workshops) war es, vertiefende Einblicke zu den Motiven und Mustern von FuE-Reorganisationen, zu Auswirkungen der FuE-Reorganisationen auf die Beschäftigung und die Möglichkeiten der Mitbestimmung und Beteiligung zu erhalten. Der aktuellen Situation im Jahr 2021 angepasst, wurde ein Themenblock zur Corona-Pandemie eingefügt. Es wurden insgesamt neun Experteninterviews mit Vertreter*innen sechs verschiedener Organisationen aus dem Inund Ausland durchgeführt. Diese verteilen sich auf Managementvertretungen (zwei Interviews), Betriebsräte (drei), Branchenverbände (zwei) und Gewerkschaften (zwei). Im Folgenden werden die Ergebnisse nach den thematischen Schwerpunkten gegliedert und vorgestellt. Reorganisation/Expansion von FuEKapazitäten und FuE-Abteilungen Es sind verschiedene Gründe für Reorganisationsvorhaben in den untersuchten Unternehmen der Medizintechnikbranche in Deutschland anzuführen. Die Branche gilt als sehr heterogen, was generelle Aussagen, die auf alle Unternehmen zutreffen würden, eher einschränkt. Für viele kleinere und mittlere Unternehmen sind Internationalisierungsund Globalisierungsvorhaben aufgrund fehlender Kapazitäten, mangelnden Kapitals oder geringer Vernetzung ins Ausland nicht möglich. Die folgenden Ergebnisse beziehen sich auf bereits international agierende Großunternehmen und Konzerne. Daher ist es schwierig, Tätigkeiten zu identifizieren, die von Unternehmen „typischerweise“ an ausländische Standorte ausgelagert bzw. ausgeweitet werden [G1]. Oftmals kann nicht von Verlagerung im engeren Sinne gesprochen werden, wenn in Deutschland keine Stellen gestrichen und an einem anderen Standort neue Beschäftigung entsteht. In vielen Fällen gilt eher eine Expansion oder Reorganisation von FuE. Dazu zählen die Neugründung von FuE-Aktivitäten direkt an internationalen Standorten oder die ausländische Aufstockung bereits bestehender Forschung und Entwicklung im Inland [U2-Mgt./BR]. Im Rahmen des Reflexions-Workshops wurde von den anwesenden Wissenschaftler*innen diese Tendenz untermauert. Insofern ist es notwendig, klar zwischen einer Verlagerung, die zu Stellenabbau an deutschen Standorten führt und einer Reorganisation, die
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 24 das internationale FuE-Wachstum des Unternehmens beflügelt, zu differenzieren. Die geführten Experteninterviews und die Diskussion im Reflexions-Workshop weisen deutlich darauf hin, dass Verlagerungen im medizintechnischen FuE-Bereich zurzeit keine große Problematik darstellen. Es könnten jedoch auf längere Sicht Konkurrenzsituationen zwischen inund ausländischen Standorten entstehen und so auf kurzfristige Expansionen langfristige Verlagerungen an Unternehmensstandorte im Ausland folgen. Als mögliches Motiv wurde genannt, dass Regionen, wie die um Boston/Cambridge (Massachusetts, USA), innovative Hotspots für Forschung und Entwicklung unterschiedlicher Bereiche in der Medizintechnik seien. Um am Puls der Zeit agieren zu können, sich mit Unternehmen vor Ort zu vernetzen und als relevanter Marktteilnehmer wahrgenommen zu werden, müsste ein Teil der Forschung vor Ort angesiedelt sein. Neben Vernetzungsmöglichkeiten bestehe der Vorteil, dass sich der lokale Marktzugang vereinfachen ließe, da in direkterem Maße mit Stakeholdern, Kunden und Behörden zusammengearbeitet werden kann. Essenziell sei dies für die Anpassung der Produkte an lokale Verhältnisse und Anforderungen im Ausland. Auch im Reflexions-Workshop wurde die Annahme bekräftigt, dass FuE oftmals den Märkten und sprießenden Innovations-Hubs folgt. Die Erschließung gänzlich neuer Märkte könne dadurch ebenfalls vereinfacht werden [G1/BV1/U2]. Daneben ist aus den Experteninterviews hervorgegangen, dass die Verfügbarkeit an qualifiziertem Fachpersonal eine Rolle in der Verlagerung bzw. Expansion ins Ausland spielen könnte. Softwareentwickler*innen sind zurzeit besonders nachgefragt und müssen vermehrt Know-how für die Produkte besitzen, die auf dem lokalen Markt verkauft werden sollen. Besonders in Ländern des globalen Südens und Südost-Asiens sind nicht nur eine hohe Anzahl junger Fachkräfte mit ausgeprägter Expertise vorhanden, sondern könnten aufgrund unterschiedlicher Gehaltsniveaus für das Unternehmen potenzielle Kosteneinsparungen auf der Personalseite darstellen [U1-Mgt./U2-Mgt.]. Dem gegenüber wurde im ReflexionsWorkshop die These eingebracht, dass insbesondere bei vergleichbarer (hoher) Qualifikation die Personalkosten in den Regionen Boston, Shanghai und in Deutschland weniger differieren. Mittels der Interviews mit Expert*innen kann gezeigt werden, welche unterschiedlichen Beweggründe für Unternehmen in der Medizintechnik existieren, die zu einer Verlagerung bzw. einem Zuwachs von FuE-Aktivitäten an ausländischen Standorten motivieren. Die Internationalisierung von Forschung und Entwicklung hat nicht nur Einfluss auf die geographische Unternehmensstruktur, sondern auch auf Belegschaft und Beschäftigungsaspekte. Eine reine Expansion an ausländische Standorte muss
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 31 Viele Mitbestimmungsfragen lassen sich standortoder gar staatenübergreifend nur bedingt angehen. Die interviewten Betriebsräte agieren vor allem im nationalen rechtlichen Rahmen und haben bisher sehr begrenzte Mittel. Dies stimmt mit den Befunden von Pries (2020), Mund (2020) und Ittermann (2017) überein, die auf einen gegenwärtig beschränkten Wirkradius von Arbeitnehmerakteuren im Zuge der Globalisierung hinweisen.
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 32 Handlungsoptionen für Arbeitnehmerakteure Wie sich Interessenvertretung für Arbeitnehmer*innen in Deutschland im Zuge der globalen Reorganisation von Forschung und Entwicklung in der Medizintechnikbranche unter Berücksichtigung der industriellen Spezifika organisieren und gezielt vorantreiben lässt, wird im Folgenden thematisiert. Konkret werden hierzu sechs perspektivische Handlungsoptionen für Arbeitnehmerakteure (Betriebsrat, Arbeitnehmervertretung im Aufsichtsrat und Gewerkschaft) mit unterschiedlicher Reichweite und unterschiedlichen Umsetzungschancen diskutiert. Dabei geht es vor allem darum, zu erörtern, wo Mitbestimmungsinitiativen de facto anknüpfen können und welche personellen und organisatorischen Ressourcen dafür notwendig werden.7 Handlungsoption 1: Neue Form der Wirtschaftsdemokratie Als Wirtschaftsdemokratie werden vereinfacht ausgedrückt in der Regel ältere und neuere Konzepte zur Erneuerung der Wirtschaft bezeichnet, die Mitbestimmung und Beteiligung der Arbeitnehmer*innen und ihrer Akteure an der Ordnungsund Prozesspolitik der Wirtschaft vorsehen (Müller-Jentsch 2011). Nach ersten Konzepten bereits in der Weimarer Republik werden in Deutschland solche Überlegungen seit ca. zehn Jahren wieder intensiver auch in Verbindung mit Verlagerungen und Rückverlagerungen von Betriebsstandorten diskutiert. (Transnationale) Mitbestimmung in Verbindung mit Verlagerungen und Rückverlagerungen (Pries 2020) bedeutet eine umfassende Integration dieser Idee in eine Utopie einer Wirtschaftsdemokratie auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Sie benötigt (z. B. in Deutschland) politische Verbündete und Mehrheiten sowie Kooperation und Konfliktfähigkeit über einen längeren Zeitraum bei ungewissem Ausgang und großem Ressourcenaufwand. Sie ist eher mittelbis langfristig ausgerichtet. Im Rahmen des Reflexions-Workshops wurde ein solcher Umbau hin zu einer Wirtschaftsdemokratie als eine langfristige Vision betrachtet, an der sich konkrete, kurzfristig umsetzbare Maßnahmen orientieren sollten. 7 Während des Reflexions-Workshops wurde im Rahmen eines Kurzinterviews der teilnehmende Gewerkschaftsakteur gebeten, eine Priorisierung und Einordnung der folgenden Handlungsoptionen vorzunehmen und die drei Handlungsoptionen zu nennen, die schnellstmöglich in der Medizintechnikbranche angegangen werden sollten.
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 33 Handlungsoption 2: Reform des Mitbestimmungsgesetzes von 2015 Das Mitbestimmungsgesetz wurde letztmals 2015 reformiert. Es sieht bisher keine starken Rechte für eine Mitbestimmung der Arbeitnehmervertreter*innen im Aufsichtsrat vor, wenn es z. B. um die Reorganisation von FuE-Standorten geht. Die Rolle der Arbeitnehmervertreter*innen in Aufsichtsräten ist grundsätzlich relevant, da über sie die Perspektive von Arbeitnehmer*innen in die Unternehmenspolitik und bei Planungen, Diskussionen und Entscheidungen eingebracht werden kann. Es ist allerdings auch zu konstatieren, dass „die Flucht aus der Unternehmensmitbestimmung (ausländische Rechtsformen, Einfrieren bei der SE, Drittelbeteiligungslücke)“ (Sick 2020, S. 13) in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Kurzfristig ist eine weitere Reform des Mitbestimmungsgesetzes, die z. B. Gesetzeslücken schließt, weitreichende Unternehmensentscheidungen (z. B. Standortverlagerungen ins Ausland, Unternehmensverkäufe oder Übernahmen), die zwischen Kapitalund Arbeitnehmerseite strittig sind, künftig in einem Mediationsverfahren mit neutralem Schlichter zu fällen oder globale Innovationsaspekte wie die Reorganisation von FuE stärker berücksichtigen könnte, nicht zu erwarten. Ähnlich wie bei der Handlungsoption 1 (Wirtschaftsdemokratie) wäre der Ressourcenaufwand für die Realisierung groß, und die Reichweite wäre auf Deutschland begrenzt, was Ausweichmöglichkeiten und Fluchten über nationale Grenzen hinaus bieten kann. Sie ist eher mittelbis langfristig ausgerichtet. Handlungsoption 3: Reform des Betriebsverfassungsgesetzes bzw. Betriebsrätemodernisierungsgesetz Der Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD sieht eine Reform des Betriebsverfassungsgesetzes vor, mit der u. a. die Gründung und Wahl von Betriebsräten erleichtert werden soll (CDU/CSU/SPD 2018, S. 51). Nachdem der Deutsche Bundesstag im Mai 2021 das Gesetz zur Betriebsrätemodernisierung beschlossen hat, gibt es Signale, dass der Bundesrat das Vorhaben mitträgt und das Gesetz noch in diesem Jahr in Kraft treten kann. Mit dem Gesetz sollen u. a. die Mitbestimmungsrechte bei Einführung und Einsatz Künstlicher Intelligenz und bei der Ausgestaltung mobiler Arbeit in den Betrieben für Betriebsräte erleichtert werden. Ob sich daraus eine Mitbestimmung in Verbindung mit (FuE)-Standortverlagerungen und globalen Innovationsnetzwerken ableiten lässt, ist noch unklar. Diese Reform des Betriebsverfassungsgesetzes könnte (zumindest auf nationaler Ebene) verstärkte Beteiligungsschritte für Betriebsräte und Gewerkschaft bei übersichtlichem Ressourcenaufwand ermöglichen, zumal die Beratung durch externe Sachverständige für den Betriebsrat nach § 80 (3) und § 111 (Betriebsänderungen) BetrVG erleichtert
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 34 werden soll. Diese Handlungsoption ist eher kurzbis mittelfristig ausgerichtet. Im Rahmen des Reflexions-Workshops wurde diskutiert, dass es gelte, das Betriebsrätemodernisierungsgesetz als Schritt in die richtige Richtung zu verstehen, es jedoch nicht weit genug ginge. Beispielsweise seien im Vorfeld des Gesetzes öffentlich diskutierte Aspekte wie die Internationalisierung von Beteiligung und Mitbestimmung und die transnationale Zusammenarbeit zwischen Gremien nicht im Gesetz enthalten. Handlungsoption 4: Ausbau globaler Rahmenvereinbarungen (GRV) Nationale Gewerkschaften, europäische und internationale Gewerkschaftsverbände, Betriebsräte und Europäische Betriebsräte intensivieren gemeinsam ihre Strategiearbeit, um mit Unternehmensleitungen in einen Austausch und Verhandlungen über Mindeststandards in multinationalen Unternehmen zu kommen. Die Umsetzung gilt bisher als unzureichend, auch wenn in der Europäischen Union erste Ansatzpunkte zu erkennen sind (Dehnen/Lücking 2020). GRV gelten in der gegenwärtigen Praxis oft als Instrument mit wenig Durchschlagskraft, da das Management GRV nicht konsequent unterstützt und umsetzt. Als Schwachstellen werden gegenwärtig insbesondere Freiwilligkeit und fehlende rechtliche Verbindlichkeit gesehen (Dittmann/Emons/Vogt 2021). Insofern gibt es bisher keinen ordnungspolitischen oder gar rechtlich verbindlichen Rahmen für Mitbestimmungsinitiativen in Verbindung mit globalen Wertschöpfungsketten und der FuE-Reorganisation auf globaler Ebene, der kurzfristig von Arbeitnehmerakteuren genutzt werden kann. Vielmehr läuft es hier eher auf mittelbzw. langfristige Beteiligungsschritte bei weiterhin hohem Ressourcenaufwand hinaus. Hinzu kommt: Es bedarf beim Ausbau globaler Rahmenabkommen auch der aktiven bzw. vertretenen (freien) Arbeitnehmerakteure in der Medizintechnik in Ländern wie den USA und China. Diese Handlungsoption ist eher mittelfristig ausgerichtet. Handlungsoption 5: Forcieren internationaler Gewerkschaftsarbeit In Deutschland angesiedelte, multinational aufgestellte Konzerne der Medizintechnik mit globalen Wertschöpfungsketten operieren stark länderübergreifend, während die in ihnen vertretenen Arbeitnehmerakteure in ihrem Handeln aufgrund des rechtlichen Rahmens eher auf die nationale Ebene beschränkt bleiben. In den letzten Jahren ist die internationale Gewerkschaftsarbeit im Zuge der weiteren Verbreitung von globalen Wertschöpfungsketten z. B. über IndustriALL und weiteren Aktionsbündnissen, an denen Gewerkschaften beteiligt sind, verstärkt worden, um sozia-
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 35 le Standards international stärker zu implementieren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die bisher eher dürftige Umsetzung von sozialen Standards vor allem mit einer Ressourcenund Kompetenzbegrenzung der internationalen Gewerkschaftsverbände zusammenhängt (Pries 2020). Solche Aktivitäten können forciert und ausgeweitet werden. Allerdings läuft es auch hier – wie bei der Handlungsoption „Ausbau globaler Rahmenvereinbarungen (GRV)“ – eher auf mittelbzw. langfristige Beteiligungsschritte bei hohem Ressourcenaufwand hinaus. Sie ist eher mittelbis langfristig ausgerichtet. Im Rahmen des Reflexions-Workshops wurde betont, es gebe zwar europäische Betriebsräte und eine europäische/globale Vernetzung auf Gewerkschaftsebene mittels IndustriALL, dennoch müsse die branchenspezifische Arbeit und Kommunikation zukünftig verstärkt werden. Handlungsoption 6: Ein neuer Ansatz jenseits bisheriger Grenzen – Partizipation in globalen Innovationsnetzwerken Globale Innovationsnetzwerke (GINs) sind in der Regel mit globalen Wertschöpfungsketten im Bereich FuE verbunden. Sie existieren in der Medizintechnik bereits heute und haben mitunter einen hohen experimentellen Charakter, wenn so unterschiedliche Akteure wie Unternehmen, Forschungseinrichtungen, öffentliche Institutionen und weitere Stakeholder mit dem Ziel zusammenarbeiten, Innovationen global voranzutreiben (Malanowski et al. 2021). Eine Beteiligung von Arbeitnehmerakteuren an solchen globalen Innovationsnetzwerken mit dem Ziel, neben der dominierenden techno-ökonomischen die sozio-ökonomische Perspektive (u. a. arbeitnehmerrelevante Aspekte wie Qualifizierung, Arbeitsorganisation und Partizipation) frühzeitig in den Innovationsprozess einzubringen und auf diese Weise die öffentlich vielfach geforderten humanzentrierten Innovationen und industriellen Beziehungen zu erreichen, stellt einen gänzlich neuen Ansatz jenseits bisheriger Grenzen dar. Damit kann die Rolle der Arbeitnehmerakteure als Innovationstreiber sowohl auf nationaler als auch auf europäischer und globaler Ebene eingenommen werden. Für den Zugang zu den GINs sind sowohl Kooperationsals auch Konfliktfähigkeit und ein moderater Ressourcenaufwand notwendig. Ferner gilt zu berücksichtigen: Die neuen Wertschöpfungsdynamiken können sich sowohl positiv als auch negativ auf die (transnationalen) Arbeitsbedingungen und die Arbeitnehmerakteure an den deutschen Standorten auswirken, so dass sich die Nettoeffekte a priori nur bedingt abschätzen lassen. Positiv sind die Auswirkungen dann, wenn z. B. Arbeitnehmer*innen in multikulturellen Teams in den (virtuellen) Innovation Labs verschiedener Standorte auf kreative Weise gemeinsam neue Ansätze für Produkt-,
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 36 Serviceund Prozessinnovationen sowie soziale Innovationen erarbeiten und sie über eine gemeinsame Interessenvertretung verfügen können. Negativ sind sie indes, wenn z. B. das Personal in einigen FuE-Bereichen am Standort Deutschland deutlich reduziert wird bzw. Konzessionen eingegangen werden, ein Abfließen von Wissen zu anderen Standorten stattfindet, und eine vorausschauende Beteiligung von Arbeitnehmerakteuren ausbleibt. Die hier skizzierten, perspektivischen Handlungsoptionen für Arbeitnehmerakteure, die durchaus als einander ergänzend zu betrachten sind, stellen einen Aufriss der Forschungsergebnisse zur Medizintechnikbranche im Kontext der Diskussion zu Global Value Chains und der aktuellen Industrial-Relationsund Mitbestimmungsforschung dar. Es besteht weiterhin ein großer Forschungsbedarf (siehe auch Platzer/Klemm/Dengel 2020; Helfen 2018). Fragen z. B. nach (zeitlichen) Veränderungen bei (informellen) unterschiedlichen Formen der Beteiligung in Bezug auf die Reorganisation von FuE-Aktivitäten oder nach fördernden bzw. hemmenden Unternehmenskulturen für eine frühzeitige Beteiligung von Arbeitnehmerakteuren oder nach den Möglichkeiten der Interessenvertretung im Kontext von Machtunterschieden zwischen den Akteuren in Regionen mit schwach ausgeprägten (freien) gewerkschaftlichen Strukturen (z. B. USA und China) werden zukünftig detailliert zu klären sein.
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 37 Ausblick Die Corona-Pandemie führt gegenwärtig eindrücklich vor Augen, welche Probleme mit einer globalisierten Fertigungsund Wertschöpfungskette in der Medizintechnikbranche einhergehen. Produktionsausfälle existieren als Folge von Fabrikschließungen; Lieferschwierigkeiten bestehen zusätzlich aufgrund fehlender Transportmöglichkeiten. Einige Akteure versprechen sich eine Lösung dieser Probleme mit einer Produktion in Deutschland bzw. Europa, die eine zuverlässige und kontinuierliche Versorgung der Bevölkerung mit Medizintechnikprodukten sicherstellen soll. Andere Akteure sehen die ökonomischen Rahmenbedingungen dafür als ungeeignet. In der Medizintechnikbranche ist folglich eine neue Phase der Reorganisation der globalen Wertschöpfungsketten eingeleitet worden, dies in Verbindung mit Betriebsstandorten im Inland bei Beibehaltung und Erweiterung (z. B. durch Zukäufe und Outsourcing) der Auslandsstandorte. Wenngleich Rückverlagerungen gegenwärtig eher eine untergeordnete Rolle spielen, kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie in Deutschland und Europa künftig relevanter werden. Im globalen Wettbewerb stellt sich ferner für Unternehmen der Medizintechnikbranche mit zentralen FuE-Standorten in Deutschland die Frage, „wie sie ihre Innovationsund damit Wettbewerbsfähigkeit erhalten oder sogar erhöhen können, um sich von ausländischen Konkurrenten abzuheben“ (Fulda 2020, S. 16). Besonders Marktverschiebungen in den asiatischen Raum sollten im Blick behalten werden. Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass im globalen Kontext der chinesische Markt künftig an Bedeutung gewinnen wird. Dadurch könnte ein Trend entstehen, auch als deutsches Unternehmen dort neue FuE-Tätigkeiten aufbauen zu wollen. Würden die im vorliegenden Impulspapier ausgeklammerten weiteren sog. Grand Challenges wie Digitalisierung, Dekarbonisierung und Nachhaltigkeit (Decker et al. 2018) zusätzlich berücksichtigt, wäre sehr schnell deutlich, dass letztlich der Umbau einer ganzen Branche bevorsteht. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit die (nationalen) Akteure der industriellen Beziehungen in der Branche die Aufgabe ohne Unterstützung anderer (nationaler und internationaler) Akteure bewältigen können bzw. wie es gelingt, eine kohärente innovationsund industriepolitische Strategie zu entwickeln, die auf mehreren Ebenen greift und mit der die Transformation der Branche sowohl ökonomisch fördernd als auch humanzentriert und mitbestimmt gelingt. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass die Neujustierung der deutschen/europäischen Medizintechnikbranche ohne allzu große Reibungs-
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 38 verluste gelingt, wenn ein Mitgestalten von Innovationen durch Arbeitnehmerakteure frühzeitig auch in globalen Wertschöpfungsketten erreicht wird. Eine Alternative wären reorganisierte Branchenunternehmen amerikanischer bzw. asiatischer Prägung ohne (freie) Arbeitnehmerbeteiligung. Soll Letzteres vermieden werden bedarf es konkreter Handlungsoptionen, politischer Flankierung und Mitbestimmung in einem erweiterten Kontext. Müller-Jentsch (2003) schlägt eine Unterscheidung zwischen gleichberechtigtem Mitbestimmen und sogenannten weicheren Formen der Teilhabe vor, wie z. B. Beteiligung, Mitwirkung und Mitsprache. Das (deutsche) Modell der Mitbestimmung dürfte in der Medizintechnikbranche nicht zum Auslaufmodell werden, wenn es gelingt im Zuge sich verändernder Globalisierung, neuer Geschäftsmodelle und Beschäftigung bei international agierenden Unternehmen neue Formen der Teilhabe zu erreichen (Schroeder 2016; Mund 2020; Gerst 2020). Eine Partnerschaft ohne Konflikt (Streeck 2016) mit anderen Akteuren wird gleichwohl schon aufgrund zunehmend kultureller Diversität im Innovationsgeschehen kaum möglich sein.
GLOBALE REORGANISATION VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG | 39 Literatur Belitz, Heike/Lejpras, Anna (2021): Globalisierung von Forschung und Entwicklung der weltweit forschungsstärksten Unternehmen. In: Wirtschaftsdienst 2021, H 7, S. 521–528. https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s10273-021-2959-5.pdf (Abruf am 19.08.2021). Bignami, Francesca/Mattsson, Pauline/Hoekman, Jarno (2019): The importance of geographical distance to different types of R&D collaboration in the pharmaceutical industry. In: Industry and Innovation 27, H. 5, S. 513–537. Boes, Andreas/Schwemmle, Michael (2004): Herausforderung Offshoring. Internationalisierung und Auslagerung von ITDienstleistungen. edition der Hans-Böckler-Stiftung 120. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung. https://www.boeckler.de/ pdf/p_edition_hbs_120.pdf (Abruf am 19.08.2021). Borrás, Susana/Edquist, Charles (2019): Holistic Innovation Policy. Theoretical Foundations, Policy Problems and Instrument Choices. Oxford: Oxford University Press. Bundesverband Medizintechnologie BVMed (Hrsg.) (2020): Branchenbericht Medizintechnologien 2020. Berlin: ohne Verlag. Cattaneo, Olivier/Gereffi, Gary/Staritz, Cornelia (2010): Global Value Chains in a Postcrisis World: Resilience, consolidation and shifting end markets. In: Cattaneo, Olivier/Gereffi, Gary/Staritz, Cornelia (Hrsg.): Global Value Chains in a Postcrisis World: A Development Perspective. Washington, D.C.: The World Bank, S. 3–20. CDU (Christlich Demokratische Partei Deutschlands), CSU (ChristlichSoziale Union Deutschlands) und SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) (2018): Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zusammenhalt für unser Land. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. Koalitionsvertrag der 19. Legislaturperiode vom 12. März 2018. Berlin: ohne Verlag. Coe, Neil/Yeung, Henry Wai-Chung (2015): Global Production Networks: Theorizing Economic Development in an Interconnected World. Oxford: Oxford University Press. Couto, Vinay/Mani, Manisha/Lewin, Arie Y./Peeters, Carine (2006): The Globalization of White Collar Work – Facts and Fallout of Next Generation Offshoring. Chapel Hill: Duke University’s Fuqua School of Business and Booz Allen Hamilton. Decker, Michael/Lingner, Stephan/Scherz, Constanze/Sotoudeh, Mahshid (Hrsg.) (2018): „Grand Challenges“ meistern: Der Beitrag der Technikfolgenabschätzung. Baden-Baden: Nomos.
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